Samstag, 4. April 2026

Neue Salzsteuer: Kampf dem weißen Killer

Ostern ist die Zeit der Eier, damit aber auch die Zeit, in der Menschen besonders häufig zum tödlichen Salzstreuer greifen.

Eigentlich wollte Schwarz-Rot keine Steuern erhöhen. Eigentlich wollte Schwarz-Rot schon gar keine neuen Steuern einführen. Dann  aber kam die Expertenkommission zur Verbesserung der Einnahmen  des Gesundheitssystems und schlug eine Abgabe auf Zucker vor. Ein Versuchsballon, der majestätisch aufstieg und von keinem Scherwind vom Kurs abgebracht wurde.

Gesundheitsexperten waren verzückt. Ein breites Bündnis aus Ärzten und Verbraucherschützern drängte umgehend auf Umsetzung. Die Medien waren begeistert. Umfragen zeigten eine ähnliche Begeisterung im Volk, das immer nur die richtige Begründung braucht, um seiner eigenen Bestrafung jauchzend zuzustimmen. 

Deutliches Stimmungsbild für neue Steuer 

Im aktuellen ARD-Deutschland-Trend ist das Stimmungsbild deutlich: 72 Prozent der Befragten finden, gesundheitsschädliche Stoffe wie Alkohol, Tabak oder Softdrinks sollten höher besteuert werden. Raucher, Trinker und Schokoladenfreunde würden gern mehr zahlen, um weniger zu konsumieren. Allein schaffen sie es nicht.

Bei allem, was die Finanzkommission Gesundheit an Therapievorschlägen gemacht hatte - neben höheren Steuern für Tabak und Alkohol wird auch die funkelnagelneue für Zucker kommen. In den beiden Regierungsparteien verweist man darauf, wie gut die Erfahrungen in anderen Staaten seien. Eine Initiative aus Schleswig-Holstein, die Hersteller mit einer gestaffelten Abgabe auf Softdrinks zu weniger Zucker zwingen will, wird bald nur die kleine Lösung sein. Auch Knuspermüsli, Cornflakes, Fruchtjoghurt, Ketchup und Trockenfrüchte werden bald teurer. 

Ein Beispiel, das Schule machen muss 

Ein Beispiel, das Schule machen muss. Nicht nur ein zu hoher Zuckerkonsum belastet das Herz-Kreislauf-System, sondern auch mehr noch zu viel Salz. Das ehemals als "Weißes Gold" gefeierte  Natriumchlorid ist gefährlichere "stille Killer". Zucker verursacht Übergewicht, Diabetes Typ 2 und Karies. Salz dagegen ist verantwortlich für Bluthochdruck, Schlaganfälle und Herzinfarkte. 

Gerade zu Ostern schlägt die Stunde des weißen Mörders. Sobald Jesus die Eier auspackt und im Namen des Hasen  geschenkt und getafelt wird, wird es ungesund in Deutschlands guten Stuben. Es gibt Ei und es gibt Salz drauf. Die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen täglichen fünf Gramm und auch die sechs Gramm, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) für gerade noch gesund hält, sind morgens um zehn schon überschritten. 

Überversorgung der Männer 

Laut einer Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) nehmen 70 Prozent der Frauen und 80 Prozent der Männer in Deutschland tagtäglich mehr als sechs Gramm Speisesalz zu sich, 39 Prozent der Frauen und 50 Prozent der Männer sogar mehr als zehn Gramm pro Tag. Bei 15 Prozent der Frauen und 23 Prozent der Männer sind es gar mehr als 15 Gramm täglich. 

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht vor allem Männer, Kinder und Jugendliche als Risikogruppe. Zum Frühstück ein Croissant und ein Joghurt, mittags eine Tiefkühlpizza, abends zwei Scheiben Brot mit Käse und eine Handvoll Kartoffelchips auf dem Sofa: Mit einem solchen Essensplan ernähren sich die Betreffenden überaus salzreich. Oft wissen sie nicht einmal, wie viel Salz sich in Brot, Käse oder Fertigprodukten versteckt. Und sie ahnen beim Knabbern als Salzstangen kaum, das der wissenschaftlich nachgewiesene Mindestbedarf bei nur etwa 1,5 Gramm Salz pro Tag liegt. 

Millionen Tote jedes Jahr 

Millionen salzen sich zu Tode.  Studien zufolge sterben rund 2,3 Millionen Menschen im Jahr durch zu salzige Ernährung. Das wiesen 488 Forschern aus 50 Ländern in einer umfassenden Studie bereits vor 13 nach. Doch die Salzlobby ist mächtig, so mächtig, dass sie es bis heute geschafft hat, weder im "Spiegel" noch im "Stern", in der SZ, der Taz oder der FAZ jemals Aufmerksamkeit zu erregen. Nicht einmal Nius, der Volksverpetzer und Correctiv oder andere Alternativmedien wagen sich auf das gefährliche Gebiet.

Mit unabsehbaren Folgen. Obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Höchstwerte für den Salzgehalt bei Nahrungsmitteln fordert und seit vielen Jahren für eine klare Kennzeichnung kämpft, hat es bis heute noch kein Gesundheitsminister gewagt, auch nur den Vorschlag einer solchen Salzampel zu machen. Zu viel Furcht vor den großen Kalikonzernen. Zu viel Respekt auch vor einer Bevölkerung, die hin und wieder empfindlich auf gutgemeinte Fürsorgemaßnahmen der Politik reagiert.

Versteckte Salzquellen besteuern

Der Debatte um die Zuckersteuer aber öffnet ein Window of Opportunity. Gelingt es der Großen Koalition, die neue Steuer für zuckerhaltige Speisen und Getränke trotz des Versprechens, keine Steuern zu erhöhen, einzuführen, gibt das der Forderung nach einer entsprechend erzieherisch wirkenden Salzsteuer Rückenwind. Orientiert an  den offiziellen Empfehlungen für eine sogenannte "herzgesunde Ernährung" ließen sich zahllose versteckte Salzquellen im Alltag lukrativ besteuern. 

Die Salzproduktion in Deutschland beläuft sich derzeit auf etwa 17 Millionen Tonnen pro Jahr, darunter sind 6,6 Millionen Tonnen Steinsalz, 2,3 Millionen Tonnen Siedesalz und 8,7 Millionen Tonnen Sole. Würden diese 17 Milliarden Kilogramm Salz nur mit jeweils fünf Euro Salzsteuer belegt, könnte Bundesfinanzminister Lars Klingbeil mit einer zusätzlichen Einnahme von 85 Milliarden Euro rechnen. 

Milliarden Euro Mehreinnahmen 

Verglichen mit der Steuer auf zuckergesüßte Getränke, die für 450 Millionen Euro Mehreinnahmen im Jahr sorgen soll, ist das ein gewaltiges Pfund. Und für Salzfreunde und Eieresser dennoch nur eine kleine Belastung: 100 Gramm Salz würden nur um 50 Cent teurer. Ein gesalzenes Ei zu essen, bliebe nahezu gleich günstig.

Der Vorstoß, der im politischen Berlin seit einer Woche ebenso diskutiert wird wie eine allgemeine Gewürzsteuer, orientiert sich am Zucker-Modell. Er wäre allerdings deutlich einfacher umzusetzen. Während bei zuckerhaltigen Speisen und Getränken mühsam beim Verbraucher, also an der Ladenkasse, besteuert werden müsste, wäre ein Salzsteuer leicht bei der Industrie einzutreiben.

Die könnte sogar bemüht sein, um die Abgabe auf eigene Kosten zu entrichten. Giganten wie die K+S Aktiengesellschaft verzeichnen seit Jahren Milliarden- und Millionengewinne auf Kosten von Salzkonsumenten. Womöglich möchten sie lieber einlenken, als ein Verkaufsverbot zu riskieren.

Erweiterung jederzeit möglich 

Das könnten auf dem Tisch liegen, obwohl es im Maßnahmeplan der Gesundheitskommission nicht unter den 66 Empfehlungen zu finden ist. Doch Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hat angedeutet, dass die nur "Grundlage der bislang umfassendsten Finanzreform der gesetzlichen Krankenversicherung" sein werden. Erweiterung also jederzeit möglich.

Wagt sich Warken an dieses große Tabu der deutschen Gesundheitspolitik? Deckt sie auf, dass Salz als Geschmacksverstärker den Appetit anregt und Chips deshalb aus einer genau abgestimmten Mischung von Kohlenhydraten, Fett und Salz bestehen? So dass durch diese "Fressformel" rund 20 Millionen Menschen unter Bluthochdruck leiden? Weil ihr Sättigungsgefühl durch das gierige Belohnungssystem im Gehirn zerstört wurde?

Millionen Salzopfer mahnen

Millionen Salzopfer mahnen. Und sie mahnen eine schnelle Lösung an.  Durch intensives Schwitzen verliert der Körper Natrium. Leistungssportler oder Menschen, die bei Hitze von Natur aus stark schwitzen, würden zwar aufgrund ihres höheren Grundbedarfes stärker zur Kasse gebeten werden, auch infolge des Klimawandels könnten bald andere Richtwerte gelten. 

Mehr Menschen werden mehr schwitzen. Wie empfindlich sie dabei auf Salz reagieren, ist individuell sehr unterschiedlich. Menschen, die empfindlich auf Salz reagieren, lagern vermehrt Salz im Körper ein, dadurch gelangt mehr Flüssigkeit ins Herz-Kreislauf-System - der Blutdruck steigt. An hohem Blutdruck leiden in Deutschland.

Salz schädigt die Zellen 

Doch bereits 2015 hatte eine Arbeitsgruppe von Professor Dominik Müller vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) und vom Experimental and Clinical Research Center (ECRC) herausgefunden, dass erhöhte Natriumkonzentrationen im Blut sich sowohl auf die Aktivierung als auch die Funktion patrouillierender Monozyten, der Vorläuferzellen der Makrophagen, auswirken. Das dämpft die Energieproduktion in den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zelle. 

Eine andere Studie zeigt: Zu viel Kochsalz reduziert die Zahl der Laktobazillen im Darm deutlich, zugleich steigt die Zahl der sogenannten Th17-Helferzellen im Blut an. Der Blutdruck steigt, es kommt zu  Entzündungen und Autoimmunerkrankungen.

Mit schweren Folgen für die menschlichen Immunzellen: Das Verlangen nach Wasser steigt, die zunehmende Dürre aber erschwert die Versorgung. Die Kochsalz-Überversorgung treibt dann den Blutdruck in die Höhe, der Energiehaushalt wird empfindlich gestört und der Wasserhaushalt in den Zellen gerät aus dem Gleichgewicht. Der Mensch wird träge, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt. Die Nieren, die überschüssiges Salz ausscheiden, werden ebenfalls belastet. Und auch die Zusammensetzung der Bakterien im Darm, das Mikrobiom, kann sich durch zu viel Salz verändern.

Unter dem Radar der Politik 

Der stille Killer, bisher unter dem Radar der Politik, ist zudem dafür verantwortlich, Nervenimpulse weiterzuleiten und den Herzrhythmus sowie die Arbeit der Muskeln zu regulieren. Ist die Konzentration zu hoch, konzentriert sich das Gehirn auf den gedanken, trinken zu müssen. Die Leistungsfähigkeit sinkt, warnen Epidemiologen der American Heart Association. Da heute schon Kleinkinder häufig mit salzigen Snacks verwöhnt werden, bleiben Langzeitschäden nicht aus. 

Es ist höchste Zeit für die schwarz-rote Koalition, dieses derzeit wichtigte Problem beherzt anzugehen. Die Welt braucht ein Beispiel, ein Land, das im Kampf gegen den weißen Killer entschlossen vorangeht und zeigt, wie sich die Salzfrage lösen lässt. Denn gelöst werden muss sie, weil mit wachsendem Wohlstand auch der Salzkonsum wächst: Nur in Kenia (1,5 Gramm), Malawi (1,5 Gramm) und Rwanda (1,6 Gramm) halten sich die meisten Einwohner an die von der WHO empfohlene Zwei-Gramm-Dosis am Tag. 

Eine globale Überversorgung 

Die globale Regel ist aber eine absurde Überversorgung, die sich immer weiter verschärft. Die globale Pro-Kopf-Tageszufuhr ist zuletzt um 124 Milligramm gestiegen. Dabei sind Expertinnen und Experten sicher, dass schon ein Salzkonsum, der auf die empfohlenen sechs Gramm pro Tag begrenzt wird, den Blutdruck um durchschnittlich fünf mmHg verringert. Das ist etwa so viel wie ein Blutdruckmedikament erreichen kann.


4 Kommentare:

Die Anmerkung hat gesagt…

Dann sollen SH, HH und NS mal gefälligst die Nordseesteuer einführen, denn deren Einwohner schniefen jeden Tag astreine salzige Nordseeluft, ohne dafür vom Staat belangt zu werden und zu wissen, daß sie sich so im Grunde über die Jahre tot atmen.

Anonym hat gesagt…

Wurde die Salzsteuer vor nicht allzu langer Zeit als Bagatellsteuer abgeschafft?

Anonym hat gesagt…

Wenn ich mich recht entsinne, wurden Ratten von Wissenschaffenden so lange mit Kochsalz gefüttert, bis die nicht mehr konnten. Zack, Studie, Horroschlagzeilen global, Förderung.
Als jemand, der auch im Hochsommer längere Radtouren im Bergland macht, sind mir die Symptome von hypotoner Dehydratation bestens bekannt. Dagegen hilft nur Kochsalz (Finger weg von isotonischem Abzockermist).

ppq hat gesagt…

die abschaffung anfang der 90er war ein gesundheispolitischer irrweg