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| Sympathisch, eloquent, volksnah: Wir hätten ihn haben können. |
Es ist wirklich ein denkwürdiger Abend, an dem er zurückkehrt aus dem selbstgewählten Exil in der wirklichen Welt. Christian Lindner zu Gast bei "Hart aber Fair", einer Sendung ohne Punkt und Komma, die sich der Überzeugungsarbeit für unsere Demokratie verschrieben hat. Diese Talkshow ist eine Familienangelegenheit, beinahe wie die Führungsfragen oberhalb der operativen Ebene. Christian Lindner, der die von vielen, vielen Menschen so geliebte Ampel-Koalition unter Olaf Scholz und Robert Habeck platzen ließ, ist hier auf feindlichem Gebiet.
Im Design des neuen Lebens
Der 47-Jährige, noch vor einem Jahr Vorsitzender einer Regierungspartei, müsste sich das nicht antun. Wie sein früherer Ministerkollege Robert Habeck hat auch Lindner nach dem Scheitern der Fortschrittskoalition seinen Abschied aus der Politik genommen. Allerdings zeigen sich grundlegende Unterschiede in der Persönlichkeit der beiden Alphamännchen schon im Design ihres neuen Lebensentwurfs.
Während Robert Habeck ins amerikanische Exil ging, dort junge Menschen in der guten Sache schult und sich nebenbei als Handlungsreisender in eigener Sache im Gespräch hält, tauchte Lindner ins Unsichtbare ab. Monatelang war nichts von ihm zu hören. Dann überraschte er Gegner und die winzig kleine verbliebene Anhängerschaft mit der Mitteilung, er wechsle in die Wirtschaft und werde Verkäufer beim "Auto-Aldi" (Spiegel) Autoland.
Ein ernstgemeinter Ausstieg
Privat vor Katastrophe. Lindner zeigte seinen Kritikern, dass er seinen Ausstieg ernst meint. Während Deutschland unter der neuen Führung von Friedrich Merz konsequent weiter Richtung Abstieg taumelt, ließ der Mann, der eben noch für ausgeglichene Haushalte und wirtschaftliche Stabilität gesorgt hatte, die Dinge laufen. Nach mir die Sintflut, mag Christian Lindner gedacht haben, sicherlich ernüchtert und enttäuscht, dass das Angebot, dass er und seine FDP den Wählerinnen und Wählern gemacht hatten, keinen Anklang fand.
Bei "Hart aber fair" sitzt der ausgebildete Politologe, Philosoph und Oberleutnant der Reserve auf der Bühne einer Nation, die sich verändert hat. Die Schuldenbremse, die Lindner nicht mit seinem Leben, aber mit seinem politischen Schicksal verteidigt hatte, ist gefallen. Der Staatshaushalt geriet außer Rand und Band, es fehlen nicht mehr ein paar Milliarden, sondern so viele, dass niemand genau sagen wie viele eigentlich. Trotzdem gelang es auch mit Hilfe des verfassungswidrigen Strohfeuers auf Kosten künftiger Generationen aus einer ganzen Billion zusätzlicher Schulden nicht, die ersehnten Wachstumsturm zu entfachen.
Das letzte Gefecht für die Freiheit
Lindner sitzt bei Luis Klamroth und schmunzelt. Es ist doch alles so gekommen, wie er es gesagt hat, damals, als er noch über die Marktplätze zog, bereit zum letzten Gefecht für Freiheit und wirtschaftliche Vernunft. Ja, auch Lindner hat letztlich lieber schlecht regiert, als gar nicht zu regieren. Er hat seine Partei in eine verhängnisvolle Partnerschaft mit zwei stramm linken Betreuungsparteien geführt und schon nach kurzer Zeit argumentieren müssen wie jeder überführte Mittäter: Er habe doch nur noch Schlimmeres verhüten wollen.
Mit dem Abschied aus der Politik hat der ehemalige Finanzminister sich Luft gemacht. Die Beinfreiheit ist zurück. Im Land und in der FDP, die so schlecht dasteht wie nie zuvor, sehnen sich die Ersten nach einer kontrollierten Figur wie ihm: Lindner Rückzug ins Private sei "ein herber Verlust für Deutschland", klagen sie. Aber "leider verstehen es viele Leute nicht und wählen auf Basis ziemlicher dumpfer Stammtischparolen".
Ein tiefer Schmerz
Der Schmerz sitzt tief in diesem Milieu, das noch nicht loslassen will. "Wir hätten Lindner haben können, einen intelligenten, authentischen, sympathischen, verbindenden, aufrichtigen, eloquenten Politiker mit Format", trauern die Getreuen. Der Christian sei einer gewesen, der "nicht mit theatralischem Pathos, nicht mit dieser gönnerhaften Dunkelkammer-Attitüde" gekommen sei.
Lindner war anders "Er stand einfach da, erklärte, begründete, zog Linien zwischen Gegenwart und Zukunft." Plötzlich habe ein ganzes Land das Gefühl gehabt, da spricht jemand, der uns ernst nimmt. Der hat kein Feindbild-Marketing, er betreibt keine Zielgruppenmanipulation. Er kennt keine autoritäre Pose. Ihn treibt immer nur das Bedürfnis, Menschen zu erklären, was passiert, anstatt ihnen zu erzählen, was sie fühlen sollen.
Klimageld und Parlamentspoeten
Schon ganz am Anfang, als die Ampel-Triade aus Scholz, Habeck und ihm das "eigentliche Projekt" (Karl Lauterbach) der Fortschrittskoalition mit den ikonischen Bildern begann, war er der Erwachsene im Raum, der die Schokoladenvorräte bewachsen sollte. Was hatten sie sich nicht alles an Wunschträumen ausgemalt!
Eine umfassende Energiewende, kostenlos für alle. Elektroautos, die der Staat bezahlt. Klimageld und Parlamentspoeten. Christian Lindner zog den Hass auf sich, als er gelegentlich auf das Kassenbuch klopfte. Mit so einem, das sagten die anderen Koalitionäre, das sagten aber auch deren Medienarbeiter, ist kein Staat zu machen.
Mit-, aber nie regiert
Christian Lindner ist immer wieder eingeknickt. Er mit-, aber nicht regiert. Er hatte den kurzen Strohhalm, sein Licht stand neben dem der Lichtgestalt Habeck und im Schatten des sprachlosen Kanzlers unter dem Scheffel. Nach den letzten Metern im Wahlkampf, als er alles auf eine Karte setzte, die eine Art Rückkehr zum Liberalismus von wirtschaftlicher Freiheit und Bürgerrechten abbilden sollte, muss Lindner froh gewesen sein, nicht noch Jahre als sein eigener Schatten als Chef der kleinsten Fraktion im Bundestag verbringen zu müssen.
Er war weg und er fehlte vielen. Einer "mit Herz und Verstand". Einer der analytisch, nachdenklich, klug und zuversichtlich an die Dinge herangeht. Einer der nie um ein Argument verlegen ist, wie dieser letzte, erste couragierte Auftritt nach langer Abstinenz zeigt.
Eigentlich geht es an diesem historischen Abend um Spritpreise, diese rätselhafte Erscheinung, von der die Regierungsexperten, Parteiführer und Kartellwächter auch 15 Jahre nach dem ersten Benzingipfel unter Brüderle und Merkel nicht zu sagen wissen, wie sie zustandekommen. Die Spezialisten von Lars Klingbeil, Lindners so unglücklich agierendem Nachfolger, suchen aktuell auch schon wieder seit dem 19. März ergebnislos nach Anhaltspunkten.
Inhaltliche Überlegenheit
Der schmunzelnde Christian Lindner weiß, es wird vergeblich sein. Es ist keine überlegene Triumphgeste, die er zeigt. Wenige Bemerkungen von ihm reichen, um seine inhaltliche wie rhetorische Überlegenheit gegenüber den anderen Frauen und Männer von SPD, CDU und Grünen zu zeigen, die herbeigeeilt sind, um die Regierungspolitik noch besser zu erklären und sie mit absurden Argumenten infragezustellen.
Lindner Präsenz ist geradezu überwältigend. Wie ein erster Regen nach langer Dürrezeit wirkt der Mann, der die FDP vor vielen Jahren im Alleingang vor der Untergang gerettet hatte. Kurze, knappe Sätze, nie überheblich gesagt, beweisen, wie was seiner früheren Partei heute fehlt. Und wo es den weitgehend uninformierten und tieferer Fachkenntnis uninteressierten Politikern der Nachfolgeadministration an Charisma, Visionen und Prinzipien fehlt.
Der letzte liberale Minister
Dieser Auftritt des wahrscheinlich letzten Liberalen, der im linkskonservativen, staatsverliebten Deutschland jemals ein Bundesministeramt bekleidet hat, nimmt die Menschen mit. Selbst das vom häufig als "Rotfunk" geschmähten WDR gecastete Publikum spendet dem mutigen Auftritt des Beschützers von Schuldenbremse und wirtschaftlicher Freiheit Applaus.
Junge und Alte, Wohlhabende und Arme, Privatversicherte und Kassenpatienten, sie alle im Sendesaal sind angetan von den Argumenten, von der leisen und doch nachdrücklichen Art des Vortrags. Und von der Tiefe, mit der der Ex-Politiker Fragen durchdrungen hat, die anderen Rätsel aufgeben.
Regelwut und Kontrollfetisch
Späte Einsicht: Dass Christian Lindner kurz vor dem Ende seiner Zeit als Politiker Abstand nahm von Regelwut und Kontrollfetisch seiner Koalitionskollegen und den Griff zur Kettensäge als letzte Hoffnung auf Rettung ausrief, erscheint vor dem Hintergrund der aktuellen Regierungsbilanz wie die einzig denkbare Lösung einer Aufgabe, an der seit schon seit mehr als zehn Jahren alle Parteien scheitern. "Die Steuern und Abgaben auf Sprit müssten runter", sagt Christian Lindner und er legt damit den Finger in eine Wunde, die akut klafft.
Natürlich haben Wissenschaftlernde wie die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer längst nachgewiesen, dass auch die so stark gestiegenen Treibstoffpreise einen Pendler pro Monat nur mit 30 bis 50 Euro mehr belasten. In Deutschland betrifft das derzeit rund 20 Millionen Menschen, die zur Arbeit in eine andere Gemeinde fahren müssen und dabei durchschnittlich 80 Kilometer am Tag zurücklegen.
Lenkend verteuern
Im Schnitt kostete sie das bisher nicht nur 50 Stunden pro Monat auf der Straße, sondern auch etwa 15 bis 25 Prozent ihres Nettoeinkommens. Daraus werden jetzt 18 bis 30 Prozent, ein rascher und deshalb als besonders schmerzliche empfundener Anstieg, der allerdings historisch gesehen nur folgerichtig ist. Noch vor 15 Jahren hatten die Pendelkosten für den Durchschnittspendler unter zehn der Nettoeinkommen gelegen. Mit der Einleitung der erfolgreichen Energiewende gelang es dann aber, die für Gesellschaft, Klima und Wirtschaft schädlichen Verhaltensweisen lenkend zu verteuern.
Die zusätzlichen Ausgaben für Benzin - der neue Sprung bringt alles in allem 800 Millionen Euro im Monat - sind aber kein Geld, das einfach weg ist. Es ist eine Investition, die dem nominalen Bruttoinlandsprodukt direkt zugutekommt.
Das Leiden vieler dient letztlich einer guten Sache und das auf mehreren Ebenen: Einerseits werden Pendelnde aufgeben, wenn es sich für sie nicht mehr rechnet, einer Arbeit nachzugehen, die nur kostet. Andererseits leitet deren unweigerlicher Unmut frisches Wasser auf die Mühlen von Warnern wie Christian Lindner, die sich immer schon gegen die blühenden Steuererhöhungsphantasien von SPD, CDU, Grünen und Linkspartei gestellt haben.
Das Land des Sozialismus
Immer schon war es freilich vergebliche Liebesmüh. In dem Land, in dem der Sozialismus seine Wurzeln hat und bis heute zahllose Freunde und Liebhaber, bewirtschaften traditionell diejenigen die Sehnsucht der Volksseele am effektivsten, die gegen Zahlung des halben Erwerbseinkommens umfassende Betreuung, Bevormundung und strenge Verhaltenskontrolle versprechen.
Der normierte Demokrat möchte bei der Hand genommen werden. Er hat es am liebsten, wenn er eigene Entscheidungen nicht selbst treffen muss. Gern mag er es, Anweisungen zu befolgen, die er weder versteht noch nachvollziehen kann. Er brummelt dann unwirsch in seinen Bart, kann es aber nun mal nicht ändern.
Christian Lindner, der in seiner neuen Rolle als Wirtschaftsmann weiterhin offenen Hemdkragen trägt, zeigt, was möglich gewesen wäre. Tim Klüssendorf, der an der Uni Hamburg und einigen Parteischulen schnellbesohlte Gegenspieler, den die deutsche Sozialdemokratie gegen ihn ins Feld schickt, wirkt neben ihm wie ein Verschwörungstheoretiker, der seine wirren Parolen selbst glaubt.
Der Staatsstaat ist "zu marktgläubig"
Die bösen Konzerne prangert er an. Und deren riesige Übergewinne. Zudem kritisiere er, dass es seit dem letzten Energiepreisschock nicht gelungen sei, irgendeine Art von Vorsorge zu treffen, sagt Klüssendorf, Generalsekretär der Partei, die seit dem letzten Energiepreisschock immer regiert hat. Man sei eben "zu marktgläubig", behauptet er. "Bei Lebensmitteln und Benzin funktioniert der Markt aber eben nicht."
Lindner widerspricht, doch er steht an der Außenlinie, noch weiter draußen als die Reste seiner Partei. Die wollte sich mit Christian Dürr retten, schilete kurz zu Marie-Agnes Strack-Zimmermann und hat sich jetzt auf den knorrigen Rentner Wolfgang Kubicki als nächsten Chef festgelegt. Der "FDP-Stänkerer mit Hang zum Rechtspopulismus" steht für eine Radikalisierung.
Der 74-Jährige soll die dem Untergang entgegentaumelnde Partei zurück in die öffentliche Wahrnehmung katapultieren. Er wird Westerwelle sein mit einem Hauch Milei, aber so präsentiert, dass es den deutschen Wähler anspricht. Kubicki muss wie Lindner dazu für alles und zugleich dagegen sein, er darf nicht zu viel Krawall machen, um nicht mit der AfD verwechselt zu werden. Aber auch nicht zu wenig, damit man ihn hört.
Er wird also scheitern müssen wie Christian Lindner. Auch ihm bleibt danach jedoch die Talkshow-Bühne.

