Donnerstag, 4. Oktober 2012

Sätze für die Ewigkeit XXI

Ein Mann zu seiner Frau, nachdem die sich gegen vier Uhr morgens nach dem sechsten Glas Wein eine Zigarrette angezündet hat, die überraschenderweise mit heller Flamme brennt:

Siehst Du, Liebling, eine ist immer verkehrtrum drin.


Mehr Sätze für die Ewigkeit

Verbot der Woche: Inder immer schlimmer

Mit dem Mantra "Andere Länder, andere Sitten" toleriert das aufgeklärte, hochmoderne Deutschland traditionell moralische Abweichungen, unzüchtige Kleiderordnungen und sogar Amputationen an kerngesunden Kindern. Die Grenze dessen, was eine deutsche Regierung ertragen kann, ist aber erreicht, wenn sich Staaten beharrlich weigern, sich trotz besseren Wissens an geltende deutsche Gesetze zu halten.

Polen musste ebenso wie Schweden und Japan bereits die Konsequenzen tragen, weil die Bundesregierung gezwungen war, diese Länder wegen Verstößen gegen das Verbot des Zeigen von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen im Rahmen der PPQ-Aktion "Verbot der Woche" zu untersagen. Zuvor waren alle betroffenen Länder gemahnt worden, sich an geltendes deutsches Recht zu halten und Handel und Vertrieb von Devotionalien aus der Hitler-Zeit zu untersagen.

Lehren hat die Weltgemeinschaft allerdings offenbar nicht aus dem konsequenten Vorgehen gegen Ewiggestrige gezogen. So wurde die Bundesregierung kürzlich erst durch Berichte alarmiert, nach denen ein indischer Geschäftsmann einen T-Shirt-Shop "Hitler" genannt hat, um wie vor sechs Jahren ein anderer indischer Geschäftsmann mit einem langen Artikel im "Spiegel" gewürdigt zu werden.

Noch schlimmer: Auch der berühmte indische Charakter-Darsteller Babbu Maan versucht auf dem Hitler-Ticket, provokativ deutsche Staatsgefühle zu verletzten. Mit "Hero Hitler in Love" hat der Frauenschwarm ein verstörendes Drama geschaffen, in dem Hitler als hilfsbereiter Dorfbewohner mit einer Vorliebe für Autorennen auftritt. Verharmlosend und verniedlichend befanden deutsche Kritiker, die Bilder aus dem Film gesehen hatten. Die indische Regierung aber weigerte sich dennoch, die Aufführung des Filmes zu verbieten, ebenso sträubt sich das Videoportal Youtube, Werbetrailer für den schlimmen Nazi-Liebesfilm zu löschen. Immer wieder Immer wieder wurden deutsche Touristen so in Indien mit verbotenen Symbolen subtil dazu überredet, für die Wiedererrichtung des Dritten, eines Vierten oder gar des Fünften Reiches zu sein.

Der Bundesregierung blieb so nur noch eine letzte Lösung, um die wiederholten Provokationen aus Indien zu unterbinden. Bundesinnenminister Friedrich hat ein Verbotsverfahren gegen die selbsternannte größte Demokratie der Welt eingeleitet. Mit der Untersagungsverfügung gegen Japan folgt die Bundesregierung ihrer harten Linie, die zuvor bereits zum Verbot von Reisen nach Schweden, Mecklenburg, Thailand und Nepal geführt hatte.

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Wer hat es gesagt?

Wenn wir die Geschichte der letzten Jahrzehnte betrachten und dieselbe Elle wie bei Honecker anlegen, müssten wir wahrscheinlich alle Staats- und Regierungschefs nicht in Rente, sondern ins Gefängnis schicken.

Es kann nur eine geben

Aus, aus, aus, das Spiel ist aus! Mit der Pleite dapd verschwindet endlich nicht nur der legitime Rechtsnachfolger der DDR-Nachrichtenagentur ADN, sondern auch die einzige Alternative zur staatlichen deutschen Wahrheitsfabrik DPA vom deutschen Nachrichtenmarkt. Und das am Tag der neuen Republik. DPA, bisher
ohnehin führender Transmissionsriemen regierungsamtlicher Verlautbarungen, steht künftig ganz allein auf weiter Wahrheitsflur, um dem Volk zu erklären, wie was warum so muss, wie es muss.

Ein großer Tag für Angela Merkel, ein großer Tag für die deutschen Massenmedien, die derzeit bereits 99 Prozent aller Ereignisse gleichlautend von DPA erklären lassen. Was immer ist, es wird erst durch DPA Ereignis, was immer falsch läuft, erstmit DPA wird es ein richtiger Spaß. Kein Nachruf kann beschreiben, was dapd, die nie gelesene, von niemandem genutzte zweite Nachrichtenagentur, für ein Volk hätten sein können, das sich den Gedanken Ein Volk, ein Reich, eine Wahrheit noch heute verpflichtet fühlt. Die Gefahr aber bestand nie, weil dapd stets versuchte, das Staatstragende, Formelhafte, Gipssteife der patentierten DPA-Sprache noch formelhafter, staatstragender und gipssteifer nachzustellen.

Nun hat die Wahrheit, destilliert aus absurd verfälschten Pressemitteilungen und missverstandenen Verlautbarungen nur noch eine Heimat. Ein Sprachrohr, aus dem Einheitsgrau quillt wie Morgennebel, aus dem nun noch mehr Einheitsgrau quellen kann, rosarot eingefärbt. Rettungsschirme werden aufgespannt, Spekulanten wird in den Arm gefallen, Finanzmarktderegulierer werden zu Dragonern gegen Steuerflüchtlinge erklärt, schlafmützige Journailletruppen im Kampf gegen den Rechtsradikalismus dürfen ihre abgeschriebenen Staatsanwaltschaftsmärchen als ewige Wahrheiten übers ganze Land verklappen. Es kann nur eine geben, und es wird nun nur noch eine geben, wenigstens im August, dann macht Gottes Agentur epd Sommerpause. Die übrigen elf Monate schreibt die dann weiter ab, was DPA alle Tage lang von seinen Anteilseignern, den deutschen Zeitungen, abschreibt.

Weil heute Dein Geburtstag ist

Es musste vor dem 7. Oktober passieren, an dem das andere, das häßliche Deutschland sein Jubiläum gefeiert hatte. Es durfte nicht am 9. November sein, weil das Datum historisch mehrfach "vorbelastet" war, wie Kommentatoren und Historiker rechtzeitig herausgefunden hatten. Helmut Kohl, damals Kanzler, saß am Schreibtisch und schrieb seiner Hannelore einen Brief.

Lasst meine Lieder Lippen sein
meine Zunge Faust,

dichtet der Kanzler,

nicht stehenbleiben ist Ziel meiner
lärmenden Fingerspitzen auf dem Tisch
Die Ohren trage ich am kopf,
trotzdem trotten diese Füße weiter.

Kohl denkt an den Hades-Plan, der ihm Europa zu Füßen legen wird. An die Geldkoffer. An die Geschichtsbücher. An seinen Terminkalender.

An einem 3. Oktober nannte sich Albrecht der Bär in einer Urkunde erstmals selbst Markgraf von Brandenburg. An einem 3. Oktober wurde Katharina II. in Moskau zur Zarin gekrönt. An einem 3. Oktober annektierte Preußen das im Deutschen Krieg besetzte Königreich Hannover. An einem 3. Oktober einigen sich Kaiser Franz Joseph I. und Zar Nikolaus II. im Jagdschloss Mürzsteg, für Ruhe auf dem Balkan zu sorgen. An einem 3. Oktober wird Prinz Max von Baden erster Reichskanzler. An einem 3. Oktober beginnt die erste Kinderlandverschickung.

Ja, sagt sich Helmut Kohl leise, wir nehmen den 3. Oktober.

Untergehende Völker haben die schönsten Melodien.

Dienstag, 2. Oktober 2012

Gesänge fremder Völkerschaften: Grunge aus Sachsen

Es gibt sie noch, die Bands, die in tiefen Kellern und kleinen Kneipen die große Geste pflegen. Hymnen wie fürs Wembley-Stadion, Gitarrenwände, Schüttelköpfe. I Come From The Sun haben den wahrscheinlich unelegantesten Bandnamen der Welt, sind aber aus Leipzig, wo Rockmusik eine lange und nicht ganz widerspruchsfreie Tradition hat.

Für den Normalbürger in Mitteldeutschland, der mit Dieter Bohlen, der gefönten Gute-Laune-Musik von SAW und Lady Gaga aufwächst, bedeutet die Tradition so wenig wie die Teilnahme der Sonnenkinder am "Emergenza Weltfinale 2012" dem echten Rocker. Denn der weiß: Musik ist keine Olympiade, Lieder sind kein Springeseil, die Bühne ist kein Boxring.

Für die kulturell ausgedörrten Gegenden Mitteldeutschlands aber ist das Schaffen des Quartetts um den meatloaf-ähnlichen Florian Becker dennoch herausragend - weshalb sich I Come From The Sun einen Platz in der bürgerschaftlich-engagierten PPQ-Reihe "Gesänge fremder Völkerschaften verdient haben.

Mehr Gesänge:
Grunzrock von der Unstrut
Blasen in Steueroasen
Pogo in Polen
Hiphop in Halle
Tennessee auf Tschechisch
Singende Singles
Trommeln aus Taiwan

Endsieg über den Euro

Geheimnisvoll, übermächtig, unangreifbar – die Kritiker von EFSF und ESM sind mit ihren Zuschreibungen nicht zimperlich. Geht es um die „Europäische Finanzstabilisierungsfaszilität“ und den „Europäischen Stabilisierungsmechanismus“, ist nicht nur das Internet voller Insiderreportagen aus dem Großgeldspeicher, angstbesetzter Kritik und verschwörungstechnischer Hinterlassenschaften. Selbst der Bund der Steuerzahler Deutschlands sieht im permanenten Rettungsfonds ESM eine „geile Kreditmaschine für die Ewigkeit“, in deren Maschinenraum die deutschen Steuerzahler nicht einmal mehr mit Arbeitsniederlegung drohen könnten, weil es vertraglich ausgeschlossen sei. Der Rettungsfonds sei hübsch und stylish, aber weder genügend demokratisch legitimiert noch unterliege er ausreichender rechtsstaatlicher Kontrolle.

Aber stimmt das wirklich? Rolf Rauch kennt die Kritik, nickt. Von Unterstellungen würde er gleichwohl nie sprechen. Für jemandem, der den ESM-Vertrag mit entworfen hat, bleibt er erstaunlich gefasst. „Welches Parlament entscheidet über ein IWF-Programm? Keines. Welches Parlament entscheidet über einen EIB-Kredit? Keines“, sagt der Mann stolz, der Europas Rettung verkörpert wie kein zweiter.

Dass es keine parlamentarische Kontrolle über das, was EFSF und ESM machen, gibt, ist überhaupt nicht schlimm, weil die Kontrolle über andere Dinge auch nicht existiert, begründet Rauch und nennt das Wetter. Die Ernten. Die Rohstoffpreise. Die Liebe. Eine Logik, gegen die sich wenig sagen lässt. Immerhin ist die Kontrolle beim ESM noch “sehr, sehr viel stärker als bei irgendeiner anderen internationalen Finanzinstitution, die ich kenne“, sagt Rauch. „Manche Mitglieder im Gouverneursrat, wie der deutsche Finanzminister, können nur Entscheidungen mit einem ausdrücklichen Mandat ihres Parlaments treffen.“

Das macht die Rettungsarbeit nicht leichter und kam auch nur auf Betreiben des Verfassungsgerichtes so zustande. Schade, sagt Rauch, der Mitglied im fünfköpfigen Direktorium des EFSF ist und demnächst auch im permanenten ESM die Geschicke maßgeblich mitbestimmen wird.

Den Eindruck, als Technokrat anti-demokratische Allmachtsfantasien ausleben zu wollen, macht der 45-jährige Familienvater nicht — wie niemand, der an diesem Tag durch die Gänge auf der zweiten Etage des Bürokomplexes an der Luxemburger Avenue John F. Kennedy 43 läuft, am Espresso im Plastikbecher nippt oder zum Rauchen vor die Tür ins Freie geht. Keine gefletschten Reißzähne, kein Kokain, keine Weiber, nirgendwo Gewalt. Nein, nett sieht es hier aus: Helle Mustertapete, dunkler Fußbodenbelag mit Naturfarnbewuchs, mit Jalousien vor all zu aufdringlichen Besucherblicken zu schützende Bürozellen (Foto) — wer nicht weiß, dass hier täglich Trilliardenbeträge erfunden werden, darf sich an eine mittelständische Speditionsfirma erinnert fühlen. Nichts ist dick aufgetragen geschweige denn glamourös.

Von wegen Hochdruckpresse, die minütlich ganze Gebirge von Bargeld ausspucken, um Europa zu retten. Hier betont das leise Surren der Klimaanlage die Stille. Zieht die europäische Schuldenkrise an, werden sie hier erst richtig locker, die Erntehelfer des Untergangs, die das Zucken der Spreads mit einem Schulterzucken beantworten. Es geht ihnen um den Endsieg über den Euro. Und es ist nicht ihr Geld, das da über die Theke geht. „Die Märkte und die Politik sind nervös genug, da müssen nicht auch wir noch die Nerven verlieren“, sagt eine Mitarbeiterin mittleren Alters, die sich gerade die Fingernägel lackiert.

Aufgabe des Rettungsschirms ist es, am Markt Geld aufzunehmen und zu günstigeren Konditionen an angeschlagene Euro-Staaten weiterzugeben. Niemand in den vielen Büros kann erklären, warum das so sein muss und wie das geht, aber alle machen mit Feuereifer mit. „Man wird nicht übel bezahlt“, sagt ein jüngerer Mann, der gerade Griechenland gerettet hat und sich jetzt einen Kaffee gönnt. Außerdem fühle es sich verdammt gut an, „zur Wahrung der Finanzstabilität des Euro-Währungsgebietes insgesamt und seiner Mitgliedsstaaten beizutragen", gesteht er.

Es herrscht Vorfreude hier auf dem Luxemburger Kirchberg-Plateau, Vorfreude auf den ESM, der mit einem Kapitalstock in Höhe von 80 Milliarden Euro und Garantien von 700 Milliarden Euro die ultimative Massenvernichtungswaffe für Spekulanten werden soll. Deutschland steht dabei für rund 190 oder vielleicht sogar 2900 oder 5987666 Milliarden Euro gerade, keiner weiß es genau. Es sind Milliarden, die es in Wirklichkeit nicht gibt, die aber jederzeit erschaffen werden können, indem ein Mann wie Rauch sich Geld borgt und es zu günstigeren Konditionen an den deutschen Finanzminister weitergibt, der ihm die Summe gegeben hat, um sie dann nur noch beim ESM einzahlen zu müssen, um Europa gerettet zu haben. Hier nutzt sie Rauch als Sicherheit, um noch mehr Trillionen zu leihen, wodurch bald auch wieder Arbeitsplätze in der griechischen Computerindustrie und im portugisischen Maschinenbau entstehen werden.

Verschiedene Instrumente stehen dem ESM zur Krisenbewältigung zur Verfügung. Er kann wertlose Staatsanleihen sowohl direkt von den Staaten kaufen, ohne auf die Mark zu schauen, "denn die gibt es ja nicht mehr", wie Rauch sagt. Er kann aber auch anderen Marktteilnehmern Staatsanleihen abnehmen, wenn die sie nicht mehr haben wollen. Oder zur Finanzierung Kredite ausreichen, für die er als Sicherheit die wertlosen Staatsanleihen hinterlegt. Zudem darf der Rettungsmechanismus zur Überbrückung finanzieller Engpässe Darlehen an Staaten geben und Pressekonferenzen geben.

Alle wichtigen Entscheidungen des ESM trifft der Gouverneursrat, in dem die Finanzministern der Mitgliedstaaten sitzen. Da Deutschland hier einen Stimmanteil von 27 Prozent hat, sehe der Vertrag vor, dass Beschlüsse mit einfacher Mehrheit gefasst werden können. Italien, Frankreich und Spanien sind so in der Lage, Rettungsbeschlüsse ohne deutsche Beteiligung zu fällen, Deutschland muss dann nur noch zahlen.

Um die Weiterleitung der Gelder möglich zu machen, wächst das Team der Luxemburger Krisenbekämpfer kontinuierlich. Gestartet ist der EFSF mit einem guten Dutzend Mitarbeiter. Inzwischen sind es rund 5000. Wenn der Fonds auf den permanenten Rettungsmechanismus ESM verschmilzt, was mit einer vierstündigen Live-Show in der ARD gefeiert werden soll, sollen es bereits 100000 sein.

Montag, 1. Oktober 2012

Angst essen Seele auf


Die Kindersterblichkeit nimmt ab, der Wohlstand hingegen zu. Eine gute Nachricht? Eine schlechte Nachricht! Und zwar eine schlechte Nachricht unter vielen. Egal, welche positiven Indikatoren - Natur, BIP oder Taschengeld - man heranzieht: Für eine gesunde Angst reicht es allemal. Denn für Zuversicht ist nicht die Zeit. Zu Freude besteht kein Anlass. Das Selbstvertrauen hat uns verlassen. Und sogar der Mut, der uns bis ca. 1970 beseelte, ist dahin. Quod erat demonstrandum.

Internet: Die Blödigkeit der Leere

Es wird sich am Ende nicht durchsetzen können, das hatten Experten hier bei PPQ schon sehr früh konkret und nachvollziehbar beschrieben. Das Internet, so vital es auch wirken mag, steht vor dem Aus, sinkende Aktienkurse bei Zynga, Facebook und Ebay sind nur ein erstes Anzeichen dafür. Die Gesellschaft aber ändert sich währenddessen, sie wird aufgeregter, verblendeter, insgesamt dümmer. Wir konnten den Dichter und Strandphilosophen Hans Magnus Enzensberger gewinnen, das Phänomen in einem aufklärenden Text zu beschreiben und die Folgen für das Zusammenleben der Menschen deutlich zu machen.

In seinem Aufsatz "Das Nullmedium Oder Warum alle Klagen über das Internet gegenstandslos sind" beschreibt der greise Kenner, warum alle schlichten Thesen der landläufigen Medientheorien sich mit einem gramvollen Unterton vortragen lassen, der gesitige Abstieg (Südwest-Presse) sich davon aber nicht aufhalten lässt.

Enzensberger nennt vier Thesen, von denen die erste auf die ideologische Dimension zielt, die den Medien zugeschrieben wird. Das Internet ist hier ein Instrument politischer Herrschaft in einer Vorstellung von Propaganda und Agitation zugrunde, wie sie aus früheren Zeiten überliefert ist. Das Medium wird als ein indifferentes Gefäß verstanden, das über ein passiv gedachtes Publikum Meinungen ausgießt. Der ideologiekritische Dichter nennt das "Verblendungszusammenhang": An die Stelle der direkten Agitation tritt dann die schwer durchschaubare Verführung; der ahnungslose Konsument wird von den Drahtziehern überredet, ohne daß er wüßte, wie ihm geschieht.

Die Nachahmungsthese argumentiert dagegen moralisch. In ihren Augen bringt der Medienkonsum vor allem sittliche Gefahren mit sich. Wer sich ihm ausetzt, wird an Libertinage, Verantwortungslosigkeit, Verbrechen und Gewalt gewöhnt. Die subjektiven Folgen sind abgestumpfte, verhärtete und verstockte Individuen, die objektiven der Verlust sozialer Tugenden und der allgemeine Sittenverfall.

Diese Form der Medienkritik speist sich, auf den ersten Blick erkennbar, aus bürgerlichen Quellen. Die Motive, die in ihr wiederkehren, lassen sich schon im 18. Jahrhundert nachweisen, in den vergeblichen Warnungen, welche die frühe Kulturkritik vor den Gefahren der Romanlektüre erschallen ließ.

Neueren Datums ist die Simulationsthese, die von einem erkenntnis-theoretischen Verdacht beseelt ist. Sie ist auch insofern moderner, als sie auf die technische Entfaltung der Medien eingeht, also auch die Existenz des Internet ernst nimmt, was man von ihren Vorgängern nicht behaupten kann. Ihr zufolge wird der Zuschauer durch das Medium außerstande gesetzt, zwischen Wirklichkeit und Fiktion zu unterscheiden. Die erste Realität werde also durch eine zweite, phantomhafte unkenntlich gemacht oder ersetzt: Junge Menschen verbringen 7,5 Stunden täglich mit digitalen Medien, eine Viertel Million sind internet- und computersüchtig und weitere 1,4 Millionen haben ein deutlich erhöhtes Risiko.

Die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Simulation, versichert der Internet-Experte Manfred Spitzer, sei unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen sinnlos geworden.

Das ist die Verblödungsthese, die sich zu einer anthropologischen Aussage verdichtet. Das Internet greift, wenn man ihr folgt, nicht nur das Kritik- und Unterscheidungsvermögen, nicht nur die moralische und politische Substanz seiner Nutzer an, sondern auch ihr Wahrnehmungsvermögen, ja, ihre psychische Identität. Sie produzieren somit, wenn man sie gewähren läßt, einen Neuen Menschen, den man sich, je nach Belieben, als Zombie oder Mutanten vorstellen kann.

Enzensberger widerspricht. Alle diese Theorien sind schwach auf der Brust. Beweise halten ihre Urheber für entbehrlich. Selbst das Minimalkriterium der Plausibilität macht ihnen keinerlei Kopfzerbrechen. So ist es, um nur ein Beispiel zu nennen, bisher niemandem gelungen, uns außerhalb der psychiatrischen Klinik auch nur einen "Fernsehteilnehmer" vorzuführen, der außerstande wäre, zwischen einem Ehekrach in der laufenden Serie und an seinem Frühstückstisch zu unterscheiden. Die Verfechter der Simulationsthese scheint das nicht zu stören.

Ebenso kurios, aber vielleicht noch folgenschwerer ist eine andere Gemeinsamkeit der genannten Theorien. Der Nutzer der Medien erscheint in ihnen grundsätzlich als wehrloses Opfer, der Veranstalter dagegen als durchtriebener Täter. Diese Opposition wird mit tiefem Ernst und beachtlicher Gründlichkeit durchgehalten: Manipulatoren und Manipulierte, Vorahmer und Nachahmer, Simulanten und Simulierte, Verblöder und Verblödete stehen einander in schöner Symmetrie gegenüber. Offen muß dabei die Frage bleiben, auf welcher Seite der jeweilige Theoretiker zu suchen ist. Entweder er macht vom Internet keinerlei Gebrauch, dann weiß er nicht, wovon er spricht; oder aber er setzt sich ihm aus, dann stellt sich die Frage, durch welches Wunder er seiner Wirkung entgangen ist; denn im Gegensatz zu allen andern ist er moralisch völlig intakt geblieben, kann souverän zwischen Blendwerk und Realität unterscheiden und erfreut sich völliger Immunität gegenüber der Idiotie, die er bei jenen kummervoll konstatiert.

Wie dem auch sei, dass sie ihre Wirkung verfehlt hätten, kann man nicht behaupten, denn in der sogenannten Medienpolitik hat diese Ansicht offene Ohren gefunden. Das ist auch nicht verwunderlich; denn die Überzeugung, daß er es "draußen im Lande" mit Millionen von Idioten zu tun hat, gehört zur psychischen Grundausstattung des Berufspolitikers.

Die Industrie teilt weder dieses leidenschaftliche Verlangen noch jene dürren Theorien. Ihre Überlegungen sind von asketischer Nüchternheit. Sie kreisen einerseits um Investitionen, Beteiligungen, Verteilungsschlüssel, Kosten, Quoten, Werbebanner.
Jeder wirtschaftliche, technische, rechtliche und administrative Aspekt ihres Vorgehens wird eingehend analysiert und erbittert umkämpft. Nur ein Faktor spielt im Sinnen und Trachten der Industrie keine Rolle: das Angebot. Zur Debatte steht, wer zahlt und wer kassiert, wann, wo, wie, von wem, aber nie und nimmer, was auf Facebook gepostet wird, wieviele Seiten noch denselben dpa-Text in die Wohnzimmer und auf die Smartphones verklappen können. Es werden Milliarden aufgewendet, um Sendemasten für die Mobilnutzung des Netzes aufzubauen; eine beispiellose Aufrüstung von "Kommunikationsmitteln" findet statt, ohne daß irgend jemand die Frage aufwürfe, was da eigentlich mitgeteilt werden soll.

Die Lösung dieses Rätsels liegt jedoch auf der Hand. Die Industrie nämlich weiß sich mit der entscheidenden gesellschaftlichen Figur in ihrem Spiel einverstanden: mit der des "Internetteilnehmers". Dieser, keineswegs willenlos, steuert energisch einen Zustand an, den man als Programmlosigkeit bezeichnen kann. Um diesem Ziel näherzukommen, benutzt er virtuos alle verfügbaren Knöpfe seines iPhones.

Gegen diese innige Allianz von Kunden und Lieferanten ist kein Kraut gewachsen. Die verbitterte Minderheit der Kritiker tut sich schwer, ein so massives Einverständnis zu erklären, weil es ihrem Selbstverständnis widerspricht.

Wie wäre es, wenn die Majorität ihre Gründe hätte, Gründe, die sich womöglich aus der Blödigkeit, die man ihr zuschreibt, nicht ohne weiteres ableiten ließen? Wie wäre es, wenn Inhalte in der Tat entbehrlich wären und wenn sich der Begriff des Mediums selbst als untauglich, als bloße Mystifikation erwiese?

Diese Neigung war, wie sich im Rückblick zeigt, schon den alten Medien nicht fremd. Auch der Buchdruck hat es nicht an Versuchen fehlen lassen, sich der immer lästiger werdenden Inhalte zu entledigen. Die ersten Pionierleistungen auf diesem mühevollen Weg wurden im Trivialroman erzielt. Weitere Marksteine haben Boulevard-Presse, "Heftchenliteratur" und Illustrierte gesetzt. Einen triumphalen Rekord, der in der Druckindustrie bis heute unübertroffen blieb, hat, bis an die Traumgrenze des Analphabetentums gehend, die "Bild-Zeitung" aufgestellt.

Den entscheidenden Fortschritt haben jedoch erst die elektronischen Medien gebracht. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß dem Versuch, ein gedrucktes Nullmedium zu schaffen, unüberwindliche Hindernisse im Wege stehen. Wer die Schrift von jeder Bedeutung befreien will, muß zu extremen Lösungen greifen: Katzenbilder, Straßenbahnpornos, Sonnenuntergänge. Es ist bekanntlich recht schwierig und erfordert Übung und Konzentration, über längere Strecken hinweg absolute Nonsens-Sätze zu produzieren, denen keine wie auch immer geartete Deutung unterlegt werden kann. Lange scheiterte der Mensch daran - nun aber, im 20. Jahr der elektronischen Vernetzung, ist es ihm gelungen.

Papst Benedikt: Die grausame Wahrheit

Es ist ein Bild, das Geschichte machen wird. Geschossen hat es der Musiker und Hobbyfotograf Sammy Ruschdei, als er im Frühjahr mit dem Orchester von Daniel Barenboim im Vatikan aufspielen durfte. "Damals", sagt er, "habe ich im ersten Moment gar nicht bemerkt, was ich da fotografiert habe." Erst zu Hause am Computer beim Ordnen der Bilder sei ihm aufgefallen, was da unter der Soutane des heiligen Vaters hervorlugt.

Mit der Entdeckung kam die Angst. Monatelang versteckte Ruschdei, der aus Katalonien stammt, sein Foto. "Seit im Vatikan die Raben fliegen, werden die unerhörten Begebenheiten rund um den Papst immer unerhörter", sagt er, "aber das ist doch so unerhört, dass ich es nicht glauben konnte." Nichts ist, was es scheint - diese dem Katholizismus eigentlich vertraute transzendentale Sicht der Dinge hatte plötzlich eine paranoide Pointe bekommen: Der Papst der Teufel? Seine Klage gegen das Satiremagazin "Titanic" Mitte des Jahres ein Versuch, die katholische Kirche in Verruf zu bringen?

Wer fliegt als Nächster auf? Hinter jedem Mann kann ein Hintermann stecken, hinter diesem wiederum ein Hinterhintermann. Wo endet die Leutseligkeit, wo beginnt die Tarnung?

Mit dem Ruschdei-Foto ist alles vorbei. Der Verdacht wird zur Gewissheit, die bisher so schwierige Feindbestimmung läuft auf eine klare Frontziehung hinaus. Glauben oder Unglauben, Hass oder Liebe? Im Sommer war es angeblich die Zentrale der Deutschen Bischofskonferenz, die dem Vatikan empfahl, gegen das "Titanic"-Cover gerichtlich vorzugehen. Der von Skandalen und Enthüllungen geplagte Heilige Stuhl erzielte damit erst die Aufmerksamkeit, die jedermann hätte vorhersagen können, die den Kommunikationsberater des Heiligen Vaters aber auf Teufel komm' raus nicht einfiel.

Teufelskerle, die den Wahrheitsanspruch des Christentums absolut auslegen. Seit Benedikt, der bayrische Preuße unter den Päpsten, seine Kampfvokabel des Relativismus vielfältig relativiert und den Dialog der Religionen als ein vorrangiges Ziel seines Pontifikats markiert hat, steht der katholische Vernunftbegriff allein für die Wahrheit der Religion. Man kann mit allen reden, man kann auch mit allen beten, aber man kann nicht Falschgläubige als Glaubensbrüder annehmen.

Warum, sei jetzt klar, sagt Sammy Ruschdei. Auf seinem Foto sei genau zu sehen, wo die Wahrheit hinkt. "Ich rechne stark damit, dass eine Fatwa gegen mich verhängt wird", glaubt der Geiger, der seit dem Auftritt im Vatikan keinen Bogen mehr anfassen kann. Aber die Wahrheit, sie müsse raus, sie müsse unter die Menschen. "Die haben ein Recht, zu wissen, womit sie es zu tun haben."

Sonntag, 30. September 2012

Und doch nicht wiedererkannt

Die Kinder des Kindergarten gehen im Stadtpark spazieren. Plötzlich kommt ein Eichhörnchen zu den Kindern und bettelt. Da hebt die Erzieherin an: “Ei, Kinder! Was haben wir denn da? Was ist denn das? Kann mir jemand von euch sagen, was da vor uns sitzt? Keiner? Aber Kinder! Jetzt bin ich wirklich enttäuscht! Worüber haben wir denn die ganze Woche gesprochen?”

Die Lösung gibt es hier.

DNK 2012: Gerechtigkeit im Mittelpunkt

Am 29. September hat das Plenum der Deutschen Nazi Konferenz (DNK) zum dritten Mal in dieser Legislaturperiode getagt. Im Mittelpunkt der Diskussionen stand der diesjährige Themenschwerpunkt Geschlechtergerechtigkeit, zu dem eine Erklärung gegen häusliche Gewalt und das Malen verfassungsfeindlicher Symbole verabschiedet wurde, sowie die aktuelle Debatte zur Terrorgruppe NSU. PPQ dokumentiert das Abschlusskommuniqué, das die Teilnehmer einstimmig verabschiedeten.

"Wir tragen in der Deutschen Nazikonferenz dazu bei, das Verhältnis zwischen Einrichtungen von Bund, Ländern und Kommunen und den Rechtsradikalen in Deutschland weiterhin auf eine gute Grundlage zu stellen"", sagte Bundesinnenminister Dr. Hans-Peter Friedrich während der Sitzung. Ziel der DNK ist es, die Teilhabe der rund 30.000 Mitgliedern der rechten Szene zu verbessern und den gesellschaftlichen Zusammenhalt gegen rechten Extremismus zu stärken.

Die Erklärung gegen häusliche Gewalt und das Malen verfassungsfeindlicher Symbole nannte Friedrich "ein wichtiges Signal" und "eine wichtige Grundlage für die künftige praktische Arbeit zur Eindämmung von häuslicher Gewalt und rechter Straftaten". Gerade angesichts der Pluralität der Neonazis in Deutschland, die sich in NPD-Anhänger, freie Kameradschaften, Neue Rechte und zahllose weitere Gruppen teilen, sei es besonders begrüßenswert, dass es der DNK gelungen ist, eine solche gemeinsame Erklärung zu verabschieden.

Die niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan hielt ein Impulsreferat zum Thema Geschlechtergerechtigkeit. "Dem Staat obliegt die Pflicht, die freie Entfaltung der Lebensentwürfe der Individuen zu sichern und zu ermöglichen"", betonte sie. Insbesondere die Verbesserung der realen Lebensverhältnisse von Rechten und Rechtinnen sei dabei ein wichtiges Anliegen. Die Öffentlichkeit solle zur Kenntnis nehmen, dass rechtsextreme Mädchen und Frauen mittlerweile höhere Schulabschlüsse als rechte Jungen und Männer aufweisen und auch erfolgreicher in der Ausbildung seien.

Zum zweiten Mal haben Teilnehmer der Jungen Nazi Konferenz am Plenum der DNK teilgenommen. Sie haben – wie im letzten Jahr – dem Bundesinnenminister ihre Empfehlungen und Ideen überreicht. Ein persönlicher Austausch mit Friedrich zu den Empfehlungen ist für die Zeit nach dem Plenum geplant. Die JNK beschäftigte sich in diesem Jahr mit der Darstellung von Rechtsextremen im Internet.

Im Rahmen der Konferenz gab Friedrich zudem den Startschuss für den Jugendwettbewerb "Erfolgsgeschichten". "Besonders wichtig ist mir, dass die Beiträge des Wettbewerbs gerade auch die positiven Beispiele für die Integration von Rechten am Arbeitsmarkt in den Vordergrund rücken"", stellte der Bundesinnenminister heraus. Bewerben können sich bis zum 31. August 2012 Schüler und Studenten mit journalistischen Beiträgen – Text, Fotostrecke oder Video - über die erfolgreiche Wandlungvon Rechtsradikalinnen und Rechtsradikalne in Deutschland. Alle Details sind auf der Website der DNK zu finden.

Die Deutsche Nazikonferenz hat sich klar gegen die radikale Terrorgruppe NSU gestellt. Die Arbeitsgruppe Prävention der Nazikonferenz erörtert derzeit praktische Maßnahmen zur Prävention von Extremismus und gesellschaftlicher Polarisierung, die sie 2013 vorstellen wird. "Wir sind uns in der DNK alle einig, dass rechter Extremismus nicht akzeptabel ist und nicht in eine freie Gesellschaft, wie wir sie in Deutschland haben, passt"", betonte Friedrich.

Die DNK tagt auf mehreren Ebenen. Höchstes Gremium ist das Plenum, darunter wird die Arbeit des Plenums durch einen Vorbereitungsausschuss vorbereitet und ergänzt. An der DIK nehmen Vertreter von Bund, Ländern und Kommunen, rechten Verbänden und rechtsradikalen Persönlichkeiten teil. In der vergangenen Legislaturperiode wurden theoretische Handlungsgrundlagen geschaffen. Nun geht es darum, die konkrete Teilhabe der Rechtsradikalen in Deutschland zu stärken und Ergebnisse in die Praxis umzusetzen. Für die Plenarsitzung 2013 ist "Prävention" als Schwerpunktthema vorgesehen. Für den Herbst 2012 wurde eine Tagung zum Thema "Rechte im Visier – der Kampf gegen rechts" beschlossen.

Samstag, 29. September 2012

Wer hat es gesagt?


Das Tempo der Veränderungen eskaliert. Die Verantwortung dafür tragen Medien, ihr Effekt scheint unberechenbar.

Aufkommender Weltfriede: CIAir pleite

Es ist ein harter Schlag für die Kriegstreiber überall in der Welt: World Airways, die Transportfluggesellschaft, die von Friedensaktivisten seit Jahrzehnten verdächtigt wird, im Auftrag der CIA Mordbrenner zu Einsätzen in aller Welt zu fliegen, ist pleite. Die World-Mutterholding Global Aviation hat Gläubigerschutz beantragt, nachdem die Flugaufträge des US-Militärs im Zuge des Truppenrückzugs aus Nahost eingebrochen waren. Es sei damit nicht mehr möglich, die Flotte auszulasten, begründete die Firmenleitung.

Der aufkommende Weltfriede trifft den Flughafen Leipzig/Halle besonders stark. Hier hatten die US-Streitkräfte ihren Einsatzeinheiten im Irak und Afghanistan bisher Zwischenstopps genehmigt, die nun zunehmend wegfielen. In Spitzenzeiten landeten bis zu acht US-Maschinen täglich in Sachsen, dem staatlichen Flughafen flossen dadurch hohe Landegebühren zu. Pro Monat wurden bis zu 80 Truppentransportflüge mit ungefähr 160 Soldaten pro Tag abgefertigt. Allein bis Anfang 2009 sollen 450.000 Soldaten über Leipzig/Halle in den Kampfeinsatz geflogen sein. Immer wieder regte sich in der Region Widerstand gegen die militärische Nutzung, Bürgerinitiativen und Friedensorganisationen wie die "Aktionsgemeinschaft Flughafen natofrei" forderten ein Ende der militärischen Nutzung.

Dem hatte die Geschäftsführung des Flughafens stets widersprochen. Durch die Nutzung als Drehkreuz für US-Truppentransporte habe eine Betriebsküche mit 65 Angestellten vor der Schließung bewahrt werden können. Deren Zukunft könnte wieder offen sein, ebenso wie die der mehr als 2000 Angestellten der "CIAir" genannten Fluggesellschaft.

Freitag, 28. September 2012

SPD-Kanzlerkandidatur: Ein Rentner solls richten

Er war Arbeiterführer und er führte die deutschen Truppen in eine siegreiche Schlacht gegen die Schweiz, er scheiterte als Ministerpräsident, hinterließ aber eine mit Zertifikaten und Verbriefungen bis obenhin ausgestattete Landesbank, er meisterte die größte Krise seit der Karoknappheit anno 1985 in der DDR, indem er sie für eine rein amerikanische hieltund nach seinem Ausscheiden schrieb er ein Buch, dass er "Unterm Strich" nannte, als könne er wirklich rechnen.

Nun wird der Rentner Peer Steinbrück "aller Voraussicht nach SPD-Kanzlerkandidat", wie die "Zeit" gleichlautend mit allen übrigen Medien berichtet.

Die SPD, mit der traditionell die neue Zeit zieht, löst damit eine Vorhersage ein, die hier bei PPQ vor zwei Jahren gemacht wurde. Parallel zum Rückzug des früheren Bundes-Mecki Kurt beck - ein Zeichen der Erneuerung. "Ich glaube, Peer Steinbrück ist der Richtige, wir haben keinen besseren", habe der Wahl-Magdeburger gesagt. Aus seiner Sicht sei der kernige Sozialdemokrat, der einst die Schweiz überrollen wollte, der geeignetste Kandidat, die Mitte auf ähnliche Weise anzusprechen wie das zuletzt Frank Steinmeier gelungen war. "Frank-Walter", so Gabriel, "hat gezeigt, dass niemand Parteivorsitzender sein muss, um ein scharfes Rennen zu liefern und am Ende achtbar zu unterliegen."

Steinbrück, der sich in den letzten Wochen als grimmiger Krieger im Unruhestand inszeniert und die Nähe des dauerqualmenden Alt-Kanzlers Helmut Schmidt gesucht hatte, benennt noch in dieser Woche sein Schattenkabinett. Während er selbst als primus inter pares das Kanzleramt ausfüllen wird, wofür Steinbrück offenbar auch bereit ist, seine Rolle als Kommissar im bekannten krimi "Martin Beck" aufzugeben, sehen die Planungen vor, dass der bewährte Finanzstaatssekretär und heutige EZB-Vertreter Jörg Asmussen zum Finanzminster aufrückt. Asmussen habe das Ministerium unter Steinbrück und Schäuble bereits mit "großer Umsicht" geführt und durch höhere Steuereinnahmen gespart. "Jetzt ist es Zeit, dass er in die erste Reihe tritt", lobte der ehemalige Vorgesetzte und künftige Kanzler. Gerüchte, der sachsen-anhaltische Finanzminister Jens Bullerjahn werde als Sparkommissar nach Berlin rücken, sind damit vom Tisch.

Da Außenministerium und damit die Vizekanzlerschaft traditionell an die Grünen als kleineren Koalitionspartner fallen und nach den Plänen der neuen Volkspartei mit der derzeitigen Parteichefin Claudia Roth besetzt werden, plant Steinbrück, die SPD-Seite des Kabinettstisches mit Sigmar Gabriel als Wirtschaftsminister und Andrea Nahles als Sozialministerin zu besetzen. Das Innenressort fällt an Nils Annen, für die Gesundheit hält sich Manuela Schwesig aus Mecklenburg bereit.

Das Familienministerium, für das die Schwerinerin als Favoritin galt, fällt überraschend an Klaus Wowereit, der damit als erster Mann ins Familienressort einzieht, sobald er Berlin an Renate Künast übergeben hat. Andrea Ypsilanti, deren harte Basisarbeit in den vergangenen Jahren danach "geschrieen" (Steinbrück) habe, längst vergangene Fehler nicht mehr aufzurechnen, bekommt das neugeschaffene Integrationsministerium, das sich künftig um benachteiligte Jugendliche kümmern wird. Generationswechsel auch im Justizministerium: Hier wird aus Gründen des Länderproporzes noch ein junger männlicher Jurist oder Steuerberater aus Bayern gesucht, der Kinder und internationale Erfahrung haben, aber mindestens in zweiter Ehe verheiratet sein soll. Hier sehe er aber noch Verhandlungsmasse, sagte Steinbrück, der bereit wäre, den Posten an den juristisch erfahrenen Grünen-Chef Cem Özdemir zu geben.

Die Grünen reklamierten in einer schnell einberufenen Telefonkonferenz außer dem Außenministerium erwartungsgemäß Verteidigung und Umwelt für sich. Neuer Verteidigungsminister wird danach Christian Ströbele, der plant, die Abschaffung der Bundeswehr weiter zu beschleunigen. Deutschland könne der Welt ein Beispiel geben und sich in Zukunft gewaltfrei verteidigen. Das Umweltressort möchte Parteichef Jürgen Trittin gern selbst übernehmen. Der angefragte Ersatzkandidat Rezzo Schlauch habe abgesagt. Endgültig müsse darüber aber die Basis entscheiden. Gedacht ist an einen Vorausscheid im Fernsehen nach dem Vorbild von "Deutschland sucht den Superstar". ARD, ZDF, Phoenix und RTL übertragen die Finalrunde dann parallel

Expo 58: Die Vergangenheit der Zukunft

"Wer zählt die Völker, nennt die Namen? Wer kennt die Flaggen, zählt die Häuser, schätzt die Kosten?", schwärmt die "Zeit". Ist es ein Spiel, dies alles, oder ein ernsthaftes Treiben — des Schweißes der Edelsten wert? Wie — die Nationen rings im Erdkreis geben sich hier ein Stelldichein, um gegenseitig Freud und Leid zu offenbaren?

Es geht um die Weltausstellung, die damals „Expo 58" hieß, weil 1958 das Jahr war, in dem sie stattfand. Atomium, schreibt Jan Molitor. Ein Zimmer kostet hundert und für ein Frühstück dreißig Mark. Es war noch kalt, damals, und der Regen berieselte die Besucher. Brüssel steht unter dem "asymmetrisch gezackten Stern", der über dem Gelände gegenüber dem Königsschloss Lacken leuchtet. Ringsum weht Musik aus Lautsprechern, überall knattern Fahnen.

Es gibt noch keinen Euro, es gibt noch keine Finanzpakete und Rettungsschirme. Die Vergangenheit hat noch Zukunft: glanzvolle Avenuen, weiße Tunnel, Über- und Unterführungen, riesige Parkplätze. "Und sogar inmitten des umzäunten Geheges läuft auf Betonstreben eine schräg geschnittene, pompöse Fahr- und Gehbahn, die mit der Kühnheit ihrer Linienführung obendrein künstlerische Ambitionen hat."

Der Planet Zukunft ist eine sonderbare Welt, auf Hochglanz poliert. "Stellen wir uns einen Menschen vor, der nie in Deutschland, nie in England, Frankreich, Belgien, Rußland war, ja, überhaupt nirgendwo auf der Welt, so ergibt sich notgedrungen der Typ, für den die „Expo 58" glaubhaft ist: der Marsmensch, quod erat demonstrandum.

Denn eines ist schon damals so: In Brüssel halten sich die Nationen so wenig an die Vereinbarung, dass sie das menschliche Leben der Völker rund um den Erdkreis darstellen wollen wie sie sich später an den Maastricht-Vertrag halten werden. "Sie stellen nur die Hälfte dar, nur das Gute, nicht das Schlechte, nur den Glanz, nicht den Alltag; nur die Freud, nicht das Leid."

54 Jahre, und Europa war schon fertig. 1958 schon schickte jeder Staat das nach Brüssel, womit er glaubte, tüchtig angeben zu können. So war in Brüssel "alle Tage Sonntag", befindet Zeit-Autor Jan Molitor. Nichts ändert sich wirklich. Es sieht nur im Fernsehen so aus.

Sprache: Wie aus Moslems Muslime wurden

Die Veränderungen der Welt gehen oft so langsam vonstatten, dass sie den Menschen, die sie erleben, zuallerletzt auffallen. Also gar nicht. Bundespräsident Gauck etwa spricht in seiner wegweisenden Palästina-Rede ganz selbstverständlich von „Muslimen“, die zu Deutschland gehören, wenn sie hier leben. Um die Frage, ob hier lebende Salafisten, die ja auch Muslime sind, dann auch zu Deutschland gehören, soll es nicht gehen, sondern vielmehr darum, wie sich die öffentliche Wahrnehmung von Koran-Gläubigen in Deutschland in den vergangenen Jahren durch veränderte Begrifflichkeiten verändert hat: Fort sind nicht nur der „Muselmane“, der „Mohammedaner“, der „Islamit“ und der „Sarazene“, sondern auch der Moslem, der in Deutschland über Jahrzehnte hinweg als korrekter Begriff zur Benennung der Rechtgläubigen verwendet wurde.

„Indonesien: Höchster Moslem-Rat droht USA“, schrieb der „Spiegel“ noch 2001, damals war auch Muhammad Ali noch nicht nur ein großer Boxer, sondern auch ein „Moslem“, der von sich selbst sagte „Ich bin Moslem“. Türken sagten gar von sich, sie seien Müslüman, Perser nannten sich Musalmānn, gläubige Frauen hießen hierzulande Moslemin.

Aber dann ist irgendetwas geschehen, wie ein Blick auf die Verwendungshäufigkeit des Begriffes Moslem in deutschen Zeitungsarchiven und bei Google Ngram zeigt. Der Moslem schwächelte erst spürbar, inzwischen ist er nahezu ausgestorben. Denn sein jüngerer Begriffsbruder „Muslim“ hat ihn fast vollständig verdrängt.

Zum Beispiel beim „Spiegel“, dem Maßband deutscher Mundart überhaupt. Im Jahr 1999 verwendete das Magazin den Begriff Moslem 33 Mal, im Jahr 2000 dann 40 Mal. Im Jahr 2001 steigt die Zahl der Fundstellen auf 79, weil die Anschläge vom 11. September dem Thema eine Sonderkonjunktur verschafften. Zum Vergleich: 1999 wurde „Muslim“ 34 Mal verwendet, im Jahr 2000 dann 33 Mal, 2001 bringt schließlich einen sprunghaften Anstieg auf 120 Einsätze.

Eine Zeitenwende. Unbemerkt von der breiten Bevölkerung ist der „Moslem“, der bis dato bestimmender Sprachgebrauch war, um Koran-Gläubige zu bezeichnen, in Gefolge des Herbst 2001 zur bedrohten Vokabel geworden. Gauck und Wulff, „Spiegel“ und „Welt“, dpa und Tagesschau, als habe es einen geheimen Befehl zur Umbenennung gegeben, kennen alle nur noch den aus dem Englischen eingeschleppten „Muslim“ und die an die arabische weibliche Form angelehnte „Muslima“.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 2009 verwendete der „Spiegel“ den Begriff „Muslim“ 170 Mal, 2010 145 Mal und 2011 135 Mal. Der Gebrauch von „Moslem“ dagegen erreicht nicht mehr annähernd die Werte aus den Jahren bevor die sich im Arabischen selbst „Muhammadi“ ‏(محمدي‎ ) nennenden „Angehören des Islam“ (Wulff) von Gläubigen einer anderen Religion zu Gläubigen der anderen Religion wurden: 11 Mal griff der „Spiegel“ 2009 auf die Vokabel zurück, acht Mal unterlief sie ihm 2010 und nur noch sieben Mal im Jahr 2011.


Was ist da geschehen? Was ist da passiert? Wer hat da ein Verdikt verhängt, dass „Moslem“ heute von fern wirkt, als klänge es wie das „Neger“ im „Spiegel“-Beitrag vom 4. Januar 1947, der von einer „Londoner Moslem-Konferenz“ berichtet, dabei aber das Kunststück fertigbringt, auch das Wort „Moslem“ zum ersten Mal im Spiegel unterzubringen?


Der „Muslim“ folgte übrigens erst ganze 14 Jahre später, am 2. August 1961.

Donnerstag, 27. September 2012

An der Modelrampe

Wenn sie lecken sollten, sie würden auch lecken. Vor 30 Jahren noch rebelliert und versucht, Sand im Getriebe zu sein. Widerspenstig, widerständig, voller Widerspruch.

Heute im Fernsehen. Und im Wettstreit darum, wer noch besser funktioniert als bloß wie geschmiert.

Doku Deutschland: Der Mann, der im Bellevue Bettina war


Sie haben natürlich Recht.Das ist meine übliche Vorgehensweise. Ich habe auf diese Weise schon Unmenschlichkeit und Sklaverei auf dem Bau, bei Springer, in einer Hühnchenfabrik und bei einer Bäckerei aufgedeckt. Gar nicht zu reden von meiner Rolle als Farbiger mitten in Deutschland, in der ich verfolgt und unterdrückt wurde wie das all unseren farbigen Mitbürgern geschieht.

In diesem Fall kam aber nicht nur die Idee von außerhalb, auch die meiste Arbeit blieb wie immer an meinem Team hängen. Der erste Gedanke schien selbst mir damals bizarr. Was wäre, wenn ich mich in die Welt der Politik begäbe, um dort herauszufinden, wie die Männer, die über uns regieren, im tiefsten Inneren ticken, fragte ich mich. Es war ein schöner Frühlingsmorgen, ich saß wie immer in der Maske, um mich auf meine Rolle als Talkshowgast vorbereiten zu lassen. Im Fernsehen trat Christian Wulff auf, einer aus der Generation der Smarten, Glatten, ein Politprofi ganz aus Teflon. Ich stellte mir unwillkürlich die Frage, wie ich an so einen herankommen könnte. Als junge Frau? Blond? Schlank und schön?

Eigentlich war das klar und ich war in dieser Talkshow dann auch nicht so besonders bei der Sache, das muss ich zugeben. Wenn ich ersteinmal in meinem Missionsmodus bin, kenne ich keine anderen Gedanken mehr. Wie lässt es sich umsetzen? Welche Tarnung brauche ich? Mit welchem Sender kann ich vorher Verträge machen? Welcher Verlag wäre interessiert? Lässt sich ein Drehbuch nach meinen Abenteuern schreiben? Habe ich eine Chance auf den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels? Solche Fragen stellt man sich da, wenn man ich ist.

Mein nächster Weg führte dann wie immer zu meinem Team aus Maskenbildnern und Chirurgen. Würde es wirklich möglich sein, aus mir eine junge, schöne Frau zu machen? Und siehe da: Es war nicht einfach, aber machbar! Vier Operationen und ein Bleaching, das meine Haut samtig und rein machen würde, dazu monatelanges Zirkel-Training, um Speckpölsterchen abzubauen und mich fit zu machen für Hackenschuhe und enge Kleider. Dann war ich bereit.

Ich traf meinen künftigen Gatten zum ersten Mal auf einer Südafrikareise, in die mich Freunde aus dem niedersächsischen Wirtschaftsministerium geschmuggelt hatten. Dort unten, unter der Sonne des vom Rassismus befreiten afrikanischen Landes, fiel der Blick des damals noch als Ministerpräsident amtierenden großgewachsenen CDU-Mannes wie geplant schnell auf mich uns meinekaum zu übersehenden Qualitäten. Ich bin geistreich, aber nicht vorlaut, interessiert, aber nicht leicht zu haben, so hatte ich meine vielleicht größte Rolle angelegt. Ich kenne die Männer, denn ich bin ja selbst einer!

Mein Traum, unerkannt in die Kreise der großen Politik einzusickern, ging schneller in Erfüllung, als ich das selbstgedacht hatte. Eigentlich war meine Unternehmung darauf ausgelegt, mich mindestens zehn Jahre rund um die Uhr zu beschäftigen. Ich war davon ausgegangen, dass ich auf diese Weise auch noch den Nobelpreis für das am längsten dauernde Rollenspiel der Literaturgeschichte einheimsen könnte.

Aber mein künftiger Mann flog förmlich auf mich. Wenige Monate nach unserem Kennenlernen traten wir auch öffentlich gemeinsam auf, die Hochzeit war dann nur noch eine Frage der Zeit. Ich hatte mir, um meine Legende zu vervollkommnen, das Kind einer engen Freundin geliehen und bei Hofe als meine Tochter vorgestellt. Probleme würde es hier nicht geben, denn das Mädchen kam aus einfachen Verhältnissen und war selbst sehr daran interessiert, die Gelegenheit zum gesellschaftlichen Aufstieg zu nutzen. Überdies bezahlte ich die Kindesmutter wie alle meine Helfer, Assistenten und Teammitglieder recht anständig.

Ein Glückfall war dann natürlich der Umstand, dass Kanzlerin Angela Merkel, die ich nicht schätze, der ich aber meinen Respekt nicht versagen möchte, sich entschloss, meinen Gatten als Konkurrenten um die nächste Kanzlerschaft aus dem Weg zu räumen, indem sie ihm nach der Köhler-Krise den Posten des Bundespräsidenten anbot. Mir bot sich hier nicht nur die Gelegenheit, mein Rollenexperiment um mindestens drei Jahre abzukürzen, sondern auch die Chance, Politik noch einmal von einer anderen Seite kennenzulernen. Welcher Enthüllungsreporter weltweit hat bisher schon die Möglichkeit gehabt, als First Lady zu amtieren? Und darüber zu berichten?

Ich riet meinem Mann zu. Wie schon bei der Organisierung unseren Hauskredits hörte er auf mich. Nach einer Amtseinführungszeremonie, die selbst mich mitallen Wassern gewaschenen Medienprofi nicht gänzlich unbewegt ließ, zogen wir dann ins Schloss Bellevue. Kein Wohnort für eine junge Familie, wie ich mir sogleich notierte. Große, kalte Räume, jede Menge Fremde im Haus, Wachen, nachts die Beleuchtung für die Touristen und immer Terroralarm. Selbst wenn wir mal Sex haben wollten, wie gesagt, wir führten trotz dem Umstände eine ganz normale Ehe mit allen Pflichten für beide Partner, mussten wir ganz fein stille sein, um das Personal nicht zu stören. Das ist nichts, was ich haben möchte, wenn ich privat irgendwo wohne.

Hier aber war das Ertragen dieser schwierigen Lebensumstände Teil meiner Aufgabe - und Teil der Botschaft, die ich plante, den Menschen draußen im Land aus dem Reich der Mächtigen zu überbringen. Genauso würde ich auch nicht verschweigen, was mir schon nach den ersten paar Staatsbesuchen nicht verborgen blieb: Es ergab sich kaum eine Chance, sich mit den anderen First Ladys richtig dicke anzufreunden. Sogar Michelle Obama, die im Fernsehen immer sehr geerdet wirkt, beließ es dabei, freundlich zu sein. Wir duzten uns auf diese amerikanische Art, die eigentlich auch nur ein Siezen ist. Mehr muss ich nicht sagen - es wurde keine Freundschaft fürs ganze Leben aus unserer Begegnung!

Nach wenigen Monaten im Trott von Empfängen, die ich wie alle meine Aufgaben ohne Bezahlung absolvierte, von Staatsbesuchen und Auftritten bei Galas konnte ich schon sagen, dass die Brötchen, die wir uns allmorgendlich vom Stammbäcker meines Mannes aus Hannover nach Berlin einfliegen ließen, hart verdient waren. Kuchen gab es kaum, um wenigstens den Verdienstausfall aus meinem früheren Job als Reporter in Grenzen zu halten, musste ich meinen Mann überreden, mir aus seiner Apanage einen Betrag zu zahlen, der halbwegs dem Volontärsgehalt bei einem Provinzverlag entsprach.

Ich war nicht glücklich in meiner Rolle, aber das machte mich glücklich, denn es versprach ein konfliktreichen, spannend zu lesendes Buch. Schließlich blieb auch das zwischenmenschliche Verhältnis zwischen meinem Mann und mir nicht unberührt von den Umständen. Er fühlte sich wohl wirklich als Staatsmann, wenn er Rettungsschirmgesetze unterzeichnete, Reden hielt und mich auf der Schlosstreppe präsentierte.

Ich aber beschloss dann doch, es gut sein zu lassen. Ich hatte alles, was ich für mein Buch brauchen würde, beisammen. Auch einen Titel hatte ich mir schon ausgedacht: "Jenseits des Protokolls" würde ich mein neues Werk nennen und es mit einer geschickt eingefädelten Artikelserie meines alten Kollegen Hans Leyendecker sensationell gut promoten. Das würde der Welt die Augen öffnen über die Verhältnisse hinter den Kulissen der Spitzenpolitik, das würde ihnen zeigen, wie eng die Horizonte sind, zwischen denen die Anzugträger aus den Fernsehnachrichten navigieren. Solange sich nur einzelne Individuen oder Medien an dieser Demonstration von Freiheit beteiligen, wird nicht viel erreicht, glaube ich zwar immer noch. Aber wenn wirklich Millionen mein Buch kaufen, wäre das eine deutliche Botschaft. Das würde die Gegner ermüden, denn so viel können sie gar nicht demonstrieren.
Zur PPQ-Echtzeit-Serie Doku Deutschland

Mittwoch, 26. September 2012

Modebranche: Fett und häßlich holen auf

International ist es längst Standard, auf Angaben wie Namen, Geschlecht oder Familienstand sowie Fotos in der Bewerbung zu verzichten. Ohne diese Angaben werde der Fokus besser auf die Qualifikation der Bewerber gelenkt. Dabei verbessern sich insbesondere Chancen für Frauen, Migranten, Übergewichtige und Ältere. deshalb plant die Bundesregierung jetzt erstmals auch eine Übernahme der Anonymen Bewerbung bei der Wahl zum Bundestag. Damit werde Alters- und Herkunftsdikriminierung wirksam ein Riegel vorgeschoben, heißt es im politischen Berlin.

Untersuchen sprechen eine klare Sprache: Klischees und Vorurteile, aber auch das Aussehen und das öffentliche Auftreten spielten bisher eine große Rolle bei der Frage, wer es bei Wahlen in den Bundestag schafft. "Das ist häufig unbewusst", berichtet Christine Lüders von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Alte, aber auch häßliche oder vermeintlich zu dicke Menschen hätten so weniger Chancen auf ein Mandat als junge, dynamische und gutaussehende Bewerber. "Viele Wähler sind zum Beispiel der Meinung, dass ein fetter Politiker, der offensichtlich nicht auf seinen eigenen Körper aufpassen kann, besser nicht für ein ganzes Land verantwortlich sein sollte."

Diese unzulässige Benachteiligung nimmt der Bund nun ins Visier. Künftig können Bewerber für einen Platz im Bundestag auf die Angaben von Namen, Alter, Geschlecht, Herkunft und Familienstand in den Unterlagen verzichten, auch Bilder von sich müssen sie nicht mehr zur Verfügung stellen. Statt mit Fotos werde mit inhaltlichen Aussagen wie "SPD isst Currywurst" geworben. Ein Pilotprojekt in der Modelbranche habe gezeigt, dass bislang übliche Angaben nicht benötigt würden.

"So haben endlich alle Bewerbergruppen die gleiche Chance auf ein Mandat oder einen Modeljob", freut sich Lüders. Bei Frauen verbesserten sich die Chancen tendenziell, bei Bewerbern mit Migrationshintergrund seien zumindest die Nachteile verschwunden, erläuterte Lüders. Fette, Häßliche und Dumme lägen plötzlich gleichauf mit Schlauen, Hübschen und Schlanken.

Das bestätigt auch der Präsident des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit, Klaus Zimmermann. Nach seinen Beobachtungen verringern persönliche Details in Bewerbungen die Chancen aller Bewerber trotz gleicher Qualifikation nachweislich. So sinke die Chance auf einen Platz im Bundestag allein aufgrund eines türkisch klingenden Namens um 14 Prozent. Das Ergebnis sei, dass es weltweit zwar genauso viele Türken wie Deutsche gebe, im deutschen Bundestag aber nur eine Handvoll türkischstämmiger Politiker vertreten sei.

"Nach der Anonymisierung herrscht tatsächlich weitgehend Chancengleichheit", resümierte Zimmermann. Dies sei auch gut für die Politik: Weil im Parlament bisher aufgrund von Vorurteilen der Wählerinnen und Wähler die falschen Politiker saßen, während richtig qualifiziert Bewerber durchfielen, könnten durchaus Milliarden Euro verloren gehen. Das sei in den letzten Monaten deutlich geworden, als Regierung und Parlament mehrere hundert Milliarden Euro ausgaben, um die EU zu retten.