![]() |
| Die schicksalhafte Sekunde, in der ein Land sich selbst im Spiegel erkannte: Jonathan Tahs Tor war ein Treffer, der nicht zählte. Aber auch nicht ursächlich war für die Pleite von Boston. |
Als sie anfingen, unter Jogi Löw Hacke, Spitze, Einszweidrei zu spielen, schien der Plan sehr gut zu sein. Deutschland wollte Spanien werden, eine Fußballmannschaft, die durch endloses Kombinationsspiel nicht begeisterte, aber alle auf und um den Platz so wirksam einzuschläfern vermochte, dass sie irgendwann ein Tor schießen konnte. Bis dahin war egal, wo das Tor stand. Wichtig erschien nur, den Ball endlos in den eigenen Reihen kreisen zu lassen.
Hin und her und her und hin. Aus der deutschen Fußballhistorie, in der zumindest inoffiziell eine DDR-Nationalmannschaft vorkommt, in der mehrfach gleichzeitig vier bis sechs gelernte Liberi für Sicherheit sorgten, erwuchs eine Verantwortung, schönes Fußballspiel zu zeigen, körperlos und elegant. Ergebnisfußball war gestern. Das Heute und Morgen würden zirzensische Verführungen sein. Tikitaka mit dem Ziel, den Ball ins Tor zu tragen.
Jenseits der Legalität
Während beim Deutschen Fußball Bund immer mit harten Bandagen gekämpft wurde, oft weit jenseits der Legalität, verwandelte sich die Nationalmannschaft von einer "Institution, die Stolz auf sich zog" (FAZ) in eine Veranstaltung, die als Deutschlands Botschafter in der Welt zu dienen hatten.
Statt Rumpelfußball, Kampf und die berühmten deutschen Tugenden war die Truppe unter den Trainer Löw und Flick und Nagelsmann beauftragt, mit Ästhetik, Buntheit und Vielfalt zu bezaubern.
Der letzte Auftritt, bei dem körperliche Kompaktheit, Kampfkraft und Wille gepaart wurden mit Siegeswillen, fand bei der WM in Brasilien statt. Unvergessen ist Schweinsteigers Kopfverband.
Kramers Bewusstlosigkeit. Und ein Titelgewinn, der sich nicht dem größeren Talent oder der höheren Leistungsfähigkeit verdankte, sondern einem Bewusstsein des eigenen Vermögens. Nie mehr war danach etwas wie bis zu diesem Weltmeistertitel.
Die Pokal im Kopf
Wie Anfang der 90er Jahre, als der frisch gekrönte Weltmeistertrainer Franz Beckenbauer verkündet hatte, mit den nun noch hinzustoßenden Spielern aus dem Osten sei Deutschland "leider auf Jahre unschlagbar", stieg auch der Gewinn der WM 2014 allen eilig zu Kopf.
Obwohl das Durchschnittsalter des deutschen WM-Kaders 2014 mit über 26 Jahren kaum Zweifel daran ließ, dass vier Jahre später eine andere Mannschaft würde zur Titelverteidigung schreiten müssen, konnten die zurückgetreten Miroslav Klose, Per Mertesacker und Philipp Lahm nicht ersetzt werden, schon gar nicht in einem neuen Tikitaka-System.
Dennoch trat Joachim Löw noch zwei Jahre bei der EM später mit einer Elf an, die zur Hälfte identisch war mit der WM-Elf. Erst nach einer Phase langer Erfolglosigkeit sortierte der Bundestrainer 2019 auch die Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng aus. Nur Manuel Neuer und Toni Kroos waren aus der Final-Elf von Rio übrig.
Rücktritt der Finalhelden
Doch der Ersatz taugte nicht. Vor dem dem nächsten EM-Turnier ruderte Löw zurück. Thomas Müller und Mats Hummels wurden reaktiviert. Beim EM-Auftakt gegen Frankreich standen mit Neuer, Hummels, Kroos und Müller vier Finalhelden von 2014 in der Startelf.
Das Durchschnittsalter der Stammelf zum EM lag bei fast 29 Jahre. Was sollte Löw aber tun? Von den Jüngeren drängte sich kaum jemand auf, den neuen langweiligen Spanienstil zu pflegen.
Erst nach der letztlich erneut enttäuschenden Heim-EM 2024 machten die letzten drei verbliebenen Mohikaner Schluss. Ausgeschieden gegen die originalen Spanier, zogen Toni Kroos, Thomas Müller und Manuel Neuer die Konsequenzen. Kroos zum zweiten Mal, weil er vor dem WM-Turnier in Russland als Nothelfer zurückgerufen worden war.
Rückkehr ins Nirgendwo
Ähnlich ging es vor der WM in den USA Manuel Neuer, der sich auf Bitten des unterdessen aussortierten Julian Nagelsmann wieder ein DFB-Trikot überzog. Der inzwischen 40-Jährige konnte das Debakel von Boston nicht verhindern. Negativ aber fiel er im Kreis der Elf mit dem im Vergleich zu 2014 deutlich höheren Durchschnittsalter von 27,7 Jahren auch nicht auf.
Einmal mehr spielte die Geschichte einen Streich. Einmal mehr planten die Zuständigen für eine Zukunft, die niemals kam. Frankreich, so hatte es seit Monaten geheißen, müsse im Achtelfinale überstanden werden.
So weit kam es gar nicht. Der Moment, in dem Jonathan Tah nach 102. Minuten den Siegtreffer gegen Paraguay schoss, der dann nicht zählte, war ein Augenblick der Wahrheit. Ein Land erkannte sich selbst im Spiegel. Und es erkannte sich nicht mehr wieder.
Seit wann verlieren deutsche Nationalmannschaften Elfmeterschießen? Seit wann findet der Kapitän einer DFB-Elf keine Freiwilligen, die das Ding reinmachen wollen? Seit wann umtänzeln deutsche Fußballer den gegnerischen Kasten, als reichten 79 Prozent Ballbesitz zum Erreichen der nächsten Runde?
Ein Treffer, der zählt
Tahs Tor war ein Treffer, der nicht zählte, aber viel zu erzählen hat. Die Ursachen für das "Erdbeben von Boston" (ntv) liegen tiefer, sie liegen zeitlich weit zurück, sie haben zu tun mit dem vergeblichen Versuch, deutschen Fußballern ihre Tugenden auszutreiben und sie anzulernen in Tugenden, die nie ihre waren.
Das alles hat zu tun mit gesellschaftlichen Erdbeben, die wie in Zeitlupe ablaufen. Was mit dem Imitationversuch des spanischen Spiels begann, findet sich fortgesetzt im Nachwuchszuchtsystem des DFB. Obwohl das Unternehmen, spanischer zu spielen als die Spanier, erfolglos abgebrochen werden musste, fallen die Früchte der verrückten Zeit den Trainern bis heute auf die Füße.
Nie zuvor hat der DFB so viel Geld in die Talentförderung investiert. Und nie zuvor drängten aus den edlen Talentschmieden so wenige wirkliche Spitzenkönner in die Bundesliga.
Weniger Spieler als zu DDR-Zeiten
Schon in den ersten Jahren nach dem Bosman-Urteil und der Aufhebung der Ausländerbeschränkung in der Saison 2006/07 stieg der Anteil ausländischer Spieler auf über 50 Prozent. Zuletzt aber waren es 60. Ein Bundestrainer hat heute nur noch die Auswahl aus etwa 230 Spielern, die er nominieren kann. Das sind 100 weniger als der Trainer der notorisch erfolglosen DDR-Nationalmannschaft zur Verfügung hatte.
Das Problem: Während Frankreich, wo der Ausländeranteil in der 1. Liga bei über 60 Prozent liegt, für sein Nationalteam auf mehr als 100 Spieler zurückgreifen kann, die im Ausland spielen, stehen deutschen Nationaltrainer nur 40 bis 50 zur Verfügung.
Das "strukturierte Stufenmodell", mit dem der DFB "von regionalen Stützpunkten bis hin zu professionellen Nachwuchsleistungszentren (NLZ) und der zentralen DFB-Nachwuchsliga" "systematisch Spitzentalenten für den Lizenzfußball" (DFB) ausbilden wollte, funktioniert nicht.
Es fabriziert jede Menge Schönspieler, aber keine gefürchteten Stürmer. Es sorgt für ein Überangebot an Mittelfeldregisseuren, aber nicht für Abwehrrecken Marke Brehme, Kohler oder Mertesacker.
Das Ende der Mentalitätsmonster
Nur 60 bis 70 Verteidiger mit deutschem Pass laufen zumindest ab und an in der Bundesliga auf. Wenn auch Julian Nagelsmann klagte, dass er für rechts hinten niemanden hat, so dass er Joshua Kimmich dort einsetzen müsse, geben ihm die Zahlen recht: Es gibt in Deutschlands erster Liga überhaupt nur noch zehn bis 15 nominelle Rechtsaußen deutscher Nationalität.
Die Chance, mit dieser Spezialisierung Nationalspieler zu werden, ist beinahe höher als es nicht zu werden.
Aus den gefürchteten Mentalitätsmonstern, die ehemals das deutsche Trikot trugen, sind furchtsame Gesellen geworfen, die von der Angst vor dem Versagen über den Platz getrieben werden.
Die Mannschaft spiegelt mit dieser Einstellung eine gesellschaftliche Entwicklung wider, die im Leistungsgedanken ein Rudiment des Rumpelfußballs vergangener Zeiten sieht.
Die Fehlstelle Osten
Aus dem Osten kommt keine Hilfe mehr: Maximilian Beier aus Brandenburg an der Havel (Brandenburg) war der einzige Kicker aus den östlichen Bundesländern in Nagelsmanns WM-Kader. Im 26-köpfigen Aufgebot war das ein prozentualer Anteil von 3,8 Prozent.
Das liegt deutlich unter dem Prozentsatz von 16 Prozent Ostdeutscher an der Gesamtbevölkerung und weit weg von den zehn, elf Prozent, die in der Ära von Sammer, Thom, Kirsten, Jancker, Linke und Kroos immerhin den Anschein einer gesamtdeutschen Mannschaft erweckte.
Dreieinhalb Jahrzehnte nach der deutschen Einheit ist der Osten fußballerisch totes Land, abgehängter als bei Chefposten in Behörden, der Industrie und der Politik. Der Westen aber bekämpft seine Probleme, indem er sie gezielt verschärft. Zuletzt führte der DFB "Funino" als Standard im Nachwuchs ein.
Kleine Spielfelder, weniger Wettbewerb, mehr Inklusion. Es wird nicht mehr auf Ergebnis gespielt, sondern aus Freude am Spiel. In der G- und F-Jugend gibt es keine klassischen Meisterschaftsrunden mehr. Gespielt wird in Teams aus nur noch zwei oder drei Spielern. So sollen mehr Tore fallen, damit die Kinder häufiger jubeln und persönliche Erfolgserlebnisse sammeln können.
Die verlorene Seele des Spiels
Die Seele des Spiels, das vom Gewinnenwollen lebt, hat sich damit verabschiedet. Geführt von einem SPD-Funktionär hat der DFB den größten Sportverband der Welt zumindest sportlich zu einer Galaveranstaltung für gesellschaftliche Gerechtigkeit umgebaut. Der Verein aus Frankfurt am Main ist immer noch eine nahezu reine Männerveranstaltung, er agiert aber, als sei der Sport reine Nebensache.
In seinem Podcast "Machtwechsel" hat Robin Alexander über die Genese eines der bemerkenswertesten Momente auf dem Weg ins sportliche Abseits berichtet: In der Kabine bei der WM in Katar habe sich eine Mehrheit der Spieler dagegen ausgesprochen, gegen das Verbot des Tragens der Regenbogenbinde mit der berühmten Mundzu-Geste zu protestieren.
Leon Goretzka habe die Stimmung dann gedreht. Leon Goretzka, der zuvor für die SPD einen Bundespräsidenten gewählt habe. Und von derselben Agentur vertreten werde, die auch Olaf Scholz' Wahlkampf organisiert habe.
Jeder Fußball soll gleich sein
Natürlich zählt die richtige politische Einstellung der Spieler, das Zeigen von Haltung bei Hass und Hetze und das Einstehen für Vielfalt und unsere Demokratie nicht mehr als Können. Doch sie zählen eben auch.
Dass Bastian Schweinsteiger nach einer Bemerkung über die Eigenheiten des afrikanischen Fußballs umgehend "Rassismus" vorgeworfen wurde, passt ins Bild: Ginge es nach den Schweinsteiger-Kritikern, wäre jeder Fußball gleich, überall derselbe, ohne Leistungsdruck und Siegeswillen.
Schon der Hinweis auf verschiedene Mentalitäten und unterschiedliche Stärken rührt an das Allerheiligste, denn er leugnet die Behauptung, dass Fußball auch ohne voneinander abweichende Stile und völlig differierende Taktiken ein spannender Sport sei.
Die Idee dahitler ist die, die das vergangene Jahrzehnt allumfassend geprägt hat. Wenn erst alle nur noch feinste filigrane Kurzpässe spielen, ermüdenden Kombinationsfußball, der die gegnerische Abwehr mit Querpässen müde spielt, wird Fußball erst so richtig schön.
Dribbler statt Systemfußballer
Beim DFB waren sie zwischendrin doch erschrocken. Die eigens ausgebildeten Systemfußballer versagten im Wettbewerb. Wegen des grassierenden Stürmermangels mussten Seiteneinsteiger wie Füllkrug, Kleindienst und Undav eingesetzt werden, alle auf dem zweiten Bildungsweg an den Akademien vorbei nach oben gelangt.
Der DFB stellte die Massenproduktion von Kollektivfußballern auf Dribbler um. Bei denen stellte sich in den USA erneut heraus, dass es ihnen an Athletik und Zweikampfhärte fehlt.
Und wozu das alles denn? Nagelsmanns Team verzichtete auf Grundliniendurchbrüche und Flanken in den Rücken der Abwehr, weil dort ohnehin kein Spieler vom Format eines Erling Haaland oder Harry Kane lauert.
Geflankt wurde aus dem sicheren Halbfeld. Dort sind die Gefahren geringen, den Ball noch vor der Flanke zu verlieren. Gefragt ist, was weich macht und mitschwimmt. Im Spiel gegen Paraguay glich das Tempo zeitweise dem eines Altherrenspiels. Es war immer noch "Zeit", wie der Kommentator mehrfach berichtete.
Bis sie vorüber war.


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen