Sonntag, 27. September 2026

Zuversicht wird Wirklichkeit: Der KI-Kommunismus

Die Wurzeln des globalen Cyberglaubens liegt in der sogenannten Kybernetik der 60er Jahre.

Für den wissenschaftlichen Kommunismus war die Sache von Anfang an klar. Eine Wissenschaft, die behauptete, komplexe Systeme seien in der Lage, sich selbst zu steuern, konnte nichts anderes sein als eine Pseudo-Wissenschaft. Nirgendwo bei Marx oder Engels, aber auch nicht bei Lenin  stand etwas von selbststeuernden Systemen. Zum Glück. Denn für die Steuerung war noch immer die Partei zuständig. Und die Partei machte das sehr gut.

Wie heute die KI 

Diese sogenannte Kybernetik, vor 60 Jahren ein ähnlich angesagtes Buzz-Word wie heute AI und KI und Algorithmus, hielten die führenden Genossen für eine Erfindung des Westens, mit der sie hinterlistig in eine Falle gelockt werden sollten. Die wissenschaftlichen Büttel der Imperialisten hatten sich die Computerdinge eigens ausgedacht, um zu beweisen, dass Leitung und Führung der Gesellschaft durch die fortschrittliche Arbeiterpartei eines nicht allzu fernen Tages überflüssig sein werden. Eine Katastrophe wie autonomes Fahren heutzutage für die EU.

Eine These, die nicht weniger an den Grundfesten der entwickelten sozialistischen Gesellschaft rüttelte als Thilo Sarrazin Jahrzehnte später mit seiner populistischen Beschwörung, Einwanderung sei von Schaden, geschehe sie ungebremst und unkontrolliert, an den Pfeilern der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Freigabe aus Moskau 

Es musste erst der sowjetische Admiral Aksel Berg kommen, von Haus aus Elektroniker. Der Sohn eines finnlandschwedischen Vaters und einer italienischen Mutter genoss trotz seiner zweifelhaften Herkunft hohes Ansehen in der kommunistischen Führung. Und als er seiner Obrigkeit im Kreml wie eben erst Mario Draghi der seinen im Berlaymont-Palast in einem Geheimbericht zu verstehen gab, dass die Führung einer Armee ohne die bis dahin als "Seuche" definierte Kybernetik bald nicht mehr möglich sein werde, tapperte Angst durch die düsteren Kremlflure. 

Ruckartig - vieles erinnert an die jüngste europäische Blitzliebe zur unbegrenzten Aufrüstung nach JD Vance' Münchner Rede Anfang 2025 -  änderte sich die Einstellung aller sozialistischen Staaten. Vor allem aber, auch als sozialistischer Arbeiter- und Bauernstaat blieb die DDR vor allem deutsch -änderte sie sich in Ostdeutschland. Die Kybernetik, eine Lehre, die der US-Mathematiker Norbert Wiener im Zweiten Weltkrieg begründet hatte, war auf einmal die Parole der Stunde. Selbst Nikita Chruschtschow, ein Spezialist für landwirtschaftliche Fragen, lobte die rätselhafte neue Sache. Aus Lenins Theorie, Sozialismus sei Elektrifizierung plus Sowjetmacht, wurde ein Sozialismus, der aus Sowjetmacht und Großrechnern bestehen sollte.

Gefolgschaftstreue unter Freunden 

Nach dessen Empfehlung von Rinderoffenställen und dem Mais als "Wurst am Stengel" hätte es jeder besser wissen können. Beide Ratschläge aus Moskau hatte verheerende Folgen gehabt. Doch Gefolgschaftstreue unter Freunden, ohne viel oder überhaupt zu fragen, das wurde damals noch großgeschrieben. Statt über die jähe Wendung in Moskau zu meckern und hinhaltenden Widerstand zu leisten, forderte der wendige DDR-Staatschef Walter Ulbricht, das ganze neue Zeugs "allumfassend anzuwenden." Die DDR, ein Staat voller fürchterlich fossiler Industriebetriebe aus den 30er Jahren, nahm Anlauf zu einem großen Sprung zur Hochtechnologie.

Walter Ulbricht, der zum Unwillen der Russen schon länger versucht hatte, den immer größer werdenden Rückstand zum Westen durch gefährlich marktwirtschaftliche Experimente zu  verringern, glaubte nun, das sperrige zentrale Planungssystem werde dank Kybernetik sein ersehntes Wirtschaftswunder schaffen. 

Die staatliche Bürokratie in Brüssel und Berlin beschwört heute die Kraft der Künstlichen Intelligenz, die alle wissenschaftlich begründeten Fehler und falschen Weichenstellungen wiedergutmachen wird. Walter Ulbricht lebte damals im festen Glauben, seine Dampflok aus ideologischen Illusionen werde mit einer paar aufgeklebten Leiterplatten, Transistoren und Kabelbäumen zu einer Wachstumswunderrakete, die direkt ins Reich der klassenlosen Cyber-Gesellschaft fliegen könne.

Keine Ahnung, aber eine Hightech-Agenda 


Ulbricht war von Beruf Tischler, damit zwar höher qualifiziert als viele Spitzenpolitiker heute, doch von Kommunikation und Steuerung in maschinellen oder elektronischen Systemen hatte der Sachse sich nie beschäftigt. Für den 70-Jährigen war Kybernetik ein ähnlich mächtiges Schlagwort wie für den 70-jährigen Friedrich Merz der Begriff KI. Der hat heute eine "Hightech-Agenda", die Deutschland "im Wettlauf um Zukunftstechnologien mit Innovation an die Weltspitze" katapultieren wird. Ulbricht nannte das "die wissenschaftlich-technische Revolution meistern".

Beide könnten höchstwahrscheinlich nicht genauer werden als Friedrich Merz vor einiger Zeit bei einem Unternehmensbesuch. "Gefällt Ihnen ihre Arbeit" eröffnete er dort lässig ein geplantes Socialising mit einem einfachen Arbeiter im Weinberg der deutschen High-Tech-Branche. Die Antwort "ähhhh, ja" beendete den Dialog. Mehr hatte der Mitarbeiterstab dem Kanzler nicht aufgeschrieben. Was soll der CDU-Vorsitzende denn da machen.

Noch kein Backstein ist bewegt

Die Kybernetik in der DDR hatte ein längeres, schöneres Leben. Während die EU mehr als ein Jahr nach der Ausrufung ihrer gigantischen Initiative "InvestAI" zum Bau einiger kleiner "KI-Fabriken" noch keinen Backstein in Bewegung gesetzt hat, ging in der DDR die High-Tech-Sonne auf, noch ehe in Prag die Panzer rollten. 

Die ideologischen Hürden wurden beherzt beiseitegeräumt wie in der Coronazeit die Grundrechte. Der Dresdner Philosoph Georg Klaus gemeindete die bürgerliche Pseudowissenschaft im Parteiauftrag kurzerhand in die marxistische Weltsicht ein. Er erklärte die kommunistische Partei dazu einfach auch zu einem selbstlernenden System. Nicht die Kybernetik war jetzt neu, sondern die Erkenntnis, das sie alt war, weil es sie gab, seit es die Partei neuen typus gab.

Wissenschaft durfte jetzt als Waffe im Klassenkampf verwendet werden. Jeder wusste von einem Tag auf den anderen, dass der wahre Sozialismus nur entstehen würde mit Hilfe von immer mehr Forschung, die ideologisch auf Linie sein musste, deren Ergebnisse aber durchaus pragmatisch angewendet werden durften. 

Zu spät an der richtigen Stelle 

Der sozialistische Staat, wie immer spät wie heutzutage seine Erben von der EU-Kommission, aber doch an der richtigen Stelle, lockte Tausende ins Studium naturwissenschaftlicher Fächer wie die Bundesrepublik heute junge Leute zum Mitreisen an die Ostflanke wirbt. Der Plan war bestechend: Diese Investitionen in smarte Menschen, die smarte Produktionsmitteln erfinden würden, werde die Wirtschaftskraft des Staates in ungeahnte Höhen katapultieren.

Später, nicht gleich. Gleich mussten die Arbeiter und Bauern  den Gürtel erst einmal ähnlich engerschnallen wie die Melkbürger heute. Das Angebot an Konsumgütern wurde schlechter. Es gab weniger leckere Dinge zu essen. Und als die ersten Studenten der überbesetzten Jahrgänge abgingen, stellte sich heraus, dass so viele Akademiker etwa so sehr gebraucht wurden wie heute all die Genderforscher, Germanisten und Politikwissenschaftler beim Aufbau der geplanten resilienten europäischen Intelligenzfabriken. Ein Planungsfehler, bedauerlich.

Überflüssige Akademiker 

Schuld war natürlich nicht die Partei, sondern die Kybernetik. Sie hatte nicht halten können, was sich Walter Ulbricht versprochen hatte. Als Erich Honecker seinen Ziehvater in einer Nacht- und Nebelaktion stürzte, musste er die Kybernetik-Mode nicht einmal mehr offiziell beerdigen. Sie war schon vorbei, in aller Stille verstorben, unbetrauert. 

Mit ihr endete auch der letzte Versuch der DDR, sich durch Konzentration aller Energien als dynamische Wirtschaftsnation neu zu erfinden. Beim Flugzeugbau war diese Strategie gescheitert. Auch die Konzentration auf die Großchemie hatte keinen Erfolg gehabt. Später würde noch einmal alles in den altertümlichen Ein-Megabit-Chip gesteckt werden - ein Unternehmen, das von Anfang an ähnlich aussichtsreich war wie der EU-Plan, mit 50 Milliarden KI-Investitionen knappe 700 Milliarden US-Investitionen im gleichen Bereich im Staub hinter sich zu lassen.

Ein Zombie bei der Arbeit 

Der Tod der Kybernetik war allerdings kein vollständiger. Als Zombie wurde die revolutionäre Technologie weiter geduldet. Bis zum letzten Tag verließ sich die zentrale Planbehörde in Berlin auf elektronische Systeme, mit deren Hilfe sie versuchte, Milliarden Teile zu Millionen Produkten zusammensetzen, verteilen und verkaufen zu lassen. Alles war vergebens. Niemals stimmten die Zahlen mit den Plänen überein. Aber die Mangelwirtschaft wurde hochmodern monitored.

Von Selbstorganisation war freilich nicht mehr die Rede. Die Wissenschaft, die Werkzeug beim Aufbau des Kommunismus hätte sein sollen, galt nun als Verwaltungshelfer.Sie fand sich zurückgestutzt auf die Rolle, die Chat-Bots heute bei Hotlines spielen. Kein Thema, mit dem Politiker eine Vision auspolstern können.

Kybernetik für den Kommunismus


Ulbrichts Erbe Honecker wusste, dass auch Kybernetik den Kommunismus nicht aufbauen wird, wenn das Volk auf dem Weg zum Ziel von der sozialistischen Stange geht. An die Stelle des "so wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben", trat die Parole "Wir leisten was - wir leisten uns was".

Jedem nach seinen Bedürfnissen, dieses Wahlversprechen der Kommunisten, an dem Linkspartei, SPD und Grüne bis heute festhalten, garantierte spätkapitalistisch-dekadenten Konsum, wenn auch auf bescheidenstem Niveau. Weder für das eine noch für das andere hatte Honeckers Staat Geld. Letztlich aber, die Gegenwart zeigt das, kommt es darauf zuallerletzt an. 

Untergang mit modernster Technik 

Der Untergang, er war mit modernster Technik nicht aufzuhalten. Und er auch ohne sie näherte er sich langsam, aber stetig. Honecker und seine Genossen, allesamt mehr Gesichter als Köpfe, hatte verstanden, dass dem die Menschen davonlaufen, der sie immerzu nur auf morgen vertröstet. In den letzten anderthalb Jahrzehnten ihrer Diktatur erfuhren sie dann, dass der, der ihnen heute mit Hilfe von Sondervermögen, die damals "Milliardenkredit" hießen, gibt, was er nicht hat, morgen nackt im kalten Wind der Wirklichkeit steht.


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