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| Noch vor wenigen Monaten galt es als selbstverständlich, dass vom DDR-Regime hinterlassene Reste des Antifaschistischen Schutzwalls nachhaltig als Brandmauer weitergenutzt werden. |
Sie zieht sich unsichtbar durchs Land, die große Mauer, die als Fundament unserer Demokratie gilt. Wie ihr historisches Vorbild hätte sie noch in 100 Jahren stolz und aufrecht stehen sollen. Von der Mauer in Berlin, die bis zu ihrem Abriss der Mauer das Exoskelett war, das die DDR aufrecht hielt, hatte SED-Chef Erich Honecker noch 1989 gesagt, sie werde so lange existieren, wie die Bedingungen, die zu ihrer Errichtung geführt hätten.
Weise Worte, die der CDU-Chef und Bundeskanzler Friedrich Merz seit Monaten wie ein Papagei wiederholt: Die Brandmauer sei der Schutzwall zwischen unserer Demokratie und einem von Björn Höcke geführten Vierten Reich. Sie stehe schlicht nicht zur Debatte. Seine Partei werde, zumindest "unter meiner Führung", so Merz, auf keine Weise mit den braunen Menschenfeinden, die sich als blau tarnen, paktieren.
Alles voller unverrückbarer Prinzipien
Doch wie das Leben so spielt. Immerzu werden Pläne geschmiedet und unverrückbare Prinzipien geritten, während die Realität beharrlich an einer Veränderung der Verhältnisse arbeitet. Der Antifaschistische Schutzwall, hinter dem Honeckers Sozialisten 1961 17 Millionen Menschen einmauerten, fiel in einer Novembernacht. Honecker verschlief das Ereignis.
Die Brandmauer aber stürzt nicht durch ein solches politisches Erdbeben vor dem Frühstück wie es ihr historisches Vorbild am 9. November 1989 hat. Sie welkt dahin wie eine Blume, sie verweht wie eine Düne, heute hier, morgen dort, plötzlich fort.
Gerade erst stand der christdemokratische Ministerpräsident Sachsen-Anhalt wie selbstverständlich auf einer Bühne mit einem der bekanntesten Menschenfeinde. Ulrich Siegmund ist nicht nur AfD-Spitzenkandidat, sondern aktenkundig auch als Teilnehmer des berühmten Remigrationstreffens in Potsdam, bei dem nach Recherchen des Portals "Correctiv" die "Vertreibung von Millionen Deutschen" geplant wurde.
Die Volksfront der Rauswerfer
Gastgeber des Rededuells war das SPD-eigene Redaktionsnetzwerk Deutschland. Schulze schämte sich nicht einmal, seinem in den Umfragen führenden Konkurrenten deutlich zu mahcen, dass auch er "solche Menschen hier nicht in Deutschland leben haben" haben wolle. Gemeint waren Muslime und alle "die unsere Kultur nicht akzeptieren".
Seit der Freigabe des Begriffes "Brandmauer" für den politischen Nahkampf durch die Bundesworthülsenfabrik (BWHF) im Mai 2012 hatte sich die Vorstellung durchgesetzt, wenn, dann werde das prächtige Bauwerk eines Tages werde mit einem Knall zusammenbrechen. Ein Rechtsruck werde die Fundamente unterminieren. Rechte Kreise aus der Linken würden über die Trümmer hinweg mit Rechtsextremisten regieren. Und die gesellschaftliche Mehrheit der Mitte ein weiteres Mal aus allen Wolken fallen.
Der Wunsch vieler Wähler
Eine Mehrheit der Wähler wünscht das schon seit Jahren, zunehmend dringlicher. Doch dazu wird es nicht kommen, weil es dazu nicht mehr kommen muss. Vielmehr wird die Brandmauer, Deutschlands größtes Bauwerk aus ideologischen Illusionen, per Sprengung abgeräumt, sondern langsam mit Sandpapier abgeschmirgelt.
Schon seit Monaten ist der dominierende Trend unterhalb der leitmedialen Wahrnehmungsschwelle der einer schleichenden Normalisierung des Bösen. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen die Einladung eines AfD-Vertreters in eine öffentlich-rechtliche Talkshow als zivilisatorischer Bruch galt. Damals sorgte allein der Versuch, dieses konstituierende Tabu der Moderne zu brechen, für so viel Empörung, dass demokratische Politiker mit der Absage ihrer eigenen Teilnahme zu Helden werden konnten.
Ohne Anzeichen von Übelkeit
Heute hingegen sitzen die Spitzenvertreter unserer Demokratie ohne jedes Anzeichen von Übelkeit im gleichen Studio mit den Weidel, Chrupallas und Lucassen. Man gerät aneinander, verhält sich aber kollegial. Selbst journalistische Alltagsangebote von ARD und ZDF haben kein Problem mehr damit, Vertreter der zumindest zeitweise komplett als gesichert rechtsextremistisch eingestuften jüngsten Volkspartei ins Studio zu bitten. Furcht vor Kritik müssen sie nicht haben: Die noch vor drei, vier Jahren vollkommen unvorstellbare Praxis wird heute vollkommen geräuschlos akzeptiert.
Der Protest, der einst Straßenzüge, Kommentarspalten und soziale Netzwerke füllte, hat sich in Nischen zurückgezogen. Bunte Aufkleber an rostigen Fallrohren, kleine Kundgebungen in Szenevierteln und einige wenige Mitarbeiter in den Medien versuchen noch, der bekanntermaßen menschenfeindlichen, radikalisierten und immer weiter nach rechts abdriftenden Partei die Biedermann-Maske vom Gesicht zu reißen. Die Botschaft aber kommt draußen im Land kaum mehr an.
Die Todesblitze des Klimawandels
Wie die nie endenden Bemühungen, jeden sommerlichen Sonnenstrahl als Todesblitz des Klimawandels darzustellen und jede Temperatur über 25 Grad in Hitzetote umzurechnen, lässt auch die unentwegte Aufführung der Endzeit-Symphonie rund um die AfD das Publikum abwinken. Millionen Menschen haben sich an das Staatstheater gewöhnt. Die Warnung dringt nicht mehr durch.
Im Unterschied zur chinesischen Wasserfolter, die am Ende zu einem Einlenken des Opfers führt, haben die mit immer denselben Parolen traktierten Menschen gelernt, je weniger zu hören, je mehr ihnen gesagt wird. Überdosiert erreichen die staatsamtlichen Warnungen zuverlässig das Gegenteil ihres Ziels.
Rettungsaktion für Schulze
Niemand hat die Absicht, eine Mauer abzureißen. Man geht mittlerweile stillschweigend davon aus, dass sie über kurz oder lang verschwunden sein wird. Als Michael Kretschmer, der sächsische Regierungschef von der CDU, jetzt vorsichtig andeutete, dieser Prozess müsste keiner sein, der ohne Zutun der Mitte abläuft, denn seine Partei CDU habe durchaus die Möglichkeit, ihn selbst zu gestalten, erntete er für den Vorstoß keinen Proteststurm.
In der Union begriffen alle, dass Kretschmer nur versuchte, seinem Magdeburger Amtskollegen Sven Schulze etwas Unterstützung zu geben und ihm minimale Chancen auf ein Verbleiben im Amt zu verschaffen. Ein wenig milde Gegenrede von Marcus Söder, das war alles. Und bei Söder weiß jeder, dass er morgen schon ganz anderer Ansicht sein kann.
Verwegenes Manöver
Das Manöver des sächsischen Ministerpräsidenten, der als Chef einer schwarz-roten Minderheitsregierung selbst auf Unterstützung von ganz links und ganz rechts angewiesen ist, hätte vor einige Zeit noch als Fall von Karrierekamikaze gegolten. Doch die Dämonisierung der AfD, die rund um ihren Parteitag in Halle als eine Art von amerikanischen Hightech-Milliardären gesteuerte NSDAP beschrieben worden war, ist weitgehend verebbt. Die Wellen der Aufregung haben sich gelegt. Die Hoffnung, den Wählern das Kreuz an der falschen Stelle abspenstig machen zu können, ist gestorben.
Selbstverständlich wird weiter über die parteiinternen Skandale, Verkehrsaffären und Skandale berichtet. Doch selbst in den am tiefsten eingegrabenen Stellungen der öffentlich-rechtlichen Sender glauben sie nicht mehr daran, mit Hilfe von Fakten über Korruption, verwandtschaftliche Verflechtungen und Günstlingswirtschaft bei der AfD einen relevanten Teil der Wähler zu CDU, SPD, Grünen und Linkspartei zurückholen zu können.
Ein Ziehen im Bauch
Medien, die nach außen hin keinerlei Gespür für Stimmungen haben, beim Gedanken an die eigene Zukunft aber mittlerweile ein schmerzhaftes Ziehen im Bauch spüren, drehen die Kanonen herum. Eben erst hat sich ein wagemutiger "Welt"-Reporter auf eine Reise von Berlin in die blaue Provinz gemacht, um die Urgründe der sich anbahnenden Katastrophe zu suchen.
Aus dem Routinetritt wurde ein Trip ins dunkle Herz eines gefallenen Riesen: Die Bahn endet unvermutet in Stendal. Der Regionalzug fällt aus. Die S-Bahn fährt wegen Bauarbeiten nicht. Der Bus, der den Schienenersatzverkehr leisten soll, hat anderthalb Stunden Verspätung. Er dann nur bis Zielitz, 25 Kilometer nördlich von Magdeburg.
Eine Reise ins Herz der Dunkelheit
Stunden und Stunden später kommt der Absolvent der "Axel Springer Academy of Journalism & Technology" in Sachsen-Anhalts Hauptstadt an, glücklich wie einst der britische Offizier John Hanning Speke, als er im Jahr 1858 den Victoriasee erreichte und damit als erster Europäer an der Quelle des Nils. So issi eben, die Deutsche Bahn, hätte es früher geheißen.
Honecker hat alles verfallen lassen. Später wollten die Neoliberalen den Schrott auf Schienen auch noch privatisieren. Für den Endzwanziger auf Entdeckungsreise aber wird die verwegene Fahrt zum "Sinnbild für den Zustand eines Bundeslandes im Osten, das seit Jahren auf Verschleiß gefahren wird".
Das verschwundene Vertrauen
Jetzt ist das kopfschüttelndes Verstehen, wenn auch nicht Verständnis, warum diese Menschen an der Ersatzhaltestelle und in den stehenden Zügen so häufig wie nirgendwo anders eine Partei wählen, die das Land noch keinen Millimeter nach vorn gebracht hat. Der Gedankengang sei recht logisch: Was all die anderen erreicht hätten, könnten die Leute ja jeden Tag sehen.
Ihrer Erfahrung nach ist es so wenig, dass selbst der vom renommierten Ökonomen Marcel Fratzscher herbeigerechnete Totalverlust aller Wohlstandsreste im Falle eines AfD-Sieges kaum mehr einen Unterschied ausmache. Und es fällt schwer, ihnen das übelzunehmen: "Wer jahrelang erlebt, dass Züge ausfallen, Straßen bröckeln, Menschen wegziehen und ganze Landstriche an Substanz verlieren, hat irgendwann kein Vertrauen mehr in diejenigen, die dafür Verantwortung tragen."
Die zentrale Gebetsformel
Auch hier fehlt die zentrale Gebetsformel, die für alle Anti-AfD-Texte der zurückliegenden zehn Jahre vorgeschrieben war. Wer diese Partei wählt oder sich mit Leuten von dieser Partei sehen lässt, ist selbst ein Faschist, Rechtsextremist und Nazi. Seit der von heute aus betrachtet völlig harmlosen Gründung der AfD durch den Ökonomieprofessor Bernd Lucke gehört es zum zentralen Lehrinhalt jedes Artikels über die neue Partei, den Leserinnen, Lesern, Zuschauerinnen und Zuschauern zu vermitteln, dass sie es hier mit den Wiedergängern von Hitler, Goebbels und Göring zu tun hätten.
Wer auch immer an die Spitze der Partei oder in deren Nähe rückte, entpuppte sich als raffinierter Schläfer, der über Jahrzehnte hinweg den gut integrierten Nachbarn nur gespielt hätte. Von der Chemikerin Frauke Petry über den früheren CDU-Politiker Alexander Gauland bis zum Lausitzer Handwerksmeister Tino Chrupalla – sie alle trugen und tragen das Messer im Gewand, um unsere Demokratie zu meucheln.
Sie will den Untergang
Allen sollte es schlechter gehen, versprach de AfD, niemandem aber besser. Den Arbeitern und Angestellten will die Partei auch noch das letzte Häppchen Bisschen nehmen, das ihnen die Vorgängerkoalitionen großzügig gelassen haben. Sie will, das Putin Europa überfällt. Sie setzt sich dafür ein, dass alle Raketen, mit denen Europa seine Satelliten ins All bringt, Elon Musk gehören. Und statt streng überwachte saubere EU-Alternativen wie W-Social und EU-Voice zu fördern, möchte sie die deutschen zwingen, Google, X, Tiktok und Facebook zu nutzen.
Mit ihr wird der Fachkräftemangel zunehmen, aber auch die Arbeitslosigkeit. Die schwächelnde Wirtschaft wird schwächeln, das Klima kippen. Bald wäre dann kein Geld mehr da – genau wie jetzt auch. Selbst ihr zentrales Versprechen, Grenzen zu schließen und von Stunde eins an abzuschieben, werde die afD nicht halten können. Auch darin unterscheide sie sich überhaupt nicht von den demokratischen Parteien.
Ein eigenes journalistisches Metier
Aus dem Warnen vor der AfD war in den vergangenen Jahren ein eigenes journalistisches Metier geworden. Vorher gab es Politik, Kultur, Sport und Lokales. Jetzt kam AfD hinzu, nicht ganz so platzfüllend wie "Was hat Trump gestern Schlimmes getan", aber fast. Nach Zahlen des Instituts für Angewandte Entropie in Frankfurt an der Oder belief sich die schiere Anzahl warnender Artikel in seriösen deutschen Medien in den zurückliegenden 15 Jahren auf rund 6,8 bis 7,5 Millionen.
Das Ergebnis hätte durchgreifend sein müssen, doch wie der "Welt"-Autor ist sich auch die Medienpsychologin Frauke Hahnwech sicher, dass Warnungen von Menschen nur ernst genommen und befolgt werden, wenn sie dem Warnenden vertrauten.
Verschwundenes Vertrauen
Im Fall der Politik wie der Leitmedien aber sei das nicht der Fall. "Im Grunde genommen ist nur noch ein geringer Teil der Bevölkerung bereit, ungesehen zu glauben, was berichtet wird", sagt Hahnwech, die hauptberuflich als Gebärdendolmetscherin arbeitet und auch schon für das Europäische Parlament Übersetzungen aus dem Politischen ins Deutsche angefertigt hat. Vor diesem Hintergrund sei es erwartbar und unumgänglich gewesen, dass mit der Zahl und der Eindringlichkeit der Warnungen vor der AfD eine beständiges Ansteigen von Umfragezahlen und Wahlergebnisse zu verzeichnen gewesen sei.
Lange hätten Medienaktivisten auf diesen Effekt gehofft, mittlerweile aber begonnen, ihre Strategie zu ändern. "Die Brandmauer fällt zuerst in den Redaktionsstuben", hat Hahnwech beobachtet. Man könne sehen, wie die Dämonisierungsbemühungen nachließen und die Verdammung von AfD-Anhängern und -wählern eingestellt werde. "Unsere Daten zeigen deutlich, dass da zuletzt eine grundlegende wende eingetreten ist." Niemand werfe mehr alle AfD-Sympathisanten unbesehen in einen Topf mit beinharten Nazis. "Die Medien haben da ihr Eigeninteresse entdeckt, die überall spürbare Stimmungswende auch wirtschaftlich zu überstehen."


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