Sonntag, 20. September 2026

Mama Manuela: Sehnsucht nach Mutti

Manuela Schwesig ist die Mutter Mecklenburgs. Die 52-jährige Tochter eines Schlossers aus Frankfurt an der Oder spielte eins im Defa-Film "Verbotene Liebe" mit. Seit 2017 geht sie in ihrer größten Rolle als Ministerpräsidentin auf.

Sie kam, diente treu und auf einmal war sie Ministerpräsidentin. Zwar nur von Mecklenburg-Vorpommern, einem Bundesland, das fast so alt und arm ist wie das benachbarte Sachsen-Anhalt. Doch für eine Spätberufene, die nie eine der für SPD-Funktionäre eigentlich vorgeschriebenen Kaderschmieden von innen gesehen hat, ist auch die Staatskanzlei in Schwerin ein Traumschloss. 

Schwesig, ausgebildete Steuerfahndungsprüferin, war erst mit 29 in die SPD eingetreten. Fünf Jahre später war sie Ministerin. Zehn Jahre später übernahm sie den Landesvorsitz und wechselte als Familienministerin nach Berlin. Keinem anderen deutschen Politiker gelang in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten eine solche Abfolge rasanter Karrieresprünge, zumal Manuela Schwesig inmitten ihres unaufhaltsamen Aufstieges auch noch schwer erkrankte und monatelang pausieren musste. 

Instinkt ohne Kaderschulung 

Die Mutter eines Sohnes und einer Tochter aber hat den Instinkt, der anderen nicht nur in ihrer Partei fehlt. Schwesig ist keine Ideologin, sondern überaus gelenkig positioniert. Als Deutschland noch keine größeren Probleme hatte, beteiligte sie sich engagiert am Feldzug der damaligen Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, die versuchte, den "Kampf gegen Kinderpornografie" zu nutzen, um Teile des Internets sperren zu lassen. Schwesig übertraf die als "Zensursula" verspotteten  CDU-Frau sogar noch, indem sie sich unter dem Vorwand des Kinderschutzes für eine noch strengere Zensur des Internets einsetzte. 

Das Ziel der Sozialdemokratin, die damals noch als unbeschriebenes Blatt in Partei und Öffentlichkeit galt, war es, sich ein mütterliches Profil zuzulegen. Sie war es, die als erste Landesministerin verfügte, dass die Verfassungstreue der Mitarbeiter von Kindertagesstätten geheimdienstlich überprüft werden muss. Sie schlug vor, der Gesetzgeber solle die Arbeitszeit für Mütter und Väter um rund 20 Prozent reduzieren. In jenen guten alten Zeiten, als die deutsche Wohlstandsmaschine noch brummte, sah sie kein Problem darin, dass der Steuerzahler den notwendigen Lohnausgleich und einen zusätzlichen "Partnerschaftsbonus" aus der Portokasse zahlt.

Jederzeit ins richtige Horn 

Mit Leerformeln wirbt die Linke für sich.
Schwesig atmete den jeweiligen Zeitgeist ein und blies jederzeit ins richtige Horn. Schon 2014 beendete sie mit den Kampf gegen den Linksextremismus mit einem Federstrich. In ihrem Programm "Demokratie leben!" war nur noch die Rede von einem "aktiven" Einsatz "gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit". Das angebliche Problem des Linksextremismus sei Schwesig "aufgebauscht", die Bemühungen worden, linke Gewalt präventiv zu bekämpfen, habe nur "Gräben vertieft". Als ihre Partei später kurzzeitig mit "Protestterroristen" (SPD) haderte, tauchte Schwesig gelenkig unter dem Vorwurf durch, sie habe ein gesellschaftliches Problem verharmlost. Sie habe "diese Aussage so nicht getätigt und schon gar nicht auf Gewalttaten bezogen", teilte sie mit.

Ein politisches Überlebenstalent, das sich für Hokus-Pokus-Homöopathie einsetzt, für die verfassungsfeindliche Vorratsdatenspeicherung, die DDR ausdrücklich nicht als "Unrechtsstaat" bezeichnet hören will und mit der Gründung der vom russischen Gazprom-Konzern finanzierten "Stiftung Klima- und Umweltschutz MV" bewies, dass Anti-Amerikanismus und biegsame Russlandfreundlichkeit eine gute Mischung ergeben, um den Respekt der Wählerinnen und Wähler zu erringen.

Schwesigs größter Trick 

Die Stiftung war Schwesigs größter Trick. Nachdem US-Präsident Donald Trump Sanktionen gegen alle Firmen und Privatpersonen angekündigt hatte, die am Aufbau der deutsch-russischen Erdgaspipeline Nord Stream II mitarbeiten, entstand die Stiftung, um mögliche Schläge ins Leere laufen zu lassen. Das Land Mecklenburg-Vorpommern spendierte 250.000 Euro. Der Kreml legte 20 Millionen Euro drauf. Schon stand eine rechtliche Konstruktion, besetzt mit Ruheständlern und Politrentnern und formal Umweltschutzzwecken gewidmet, die über ein undurchsichtiges Netzwerk von Tochterfirmen und unter höchster Geheimhaltung notwendige Arbeiten für den Pipelinebau beauftragen konnte.

Die CDU verspricht Fischbrötchen.
Kurzzeitig ging die Idee auf. Schwesigs Stiftung vergab Aufträge mit einem Volumen von 165 Millionen Euro. Trumps Nachfolger Joe Biden knickte ein und nahm die Sanktionsdrohungen seines Vorgängers zurück. Erst mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine verwandelte sich das gewitzte Tarnmanöver, mit dem Schwesig die große Schutzmacht USA erfolgreich vorgeführt und blamiert hatte, in ein Debakel. Selbst die SPD, bis dahin gemeinsam mit Linkspartei, CDU und AfD bereit, Russland um deslieben Freidens willens viel nachzusehen, hatte es nun eilig, "eine der größten Dummdreistigkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte" (Der Spiegel) abzuwickeln.

Die Lebensversicherung der Partei im Norden 

Geschadet hat es Schwesig nicht. Ganz im Gegenteil. Die "vielen Menschen in unserem Land", die ihr "am Herzen liegen" schätzen Schwesig, gerade weil sie Anti-Amerikanismus und Russlandfreundlichkeit, Populismus und Pragmatismus trickreich verbindet. In anderen Zeiten und anderen Ländern hätte ein Politiker nach einem gescheiterten Versuch zurücktreten müssen, sich mit der früheren Schutzmacht gegen die aktuelle zu verbünden. In Mecklenburg-Vorpommern dagegen genießt diejenige höchste Achtung selbst bei denen, die es nicht mit ihrer Partei halten.

Die auf Schwesigs Umgehungsversuch am Rande der Illegalität nachfolgende Hetze gegen den Versuch, eine Weltmacht auszumanöverieren, hat die erste Ministerpräsidentin eines ostdeutschen Bundeslandes zu einer Heldin gemacht. Ihre Landeskinderlieben sie nicht, doch es schlägtihr auch nicht das Übermaß an Verachtung entgegen, das MP-Kollegen wie Sachsen-Anhalts Sven Schulze und der Thüriger Ex-Doktor Mario Voigt zu einer Last für ihre Parteien macht. 

Schwesig ist die Lebensversicherung der Sozialdemokratie im Norden. Zwar stürzten die Zustimmungswerte zu ihrer Partei von den 39,6 Prozent, die sie bei der letzten Landtagswahl erreicht hatte, im Zuge der Erosion der früheren Volkspartei auf bedenkliche Werte um knapp über 20 Prozent ab. Doch Schwesigs überzeugende Auftritte in ihrer großen Rolle als Landesmutter leiteten ab Anfang 2026 eine Wende ein. Heute steht die junge Sozialdemokratie im Norden des Ostens wieder bei beachtlichen 29 Prozent -  etwa viermal so viel wie in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg unf der mit großem Abstand beste Wert aller Flächenländer und

Wer bietet mehr?
Das "Problem für die SPD", als das die FAZ Manuela Schwesig vor vier Jahren noch bezeichnet hatte, sei ihre Rettung, sagt der bekannte Regressions- und Medienforscher Hans achtelbuscher, dessen An-Institut für Angewandte Entropie in Schwesigs Geburtsstadt Frankfurt an der Oder residiert. Die lange als "Küsten-Barbie" verspottete Sozialdemokratin zeige, wie Anlehnungsbedürfnis weite Teile der Bevölkerung noch immer hätten. "Letztlich will eine Mehrheit nicht das ,Land, das einfach funktioniert', wie die Grünen einmal versprochen haben, sondern ein Land, in dem man sie einfach in Frieden machen lässt", sagt er im großen PPQ-Interview.

PPQ: Herr Achtelbuscher, Manuela Schwesig steht vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Sie sind ein langjährigen Beobachter und Begleiter der SPD-Powerfrau. Erklären Sie uns doch bitte, wie diese gar nicht von der Partei ausgebildete Quereinsteigerin sich über die eigene Parztei erhebt.

Achtelbuscher: Schwesig fehlt wirklich der in der SPD eigentlich vorgeschriebene Stallgeruch nach Kaderschule. Sie ist der klassische Typ der durch die Verwerfungen nach dem Ende der DDR geborenen ostdeutschen Queraufsteiger. Geboren 1974 in Frankfurt/Oder, aufgewachsen in Seelow, Diplom-Finanzwirtin, Steuerverwaltung Brandenburg und Schwerin, dann Finanzministerium MV und Entdeckung durch den damaligen Ministerpräsidenten Erwin Sellering, der den damaligen Parteichef Sigmar Gabriel auf das quicke Mädchen aufmerksam gemacht haben soll. Das reicht dann schon für eine rasche Raketenkarriere, denn die Konkurrenz ist bei Frau, jung, ostdeutsch und ansehnlich nicht groß. Dank ihrer Talente brauchte Schwesig brauchte keinen langen Marsch durch die Gremien, sie war sofort da. 

PPQ: Und sie blieb, inzwischen fast zehn Jahre schon als Ministerpräsidentin. Ohne politische Grundausbildung.

Achtelbuscher: Vielleicht auch, weil ihr die fehlt. Sie wirkt auf die Menschen eher wie die tüchtige Beamtin, die das Land organisiert, nicht wie die Ideologin. Der Mecklenburger und noch mehr der Vorpommer liebt das. Nicht lang schnacken. Anpacken. Eine Mama, eine Muttifigur.

PPQ: Dennoch zeigten die letzten Umfragen vor dem heutigen Wahltag, dass die AfD bei bis zu 36 Prozent liegt, Schwesigs SPD aber deutlich dahinter. Überzeugt sie dann doch nicht so?

Achtelbuscher: Es ist richtig, dass ihre rot-rote Regierung nach den Zahlen keine Mehrheit mehr hat. Die AfD liegt auch in Mecklenburg-Vorpommern klar vorn, die Linke stagniert bei 11–12 Prozent, die CDU ist hier mit nein oder zehn Prozent eine ähnliche Kleinstpartei wie in Sachsen-Anhalt die SPD. Aber diese Zahlen sind für die SPD im Osten überaus respektabel, denn wie Sie wissen dümpelt die frühere Volkspartei bundesweit bei desaströsen zwölf Prozent, Tendenz fallend.  Und Frau Schwesig hat den Tiefpunkt von unter 20 Prozent im Herbst 2025 hinter sich. Es geht wieder aufwärts. 

PPQ: Wie hat sie das denn bewerkstelligt? Auch Mecklenburg hat ja im Grunde keine Möglichkeiten, gegen die Berliner Politik anzuregieren?

Achtelbuscher: Sie hat sich, wenn man das so sagen will, das Merkel-Kostüm der Landesmutter angezogen. Sie regiert ihr Land ein bisschen wie eine Bundespräsidentin, die über den täglichen Dingen steht. Immer wieder lässt sie auch durchblicken, dass ihre schwere Erkrankung sie gelassener und weiser gemacht hat, eine solche Instrumentalisierung rührt viele undflösst Vertrauen ein. Zudem wagt sie Kampfansagen an die verkopfte Spitze der eigenen Partei Merz, verkauft das aber öffentlich geschickt als Fundamentalkritik am Kurs des Kanzlers. Das ist für uns in der Regressionsforschung schon schön anzuschauen, dass jemand so virtuos auf der Klaviatur der Irreführung spielt.

PPQ: Letzlich sind die zahlen besser, aber zugleich so schlecht, dass Rot-Rot nicht wird weitermachen könne. Welche Koalitionen sind nach jetzigem Stand realistisch?

Achtelbuscher: Zu Rot-Rot allein reicht nicht. Aber das ist auch egal. Für Rot-Rot-Grün käme knapp  eine Mehrheit heraus, wenn die Grünen einziehen. Wenn nicht, muss ein Bündnis mit der CDU und den Linken her. Natürlich ziert sich die CDU, aber das Brandmauer-Argument wird am Ende herhalten müssen, um eine stabile Regierung zun bilden. 

PPQ: Täuscht der Eindruck oder ist das ein allgemeiner Trend?

Achtelbuscher: Sie haben Recht, es handelt sich dabei auch unseren Erkenntnissen nach um eine Neuformierung der gesamten politischen Landschaft. Die informellen Einheitsregierungen, die wir vielerorts sehen, sind im Grunde im Begriff, die Standardregierung dessen zu werden, was wir in der Enthropieforschung ,unsere Demokratie' nennen. Schwesig und ihr Amtsbonus plus vielen Wähler, die taktisch gegen die AfD stimmen, ergeben nach der Brandmauer-Logik eine Mehrheit, die zum regieren ausreicht.

PPQ: Erstaunlich erscheint, dass Schwesigs Agieren bei Nord Stream und der Gazprom-finanzierten Umweltstiftung ihr überhaupt nicht geschadet hat.

Achtelbuscher: Überhaupt nicht kann man sicher nicht sagen. Das hat sie schon etwas gekostet. Aber der schaden ist nicht besonders schwer, weil dieses faktisch als Sanktions-Umgehungskonstrukt für den Pipeline-Weiterbau gedachte Konstrukt ja auch von der CDu und der Linken gestützt wurde. Interne Dokumente zeigten, dass die Satzung aus dem Umfeld der Gazprom-Tochter stammte und Verbindungen in die Schweiz liefen. Schwesig hat reagiert, wie ein kluger Politiker reagieren muss, wenn er mit der Hand in der Kasse erwischt wird. Sie hat einen Fehler eingeräumt, aber versichert, es sei alles nur zum Besten aller gewesen. Für ihre Mecklenburger, die günstiges Gas wollten, war das kein beinbruch. Für den Rest der Republik bleibt es der Beleg, dass sie Putins Interessen bedient hat. Aber die wählen ja nicht in Mecklenburg-Vorpo,mern.

PPQ: Es gab zuletzt mitten in Schwesigs wahlkampf den Versuch aus der Bundes-SPD, sie als neue Bundesvorsitzende ins Spiel zu bringen. Wollte man ihr damit gezilet schaden?

Achtelbuscher: Genützt hat es ihr sicherlich nicht, weil es ihren Landeswahlkampf gestört hat. Wer wählt eine Ministerpräsidentin, die auf Abruf steht? Aber aus der Parteilogik der SPd ist das zu verstehen. Es war ein Hilferuf in höchster Not. Die Bundes-SPD unter Klingbeil und Bas hat abgewirtschaftet, aber hinter den beiden Vorsitzenden ist niemand, der nach vorn drängt. Schwesig als erfolgreiche Ost-Ministerpräsidentin wäre das ideale Gesicht für einen Neuanfang. Aber natürlich hat sie sofort klar abgelehnt. Ginge sie jetzt nach Berlin, würde das daheim als Flucht wahrgenommen. Und zu gewinnen hätte sie als Trümmerfrau im Willi-Brandt-Haus sowieso nichts.

PPQ: Der Versuch zeigt, wie dünn das Personal der Bundes-SPD ist und wie sehr sich die Partei nach einem Schwesig-Faktor sehnt. Gibt es den aberüberhaupt?

Achtelbuscher: Durchaus. Mit Werten um die 30 Prozent ragt Schwesigs Landespartei ja meilenweit hervor. Der Schwesig-Faktor ist durchaus real: Ohne sie läge die SPD wahrscheinlich im Bereich der Bundespartei. 

PPQ: Und wie groß ist er Ihrer Ansicht nach?

Achtelbuscher: Enorm. In Sachsen-Anhalt ist die SPD einstellig, im Bund gerade so noch zweistellig. Schwesig hält die Sozialdemokraten in MV bei knapp 30 Prozent – das sind 15 bis 20 Punkte über dem Bundesniveau! Wissenschaftlich gesehen ist der persönliche Faktor, denn besser als anderswo läuft es an der Küste ja auch nicht. Aber Bekanntheit, Sympathie, Ost-Authentizität und die Fähigkeit, sich als eine von uns zu inszenieren, verhindern eben, dass die SPD auch im Norden abrutscht Richtung 15 Prozent und weniger. Die Mneschen möchten, dass sie eine regiert, die wie sie ist, damit sie, das spielt gerade bei den oft als brüsk und eigentbrödlerisch wahrgenommenen Nordlichtern eine große Rolle, ihr Ding machen können.

PPQ: Sie haben in einem vielbeachteten Aufsatz zum Landesmotto ,MV – Land zum Leben' geschrieben, dieser prägnante Satz sei ein großes Versprechen auf anstrengungslosen Wohlstand. Was meinten Sie damit?

Achtelbuscher: Es ist die perfekte Soft-Power-Formel. Natur, Lebensqualität, Wasser, Erholung, gut leben. Lästige Dinge wie Arbeit, Wirtschaft, Produktivität, Wohlstandserwirtschaftung sind da systematisch ausgeblendet worden. Das Motto, ausgestellt entlang aller Autobahnen, evoziert ein federleichtes Florida-Gefühl: Schönes Wetter, Strand, wenig Stress, kein Industrie-Lärm, Ruhe. Gemütlichkeit. Das passt zu einem Land, das demografisch schrumpft und nur noch den Ehrgeiz hat, der Frage recht lange auszuweichen, wovon die Leute eigentlich leben werden, wenn die Boomer abgetreten sind, die noch Ersparnisse haben und eine halbwegs auskömmliche Rente. ,Land zum Leben' klingt besser als ,Land zum Arbeiten' oder?