Google+ PPQ: 2017 "

Dienstag, 25. April 2017

Unser Mann in Jerusalem: Der Welterzieher



Im Kreml zitterten die Fensterscheiben, als Sigmar Gabriel in Italien ans Mikrophon trat. "Man kann nicht an der Seite eines Regimes stehen, dass ja nicht zum ersten Mal Giftgas gegen seine eigene Bevölkerung eingesetzt hat", sagte Gabriel, der Anfang des Jahres beschlossen hatte, aus dem Wirtschafts- ins Außenministerium zu wechseln, um mehr Zeit für seine schöne Frau, die noch recht kleinen Kinder und einen Aufstieg in der Liste der beliebtesten deutschen Politiker zu haben. Gleichzeitig legte der immer noch amtierende Pop-Beauftragte der deutschen Sozialdemokratie sein Amt als Parteiführer nieder. Gabriel übertrug alle Ämter an seinen Nachfolger Martin Schulz, eine strahlende Gestalt, die nach dem Ende ihrer Amtszeit im Europaparlament nach einer neuen Tätigkeit suchte.

Schulz` Triumph bei der parteiinternen Akklamation seiner Person war Gabriels Werk. Der jahrelang unterschätzte, in Streß und Dauerkritik dick und unanansehnlich gewordene frühere Volksschullehrer zeigte, wie sehr ihn die Öffentlichkeit, aber auch seine Partei über all die langen Jahre unterschätzt hatte, in denen die SPD in manchem Bundesland von der Volkspartei auf die halbe Stärke der AfD schrumpfte. Gabriel, mittlerweile über die Mitte der 50 hinaus, hat sich im letzten Herbst neu erfunden: Als seine Frau, eine Ostdeutsche mit solider Zahnarztausbildung, ihm die zweite Tochter gebar, entschloss sich der traditionell einem guten Leben nicht abgeneigte Arbeiterführer, sich neu zu erfinden. Kürzer treten, weniger essen, Haare nicht mehr färben - in diesem Dreiklang wollte sich Sigmar Gabriel in die Zielkurve seiner nicht immer glücklich verlaufenden Karriere werfen.

Gegen den Hunger ließ er sich ein Magenband einsetzen, gegen die sinkenden Umfragewerte installierte er Schulz, einen Vollblutfunktionär von legendärer Trockenheit, den aber vor allem die deutschen Medien dankbar feierten, als sei ein Messias geboren worden. Sich selbst baute er vom verquollenen Parteienmenschen zum Deutschen schlechthin um: Sigmar Gabriel wurde vom Volksschullehrer zum  Welterzieher.

An der Spitze des Auswärtigen Amtes, das der zum Bundespräsidenten umfunktionierte Steinmeier noch ganz unauffällig führte, steht nun ein Mann, der den Franzosen sagt, wie sie wie sie am besten im deutschen Interesse wählen. Der den Russen unerschrocken Fake News vorhält, sie wollten die deutschen Wahlen manipulieren. Der den Türken die Stange hält, weil auch eine Diktatur strategischen Wert hat. Der den Amerikanern zeigt, dass ihr Weg falsch ist. 

Und der nun endlich auch den den Juden beibiegt, wie Menschenrechte funktionieren.

Sowas kommt an im Heimatland des Holocaust, das sieben Jahrzehnte nach Auschwitz als einzig wirklich moralisches Regime weltweit gilt. Aus dieser hart errungenen Position heraus konnte Sigmar Gabriel Ägyptens Staatschef Sisi einen "beeindruckenden Präsidenten" nennen, ohne sich gleichzeitig mit Menschenrechtlern zu treffen und Sissis mörderisches Regime anzuprangern. Aich im Irak war es nicht nötig, Menschenrechtler zu treffen. Alles in Butter dort. In Israel aber sieht das anders aus. Hier ist es Ehrensache, denn nach deutscher Lesart ist der Judenstaat immer schuld, der seit 2009 ohne Mandat weiter im Amt verharrende Mahmud Abbas hingegen an gar nichts.

"Es ist ganz normal, dass wir bei Auslandsbesuchen auch mit Vertrtetern der Zivilgesellschaft sprechen", sagt Gabriel, der weder in der Türkei noch in Ägypten oder den USA Regierungskritiker traf. Im Falle des Palästinenserstattes würde er ja. Nur gibt es eben keine palästinensischen Regierungskritiker oder Menschenrechtler.

In Israel aber, 50 Jahre nach dem Sechstagekrieg, ist Gelegenheit für Gabriel sich "ein Urteil zu bilden". Kein Wunder, dass die britische Band Bears Den den alten und den neuen Gabriel inzwischen in einem folkloristischen Bocksgesang verherrlicht. "Gabriel, I wish I could deny, the face that I can barely recognize. He lives inside of me every day of my life and I can hear him screaming in the night".

Höcke: Rechtes Erbgut oder Nazi-DNA?

Geahnt haben es viele schon lange, jetzt aber ist es zur Bild+Gewissheit geworden: Björn Höcke hat einen Vater gehabt. Und der war vielleicht auch schon rechtsradikal. Eine Nachricht, die alles, was die Wissenschaft bisher über Nazis zu wissen glaubte, auf den Kopf stellt.


Galten im Erwerben rechtsnationaler, faschistischer und rechtsextremistischer Überzeugungen bisher unumstößlich die von dem großen sowjetischen Forscher Trofim Denissowitsch Lyssenko formulierten Lehren des Lyssenkoismus, nach denen Erbeigenschaften durch Umweltbedingungen erworben werden, verdeutlicht der Fall Höcke die Validität der neolamarckistischen Position, nach der Organismen Eigenschaften an ihre Nachkommen vererben können, die sie während ihres Lebens erworben hatten.

Bei dem prominenten AfD-Mann, der auf dem Parteitag in Köln durch Abwesenheit glänzte, verläuft die Vererbungskette offenbar vom ostpreußischen Großvater Kurt Höcke, den es nach Kriegsende nach Neuwied verschlug, und über den 1948 geborenen Vater Wolfgang, für den "die Vertreibung ein wichtiges Thema gewesen sein" muss, wie die Wochenzeitschrift "Zeit" herausfand.

Bei Höcke junior zeigte sich das Nazi-Erbe früh. Schon als er als Lehrer im nordhessischen Bad Sooden-Allendorf unterrichtete, hing eine Karte in seinem Klassenraum, die nicht nur Hessen, Deutschland oder die EU zeigte, sondern weit nach Osteuropa reichte. Schülern, die fragten, was Höcke damit beweisen wolle, sagte der heutige Thüringer Parteichef: "Damit ihr eure europäischen Wurzeln immer vor Augen habt."

Ein verräterischer Satz, der direkt aus der braunen DNA der Höckes kommt. Genetiker konnten bisher im menschlichen Genom nur Informationen darüber finden, welche Möglichkeiten in den Genen seines Besitzers schlummern, für welche Krankheiten er anfällig ist und welche Medikamente er verträgt. Herauszulesen, wer rechtsradikal oder gar rechtsextrem oder rechtsextremistisch veranlagt ist, könnte die Präventionsarbeit auf ein ganz neues Level heben.

Im Augenblick gibt es bereits mehr als 4000 Erkrankungen, bei denen zumindest angenommen wird, dass sie mit einer Veränderung im Erbgut zusammenhängen. Doch vermutet wird schon länger, dass in der DNA Informationen über spezielle Eigenschaften eines Menschen stecken könnten, beispielsweise über seine Fähigkeit zu lernen, zu lesen oder Sport zu treiben, schnell zu laufen oder auszusehen und zu reden wie Joseph Goebbels.

Gelänge es, den Zusammenhang zwischen Erbgut und Nazi-Überzeugungen bei Björn Höcke nachzuweisen, ließen sich AfD-Wähler und Pegidisten künftig vielleicht künftig einfach durch eine Umstellung der Nukleinsäuren in der Doppelhelix der Desoxyribonukleinsäure umprogrammieren. Kürzlich erst hatten amerikanische Wissenschaftler den Beweis dafür angetreten, dass sich das menschliche Genom von außen beschreiben lässt.

Montag, 24. April 2017

Wahl in Frankreich: Die Bauchtrainer

Der Deutsche entscheidet bei Wahlen nach kühlem Kalkül. Freilich nicht alle Deutschen, aber doch alle "Spiegel"-Leser. Und erst recht alle "Spiegel"-Redakteure. Gelassen lesen sie die Programme der Parteien, sie benutzen den Wahlkalkulator, besuchen Straßenfeste, Diskussionsveranstaltungen mit den Kandidaten, lassen ihre Favoriten von Will und Maischberger, von Lanz, Kleber und im großen "Zeit"-Interview auf Herz und Nieren prüfen. Was wird mit den Steuern? Mit dem Energieausstieg? Mit TTIP und Brüssel, was plant mein Mann, der gern auch eine Frau sein kann, mit der Bundeswehr? Wohin schickt er sie, wie sind unsere Siegesaussichten dort?

Von Angst getriebener Reflexwähler


Der Franzose aber, obschon Deutschlands liebster Partner im Europa der zusammenwachsenden Vaterländer, ist anders. Er, der einst in einer Grande Nation wohnte, seit zwei Jahren aber ein Land im Ausnahmezustand besiedelt, ist ein Reflexwähler. Hört irgendwas, sieht irgendwas, fühlt irgendwas. Und macht sein Kreuzchen dann ganz aus dem Bauch heraus, unterbewusst, getrieben von Angst. Eine "Bauchentscheidung" (Der Spiegel), die dann fahrlässigerweise über das "Schicksal Europas" (Jean Asselborn) entscheidet.


Traditionell muss der erste Wahlgang deshalb nicht überbewertet werden. Sein Ergebnis ist ein "Stimmungsbild" (Spiegel). Er zeigt, "wem die Franzosen von Herzen oder aus einem Bauchgefühl heraus zusprechen". Der Rechtsextremen Le Pen. Dem neoliberalen Macron. Fillon, dem Vertreter des Establishments. Dem linken Volkstribunen Jean-Luc Mélenchon, der radikal rauswill aus EU und Nato, den Freihandel beschränken wird, Steuern massiv zu erhöhen verspricht, um einen höheren Mindestlohn zu finanzieren.

Vom Bauch her haben drei von vier Franzosen, die zur Wahl gingen, Kandidaten gewählt, die nicht von einer der bisher regierenden Parteien nominiert wurden. Vom Bauch her haben mehr als vierzig Prozent der Franzosen ihre Stimme Kandidaten der radikalen Linken und der radikalen Rechten gegeben. In deutsche Farben übersetzt, ist Bernd Lucke knapp vor Frauke Petry ins Ziel gegangen, hinter ihm sortieren sich Thomas de Maiziere, Bernd Riexinger und Martin Schulz ein. Ein Wasserfall aus Tränen würde fließen, wäre das deutsche Realität, nicht französische.

Aufbruch in Europa


So aber deutet ein begeistertes Kommentatorenaufgebot den Nackenschlag für die traditionelle Parteiengesellschaft als Aufbruchssignal für Europa. Er sei sicher, dass Macron "den Rechtsradikalismus und Rechtspopulismus sowie die Antieuropäer in der zweiten Runde in die Schranken weisen werde", beschwört Sigmar Gabriel: „Er steht für einen neuen Aufbruch in Frankreich und in Europa.“ Wolfgang Schäuble hatte zuvor schon beteuert, dass er Macron wählen würde, weil der der beste Kandidat für Deutschland sei. "Pro-europäisch", nennt ihn Martin Schulz. Einen "Reformer" nennt ihn n-tv. "Ehrlich" heißt er in der SZ.

Das Programm des früheren Investmentbankers aber ist so weit weg von deutscher Regierunglinie wie der Bauch der Franzosen vom Kopf eines Spiegel-Schreibers. Das Rentenalter von 62 wird Macron nicht antasten. dafür aber ein Drittel der Abgeordentenseitze streichen. Er will die Beamtenpensionen abschaffen und Staatsbeamte künftig wie Ruheständler aus Privatfirmen behandeln. Für Firmen plant er Steuersenkungen, wie sie im Fall der britischen Premierministerin Theresa May gerade noch als "Steuerdumping" denunziert worden waren. Macron will Staatseigentum verkaufen, 120.000 Staatsangestellte entlassen, mehr Polizisten einstellen und mit einem "Buy European"-Programm gleich dem des US-Präsidenten Trump den Binnenmarkt vor Importen abschirmen.

Dass Macron aus deutscher Sicht das Beste ist, was noch zu haben war, zeigt den Zerrüttungsgrad der europäischen Gemeinsamkeit.  Oder wie es im "Spiegel" heißt: Im zweiten Wahlgang gewinne statt des Bauches dann meist das Kalkül. Und mit ihm "die Person, der die Wähler entweder mehr zutrauen - oder vor der sie weniger Angst haben" (Spiegel).


Fake News: Wo der Tiger dem Zicklein das Euter leckt

"Ausländer sind krimineller als Deutsche? Kriminologen wissen, dass der oft gehörte Vorwurf Unsinn ist", ließ die "Frankfurter Rundschau" ihre Leser im Mai vor einem Jahr wissen. Der Beitrag erschien in einer Reihe von Artikeln, die "mit den Mythen der Rechten" aufzuräumen versprach. Für die Sache mit der Lüge über die angeblich höhere Kriminalität von Ausländern griff Nadja Erb selbst zur Feder. Und die "stellvertretende Ressortleiterin Politik" rechnete scharf ab: So richtig stimmt das alles nicht. Man darf das nicht so einfach sehen. "Aber Rechte halten an der Mär eisern fest!"

Erb hätte bei Thomas de Maiziere nachlesen sollen. Der, als erfahrener Politiker jeder Versuchung abhold, sich festzulegen, hatte Monate zuvor schon auf die Frage nach den vermeintlich kriminelleren Ausländern festgestellt, er "sehe" keine höhere Kriminalität.

Nun sieht ein Mann, der von hinten überfahren wird, zuvor meist auch kein Auto, so dass de Maizieres Dementi genau das ist, was es nicht zu sein scheint: Keins. Aber die Richtung für die Berichterstattung hatte der CDU-Mann den Erbs und Co. einmal mehr vorgegeben. Wenn es ein Phänomen nicht geben soll, dann lässt es sich zur Not wegerklären, indem es so lange in Atome zerlegt wird, bis es kein Brötchen mehr ist, sondern nur noch lauter Semmelbröckchen.

Zwei Jahre hat die Front gehalten. Zwei Jahre lang blieb die Frage, wieso der "überwiegende Teil der Bevölkerung das Problem der „Ausländerkriminalität“ größer einschätzt als es tatsächlich ist" (FR) beantwortet: Weil Rechtspopulisten es schaffen, die Vielzahl der wenigen Einzelfälle, in denen abwechslungsreich beschriebene Täter beteiligt waren, durch die weniger gebildeten Schichten als ein Phänomen wahrnehmen zu lassen.

Fake News im Dienst des Hasses. Zahlen, die sich nur ihrer menschenfeindlichen Zweckbindung verdanken. Wer anständig war, fragte nicht weiter nach. Und wer sich nicht daran hindern konnte, die Antwort unwillkürlich zu kennen, hielt die Klappe, um die Welt ein wenig besser zu machen.

Nun aber schleppen ausgerechnet die Dementi-Medien, die bisher gut damit gefahren waren, ihren Lesern die offiziellen Positionen der Bundesregierung als klug und alternativlos zu erklären, das heikle Thema mitten in die Wahlkampfzeit. Wie aufgeschreckt aus einem süßen Traum, in dem die Schafe bei den Löwen liegen und der Tiger dem Zicklein das Euter leckt, warten bisher so verlässliche Medienpartner des Bundespresseamtes wie die "Zeit" nicht einmal mehr an, bis amtliche Fakten auf dem Tisch liegen, von dem man sie dann unter Aufbietung alles schreiberischen Hochklasse vorsichtig herunterwischt.

Nein, jetzt wird schon losgehetzt, bevor der Innenminister seine tendenziösen Zahlen über "tatverdächtige Zuwanderer" (Welt) als "politischen Sprengstoff" (Welt) auf den Gabentisch der schwächelnden Populisten legt.

Jeder will der Erste sein, jeder will gestiegene Zahlen, krasse Prozente, hohe Zuwächse, allerdings in ein Säftchen verpackt, das aus "Flüchtlingen" und "Ausländern" die bisher vermiedenen "Zuwanderer" macht. 

Was der Minister früher nicht sehen konnte, steht nun überall: Die Zahl tatverdächtiger Zuwanderer ist 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 52,7 Prozent auf 174.438 gestiegen, insgesamt gab es 2016 616.230 ausländische Tatverdächtige. Damit geraten Nicht-Deutsche in rund 30 Prozent aller Straftaten als Täter unter Verdacht. Schutzsuchende, die etwa zwei Prozent der schon länger hier lebenden Menschen ausmachen, werden in 8,6 Prozent aller Fälle verdächtigt. Warum stellen sie beim Taschendiebstahl einen Anteil von 35,1 Prozent aller Tatverdächtigen, bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung sowie Vergewaltigung und sexuelle Nötigung 14,9 Prozent und bei Wohnungseinbrüchen 11,3 Prozent?

Bedeutet das, Zuwanderer sind krimineller als Hiesige, schon länger hier noch lebende Ausländer inbegriffen? Sind Zuwanderer auch krimineller als Flüchtlinge? Als Schutzsuchende? Als die ausländische Touristen? Osteuropäer? Nordaufrikaner? Und bedeutet das, dass Nadja Erbs Widerlegung des "Mythos der Rechten"gar nicht stimmte? Dass Thomas de Maizieres Nichtsehen ein Nichtsehenwollen war?

Natürlich nicht. Denn es sind ja nicht "die Zuwanderer", die hier die Straftaten begehen, sondern die jungen Männer, die auch unter Deutschen die größte Gruppe der Tatverdächtigen und Täter stellen.  Die Zuwanderer sind im Durchschnitt wesentlich jünger als die Vergleichsgruppe derer, die schon länger hier lebt. Wer jünger ist und männlicher, gerät aber überall auf der Welt eher auf die schiefe Bahn als ein älterer Mensch. Oft entzieht sich das völlig seinem eigenen Einfluss! Man ist jung und braucht das Geld!

Manche jungen Männer, so die "Welt", werden deshalb sogar zu Mehrfachtätern und "beschäftigen nicht nur jahrelang Polizei und Justiz" (Welt), sondern sie verderben auch die deutsche Kriminalstatistik, die dann von der ARD wieder glattgebügelt werden muss. Derzufolge wird 31 Prozent aller tatverdächtigen Zuwanderer vorgeworfen, mehrere Straftaten begangen zu haben, fünf Prozent von ihnen sollen bereits mindestens sechs Mal kriminell geworden sein.

Rechnete man all diese Täter seriöserweise herraus und kürzte dann noch über das niedrigere Alter dividiert durch die durch den "Zustrom" (Merkel) ohnehin gewachsene Zahl der Menschen in Deutschland, ist gar nichts passiert. Deutschland, ein Paradies, in dem der Löwe schlummert, das Schaf kuschelt und der Tiger  dem Zicklein das Euter leckt.

Sonntag, 23. April 2017

Rauchbomben gegen rechts


Es ist ein Aufstand des Gewissens, der in Köln nicht ganz die angekündigten 50.000, aber doch eine ganze Menge Menschen gegen die menschenverachtende Politik der rechtsextremistischen AfD auf die Beine brachte. Unter dem Motto "Willst du nicht meiner Meinung sein, schlag ich dir den Schädel ein" marschierte der Schwarze Block für Vielfalt, die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) und die Linkspartei warben für eine bunte Demokratie und wetterten gegen den von der AfD zu verantwortenden Kapitalismus. Von einem "Lauti-Wagen", hergestellt in einer kapitalistischen Autofabrik, in der ArbeiterInnen bis heute gnadenlos ausgebeutet werden, wurden die Namen der NSU-Toten verlesen, die auch auf das Konto der AfD gehen.

Ein großer Tag für Deutschland, ein großer Tag für Europa. Während der Staatssender Phoenix nicht müde wird, die empörenden Debatten der Rechtsradikalisten direkt und unkommentiert aus dem Sitzungssaal zu übertragen, wurden draußen Rauchbomben gezündet, Demonstranten brachen aus den vorgeschriebenen Demorouten aus, um AfD-Anhänger zu jagen. Polizisten rannten ihnen nach, Steine flogen in Richtung der Beamten.

Individueller Terror muss richten, was staatliche Institutionen versäumt haben: Die Rechtsfaschisten rechtzeitig zu verbieten. Beim Versuch, einen Parteitagsabgeordneten mit Schlägen einer Zaunlatte von seinen falschen Ansichten abzubringen, wurde ein Polizist verletzt. Irgendwo anders noch einer.

Doch insgesamt war der Protest gegen die Nutzung demokratischer Privilegien durch Andersdenkende "überwiegend friedlich" (n-tv). Ein bisschen Schwund ist immer, junge Leute schlagen nicht nur gelegentlich über die Stränge, sondern zuweilen auch zu.

Genau für solche Momente hat der Staat seine Polizei. Die feiert in Köln einen Triumph: "Kein Chaos, dafür Karnevalsstimmung" sieht der offensichtlich unverletzt gebliebene FAZ-Korrespondent. Was sind schon ein paar brennende Reifen und abgefackelte Autos, wenn sich alles in allem sagen lässt, dass die Stimmung eigentlich doch vielerorts auch "fröhlich-friedlich" (Express) gewesen ist? Jot jemaat, Kölle!

Ein Zeichen wurde gesetzt, wiedereinmal. Ein Zeichen, das günstigstenfalls bis nach Frankreich leuchten wird, wo heute im deutschen Sinne gewählt werden muss. Deutschland hat gezeigt, "welche beeindruckende Kraft das Engagement von Bürgerinnen und Bürgern, Vereinen, Parteien, Künstlern und Kirchen entwickeln kann", wenn ein "massiver, aber besonnener Einsatz der Polizei Extremisten daran hindert, zu randalieren und Absperrungen zu durchbrechen" (Express).

HFC: Das verschenkte Glück

Nur zweimal besser, aber sechsmal schlechter: Der HFC zwischen 2016 und 2017.

Drei, acht und fünf, dazu zwölf und 17 und alles zusammen ergibt gerade noch den 15. Tabellenplatz. Der Hallesche FC ist in der Rückrunde der 3. Liga unverhofft aus dem Himmel der Aufstiegsträume in die Hölle der Selbstzerfleischung gestürzt. 


Gegen die Gegner, gegen die in der Hinrunde noch 30 Punkte geholt wurden, langte es gerade noch zu 17. Aus der schmalen, aber immerhin positiven Torbilanz von 20 zu 14 wurde eine negative mit eben jenen zwölf mageren Treffern in 16 Spielen bei 17 Gegentoren. Die allein nicht tragisch wären, denn immerhin haben 13 Konkurrenten mehr Tore geschluckt. Doch weil nur drei weniger eigene Schüsse ins Tor brachten, steht der HFC nun nicht mehr wie noch vor ein paar Tagen auf Tabellenplatz 3. Sondern auf Platz 10, dort, wo die Tabelle nach unten umgeblättert wird.

Die Bilanz eines Absteigers.

Was ist los, was ist geschehen? Wie konnte eine sportliche Führung, wie konnte ein Sportdirektor, wie konnte ein Trainer nach einer ersten Saisonhälfte, die mangels spektakulärer Torfestivals kaum begeisternden, aber immerhin erfolgreichen Ergebnisfussball brachte, in der Winterpause zum Schluss kommen, dass da irgendwo im überschaubaren Mannschaftskollektiv noch Knoten darauf warteten, offensiv zu platzen? Und sich daraufhin entschließen, nicht nur den bis dahin enttäuschenden Sturmneuzugang Petar Sliskovic, sondern mit Timo Furuholm auch den erfolgreichsten Torschützen der letzten zehn Jahre wegzuschicken?

An der Oberfläche ist der Frage nicht beizukommen. Weder Trainer Rico Schmitt noch Manager Ralph Kühne oder Präsident Michael Schädlich haben bisher erschöpfend Auskunft dazu gegeben. Ein Ersatz mit Torgarantie sei nicht zu bekommen gewesen. Oder es habe für jenen Ersatz am Geld gefehlt. Man sei offensiv gut genug aufgestellt, um aus der Breite auszugleichen, was die einzige Spitze - der vor Saisonbeginn vom Mittelfeldspieler zum Stürmer umfunktionierte - Benjamin Pintol nicht an Durchschlagskraft besitze.

Pfeifen im Walde


Pfeifen im Wald, das nun höhnisch widerhallt. Der ohnehin laue Sturm hat es geschafft, seine Zielsicherheit noch einmal annähernd zu halbieren. Dafür klingelt es hinten ein Drittel öfter. Gegner, die im Herbst noch überrascht wurden, weil sie den neu zusammengstellten HFC nicht kannten und seine Spielweise nicht einschätzen konnten, wissen nun genau, wie gegen die Schmitt-Elf anzutreten ist.

Sie lassen den Klub spielen, denn sie wissen, dass dessen Offensivschwäche kaum Gefahr produziert. Großaspach und Regensburg drehten die HFC-Taktik gegen den HFC: Von der ersten Minute an attackierten sie weit vorn und konterten. Wer Spieler beim HFC ist, dem werden da die Beine schwer, denn er weiß: Kassiert meine Elf erstmal ein Tor, gewinnt sie nicht mehr. Also stehen sie in Offensivaktionen immer mit einem Bein in der Defensive. Die Statistik zeigt, wo das hinführt: In gerade zwei Spielen - Regenburg und Frankfurt - schnitt der HFC im Frühjahr besser ab als im Herbst und holte gegen denselben Gegner mehr Punkte. Sechsmal aber war er schlechter und holte weniger.

Ergebnis ist eine "Ergebniskrise" (Rico Schmitt), in der der Leistungsabfall in der Rückrunde, der völlig untypisch ist für den Klub von der Saale, als Zusammentreffen von fehlendem Glück und gleichzeitig auftretendem unglaublichen Pech verklärt wird. Der HFC hat die meisten Pfostentreffer. Der HFC bekommt nur ein Viertel der Elfmeter, die Magdeburg zugesprochen erhält. Der HFC ist spielerisch irgendwie top, selbst wenn er verliert. Nach offizieller Lesart muss Letzteres nur noch vermieden werden.

Am Kipp-Punkt


Doch im im Sport ist es immer so, dass man nehmen muss, was man bekommt. Wie bei Stendal, Cottbus und Magdeburg, deren sportliche Höhenflüge in der Vergangenheit im DFB-Pokal gründeten, gibt es Momente, in denen sich mehr entscheidet als ein Spiel oder das Abschneiden in einer Saison. Auch, weil Fußball mehr denn je ein Managerspiel geworden ist, in dem die Zusammenstellung der Mannschaft wichtiger ist als deren Training. Das gilt zwar als ausschlaggebend für den Erfolg. Doch im Falle des HFC zeigt sich gerade, dass mehr und längeres gemeinsames Trainieren auch zur Verschlechterung eines Kaders führen kann, wenn dessen offenkundige Schwächen nicht auf der Managementebene ausgeglichen werden.

Als sich der HFC im Oktober sang- und klanglos aus dem DFB-Pokal verabschiedete, passierte er einen jener Tipping Points, die wie eine Weiche funktionieren. Hopp oder Top? Die Entscheidung im Winter, zwei Stürmer abzugeben und keinen Ersatz zu holen, war der zweite.

Timo Furuholm, der fast grußlos nach Finnland verschickte Torgarant der letzten Jahre, hat dort inzwischen in zehn Partien sechs Tore geschossen.

Sein Verein Inter Turku, letzte Saison Tabellenvorletzter, ist derzeit 3.





Samstag, 22. April 2017

Zitate zur Zeit: Informationsblind

Wahr oder unwahr?
Im Wesentlichen verhält sich der Einzelne wie das System. Unser System krankt am übermäßigen Vertrauen in die Bilder. Wir sind informationsblind.

Wenn Sie zu viel Schnee sehen, werden Sie schneeblind, das heißt, Sie sehen überhaupt keinen mehr.

Wenn Sie zu viel Infotainment konsumieren, werden Sie informationsblind.

Die Zukunft wird die Grenze zwischen Realität und Virtualität auflösen, die Medien werden  den Zeitbegriff verändern und eine neue Qualität von wahr und unwahr schaffen.

Frank Schätzing, Die dunkle Seite, 1997

Riestern ist kein Verbrechen: Keine Pauschalurteile über Spekulanten!

BVB-Chef Watzke als Derivat des titelgebenden Bundesinnenministers.

Über Spekulanten und Heuschrecken sind in den letzten Jahren viele gesellschaftlich wichtige Debatten geführt worden. Franz Müntefering, der alte Haudegen der Arbeiter-SPD, wollte die Gier einhegen. Wolfgang Schäuble, der überaus beliebteste deutsche Politiker überhaupt, sie höher besteuern.


 Nach der Festnahme eines deutsch-russischen Attentäters, der versucht hatte, mit drei Bomben ein Optionsgeschäft auf fallende Kurse zu vergolden, brechen nun aber alle Dämme. Pauschaler Hass richtet sich gegen Spekulanten, Sekundenhändler, Optionsscheintrader und Banken. Die Finanzmärkte rücken ins Visier von Populisten, die alles verteufeln, was Volatilität eingrenzt. Bundesinnenminister Thomas de Maizière unterstellte dem womöglich von finanzieller Not getriebenen Täter – er musste zum Kauf der Put-Optionen einen Kredit aufnehmen - „ein besonders widerwärtiges Tatmotiv". So hart hatte sich der CDU-Politiker noch bei keinem islamistischen Anschlag geäußert.

Verkommenes System als Zielscheibe


Andere Beobachter sehen „ein grandioses Beispiel für verwerfliche Machenschaften auf den Finanzmärkten“ und sehen ein „verkommenes System, für das Arbeitnehmer, Beamte, Rentner und Pensionäre schuften müssen“. Auch der gescheiterte Linken-Chef Bernd Riexinger griff spontan zum Pauschalurteil: Das Motiv des „BVB-Bombers“ sei „total irre“, den „Leerverkäufe und Wetten auf fallende Aktienkurse müssten als Lehre aus der Finanzkrise längst verboten sein“. Jan Böhmermann, der Erdogan-Schmäher, erwartet härtete Gesetze gegen Spekulanten. Die Börsen-Experten der Berliner Zeitung warnen vor "eiskalten Aktien-Spekulanten". Das müsste verboten werden.

Müsste es das? Fuhr die DDR besser ohne Aktienmarkt? Wie tolerant, wie friedfertig sind die Finanzmärkte überhaupt? Und wie viel Einfluss sollten sie, auf denen Millionen Menschen in Deutschland handeln, in unserem auf christlich Werte der Toleranz, Mitmenschlichkeit und gemeinsamen Teilens ausgerichteten Land noch haben?

Fragen, die in den Tagen seit dem BVB-Schock zur besten Sendezeit immer mehr Menschen stellen. Zwar gibt es noch immer keine Distanzierung vom Zentralverband der Wertpapierhändler wegen des terroristischen Angriffs auf BVB-Bus. Doch für PPQ gab und gibt es bei all diesen Debatten eine klare, unverrückbare Trennlinie zwischen dem friedlichen Handel auf offenen Markten und der menschenverachtenden Instrumentalisierung von Wertpapieren zum Zwecke der Profitmaximierung. Terror ist ein Selbstzweck, kein Mittel zu monetärer Optimierung!

„Wer heute gegen den Handel an den Wertpapierbörsen kämpft, kämpft gegen einen aufgeklärten, starken, gesellschaftlich selbstverständlich verankerten, erfolgreichen Kapitalismus“, wehrt auch Harald O. Baier, der Vorsitzende des PPQ-Leserbeirates, ab. „Es ist nicht antikapitalistisch, gegen den Kapitalismus zu sein. Im Gegenteil.“ Doch wo Finanzmärkte über die Stränge schlügen, Niedrigzinsen Menschen zur Spekulation zwängen und Innenminister die Widerwärtigkeit eines Anschlages exklusiv an der Geldgier des Täters festmachten, sei es höchste Zeit, umzusteuern. „Was wir brauchen, ist eine rote Linie für Terroristen.“

Friedengebete von Kleinanlegern


Deutschland zeigt, wo die liegen könnte. In Berlin fand gestern ein gemeinsames Friedensgebet von Spekulanten, Kleinanlegern, Investmentbankern und Vertretern der Roten Hilfe statt. Genau so sollte sich der Finanzmarktkapitalismus präsentieren. Zu welchem Gott die Gläubigen dabei beten, zum Mammon oder zu Marx, macht keinen Unterschied, darf keinen Unterschied machen. Bei PPQ ist deshalb auch in Zukunft kein Raum für pauschalisierende, herabwürdigende Äußerungen gegenüber den Finanzmärkten und den Menschen, die an Optionsscheine, Futures oder Langfristanlagen in Riesterfonds glauben.

Wer einen Markt, auf dem Spekulationen möglich sind - ja, auf dem Millionen mitspekulieren, schon allein dadurch, dass sie nicht mitspekulieren - pauschal ablehnt, der stellt sich gegen Millionen und Milliarden Menschen, die in überwältigender Mehrheit friedlich spekulieren, der steht an der Seite von Donald Trump, der Abschottung predigt, der ist ein Stalin, ein Lenin, ein Mao, ein Maduro, die alles Handeln unter staatliche Kontrolle zwingen und Geldgeschäfte auf den schwarzen Markt verdrängten.

Genau solche Auseinandersetzung entlang wirtschaftspolitischer Grundüberzeugungen wollen wir NICHT. Wir wollen sie nicht führen, nicht befördern und nicht herbeischreiben. Denn sie enden immer verheerend – das hat die Geschichte oft genug gezeigt!

Freitag, 21. April 2017

Ukraine: Putins Handschrift auf jedem Mordbefehl

Das hätte nun wirklich nicht sein müssen! Der Internationale Gerichtshof hat eine Klage der Ukraine gegen Moskau wegen der russischen Hilfe für Separatisten in der Ost-Ukraine abgewiesen, weil angeblich die vorgelegten Beweise nicht ausreichten. Während die Richter der Ukraine in anderen Punkten Recht gaben, schmetterten sie deren Klage in diesem Punkt ab. Dabei liegen in Deutschland genug Beweise vor.

Die Abweisung der Klage kommt völlig überraschend, denn nach der Einreichung Anfang März hatte die Ukraine Russland vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag noch sehr glaubhaft beschuldigt, prorussische Separatisten in der Ostukraine zu finanzieren. Zudem sei die Russische Föderation "verantwortlich für Terrorakte und Diskriminierung" in der Ostukraine und auf der Krim. Anliegen der Kläger war, dass das UN-Gericht die Aggression Russlands mit einer einstweiligen Verfügung stoppt und die russische Regierung zwingt, jegliche Unterstützung der Rebellen unverzüglich einzustellen.

Dass die Klage nun zumindest auf dem Eilweg scheitert, hätte nicht sein müssen. Ein Anruf in deutschen Medienhäusern hätte zweifellos gereicht, die Richter von Putins Schuld zu überzeugen: Unsichtbare Panzer, abgeschossene Flugzeuge, riesige Militärfriedhöfe - über Monate hinweg hatten Redaktionen von „Spiegel“ über „Zeit“ bis „SZ“ und „FR“ penibel unwiderlegbare Fakten gesammelt, die die Handschrift Putins auf jedem Mordbefehl belegten. Eben erst konnten Ermittler im Falle des Anschlags auf den Bus von Borussia Doirtmund einen russischen Verdächtigen festnehmen.Auch für den Einmarsch der Russen in die Ostukraine türmen sich bei deutschen Medien die Beweise.

So hatte Putin zum Beispiel im Sommer 2014 500 Millionen Dollar für den Kauf von Waffen für die Ukraine in der Duma beantragt. Wenig später waren dann die berüchtigten "unsichtbaren Panzer" (Zeit) ausgerückt, um eine erneute Zuspitzung der Krise zu erreichen. Der entmenschte neue Zar hatte seinerzeit geplant, nach den ukrainischen Ostgebieten auch den Rest des Landes zu übernehmen. Zuvor hatten Nato-Einheiten nach Informationen der kanadischen Nato-Vertretung die russische Exklave Königsberg befreit.

Putin massive Kriegslüsternheit war von deutschen Reportern auch durch sogenannte "strategische Übersetzungen" nachgewiesen worden. Putin hatte zuvor das Wort Присоединение (Prisoyedineniye), benutzt, das so viel wie Beitritt, Anschluss, Angliederung, Aufnahme, Hinzufügung oder sogar Einverleibung heißt. Um ihn endgültig zu überführen, entschieden alle deutschen Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehsender und Onlineportale, den Begriff mit "Annexion" zu übersetzen, obwohl das auf russisch Aннексия heißen würde.

Fahrlässig haben die ukrainischen Kläger nicht auf das in Deutschland längst vorliegende Belastungsmaterial zurückgegriffen. Nun gilt alle Hoffnung dem anstehenden Hauptverfahren. In dem sollen dann zumindest mehr Indizien für Russlands Kriegstreiberei vorgelegt werden: So gibt das Land derzeit für Rüstung etwa ein Zehntel der Summe aus, die die Nato sich ihre Armeen und Waffen kosten lässt und beweist so, dass seine aggressive Haltung kein Zufall ist. Zuletzt hatte das Regime seine Ausgaben in diesem Bereich demonstrativ um 25 Prozent gekürzt. Experten sind allerdings sicher, dass es sich dabei um einen erneuten perfiden Trick handelt.

Kirche von oben: Unser Kreuz hat keine Haken mehr

Die amtierende Parteivorsitzende reagiert mit einer Absage an die Spitzenkandidatur, die Silvesterstadt Köln mit einem Flugverbot und die deutschen Kirchen mit einem Aufruf, "unmissverständlich klar zu machen, dass Hass und Intoleranz kein Mittel in der politischen Auseinandersetzung sein dürften", so der katholische Stadtdechant von Köln, Robert Kleine. Als Kirche im Staatskapitalismus würden sich die christlichen Kirchen deshalb beim bevorstehenden Bundesparteitag der AfD an Protestdemonstrationen gegen die Partei beteiligen.

Eine klare Positionierung der christlichen Gemeinden auf der Seite von Nächstenliebe, Toleranz und solidarischem Miteinander, gegen das Böse, die Bräuche des Heidentums, den Unglauben an die gottgegebene Alternativlosigkeit und die dämonische Kraft der von falschen Ideen Besessenen. Geplant sind unter anderem ein "Politisches Nachtgebet" in der evangelisch-freikirchlichen Friedenskirche am Freitagabend sowie eine Mahnwache an der evangelischen Antoniterkirche.

Dort, wo einst die Antoniter nach den Lehren des heiligen Augustinus lebten, sollen die Teilnehmer am AfD-Protest dessen Lehre annehmen: "Niemand darf jemals die Berechtigung eines Krieges bezweifeln, der in Gottes Namen befohlen wird, denn selbst das, was aus menschlicher Gier entsteht, kann weder den unkorrumpierbaren Gott noch seinen Heiligen etwas anhaben. Gott befiehlt Krieg, um den Stolz der Sterblichen auszutreiben, zu zerschmettern und zu unterwerfen. Krieg zu erdulden ist eine Probe für die Geduld der Gläubigen, um sie zu erniedrigen und seine väterlichen Zurechtweisungen anzunehmen.

Nach dem Nachtgebet, unter anderem mit dem Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Stefan Vesper, zu dessen geistiger Gemeinschaft bis heute auch ein prominentes Mitglied zählt, das wegen Gottes allumfassender Gnade weder zu Lebzeiten noch nach seinem Tod exkommuniziert wurde, startet eine besorgte Debatte um den von Friedrich Ludwig Jahn, Ernst Moritz Arndt und Johann Gottlieb Fichte um 1811 eingeführten Begriff "völkisch". Ziel sei es, das Wort wieder in den "Giftschrank der Nazis" zu sperren, so Domning. Gerade die Kirche habe durch ihr Engagement während der Hitlerzeit Erfahrung darin, mit ihren Aktionen Zeichen zu setzen. Als Deutschland 1933 aus dem Völkerbund austrat, warben die bayerischen Bischöfe für ein Ja bei der folgenden Volksabstimmung: Deutsche Katholiken, hieß es, müssten bei der Abstimmung natürlich „aus vaterländischem und christlichem Geist ihre Stimme für den Völkerfrieden, für die Ehre und Gleichberechtigung des deutschen Volkes erheben“.Und für den Austritt votieren.

Eine große, gottesfürchtige Tradition, ökumenisch zumal. Um Völkerfrieden, Ehre und Gleichberechtigung geht es Katholiken und Protestanten nun auch, wenn in Köln Gesichter gezeigt werden, um die AfD zu stoppen, ehe sie den Islam in einem Leitantrag als "große Gefahr für Deutschland" bezeichnen kann. Für die deutschen Bischöfe, die für eine jahrhundertealte Tradition der Bekämpfung Andersgläubiger stehen, ist der Glaube daran mit dem Christentum nicht vereinbar. Noch unklar ist allerdings, wie mit Gläubigen umgegangen werden soll, die trotz der amtskirchlichen Warnungen gegen das Verbot fremdenfeindlicher Betätigung verstoßen.

Ein Weg könnte die einst gegen den späteren Propagandaminister Joseph Goebbels ausgesprochene Exkommunikation sein: Der Katholik Goebbels hatte 1931 eine Protestantin geheiratet und war dafür aus dem Schoß der Mutter Kirche verstoßen worden. Hitler, der als Trauzeuge fungiert und die Sünde einer Verbindung zum falschen lutherischen Glauben damit gutgeheißen hatte, wurde nur verwarnt. Im Unterschied wiederum zu Goebbels, aber auch zu Martin Luther und Heinrich IV. wurde der Führer weder zu Lebzeiten noch nach seinem Tode, weder wegen seines Antisemitismus noch wegen des von ihm geplanten und durchgeführten Völkermordes exkommuniziert.

Hitler, der seinem General Gerhard Engel 1941 erklärte "Ich bin nach wie vor Katholik und werde es immer bleiben", ist damit bis heute Ehrenbürger der christlichen Gemeinde.

Donnerstag, 20. April 2017

Deutschland - das Land, das es nicht geben darf

Thomas Schmids Problem "beginnt schon mit dem Wort „deutsch“. "Während andere Staaten wie Franzosen, Italiener oder Briten Stammesnamen tragen, verweist der Name der Deutschen nicht auf die Herkunft, sondern auf die Sprache", schreibt der Sachse, der früher Sponti war und heute immer noch für die "Welt" schreibt. Deutsch ist, wer Deutsch spricht, so weit, so richtig. Doch die Folgerung des Autoren, es sei "immer schon unmöglich" gewesen, "das Deutsche territorial zu bestimmen", stammt aus dem Regal der alternativen Fakten.

Nur weil die Herkunft des Wortes, das heute das Land bezeichnet, seinen Ursprung nicht in einer Gebietsbeschreibung hat wie bei Estland, Finnland oder China, legt sich seine Bedeutung doch seit dem „Annolied“ von 1085, der ältesten deutschen Geschichtsdichtung, über beides: Volk und Raum, Bürger und Gelände. Seit 1550 trug das Kaiserreich den Namen Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation. Knapp 500 Jahre später eine Unmöglichkeit der Bestimmung des Deutschen zu behaupten, gleicht dem Versuch, zu ignorieren, was ist, um behaupten zu können, es existiere nicht.

Denn "Deutsch" war von Anfang an gerade das - eine Bestimmung der Zugehörigkeit, nur eben keine von innen getroffene, sondern eine von außen vorgenommene. Abgeleitet vom ausgestorbenen Wort "Diet", das auf die urindogermanische Wurzel "teuh" (wachsen, schwellen) zurückgeht und das Volk als Menschenauflauf beschreibt, tritt "Deutsch" im Frühmittelalter als lateinisches Adverb "theodisce" in einem vatikanischen Kodex auf. Zwei Jahre später, in den fränkischen Reichsannalen von 788, wird mit "theodisce" das Deutsche als „Volkssprache“ aller nichtlateinischen oder nichtromanischen Sprecher bezeichnet. "Deutsch" ist nun die Sprache derer, die nicht Latein sprechen, aber auch nicht eine der anderen romanischen Sprachen.

In ist, wer drin ist, dazugehört, wer sich integriert. Im Unterschied zu "allemand", wie die Franzosen uns nennen, "nemez", wie der Pole sagt, oder "german" wie es die Engländer tun, ist "Deutsch" die Beschreibung eines Volkes, das nicht vom Blut und Boden zusammengehalten wird, wie das französische oder italienische. Sondern von der Sprache, aber eben auch nur in der Abgrenzung von anderen Sprachen. Franken, Bayern und Sachsen sprachen Deutsch, Jacob Grimms "Excurs über Germanisch und Deutsch" von 1840 berichtet vom Deutschen als dem anderen, dem, der nicht romanisch spricht und "walhisk", also "welsch" ist.

Ein, zwei Generationen später steht "deutsch" bereits für das, was es heute noch ist: Die Deutschen im Gegensatz zu allen anderen, die Niederländer, die "duits" sind, eingeschlossen. Das Land der Deutschen ("Deutschland") ist dabei begrenzt durch das Land, das deutsche Stämme bewohnen.

Seine Grenzen sind manchmal unscharf, weil es gerade am Rand zu Durchmischungen kommt. Legendär ist der Streit ums Elsaß, verloren der um Schlesien. Wie die Engländer, in deren Genpool sich neben Einträgen der keltischen Urbevölkerung auch Beiträge der später aus Nord- und Mitteleuropa eingewanderten germanischen Eroberer aus den Stämmen der Angeln, Sachsen, Friesen und Jüten finden, deren gemeinsames Merkmal heute der gemeinsame Siedlungsraum und die gemeinsame Sprache sind, durchmischten sich auch die frühen Deutschen, die noch keine waren, mit den slawischen Stämmen der Heveller, Friesen und Sorben.

Wie die Amerikaner tragen Deutsche keine Stammesnamen, wie die Perser in Vorderasien definieren sie sich durch die gemeinsame Sprache. Eine Einladung zur Integration, immer noch.

Ungeheuerliches aus Engelland

Ungeheuerliches tut sich auf der Weltbühne, die der festen deutschen Hand zusehends aus dem Griff zu geraten droht. Erst der Russe, der mit unsichtbaren Truppen in die Ukraine einmarschiert. Dann der Ami, der mit Trump einen Despoten wählt, der in Deutschland nicht einmal Bezirksbürgermeister in Spandau hätte werden dürfen. Danach der Türke, der sich, obwohl daheim im Reich, entschließt, den perfiden Plan eines 76-Jährigen zur ewigen Zementierung von dessen diktatorischer Macht mit seiner Stimme zu unterstützen. Gar nicht zu reden von all den Polen, Ungarn, Griechen und Österreichern, die unentwegt quengeln, eigen Wege gehen und die fürsorgliche Betreuung durchhochqualifizierte deutsche Spitzenpolitiker als lästig empfinden.

Nun aber auch noch die Briten, die die EU seit ihrem Ausstiegsbeschluss mit sich schleppt wie einen juckenden Ausschlag. Statt zu gehen, lassen wir sie nicht, weil wir nicht können. Und statt sie zum Bleiben zu zwingen, damit nie mehr jemand gehen kann, müssen wir drohen, damit sie. Ja, das weiß man noch nicht. Nun aber das Ungeheuerlichste: Die britische Premierministerin ordnet ihrem eigenen Wohl sogar den Wahlkalender unter und riskiert damit die Einheit des Landes, um dessen Wohl wir Deutschen traditionell so besorgt sind!

Wie Stefan Kornelius, bekannt geworden durch tiefenanalytische Brexit-Texte wie "Voller Angst in die historische Katastrophe“, „Warum jetzt Europas harte Hand gefragt ist“ und „Brexit-Debatte hat alle Sachlichkeit verloren“, in der Süddeutschen Zeitung aufdeckt, hat sich offenbar auch Großbritannien von den gemeinsamen Werten der Union losgesagt: Ohne Rücksprache mit der Bundesregierung, aber auch ohne vorherigen Kontakt mit der Süddeutschen Zeitung hat die Premierministerin des abtrünnigen Staates Neuwahlen ausgerufen. Und das nicht, weil es der gemeinsamen Sache des Weltfriedenkontinentes dient. Sondern instinktgeleitet, aus purer Machtlust, die zugleich Verachtung ist für alles, was Stefan Kornelius ihnen als Strafe zugedacht hatte.

Wo sind wir nur gelandet? 77 Jahre nach Hitlers Paris-Abstecher benimmt sich Europa, als könne hier jeder machen, was er will. Die Türkei stimmt ab und die Wähler richten sich offenkundig kein bisschen nach dem, was ihnen Berlin empfiehlt. Frankreich wählt und es ist kein anständiger Vertreter der gemäßigten Mitte dabei. London ruft nun Wahlen aus, wo der deutsche Wahlkalender gar keine vorsieht. Kopfschütteln bei Kornelius: „So gewiss ist sie sich ihrer Sache, dass sie eine unglaubliche Frechheit begehen kann: Sie beschimpft Labour, Liberaldemokraten und schottische Nationalisten kaum verhohlen als Vaterlandsverräter, sagt ihnen den politischen Untergang voraus - bittet aber gleichzeitig um deren Stimmen für die Auflösung des Parlaments.“


Wo hat man sowas schon gehört? In London, letztes Jahr! „Vergangenen Sommer nutzte Theresa May das Führungsvakuum der Tories und nahm den Vorsitz der Partei sowie das Amt der Premierministerin still, aber entschlossen an sich“, schildert der Reporter aus München die kalte Machtübernahme an der Themse, getrieben von einem „perfekten Instinkt im richtigen Augenblick“.

Ganz anders als Angela Merkel seinerzeit basisdemokratisch aus der Asche der Kohl-CDU auferstand, nahm sich die Britin, was ihr nicht zusteht.


Mittwoch, 19. April 2017

HFC: Wie auf einer Beerdigung

Dies waren früher die Märchenstunden im Fußballjahr, Hochämter der kleinstädtischen Fußballkultur und Messen der Selbstvergewisserung an einem Gegner, den zu schlagen zur schönsten Pflicht im Dienst des Vereins gehörte. Wenn der Hallesche FC gegen den lauten Rivalen aus dem Norden antrat, war das Stadion voll, die Luft brannte, die Emotionen kochten hoch und wer als Sieger vom Platz ging, war bis zum nächsten Mal der König des Landes, in dem noch nie ein Verein erste Bundesliga gespielt hat.

Doch das sind die alten Zeiten gewesen. Im 100. Derby zwischen Halle und Magdeburg sind die Signale schon im Vorfeld andere. Desinteresse regiert, wo früher Begeisterung war. Der FCM-Anhang boykottiert, wo er früher einmal mit Partisanenmethoden seine Macht demonstrierte. Der Kartenverkauf wird abgewickelt als ginge es um scharfe Waffen. Die Sicherheitsbehörden sperren ungeachtet der fehlenden Gästefans routinemäßig die halbe Stadt.

Und wie ein dunkler Schatten liegt die Vorahnung über dem halleschen Erdgas-Sportpark: Wenn das heute schief geht, löst sich die gesamte Saison des HFC in Säure auf. Die über weite Strecken großartige Hinrunde wird vergessen sein, hoffnungsvoll als Entdeckung beklatschte Spieler werden Hohn und Spott ernten. Und schließlich wird auch der Trainer, der die Entscheidung in der Winterpause mitgetragen hatte, keinen neuen Stürmer für seine offensiv impotente Mannschaft zu holen, sondern lieber einen zusätzlichen Torwart, öffentlich infragegestellt werden.

So kommt es dann, auch wenn es über weite Strecken der Partie gar nicht so aussieht. Der HFC, als Gastgeber nach Ansicht von Trainer Rico Schmitt mit "51 zu 49 Prozent" Favorit im Landespokal-Halbfinale, ist spielerisch überlegen. Meist führt ein Rotweißer den Ball, wenn auch wie gewohnt nur bis in mittelbare Strafraumnähe. Aber Marvin Ajani und Toni Lindenhahn deuten auf ihrer rechten Seite an, wie sich der hinten fest verbunkerte FCM auch diesmal ausheben lassen könnte: Flanken von außen, vollstrecken innen. Das müsste Benjamin Pintol übernehmen, der letzten Herbst so treffsichere Neuzugang.

Erstmal aber vollstreckt Sowislo, der Magdeburger. Ohne Flanke, einfach so, zieht er ab und sein Schuss geht haarscharf am Pfosten des verdutzt nachschauenden neuen HFC-Torhüters Oliver Schnitzler vorbei. Der HFC ist unbeeindruckt, aber weiter hilflos, je näher er dem Tor kommt. Es fehlt nicht nur an Toren, es fehlt an Abschlussversuchen. Und wenn es sie gibt, sind sie von der Sorte, die das Publikum - diesmal gerademal knapp 7800 auf den Rängen - hier gewohnt ist. Pintol kullert einen Ball in die Arme von Zingerle. Röser knallt eine Art Fernschuss vorbei.

Der FCM macht es besser. Einen harmlosen Freistoß im Halbfeld, kurz hinter der Mittellinie, tritt Hammann zentral vors Tor. Beck-Ersatz Düker lenkt ihn aus kurzer Distanz aufs Tor. Und Neutorwart Schnitzler leitet ihn mit reglos hängenden Armen weiter über die Linie.

Wer öfter zuschaut beim HFC, der weiß, dass alle Spieler in Rot und Weiß jetzt wissen, dass das eine Törchen, dass sie alle zusammen pro Spiel zustandebringen, zum Sieg nicht mehr reichen wird. Aber immerhin kämpfen sie. Es gibt keine hängenden Köpfe, keine Schelte für Schnitzler, kein Kopfschütteln. Sondern den sichtbaren Versuch, die Statistik zu schlagen und erstmal einen schnellen Ausgleich und danach vielleicht doch noch das so seltene zweite Tor zu machen. Marvin Ajani, einer der auffälligsten bis hierhin, schafft es beinahe. Doch sein Kopfball geht in der 42. Minute nicht in, sondern neben das Tor.

Noch näher dran ist Martin Röser, der nach Wiederanpfiff einen Freistoß aus zentraler Position an die Latte hämmert. Unermüdlich, aber ohne Ertrag rennen sie weiter an. Lindenhahn macht das gut, Gjasula wie immer defensiv sicher und offensiv mit Eröffnungspässen, die der Zufall mal zum eigenen und mal direkt zum Gegenspieler lenkt. Aber Magdeburg sichert nur noch, lässt die Hausherren kommen. Auch die Hauptstädter kennen die Statistik.

Es dauert bis zur 67. Minute, ehe die Heimfans den erlösenden Torschrei ausstoßen können. Klaus Gjasula setzt nach einer Ecke energisch nach, endlich einmal trifft er den Ball so, dass kein gegnerisches Bein mehr dazwischengrätscht. Zingerle wird überlupft. Ausgleich.

Jetzt könnte die Wiedergutmachung für die letzten nervenzehrenden Wochen beginnen, jetzt könnte Schmitts Team die immer wieder verbal behauptete eigene Stärke unter Beweis stellen. Spricht der Trainer, klingt es seit Monaten so, als hätte das Team immer noch Pech oder kein Glück oder es sei gerade nicht der Tag gewesen, an dem die eigene überlegene Spielführung sich auch in Ergebnissen niederschlägt.

Doch was kommt, ist dann nichts. Wie auf dem Karussell fährt der Sturm des HFC um den Strafraum herum. Pintol macht Kilometer um Kilometer, entwickelt aber einmal mehr keine Torgefahr. Ajani flankt nach innen. Näher wird der HFC einem zweiten Tor heute nicht mehr kommen.

Denn auf einmal ist der FCM wieder da. Schwede schießt Lindenhahn an. Kleineheistmann rettet den Abpraller artistisch Richtung eigenes Tor. Schnitzler wäre da gewesen, muss aber nicht eingreifen. Die folgende Ecke bringt die Entscheidung: Von rechts getreten, findet sie Baumgärtel am kurzen Pfosten. Den hat Rico Schmitt gerade für Brügmann gebracht. Was ein Händchen. Baumgärtel köpft das dritte HFC-Tor des Tages. Und es steht 1:2.

Viel tiefer runter kann die Stimmung im eiskalten Erdgas-Sportpark nicht sinken. Denkt man. Die Fankurve intoniert jetzt "nur zusammen". Der Rest steht wie auf einer Beerdigung. Noch sind acht Minuten auf der Uhr, aber auf der HFC-Bank ist nur noch Selim Aydemir, der sein letztes Tor für den HFC gemacht hat, als Obama noch US-Präsident war. Sieben der acht Minuten hat der FCM den Ball. Dann setzten sich die Rotweißen auf der rechten FCM-Seite fest. Eine Ecke von Baumgärtel, besser als alle fünf, die Röser vorher geschlagen hat. Aber kein Tor. Noch eine Ecke, wieder besser als alle Röser-Versuche. Lindenhahn köpft. Zingerle wehrt ab. Langer Ball aus der Abwehr nach vorn auf den gerade erst eingewechselten Chahed. Der sieht, dass Oliver Schnitzler noch nicht wieder in seinem Kasten ist. Und schießt aus 45 Metern ins leere Tor.

Das 1:3 ist das erste Tor, das heute wirklich ein Magdeburger macht. Es fühlt sich an wie eine Hinrichtung.

"Spiegel": Einordnung mit Außenmaß

Laut "Spiegel" zwei gleichermaßen Wahnsinnige: Kim und Trump.

Während die verbale Gewalt im Internet zunimmt und die staatlichen Zensurbehörden alle Hände voll zu tun haben, die gröbsten Grobschlächtigkeiten eines enthemmten Wutbürgermob aus den Weiten der sozialen Netzwerke zu filtern, liefern Qualitätsadressen wie "Spiegel Online" zuverlässig tiefgründige Analysen, detailgenaue Beschreibungen und differenzierte Kommentare zur aktuellen Lage.


Als "Die zwei Irren mit der Bombe" beschreibt die Internetseite des früheren Nachrichtenmagazins gerade etwa das Duell zwischen dem koreanischen Despoten Kim Jong Un und seinem US-Amtskollegen Donald Trump. Der gilt seit einer entsprechenden Festlegung der "Frankfurter Rundschau", die vom Weißen Haus unwidersprochen blieb, als "irrer Milliardär", steht also zumindest formal auf einer Wahnsinnsstufe mit dem Schlächter von Pjöngjang. Aber "Wer ist unberechenbarer?", fragt der "Spiegel" nun: "Der nordkoreanische Herrscher Kim Jong Un oder US-Präsident Donald Trump?" Das sei eine ernst gemeinte Frage, heißt es danach, denn dass deutsche Medien noch mal ernstgemeinte Fragen stellen, wird vom Publikum nach einer Phase intensiven Inhaltsabbaus kaum noch automatisch erwartet.

Hier aber kommt es doch dazu. Zwei Irre, der eine der Erbe seines verrückten Vaters, der andere ins Amt entsandt von verrückten Klimaleugner, Isolationisten, Waffennarren und Fremdenfeinden. Wenigstens der "Spiegel" bleibt analytisch kühl und belässt es bei einer Einordnung mit Augenmaß: Trump stoße "ominöse" Warnungen aus - "ominös" bedeutet übrigens "unheilvoll, bedenklich, zweifelhaft oder berüchtigt". "Indirekt" drohten die USA mit einem Militärschlag, worauf Nordkoreas Irrer antworte, dass ein "thermonuklearer Krieg jederzeit ausbrechen" könne. Wenn die USA einen Erstschlag wagten. Nein, für diesen Teil von Kims Ankündigung war - wohl aufgrund fehlenden Platzes im Internet - kein Raum mehr bei "Spiegel Online".

"Tief gespalten": Ein Riss geht um die Welt

Zumindest die Grünen kämpfen jetzt gegen die Inflation der Formulierung "tiefe Spaltung".

Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten traf es die USA. "Tief gespalten" sei das Land, analysierten die großen deutschen Blätter unisono, zum Teil wurde dies bei der Gelegenheit sogar gleich dem ganzen Kontinent Amerika zugeschrieben.


Neu aber war der Spalt nicht. Schon 2004 hatte der Kölner Stadtanzeiger beunruhigt von einer "tiefen Spaltung" berichtet, die der damalige Präsident George W. Bush verschuldet habe. Aber war er es wirklich? Und ist er dann eigentlich auch verantwortlich für die "tiefe Spaltung" in Polen? Für die "tiefe Spaltung" in von Österreich? Die "tiefe Spaltung" der Niederlande? Die von Sachsen-Anhalt? Hongkong? Ecuador? Kenia? Großbritannien?

Es ist bis heute unerforscht, aber klar scheint: Ein Riss geht um die Welt. Von Europa über Kroatien, von Montenegro bis in die Türkei ist die Welt, sind die Völker, die Staaten, die Menschen "gespalten" - und zwar nicht einfach so ein kleines bisschen, sondern "tief". Inflationär verbreitet sich die Formulierung, sie beschreibt Thailand und den deutschen Volleyballverband, die Seelenlage der Briten und den "türkischen Patienten" (freiheit.org) und die Lage in Guben.

Ein Phänomen, das Medienberichten zufolge längst von der staatlichen Ebene übergegriffen hat auf Sportverbände, Parteien, Auslandstürken, die Gegner des Islamischen Staates und die Kirche. Wo immer es an einer einheitlichen Ansicht mangelt, wie sie in den guten alten Zeiten der staatlich garantierten Einheitsmeinung gebräuchlich war, zeigt sich in Medienkommentaren die "tiefe Spaltung", die stets herhalten muss, wenn Mehrheiten knapp ausfallen.

Irritiert bestaunt das Fachpersonal in den Redaktionen offenbar den Umstand, dass es jenseits der Akklamation von SPD-Kanzlerkandidaten Abstimmungen geben kann, die Spitze auf Knopf entschieden werden. "Mehrheit ist Mehrheit", sprach Konrad Adenauer, der in einer Zeit lebte, als das noch Allgemeinwissen war: Demokratie braucht nicht Einigkeit, sondern die Bereitschaft der knappen Minderheit, das eigene Unterliegen zu akzeptieren. Nicht "Spaltung" und "Zerrissenheit" zeigen sich hier, sondern die urdemokratische Tugend, sich einer demokratisch getroffenen Entscheidung zu beugen.

Kaum vorstellbar für Kommentatoren, für die nicht jede Entscheidung akzeptabel ist, so lange sie demokratisch getroffen wurde, weil sie nach anderen Noten bewerten.  Immer wieder kommt es so, massiv warnender Berichterstattung im Vorfeld zum offenkundigen Trotz, dazu, dass "die Konservativen die Fortschrittlichen überstimmen, die Fanatiker die Nachdenklichen" (Die Welt). Zwei harte Lager, das eine verkommen, regressiv und undemokratisch, das andere demokratisch, emanzipatorische, gerecht, sozial und der Zukunft zugewandt. Dazwischen eine große Entzweiung, eben jener "tiefe Riss", der immer öfter benannt und beschrieben, als Ursache allen Unglücks erwähnt und als Ziel von gesellschaftlicher Heilung bemüht wird.

Dienstag, 18. April 2017

Frankreich macht Front gegen Hades-Plan

Nicht mehr nur der "Spiegel", sondern auch der künftige französische Präsident kritisiert die "German Übermacht".
Deutschlands Wunschwahlsieger für die Abstimmung über den künftigen französischen Präsidenten hat sich überraschend für eine Beschneidung der deutschen Stärke in Europa ausgesprochen. Der linke französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron, in deutschen Medien als aussichtsreicher Retter vor der europafeindlichen Faschistin Marine Le Pen gepriesen, ging auf Gegenkurs zum deutschen Erfolgsmodell einer exportorientierten Wirtschaft, wie sie die Väter des Hades-Planes vor rund 25 Jahren entworfen hatten, um Europa endlich unter deutsche Herrschaft zu zwingen.

Dabei war die Bundesregierung bereits weit vorangekommen. Doch nun schießt ausgrechnet der Wunschpräsident der Kanzlerin quer. Deutschland müsse zu der Einsicht kommen, „dass seine wirtschaftliche Stärke in der jetzigen Ausprägung nicht tragbar ist“, griff der unabhängige Kandidat die sanfte Dominanz der Deutschen in der EU scharf an.

Nur weil Deutschland, ganz genau so, wie es der ursprüngliche Plan vorsah, massiv vom Ungleichgewicht in der Euro-Zone profitiert,  zeigt sich Macron ungehalten. Mehr als 800 Milliarden Euro Guthaben hat die Bundesrepublik bislang im sogenannten Target2-System der Euro-Länder angehäuft. Diese Summe schulden Euro-Partnerstaaten Deutschland, das  durch seine starke Exportwirtschaft bereits seit alles als Guthaben anzieht, was die wirtschaftlich schwächeren Euro-Staaten als Schuldenberg aufhäufen.

Macron möchte nun im Wahlkampf mit der euroskeptischen Le Pen mit der in Frankreich traditionell populären Deutschland-Kritik punkten. Nicht Frankreich und die anderen Länder sind schwach, sondern Deutschland ist zu stark, glaubt der frühere Sozialist, Investmentbanker und Wirtschaftsminister. Die dadurch entstehenden hohen Handelsüberschüsse - allein im Handel mit Frankreich regelmäßig zwischen 30 und 50 Milliarden Euro - "sind weder für seine eigene Wirtschaft gut noch für die Wirtschaft der Euro-Zone", formuliert Emmanuel Macron. In Frankreich liegt die Produktion im verarbeitenden Gewerbe noch immer um 13 Prozent unter dem Vorkrisenniveau des Jahres 2007. Seit sieben Jahren gibt es kein Wachstum in der Industrieproduktion mehr, die einst "Grande Nation" ist zur Ladentheke für deutsche Produkte geworden.

Als französischer Präsident  will der 39-Jährige einen "Ausgleich schaffen“, wie er ankündigt. Bei deutschen Realpolitikern, die die Durchsetzung des Hades-Planes zum Teil bereits seit Jahren mehr oder weniger offen infragestellen, rennt der Franzose damit offene Türen ein. Die frühere grüne Spitzenpolitikerin Marielouise Beck hatte erst kürzlich eine ähnliche Forderung aufgestellt. Es fließe aus den Ländern, die Waren aus Deutschland importierten, "mehr Geld" nach Deutschland als Deutschland für gekaufte Waren aus diesen Ländern ausgebe. Beck, studierte Gemeinschaftskundelehrerin, sieht Deutschland "verantwortlich für eine Balance". Der Profit aus dem Handel mit deutschen Waren müsse "in einem Ausgleich in diese Länder zurück".


Türkei: Weshalb die Tür zur EU zuschlägt

Kann ein Land, das Teile eines souveränen Nachbarstaates besetzt hält, Mitglied der EU werden? Kann ein Land, das mit eigenen Truppen separatistische Bestrebungen in einem EU-Mitgliedsstaat schützt und fördert, ja, sie überhaupt erst möglich macht, gleichzeitig hoffen, erfolgreich durch den Beitrittsprozess zu kommen? Würden nicht das Recht der Staatengemeinschaft, die eine der gemeinsamen Werte ist, verhindern, dass auch nur ein Wort über Beitritt oder "privilegierte Partnerschaft" gesprochen wird, ehe nicht die in mehreren UN-Resolutionen (u.a. 541 und 550) verurteilte widerrechtliche Annexion beendet ist?


Nicht unbedingt. Seit knapp 43 Jahren hält die Türkei einen Teil von Zypern besetzt, ein kleiner, aber souveränen Nachbarstaat, der 2004 Mitglied der Europäischen Union wurde. Allerdings eben nicht ganz: Der Nordteil der Insel ist seit dem 20. Juli 1974 von türkischen Truppen erobert. Bis heute hält Ankara in der nur von der Türkei anerkannten "Türkischen Republik Nordzypern" mehr als 35.000 Soldaten stationiert, die unter Berufung darauf, dass die Türkei sich als "Schutzmacht" von auf Zypern lebenden Türken sieht, einen Eisernen Vorhang quer über die Insel gezogen haben.

Für die EU war das nie ein Hinderungsgrund, die schon 1963 aufgenommenen Gespräche über eine Annäherung des überwiegend asiatischen Landes an die inzwischen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Völkergemeinschaft auch nach der Invasion fortzuführen. Moral? Werte? Völkerrecht? Ganz im Gegenteil: Die Gespräche mündeten in ein förmliches Verfahren, an dessen Ende die Türkei hätte EU-Mitglied werden können und sollen.

Hätte. Denn die Tür zu dieser europäisch-asiatischen Union hat die Türkei nun "zugeschlagen" (Die Welt). Und das nicht etwa durch eine erneute Invasion in der Nachbarschaft, durch Bombenangriffe auf die eigene Bevölkerung oder durch eine Besetzung von Gebieten in einem weiteren Nachbarstaat.

Nein, all das hat und hätte die EU weiter stillschweigend toleriert. Die Türkei sichert die Südost-Flanke der Nato, sie sichert mit einem antiislamischen Schutzwall neuerdings sogar die Kanzlerschaft von Angela Merkel. Der Rubikon zum Ende der türkischen EU-Ambitionen war erst überschritten, als sich eine Mehrheit der Türken für eine vom türkischen Präsidenten Rezep Erdogan initiierte Verfassungsänderung aussprach.

Das geht nun wirklich zu weit. Das steht nun wirklich "im Widerspruch zu unseren Werten" (Christian Lindner).

Montag, 17. April 2017

Doppelpass: Erdogans deutsche Fankurve

Bittere Erkenntnis für deutsche Medienmacher: Monatelange klare Ansagen gegen Erdogan trieben die Auslandstürken in die Arme des Despoten.
Noch ist unklar, ob Recep Erdogans Versuch, die türkische Demokratie nach französischem oder amerikanischen Vorbild zum Präsidialsystem umzubauen, wirklich "das Ende der türkischen Republik" bedeutet, wie der "Spiegel" glaubt. Deutlich zu sehen ist allerdings: Dort, wo Menschen abstimmen durften, die nicht nur Zugang zu den von Erdogan gelenkten türkischen Staatsmedien hatten, sondern "Spiegel", "Stern", "Zeit" und "SZ" lesen und deutsches Fernsehen genießen durften, sprachen sich deutlich mehr Wähler für Erdogans Vorschläge aus als daheim in der Türkei.

Deutsche Propaganda versagt


Dort stimmten 51 Prozent für die Verfassungsänderung, in Deutschland dagegen 63 Prozent. Dabei hatten Blätter wie die Süddeutsche ("Jetzt müssen die türkischen Bürger Erdoğan stoppen" und Danachrichtensendungen wie die "Tagesschau" mit Berichten über Erdogans "Säuberungen" (Tagesschau) nie einen Zweifel daran gelassen, wie der gute deutschtürkische Doppelpassbesitzer abstimmen muss.

Nur die dankbaren Gastarbeitersöhne und -Töchter haben sich nicht daran gehalten. Als sei die doppelte Staatsbürgerschaft mit geteilter Loyalität für Großvaters Wurzeln und das eigene Geburtsland nicht ein Geschenk, das Deutschlands weitsichtigste Politiker der Welt gemacht haben, votierten sie auch deutscher Sicht konservativer, reaktionärer, antidemokratischer und europafeindlicher als ihre daheimgebliebenen Halblandsleute. Ein Ergebnis, das sich in den anderen westeuropäischen Ländern mit türkischer Community wiederholt hat: Nur in Spanien und der Schweiz verlor Erdogan seine Abstimmung.

Jonglierte Nazikeulen


Woran kann das liegen? Bewirkte das mediale Trommelfeuer aus Anti-Erdogan-Propaganda wie schon im Falle Trump das Gegenteil des Bezweckten? War die Aufregung um Böhmermann und Yücel, waren die viertausend Türkei-Talkshows, die Papierberge voller Warnungen vor dem Untergang des Morgenlandes einfach zu viel? Oder noch zu wenig? Trieben die Vergleiche von Vergleichen, jonglierten Nazikeulen, das störrische Beharren darauf, dass nur die deutsche Wahrheit wirklich wahr ist, dass sich die gut integrierten Besitzer von Zwei- und Drittpässen, von Schalke-Dauerkarten und kommunalen SPD-Mandaten in rheinischen Parlamenten aus Trotz abwanden?

Und wenn es so wahr, wir werden es nie erfahren. Denn noch in der Nacht von Erdogans Sieg, der auch ihre Niederlage war, wandten sich die großen deutschen Blätter ab. Sie erklären den Sieg ihres Feindes jetzt einfach zu dessen Niederlage. Er ist damit ihr Triumph. Und was für einer.


Schnauze, Steuerbürger: Selig sind, die da geben


Immer jammern die Leute, und am allerlautesten, wenn eine Untersuchung wieder zeigt, dass der deutsche Staat seine Bürger härter zur Kasse bittet als 99,9 Prozent aller anderen Länder auf der Welt. Fast 50 Prozent von allem, was ein Arbeiter oder Angestellter hierzulande erarbeitet, fließt dem Finanzminister zu.

Vom Rest nimmt der sich noch einmal 19 Prozent, sobald er ausgegeben wird. Eine feine Sache, überaus gerecht und nur von verstockten Meckerköpfen zu beanstanden, wirft sich die Süddeutsche Zeitung jetzt für die deutsche Enteignungskultur in die Bresche. Detlef Esslinger, Ressortleiter beim Münchner Blatt und nebenher Zuverdiener an Journalistenschulen in Deutschland und der Schweiz, weißt Kritiker in die Schranken: "Die Bürger sollten sich weniger beschweren und sich stattdessen freuen, dass sie mit Steuern viel zur Gemeinschaft beitragen können", schreibt er.

Esslinger weißt die Betrachtung der Steuern als "Last" zurück. Begriffe und Metaphern beim Thema Steuer wie "Steuerpflichtiger", "Steuerzahler", "Steuerfalle" und "Melkkuh" seien geschaffen worde, um ein falsches Bild zu vermitteln, nämlich das des Bürgers, der dem Zugriff des Staates auf sein erarbeitetes Geld hilflos ausgeliefert sei. "Im Sprachbild von der Last werden Steuern zu etwas Erdrückendem, das uns daran hindert, uns frei zu bewegen", zitiert der Autor die Linguistin Elisabeth Wehling von der Universität Berkeley. Geringe Steuern zu zahlen, werde dadurch als positiv bewertet. Wenn es dann aber heißt "die Deutschen schultern eine überdurchschnittlich hohe Last", dann suggeriert das Belastung, Bürde und Beschwernis.

Dadurch werde "die Steuerdebatte wie ein Gottesgesetz von der Annahme dominiert, dass die Bürger gefälligst zu entlasten seien", analysiert der Medienredakteur, dessen Einkommen ihn in die höchste Steuerklasse einsortiert. Der Mann 52 Jahre alt, weiß, wovon er spricht. Und wie er das tut! Während der Finanzminister die höchsten Einnahmen aller Zeiten zählt, imaginiert er eine Erwartungshaltung der Staatsbürger an ihren Staat, die immer mehr verlange, aber immer weniger zahlen wolle.

Falsch!, ruft der Besserverdiener aus München. Es gebe "viele Staaten auf der Welt, die nicht gewährleisten können, was Deutsche ganz selbstverständlich von einem Staat erwarten" - auch wenn der bei Grenzsicherung, innerer Sicherheit, Infrastruktur, Verteidigung und Gesundheitswesen alleweil versage, sei er ja doch einer der besseren weltweit. Anderswo "müssen die Bürger Beamte und Ärzte bestechen, manche Viertel nachts wie tags meiden und Reiche sich in Gated Communitys verschanzen", dreht er die Argumentationsfigut auf links. Wenn es also anderswo schlecht ist, dann muss es doch hier gut sein? Hier, wo der Staat 44 Prozent allen Geldes in die Hand nimmt und damit mit dem Geld seiner Bürger knapp die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes verantwortet.

Je höher, desto besser, gerade hier, wo "schon das Verb zahlen eigentlich irreführend ist". Steuern seien ja "nichts, was die Bürger zahlen", damit Ministerien Bauernregeln reimen, Ämter Millionen verschwenden und Politiker auf Gemeinkosten auf Gespensterjagd gehen können. Iwo! "Steuern sind etwas, mit dem Bürger beitragen zur Gemeinschaft aller", fabuliert Detlef Esslinger. Richtig sei es, darüber zu reden, "was das Gemeinwesen mit diesen Beiträgen machen soll".

Falsch aber, zu fragen, wie viel eine Staatsmaschine sinnvoll zentral sammeln und ausgeben und über wie viel der Einzelne besser selbst die Verfügungsgewalt haben soll.