![]() |
| Wahlkundgebungen in Weltfremdenhausen und sie müssen draußen bleiben: Die alteingesessenen Parteien waren im Wahlkampf daraus bedacht, Begegnungen mit der hart arbeitenden Mitte zu vermeiden. |
Stolz wie Bolle stehen sie da, gerade der schwarzen Limousine entkommen. Der Anzug des eben Angekommenen ist dunkelblau wie der Anzug derer, die auf ihn warten. Die Empfangsregie der eigenen Partei hat hier und da eine Funktionsträgerin im Merkel-Gedächtnisjäckchen unter die Herren gestreut. Es werden Hände geschüttelt und es wird sich am gegenseitigen Anwesendsein erfreut. "Schön, Sie zu sehen", "Ach, hallo, Du bist ja auch da". Man kennt sich und schätzt sich. Äste von einem Stamm, Zweige an einem Ast, Früchte vom selben Baum.
Allemann in einem Boot
Es ist Wahlkampf und wie die Vertreter der Medien, die ihre Lageberichte in der Regen in ihren klimatisierten Elfenbeintürmen hoch über der Elbe verfassen, müssen in solchen Zeiten auch die Insassen des Raumschiffs Berlin gelegentlich in die Provinzen reisen. Dort verstecken sich dann in den Hinterzimmern der Parteibüros, umgeben von treuen Genossen. Oder sie werden von der eigenen Landespartei vor Ort versteckt, am liebsten bei Unternehmensbesuchen und kurzen Gastspielen zur Eintragung in Goldene Bücher.
Die Protokollbeamten von "Spiegel", "Stern", Taz, DPA und den Gemeinsinnsender schwärmen hinter ihnen her. Embedded Enthüller des alleweil Langweiligen. Nach Woche zwei sind alle Worthülsen bekannt, die die Spindoktoren für den Wahlkampf zurechtgelegt haben. Ab Woche drei werden Muster erkennbar. In den allerletzten Tagen dann, wenn in höchster Aufregung uralte Propagandaplatzpatronen knallen sollen, erinnert die Aufführung an die chinesische Wasserfolter. Jeder einzelne Tropf bringt in irgendeinem gutbürgerlichen Haushalt ein Fass zum Überlaufen.
In der Not, sich nirgendwo mehr unbeschimpft sehen lassen zu können, streichen Kanzler und Minister wie Einbrecher durchs Land. Auftritte finden im kleinen Kreis statt. Abläufe werden streng geheimgehalten. Gottseidank lässt sich das mit dringenden Erfordernissen der Sicherheit erklären, weil Russlands Wegwerfagenten drei Jahre nach der Gründung von allerlei Gemeinsamen Abwehrzentren überall auftauchen können. Die Vermeidung jeder Begegnung mit dem gemeinen Volk, dem frühere Generationen von Regierenden noch mit einem Lutherwort gesagt "auf's Maul schauen" wollten, ist zum Betriebssystem der Politik geworden.
Gegen die regieren, die einen gewählt haben
Die da draußen verstehen es nicht. Man kann es ihnen so gut erklären wie kleinen Kindern, die sie sind, gesehen aus den Fenstern des Kanzleramtes. Es hat keinen Sinn. Sie zeigen keine Einsicht. Man muss gegen die regieren, die einen gewählt haben. Und darauf hoffen, dass einem Ähnliches widerfährt wie dem heute hochgeschätzten Ex-Kanzler Helmut Schmidt.
Den jagte einst die eigene Partei vom Hof, weil zu technokratisch regierte und am NATO-Doppelbeschluss festhielt, obwohl die Parteibasis dagegen revoltierte. Erst später, als die auch in der SPD beliebte DDR samt ihrer Schutzmacht Sowjetunion zusammengebrochen war, hoben die Genossen Schmidt wieder auf den Schild. Wie weitsichtig war er doch gewesen! Ein wahrhaft großer Kanzler.
Der Traum des Kanzlers
So träumt sich Friedrich Merz. Deshalb vermeidet er den Kontakt zu gewöhnlichen Leuten ähnlich strikt wie Fernsehmacher und die Veranstalter von Gesprächsrunden zur Stärkung der Demokratie. Wo immer in den Wahlkampfwochen im Osten - bis zur Entscheidung in Mecklenburg-Vorpommern werden sie sich über mehr als zwei Monate hinziehen - Kameras gezückt und Mikrofone ausgepackt werden, galt das Interesse der Berichterstatter den Ansichten bekannter Namen aus Funk und Fernsehen.
Dieter Hallervorden und Sandra Hüller, der eine von den Ärzten und der andere von den Hosen, ein Sänger aus einem als "Nazinest" gebrandmarkten Städtchen an der Peene und Legionen von Literaten - sie alle traten an, das Unerklärliche zu entschlüsseln.
Unter Hitler in Dessau geboren
Der 91-jährige Mime Hallervorden hat die Expertise, weil er zwar in Berlin lebt, aber damals unter Hitler in Dessau geboren wurde. Sandra Hüller sieht sich "eigentlich nicht als Deutsche", wird ihren Geburtsort Suhl aber auch nicht los, darf also in der Rolle einer Ostdeutschen aussagen. Christian Friedel, mit großer Diktaturerfahrung aus der Fernsehserie "Babylon Berlin" ausgestattet, Anna Schudt und Hape Kerkeling melden sich.
Und sogar Udo Lindenberg vom Krankenbett: Je weniger einer vom normalen Leben weiß, desto weiter trägt seine Stimme. "So Detektiv Coolmann mäßig, mit der großen Lupe aufs Kleingedruckte", solle man die Programm der Parteien lesen, empfiehlt der Panikpräsident den Unbedarften. "Nimm die Sonnenbrille ab und schau dir genau an, was dir versprochen wird", lässt der Sänger bestellen, den seit 20 Jahren niemand mehr ohne Sonnenbrille gesehen hat.
Ein Licht auf die Leuchten
Im Wahlkampf fällt ein Licht auf die, die sich schon immer für Leuchten halten. Auf den Podien, auf denen der "gesellschaftliche Zusammenhalt" zwischen gutverdienenden Durchblickern und dem verständnislos auf den Zustandes des eigenen Landes starrendem Stimmvieh sitzen Autoren wie Clemens Meyer und Lukas Rietzschel. Der Präsident des infolge einer Spaltung vom PEN abtrünnigen PEN "Berlin" Deniz Yücel spricht mit Jackie Thomae, Aron Broks und Lydia Jakobi über "Heimat". Die Welterklärer aus Weltfremdenhausen hängen einander gebannt an den Lippen.
Zeitweise hatten alle Influencer Quartier im Krisengebiet genommen. Uwe Steimle, der vom Bildschirm des Gemeinsinnfunks verbannte frühere Fernsehkommisar, bekam auch wieder Sendezeit auf allen Kanälen, nachdem er die DDR-Nationalhymne gesungen hatte, die unter Honecker noch verboten gewesen war. Das Rätselraten um den Zustand des Volkskörpers füllte das Abendprogramm. Die Sezierung des Fernen Osten und seiner Eingeborenen übernahm wochenlang die Sendeplätze, die bis dahin mit Internetwortmeldungen Donald Trumps gefüllt worden war.
Auch "wahre Heimatleiben" ist wieder erlaubt
Wer hier nicht mittat, war kein fortschrittlicher Mensch. Mit der Initiative "Wahre Heimatliebe" gruben etliche Kunst- und Kulturschaffende ganz tief nach ihren Wurzeln. Ziel war es, den Falschen den Heimatbegriff zu nehmen. Gegründet wurde dazu eines jener "Bündnisse aus der Zivilgesellschaft", das von hoch oben auf der Bühne nach unten ansagt, dass eine absolute Mehrheit der AfD verhindert werden muss.
Die Bürgerinnen und Bürger sollten am 6. September sehr gern von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Aber mit ihrer Stimme für eine von Schauspielern, Sängern und Fernsehansagern als "demokratisch" eingestuften Partei Verantwortung für die Zukunft Sachsen-Anhalts übernehmen, forderte eine Erklärung der überwiegend auswärts residierenden Initiatoren.
Der Hass des Hannes Jaenicke
Wenn nicht, dann waren die Konsequenzen klar. Hannes Jaenicke, ein weltreisender Prediger des Bekennnisses zu Demut und Bescheidenheit, machte aus seiner Wut und seinem Hass auf Andersdenkende eine Mödergrube. Sachsen-Anhalt sei das Bundesland mit dem höchsten Männer-Überschuss, denn "Frauen sind aus verständlichen Gründen weggezogen".
Die AfD habe damit nur Möglichkeiten, "wie blaubraune Dumpfbacken sich ohne weibliche Beteiligung fortpflanzen können". Die "Fortpflanzungs-Methode von Jens Spahn und Peter Thiel". Oder eine "andere", die Jaenicke nicht näher beschrieb. "Ansonsten sterben die Bewohner von S-A aus. Dann wird Ruhe und Frieden herrschen, Natur und Demokratie werden sich freuen."
Menschenfreunde auf allen Kanzeln
Ein Menschenfreund der Sorte, von der es im Wahlkampf auf den Kanzeln nur so wimmelte. Politikwissenschaftler sprachen entsetzt vom Wunsch nach "emotionalen Wohlfühlräume, in denen man alles sagen dürfe". Dunja Hayali von einem Besuch in Weißenfels, als kehre sie aus den Schützengräben von Verdun zurück. Am Ende stand stets die Frage, wie sich die Ostler dazu gebracht werden können, von ihren fatalen Wahlabsichten abzulassen.
Soll man sie beschimpfen? Oder besser verunglimpfen? Soll man sie zu Faschisten erklären? Oder dumm nennen? Soll man ihnen die Rente mit 65 lassen? Oder sie zwingen, zur Strafe für ihre Unzufriedenheit länger zu arbeiten? Man könnte ihnen doch aber auch, hieß es immer wieder, Bürgerräte anbieten! Vielleicht fallen sie drauf reinß Wackere Ideologen erläuerten den gespannt lauschenden Volksmasen ihre privaten Strategien. Je länger studiert, desto origineller die Gedankengirlanden.
Das Grönemeyer-Syndrom
Es ist das Grönemyer-Syndrom, benannt nach einem bekannten Sänger und Schauspieler, dem aus nie geklärten Gründen die Fähigkeit zugesprochen wird, auf dem langen Weg zum Pop-Thron unendliche Weisheit über Gerechtigkeit, Klimaschutz und Demokratie erlangt zu haben. Auch der Bochumer aus Göttingen war in Sachsen-Anhalt am Start. Verbarrikadiert in einer Kirche sang er mit 400 Chorfrauen und -männer das Loblied auf Offenheit und Freiheit, um ein starkes Zeichen gegen zu setzen. Auch wenn das Endergebnis der Landtagswahl anders aussieht: Vielleicht war es Grönemeyers Sirenengesang im abgeschlossenen Kirchenschiff, der eine absolute Mehrheit der AfD verhindert hat.
Nicht fehlen durften anatürlich auch all die anderen Betriebsnudeln der Pop-Demokratie. Sebastian Krumbiegel war da, Kerstin Ott und Tino Eisbrenner, auch Dirk Zölnner meldete sich aus den Hinterbänken der Prominenz. Mag der letzte Hit auch länger her sein als das Ende der DDR. An fehlendem Angaschmang soll der gute Ruf nicht scheitern.
Draußen streifen die Wölfe
In ist, wer drin ist. Draußen streifen die Wölfe umher, die der Mitteldeutsche Rundfunk mit derselben Konsequenz aus seinen Studios fernhält wie NDR, ZDF oder all die anderen Organe der vierten Gewalt. Handverlesen werden die, die sich in Sendungen zu Wort melden dürfen. Lieber kommen dann dreimal dieselben in den Genuss, einen Beitrag zu leisten, als dass einmal ein Falscher etwas sagen darf.
Auf der sicheren Seite ist die Intendanz, wenn vorsorglich nach Klassen und Schichten sortiert wird. Auf jeden Klempner, der in einem öffentlich-rechtlichen Sender über seine Fragen und Probleme sprechen darf, kommen 60 Soziologieprofessoren. Auf jeden Bauarbeiter 24 Gastspiele der Degrowth-Predigerin Ulrike Herrmann. Auf je 2000 Busfahrer-, Zimmermann- und Elektriker-Auftritte entfällt ein ausführlicher Vortrag eines Lehrers, der nach mehr Lehrern verlangt.
Die hochwohlgeborenen Besserwisser
Die Welt der Medien hat mit der Welt der Welt so viel zu tun wie das Sorgen und das Leid eines MDR-Intendanten mit echten Sorgen und Leid. Das Publikum sinkt dahin, todmüde vom Geschwätz der hochwohlgeborenen Besserwisser, die am Rande der "Goldenen Henne" noch ein wenig Abscheu äußern über Rechtsrutsch und Missbrauch der Demokratie. Niemand, der als Kostgänger staatlicher Krisenpakete auf dem Kuschelkissen der Angst vor einem Ende des Weiterso liegt, der nicht gute Ratschläge an die erteilt, die "das Land am Laufen halten" (Lars Klingbeil).
Im Gegensatz zu früheren Zeiten, in denen Rockmusiker sich ähnlich wie die meisten Medien als Mund der Unterschichten verstanden, der den Herren und Damen in den Regierungspalästen von den Wünschen des Volkes erzählt, ist die aktuelle Generation der Kunst-, Kultur- und Medienschaffenden angetreten, die Politik der etablierten Parteien noch besser zu erklären.
Die Bevölkerung einschwören
Wie ein Transmissionriemen leiten Funk, Fernsehen, Internetseiten und gedruckte Blätter die Botschaften aus den Parteizentralen weiter. Es gilt, Verständnis zu wecken für gelegentliche Beschwernisse. Es gilt, die Bevölkerung einzuschwören auf ein Festhalten am Kurs der Mitte, der genau dorthin geführt hat, wo selbst Kanzler und Vizekanzler beklagen, wie bedauernswerter alles geworden sei.
Nicht mehr dagegen sein, das ist der neue Rock n' Roll. Der beinahe vergessene Alphaville-Sänger Marian Gold führte im Wahlkampf vor, dass irgendwo nicht zu spielen dem Nachruhm besser auf die Beine hilft als jeder noch so schöne Liveauftritt. Respekt und volle Soli der gleichgesinnten Teile des Publikum folgen den plumpen Parolen der Propagandapop-Helden dankbar.
Je jünger, desto dankbarer für Richtlinien
Je jünger die Zuhörer, desto lieber hören sie die Botschaft von Friede, Freude, Eierkuchen und einer Demokratie, die nur für die da ist, die sie so zu nutzen wissen, wie es die Sänger, Schauspieler und Bücherschreiber empfehlen. Alles, was noch nach Liberalität riecht oder nach Freiheit schmeckt, ist diesen Menschen höchst verdächtig. Lange Haare ja, aber gepflegt müssen sie sein. Jeder soll gern sagen und tun dürfen, was er will. Aber bitte nicht alles, was er früher ungstört sagen und tun durfte, weil es damals noch niemanden störte.
Geschützt von einer weltweite einmaligen Infrastruktur aus Meldestellen, Spezialstaatsanwaltschaften und hochrangigen Eingriffsrechten für den Meinungsnotfall haben es die früher noch wild umherschweifenden Haschrebellen geschafft, aus Deutschland eine Republik zu machen, die sich nach Unterdrückung sehnt, nach Bevormundung und strenger Kontrolle. Je lauter draußen gegen die näher rückenden Käfigstäbe gewettert wird, desto enger rückt man drinnen zusammen. Äste von einem Stamm, Zweige an einem Ast, Früchte vom selben Baum.


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen