Google+ PPQ: Vom Segen des Spitzelns

Mittwoch, 21. Juli 2010

Vom Segen des Spitzelns

Es sind entsetzliche Grafiken, die das Faktenmagazin Focus jetzt unter der Schlagzeile "Stasi bremst Wachstum" veröffentlichen musste (oben). In Grün und Gelb und Rot findet sich ein verstecktes Loblied auf die zweite deutsche Diktatur - und harsche Kritik an den derzeit herrschenden Zuständen in der zweiten deutschen Demokratie.

Das Danarichtenmagazin aus München berichtet eigentlich über eine Studie, die erstmals enthüllt, wie sich die Überwachung durch inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit in der DDR bis heute auf die Vertrauens- und Kooperationsfähigkeit der Menschen in Ostdeutschland auswirkt. Klarer Fall: Negativ. Das Wirtschaftswachstum in den neuen Bundesländern leide auch 20 Jahre nach der deutschen Einheit unter den Machenschaften des Mielke-Ministeriums, das habe eine Studie der Wirtschaftswissenschaftler Marcel Tyrell und Marcus Jacob bewiesen. Indirekt sei die Jahrzehnte lange Bespitzelung für bis zu sieben Prozent der Einkommensunterschiede zwischen Ost und West verantwortlich - und für fast 26 Prozent der Differenz in den Arbeitslosenzahlen, folgern die Forscher nachdem sie die Zahl der Stasi-IM in Beziehung zum Sozialverhalten und zu den Wirtschaftsdaten gesetzt haben. Frühere DDR-Bezirke, die eine deutlich überdurchschnittliche Überwachungsintensität aufgewiesen hätten, könnten heute beispielsweise eine um durchschnittlich 0,6 Prozentpunkte geringere Wahlbeteiligung, eine um zehn Prozent geringere Beteiligung am öffentlichen Leben und nur die Hälfte an Organspenden vorweisen. Diese schlechten Sozialkapitalwerte schlügen dann negativ auch auf die Bereitschaft zu sozialer und wirtschaftlicher Aktivität und damit schlussendlich auf die Wirtschaftskraft insgesamt durch.

Der Zusammenhang ist an den Haaren herbeigezogen, aber genauso schlüssig wie die von PPQ-Wissenschaftlern einst aufgedeckte enge Verbindung zwischen den Verkaufszahlen der immens rechtsradikalen Modekette Thor Steinar und dem Wohnungsleerstand (Grafik links). "Wer eine rechtsextreme Jacke hat, braucht keine Wohnung mehr", schlussfolgerte das Forscherteam seinerzeit schlüssig. Heute heißt es: „Das stete Bewusstsein im Gegenüber einen geheimen Informanten der Stasi vermuten zu müssen, hat in der DDR zu einem starken latenten Misstrauen gegenüber Fremden geführt“, zitiert das Magazin den Professor der Uni Friedrichshafen, einen offenkundigen Buchgelehrten des DDR-Alltags. Das wirke sich bis heute auf die Bereitschaft aus, zu vertrauen und zu kooperieren. Misstrauen, so schwört der Wissenschaftler, geboren in Trier und zum Zeitpunkt des Mauerfalls 30 Jahre alt, sei eine Art zweiter Vornamen jedes Ostdeutschen und der "Mangel an so genanntem Sozialkapital" lasse deshalb bis heute in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens nachweisen – etwa in der im Vergleich zum Westen geringeren Mitgliedschaft in Vereinen oder der niedrigeren Wahlbeteiligung.

Das eigentlich Erstaunliche aber ist die Tatsache, dass die Zahlen, mit denen die Wissenschaftler arbeiten, dieses Bild in der Übersetzung in Focus-Grafiken nicht stützen. Ganz im Gegenteil. Die Theorie, dass dort, wo wenig gespitzelt wurde, heute mehr Kooperation und Vertrauen und damit sozialer Klebstoff vorhanden sei, geht nicht auf. So hatte der ehemalige Bezirk Halle seinerzeit vergleichsweise wenige Stasi-Mitarbeiter pro Kopf der Bevölkerung, dennoch gehen in der Demokratie sowenig Menschen zur Wahl wie im ehemaligen Bezirk Schwerin, der von viel mehr Stasi-IM beobachtet wurde. Halle hat außerdem eine Arbeitslosenquote, wie sie nach Ansicht der beiden Experten ehemals schwer Stasi-durchseuchte Regionen haben sollte. Dagegen ist Schwerin, ehemals eine Paradies für Spitzel, mit weniger Arbeitslose gesegnet, während der frühere Bezirk Cottbus zwar viele Arbeitslose hat, aber als ehemalige IM-Hochburg nicht wie von den beiden Experten vorhergesagt wenig, sondern eher eifrig zur Wahl geht. Kunterbunt ist das alles ohne Grund: Suhl etwa hatte viel Stasi, hält aber heute dennoch eine niedrigere Arbeitslosenquote als Leipzig, wo es seinerzeit viel weniger Stasi-Überwachung gab.


Ist also die Tätigkeit der Stasi-Spitzel ein später Segen für den Osten? Blüht und gedeiht die Demokratie, wo früher jeder zweite Herzschlag Angst sein musste? Magdeburg etwa hatte mehr unter der Stasi zu leiden als Halle, was augenscheinlich dazu führte, dass die Arbeitslosenquote dort heute niedriger ist. Karl-Marx-Stadt, das frühere Chemnitz, hatte mehr Stasiüberwachung als Halle und geht vielleicht deshalb heute engagierter als die Hallenser zu jeder Wahl. Fakten, die allerdings weder Focus noch Forscher interessieren: „Der Mensch“, erklärt Mitforscher Jacob die Auswirkungen der Arbeit des MfS trotzig, „zieht sich zurück, er verlässt sich nur noch auf den innersten Kreis der Familie und wenige, enge Freunde“. Alle zusammen sitzen wieder in der Nische. Da war es damals schon gemütlich.

Kommentare:

nwr hat gesagt…

"Vom Segen des Spitzelns"? Berichtet jahreszeitbedingt doch lieber vom "Spritzen des Segelns" oder vom "Segeln der Spatzen".

Anhand der Farbgrafiken sind zumindest keine Korrelationen erkennbar, da muß das Datenmaterial schon anders ausgewertet werden, als nur visuell per Bezirksfarbkarte.

ppq hat gesagt…

Anhand der Farbgrafiken sind zumindest keine Korrelationen erkennbar.

genau. laut focus illustrieren aber diese grafiken die these

panzerbummi hat gesagt…

ich frage mich nur, warum die ddr so uneinheitlich überwacht wurde. die stasi gabs doch nicht nur aus jux und dollerei - aber in halle wurde definitiv zu wenig gespitzelt.

nwr hat gesagt…

@panzerbrummi
Die IM-Dichte sagt nur bedingt etwas über tatsächliche Überwachung aus. Vieleicht wurden in einigen Bezirken aus Langeweile nur mehr Menschen angequatscht und damit auch mehr "verpflichtet", während in den Zentren der Oppositionsbewegung Bez. Halle, Leipzig, Dresden, Karl-Marx-Stadt - Cottbus und Schwerin gehörten definitiv nicht dazu - sich der Stasi-Apparat mehr mit tatsächlicher Überwachung beschäftigen mußte.

nwr hat gesagt…

vielleicht mit zwei ll

Soviel Ordnung muß sein, nicht daß hier lesende Schulkinder noch ethisch verwirrt werden.

ppq hat gesagt…

wenn man einen zusammenhang entdecken will,
dann findet man sicher zuerst den, dass eher ländlich geprägte gebiete mehr ims / kopf der bevölkerung gehabt haben sollen als die industrieregionen. bei der wichtigen analyse der frage, wieviele personen je IM überwacht wurden, hilft das aber gar nicht weiter.

hier spielen doch fragen eine rolle wie grenznähe, grenzlänge, transitstrecken, interzonenzugverbindungen, militäranlagen etc..

lächerlich ist die konstruktion des zusammenhanges natürlich auch aus heutiger sicht. suhl etwa hat ebenso wie schwerin haufenweise pendler nach "drüben", was bitterfeld oder die region östlich von dresden einfach nicht zustande bringen kann, weil die entfernungen viel größer sind. daraus ergibt sich eine arbeitslosenrate, die sicherlich eher von der regionalen verkehrssituation beeinflusst wird als von der spitzelei der mielkemänner vor 25 oder 30 jahren.


ebenso ist völlig fragwürdig, wieso zahlen aus 1988, wie sie die ersteller der studie verwenden, für die gesamte zeit der tätigkeit des mfs stehen sollen, während der sich ja die IM-dichte von bezirk zu bezirk geändert haben kann.

Die Anmerkung hat gesagt…

Dann trifft wohl doch zu, was irgendwer mal irgendow gesagt oder aufgeschrieben hat.

Für die RedakteurInnenen des focus gilt eher das Motto ficken, ficken, ficken und immer schön beim Partner bleiben.

waulmurf hat gesagt…

Sonntags zur Wahlurne schlurfen als "Soziales Kapital"?

Langsam spinnen die wirklich, mal abgesehen von den kläglichen Korrelationswebversuchen.

Gustav Fröhlich hat gesagt…

was ich da schon immer mal fragen wollte: warum knackt es auf meinem rechner immer so komisch, wenn ich ppq aufrufe ??

ppq hat gesagt…

knackt? komisch? vielleicht der auspuff? ich weiß nicht.

knackt es denn noch bei anderen?

nwr hat gesagt…

Also bei mir klackert es nur. Das ist aber eindeutig die Mouse-Maus beim scrollen und ancliccen.

Die Anmerkung hat gesagt…

@ Gustav

Der Bundestrojaner? Wie früher bei der Telefonüberwachung, da solls ja auch verdächtig in der Leitung genackt haben, wenn Dritte mithörten.

vakna hat gesagt…

Bei mir knacken nur die Gelenke.

PPQ braucht aber immer mal `ne Weile, bis alle Werbung geladen ist.

nwr hat gesagt…

@vakna
Lange Leitung, oder was?

ppq hat gesagt…

klackern? knacken? dauert ne weile? welche browser benutzt ihr? und welchen anschluß? vielleicht liegt es daran. ich habe es eben mit firefox und chrome auf dsl 16.000 probiert und weder klackern noch knacken gehört. auch die ladezeit fand ich akzeptabel, so ein, zwei sekunden. das ist für den weiten weg aus kalifornien ganz annehmbar ;-)

Gustav Fröhlich hat gesagt…

ach so, die homepage wird im NSW gehostet!? kein wunder, daß es bei mir knackt..wer weiß wer da alles mitliest :-S

PS: gibt es eigentlich schon sowas wie google-akten ??