Samstag, 5. März 2022

Telegram: Auf einmal wieder gut

Bundesinnenministerin Nancy Faeser brachte Telegram gerade noch vor Kriegsausbruch auf Spur.

Neue Welt, neue Feinde, neue Freunde. Kaum ist die Welt aufgewacht in einem unerwarteten Kriegszustand, verwandelt sich der Blick auf alles. Polen, gerade noch EU-Feind Nummer 1, ist plötzlich der Musterknabe beim Glauben an alle westlichen Werte. Russische Methoden gegen Feindsender gelten als durchaus akzeptabel, die Diskriminierung aufgrund der Herkunft ist hoffähig, Atomkraft und Braunkohle könnten es schon demnächst wieder werden.  

Not kennt kein Gebot

Not kennt kein Gebot, in der Not erkennt man seine Freunde und die können dann eben auch mal die Feinde von letzter Woche sein. Der von Dubai aus betriebene dubiose Messenger Telegram zum Beispiel hat in den letzten Tagen eine erneute erstaunliche  Verwandlung durchgemacht: Ehemals gelobt als "App der Opposition in Belarus"  (Tagesschau), deren Chefs sich zum Glück einfach nicht einschüchtern ließen von allen Drohungen des Minsker Machthabers Lukaschenko, avancierte das Programm auf dem Höhepunkt der deutschen Corona-Kriege vom wunderbaren Werkzeug des Widerstandes zum Bundeshetzkanal, dem Bundesinnenministerin Nancy Faeser nur noch mit einem angedrohten Verbot beikommen zu können meinte.

Es kam dann nicht mehr ganz zur finalen Feldschlacht. Stattdessen endeten die Gefechte in aller Stille mit ein paar Symbolgesten, die gerade noch recht kamen, um das "Telegram-Dilemma" (SZ) ungelöst, aber nebenwirkungsfrei wegzuheften. Eine zweite Chance für die App, mit der sich "Protestler untereinander verständigen und die Welt um Hilfe rufen" (Tagesschau), denn nun tun sie das wieder in Russland, wo inzwischen so ziemlich alles gesperrt ist, was Facebook und Twitter heißt oder irgendwie nach Westen riecht.

Keine großen Fragen

Große Fragen wirft das nicht auf. Die Frankfurter Rundschau, die noch vor zwei Wochen kein Nachlassen im Kampf gegen die Hetze auf Telegram gefordert hatte, legt geradezu einen Schwenk in Form einer Pirouette hin: Eben noch Zweifel, ob da wirklich ein "glaubwürdiges Indiz für einen Kurswandel" zu sehen sei, lobt auf einmal ukrainische Telegram-Kanäle, die die ganze schreckliche Wahrheit über den Krieg verbreiten. Dass die ursprünglich aus Russland stammende Plattform den  deutschsprachigen Kanal des russischen Staatssender RT gesperrt hat, ist nun kein "symbolischer Akt" mehr, "der dem Netzwerk etwas Ruhe verschaffen soll" (FR). Sondern zeigt, dass im "Informationskrieg" (FAZ) gegen Russland selbst frühere Erzfeinde Schulter an Schulter zusammenstehen stehen.

Der Renitenzkanal ist zurück auf der richtigen Seite. Keine grausame Kloake all dessen mehr, das niemand hören oder gar lesen will, der die staatlichen Maßnahmen für unumgänglich und angemessen hält. Kein Sammelbecken unbelehrbarer Impfverbrecher, Montagsspazierer und Nazihetzer. Sondern wieder ein beeindruckendes Modell für Vernetzung von unten, in dem es keine wirklichen Führungspersonen gibt, so dass es dem Staat sehr schwer fällt, "gegen einzelne Gruppen oder Personen vorzugehen", die hinter bestimmten Kanälen stehen.

 

Kalter Entzug: Aufstand der Ungeduschten

Die Jungunternehmerin Rabeanna Fleißer hat beschlossen, sich dem deutschen Erdgasboykott anzuschließen.


Die Wut ist groß nach den härtesten, umfangreichsten und schwersten Sanktionen aller Zeiten, die bisher so gar nichts bewirkt haben. Noch immer marschiert Putins Armee, noch immer kassiert sein Staatskonzern für Öl- und Gaslieferungen in den Westen, mehr noch sogar als vor Kriegsausbruch. Seit Russlands Einmarsch in die Ukraine ist der Ölpreis um zwölf Prozent gestiegen, der Preis für Erdgaslieferungen im April sieht vom Rekordhoch um weitere sechs Prozent. Milliarden für die russische Kriegsmaschine, die jeden Dollar Rubel gut gebrauchen kann, ist doch der Rubel inzwischen nicht einmal mehr einen Dollar-Cent wert.

Ausschluss Russlands aus der Weltgemeinschaft

Der warme Entzug aber, mit dem Deutschland, die EU, Europa und der Rest der Koalition der Willigen versucht, Zeichen für Russlands Präsidenten zu setzen, erregt angesichts seiner Wirkungslosigkeit zusehends Unmut. Vor allem aus den Kreisen des moralisch hochartifiziell ausgestatteten Bionadeadels, bei hauptberuflichen Atlantikern und leidenschaftlichen Kämpfern für und gegen jeweils aktuelle Tagesaufgaben ruft es nach einem Embargo statt symbolischer Sanktionen, ein Ausschluss Russlands aus der Weltwirtschaft auch um den Preis eigener Bequemlichkeits- und Wohlstandsverluste. 

Alles, was einem selbst nicht wehtue, schmerze auch den Feind nicht, heißt es etwa beim Fernsehmoderator Georg Restle. Der frühere "No-Covid"-Kämpfer hat mit dem russischen Feldzug ins Nachbarland das Spezialgebiet gewechselt - er ist jetzt nicht mehr Seuchenbekämpfungsexperte und Spaziergangswarner, sondern Fachkraft für Wirtschaftssanktionen. Seit der Zusage von Außenministerin Annalena Baerbock, dass die neuen "Maßnahmen" (Scholz) gegen Russland auch für Deutschland richtig teuer würden, hatte Restle auf ein umfassendes Energieembargo gehofft. Nun sieht er sich enttäuscht. "Ist uns der Preis deutlich höherer Energiekosten wirklich zu hoch, angesichts der Brutalität eines Krieges, der uns allen gilt?", fragt der ARD-Ansager offenbar nach einem Blick auf seine Kontoreserven, die es ihm erlauben dürften, auch drei-, vier- oder zehnmal so viel für eine warme Wohnung zu zahlen. wenn er dafür danach "den Menschen in der Ukraine noch ins Gesicht schauen" (Restle) könnte. 

Geld als Waffe

Und darum gehe es doch, so Röttgen. "Geld ist unsere stärkste Waffe gegen Putin", hat der immer wieder gescheiterte CDU-Chefkandidat das Waffenarsenal des Westens bei Twitter geordnet. Putins wichtigste Einnahmequelle zur Finanzierung seines Krieges seien Öl und Gas. "Wir können diese Quelle trockenlegen", ist sich Röttgen sicher. Das werde "kosten, aber es wird Putin empfindlich treffen".

Ein Deutschland, das bereit ist, "einen hohen wirtschaftlichen Preis zu zahlen“, wie Außenministerin Annalena Baerbock schon vor dem Beginn des russischen Angriffs bestimmt hatte, kann sich nun nicht mehr vor ernsthaften Konsequenzen wegducken. Dass deutsche Wohnungen weiter mit Feindgas geheizt werden, deutsche Firmen ihre Dünger aus russischen Zulieferungen kochen, mit Russengas Strom herstellen und dafür Geldströme weiter nach Moskau, um neue Panzer, Geschütze und Munition zu finanzieren, muss ein Ende haben, auch um den Preis gewisser Einschränkungen für gewisse Bevölkerungsgruppen, der die Ampelkoalition ja ohnehin gerade mit einem großzügigen Entlastungspaket zur Aufrechterhaltung der Klimafolgen beigesprungen war.

Körperwärme im Haus halten

Jetzt geht es darum, situationsangemessen kalt zu duschen, mit Vorhängen vor Türen und Fenstern Körperwärme im Haus zu halten, die Heizung herunterzudrehen und elektrische Geräte soweit als möglich abzuschalten, um Putins Geldquellen auszutrocknen. Nach Berechnungen des Instituts für Weltwirtschaft Kiel (IfW) würde ein kompletter Importstopp für russisches Erdgas Russland etwa drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts kosten, ein zusätzliches Embargo für Öl ließe die russische Wirtschaftsleistung um weitere 1,2 Prozent schrumpfen. Das wäre sogar etwas mehr als der von der Pandemie bedingte Rückgang im Jahr 2020, zwänge Putin also, seine Truppen aus der Ukraine abzuziehen.

Für Deutschland und die EU hingegen hätte ein umfassendes Gas- und Öl-Embargo nur "einen minimalen negativen Effekt", beschreibt Hendrik Mahlkow vom IfW. Es wird dort, wo Bürgerinnen und Bürger wegen unzureichender Einkommen oder Sparguthaben ihre Gas- oder Stromrechnung nicht mehr bezahlen können, ein wenig kälter, wer wenig verdient und womöglich schon mit einer monatlichen Gasrechnung von 300, 400 oder 650 Euro überfordert sind, wird auch daheim eine Jacke tragen müssen und häufiger kalt duschen. Doch das ist keine soziale Kälte, sondern "#FrierenfuerFrieden",  ein Aufstand der Ungeduschten in dicken Pullovern, Decken und Schals.

Das aber ist nicht nur Ausdruck von Solidarität, die als Zärtlichkeit der Völker naturgemäß kein Preisschild hat, sondern langfristig auch gesund.

Freitag, 4. März 2022

Präsidialer Radiergummi: Große Frauen der Geschichte

Die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin, rechts oben: Eine wahrhaft große Frau der Weltgeschichte in den Augen des Bundespräsidenten.
 

Sie ist eine der großen deutschen Regisseurinnen, er einer der großen Präsidentendarsteller der deutschen Geschichte, der sich, eben erst erneut ins Amt bestimmt von einer sehr, sehr großen Krisenkoalition, in diesen Tagen in ungewohnter Rolle bewähren muss. Walter Steinmeier eilt von einem Schlachtfeld zum anderen, er lauscht geistlichen Friedenskonzerten und besucht unsere Soldaten an der Front, er war im Senegal und in  Litauen und sprach mit dem Luxemburger Premierminister über die nun anstehenden Aufgaben.

Malen mit tristen Farben

Eine der seinen war der Geburtstagsglückwunsch an Margarethe von Trotta, eine Frau, die das Leben in der alten Bonner Bundesrepublik in ihren Filmen immer wieder trefflich in tristen Farben gemalt hatte. Die Medien logen wie gedruckt in jenem Land von "Ernte 2", Perwoll, Dash und Bubblegum, die deutsche Teilung zerstört Schicksale, man sitzt in der Psychiatrie und erlebt "Dunkle Tage", die "Balance des Glück" ist hinüber, man kämpft vergeblich gegen Sexismus, noch nicht aber gegen das Klima, man lebt in einer "abhandenen Welt" (Trotta) und hasst, was man hatte, weil es einem doch immer fehlt.

Wie von Trotta kommt auch Walter Steinmeier aus dieser Welt der 70er Jahre, einer bleiernen Zeit, in der die deutsche Linke noch gegen staatliche Überwachung, Aufrüstung, Zensur und den Kapitalismus ganz allgemein auf die Straße ging. es wurde gestreikt, es wurde demonstriert, es wurde entführt und es wurde gemordet in diesen Tagen, die nachgewachsenen Generationen heute als die gute alte Zeit der Sozialpartnerschaft gelten. 

Letzte Generation mit Gewehr

Gudrun Ensslin etwa, eine Pfarrerstochter aus bestem Hause, weitgereist und studiert, gründete seinerzeit die Rote Armee Fraktion mit, eine Art letzter Generation mit Gewehr, die allerdings den größten Teil ihres terroristischen Kampfes aus dem Gefängnis heraus führen musste, nachdem sie beim Shoppen in einer Hamburger Boutique festgenommen worden war. Fünf Jahre später stirbt Ensslin im Gefängnis in Stammheim. 20 Menschen hat die RAF bis dahin ermordet, die meisten, um ihre Führer*innen aus der Haft freizupressen.

In seinen Geburtstagswünschen an Margarethe von Trotta kommt Walter Steinmeier allerdings zu einer anderen Bewertung. Von Trotta habe mit der Ihnen eigenen Handschrift neue Sichtweisen" ermöglicht auf "große Frauen der Weltgeschichte, die sich den Brüchen und Zumutungen ihrer jeweiligen Zeit mit großer Intelligenz, persönlicher Stärke und einem ausgeprägten Willen zur Veränderung der gesellschaftlichen als auch politischen Verhältnisse stellen". Als erstes Beispiel nennt der Bundespräsident dann Gudrun Ensslin, der von Trotta ein "unvergessliches filmisches Porträts gewidmet" habe."

Die Mörderin als große Frau

Die Mörderin als "große Frau", in einer Reihe mit der ermordeten Rosa Luxemburg, Hildegard von Bingen und Hannah Arendt? Die Terroristin als Heldin, die auf "ewig in unserem cineastischen Gedächtnis" verbleibt?" Die kruden Thesen des Präsidenten, die durchaus als bellizistischer Ruf zu den Waffen in kriegerischen Zeiten hätten verstanden werden können, ein Weckruf quasi zum  Aufwachen in jener "neuen Welt", die Annalena Baerbock anstelle der "neuen Normalität" des Olaf Scholz ausgemacht hat.

Eine mutige Neudeutung der Geschichte durch einen Mann, der in der bleiernen Zeit selbst auf der richtigen Seite der Barrikade stand, mit seinem Vorstoß zur Heroisierung einer Mitgründerin der RAF aber womöglich noch zu früh kam. Nur kurze Zeit hielt sich das Lob der Terroristin auf der offiziellen Internetseite des Bundespräsidialamtes, dann verschwand es rückstandsfrei und ohne Erklärung. Margarethe von Trotta hat nun nie Geburtstagsglückwünsche vom Bundespräsidenten erhalten und Gudrun Ensslin ist doch wieder keine große Frau der Weltgeschichte, die sich mit "großer Intelligenz, persönlicher Stärke und einem ausgeprägten Willen zur Veränderung der gesellschaftlichen als auch politischen Verhältnisse" gestellt hat.

Feindsender: Frische Verbote für die Freiheit

Schon vor dem ersten Schuss wurde auch in diesem Krieg im Äther gekämpft. Deutschland untersagte dem russischen Sender RT den Betrieb seines deutschen Ablegers. Russland warf daraufhin die staatlich finanzierte Deutsche Welle aus dem Land.  Ein Armdrücken, das schon Gefechtscharakter hatte, denn die Argumente der Zulassungsbehörde in Brandenburg, die die Schlacht eröffnet hatte, waren deutlich sichtbar ein Gelegenheitseinfall. In vergleichbaren Fällen spielen sie jedenfalls seit Jahren keine Rolle.  

Kampf im Äther

Doch es ist Krieg und gekämpft wird an allen Fronten, auch an der, wo mit Informationen bombardiert wird. In Russland ließ Präsident Wladimir Putin deshalb schon nach einer Woche Medien sperren, die wie die Vereinigung "Reporter ohne Grenzen" beklagt, "nicht im Sinne des Kremls über Putins Krieg in der Ukraine berichten". Nichts sollen die Russen erfahren über die Gräueltaten in der Ukraine, begangen von den eigenen Truppen. Nichts sollen sie wissen von diesem Krieg, der in Russland nach Angaben des deutschen RND nicht "Krieg" genannt werden darf. "Sonst drohen offenbar bald bis zu 15 Jahre Haft" (RND).

Die Freiheit der Meinung, die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung, sie sind in Putins Reich nicht nur gefährdet, sie sind tot. Umfassend informieren können sich Russen nur noch über Telegram-Kanäle und per VPN im Internet. So schließt Putin die Reihen. Was keiner weiß, macht keinen heiß. Wer das Informationsmonopol für sich beanspruchen kann, der hat auch gute Chancen, das Meinungsmonopol zu behaupten.

Verbot der Verbreitung

Das gilt allerdings überall und immer, so sehr sogar, dass die Europäische Kommission im Umgang mit Medien, die im Sinne des Kreml berichten, nicht anders umgeht als Russland mit Medien, die nicht im  Sinne des Kreml berichten. In einem Rechtsakt auf unklarer Grundlage - Medienpolitik ist Sache der EU-Mitgliedsländer, nicht der Staatengemeinschaft - hat die EU die Verbreitung der beiden russischen Staatskanäle RT und Sputnik in den 27 Mitgliedsstaaten verboten. "Ab heute ist die Verbreitung der Inhalte von #RussiaToday in der EU verboten", hat Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen selbst den Schritt verkündet, "wir werden nicht zulassen, dass Kreml-Apologeten ihre giftigen Lügen zur Rechtfertigung von Putins Krieg verbreiten".

Das Verbreitungsverbot gilt dabei nicht nur für Kabel und Satellit, sondern ausdrücklich auch für das Internet, das damit zum ersten Mal in der Geschichte des freien Westens zum Schauplatz einer kriegerischen Auseinandersetzung wird: Niemals zuvor hatten westliche Demokratien gemeinschaftlich handelnd versucht, den Zugang zu bestimmten Teilen des Internets zu sperren. Entsprechende nationale Bestrebungen zur Internetregulierung, unternommen von Netzaktivisten wie dem früheren Innenminister Wolfgang Schäuble, der heutigen Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen oder der aktuellen Innenministerin Nancy Faeser, waren stets im Ansatz gescheitert.

Kaliber aus ganz großem Rohr

Der neue Anlauf kommt nun aber mit  ganz anderem Kaliber aus dem Rohr. "Außergewöhnliche Zeiten verlangen nach außergewöhnlichen Maßnahmen", begründete EU-Kommissionsvize Vera Jourova den Vorstoß der EU-Kommission auf ein Feld, für das sie bisher ausdrücklich nicht zuständig ist. Widerspruch gegen den Übergriff aber gab es keinen, vielmehr wurde die Entschlossenheit der EU vielfach gelobt, nun ohne jede vorhergehende Diskussion unerhörte Dinge zu tun, die sie kein Recht hat zu tun, um Medien zu treffen, die kein Recht haben, in ihrer Berichterstattung frei zu sein.

Richtig zu handeln und Gelegenheiten zu erkennen, braucht es Entschlossenheit und Begründungen, die bei oberflächlicher Betrachtung akzeptabel sind. Während die russische Medienaufsicht als Grund für das Verbot des Fernsehsenders Doschd und des Radiosenders "Moskauer Echo" angab, die beiden Sender verbreiteten "absichtlich falsche Informationen" über den russischen Einmarsch, hat Josep Borrell, der in Ermangelung eines EU-Medienkommissars offenbar für Medien zuständige Vertreter für Außen- und Sicherheitspolitik, den beiden Kreml-Stationen "systematische Informationsmanipulation und Desinformation" vorgeworfen, durch die sie zu einer "erheblichen und unmittelbaren Bedrohung für die öffentliche Ordnung und Sicherheit in der Union" geworden seien. 

Der freie Westen, er hat aus der Bedrohung gelernt, die ostdeutsche Fernsehsendungen wie "Der Schwarze Kanal" einst für seine Überlebensfähigkeit bedeuteten. Kantige Propagandisten verbreiteten  dort, ungehindert von Faktencheckern und Äthersperren, ungestört ihre Falschmeldungen. Millionen im Westen fielen ungeschützt auf die Parolen des Karl-Eduard von Schnitzler herein. So ging damals der kalte Krieg verloren.

Ein Riegel für RT

Den "vom russischen Staat kontrollierten Medien in der EU einen Riegel" vorzuschieben, ist damit nicht nur ein "wichtiger Schritt gegen Putins Manipulationsversuche", sondern ein Teil der unumgänglichen Schutzmaßnahmen vor russischer Beeinflussung. Irgendwo im Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) finde sich dafür auch eine Begründung, vielleicht bei Artikel 114 zur technologischen Harmonisierung und Angleichung oder im 165, der die "allgemeine Bildung" regelt.Das entspricht der Strategie, die Brüssel bereits in der Corona-Krise verfolgt hatte: Kurzentschlossen rief die Kommissionspräsidentin die Gründung einer "Gesundheitsunion" unter EU-Führung aus - auch das eine Ausdehnung der Zuständigkeit auf ein Feld, das nach den europäischen Verträgen Sache der Mitgliedsstaaten ist.

Und natürlich bleiben alle Grundrechte weiterhin gewahrt. Die bisher technisch noch auf einige Hürden treffende Abschaltung von RT findet im Einklang auch mit Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes statt, nach dem jedermann das Recht hat, "sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten". Sobald die Abschaltung der Feindsender gelungen ist, sind sie nicht mehr allgemein zugänglich und ihre Sperrung ist damit rechtlich gesehen ausreichend begründet: Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film würden weiterhin gewährleistet, auch eine Zensur findet nicht statt."

Im Unterschied zu Russland

Das ist der entscheidende Unterschied zu Russland, wo die Medienaufsicht wild um sich schlägt. "Wir alle stehen für die Redefreiheit, aber sie darf nicht zur Verbreitung von Kriegspropaganda missbraucht werden", Vera Jourova klargestellt. Der Kreml habe "Informationen zur Waffe gemacht", die schlägt die Union im nun aus der Hand: Das bereits "zuvor beschlossene Verbot der russischen Propagandakanäle",  (DPA) sei "mit sofortiger Wirkung in Kraft gesetzt" worden, hieß es in Brüssel. Das Verbot gelte solange, bis Russland seine "Propagandahandlungen gegen die EU und ihre Mitgliedsstaaten" beende.

Nur umgesetzt muss es irgendwann noch werden. Aber angesichts der bescheidenen Reichweiten, die rt.com in Deutschland erzielt, kommt es darauf nicht so sehr an.

 

Donnerstag, 3. März 2022

Die Ächtung: Russen raus

Alles ist verboten, jede abweichende Meinungsäußerung. Leute in Russland verlieren ihre Jobs, nur weil sie auf die Straße gehen, andere tun nicht einmal das und müssen ebenfalls gehen. Eine  schwierige Situation, die einmal mehr klare Kante fordert auf beiden Seiten der Front: So wie Wladimir Putin in Russland dafür sorgt, dass geächtet wird, wer seiner Kriegstreiberei in den Arm fällt, so muss auch im Reich der Freiheit und die Friedens dafür gesorgt werden, dass jedermann und jede Frau sich klar bekennt: Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns. Und wer gegen uns ist, der gehört geächtet, denn die Gemeinschaft muss vor ihm geschützt werden.

Toleranz und Gratismut

Der Fernsehmoderator Jan Böhmermann, ein Humorist, der seit Jahren in der ersten Reihe sitzt, wenn Bekenntnisse zu Toleranz und Gratismut gute Quoten garantieren, steht auch an dieser Wasserscheide wieder seinen Mann: Kaum hatte der Münchner Oberbürgermeister den Chefdirigenten seiner Philharmoniker wegen einer ausbleibenden Distanzierung zum russischen Regime entlassen, sprang Böhmermann dem Künstlerkollegen Waleri Gergijew nicht etwa bei, in dem er gegen den Rauswurf protestierte, der putinschen Geist atmet.. Nein, Jan Böhmermann machte sich auf, andere unsichere Kantonisten mit Kremlverbindungen aufzuspüren.

Die Opernsängerin Anna Netrebko war die erste Prominente, die Böhmermanns "Russen raus"-Kampagne ins Visier nahm. Vor einem halben Jahr noch habe die "Starsopranistin ihren 50. Geburtstag im Kreml gefeiert", prangerte Böhmermann an. Putin war damals nicht zugegen, er ließ allerdings eine Grußadresse an die Jubilarin verlesen, die Netrebkos "fabelhafte künstlerische Darstellungskraft" rühmte. 

Nichts ist unpolitisch

Wie Adolf Hilters Wagnerliebe wahren Demokraten den großen Antisemiten unter den deutschen Tonsetzern für für immer verleidet hat, so haben Putins Worte binnen von nur sechs Monaten Böhmermanns Verehrung für die russische Sopranistin aus Wien getötet. "Nichts ist unpolitisch, niemals, und schon gar nicht die Kunst", fasst der 41-jährige Polizistensohn Ermittlungsergebnis,  Anlage und Urteilsspruch knapp zusammen. Wer jemals Russischbrot gegessen hat, macht sich zum Komplizen auch von Kriegen, die die noch in der Zukunft liegen. Und wenn Putin selbst einen für Auftritte loben lässt, "die sind immer große, ersehnte Ereignisse" seien, dann geht es nicht mehr um Erklärungen, dann zählt keine Entschuldigung mehr oder der erfolgreiche Versuch, die, die da gefehlt haben, zu erreichen und zu überzeugen. 

Es schlägt nun vielmehr die Stunde, in der ausgegrenzt und geächtet wird, in der es gilt, die, die da fehlgeleitet wurden und fehlgetreten sind, "klein zu halten, ihnen das Leben schwer zu machen, sie dafür, dass sie Neonazis und Rassisten den Weg zur Macht ebnen wollen, zur Verantwortung zu ziehen", wie der "Zeit"-Autor Hasnain Kazim die einzig möglich Strategie im Umgang mit den Feind*innen der offenen, toleranten Gesellschaft bereits vor Jahren letztgültig umrissen hatte. 

Glaubwürdig distanzieren

Wer sich jetzt nicht glaubwürdig distanziert, dem droht die das politische Abseits und der gesellschaftliche Tod, jemand wird von ihm je mehr ein Stück Brot nehmen oder eine Talkshow-Einladung aussprechen. Von Altkanzler Gerhard Schröder, dessen starrsinnige Putin-Nähe so bekannt ist, dass ihm demnächst die Ehrendoktor-Würde der Uni Göttingen,d die Ehren-Mitgliedschaft bei Borussia Dortmund, das SPD-Parteibuch und das Ruhestandsbüro aberkannt werden, über Manuela Schwesig, Sahra Wagenknecht und Viktor Orban bis hin zu Plácido Domingo, dem Tenor Rolando Villazón und dem Bariton Michael Volle, die Netrebko in den Kreml begleitet hatten, muss glaubhaft abschwören, wer nicht als Russe unter Verdacht geraten und bestraft werden will. 

Eine klärende, die Gesellschaft porentief säubernde Welle der Russophobie fegt durch das Land, niemals unpolitisch, aber weit mehr als das.  Russen werden entlassen, Studenten werden von Universitäten verwiesen, Russen werde in Gaststätten nicht bedient, statt mit russischem Erdgas zu heizen, wird lieber kalt geduscht. Russenkinder werden in der Schule gemobbt, Cafés plakatieren: "Wir bedienen keine Russen" und wer sich selbst nicht im Spiegel betrachten will, lässt seine Netrebko-Karten demonstrativ verfallen.

Allen anderen bleibt nur die Empfehlung, doch rüberzugehen, wenn ihnen nicht passt, wie die offene Gesellschaft ihre Gegner behandelt.


Mittwoch, 2. März 2022

HFC: Sturmtrio setzt wieder Glanzlichter

Eberwein trifft mit einem Traumtor zum 4:1.

Die Schlafmützen vom letzten Heimspiel am Samstag gegen Mannheim sind wieder auf dem Platz. Als wäre keine Zeit vergangen seit dem 1:2 gegen den Aufstiegsanwärter, das den HFC-Anhang nach einem  paradiesischem Februar aus allen Träumen von einem Spaziergang bis zum erfolgreichen Klassenerhalt riss, steht der Hallescher FC im Heimspiel gegen den Abstiegskonkurrenten Viktoria Berlin eine Viertelstunde auf dem Platz als liefen noch die letzten Minuten gegen Waldhof. Nichts geht nach vorn, Viktoria gehört das ganze Spiel. Einmal nur deutet eine Einzelaktion von Michael Eberwein an, wie es eigentlich hatte laufen sollen. Doch der Rekordschütze des HFC vergibt.

Wo ist die Handschrift

Was ist da los, was ist geschehen? Wo bleibt die mutige Vorneverteidigung, wo  ist die Handschrift des neuen Trainers Andrè Meyer zu lesen? Nach einer halben Stunde knallt es auf der falschen Seite. Joscha Wosz, heute für Julian Guttau auf der linken Seite, kann seinen Gegenspieler nicht stoppen. Der zieht von der Strafraumgrenze eher gemächlich ab, findet aber einen Torwart Tim Schreiber, der den Ball nicht zu fangen vermag. Fast auf der Linie stehend staubt Yamadafür die Berliner ab. 0:1 und das durchaus verdient.

Die Verunsicherung bei den Gastgebern ist für fünf Minuten mit Händen zu greifen. So war die Neugeburt des Klubs von der Saale, immerhin ja auch schon die vierte oder fünften im  zurückliegenden Jahrzehnt, nicht gedacht. 

Aber irgendwie ist es vielleicht gerade das, was die Mannschaft gebraucht hat. Auf einmal geht der berühmte Ruck durch die rotweißen Reihen. Angeführt von Niklas Kreuzer, auch diesem Tag neben Marcel Titsch-Rivero und Michael Eberwein der beste im Dress der Hallenser,  bäumen sich die Hausherren gegen die zweite Heimniederlage in vier Tagen. Vier Minuten nach dem Rückstand ist es endlich soweit. Der HFC, jetzt energischer und kämpferisch nicht nur auf Abwehr orientiert, erkämpft den Ball im Mittelfeld, Kreuzer flankt und Elias Huth, der Mann, der im Begriff ist, Vorgänger Terrence Boyd schneller vergessen zu machen als irgendjemand das erwartet hatte, versenkt per Kopf zum Ausgleich.

Es wird besser

Nun kann es nur noch besser werden. Und es wird besser. Kaum sind die "Huth, Huth, Huth"-Gesänge im Stadion verstummt, ist er wieder da, der Winter-Neueintausch aus Kaiserslautern: Diesmal bekommen die Gäste eine Kreuzer-Eingabe nicht geklärt, Joscha Wosz krallt der Ball von der Torauslinie, schiebt ihn nach innen. Und dort steht wieder Huth und macht das 2:1.

Hängende Köpfe bei Berlin, angeführt vom Ex-HFC-Mittelfeldstrategen Björn Jopek. Eine ganz andere Körpersprache nun beim HFC. Dank Huth ist alles gut und selbst spielerisch sieht das nun zumindest streckenweise halbwegs brauchbar aus. Die Chancen hat nun das Personal in Rot und Weiß, die Blauweießn aus der Hauptstadt laufen überwiegend hinterher - eine zweite Halbzeit lang, in der Küc in der 61. Minute für die Gäste eine Riesenchance hat, die er aber zum eigenen Unverständnis verdribbelt. 

Scheibenschießen ohne Ertrag

Auf der anderen Seite ist ab der 65. Minute Scheibenschießen. Jeder darf nun mal, Reddemann und Titsch-Rivero, Eberwein sowieso, auch Huth immer wieder und der eingewechselte Philipp Zulechner. An einem anderen Tag würde es fortlaufend klingeln, hier aber hält der gute Berliner Torwart Krahl oder es fehlt an Genauigkeit beim Abschluss. Gefahr für das Tor von Tim Schreiber aber droht kaum und ab der 85. Minute haben sich beide Mannschaften auf das Ergebnis geeinigt. Halle istb zuifrieden,. Vikrotia würde gern noch, kann aber nicht mehr.

Die vier Minuten Nachspielzeit, die Schiedsrichter Fuchs den beiden Mannschaften gewährt, braucht niemand. Aber wenn sie denn schon auf der Uhr stehen, sagt sich Zulechner, dann kann man sie auch nutzen. Eine Minute nach dem regulären Spielende schlägt  der Österreicher zum ersten Mal für seinen neuen Verein zu - abseitsverdächtig nach Pass von Huth, aber unhaltbar. 

Und es weil es nun gerade so schön ist, geht es weiter wie vor Urzeiten, als der HFC den anderen Klub aus dem späteren Bundesland mit 5:1 aus dem Wabbel-Stadion fegte und die Fachzeitschrift "Fußballwoche" titelte: "Sturmtrio setzte Glanzlichter". Wie damals Holger Krostitz, Werner Peter und Frank Pastor dem FC lassen die Enkel der Viktoria keine Chance. In der 94. Minute trägt sich diesmal auch der dritte hauptamtlich Offensive in die Torschützenliste ein: Michael Eberwein zieht im Strafraum zwei Schritte nach innen und dann mit einer Bogenlampe ins Dreieck ab, die Krahl nicht fangen kann. 

Pure Seligkeit im Stadion

4:1 und pure Seligkeit in allen Gesichtern. Andrè Meyer schlägt die Arme über dem Kopf zusammen, Eberwein grinst bis an die Ohren. Die Welt ist perfekt für einen Abend in Halle, der fast schon der Vorabend ist: Am Sonnabend geht es nach Magdeburg. 43 Jahre nach dem unvergessenen 5:1 von 1979 braucht der HFC noch so einen Tag wie heute, aber mindestens.

Zitate zur Zeit: Sitzen, Stehen, Liegen, Gehen

Am Ende können wir nur sitzen, stehen, liegen und gehen. Klar, wir können das in einem teuren Auto tun, in einem besonders hochwertigen Bett oder in Schuhen aus Krokodilleder, aber am Ende tun wir doch immer eines dieser vier Dinge, egal, wie reich oder berühmt wir sind oder was um uns herum geschieht. 

Joshua Tree, "Der dunkle Vorhang"

Sanktionsregime: Warmer Entzug

Es braucht Druck, um Putin zur Umkehr zu bewegen, aber es durfte anfangs kein Druck sein, der Russland gleich ganz zerstört. Der russische Bär, auf das Äußerste gereizt? Stattdessen lieber Geduld und Augenmaß. Das Beispiel Kuba zeigte dem Westen, wie ein erfolgreiches Sanktionsregime über immerhin 60 Jahre funktioniert: Wäre die kommunistische Diktatur dort nicht so uneinsichtig, hätte das umfassende US-Embargo die Machthaber längst in die Knie gezwungen wie den Iran und Nordkorea.

Schluss mit Symbolik

Die Strafmaßnahmen des Westens gegen Russland, ab 2014 wegen der Krim und der Ostukraine, aber später auch wegen allerhand anderer Vergehen verhängt und aller halber Jahre rituell verschärft und immer wieder verlängert, haben bisher noch keine solchen Erfolge gezeitigt. Viel zu zart, viel zu kleinteilig, viel zu viele Ausnahmen, Rücksichten und Schlupflöcher. Mit dem Beginn der russischen Offensive aber ist Schluss mit Symbolik und Drohungsrhetorik. Wie vor dem Waffengang angekündigt, verhängten die USA, die EU, Japan und andere Staaten die härtesten, umfangreichsten und schwersten Sanktionen aller Zeiten über Russland, zumindest im zweiten oder dritten Anlauf und zumindest, nachdem die Dynamik der Zuspitzung Fahrt aufgenommen hatte.

Es sind nun tatsächlich Strafmaßnahmen, die "über alles hinausgehen, was bislang gemacht wurde", wie US-Präsident Joe Biden klargestellt hat. Verglichen mit Russland sind selbst Kuba und Nordkorea eng in die Weltwirtschaft eingebunden. Die militärischen Attacken des Kreml-Herrschers auf ein souveränes Nachbarland beantworten Nato, EU und der Rest der Welt mit Attacken, die auf die Funktionsfähigkeit der russischen Wirtschaft zielen.  

Öl, Schmuck und Diamanten

Rücksichten werden keine mehr genommen, außer vielleicht auf die Energieversorgung in den USA und der EU, die weiter auf russisches Gas und russisches Öl setzt und den Geldkanal zu Gazprom offenhält. Ausgespart bleiben auf Wunsch des italienischen Premierminister Mario Draghi auch die Lieferketten für italienische Luxusgüter, Belgien gelang es hingegen, die Versorgung Russlands mit Diamanten aus dem EU-Wirtschaftssanktionspaket herauszuverhandeln. Deutschland wollte einen vorläufigen Verzicht auf eine Abschaltung des Zahlungssystems Swift erreichen, um bei späteren Sanktionsrunden nachlegen zu können, musste sich aber nach zwei Tagen hinhaltenden Widerstandes beugen. Swift wird abgeschaltet, verhängt wurde zudem ein Flugverbot für russische Maschinen in der EU, ein Ausschluss russischer Sportler und Vereine von internationalen Wettbewerben, ein Hausverbot für Wladimir Putin in einer Edeka-Filiale in Kiel, die Sperrung russischer Internetseiten und die Sperrung der Guthaben der russischen Zentralbank in Europa und den USA.

So sehr Putin den Westen stets im Verdacht hatte, gegen ihn zu arbeiten, so wenig haben ihn seine Geheimdienste darauf vorbereitet, dass ein Einmarsch in die Ukraine die freie Welt zusammenschweißen könnte wie es zuletzt Osama Bin Ladens "Angriff auf Amerika" (Bild) vermocht hatte. Wer immer kann, reicht sich ein: Die Rathäuser in Deutschland leuchten blau-gelb, Werbepartner und Anteilseigner trennen sich von russischen Konzernen, die Putinversteher haben sich aus der ersten Talkshowreihe zurückgezogen. Schneller als es bis vor einer Woche vorstellbar gewesen wäre, werden die wirtschaftlichen Verbindungen gekappt, legt sich das Land in eine "Wendeschleife, ohne zu sehen, wohin uns der Weg führt", wie es der Bundeskanzler als oberster Fahrdienstleiter beschrieben hat.

Ein bisschen Weltmacht

Es ist dies eine weitere neue Qualität von Führung: Nicht mehr auf Sicht, sondern blind, die Hände nicht mehr am Lenkrad, sondern fassungslos über dem Kopf zusammengeschlagen. Im Moment der höchsten Gefahr gibt es viel Jubel über die neue Einigkeit im Westen, über eine Nato, die wieder lebt, und eine EU, der von US-Präsident Joe Biden viel Raum gelassen wird, ein bisschen die Weltmacht zu spielen, die sie immer hatte sein wollen. Auf der anderen Seite ist schon nach sechs Tagen militärischer und wirtschaftlicher Eskalation nicht mehr viel Manöverraum für beide Seiten: Die "massivsten Sanktionen" (Baerbock), ausgerufen als angemessene Strafe für Putins "eiskalte Lügen", waren insofern eine Lehre für den Präsidenten und seine "Spießgesellen" (Taz), dass sie früh wussten, dass ihnen nicht mehr viel passieren kann.

Denn der Westen ist bei aller Entschlossenheit auf einen warmen Entzug gegangen. Öl und Gas, aber auch all die anderen Rohstoffe, für die Russland seit Jahrhunderten als zuverlässiger Lieferant gilt, finden weiter Abnehmer in Deutschland, Ungarn, Polen und den USA. Alle Energiewendepredigten, alles Wettern gegen Nord Stream  und alle Forderungen, schnell ganz viel Wind und Sonnenkraft zu nutzen, sie ändern auf absehbare Zeit nichts an der Tatsache, dass kein Braunkohleausstiegsplan, keine Elektroautooffensive  und kein Bürgerwindpark in den kommenden Jahren Deutschlands Wohnungen heizen, die Lebensmittelversorgung sicherstellen und den Menschen das Gefühl geben wird, der Krieg sei fern genug, um sich mit Mitgefühl und Solidarität an ihm beteiligen zu können.

Hoffnung auf ein schnelles Ende

Spitzt sich die Lage zu, indem sie einfach weiter andauert, bleiben beiden Seiten kaum noch Handlungsoptionen. Putin kann die Anzahl der eingesetzten Truppen erhöhen, der Westen aber nur sein eigenes Risiko: Die vom ukrainischen Präsidenten geforderte Flugverbotszone käme einer direkten Kriegsbeteiligung gleich, ebenso die umgehende Aufnahme der bedrängten Ukraine in EU oder Nato. Die Ungeduld der Öffentlichkeit im Westen aber wird wachsen, je deutlicher sich herausstellt, dass Russland unter den massivsten Sanktionen nicht umgehend zusammenbricht, unbeeindruckt bleibt von närrischen Friedensdemos und solidarisch angestrahlten Rathäusern, und seine Truppen keineswegs reumütig aus dem Nachbarland abzieht. 

Was dann? Wie weiter? Welches Pulver ist noch trocken? Und wohin führt die Wendeschleife?

Dienstag, 1. März 2022

Mitgelesen, dabeigewesen: Sieben Jahre im Koma

 
Die Außenministerin glaubt sich in einer neuen Welt erwacht, der Klimaminister schließt nicht aus, erstmal nichts mehr fürs Klima tun zu können, der Kanzler exportiert Waffen in Krisengebiete, wo dann Arbeiter auf andere Arbeiter schießen, wie es die deutsche Sozialdemokratie immer zu verhindern suchte. Nichts dagegen ist  mehr zu hören und zu sehen vom Todesvirus, von der Weltseuche, von all dem Klein und Kleinklein des politischen Tagesgeschäftes. 
 
Nur noch Tabubrüche überall, Sondereinsatzkommandos beim "Morgenmagazin", halbe Gehälter bei Mecklenburger Zeitungshäusern und entsetzte Berliner Prime-Journalisten, die mitansehen müssen, wie der Pole, von den moralischen Leuchttürmen Berlin gesehen bisher nur als EUnterbürger mit verkrüppelten Mitgefühlsnerven zu erkennen, Flüchtlinge, die die creme de la creme selbstverständlich korrekt "Flüchtende" oder "Geflüchtet*innen" nennt, mit offenen Armen empfängt.
 
Die Welt ist aus den Fugen, der Wert der Gewissheiten geht gegen Null. Vor sieben Jahren übernahm PPQ ein damals, mitten in der ersten großen Ukraine-Krise, von Holger Douglas geführtes Interview mit Ralph Thiele, einem Bundeswehr-Obersten a.D., der als damaliger Vorsitzender der  Politisch-Militärischen Gesellschaft e.V. der übertriebenen Russland-Versteherei völlig unverdächtig schien. Thiele, Chef der Beratungsfirma Stratbyrd, hat lange als Regierungsberater gedient, dabei aber offenbar wenig erreicht. Niemand hat ihm zugehört, man verlegte sich auf ein Leben hinter fest zugezogenen Vorhängen, verpuppt in seine Vorstellungswelt.
 
Was haben die Sanktionen der westlichen Länder bisher in Russland bewirkt? Die Oligarchen sind empfindlich getroffen, aber haben sie auch die Macht, sich zu wehren? Und bemerkt das arme Volk überhaupt etwas von den Sanktionen?

Ralph Thiele: Die Sanktionen treffen Russland und die russische Wirtschaft hart. Dienstleistungs- und Warenströme müssen neue Wege und Märkte suchen. Die Oligarchen müssen Milliardenverluste verkraften. Vor allem die Banken leiden unter der Rubelkrise - viele wackeln bereits. Demnächst stehen Konkurse an. Die Folgen werden in Kürze auch die Menschen treffen. Bald wird dem Kreml nichts anderes übrig bleiben, als Steuern anzuheben, um die Krise abzufedern. Preise werden steigen. Dies wird die sozialen Spannungen in Russland verschärfen. Der bröckelnde Tourismus signalisiert die neue Lage. Viel weniger russische Bürger als bisher konnten sich 2014 in Auslandsurlauben ein persönliches Bild von den freiheitlich westlichen Demokratien machen. Dort kann man sich langsam auf eine Zuwanderungswelle junger, gut gebildeter Russen vorbereiten.

Was, vermuten Sie, treibt Putin an? Häufig verdecken Politiker mit außenpolitischen Kraftmeiereien innen– und wirtschaftspolitische Schwierigkeiten. Denken Sie, daß es hier auch so ist?

Ralph Thiele: Eher nicht. Vor der Ukrainekrise war Russland auf Wertschöpfungs- und Diversifizierungskurs. Man wollte mit erheblichen Investitionen und in enger Zusammenarbeit mit westlichen Partnern die eigene schwache wirtschaftliche Leistungsfähigkeit auf ein belastbareres Fundament stellen. Dabei war Russland ein eigenwilliger, schwieriger, bedeutungshungriger, aber zugleich zunehmend kooperativer Partner des Westens. Außen- und sicherheitspolitisch sah Russland in den vergangenen zwei Jahrzehnten seine strategischen Risiken vor allem im Süden und nicht im Westen. Im Zuge der ukrainischen Krise hat sich diese Wahrnehmung radikal verändert. Strategische Bedrohung aus dem Westen erscheint Russland wieder möglich. Im Grunde unterstellt man den USA ‚Regime-Change' Absichten mit zumindest fahrlässiger Beihilfe der Europäischen Union. Das ist auch die Hauptquelle des Vertrauensverlustes.
 
Der Westen ist ja nun aber in diesem Fall mehr denn je überzeugt, es mit einem russischen Ausbruch aus dem System der gemeinsamen Sicherheit zu tun zu heben?


Ralph Thiele: Putin beobachtet schon seit Jahren misstrauisch eine zunehmend ungenierte westliche Attitüde, unter dem Deckmantel von Menschenrechten das Recht des Stärkeren zu Lasten der Stärke des Rechts den Vorzug zu geben. Beispiele hierfür sind aus seiner Sicht der Kosovo und die Anerkennung dessen völkerrechtlich umstrittener Unabhängigkeitserklärung, der Einmarsch in den Irak und Afghanistan, die ungenierte Unterstützung des "Arabischen Frühlings", die Drohneneinsätze der USA unter Verletzung fundamentaler Souveränitätsrechte anderer Staaten etc. Auch der Regimewechsel in der Ukraine wurde aus russischer Sicht massiv vom Westen unterstützt und hat ein fragiles Gleichgewicht innerhalb des Staates zerstört mit massiven negativen Folgen. Für Putin war es der entscheidende Schritt über die rote Linie. 

Historisch gesehen passierte was`?

Ralph Thiele: Als Janukowitsch im Februar 2014 vor dem Druck einer aufgeputschten Bevölkerung nach Russland floh, entstand eine neue Regierung in Kiew, die im Kern pro-westlich und anti-russisch war. Auch wenn das volle Ausmaß der US-Beteiligung an diesen Vorgängen noch unklar ist, steht wohl fest: Washington hat den Putsch unterstützt. Es gab und gibt erhebliches US-Engagement zur Förderung von Demokratie und westlichen Werten in der Ukraine – darunter Geld für Demonstranten, private Sicherheitskräfte in Kiew, erhebliche NGO-Finanzierung zur Förderung der Westbindung der Ukraine bis hin zu intensivem geheimdienstlichen Engagement. Vor diesem Hintergrund hat sich für Putin das bisherige Modell der Beziehungen Russlands zum Westen erschöpft, das sich seit Gorbatschow von dem Grundsatz leiten ließ, dass ein konstruktives Verhältnis zum Westen – trotz aller Differenzen in Teilfragen – ein Wert an sich und unentbehrlich für Russlands Sicherheit ist.

Gab es keinen anderen Weg?
 
Ralph Thiele: Angesichts der Bedeutung der Krim für die russische Nahrungsmittelversorgung, der politisch-strategischen Bedeutung der Ukraine für die Wirtschaft und - mehr noch - die nationale Sicherheit Russlands entwickelte sich die Krise zu einer Art Showdown, den Russland glaubt, gewinnen zu können. Für Putin ist jetzt Zeit der Abrechnung für das, was Russland aus seiner Sicht als ein Vierteljahrhundert der Respektlosigkeit, der Demütigung und des diplomatischen Mobbings wahrgenommen hat.

Wie stark ist Putin wirklich?

Ralph Thiele: Russische Langstreckenbomber an den Grenzen des NATO-Luftraums verursachen Alarmstarts von NATO-Abfangjägern. Russische U-Boote in NATO-Gewässern lösen aufwändige Suchoperationen aus. Die NATO erfährt in der Ukraine-Krise, dass sie ihre Souveränität im Luftraum, im Seeraum oder auch im Cyberraum nicht effektiv schützen kann. Als Reaktion auf die geplante ballistische Raketenabwehr der NATO entlang Russlands Grenze werden 50 Nuklearraketen in den Dienst gestellt, die diesen Schirm durchbrechen werden können. Noch bis 2020 läuft ein 300 Milliarden Modernisierungsprogramm der russischen Streitkräfte, während die Schwindsucht der militärischen Fähigkeiten des transatlantischen Bündnisses anhält. Auch die USA fahren ihre Militärausgaben, wenngleich auf hohem Niveau, um knapp ein Viertel zurück – und relevante europäische militärische Fähigkeiten sind weiterhin nicht in Sicht.
Was will der russische Präsident?

Ralph Thiele: Putin will ernst genommen werden. Deshalb wird er die russischen Streitkräfte trotz der sich verschärfenden Wirtschaftskrise wie geplant modernisieren. Der Spott von US-Präsident Barack Obama über Russland als Regionalmacht hat ihn verletzt. Amerikanische und NATO-Manöver auf ukrainischem Boden und in ukrainischen Häfen besorgen und provozieren ihn – übrigens unter Beteiligung der Bundeswehr im September des vergangenen Jahres. Vom 11. bis zum 28. September 2014 veranstaltete die NATO beispielsweise unter Leitung des US European Command das Manöver "Rapid Trident 14" auf einem Truppenübungsplatz im Westen der Ukraine. Bei der kombinierten Land- und Luftwaffenübung waren etwa 1300 Soldaten aus 16 Nationen, darunter auch drei Soldaten der Bundeswehr beteiligt. 
Was will der Westen?

Ralph Thiele: Das Center of Gravity des Systems Putin ist der Energieexport. Russland kann sich materiell allein auf Rohstoff- und Energieexport stützen. Putin braucht die Rohstofferlöse zur Unterstützung wichtiger Machteliten. Darüber hinaus ist die wirtschaftliche Basis für Putins Ansatz schwach. Unterm Strich vergrößert die Leidensfähigkeit des russischen Volkes Putins zeitlichen Spielraum; dauerhaft niedrige Ölpreise verringern ihn dagegen. Innenpolitisch konzentriert sich das System auf Nationalismus. Dieser wird durch die erfolgreiche Demonstration militärischer Macht befeuert. Die in den vergangenen Jahren erheblich verbesserte Leistungsfähigkeit der Streitkräfte gestattet Säbelrasseln unterhalb der Schwelle des Krieges und unterlegt Putins Strategie nach innen. Er hat für diesen Kurs eine hohe Zustimmung in der eigenen Bevölkerung. Er provoziert und setzt nach, wo der Westen zurückweicht. Da der Westen an seinen Zielsetzungen bezüglich der Ukraine festhält, hat sich Russland zu einer – für alle Beteiligten - kostspieligen Beschäftigungstherapie entschlossen. Man hält die Ukraine in einem dauernden Schwebezustand zwischen Krieg und Frieden, damit das Land keine Kraft hat, das Assoziierungsprogramm mit der EU umzusetzen und einen demokratischen Rechtsstaat aufzubauen. Dann kann er verkünden, dass das Assoziierungsprogramm gescheitert ist und damit das europäische Modell. Für Moldowa und Georgien, die ebenfalls den Weg der EU-Assoziierung gehen wollen, ist das eine handfeste Warnung: Sie müssen ggf. mit Krieg in ihren Ländern rechnen. Putin geht davon aus, dass der Westen wegen der Ukraine keine massive Konfrontation mit Russland wagen wird.

Offenkundig ist: Es ist jegliches Vertrauen zwischen beiden Seiten verspielt worden. Es scheint noch nicht mal mehr einen inoffiziellen, direkten Draht zu geben. Wie konnte es so weit kommen?

Ralph Thiele: Der Vertrauensverlust hat einen langen Vorlauf mit drei Schlüsselerfahrungen auf russischer Seite: Für Russland liegt die Wurzel des Übels in der NATO-Erweiterung. Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich die russische Führung strikt gegen die NATO-Erweiterung ausgesprochen. Insbesondere in den letzten Jahren hat Russland deutlich gemacht, dass es nicht einfach zusieht, wenn seine strategisch wichtigen Nachbarn in eine westliche Bastion umgestaltet werden sollen. Als auf dem NATO-Gipfel 2008 in Bukarest erstmals der mögliche Beitritt von Georgien und der Ukraine thematisiert wurde, unterstützte George W. Bush deren Beitrittswunsch, während Frankreich und Deutschland besorgt waren, damit Russland nachhaltig zu verärgern. Die NATO-Staaten einigten sich damals auf einen Kompromiss: Die Allianz begann nicht den formalen Prozess, der zur Mitgliedschaft führt, aber begrüßten in einer Erklärung die Bestrebungen Georgiens und der Ukraine. Alexander Grushko, der damalige stellvertretende Außenminister Russlands, kommentierte lakonisch, "dass die Mitgliedschaft Georgiens und der Ukraine in der Allianz ein großer strategischer Fehler wäre, mit schwersten Folgen für die gesamteuropäische Sicherheit."

Eine Warnung...
 
Ralph Thiele: Das Engagement des Westens führte wiederholt zu blutigen Bürgerkriegen. Aus russischer Sicht gab es hier eine Serie von Völkerrechtsverletzungen seitens des Westens begleitet von einer indirekten Begleitung der aktiv angestrebten, gewaltsamen Regierungswechsel durch sogenanntes Social Engineering - die Einbindung von NGOs zur Förderung unzufriedener sozialer Gruppen. Genau diese modernen Formen der Aggression gegen Russland wirft Moskau derzeit dem Westen vor, etwa die Entscheidung der NATO, ein System ballistischer Raketenabwehr in Osteuropa zu stationieren. Russland hat dem Westen nie das Argument abgenommen, das System sei nicht gegen Russland gerichtet, sondern eine Reaktion auf die Bestrebungen des Irans, Atommacht zu werden. Für Russland war diese Entscheidung ein eindeutig feindseliger Akt gegen das russische strategische Dispositiv.
Was wirft Russland dem Westen vor?
 
Ralph Thiele: Im Grunde hat der Westen Schritt für Schritt Sensitivität, Fachwissen und auch Respekt gegenüber Russland und dessen strategischen Interessen verloren. Früher gab es beispielsweise Heerscharen von sogenannten "Sowjetologen", die sich mit allen denkbaren Aspekten russischer Planungen, Fähigkeiten und Befindlichkeiten im Detail auskannten. Mit dem Fall der Mauer konnten sie sich neue Jobs suchen. Heute fehlt deren Expertise. Die gegenwärtige Absenz von Vertrauen reflektiert schlechte Erfahrungen miteinander. Die Absenz von direkten Drähten – wie beispielsweise Egon Bahr für lange Jahrzehnte als Mittelsmann der SPD für kritische Ost-West-Themen – offenbart Ignoranz, fehlendes Urteilsvermögen und mangelnden Respekt. Hier brauchen wir dringend wieder die Fähigkeit, wie es Hans-Dietrich Genscher kürzlich so treffend formulierte, sich in die "Schuhe des anderen" zu stellen.

Vor allem in den baltischen Ländern blickt man mit größer werdender Furcht auf Russland. Dort ist die Erinnerung an die Zeiten des Ostblocks noch hellwach. Und immerhin hat die russische Armee direkt vor ihrer Haustür ihren neuen hybriden Krieg geübt. Russische Atombomber fliegen bis an die Grenzen zum Westen, teilweise offenbar darüber hinaus. Verstehen Sie die Sorgen der Balten? Sehen Sie eine Kriegsgefahr?

Ralph Thiele: Strategie zielt auf die Durchsetzung eigener Ziele und Zwecke auch gegen Widerstände. Diesen Weg geht Russland ganz offensichtlich mit Blick auf die Ukraine. Russland hat bisher die Initiative, täuscht und droht und zwingt den Westen zur Reaktion. Die Welt erlebt, wie dosierte und verdeckte militärische Aggression von Diplomatie, Informationskriegsführung, Propaganda, humanitären Aktionen, Cyberwar, Geheimdienstoperationen, Wirtschaftsinitiativen und innenpolitischen Repressionen abgeschirmt und begleitet wird. Der damals frisch bestellte russische Generalstabschef Walerij Gerassimow hat Ende Januar 2013 in seiner Rede vor der Jahresversammlung der Russischen Akademie für Militärwissenschaft seine Vorstellungen moderner russischer Operationen öffentlich beschrieben. Er erläuterte, daß sich die Grenzen zwischen Krieg und Frieden auflösen. Kriege würden nicht mehr erklärt, und sie verliefen nach einem "ungewohnten Muster". Ein prosperierender Staat könne - als Opfer einer ausländischen Intervention - in kurzer Zeit in einen Schauplatz erbitterter bewaffneter Auseinandersetzungen verwandelt werden mit Ausprägungen wie Chaos, humanitären Notlagen und Bürgerkrieg inklusive. Grundlage seiner Überlegungen war eine sorgfältige Analyse der »Farbenrevolutionen« in Nordafrika und im Nahen Osten. Er forderte seine Zuhörer auf, von Siegern (er meinte die westlichen Staaten) das Siegen zu lernen. Politische Ziele seien nicht mehr in erster Linie mit konventioneller Feuerkraft zu erreichen, sondern durch den - so Gerassimow wörtlich - "breit gestreuten Einsatz von Desinformationen, von politischen, ökonomischen, humanitären und anderen nichtmilitärischen Maßnahmen, die in Verbindung mit dem Protestpotential der Bevölkerung zum Einsatz kommen". Der russische Begriff dafür ist "nichtlineare Kriegsführung". Militärische Maßnahmen seien zwar erforderlich, sagte der Generalstabschef weiter, aber sie müssten einen "verdeckten Charakter" haben: Dazu gehörten Angriffe auf Informationssysteme und der Einsatz von Spezialtruppen. "Der offene Einsatz von Truppen – oftmals unter dem Deckmantel von Friedenserhaltung und Krisenbewältigung – kommt erst zu einem späten Zeitpunkt in Betracht, vor allem, um in einem Konflikt endgültig zu gewinnen", so Gerassimow. Entscheidend dafür seien "Geschwindigkeit, schnelle Bewegungen, der kluge Einsatz von Fallschirmjägern und das Einkreisen feindlicher Kräfte". 

Ist das realistisch?
 
Ralph Thiele:  Das von ihm umrissene Einsatzkonzept wurde von den russischen Streitkräften im September 2013 tatsächlich geübt. Die Übung ZAPAD in Kaliningrad sowie an der russischen Westgrenze zum Baltikum und in Weißrussland diente als praktische Vorbereitung. Offiziell wurde die gemeinsame Verteidigung russischer und weißrussischer Einheiten gegen einen Angriff »illegaler bewaffneter Gruppen« auf Weißrussland geübt. Tatsächlich war es eine Art Generalprobe für den späteren Einsatz auf der Krim und im Osten der Ukraine. Zum Teil handelte es sich sogar um dieselben Bataillone. Offiziell wurden von beiden Staaten nur 12.900 Soldaten für die Übung angemeldet, da dies unterhalb der Schwelle liegt, jenseits der westliche Beobachter hätten zugelassen werden müssen. Nach Schätzung der NATO waren tatsächlich jedoch rund 70.000 Soldaten eingebunden. Die Übung hatte übrigens eine zweite beunruhigende Botschaft: Der Gegenschlag der Verteidiger zielte auf die Eroberung des gesamten Baltikums. Die Balten haben also tatsächlich Grund zur Sorge.

Die "graue Eminenz der amerikanischen Außenpolitik", Zbigniew Brzeziński, kommt in seinem Buch "Das große Schachbrett" von 1997 zu dem Schluß, daß das erste Ziel amerikanischer Außenpolitik darin bestehen muß, »daß kein Staat oder keine Gruppe von Staaten die Fähigkeit erlangt, die Vereinigten Staaten aus Eurasien zu vertreiben oder auch nur deren Schiedsrichterrolle entscheidend zu beeinträchtigen«. Es gelte, »die Gefahr eines plötzlichen Aufstiegs einer neuen Macht erfolgreich« hinauszuschieben. Die USA verfolgen das Ziel, »die beherrschende Stellung Amerikas für noch mindestens eine Generation und vorzugsweise länger zu bewahren«. Sie müssen »das Emporkommen eines Rivalen um die Macht (...) vereiteln«. Wie schätzen Sie seine Ansicht ein?

Ralph Thiele: Brzezińskis Ansatz ist bis heute zutreffend. Allerdings haben weder der U.S. Präsident noch die anderen westlichen Staats- und Regierungschefs das Schachbrett im Griff. Nicht zuletzt deshalb gerät die »Welt aus den Fugen«, wie es Außenminister Frank-Walter Steinmeier konstatiert hat.
Die USA spielen auf dem »Großen Schachbrett« – machtvoll und zuweilen unkoordiniert mit einer Präferenz für die militärische und wirtschaftliche Ebene. Die europäischen Demokratien spielen überwiegend auf dem wirtschaftlichen Brett und verpassen dabei allerdings wesentliche Anteile des Spiels auf den anderen Brettern. Diktatorische Regime wie China und Russland, sicherlich auch Nordkorea oder der Iran, nutzen sehr koordiniert – glücklicherweise noch nicht sehr wirkungsvoll – die gesamte Palette ihrer Möglichkeiten auf den verfügbaren Brettern. 
In der öffentlichen amerikanischen Gesellschaft gibt es einen immer größeren Unwillen, Weltpolizist zu spielen. Stimmen heute noch Brzezińskis Einschätzungen?

Ralph Thiele: Was die USA wollen, sagt der US-Präsident alljährlich in seiner "State of the Union Address", die letzte übrigens erst vor ein paar Tagen: Meine vornehmste Pflicht als Oberkommandierender der amerikanischen Streitkräfte ist es, die Vereinigten Staaten von Amerika zu verteidigen. In diesem Zusammenhang lautet Frage nicht, ob Amerika die Welt führt, sondern wie.  Wir führen am Besten, wenn wir militärische Macht mit starker Diplomatie kombinieren, wenn wir unseren Einfluss und unsere Macht mit Bündnissen stärken, wenn wir uns nicht von Ängsten leiten lassen, sondern vielmehr von den Möglichkeiten, die uns das neue Jahrhundert bietet. Und genau das machen wir derzeit. Die USA verstehen sich als globale Macht, verpflichtet auf ihre Interessen sowie ihrer Führungsrolle in der westlichen Welt und darüber hinaus. Die US-Administration unter Präsident Obama setzt – wo immer möglich - auf die Stärken multilateraler Diplomatie und das Engagement in internationalen Organisationen, behält sich aber das Recht vor, ggfs. allein zu handeln. Dementsprechend pflegen und entwickeln die USA ihre Partnerschaften zu Freunden und Verbündeten. Sie führen Bündnisse in der ganzen Welt. Diese sind konstitutives Merkmal für die Fähigkeit der USA, weltweit wirksam zu agieren und globale Herausforderungen nachhaltig zu bewältigen, denn sie begegnen den Krisenherden in der Welt nicht nur mit eigenen Fähigkeiten, sondern darüber hinaus mit dem gesamten verfügbaren Instrumentarium aus partnerschaftlicher Kooperation.

Aber wie kann die USA heute noch führen?
 
Ralph Thiele: Hauptträger der U.S.-Sicherheitspolitik sind deren Streitkräfte. Sie dienen sowohl der Abschreckung wie auch der Machtprojektion und Krisenintervention. Die USA verfügen über ein weltumspannendes Netz an Militärbasen in über 20 Ländern. Sie unterhalten darüber hinaus militärische Einrichtungen in über 130 Ländern sowie ein weltweites, dynamisch wachsendes Netz von militärischen Aufklärungseinrichtungen - vom Meeresboden bis in den Welt- und Cyberraum. Derzeit belasten erhebliche Bürden die Performance der U.S. Außen- und Sicherheitspolitik - der problematische Nachlass der militärischen Interventionen im Irak und in Afghanistan sowie Konsequenzen der Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise.

Ist denn die Ukraine noch der Schlüsselstaat, so wie Brzeziński ihn beschreibt? Immerhin ist das Land kaputt, die Produktionsanlagen weitgehend Schrott und die Landwirtschaft in diesem Jahr wohl kaum noch in der Lage, zum Beispiel Getreide zu exportieren und damit Devisen einzunehmen. Ein übriges tun die Kampfhandlungen im Osten.

Ralph Thiele: Die Ukraine ist ein Schlüsselstaat für die russische Sicherheit und Prosperität, weniger für die Sicherheit und Prosperität des Westens. Sie ist das einzige postsowjetische Land, das den Lebensstandard der Sowjetzeit nicht erreicht hat. Es ist zu einem der ärmsten europäischen Länder geworden. 20 Jahre erfolgloser Transformation haben in der Ukraine tiefe Spurrillen und Gegensätze hinterlassen. In der Ukraine sind die bisherigen Regierungsmodelle gescheitert. Mit seiner Unabhängigkeit im Jahre 1991 erlangte die Ukraine ein schweres Erbe - Regionen mit völlig unterschiedlicher Geschichte, mit einer Fülle ungelöster ethnischer und religiöser, sozialer und wirtschaftlicher Konflikte. Halbherzige Reformen und weitverbreitete Korruption haben zu einem dysfunktionalen System geführt. Die ukrainischen Administrationen haben bisher durchweg ihre Machtposition missbraucht, um für persönliche Vorteile Geld aus dem Land zu ziehen. Jede Regimewechsel wurde von großen Säuberungen bis hinunter auf die Ebene der Krankenhäuser und Mittelschulen begleitet. In einem Fall führte dies zu einem Punkt, an dem sich ein ganzes Dorf gegen seine korrupte Polizei erhob. Auch der Vorwurf der Existenz rechtsradikaler Kräfte in der Ukraine ist nicht aus der Luft gegriffen. Für die Ukraine standen und stehen derzeit zwei große Gefahren vor der Tür: ein möglicher lang währender Bürgerkrieg; eine wirtschaftliche und humanitäre Katastrophe. Beide Gefahren gehen über die Ukraine hinaus auch zu Lasten von Sicherheit und Prosperität in Russland und der Europäischen Union. Auch globale Auswirkungen sind zu befürchten. Denn der Westen verliert Russland als durchaus gewichtigen Partner im gemeinsamen Krisenmanagement bei regionalen und globalen Herausforderungen. In den meisten großen Krisen der letzten Jahrzehnte hat der Westen von der Kooperation Russlands profitiert.

Welche Rolle will Amerika künftig spielen? Der Ölmarkt hat sich aufgrund der Frackingtechnologien innerhalb kurzer Zeit so dramatisch geändert, daß es die bisherigen Interessenskonstellationen nicht mehr gibt. Die Vereinigten Staaten sind selbst ölexportierendes Land geworden und nicht mehr auf das Öl aus dem Mittleren Osten angewiesen, könnten also das Interesse verlieren, mit Milliarden Dollar ihre Militärpräsenz im Persischen Golf aufrechtzuerhalten und die freie Fahrt für Öltanker zu garantieren – zumal es wieder eine vorsichtige Annäherung an Teheran zu geben scheint. Wie wird sich diese Lage weiter entwickeln?

Ralph Thiele: Lange Zeit haben die USA zwei Flugzeugträgerflotten für die Region eingesetzt. Diese Zeiten sind vorbei. Freie Fahrt für Öltanker im Persischen Golf bedeutet heute freie Fahrt für chinesische und europäische Ölversorgung. Warum sollten die USA für diese Nutznießer ihren immens hohen Aufwand in der Region fortsetzen wollen? Die Region bleibt als Krisenherd. Und sie behält ihre bedeutende geostrategische Lage als energiepolitische Schlüsselregion mit störanfälligen See- und Pipelineverbindungswegen. Die USA verstehen sich weiter als eine Weltmacht mit globaler Verantwortung. Allerdings hat die U.S.-Verschuldung inzwischen eine Dimension erreicht, welche die Handlungsfähigkeit der USA – nicht zuletzt durch strategische Abhängigkeit von ausländischen Gläubigern wie China – beeinträchtigt. Der angeschlagene Hegemon will die sich verändernde Weltordnung dominant gestalten, hat aber noch keine klare Vision davon, wie diese aussehen könnte. Sicher ist lediglich, dass darin Asien eine größere und Europa eine kleinere Rolle spielt als bisher.
Die strategische Neuausrichtung der USA mit asiatisch-pazifischem Fokus ist von daher konsequent. Die bestehenden Allianzen im Nordatlantik und Mittleren Osten sollen weiter gepflegt werden. Dennoch: Amerikas Zukunft liegt im Pazifik, hinsichtlich seiner nationalen Sicherheit, vor allem aber auch hinsichtlich seiner Prosperität. Und das Budget reicht nicht, um sich allen gleichermaßen zuzuwenden. Asiatische Länder stehen heute an der Spitze des Fortschritts weltweiter Innovationen und Trends und sind eine dynamisch wachsende Kraft in der Weltwirtschaft. Hier lebt fast die Hälfte der Weltbevölkerung. Hier befinden sich außerordentlich wichtige Schwungräder der Weltwirtschaft. Hier sind aufstrebende Mächte wie China, Indien und Indonesien beheimatet. Überdehnt und unterfinanziert für die anstehenden globalen Herausforderungen bedeutet der pazifische Fokus der USA in der Konsequenz ein schleichendes Disengagement in Europa und im Mittleren Osten. Die Frackingtechnologien beschleunigen diesen Prozess. Sie machen die USA zum Ölexporteur. Die derzeitigen niedrigen Ölpreise verlangsamen diese Entwicklung allerdings, denn die diesbezüglichen Industrien sind überwiegend kreditfinanziert und brauchen einen hohen Ölpreis.

Wie beurteilen Sie die internationale Handlungsfähigkeit Deutschlands, dessen direkte Kontakte zu den Vereinigten Staaten und vor allem nach Russland? Sie scheint es nicht mehr so wie früher zu geben. Einige vergleichen die Situation derzeit gar mit der unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg: Keiner will einen Krieg, doch relativ plötzlich ist eine relativ gefährliche Situation entstanden. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ralph Thiele: Die Balten haben Grund zur Sorge. Wir Deutschen auch. Auch hier gibt es russische Minderheiten – und in Konsequenz der Sanktionen demnächst noch mehr. Wenn die Eskalationsspirale Schwung aufnimmt – warum sollte sie an den baltischen Grenzen stoppen? Die Krise um die Unabhängigkeit der Ukraine traf die meisten westlichen Beobachter völlig unerwartet. Plötzlich ist die Rivalität zwischen Ost und West wieder da. Die wesentlichen Fortschritte zwischen Ost und West seit dem Fall des Eisernen Vorhangs in Bezug auf Frieden und Freiheit, Sicherheit und Prosperität sind plötzlich wieder in Gefahr. Und es könnte noch schlimmer kommen. Die alten Mechanismen vertraulicher Kommunikation in Krisen gibt es nicht mehr – übrigens sind auch diesbezügliche Mechanismen mit den westlichen Partnern notleidend. In Richtung England hat sich eine (zu) stille Partnerschaft ausgeprägt. Der enge Schulterschluss mit Frankreich ist heute eher eine rhetorische Floskel. Die bewährte enge Bindung an die USA wurde so lange für selbstverständlich gehalten, bis man sich nur noch auf Konferenzen begegnet. Welche deutschen Politiker und Parlamentarier von Rang reisen regelmäßig in die USA und finden dort Gehör und vice versa? Die Münchner Sicherheitskonferenz ist da die einzig verbliebene Ausnahme. Nach dem Dreiklang im vergangenen Jahr von Bundespräsident Joachim Gauck, Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen "Deutschland muss mehr Verantwortung übernehmen", steht in den nächsten Tagen auf der diesjährigen Konferenz vom 6. - 8. Februar die Kanzlerin in einer besonderen Verantwortung. Mit ihr werden auch US-Vizepräsident Joe Biden und der russische Außenminister Sergej Lawrow zu hören sein. Und der Kenner weiß: Noch wichtiger als die öffentliche Rede werden die Gespräche in den Fluren und Besprechungszimmern des Bayerischen Hofes in München sein. Hoffentlich wird es dabei gelingen, die USA von einer weiteren Eskalation der Krise durch eine signifikante Aufrüstung der Ukraine abzuhalten. Ein solches Gefecht kann der Westen nicht gewinnen. Das ist ein sehr gefährliches und zugleich kontraproduktives Spiel mit dem Feuer.
Was müsste nun geschehen?

Ralph Thiele: Deeskalation ist das Gebot der Stunde. Die Wiedergewinnung von Vertrauen die Voraussetzung für Erfolg. Von größter Bedeutung wird es sein, gegenseitiges Vertrauen wieder herzustellen. Dies ist der Kern einer besseren künftigen Entwicklung. Dabei spielt auch Vertrauen in die Wirksamkeit rechtsstaatlicher Prinzipien als ein Schlüsselelement der entstehenden neuen Weltordnung eine fundamentale Rolle, in der auch der Westen seine Performance verbessern kann und muss. Natürlich ist Russland kein demokratisches Land, aber die realistische Einschätzung der Möglichkeiten gebietet, klüger mit der Situation umzugehen. Bewährte multilaterale Instrumente der Vertrauensbildung wie die OSZE und der NATO-Russland-Rat sollten für die friedliche Beilegung der Ukraine-Krise genutzt werden. Operative Herausforderungen wie Entflechtung, Überwachung einer Waffenruhe, Grenzüberwachung können aller Erfahrung nach nur gelöst werden, wenn es gelingt, einen allgemein akzeptierten multilateralen Verhandlungsrahmen zu schaffen. Der bedeutende Historiker Herfried Münkler nannte kürzlich den Ersten Weltkrieg ein "Kompendium falscher Entscheidungen". Wir müssen sehr aufpassen, dass wir nicht ein weiteres Musterbeispiel für eine Serie falscher Entscheidungen liefern, die dann in einer Katastrophe münden. Noch ist es nicht zu spät. Insbesondere die deutsche Bundeskanzlerin und der deutsche Außenminister haben das Format, die Dinge zum Besseren zu wenden. Übrigens könnte auch ein deutscher Alt-Kanzler wichtige Beiträge leisten.

"Sondervermögen": Finanzgeschütz für den Kriegseinsatz

Todeswünsche für das deutsche Militär galten über Jahrzehnte als Nachweis korrekter Gewissenfunktionen.

Coole Arbeitszeitregelungen, jede Menge "Hauptquartiere, um Stellen zu halten" (Roderich Kiesewetter), keine Waffen, kaum Munition, die Beweglichkeit einer Schildkröte im Winterschlaf - auch die Bundeswehr war von der Eskalation an der Ostflanke der Nato überrascht worden. Ein Vierteljahrhundert nach Beginn der großen Bundeswehrreformen sind Heer, Luftwaffe und Marine in einem bedauernswerten Zustand, nichts fliegt, nichts schwimmt, nichts fährt, alles Fähigkeiten, die die ehemals weltweit gefürchteten deutschen Streitkräfte erst wieder lernen müssen, wie Bundeskanzler Olaf Scholz in seiner historischen Zeitenwende-Rede vor dem Bundestag sagte.  

Jammervolle Heeresmacht

Schwer genug wird es. In Afghanistan offenbarte sich im vergangenen Jahr das ganze Ausmaß der fehlenden Kampfbereitschaft: Nachdem die Amerikaner das Land verlassen hatten, war es der Bundeswehr auch mit Unterstützung und Waffenhilfe aller europäischen Verbündeten nicht möglich, auch nur den Flugplatz der Hauptstadt Kabul für ein, zwei Monate zu halten. Den Auslandseinsatz in Mali muss die Bundeswehr im Moment gerade abbrechen - ohne französischen Schutz sind die deutschen Einheiten in Afrika verloren.

Zeit, etwas zu tun. Zeit aber auch, erst einmal etwas zu sagen, um die Gemüter zu beruhigen. Schon als  Generalleutnant Alfons Mais, als Inspekteur des Heeres Oberbefehlshaber der deutschen Landstreitkräfte, mit dem Beginn der russischen Offensive erkannte, dass seine Truppen "blank" dastehen, löste das Bundeskanzleramt einen Abwehrauftrag in der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) aus. "Auftrag: Erstellung einer Beruhigungsvokabel Bundeswehr" steht auf dem Laufzettel, der per Rohrpost aus der Willy-Brandt-Straße 1 in die sieben Stockwerke tiefer gelegene BWHF auf den Weg ging und den PPQ.li jetzt exklusiv einsehen konnte.

Geistig-moralische Wende

Alles musste neu, alle Zeichen stehen auf geistig-moralische Wende, Frauen und Männer wie Norbert Röttgen, Sahra Wagenknecht, Gregor Gysi und Luisa Neubauer "springen über Tabus" (Röttgen) in diesen dynamischen Tagen, in denen sich das Schicksal des deutschen Volkes wendet. Aufgabe der Bundesworthülsenfabrik ist es in solchen geschichtlich bedeutsamen Momenten, den Willen und das Wollen der Regierenden, die Prokura zum Handeln von den Regierten bekommen haben, in Signalbegriffe, kompakte Kurzformeln und Beschwörungsvokabeln zu fassen.

Mit "Zeitenwende" hatte die BWHF Bundeskanzler Scholz im ersten Zugriff mit einer Worthülse aus dem Depot versorgt, die sich bereits im Winter 1940 und im September 2001 zur Abwehr gesellschaftlicher Verunsicherung bewährt hatte. Wichtiger aber zur Beruhigung der Nerven der Bevölkerung war ein zweiter Begriff, den die Worthülsendreher, Verbalschmiede und Virtualisierungspoeten Scholz zur Verfügung stellten: "Sondervermögen", in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts vom damaligen Reichsamt für Worte und Benennungen (RWB - Forschungsbehörde) für die Verwendung in gesellschaftlichen Randbereichen entwickelt, wurde zum zweiten zentralen Begriff im Weckruf des Kanzlers an Gemütlichkeit und römisch-dekadente Nestwärme.

Das Imperium schlägt zurück

Eine Sonderlage, eine besondere Reaktion, ein Alarmschrei, zugleich aber auch die beruhigende Mitteilung:  Die Bundesregierung hat gut gewirtschaftet, sie behält die Lage im Griff, indem sie ein einfach ein Vermögen mobilisiert, es zweckbestimmt und sich selbst zur Verfügung stellt. Ein Finanzgeschütz für den Kriegseinsatz, das allein durch die Kraft der für die meisten Bürgerinnen und Bürger unvorstellbar hohen Zahl wirkt. 100 Milliarden Euro Sondervermögen, das sind 1.200 Euro pro Kopf der Bevölkerung, 3.000 bis 4.000 Euro pro Kopf jedes Steuerzahler*innes, ein Vermögen, das rein technisch gesehen nicht wie ein Sparbuchguthaben als Rücklagen besteht, sondern aus einer neuen Verbindlichkeit, die als Hypothek auf die künftige Wertschöpfung aufgenommen wird.

Das Gute an der Worthülse, die ihren Inhalt nahezu perfekt verbirgt, ist ihre glatte Gängigkeit, die medial zu einer kollektiven Zugriffsfreude führt. Unisono verweisen Magazine, Zeitungen, Fernsehsender und Agenturen darauf, dass es sich bei dem "vielen Geld " (RND) um eine "historische Chance" handele, "Jahre der Sparpolitik und eine politische Führung, die immer wieder daran scheiterte das berüchtigte Beschaffungswesen in den Griff zu bekommen" (RND) zu beenden. Ein "Sondervermögen", das durch eine Ansage des Bundeskanzlers entstanden ist und eine Sekunde später mehr als ein Fünftel des Volumens des gesamten aktuellen Bundeshaushaltes erreicht, verbreitet das tröstende Gefühl im Land, wie Griechenland, Flut, Klima, Euro und Pandemie sei auch Russland einzig und allein ein finanzielles Problem, das sich mit ausreichend Nullen hinter einer Führungszahl wie immer recht schnell regeln lassen werde.

Weltweit führende Verbalfähigkeiten

Als "Investition in die Freiheit" (Christian Lindner) handelt es sich bei den neuen Schulden nicht um um neue Schulden, mit denen erneut und mit großem Nachdruck gegen die verfassungsmäßige Schuldenbremse verstoßen wird, sondern um die Basis dafür, die Voraussetzungen zu schaffen, die Schuldenbremse bereits in Zukunft wieder einhalten zu können. Lindner stellte dabei klar, dass die neuen Regeln zwingend ins Grundgesetz aufgenommen werden müssten, damit nicht irgendeine nachfolgende Regierung sie in gleicher Weise missachteten wie sein Vorgänger im Finanzministerium, der heutige Kanzler Scholz, und er selbst es mit der Schuldenbremse getan haben.

Dass der Bundeswehr auch mit noch so viel Geld und noch so hohen Zahlen vermutlich nicht aus ihrer "bedingten Abwehrbereitschaft" (Der Spiegel, Oktober 1962)  zu helfen sein wird, ist eine andere Frage, die an einem anderen Tag nicht beantwortet werden wird. Der aber liegt weit jenseits von Morgen und Übermorgen. Und jede Stunde bis zur bitteren Erkenntnis, dass es wieder nicht geklappt hat mit dem Umbau der Bundeswehr zu einer schlagkräftigen, selbst dem Russen gewachsenen Armee, hat die Bundesworthülsenfabrik mit ihren weltweit führenden Verbalfähigkeiten erkauft.