Einmal stumpf stabgereimt. Und niemand hat es gemerkt. Vor 15 Monaten hatte CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt einen hellen Moment: Er bezichtigte NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, bei sich daheim am Rhein "einen griechischen Schulden-Sirtaki" zu tanzen.
Das Echo aber war verheerend. Es gab keins. Die schöne Formulierung, mit der der Bayer Kraft etwas wirr unterschob, "NRW zum deutschen Schulden-Griechenland" machen zu wollen, verpuffte rückstandslos.
Um jetzt wiederaufzuerstehen. Nachdem die Jungen Liberalen im Saarland die mittlerweile gut abgehangene Formulierung vom "Schulden-Sirtaki" von Dobrindt gestohlen hatten, brach ein Sturm der Entrüstung in den sozialen Netzwerken aus. Der Slogan "erregt die Gemüter", schreibt die "Welt", aufgrund eines Fotos, dass den Spruch zeige, "hagele es Beschimpfungen". Die Piratenpartei, aber auch die Grünen empörten sich. "In der Auseinandersetzung wurden die Liberalen gar als Rassisten beschimpft", heißt es weiter.
Die entsprechende Einordnung stammt vom selbsternannten "Piraten" Martin Delius, der nicht verwandt und nicht verschwägert ist mit dem gleichnamigen Schriftsteller F.C., sondern auch Halle an der Saale in die Berliner Politik emigrierte. Delius, ein ausgewiesener Internetexperte, bemerkte nicht, dass der geistige Urheber der fragwürdigen Gleichsetzung des traditionellen griechischen Reihentanzes mit dem griechischen Ausderreihetanzen bei der haushaltsführung nicht im saarland, sondern in München sitzt. Und dass es sich somit um einen erneuten schweren Fall von geistigem Diebstahl im Internet handelt.
Dienstag, 20. März 2012
Theaterschließung: Tod im zweiten Aufzug
Ein Stück aus dem Tollhaus, das da in Halle, der selbsternannten Kulturstadt an der Saale, aufgeführt wird. Die Premiere fand vor zwei Jahren statt, als die Rathausspitze ankündigte, wegen notwendiger Einsparungen im Haushalt eines der derzeit noch drei Theater schließen zu müssen. Die Wahl sei, so hieß es, aus naheliegenden Gründen auf das Kinder- und Jugendtheater Thalia gefallen: Es ist die kleinste Bühne, sie hat die wenigsten Mitarbeiter, den geringsten Etat und sie spielt nicht wie das Opernhaus einen 2,5 Millionen Euro teuren "Ring" an drei Tagen im Jahr. Sondern streitbare Stücke mit Original-Fussball-Ultras oder Rockopern mit Hausmitteln.
Ein Proteststurm fegte durch die Stadt, die Menschen, die von ihrer Regierung alles Mögliche erwarten und in der Regel auch alles gebotene sprachlos schlucken, muckten auf. Protestresolutionen wurden verfasst, Parteien gerieten in Angst, vor der anstehenden Landtagswahl an Zustimmung zu verlieren. Schließlich wurde die Schließung abgesagt - mit der einzigen Bedingung, dass sich sämtliche Mitarbeiter aller drei Bühnen bereiterklären müssten, einen Haustarifvertrag abzuschließen, in dem sie einem Gehaltsverzicht zustimmen.
Der Vertrag kam zustande. Er gilt bis zum Jahr 2016. Aber die Uhren im Rathaus gehen anders: Trotz bestehender Verträge hat der Aufsichtsrat der städtischen Theatergesellschaftnun erneut die sofortige Schließung des Thalia-Theater beschlossen. Durch absehbare Mehrausgaben aufgrund der anstehenden Tariferhöhungen in Höhe von 300.00 Euro reichten die vereinbarten Sparbeiträge der Mitarbeiter nicht aus, das Theater wie vereinbart zu erhalten. Das Ensemble des Kinder- und Jugendtheaters solle "seine Arbeit unter Nutzung der anderen Spielstätten der GmbH bestmöglich fortführen", heißt es offiziell. Ein veränderter Spielplan werde in den nächsten Wochen erarbeitet.
Seht ihr, Bürger, so wird das gemacht. Schon bei Abschluss des Haustarifvertrages hatten Mitarbeiter darauf hingewiesen, dass zwischen 2011 und 2016 mehrere Jahre mit automatischen Tariferhöhungen liegen. Doch die Stadt pokerte im Wissen darum, dass die kommenden Steigerungen bei den Gehaltszahlungen schnell zu neuen Finanzlöchern führen würden. Die dann erneut eine Möglichkeit eröffnet, die ungeliebte Kinderbühne zuzumachen.
Die Rechnung scheint aufzugehen. Wo letztens noch Protest laut wurde, herrscht jetzt konsterniertes Schweigen. Es gibt keine öffentlich wahrnehmbare Kritik, keinen Widerstand, kein lautes Hohngelächter über die gleichzeitig mit der Schließungsankündigung verbreitete Nachricht, dass der 70-jährige Theater-GmbH-Chef Rolf Stiska für seine erfolgreiche Arbeit eine Vertragsverlängerung um weitere vier Jahre erhält. Der Tod kommt in diesem Stück im zweiten Aufzug. Lautlos, als würden die Bürger nichts anderes als solche Trickserei, solchen Verrat von ihren gewählten Volksvertretern erwarten.
Ein Proteststurm fegte durch die Stadt, die Menschen, die von ihrer Regierung alles Mögliche erwarten und in der Regel auch alles gebotene sprachlos schlucken, muckten auf. Protestresolutionen wurden verfasst, Parteien gerieten in Angst, vor der anstehenden Landtagswahl an Zustimmung zu verlieren. Schließlich wurde die Schließung abgesagt - mit der einzigen Bedingung, dass sich sämtliche Mitarbeiter aller drei Bühnen bereiterklären müssten, einen Haustarifvertrag abzuschließen, in dem sie einem Gehaltsverzicht zustimmen.
Der Vertrag kam zustande. Er gilt bis zum Jahr 2016. Aber die Uhren im Rathaus gehen anders: Trotz bestehender Verträge hat der Aufsichtsrat der städtischen Theatergesellschaftnun erneut die sofortige Schließung des Thalia-Theater beschlossen. Durch absehbare Mehrausgaben aufgrund der anstehenden Tariferhöhungen in Höhe von 300.00 Euro reichten die vereinbarten Sparbeiträge der Mitarbeiter nicht aus, das Theater wie vereinbart zu erhalten. Das Ensemble des Kinder- und Jugendtheaters solle "seine Arbeit unter Nutzung der anderen Spielstätten der GmbH bestmöglich fortführen", heißt es offiziell. Ein veränderter Spielplan werde in den nächsten Wochen erarbeitet.
Seht ihr, Bürger, so wird das gemacht. Schon bei Abschluss des Haustarifvertrages hatten Mitarbeiter darauf hingewiesen, dass zwischen 2011 und 2016 mehrere Jahre mit automatischen Tariferhöhungen liegen. Doch die Stadt pokerte im Wissen darum, dass die kommenden Steigerungen bei den Gehaltszahlungen schnell zu neuen Finanzlöchern führen würden. Die dann erneut eine Möglichkeit eröffnet, die ungeliebte Kinderbühne zuzumachen.
Die Rechnung scheint aufzugehen. Wo letztens noch Protest laut wurde, herrscht jetzt konsterniertes Schweigen. Es gibt keine öffentlich wahrnehmbare Kritik, keinen Widerstand, kein lautes Hohngelächter über die gleichzeitig mit der Schließungsankündigung verbreitete Nachricht, dass der 70-jährige Theater-GmbH-Chef Rolf Stiska für seine erfolgreiche Arbeit eine Vertragsverlängerung um weitere vier Jahre erhält. Der Tod kommt in diesem Stück im zweiten Aufzug. Lautlos, als würden die Bürger nichts anderes als solche Trickserei, solchen Verrat von ihren gewählten Volksvertretern erwarten.
Montag, 19. März 2012
Verbot der Woche: Rettung durch Tütenpfand
Kluge, weitsichtige Politik macht sich immer bezahlt, das erkennt langsam auch Europa, zuletzt häufig gescholten wegen seines Hanges zu strikten Verboten. Jetzt macht sich Umdenken breit im Brüssel: Statt Plastiktüten (Foto oben links), die die Umwelt jedes Jahr mit etwa einem Promille der Menge an Müll belasten, die durch die Verschrottung von mehr als 20 Millionen analogen TV-Receivern anfallen, europaweit radikal zu verbieten, plant die EU-Kommission eine Zwangsabgabe für Kunden, die wider besseren Wissen auf der benutzung von Plastiktüten beharren.
In einem Gutachten, aus dem der «Spiegel» zitiert, heiße es zwar, dass ein Verbot sich "positiv auf den Umweltschutz auswirken" würde. Doch Regeln des EU-Binnenmarkts und das internationale Handelsrecht machten eine solche wünschenwerte einfache Lösung unmöglich. Alternativ sei es jedoch möglich, künftig ein Tütenpfand zu erheben, das so hoch sein müsse, dass alle Arbeits- und Umweltkosten, die durch Plastiktaschen entstehen, damit abgegolten werden. Eine Rückgabe der Tüten gegen Auszahlung des Pfandes solle zudem nicht möglich sein. Auch werde die Zwangsabgabe immer wieder erhöht werden müssen, "damit sich die Verbraucher nicht daran gewöhnten", wie die staatliche Nachrichtenagentur dpa wage formuliert.
Die gesmate Erde werde profitieren, wenn Europa sich nach dem Ziel zur reduzierung des Kohlendioxidausstoßes auch noch ein europaweites Ziel zur Reduzierung von Plastiktüten gebe, glauben die Umweltexperten. So könne die gemeinschaft zum Beispiel den feierlichen Schwur ablegen, dass jeder EU- Bürger im Jahr 2020 im Durchschnitt nur noch 39 Plastiktüten im Jahr verbrauche. Das wären 80 Prozent weniger als 2010. Zuletzt war es mit einer ähnlichen Lenkungsabgabe auf Einwegflaschen gelungen, den Anteil von Mehrweggetränkeverpackungen innerhalb von nur einem Jahrzehnt von 72 auf unter 60 Prozent zu senken.
Zur bürgerschaftlich-engagierten PPQ-Aktion Verbot der Woche
In einem Gutachten, aus dem der «Spiegel» zitiert, heiße es zwar, dass ein Verbot sich "positiv auf den Umweltschutz auswirken" würde. Doch Regeln des EU-Binnenmarkts und das internationale Handelsrecht machten eine solche wünschenwerte einfache Lösung unmöglich. Alternativ sei es jedoch möglich, künftig ein Tütenpfand zu erheben, das so hoch sein müsse, dass alle Arbeits- und Umweltkosten, die durch Plastiktaschen entstehen, damit abgegolten werden. Eine Rückgabe der Tüten gegen Auszahlung des Pfandes solle zudem nicht möglich sein. Auch werde die Zwangsabgabe immer wieder erhöht werden müssen, "damit sich die Verbraucher nicht daran gewöhnten", wie die staatliche Nachrichtenagentur dpa wage formuliert.
Die gesmate Erde werde profitieren, wenn Europa sich nach dem Ziel zur reduzierung des Kohlendioxidausstoßes auch noch ein europaweites Ziel zur Reduzierung von Plastiktüten gebe, glauben die Umweltexperten. So könne die gemeinschaft zum Beispiel den feierlichen Schwur ablegen, dass jeder EU- Bürger im Jahr 2020 im Durchschnitt nur noch 39 Plastiktüten im Jahr verbrauche. Das wären 80 Prozent weniger als 2010. Zuletzt war es mit einer ähnlichen Lenkungsabgabe auf Einwegflaschen gelungen, den Anteil von Mehrweggetränkeverpackungen innerhalb von nur einem Jahrzehnt von 72 auf unter 60 Prozent zu senken.
Zur bürgerschaftlich-engagierten PPQ-Aktion Verbot der Woche
Treulos, undankbar: Wer waren die Abweichler?
Die Schlagzeilenschmiede waren noch im Freudenrausch, feierten den "Twitter-Präsidenten" Gauck (Focus) der den hungrigen, dürstenden Menschen draußen im Lande "Brot und Wein verspricht", der als "Präsident Moses" (SZ) angetreten ist, seinem Volk das tote Meer der Staatsschulden zu teilen und dennoch fröhlich zurückschaut, als ihm die Kanzlerin einen warmen Blick zuwirft. Doch das politische Berlin war natürlich schon weitergeeilt zu neuen, brennenden Fragen: Wer, so raunte es in den Fluren des eigens für den Festakt umgebauten Reichstages, waren die mehr als hundert Abweichler, die es gewagt hatten, den Schutz der Anonymität der Stimmabgabe zu nutzen, um sich ihrer Stimme zu enthalten?
Ein Akt der Undankbarkeit auf höchster Ebene! Obwohl es für alle Delegierten kostenlose Fahrten nach Berlin, hübsche Hotelzimmer mit Frühstück und ein schönes Buffet während des Wahlaktes gab. Doch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 991 von 1.228 gültigen Stimmen hat Joachim Gauck erhalten, 126 entfielen auf seine Zählkonkurrentin Beate Klarsfeld, drei auf den rechtsextremen Kandidaten Olaf Rose. Da sich aber 108 Wahlleute enthielten, ohne dafür eine Begründung anzugeben, erreicht der neue Präsident nur eine Zustimmung von knapp über 80 Prozent - das liegt gerade mal knapp über dem Ergebnis, das Josef Stalin 1934 auf dem XVII. Parteitag der KPdSU erreichte, als er mit beleidigenden 955 von 1225 Stimmen (78 Prozent) den Sprung ins Zentralkomitee schaffte.
Was ist da los? Was geht da nur in den Köpfen vor? Der "Spiegel" nennt das Ergebnis "das ist eine überwältigende Mehrheit in der Bundesversammlung", hatte aber "die relativ hohe Zahl der Enthaltungen so nicht erwartet". "Das Ergebnis, mit dem Gauck nun doch noch Bundespräsident wurde, ist, man könnte sagen, ein demokratisches", versucht die "Zeit" dem Debakel eine positive Note abzugewinnen. Doch da der Block der demokratischen Parteien, die Gauck für den Posten im Belleveu vorgesehen hatten, insgesamt über 1.100 Mandate verfügte, bleibt die Frage, wer es war: Die SPD sagt, sie nicht. Die Grünen sagen, sie auch nicht. CDU und FDP versichern ebenfalls, wie verabredet im Block für den "glücklichen Präsidenten (Spiegel) abgestimmt zu haben.
Also Wahlfälschung, wie eine "Spiegel Online"-Überschrift aus der heißen Phase der Abstimmung vermuten lässt? Um 13.41 Uhr berichtete das stets gutinformierte Blatt im Live-Ticker zur Abstimmung davon, dass die "Auswählung der Stimmen" (Zitat: Screenshot oben) laufe. Welche Stimmen wurden dort ausgewählt? Wer wählte aus? Welche Stimmen wurden nicht berücksichtigt? Und warum nicht? Fragen, die umgehend geklärt werden müssen, soll die Wahl des früheren Volkskammerabgeordneten Joachim Gauck wirklich das erwünschte "Signal" (Merkel) zum "Aufbruch in neue Gefilde" und "Auszug aus dem Reich der Unfreiheit" für alle Westdeutschen (FAZ) und das "Ende des Ossis" (Die Zeit) in der Ex-DDR markieren.
Ein Akt der Undankbarkeit auf höchster Ebene! Obwohl es für alle Delegierten kostenlose Fahrten nach Berlin, hübsche Hotelzimmer mit Frühstück und ein schönes Buffet während des Wahlaktes gab. Doch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 991 von 1.228 gültigen Stimmen hat Joachim Gauck erhalten, 126 entfielen auf seine Zählkonkurrentin Beate Klarsfeld, drei auf den rechtsextremen Kandidaten Olaf Rose. Da sich aber 108 Wahlleute enthielten, ohne dafür eine Begründung anzugeben, erreicht der neue Präsident nur eine Zustimmung von knapp über 80 Prozent - das liegt gerade mal knapp über dem Ergebnis, das Josef Stalin 1934 auf dem XVII. Parteitag der KPdSU erreichte, als er mit beleidigenden 955 von 1225 Stimmen (78 Prozent) den Sprung ins Zentralkomitee schaffte.
Was ist da los? Was geht da nur in den Köpfen vor? Der "Spiegel" nennt das Ergebnis "das ist eine überwältigende Mehrheit in der Bundesversammlung", hatte aber "die relativ hohe Zahl der Enthaltungen so nicht erwartet". "Das Ergebnis, mit dem Gauck nun doch noch Bundespräsident wurde, ist, man könnte sagen, ein demokratisches", versucht die "Zeit" dem Debakel eine positive Note abzugewinnen. Doch da der Block der demokratischen Parteien, die Gauck für den Posten im Belleveu vorgesehen hatten, insgesamt über 1.100 Mandate verfügte, bleibt die Frage, wer es war: Die SPD sagt, sie nicht. Die Grünen sagen, sie auch nicht. CDU und FDP versichern ebenfalls, wie verabredet im Block für den "glücklichen Präsidenten (Spiegel) abgestimmt zu haben.
Also Wahlfälschung, wie eine "Spiegel Online"-Überschrift aus der heißen Phase der Abstimmung vermuten lässt? Um 13.41 Uhr berichtete das stets gutinformierte Blatt im Live-Ticker zur Abstimmung davon, dass die "Auswählung der Stimmen" (Zitat: Screenshot oben) laufe. Welche Stimmen wurden dort ausgewählt? Wer wählte aus? Welche Stimmen wurden nicht berücksichtigt? Und warum nicht? Fragen, die umgehend geklärt werden müssen, soll die Wahl des früheren Volkskammerabgeordneten Joachim Gauck wirklich das erwünschte "Signal" (Merkel) zum "Aufbruch in neue Gefilde" und "Auszug aus dem Reich der Unfreiheit" für alle Westdeutschen (FAZ) und das "Ende des Ossis" (Die Zeit) in der Ex-DDR markieren.
Fremde Federn: Im Eiswind der Globalisierung
Zwischen
Passau und Paderborn, zwischen Kiel und Konstanz grummelt es in der deutschen Seele. Sie fürchtet sich vor der sozialen Kälte, beklagt den Eiswind der Globalisierung, den sie gar nicht spürt, und jammert, wie verrottet der Kapitalismus sei. Dass es ihr eigentlich gut geht - vielleicht so gut wie noch nie -, wen kümmert's? Achtundvierzig Prozent der Deutschen sind heute der Ansicht, der Kapitalismus sei nicht mehr zeitgemäß, vermeldet das Institut für Demoskopie in Allensbach. Die Gier der Banken, die Boni ihrer Banker hätten die Finanzkrise ausgelöst, in deren Folgen der Kapitalismus seine Maske verlor und uns heute mit der Fratze der Ausbeutung in Schrecken versetzt, so die allgemeine Seelenlage.
Der Wirklichkeit hält das Grundgefühl nicht stand: Im Kern ist die Euro-Krise keine Banken-, sondern eine Staatsverschuldungskrise. Und der Kapitalismus samt Globalisierung hat die Menschheit nicht ärmer, sondern reicher gemacht (was nicht heißt, dass wir unsere Hände in den Schoß legen sollten). Lebten 1990 noch 43 Prozent der Weltbevölkerung von weniger als 1,25 Dollar am Tag, so sind es heute nur noch 22,4 Prozent. 2002 lag das Bruttoinlandsprodukt der Welt - nach wie vor der Hauptindikator für den Wohlstand eines Landes - bei 33 Billionen Dollar, acht Jahre später schon bei 63 Billionen. In Deutschland hat sich der Wohlstand ebenfalls vermehrt, in den neuen Bundesländern am deutlichsten. Dort hat sich das Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen zwei Jahrzehnten verdreifacht.
Der Wirklichkeit hält das Grundgefühl nicht stand: Im Kern ist die Euro-Krise keine Banken-, sondern eine Staatsverschuldungskrise. Und der Kapitalismus samt Globalisierung hat die Menschheit nicht ärmer, sondern reicher gemacht (was nicht heißt, dass wir unsere Hände in den Schoß legen sollten). Lebten 1990 noch 43 Prozent der Weltbevölkerung von weniger als 1,25 Dollar am Tag, so sind es heute nur noch 22,4 Prozent. 2002 lag das Bruttoinlandsprodukt der Welt - nach wie vor der Hauptindikator für den Wohlstand eines Landes - bei 33 Billionen Dollar, acht Jahre später schon bei 63 Billionen. In Deutschland hat sich der Wohlstand ebenfalls vermehrt, in den neuen Bundesländern am deutlichsten. Dort hat sich das Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen zwei Jahrzehnten verdreifacht.
Sonntag, 18. März 2012
Der Wulff der Herzen
Kein Gesundheitsattest, keine Musterung, keine amtsärztliche Begutachtung. Joachim Gauck hat allein mit seinem evangelischen Charme das Kunststück fertiggebracht, die Herzen und Hirne aller Bundestagsabgeordenten der Parteien des demokratischen Blocks zu erobern. Zusätzlich unterstützt durch das Votum von mehr als sechshundert freiwilligen Wahlfrauen und -Männer aus allen Teilen der freiheitlich-demokratischen Republik übernimmt der Rostocker Pfarrer das schwere Erbe des Schnäppchen-Präsidenten Christian Wulff.
Gauck, so steht schon vorab fest, ist der Wulff der Herzen. Er war es schon, als er im ersten Anlauf nicht gewählt wurde, er ist es umso mehr, als er jetzt "alternativlos" (Merkel) kandidierte. "König Gauck" nennt ihn die demokratiebegeisterte "Süddeutsche Zeitung", nie angekommen sei die die "seltsame Gegenkandidatin" (Die Zeit) Beate Klarsfeld, analysiert die "Welt". Erich Mielke kann stolz sein, zeigt doch die "Krönungsmesse für Gauck" (WAZ), wieviel Einfluss und Macht die Staatssicherheit 22 Jahre nach ihrem offiziellen Dienstschluss ausübt. Karrieren werden hier gemacht, gestützt, befördert: Beate Klarsfeld nahm 2.000 Westmark von den Kampfgenossen im Osten als Bezahlung für die Ohrfeigenaktion, die heute als ihr Lebenswerk gilt. Joachim Gauck arbeitete gar zehn Jahre in den Diensträumen des MfS.
Eine Wahl also, die ohne die Staatssicherheit nicht denkbar wäre. Und von dieser kaum besser hätte organisiert werden können. Eine rasche absolute Mehrheit für den Kandidaten der nationalen Front erwarten Beobachter, Klarsfeld stehe ja eigentlich nur auf der Kandidatenliste, damit sich ehemalige DDR-Bürger nicht allzusehr an eine Volkskammerwahl erinnert fühlten.
Denn bei der reinen Blockabstimmung hören ja die Parallelen auch schon auf. Im Gegensatz zu Wahlen, wie sie heute noch etwa in Russland vorgespielt werden, haben in Deutschland alle Kandidaten freien und unbeschränkten Zugang zu sen Medien - weshalb auch das ZDF unter einem Bild von Klarsfeld und Gauck erwähnt, dass die "rechtsextreme NPD den Historiker Olaf Rose" nominiert habe.
Ist natürlich Quatsch. Und für die Demokratie wäre es gefährlich, verlöre irgendwer auch nur einen Satz mehr zu dieser fragwürdigen Gestalt. Bei einer PPQ-Umfrage, die seit dem Rücktritt des niedersächsischen Delegierten im Schloss Bellevue lief, zeigten sich immerhin rund 30 Prozent der Wahlfrauen und -männer überzeugt davon, dass Joachim Gauck der richtige einzige Kandidat für die Nachfolge des glücklosen Nachfolgers des glücklosen Nachfolgers von Johannes Rau. Nicht einmal 70 Prozent wandten sich gegen die Vorfestlegung eines kleinen Zirkels von Spitzenpolitikern aller führenden Parteien der alten Bundesrepublik auf Gauck.
Ein überzeugendes Votum für ein dynastisches Deutschland, für ein Vaterland, das endlich selbstbewusst auch öffentlich zurückkehrt zu Erbfolge und Elitenherrschaft. Garniert mit einigen Hofnarren wie dem Regisseur Sönke Wortmann, dem Fußballtrainer Otto Rehhabel, dem Komödianten Ingo Appelt und der Gärtnertochter Friede Springer, als deren Berufsbezeichnung häufig "Verlegerwitwe" angegeben wird, macht sich Deutschlands weltoffene Demokratie so wetterfest für die Zeiten der Krise. Meinungsvielfalt, politischer Wettbewerb, Richtungsstreit und Personaldebatten, all das schadet nur und bremst Wirtschaftsaufschwung, Energiewende und die Rückgewinnung des Vertrauens der Bevölkerung.
Alle müssen mit einer Stimme sprechen, ein Lied singen, einen Chor bilden. „Die Presse muss dazu verpflichtet werden, sich zurückzuhalten, wenn die Gefährdungslage wie jetzt hoch ist“, hatte der bekannte CDU-Internetrechtsexperte Siegfried Kauder (Nun auch noch Kindesmissbrauch im "Kaudergate") bereits vor Monaten festgelegt. Sie hält sich daran, die jubelt im Dutzend, berauscht von der eigenen Begeisterung für das große Ganze, das mehr zählt als privates Unbehagen. Bundestagspräsident Norbert Lammert mahnt die letzten Abweichler, doch ein Einsehen zu haben: Der Geist von 1848 solle zwar auch heutige Verfassungen prägen, und dazu gehöre auch die Pressefreiheit, redete er den zur Abgabe der Stimmen angetretenen Repräsentanten des Volkswillens ins Gewissen. "Aber Demokratie ist mehr als der Anspruch auf Transparenz. Demokratie braucht auch Vertrauen. Sie gründet vor allem auf dem Vertrauen in ihre Repräsentanten." Übersetzt: Wenn ständig jemand querschieße, aus dem Innenleben der Entscheidungsprozesse berichte und die großen, streng geheimen Linien der Weltpolitik öffentlich mache könne dieses notwendige blinde Vertrauen der Massen in seine führenden Repräsentanten nicht herzustellen.
Große Aufgaben für Gauck, der ab morgen liefern muss: Demokratisierung und Solidarität, Aufschwung und Integration, Freiheit und Gerechtigkeit, Vergangenheitsbewältigung und Weltfrieden.
Gauck, so steht schon vorab fest, ist der Wulff der Herzen. Er war es schon, als er im ersten Anlauf nicht gewählt wurde, er ist es umso mehr, als er jetzt "alternativlos" (Merkel) kandidierte. "König Gauck" nennt ihn die demokratiebegeisterte "Süddeutsche Zeitung", nie angekommen sei die die "seltsame Gegenkandidatin" (Die Zeit) Beate Klarsfeld, analysiert die "Welt". Erich Mielke kann stolz sein, zeigt doch die "Krönungsmesse für Gauck" (WAZ), wieviel Einfluss und Macht die Staatssicherheit 22 Jahre nach ihrem offiziellen Dienstschluss ausübt. Karrieren werden hier gemacht, gestützt, befördert: Beate Klarsfeld nahm 2.000 Westmark von den Kampfgenossen im Osten als Bezahlung für die Ohrfeigenaktion, die heute als ihr Lebenswerk gilt. Joachim Gauck arbeitete gar zehn Jahre in den Diensträumen des MfS.
Eine Wahl also, die ohne die Staatssicherheit nicht denkbar wäre. Und von dieser kaum besser hätte organisiert werden können. Eine rasche absolute Mehrheit für den Kandidaten der nationalen Front erwarten Beobachter, Klarsfeld stehe ja eigentlich nur auf der Kandidatenliste, damit sich ehemalige DDR-Bürger nicht allzusehr an eine Volkskammerwahl erinnert fühlten.
Denn bei der reinen Blockabstimmung hören ja die Parallelen auch schon auf. Im Gegensatz zu Wahlen, wie sie heute noch etwa in Russland vorgespielt werden, haben in Deutschland alle Kandidaten freien und unbeschränkten Zugang zu sen Medien - weshalb auch das ZDF unter einem Bild von Klarsfeld und Gauck erwähnt, dass die "rechtsextreme NPD den Historiker Olaf Rose" nominiert habe.
Ist natürlich Quatsch. Und für die Demokratie wäre es gefährlich, verlöre irgendwer auch nur einen Satz mehr zu dieser fragwürdigen Gestalt. Bei einer PPQ-Umfrage, die seit dem Rücktritt des niedersächsischen Delegierten im Schloss Bellevue lief, zeigten sich immerhin rund 30 Prozent der Wahlfrauen und -männer überzeugt davon, dass Joachim Gauck der richtige einzige Kandidat für die Nachfolge des glücklosen Nachfolgers des glücklosen Nachfolgers von Johannes Rau. Nicht einmal 70 Prozent wandten sich gegen die Vorfestlegung eines kleinen Zirkels von Spitzenpolitikern aller führenden Parteien der alten Bundesrepublik auf Gauck.
Ein überzeugendes Votum für ein dynastisches Deutschland, für ein Vaterland, das endlich selbstbewusst auch öffentlich zurückkehrt zu Erbfolge und Elitenherrschaft. Garniert mit einigen Hofnarren wie dem Regisseur Sönke Wortmann, dem Fußballtrainer Otto Rehhabel, dem Komödianten Ingo Appelt und der Gärtnertochter Friede Springer, als deren Berufsbezeichnung häufig "Verlegerwitwe" angegeben wird, macht sich Deutschlands weltoffene Demokratie so wetterfest für die Zeiten der Krise. Meinungsvielfalt, politischer Wettbewerb, Richtungsstreit und Personaldebatten, all das schadet nur und bremst Wirtschaftsaufschwung, Energiewende und die Rückgewinnung des Vertrauens der Bevölkerung.
Alle müssen mit einer Stimme sprechen, ein Lied singen, einen Chor bilden. „Die Presse muss dazu verpflichtet werden, sich zurückzuhalten, wenn die Gefährdungslage wie jetzt hoch ist“, hatte der bekannte CDU-Internetrechtsexperte Siegfried Kauder (Nun auch noch Kindesmissbrauch im "Kaudergate") bereits vor Monaten festgelegt. Sie hält sich daran, die jubelt im Dutzend, berauscht von der eigenen Begeisterung für das große Ganze, das mehr zählt als privates Unbehagen. Bundestagspräsident Norbert Lammert mahnt die letzten Abweichler, doch ein Einsehen zu haben: Der Geist von 1848 solle zwar auch heutige Verfassungen prägen, und dazu gehöre auch die Pressefreiheit, redete er den zur Abgabe der Stimmen angetretenen Repräsentanten des Volkswillens ins Gewissen. "Aber Demokratie ist mehr als der Anspruch auf Transparenz. Demokratie braucht auch Vertrauen. Sie gründet vor allem auf dem Vertrauen in ihre Repräsentanten." Übersetzt: Wenn ständig jemand querschieße, aus dem Innenleben der Entscheidungsprozesse berichte und die großen, streng geheimen Linien der Weltpolitik öffentlich mache könne dieses notwendige blinde Vertrauen der Massen in seine führenden Repräsentanten nicht herzustellen.
Große Aufgaben für Gauck, der ab morgen liefern muss: Demokratisierung und Solidarität, Aufschwung und Integration, Freiheit und Gerechtigkeit, Vergangenheitsbewältigung und Weltfrieden.
Es kommt doch alles, wie es soll
Die eigentlich dürftige Demonstration war traurig, weil sie etwas von der dumpfen Schicksalsergebenheit des wirklichen Volkes zeigte, das aus einem Gefühl, es kommt doch alles, wie es kommen soll, wir können da doch nichts machen, Gesetze und Entscheidungen, die es wohl ablehnte, nicht verhinderte, es nicht einmal versuchte, sondern bereit war, die Folgen zu tragen.
Die Würfel waren dann eben wieder einmal gefallen.
Wolfgang Koeppen, Das Treibhaus, 1953
Die Würfel waren dann eben wieder einmal gefallen.
Wolfgang Koeppen, Das Treibhaus, 1953
Samstag, 17. März 2012
Vor dem Aufstieg: Zeichen und Wunden
Ein bisschen schwerer ist es doch gewesen als vor sechs Monaten. Damals schickte der kriselnde Bundesliga-Verein HSV seine zweite Mannschaft als Vertretung der als Ehrengast zur Stadioneinweihung eingekauften Profitruppe an die Saale, um die echten Profis zu schonen, die Antrittsgage abzufassen und das hallesche Publikum zu verhohnepipeln. Zusätzlich nahmen sich die Norddeutschen auch noch die Freiheit, die Gastgeber lässig zu schlagen.
Eine Premiere, wie sie sein muss. Alles geht schief, damit später alles klappt. Seit dem Eröffnungsspiel hat der HFC im ehemaligen Kurt-Wabbel-Stadion, das nach einem als "Umbau" erklärten Neubau und einem Ratsschluss der Stadtoberen inzwischen "Erdgas-Park" heißen muss, nicht mehr verloren. Und schon wieder kommt die Zweite des HSV, angereist am Tag zuvor, weil der Traditionsklub das Punktspiel ernst nimmt. Nützt nicht viel: Vor 7.000 Zuschauern, die eine neu aufgebrochenen Fußballeuphorie an der Saale bezeugen, macht die Elf von Trainer Sven Köhler anno 2012 alles besser als noch 2010. Seinerzeit verdarb eine Heimniederlage gegen Hamburg schon zu Frühjahrsbeginn alle Aussichten auf eine erfolgreiche Aufholjagd zur Tabellenspitze. Diesmal ist das Spiel gerade drei Minuten alt, da hat Toni Lindenhahn getan, was er nur selten tut: Den Ball ins Netz schießen.
Das 1:0 aber lähmt. Nach einer Viertelstunde haben die Gäste, vor dem Spiel immerhin das drittbeste Auswärtsteam der Liga, das Spiel im Griff. Hamburg spielt, Halle - erstmals in dieser Saison ohne den im Gesicht verletzten Marko Hartmann - wartet auf Konter. Richtige Chancen sind Mangelware - ein Schuss von Müller geht aufs HSV-Tor, einer von Lam auf das von Darko Horvat. Spielt aber keine Rolle, denn das Stadion feiert die unterdessen luxuriöse Ausgangsposition des eigenen Vereins. Der blau lädierte Marko Hartmann zeigt auf der Tribüne seine Wunden, die Leute im eckigen Rund glauben mittlerweile wirklich Zeichen für das Aufstiegswunder zu sehen: Kiel, im ersten Anlauf vor drei Jahren noch Sieger im Aufstiegsrennen mit Halle, ist nach der Niederlage gegen Lübeck vor einer Woche vom aus eigener Kraft uneinholbaren Spitzenreiter zum Wettbewerber geworden, der aus eigener Kraft nicht mehr aufsteigen kann. Und RedBull Leipzig liegt zwar derzeit noch einen Punkt und mindestens 13 Tore vorn. Muss aber am letzten Spieltag noch hierher in die Gas-Arena.
Wie schnell die Luft dort knapp werden kann, zeigt sich gegen Hamburg. Zwanzig Minuten haben die Amateure das Spiel zumindest optisch im Griff. Vor der Pause sieht es sogar eine Sekunde nach dem Ausgleich aus, als ein Hamburger Stürmer den Ball aufs Tornetz legt und die Kurve für einen Moment aufstöhnt.
War aber nichts und wird auch nichts mehr. Nach Wiederanpfiff dauert es wie in der ersten Halbzeit drei Minuten, da fällt das zweite Tor für Halle. Telmo Texeira, der im Sommer ausgemusterte Verteidiger, der im Herbst zum Regisseur und im Winter zum Serien-Matchwinner wurde, startet kurz hinter der Mittellinie und vollendet sicher. Der Treffer aber zählt nicht, weil der Linienrichter ein Abseits gesehen haben will. Anschließend muss Darko Horvat im HFC-Tor zweimal retten, dann scheitert Texeira auf der Gegenseite aus Nahdistanz an Keeper Dehmelt. Das Stadion singt sein "Chemie - Halle", als könne es keinen Zweifel geben, wer hier heute die Punkte holt.
Nach der 83. Minute kann es die auch nicht mehr geben. Köhler hat mittlerweile Lindenhahn und Wegner rausgenommen und Mast und Preuß gebracht, Letzterer bedankt sich prompt mit einem schönen Flankenlauf nebst wunderbarer Hereingabe auf den am langen Pfosten mitgelaufenen Texeira. Der hat keine Mühe und erzielt das 2:0.
Spiel, Satz und Sieg wie immer seit September, von einer kleinen Ausnahme abgesehen. Der HFC hat noch fünf Heimspiele und nur ein Auswärtsspiel gegen eine Mannschaft auf der oberen Tabellenhälfte. Kiel spielt noch viermal zu Hause und muss noch nach Hannover (Tabellen-4.), Berlin(6.) und Plauen (8.). RedBull geht fünfmal auf Reisen, darf aber neben Berlin, Plauen und Hannover auch noch Kiel besuchen. Nach der Papierform ist die Saison also so gut wie gelaufen - und wie! Aber wie hieß es hier früher mal? Die Statistik stirbt zuletzt.
Eine Premiere, wie sie sein muss. Alles geht schief, damit später alles klappt. Seit dem Eröffnungsspiel hat der HFC im ehemaligen Kurt-Wabbel-Stadion, das nach einem als "Umbau" erklärten Neubau und einem Ratsschluss der Stadtoberen inzwischen "Erdgas-Park" heißen muss, nicht mehr verloren. Und schon wieder kommt die Zweite des HSV, angereist am Tag zuvor, weil der Traditionsklub das Punktspiel ernst nimmt. Nützt nicht viel: Vor 7.000 Zuschauern, die eine neu aufgebrochenen Fußballeuphorie an der Saale bezeugen, macht die Elf von Trainer Sven Köhler anno 2012 alles besser als noch 2010. Seinerzeit verdarb eine Heimniederlage gegen Hamburg schon zu Frühjahrsbeginn alle Aussichten auf eine erfolgreiche Aufholjagd zur Tabellenspitze. Diesmal ist das Spiel gerade drei Minuten alt, da hat Toni Lindenhahn getan, was er nur selten tut: Den Ball ins Netz schießen.
Das 1:0 aber lähmt. Nach einer Viertelstunde haben die Gäste, vor dem Spiel immerhin das drittbeste Auswärtsteam der Liga, das Spiel im Griff. Hamburg spielt, Halle - erstmals in dieser Saison ohne den im Gesicht verletzten Marko Hartmann - wartet auf Konter. Richtige Chancen sind Mangelware - ein Schuss von Müller geht aufs HSV-Tor, einer von Lam auf das von Darko Horvat. Spielt aber keine Rolle, denn das Stadion feiert die unterdessen luxuriöse Ausgangsposition des eigenen Vereins. Der blau lädierte Marko Hartmann zeigt auf der Tribüne seine Wunden, die Leute im eckigen Rund glauben mittlerweile wirklich Zeichen für das Aufstiegswunder zu sehen: Kiel, im ersten Anlauf vor drei Jahren noch Sieger im Aufstiegsrennen mit Halle, ist nach der Niederlage gegen Lübeck vor einer Woche vom aus eigener Kraft uneinholbaren Spitzenreiter zum Wettbewerber geworden, der aus eigener Kraft nicht mehr aufsteigen kann. Und RedBull Leipzig liegt zwar derzeit noch einen Punkt und mindestens 13 Tore vorn. Muss aber am letzten Spieltag noch hierher in die Gas-Arena.
Wie schnell die Luft dort knapp werden kann, zeigt sich gegen Hamburg. Zwanzig Minuten haben die Amateure das Spiel zumindest optisch im Griff. Vor der Pause sieht es sogar eine Sekunde nach dem Ausgleich aus, als ein Hamburger Stürmer den Ball aufs Tornetz legt und die Kurve für einen Moment aufstöhnt.
War aber nichts und wird auch nichts mehr. Nach Wiederanpfiff dauert es wie in der ersten Halbzeit drei Minuten, da fällt das zweite Tor für Halle. Telmo Texeira, der im Sommer ausgemusterte Verteidiger, der im Herbst zum Regisseur und im Winter zum Serien-Matchwinner wurde, startet kurz hinter der Mittellinie und vollendet sicher. Der Treffer aber zählt nicht, weil der Linienrichter ein Abseits gesehen haben will. Anschließend muss Darko Horvat im HFC-Tor zweimal retten, dann scheitert Texeira auf der Gegenseite aus Nahdistanz an Keeper Dehmelt. Das Stadion singt sein "Chemie - Halle", als könne es keinen Zweifel geben, wer hier heute die Punkte holt.
Nach der 83. Minute kann es die auch nicht mehr geben. Köhler hat mittlerweile Lindenhahn und Wegner rausgenommen und Mast und Preuß gebracht, Letzterer bedankt sich prompt mit einem schönen Flankenlauf nebst wunderbarer Hereingabe auf den am langen Pfosten mitgelaufenen Texeira. Der hat keine Mühe und erzielt das 2:0.
Spiel, Satz und Sieg wie immer seit September, von einer kleinen Ausnahme abgesehen. Der HFC hat noch fünf Heimspiele und nur ein Auswärtsspiel gegen eine Mannschaft auf der oberen Tabellenhälfte. Kiel spielt noch viermal zu Hause und muss noch nach Hannover (Tabellen-4.), Berlin(6.) und Plauen (8.). RedBull geht fünfmal auf Reisen, darf aber neben Berlin, Plauen und Hannover auch noch Kiel besuchen. Nach der Papierform ist die Saison also so gut wie gelaufen - und wie! Aber wie hieß es hier früher mal? Die Statistik stirbt zuletzt.
Bettelbrief ins Morgenland
Nasser studiert seit einem halben Jahr in der deutschen Hauptstadt. Lange hat er versucht, sein große Problem zu verschweigen. Nun aber gibt er zu Hause preis, was ihn in der Fremde quält.
Lieber Papa,
Berlin ist eine wundervolle Stadt, die Leute sind sehr nett und freundlich... Ich fühle mich wirklich sehr wohl hier. Mir ist es nur etwas peinlich, mit meinem Ferrari in die Uni zu fahren, denn fast alle Lehrer und Kommilitonen kommen mit dem Zug.
Dein Sohn Nasser
Schon am nächsten Tag bekommt Nasser Antwort von seinem Vater:
Mein lieber Sohn,
Ich habe eben 200 Millionen Dollar auf dein Konto überwiesen. Mach uns nicht lächerlich! Du gehst sofort los und kaufst dir auch so einen Zug.
In Liebe, Papa.
Lieber Papa,
Berlin ist eine wundervolle Stadt, die Leute sind sehr nett und freundlich... Ich fühle mich wirklich sehr wohl hier. Mir ist es nur etwas peinlich, mit meinem Ferrari in die Uni zu fahren, denn fast alle Lehrer und Kommilitonen kommen mit dem Zug.
Dein Sohn Nasser
Schon am nächsten Tag bekommt Nasser Antwort von seinem Vater:
Mein lieber Sohn,
Ich habe eben 200 Millionen Dollar auf dein Konto überwiesen. Mach uns nicht lächerlich! Du gehst sofort los und kaufst dir auch so einen Zug.
In Liebe, Papa.
Freitag, 16. März 2012
Wo der Nachbar Nazi ist
Jacek und Jaszmira Korneliusz wehren sich gegen Rechtsradikale in ihrer Einkaufszeile auf dem Plundermarkt in Stettin. Mit Erfolg: Seit Dienstag ist der schwarze Pullover am Eingang verschwunden. "Thor Steinar" stand darauf, damit alle Besucher gleich wussten, wer hier das Sagen hat. Und auch der Wehrmachtsdolch und der Wehrmachtshelm, die ein Stück weiter lagen, mussten auf Geheiß des Ordnungsamtes endlich entfernt werden.
Zumindest nach außen sieht der Plundermarkt in Stettin damit wieder wie ein normaler Plundermarkt in Polen - und nicht wie die Nazihochburg, die der Markt noch immer ist.
Im Bretterstand der Korneliusz´ reichen sich Journalisten die Türklinke in die Hand, sogar aus Israel und Irland waren Korrespondenten da. Vor drei Wochen wurden Jacek und Jaszmira Korneliusz beinahe von Bundespräsident Christian Wulff empfangen, dann aber trat der Deutsche zurück. Doch aus der ganzen Welt bekommen sie Zuspruch per Mail.
Der Musiker und die Schriftstellerin stehen mit einem Mal mitten in der Öffentlichkeit. Sie gelten geradezu als Musterbürger, obwohl sie doch nur ihre Ruhe haben wollten, als sie vor sechs Jahren von Olsztyn in die Großstadt gezogen sind. In die Grenzstadt Stettin, die so versteckt zwischen Swinemünde und Danzig liegt, am Ende einer alten Autobahn. Und fernab der demokratischen Normen.
Jetzt bekommen die Korneliusz´ immer wieder dieselben Fragen gestellt: Haben Sie Angst? Wie halten Sie es hier bloß aus? In einer Stadt, auf deren Markt sich ostdeutsche Neonazis mit verbotenen Pullovern, Tarnhosen und Billigzigaretten eindecken, die an den Nebenständen des Schnitzereienshops von Jacek und Jaszmira angeboten werden? "Penetrante Nachbarn sind wir gewohnt", sagt Jacek Korneliusz und lacht sarkastisch: "Wir haben fünfzehn Jahre lang in Lych gelebt."
Die letzte Razzia richtete sich wieder einmal gegen Miroslaw Radomil, einen wegen illegalen Nazihandels zwölfmal vorbestraften Pulloverhändler. Der 36-Jährige hat sich auf dem Plundermarkt sein kleines braunes Reich geschaffen. "Wir sind die Jungs fürs Grobe", lautet der Werbespruch seiner Import-Export-Firma.
Radomil gilt als besonders gewalttätig, wer kann, der geht ihm aus dem Weg. Er sei ein "gemeingefährlicher Typ", sagen Leute, die ihn kennen. Nun sitzt er in Untersuchungshaft. Gewerbsmäßige Hehlerei und Verstoß gegen das Kriegswaffen-Kontrollgesetz lauten die neuen Vorwürfe gegen ihn: Die Beamten stellten in den improvisierten Lagerkisten hinter seinem Stand Eierhandgranaten fest, die zu Tischfeuerzeugen umgebaut worden waren - und ein Lager mit Luftgewehren.
In welcher Gedankenwelt Radomil zu Hause ist, das verrät ein Blick auf sein Angebot. "Thor Steinar"-Pullover finden sich da, Londsdale-T-Shirts und Schnürstiefel. Die stets hellwachen Verkäufer schlagen an, wenn sich Passanten nähern. Von hinten ist der Verkaufsstand mit einem Drahtzaun gesichert. Das erinnert stark an ein Konzentrationslager - das soll es wohl auch.
Bei den Korneliusz mischt sich Schrecken mit Genugtuung darüber, dass Radomil vorerst eingesperrt bleibt. Ja, sie haben Angst vor ihm und seinen Kumpanen. "Sie glauben, dass der Markt ihnen gehört", sagt Jaszmira Korneliusz. Im Briefkasten hat sie mal eine tote Ratte gefunden.
Nicht nur hier haben sich Neonazis mit großer Selbstverständlichkeit breitgemacht. Das Kokettieren mit der Gewalt ist bei Männern zwischen zwanzig und vierzig in Mode: Sie rasieren sich die Köpfe und tragen Hooligan-Klamotten. Die Opfer ihrer Schikanen schweigen meist aus Angst. In zwei Nachbarmärkten sollen Rechtsextreme ebenfalls die Bevölkerung terrorisieren. Nur offen darüber reden wollen hier nicht einmal die Marktmeister: So werde alles bloß noch schlimmer, sagt einer von ihnen. Gut, räumt ein anderer ein, da gebe es die Hakenkreuz-Aschenbecher. Aber mehr sei ihm nicht bekannt.
"Hier sind viele der Meinung: Wer sich zu weit aus dem Fenster lehnt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er runterfällt", umschreibt Jacek Korneliusz das Klima in der Gegend. Er und seine Frau wagten 2007 den Schritt in die Öffentlichkeit, als ein Zeitungsbericht über den braunen Markt die Menschen aufschreckte: Nicht alle Verkäufer hinter den Ständen seien Neonazis, erklärten die Korneliusz´. Die wenigen Standnachbarn, die nicht zu Radomils Gefolgsleuten zählen, brachen danach den Kontakt zu ihnen ab. Jaszmira Korneliusz hat sogar gewisses Verständnis dafür: "Die Leute haben Angst, sich mit uns zu solidarisieren."
Zumindest nach außen sieht der Plundermarkt in Stettin damit wieder wie ein normaler Plundermarkt in Polen - und nicht wie die Nazihochburg, die der Markt noch immer ist.
Im Bretterstand der Korneliusz´ reichen sich Journalisten die Türklinke in die Hand, sogar aus Israel und Irland waren Korrespondenten da. Vor drei Wochen wurden Jacek und Jaszmira Korneliusz beinahe von Bundespräsident Christian Wulff empfangen, dann aber trat der Deutsche zurück. Doch aus der ganzen Welt bekommen sie Zuspruch per Mail.
Der Musiker und die Schriftstellerin stehen mit einem Mal mitten in der Öffentlichkeit. Sie gelten geradezu als Musterbürger, obwohl sie doch nur ihre Ruhe haben wollten, als sie vor sechs Jahren von Olsztyn in die Großstadt gezogen sind. In die Grenzstadt Stettin, die so versteckt zwischen Swinemünde und Danzig liegt, am Ende einer alten Autobahn. Und fernab der demokratischen Normen.
Jetzt bekommen die Korneliusz´ immer wieder dieselben Fragen gestellt: Haben Sie Angst? Wie halten Sie es hier bloß aus? In einer Stadt, auf deren Markt sich ostdeutsche Neonazis mit verbotenen Pullovern, Tarnhosen und Billigzigaretten eindecken, die an den Nebenständen des Schnitzereienshops von Jacek und Jaszmira angeboten werden? "Penetrante Nachbarn sind wir gewohnt", sagt Jacek Korneliusz und lacht sarkastisch: "Wir haben fünfzehn Jahre lang in Lych gelebt."
Die letzte Razzia richtete sich wieder einmal gegen Miroslaw Radomil, einen wegen illegalen Nazihandels zwölfmal vorbestraften Pulloverhändler. Der 36-Jährige hat sich auf dem Plundermarkt sein kleines braunes Reich geschaffen. "Wir sind die Jungs fürs Grobe", lautet der Werbespruch seiner Import-Export-Firma.
Radomil gilt als besonders gewalttätig, wer kann, der geht ihm aus dem Weg. Er sei ein "gemeingefährlicher Typ", sagen Leute, die ihn kennen. Nun sitzt er in Untersuchungshaft. Gewerbsmäßige Hehlerei und Verstoß gegen das Kriegswaffen-Kontrollgesetz lauten die neuen Vorwürfe gegen ihn: Die Beamten stellten in den improvisierten Lagerkisten hinter seinem Stand Eierhandgranaten fest, die zu Tischfeuerzeugen umgebaut worden waren - und ein Lager mit Luftgewehren.
In welcher Gedankenwelt Radomil zu Hause ist, das verrät ein Blick auf sein Angebot. "Thor Steinar"-Pullover finden sich da, Londsdale-T-Shirts und Schnürstiefel. Die stets hellwachen Verkäufer schlagen an, wenn sich Passanten nähern. Von hinten ist der Verkaufsstand mit einem Drahtzaun gesichert. Das erinnert stark an ein Konzentrationslager - das soll es wohl auch.
Bei den Korneliusz mischt sich Schrecken mit Genugtuung darüber, dass Radomil vorerst eingesperrt bleibt. Ja, sie haben Angst vor ihm und seinen Kumpanen. "Sie glauben, dass der Markt ihnen gehört", sagt Jaszmira Korneliusz. Im Briefkasten hat sie mal eine tote Ratte gefunden.
Nicht nur hier haben sich Neonazis mit großer Selbstverständlichkeit breitgemacht. Das Kokettieren mit der Gewalt ist bei Männern zwischen zwanzig und vierzig in Mode: Sie rasieren sich die Köpfe und tragen Hooligan-Klamotten. Die Opfer ihrer Schikanen schweigen meist aus Angst. In zwei Nachbarmärkten sollen Rechtsextreme ebenfalls die Bevölkerung terrorisieren. Nur offen darüber reden wollen hier nicht einmal die Marktmeister: So werde alles bloß noch schlimmer, sagt einer von ihnen. Gut, räumt ein anderer ein, da gebe es die Hakenkreuz-Aschenbecher. Aber mehr sei ihm nicht bekannt.
"Hier sind viele der Meinung: Wer sich zu weit aus dem Fenster lehnt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er runterfällt", umschreibt Jacek Korneliusz das Klima in der Gegend. Er und seine Frau wagten 2007 den Schritt in die Öffentlichkeit, als ein Zeitungsbericht über den braunen Markt die Menschen aufschreckte: Nicht alle Verkäufer hinter den Ständen seien Neonazis, erklärten die Korneliusz´. Die wenigen Standnachbarn, die nicht zu Radomils Gefolgsleuten zählen, brachen danach den Kontakt zu ihnen ab. Jaszmira Korneliusz hat sogar gewisses Verständnis dafür: "Die Leute haben Angst, sich mit uns zu solidarisieren."
Fünf Jahre PPQ: Der süße Brei
Es waren die Tage, als die Sozialdemokratie in Berlin auch dem Namen nach noch mitregierte. Als Kurt "Mecki" Beck die Arbeiterbewegung zu neuen Höhen führte, Andrea Ypsilanti beinahe Ministerpräsidentin wurde, als Guido Westerwelle Außenminister werden und Angela Merkel Kanzler bleiben wollte. Griechenland war ein verlässlicher EU-Partner, deutsche Landesbanken finanzierten zum Wohlgefallen ihres staatlichen Aufsehers Peer Steinbrück mit Milliarden den amerikanischen Eigenheimbau. Es gab keinerlei Inflationsgefahren, keine Rettungspakete, keine Rettungsschirme. Nicht einmal das Wort war erfunden. George Bush war ein Ekel, der Dalai Lama ein fleischgewordenes Friedenssymbol. Benzin kostete 1,29. Der deutsche Nationalmannschaftskapitän hieß Michael Ballack, er kam aus Karl-Marx-Stadt. Der Bundespräsident hieß Horst Köhler, er kam aus dem polnischen Skierbieszów.
Die Welt war überschaubar, der Wahnsinn alltäglich. Jeweils im Februar kam der Jammer über den vielen Schnee oder der über die zunehmende Klimaerwärmung. Im März folgte der ADAC-Tunneltest. Die "Blume des Jahres" wurde gekürt und der Grammy verliehen. Der Dow Jones stand bei 12.500 Punkten, der Dax bei 6575. Christian Wulff wollte Bundeskanzler werden. Sigmar Gabriel das Etikett des Pop-Beauftragten der SPD loswerden. Nokia baute Handys in Bochum, obwohl Schimanski früher in Duisburg auf Streife war. Medien maulten über die Regierung. Über die immer weiter aufklaffende "Schere zwischen arm und reich", danach kam immer der ADAC-Raststättentest, anschließend sickerte vorab durch, dass die Zahl der rechtsextremen Straftaten neue Rekordhöhen erreicht hatte. Und danach wählten 17 bedeutende Umweltverbände den "Käfer des Jahres".
Es war höchste Zeit, "den alltäglichen Wahnsinn gebührend zu feiern", wie es am 16. März vor fünf Jahren im ersten Post hier bei PPQ hieß. Seitdem folgten 6423 weitere Notizen zum Zeitgeschehen, die bis heute rund 1,5 Millionen Leser fanden. Die hinterließen mehr als 15.000 Kommentare, meist ergänzend, erbauend und bildend. PPQ wird, aus Rechtsgründen als US-amerikanisches Webangebot für Auslandsdeutsche in Indonesien, Nepal und Bratislava gestartet, zumeist in Deutschland gelesen - zwar gibt es darüber nur fragmentarische Statistiken, doch rund eine Million Leser stammte aus dem Stammland der deutschen Sozialdemokratie. Etwa 200.000 verliefen sich aber auch in einer Vorwegnahme des Paares Merkozy aus Frankreich hierher, fast 100.000 lasen aus den USA mit, Österreicher, Schweizer und Norweger stellten weitere 100.000 Leser. China hatte PPQ zwar recht schnell entdeckt und gesperrt, doch auch von hier kamen 5.000 Bürgerrechtler auf der Suche nach der Tageswahrheit.
Die Achse Berlin-Paris steht, hier im Internet steht sie. Doch der Versuch, eine kleine Taschenlampe der Erkenntnis in den großen, dunklen Tunnel der allgegenwärtigen Verdummung zu richten, muss dennoch als gescheitert angesehen werden.
Weder ist es bis heute gelungen, den ADAC-Fährentest zu verhindern, noch konnte kein adäquater Ersatz für Kurt Beck gefunden werden noch gibt es Zweifel an Angela Merkels Kanzlerschaft. Gemeinsam mit vielen ehrlichen Menschen in ganz Europa gelang es auch PPQ, Griechenland und damit den Euro und damit Europa zu retten. Das liberale Webportal freiheit.org zeichnete PPQ für den Mauerbau aus. Franz Müntefering wechselte in den Ruhestand, Noka nach Rumänien, Kurt Beck, dem Mecki-Igel der Arbeiterbewegung, gelang es, von einer parteieigenen Konterrevolution gestürzt zu werden, ehe er über seine eigenen Füße fiel.
Auch ein Erfolg, aber beileibe nicht der imposanteste. Richtig Wellen machten PPQ-Autoren immer, wenn sie versuchten, das Niveau der gebotenen Inhalte nach unten abzustecken. Leser, die sich hierher verirren, benutzen zumeist den Firefox-Browser, weniger oft den Internet Explorer, seltener Googles Chrome und nur sehr selten Safari und Opera. Am häufigsten auf der Suche aber sind sie nach Heidi Klum nackt, Paris Hilton im Volksgefängnis und einem enigmatischen Text zum deutschlandweiten Badehosenverbot aus dem Jahre 2009. Knapp dahinter liegen der formidable Verschwörungsentwurf "Hades-Plan" zur deutschen Eroberung der Europaherrschaft
Gut so, "wenn schnöde Fleischeslust über intellektuelles Gegacker siegt, wenn nackte Tatsachen mehr zählen als tausend Rußfilterreden von gescheiterten Popbeauftragten, angehenden Ex-Kanzlerkandidaten, Knutbären und linkisch auswärtsschlafenden Verbraucherschutzministern", hieß es zum vorjährigen 4. PPQ-Geburtstag, der das große Abenteuer Alltagsangst mit einem epischen Hymnus auf Abgeltungssteuern, libysche Freiheitskämpfer, Google Street View und den seinerzeit größten Popstar des Planeten feierte, der - die Älteren erinnern sich - für etwa fünf Minuten "Lady Gaga" hieß.
Den Menschen, die hier mitbuchstabieren, geht es um Drogen, um Kriminalität, um geheime Doppelgänger und Keramikfliesen, um alte Männer und neue Skandale, um Politikererfahrungen mit selbstgetopften Eigen-Exkrementen, es geht um Börsenkurse und käufliche Liebe, um Milliardenverschwendung durch die Bundesbank, um den tiefen Blick eines Experten namens Dr. Dieter Wiefelspütz in die tiefsten Tiefen des Internet und natürlich um unterklassigen Vereinsfußball, der ohne Fernsehoperette auskommt. Verbrechen, das zeigen die Statistiken stabil an, lohnt sich doch: Das ist Deutschland von innen, ein Land auf der Suche nach "Neppern, Schleppern und Bauernfängern" (ARD) nach Grundeinkommen und Entblößungsbereitschaft, schamlos in der Nahaufnahme und getrieben abwechselnd von der Furcht vor Stasi, Steuerbehörde und "Spekulanten" (Müntefering).
Nichts ändert sich wirklich, der nächste Weltuntergang ist immer der schlimmste, der vor von Jahren eingerichtete Endzeit-Ticker zeigt inzwischen nur noch drei Jahre Restlaufzeit. Die Zeichen mehren sich, dass es so kommen könnte. Denn während die zusehends bewusstlosen Leitmedien in diesem Jahr darüber klagen, dass jeder Deutsche statistisch gesehen jährlich 82 Kilogramm Lebensmittel wegwirft, ohne zu erwähnen, dass sie im vergangenen Jahr noch klagten, dass jeder Deutsche etwa 150 Kilogramm im Jahr ungegessen vernichtet, quillt der süße Brei der Besinnungslosigkeit längst auch abseits von Tunnel-, Raststätten- und Fährentest. Der Bürger will es so, Wulff weg und doch war der ein guter Mann, Merkel soll führen, aber am besten in 82 Millionen verschiedene Richtungen.
PPQ-Leser haben sich daran gewöhnt, alle anderen suchen hier meist Dinge, die es gar nicht gibt. Eine Zeitlang ganz vorn in der Trefferliste, die Unbedarfte auf unser kleines Webangebot lockte, war der Begriff "jouporn.com". Auch nach einem "pahris hilton viedeo" wurde häufig gesucht. Zuletzt ging es oft um "Duschen Altersheim", "Ritzen Oberschenkel", "chenesische frauen mit titen und nackt" und "Gerd Scrobel schwul". Obwohl der Mann "Gert" heißt und nicht wie der Gas-Kanzler. Und Scobel ohne r.
Eine Übung in Vergeblichkeit, wie auch der Blick auf Dax und Dow zeigt. In fünf Jahren ist der erstere um ganze 569 Punkte gestiegen, ganze 0,3 Punkte am Tag. Der Dow brachte es auf ganze 500 Punkte plus, prozentual gesehen sogar nur halb so viel. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter, die Deutschen sind so reich wie nie, sie telefonieren mit Handys, die so viel kosten wie vor fünf Jahren ihre Computer und klagen, dass es so nicht weitergehen kann. Apple ist die wertvollste Firma der Welt, Gaddafi nicht mehr im Amt. Syrien muss noch befreit werden und wir fahren zum Grand Prix nach Baku. Der Klimawandel ist kein Thema mehr, aber alle Rettungspakete sind verabschiedet. Benzin kostet 1,69 Euro, ein Viertel mehr als vor fünf Jahren. Inflationsgefahren sind selbstverständlich weiter nicht in Sicht. Der junge Mann im Video oben singt ganz zum Schluss: "Your first sin was a lie you told yourself".
Auf die nächsten fünf.
Für Vorschläge, Hinweise, Glückwünsche und Bombendrohungen bitte die Kommentarspalte nutzen.
Paris checkt vorzeitig aus
Millionenerbin im Volksgefängnis
Von Ewigkeit zu Ewigkeit
Der Doktor und das liebe Vieh
Sex sells, Blasen bildet
Pack raubt die Punkte
Der Hades-Plan zur Machtübernahme
Eva Herman nackt
Lehman-Opfer Bundesbank
Die Welt war überschaubar, der Wahnsinn alltäglich. Jeweils im Februar kam der Jammer über den vielen Schnee oder der über die zunehmende Klimaerwärmung. Im März folgte der ADAC-Tunneltest. Die "Blume des Jahres" wurde gekürt und der Grammy verliehen. Der Dow Jones stand bei 12.500 Punkten, der Dax bei 6575. Christian Wulff wollte Bundeskanzler werden. Sigmar Gabriel das Etikett des Pop-Beauftragten der SPD loswerden. Nokia baute Handys in Bochum, obwohl Schimanski früher in Duisburg auf Streife war. Medien maulten über die Regierung. Über die immer weiter aufklaffende "Schere zwischen arm und reich", danach kam immer der ADAC-Raststättentest, anschließend sickerte vorab durch, dass die Zahl der rechtsextremen Straftaten neue Rekordhöhen erreicht hatte. Und danach wählten 17 bedeutende Umweltverbände den "Käfer des Jahres".
Es war höchste Zeit, "den alltäglichen Wahnsinn gebührend zu feiern", wie es am 16. März vor fünf Jahren im ersten Post hier bei PPQ hieß. Seitdem folgten 6423 weitere Notizen zum Zeitgeschehen, die bis heute rund 1,5 Millionen Leser fanden. Die hinterließen mehr als 15.000 Kommentare, meist ergänzend, erbauend und bildend. PPQ wird, aus Rechtsgründen als US-amerikanisches Webangebot für Auslandsdeutsche in Indonesien, Nepal und Bratislava gestartet, zumeist in Deutschland gelesen - zwar gibt es darüber nur fragmentarische Statistiken, doch rund eine Million Leser stammte aus dem Stammland der deutschen Sozialdemokratie. Etwa 200.000 verliefen sich aber auch in einer Vorwegnahme des Paares Merkozy aus Frankreich hierher, fast 100.000 lasen aus den USA mit, Österreicher, Schweizer und Norweger stellten weitere 100.000 Leser. China hatte PPQ zwar recht schnell entdeckt und gesperrt, doch auch von hier kamen 5.000 Bürgerrechtler auf der Suche nach der Tageswahrheit.
Die Achse Berlin-Paris steht, hier im Internet steht sie. Doch der Versuch, eine kleine Taschenlampe der Erkenntnis in den großen, dunklen Tunnel der allgegenwärtigen Verdummung zu richten, muss dennoch als gescheitert angesehen werden.
Weder ist es bis heute gelungen, den ADAC-Fährentest zu verhindern, noch konnte kein adäquater Ersatz für Kurt Beck gefunden werden noch gibt es Zweifel an Angela Merkels Kanzlerschaft. Gemeinsam mit vielen ehrlichen Menschen in ganz Europa gelang es auch PPQ, Griechenland und damit den Euro und damit Europa zu retten. Das liberale Webportal freiheit.org zeichnete PPQ für den Mauerbau aus. Franz Müntefering wechselte in den Ruhestand, Noka nach Rumänien, Kurt Beck, dem Mecki-Igel der Arbeiterbewegung, gelang es, von einer parteieigenen Konterrevolution gestürzt zu werden, ehe er über seine eigenen Füße fiel.
Auch ein Erfolg, aber beileibe nicht der imposanteste. Richtig Wellen machten PPQ-Autoren immer, wenn sie versuchten, das Niveau der gebotenen Inhalte nach unten abzustecken. Leser, die sich hierher verirren, benutzen zumeist den Firefox-Browser, weniger oft den Internet Explorer, seltener Googles Chrome und nur sehr selten Safari und Opera. Am häufigsten auf der Suche aber sind sie nach Heidi Klum nackt, Paris Hilton im Volksgefängnis und einem enigmatischen Text zum deutschlandweiten Badehosenverbot aus dem Jahre 2009. Knapp dahinter liegen der formidable Verschwörungsentwurf "Hades-Plan" zur deutschen Eroberung der Europaherrschaft
Gut so, "wenn schnöde Fleischeslust über intellektuelles Gegacker siegt, wenn nackte Tatsachen mehr zählen als tausend Rußfilterreden von gescheiterten Popbeauftragten, angehenden Ex-Kanzlerkandidaten, Knutbären und linkisch auswärtsschlafenden Verbraucherschutzministern", hieß es zum vorjährigen 4. PPQ-Geburtstag, der das große Abenteuer Alltagsangst mit einem epischen Hymnus auf Abgeltungssteuern, libysche Freiheitskämpfer, Google Street View und den seinerzeit größten Popstar des Planeten feierte, der - die Älteren erinnern sich - für etwa fünf Minuten "Lady Gaga" hieß.
Den Menschen, die hier mitbuchstabieren, geht es um Drogen, um Kriminalität, um geheime Doppelgänger und Keramikfliesen, um alte Männer und neue Skandale, um Politikererfahrungen mit selbstgetopften Eigen-Exkrementen, es geht um Börsenkurse und käufliche Liebe, um Milliardenverschwendung durch die Bundesbank, um den tiefen Blick eines Experten namens Dr. Dieter Wiefelspütz in die tiefsten Tiefen des Internet und natürlich um unterklassigen Vereinsfußball, der ohne Fernsehoperette auskommt. Verbrechen, das zeigen die Statistiken stabil an, lohnt sich doch: Das ist Deutschland von innen, ein Land auf der Suche nach "Neppern, Schleppern und Bauernfängern" (ARD) nach Grundeinkommen und Entblößungsbereitschaft, schamlos in der Nahaufnahme und getrieben abwechselnd von der Furcht vor Stasi, Steuerbehörde und "Spekulanten" (Müntefering).
Nichts ändert sich wirklich, der nächste Weltuntergang ist immer der schlimmste, der vor von Jahren eingerichtete Endzeit-Ticker zeigt inzwischen nur noch drei Jahre Restlaufzeit. Die Zeichen mehren sich, dass es so kommen könnte. Denn während die zusehends bewusstlosen Leitmedien in diesem Jahr darüber klagen, dass jeder Deutsche statistisch gesehen jährlich 82 Kilogramm Lebensmittel wegwirft, ohne zu erwähnen, dass sie im vergangenen Jahr noch klagten, dass jeder Deutsche etwa 150 Kilogramm im Jahr ungegessen vernichtet, quillt der süße Brei der Besinnungslosigkeit längst auch abseits von Tunnel-, Raststätten- und Fährentest. Der Bürger will es so, Wulff weg und doch war der ein guter Mann, Merkel soll führen, aber am besten in 82 Millionen verschiedene Richtungen.
PPQ-Leser haben sich daran gewöhnt, alle anderen suchen hier meist Dinge, die es gar nicht gibt. Eine Zeitlang ganz vorn in der Trefferliste, die Unbedarfte auf unser kleines Webangebot lockte, war der Begriff "jouporn.com". Auch nach einem "pahris hilton viedeo" wurde häufig gesucht. Zuletzt ging es oft um "Duschen Altersheim", "Ritzen Oberschenkel", "chenesische frauen mit titen und nackt" und "Gerd Scrobel schwul". Obwohl der Mann "Gert" heißt und nicht wie der Gas-Kanzler. Und Scobel ohne r.
Eine Übung in Vergeblichkeit, wie auch der Blick auf Dax und Dow zeigt. In fünf Jahren ist der erstere um ganze 569 Punkte gestiegen, ganze 0,3 Punkte am Tag. Der Dow brachte es auf ganze 500 Punkte plus, prozentual gesehen sogar nur halb so viel. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter, die Deutschen sind so reich wie nie, sie telefonieren mit Handys, die so viel kosten wie vor fünf Jahren ihre Computer und klagen, dass es so nicht weitergehen kann. Apple ist die wertvollste Firma der Welt, Gaddafi nicht mehr im Amt. Syrien muss noch befreit werden und wir fahren zum Grand Prix nach Baku. Der Klimawandel ist kein Thema mehr, aber alle Rettungspakete sind verabschiedet. Benzin kostet 1,69 Euro, ein Viertel mehr als vor fünf Jahren. Inflationsgefahren sind selbstverständlich weiter nicht in Sicht. Der junge Mann im Video oben singt ganz zum Schluss: "Your first sin was a lie you told yourself".
Auf die nächsten fünf.
Für Vorschläge, Hinweise, Glückwünsche und Bombendrohungen bitte die Kommentarspalte nutzen.
Paris checkt vorzeitig aus
Millionenerbin im Volksgefängnis
Von Ewigkeit zu Ewigkeit
Der Doktor und das liebe Vieh
Sex sells, Blasen bildet
Pack raubt die Punkte
Der Hades-Plan zur Machtübernahme
Eva Herman nackt
Lehman-Opfer Bundesbank
Donnerstag, 15. März 2012
Wer hat es gesagt?
Schöner Götterfunken
Eine wirklich beeindruckende Freude, diesen jungen Leuten beim Musizieren zuzusehen. Wie die Haare fliegen! Wie die Gitarren wackeln! Wie das Schlagzeug bebt! Als habe sich Kurt Cobain nie erschossen in jener Garage in Seattle, rotzt Ritzy Bryan mit ihrer Band The Joy Formidable rohen Grungerock auf ein Publikum, dem bei Wales bis dahin vielleicht nur Tom Jones eingefallen ist.
Weltruhm gibt es natürlich nicht für diese Art Musik, die neu, zugleich aber alt, andererseits aber nicht alt genug ist, um in irgendeinem Aspekt überraschend zu wirken. Zu Hause auf der Insel können die drei offenbar aber irgendwie auch noch davon leben, wunderbare Zeilen zu singen wie „A bridge splits November's sky, I'm in two halves inside“.
Weltruhm gibt es natürlich nicht für diese Art Musik, die neu, zugleich aber alt, andererseits aber nicht alt genug ist, um in irgendeinem Aspekt überraschend zu wirken. Zu Hause auf der Insel können die drei offenbar aber irgendwie auch noch davon leben, wunderbare Zeilen zu singen wie „A bridge splits November's sky, I'm in two halves inside“.
Wiedergeboren als Gauck-Nachfolger
Seit Jahren schon fragen sich Experten, wie unsere Prominenten das machen: Hier den Job als Ministerpräsident, dort noch den als Literat nebenbei. Hier die Kanzlerschaft, dort das Amt als Europaretter. Hier Untergrundsänger, nebenbei aber auch auf großen Bühnen unterwegs. Oder Spitzenkandidat der CDU und gleichzeitig König des Balkanpop in diversen Hitparaden.
Auch Thomas M. Stein (oben rechts) leistet eine solche Karriere: Der frühere Großmanager bei früheren großen deutschen Plattenfirmen avancierte nach seinem Abschied aus dem Musikgeschäft zu Adlatus des notorischen Talentesuchers Dieter Bohlen, dem er dabei half, das Grauen der Modern-Talking-Musik mit Hilfe neuer, willfähriger Handlanger adäquat in die Ewigkeit zu verlängern. Doch später fiel Stein, der das Initial "M" für Michael zugunsten größerer Schnittigkeit abgelegt hat, in Ungnade, er musste sich dann lange als Gast bei "Die ultimative Chartshow" und als sogenannter "Juror" bei "Popstars" verdingen.
Eine dauerhafte Festanstellung hat Stein erst wieder seit einem Jahr. Damals entschloss sich der glücklose Juror, auch den Rest seines Namens zu ändern. Aus "Thomas" wurde "Roland", aus "Stein" wurde "Jahn", als Roland Jahn (oben links) gab Thomas Stein nun an, nicht mehr 1949 in Stuttgart, sondern 1953 in Jena geboren worden zu sein. In der DDR, so seine neue Biografie, habe er im Widerstand gegen das Honecker-Regime gekämpft, im Gefängnis gesessen und unter Stasi-Repressalien gelitten.
Eine Geschichte, die postwendend verfing. Als der Bundestag einen Nachfolger für die Nachfolgerin des neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck suchte, stießen die Juroren schnell auf Roland Jahn, dessen makellose Geschichte auch die Kanzlerin überzeugte, die wichtige Posten bei Hofe bis heute selbst vergibt. Thomas Stein bekam den Posten als Stasi-Unterlagenbeauftragter. Er ist der erste Westdeutsche, der das Aktenerbe des Unrechtsstaates DDR verwaltet. Ein Stück Normalität im neuen Deutschland: Die Kanzlerin eine Übersiedlerin aus dem Westen. Der Bundespräsident ein Sohn eines NSDAP-Mitglieds aus Norddeutschland. Der Stasi-Beauftragte ein Schwabe mit Rock'n'Roll-Erfahrungen.
Auch Thomas M. Stein (oben rechts) leistet eine solche Karriere: Der frühere Großmanager bei früheren großen deutschen Plattenfirmen avancierte nach seinem Abschied aus dem Musikgeschäft zu Adlatus des notorischen Talentesuchers Dieter Bohlen, dem er dabei half, das Grauen der Modern-Talking-Musik mit Hilfe neuer, willfähriger Handlanger adäquat in die Ewigkeit zu verlängern. Doch später fiel Stein, der das Initial "M" für Michael zugunsten größerer Schnittigkeit abgelegt hat, in Ungnade, er musste sich dann lange als Gast bei "Die ultimative Chartshow" und als sogenannter "Juror" bei "Popstars" verdingen.
Eine dauerhafte Festanstellung hat Stein erst wieder seit einem Jahr. Damals entschloss sich der glücklose Juror, auch den Rest seines Namens zu ändern. Aus "Thomas" wurde "Roland", aus "Stein" wurde "Jahn", als Roland Jahn (oben links) gab Thomas Stein nun an, nicht mehr 1949 in Stuttgart, sondern 1953 in Jena geboren worden zu sein. In der DDR, so seine neue Biografie, habe er im Widerstand gegen das Honecker-Regime gekämpft, im Gefängnis gesessen und unter Stasi-Repressalien gelitten.
Eine Geschichte, die postwendend verfing. Als der Bundestag einen Nachfolger für die Nachfolgerin des neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck suchte, stießen die Juroren schnell auf Roland Jahn, dessen makellose Geschichte auch die Kanzlerin überzeugte, die wichtige Posten bei Hofe bis heute selbst vergibt. Thomas Stein bekam den Posten als Stasi-Unterlagenbeauftragter. Er ist der erste Westdeutsche, der das Aktenerbe des Unrechtsstaates DDR verwaltet. Ein Stück Normalität im neuen Deutschland: Die Kanzlerin eine Übersiedlerin aus dem Westen. Der Bundespräsident ein Sohn eines NSDAP-Mitglieds aus Norddeutschland. Der Stasi-Beauftragte ein Schwabe mit Rock'n'Roll-Erfahrungen.
Mittwoch, 14. März 2012
Es war nicht alles Brecht IV
Ich dürfte nicht sein
wie ich bin
dürfte nicht tun
was ich tue
Keinen Millimeter gehen
dürfte ich den ausgetretenen Pfad
Leben
kein Wort verlieren
im schwanzlosen Schweigen
ringsum
ginge es nach mir
ginge es nach mir
ginge es nach mir
Zur realsozialistischen Volkskunstserie Nein, es war nicht alles Brecht
wie ich bin
dürfte nicht tun
was ich tue
Keinen Millimeter gehen
dürfte ich den ausgetretenen Pfad
Leben
kein Wort verlieren
im schwanzlosen Schweigen
ringsum
ginge es nach mir
ginge es nach mir
ginge es nach mir
Zur realsozialistischen Volkskunstserie Nein, es war nicht alles Brecht
Immer mehr Arme immer reicher
Als wäre das alles nicht schon schrecklich genug und eindeutiger Beleg dafür, dass der Deutsche jenseits des Jahres 2000 gezwungen ist, in einer durchweg lebensfeindlichen Umwelt zu vergetieren, schlimmer dran als seine vom Feudalherren gequälten Ururureltern und die Ureltern, die in dünnen Stiefeln bis nach Moskau marschieren mussten, legt die Bundesbank mit einer Art trotzigem Reststolz nun auch noch Zahlen zum vermeintlichen Reichtum im Lande vor. Denen zufolge werden die Menschen in Deutschland immer reicher: Ihr Geldvermögen soll im ersten Quartal 2011 auf einen neuen Höchstwert geklettert sein, weil Bankeinlagen, Wertpapieren und Ansprüchen gegenüber Versicherungen "kräftige Zuwächse" verzeichnet hätten. Insgesamt verfügten die deutschen Privathaushalte nun über ein Geldvermögen von 4,825 Billionen Euro - 40 Milliarden Euro mehr als Ende 2010 und 203 Milliarden Euro (4,4 Prozent) mehr als ein Jahr zuvor.
In dieser fragwürdigen Statistik, die allen Bemühungen, Deutschland arm zu rechnen, Hohn spricht, sind Immobilienvermögen und Sachwerte nicht enthalten. Dennoch verfügen die Deutschen damit über Guthaben, die um weit mehr als das Doppelte über den Verbindlichkeiten ihres Staates liegen. Selbst wenn die privaten Schulden bei Banken und Versicherungen in Höhe von 1,5 Billionen Euro abgerechnet werden, könnten die Deutschen, wenn sie wollten oder müssten, alle bis heute aufgelaufenen Staatsschulden mit einem Schlag ablösen. Das sparte allen Steuerzahler jährlich 35 Milliarden Euro Zinszahlungen und, nach den früheren Projektionen des Finanzministeriums, dass die deutschen Staatsschulden um jährlich 10 Milliarden abbauen wollte, damit in den nächsten 200 Jahren eine Gesamtsumme von sieben Billionen Euro.
Ein gutes Geschäft eigentlich - und gute Geschäfte wittern die Deutschen mit der feinen Nasen geborener Spekulanten. Ohne dass je ein Politiker dies als Spekulation bezeichnen würde, haben die Deutschen die wachsende Unsicherheit über die Kreditwürdigkeit verschiedener Euro-Länder mit entschlossenen und massenhaften Verkäufen entsprechender Papiere beantwortet. Raus aus Staatsanleihen, rein festverzinsliche Wertpapiere und Geldmarktfonds. Diese verzeichneten im letzten Quartal Nettozuflüsse von 2,7 Milliarden Euro. Mit Ausnahme einiger krisenbedingter Dellen häuften die Deutschen, die immer ärmer werden, damit seit 1991 beinahe beständig mehr Geldvermögen an. Damals hatte verfügten die privaten Haushalte noch über Guthaben von 1,8 Billionen Euro, zehn Jahre später waren es knapp 3,5 Billionen und jetzt sind es 4,6. Beste Voraussetzungen, in Zukunft rasant zu verarmen.
Schere zwischen Arm immer reicher
Dienstag, 13. März 2012
Fliesen in der Fremde
Daheim in Halle kann der legendäre Kachelmann von der Saale seine wunderbaren Untergrund-Kunstwerke kaum so schnell kleben, wie sie ihm die kulturlosen Kunstaufseher in der Stadtverwaltung mit Baggerkraft von den Wänden reißen. In der Fremde aber, nur wenige Kilometer weiter südlich in Sachsen, gilt Kachel Gott als Fliesen-Messias: Leipzig, wo schon Goethe glückliche Tage verlebte, bietet dem begnadeten Alleinunterhalter willig Asyl für seine Keramik-Bilder zu aktuell-politischen Themen.
Der Mann, der bis heute anonym geblieben ist, dankt es der Pleiße-Stadt, die sonst stets im Schatten der Kulturhauptstadt von Sachsen-Anhalt steht. Mit einer besonders aufwendigen Installation, die fast schon Beuys'sche Vertracktheit erreicht, verblüfft der große Unbekannte aus Mitteldeutschland Kacheleologen aus aller Welt. Subtil kombiniert die kleine Vollbacksteinplatte lebensfrohe Farbgebung und das Kleingeld, das seit Jahren bei der Griechenlandrettung fehlt. Bewunderer versammeln sich hier, Touristen fotografieren und lassen sich mit der sogenannten Euro-Fliese fotografieren, um ihren Liebsten zu Hause zu zeigen, wieviel Kultur der Osten Deutschlands auch nach fast 80 Jahren wechselnder Diktaturen noch zu bieten hat. Eine Ohrfeige für die Verantwortlichen im Rathaus der Heimatstadt des Kachelmannes!
Eigene Funde können wie stets direkt an politplatschquatsch@gmail.com geleitet werden, jeder Fund wird von uns auf Wunsch mit einem mundnachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert.
Der Kampf um die Kachelkunst :
Leise flieseln im Schnee
Verehrte Winkel-Fliese
Fliesenkünstler im eigenen Land
Kanonen auf Kacheln
Antifaschisten im Fliesen-Ferrari
Der Mann, der bis heute anonym geblieben ist, dankt es der Pleiße-Stadt, die sonst stets im Schatten der Kulturhauptstadt von Sachsen-Anhalt steht. Mit einer besonders aufwendigen Installation, die fast schon Beuys'sche Vertracktheit erreicht, verblüfft der große Unbekannte aus Mitteldeutschland Kacheleologen aus aller Welt. Subtil kombiniert die kleine Vollbacksteinplatte lebensfrohe Farbgebung und das Kleingeld, das seit Jahren bei der Griechenlandrettung fehlt. Bewunderer versammeln sich hier, Touristen fotografieren und lassen sich mit der sogenannten Euro-Fliese fotografieren, um ihren Liebsten zu Hause zu zeigen, wieviel Kultur der Osten Deutschlands auch nach fast 80 Jahren wechselnder Diktaturen noch zu bieten hat. Eine Ohrfeige für die Verantwortlichen im Rathaus der Heimatstadt des Kachelmannes!
Eigene Funde können wie stets direkt an politplatschquatsch@gmail.com geleitet werden, jeder Fund wird von uns auf Wunsch mit einem mundnachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert.
Der Kampf um die Kachelkunst :
Leise flieseln im Schnee
Verehrte Winkel-Fliese
Fliesenkünstler im eigenen Land
Kanonen auf Kacheln
Antifaschisten im Fliesen-Ferrari
Heimatgeschichte: Nie mehr zum Friseur
Man weiß ja noch genau, wie das alles angefangen hat. “Auf einmal wollten sie nicht mehr zum Friseur gehen“, erinnert sich die Dame beim Kaufmann, die der stets unterschätzte Adolf Winkelmann in seinem bis heute nicht Oscar-prämierten Road-Movie „Die Abfahrer“ zu Wort kommen lässt. Die Älteren erinnern sich: Verkäuferinnen trugen Haarreifen und Blümchenschürze, an den riesigen Registrierkassen glühten blutrote Leuchtdioden und der Käse lag vor großräumig gemusterter Tapete auf kleinen Beistelltischchen.
Ja, womit fing das alles an? Erst wollten sie nicht mehr zum Friseur, dann nicht mehr Maurer, Bergmann und Stahlgießer werden. Gab es Mitte der 60er Jahre noch höchstens 30 professionelle Rockbands im Land, die auch gleich den Popbereich mit abdeckten, waren es zehn Jahre später schon 200. So wenige nur, würde man heute sagen. Denn noch einmal 40 Jahre danach ist die Zahl der Menschen, die allein in Deutschland von Popmusik leben wollen und den Anspruch haben, dass die Gesellschaft ihnen das ermöglichen müsse, förmlich explodiert. Zwar war eine ganze Generation zwischendurch doch wieder beim Friseur. Doch mit dem Barmen um den Umstand, dass mit Musik nichts mehr zu verdienen ist, ist die Zahl der Bands, die das erstmal selbst erleben möchten, auf handgeschätzte 5.000 gestiegen.
„Rumtattat, rumtattata, das hat doch nichts mehr mit Musik zu tun!“, empörte sich die ältere Dame bei Winkelmann, die heute als guterhaltene Mittdreißigerin durchgehen würde. Damals machten die Frisuren alle Menschen alt, und natürlich ihre anstrengende Tätigkeit als Mauer, Bergmann und Stahlgießer. Die Häuser waren im Westen grau wie im Osten, die Straßen eng, die Fenster klein, die Autos alt und Türen quietschten. Im Regal Pril und Mondamin, Kraft Schaschlik-Soße und frische Eier aus Käfighaltung. Eine Montanrepublik, deren Demokratie auf dem bescheidenen Wohlstand ruhte, der aus Steinkohle und Stahl kam. Ärmliche Verhältnisse damals überall, hässliche Oberhemden, verschnittene Hosen, Fahrräder, die schon neu wie verrostet aussahen. Frischer Fisch wurde in Zeitung eingepackt. Milch gab es lose. Niemand überprüfte, wie hoch der Feinstaubgehalt in der Innenstadt und wie die Uranwerte im Baby-Trinkwasser waren. Überall wurde geraucht.
Die Vergangenheit, sie würde heute, wo sie die gute alte Zeiten genannt wird, glattweg verboten werden. Giftig. Unhygienisch. Eine Zumutung, wie die Menschen damals schon fanden. „Es war noch niemals so schlimm wie heute“, fasst die Dame im Film zusammen, wie 1978 auf die Welt geschaut wurde. Selten in der Weltgeschichte ist ein Satz gesagt worden, dem nachfolgende Generationen mit soviel Inbrunst beizupflichten bereit waren.
Ja, womit fing das alles an? Erst wollten sie nicht mehr zum Friseur, dann nicht mehr Maurer, Bergmann und Stahlgießer werden. Gab es Mitte der 60er Jahre noch höchstens 30 professionelle Rockbands im Land, die auch gleich den Popbereich mit abdeckten, waren es zehn Jahre später schon 200. So wenige nur, würde man heute sagen. Denn noch einmal 40 Jahre danach ist die Zahl der Menschen, die allein in Deutschland von Popmusik leben wollen und den Anspruch haben, dass die Gesellschaft ihnen das ermöglichen müsse, förmlich explodiert. Zwar war eine ganze Generation zwischendurch doch wieder beim Friseur. Doch mit dem Barmen um den Umstand, dass mit Musik nichts mehr zu verdienen ist, ist die Zahl der Bands, die das erstmal selbst erleben möchten, auf handgeschätzte 5.000 gestiegen.
„Rumtattat, rumtattata, das hat doch nichts mehr mit Musik zu tun!“, empörte sich die ältere Dame bei Winkelmann, die heute als guterhaltene Mittdreißigerin durchgehen würde. Damals machten die Frisuren alle Menschen alt, und natürlich ihre anstrengende Tätigkeit als Mauer, Bergmann und Stahlgießer. Die Häuser waren im Westen grau wie im Osten, die Straßen eng, die Fenster klein, die Autos alt und Türen quietschten. Im Regal Pril und Mondamin, Kraft Schaschlik-Soße und frische Eier aus Käfighaltung. Eine Montanrepublik, deren Demokratie auf dem bescheidenen Wohlstand ruhte, der aus Steinkohle und Stahl kam. Ärmliche Verhältnisse damals überall, hässliche Oberhemden, verschnittene Hosen, Fahrräder, die schon neu wie verrostet aussahen. Frischer Fisch wurde in Zeitung eingepackt. Milch gab es lose. Niemand überprüfte, wie hoch der Feinstaubgehalt in der Innenstadt und wie die Uranwerte im Baby-Trinkwasser waren. Überall wurde geraucht.
Die Vergangenheit, sie würde heute, wo sie die gute alte Zeiten genannt wird, glattweg verboten werden. Giftig. Unhygienisch. Eine Zumutung, wie die Menschen damals schon fanden. „Es war noch niemals so schlimm wie heute“, fasst die Dame im Film zusammen, wie 1978 auf die Welt geschaut wurde. Selten in der Weltgeschichte ist ein Satz gesagt worden, dem nachfolgende Generationen mit soviel Inbrunst beizupflichten bereit waren.
Montag, 12. März 2012
Väterchen Stalin dichtet
Er hatte ein gar empfindsam Herz, dieser Iosseb Bessarionis Dschughaschwili. Er träumte. Er war verbannt. Er hatte keine Vergangenheit. Keine Zukunft. Er war der Führer von Nichts, der Gefolgsmann von niemandem. Er lebte in Kurejka im kalten Turuchansker Gebiet. Es gab nichts zu tun für ihn. Er zählte Waggons. Und schrieb Gedichte. Mit Ausrufezeichen aus Stahl am Ende.
Wenn der Mond mit seinem Schein
plötzlich die Erde erhellt
Und sein Licht über dem weitem Horizont
spielt in blassem Blau,
wenn über Hainen in Iazur
die Nachtigallen singen.
Und die sanfte Stimme der Schalmei
frei erklingt, ohne zu schmelzen,
wenn für einen Augenblick verstummen,
um von Neuem einzusetzen die rauschenden Quellen der Berge,
und wenn das sanfte Lied des Windes
weckt in der Nacht den stummen Wald.
Wenn der Flüchtende vor seinem Feinde flieht
und wieder in seine kummervolle Heimat findet,
wenn erschöpft vor Finsternis,
er plötzlich die Sonne erblickt
Dann weicht von drückenden Wolken der Seele
die finstere Decke.
Die Hoffnung mit mächtiger Stimme
dir das Herz von neuem weckt.
In die Höhe strebt die Seele des Poeten,
und das Herz schlägt nicht vergebens.
Ich weiß, dass diese Hoffnung
gesegnet ist und rein!
Väterchen Stalin, in Deutschland geschützt
Wenn der Mond mit seinem Schein
plötzlich die Erde erhellt
Und sein Licht über dem weitem Horizont
spielt in blassem Blau,
wenn über Hainen in Iazur
die Nachtigallen singen.
Und die sanfte Stimme der Schalmei
frei erklingt, ohne zu schmelzen,
wenn für einen Augenblick verstummen,
um von Neuem einzusetzen die rauschenden Quellen der Berge,
und wenn das sanfte Lied des Windes
weckt in der Nacht den stummen Wald.
Wenn der Flüchtende vor seinem Feinde flieht
und wieder in seine kummervolle Heimat findet,
wenn erschöpft vor Finsternis,
er plötzlich die Sonne erblickt
Dann weicht von drückenden Wolken der Seele
die finstere Decke.
Die Hoffnung mit mächtiger Stimme
dir das Herz von neuem weckt.
In die Höhe strebt die Seele des Poeten,
und das Herz schlägt nicht vergebens.
Ich weiß, dass diese Hoffnung
gesegnet ist und rein!
Väterchen Stalin, in Deutschland geschützt
Rechtlos im Netz: Kaudergate weiter
Ein gefährliches Spiel, denn Kauder präsentiert die Gesichter der Jugendlichen ungeblendet und ohne Rücksicht auf die rechtlichen Beschränkungen, die der er selbst als Teil des Gesetzgebers im Falle von Abbildungen von Kindern und Jugendlichen vorgesehen hat: Einwilligung sowohl des betreffenden Kindes oder Jugendlichen als auch Einwilligung des oder der Erziehungsberechtigten. Da bei Klassenfotos bis heute nicht entschieden ist, ob sie unter die Ausnahmeregelung des § 23 Absatz 1 Nr. 3 KUG fallen, wäre das zwingend notwendig, ehe die Bilder ohne Rechtsfolgen ins Netz gestellt werden. Schließlich handelt es sich sichtlich nicht um die Aufnahmen der Art, die – etwa bei Versammlungen oder Demonstrationen – von der Einwilligungspflicht freigestellt sind. Schon die Tatsache, dass ein Fotomotiv gezielt gestellt wird, spricht nach Ansicht der Datenschutzbeauftragten dagegen, dass es sich um eine Versammlung im Sinne der genannten Vorschrift handelt. Daher müsste auch bei der Veröffentlichung von Klassenfotos die Einwilligung der Abgebildeten eingeholt werden.
Siegfried Kauder mag glauben, dass er sie besitzt. Unabhängig davon, ob dieser eventuell vorliegenden Zustimmung, sich weltweit, öffentlich und ungeblendet zur Schau stellen zu lassen, ein gewisser Gruppendruck vorausgegangen sein könnte, ist jedoch unwahrscheinlich, dass Kauder damit aus dem Schneider ist. Denn dass die notwendige Einwilligung der Eltern der zweifellos minderjährigen und nicht voll geschäftsfähigen Fotosession-Teilnehmer durchweg vorgelegen haben soll, ist bei rund hundert Minderjährigen-Bildern, die Siegfried Kauder derzeit weltweit für sich werben lässt, äußerst fraglich – entsprechende Anfragen von PPQ, in denen um Aufklärung gebeten wurde, ließ der Parlamentarier leider bis heute unbeantwortet.
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