Donnerstag, 25. Juli 2024

Grundreinigung in Lummerland: Ganz in Weiß

Eine Nachbearbeitung der Jim-Knopf-Filme könnte weitere rassische Klischees ausmerzen.


Es sollte nur eine dieser Verfilmungen werden, die einer neuen Generation die charmanten Helden ihrer Eltern nahebringt. "Jim Knopf und die wilde 13" entstand im ostdeutschen Brandenburg, in einer Filmfabrik der ehemaligen Ex-DDR, ein "rührendes Aufeinandertreffen", so der "Tagesspiegel", von westdeutscher Hochkultur und ostdeutscher Provinzialität. Auch in Südafrika wurde wieder gedreht, das Land gilt als beste Klischeekulisse für die kolonialen Fantasien des bundesdeutschen Autos Michael Ende, der als Sohn eines entarteten Künstlers geboren wurde, aber mit der Erfindung des Landes Lummerland selbst über Jahrzehnte als unumstrittener Fortschrittsschriftsteller galt.

Knopfs völkische Wurzeln

Erst spät wurden die völkischen Wurzeln des 1995 verstorbenen Kulturschaffenden entdeckt, erst noch viel später wurden sie ausrissen und ausgebrannt. Titelheld Jim Knopf, ursprünglich ein Schwarzer Mensch, wurde gebleicht, um dem Buchklassiker den Rassismus auszutreiben. Seine Lippen wurden schmaler, das N-Wort wurde ersetzt und ein einordnendes Nachwort sorgt nun dafür, dass Kinder "bestimmte sprachliche Elemente nicht in ihre Alltagssprache übernehmen", wie das als Prüf- und Kontrollbehörde fungierende Bundesblogampelamt (BBAA) im mecklenburgsichen Warin in einer Pressemitteilung einordnet.

Ein Sieg für die Menschlichkeit, ein Sieg des Fortschritts über das rückwärtsgewandte Beharren konservativer Kräfte auf unveränderten Originaltexten. Die neue, bereinigte Fassung zeigt einen Jim Knopf, der daheim ist in einer Zeit, die mitten in der Transformation steckt: Sein Lummerland ist noch nicht vollständig demokratisiert, nicht einmal EU-Beitrittskandidat und auch über die Arbeitsbedingungen der dortigen Lokführer ist kaum etwas bekannt. 

Heizpumpe für Herrn Ärmel

Doch die Lummerlandbewohner, zumeist noch daheim in klimabelastenden Einfamilienhäusern, leben nun im besten Lummerland, das sie je hatte. Im Laden von Frau Waas ist nichts zu sehen von Lieferkettenprobelmen oder höheren Preisen. Das Haus von Herrn Ärmel wird wohl demnächst gedämmt und mit einer Heizpumpe ausgestattet. Das Schloss von König Alfons dem Viertel-vor-Zwölften fungiert als fröhliches monarchisches Symbol wie Brüssels Barleymont-Palast, nicht als Machtzentrum.

Die Überarbeitung des Buches auf den nunmehr gerade aktuellen Stand aber werfen auch Fragen auf. Die heute schon sechs und vier Jahre alten Verfilmungen zeigen sich unvorbereiteten jungen Zuschauern weiterhin als stupide Übersetzungen der falschen Buchschwerpunkte auf die Kinoleinwand. Lukas der Lokomotivführer ist ein alter, weißer Mann. Jim Knopf ein augenscheinlich schwarzer Junge, dem zudem aufgetragen ist, eine klischeehaft weiße und wehrlose "Prinzessin Li Si" aus den Fängen eines Drachens zu befreien. 

Bürgerrechtler protestieren

Für die Bürgerrechtsorganisationen European Moral Rights (EMR), Gesellschaft für Einheitsrechte (GFE) und Global Witness of Shame (GWoS) kein Zustand, der geduldet werden kann. "Wir sind sicher, dass auch Micahel Ende heute wollen würde, dass seine Geschichten so dargestellt werden, dass an ihrer Botschaft kein Zweifel bestehen kann", sagt die GFE-Vorsitzende Barbar Rabenstic. Ende haben zu seiner Zeit nicht wissen können, wie sich die Herangehensweise an die Akzeptanz von Fremden und die Toleranz für Andersartiges mit der Zeit entwickeln werde. "Sonst hätte er seine Bücher ohne Zweifel gleich ganz anders geschrieben." Nun, wo die Knopf-Bände auf einen zeitgemäßen Stand gebracht worden seien, sei es aber Zeit, auch die Filme umzugestalten. "Sie sollen ruhig spannend und humorvoll bleiben, aber auf eine lehrreiche Weise."

Global Witness of Shame (GWoS), eine Organisation, die sich auch dem klimagerechten Kampf für eine nachhaltige Umwelt widmet, verweist zudem auf problematische Details in Endes Werk. So sei Lummerland als schwimmende Insel ganz besonders vom Anstieg der Weltozeane infolge des Klimawandels betroffen. "Allein findet sich weder in den Büchern noch in den Verfilmungen ein Hinweis darauf", beschreibt Karoletta Tastabi von GWoS. 

Lummerland-Volk ohne Raum?

Als bedrückend empfänden viele Betroffene auch die von Michael Ende aufgemachte krude These, dass Lummerland als Insel zu klein für alle Bewohner werden könne. "Das ist natürlich eine Erfindung, die direkt auf das Konto der rechtsextremistischen Fremdenfeinde einzahlt", ist die studierte Moralologin Tastabi sicher. Solche verqueren Schuldzuweisungen nicht nur aus dem berühmten Kinderbuch, sondern auch aus den beiden Filmen zu entfernen, sei "keine Ausgeburt woker Selbstgerechtigkeit", sondern Ausweis eines gesunden Verhältnisses zur Sprache. 

"Es reicht eben nicht, Jim Knopf und dem Lokführer Lukas aus guten pädagogischen Gründen die gesundheitsschädliche Pfeife aus dem Mund zu nehmen", findet die Geschäftsführerin des größten deutschen Moralverbandes, "sondern es braucht zwingend eine moralhygienische Grundreinigung eines Werkes, das in dieser Form einfach nicht mehr in unsere Zeit passt".

Schuldenbremse: Initiative will Verbot wegen Verfassungsfeindlichkeit

Eine Petition soll die Bundespolitik zwingen, die Schuldenbremse vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig aburteilen zu lassen.

Sie waren alle dabei, lauter Figuren, denen heute häufig nachgesagt wird, sie hätten so ziemlich alles falschgemacht. Angela Merkel, die Kanzlerin, die Deutschland dem Kreml in die Arme geworfen hat. Sigmar Gabriel, der Kanzler werden wollte und zum Schluss ein Gnadenbrot als Außenminister serviert bekam.  

Andrea Nahles, auch eine SPD-Vorsitzende, die heute endversorgt Deutschlands Arbeitslose verwaltet. Dazu Wolfgang Schäuble, selbstverständlich, denn Schäuble war immer dabei. Wie Wolfgang Thierse (SPD), Dagmar Wöhrl (CDU) und Petra Weis (SPD), wie Frank-Walter Steinmeier, Brigitte Zypries, Peter Struck und Walter Riester.

Wankende Gestalten

Nachdem eine sogenannte Föderalismuskommission vorgeschlagen hatte, die Staatsverschuldung Deutschlands dauerhaft durch eine Schuldenbremse zu begrenzen, ging es schnell. Am 29. Mai 2009 hob eine Mehrheit im Deutschen Bundestag die Hände. Die Medienlandschaft jubelte über das neue, wichtige Instrument, das Staatsdefizit einzudämmen und irgendwann abzubauen.  Norbert Lammert, damals Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages, Volker Kauder, Ruprecht Polenz, der sein Glück später als Politfluencer fand, aber auch weitgehend unbekannt gebliebene Parlamentarier wie Kerstin Griese, Hans-Michael Goldmann und Kai Gehring hatten einen Pflock eingeschlagen: Künftigen Parlamenten war es nun versagt, eines der zentralen und edelsten Rechte auszuüben, das eine demokratisch gewählte Volksvertretung hat.

"Seit 2011, der Bundestag von 2009 hatte ja wohlweislich nicht sich, sondern erst nachfolgende Parlamente ab dem Jahr 2020 fesseln wollen, üben gewählte Abgeordnete das sogenannte Haushaltsrecht nur noch eingeschränkt aus", schimpft Ronald C. Gerber, einer der Mitinitatioren einer Petition, die auf eine Verfassungsklage gegen die Schuldenbremse zielt. 

Dass sich die "Klasse von 2009", wie Gerber sie abschätzig nennt, angemaßt habe, sämtlichen folgenden Parlamenten das Recht abzusprechen, nach bestem Wissen und Gewissen selbst über die staatliche Neuverschuldung zu entscheiden, ist für das aktive Mitglied in der AG Sozialdemokraten in der SPD (AGS)  schon damals ein Ärgernis gewesen. "Und heute sehen wir, wo uns das hingeführt hat."

Das aktuelle deutsche Finanzdesaster 

Die Verantwortlichen für das aktuelle deutsche Finanzdesaster säßen nahezu alle daheim im warmen Stüblein, händereibend angesichts der Tricks und Klimmzüge, die ihre Nachfolger vollführen müssen, um wenigstens so zu tun, als hätten sich die Verschuldung auf maximal 0,35 Prozent des nominellen Bruttoinlandsprodukts (BIP) beschränkt. 

"Der Rest steckt doch aber", sagt Gerber, "in diesen Schattenhaushalten, die sie jetzt Sondervermögen nennen." Nur mit Hilfe dieses Kunstbegriffes aus der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) in Berlin gelinge es der Bundesregierung überhaupt noch, ganz normale Alltagsaufgaben des Staates wie den Unterhalt eines stehenden Heeres, Rentenzahlungen oder Investitionen privater Großkonzerne zu finanzieren.

Gemeinsam mit anderen Kritikern der Lage, darunter einige Kenner der Verfassung und Experten, die das Grundgesetz "beinahe auswendig kennen", wie Gerber lobt, hat der 52-Jährige eine Petition ins Internet gestellt, mit der er den "abscheulichen Plan" (Campact) der Schuldenbremser von 2009 durchkreuzen will. 

Da es sich  beim Haushaltsrecht um ein Grundrecht des Parlaments handele, das von niemandem eingeschränkt werden dürfe, sei eine Verfassungsänderung, die das anstrebe, von vornherein ungültig gewesen, so argumentieren sie. "Diese Regelung greift in die Autonomie der gewählten Volksvertreter ein und nimmt ihnen die Möglichkeit, selbst zu entscheiden."

Fesseln für den Bund

Da Abgeordnete nur ihrem Gewissen verpflichtet seien, nicht aber Haushaltsregeln, die von früheren Generationen von Abgeordneten aufgestellt worden sind, mangele es der Schuldenbremse an verfassungsgemäßer Eingriffstiefe. 

"Der damalige SPD-Fraktionschef Peter Struck und der baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger von der CDU haben sehenden Auges ein absolutes Neuverschuldungsverbot für die Länder angeregt und dem Bund Fesseln angelegt, die heute zu immer mehr zu einer ernsthaften Gefahr für unsere Demokratie werden", sagt er. 

Mit Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen gelten bereits drei Bundesländer als gesichert rechtsextrem, weil wegen ausbleibender Nachschulden Wohlstandsängste geschürt werden können. 

Die Schuldenbremse darf Deutschlands Zukunft nicht ausbremsen, sagt Gerber. Es brauche eine Reform, die einzuleiten die streitenden Parteien in Berlin offensichtlich nicht in der Lage seien. "Deshalb ist das Verfassungsgericht gefragt, überparteilich und durch die Besetzung der Richterstellen durch verschwiegene Verhandlungen im Hinterzimmer gesellschaftlich breit getragen", betont er.

 Es gehe nicht um Parteien, es gehe um unser Land. "Uns bricht wegen der Schuldenbremse eine langjährige und gut eingespielte Demokratie weg", fürchten Ronald C. Gerber und die anderen Mitglieder der AG Sozialdemokraten in der SPD.
 
Kaum mehr abzuwenden seien jetzt schon Regierungsbeteiligungen von Populisten. "Dem müssen wir zuvorkommen. Eine Möglichkeit sei es, den riesigen Investitionsstau in der deutschen Infrastruktur zu beseitigen. Das sei in den 30er Jahren schon einmal gelungen, auch damals habe man neue Schulden gemacht, etwa um Autobahnen zu bauen. 

Viele Ökonomen halten das auch jetzt für angebracht, darunter führende Köpfe wie der Spitzenökonom Marcel Fratzscher. Bei einem Geheimtreffen der AGS habe man deshalb Anfang des Jahres begonnen, ein Verbotsverfahren für die Schuldenbremse zu planen. "Sie ist ein Angriff auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung und darf deshalb nicht unbeantwortet bleiben." 
 
Noch stehe die breite Öffentlichkeit den Feinden der Demokratie und ihren perfiden Spielen mit dem Grundgesetz nicht wehrlos gegenüber. "Das Grundgesetz sieht ausdrücklich vor, dass solche Regelungen geprüft werden können." 

Gerber sieht gute Chancen auf Erfolg – "und deswegen fordern wir: Schützen Sie unsere Demokratie, streichen Sie die engen Vorgaben für Schuldenausnahmen nur für Naturkatastrophen oder Wirtschaftskrisen!" Die die Schuldenbremse sei eine Zukunftsbremse, die die  Aufrechterhaltung der Stabilität deutscher und europäischer Finanzen bedrohe."Es ist nun Zeit, mit diesem Spuk aufzuräumen."

Mittwoch, 24. Juli 2024

Solarparks: Die Regenmacher

Sind Solarparks nur ausreichend groß, liefern sie nicht nur Energie, sondern auch Regen.

Er liegt im Süden von Leipzig, ein verlässlicher Lieferant von sauberem Strom, bestehend aus mehr als einer Million Solarmodulen. Der Solarpark Witznitz schafft unter idealen Bedingungen mehr als ein Drittel der Leistung des nahen Braunkohlenkraftwerks Lippendorf, könnte die Energielieferungen des fossilen Monsters also, wäre er dreimal so groß, zumindest an schönen Tagen ersetzen. So geht Energiewende, so beschwört sie aber auch Befürchtungen herauf. Könnte die fünf Quadratkilometer große Anlage Auswirkungen auf die Umwelt haben? Oder eine noch größere? Und wenn, dann welche?

Ängste zerstreuen

Der MDR hat es übernommen, die Ängste zu zerstreuen. Noch sei nicht abschließend geklärt, ob Temperatur der Umgebungstemperatur durch Zehntausende von Solarmodulen ändern? Die schwarzen Platten zur Energieernte können im Sommer bis zu 70 Grad Celsius heiß werden, in Klimasommern mit ausgedehnten Heißzeiten auch um die 80 Grad. Wie wirkt sich dieser Temperaturunterschied von 45 Grad gegenüber der normalen Umgebungstemperatur auf das Micro- und Macroklima aus? Der bisher mit Abstand größte Solarpark Deutschlands hat diese Frage beantwortet.

Die Anlage, von einer Versicherungsgesellschaft für mehr als 100 Millionen Euro errichtet dem Gelände eines früheren Braunkohletagebaus, bleibt für die Umwelt weitgehend folgenlos. Für Tiere, die hier früher lebten, wurde gesorgt, Igel, Hasen oder Füchse können weiterhin frei durch das Gelände streifen. Bei Regen dürfen sich sogar Rehe und andere größere Tiere unter den schrägstehenden Panelen unterstellen. 

Platz für das Braunkehlchen

Für Vögel wie den Kiebitz oder das Braunkehlchen konnte nichts getan werden, aber ihnen bleibt in der weitgehend entvölkerten Umgebung beim früheren Chemiestädtchen Böhlen genug Platz, um auszuweichen. Steinschmätzer und Schwarzkehlchen dagegen gefällt es nach Angaben von Wissenschaftlern zwischen den PV-Modulen, die so zum neuen Lebensraum bedrohter Arten werden.

Eine überaus glückliche Fügung, aber nach MDR-Angaben längst nicht die einzige. Zwar könne die Temperatur unter den Solarplatten "nachts um bis zu fünf Grad höher" ausfallen als üblicherweise, doch dafür sei es am Tag durch deren Schattenwirkung "um bis zu fünf Grad" kälter, die Luft direkt über den Solarflächen dagegen nur ein Grad erwärmen - wobei dieser Wert wegen der brandneuen Technologie "bisher noch nicht erfasst" (MDR) worden sei. Bisher ist dadurch "nicht abschließend geklärt, ob und wie durch große Solarparks die Böden unter den Modulen und in umliegenden Gebieten erwärmt werden". 

Solar macht Regen

Zumindest nicht in Sachsen. Anderswo sind Forscher bereits ein gutes Stück weiter: So hat die Studie "Scaling artificial heat islands to enhance precipitation in the United Arab Emirates" von Forschern der Universität Hohenheim vor einiger Zeit bereits ergeben, dass sich Böhlen, Neukieritzsch und Rötha in den kommenden Jahren vermutlich trotz anhaltender Dürre überall sonst auf mehr Regen freuen dürfen. Neben den "geringen Auswirkungen auf die Temperatur, die bekannt sind" und Gutachtern zufolge "keine Beeinträchtigung" für nichts darstellen, entstehen durch die Absorbtion des "Großteil des Sonnenlichts" und die daraus folgende Erwärmung der Luft über den Modulen sogenannte "künstliche Wärmeinseln" in der Landschaft. 

Von denen steigt in der Folge warme Luft auf, die die Bildung von Wolken begünstigt. Kommen dann feuchte Winde hinzu, wird Regen ausgelöst. Zwar schätzen die Forscher aus Hohenheim, dass für richtigen künstlichen Regen eine Solaranlage von 20 Quadratkilometern benötigt werde. Erst dann sei "regionales Klima-Engeneering" als "Mittel zur Lösung regionaler Umweltprobleme wie Wasserknappheit und hohe Temperaturen" alltagstauglich. 

Höherer Wirkungsgrad als Glühbirnen

Als hilfreich erweist sich, dass der Wirkungsgrad von Solaranlagen typischerweise bei zehn bis 20 Prozent liegt, etwa doppelt bis vierfach so hoch wie bei einer früher handelsüblichen Glühbirne.  dadurch kann ein Großteil der einfallenden Strahlung direkt in Wärme umgewandelt werden. Dadurch  bestehe "Potenzial für eine Verbesserung der Niederschlagsmenge, wenn sie im großen räumlichen Maßstab umgesetzt wird", haben die Forscher bei ihren Untersuchungen in Saudi-Arabien festgestellt. 

Eine frohe Botschaft, die Sachsen bisher noch nicht erreicht hat. Hier herrscht bisher noch Datennotstand. "Zu den Aspekten Wärme und Strahlung fehlt noch Forschung. Die kommt aber, wenn mehr Solaranlagen gebaut werden", heißt es bei der sächsischen Landesstiftung Landschaft und Natur. Bisher stehe nur fest, dass die Blendwirkung der schwarzen Spiegelfelder "gering" ist, die Lautstärke der Wechselrichter und 200 Transformatoren "mindestens fünf Dezibel unter den Werten für Wohngebiete" liegen und die Versiegelung von Flächen kaum ins Gewicht falle.

Traktoren sind schlimmer

Ein Solarpark benötige keine Fundamente, die Halterungen der Module seien "in den Boden gerammt" worden. "Das ist mit einer normalen landwirtschaftlichen Flächennutzung vergleichbar", bestätigt Ulrike Würflein vom Umweltbundesamt. Tomas Brückmann von der Sächsischen Landesstiftung für Natur und Umwelt sieht sogar einen heilenden Effekt für verdichtete Böden: "Die großen Landwirtschafts-Maschinen auf Ackerflächen sind im Vergleich schwerer und verdichten den Boden mehr." Weil die aktuellen Standards für die Sanierung nach der Stilllegung des Tagesbaus noch nicht galten, wächst hier ohnehin kein Baum. Und die, die trotzdem wuchsen, wären irgendwann wohl verkümmern, weil - auch wegen der fehlenden Solaranlagen - nicht genug Wasser verfügbar war.  

Das wird sich nun ändern. Wie Andreas Berkner vom Regionalen Planungsverband Westsachsen dem MDR erklärte, seien die Auswirkungen des großen Solarparks auf den Wasserhaushalt zwar bisher "nicht komplett klar". Aber wenn man davon ausgehen, dass viel Wasser direkt auf den PV-Modulen verdunste und damit auf dem Boden nur wenig ankomme, sei das für den nahen Fluss Pleiße möglicherweise positiv, weil "weniger Eisensulfat aus den ehemaligen Tagebauböden ins Wasser gelange.

Letzte Zuflucht Zuversicht: Die Historie der Heilsversprechen

Mag draußen auf den Straßen auch der Eindruck nicht von der Hand zu weisen sein, dass alles immer mehr auseinanderbricht.Mögen dort, wo die Menschen warten, um von der Politik abgeholt und mitgenommen zu werden, inzwischen nicht einmal mehr Busse fahren, von Zügen und Taxis ganz zu schwiegen. Mag die Infrastruktur auch verfallen, die Wehrfähigkeit unwiederbringlich verloren sein und das Vertrauen in die Regierenden selbst bei denen, die noch welches haben, kaum mehr messbar sein. Dort, wo das Land geführt wird, in den Hinterzimmern der Ohnmacht und den verschwiegenen Leitstellen in den Parteizentralen gehört es zu den Grundtugenden, sich von der Realität nicht einholen zu lassen.
 

Lageunabhängige Beschwörung


Wie die Lage auch ist, sei sie nicht zufriedenstellend, verbesserungsbedürftig oder gar schlecht, wer politische Verantwortung trägt, ist zuallererst in der Pflicht, Zuversicht zu zeigen. Kann sein, die Wirtschaft läuft gar nicht mehr, kann sein, die Bauern und die Pfleger und die Straßenbahnschaffner sind unzufrieden, die Fluglotsen streiken oder die Lokführer. Möglich, dass die Lieferketten wieder reißen, dass die Abhängigkeit der Gasversorgung von Amerika sich als fataler Fehler erweist und eingesehen werden muss, dass auch eine zweite kollektive Anstrengung von deutscher Politik, deutschen Medien und deutscher Politik- und Medienwissenschaftlernden kaum Anlass zu Hoffnung bietet, dass amerikanische Wähler davon beeindruckt Donald Trump vom Weißen Haus fernhalten könnten. 
 
Gerade wenn es ganz mies läuft, zeigt sich die innere Stärke wahrer Führer: Sie haben immer guten Grund und jede Menge Anlass, festes Vertrauen auf eine positive Entwicklung in der Zukunft und die Erfüllung bestimmter Wünsche und Hoffnungen zu zeigen. So definiert der Duden den Begriff "Zuversicht", ein Wort, das mit "Wachsen", "Optimismus" und "Hoffnung" verschränkt ist. Durchweg Dinge also, an denen es Deutschland noch mehr fehlt als an Fachkräften, Grenzen und Politikern, die die Grundrechte achten, statt auf dem populistischen Klavier der Menschenfeinde zu spielen.  

Predigt der Populisten

Die Geschichte der Zuversicht als positive Grundhaltung deutscher Politik reicht weit zurück, weil der Terminus eine ideale Passform für politische Fensterreden hat. Wo Optimismus nach Wunschdenken klänge und "Hoffnung" wie Pfeifen im düsteren Wald, ist die Zuversicht ein treues Pflaster auf jede klaffende Wunde. Schon frühere Führer und Reichskanzler machten sich diesen Umstand zunutze, indem sie die wichtige Rolle der Vermittlung von Zuversicht auch in direkten Unterweisungen der Presse betonten. 

Der felsenfeste Glaube an eine weltgeschichtliche Mission und "die unerschütterliche Zuversicht", dass die Vorsehung die Erfüllung der großen Aufgabe begünstige, beseelte Führungspersönlichkeiten selbst in den dunkelsten Stunden. Schon Angela Merkel wusste, Zuversicht ist fester Glaube an das Unmögliche, für den es immer einen Grund gibt, auch wenn da keiner ist.

Zuversicht braucht nur den Glauben

 Nur die eigene Zuversicht kann draußen im Lande ein Lämpchen zünden. Auch wenn nicht viel bleibt als das Wort selbst, um Zuversicht zu verbreiten, so muss es doch getan werden, immer und immer wieder. "Unser Kurs heißt Zuversicht", zitiert der "Spiegel" einen Mann, der als Widerständler gegen den Kommunismus kaum Grund zur Zuversicht hatte. Andererseits ließ auch Erich Honecker schon Jahre vor seinem Ende wissen, dass "das Volk der DDR mit Zuversicht die Schwelle zum Jahr 1973 überschreiten" könne.

Peter Ramsauer griff diese zuversichtliche Sichtweise zu Beginn des Jahres 2011 auf. Die Finanzwirtschaft war zerrüttet, reihenweise waren deutsche Landesbanken über ihren Ehrgeiz gestolpert, mit Staatsgeld an den Finanzmärkten zu wetten. "Wutbürger" war gerade Wort des Jahres geworden, in Berlin führte Angela Merkel ihr zweites Kabinett, diesmal zusammengestellt aus CDU, CSU und FDP. Ramsauer rief die Bürger also zu "Zuversicht und Dafürsein" auf. Nicht immer fragen und wissen wollen. Sondern einfach mal mitmachen!

Je mieser, desto öfter

Im modernen Deutschland der Wir-Demokratie setzte der CSU-Mann damit eine Wegmarke. Je trüber die Stimmung seitdem geworden ist, desto häufiger und trotziger rufen die Verantwortlichen zur Zuversicht auf. Von Hubertus Heil über den notorischen Bergprediger Walter Steinmeier, von Horst Seehofer bis zum heute unter Verdacht stehenden Roland Koch ist die Zuversicht eine Durchhalteparole, die umso häufiger benutzt wird, je weniger Anlass sie bietet, benutzt zu werden. 

Das liegt natürlich auch an Olaf Scholz, ein Bundeskanzler, den  seine Gegner als den schlechtesten bezeichnen, der Deutschland jemals hatte, allerdings ist Scholz danach auch Chef der schlechtesten Bundesregierung aller Zeiten, so dass nicht ganz klar ist, wer wen hier mit herunterzieht. Die Kanzler das Kabinett? Das Kabinett den Kanzler? Beide zusammen das Land? Grund dazu jedenfalls besteht überhaupt nicht, das hat Scholz zuletzt verschiedentlich, immer wieder und unabhängig von der jeweils aktuellen Lage verdeutlicht. Schon in seiner Neujahrsansprache Ende 2022 ließ Scholz keinen Zweifel daran, dass ein schweres Jahr zu Ende gegangen sei, seine Botschaft von Zuversicht erzähle.

Verordnete Zuversicht

Auch für 2023 rief Scholz deshalb zu "Zuversicht" auf, mit so viel Erfolg, dass er schon drei Monate später darauf zurückkam: Vor einem der zahllosen wegweisenden EU-Gipfel rief Scholz zu Zuversicht auf. Er wisse zwar, dass sich "Zuversicht lässt sich nicht verordnen" lasse, obwohl er schon wollen würde, wenn er könnte. Leider aber sei Zuversicht immer noch "vor allem das Ergebnis bereits erzielter Leistungen". Und da sehe es, das sagte Olaf Scholz allerdings nicht, ja bekanntermaßen mehr als mau aus.

Doch versuchen muss man es, zur Not immer wieder, gerade dann und am besten  im Kreise Gleichgesinnter. Auch bei historischen SPD-Parteitag, der die glücklose Parteispitze nach einer Halbierung der Umfrageergebnisse mit Rekordwerten im Amt bestätigte, war es die "Zuversicht", zu der der inzwischen vom Verfassungsgericht seiner schwarzen Klimakasse beraubte Kanzler Zuflucht nahm. Das zeigt: Mit den Milliarden oder ohne, im Krieg oder in der Pandemie, in der Finanzkrise oder danach, mit gebrochenem Bein oder gebrochenem Hals, Zuversicht ist anlassunabhängig, frei von situativen Umständen und im politischen Geschäft ein Willensakt ähnlich dem des Baron von Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zog, weil er nicht wissen wollte, dass das nicht geht.

Dienstag, 23. Juli 2024

Baukrise: Das kann Deutschland von der DDR lernen


Hunderttausende sollten es werden, Hunderttausende wurden es, nur auf der Fehlseite. Mit dem Ausbruch der Zinskrise verfiel der Wert von Immobilien in Deutschland, dafür stiegen die Baukosten und im Zuge der Entbürokratisierung durch Lieferkettengesetz und neue Klimaauflagen wurden Sanierungen so teuer, dass Wohnungsgesellschaft klagen, sie müssten für einfach renovierte Wohnungen in 50 Jahre alten DDR-Wohnblock 17 Euro Miete pro Quadratmeter aufrufen, um allein die Zins und Tilgung der Baukredite stemmen zu können.

Die Not ist groß

Die Not ist groß, denn das Land wächst wie seit den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr. 3,5 Millionen Menschen wohnen heute mehr in Deutschland als vor zehn Jahren, besser: Sie würden gern wohnen, können aber nicht. Zwar gilt Deutschland als eines der attraktivsten Zuzugsziele weltweit, doch hier Fuß zu fassen ist schwierig, weil vor allem in den begehrten Metropolregionen und erst recht in den besonders beliebten Zentren bereits alles belegt ist.

Während hierzulande dennoch kaum noch neuer Wohnraum entsteht, liegen fertige Pläne für eine wirklich große staatliche Wohnungsbauoffensive in den Berliner Regierungsarchiven. Mit Hilfe dieser Unterlagen hatte es die fünfmal kleinere DDR zwischen 1973 und 1990 geschafft, zumindest offiziell drei Millionen modernste Plattenbauwohnungen zu errichten. Bei einer Nachzählung später stellte sich zwar heraus, dass die etwa 1,1 Millionen davon nur auf dem Papier existierten. Doch mit der wirtschaftlichen Kraft des vereinigten Deutschland dürfte es leicht gelingen, bis 2040 mindestens zehn Millionen zu bauen - 650.000 im Jahr, eine weit ehrgeizigere zahl als die von der Bundesregierung in den Blick genommenen 400.000.

Industriell Klotzen

Der Schlüssel waren industrielle Verfahren, Bauvorhaben mit dem Anspruch, nicht im Kleinklein zu verharren, sondern den Druck vom Mietwohnungsmarkt zu nehmen, indem ganze Städte errichtet werden. Auch die DDR stand seinerzeit wirtschaftlich auf dünnen Beinen, die einheimische Mark war schwach, Importe waren teuer, der Zinssatz lag wie heute bei 3,5 Prozent. Aber der Wille war da,  obwohl auch die sozialistischen Planer mit Fachkräftemangel und teuren Baumaterialien zu kämpfen hatten. Standardisierung, Blockbauweise, erfolgsgebundene Leistungsprämien und ein Verzicht auf Schnickschnack zugunsten eines höheren Bautempos machten sich schnell bezahlt.

Ein Vorbild, an dem sich Deutschland orientieren kann. Mit einer einheitlichen Bauordnung, einheitlichen Wohnungsgrößen, Fertigteilen, die sich überall verwenden ließen und einer nachgelagerten Ertüchtigung des Wohnumfeldes mobilisierte der Staat seinerzeit die letzten Kräfte, um die Wohnverhältnisse von weit mehr als der Hälfte seiner Bürger zu verbessern. Das gelang nicht ganz, aber doch deutlich besser als zuletzt im vereinigten Deutschland, wo jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kocht und selbst die SPD der kruden These zuneigt, dass Wohnungsbau Privatsache sei und der Staat allenfalls dafür zuständig sein könne, Sozialwohnungen für Geringerverdienende bereitzustellen.

Nur der Staat kann das können

Mit dem Satz "Was der Staat kann, kann nur der Staat", hat der frühere Parteivorsitzende Franz Müntefering schon vor Jahren davor gewarnt, sich Illusionen darüber hinzugeben, was der freie Markt zu leisten vermag, wenn er nicht von einer aktivierenden öffentlichen Verwaltung angetrieben wird. Zweieinhalb Jahre lang ist die Ampel-Koalition - vermutlich auf Druck der FDP - dem Glaubenssatz, dass es der Markt schon richten werde, dennoch gefolgt. 

Doch nun hat sich die Lage auf eine Weise zugespitzt, dass um den Gang in die Archive mit den Grundlagendokumenten der DDR-Planer kein Weg mehr herumführt. Auch der Aufbau der Leitungsstäbe, der Wohnungsbaukombinate, der Plattenwerke und der Baubrigaden wird schließlich noch einige Zeit dauern, dazu kommt der Aufschluss neuer Kiesgruben, Zementwerke und das Heranbilden einer neuen Generation von kernigen Ballas. Und Zeit ist es, die viele Mietende nicht mehr haben.

Erstes Halving beim Euro: Dicke Schichten aus Geld

Halving beim Euro Die halbe Kaufkraft des Euro ist weg
Das Halving der Kaufkraft des Euro bei Gold liegt schon Jahre zurück.

Ein Vierteljahrhundert hat es gedauert, nun aber ist es so weit. Der Euro, ehemals je Stück gegen 1,95583 D-Mark getauscht, hat es geschafft: Mit dem ersten Halving des Gemeinschaftsgeldes ist alles nun tatsächlich wieder wie früher, in der vor allem von rechten und konservativen Kreisen ungeachtet aller Tatsachen hochgelobten Ära des bundesdeutschen Nationalgeldes.  

Affront gegen Anderszahlende

Die "Deutsche Mark", schon im Namen ein Affront gegen Anderszahlende, ist zurück, zwar nicht der Bezeichnung, aber ihrer Kaufkraft nach. Knapp 25 Jahre nach der Einführung des sogenannten "Euro-Bargeldes" hat sich die von Nationalisten und Traditionalisten geschürte Angst vor dem "Teuro" als gegenstandslos herausgestellt. Gemessen in blanken Zahlen, kostet alles wieder kaum mehr als damals, in der von Ewiggestrigen gerühmten großen Zeit der angeblich stabilen Preise. Diesel, Benzin, Bier, Brot und Würste, Käse, Graupen und Möhren - obwohl der Euro ursprünglich knapp doppelt so viel wert war wie die D-Mark, kostet nun alles wieder genau so viel wie früher. Oder sogar mehr.

Ein "Halving", das im Gegensatz zu dem beim berüchtigten Digitalgeld Bitcoin nicht von Anfang an in den Geldcode eingebaut gewesen war. Bei der Kryptowährung wird beim "Halving" das Angebot an Coins künstlich verknappt, um eine Geldentwertung durch ein Überangebot zu verhindern. Der Aufwand zur Schaffung neuer Geldvorräte wird verteuert, indem die Hürden erhöht werden, sie herzustellen. Im Code der Kryptowährung ist festgelegt, dass aller 210.000 Blocks – also etwa alle vier Jahre – automatisch ein Halving passiert. Beim Euro ist es umgekehrt: Es gibt kein konkretes Datum für die Halbierung des Geldwertes, aber einen Trend zur exponentiellen Steigerung der neu entstehenden Geldmassen.

Als der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl einwilligte, im Gegenzug zum französischen Ja zur deutschen Wiedervereinigung der Abschaffung der D-Mark und der Einführung eines europäischen Gemeinschaftsgeldes zuzustimmen, mit dessen Hilfe Frankreich seine notorische Weichwährung Franc loswerden würde, hatte der Oggersheimer sich den Euro wie eine Deutsche Mark für die halbe Welt vorgestellt.  

Stabil und unpolitisch

Stabil würde die neue Währung sein, weil politisch unabhängig von einer Zentralbank überwacht, die keiner Einflüsterung keines Staatschefs ihr Ohr leihen würde. Sein Pariser Kollege Fracois Mitterrand war einverstanden. Die Wirklichkeit würde am Ende ohne fügen, was notwendig war.

Es war Geld. Je weniger die europäische Staatengemeinschaft sich auf gleiche Werte, gleiche Ziele und gleiche Wege dorthin einigen konnte, umso wichtiger wurde es, Kompromisse zu erkaufen. Wo immer es brannte, wurde mit Geld gelöscht. Wo immer es nicht voranging wie gewünscht, wurde gefördert. Wann immer eine Krise ausbrach, wurden die Ursachen mit dicken Schichten aus Geld zugeschüttet. Und welche Krankheit es auch war, die den selbsternannten  weltweit "wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum" EU (LIssabon-Strategie) daran hinderte, jemals auch nur halb so dynamisch zu wachsen wie alle anderen halbwegs entwickelten Weltregionen - als Medizin dagegen gab die EZB frisches Geld aus.

Gemessen in Warenpreisen hat sich die Kaufkraft des Euro seit dem Tag der von fortschrittlichen Kräften als Meilenstein für die Menschheit gefeierten Bargeldeinführung halbiert. Eines der "Starter Packs", aus Werbegründen eingeführt und für 20 Mark zu haben, langte seinerzeit noch, um zwölf Liter Benzin, neun Liter Bier, 4,5 Kilo Brot oder fünf Schachteln Zigaretten zu bezahlen. Dieselben 10,23 Euro langen heute gerade noch für 5,5 Liter Benzin, anderthalb Liter Bier, ein Kilo Brot und zwei Schachteln Kippen.  Heute haben alle mehr Geld, können sich aber weniger davon kaufen.

Alles so teuer geworden

Mit dem Satz, es sei "alles so teuer geworden", pflegen das die Bürger zu beklagen. Dass es ihr Geld ist, das Tröstlich immerhin, dass der Euro-Bürger in der Regel mehr Brot, Bier, Wurst und Benzin kauft als haltbare Werte. Beim Gold etwa liegt das Halving der Euro-Kaufkraft bereits Jahre hinter den stolzen Gemeinschaftsgeldnutzern, die es nicht einmal bemerkt haben, weil kein großer Wind darum gemacht wurde. Wer im letzten D-Mark-Jahr eine Unze des Edelmetalls kaufen wollte, musste etwa 300 Euro hinlegen. Inzwischen werden mehr als 2.000 fällig. 

Ähnlich sieht es beim Silber aus, das die Deutsche Bundesbank schon einige Jahre nicht mehr nutzen kann, um ihr traditionellen 10-Euro-Silbermünzen herzustellen: Das Material zu beschaffen, kostet mehr, als der Verkauf der Münze abwirft. Schon vor Jahren war ein Halving hier unumgänglich geworden. Ab 2011 wurde der Silbergehalt in den Münzen drastisch verringert. Und schon seit 2016 werden auf Beschluss der Bundesregierung statt der Zehn-Euro-Silbermünzen nur noch 20-Euro-Münzen ausgegeben.

Die Menschen draußen sind es zufrieden. So lange man ihnen die eine Hälfte ganz langsam wegnimmt, sind sie mit der anderen glücklich.

Montag, 22. Juli 2024

Bierdeckelsteuer: Kaltgewalzte Deckelpest

Es geht um 26.000 Tonnen Stahlblech jährlich allein in Deutschland: Eine Bierdeckelsteuer gilt als wichtiges Vorhaben der nächsten EU-Kommission.

Große europäische Ingenieurskunst, eine zu allem entschlossene EU-Kommission, intensive Beratungen im größten halbdemokratisch gewählten Parlament der Welt und die Zustimmung der Staats- und Parteichefs von 27 Ländern - mehr brauchte es nicht, um das drängende Problem der Schraubverschlüsse zu lösen. Seit einem Jahr nun schon sind die bis dahin stets lose mit den Flaschen verbundenen Deckel als "Tethered Caps" unlösbar mit den Getränkebehältern verbunden. Ein kleiner Schritt für die EU, der eine oder andere kleine Schnitt in die Lippe eines Trinkenden, aber ein großer Durchbruch für die Menschheit, die fünf Jahre nach dem Erlass der EU-Richtlichtlinie 2019/904 aufatmen kann.

Deckel drauf!

Seit die Kappe dranbleibt, sinkt die Menge an Plastikmüll, die durch die Meere treibt. Die vom Bundespräsidenten aufgrund eines Rechenfehlers im Schloss Bellevue beschworene Gefahr, dass schon 2050 "mehr Plastikmüll als Fisch in den Ozeanen schwimmt", bestand zwar nie. Nun aber ist der Bleibt-dran-Deckel für Verbraucher bereits das Normalste der Welt: Wer mag, lässt ihn hängen. Wer nicht, reißt ihn einfach entschlossen ab. Psychologen haben herausgefunden, dass folgsame Linke eher ersteres tun, bockige Sachsen dagegen zum Reißen neigen. Für die EU aber zählt, dass sich die Verschmutzung der Meere durch Plastikmüll halbiert: Jede Flasche ist nur noch ein Stück Müll, nicht mehr zwei. 

Mehr als ein Anfang aber ist das nicht. Nach den Plastikdeckeln von Cola- und Wasserflaschen wollen EU-Kommission, EU-Parlament und EU-Rat im nächsten den Rest des Deckelproblem s in der Gemeinschaft angehen. Kronkorken aus Metall landen Untersuchungen zufolge noch weit häufiger in Feld, Wald und Natur. Aufgrund ihres Gewichts gelangen sie zwar selten bis in die Weltmeere. Doch sie zersetzen sich erst nach einer halben Ewigkeit und hinterlassen nachfolgenden Generationen damit eine Hunderttausende Tonnen schwere Altlast aus Metalllegierungen. 

Zwölf Milliarden stehen auf dem Spiel

Allein in Deutschland werden Jahr für Jahr zwölf Milliarden Bierflaschenverschlüsse verschlissen, nahezu hundert Prozent der Menge landet derzeit auf Wegen, Wiesen, in Wäldern und im Hausmüll. In zwölf Monaten werden so rund 26.000 Tonnen wertvollstes Weiß- und Chromeblech vernichtet, obwohl jedes Gramm zuvor in einem energieaufwendigen Herstellungsverfahren in Oxygenstahlwerken aus Roheisen im Hochofen oder in Elektrolichtbogenöfen geschmolzen werden muss. Wertvolle Rohstoffe, die unwiederbringlich verloren gehen: Allein in Deutschland entspricht die geopferte Stahlmenge Jahr für Jahr dem Gewicht von 150 Boeing 747. In zehn Jahren verschwenden Deutschlands Biertrinker damit das Gewicht von 150.000 Pkw.

Die Kommission in Brüssel hat das Problem natürlich bereits vor Jahren erkannt. Im Zuge des großen Green Deal sollte ursprünglich eine europaweit einheitliche Schnappdeckelpflicht für Bier- und Glasbrauseflaschen eingeführt werden. Allein die Mitgliedsstaaten stellten sich quer, angeführt von Deutschland, in dem die Brauereilobby noch immer große Macht und großen Einfluss hat. Die erste Kronkorken-Reform fiel aus, das von der damaligen CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer angeregte Konzept "mit Innovationen, mit Optimismus, und vor allen Dingen eins, das die Menschen mitnimmt und sie sozusagen zum Teil der Lösung macht", wurde verschoben.

Reform einer Menschheitsfrage

Kramp-Karrenbauer stürzte wohl auch über ihren Ehrgeiz bei der Lösung dieser Menschheitsfrage. Die nächste EU-Kommission aber hat eine umfassende Reform der "Entgelte, Umlagen, Abgaben und Steuern im Klimakillerbereich", wie es in Brüssel heißt, wieder auf dem Zettel. Schon im nächsten Planungspapier der Union könnten sich umfassende Vorschläge zu Verbesserungen beim europäischen Bierkonsum wiederfinden. 

Hier handelt es sich um einem gesellschaftlichen Bereich, der nach Auffassung der mit Klimafragen federführend befassten Kommissariate für "Eine Wirtschaft im Dienste der Menschen", "Förderung unserer europäischen Lebensweise", "Binnenmarkt", "Kohäsion und Reformen", "Gesundheit und Lebensmittelsicherheit", "Krisenmanagement", "Umwelt, Meere und Fischerei", "Energie", "Innovation, Forschung, Kultur, Bildung und Jugend" und "Klimaschutz" bisher zu wenig beachtet wurde. Auf der letzten Klimakonferenz in Dubai etwa war das Missmanagement im Bierdeckelbereich überhaupt nicht thematisiert worden.

In der Geburtsklinik des Bieres

Die europäische Familie, Geburtsklinik des Bieres, will hier weltweit Maßstäbe setzen und als Vorbild auftreten. Die Kronenkorkenfrage als weltweites Problem zu lösen, heiße europaweit etwa 100.000 Tonnen wertvolles Stahlblech im Jahr einsparen zu können. 560 Gigawattstunden Strom müssten dann nicht mehr erzeugt werden - das entspricht dem Energiebedarf von rund 200.000 Haushalten. Um die kleinen runden und äußerst dünn kaltgewalzten Stahlblechdeckel, die meist oberflächlich mit Zinn beschichtet sind, in den angestrebten EU-Klimakreislauf zurückzuführen, ist an eine Bierdeckelsteuer gedacht. Adäquat zum Flaschenpfand, das in Deutschland Grundlage der Trittin-Rente ist, würde beim Verkauf künftig ein kleiner Obolus auf den Deckel fällig. Fünf bis zehn Cent täten auch Vieltrinkern nicht weh, heißt es in den Fluren des Berlaymont-Palastes.

Für die globale Gemeinschaft aber wäre es ein Fanal. Nach Berechnungen des Weltklimabierforschers Björn Lemfort fallen weltweit jährlich fünfzig Milliarden Kronkorken an, die nach einmaligen Benutzung zumeist für immer verloren sind. Als Zeichen für einen klimakonformeren Biergenuß sei die Bierdeckelsteuer ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg zur grünen Null beim Bierverschluss und in  "Verantwortung für die künftigen Generationen", wie es im Grundgesetz heißt, alternativlos. Die EU als einer der führenden Produktionsstandorte für hochwertige Biere könne zum Pionierkontinent eines neuen Umgangs mit der als "Deckelpest" bezeichneten gedankenlosen Gewohnheit zahlloser Biertrinker werden, einen geöffneten Kronkorken einfach achtlos seinem Schicksal zu überlassen.

Stiller Staatsstreich: Born to run

Weiter aktuell: Born to run

Am Ende schossen sie aus allen Lagen, aus allen Richtungen und mit allen Kalibern. Bis er sturmreif war. Joe Biden, von Bundeskanzler Olaf Scholz eben noch zu einem kernigen Kerl ernannt, der das "kann", gab dem Druck nach, der aus den eigenen Reihen auf ihn ausgeübt wurde, als sei er und nicht sein Konkurrent Donald Trump das Verhängnis, das Amerika und damit der Welt droht. 

Die Getreuen in der demokratischen Partei wandten sich ab. Die Verbündeten verließen die Stellung. Bis nach Hamurg, Berlin und Frakfurt, wo bis zuletzt Durchhalten gepredigt worden war, streckten die Freunde Feindes aller Feinde der westlichen Demokratien widerstandslos die Waffen.

Ungebrochener Mut

Biden war erledigt. Selbst dort, wo die peinlichen Auftritte des mächtigsten Mannes der Welt gerade noch als Manifestationen ungebrochenen Mutes im Angesicht des Bösen gefeiert worden waren. drehten sie kolonnenweise die Kanonen um. Biden galt nun als weitere Gefahr für den Weltfrieden. 

Der 81-Jährige, der beim Nato-Gipfel noch einen Auftritt hingelegt hatte, der als tadellos gewürdigt worden war, schließlich hatte er nur Seljenski mit Putin und seine Vizepräsidentin mit Donald Trump verwechselt, verwandelte sich binnen Stunden vom letzten Wächter auf den Mauern rund um die Reiche der Menschen zu einem Greis, von dem selbst die wackersten Faktenchecker nicht mehr beschwören wollten, dass er bei den Olympischen Spielen in Paris auch sehr gut um das so begehrte 100-Meter-Gold hätte laufen können, wenn er nur rechtzeitig gemeldet hätte.

Elmar Theveßen schwieg still. Die Männer und Frauen, die dem Präsidenten ihre Achtung gezollt hatte, weil er ungeachtet der irritierenden Wirkung seiner Geste bei den Feierlichkeiten anlässlich des Sieges der Westalliierten über Hitler auch den unsichtbaren Soldaten seinen Salut entboten hatte, schwiegen verschämt. Biden gingen nicht nur die Argumente für eine zweite Amtszeit aus, sondern auch die Verbündeten, die ihm die Stange zu halten bereit waren.

Wo ist Elmar Thevesen


Der ehemalige Vize von Barack Obama, mangels zugkräftiger Alternativen vor vier Jahren endlich doch noch zum Kandidaten gekürt, weil sich kein anderer hatte finden wollen, feiert nun noch im Gehen eine Premiere: Hatte Donald Trump vor vier Jahren noch vergebens versucht, das Wahlergebnis in Zweifel zu ziehen, sägt die Partei des Gewinners dem Stuhl ihres Triumphators über den Bedroher von Freiheit, Frieden und Demokratie nun selbst die Beine ab. 

Allein auf weiter Flur kämpfte der von allen guten Geistern verlassene Mann im Weißen Haus einen titanischen Kampf ums Überleben. Er wollte nicht gehen und als mächtigster Mann der Welt musste er auch nicht. Und musste doch, denn jede Macht endet dort, wo eine noch mächtigere auftaucht.

Eine Weltpremiere

Eine Lektion, die zum ersten Mal erteilt wird. Nie zuvor ist ein amerikanischer Präsident gegen seinen erklärten Willen aus dem Rennen um eine zweite Legislaturperiode genommen worden. Nie zuvor hat eine Medienlandschaft das Ende eines keineswegs vollkommen aussichtlosen Traums von weiteren vier Jahren im Dienst der Menschen und des Fortschritts so erleichtert und ohne jedes Anzeichen von Bedauern oder gar Bedenken zur Kenntnis genommen. 

Biden, noch im Amt und allen Bekundungen aller auf jeden Fall fit genug dafür, den Atomkoffer noch weitere sechs Monate scharf im hellwachen Auge zu behalten, wird nach einem stillen Staatsstreich beiläufig aus dem Amt gefegt. Nicht gleich, denn noch kann er stehen und auf X Briefe schreiben (zu lassen). Aber bald, denn länger darauf zu vertrauen, dass Joe Biden noch weiß, was er tut, wäre fahrlässig. Gnadenlos wird der verdienstvolle Greis abgeräumt, der noch vor wenigen Tagen das letzte Wort hatte, wenn es um das Schicksal der Menschheit ging. 

Aus den "Alterserscheinungen" (Spiegel) sind beinahe über Nacht ernsthafte gesundheitliche Einschränkungen geworden. Der Start in Paris käme nun zur Unzeit. Übernehmen wird die Frau, die der "Spiegel" schon vor Monaten als richtige Adresse empfahl, verlieren zu lernen.  Sie bietet nun die Gewähr für einen Neustart in diesem Wahlkampf.

Sonntag, 21. Juli 2024

Plätschern der Beliebigkeit: Der Tod des Radios


Nun reicht nicht einmal mehr das Geld. Hatte die ARD als Deutschlands größter Medienkonzern und Platzhirsch auf dem Radiomarkt in den zurückliegenden Jahren eher aus Geschmacksgründen immer mehr klassische Moderatorensendungen abgebaut, kommt jetzt auch noch der Druck dazu, sparen zu müssen. Selbst wenn es noch einmal gelingen sollte, eine Gebührenerhöhung durchzusetzen, wird es auf lange Zeit die letzte sein. Und sie wird wohl kaum hoch genug ausfallen, die wachsenden Ruhestandsverpflichtungen zu bedienen.

Die große Zusammenlegung

Statt weiterhin nur an der Originalität zu kürzen, geht es nun um eine große Zusammenlegung, die zur Vereinheitlichung der Radiolandschaft führen soll. Die zahllosen Regionalstudios sparen sich die letzten paar Radiooriginale. Mit dem angekündigten abendlichen Einheitsprogramm bei den Info- und Kultursendungen bleibt die gesetzliche geforderte Grundversorgung gewährleistet, es stirbt nur das Moderatoren-Radio, eine Kinderkrankheit des Mediums, die international mit Stimmen wie der von Howard Stern, Allan Freed und John Peel assoziiert wird und in Deutschland verbunden ist mit Figuren wie Werner Reinke, Thomas Gottschalk, Alan Bangs oder Frank Laufenberg.

Seit über einem Jahrhundert begleitet das Radio Menschen mit Musik, Nachrichten, Unterhaltung und Bildung durch Tag und Nacht. Doch je mehr es zu einem Dudel-Medium wurde, bei dem belanglose Musik unterbrochen wird von belanglosen Verkehrshinweisen, Wettervermutungen und auf zwei Sätze zusammengekürzten Nachrichten, desto mehr hat es an Bedeutung verloren. Es dudelt immer noch und überall, aber am Mikrophon sitzen immer seltener Charakterstimmen, wie sie das alte klassische Moderatoren-Radio prägten. Abgelöst hat sie eine Generation von geföhnten Ansagern mit Sonnenscheinstimmen, die die verbliebenen Zuhörer ungefragt Duzen, ihre knappen Wortbeiträge vom Teleprompter ablesen und die Musikauswahl einem Computerprogramm zu überlassen haben.

Das Ende der Radio-Revolution

Die Radio-Revolution, sie endet wie alle Revolutionen: Nach Heinrich Hertz, Nikola Tesla und Guglielmo Marconi, den Erfindern und Entwicklern der technischen Grundlagen, kamen die Handwerker, die die Möglichkeiten entdeckten und popularisierten. Doch 100 Jahre nach der ersten Rundfunksendung in Deutschland spielt das Radio gesellschaftlich keine Rolle mehr: In den 30er Jahren Machtmittel der Nazis, nach dem Krieg Werkzeug der Umerziehung in beiden Teilen Deutschlands und mit Beginn der Ära der Popmusik ein Schlachtfeld im Kampf der Geschmäcker der verschiedenen Generationen, ist das ehemals so wichtige Informations- und Unterhaltungsmedium heute nur noch ein Schatten seiner selbst. 

Nicht einmal als Propagandamedium taugt es mehr, denn die, die noch zuhören, hören längst nicht mehr hin. Zu sehr gleicht sich das, was die Sender abspulen, um die Stille zu füllen: Dieselben 15 Hits auf allen Kanälen, dort, wo diese 15 Hits vermieden werden sollen, sind es dann eben die 15 Hits von vor 15, vor 25 oder 35 Jahren. Wer gelegentlich und unvorbereitet - etwa bei einer längeren Autofahrt - in das Reich der Radiosendenden gerät, ist häufig bereits nach einer halben Stunde versucht, rechts ranzufahren und seinem Auto die Antenne vom Dach zu reißen.

Die unüberschaubare Vielfalt an Programmen und Genres, die Hörspiele, Indie-Rock-Sendungen, Hitparaden der Gesänge fremder Völkerschaften und die raunenden Reisereportagen, sie sind verschwunden, weggeschwemmt durch einen Einheitsbrei aus Einfalt und eintönigem Superstargesinge.

Die gleiche traurige Fröhlichkeit

Vom Radio als Medium der Rebellion, das immer etwas mehr wagte als das Fernsehen, ist nichts übrig, vor allem keine Charakterstimmen. War Radio in seiner Blütezeit vor allem ein Medium der Moderatoren, die mit ihrer Stimme, ihrem Humor, ihrem Wissen und ihrer Persönlichkeit die Hörer faszinierten, ist es heute das ganze Gegenteil. Auf allen Frequenzen derselbe Ton, die gleiche traurige Fröhlichkeit, angelernt in denselben öden Sprecher*innenschulen, überzuckert mit stampfender Tristesse in Dur. 

Im Konkurrenzkampf mit dem Fernsehen, das von den 80er Jahren an immer mehr Publikum abspenstig machte, reagierten die Radiomacher mit einer Anpassung an den Zeitgeist, mit mehr Musik, weniger Wortbeiträgen und mehr Werbung. Dabei gab es seine Bedeutung auf: Radio wurde zu einem Hintergrundmedium, das Menschen allenfalls noch nebenbei anschalten, ohne die Absicht zu haben, dem Plätschern der Beliebigkeit zuzuhören.

Ein trübes Einheitsangebot

Das Radio ist heute ein Einheitsmedium, bei dem sich Jugendwelle, Gemeinsinnsender und Privatfunkstation nur noch marginal voreinander unterscheiden. Mit diesem trüben Angebot konkurrieren die Sender auch noch mit einer Vielzahl von neuen Medien, die den Nutzern mehr Auswahl, Interaktivität und Individualität bieten. Wer zuhören will, tut das bei Podcasts. Wer Wortbeiträge haben möchte, sucht sich seinen Stammtisch. 

Das Massenradio, das früher selbst Stars hervorbracht, ist nur noch ein Randmedium ohne Relevanz, Attraktivität und Zukunft. Mit der Bedeutung sinken die Hörerzahlen, mit den Marktanteilen das Bemühen, Qualität zu liefern. Wie in anderen Bereichen der Medienlandschaft auch, gefährdet ausgerechnet die Originalität, die nötig wäre, um relevant zu sein, den Programmauftrag, bloß nicht als lebendig, kritisch und unterhaltsam aufzufallen. Hundert Jahre nach dem Beginn seines Aufstieges zum ersten elektronischen Massenmedium steht das Radio vor den letzten Jahren seines Niedergangs. Am Ende wartet ein leiser Tod. Nicht einmal Kränze und Blumengebinde wird es noch geben.

Der Klimamörder ist immer der Gärtner

Dass der eigene Garten dem Klima hilft, ist eine Illusion, die großen Schaden anrichtet.

Selber Bohnen ziehen. Die eigenen Kartoffeln ernten. Erdbeeren aus dem Vorgarten essen. Und Gemüse nicht mehr aus dem global versorgten Supermarkt holen, sondern vom Beet, das mit dem eigenen Schweiß gedüngt wurde. Der Traum von der Selbstversorgung, er war jahrelang eine feste Domäne von verrückten Preppern und Angehörigen regierungsfeindlicher Landkommunen. Erst mit der Pandemie, den gerissenen Lieferketten nach Spanien und Fernost erreichte die Mode auch die Bionade-Viertel der Republik. Der eigene Garten galt nun nicht mehr als kleinbürgerliches Rudiment der Zeit, als der Leipziger Mediziner Daniel Schreber den geplagten Arbeitern der Frühzeit der Industrialisierung etwas Gutes tun wollte. Sondern als Beitrag zu Regionalwirtschaft und Klimarettung.

Zweifel am Kleingarten als Klimaretter

Doch eine der University of Michigan weckt nun ernste Zweifel am Vermögen der Kleinparzellen, der Welt zurück auf die richtige Bahn zu helfen. Den Ergebnissen der Untersuchung, die prüfte, wie viel CO2 beim Anbau von Lebensmitteln in verschiedenen Anbauformen entsteht, und kam zu dem Ergebnis, dass eine Portion Lebensmittel aus traditionellen Bauernhöfen im Durchschnitt 0,07 Kilogramm CO2 erzeugt - dieselbe Menge an Lebensmitteln, gezogen in einem Schrebergarten, aber mit 0,34 Kilogramm pro Portion aber fast fünfmal höher ist.

Der Kleingärtner als Klimakiller? Der eigene Garten, gut gepflegt und gehegt, als Tropfen, der das atmosphärische Fass zum Überlaufen bringt? Wenn der CO2-Fußabdruck der selbst angebauten Kohlrabis, Radieschen und Möhren fünfmal größer ist als der von Produkten aus konventioneller Landwirtschaft wären die Auswirkungen der Kleinfeldbewirtschaftung geradezu verheerend in Zeiten, in denen es auf jedes Kilogramm ankommt, um die Umwelt für Kinder und Enkel zu bewahren. Je mehr Menschen zurückfinden zur eigenen Scholle, im festen Glauben, damit einen Beitrag zur Versorgung mit gesunden, regionalen und damit klimaschonenden Lebensmitteln leisten, desto fürchterlicher wären die Auswirkungen.

Tödlicher Irrtum

Denn der Großteil der Emissionen aus den kleinen Gärten entsteht nicht durch den Anbau der Lebensmittel selbst, sondern durch die Infrastruktur rundherum. Individueller Anbau, die Menschen im Mittelalter mit ihren Handtuchfeldern wussten das, ist aufwendig, mühsam und bringt wenig Ertrag.  Jake Hawes, der Autor der Studie, wischt alle Illusionen beiseite, dass sich das durch kluges Kleingartenmanagement ändern lässt: "Der bedeutendste Verursacher der Kohlenstoffemissionen war die Infrastruktur, die für den Nahrungsmittelanbau genutzt wurde – von Hochbeeten über Gartenschuppen bis hin zu Wegen." In Konstruktionen, die den Ertrag erhöhen soll, werde viel Kohlenstoff investiert. Dazu kämen Unkenntnisse im Umgang mit Kompost und Gewächshäuser, die die Vegetationsperiode verlängern sollen. 

Gut gemeint. Mit erschütterndem Ertrag. Für die in der Fachzeitschrift Nature Cities veröffentlichte Studie wurden 73 städtische Landwirtschaftsstandorte auf der ganzen Welt untersucht und dabei der gesamte Lebenszyklus von Infrastruktur, Bewässerung und Versorgung des Standorts betrachtet. Die Ergebnisse legen nahe, sogenannte Schrebergärten künftig zu behandeln wie klimaschädliche SUV-Limousinen: Kleingartenobst etwa ist 8,6 Mal klimaschädlicher als Obst aus konventionellem Anbau,  Gemüse aus dem Schrebergarten belastet die Atmosphäre 5,8-mal schwerer als Gemüse vom professionellen Bauern. 

Ausnahme Tomate

Ausnahmen sind Tomaten und Spargel, denen die Forscher attestieren, einen geringeren CO2-Fußabdruck zu haben, so lange sie von Menschen mit grünem Daumen angepflanzt und betreut würden. Eine Portion Stadttomaten vom Mini-Beet verursacht danach durchschnittlich nur 0,17 Kilogramm CO2 verglichen mit 0,27 Kilogramm im professionellen Anbau, zumindest wenn der in einem energieintensives Gewächshaus stattfindet. Ebenso ist verhält es sich bei Spargel. Vorausgesetzt allerdings, er wird über Tausende von Flugmeilen eingeflogen.

Samstag, 20. Juli 2024

Das neue Wirtschaftswunder: Geduld und Spucke

Die ersten Flügel, auf denen die Wirtschaft sich zu alten Höhen schwingen wird, sind bereits eingetroffen.


Wie in 50er und 60er Jahren sollte es wieder werden, nur ohne rauchende Schlote, aufgerissene Minen und übermüdete Arbeitermassen, die im Hamsterrad der kapitalistischen  Vollverwertung buckeln, bis sie ihr Einfamilienhäuschen kurz vorm sozialverträglichen Frühableben endlich glücklich abgestottert haben. Bundeskanzler Olaf Scholz, kein Mann, der normalerweise mit Visionen hausieren geht,  griff in im Frühling des vergangenen Jahres zur Traumzeichnung, weil die Lage schlimm aussah. Zwar hatte Deutschland den ersten Winterohnegas besser überstanden als der Rest der Welt. Doch nun, wo die ersten Halme aus dem Boden sprossen, die ersten Sonnenstrahlen wärmten, brauchten das Volk eine positive Perspektive.

Zurück in eine sagenumwobene Zeit

Was eignet sich besser als das deutsche "Wirtschaftswunder", jene sagenumwobene Zeit in den 50er und 60er, als die Nation die Traumata des ja doch verlorenen Krieges abschüttelte und zum Wachstumsriesen aufschoss? Es gab wieder Kinder, es gab Wohlstand, es gab neue Autos, Radios und Röcke, später Fernseher und eben jene Eigenheime. An diese Erlebnisse der Eltern und Großeltern knüpfte Scholz  an. Er sei "sehr optimistisch", gerade weil das Wirtschaftswachstum in Deutschland "zuletzt ein wenig unter die Räder" gekommen sei durch all die Krisen. 

Nun aber beginne die Wiederholung eben jenes Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit: Nach 16 Jahren Merkel sei auch alles kaputt, der Rest aus Klimagründen auch nicht mehr brauchbar. Aber "wegen der hohen Investitionen in den Klimaschutz wird Deutschland für einige Zeit Wachstumsraten erzielen können, wie zuletzt in den 1950er und 1960er Jahren geschehen", verriet der Sozialdemokrat. Viel brauchte es dazu nicht: Man müsse schneller planen, entscheiden und genehmigen. Fertig. Dann klappe es auch wieder mit jährlichen Wachstumsraten um die acht Prozent.

Woher nehmen und wem stehlen

Ein Ruck ging durch das Land. Und das Bruttoinlandsprodukt begann zu sinken. Anfangs noch als "schwächeln" belächelt, sank die Wirtschaftsleistung deutlich. Der Fachbegriff Rezession konnte nur vermieden werden, weil die Bundesstatistiker ihre Bleistifte nachspitzten und die Präsidentin des Statistischen Bundesamtes anschließend verkünden konnte, dass die gesamtwirtschaftliche Entwicklung "im nach wie vor krisengeprägten Umfeld ins Stocken“ geraten sei. Kein Wunder, wenn auch klein Beinbruch. Nur eben überraschend, weil die "anhaltenden Corona-Auswirkungen", die hierzulande am deutlichsten spürbare "international angespannte Situation", die Inflation und die chinesische Wachstumsschwäche vorher nicht zu erahnen gewesen waren.

Dass die Energiewende das alles nicht herausreißen kann und die "Scholzonomics" ihre Magie verloren hatten, als das Bundesverfassungsgericht den sie speisenden Transformationsfonds für verfassungswidrig erklären, versteht sich von selbst. Aber wenigstens das schneller planen, entscheiden und genehmigen, das ging die Ampel-Koalition an. Mit dem Planungsbeschleunigungsgesetz als "Teil des dritten Beschleunigungspakets" war nach nicht einmal einem Jahr ein scharfes Schwert geschmiedet, um die fesselnden Spinnweben aus tausend Jahren Beharrung und Verknöcherung zu beseitigen. Als "tragender Industriestandort" (Bundesregierung) würde Deutschland nun alle fesseln abwerfen und sich aufschwingen zu alter Dynamik und imponierenden Wachstumsraten.

Es kann eines Tages ganz schnell gehen

Nachdem sich die Genehmigungszeiträume etwa für Windkraftanlagen zuvor in nur acht Jahren von sechs auf acht Jahre verlängert hatten, sollten sie nun  mindestens ebenso schnell wieder zusammenschrumpfen. Nicht überall, auch sonst nirgendwo, aber doch eines Tages ganz bestimmt. Wenn erst richtiges Bürokratieabbaugesetz beschlossen, die Lieferkettenkontrolle digitalisiert und die geplanten "140 Maßnahmen zur Entlastung von Wirtschaft und Bürgern" eingetütet und von der EU genehmigt sind, kann es mit der Entfesslung der rohen Marktkräfte ganz schnell gehen.

Denn schon bei seiner Wirtschaftswunderankündigung hatte Scholz zugesagt, dass Arbeitslosigkeit in den nächsten Jahrzehnten kein großes Problem sein werde. Zwar bedeute der Energieausstieg für viele den Verlust ihrer Jobs, doch "nun entsteht Neues."

Und zwar im traditionellen Deutschland-Tempo.

Freitag, 19. Juli 2024

Forschender: "Zusammenbruch ist Basis des Erfolgs"

Ohne die manische Fixierung auf den Fetisch des sogenanntes "Wirtschaftswachstums" bleibt nach Überzeugung der modernen Ökonomik mehr Zeit für ein gutes Leben.

Schlechte Stimmung, kaputtgeredete Unternehmen, vorübergehend nicht backende Bäckereien und Exportzahlen, die Übles befürchten lassen. Deutschland steckt im vierten Jahr hintereinander nicht nur in einer wirtschaftlichen und finanziellen Notlage, sondern auch in einer schweren mentalen Depression. Je schlechter es aussieht, desto schlimmer die Stimmung. Je schlimmer die Stimmung, desto verzweifelter das Bemühen, mit ihr Schritt zu halten.

Vermeintliche Zerfallserscheinungen

Hatten Regierungsvertreter in den zurückliegenden Monaten noch hartnäckig versucht, die Lage schönzumalen, zeigten sich zuletzt auch hier Zerfallserscheinungen. Nicht vom kommenden Wirtschaftswunder wie in den 50er Jahren und einem Sprung Deutschlands an die Spitze der weltweiten Vorbildhitparade beim grünen Umbau war mehr die Rede, sondern von der "peinlichen" (Lindner) Schwäche der ehemals so stolzen Industrie und davon, dass die Lage so schrecklich sei, dass nur die Worte "dramatisch schlecht" (Habeck) sie einigermaßen zutreffend beschreiben.

Eoman Vonnegut hält das für fahrlässig. Der Wirtschaftswissenschaftler vom Schweriner Carlson-Institut für ganzheitliche Ökonomie (CIGÖ) sieht in der aktuellen Konjunkturflaute den Vorboten hervorragender Zeiten für Deutschland, Europa und den Rest der entwickelten Welt. Eine Angstmache vor schwachem Wachstum, einer technischen Rezession über zwei Quartale hinweg, die von den Bundesstatistikern vielleicht nicht mehr weggerechnet werden kann, oder sogar einer langanhaltenden oder dauerhaften Depression lehnt der Nachhaltigskeitsökonom ab. "Schon allein mit Blick auf das Klima sollte uns ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts über die letzten Quartale hinaus nicht betrüben, sondern freuen, weil jede Minderung der Wirtschaftsleistung uns den Pariser Klimazielen näherbringt."

Gegen der Chor der Mollsänger

Vonnegut weiß, dass seine These im ersten Augenblick provokant klingt. Ohne Wirtschaftswachstum fehlt das Geld, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, es fehlt das Geld, die Bürgerinnen und Bürger für Wohlstandsverluste auf dem Weg zur Klimaneutralität Europas als erstem Kontinent weltweit zu entschädigen. "Und Steuersenkungen, damit der nationale Konsum in Schwung kommt, sind auch nicht drin", ist der 43-jährige studierte Volkswirt sicher. 

Vonnegut aber, der sich selbst als Fratzscher-Schüler sieht, will nicht in den Chor einstimmen, der nur noch Molltöne singt. "Was wir sehen, ist im Moment nur eine technische Rezession, aber daraus kann durchaus ein deutlich breiter angelegter und länger anhaltenden Rückgang der Wirtschaftsleistung werden." 

Der würde dann zu einem Niedergang führen, der sich mit staatlichen Ausgaben nicht mehr aufhalten, sondern allenfalls etwas abbremsen ließe. "Die Gesellschaft würde in dieser Zeit in die Lage versetzt, viele Lasten abzuschütteln, die sie sich in den fetten Jahren aufgeladen hat." Aus der Geschichte sei bekannt, dass um Wohlstand nur so lange gerungen werde, wie in der Bevölkerung der Eindruck vorherrsche, es sei etwas zu Verteilen da. "Ist diese Illusion erst ausgeräumt, wächst die Bereitschaft, zum Verzicht und zugleich der Wille, sich irgendwie auf eigene Faust durchzuschlagen."

Chance für müde Gesellschaften

Für alternde, müde und der Anstrengung überdrüssige Gesellschaften liege darin eine große Chance. "Die Rezession ist die Medizin, die lauffaule Völker am schnellsten wieder in Trab bringt", sagt Eoman Vonnegut. Die Konsumlust der Verbraucherinnen und Verbraucher bleibe gedämpft, der Privatkonsum als ehemals wichtige Konjunkturstütze weiterhin ein Totalausfall. "Doch das muss uns keine Sorge bereiten, weil es zeigt, dass in einer Gesellschaft wie der deutschen kaum mehr Bedürfnisse existieren, die nicht eigentlich bereits befriedigt sind."

Werde nicht mehr beständig mehr, sondern immer weniger gekauft, zeuge das davon, dass der Reiz neuer Produkte durch Übersättigung nachgelassen habe, zugleich aber die Innovationsgeschwindigkeit so weit abnehme, dass Menschen sich entschlössen, den alten Kaffeeautomaten, das alte Smartphone und den alten Flachbildfernseher weiter zu benutzen, obwohl sie bereits zwei oder drei Jahre alt seien. 

"Man hat alles und muss sich nicht mehr anstrengen, mehr davon zu bekommen." Stattdessen werden lieber eine ruhigere Kugel geschoben, halblang gemacht und "Freizeit als neuer Luxus begriffen", wie Vonnegut sagt. Eine stagnierende, bestenfalls langsam schrumpfende Wirtschaft werde so zum Zeichen des Erfolgs, den eine Regierung für ihre Bevölkerung erreicht habe. Wenn deren Bedürfnisse weit über das reine Schlafen, Essen, Anziehen und Heizen hinaus befriedigt seien, könne das BIP gar nicht mehr so stark wachsen kann wie früher. "Und das ist ja gut so", zitiert der Volkswirtschaftler. 

Rezession kein Beinbruch

Auch wenn die Menge der zur Verteilung verfügbaren Milliarden sinke, wenn in wohlhabenden Länder nicht so viel produziert und konsumiert werde, sei das kein Beinbruch. "Bundeskanzler Olaf Scholz hat ja bei seiner legendären Bhutan-Reise deutlich gemacht, dass auch andere Kriterien wichtig sind, wenn man sie denn endlich offiziell mit anrechnet und von der reinen Fixierung auf schrumpfende BIP-Zahlen wegkommt." Langsam wachsen oder besser noch gar nicht wachsen zu müssen, sei ein Privileg, das sich Menschen durch die harte Arbeit früherer Generationen verdient hätten.

"Vergessen Sie nicht, dass auch in Deutschland noch vor 30 Jahren viele Arbeiter und Angestellte morgens um sechs zur Arbeit gehastet sind, acht, neun oder zehn Stunden geschuftet haben und abends um halb acht erst wieder schlagtot daheim ankamen." Dass diese Phase des brutalen Ausbeutungskapitalismus mit seiner manischen Fixierung auf Wachstum, Beschäftigung und Export vorüber sei, halte er für ein sehr gutes Zeichen. "Wir können heute mit unserer Zeit, mit unseren Ressourcen andere Dinge tun. Zum Beispiel das Klima schützen.

Zinslos: Gefährliches Gold

Verführerisch wirken Langzeitcharts des Goldpreises: 600 Prozent Wertgewinn gegen den Dollar allein in den letzten 25 Jahren.

Als US-Präsident Franklin D. Roosevelt im März 1933 zur Tat schritt, hatte er wie jeder Politiker zuallererst die Interessen der Wählerinnen und Wähler im Kopf. "Aufgrund von der mir übertragenen Vollmacht aus Abschnitt 5 (b) des Gesetzes vom 6. Oktober 1917, in dem der Kongress erklärte, dass ein ernsthafter Notstand existiert, verkünde ich als Präsident, dass der nationale Notstand noch besteht und dass das fortgesetzte private Gold- und Silberhorten der Bürgern der Vereinigten Staaten eine ernsthafte Bedrohung für den Frieden, die Gerechtigkeit und das Wohlergehen der Vereinigten Staaten darstellt", sagte Roosevelt. Um die Interessen des Volkes zu schützen, müssten "geeignete Maßnahmen sofort ergriffen werden."

Keine halben Sachen

Roosevelt, erst wenige Tage zuvor ins Amt gekommen, machte keine halben Sachen. Er verkündete "in Ausübung der obengenannten Vollmacht, dass solcher Gold- und Silberbesitz verboten ist und dass jeder solche Münzen, Anlagemünzen oder anderen Gold- und Silberbesitz innerhalb von vierzehn Tagen bei amtlichen Beauftragten der Regierung der Vereinigten Staaten gegen Erstattung zum offiziellen Preis in offiziellen Zahlungsmitteln der Regierung abzuliefern hat". Ein Tausch von Edelmetall gegen Papier, der die Mahnungen verständlich macht, die seitdem beständig wiederholt werden.

Gold gilt vielen Menschen als sichere Geldanlage, eine Alternative zu Aktien, Festgeld und Kryptowährungen, die notfalls im Küchenschrank versteckt werden kann. Vor allem in unsicheren Zeiten schwören Sparer auf Edelmetalle. Doch wer investiert, sollte Roosevelt im Hinterkopf haben: Auch diese Anlage ist alles andere als risikolos.

Blutende Häuslebauer

Erhöhen die Staatsbanken die Zinsen, blutet der Häuslebauer. Verordnet die Regierung den Einbau neuer Heizungen, ist der Teil der Altersrücklage, die als Einfamilienhaus oder Eigentumswohnung irgendwo herumsteht, auf einmal viel weniger oder vielleicht auch gar nichts mehr wert.  Ein Notopfer auf Erspartes kann Vater Staat für jedes ihm bekannte Vermögen verordnen. Nur bei Gold, denken viele, kann er nichts machen: Was er nicht weiß, macht den Besitzer nicht heiß.

Franklin D. Roosevelt aber hat schon vor Jahrzehnten das Gegenteil bewiesen. Der US-Präsident ließ kurzerhand alle Tresorfächer in Banken oder Geldinstituten versiegeln, damit niemand die "bevorstehenden gesetzlichen Maßnahmen" (Roosevelt) unterlaufen kann. Jeder Verkauf, Ankauf oder auch nur die die Bewegung von "Gold oder Silber innerhalb der Grenzen der Vereinigten Staaten und ihrer Gebiete" sei ab sofort verboten, gleichfalls "jedes Devisengeschäft und jede Bewegung von solchen Metallen über die Grenze".

Verbotenes Metall

Gold wurde über Nacht zum "verbotenen Metall". Wer Bestände davon oder von Silber in einem  Schließfach lagerte, war der "Regierung durch die Bank- und Versicherungsunterlagen bekannt", wie der Präsident warnend verriet. "Es wird darauf hingewiesen, dass Ihr Schließfach versiegelt bleiben muss und nur in Anwesenheit eines Vertreters des Finanzamtes geöffnet werden darf." 

Dass heute dennoch wieder viele glauben, Edelmetalle seien die sicherste aller Geldanlagen, verdankt sich dem kollektiven Vergessen der Lehren von 1933. Zu verführerisch sehen die Chartdarstellungen aus, die Gold allein im zurückliegenden Vierteljahrhundert eine Wertsteigerung um das 600-fache bescheinigen, gemessen in Papierdollar, immer noch die unangefochtene Weltleitwährung. So lange Gold handelbar bleibt und kein Finanzminister oder Präsident dazwischenfunkt, mahnen Verbraucherschützer vergebens. 

Gold zieht, Silber nicht minder, wer zugriff, hat aus heutiger Sicht zu jedem einzelnen Einkaufszeitpunkt in der Vergangenheit richtig gelegen. Das "Spekulationsgut", wie es die Stiftung Warentest nennt, lässt die einst von der Bundesregierung als sicher verkaufte Anlage in Aktien der Deutschen Telekom aussehen wie eine Spekulation in Aktien von Tier-Spezi.