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| Das Drama um die Fregatte F126 ist beendet. Für nur 2,3 Milliarden bekommt die deutsche Marine jetzt kein Schiff, das zwei Jahre im Einsatz bleiben kann. |
Gemeinsame Flugzeuge können sie nicht. Bei Panzern sieht es schwierig aus. Und jetzt geht auch noch die Kampfschiffflotille der Zukunft auf Grund. Rüstung ist 85 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und vier Jahre vor dem erwarteten Einmarsch der Russen ein hochkompliziertes Geschäft. Nie weiß man vorher, was man braucht. Ist es dann endlich ermittelt, in endlosen Beratungsrunden, die immer wieder nachjustiert werden müssen, droht oft ein Gorch-Fock-Trauma: Was man haben will, das kriegt man nicht und was man kriegen kann, das gefällt einem nicht.
Ein multinationales Planungsjahrzehnt
Dramatisch endete das beim Luftüberlegenheitsjäger FCAS, von dem nach einem multinationalen Planungsjahrzehnt, das bis zur EU-Kommissionschefin zu Vorabverzückung gesorgt hatte, nur Luft blieb. Dem deutsch-französischen Panzerbauvorhaben MGCS - die Abkürzung steht für "Monstre Gigantesque Chose Super", also so viel wie "Monstermäßiges Kettenfahrdings", geht es kaum besser.
Auch hier zieht Europa gemeinsam an viel zu vielen Strängen: Die Bundeswehr möchte ein Gefechtsfahrzeug, das auch schwangere steuern können. Frankreich aber besteht darauf, dass der Panzer der nächsten Generation atomar bewaffnet sein müsse, einen französischen Namen bekommt und groß genug wird, um ausreichen viele Teile in Frankreich fertigen zu können.
Keine Eile im Panzerbau
Da das MGCS erst für die 2040er Jahre erwartet wird, ist bei den Panzerbauern noch keine Eile ausgebrochen. Frankreich hat über die Zeit bis zum erwarteten russischen Angriff im Jahr 2029 eine Zwischenlösung mit der Bezeichnung "CAPINT" präsentiert. CAPINT, ins Deutsche übersetzt so viel wie Canon d'Assaut sur Plateforme Intégrée Nouvelle Technologie, also "Kanonensturmplattform mit integrierter neuer Technologie", ist ein hochvernetzter Panzer mit unbemanntem Turm und automatischer Ladeeinrichtung.
Das Fahrzeug kann vollständig aus der Wanne bedient wird. Dazu wird einfach ein französischer ASCALON-Turm auf ein altes Fahrgestell des deutschen Leopard 2 A8 genagelt. ASCALON bedeutet Avionique Système Combat Aérien Long Offensif Nucléaire - auf deutsch schlicht "Avionik Langstrecken-Offensiv-Luftkampfsystem Nuklear".
Die Auslegung auf 120-mm-Munition gilt Praktikern zwar nicht als ideal, aber nach einer Fronterprobung aber halten Praktiker eine Umrüstung auf Kaliber bis 140 Millimeter für machbar. Im Moment verfüge, heißt es auf der Hardthöhe, die Bundeswehr ohnehin nicht über Vorräte an 140-mm-Granaten, da in den aktiven Truppen wie dem Leopard 2 standardmäßig sparsam 120-mm-Munition genutzt wird, weil auch da die Lager nicht übervoll sind.
Ein Mehrzweck-Milliardengrab
Zu Lande ist damit alles in Butter. Bei der Marine aber drängte die Entscheidung. Sechs Jahre nach dem scharfen Start des Rüstungsprojekts F126 hatte sich das ursprünglich unter dem Tarnnamen "Mehrzweckkampfschiff MKS 180" entworfene Bauvorhaben als Milliardengrab entpuppt. Dabei war im Juni 2020 bei der Vertragsunterzeichnung zwischen dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) und dem niederländischen Hauptauftragnehmer Damen Naval noch von einem wahren Wunderkreuzer die Rede gewesen.
Weltweit einsetzbar würde der neue Stolz der Bundesmarine sein, auf Befehl des Bundestages unterwegs von den Tropen bis in Eis führende Gewässern. Sowohl die Straße von Hormus könnte er bei Bedarf freikämpfen als auch das von den USA bedrohte Grönland entsetzen. Modular aufgebaut und ausgelegt, zwei Jahre im Einsatz bleiben zu können, ehe es zur Wartung in die Werft muss, stand auch nicht die Frage, was geschieht, wenn der Russe pünktlich ist.
Zwei Schiffe sind immer teurer als vier
Anfangs waren vier dieser Schiffe für knapp 5,3 Milliarden Euro bestellt worden. Eine Summe, die sich nach Berechnungen der Groko leicht aus Einsparungen beim Bürgergeld finanzieren lassen würde. Später kamen zwei weitere Bestellungen hinzu. Nach neueren Berechnungen stiegen die Kosten damit erwartbarerweise auf zehn Milliarden. Zwei Schiffe sind immer teurer als vier. Es war jedenfalls das größte Marine-Rüstungsprojekt der Neuzeit, ein Vorhaben wie damals der Bau des Schlachtschiffs "Tirpitz", eines 250 Meter langen Stahlkoloss mit 2.500 Mann Besatzung, dessen größter Einsatz die Beschießung der Wetterstation Barentsburg auf Spitzbergen im Jahr 1934 war.
Bis es Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius jetzt jäh stoppte. Zu teuer, zu spät, zu viele "Risiken, die mit einem Generalunternehmerwechsel einhergegangen wären". Nachdem der absehbare Geldbedarf um ein weiteres Drittel auf einen Schnaps über 15 Milliarden Euro gestiegen war - drei Jahre Bürgergeldkürzung oder umgerechnet 44 Jahre Sektsteuer - befahl Pistorius umstandslos volle Fahrt zurück. Deutschland spart damit immerhin fast 13 Milliarden. Abgesehen von den 2,6 Milliarden, die für die Entwicklung ausgegeben wurden, entstehen keine weiteren Kosten. Allerdings gibt es dafür auch kein einziges Schiff.
Ende einer Dienstfahrt auf dem Trockenen
Bei der Marine sind sie nicht unglücklich, dass das Drama endet. Denn der Hauptauftragnehmer war unterwegs zum fertigen Schiff auf unerwartete Probleme gestoßen. Eigentlich hatte bis zum ersten Stahlschnitt im Dezember 2023 auf der Peene-Werft in Wolgast alles gut ausgesehen. Die Auslieferung des ersten Schiffes mit Anfangsbefähigung Mitte 2028 schien realistisch - auch wenn "Anfangsbefähigung" nur bedeutet, dass das Boot schwimmfähig gewesen wäre.
Bis 2034 sollte dann die Auslieferung der restlichen fünf Schiffe erfolgen. Nicht hektisch jedes Jahr eins, aber mit Puffer doch allesamt in sechs Jahren. Die mächtigen Schiffe, Länge 166 Meter, 21 Meter breit, Wasserverdrängung knapp 11.000 Bruttoregistertonnen, sind etwa so groß wie ein Containerschiff der Wangerland-Klasse, ein Handysize-Produktentanker oder ältere Fährschiffe, wie sie in Ostsee- und Mittelmeer mit Platz für etwa 400 bis 600 Passagiere und Fahrzeuge verkehren. Als reine Bauzeit solcher zivilen Serienschiffe kalkulieren Werften in Südkorea typischerweise neun bis zwölf Monate. Die "Tirpitz" war seinerzeit in drei Jahren zusammengeschraubt worden.
Es wirkt kleiner als es ist
Doch ein modernes Wasserüberlegenheitsschiff für die Bundeswehr braucht natürlich deutlich länger. Das Projekt F126 wirkt im Vergleich zu den historischen Großprojekten aus dem Zweiten Weltkrieg oder gigantischen Flugzeugträgern nicht nur kleiner, es ist kleiner. Die "Gerald R. Ford" (CVN-78), ein Flugzeugträger der United States Navy, ist beispielsweise mehr als 330 Meter lang, für die Ostsee aber nicht verlegungsfähig.
Dennoch lässt sich ein solches großes Marinebeschaffungsprojekt nicht im Handumdrehen realisieren. Jede hochkomplexe, moderne Fregatte ist heute schwimmende Hochtechnologie, selbst wenn sie noch längst nicht schwimmt. Auch die niederländische Werft musste erkennen, dass die Integration von Systemen weitaus schwieriger ist als der reine Stahlbau und dass Software- und IT-Schnittstellenprobleme schwerer wiegen als die Seetüchtigkeit.
Alte Verdienste um die deutsche Kriegstüchtigkeit
Damen Schelde Naval Shipbuilding, ein 1875 gegründetes Unternehmen, das sich vor 85 Jahren beim Bau von Zerstörern des Typs Flottentorpedoboot 1940 erste Verdienste um die deutsche Kriegstüchtigkeit erworben hatte, scheiterte schon in der digitalen Konstruktionsphase. Die Aufteilung der Verantwortung zwischen einem niederländischen Generalunternehmer, einer französischen Software-Umgebung und deutscher Bauausführung in Wolgast, Kiel und Hamburg) erzeugte die üblichen bürokratischen Reibungsverluste.
Die genutzte Konstruktionssoftware der französischen Firma Dassault - in Deutschland bekanntgeworden durch ihre Mitwirkung am gescheiterten Flugzeugprojekt FCAS - stellte sich als ungeeignet heraus, technische Pläne und 3D-Konstruktionsdaten fehlerfrei an die deutschen Subunternehmer zu übertragen. Dadurch war die Design-Phase über Monate blockiert und Zulieferer gerieten in Zeitnot.
Verweigerte Meilensteinzahlungen
Durch die Verzögerungen verweigerte das Bundeswehrbeschaffungsamt dem europäischen Partner vertraglich vereinbarte Meilensteinzahlungen. Damen Naval geriet dadurch in eine Liquiditätskrise, die erst durch eine Millionenbürgschaft und einen Notkredit des niederländischen Parlaments beenden konnte, ehe Insolvenz angemeldet werden musste. Das Gorch-Fock-Trauma, das die Elsflether Werft nach einer Kostenexplosion von zehn auf 135 Millionen in die Pleite gerissen hatte, blinzelte aus der Kulisse.
Aber auch ein Wechsel des Generalunternehmers zur deutschen NVL-Gruppe, neuerdings eine Rheinmetall-Tochter, erschien Boris Pistorius nicht geeignet, die bereits investierte 2,3 Milliarden zu retten. NVL hatte den Finanzbedarf auf über 18 Milliarden Euro taxiert - das wären dann schon 53 Jahre Sektsteuer gewesen. Selbst für den zupackenden Verteidigungsminister, der über einen größeren Investitionshaushalt verfügt als alle seine Vorgänger bis zurück zu Hermann von Stein anno 1917, war das zu viel.
Ende mit Schrecken
Das Verteidigungsministerium beende das Projekt, teilte der Minister mit. Die absehbar weiter steigenden Kosten widersprächen "dem Verständnis des Verteidigungsministeriums vom verantwortungsvollen Umgang mit Haushaltsmitteln", hieß. Statt der großen Pötte würden jetzt kleinere Schiffe gekauft werden. Entschieden hat sich das Ministerium für Fregatten vom Typ Meko A-200, die seit ihrer Entwicklung in den frühen 80er Jahren schon für Kunden in aller Welt gebaut worden sind.
Dabei kann nicht viel schiefgehen. 29 Exemplare der "Mehrzweck-Kombination" (Meko) fahren bereits auf den Weltmeeren, unter anderen für Ägypten, Neuseeland, Südafrika und Portugal. Hersteller ist die deutsche TKMS-Werft in Kiel, der das Verteidigungsministerium schon im März mitgeteilt hatte, es wolle vier Meko-Fregatten Meko kaufen, damals noch als "Brückenlösung", bis die F126 endlich in Dienst gestellt werden könnten.
Jetzt werden es acht für immer. Als Kaufpreis für die ersten vier waren 6,3 Milliarden Euro veranschlagt worden. Nach der Logik der Preisbildung für die F126 dürften acht auf 15 Milliarden kommen. Plus die 2,6 Miliarden, die unterwegs im Planungsprozess verlorengingen, macht das etwa genau die 18 Milliarden, die durch die Beendigung des F126-Projekt gespart worden sind.

