Sonntag, 22. August 2010

Knastgefühl im Vorstadt-Exil

Größer kann ein Kontrast zwischen einem 1:0 und einem 1:0 nicht sein. Vor einer Woche noch feierten die Fans des Regionalligisten Hallescher FC im Auswärts-Heimspiel in Leipzig einen jetzt schon historischen 1:0-Sieg gegen den Zweitligaklub Union Berlin. Und nun stehen dieselben Spieler vor einem Viertel des Publikum hier: Das "Stadion am Bildungszentrum" in Halle-Neustadt hat in den drei Jahrzehnten seiner Existenz Höhepunkte wie ein Puhdys-Konzert, mehrere Kreis-Spartakiaden und etliche Spiele des Stadtoberligisten FC Halle-Neustadt erlebt. Wegen des Ausbaus des maroden Kurt-Wabbel-Stadions, in dem der HFC sonst spielt, kommt die ehemalige Chemiearbeiterstadt der DDR nun aber in den Genuss, Viertliga-Fußball behausen zu dürfen.

Dazu wurde die einstige 10000-Mann-Arena mit 2,9 Rettungspaket-Millionen aus-, zurück- und umgebaut. Entstanden ist ein Hexenkessel mit dem Ambiente einer Autobahn-Raststätte, die sich noch im Ausbau befindet. Der Rasen lässt den Ball wunderbar rollen, die Umkleidekabinen sind saniert und einen neuen feuerverzinkten Super-Zaun um das Gelände, vor dem die NVA früher zweimal im Jahr ihre neuen Rekruten einzusammeln pflegte, gibt es auch, dazu sogar einen Sandspielkasten direkt am Spielfeldrand, der aufwendig aus der ehemaligen Sprunggrube hergestellt und von den Kids gleich zur Premiere gut angenommen wurde (danke, j.b.).

Doch der Rest ist ein Fest für alle Freunde von Enge, Weite und perspektivischer Unübersichtlichkeit. Neben der Haupttribüne, die im Ansatz geblieben ist, was sie war, stehen zwei mobile Stahlrohr-Traversen, die den Zuschauern am Rand der Haupttribüne die Sicht auf jeweils eines der Tore verstellen. Aus den ehemals umlaufenden Zuschauertraversen haben die Umbau-Architekten für viel Geld begrünte Hänge gemacht, in die zwei Hochsicherheitskäfige für das gemeine Fußballvolk eingelassen wurden. Fünf Stufen hoch, für mehr haben die Millionen nicht gereicht, steht der Fan sicher hinter Gittern. In der Halbzeitpause wird passend der "Safety Dance" von den Men Without Hats gespielt werden, in dem es heißt "We can go where we want" und "we can dance, we can dance, everything out of control".

Weit entfernt davon. Dieser architektonische Unfall, bei dem völlig unklar bleibt, wofür die gewaltige Bausumme ausgegeben wurde, ist nicht für den Fußball, sondern für die Sicherheit errichtet worden. Eine Strategie, die schon am ersten Spieltag aufgeht: Die Reserve des Bundesligisten FC Energie Cottbus ist zu Gast, der sein Stadion vor sieben Jahren komplett umbaute und dabei nur neun Millionen mehr ausgab, als die Stadt Halle, das Land Sachsen-Anhalt und die Bundesregierung sich das auf ein Jahr angelegte Provisorium haben kosten lassen. Und die selbsternannten "Ultra"-Fans bleiben draußen vor der Tür, weil sie nicht eingesperrt werden wollen.

In der ausladenden Schüssel, malerisch gelegen im einstigen "Bildungszentrum" vor einem zerfallenden früheren Studentenwohnheim und neben einer aufgegebenen ehemaligen Eliteschule namens "Karl Marx", herrscht also zum Auftakt Grabesstille. Die Fans auf der Haupttribüne sitzen 40 Meter vom Spielfeldrand, die Anhänger auf den provisorischen Holztribünen thronen weit über dem geschehen, die Ultras haben sich außerhalb hinter dem Stadionzaun versammelt, der Gästekäfig ist mit einem Dutzend Cottbussern spärlich besetzt.

Auch die hallesche Mannschaft fremdelt mit der neuen Heimspielstätte. Der Spiefluss ist ein Bächlein, der Zufall führt Regie und als Thomas Neubert, der Westernhagen des deutschen Fussballs, in der 19. Minute von links nach innen flankt, schießt Pavel David ein Tor, das nicht in der brütend heißen Luft lag.

Dann ist es wie immer, seit Trainer Sven Köhler in Halle übernommen hat: Das Spiel ist gelaufen und es ist gewonnen, nur die restliche Spielzeit muss noch von der neuen Stadionuhr an der neuen Anzeigetafel.

Aber nichts leichter als das. Cottbus spielt gut mit, die einzige echte Torchance aber macht Christoph Klippel, eine Woche zuvor noch Matchwinner gegen Union, auf der Torlinie zunichte. Halle hat noch eine große Möglichkeit, als Pavel David einen Freistoß an den Pfosten zirkelt. Davon abgesehen aber verplätschert das Bächlein zum Rinnsal, das in der gleisenden Sonne über dem Vorstadt-Exil langsam austrocknet. Einer der Wachleute, die von einem Balkon des Studentenwohnheimes zuschauen, gähnt, der andere geht schließlich doch lieber Streife. Er verpasst nichts, alles bleibt, wie es ist. 1:0, der Klub am Klassenziel, erster Heimsieg im zweiten Auswärtsspiel. So kann es weitergehen, rein sportlich gesehen.

Entsetzlich unersetzlich

Für das Kulturmagazin SZ ist es "als ob das Leben selbst gestorben wäre", das Hamburger High-Tech-Blatt "Die Zeit" dagegen weiß noch gar nicht, wie es weitergehen soll: Christoph Schlingensief war schließlich "Der Unersetzliche".

Seit dem Unfalltod des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski, der nach Recherchen des Fernsehsenders n-tv die größte Tragödie aller Zeiten war, hat die Menschheit solche Schlagzeilen nicht mehr gesehen. Schlingensief war zuvor alles gewesen, Skandalnudel, Irrer, Berserker, Visionär - unersetzlich zu sein aber hatte ihm ausweislich der Google-Archive noch niemand vorgeworfen, nicht einmal "Die Zeit". Nun aber! Eine Welt ohne den umtriebigen Theatermacher, der nie einen Hit hatte, seinerzeit aber mit dem deutschen Beatle Klaus Beyer zusammenarbeitete, ist den Feuilletonisten schlicht nicht vorstellbar. Man ist "erschüttert bis ins Mark" (SZ), weil da jetzt keiner mehr ist, der wie er "den Boden aufriss, auf dem er stand" (Die Zeit).

Der "Rebell der Republik", der sein Leben lang Kunst vor allem für Künstler machte, wird amtlicherseits auch Bernd Neumann fehlen, obwohl bis zum Todestag des "Unersetzlichen" keinerlei Äußerungen des Kulturstaatsminister zum Thema Schlingensief überliefert sind. "Zu seinen Stilmitteln gehörte nicht selten die Provokation, mit der er ganz bewusst auch über den Kulturbereich hinaus Kontroversen auslösen und irritieren wollte", hat der CDU-Politiker das Schlingensiefsche Schaffen jetzt ml analysieren lassen. "Er wollte ein Aufklärer sein, ein Bußprediger und Mahner", hat auch der "Spiegel" herausgefunden, doch "die größte Wirkung hatte Christoph Schlingensief, wenn er mit genialem Blödsinn die Republik aufwühlte".

Am Ende bekommt der Konsensverweigerer, der der deutsche Wiedervereinigung im "Deutschen Kettensägenmassaker" als Schlachtfest schilderte und zuletzt in Afrika ein Festspielhaus bauen wollte, während in Deutschland die Kleinstadttheater schließen, von überallher Blumen nachgeworfen wie einstWalter Kempowski. Alles habe er gewollt, nur nicht den Tod, berichtet die ehemals ernsthafte FAZ völlig Überraschendes aus dem Leben des Künstlers, der nicht in den Himmel gewollte habe. "Jetzt ist er dort. Und stört. Und bringt Bewegung in den Himmel. Uns fehlt er jetzt schon." Der Unersetzliche.

Schutzzauber vom Zentralregister

Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar schaltet sich in die Debatte um den menschenverachtenden Straßenbilderdienst Street View ein. Wie zuvor schon der Bundesverbotsbeauftragte Herrfried Hegenzecht, fordert nun auch Schaar ein zentrales Widerspruchsregister gegen Veröffentlichungen persönlicher Daten im Internet. Diese "Blacklist" könnte beim Bundesblogampelamt im Örtchen Klein-Labenz in der strukturschwachen Region um das mecklenburgische Warin gespeichert und überwacht werden, schlug Schaar der staatlichen Sprachregelbehörde dpa vor, denn es könne nicht angehen, dass Widerspruchsrechte vom guten Willen der jeweiligen Unternehmen abhingen.

Außer seiner professionellen Sicht nicht akzeptabel sei es auch, dass Betroffene einzeln gegenüber allen Anbietern entsprechender Dienste einer Veröffentlichung widersprechen müssten. Hier sei schnelles und entschlossenes staatliches Eingreifen geboten: Ein im Zusammenspiel von Blogampelamt, Bundesverbotsbeauftragtem, Polizei, Justiz und den jeweiligen städtischen Ordnungsbehörden geführtes Widerspruchsregister würde nach den Plänen des Experten die persönlichen Daten aller Deutschen samt deren religiösen, sexuellen und eventuell noch vorhandenen weltanschaulichen Vorlieben enthalten.

Firmen, die menschenverachtende Werbeaussendungen planten, müssten dann vor Beginn einer Kampagne gemeinsam mit den Beamten der im Koalitionsvertrag vorgesehenen Stiftung Datenschutz als bürgerschaftlich engagierter Träger der Bundes-Blacklist (BBL) gegenchecken, wer dem Erhalt welcher Art von Reklame zugestimmt habe, schlug Schaar vor. Er gehe davon aus, dass durch ein zentrales Widerspruchsregister beim Blogampelamt sichergestellt werden kann, "dass ein einziger Widerspruch die Betroffenen gegen die Veröffentlichung ihrer personenbezogenen Daten im Internet schützt".

Der Datenschutzbeauftragte forderte von der Regierung zudem ein ausdrückliches Verbot der Bildung von Persönlichkeitsprofilen. Ein solches Verbot könnte etwa dazu beitragen, dass Daten über Mieter oder Eigentümer von veröffentlichten Gebäuden nicht mit anderen persönlichen Informationen zusammengeführt und ausgewertet werden können, erklärte er. Das damit automatisch verbundene Ausübungsverbot für Berufe wie Privatdetektiv, Journalist und Gerichtsvollzieher müsse ebenso in Kauf genommen werden wie die dann notwendige Auflösung der Schufa, der Finanzämter und der Verkehrssünderdatei in Flensburg, die derzeit noch GPS-Positionen, Bewegungsdaten, Namen, Wohnorte und Fotos miteinander zu Strafbescheiden verbindet.

"Die Verknüpfung personenbezogener Daten sollte nur zulässig sein, wenn die Betroffenen damit einverstanden sind", empfahl Schaar. Danach könnten Menschen künftig selbst darüber bestimmen, ob Behörden, Nachbarn und Kollegen außer ihrem jeweiligen Namen etwaige intime Geheimnisse wie die Wohnadresse, Hobbys, den Geburtstag, den Familienstand oder die Haarfarbe wissen dürften. Liege ein Widerspruch gegen ein ohne Einverständnis zustandegekommenes illegales Profil vor, übernehme der Bundesverbotsbeauftragte den Fall mit dem Ziel, "irreguläres Fremdwissen" durch "geeignete Maßnahmen" (BBVB-Chef Herrfried Hegenzecht) zu löschen. Legal erstellte Profile hingegen könnten sicher über die staatlich garantierte De-Mail zum Gegenlesen und zur Korrektur an die jeweiligen Betroffenen und das Bundeskriminalamt geschickt und von dort dann digital gegengezeichnet zurückgesandt werden. Dazu sei dank der sicheren Verschlüsselung der Technologie sogar nur eine einzige De-Mail notwendig.

Zwillinge, bei der Geburt getrennt

Eben noch wurde die im Dorf Ga-Masehlong in der Nähe von Pietersburg (Kenner wissen: das heutige Polokwane) geborene Caster Semenya in einen unappetitlichen Streit hineingezogen, in dem es darum ging, ob der oder die Caster die 800 Meter der Frauen bei der letzten Leichtathletik-WM gewonnen hat. Und schon schallt es "Who cares" durch die Welt des Sports, weil Caster eigentlich Didier Drogba ist und Tore für die "ivorische" (dpa) Nationalmannschaft schießt. Da werden nur hin und wieder ein paar Stoppeln ins Gesicht geklebt: Und schon geht die internationale Doppel-Karriere ihren Gang. Ob Caster-Drogba "mit aktuell 44 Toren in 68 Spielen Rekordtorschütze" der Nationalmannschaft der Elfenbeinküste ist oder 2009 in Berlin "in persönlicher Bestzeit von 1:55,45 min die Kenianerin Janeth Jepkosgei Busienei und die Britin Jennifer Meadows auf den folgenden Plätzen um über zwei Sekunden distanzierte", ist nicht nur unklar, sondern vollkommen unerheblich. Hauptsache, die Haare liegen ...

Samstag, 21. August 2010

Steuermillionen gegen Kachel-Kunst

Stolz und schön lockte sie über Jahre zahllose Touristen in eine der von Halle-Besuchern zuvor kaum beachtete Ecke der Innenstadt, ein lebendiges Beispiel dafür, wie Volkskunst zur materiellen Gewalt wächst, wenn sie die Massen ergreift. Direkt neben der von Kachelliebhabern aus aller Welt kultisch verehrten Winkel-Fliese in der Adam-Kuckhoff-Straße etablierte sich ein auf Fliesenfreunde spezialisierten Imbiss. Gegenüber machte ein Internet-Café gute Geschäfte damit, den Touristen die Möglichkeit zu geben, direkt aus der deutschen Kachelhauptstadt Kontakt zu den Lieben daheim aufzunehmen.

Doch statt mit dem Pfund zu wuchern, dass das bis heute anonym gebliebene Kachelkünstler-Kollektiv "Yeah!" seiner Heimatstadt verehrt hat, verschärfte die überforderte Stadtverwaltung ihre Anti-Kachel-Strategie in den letzten Monaten , ohne auf Schäden an der wertvollen Kultursubstanz oder gar Kosten Rücksicht zu nehmen. Jetzt hat es auch den Besuchermagneten in der Kuckhoff-Straße getroffen: Nach einem ersten Vandalen-Vorstoß, bei dem Unbekannte die ursprünglich als seltene Doppelklebung angelegte Komposition zur Hälfte zerstörten (Klebespuren im Bild oben links neben der erhalten gebliebenen Kachel), folgte eine Verschärfung des Vernichtungsfeldzuges. Jetzt ließen die Behörden Bagger anrücken, um nicht nur die verbliebene Fliese zu zerstören, sondern gleich die ganze Haltemauer zurückzubauen.

Der Gipfel der Zerstörungswut auf Steuerzahlerkosten aber war damit noch lange nicht erreicht. Weil sich immer wieder trauernde Kacheleologen an der Stätte der Schande versammelten und durch schweigendes Passieren der früheren Klebestelle still gegen
das bilderstürmerische Vorgehen der städtischen Verantwortlichen protestierten, hat das Rathaus die Anti-Kachel-Gangart in Zusammenarbeit mit den städtischen Behörden noch einmal verschärft. Mit einem Kostenaufwand von 23 Millionen Steuer-Groschen lässt das Verwaltung ihre chronisch finanzschwache Kultur GmbH die frühere Pilgerstätte der Kachelgemeinde mit einer angeblich seit mehr als hundert Jahren dringend
benötigten Theaterwerkstatt überbauen.

Dass der Bau nach all den Jahren nun doch noch realisiert werde, "grenzt an ein Wunder", sagte Rolf Stiska, Chef der Kultur GmbH und einer der führenden Fliesen-Feinde in der Saalestadt, die sich durch das ehrgeizige Projekt einer privaten Neuverfliesung der gesamten Innenstadt eigentlich Hoffnungen gemacht hatte, als erste komplett verkachelte Stadt der Welt Aufnahme in die Liste des Unesco-Welterbes zu finden. Eine Perspektive, die die etablierte Kunstszene der selbsternannten Kulturhauptstadt offensichtlich in Angst und Schrecken versetzt. Während andere Großstädte wie New York ihren Fliesenkünstlern alle Freiheiten geben, zum Wohle des Gemeinwesens zu kleben, nutzten Stiska und Co. die Verhaftung des häufig mit den halleschen Kachelmännern verwechselten Wetteransagers Jörg Kachelmann, um Stimmung gegen die fleißigen Fliesenleger zu machen.

Ein Vorgehen, mit dem sich die wahren Kachelfreunde überall auf der Erde nicht abfinden werden. Da alle Gespräche mit den Stadtratsfraktionen, an die appelliert worden war, sich schützend vor das Fliesen-Projekt zu stellen, ergebnislos geblieben seien, gehe es jetzt darum, die Erinnerung an erfolgte Kachelklebungen wenigstens im einzig originalen großen Kachelverzeichnis zu bewahren, dass von PPQ und dem Internet-Riesen Google gemeinsam gepflegt wird. "Wir wollen der Welt zeigen", hieß es dazu im Vorstand der Freunde der Fliese e.V., "dass es ein anderes Halle gibt als das der Kunstvernichter und Kachelkiller".

Eigene Funde können wie stets direkt an politplatschquatsch@gmail.com geleitet werden, jeder Fund wird von uns auf Wunsch mit einem mundnachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert.

Hassattacke in HD, besungen von REM:

Freitag, 20. August 2010

Wer hat es gesagt?

In einer gesunden kapitalistischen Welt ist Rebellion auch nur eine Ware.

Intimes endlich öffentlich

Das knackige Girl im knallengen Dress springt mit den anderen Mädels wild durcheinander. Fast kippt die rustikale Anrichte unter dem Ansturm von kaum verhüllter Jugendlichkeit, da wirft Ilse Aigner graziös den Arm nach oben. Das Blitzlicht knallt auf die Szene, fertig, im Kasten: Die derzeit amtierende Verbraucherschutzministerin hat ein beispielhaft intimes Bild für ihre Internet-Homepage machen lassen. Die kleine Ilse im heimischen Wohnzimmerim beschaulichen Feldkirchen-Westerham, damals noch ohne Falsch und Arg und Furcht vor den Fährnissen der großen, weiten und vor allem digitalen Welt.

Einen Schritt weiter geht ihre Kabinettskollegin Ursula von der Leyen. Wie Ilse Aigner lehnt es die Arbeitsministerin ab, ihr Haus in Burgdorf-Beinhorn in der Nähe von Hannover vom Internet-Riesen Google für dessen Street View-Dienst freigeben zu lassen. Die Fassade des alten Bauernhofes Am Brink 2, auf dem auch die Albrecht Beteiligungsgsellschaft von von der Leyens Vater Ernst Albrecht ihren Sitz hat, müsse gepixelt werden, denn ihr Anblick sei privat.

Privater jedenfalls als die Rückansicht, der Familiengarten (Bild oben): Im Garten hat sich Ursula von der Leyen gemeinsam mit vieren ihrer Kinder für einen Schnappschuss hingehockt, der die Sorge der ehemaligen Familienministerin um die deutsche Familie illustrieren sollte. Im Gegensatz zur Fassade sind die lieben kleinen von der Leyens nicht gepixelt, auch der Gesichtsausdruck von Mutter Ursula lässt nicht auf Sorge oder Angst vor heimtückischen digitalen Nachstellungen durch Identitätsdiebe und virtuelle Fassadenkletterer. Die können spielend leicht zum Anwesen derer von von der Leyen finden: In Panoramio gibt es prima Fotos vom Weg, vernetzt mit Google Maps, auch die Gemeindeverwaltung von Burgdorf-Beinhorn gibt einige Einblicke in die von einem dichten Blätterdach geschützten Alleenwege.

Einen "Dammbruch", würde das Ilse Aigner nennen, wenn sie davon wüsste. "Würden Namen, Adressen, Fotos, persönliche Vorlieben oder Bewegungsprofile miteinander verbunden", warnte die Erfinderin der deutschen Street-View-Furcht den im Verbinden von Informationen aller Art äußerst erfahrenen "Spiegel", dann "müssen wir das verhindern". Aus einem Street-View-Kurzbesuch in Bern und Zürich wisse sie, "die Gesichter der meisten Passanten sind gepixelt, aber man konnte sie oft trotzdem erkennen". Genau wie sie selbst auf einem Foto, dass sie schon vor Jahren beim Abmontieren von Ostantennen auf dem Dach einer bayrischen Brotzeit-Hütte zeigt - in knappem Rock und mit breitem Gürtel, präsentiert von der eigenen Homepage der Ministerin.

Street View aber ist schlimmer. "Man kann den Leuten in die Vorgärten schauen", empört sich die CSU-Ministerin, der noch nicht aufgefallen ist, dass Bings Birds View seit Jahren sogar die Hinterhöfe zeigt. Aigner ist da eigen: "Es gibt Unterschiede zwischen einem öffentlichen Gebäude wie meinem Ministerium oder einem Wohngebiet, wo man das Kinderspielzeug im Garten erkennen oder durchs Wohnzimmerfenster fotografieren kann", sagt sie wirr. Schließlich gebe es "in den Entwicklungsabteilungen von IT-Firmen längst eine Foto-Software für Handys, mit deren Hilfe Gesichter auf der Straße binnen Sekunden mit einem Namen, einer Adresse und dem dazugehörigen Bild, einem Geburtsdatum, vielleicht den in sozialen Netzwerken hinterlegten persönlichen Vorlieben oder einem GPS-Bewegungsprofil verbunden werden können".

Was das mit den Fassadenfotos von Street View zu tun hat, bleibt im Dunkeln, aber man kann es ja mal gesagt haben. "Ein Klick genügt, und ich hätte das komplette Persönlichkeitsprofil eines Passanten." Früher hätte man den noch ansprechen und mühsam auf einen Kaffee einladen müssen, heute aber wisse man dann nicht nur, dass die dickliche junge Frau, die eben vorlief, vermutlich Mitte 20 sei und eine Vorliebe für Pink und Hellgrün habe. Sondern auch gleich noch, wann sie Geburtstag feiere, wo sie wohne und weitere Details, die einen überhaupt nicht interessieren.

Donnerstag, 19. August 2010

Datenschutz aus der Rathaus-Cam

Eine Stadt steht auf, um dem menschenverachtenden Menschenzoo-Projekt Google Street View den Garaus zu machen. Angeführt von Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados verweigert sich die mitteldeutsche Metropole Halle der Abbildung ihrer großflächigen Ruinenlandschaften als "3D-Film" (Ilse Aigner) im Internet. Szabados, Inhaberin eine iPhone mit Standort-Ortung, läßt derzeit vom städtischen Rechtsamt die Möglichkeit prüfen, städtische Gebäude für die Darstellung in Street View sperren zu lassen. Die SPD-Politikerin, die zuletzt versucht hatte, die Stadtlandschaft mit Flächenabrissen von Barockdenkmälern so umzugestalten, dass Street View nach Scharfschaltung eine völlig andere als die real existierende Stadt zeigt, möchte nach dem neuen Plan ausschließlich Sehenswürdigkeiten wie Händelhaus, Stadtmuseum oder Roten Turm im Internet dargestellt sehen.

Städtische Verwaltungsgebäude, Schulen, Kindergärten oder Kraftwerke hingegen dürfte das kalifornische Datenschutz-Unternehmen nicht zeigen, weil sie habe Probleme damit habe, "dass im Internet jedermann die genauen Begebenheiten und Zugänge ausspionieren kann", sagte sie dem Halleforum. Diesen Service dürfe nur die Verwaltung selbst anbieten. Deshalb habe sie veranlasst, dass eine Webcam ab sofort zur Ablenkung Live-Bilder vom zentralen Marktplatz ins Netz sendet. Von jedem Ort auf der Welt ist über die städtischen Internetseite zu sehen, wer wann bei Subway frühstückt, bei Gurken-Gerlinde ein Töpfchen Sauergurken holt und wie pünktlich die städtischen Straßenbahnen verkehren. Selbst gelegentliche nächtliche Schlägereien, die bisher live nur ins Polizeihauptquartier übertragen wurden, zeigt der neue Datenschutz-Service zur Erstellung umfangreicher Bewegungsprofile aller Marktplatzbesucher ungeschminkt und in Echtzeit. Datenschutzbedenken gibt es nicht. Um den Standort der aufnehmenden Kamera geheim zu halten, soll bei Street View auf jeden Fall auch das Rathaus gepixelt werden.

Aufstand mit Edelpils

Es gibt sie nur hier, an der Straße der Gewalt, in der Nähe von Hallunken, Halloren und Hallodris. Am Ufer der Saale, unweit der gemessen an der erbarmungswürdigen Kaufkraft der Einheimischen größten Einkaufszonen der Welt, entdeckten Völkerkundler aus der Stadtverwaltung Halle jetzt eine neue Spezies, die sich von Flaschenbier und Billigfusel ernährt. Die im Gedenken an die kurz vor Abbruch des Sozialismus von Erich Honecker selbst ins Leben gerufene Freidenker-Bewegung "Freitrinker" genannte neue Art vergnügt sich in aller Öffentlichkeit mit dem Trinken von Alkoholika und dem nachfolgenden plakativen Ausscheiden der Verdauungsrückstände.

Auf ihren Touren von Trinkort zu Trinkort fallen die zum Teil von possierlichen Hunden begleiteten Anhänger der Freitrinker-Bewegung niemandem zur Last, sind den Stadtvätern aber gerade dadurch ein Dorn im Auge, weil immer mehr ganz normale Menschen freiwillig mitmachen. 1994 seien etwa im Stadtteil Silberhöhe rund 50 Freitrinker gezählt worden, berichteten Szenebeobachter dem Stadtmagazin HalleForum.de. Bis heute habe sich die Beteiligung vervierfacht, weiterhin tränken etwa 1000 der 13.000 Einwohner heimlich daheim - ein beängstigendes Potential für weiteren Zuwachs an den bekannten Saufplätzen der Bewegung. Insgesamt, so ergab eine Studie der Stadt, träfen sich derzeit an 40 Stellen im Stadtgebiet Grüppchen, "um teilweise Unmengen an Alkohol zu trinken" (Halleforum). Vielerorts würden die Trinker generationsübergreifend stehen - vom Enkel bis zur Großmutter. “Viele Eltern nehmen auch ihre Kinder mit hin, eine Form der Aufsichtspflicht”, lobt die städtische Drogenbeauftragte.

Die lebt nach Erkenntnissen der Experten vor allem davon, dass "sich viele der Betroffenen keinen Kneipenbesuch leisten können und sich deshalb ihr Bier im Supermarkt holen und davor trinken". Unter ihnen seien auch immer öfter jüngere Nachwuchssäufer, die "dieses Verhalten so von den Erwachsenen übernommen" haben, weil sie "ihre Eltern nie arbeiten sehen" hätten. Als politische Bewegung und Initiative zur Volksgesundheit ständen die Freitrinker, die als eine Art deutsche Antwort auf die amerikanische Tea-Party-Bewegung angetreten sind, Verkrustungen in der Politik aufzuweichen und alle zum Mitmachen einzuladen, aber offenbar dennoch noch ganz am Anfang.

Gespräche an den bekannten Trinker-Treffpunkten kreisten meist um ganz alltägliche Dinge, berichten Aktivisten. Häufig gehe es um Geldfragen, um die weiteren Beratungen zu finanzieren, manchmal würden auch gesellschaftliche Missstände angeprangert oder das Gespräch mit Vertretern der Staatsmacht gesucht, jedoch häufig ohne generellen Plan zur Umgestaltung der Gesellschaft. Vielen Freitrinkern reiche es derzeit noch, das schöne Sommerwetter bei einer Flaschen Gräfenwalder Edelpils zu genießen und dabei ganz global vom Elend der Welt zu schwärmen, sagen Kenner der Stimmung am Oberen Boulevard, einer Lumpenmeile, die derzeit nur durch einen bei Rechten beliebten Pulloverladen und die herumlungernden Trinker auf gewertet wird.

Troztdem kümmert sich die tief im Volk verwurzelte Linkspartei bereits um die Frage, wohin die Freitrinker ausweichen könnten, wenn das Wetter schlechter wird. "Welche Alternativen wurden angeboten, z. B. von der Stadt, den Wohnungsgesellschaften?", fragte Linken-Fraktionschef Bodo Meerheim kategorisch an, im Hinterkopf wohl schon das bemerkenswerte Beispiel des Berliner Modells "Mehr Ghetto vom Netto". In dem hatte der Senat erst kürzlich beschlossen, seinen Freitrinkern einen eigenen Saufplatz am U-Bahnhof Kottbusser Tor einzurichten. Eine Lösung für Halle könnte auch das Projekt “Sofa” sein, in dem Kiel seinen Trinkern einen Raum zur Verfügung stellte, in dem sie ihrem auch für Absatzzahlen der Industrie und Umsatzzahlen im Handel wichtigen Hobby nachgehen können.

Mittwoch, 18. August 2010

Street View: Minenfeld in Bielefeld

Länger als ein Jahrzehnt ist der Informatiker Achim Held verlacht und verleumdet worden, seit er am 16. Mai 1994 in der Newsgroup de.talk.bizarre aufdeckte, dass die angebliche Stadt Bielefeld eine erschütternde, die Weltgeschichte auf bizarre Weise verformende Erfindung ist, die es nie wirklich gegeben hat. Vielmehr sei die medial geschickt inszenierte Darstellung der virtuellen Stadt, so wies Held nach, Produkt der Tätigkeit einer hochrangigen Verschwörergruppe von CIA, Mossad und verschiedenfarbigen Außerirdischen, die es darauf angelegt haben, den Bürgerinnen und Bürgern einzureden, dass es Bielefeld gibt. Es handelt sich dabei offenbar um eine Art Musterverfahren, mit dem geheimnisvollen Auftraggebern klargemacht werden soll, wie weit die Macht der Manipulation in der Lage ist, nicht nur immer wärmere Sommer, größere Loveparaden und höhere Einschaltquoten zu imaginieren, sondern auch ganze Faktenlagen ohne Grundlage neu zu erzeugen.

Ein Unternehmen, das vom konkurrierenden Projekt Google Street View in seinen Grundlagen bedroht wird. Im wirklichen Leben kennt natürlich kein Mensch auf der gesamten Welt jemanden, der aus Bielefeld stammt, so dass die Legende jederzeit geschützt bleibt. Doch auf dem virtuellen Globus des Internetriesen sieht das anders aus: Mit ein paar Klicks wäre es nach Scharfschaltung der Funktion Street View jedermann möglich, am Ort des angeblichen Bielefeld nachzuschauen, wie die vermeintliche Stadt wirklich aussieht.

Das wollen die mächtigen Kreise hinter der nun schon anderthalb Jahrzehnte aufrechterhaltenen Schimäre von der "blühenden Stadt in Westfalen" offenbar nicht riskieren. Stattdessen lancierten sie bereits im Februar ein Schreiben der angeblichen Bielefelder Stadtverwaltung, die natürlich in Wirklichkeit nie existiert hat, an den Suchmaschinenkonzern Google. Inhalt: Der ultimative Hinweis, dass Aufnahmen der Stadt Bielefeld für den Dienst Google Street View "generell nicht erwünscht" seien. Man wünsche konkret keine Speicherung und Veröffentlichung der von „Google Street View” im Stadtgebiet Bielefeld erfassten Daten im Internet, teilte die Verwaltung im Auftrag eines offensichtlich von den Verschwörerkreisen flugs erfundenen "Rates der Stadt Bielefeld" mit. Auch gegen "die Veröffentlichung von Fotos kommunaler Gebäude und der Fahrzeuge der Stadt Bielefeld wurde Widerspruch eingelegt", hieß es. Bielefeld solle geheim bleiben, das sei auch im Sinne der rund 320.000 erfundenen Bürgerinnen und Bürger, die derzeit nach Angaben der in die Legende involvierten Statistischen Ämter in der ausgedachten Stadt leben.

Google hat den Protestbrief der Verschwörer, die die Aufdeckung der Wahrheit über "Bielefeld" panisch fürchten, bislang ebenso ignoriert wie den verbalen Widerstand breitester Randgruppen. Noch in diesem Jahr, heißt es trotzig aus der Firmenzentrale, werde auch Bielefeld per Street View im Netz zu sehen sein. Achim Held ist schon ganz gespannt.

Eliza aus Dubai aus Schweden aus Südkorea

Hallo mein lieber Freund.

Mein Name ist Eliza Orvind. Ich komme aus Dubai, Vereinigte Arabische Emirate.
Zunachst einmal mochte ich sagen, wenn ich Ihre Mail-Adresse hat. Nun bin ich auf meinem Weg zu einem guten Mann fur mich zu finden, meinen zukunftigen Ehemann. Um ehrlich zu sein kann ich nicht finden Suchman hier in Dubai, weil es fast alle Muslime sind und sie haben eine andere Definition von Familie und Frau.

Ich habe nichts dagegen, aber es ist nicht meine Art, wenn sie viele Frauen zu haben.
Also beschloss ich, hier verwenden Sie eine internationale Tagung Agentur und sie bieten mir dein Profil, das Ich mag sehr viel, und beschlossen, Ihnen zu schreiben. Sie nahmen alle sichtbar, wie ich aus verschiedenen Internet-Sitzung zu verstehen angesiedelt, wo sie ihren Managern.

Und von einem solchen Seiten Ihres Profils abgenommen wurde. Ursprunglich bin ich in Schweden, als ich 4 Jahre alt war, zog ich hier in Dubai mit meinen Eltern.
Jetzt arbeiten sie hier, und ich arbeite auch hier.

Ich bin 28 Jahre alt. Also meine Eltern und ich verstehe, da? ich ein guter Ehemann bereits zu finden, um glucklich zu leben und Familie:) newphes machen:) Aber wie ich schon sagte, gibt es viele Muslime hier und ich kann nicht finden, guter Mann fur mich.
Also, wenn ich nicht storen, und Sie sind an mir interessiert.

By the way Ich bin sehr nettes Madchen, 172 cm, 55 kg Gewicht. Ich kann nicht herausfinden, wie ich mein Foto hier anhangen, also werde ich es Ihnen schicken, wenn du mich wieder zu beantworten, mit meinem Email-Programm zu Hause.

Bitte schreiben Sie mir wieder hier, dies ist mein Werk Mail-Adresse taburet11@yahoo.com , also werde ich es bald wieder zu uberprufen. Wir empfehlen zur Kontaktaufnahme die originale Mailadresse: sjlee@coit.co.kr.

Wofür wir gerne werben (O.m.U.)

Wetter aus dem Wörterbuch

Und ist der Plan auch gut gelungen, verträgt er doch noch Änderungen, wusste schon Großvater, der als Beschaffer von Linseneintopfgranulat jahrelang für die Sicherstellung der materiell-technischen Basis der weltweit führenden DDR-Modellbahnindustrie sorgte. Seinerzeit galten Wettervorhersagen noch als Gesetz, die Natur orientierte sich an den Vorgaben aus Berlin-Adlerhof, es herrschte Wetter und das Wort Klima bezeichnete etwa die Trockenheit der Wüsten oder die Kälte Sibiriens.

Dann aber erfand der Deutsche Wetterdienst den Begriff "Starkregen", um auch aus völlig normalen Landregenfällen ein medientaugliches Klimaereignis zu destillieren. Der Begriff machte schleunigst Karriere: Vor 1997 im normalen Sprachgebrauch unauffindbar (siehe Google Timeline), geht in diesem Jahr keine Sommeroche vorüber, ohne das Experten vor "Starkregenereignissen" (DWD) mitten in Deutschland warnen, auf dass die Menschen Hüte tragen und die Geranien hereinholen können.

"Wie oft wir Meteorologen in diesen Tagen gefragt werden, ob es das jetzt gewesen sei mit dem Sommer, das kann man gar nicht zählen", klagen die Erfinder des Wetters aus dem Wörterbuch unterdessen selbst. Immer wieder müsse man dann antworten, dass der normale mitteleuropäische Sommer "ein Gemischtwarenladen" sei, zu dem "Phasen mit heißen Abschnitten" ebenso gehören wie "kühleres, wechselhaftes Wetter".

Viele Menschen draußen in den Starkregenfluten wissen das schon nicht mehr - eine Folge der Vorhersage, dass die Sommer etwa für Mitteldeutschland immer trockener und heißer werden würden. Brandenburg verdörrt, Sachsen verdampft, Starkregen spült Mecklenburg in die Ostsee. Nichts hält sich an den langjährigen Durchschnitt, der früher aus vielen "warm" und "kalt" zustande kam und dadurch immer genau in der Mitte lag.

Heute ist die Mitte das Maß, an dem alles gemessen wird. Und alles abseits der Mitte ist "zu warm" oder aber "zu kalt" und also kein ganz gewöhnlicher Vorgang mehr, sondern ein Ereignis wie die Labelung heftiger Regenfälle als "Starkregen". Mit Regen allein machen sie dich ein, heißt es in der Haushymne des Wetterdienstes, die Jungvorhersagen in der ersten Zwischenprüfung zur Melodie von "Schöne Maid hast Du heut´für mich Zeit" vortragen müssen. Deren Ende lautet übrigens: "Mit Starkregen dagegen bist du schlau / gleich wieder in der Tagesschau".

Dienstag, 17. August 2010

Über jedes Bacherl geht a Steinbrückerl

Er war Arbeiterführer und er führte die deutschen Truppen in eine siegreiche Schlacht gegen die Schweiz, er scheiterte als Ministerpräsident, hinterließ aber eine mit Zertifikaten und Verbriefungen bis obenhin ausgestattete Landesbank, er meisterte die größte Krise seit der Karoknappheit anno 1985 in der DDR, indem er sie für eine rein amerikanische hielt und nach seinem Ausscheiden schrieb er ein Buch, dass er "Unterm Strich" nannte, als könne er wirklich rechnen.

Dabei weiß der ehemalige Finanzminister und jetzige Bundestagsabgeordnete Peer Steinbrück nur ganz genau, was zählt. Nämlich was unten rauskommt: Seit der Bundestagswahl am 27. September vergangenen Jahres, bei sich der früher führende Sozialdemokrat noch einmal auf ein Hinterbänkchen setzen ließ, hat sich Peer Steinbrück mehrere hunderttausend Euro an Nebeneinkünften zusammengeredet, hat das Internetportal abgeordnetenwatch.de addiert. Gern habe Steinbrück auch bei Bundestagssitzungen gefehlt, um Tag Privat-Vorträge zu halten.

Der frühere Jäger aller Steuerhinterzieher ist dabei recht günstig zu haben. Gegenüber dem Bundestagspräsidenten hat der Ex-Minister seit der Bundestagswahl im September 2009 insgesamt 28 Vorträge angegeben, für die er mindestens je 7.000 Euro erhielt. Zu diesen Mindesteinkünften von zusammen 199.500 Euro aus den Vortragshonoraren rechnet abgeordnetenwatch Einnahmen aus einer Aufsichtsratstätigkeit bei der ThyssenKrupp, die zwischen 130.000 bis 230.000 Euro einbringe, und rund 90.000 Euro aus den Abgeordnetendiäten, die Steinbrück zustehen, weil er seit der Bundestagswahl trotz seiner vielen anderen Verpflichtungen an immerhin sieben von 19 wichtigen Parlamentsabstimmungen teilgenommen hat.

Während die Betreiber von abgeordnetenwatch.de beklagen, dass Steinbrück bislang noch keine der 15 an ihn gestellten Fragen seiner Wähler beantwortet habe, sondern lieber "zahlreichen Nebentätigkeiten" nachgehe, fragen sich andere Experten, warum andere Abgeordnete nicht ein ebensolches Penson wie Steinbrück bewältigen können. Immerhin schaffe es der 63-Jährige, zwischen seinen Auftritten bei Vorträgen, dem Verfassen eines Grundsatzromans über das Wesen des Finanzministerseins und den Belästigungen durch ihm persönlich meist gar nicht bekannte Wählerinnen und Wähler seit Jahren zuverlässig, seine Termine als Darsteller des Kriminalkommissars "Martin Beck" in den fabelhaften Verfilmungen der legendären Bücher des sozialdemokratischen Autorenpaars Maj Sjöwall und Per Wahlöö pünktlich einzuhalten. Steinbrück startete in der schwedischen Serie unter dem Künstlernamen "Peter Haber" (als Erster Kriminalassistent, inzwischen ist er zum Chef der landesweiten schwedischen Riksmordkommission aufgestiegen.

Während Abgeordnetenwatch.de-Mitgründer Gregor Hackmack meckert nun, dass es nicht sein dürfe, "dass ein Abgeordneter bei Bundestagssitzungen und wichtigen Abstimmungen fehlt, gleichzeitig aber einer Vielzahl hoch bezahlter Nebentätigkeiten nachgeht und dafür seine volle Diät kassiert". Derweil aber liefert der vielbeschäftigte Peer Steinbrück als "Martin Beck" vielen Menschen unbeeirrt hochklassige Krimi-Unterhaltung. Zudem, heißt es in SPD-Kreisen, richte der gescheiterte Finanzminister mit jedem Tag, den er nicht als Abgeordneter tätig werde, weniger Schaden an. Mit ausdrücklicher Genehmigung des Abgeordnetengesetzes des Deutschen Bundestags übrigens. Denn das verlangt von seinen Mitgliedern, dass die Ausübung des Mandats "im Mittelpunkt" ihrer Tätigkeit stehen muss. Drumherum ist da jede Menge Platz.

Der Himmel über Halle XXXII

Der Intercity von Berlin in Richtung Jena rauscht wieder einmal an Halle vorbei. Längst hat die Bahn die Saalestadt auf dieser Strecke ausradiert, sie ist ihr keinen Halt mehr wert. Obwohl Halle den vorbeifahrenden Bahngästen immer wieder ein (be)rauschendes Himmelsfest anbietet. Die Farben wie gemalt, zeigt sich der Himmel über Halle zwischen Flut und Dürre, zwischen Blitz und Donner oder eben zwischen Klima und Katastrophe.

Verbot der Woche: Schweden wird verbeten

Das umstrittene Spionageprogramm "Google Street View" bringt es an den Tag: Auf einem Kletterfelsen in der Nähe der schwedischen Hauptstadt Stockholm befinden sich offenbar seit Jahren unbeanstandet Routen mit Bezeichnungen wie "Himmler", "Kristallnacht", "Zyklon B" oder "Drittes Reich". Nicht einmal der Bundesregierung als offiziellem Rechtsnachfolger der Regeierung des Dritten Reiches war dieser Missbrauch bekannt, den jetzt ein Bericht der Tageszeitung "Dagens Nyheter" aufgedeckt hat. Danach sind die Routen in einem offiziellen Kletterführer für die Region Stockholm vermerkt - in einem perfektenSozialstsstaat wie Schweden kaum denkbar ohne Zustimmung der Regierung.

In Berlin ist die Empörung groß. Auch Enttäuschung sei in vielen Gesicherten zu sehen gewesen, sagte der neue und überaus sympathische Regierungssprecher Steffen Seibert. Man habe Schweden, auch wenn es sich häufig selbst"Reich" nennen und sich immer geweigert habe, seine Staatsbürger zur gerechten Aburteilung ungeheuerer Verbrechen nach Deutschland auszuliefern, für ein Partnerland gehalten, in dem deutsche Gesetze gelten. Wenn dort jetzt aber Kletterer Sätze wie "Ich mach jetzt die Kristallnacht" sagten, sei das eine "Banalisierung" der Judenvernichtung und untergrabe den Respekt für die Opfer des Holocaust, legte die Historikerin und Hobbykletterin Cordelia Hess fest, die den Fall hellwach ins Rollen gebracht hatte.

Offizielle Vertreter des offiziellen schwedischen Kletterverbandes und auch der Herausgeber des neofaschistischen Kletterführers nahmen die Bezeichnungen trotz der deutschen Proteste in Schutz. Kletterer auf dem 20 km nordwestlich von Stockholm gelegenen Gaseborg-Felsen hätten nun einmal vor Jahren begonnen, diese Bezeichnungen zu benutzen, das lasse sich heute nicht mehr ändern, weil sie sich eingebürgert hätten. Der Herausgeber des Kletterbuches musste bei Verhören durch deutsche Diplomaten allerdings zugeben, im Jahr 2001selbst eine Kletterroute "Ein kleiner Hitler" getauft zu haben. Sein Versuch, sich damit zu entschuldigen, dass er diese Route "besonders schwierig und unangenehm zu bewältigen" gefunden habe, traf in Berlin nicht auf offene Ohren. Adolf Hitler sei als Moderator verschiedener Fernsehsendungen in ARD, ZDF und Phoenix exklusiv im deutschen Staatsfernsehen angestellt, wenn man von kleinen Nebenjobs bei Spartensendern wie n-tv absehe, eine Beschäftigung als Namenspate im Ausland sei mit den Intendanten nicht abgesprochen, auch hätten die ihre Zustimmung nicht erteilt.

Schweden müsse nun umgehend reagieren, sonst riskiere es wie im Winter vergangenen Jahres, als das Land wegen eines Überfalls rechter Skandinavier auf friedliebende deutsche Gewerkschaftsdemonstranten kurz vor dem Verbot stand, ernste Schritte des stellvertretenden Exportweltmeisters. Man werde sich Schweden verbeten, verlautbarte aus regierungsnahen Kreisen. Das selbsternannte "Rik", hieß es in Berlin, müsse damit rechnen, bei weiterem Missbrauch der Namen von Himmler, Hitler und Holocaust bis auf weiteres durch die Bundesregierung untersagt zu werden.

Das wäre kein Einzelfall: Femegericht

Sexynazimaus

Saufen in Bayern

Virtuelle Radiergummis

Bienenburka

Nackt im Kind

Sonnenschein

Sonntag, 15. August 2010

Verlorene Sieger: Geiselhaft bei der Fußball-RAF

Es ist immer das alte Lied, immer dieselbe Melodie, immer wieder sonntags. Großkampftag für die Polizeifliegerstaffel, alles, was Räder hat, rollt, es ist Herbst 1989 in Leipzig, Ausnahmezustand wie damals, als die Montagsmarschierer ihren Staat abschafften. Dabei ist nur die erste DFB-Pokalrunde zu Gast in der Messestadt, in die der Hallesche FC mit seinen Heimspielen ausweichen muss, weil Sachsen-Anhalts Kulturhauptstadt kein Stadion mehr hat. Sachsen ist gewappnet. Alles ist abgesperrt, umgeleitet, auf Zuschauervermeidung konzentriert. Es gab keinen Vorverkauf und es gibt keine Tageskassen, dafür aber Polizeifahrzeuge und Postenketten wie beim Trachtentreffen der Uniformfetischisten. Eine Kette Wasserwerfer ist vor dem Stadionportal aufgefahren, als sei die nächste Revolution im Bauernkalender auf diesen Sommersonntag ohne Sommersonne terminiert.

9000 haben sich dennoch durchgekämpft in das alte Zentralstadion, das zu Ehren eines österreichischen Self-Made-Millionärs neuerdings Red-Bull-Arena genannt werden soll. Die Quoten stehen vor dem Anpfiff fünf zu eins gegen den Viertligisten, der noch nie eine zweite Pokalrunde erreicht hat. Doch gewinnen muss auch Union auf dem Platz - und schon nach in der ersten Viertelstunde, die beide Fanblocks nutzen, um schweigend und mit pantomimischem Armschwenken gegen den in der umfassenden Staatssicherheitsstrategie gewitterten "Ausverkauf der Fankultur" zu protestieren, ist klar, dass das nicht einfach werden wird. Im Stadion ist trübes Licht, die Gegentribüne ist aus Sicherheitsgründen leer, die 40.000-Mann-Arena erfüllt eine Stimmung wie beim Totentanz: Die Kommandos auf dem Platz sind das lauteste Geräusch im weiten Rund, in dem viel Fußball auch nicht passiert. Halle, von Anfang an mit den drei neuen Christoph Klippel, Bejamin Boltze und Telmo Teixeira-Robelo, macht das Spiel breit und wartet auf Konter, den Berlinern fällt dagegen nichts Gescheites ein. Bis auf eine Chance von Mosquera, der aus fünfzehn Metern mit Karacho über das Tor von Darko Horvat schießt, läuft der Außenseiter nie Gefahr, in Rückstand zu geraten.

Die eigenen Angriffe, häufig von Teixeira und Lindenhahn über Außen vorgetragen, bleiben allerdings ebenso zuverlässig im Mittelfeld stecken. Die erste Torchance hat der HFC, als Boltze einen Freistoß knapp neben das Tor setzt. Schon beim zweiten Versuch aber - das ist dann schon in der 39. Minute - klappt es besser: Wieder Freistoß, wieder Boltze, diesmal nicht direkt, sondern hoch nach vorn geschlagen. Dort steht Klippel, der ein bisschen hüpft und den Ball ins linke Eck köpft.

Jetzt ist Pokal, jetzt ist Stimmung, jetzt brüllt die Tribüne. Sechs Minuten bis zur Pause, sechs Minuten, die Union nutzt, sich weiter von brotloser Kunst zu ernähren. So gewinnt man nicht, nicht einmal gegen eine Mannschaft, deren DFB-Pokalbilanz finster ist wie der Blick der acht Dutzend Volkspolizeihauptwachtmeister, die aus dem fanfernen zweiten Oberrang versuchen, etwaige Ausschreitungen durch Gruppengucken zu verhindern.

Zum Glück geht es auch nach der Halbzeit so weiter. Union hat auch nach Wiederanpfiff mehr Ballbesitz, Halle die besseren Konterchancen, zumindest bis in Strafraumnähe. Dort fällt Lindenhahn dann allerdings regelmäßig hin, Thomas Neubert ist verwundert, dass er angespielt wird, und Jan Benes verläßt der Mut, wirklich bis zur Grundlinie durchzulaufen.

So darf es weitergehen, und so geht es auch weiter. Die Begegnung ähnelt täuschend einem WM-Vorrundenspiel, das vor allem niemand verlieren will. Immerhin aber sorgt die Anzeigetafel für gute Laune im halleschen Block. Die Berliner sind inzwischen wieder zum stummen Protest zurückgekehrt - keine Gefahr mehr für Land und Leute. Weshalb eine halbe Kompanie Polizei in schußsicheren Raumanzügen auch erstmal in den neutralen Block einmarschiert, in dem die älteren HFC-Anhänger mit ihren Söhnen sitzen. Wolln doch mal sehen, ob sich nicht doch irgendwer provozieren lässt!

Aber klar, immer. Seit Jahren schon hat eine Kamarilla aus Halbhirnen den Fußball in Mitteldeutschland in Geiselhaft genommen wie einst die RAF den Arbeitgeberpräsidenten Schleyer. Nur mit mehr Erfolg: Die wirre Truppe aus männerbündisch organisierten Vollzeitchaoten hat den Staat mit Silvesterfeuerwerk und Steinwürfen in die Knie gezwungen. Längst versucht er nicht einmal mehr, den Fußball zu befreien und das halbe hundert Terroristen von der Straße zu holen. Lieber wird das normale Fanvolk mit absurden Fahndungsbildorgien unterhalten, an deren Ende die Erkenntnis steht, dass man Täter hat, aber keine passenden Taten dazu. Es werden ganze Städte abgeriegelt, Spiele abgesagt, tausende Beamte in Marsch gesetzt, Sozialarbeiter bezahlt und gewöhnliche Zuschauer kriminalisiert. Nur um am Ende festzustellen, dass Hubschrauber und Wasserwerfer gegen irre Einzeltäter helfen wie Kanonen bei der Spatzenjagd.

Während sich der HFC, inzwischen in einer erstaunlichen Formation mit Ronny Hebestreit als zweitem Stoßstürmer, bemüht, den Vorsprung über die Zeit zu bringen, und Union mithilft, so gut es geht, zieht im Fanblock hinter dem Tor also wieder einer blank wie zuletzt im Derby gegen den 1. FC Magdeburg. Der Böller fliegt direkt ins Berliner Tor, Torwart Jan Glinker sieht ihn nicht, hört ihn aber, als er explodiert. Wäre der 26-Jährige Andy Möller oder Luca Toni, fiele er jetzt für eine Viertelstunde tot um und brächte dann ein Attest, dass ihm einen schweren Gehörschaden bescheinigt. Das Spiel wäre aus, der HFC hätte gewonnen, um am grünen Tisch zu verlieren. Aber Glinker bleibt stehen, er hält sich das Ohr. Schiedsrichter Sippel unterbricht die Partie, im Fanblock fackeln vier, fünf offensichtlich völlig Wahnsinnige zur Feier des Fast-Sieges Rauchbomben ab.

Gegen Magdeburg reichte das seinerzeit, die eigene Mannschaft so aus dem Rhythmus zu bringen, dass dem FCM noch der Ausgleich glückte. Doch Union ist traditionell eisern und deshalb augenscheinlich zu unbeweglich für eine so schnelle Reaktion. Die HFC-Fans, von denen einige gesehen haben, wer für das Feuerwerk verantwortlich war, singen inzwischen an die Bombenwerfer gewandt "Assis raus". Keiner will es jetzt noch gewesen sein. HFC-Präsident Michael Schädlich steht vor der Fankurve und fleht wie gerade erst beim Landespokalfinale in Sangerhausen, doch die Reste der Vernunft zu benutzen. Im Fanblock haben sie einen gestellt. Es gibt Prügel, ausnahmsweise vielleicht sogar für einen, der sie verdient hat.

Schiri Sippel lässt nun doch wieder weitermachen, noch vier, fünf Minuten sind auf der Uhr. Union kommt noch mal, aber nicht besser als die ganze Zeit bisher. Noch ein Schuss, dann ist Schluss, die Hallenser reißen die Arme hoch, Mouyaya, Boltze und der eingewechselte Aydemir tanzen einen Lipsi, die Melodie ist bekannt, es ist das alte Lied. Die Rechnung schreibt wie üblich das DFB-Gericht. Der HFC hat gewonnen, der Fußball wieder einmal verloren. Er bleibt in Geiselhaft bei der Fußball-RAF.

Heute im PPQ-Wunschkonzert: "Assis raus" live im Zentralstadion

Doku Deutschland: Hausbuchführer im Widerstand

Der Kampf ist ein ungeheurer, der aufrechte Menschenrechtler wie Ilse Aigner, Guide Westerwelle und Wolfgang Bosbach gegen die Datenkrake Google und ihre demokratiefeindlichen Bestrebungen zur totalen Entblößung Deutschlands im Internet führen. Hinter sich wissen die Volksvertreter im Streit mit Street View breite Volksmassen - so haben nach Aussagen eines Google-Sprechers bislang in nur 14 Monaten bereits mehr als zehntausend Bürgerinnen und Bürger, darunter mindestens zwei Dutzend mutige Politiker, gegen eine Abbildung ihrer Fassaden im Netz Widerspruch eingelegt. Damit ist jeder 8200. Deutsche Teil der größten Volksbewegung seit der Forderung, Esperanto in ganz Europa zur Amtssprache zu machen und das DDR-Brötchen zu retten.

Unterstützung für das Bürgerrechtsprojekt kommt jetzt auch aus einer unerwarteten Richtung, wie der Berlinpankowblogger in einem Beitrag zur PPQ-Reihe "Doku Deutschland" schildert. Beim traditionellen Stasi-Stammtisch „Operativer Einsatz“ in der Berliner Eckkneipe "Frohe Aussicht" zeigt sich, dass die von Google anvisierte Transparenz aller Straßen und öffentlichen Plätze selbst denen ein Stück zu weit geht, die ihr Leben früher selbst der Aufgabe gewidmet hatten, möglichst umfassende Informatioen über alle, alles und überall zu sammeln.

„Haste dit jehört? Die wolln Uffnahmen von uns machen und die denne in Amerika den Leuten zeijen.“ Günter P. (73), Major a.D. des Ministeriums für Staatssicherheit, ist entsetzt. Er schaut fragend in die Runde seiner Stammtischbrüder. Wie jeden Freitag seit 1982 sitzen die Genossen und Kampfgefährten vom Stammtisch „Operativer Einsatz“ bei Berliner Bulette und Pils in der „Frohen Aussicht“, einer der wenigen noch existierenden Wohngebietsgaststätten am östlichen Stadtrand von Berlin. Während die Wirtsleute schon dreimal seit 89 wechselten, blieb der Stammtisch erhalten. Oder anders gesagt: der Stammtisch hat die Kneipe erhalten.

„Wat wolln die machen? Uffnahmen? Wat für Uffnahmen denn nur?“, fragt nun Eberhard W. (76), NVA- Oberstleutnant a.D., der wegen seiner Nachwende-Klassenfeind-Naherfahrung als Offizier bei der Bundeswehr fast vom Stammtisch ausgeschlossen worden wär. „Na die wolln mit Kameras durch unsre Straßen fahrn, dit allet filmen, wat se da so sehn, und denn die Filme in Amerika vorführn“, antwortet Günter, nachdem er ordnungsgemäß einen weiteren Strich für ein weiteres Pils auf seinem Bierdeckel gemacht hat. Natürlich mit seinem goldenen Kugelschreiber. Den er damals zusammen mit dem bronzenen MfS-Verdienstorden bekommen hatte und der seitdem für nichts anderes verwendet worden ist, als für Pils-Striche auf dem Bierdeckel. Freitags. Beim Stammtisch.

„So´n Quatsch. Dit is allet janz anders“, meldet sich nun Herbert K. (68) zu Wort. Herbert, von allen nur „Strateje“ genannt, ist der Jüngste in der Runde. Aber trotzdem hoch geschätzt, hatte er doch als Führungs-Offizier „in den guten alten Agentenzeiten“ ganze Heerscharen von IMs hüben und drüben geleitet, geführt und gefördert. Und natürlich gefeuert. Besonders aber sein Tick für versteckte Kameras in Cabinet-Schachteln und sein von ihm erfundenes Bockwurst-Imitat mit eingebauten RFT-Mikrofon (Typ DM 2112) machten ihn schon damals zum geschätzten Experten für Aufnahmen. „Die haben die Uffnahm schon lengst jemacht. Jetze jehts darum, obse die Uffnahmen ins Internetz stellen dürfen oda nich.“

„Wat erzählst Du da? Die ham schon Uffnahmen von uns jemacht? Von unsre Straße? Ohne Jenehmigung?“ Walter Z. (72) schüttelt den Kopf. „Dit hätte ich doch mitkriejen müssen.“ Da hat er wohl recht, denken alle anderen am Tisch. Z. entgeht eigentlich nichts, das liegt ihm im Blut. Schließlich war er damals als Hausmeister in einem der 16-stöckigen Plattenbauten an der Allee der Kosmonauten in Marzahn gleichzeitig Schriftführer des Hausbuches, Vorsitzender der Hausgemeinschaftsleitung und natürlich Volkspolizeihelfer. Sowie SED-Genosse und Informeller Mitarbeiter. Als IM Gagarin hatte er alles aufgeschrieben, was in seiner Platte vor sich gegangen war. Und was nicht. Sein Bericht über das „asoziale Element K. und dessen Absichten nicht nur der Nationalen Volksarmee sondern auch der Deutschen Demokratischen Republik den Rücken zu kehren“ war letztlich der einzige Grund, warum er beim Stammtisch „Operativer Einsatz“ dabei sein durfte und darf. Hausmeister hätte man normalerweise nie zugelassen.

„Bring mal ne Runde Kurze, Karin“, ruft Iljuschin dazwischen. Der heimliche Chef des Stammtisches hatte bisher geschwiegen. So, wie es seine Art ist. Nicht viel erzählen, aber alles hören. Iljuschin saß eines Tages, Mitte der 90er, schon am Stammtisch, als die anderen kamen. Verdutzt sahen sie ihn an, wollten ihn von ihrem operativen Tisch verscheuchen. Bevor sich einer äußern konnte, sagte er jedoch: „Willkommen Genossen. Setzt Euch. Ich bin einer von den Guten.“ Den alten Stasi-Hasen war das nicht geheuer. Ist es immer noch nicht. Denn der Fremde wusste alles über sie: Ihre Namen, ihren Werdegang beim MfS, ihre Adressen und manch andere Geheimnisse, von denen sie hofften und hoffen, er würde und wird sie nie der Öffentlichkeit Preis geben. „Macht Euch keine Gedanken. Bei mir ist alles secret. Nennt mich Iljuschin, die Geschichte erzähle ich Euch später.“ Dazu legte er einen Ausweis auf den Tisch, der den Inhaber als Agenten des russischen Geheimdienstes KGB offenbarte. Der Name war allerdings ausradiert. Später am Abend, nach etlichen Runden Korn (mangels Wodka in der Wohngebietsgaststätte) erfuhren sie noch mehr.

Sie erfuhren, dass seine Missionen, sein Jobs, so geheim gewesen waren, dass nicht einmal die geheimen Geheim-Agenten wussten, was Iljuschin wirklich gemacht hatte. „Nur soviel“, sagte Iljuschin an diesem Abend, „ich habe mehr als einmal den Krieg zwischen Amerika und der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken verhindert. Und einmal, da habe ich als normaler Flugpassagier eine Iljuschin sauber gelandet, nachdem der Pilot einen Herzanfall hatte und der Co-Pilot nicht landen konnte, weil er stock besoffen war. Seitdem nennen mich meine Freunde Iljuschin.“

Karin kommt mit der Runde Kurzen, stellt sie mit samt Tablett auf dem Tisch ab und sagt in die Runde: „Im Jrunde jenomm habt Ihr doch nüschd andres jemacht. Jefilmt, Jespräche uffjenomm, allet notiert. So macht dit och Guchel Stried Fjiu.“ Da wird es ruhig in der Runde vom Stammtisch „Operativer Einsatz“. Bis Günter das Wort ergreift: „Dit is wohl war. Aber nie, niemals, hätten wir dit ins Internet jestellt."

Mehr Deutschland-Doku hierSchwimmen mit Sirenen


Holla die Waldfee

Sorgen auf der Sonnenbank

Samstag, 14. August 2010

Noteingang zur No-Go-Area

Seit Jahren schon hilft die Aktion "Noteingang" immer wieder Verfolgten und Bedrängten, ohne dass das jemals öffentlich bekannt wird. Von braunen Nazihorden auf der "Straße der Gewalt" gejagte Kinder, Frauen und Migranten können sich darauf verlassen, dass sie dort, wo einer der prägnanten Aufkleber mit dem "Noteingang"-Logo an der Tür klebt, Schutz vor Nachstellungen aller Art finden werden - gelernte Apothekerinnen werden sich wütenden Skinheads entgegenwerfen, die Bioladenverkäuferin weisst baseballschlägerschwingenden Nazirockern die Tür, der Zeitungsverkäufer zeigt entmenschten NPD-Anhängern die grundgesetzlichen Grenzen.

Selbst führende Krankenhäuser in Sachsen-Anhalt überzeugte das Konzept, der fremdenfeindlichen Gewalt mit Vorsorge zu begegnen, statt später die zerbrochen Knochen und Seelen mühsam heilen zu müssen: Einer der für viel Fördergeld liebevoll gedruckten "Noteingang"-Aukleber landete direkt am Hintereingang der Klinik. Verfolgte und Bedrängte müssen, um sofort Einlaß und Rettung zu finden, nur noch eine zwei Meter hohe, mit Metallspitzen bewehrte Mauer übersteigen (Foto oben).

Ein Konzept, das überall im Lande aufgeht, denn selbst in der durchweg als No-Go-Area geltenden mtteldeutschen Tiefebene musste noch nie musste von einer erfolgreichen Rettung durch einen Noteingang berichtet werden. Dennoch wehrt sich die Verwaltung des Landkreises Jerichower Land jetzt gegen das Anbringen der schützenden Aufkleber an den Türen der Berufsschule "Conrad Tack" in Burg. Im Landratsamt fürchte man um das Image der Stadt, denn erst die Teilnahme an der Aktion "Noteingang" könne Gäste auf den Gedanken bringen, dass Burg ein rechtes Problem habe, was gar nicht stimme.

Das sieht Fabian Borghardt anders. Erst zum zweiten Mal überhaupt schaffte es der Koordinator des Burger Runden Tisches gegen Rechts durch die Absage der Aufkleberaktion überregional in die Schlagzeilen, doch zufrieden ist der engagierte Juso damit nicht. "Der Landkeis ist sogar in einer Broschüre zur Aktion als Unterstützer aufgeführt. Da erwarte ich, dass er nun auch mitmacht", legt er fest.

Damit Gäste und Einheimische, die in Burg Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt sind, bis dahin nicht völlig schutzlos bleiben, hat die Burger Stadtverwaltung am Rathaus, an Sportstätten und Grundschulen Noteingänge einrichten lassen. Während der normalen Öffnungszeiten seien Sekretärinnen, Horterzieherinnen und Hausmeister angewiesen, sich rechten Horden tapfer entgegenzuwerfen, denn man dürfe Probleme nicht totschweigen, teilte Bürgermeister Jörg Rehbaum mit.

Freitag, 13. August 2010

Street-View-Kritiker melden ersten Erfolg

Erster großer Erfolg der wachsenden Schar von Google-Street-View-Kritikern in Deutschland. Nur einen Tag, nachdem Ludwig Hillesheim, Konrad Richter und die Familie Jeschkowski die Rheinische Post baten, sie vor ihren Häusern zu fotografieren und die Bilder ins Internet zu stellen, damit sie später gemeinsam Klage gegen Google einreichen können, um eine Abbildung ihrer Häuser ohne die Gesichter der Besitzer im Internet zu verhindern, haben es die vier Protestler aus dem Düsseldorfer Mendelweg über Panoramio direkt in Googles Maps geschafft.