| Mit einem umfassenden Alkoholverbot in Bahnhöfen reagiert die Deutsche Bahn auf das Testat der ZDF-Reporterin Dunja Hayali, dass die Sicherheitslage im deutschen Verkehr prekär ist. |
Dunja Hayali war noch nicht einmal ganz fertig mit ihrer Diagnose, als die Chefetage der Deutschen Bahn schon auf das verheerende Attest der ZDF-Reporterin reagierte. Ab Oktober, so verkündete der Staatskonzern, werde auf allen angefahrenen Bahnhöfen ein striktes Alkoholverbot gelten. Das diene der Sicherheit, denn die neue Regelung werde Mitarbeiter und Reisende schützen. "Genug ist genug. Wir greifen jetzt noch härter durch", sagte Bahnchefin Evelyn Palla mit einem Zitat des früheren österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz.
Erstmals seit dem Kaiserreich
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| Hayali begab sich in Gefahr. |
Täter sind oft Einmann, betroffen ist neben Mitreisenden immer wieder auch das Bahnpersonal, obwohl die zuständigen Behörden die Liste der in ausgewiesenen Messerverbotszonen verbotenen Gegenstände ständig aktualisieren. Vor drei Jahren war kurz erwogen worden, mit einem generellen Regionalzugverbot für klare Verhältnisse und mehr Sicherheit zu sorgen. Mächtige Lobbygruppen aber hatten auf mögliche Klimaschäden durch Bahnfahrgäste verwiesen, die aufs Auto umsteigen müssten.
Verschärfte Mitführregeln
Stattdessen wurden die Mitführregeln beständig weiter nachgeschärft. Mittlerweile sind unter anderem auch Feuerwaffen aller Art wie Pistolen, Revolver, Gewehre, Flinten, Luft-, Feder- und Pelletpistolen und -gewehre verboten. Dazu gilt ein Mitführverbot für Scheren mit einer Klingenlänge über sechs Zentimeter, Beile und Hackmesser, Schwerter und Säbel, Eisäxte und Eispickel, Baseball- und Softballschläger, Knüppel und Schlagstöcke wie Totschläger und Brecheisen. Nach mehreren aufgedeckten Versuchen, Bögen, Armbrüste und Pfeile, Schleudern und Katapulte in Züge der Deutschen Bahn zu schmuggeln, dürfen all diese Gegenstände ebenfalls nicht mehr auf Bahnhöfe mitgenommen werden.
Doch die Hoffnung, die grassierende Gewaltwelle zu brechen, trog. Trotz aller Verbote stieg die Zahl der offizielle als "Gewaltdelikte zum Nachteil von Mitarbeitern der Deutschen Bahn AG (DB AG) im bahnpolizeilichen Zuständigkeitsbereich der Bundespolizei" erfassten Übergriffe seit 2014 von 1.500 auf mehr als 2.600. Der Zusammenhang ist paradox: Je mehr Verbote verhängt werden, desto schlimmer wird es.
So gab es vor dem Jahr 2016 so wenige Angriffe mit Messern, dass der Phänomenbereich in der Polizeilichen Statistik nicht einmal gesondert ausgewiesen wurde. Das erfolgt erst seit dem Jahr 2020, nachdem sich der mediale Streit, ob es überhaupt Messerangriffe gibt, zugunsten der Messerverfechter entscheiden hatte. Seitdem ist die Zahl der entsprechenden Delikte durch die Einführung von Messerverbotszonen von 11.000 auf 29.000 Fälle gestiegen. Daten aus Niedersachsen zeigen einen beharrlichen Trend, der zuletzt offenbar durch die Ausweitung der "Waffenverbotszonen" noch einmal kräftig befeuert wurde.
Rätselhafte Ursachen
Die Ursachen dieser beunruhigenden Entwicklung konnte auch Dunja Hayali nicht aufdecken. In ihrer mutigen Reportage "Dunja Hayal fährt Bahn - und stellt die Sicherheit infrage" hat die 52-Jährige mit Lokführern, Schaffnern, Experten und sogar mit Menschen gesprochen, die versucht haben, mit dem Zug von einem Ort zum anderen zu gelangen. Sie deckte Betonkrebsfälle auf, prangerte veraltete Technik an und präsentierte den Zuschauern sogar ein Faxgerät, das bis heute essenziell für das Funktionieren eines großen Bahnknotenpunktes ist. Dennoch gelang es ihr nicht, die Gründe für den Verfall eines Unternehmens zu finden, das noch nach der Bahnreform von 1994 weltweit als Vorbild gesehen wurde.
Deutsche Bahnhöfe, das waren in einer lange zurückliegenden Zeit Orte penibler Sauberkeit und strenger Ordnung. Bahnbeamte trugen Uniform. Sie waren die Soldaten der Pünktlichkeit. Schaffner führten ihre Lochzangen wie Waffen. Schlossen in jenem alten Deutschland der zum Schutz der Bürgerinnen und Bürger durchregulierten Öffnungszeiten die Läden und Supermärkte, hatte auf dem Bahnhof immer noch etwas auf, das Butter, Brot und Blumen anbot.
Lenin berühmtes Bonmot
Die Bahnsteigkarte inspirierte den russischen Kommunistenführer Wladimir Iljitsch Lenin zu seiner berühmten Nationalcharakterstudie bewog, nach der es mit einer Revolution in Deutschland nie etwas werden könne. "Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!"
Es ist ein Rätsel, wie aus dem hochverschuldeten Staatsbetrieb in eine moderne, schuldenfreie Aktiengesellschaft werden konnte, die ein Monopol auf der Schiene hatte, ihr Streckennetz modernisierte, neue ICE-Trassen baute und sich nach außen als kundenorientiertes Dienstleistungsunternehmen darstellte.
Daten zeigen, dass erst mit der von der damaligen Bundesregierung eingeleiteten "Renaissance der Schiene" im Jahr 2018 und der "Vision Mobilitätswende" eine Entwicklung einsetzte, die aus einem zumindest leidlich funktionalen Unternehmen einen Sanierungsfall machte, dessen Genesung keineswegs garantiert werden kann.
Trockene Bahnhöfe, sauberes Reisen
Wenn sie aber gelingen soll, dann ohne den Einfluss von Rauschmitteln. Galten Taschenmesser, spitze Gegenstände und ungesicherte Bahnsteige bisher als Kardinalproblem der Verkehrssicherheit, zeigen die neuen Erkenntnisse der neuen Bahnchefin, dass der Hase woanders im Pfeffer liegt. Die Erfahrungen aus den ersten komplett halal betriebenen Bahnhöfen zeigten eindeutig, so Evelyn Palla, dass "alkoholfrei heißt: weniger Gewalt und weniger Müll."
Wo "zu viel Alkohol fließe", so Palla, nehme "auch die Gewalt zu" - jeder kennt das von Dorffesten, aus Kneipen und Bars und von Geburtstagspartys. Im Zuge der Sicherheitsmaßnahmen werden bereits ab 1. September die Bahnhöfe Berlin Hbf, Berlin Gesundbrunnen, Kiel und Braunschweig zu alkoholfreien Zonen. Bis Mitte Oktober folgen dann nach und nach alle weiteren Bahnhöfe in Deutschland.
Ausschluss aus dem Bahnverkehr
Nicht nur der Kauf von Bier; Wein oder Schnaps wird dann überall verboten sein, sondern auch der Verzehr mitgebrachter Alkoholika. Im Gegensatz zum Rauchen, dass die Bahn bis heute weiterhin in kleinen, abgelegenen und zugigen Suchtkästen gestattet, um die Staatsfinanzierung sicherzustellen, wird es entsprechende Reservate auf Bahnsteigen oder in Bahnhofshallen außerhalb der Bahnhofsgastronomie nicht geben. Eine naheliegende Idee, denn niemand hat einen Anspruch darauf, Alkohol trinken zu dürfen, wo er möchte. Alkohol hat bekanntlich berauschende Wirkung, er ist zudem gesundheitsschädlich. Die Bahn tut gut daran, ihre Bahnhöfe trockenzulegen.
Wer illegal Bier, Wein, Schnaps oder anderen Alkohol trinkt und beim illegalen Konsum erwischt wird, muss mit einem
sofortigen Platzverweis rechnen. Rückfalltäter, die wiederholte auffallen, will die Deutsche Bahn per dauerhaftem Hausverbot von der Mobilität ausschließen. Kontrolliert werden soll die Regelung von Mitarbeitern der DB-Sicherheit und der Bundespolizei.
Der Verfall der Sitten
Der ungewöhnliche Schritt der jungen Bahnchefin ist auch ein Eingeständnis. Bisher galt als ausgemacht, dass der allgemeine Verfall der Sitten, die gesellschaftliche Spaltung, die grassierende Messermanie und der Rechtsruck verantwortlich dafür sind, dass Bahnhöfe und Züge noch deutlich rascher verfallen und verrotten als Innenstädte, Industrie und öffentliche Institutionen. Jetzt räumt Evelyn Palla erstmals ein, dass der Fehler woanders liegt: Die Enthemmung durch Alkohol gefährdet Ordnung und Sicherheit auf den Bahnhöfen.
Weder das Mitführverbot für Messer, Äxte, Baseballschläger und andere gefährliche Gegenstände noch die neuen Quattro-Streifen von Bundespolizei, Landespolizei, Stadtordnungsdienst und DB Sicherheit haben etwas daran ändern können, dass sich Beschäftigte und Fahrgäste im Verkehr nicht mehr sicher fühlen. Deshalb "greifen wir jetzt noch härter durch", hat Evelyn Palla angekündigt, die Samthandschuhe ausziehen zu wollen. Man wolle "mehr Ordnung und Sicherheit auf unseren Bahnhöfen und in unseren Zügen", sagte die Italienerin, für die "nur eins zählt: der Schutz unserer Kollegen und unserer Reisenden."
Minus ergibt Plus
Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Bequemlichkeit - ohne Sicherheit ist das alles nichts wert. Zuletzt war die Zahl der Angriffe auf Beschäftigte der Deutschen Bahn von 2.412 im Jahr 2024 auf erschreckende 2.689 Fälle im Jahr 2025 gestiegen. Ein Plus von elf Prozent, das erstaunlicherweise mit einem existenzbedrohenden Absatzrückgang bei vielen Brauereien Hand in Hand geht. Auch im vergangenen Jahr ging die Bierproduktion in Deutschland erneut deutlich zurück. Erstmals fiel die produzierte Biermenge unter die Marke von 80 Millionen Hektolitern. Trotz dieses Rückgangs um rund 5,6 Prozent nahmen die gewalttätigen Übergriffe an Bahnhöfen weiter zu.
Braucht es dennoch härtere Strafen für die letzten Trinker? Sollten Bahnhofsbierkonsumenten unter Sonderstrafrecht gestellt werden? Die "Allianz pro Schiene" hat die Bundesregierung aufgefordert, Gewalt gegen Bahnbeschäftigte ebenso strenger zu bestrafen wie Amtsträger aus Verwaltungen oder der Politik. Dazu müssten Beschäftigte in Zügen und an Bahnhöfen im Strafgesetz anderen dem Gemeinwohl dienenden Berufen gleichgestellt werden, sagte Geschäftsführer Dirk Flege.
Mehr Strafbarkeit, weniger Schnaps
Danach könnten weitere Berufsgruppen und gesellschaftliche Schichten folgen, die "unser Land am Laufen halten und dafür sorgen, dass wir alle jeden Tag zur Arbeit, zum Arzt und wieder nach Hause kommen". Wie Bahnangestellte sind auch Busfahrer, Taxifahrer Piloten und Automechaniker faktisch mit einer dem Gemeinwohl dienenden Tätigkeit beschäftigt. Eine solche üben auch Ärzte, Krankenschwestern, Bäcker und Bäckereiverkäuferinnen, Angestellte in Supermärkten und Dönermänner (es sind immer Männer) aus.



4 Kommentare:
>> Dönermänner (es sind immer Männer)
Dann sollte die Svenja ganz flink ihren Generationen übergreifenden Roman "Die Dönerfrau" schreiben, denn dafür gibt es den Preis der Frankfurter Buchmesse, ersatzweise Leipziger Büchertreffen. da ist eine heftige Marktlücke, in die das Geld nur so hineinsprudelt, wenn sie sich traut.
sie hat zu viel zu tun. jeden monat eine kolumne, dazu noch interviews...
Das Drogenpublikum im Bahnhofsviertel ist Dunja sicher auch aufgefallen, aber Drogen sind ja zum Glück schon verboten.
Die Kinder vom Bahnhof Zoo sind längst erwachsen, waren im Frühjahr zeitweise vergrämt (wegen Stadtbild), sind nun aber wieder vor Ort zu besichtigen.
Weiß jemand, wann heute oder morgen in Berlin die Dämo gägen Rächts stattfindet?
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