"Wieder Lust auf Nachwuchs", freute sich die stets positiv gestimmte Süddeutsche Zeitung. Mit gutem Grund: "Frauen bekommen so viele Kinder wie seit 1990 nicht", hieß es unter Bezugnahme auf eine Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes. Zwei Wochen nach der Nachricht, Deutschland habe die wenigstens Kinder Europas, eine besonders gern gedruckte News: "678.000 Kinder kamen in Deutschland im vergangenen Jahr zur Welt", meldet auch die "Welt". Während die Politik über Elterngeld und Kita-Plätze streite, um das Kinderkriegen wieder attraktiver zu machen, schüfen "die Frauen in Deutschland Tatsachen" und sie brächten nun einfach "wieder mehr Kinder zur Welt".
Zumindest, wenn ein spitzer Bleistift und viel guter Wille zur Hand sind. Denn die Zahlen allein geben keinerlei Grund, in Jubelarien auszubrechen. Um das tun zu können, braucht es vielmehr viel guten Willen: So ist eine Voraussetzung die, sich von der Betrachtung der absoluten Zahl der Neugeborenen zu lösen und stattdessen nur die durchschnittliche Kinderzahl je Frau anzuschauen. Die lag im vergangenen Jahr bei 1,39 und damit in der Tat "so hoch wie seit 1990 nicht mehr".
Komischerweise aber gab es 1990 rund 900.000 Neugeborene, 2010 aber nur etwa 678.000. Sogar im ersten Nachkriegsjahr 1946 lag die Geburtenzahl mit rund 922 000 um 27 Prozent höher als in dem Jahr, das die Qualitätspresse zum einstimmigen Vorjubeln verleitete: "Geburtenrate steigt auf 20-Jahres-Hoch" feiert der "Spiegel", "Wieder mehr Babys in Deutschland geboren" assistiert die Tagesschau.
Von wegen, Deutschland schafft sich ab! Nach nur 665.000 Geburten anno 2009 sind 678.000 fast zwei Prozent mehr! Zwar weniger als nach den Halbjahreszahlen zu erwarten war, als der durchweg mit Spitzenkräften besetzte "Stern" die Frage herbeifantasierte "Stirbt Deutschland vielleicht doch nicht aus?" Aber immerhin. Fast wieder der Wert von 2008, als noch 682.000 Geburten verzeichnetet wurden, und nur einen Zahlendreher entfernt von 2007, als es 687.000 waren.
Der neue Rekord ist so gesehen einer, der für ganze zwei Jahre Gültigkeit hat. Wenn das für ein hochkarätiges Spitzenblatt wie die "Zeit"nach ausreichend Grund für einen Leadsatz wie "Die Zahl der Geburten war im letzten Jahr die höchste seit 1990" ist, was denn dann? Auch die "Welt" freut sich grundlos: "678.000 Kinder kamen in Deutschland im vergangenen Jahr zur Welt – so viele wie lange nicht mehr". Und alle anderen machen mit: Einfach mal Geburtenzahl und Geburtenrate verwechseln, dann ein bisschen schwadronieren und schon ist der Leser beruhigt: 375 Schlagzeilen (laut Google News) können gar nicht irren.
Die Not ist groß, der Unmut heftig, die Krise will und will nicht weichen, obwohl die Machtausübenden sie seit mehr als einem Jahr für beendet erklärt haben. Was tun?, fragten sich Angela Merkel und Nikolas Sarkozy. Nun, wenn die Regierung sich schon kein neues Volk wählen kann, warum dann nicht wenigstens eine neue Regierung?
Eine Wirtschaftsregierung wenigstens, wie sie Osteuropa vierzig Jahre lang so erfolgreich ertrug. Unter dem Dach des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe, trotz des Namens in drei Großbuchstaben RGW abgekürzt, plante, leitete und beaufsichtigte die wirtschaftliche Spezialisierung und Arbeitsteilung zwischen den sozialistischen Staaten. Ziel war es, allmähliche Angleichung der sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Bedingungen zu erreichen. Wer etwas besonders gut konnte, sollte sich darauf spezialisieren. Dafür würde er es sich ersparen, sich mit Dingen herumzuschlagen, die andere ohnehin besser machten. Omnibusse stellte deshalb Ungarn her, Flugzeuge lieferte die UdSSR ebenso wie Öl, Polen machte Stahl, Fischverarbeitungsschiffe baute die DDR, die auch LKWs konnte, dafür aber Diesellokomotiven aus Rumänien importieren musste.
Leider belieferten die RGW-Ländern sich trotz gemeinsamer Wirtschaftsregierung genauso beiläufig wie sie ihre gegenseitigen Schulden beglichen. Die Loks fuhren nicht, der Stahl kam nicht, das Öl blieb aus, daraufhin gab es nicht genügend Lkw, keine Omnibusse und so weiter.
In der DDR versuchten sie, die fehlenden Zulieferungen durch Importe aus dem Westen auszugleichen, um die eigegen Lieferungen an die Partner wie vereinbart leisten zu können. "Der Passivsaldo Ende 1960 mit dem kapitalistischen Weltmarkt betrug etwa 550 Mio DM", klagte Walter Ulbricht schon 1961. Gleichzeitig hatte die DDR gegenüber einigen volksdemokratischen Ländern ja "einen bedeutenden Aktiv-Saldo, gegenüber Bulgarien z.B. von 150 Mio Valuta-DM. Auch gegenüber der CSSR und Ungarn bestehen gewisse Aktiv-Salden."(Ulbricht)
Der nütze aber nichts, weil die Bruderländer nicht zahlten. Letztlich lief das gemeinsame Wirtschaften also darauf hinaus, dass die gegenseitige Wirtschaftshilfe die wirtschaftlich stärkeren Länder wie die Sowjetunion, die DDR, die Tschechoslowakei und Ungarn verpflichtete, die schwächeren wie Bulgarien, Rumänien, Kuba, Mongolei und Vietnam durchzuschleppen, eng gecoacht von der damals "Ratstagung" genannten Wirtschaftsregierung, in der Delegierte aller Mitgliedsländern einmal pro Jahr zusammenkamen, um zu beschließen, wie die gemeinsame Wirtschaft noch besser bewirtschaftet werden könnte.
Die Geschichte des RGW endet dennoch im Jahr 1991, als alle Mitglieder ausgetreten waren. Erst zwanzig Jahre später kommt es nun aufgrund der Initiative von Angela Merkel, die ihre Jugend in einem RGW-Land verbrachte, und Nikolas Sarkozy, der sich viel davon verspricht, zu einer Wiederauflage der Wirtschaftsregierung, die diesmal allerdings - ein riesengroßer Unterschied - zweimal jährlich tagen und - auch das unterscheidet den neuen RGW vom alten - nicht in Moskau, sondern in Brüssel regieren soll.
EF zu noch mehr Kommissare für die EUdSSR
Eben noch halb dunkle Fantasie und halb aufgedeckter Geheimplan von Merkel, Schäuble und Gabriel, jetzt schon Wirklichkeit. Zwei Tage nach der weltexklusiven Veröffentlichung eines Abhörprotokolles aus der Vorhölle, in dem die Hintergründe der angeblichen Schuldenkrise und die deutschen Plöne zu Eroberung Europas unter dem Titel "Siehst Du, Adolf, so wird das gemacht"erstmals hier bei PPQ öffentlich gemacht wurden, springt die britische Daily Mail jetzt auf den fahrenden Zug.
Wie Deutschland die Finanzkrise nutze, Europa zu erobern, hat bisher noch nicht einmal der "Spiegel" recherchiert. Die Briten aber wittern Absicht. "Where Hitler failed by military means to conquer Europe, modern Germans are succeeding through trade and financial discipline", schreibt das Blatt, wie uns Die Anmerkung informierte. Knackiger als in der Ursprungsenthüllung, die im Kanzleramt für Betroffenheit gesorgt hatte, heißt es als "während Hitler die militärische Eroberung Europas nicht gelang, schaffen es die modernen Deutschen durch Handel und finanzielle Disziplin."
Ein neues Morgen glüht auf. Autor Simon Heffer, der offenbar regelmäßig bei PPQ mitliest, freut sich schon: "Welcome to the Fourth Reich", schreibt er.
Jetzt ist natürlich die "Bild" dran: "Deutsche immer die Dummen - Wir zahlen und müssen uns noch beschimpfen lassen".
Wird es nun noch zu einer nachhaltigen Rettung reichen? Mit nur 0,1 Prozent zum Vorquartal ist das Wachstum in Deutschland "erlahmt" (Rheinische Post), es geht "Angst" (SZ) um im Wirtschaftswunderland, dass zur Schuldenkrise nun auch noch eine neue Rezession kommen könnte. Die "Angst" (SZ) lähme den Konsum, die Schuldenkrise verunsichere "die Deutschen so sehr, dass sie Gefahr laufen, den Aufschwung abzuwürgen", analysiert SZ-Experte Alexander Hagelüken im selben Blatt, das noch vor anderthalb Monaten darüber gejubelt hatte, dass der Boom im Geldbeutel ankomme.
"Der Boom ist für alle da", teilte die Qualitätszeitung ihren Lesern seinerzeit mit, "die Arbeitnehmer in Deutschland spüren den Aufschwung in ihrem Geldbeutel". Im ersten Vierteljahr 2011 seien die Reallöhne im Vergleich zum Vorjahreszeitraum "kräftig" gestiegen. "Die Beschäftigten verdienten durchschnittlich zwei Prozent mehr", vermeldete das Blatt.
Ein kleiner Moment für die Süddeutsche, ein großer für Deutschland. Aber kurz. Nur sieben Wochen später ist die Sorge groß, dass 2,8 Prozent Wachtum verglichen mit dem Vorjahr nur noch unter der Schlagzeile "Wachstum stagniert" interessierte Leser finden.
Zeit für Forderungen, wie dem Elend beizukommen wäre. Noch sei "die globale Rezession nur eine Befürchtung, nicht mehr", schreibt Alexander Hanebüchen. Das lässt sich aber sicher ändern. Immer natürlich "vorausgesetzt, die Politik sorgt für klare Verhältnisse - und die Löhne steigen endlich stärker."
Eine schwere Börsensommergrippe, ein leeres Stadtsäckel und die bevorstehende Wachablösung im Rathaus - nichts kann die herzerfrischend agierende Stadtverwaltung der ehemaligen Chemiearbeitermetropole Halle an der Saale davon abhalten, ihren Bürgern und deren Gästen hochklassige Unterhaltungsangebote zu machen. Ohne kleinlich auf Kosten und Mühen zu schauen, organisiert das kommunale Grünflächenamt im Rahmen der großangelegten Kunstreihe "Der Himmel über Halle" seit Jahr und Tag großräumige, zum Teil noch von weit entfernt an der Straße der Gewalt liegenden Kommunen aus zu sehende Skyspektakel.
Mit Hilfe von Spezialfirmen aus dem umliegenden Saalekreis, die auch schon in Weltstädten wie Madrid im Einsatz waren, entstehen dann zumeist in der aufkommenden Dämmerung großartige Himmelszeichnungen: Bärbeißige Wolkenbanken, glühende Solarstromspenderbereiche, gelegentlich sogar Feuchtgebiete, die auf der anderen Seite geschickt mit Spektralfarben abgeschmeckt werden. Besucher sind erstaunt, Einheimische stolz, Besitzer von Smartphones unterhalten unterdessen ganze Himmelsfotogalerien im Internet.
Einzig offizielle Repräsentanz der erstaunlichen Farbspiele im Luftraum über der lange als "Diva in Grau" geschmähten Saalestadt aber bleibt PPQ, auch im Fall des gewagt unter Feuchtwolken gehängten Regenbogens, der die Bevölkerung auf eine Rettung des Euro noch vor dem beliebten "Rote-Laternen-Fest" am letzten Augustwochenende einstimmen soll. Es ist Licht am Ende des Tunnels. Und es ist kein Zug, diesmal.
Nach dem Ehec-Drama nun auch noch das Tausende Bonianer in ganz Deutschland müssen nach Warnungen von Greenpeace vermutlich sofort ihre gesamte Ernährung umstellen, um sich durch ihre Ernährungsweise nicht selbst zu vergiften. Wie das Greenpeace-Magazin zuvor meldete, ist die umstrittene Chemikalie Bisphenol A, die jüngst EU-weit aus Babyfläschchen verbannt wurde, nach einer neuen Studie weiter in vielen Kassenbons enthalten.
Sieben von acht Einkaufsquittungen enthielten demnach Bisphenol A oder das sogar das eng damit verwandte Bisphenol S. Die nachgewiesenen Mengen überschritten teilweise den Tagesrichtwert, den ein schlanker Erwachsener laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit höchstens aufnehmen sollte. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin warnte daraufhin davor, sich von Kassenbons zu ernähren oder auch nur Bons zuzufüttern, wie das Bonianer traditionell tun.
Ein schwerer Schock für Zettelesser. Wer mehr als sieben der untersuchten acht Kassenbons zum Mittagbrot oder Abendessen konsumiere, setze sich zwar nicht der Gefahr aus, schwer zu erkranken, da die Chemikalie weder hochgiftig ist noch Forschungsarbeiten nachweisen konnten, dass sie Krebs auslöst. Allerdings könne sie ähnlich wie das weibliche Sexualhormon Östrogen wirken. Ernährten boniane Eltern ihre Kinder weiter mit Kassenzetteln, riskieren sie, so Forscher, dass sie die Reifung des Gehirns von Ungeborenen und Kleinkindern geschädigt wird.
"Siehst Du, Adolf, so wird das gemacht." Albert Speer nahm sich einen Kaffee vom Büfett und lächelte. Hitler, der an einem kleinen Tisch am Fenster Platz genommen hatte, um sein übliches Morgenmüsli in den Mund zu schaufeln, schüttelte unmerklich den Kopf. Seine Backenzähne schmerzten wieder, obwohl Dr. Morell ihm versprochen hatte, dass jetzt alles in Ordnung sei. Angeblich könne der Zahn eines Verstorbenen, der im Zwischenreich zwischen Himmel und Hölle auf seinen Prozess warte, überhaupt nicht weh tun. Hitler zog die Luft scharf durch die Nase ein. Könne. Nicht. Wehtun. Er spürte, was er spürte, und das seit 65 Jahren. Die Hölle, dachte er manchmal bei sich, wenn die anderen Karten spielten oder über falsche Weichenstellungen damals unten auf der Erde philosophierten, die Hölle, dachte er dann, kann gar nicht schlimmer sein.
Zumindest aber wäre dann vielleicht dieser Speer weg. Albert Speer, sein Ziehsohn, sein Werkzeug in guten Tagen. "Hast Du das mitbekommen", rief er jetzt vom Marmeladentischchen, "die Merkel kriegt hin, was Du nicht geschafft hast!" Adolf Hitler schniefte wieder scharf. Merkel. Eine ehemalige Kommunistin. Hatte ihre Lektion marxistische Ökonomie aber offenkundig wirklich gelernt. Hielt es wie die Sowjetunion mit ihren Vasallen. Oder wie China. Lass sie sich bei Dir verschulden, dann müssen sie tun, was Du willst.
"Speer, die Zeiten waren damals andere", brummte er mit einem Ton gewisser Schärfe zu seinem früheren Industrieminister und Lieblingsarchitekt. Hitler war bereit, Nachsicht zu zeigen, auch wenn Speer, Goebbels, Göring und sogar Himmler es schon seit Jahren an Respekt ihm gegenüber fehlen ließen. Kein Mensch sprach ihn mehr mit Führer an, wie es Vorschrift war. Goebbels, dieser hinkende Unsympath, hatte vor Jahren sogar versucht, eine Rebellion gegen ihn anzuführen. Angeblich sei seine schlechte militärische Führung schuld daran gewesen, dass der Krieg verloren ging. "Ich habe sechs Kinder und meine Frau verloren", hatte das Hinkenbein gejammert. Allerdings war der treue Hess ihm sofort in die Parade gefahren. "Schnauze, Goebbels", hatte er gesagt.
Beim empfindlichen Gemüt des früheren Propagandaministers reichte das schon. Zumal Himmler keine Anstalten gemacht hatte, den ehemals ungeliebten Konkurrenten um die Gunst des ehemaligen Führers zu unterstützen. Ein Sturm im Wasserglas, der vergangen war, ehe Hitler seinen Tee ausgetrunken hatte.
Die Diskussion, die der schlaue Speer jetzt losbrechen wollte, war schon gefährlicher. Hitler staunte ja selbst, wie einfach es zu sein schien, ganz Europa unter deutsche Herrschaft zu zwingen. Und das, ohne einen einzigen Panzer, einen einzigen Soldaten zu verlieren. "Geld, Geld, Geld", knurrte er mit seiner Reichsparteitagsstimme. Er hatte sich nie für einen glänzenden Finanzpolitiker gehalten, aber die Grundzusammenhänge, die verstand er natürlich. Die Politik dieser Angela Merkel lag denn auch wie ein offenes Buch vor ihm: "Einiges Europa", was für eine Parole! Hitler schmunzelte und für einen Moment hörte sogar der Backenzahn auf zu puckern. Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt, so hatte er es damals gewollt. Ein Traum.
Und jetzt kam dieses Mädchen, diese dickliche, uncharismatische Ostdeutsche und schaffte, was er mit all seinen Soldaten nicht fertiggebracht hatte. "Ich habe es Dir immer gesagt", blökte der lästige Speer jetzt von seinem Tisch gegenüber, "Geld schießt keine Tore, aber erobern kann es besser als deine ganze Wehrmacht." Hitler schaute aus dem Fenster, vor dem wie immer ein undurchsichtiger Nebel wallte. Seit 65 Jahren wussten sie nicht genau, wo sie hier eigentlich waren und niemand hatte ihnen gesagt, wie es weitergehen würde. Inzwischen war es ihm auch egal, denn die Langeweile, die er fühlte, war ihm die schlimmste Strafe. Abgesehen davon natürlich, zusehen zu müssen, wie seine Nachfolger in dieser "Bundesregierung" sich mit viel Stillhalten, Herumjammern und gelegentlicher hektischer Krisendiplomatie das ganze Europa untertan machten.
Mittlerweile hatten sie den Chef der SPD, die er einst verboten hatte, soweit, dass er freiwillig mitmachte. „Wir brauchen dringend eine gemeinschaftliche Verbürgung der Anleihen zumindest für den Teil an Schulden, der nach den Maastricht-Verträgen für jedes europäische Mitgliedsland möglich ist. Also für 50 bis 60 Prozent", hatte dieser Sigmar Gabriel gesagt, dem es auf Kleingeld nie ankam. Und der "Spiegel", ein Magazin, das zuverlässig wie kein anderes immer wieder Bilder von ihm auf seine Titelseite hob, schwärmte sogar von der "Brutalo-Therapie mit den Euro-Bonds". Minister wurden zitiert, denen zufolge immer mehr Menschen danach lechzten, der formalen Einheit Europas nun auch eine innere folgen zu lassen. Nicht mehr nur gemeinsame EU-Kommissare, sondern auch eine gemeinsame Haushaltskasse, hieß es, hätten es die Menschen am liebsten. Gemeinsame Schulden, so viel hatte Hitler von der Sache verstanden, sind immer der erste Schritt zu gemeinsamer Verantwortung. Und, er musste wieder schmunzeln, damit natürlich zum Verlust der eigenen Souveränität.
Dass denen nicht die Ohren klingen, dachte er. "Speer, wenn ich damals gefordert hätte, die Polen, die Norweger, die Dänen und die Franzosen könnten bleiben, was sie sind, sie müssten nur im Zuge einer weitgehenden politischen Union auf Souveränität in ihrer Budgetplanung verzichten, da hätten die ihre Panzer losgeschickt." Hitler wusste, dass Speer das wusste. Und ihm war klar, dass er damals einfach der falsche Mann am falschen Platz gewesen war. Zu selbstbewusst. Zu sehr mit dem Kopf durch die Wand. Wie machte denn diese Merkel das? Steht für ein Deutschland, dass nicht nur unbewaffnet ist, sondern hilflos wirkt. Erregt Mitleid. Beruhigt durch Unbeholfenheit. Und schafft so innerhalb von wenigen Jahren die komplette Übernahme von Griechenland, Spanien, Portugal und Italien.
Als gewiefter Taktiker bewunderte Adolf Hitler vor allem den Stil der Aktion. Sie wirkte unglaublich teuer. Doch verglichen mit den Kosten, die ihm zwischen 1933 und 1945 entstanden waren, handelte es sich bei allen Aufwendungen für Rettungspakete, Rettungsfonds und gemeinsame Bonds um die berühmten Peanuts. "Günstiger ist seit vielen Jahren niemand mehr an einen ganzen Kontinent herangekommen", hatte auch sein alter Finanzminister Lutz Graf Schwerin von Krosigk gesagt, mit dem er neulich beim abendlichen Tee über die Sache gesprochen hatte.
"Rechnet man die Gesamtkosten hoch, kommt man auf eine Summe von nicht mehr als einem Drittel der Kosten, die wir aufgewendet haben", hatte Krosigk vorgerechnet. Hitler hatte die Zähne zusammengebissen. Nicht, weil ein deutsches Europa offensichtlich so billig zu bekommen war. Sondern weil es dieser Merkel auch noch gelang, im triumphalsten Moment der jüngeren deutschen Geschichte so mitleiderregend zu wirken wie ein hoffnungslos geschlagener Boxer.
Der ehemalige Führer war sich sicher, das er das nie gekonnt hätte. Dieses Zögern bei der Übernahme von Schulden angeschlagener Euroländer. Der Hai weiß, dass er zubeißen muss. Tut er es nicht, wird ihm das Essen nun aber hinterhergetragen. Inzwischen könne Deutschland seinen Partnern die Übernahmebedingungen auf ähnliche Weise diktieren wie seinerzeit der DDR-Führung, hatte auch der gefürchtete Großinvestor George Soros dem "Spiegel" bestätigt. Adolf Hitler verstand es immer noch nicht. Dass sich mit Frieden mehr erobern lässt als mit Krieg? Dass Geld doch Tore schießt? "Speer", rief er, "hätten Sie mir das doch früher gesagt."
In der Stunde der Not,wenn das Ende droht und kein Silberstreif am Horizont mehr Hoffnungszeichen sendet, ist schnelles, entschlossenes Handeln Voraussetzung für nachhaltigen Erfolg. Angela Merkel, die sich als Klimakanzlerin nicht scheute, selbst in die Arktis zu fahren, um sich vor schmelzenden Eisbergen fotografieren zu lassen, ließ im Mai 201 keinen Zweifel an ihrer Entschlossenheit. In "Stunden hektischer Krisendiplomatie" (Die Welt) gelang es ihr, das "Projekt Euro" (dpa) zu retten. Gemeinsam mit Frankreichs Staatschef Sarkozy fand die kleine Frau aus der DDR die Kraft, Europas Sorgen nicht nur zu schultern, sondern sie über Bord zu werfen.
Nur die Älteren erinnern sich noch an Zeiten, als es nicht jeden Tag um alles ging, Klimakanzlerinnen von "Stunden hektischer Krisendiplomatie" von der Hauptaufgabe der Herstellung normaler Temperaturen abgehalten wurden und Festgeldsparer sich nicht ungefragt über den Ablauf von "Leerverkäufen" belehren lassen mussten. Als die Griechen in Ruhe misswirtschafteten, ohne dass ein Mensch außerhalb Athens auch nur einen Hauch davon ahnen konnte.
Vor 15 Monaten aber wurde urplötzlich das "Endspiel um den Euro" angesetzt. Und von Angela Merkel, Nikolas Sarkozy, der Süddeutschen Zeitung, dem Spiegel und der Zeit binnen Stunden gewonnen. Europa würde die bedrohte europäische Einigkeit nun mit noch mehr Gemeinsamkeit bewahren! Einer für alle, alle für keinen!
So wie der vorletzte DDR-Führer Egon Krenz seinerzeit mutmaßte, "der Gegner will uns so eine zerstörerische Diskussion aufzwingen, um den Sozialismus weltweit von seinem Kurs abzubringen", so sahen aufmerksame Beobachter von SZ über Spiegel bis Junge Welt diesmal "Spekulanten" am Werk. Die stürzten sich ohne jedes Recht auf die Allerschwächsten der Schwachen, die überdies gar nicht schwach seien, weil die Stärksten der Starken ihnen beistehen werden. Verrechnet, Spekulant, lächelte Angela Merkel. Wenn Fieberthermometer nicht sofort damit aufhörten, erhöhte Temperatur zu zeigen, würden ab sofort alle Ärzte, Pfleger und Gesundheitspolitiker gegen die Thermometerindustrie mobil machen.
Das hat genützt, und es wird wieder nützen. Weil auch 15 Monate nach dem Endsieg über die Spekulanten noch nicht alle Menschen auf der Welt daran glauben, dass es keinen Grund dafür gibt, auf den Zusammenbruch von italienischen Banken oder die Aberkennung des französischen AAA-Ratings zu setzen, sind die Gesundbeter wieder unterwegs. Belgien, Italien und Frankreich verboten den Leerverkauf von Aktien. Das sei ein "Widerstand gegen den Spekulanten-Sturm", freut sich die Süddeutsche Zeitung, denn damit schlage "die Politik zurück". Die "Zockerei auf Basis von Mutmaßungen" werde so unterbunden, denn bei Leerverkäufen handele es sich "im Prinzip um eine Wette: So ein Geschäft macht man nur, wenn man sicher ist, dass der Aktienkurs fällt."
Ebenso, wie man Aktien nur kauft, wenn man sicher ist, dass der Kurs steigt. Börse ist ja keine "Zockerei auf Basis von Mutmaßungen"! Ist man dessen nicht sicher, wird man folglich automatisch zu einer Art passivem Leerverkäufer: Jeder, der Geld, aber keine Aktien hat, würde ja welche kaufen, wäre er der Ansicht, sie sind viel zu billig. Glaubt er das nicht, verkauft er sie leer, das heißt, er behält sein Geld in der Erwartung, sie später billiger bekommen zu können. Diese Spekulation aber lässt die Börsen derzeit weltweit schwanken: Geld ist da, aber keine Käufer, weil den Menschen samt ihrer Tagesgeldkonten die Sicherheit fehlt, an eine Verdopplung, Verdreifachung oder gar Vervielfachung ihres Vermögens durch Aktienkäufe zu glauben.
Die einfachste Möglichkeit, den Teufelskreis zu durchbrechen, werden Nikolas Sarkozy und Angela Merkel bei ihrem nächsten Endspieltreffen besprechen. Verböte die Börsenaufsicht nicht nur reguläre Leerverkäufe, sondern auch das Warten von Millionen Kaufverweigerern auf den vermeintlich richtigen Einstiegszeitpunkt, ständen die Aktienkäufer an der Börse sofort Schlange. Die Kurse würden explosionsartig steigen und die Krise wäre beendet.
Kaum ein halbes Jahr bomben Nato-Flugzeuge Libyens Diktator Gaddafi erst in die Steinzeit zurück, und schon zeigen sich die ersten Erfolge der raffinierten Demokratisierungsstrategie. "Libyens Aufständische kommen voran", fasst der Nachrichtensender n-tv auf seiner Internetseite zusammen, "Nato soll Rebellen getötet haben".
Während Gaddafi seit dem früh verhängten Flugverbot für alle seine Kampfpanzer und dem Entzug des Titels der UN-Ehrenbotschafterin für seine Tochter nur noch Attacken per Audiobotschaft bleiben, läuten die Truppen des demokratischen Lagers mit den Angriffen auf ihre Verbündeten eine neue Phase des Einsatzes ein. "Das Ende der "Ratten" und der "Kolonisatoren" sei nun nahe, sagte Gaddafi n-tv zufolge "über die Rebellen und die NATO".
Nachdem der Nato bereits vor vier Monaten die Munition ausgegangen war, die ARD ihre Brennpunkt-Sendungen Mitte April eingestellt hatte und auch N24 beschloß, keinerlei Live-Bilder vom Kriegsschauplatz mehr zu senden, steht der Nordafrika-Einsatz wenn nicht vor dem Ende, so doch vor dem Verschwinden. Als das libysche Staatsfernsehen die TV-Rechte an der Übertragung der Siegesparade in Tripolis in der vergangenen Woche international ausschrieb, war das Echo gleich null, wie ein Mitarbeiter der amtlichen Nachrichtenagentur Jana sagte. "Es wurde nicht einmal nachgefragt, wer da paradieren wird."
Es ruft hinein in den Wald. Und dann ruft der Wald zurück. "Vielen Dank an Erich Honecker für 28 Jahre Schutz vor Ostdeutschen", kommentiert ein Werner Ballheimer im Internet-Angebot der ehemaligen Jugendzeitung "Junge Welt", die es zu den nationalen Mauerbaufesttagen verstanden hatte, mit einer innovativen Würdigung der großen Leistungen der kleinen DDR für Weltfrieden, Nachhaltigkeit und guten Cola-Geschmack zu würdigen. "Ich würde gern helfen, die Mauer wieder zu errichten und die Ostdeutschen wieder nach Hause zu bringen", bietet Ballheimer weiterhin an.
Ein Mann, ganz nach Willen von JW-Chefredakteur Arnold Schölzer, der selbst Westdeutscher ist, nach seiner Flucht in den Osten unter dem Decknamen „André Holzer“ als inoffizieller Mitarbeiter für das Ministerium für Staatssicherheit spitzelte und bis heute nicht verwunden hat, dass ihn der verhasste heimische Westen auch im Osten irgendwann wieder einholte.
"Schade, daß die Mauer nicht 100 Jahre gestanden hat", beklagt Ballheimer im Mauerstreit unter Westdeutschen. Schölzel, der von der DDR soviel weiß, dass er der DDR auf der "Junge Welt"-Titelseite für "28 Jahre Club Cola" danken lässt, obwohl die Club Cola es wegen der Gnade ihrer erst auf das Jahr 1967 datierenden Geburt nur 23 Jahre in der DDR aushalten musste, sieht das genauso. Zwei Maueropfer unter sich. Zwei Menschen, die zu bedauern sind.
Gefühlte 30 Mal pro Woche ist sie als Detective Yelina Salas in "CSI: Miami" im deutschen Fernsehen unterwegs, dauernd darf sie wuchtnasig und spröde an der Seite von David Caruso tolle Fälle lösen, immer schrill beleuchtet, immer übertrieben bunt gefiltert. Doch als Sofia Milos jetzt beschloss, eine Zweitkarriere als Ermittlerin beim eher provinziellen "Tatort" zu starten, stellte sich heraus, dass die gebürtige Schweizerin das gar nicht dürfen können sollte. Schließlich ist die Schauspielerin bekennende Scientologin - ein Fakt, der jedem deutschen Intendanten mit einem Gespür für die McCarthy-Momente des Lebens reichen sollte, die Reißleine zu ziehen.
Prompt fand das Münchner Magazin "Focus" die übliche Sektenexpertin, die warnende Sätze raunt: „Ich halte es für sehr problematisch, dass die ARD in ihrem Flaggschiff, dem ´Tatort`, eine Scientologin auftreten lässt“, teilte die aus unzähligen ARD-Talkrunden bekannte Ursula Caberta mit, die sich zuletzt über mediale Aufmerksamkeit freuen durfte, als der allmächtige Thetan Tom Cruise versuchte, das Staffenberg-Attentat auf Hitler mit deutschen Filmfördermitteln wenigstens im zweiten Anlauf zu einem historischen Erfolg zu machen.
Dass der "Tatort" vom Schweizer Fernsehen geliefert werde, mache für die Expertin, die ihren Lebensunterhalt seit Jahren mit dem Kampf gegen Scientology bestreitet, "keinen wesentlichen Unterschied". Die ARD strahle den Film aus "und Millionen in Deutschland werden zuschauen", zitiert der "Focus".
Also eigentlich alles genau wie sonst, wenn Sofia Milos bei "CSI Miami" auf Tätersuche geht. Der "Focus" ist da schon ein bisschen empört, denn zu schön wäre es ja gewesen, wenn das Beten in US-Kirchen, die in Deutschland nicht anerkannt sind, generell mit einem Auftrittsverbot in der ARD belegt würde. Milos mache nicht einmal ein "großes Geheimnis um ihre Verbundenheit mit Scientology", schimpft FOCUS-Online-Redakteur Florian Festl. Auf ihrer Homepage verlinke sie eine Seite mit einem Bookstore – "darin erhältlich: die Werke von Sektengründer L. Ron Hubbard."
Also nicht viel anders als der Focus: Auch dessen Bücherseite verweist direkt auf auf einen Buchshop, in dem die Werke des spinnerten Science-Fiction-Schriftstellers zu haben sind.
Die ehemalige FDJ-Zeitung "Junge Welt", die ihre Mitarbeiter schlechter bezahlt als imperialistische Fastfood-Ketten aus dem einzigen verbliebenen Reich des Bösen, hat nun auch begriffen, wie Marketing funktioniert. Ist die Sache selbst auch verloren, taugt sie doch dazu, alle Gewinner zu verärgern. Nach dem Vorbild der NPD, die den Wahlkampf in Berlin mit einem assoziationsreich "Gas geben" überschriebenen Plakat startete, was ihr im "Spiegel" kostenlosen Anzeigenplatz im Wert von mehreren zehntausend Euro bescherte, setzt die an Geld und Lesern notorisch klamme linke Kampfschrift zum Mauerbaujubiläum auf Widerworte.
War doch schön damals, viel besser als heute!, lässt sich ein kurzer Text übersetzen, der so falsch ist, dass nicht einmal sein Gegenteil wahr wäre.
"Wir sagen an dieser Stelle einfach mal: Danke", schreibt die Redaktion mit mehr als einer Träne im Auge an alle, die damals die Mauer bauten. "Danke für 28 Jahre Friedenssicherung in Europa", die ohne das Stillhalten der Westmächte nicht möglich gewesen wäre. Danke auch "für 28 Jahre ohne Beteiligung deutscher Soldaten an Kriegseinsätzen", abgesehen natürlich von den Einsätzen einiger hundert NVA-Ausbilder in Afrika, Südamerika und Asien. Danke "auch für 28 Jahre ohne Hartz IV und Erwerbslosigkeit", weil damals im DDR-Paradies alle Geld bekamen, ohne etwas zu tun. Oder, wenn sie das nicht wollten, eben nach Paragraph 249 wegen "Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten" im Gefängnis landeten.
Die "Junge Welt", das frühere Zentralorgan von Egon Krenz, dankt desweiteren "für 28 Jahre ohne Obdachlosigkeit, Suppenküchen und Tafeln", dankt also für Wohnen in Abrisshäusern, in zerfallenden Innenstädten, für Wohnungen mit Klo halbe Treppe, für fünf Jahre Warten auf einen Zuweisungsschein, für Umzug nur für die, die Beziehungen haben.
Aber ja doch, danke auch "für 28 Jahre Versorgung mit Krippen- und Kindergartenplätzen", die jede Familie bekam, damit Mutti und Vati fleißig beim Aufbau des Sozialismus helfen konnten. Früh halb sechs den Kleinen wecken, das ist gesund, das macht munter. Abends halb sieben schon wird er wieder abgeholt zum Zähneputzen und ab ins Bettchen. Danke, danke für soviel fürsorgliches Familienleben.
Danke desweiteren "für 28 Jahre ohne Neonaziplakate »GAS geben« in der deutschen Hauptstadt", die, soweit irrt die "Junge Welt" auf gute alte Naziart, natürlich nicht deutsche Hauptstadt war, sondern nur "Hauptstadt der DDR". Und für "28 Jahre Geschichtswissenschaft statt Guidoknoppgeschichtchen", so dass jeder wusste, was für ein lieber Kerl Väterchen Stalin war, wie gut es Breshnew mit der DDR meinte und wie voll freiwillig Ulbricht Honecker ans Ruder ließ.
Es scheint dann aber schon ein wenig dünn zu werden fürs das große Lob des Sozialismus, denn die Junge Welt sagt nun schon "danke für 28 Jahre Club Cola und FKK", obwohl es "Club Cola" erst seit 1967 gab - und FKK immer noch gibt. Und danke "für 28 Jahre ohne Hedgefonds und Private-Equity-Heuschrecken", obwohl die DDR ohne Geldspritzen ihres Stasi-Hedgefonds Kommerzielle Koordinierung schon die Mitte der 80er Jahre nicht überlebt hätte.
Danke dann noch für "28 Jahre ohne Praxisgebühr und Zwei-Klassen-Medizin", was auch nicht ganz richtig sein kann, denn alle historischen Quellen sagen, dass sich die führenden Genossen nie in der Poliklinik Süd, sondern stets im "Regierungskrankenhaus" behandeln ließen.
Aber seis drum. Danke "für 28 Jahre Hohenschönhausen ohne Hubertus Knabe" - wir hatten Karl Eduard von Schnitzler, das Original. Danke "für 28 Jahre munteren Sex ohne Feuchtgebiete und Bild-Fachwissen", wir hatten Jutta Rasch-Treuwerths Fachwissen, deren Feuchtgebiet die "Junge Welt" war. Ist das lustig. Danke zum Schluss noch, schreibt das Blatt jetzt, "für 28 Jahre Bildung für alle" - mit der es, die "Junge Welt"-Danksagung allein beweist es schon, soweit nicht hergewesen sein kann.
Immerhin, die "Junge Welt" ist angekommen in der freiheitlichen Demokratie, die sie aufs Messer zu bekämpfen entschlossen ist. Derselbe Text mit entgegengesetztem Impetus vor 28 Jahren in derselben Zeitung veröffentlicht, hätte alle Beteiligten Existenz und Freiheit gekostet. Heute lachen wir drüber.
Wenn Christian Wulff über die Mauer redet, seine Ansage auf vier Kanälen verbreitet wird, und das, was er sagt, trotzdem nichts mit dem zu tun hat, was zu sagen wäre, dann lässt sich das wunderbar mit Musik der Isländer Sigur Ros illustrieren.
Erst steigt die Spannung bis ins Unerträgliche, das Publikum wartet auf den Knall, die große Entladung, einen Fingerzeig darauf, wo die Gesellschaft hintreibt, zwei fünf Jahrzehnte nach der historischen Teilung, die sich heute so unverfroren feiern lässt. Dann aber kommt. Nichts. Ein Grundton, eine Coverversion. Ein Glockengeläut. Ein Prediger, der schaut, als müsste er für die Mauer beten. Der Trailer zum neuen Sigur-Ros-Album "Inni" überrascht mit Wulffschem Weltblick: Die Menschen auf der Bühne toben, als wären Kameras auf sie gerichtet. Die Musik dazu ist ein leises Klingeln am Klavier.
Sie war nicht nur sauber und kostenlos, erneuerbar und umweltfreundlich, sondern sie versprach auch, im Grunde genommen völlig ohne schädliche Nebenwirkungen Millionen von Arbeitsplätzen zu schaffen. Deutschland, so freuten sich die Grünen zur Halbzeit des ersten Jahrzehnts der 2000er Jahre, würde wieder Vorreiter sein und die ganz Welt mitreißen auf seiner Fahrt in eine glückliche Ökozukunft, in der an die Stelle der Giganten der alten, umweltfeindlichen Industrien Auto, Atom und Braunkohle riesige Ökostromanlagenhersteller getreten sein würden.
Die Firmen waren, dank großzügiger Förderung durch den Staat, bald da. Solarworld und Q-Cells, Solon und Centrothem konnten gar nicht so schnell Solarmodule herstellen, wie sie ihnen von all denen aus den Händen gerissen wurden, die es weniger auf direkte Sonneneinstrahlung als auf indirekte Stromeinspeisungszahlungen abgesehen hatten. Aus den Bastelbuden wurden Milliardenkonzerne, der grüne Traum von zehntausenden neuen Arbeitsplätzen schien nahe. Deutschland würde die nächsten Jahre davon leben, aus geschmolzenem Sand Energieerzeugungsfabriken zu formen, die Firmen würden irgendwann dicke Gewinne einfahren, der Staat dicke Steuern kassieren, der Strompreis trotzdem sinken und den Bürger entlasten.
Es ist dann ein bisschen anders gekommen. Ganz anders. Die vor fünf Jahren noch kraftstrotzenden Solarkonzerne sind heute sieche Gerippe ohne Perspektive. Die Kurven ihrer Aktienkurse, früher aufgebläht von Hoffnung auf die Weltherrschaft der deutschen Sonnenkollektoren, erinnern fatal an die Linien, die Ende der 90er Jahre den Untergang von Teldafax, Mobilcom und ComROAD vorhersagten. Ende 2007, als die Ökowelt noch in Ordnung war, passte kein Solarmodul mehr zwischen Aktienkurs und Himmel. Heute dringt kein Lichtstrahl mehr in die Keller, in denen die Börsennotizen von Solarworld und Q-Cells, Solon und Centrothem, Phoenix Solar und Conergy darauf warten, von einer kommenden Rot-Grün-Regierung wieder wachgeküsst zu werden.
Dass es "Managementfehler" gewesen sind, die den sachsen-anhaltinischen Vorzeigekonzern Q-Cells aus der Erfolgsspur geworfen haben, kann nur glauben, wer wie Sachsen-Anhalts wendiger Ministerpräsident Reiner Haseloff keine Zeit hatte, sich die fast identischen Chartkurven der Konkurrenten (Bild oben) anzuschauen. Egal, ob die Konzerne Systemhersteller sind oder Einzelkomponenten anbieten, egal, ob sie großartige Forschungsabteilungen unterhalten oder nur nach bekannten Rezepten anderer kochen - es geht niemandem gut, seit sich herausgestellt hat, dass Sonne in einem Land, das von der Sonne nicht verwöhnt wird, nur dann zur Stromerzeugung taugt, wenn der Staat die Erzeugung subventioniert.
Da sich am Wetter hierzulande nicht viel ändern wird, ist der weitere Weg vorgezeichnet. Die kurze Zeit, in der die Sonne die Zukunft war, wird enden, mit ihr werden die meisten Hersteller verschwinden. Der Rest grüßt im besten Fall aus Asien, im schlechteren wird er asiatisch: Nach Atomkraftwerken, bei denen es bereits ein führender Nichthersteller ist, und Ölförderfirmen, über die es als einzige große Industrienation nicht verfügt, wird sich Deutschland auch als Nichthersteller von Solaranlagen an die Spitze setzen. Als berufliche Zukunft bleibt der Sonne hierzulande das Betreiben einer Sonnenbank.
Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hat klargestellt, dass seine grundgesetzwidrigen Äußerungen zur Abschaffung der Meinungsfreiheit im Internet nicht missverstanden wurden, sondern genauso gemeint waren. Er sei weiter für eine Abschaffungder Anonymität im Internet, sagt der CSU-Netzexperte, auch wenn er derzeit noch nicht wisse, wie diese zu bewerkstelligen sein könnte. Erneut behauptete Friedrich, es gebe eine "geltende Rechtsordnung", in der Anonymität verboten sei. Diese müsse "auf die digitale und virtuelle Welt übertragen" werden, behauptete der Minister. Als Beleg führte er "Gesetze gegen Volksverhetzung oder Kinderpornografie" an, ohne konkreter zu werden.
Die "dümmlichen Reaktionen" auf seine kürzliche Initiative, radikale Blogger im Internet ebenso zu verbieten, hätten ihn enttäuscht, ließ Friedrich wissen. Man könne nicht darauf verweisen, dass im Internet alles international und deshalb nicht zu regeln sei, auch der Hinweis, im Grundgesetz stehe nichts von Meinungsfreiheit, die nur bei voller Namensnennung gilt, schere ihn nicht.
Es sei eine Struktur nötig, verbalnebelte der Franke und ließ wissen, dass er wissen wolle: "Was verlangen wir von Google, von Facebook?" Er plädiere für eine Identifikationspflicht, so dass sich bei beiden Diensten nur noch anmelden könne, wer seine Geburtsurkunde vorgelegt habe.
Jemand, der Alkohol kaufe, müsse auch nachweisen, dass er mindestens 18 Jahre alt sei, argumentierte Friedrich. Würden nicht bald alle Schreiber von Tweets, Facebook-Nachrichten und Blog- sowie Forumsbeiträgen mit vollem Namen genannt wie bei "Leserbrief-Schreibern" üblich, werde das Netz "ins Chaos der Gesetzlosigkeit" versinken.
Er glaube fest daran, dass im weltweiten Netz "Klarheit, Wahrheit und Verlässlichkeit" gebraucht würde. Er lebe das vor, indem er erst ein Ende der Anonymität im Netz gefordert, dann von einem Missverständnis gesprochen und sich nun wieder anders entscheiden habe. Für all das stehe er mit seinem Gesicht ein - natürlich auch im Gesichtsbuch.
Der deutsche Schauspieler Michael Degen hat sich für den Lebensabend eine besonders kommode Form der Janusköpfigkeit ausgedacht. Während er sich ausweislich der u.s. Werbung für Hörgeräte stark macht und so den Anschein zu erwecken versucht, er sei jenseits von Gut und Böse angelangt, lassen aktuelle Bilder darauf schließen, dass er damit nur sein Image als Schwerenöter zu kaschieren sucht.
Denn PPQ zugespielte Aufnahmen deuten stringent darauf hin: Degen ist Strauss-Kahn! Und das Hörgerät dient nur zur Tarnung. In Wirklichkeit wurde Degen aka Dominique Strauss-Kahn von der New Yorker Staatsanwaltschaft wegen versuchter Vergewaltigung, sexueller Belästigung und Freiheitsberaubung einer Angestellten des New Yorker Hotels Sofitel angeklagt.
Er will es nicht hören und hält sich die Ohren zu. Doch Degen-Kahn ist enttarnt.
"England krankt an Wertelosigkeit der Unterschicht", schreibt die "Welt" in einer ersten Schnelluntersuchung zum Teilzusammenbruch der Zivilgesellschaft in England. Premier Cameron habe von einer "kranken Gesellschaft" gesprochen, besonders in "Ghettos", so die "Welt", lebe eine "Unterschicht, deren komplette Enthemmung nun zutage tritt".
Bemerkenswerte Erkenntnisse, zumal vor dem Hintergrund, dass so etwas wie eine "Unterschicht" ausweislich der Google Timeline (Grafik oben) in Europa vor dem Jahr 2005 nicht existierte. Erst Anfang des Jahrzehnts etablierte der Politologe Paul Nolte den Begriff in Deutschland, der seinerzeit für einen neuen Aufbruch der SPD stehende Kurt "Mecki" Beck war es dann, der den Medien als erster Hinweise darauf gab, dass es künftig gestattet sein könnte, den von „lebensfremden Soziologen" (Franz Müntefering) erdachten Terminus öffentlich zu verwenden.
Ein Dammbruch. Wo es vorher "keine Schichten in Deutschland" (Müntefering) gab, sondern allenfalls "Menschen, die es schwerer haben, die schwächer sind", entstand binnen weniger Jahre durch vermehrte Beobachtung eine Boombranche. "Aufstiegsgesellschaft. Mit diesem Wort beschrieben Sozialforscher jahrzehntelang die Bundesrepublik", läutete die "Zeit" anno 2005 in einem einfacherweise "Die neue Unterschicht" genannten Beitrag die lange Reise in ein Land ein, das medial äußerst vielversprechend schien. Schicksale, wie weder Mittelalter noch Kaiserzeit sie kannten, Lebenswege zwischen unentwegter Benachteiligung und fortgesetzter Betreuung. "Die einen sind tief gefallen, die anderen nie aufgestiegen: Die Armut in Deutschland breitet sich aus", schlug das Hamburger Qualitätsblatt Alarm.
Das wurde gehört. "Das wahre Elend" entdeckte der "Stern", dem jetzt auch auffiel, dass sich in Deutschland "eine neue Unterschicht gebildet" habe, "die ohne Zukunft ist". Jahrzehntelang sei versucht worden, "Armut mit Geld zu bekämpfen", doch "was die Benachteiligten wirklich brauchen, wird ihnen verwehrt". Die Kollegen waren alarmiert. Es hagelte Reportagen, Dokumentationen, Kommentare und Appelle, es gab einen Streit um das Wort "Prekariat" und die Erfindung des Synonyms "bildungsferne Schichten". Die "Süddeutsche Zeitung" fasste das Unglaubliche zusammen: "Ein niedriges Einkommen, kaum finanzielle Rücklagen und keine Hoffnung mehr auf einen sozialen Aufstieg - eine neue Studie zeigt, dass Armut ein massives Problem der Gesellschaft geworden ist." Niemals in der Vergangenheit hatte es das gegeben: Niedrige einkommen. Keine Rücklagen. Keine Hoffnung. Und "besonders erschreckend: Jeder fünfte Ostdeutsche soll betroffen sein."
Damit war die Schlacht gewonnen. Die "neue Unterschicht" sickerte ins Abendprogramm wie bei "Peter und Nadine - Ein deutscher Liebesfilm", aus Tätowierungen, schillernder Dummheit und absurden Auswanderungsplänen wurde Berufe, Stars wie Daniela Katzenberger entstanden, Messies verdrängten Krimis, die Unterschicht etablierte sich als fester Bestandteil der Unterhaltungsindustrie.
Deutschland bewies der Welt, wie integrativ es wirkt. Zwar diagnostizierte auch die "Welt" anno 2009 noch einmal "in Deutschland wächst eine neue Unterschicht", die aber war da schon längst erwachsen genug, die eigene Rolle als "abgehängtes Prekariat" als Lebensaufgabe zu begreifen. Ausschreitungen wie in Großbritannien, wo die Unterschicht rebelliert, sind nach Auffassung von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich deshalb auch unvorstellbar. Sie resultierten aus einer "Desintegration der Gesellschaft und einer Lust an Gewalt", analysierte der Hobbyexperte für die staatliche Nachrichtenagentur dpa. Dinge, die es in Deutschland nicht gebe: Hier sei es gelungen, "junge Leute an die Gesellschaft heranzuführen, etwa durch ehrenamtliche Tätigkeiten" eben als Prekariatsdarsteller, Messie, Betreuungsgegenstand von Sozialarbeitern, Jung-Nazi oder Naziopfer.
Dieser Gewaltausbruch ruft nach Einordnung, nach Analyse, nach Ursachenforschung über die Frage hinaus, wann es in Deutschland soweit sein wird. London brennt, die Monarchie wackelt - zum Glück aber sind Deutschlands führende Kolumnisten zur Stelle, um die geistigen Brandstifter zu entlarven, auf deren einfachen Parolen das Grauen gewachsen ist.
Natürlich, "die Rockband The Clash hat weder zur Gewalt aufgerufen noch lassen sich ihre Songs über die vermeintlich ungerechte Verteilung von Chancen und Risiken in der Welt zur Rechtfertigung von gewalttätigen Übergriffen an verwenden", heißt es etwa in der Berliner Zeitung. Doch dieses vorausgeschickt sei andererseits nicht zu bestreiten, dass die Worte und Melodien der bekannten Band, deren Namen schon viel verrate, "einen Teil des Resonanzraums bilden, in dem sich die Debatte über gesellschaftliche Fragen vollzieht, dass sie die Tonlage bestimmen, in der beispielsweise über Chancen und Risiken in Deutschland gesprochen werde", schreibt Christian Bommarius.
Der Clash-Song "London Calling", von Mick Jones und Joe Strummer erdacht und 1979 erschienen, sei zum Beispiel weltbekannt, nicht zuletzt durch zahlreiche Einsätze als Filmmusik etwa im James Bond-Film "Stirb an einem anderen Tag". Er beschreibe eine apokalyptische Version der britischen Hauptstadt, erfüllt von Schlachtgeschrei und Krieg. Seine Verwünschungen an das alte London der Beatlemania lasse sich als „tragikomischer Essay“ (Plattenfirma) lesen, als „scharfsinnige Gesellschaftsanalyse“ ( Frankfurter Allgemeine Zeitung), aber eben auch als Versuch, das gesellschaftliche Klima so zu verändern, dass Gewalt hoffähig werde.
Bei dem Lyrics von "Londons Burning" aus dem ersten Album "The Clash" werde das noch deutlicher: "Verstanden wurden sie zumindest von den Anhängern der Straßengewalt", so die Berliner Zeitung, "als Ermunterung, die Debatte um Bildung und Chancen der Jugend in Deutschland als „Kampf gegen das Establishment zu begreifen."
Welche Waffen dieser Kampf verlangt und zulässt, dazu schweige Joe Strummer, der inzwischen auch schon tot ist. Sein Werk aber lebt weiter und zeitigt Folgen. "Und so stellt sich die Frage: Trägt der Autor Verantwortung für seine gesungenen Gedanken und gegebenenfalls – welche?", fordert Bommarius ein klares Bekenntnis ein. In seinem Lied singe Strummer zwar von einem Lächeln, doch zum Lachen sei das überhaupt nicht, was sich im Königreich derzeit abspiele.
"All across the town, all across the night. Everybody's driving with full headlights. Black or white turn it on, face the new religion. Everybody's sitting 'round watching television!", schreit der Sänger offenbar auch im Namen seiner Mitmusikanten. "Die Perspektive, die sie einnehmen, die Worte, die sie dafür finden", so die BZ, ähnele zum Teil auf verblüffende Weise den Parolen der marodierenden Randalierer von London." An manchen Stellen ist kaum zu unterscheiden, wer was geschrieen hat."
Jugengewalt-Experten wie der SPD-Innenexperte Sebastian Edathy stimmen dem zu. Er fordere den Verfassungsschutz zum Handeln auf: Vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse müsse man mit allen Mitteln gegen Platten wie "The Clash" und Lieder wie London´s Burning" vorgehen. Parteichef Sigmar Gabriel, als bis heute amtierenden Pop-Beauftragter der SPD ein intimer Kenner der hasserfüllten Rhythmen von Clash und anderen, ist derselben Ansicht. "In einer Gesellschaft, in der solche ,Kunst"´ im Laden verkauft wird", mahnte er, "gibt es natürlich auch an den Rändern der Gesellschaft Verrückte, die sich letztlich legitimiert fühlen, härtere Maßnahmen anzuwenden."
Fundamentale Fragen wirft der greise Börsenprofessor Wolfgang Gehrke natürlich nicht mehr auf. Nein, der Fliegenmann mit dem Erklärdrang versteckt sie in einer geschickten Antwort, die er dem Volksbörsenmagazin "Bild" gab. Danach ist der Börsencrash der letzten Tage vor allem auf die "wahnsinnige Schnelligkeit" (Gehrke) zurückzuführen, mit der Aktien verkauft werden. Kaum verkauft irgendwo jemand, seien "auch "in anderen Ländern Börsianer alarmiert, verkaufen Aktienpakete". Experte Gerke: „Alles geht wahnsinnig schnell. Die Aufträge werden innerhalb von Tausendstel-Sekunden ausgeführt. Sinken die Kurse, setzt der Herdentrieb ein. Dann denken sich immer mehr Börsianer: Wenn meine Kollegen Aktien verkaufen, sollte ich das besser auch tun. Das beschleunigt den Kursverfall.“ Erst wenn "Börsianer eingreifen und wieder Aktien kaufen" könne der Markt drehen, so der 67-Jährige.
Rätsel der Wissenschaft, Hausaufgabe für Bild-Leser: An wen verkaufen all die Börsianer in all diesen Tausendstel-Sekunden all diese vielen, vielen "Aktienpakete" (Gehrke)? Hier und in allen diesen "anderen Ländern"? Mit dieser wahnsinnigen Schnelligkeit? Wenn doch gleichzeitig "immer mehr Börsianer" denken: "Wenn meine Kollegen Aktien verkaufen, sollte ich das besser auch tun."
Als Lösung der sogenannten Gehrkeschen Ungleichung werden im Kommentarbereich Antworten auf folgende Frage angenommen: Wenn an einem Tag an der deutschen Börse 17,43 Millionen Aktien zum Teil in Sekundenbruchteilen oder noch schneller verkauft werden - wieviele Aktien werden am Ende dieses Tages gekauft worden sein?
Wer am nächsten an der notariell beglaubigten Originallösung landet, gewinnt die aus dem Verkauf des Differenzbetrages entstehenden Einnahmen (bitte Kontonummer angeben!)
Bei allem Streit und allem Hader, in Sachen Menschenrechte sind sich die führenden deutschen Parteien wenigstens noch einig. Ein breites Band der Solidarität spannt sich in diesen Tagen der Gewalt, in denen das Regime in London mit unglaublicher Brutalität selbst gegen Kinder vorgeht, von Rot über Grün bis Schwarz und Gelb. "Demokratiebewegung in Großbritannien unterstützen", hat die Pressestelle der CDU Deutschlands eine brandheiße Mitteilung überschrieben. Arnold Vaatz, Vorsitzender des CDU-Bundesfachausschusses, erklärt darin: "Die CDU steht klar auf der Seite der Demonstranten", die sich wie in Nordafrika nun auch in Großbritannien über Dienste wie Twitter und Facebook, über Blogs wie Zum diesen von Rosamicula und über das Blackberry-Messagesystem zur Durchführung der Revolution verabredet hatten.
Junge, vom verkrusteten Regime benachteiligte Menschen, die sich nie Iphones, Ipads und Justin Bieber-Poster leisten konnten, holen sich diese jetzt auf den Straßen. Und in Deutschland ernten sie natürlich Verständnis für ihren notwendigen Verzweiflungkampf. Die ganze CDU finde sich dort, wo "Menschen gegen Repressionen und autoritäre Herrschaft" demonstrierten, heißt es bei den Christdemokraten. CDU-Menschenrechtler Arnold Vaatz erklärte: "Es ist in unserem Interesse, die sich abzeichnenden Veränderungen zu unterstützen und zu begleiten, damit friedliche und geordnete Veränderungsprozesse stattfinden und demokratische Rechtsstaaten entstehen."
Langfristige Stabilität könne nur durch einen friedlichen Wandel hin zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten erreicht werden. Eben so wichtig sei eine Stärkung der wirtschaftlichen Entwicklung in der krisengeschüttelten Insel.
Dem stimmt die Bundestagsfraktion der Grünen vollinhaltlich zu. Unter dem Titel "Britische Demokratiebewegung unterstützen" machen Jürgen Trittin, Fraktionsvorsitzender, und Kerstin Müller, Sprecherin für Außenpolitik, klar, dass "der Rücktritt des britischen Premiers Cameron längst überfällig" ist. Die Menschen seien den dritten Tag in Folge auf die Straßen gegangen, um gegen Perspektivlosigkeit und die verknöcherte Monarchie zu protestieren, heißt es weiter, obwohl das Regime zehntausende Polizisten mobilisiert habe. "Sie sind auch nach der bitteren Enttäuschung von gestern Abend beharrlich und friedlich geblieben", schreiben die Grünen offenbar bezogen auf die Ermordung eines ersten Demonstranten. Zugleich wird die EU wegen ihrer "lavierenden Haltung" kritisiert. "Sie hat nicht Partei genommen für die Demokratie."
Die SPD schloss sich mit einer eigenen Erklärung unter der Überschrift "Demokratiebewegung in Großbritannien untersützen" an. Die SPD-Bundestagsfraktion begrüßt, dass nach Tunesien und Ägypten nun auch in Großbritannien von mutigen Demonstranten der politische Aufbruch und Freiheit eingefordert wird. Der Wunsch der Menschen nach Meinungs- und Medienfreiheit und ihr Wille, Korruption und soziale Perspektivlosigkeit nicht länger hinzunehmen verdiene Respekt und Unterstützung. Die Bundesregierung habe "viel zu spät und unentschlossen auf die Vorgänge in London reagiert", heißt es weiter, "anstatt sich an die Seite der Demonstranten zu stellen."
Während die Linke unter dem Titel "Solidarität mit Ägypten, Tunesien und anderen rebellierenden Ländern" ihre Unterstützung für die Demokratiebewegung überall auf der Welt erklärte, weil "die Völker, die sich ernsthaft auf den Weg hin zu mehr Demokratie und Freiheit machen, unsere ausgesprochene Solidarität verdienen“, schießt die FDP wie gewohnt quer. Die Demokratiebewegung sei Sache der Briten, nicht des Auslands, sagte Guido Westerwelle. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass die demokratische Bewegung "eine Angelegenheit des Auslandes" sei. Sie sei eine britische Angelegenheit, die vom Freiheitswillen der Briten getragen werde, so Westerwelle im "rbb-inforadio".
Inzwischen hat sich allerdings auch US-Präsident Barack Obama zur Revolution auf der britischen Insel bekannt. Er wolle die Revolution mit einem milliardenschweren Hilfspaket unterstützen, erklärte Obama in einer Grundsatzrede. Er versprach dem ehemaligen Mutterland den Erlass von Schulden und neue Kredite, allein England solle einen Schuldenerlass von einer Milliarde Dollar erhalten. An einen Einsatz von Nato-Truppen zur Unterstützung der Aufständischen sei jedoch im Moment nicht gedacht.