Dienstag, 18. Mai 2010

Wer hat es gesagt?

"Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht stets ihr Opfer."

Messer ohne Klinge dem der Griff fehlt

Wer nicht ganz unschuldig ist, muss bestraft werden, sagt Jean-Claude Juncker und meint damit nicht die Politiker, die Sachsen-Anhalts im Zocken mit islamischen Anleihen bei gleichzeitiger Steuervermeidung im Ausland nicht ganz unerfahrener Finanzminister Jens Bullerjahn gerade noch für die große Finanzkrise verantwortlich gemacht hatte. Nein, hier wird einmal mehr das Lied von den Zockern gesungen, die gewissenlos Griechenland in Grund und Boden spekuliert und den Euro vernichtet haben, dafür aber, wenn sie Deutsche sind, außer 25 Prozent Zinsabschlagsteuer auf realisierte Gewinne nicht einmal bezahlen müssen.

Das wurmt den Arbeiterführer Sigmar Gabriel nicht unbedingt, denn es gibt im Gelegenheit, einen öffentlichkeitswirksamen Kampf gegen ein Phantom zu führen wie seinerzeit, als er angetreten war, den deutschen Pop zu einem anständigen Sozialdemokraten zu machen. Eine europaweite Transaktionssteuer auf jeden Kauf und Verkauf von Aktien, Devisen, Rohstoffen, Fondsanteilen und Derivaten soll her, um die finanziellen Folgen des Beinahe-Zusammenbruchs der Finanzmärkte durch die jahrelang betriebene Politik der hochtourig laufenden Billiggeld-Maschine zu begleichen. "Weltweit", so hat die Wirtschaftswoche ausgerechnet, könnten so "200 Mrd. Dollar im Jahr eingespielt" werden, heißt es im lässigen Zockerjargon.

Das Rätsel des Konzepts steckt in seiner gleich dreifachen Wirksamkeit: Einerseits spielt die neue Kauf- und Verkaufsgebühr Milliarden ein. Andererseits ist sie mit einem Euro pro 10.000 bewegten Euro so niedrig, dass sie niemandem weh tut. Und gleichzeitig verhindert sie trotzdem, dass Spekulanten kurzfristige Geschäfte machen, weil sie auf satte Gewinne hoffen.

Künftig werden viele Zocker wegen der Gebühren auf Spekulationen verzichten, das wiederum wird die Staatskassen füllen, ohne dass jemandem am Ende Geld fehlt: Ein Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt. Die Wirtschaftswoche hat in der Volkswirtschaftsgrundschule nicht aufgepasst und kann deshalb erklären: "Mit einer Transaktionssteuer würden Finanzgeschäfte zudem steuerlich gleich gestellt mit der Realwirtschaft". In der sei es nämlich gang und gäbe, dass "zum Beispiel Industriefirmen schon beim Kauf von Rohstoffen und Vorprodukten über die Mehrwertsteuer vom Staat zur Kasse gebeten" werden. Während Spekulationen an den Börsen bislang nicht besteuert würden - abgesehen natürlich von der Steuer, die auf angefallene Gewinne zu entrichten ist.

Da die Realwirtschaft sich die entrichtete Mehrwertsteuer, außerhalb der marxistisch geschulten Redaktionsstuben der Qualitätspresse eher als Umsatzsteuer bekannt, auf dem Wege des sogenannten Vorsteuerabzuges zurückerstatten lassen kann, ist bei der Transaktionssteuer offenbar mit einer ähnlichen Regelung zu rechnen. Die SPD plant zur Einführung der für die künftige Überwachung von Transaktionssteuereinzug und nachfolgender Erstattung notwendigen Behörde bereits ein erstes machtvolles EU-weites Volksbegehren. Dabei soll darüber abgestimmt werden, wer dafür ist, dass das neue Bundestransaktionskontrollamt seinen Sitz im vorpommerschen Anklam nimmt, wo eine ehemalige NVA-Kaserne seit 17 Jahren nach einem neuen Mieter sucht.

Damit setze die deutsche Sozialdemokratie einen alten Traum der Arbeiterbewegung um, den SPD-Kanzler Gerd Schröder bereits im Jahre 2005 öffentlich gemacht hatte. Ein Jahr zuvor erst hatte die damalige Regierungspartei SPD internationalen Hedgefonds die Tür zum deutschen Markt geöffnet, ein Jahr später schon waren Bundeskanzler Gerhard Schröder und die damalige CDU-Vorsitzende Angela Merkel einig, dass die weitgehend unregulierten Fonds "stärker an die Kandare" (Spiegel) genommen werden müssten.

Regierung mit neuem Rettungspaket

Nachdem der deutsche Anteil am gigantischen Rettungspaket für den Euro bei den Menschen, an den Märkten und in Griechenland so gut angekommen ist, haben Bundesregierung und Parlament in einer streng geheimen Sondersitzung eine weitere Rettungs-Gesetzesvorlage beschlossen. Nach der Stabilisierung der Euro-Zone, die Deutschland mit rund 123 Milliarden Euro sichergestellt hat, wobei die Summe aber auch höher ausfallen könnte, steht jetzt die Rettung des Halle-Neustädter Fußballstadions auf der Agenda.

Wie ein über Nacht aufgestelltes Schild an der Arena (Foto) verrät, ist der Fußballplatz, der früher als Austragungsstätte von Kinder- und Jugendspartakiaden sowie Puhdys-Konzerten diente, in Berlin Chefsache. Zuletzt hatte der Sportplatz dem Neuntligisten FC Halle-Neustadt als Heimstätte gedient, demnächst aber soll der Viertligist Hallescher FC hier seine Heimspiele austragen. Grund genug für Bundeskabinett und Bundestag, die Rettung in die Wege zu leiten: Galt bisher als ausgemacht, dass die Landesregierung in Magdeburg den notwendigen Umbau des seinerzeit von Bauarbeitern improvisierten Stadions mit sechs Millionen Euro bezuschusst und die seit anderthalb Jahrzehnten bankrotte Stadt Halle die zur Finanzierung fehlenden 11,5 Millionen selbst übernimmt, indem sie unverkäufliche Immobilien überteuert losschlägt, ist nun klar, dass das Kabinett selbst in die Bresche springt.

Die bekennende Fußballfännin Angela Merkel, die sich zuletzt sowohl als glühende Anhängerin der deutschen Nationalmannschaft als auch von Energie Cottbus zeigte, setzt damit ein deutliches Zeichen zur Stabilisierung der Fußballszene im Osten, die mit dem Ausfall von Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack ihren letzten Vertreter in der Stammelf von Nationaltrainer Jogi Löw verloren hat. Zwei Jahrzehnte nach Franz Beckenbauers wegweisender Vision, dass Deutschland "durch die Wiedervereinigung und die Spieler der DDR auf Jahre unschlagbar sein" werde, markiert Südafrika den Tiefpunkt deutsch-deutschen Sportzusammenwachsens: Nach dem Abschied der im DDR-Sportfördersystem gezüchteten Bernd Schneider, Matthias Sammer, Ulf Kirsten und Michael Ballack steht mit Toni Kroos aus Greifswald steht noch ein einziger in der DDR geborener Spieler im Kader.

Während sich alle von PPQ befragten Bundestagsfraktionen nicht an eine Abstimmung über die Neustädter Stadionfrage erinnern wollten, hat die Physikerin Angela Merkel den Niedergang der Nachwuchsarbeit im Fußballosten offensichtlich scharfsichtig analysiert und wie üblich entschlossen Gegenmaßnahmen eingeleitet. Mit dem Umbau des für einen normalen Spielbetrieb in der Stadtliga völlig überdimensionierten Neustädter Stadions will Berlin ein Zeichen für einen Neuanfang im Fußballosten setzen: Zwei Millionen werden mit Einverständnis von Kabinett und Parlament in den Sand gesetzt, damit der Hallesche FC ein Jahr lang den Teil seiner Heimspiele hier durchführen kann, zu dem nicht mehr als 2500 Zuschauer erwartet werden. Nach dem Pokalsieg in Sangerhausen erwartet der Verein bereits im August einen ersten Fußballhöhepunkt - im DFB-Pokal ist dann vielleicht ein wirklicher Zuschauermagnet zu Gast. Allerdings in Leipzig, wo die Spiele stattfinden werden, für die die gerettete Stadion-Infrastruktur im idyllischen Halle-Neustadt nicht ausreicht.

Montag, 17. Mai 2010

Eine neue Lüge ist wie ein neues Leben

Kaum ist Ursula von der Leyen aus dem Familienministerium ins Arbeitslosenministerium umgezogen, bricht die Zahl der Neugeborenen in Deutschland zusammen. Obwohl die siebenfache Mutter zuletzt noch mehrmals angekündigt hatte, dass die Geburtenzahl aufgrund der klugen Familienpolitik der Bundesregierung nach vielen Jahren erstmals wieder steige, berichtet das Statistische Bundesamt über 30.000 Babys weniger, die im vergangenen Jahr hierzulande zur Welt kamen. Auch das Elterngeld, das von der Leyen mit großem Nachdruck immer wieder für das von ihr imaginierte Ansteigen der Zahlen verantwortlich gemacht hatte, habe das Absinken nicht stoppen können.

Kristina Schröder, die die Nachfolge von Ursula von der Leyen als Familienministerin angetreten hatte, begründete den Geburtenrückgang mit der überraschenden Entdeckung, dass es in Deutschland weniger Frauen im gebärfähigen Alter gebe als ihre Amtsvorgängerin angenommen habe. Allein in den vergangenen vier Jahren sei die Zahl der Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren in Deutschland um mehr als eine halbe Million gesunken. Die gute Nachricht sei, dass die Zahl der Kinder pro gebärfähiger Frau, die nach Ansicht von Ursula von der Leyen zuletzt nachhaltig gestiegen war, weitgehend stabil bleibe. Ursula von der Leyen wollte die neuen Zahlen nicht kommentieren, Beobachter im politischen Berlin gehen aber davon aus, dass es der früherer Internet- und Kinderpornoaktivistin auch in ihrer neuen Dienststellung gelingt, eine ähnlich nachhaltig erfolgreiche Stabilisierung zu erzielen.

Wer hat es gesagt?

Schaut man in unser Land, kann man sich vorstellen, dass der nächste Jude bereits am Horizont erschienen und der nächste Hitler ein Finanznationaler sein wird. Und der nächste Nationalsozialismus koennte dann "Finanzsozialismus" heissen. Er wird allerdings vergleichsweise glimpflich ablaufen, denn heute vernichtet man keine Menschen mehr, sondern nur Vermögen.

Straßenbilder vor der Siegfried-Linie

Neue Enthüllungen über fragwürdige Geschäftspraktiken des Internetkonzerns Google bringen etwas Entlastung für die Bundesregierung und ihr störrisches Euro-Problem. Wie der Konzern auf Betreiben von Datenschützern zugeben musste, hat er über Jahre hinweg persönliche Daten von Internetsurfern gespeichert. Neben Nutzerdaten aus drahtlosen Computernetzen, die alternativ auch von rund zwei Dutzend anderen Firmen im Netz gesammelt und zur Durchsicht angeboten werden, hat Google danach bei Patrouillenfahrten für seinen in Deutschland ganz exklusiv umstrittenen Dienst Street View auch persönliche Daten wie Bruchstücke von angesurften Internetadressen und Emails gespeichert. Üblicherweise speichert Google sonst nur vollständige Internetadressen, die von Nutzern eingegeben werden, und den kompletten Email-Verkehr seiner Kunden.

Die neue Lage hat Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner nach zweiwöchiger Google-Pause sofort wieder auf den Plan gerufen. Mit ihrer Initiative eines Street-View-Boykotts von unten hatte die Hobby-Karnevalistin im Landwirtschaftsministerium bisher nur einige tausend Anhänger finden können, selbst Bundesbehörden weigerten sich, Google die Aufnahme ihrer Liegenschaften in Street View zu verweigern. Nun reagierte Aigner nach Angaben der "Welt" hocherfreut natürlich "verärgert" auf das Eingeständnis des Konzerns, beim Aufbau der interaktiven Straßenkarte jahrelang Dinge aufgezeichnet zu haben, die Google in seinem Kerngeschäft bereits seit Jahren aufzeichnet. Aigner, als gelernte Rundfunkmechanikerin die Internet-Expertin der Bunderegierung, forderte die Offenlegung aller dort gesammelten Daten für jedermann sowie deren Löschung. Sie verzichtete jedoch auf einen Hinweis, wer genau die in vier langen Jahren gesammelten 600 Gigabit anschauen soll und wie sich eine Offenlegung mit dem Datenschutz vertrüge.

Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar schloss sich spontan an und forderte eine "detaillierte" Überprüfung des Umgangs von Google mit personenbezogenen Daten durch unabhängige Behörden. Er selbst, so dass Parteimitglied von Bündnis 90/Die Grünen, sei bereit, Googles Datenbestände "einer entsprechenden Begutachtung" zu unterwerfen, als gelernter Volkswirtschaftler bringe er auch die entsprechende Qualifikation mit, um zu verhindern, dass Deutschland wie der Rest Westeuropas unter der Street-View-Knute stöhnen müsse (Foto oben). Bis an den vom ehemaligen Führer und Reichskanzler und heutigen n-tv-Moderator Adolf Hitler erbauten Westwall sind die datenschutzrechtlich so bedenklichen Straßenbilder (Karte oben) bereits herangerückt, auch im Rest der Welt bildet Google skrupellos Fassaden, Wiesen, Wälder und Parks ab. Hinter der Siegfried-Linie aber ist die Welt noch in Ordnung, sind Daten noch sicher.

Sonntag, 16. Mai 2010

Provinz der Peinlichkeit

Das Festbankett eine Würstelbude, die Sektkelche aus der Zeltplatzgeschirrabteilung, die Ehrentribüne aus Kistenbrettern genagelt und das Finalstadion ein Dorfbolzplatz: Wenn der Fußballverband Sachsen-Anhalt alljährlich zum Endspiel um dem Landespokal ruft, ist Zuschauervermeidung seit Jahren schöne Tradition. Der Vorverkauf für den selbstgemachten Höhepunkt des Fußballjahres im westlichsten der östlichen Bundesländer wird in der Regel frühestens am Vorabend des Spieles gestartet, als Austragungsort wählt man in enger Zusammenarbeit mit den staatlichen Schutz- und Sicherheitsorganen entweder das Heimstadion des stets gesetzten Veranstaltungsteilnehmers aus Magdeburg. Ist der aber nicht mehr im Wettbewerb vertreten und lässt sich die verhasste Begegnung trotzdem nicht absagen, schweift der Blick der Funktionäre weit übers Land. Und bleibt, zumindest in diesem stolzen 20. Jubiläumsjahrgang des Pokals, am Fuße der Abraumhalden bei Sangerhausen hängen: Hier steht mit dem "Friesenstadion" ein Veranstaltungsgelände mit dem Prunk des nie gebauten nepalesischen Nationalstadions. Fünfstufige Tribünen und begrünte Erdwälle um das Spielfeld künden von begeisterter Provinzialität, zur Feier des Tages aufgestellte Drahtverhaue und Polizeihundertschaften von sorgfältigster staatlicher Planung und Leitung.

Drei Einlasspforten führen in die ehrwürdige Heimstätte des VfB Sangerhausen, alle drei sind schon eine Stunde vor Beginn des Endspiels zwischen dem durch fehlerhafte Absprachen bis hier geratenen Fünftligisten Germania Halberstadt und dem Stammfinalisten Hallescher FC dicht umlagert. Obwohl der Verband versucht hatte, den Austragungsort des Finales diesmal bis zum Anpfiff ganz geheim zu halten, muss mit nahezu 3500 Zuschauern gerechnet werden - hierzulande absolut ausreichend, um die Fußballinfrastruktur in ihren Grundfesten zu erschüttern. Die Lautsprecheranlage etwa kämpft mit acht oder neun Dezibel Schalldruck vergebens gegen das Knattern der mitgebrachten Fanfähnchen an. Selbst die mit einem großen Sinn für Absurdes vor Anpfiff gespielte Nationalhymne geht im Stiefeltrappeln der pünktlichen einmarschierenden Polizeikohorten unter.

Sportlich macht der Favorit aus Halle, der sich mühevoll hierher spielen musste, nach fünf Minuten alles klar. Nach einem langen Diagonalball des A-Junioren Benjamin Knaack auf Stürmer Thomas Neubert spekuliert die Halberstädter Verteidigung einen Moment lang auf Abseits. Neubert, sonst kein Mann für einfache Tore, schießt den Ball ins Netz.

Halberstadt würde danach gern antworten, findet aber keine Worte. Halles Spieler hingegen scheinen verabredet zu haben, dass sowohl Torwart Darko Horvat als auch die beiden Innenverteidiger Adli Lachheb und Patrick Moyaya den Ball berühren müssen, ehe er die eigene Hälfte verlassen darf. Meist gehen alle drei auf Nummer sicher und berühren ihn gleich mehrmals.

Das gibt dann ein Spiel, das sich den äußeren Umständen idealtypisch anpasst. Die Sonne scheint, das Ergebnis stimmt, doch das Vergnügen hält sich in den engen Grenzen der Baustellenzäune, die ein Ambiente zaubern, gegen das ein Gefängnishof ekstatische Allianz-Arena-Atmosphäre verströmt.

Wenigstens ist dann gleich Pause und nach Wiederanpfiff versucht der HFC, allen möglichen Kümmernissen aus dem Weg zu gehen. Jan Benes erobert den Ball an der Mittellinie, läuft bis auf Strafraumhöhe durch, passt nach innen und dort steht Nico Kanitz, der die dritte richtige Chance der passend im traurigem Auswärtsschwarz aufgelaufenen Rot-Weißen zum zweiten Tor verwandelt.

Die winzige Tribüne, errichtet noch mit zweckentfremdeten Staatsplanmitteln zum Modernisierung des Kupferbergbaus der DDR, trommelt und qualmt jetzt wie das Giuseppe-Meazza-Stadion. Der Bauzaun wankt und wackelt, HFC-Präsident und Co-Trainer eilen herbei, um auch vom Anhang Ruhe und Disziplin einzufordern.

Die sind auf dem Platz allerdings dahin, auch weil wohl niemand Jan Mutschler gesagt hat, dass selbst der FCM-Fanklub in der Verbandschefetage damit rechnet, dass der HFC gewinnt. Der Rotschopf spielt auf den linken Halberstädter Seite, als wirkten die peinlichen äußeren Umstände auf ihn motivierend wie eine knallvolle Schalke-Arena. Nach dem 2:0 bleibt Halle zwar aktiver als in der ersten Halbzeit, Neubert, Lachheb und Finke haben sogar Chancen, die Führung auzubauen. Aber das Tor macht der Zählkandidat aus dem Vorharz: Langer Einwurf, der wird zu kurz abgewehrt, der Ball fliegt an den langen Pfosten, der beste Halberstädter zieht trocken ab. Anschlusstreffer.

Plötzlich wackelt der Favorit wie die Zäune vor der Fantribüne, die nur noch stehen, weil sie der HFC-Präsident inzwischen mit Blicken festnagelt. Den Aufstieg hat der HFC zuletzt vor allem in den schwachen letzten drei, vier Spielminuten versiebt, wenn knappe Führungen wie programmiert verloren gingen. Das ist hier auch wieder so: Der aus dem Pleistozän des Digitaluhrenbaus stammende Stadionwecker zeigt die 89. Minute, als Halberstadts Eggert den gar nicht mal mehr unverdienten Ausgleich markiert.

Verlängerung? Elfmeterschießen? Nicht, wenn es nach Halberstadt geht. Die Harzer stürmen weiter, zum Glück für die eben noch mit betretenen Gesichtern zum Mittelkreis stiefelnden Hallenser. Phillip Schubert, mal wieder im Mittelfeld aufgeboten, tankt sich bis in den Strafraum durch, mehr vom Willen getragen als von den eigenen Beinen. Im Stürzen schiebt er den Ball in Richtung Elfmeterpunkt, dort steht Toni Lindenhahn, eingewechselt für den Vielflieger Angelo Hauk. Und der 19-Jährige, neben Stark und Knaak der dritte Hallenser im halleschen Team, schießt den Ball durch die Beine von Halberstadts Keeper Kischel ins Tor.

Rote Karte noch für Saalbach, dann flüchten die Ordner wie auf geheimen Befehl, der Zaun kippt und aus der pyrotechnischen Rauchwolke stürmt das Fanvolk den Platz. "Wir wollten die Siegerehrung eigentlich auf dem Rasen durchführen", flüstert die Stimme eines vermutlich führenden Fußballfunktionärs leicht beleidigt durch die Leissprechanlage, "aber das geht ja nun nicht mehr."

Plan B ist offenbar keine Zeremonie im Stil der Pokalvergabe beim Finale in Berlin. Die Provinz kommt - auch zum Erstaunen der Halberstädter - ohne Konfettiregen, Feuerwerk, Feierlichtkeit und Würde aus. Die Aushändigung von Medaillen und Pott wird schnell im Kabinengang abgewickelt. So ist die Zeremonie sicher vor neugierigen Blicken. Ab und an reckt sich danach ein Spielerarm aus dem Gewühl nach oben, in der Hand einen echten Pokal, abgeschirmt durch Einsatzkräfte im Demo-Vollschutz. Markus Müller kräht trotzdem ein "Uffta", die Mannschaft tanzt, der Präsident grinst zufrieden. Im August droht Sachsen-Anhalts Sicherheitsorganen nun vielleicht ein Pokal-Gastspiel von Bayern, Dortmund oder Schalke. Mit anderen Worten: Fußball mit Zuschauern. Wird aber schön diesmal, denn Halle hat ab kommendem Wochenende kein Stadion mehr. Gespielt werden muss also in Leipzig. Innenminister und Fußballverband werden sich ein Sektchen darauf gönnen können.

Update: Der Gebührenfunk hat nur drei Tage gebraucht, um das Thema zu entdecken.

Samstag, 15. Mai 2010

Wo die Space-Stukas starten

Ein feuchter Kinotraum mit fescher Symbolik, der alle Weltverschwörungstheorien zu einem absurden Eintopf aus nordischer Sagenwelt, Steampunk-Raumschiffen und deutscher Luftwaffenhelferinnen-Erotik verrührt. Mittendrin wird mit Julia Dietze ein echter Star agieren, auch Udo Kier ist wohl mit von der bizarren Partie, die die Rückkehr der nach dem 2. Weltkrieg auf den Mond geflüchteten Nazis auf die Erde beschreibt. Die streng gescheitelte Truppe von Elite-Ufofliegern, erdacht von ein paar lustigen Finnen, stellt sich jetzt in einem zweiten Trailer vor - nicht ganz so wuchtig wie der erste, aber allemal machtvoller als sämtliche Starwars-Teile zusammen. Der Blick zurück aus dem Space-Stuka zeigt eine Raumstation in Hakenkreuzform - ein Blick zurück nach vorn.

Donnerstag, 13. Mai 2010

Das kurze Glück des Gruppenkotzens

Es ist der Tag, an dem die Säge sägen muss und die Flasche fallen. Inmitten der sorgfältig durchgenderten Gesellschaft, die Netzwerkrecherche hier herzergreifend gefühlvoll porträtiert, ist der Vatertag ein brusttrommelndes Rudiment des 19. Jahrhunderts: Der echte Kerl zieht noch einmal aus mit dem Bollerwagen und findet ein kurzes Glück bei Kurze kippen und rituellem Gruppenkotzen. Jüngere werden eingeweiht in die Sitten der Väter, Ältere tragen noch einmal Spazierstock und Hut als Ausweis längst abhanden gekommener „Männlichkeit“.

Vergessen sind die von Netzwerkrecherche zitierten Erkenntnisse des eigentümlich-frei-Herausgebers André F. Lichtschlag, nirgendwo ist mehr etwas zu sehen von einer „bedrohlich totalitär“ werdenden „Eine-Welt-Zivilreligion mit Göttern wie Obama, Teufeln wie dem ,ewigen Braunauer’, Ablasshandel gegen Klimaerwärmung, Opfern mit Glühbirnenverzicht, immer neuen Steuern und Totalüberwachung, Ritualen wie Dosenpfand und Schuldkult und so weiter“. Die Damen sind im Kino, die Herren im Koma, das Fernsehen sendet ein um Inhalte aller Art bereinigtes Feiertagsprogramm.

Regression ist machbar, Herr Nachbar, seit die Abschaffung des Herrentages als Feiertag durch die DDR im Jahre 1966 infolge des Mauerfalls wieder abgeschafft wurde. Statt sich "durchgendern und transdisziplinieren" zu lassen, wie Netzwerkrecherche gruselnd empfiehlt, besteigt der Primat seine Kremserkutsche und bricht auf zur Vatertagskante, ins letzte Reservat der Machos mit Klingelmütze, Opafrack und Kotzresten am Revers.

Verbot tut not

Ein Mann geht seinen Weg, unbeirrt und zielsicher. Rüdiger Erben, 42-jähriger Bergbautechnologe aus Bad Salzungen, weiß, was er will. Und er setzt es durch: Seit der ehemalige Leiter des Ordnungsamtes im Landratsamt Weißenfels als SPD-Staatssekretär in die Landesregierung Sachsen-Anhalts rückte, verfolgt der vom diktatorischen DDR-Regime wohnortnah bei der NVA in Weißenfels ausgebildete Verwaltungexperte ein klares Ziel: Wenigstens einmal im Monat soll in Sachsen-Anhalt ein neues Verbot in Kraft treten, gelingt das nicht, gilt es als Minimalaufgabe, wenigstens von einem oder zwei neuen Verboten zu reden.

Als legitimer Erbe der Verbotskultur der DDR machte Rüdiger Erben (Foto unten: Feuerwehr Osterburg) nie einen Ponyhof aus seiner Vision einer nur Gesellschaft mit allen Freiheiten eines Gefängnisgartens. Kaum war er aus dem Landratsamt Weißenfels nach Magdeburg umgezogen, machte er auch schon "Ernst im Kampf gegen Gewalt", wie seinerzeit wissen ließ. “Spiele mit Tötungssimulation”, so Erbens Rechtsauffassung, seien in seinem Bundesland “definitiv verboten”. Deshalb verstießen etwa das Spiel Paintball, auch als “Gotcha” bekannt, ebenso "gegen das Grundgesetz" (Erben) wie eine Vielzahl von Computerspielen. nach Ansicht der Landesregierung.

Der mediale Erfolg seiner Rechtsauslegung im Schamanenstil gab Erben Kraft und Mut für mehr. In schneller Folge (Google Timeline oben) produzierte seine auf Verbote fixierte Fantasie jetzt Verbotsvorschläge: Der Alkoholkonsums in den Abendstunden auf bestimmten Plätzen, das Abbrennen von Feuerwerk in der Nähe von Fachwerkhäusern, die Einschränkung der Demonstrationsfreiheit an bestimmten Tagen und das Komasaufen in Kneipen - zuweilen verbot Rüdiger Erben Dinge, die es nicht einmal gab.

Genug aber ist nicht genug und zuviel ist noch zu wenig. Dass die NPD verboten werden müsse, schlug der Freund einer gesellschaftlichen Ordnung mit einem klaren Kasernenhofreglement jeden Sommer vor, wenn sonst nichts anlag. Um schonmal klar zu machen, wie das auszusehen hat, erteilte er einem für die NPD in einem Lokalparlament sitzenden Schornsteinfeger Berufsverbot. Und um sicherzzugehen, dass da kein Nachwuchs nachrutscht, gab es gleich auch noch die Ankündigung einer landesweit geltenden Regelung zur Untersagung der Benutzung von Musikinstrumenten durch Rechte, egal ob extrem oder radikal: "Rechte Musik funktioniert häufig als Einstiegsdroge, um über den engeren Kreis von Neonazis hinaus Anhänger zu finden", legte Rüdiger Erben fest.

Eine Strategie, die zumindest medial riesigen Erfolg hat. Bei jeder Ankündigung steht Rüdiger Erben im hellen scheinwerferlicht, kippen Gerichte die von ihm verhängten Verbote, ist er längst zum nächsten weitergeeilt. Niederlagen kratzen keineswegs am Selbstbewusstsein von Deutschlands führendem Verbotspolitiker: Das von ihm erdachte Alkoholverbot auf dem Magdeburger Hasselbachplatz, das Erben eigentlich "auf andere Orte in Sachsen-Anhalt übertragen" wollte, schlugen ihm Landesrichter ebenso um die Ohren wie das Berufsverbot für den rechtsextremen Feger. Doch der kleine Innenstaatssekretär mit den großen Ambitionen eilt einfach weiter, zum nächsten Schauplatz, zum nächsten Scheinwerfer, zur nächsten Kamera.

Zuletzt untersagte er den Vergleich von NS-Verbrechen und SED-Diktatur, ja, von Diktaturen überhaupt, konnte das Verbot dann zwar nicht durchsetzen, hielt sich aber mit seinem Vorschlag wochenlang in den Schlagzeilen. So kann es immer weitergehen: Eben erst kündigte Rüdiger Erben ein Verbot von "Rockerbanden" an, ohne zu erläutern, woran eine solche zu erkennen vorab zu erkennen wäre, kurz danach ließ er wissen, dass er ein Verbot des Konsums von Alkohol in Straßenbahnen und Bussen plane. Stoppen kann sich Rüdiger Erben, der Ambitionen hat, einst Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt zu werden, im Grunde nur noch selbst: Wenn erst alles verboten ist, bleibt selbst ihm nichts zu verbieten übrig.

Mittwoch, 12. Mai 2010

Fremde Federn: Warum eigentlich den Euro retten?

Wer sich immer noch fragt, warum da eigentlich vor wem und weswegen seit Wochen eine Währung gerettet werden muss, obwohl doch weder in Läden noch am Bankschalter eine Gfeahr zu drohen scheint, bekommt bei Egon Kreutzer eine allgemein verständliche Antwort. "Europhrenie" beschreibt sehr alltagstauglich, mit welch abenteuerlichen semantischen Figuren die Politik versucht, ihre "hilflos sich im Kreise drehende Ratlosigkeit" (Kreutzer) angesichts der Tatsache zu verschleiern, dass elf Jahre nach Einführung des Euro die Rechnung auf dem Tisch liegt: Die Leute, die den Anpassungsdruck unterschätzen wollten, dem ein Weichwährungsland ausgesetzt wird, wenn man ihm eine harte Währung überstülpt, krähen nun, sie hätten von nichts wissen, nichts ahnen und überhaupt nichts tun können, obwohl sie alle seit dem Beitritt Ostdeutschlands zum D-Mark-Gebiet wussten, wie sich eine Währungsunion auswirkt, wenn sie nicht durch einen Solidarausgleich abgefedert wird.

Den Euro retten, wie er jetzt gerettet werden soll, heißt, die früheren weichwährungsländer per Finanzausgleich solange alimentieren konnte, bis sie allein gehen können. Dass die Alt-BRD die Ex-DDR zwei Jahrzehnte füttern konnte, ohne das Ziel zu erreichen, heißt nicht, dass es die wohlhabenden Euro-Länder schaffen, den ehemaligen Weichwährungsstaaten so lange Blut zu spenden.

Die kürzeste Rettung der Welt

Ganz da unten im Bild, rechts, wo bei einer Postkarte von einem Bach das Wasser begänne, das ist das Stück Schwänzchen, das Angela Merkel und ihre europäischen Führer für 750 Milliarden gekauft haben, um den Euro und die von gewissenlosen Spekulanten ohne Namen und Anschriften bedrohten Sparguthaben der Deutschen "stabil" (Merkel) zu halten. Da brach kein Zacken aus der Krone und wer nicht ganz schnell war, bekam nicht einmal mit, wie der "riesige Rettungsschirm" (dpa) die "Gemeinschaftswährung" (Sigmar Gabriel) noch "vor Öffnung der Börsen in Fernost" (Tagesschau) vor dem Untergang rettete: In nur 120 Stunden schaffte der Euro den langen, langen Weg von 1,26 US-Dollar bis hoch auf 1,31 $ - und wieder zurück auf 1,26 Dollar.

Vor aller Augen zelebriert die große Politik die kürzeste Rettung der Welt: Am Mittwoch danach ist schon wieder alles wie am Freitag zuvor, nur dass ein Euro für 1,26 Dollar am Freitag den Weltuntergang bedeutete und am Mittwoch stabile Sparguthaben heißt. Bangen müssen nun nur noch iPad-Käufer, Ford-Mustang-Fahrer und Florida-Urlauber, das Volk als solches aber kann sich zurücklehnen und Euklid, den griechischen Rechenmeister, einen guten Mann sein lassen. Eins plus eins ist zwei? Natürlich nicht! 1 + 1 ist Elf! «Wir tun, was wir tun, nicht für die Banken, sondern für die Menschen», hat Angela Merkel versprochen.

Wiedergeboren als Luftballonverkäufer

Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Frank-Walter Steinmeier (oben links) hat nach seiner Niederlage bei der Bundestagswahl seine Forderung nach einer Transaktionssteuer bekräftigt. Er werde nach seinem Abschied vom großen Lebenstraum, einmal selbst als Kanzler im Fernsehen auftreten zu dürfen, nicht auch noch den von neuen Steuern begraben, sagte Steinmeier der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Nicht zuletzt gebe ihm Kraft, dass die CSU, die sonst immer falsch liege, in diesem Fall auch dafür sei. Damit stehe ganz eindeutig fest, dass die Position der SPD die richtige sei, sagte Steinmeier am Rande von Dreharbeiten zum Sequel zu seinem erfolgreichen ersten Kinofilm "Up", der im Februar einen Annie-Award gewonnen hatte.

In "Up", für das deutsche Publikum als "Oben" in den Kinos gelaufen, schlüpft Walter Steinmeier, ein ausgewiesener Experte für heiße Luft, in die Rolle des detailverliebt animierten ehemaligen Luftballonverkäufers Carl Fredricksen (oben rechts), der seiner Abschiebung ins Altersheim entflieht, indem er sein Haus mit hunderten Heliumballons zum Fliegen bringt.

Eine Paraderolle für die ehemalige Schneeeule der deutschen Arbeiterbewegung, die auf der Leinwand erstmals in 3D und mit einer computeranimierten Buddy-Holly-Brille zu sehen ist. Im Film fliegt Walter Steinmeier in seinem Flughaus zu den Paradiesfällen in Südamerika, um sich dort Anregungen zu holen, wie Argentinien seinerzeit die große Schuldenkrise überstand.

Mehr ernste und krasse Wiedergeburten in der definitiven PPQ-Datenbank

Dienstag, 11. Mai 2010

Floskel-Wirbel


Er erhob schon vor zehn  Jahren ab und zu sein gräuliches Haupt - legte es aber vorerst immer wieder in den Schoß von Wolf Schneider.  Doch die Konjunkturzyklen wurden länger, und 2003 beschloss der "Wirbel um", den Qualitätsjournalisten fürderhin treu zu dienen. Ausweislich der unbestechlichen Timeline von Google nimmt seit dem Jahr 2000 die Zahl der Null-Ereignisse, die sich des Floskel-Wirbels bedienen müssen, signifikant zu. Auffällig dabei ist, das justament die damals ausbrechende Print-Krise bis heute parallel zum Aufstieg des "Wirbels um" verläuft: Je weniger Zeitungen verkauft werden, um so wirbliger stellt sich das Weltgeschehen dar. Welche Erkenntnis im Umkehrschluss nichts anderes bedeutet, als dass hiermit der "Wirbel um den Wirbel um" ausgerufen und verkündet sei.

Der Himmel über Halle XXVIII

Das ist er wieder, der Vulkan auf Island, und er spuckt endlich wieder Asche aus. Pünktlich zum Ende der Aufregung um die große Griechenland-Krise regt sich im fernen Nordmeer wieder das, was vor der großen Griechenland-Krise als "Aschemonster" für die niveauvolle Unterhaltung der Massen zuständig war. In Südspanien, auf den Kanaren und in Portugal mussten Flughäfen zeitweise geschlossen werden, um nach dem erfolgreichen Bruch der EU-Verträge ein neues Thema zu implementieren. "Auch der deutsche Luftraum ist wieder gefährdet", vermerkt die einzig wahre deutsche Nachrichtenagentur dpa mit einem gespannten Zittern.

Jetzt zeigt sich, wer vorgesorgt hat, jetzt zeigt sich, wo die Menschen noch sicher leben können, ohne Angst haben zu müssen vor geplatzten Inhaberschuldverschreibungen und verschobenen Interkontinental-Starts. Während der "Vulkan unter dem Eyjafjalla-Gletscher" (Stern) dunkle Monsterwolken ausstößt, lässt die agile Stadtverwaltung der mitteldeutschen Reinluft-Metropole Halle das Firmament in Königsblau glänzen und Sandro Wolf, ehemals NVA-Flieger und seit einigen Monaten Chefpilot der von PPQ weltweit präsentierten Veranstaltungsreihe "Der Himmel über Halle" schießt in seinem blankgewienerten Airbus A380 von Süd nach Nord. Da oben muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Hier unten ist es einfach nur schön anzusehen. "Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien!", scheint der Düsenvogel zu sagen, der dort unerreichbar nah über den Köpfen der Geplagten und Gepeinigten, der Steuerzahler und betrogenen Kleinsparer schwebt, "schaut auf diese Stadt und erkennt, daß ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt! Es gibt nur eine Möglichkeit für uns alle: gemeinsam so lange zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen, bis dieser Kampf endlich durch den Sieg über die Feinde, durch den Sieg über die Macht der Finsternis besiegelt ist."

Ende vom Anfang des Endes

Das Ende vom Anfang des Endes kam am 11. Mai 330. Vor 1680 Jahren, länger als jedes Rettungspaket trägt, wurde aus der griechischen Weltstadt Byzanz die Ost-Metropole Konstantinopel, der letzte Versuch der Lateiner, Weltgeltung zu behaupten und dem westlich gelegenen Rom etwas Größeres, Prächtigeres und Mächtigeres entgegenzusetzen.

Die Geschichte der Stadt hatte schon in der griechischen Antike, um 600 vor Christus. Der Aufstieg in die erste Liga geschah allerdings erst in römischer Zeit und er endete mit dem Versuch, einen Gegenkaiser gegen den von Rom bestimmten Kaiser Septimius Severus zu unterstützen. Da der dem römischen Original unterlag, plante Septimius eigentlich, die Stadt zu zerstören, nur sein Sohn Caracalla hielt ihn davon ab.

Byzanz wurde zur vordersten Feste des zivilisierten Westens gegen die Barbaren, die in der Zeit der Völkerwanderung immer wieder einzubrechen drohten. Da die Osthälfte des römischen
Reiches immer mehr an Bedeutung gewann, zog Kaiser Konstantin I. hinüber - am 11. Mai 330 wurde die Stadt als neue Residenz eingeweiht, sie trug nun den Namen Konstantinopel.

Beinahe ein Jahrtausend lang wurden Eroberungsversuche anderer Völker abgewehrt, Konstantinopel überstand Stadtbrände und Epidemien und behauptete sich als eine der wichtigsten Weltstädte. Zugleich aber schrumpfte die ehemalige griechische Vorzeigegründung, das Osmanische Reich schwappte immer näher an die Stadtmauern, die byzantinischen Kaiser mussten mehr und mehr Fläche ihres Reiches gegen Ruhe und Frieden eintauschen. Im 15. Jahrhundert bestand Konstantinopel nur noch aus dem eigentlichen Stadtgebiet und ein paar umliegenden Dörfern, die Einwohnerzahl sank auf etwa 40.000, der Kaiser war nur noch ein Mann ohne Macht, angewiesen auf Hilfe der christlichen Glaubensbrüder aus Venedig, die knauserig waren mit Rettungsgeldern und sich gern mit Pfandrechten auf byzantinische Besitzungen bezahlen ließen.

Am 29. Mai 1453 traten die Truppen des Osmanen Mehmed II. zum letzten Sturm an, die Verteidiger aber hielten einmal mehr stand. Allerdings hatte ein Soldat beim nächtlichen Reparaturgang vor die Mauer vergessen, eine kleine Pforte zu schließen. Durch diese strömten die Angreifer in die Stadt, in den Rücken der Verteidiger. Konstantinopel fiel, das Abendland wurde ein Stück kleiner. Etwa hundert Jahre später avancierte Konstantinopel zur Hauptstadt des Osmanischen Reiches, das von Ungarn über Belgrad bis und Bagdad bis weit nach Nordafrika reichte. Im März 1930 änderte sich der Name noch einmal: Aus Konstantinopel wurde Instanbul. Die ehemals griechische Stadt, die ein Weltreich hatte sein wollen, aber existierte nicht mehr.

Montag, 10. Mai 2010

Rette Dich wer kann


Hoijoijoi, das war wieder eine Rettung, die Angela Merkel und der Rest der EU da hingelegt haben. Alle Achtung, denkbar knapp wie die Münchner Meisterschaft damals gegen Schalke, dann aber doch beruhigend sicher und ballgewandt. In letzter Sekunde, "bevor die Märkte in Fernost öffnen" (Tagesschau) und das "Wolfsrudel" (dpa) der Spekulanten wieder losprescht, um den Euro zu zerfleischen, gelang es dem Krisenstab, das seit Monaten lodernde Papiergeldfeuer mit einer dicken Decke aus neugedruckten Scheinen zu ersticken. Die Europäische Zentralbank, die ihre Unabhängigkeit dadurch nachwies, dass sie zum exakt selben Zeitpunkt wie die europäischen Regierungschefs tagte und exakt dasselbe beschloß, besorgt die Kohle, indem sie beginnt, wacklige Anleihen aus kippligen Euroländern aufzukaufen.

Um zu verhindern, dass jemand merkt, wie auf diesem Wege eine zusätzliche transnationale Schuldenkasse außerhalb der Verantwortung der gewählten Regierungen geschaffen wird, haben die Finanzminister sich für die Lösung entschieden, mit der früher bereits Erfolgsbanken wie die Hypo Real Estate, die Sachsen LB und die West LB Furore machten: Nicht die EU-Kommission wird ihren Mitgliedsländern Geld leihen, sondern eine eigens gegründete Zweckgesellschaft. Noch scheint nicht bekannt, ob die in einer Steueroase angesiedelt wird, um Steuergeld zu sparen. Sie werde aber in jedem Fall Eurobonds auflegen, das so von gierigen Spekulanten auf der Jagd nach sicherer Rendite eingeworbene Geld steht dann für die Rettung bedrohter Euro-Länder zur Verfügung.

Geschickt umgehen die Regierungen damit augenzwinkernd die kleinliche No-bail-out Klausel der EU-Verfassung, perspektivisch dürften nun die diversen Schattenhaushalte der öffentlichen Hand von Pensionskassen über KfW-Kredite bis zu den Rettungsschirm-Bürgschaften der Sofin gute Chancen haben, die sichtbaren öffentlichen Schulden um ein Vielfaches zu übertreffen. Der einst angestrebte "Stabilitätspakt", dessen einziges Machtinstrument das Verschicken von "Blauen Briefen" blieb, endet als Transferunion ohne unabhängige Zentralbank, Europa wird endlich eins, ein Volk, ein Währungsreich und mit Sarkozy und Merkel nur zwei Führer. Und die nächste Rettung kommt bestimmt, mit noch mehr Geld und noch mehr beruhigenden Sprüchen in den Abendnachrichten: Ja, so gerettet werden ist fast wie sterben.

Gotteskrieger mit Kommaschwäche

Er ist der Helene Hegemann des internationalen Islamismus, ein Gotteskrieger mit ausgeprägter Kommaschwäche, gut am Maschinengewehr, aber ganz schwach bei der Frage, wann er "dass" und wann er doch besser "das" schreiben sollte.

Eric Breiniger zog aus, die Welt von "Kuffar" genannten Ungläubigen zu befreien, er nannte sich "Abdul Ghaffar El Almani" und starb, ehe er sein Lebensbekenntnis "Mein Weg nach Jannah" beenden konnte. Die Glaubensbrüder des gottesfürchtigen Saarländers stellten die in Stunden lähmender Langeweile in den islamistischen Terrorlagers Waziristans entstandene Kampfschrift des treuen Gefolgsmannes des Propheten nach dessen blutiger Himmelfahrt zum kostenlosen Download bereit. Die deutsche Qualitätspresse entdeckte daraufhin sofort "ein Dokument aus dem Inneren des Dschihadismus" (Der Spiegel), geschrieben von einem "Blitzradikalisierten voller Hass auf die Ungläubigen" (Die Zeit). Vorsichtshalber aber verlinkte niemand auf "die bizarren Memoiren des in Pakistan erschossenen Deutschen" (Die Zeit), denn die Angst geht um: Wie schnell könnten andere durch die laterale Lyrik des wirren Abschreibtischtäters blitzradikalisiert werden? Die Feder ist mächtiger als das Schwert, selbst wenn sie einem Teil-Legastheniker gehört!

Dabei erzählen die 106 Seiten aus dem Hause "Elif Media" die tragikkomische Geschichte eines kleinen Jungen, der gern Großes erreichen möchte, dabei aber immer wieder an seiner eigenen Unfähigkeit scheitert. Breininger, nach eigener Aussage aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen, treibt ziellos durchs Leben, bis er rein zufällig einen gläubigen Moslem trifft. Der erst macht ihn mit dem Glauben bekannt - und aus ihm auch gleich einen islamistischen Rechtsgelehrten.

Er selbst hat Hinweise wie "Und wir entsandten vor dir keinen Rasu, ohne ihm einzugeben, dass Iaa iLaaha außer mir, also macht Ibadah für Mich" und "Sie werden morgens und abends dem Feuer ausgesetzt sein und an dem Tag, wenn die Stunde anbricht wird gesagt: Lasst Pharaos Leute zur qualvollsten Strafe antreten" verinnerlicht. Eben noch trinkt er Bier und hat eine Freundin, schon hat er die überredet, "den Islam anzunehmen", ein Kopftuch zu tragen und mit ihm zusammen zu beten. Nach nicht einmal vier Monaten hält sich der Flaumbart dann für einen Mann auf direktem Weg zur Heiligkeit: Er trennt sich von seiner - ihm inzwischen auf gut arabisch angetrauten - Frau, weil die immer noch zur Disko geht, er bespricht mit "Brüdern" die Frage des Monotheismus und fühlt in sich den Drang, die unterdrückte islamische Welt zu befreien.

Seine vermeintliche Biografie muss Mullah Maulheld Breininger nach dem Kurzstudium einer deutschen Notfassung des Koran nicht mal mehr selbst schreiben - über weite Teile pinselt er einfach wortwörtlich Suren und Mohammed-Zitate, Rechtsgutachten hierzulande unbekannter Scheichs und Reden rätselhafter Imane ab. So füllt sich Seite um Seite mit absurdesten Erörterungen, nur gelegentlich unterbrochen von tatsächlich amüsanten eigenen Erlebnissen des selbsternannten Dschihadisten. Dessen Weg in den Kampf etwa führt über zahlreiche Umwege: Sein erster Plan, nach Algerien zu gehen, um Arabisch zu lernen, scheitert am Morgen der Abfahrt, weil ihm ein algerischer Bekannter verrät, dass er in Algerien gar keine Sprachschule finden werde. Breininger entscheidet sich nun kurzfristig für Ägypten als Startrampe in die Dschihadistenkarriere. Doch er landet in Hurghada, obwohl er nach Kairo wollte. Als er nach einer langen Busfahrt endlich dort ankommt, machen gerade alle Sprachschulen zu, weil Ramadan beginnt.

So geht es immer weiter mit Pleiten, Pech und Pannen. Kaum gesellt sich ein deutscher Kampfgenosse zu ihm, beschließen beide, nach Afghanistan zu gehen, um die "Kreuzritter" anzugreifen. Es wird ein Flug in den Iran gebucht, allerdings stellt Breiniger beim Blick auf das Ticket fest, dass die Maschine im saudi-arabischen Riad landen wird und nicht in Teheran. Also neue Tickets gekauft, diesmal aber dürfen die beiden Gotteskrieger nicht mit, weil ihnen das Visum fehlt.

Breininger erzählt all das in Schulaufsatzform, versetzt mit zahllosen Spezialbegriffen aus der Gedankenwelt des Heiligen Krieges und immer wieder unterbrochen von seitenlangen wirren Suren, in denen der "Erhabene sagt: Dann werdet ihr gewiss am tage der Auferstehung erweckt werden", ohne zu erwähnen, was mit "dann" gemeint ist.

Eric Breininger glaubte es noch zu wissen. Versteckt unter einer eigens angefrtigten Burka gelangt er endlich nach Afghanistan, der anfangs mitreisende Terrorkumpel ist da schon umgekehrt. Mit zusammengebissenen Zähnen übersteht der Saarländer nun seine Terror-Ausbildung, umgeben von Kollegen mit selbstgebastelten Namen wie "Said Al-Kurdi" und "Abu Muslim". "Fajr-Gebet, für das Frühstück eine Minute Zeit zum Essen, nach dem Essen Waffenkunde", beschreibt Breininger seinen Tagesablauf. Nachmittags, nach dem "Asr-gebet und wieder eine Minute Zeit zum essen" ist Waffenkunde mit "Abfragung - nicht gewusst = Strafe", schreibt der einsame deutsche Dschihadist zufrieden.

Erreichen die Missbrauchsskandale jetzt etwa auch die Moslems? Muss Osama Bin Laden wegen ein paar Watschn zurücktreten? Nein, Eric Breininger hält die andere Wange hin: Seine Brüder seien "wie Perlen" gewesen, lobt er mit homoerotischem Unterton, das ist dann schon kurz vor der ersten "Amelia", wie die "Bombardierungen gegen die Kreuzzügler" nach Breiningers Ansicht genannt werden sollen. Mit Hurra geht es in den Kampf, dann schießen die Kuffar zurück, "also blieb uns nichts anderes übrig als in die entgegengesetzte Richtung zu gehen". Später dann stellt sich "auf dem Nachhauseweg heraus, dass keiner so recht wusste, wo wir waren", schreibt Breininger, "wir liefen Stunden durch die Berge, bis die Nacht anbrach." Aber Eigenlos stinkt ja nicht: "Das war eine von vielen gersegneten Operationen, an denen ich teilnehmen durfte", schwärmt der Heilige Krieger.

Dem die Unterstützung des Kampfes aus Deutschland gar nicht gefällt. "Zur Zeit erhalten wir fast gar keine Spenden aus Deutschland, obwohl das ein sehr wohlhabendes Land ist", klagt er. Wenn die Geschwister nur einen Döner weniger in der Woche kaufen würden, könne man mit dem Geld "beinahe 20 Sniper-Kugeln kaufen, "um damit die Kuffar zu bekämpfen". Die andere große Sehnsucht ist die nach einer Frau, der Breininger den Himmel auf Erden verspricht: Die Schwestern lernten hier den Umgang mit Schusswaffen, die Kinder wüchsen fernab vom Kuffr der westlichen gesellschaft auf. "Hier gibt es keinben Schulzwang, wo Kinder gezwungen werden Evolutionslüge zu lernen", lockt er Interessentinnen. Besonders schön sei, dass die Kinder der Mujaheddin mehrsprachig aufwüchsen, mit Waffen umgehen könnten und so zu einer "ganz besonderen Generation von Terroristen" (Breininger) würden, die "in keiner Datenbank der feinde Allahs erfasst ist". So könnten sie sich "hervorragend tarnen, die Länder der Kuffar unauffällig infiltrieren und "so Angst und Terror in ihren Herzen sähen" (Rechtschreibung Breininger).

Wie sie wegen fehlender Personaldokumente an der Grenze angehalten werden, muss Eric Breininger zu Glück nicht mehr erleben: Er hat bei einem Gefecht in der Nähe der pakistanischen Stadt Mir Ali gefunden, was er suchte: Eine Kugel für seinen Kopf. Die Terrorkollegen waren begistert: "Die Deutschlandvertretung der Taifatul Mansura gratuliert den gefallenen Brüdern aus Deutschland zu ihrem Märtyrertod".

Sonntag, 9. Mai 2010

Konjunktur für Spekulanten

Sie sind überall, immerdar und jederzeit, omnipotent und unsichtbar zugleich. Sie stürzen Staaten ins Unglück, bestimmen darüber, wo sich die Volksmassen das Autofahren noch leisten können, entscheiden über Gold- und Baumwollpreise, haben den Orangensaft-Future im Griff und profitieren vom Zusammenbruch eines Großkonzerns mit derselben skrupellosen Schonungslosigkeit wie von seiner Weiterexistenz.

Früher gab es sie gar nicht (Grafik oben), später aber wurden sie immer mehr. Seit dem Mauerfall verzeichnet das unbestechliche Wortkonjunkturbarometer Google Timeline einen Anstieg des Vorkommens von Spekulanten um mehr als 600 Prozent: "Wettete" (Angela Merkel) noch kaum jemand auf den Untergang des sozialistischen Weltsystems, sind die Wetten auf ein Ausscheren Griechenlands aus dem Euro-System Legion.

Die Kulturgeschichte der Spekulation in der Moderne beginnt mit einem einzelnen Mann. Im September 1992, als Spekulanten noch Namen hatten, knackte der die Bank von England: George Soros hatte erkannt, dass das britische Pfund überbewertet war, konsequent setzte er darauf, dass sich eine solche Überbewertung auf Dauer nicht halten würde und er behielt Recht.

Dass Soros weder die Überbewertung ausgelöst noch ihr Ende herbeigeführt hatte, war anschließend schnell vergessen - und wird es immer mehr. Als im Sommer 1997 die Asienkrise ausbrach, waren so nicht wirtschaftliche und währungstechnische Ungleichgewichte schuld, sondern die Investoren, die darauf gesetzt hatten, dass Ungleichgewichte stets zum Ausgleich drängen. Dasselbe im Februar 2000, als die von beliebten Volksschauspielern heillos überteuert auf den Markt geworbene Volksaktie der Deutschen Telekom eine beispiellose Börsentalfahrt beginnt. Nein, nicht die Firma ist angesichts ihrer Wachstumsaussichten heillos überbewertet, tröstet die Politik, die mehrere Milliarden Gewinn aus dem Verkauf des Papiers zum Mondpreisen gezogen. Es sind die Spekulanten! Mit "massiven Leerverkäufen" (Hans Eichel) drückten sie die Aktie absichtlich, um billig einsteigen zu können!

Mit den Gewinnen, die sie kassierten, weil die Telekom-Aktie seitdem weitere 60 Prozent verlor, gingen die Spekulanten anschließend daran, den Ölpreis von einem Rekord zu anderem zu jagen. Als er bei 80 Dollar war, schimpfte die Politik erstmals lauthals über die durch nichts begründete Preistreiberei, bei 150 Dollar schließlich sahen das auch die Spekulanten so: Urplötzlich setzten sie auf fallende Notierungen, die dann auch prompt fielen, weil eine Weltwirtschaftskrise die Blase aus billigem Geld zum Platzen brachte, die Politikerentscheidungen großgepustet hatten.

Doch einfacher erklärt ist es umgekehrt. Nicht Biertrinken führt dann zu einem dicken Kopf, sondern leere Flaschen in der Wohnung, nicht Sex zu Schwangerschaften, sondern Fehler bei der Verhütung. Die Welt im Würgegriff geheimer Mächte, Preise und Werte festgelegt von klandestinen Zirkeln aus "Hegde Funds und Venture-Kapitalisten", wie Sigmar Gabriel nicht müde wird zu analysieren. Genauere Nachfragen allerdings gehen ins Leere: Wer sind diese Herren? Mit wem wetten sie? Wer hält denn da jeweils dagegen? Man kennt das noch aus der Grundschule: Wo keiner ist, der mit einem wetten will, bleiben Gewinne für gewöhnlich einfach aus.

Nicht so hier, an den "weltweiten Finanzmärkten", zumindest versucht die Politik das glauben zu machen. Was der Spekulant auch immer tut, er tut es um Schaden anzurichten, Länder zu ruinieren, Familien zu zerstören. Statt zu glauben, dass man ihm sagt, die Aktie der Deutschen Telekom sei 65 Euro wert, die Sparguthaben seien sicher und eine Griechenland-Anleihe eine seriöse Geldanlage, ruft der Spekulant dauernd "will sehen" wie ein Spieler, der seinem Gegenüber den Straigth Flush nicht glaubt.

Ein Unding, findet auch Angela Merkel. Wenn sie behaupte, sie habe einen Straight Flush, dann sei das als Tatsache zu behandeln, und wenn Europa einig sei, dass sich in Griechenland alles zum Guten wende, gebe es keinen Grund, daran zu zweifeln. "Es kann nicht sein, dass Spekulanten Profiteure der schwierigen Situation in Griechenland sind", sagt die frühere Klimakanzlerin, die darauf spekuliert, dass der Ruf "Haltet den Dieb" noch immer am wirksamsten von eigenem Raubzügen in die Brieftaschen der Bürger ablenkt.

Scharfe Maßnahmen braucht es auch nach Ansicht der SPD, um den "Blutsaugern" (Jacques René Hébert, 1793) am Volkskörper das schändliche Handwerk zu legen. Eine Börsenumsatzsteuer von 0,5 Prozent auf den gehandelten Kurswert könne "kurzfristige Spekulationen" eingedämmen, heißt es - der Prozentsatz sei so niedrig, dass er das Volumen die Börsenumsätze nicht beeinträchtigen werde.

Eindämmen durch nicht beeinträchtigen? Die SPD spekuliert offenkundig darauf, dass niemand richtig hinhört. US-Präsident Obama jedenfalls tut ihr den Gefallen und unterstützt "die europäischen Forderungen, Spekulanten stärker an die Kandare zu nehmen". "Die Presse" aus Österreich trötet noch ein einsames "verantwortlich für die Schwäche des Euro sind nicht Spekulanten, sondern fahrlässige und untätige Politiker. Der Euroverfall spiegelt lediglich die Erwartung der Finanzmärkte wider, dass die EU nicht in der Lage ist, die Griechenland-Krise einzudämmen und zu meistern. Und so falsch war die Einschätzung bisher nicht."


Die der Spekulanten schon gar nicht: Nach der Einführung des Euro wollte den erstmal niemand haben, der Wert der Einheitswährung fiel von 1,10 Euro pro Dollar auf 90 Cent (Chart). Zu groß waren Befürchtungen, die Aufnahme vieler hochdefizitärer Länder in die Währungsgemeinsachft könnte das Einheitsgeld zu einer Art Drachme mit begrenzter Haltbarkeit machen. Seinerzeit sprach niemand von einem "konzertierten Angriff" auf den Euro, niemand sah wegen der Währungsschwäche ein Ende Europas aufdämmern. Das wird erst behauptet, seit der Euro nach einem Höhenflug mit 70 Prozent Kursplus nur noch 40 Prozent mehr wert ist als kurz nach seiner Einführung.

Was hilfts, davon zu berichten? Dergleichen veralzheimert besser, wenn niemand dran rührt. "Der Spiegel" ist denn auch schon eine Ecke weiter: "Tatsächlich können Sparer, die an eine dauerhafte Euro-Schwindsucht glauben, ihr Portfolio entsprechend in Stellung bringen", empfiehlt das Sturmgeschütz im Krieg gegen das Spekulantentum seinen Lesern, die Sparer sind und keine Spekulanten, in einem spekulativen Text mit dem Namen "So profitieren Sie von der Euro-Krise".

Update: Nur 373 Jahre nach dem Ende des holländischen Tulpenbooms und acht Stunden nach dem PPQ-Text über Spekulanten (oben) dreht auch der Spiegel die Gewehre herum: Statt "So profitieren Sie von der Euro-Krise" heißt es jetzt "So funktioniert die Milliarden-Zockerei".

Wiedergeboren als Wahlverlierer

Bekanntgeworden ist er als Deutschlands beliebtester Insolvenzverwalter, immer wider hat er Menschen, die durch ein langjähriges Leben über die eigenen Einkommensverhältnisse, durch Drogenmissbrauch oder Kindesmisshandlung unverschuldet in Not geraten waren, uneigennützig gerettet. Doch Undank ist der Welten Lohn: Obwohl Peter Zwegat (oben links) zuletzt noch als Sparkommissar für Griechenland im Gespräch war, hat es für seine im Nebenberuf unter dem Namen "Jürgen Rüttgers" (oben rechts) geführte Landesregierung in Nordrhein-Westfalen nicht noch einmal zur Mehrheit gereicht.

Ein "Bündel von Ursachen", so sagte Zwegat in seinem wahrscheinlich letzten Auftritt in der Rüttgers-Rolle in Düsseldorf, habe zum Machtverlust geführt. Schuld daran seien nicht eigene Fehler, sondern das Regierungshandeln in Berlin, mit dem er ausgeschaltet habe werden sollen. Zuvor waren aus dem Kampf um die Nachfolge der Klimakanzlerin Angela Merkel bereits der hessische Ministerpräsident Roland Koch und der frühere CDU-Wirtschaftsexperte Freidrich Merz ausgeschieden. Zwegat will sich nun wieder ganz der Hilfe für Mittellose und Hochverschuldete widmen. Aber auch in NRW komme es darauf an, gab er seinen Parteifreunden mit auf den schweren Weg, jetzt in den Gremien klar zu analysieren, wo das Bündel von Ursachen liege. Er selbst stehe jederzeit für eine Flipchart-Vorführung zur Verfügung.

Zur definitiven Datenbank der geheimen Wiedergeburten: hier