Sonntag, 25. Oktober 2026

Deutschland: Wo der Hitzetod lebt

Deutschland ist das vom Hitzetod am schlimmsten betroffene Gebiet.

Das Schlimmste ist kaum überstanden, da steht die nächste Katastrophe schon unmittelbar bevor. Der Sommer war groß, der Herbst eher kühl. Und doch deuten vorläufige Fakten heute bereits darauf hin, das das Jahr 2026 insgesamt wird wieder viel zu viel gewesen sein wird. Zu trocken sowieso. Zu heiß überdies, vor allem nachts. Der ausgedörrte Boden konnte die kargen Regenfälle kaum mehr aufnehmen. 

Die Menschen im Land, so meldeten es die Statistiker des Robert-Koch-Institutes, starben wie die Fliegen. 16.000 Opfer habe der heftigste Klimasommer seit dem Rekordjahr 2024 - mehr als 12.000 mehr als der mit 19,6 Grad Celsius bisher wärmste Sommer der deutschen Messgeschichte. Ein Anstieg um atemberaubende 500 Prozent. Dabei war das Rekordjahr 2024 mit durchschnittlich 18,5 Grad zwischen Juni und August nicht einmal ein Grad kühler gewesen.

Karl Lauterbach fehlt 

Was ist passiert? Hat das Ausscheiden des Sozialdemokraten Karl Lauterbach aus dem Amt des Gesundheitsministers tatsächlich solche verheerenden Folgen gehabt? Liegt es daran, dass die Nachfolger des Vaters der deutschen Hitzeschutzpläne sich heute lieber darauf berufen, dass im "föderalen System in Deutschland beim Hitzeschutz kein durchgreifendes Organisationsrecht des Bundes" existiere. Und die Verantwortung für den Bevölkerungsschutz damit auf die unteren "Ebenen unseres Gemeinwesens" (BMG) verschieben, statt die Schutzpläne wie ursprünglich vorgesehen zu aktualisieren und fortzuschreiben.

Es ist genauso schlimm gekommen, wie es der letzte echte Hitzekämpfer Lauterbach schon bei seiner wagemutigen Expeditionsreise ins ausgeglühte Italien im Sommer 2023 befürchtet hatte. "Die Hitzewelle ist spektakulär hier", berichtete Karl Lauterbach damals vom südlichen Rand der Po-Ebene, wo die Tagestemperatur im Jahresdurchschnitt bei 18,9 Grad Celsius liegt, mehr als sechs Grad höher als in der deutschen Klimahauptstadt Berlin.  

Der Schutzpatron der Hitze 

Kaum zurückgekehrt, ging der damals noch als Gesundheitsexperte geltende Sozialdemokrat umgehend daran, Deutschlands vor Sommereinflüssen zu schützen. Und lange schien das erfolgreich: Der Winter 2025/2026 brachte Schnee, Frost und Eis. Bis zum offiziellen kalendarisch Sommeranfang klagten viele über Kälte und hohe Gas- und Wärmepumpenrechnungen. Noch zum Hitzeschutztag Mitte Juni musste die bundesweite Bürgerbewegung "Bündnis Hitzeschutz" geplante Proteste gegen zu hohe Temperaturen wegen schlechten Wetters und Dauerregen bei Eiseskälte absagen.

Der erste gute Eindruck aber täuschte. Schon in der Zwischenabrechnung des Hitzetotenjahres steht  Deutschland mit seinen 16.000 Todesopfern als das europaweit am schlimmsten betroffene Gebiet da. Ganz Europa hat bis Ende September 50.000 Hitzetote unter seinen 450 Millionen Bürgerinnen und Bürgern gezählt. Unter Deutschlands 83 Millionen allein aber waren es 16.000, also fast ein Drittel aller Fälle – bei nur rund 18,5 Prozent Bevölkerungsanteil. Deutschland damit etwa 1,7-fach überbetroffen. 

Weltweit Spitzenreiter 

Und das nicht nur im europäischen Vergleich. In den Vereinigten Staaten etwa starben auch in diesen warmen Sommer wieder wie immer etwa 2.500 Menschen an und mit Hitze. Selbst höhere Schätzungen nennen nur 9.000 - bei einer viermal größeren Bevölkerung. Kaum anders sieht es in Indien aus, das knapp 20.000 Hitzetote gemeldet hat - ein Viertel mehr nur als Deutschland bei einer 17-fach größeren Bevölkerung, die überwiegend mit einer mehr als doppelt so hohen Jahresdurchschnittstemperatur zurechtkommen muss.  

Selbst die Hitzeinsel Afrika erreicht die deutschen Zahlen nicht. Nigeria kommt bei dreifacher Bevölkerungszahl auf 19.000 Hitzetote, die gesamte Sahel-Zone liegt bei einer dreimal so hohen Durchschnittstemperatur wie Deutschland mit 66.000 Fällen hitzebedingter Übersterblichkeit bei der Anzahl der Opfer pro hunderttausend Einwohner weit hinter Deutschland. 

Die deutsche Überbetroffenheit 

Freilich, die Bevölkerung dort ist jünger, an große Hitze besser gewöhnt. Doch das Phänomen deutscher Überbetroffenheit zeigt sich auch im Vergleich mit europäischen Partnerländern wie Spanien, Portugal Italien und Griechenland. Das Durchschnittsalter in Italien liegt bei 49,1 Jahre, die älteste Bevölkerung in der EU ist ganze 3,6Jahre älter als die deutsche. Auch die Portugiesen, die Griechen und die Spanier sind mit 47,3 Jahren, 47,2 Jahren und 45,8 Jahren im Durchschnitt älter als die Deutschen mit 45,5 Jahren.

Woran also liegt es, dass das Land mit dem umfassendsten Nationalen Hitzeschutzplan, das dem  Bundesministerium für Arbeit und Soziales sogar vorschreibt, Handlungshilfe für betriebliche Hitzeschutzpläne zu geben, die höchsten Opferzahlen zu beklagen hat? 

Womöglich zeigt sich hier ein erneutes Versagen der deutschen Spitzenpolitik, deren Klimaanpassungsstrategie zwar die Erstellung von Musterhitzeschutzplänen für Krankenhäuser vorschreibt. Auf der Suche nach den Ursachen der Übersterblichkeit in der Bundesrepublik aber hartnäckig darauf beharrt, dass die Toten der unausweichliche Preis für das Versagen früherer Politikergenerationen bei der Verminderung des CO₂-Ausstoßes sei.

Grünflächen gegen den Hitzetod 

Die vor zwei Jahren noch vom rot-grün-gelben Ampel-Kabinett beschlossene Klimaanpassungsstrategie, das zeigen alle Zahlen, hat die Lage nicht verbessert, sondern deutlich verschärft. Seit SPD, Grüne und FDP im Dezember 2024 "mehr kühlende Grünflächen und besseres Wassermanagement, gegen Hitze mehr kühlende Grünflächen oder auch sonstigen Sonnenschutz" beschlossen, hat sich die Zahl der Hitzetoten vervierfacht. Seit 2015 der Pariser Klimavertrag beschlossen wurde, sind die Opferzahlen sogar auf das Zehnfache gestiegen.

Anpassung war nie ein Ziel 

Das liegt auch daran, dass die seitdem stets mit stabilen Mehrheiten regierenden Parteien der Mitte über den gesamten Zeitraum hinweg das Ertragen des Klimawandels ohne Gegenwehr zum alternativlosen Schicksal der aktuell lebenden Generationen erklärt haben. Schwitzend zu sterben, das war die verdiente strafe für frühere Klimasünden. Und so traurig jeder zusätzliche Tote ist: Eine hohe Zahl an Hitzeopfern gilt bis heute als bestes Argument dafür, den Klimawandel ernst zu nehmen, "Erneuerbare" (Ricarda Lang) ohne Rücksicht auf die Kosten auszubauen und auf manche frühere Gewohnheit verzichten zu lernen.

Eine tatsächliche Anpassung an steigende Temperaturen wurde kategorisch ausgeschlossen. Der einzige Weg, das Aussterben der Menschheit zu verhindern, darin waren sich CDU, CSU, SPD, Grüne und FDP einig, sei es, die Emissionen zu senken, indem die Wirtschaft allmählich heruntergefahren werde. Bis diese grüne Transformation wirklich Einfluss auf die globale Temperatur nehme und die angestrebte 1,5-Grad-Welt erreicht sei, werde man einige Bäume pflanzen, Trinkwasserbrunnen bauen und kleine Areale in den Innenstädten mit Sonnensegeln als Hitzeschutzinseln ausweisen.

Die Folgen im Patientenzimmer 

Die Folgen dieser zynischen und menschenverachtenden Politik sind mittlerweile überall zu besichtigen. Derzeit verfügt Deutschland über mehr als 12.000 Supermärkte, die mit Klimaanlagen ausgerüstet sind. Die großen Handelsketten bauen sie standardmäßig ein, weil sie der Ansicht sind, dass Menschen auch im Hochsommer ein angenehmes Einkaufserlebnis geboten werden muss. 

In Deutschlands knapp 1.900 Krankenhäusern hingegen fehlen Klimaanlagen fast vollständig. Nur 41 Prozent der Häuser verfügen überhaupt über einige gekühlte Zimmer – und selbst dort sind im Schnitt nur zehn Prozent der Räume gekühlt, meist OP-Säle und Intensivstationen. Deutschlandweit sind sogar nur fünf Prozent aller Patientenzimmer mit einer aktiven Kühlung ausgestattet.

In 95 Prozent der Räume liegen auch Schwerkranke und frisch Operierte im Sommer im eigenen Saft.  Versorgt werden sie mit den guten Ratschlägen der Klimatransformationsexperten der Bundesregierung: Morgens, wenn es draußen noch fünf bis zehn Grad kühler, kräftig stoßlüften. Das hilft bis 11 Uhr vormittags und erst ab 12 Uhr wird es dann langsam so brütend heiß, dass die Verbände der Schwerkranken dampfen. Schweißgebadete Krankenschwestern und Pfleger kommen dann vorbei und reichen kühles Wasser und nasse Lappen.

Das Sterben der anderen 

Hier und nicht in den hohen Temperaturen findet sich womöglich die eigentliche Ursache der auffälligen Übersterblichkeit im vergleichsweise kühlen Deutschland, gemessen an wärmeren und zugleich älteren Staaten wie Italien, Spanien, Portugal und Griechenland. Dort möchte sich kein Verantwortlicher eine Mitschuld am unnötig frühen Tod tausender Menschen nachsagen lassen, nur weil er den Einsatz von Klimaanlagen verteufelt hat, um hohe Opferzahlen als Triebkraft für die große Transformation nutzen zu können.  

Man hält sich an wissenschaftliche Erkenntnisse, wie sie zuletzt im Wissenschaftsmagazin The Lancet veröffentlicht wurden. Danach ist eine funktionierende Klimaanlage im eigenen Haushalt der stärkste Schutzfaktor gegen hitzebedingte Todesfälle. In Krankenhäusern senkt sie das Mortalitätsrisiko während extremer Hitzewellen sogar um etwa 40 Prozent. Entsprechend liegt der Anteil der Wohnungen mit Klimaanlage in Griechenland bei  65 Prozent, in Italien bei. 56 und in Spanien bei bis zu 50. Die extrem niedrige Klimaanlagen-Quote in Deutschland - etwa sechs Prozent - erklärt einen relevanten Teil der höheren Vulnerabilität im Vergleich zu Ländern mit deutlich wärmerem Klima.

Klimahitze als unabwendbares Naturereignis 

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der mediale Umgang mit den regelmäßig wiederkehrenden Meldungen über die hohen deutschen Hitzeopferzahlen. Sie werden weit verbreitet, aber nie hinterfragt, denn das könnte Teile der Bevölkerung verunsichern. "Klimahitze" (Tagesschau),  muss ein Naturereignis bleiben, das nur durch den Verzicht auf Reisen, Mobilität und anständig geheizte Wohungen gebändigt werden kann. Diese Art der Argumentation ist kein Versagen, sondern Ergebnis einer antrainierten Folgsamkeit von Medienhäusern, die sich als Transmissionsriemen von Regierungsbotschaften verstehen.

Menschen zu erklären, dass ein Leben in einer Zwei- oder Drei-Grad-Welt möglich ist, käme dem Geständnis gleich, dass Menschen in Barcelona, Tunis und Marrakesh schon recht lange in einer solchen Welt leben. Deshalb werden halbgare "Anpassungsstrategien", von Kommission in klimatisierten Konferenzsälen gebastelt, in sämtlichen Sendern, Magazinen und Tageszeitungen begeistert gefeiert. Anschließend aber nie mehr gefragt, was danach geschah. 


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