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| Nur ein moderner Politiker gesellte sich in den letzten Jahren zur Runde der großen Klassiker des Personenkultes. |
Ihre Bärte wurden über die Jahrzehnte kürzer und modischer, ihr Ruf aber blieb einer wie Donnerhall. – Karl Marx, Friedrich Engels, Wladimir Iljitsch Lenin und in Josef Dschugaschwili, der sich "Stalin" nannte, galten im Zeitalter der Herrschaft des wissenschaftlichen Marxismus-Leninismus als Säulenheilige der offiziellen Lehre.
Die vier Männer, zeitweise ergänzt um ihren chinesischen Genossen Mao Zedong, waren die Säulen einer Ideologie, die das 20. Jahrhundert durch Massenmorde, Unterdrückung und die Einkerkerung von Millionen maßgeblich geprägt hat. Sie hätten, so hieß es die Analyse des Kapitalismus bis ins letzte Level durchgespielt und aus ihren Erkenntnissen eine wissenschaftliche Anleitung zur revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft formuliert.
Die Entdecker der Gesetze
Marx und Engels fungierten dabei als Entdecker der gesellschaftlichen Gesetze des historischen Materialismus. Sie hätten mit der bürgerlichen Sichtweise eines vermeintlich evolutionären Entwicklungsmechanismus der Menschheit gebrochen und gezeigt, dass die Geschichte der Gesellschaft eine Geschichte von Klassenkämpfen ist. Auf dem Fundament ihres schmalen Bändchens namens "Manifest der Kommunistischen Partei" sei es Lenin dann gelungen, Millionen Menschen zu den ersten Schritten Richtung klassenloser Gesellschaft zu zwingen.
Nach ihm kam Stalin, "Väterchen" gerufen, ein Anwender und Stratege, der aus der Theorie der Avantgardepartei gelebte Praxis machte. Ihm gelang es, durch ein striktes Verbot der ökonomischen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus eine solidarische Gesellschaft aufzubauen, nach der sich bis heute Millionen zurücksehnen, für die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln weiterhin der Schlüssel zu einer besseren Welt bleibt.
Es fehlen die Verführer
Die Idee aber hat an Bindungkraft verloren. Menschen wenden sich enttäuscht ab. Der Parteipsychologe und Charismatismusforscher Taddeus Ponkt glaubt, den Kardinalfehler der progressiven Kräfte bei der Weichenstellung Richtung klassenloser Gesellschaft ohne Überreiche und Milliardäre gefunden zu haben: Es fehlten die Köpfe, die klassischen Verführer, die verführerischen Vordenker, sagt er.
Ponkt, der an der Denkfabrik Sparfuchs, einer Ausgründung aus dem bundesweit bekannten Climate Watch Institut (CLW) im sächsischen Grimma, zu Ursachen und Kosten zivilisatorischer Aufbrüche forscht, sieht in den fehlenden Volkstribunen unter den sozialistischen Führern einen Webfehler bei der Umsetzung der Pläne, Deutschland gerechter, obrigkeitsstaatlicher und weniger individualistisch zu machen.
Im PPQ-Interview rät der gebürtige Greifswalder dringend ab vom Fokus auf Programme und konkrete Wahlversprechen. Was es wirklich brauche, sagt Ponkt, seien Köpfe. Und er verweist ausgerechnet auf einen, der keine Lust mehr hat, einem Volk zu dienen, das ihn nicht wertschätzen wollte.
PPQ: Herr Ponkt, Sie haben ein Buch geschrieben, das Sie ,Sehnsucht nach Helden` nennen. Es handelt vom weitverbreiteten Verlust des gesellschaftlichen Gefühls, dass an der Spitze von Staat und Parteien kompetente, aber auch charismatische Personen stehen, die Millionen Menschen allein mit ihrer Persönlichkeit mitzureißen verstehen. Wen meinen Sie damit konkret?
Ponkt: Diese Leerstellen, die unsere Führungsebenen füllen. Ob das nun Parteien sind, die Staatsebene, die Länder... Sobald Sie genau hinschauen, sehen Sie eine Mangelwirtschaft, Fachkräfte fehlen überall, es ist schlimmer als im Handwerk. Nach einer Überzeugung sind die Aufstiegsregeln dermaßen durcheinandergeraten, dass aus dem Survival of the fittest früherer Zeiten ein Slipping through the most inconspicuous geworden ist, also ein Hochmogeln der Unauffälligen, taktisch Geschickten, aber eighentlich Untauglichen.
PPQ: Das müssen Sie näher erklären.
Ponkt: Wir haben es einfach ganz überwiegend mit Menschen zu tun, die nicht nach einem Amt oder einer Funktion streben, um mit dessen Machtmitteln große Visionen umzusetzen, eine bessere Welt aufzubauen oder die Menschheit von Ungerechtigkeit und Krieg zu befreien. Es sind vielmehr Leute wie unser Bundeskanzler, deren Streben allein dem Amt gilt, das für sie Selbstzweck ist. Es erreicht zu haben, ist die Erfüllung eines Traums, der nie damit zu tun hatte, dieses Amt mit seinen Mitteln als Werkzeug zur Verbesserung der Welt zu nutzen.
PPQ: Sie sind überzeugt, nachweisen zu können, dass das früher ganz anders war?
Ponkt: Ich bin nicht überzeugt davon, ich habe es nachgewiesen. In meinem Buch finden Sie eine umfassende Analyse der Zeit des Charismas, wie ich es genannt habe. Wir sprechen da von jener seltenen Sorte Mensch, die anfangs meist selbst nicht wissen, dass sie das haben. George Clooney, Brat Pitt, Leonardo DiCaprio, Hans-Dietrich Genscher, Kennedy, Barack Obama oder auch Theodor zu Guttenberg und Christian Wulff. Im besten Fall bündelt sich das in einer Person mit einer politischen Mission. Im schlimmsten allerdings auch.
PPQ: Und was meinen Sie, warum gibt es diese politische Helden heute nicht mehr – also Figuren, die wirklich die Welt verbessern wollen und nicht nur Karriere machen?
Ponkt: Ganz einfach: Das Spitzenpersonal ist zufrieden damit, Spitzenpersonal zu sein. Früher wollten Politiker die Geschichte umschreiben. Heute wollen sie im Amt bleiben, ein gutes Auskommen haben und dazu das Gefühl, am Steuerrad zu stehen. Stehen sage ich mit Absicht. Sie müssen nicht mehr drehen! Es reicht ihnen durchaus, ab und zu in Talkshows zu glänzen. Der große Wurf, die Vision, die Weltrettung – das ist passé. Man ist ja schon oben. Wozu riskieren, wenn man mit kleinen Korrekturen, dem Verschieben von Entscheidungen und gutgemachter Krisen-PR durchkommt? Die innere Leere des Machterhalts ersetzt heute den alten Heldenmut. Aber das ist eine sehr rationale Sache. Niemand sollte das den Betroffenen übernehmen.
PPQ: Dennoch gibt es Wähler, die sagen, ja, der Schröder, der Gorbatschow, der Churchill – das waren noch Kerle, die ihre Aufgabe über das eigene politische Überleben stellten. Romantisieren wir da etwas?
Ponkt: Exakt! Gerhard Schröder hat mit der Agenda 2010 das Land modernisiert, obwohl er wusste, dass ihn das die Kanzlerschaft kosten würde – und es tat es auch 2005. Michail Gorbatschow hat mit Perestroika und Glasnost ein Weltreich gesprengt, weil er glaubte, er könne die Sowjetunion verändern, um das mörderische soziallistische System am Leben zu erhalten.. Und Winston Churchill? Er führte Britannien durch den Zweiten Weltkrieg, nur um 1945 prompt abgewählt zu werden – er hat das akzeptiert. Diese Männer haben Politik als Auftrag gesehen, nicht als Beruf. Das ist heute unvorstellbar. Das Überleben im Amt steht über allem.
PPQ: Und warum scheitert das heute so gründlich?
Ponkt: Weil das kleine Karo die einzige Überlebensstrategie im medialen Nahkampf ist. Ein großer Wurf, eine echte Reform – und sofort hagelt es Shitstorms, Memes und 24-Stunden-Empörung. Wer heute noch die Welt verbessern will, findet sich sofort zum Staatsfeind erklärt. Deshalb bleiben die meisten bei kleinen Schritten, Formelkompromissen und vagen Ankündigungen. Das ist nicht Feigheit, das ist pure Selbsterhaltung. Große Helden sterben heute nicht mehr auf dem Schlachtfeld, sondern bei Carmen Miosga oder bei Hart aber fair.
PPQ: In Ihrem Buch beschreiben sie aber ausführlich auch ein leuchtendes Gegenbeispiel, das viele überraschen wird.
Ponkt: Robert Habeck! Der frühere Kanzlerkandidat ist das glänzende Gegenbeispiel dafür, wie der klassische Personenkult – früher von Lenin, Stalin, Mao und Hitler meisterhaft eingesetzt – auch heute noch funktioniert. Habeck hat bewiesen: Man kann Menschenmassen begeistern, indem man nicht nur Politiker, sondern Ikone wird. Der Bart, der Blick, die leise Stimme – das ist kein Zufall. Das ist moderne Kultinszenierung. Und sie wirkt besser als je zuvor.
PPQ: Das Überraschende ist ja, dass Habeck sich längst zurückgezogen hat, enttäuscht davon, dass ihm rund 90 Prozent der keine Stimme gaben. Was macht ihn denn im Nachhinein so populär?
Ponkt: Schauen Sie sich die virtuelle Bürgerbewegung ,Wir hätten ihn haben können' an. Nach der wirklich entsetzlichen und desaströsen Niederlage bei der Bundestagswahl haben Tausende ehemalige Anhänger des Bündniskanzlers nicht die Köpfe hängen lassen. Stattdessen posten sie täglich in Foren, auf Threads, Instagram und X Schlagworte wie ,Habeck hatte recht!`' ,Seine Weitsicht!', ,Seine klugen Pläne!', ,Sein strategisches Geschick!'. Es ist eine emsige, eifrige Online-Community, die den mit einem Bauchklatscher gelandeteh Bündniskanzler als den verpassten Retter des Vaterlandes feiert.
PPQ: Gibt es denn Anzeichen dafür, dass diese Armee aus Anhängern damit richtig liegen könnte?
Ponkt: Nein, natrülich nciht. Die Bilanz von Robert Habeck als Wirtschaftsminister war ja katastrophal, über seine Leistungen als selbsternannter Klimaminister deckt selbst seine Partei am liebsten den gnädigen Schleier des Schweigens. Aber darum geht es nicht. Es geht um Selbstbeglaubigung. Menschen, die einsehen müssten, dass sie sich geirrt haben, dass sie verführt wurden und auf einen Wanderprediger hereingefallen sind, können sich das manchmal eingestehen, manchmal aber auch nicht.
PPQ: Dieser schmerzhafte Moment, ehrlich zu sich selbst zu sein, der ist doch aber nur kurz - vergleichbar vielleicht mit dem Augenblick, wenn einem ein Pflaster abgerissen wird. Ein kleiner Preis für einen Neuanfang.
Ponkt: Das ist nicht rational zu entscheiden. Es tut weh. fertig. Manche können sich nicht dazu durchringen, das mit sich selbst zu machen. Genau wie früher die Lenin- oder Stalin-Bilder in jeder Wohnung hingen, hängt heute bei diesen Menschen das Habeck-Bild im Kopf. Er war der Messias. Er hat alles richtig gemacht. Wir hätten ihn haben hönnen. Der Kult lebt – nur dezentral und viral.
PPQ: Womit hat Robert Habeck sich das verdient?
Ponkt: Genau kann man das nie sagen. Es ist eine Mischung aus allerlei Elementen, wobei wir eben aus der Forschung wissen, dass Typen wie Kennedy, Obama, Guttenberg und Habeck heute eher dem Wunschbild vieler entsprechen als bärtige Männer wie Stalin, Lenin oder Marx. Vielen kommt es nur darauf an, dass Aussehen, Stimme und digitale Verstärkung einer als angenehm empfundenen Botschaft stimmen.
PPQ: Bei Robert Habeck war das Paket offenbar passend?
Ponkt: Sein Aussehen war zugänglich, aber zugleich heroisch. Der graumelierte Bart, die offene Hemdkragen-Optik, das nachdenkliche Lächeln. Das wirkt wie ein moderner Lenin, nur ohne Mütze. Dann das Leisesprechen: Wer leise redet, zwingt die Zuhörer, sich vorzubeugen. Das erzeugt Intimität und Autorität zugleich. Und schließlich die bis heute weiterwirbelnden Botarmeen: Tausende automatisierte Accounts, die jeden positiven Post liken, teilen und hochpushen. So entsteht der Eindruck einer Massenbewegung.
PPQ: Der Kern jeder Massenbewegung ist eine chasrismatische Figur, sagen Sie. Weiß man denn inzwischen, woher die kommen?
Ponkt: Wenn wir uns die Geschichte des Charismatismus anschauen, dann sehen wir, dass es natürlich hilft, ein weißer Mann zu sein, gerne auch ein älterer. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ich denke da an Mao und Erich Honecker, ist zudem ein Bart vorgeschrieben. Alle großen Charismatiker trugen Bart, abgesehen von Barack Obama waren haben sie alle weiß. Robert Habecks Berater hatten das gut erkannt und ihren Klienten auf die richtige Schiene gesetzt. Das Thema Bart wurde sensibel adaptiert. Habeck trug nie wirklich Bart, aber er auch nicht richtig rasiert.
PPQ: Der Dreitagebart als BNotschaft, und das reicht?
Ponkt: Was Habeck von Hause aus entgegenkam, war natürlich seinen Nachname. Das ,H' steht im Deutschen für ein besonders ergiebiges Kapitel des Charismus. Denken Sie an Hindenburg, Hitler, der schon genannte Honecker, Helmut Kohl, Heino bis Helene Fischer... iich könnte fortsetzen. Selbst im erwerbsmäßigen Populismus außerhalb der Politik lässt sich diese Clusterbildung nachweisen.
PPQ: Klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Funktioniert das wirklich langfristig?
Ponkt: Absolut. Die ,Wir hätten ihn haben können'-Bewegung zeigt: Der Personenkult ist nicht tot, er überlebt im besten Fall sogar seinen Erfinder. Habeck hat,auch wenn manche sagen, er sei längst Vergangenheit, seine große zukunft noch vor sich. Schauen sie sich Marx, Engels und Lenin an, alles Männer, deren Thesen und Vorhersagen sich als vollkommen falsch herausgetsellt haben. Oder Mao und Stalin! Mörder mit blutigen Händen bis zum Ellenbogen. Und doch können sie auf Herrscharen von Anhängern zählen, die sie verehren und fest daran glauben, dass man ihren Vorgaben nur folgen müsse, um eine bessere Welt aufzubauen. Habeck hat das verstanden wie kein Zweiter. Deshalb wird er in zehn Jahren wahrscheinlich nicht als brutal gescheiterter Kandidat einer Partei in den Geschichtsbüchern stehen, die sich danach nie wieder berappelt hat, sondern als der Mann, den wir hätten haben können.


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