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| Die Frau in Gold ist leicht zu identifizieren. |
Es ist eine jener typischen Trump'schen Provokationen, die in diesen ersten trüben Herbsttagen für Unmut in Brüssel sorgt. Offiziell will keiner höherrangige Figur aus der Chefetage der mächtigen EU-Kommission Stellung zu einer Affäre nehmen. Die spielt sich ab im Spannungsdreieck zwischen dem langsam in eine Diktatur abrutschenden Washington, der EU als letztem Hort der liberalen Freiheit der unbedingten Mitte und der gegenseitigen Abhängigkeit von und mit China, Russland und den Rohstoffmärkten.
Das Flüstern in den Fluren ist unüberhörbar
Doch auf den Fluren im Berlaymont-Gebäude ist das Flüstern und Wispern unüberhörbar. Vernehmlicher Unmut brodelt bis in die Vorzimmer der zahllosen Kommissarinnen und Kommissare. Ein Mitarbeiter sagt freiheraus, dass man ihrer Ansicht nach derzeit beileibe schon an genug Fronten kämpfe.
Die Handelsbilanz mit China liege schrägt, Europa rutsche immer weiter ab, die Frage, welche Sanktionen noch verhängt werden könnten, um die deutlich wettbewerbsfähigere kommunistische Diktatur aus dem gemeinsamen EU-Markt zu halten, sei zwischen den 27 Mitgliedsländern und der Führungsspitze umstritten.
Dazu kommen die beständigen kleinlichen Quertreibereien aus Berlin. Dort sitzt seit dem Abschied des beliebten Sozialdemokraten Olaf Scholz der unbeliebte und vollkommen überforderte Friedrich Merz von der CDU. Der 70-Jährige gibt im Moment noch vor, sich standhaft weigern zu wollen, der EU in den kommenden Jahren genug Geld zu überweisen, um sie in die Lage zu versetzen, die beständig steigende Zahl ihrer wachsenden Aufgaben zu erfüllen und sich immer neue Aufgabenfelder zu schaffen.
Provoziertes Europa
Und schließlich, neben dem Krieg mit Russland, der Energiekrise, dem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung in Frankreich und den lahmenden Aufnahmeverhandlungen mit Kanada, auch noch dies. Donald Trump provoziert das gemeinsame Europa mit Hilfe eines Kunstwerkes, das bei Kunstkritikern für "gemischte Reaktionen" (Berliner Morgenpost) sorgt.
Kein Wunder. Denn der vom US-Kunstministerium eingeladene sächsische Bildhauer Jan Laurenz Dippelberg hat ganze Arbeit geleistet. Der bekannte Skulpteur hatte mit dem Entwurf des Neuen Robertinum für die erzgebirgische Gemeinde Bad Walterberg im vergangenen Jahr einen großen künstlerischen Wurf gelandet. In Erinnerung an die glückseligen Jahre unter der Ägide der Ampelkoalition schenkte der gelernte Bildhauer und Holzstecher dem kleinen Touristenstädtchen ein auf imposante 150 Meter Höhe konzipiertes Bronze-Monument, das weltweit einiges Aufsehen erregte.
Habeck als Barbarossa
Das Kunstwerk, das eines Tages aus Mitteln des Strukturhilfe-Sondervermögens gebaut werden soll, zeigt den früheren Bundesumwelt- und Wirtschaftsminister Robert Habeck in einer seiner großen Posen - halb Barbarossa, halb Marx und Lenin. Geplant ist, um die Statue einen touristisch nutzbaren sogenannten "Klimapark" zu gestalten, so dass ähnlich wie auf den Seelower Höhen ein Ausflugsziel für die gesamte Familie entsteht.
Kritische Stimmen sprachen von "Personenkult" und "Größenwahn". Mit Blick auf Deutschlands unselige Historie bei der Instrumentalisierung von Kunst und Künstlern waren es vor allem Medien aus den großen Metropolen, die davor warnten, Städte und Gemeinden ein weiteres Mal mit Monumenten vollzustellen, die von späteren Generationen wieder teuer zurückgebaut werden müssen.
Wer Geld will, muss es beantragen
Oppositionspolitiker verwiesen zudem darauf, dass Bad Walterberg aufgrund der Inflation, der russischen Invasion in der Ukraine und wegen Trumps Iran-Krieg Pleite sei wie sämtliche deutsche Kommunen, Landkreise, Bundesländer und der Gesamtstaat. Doch sowohl der Künstler als auch seine Auftraggeber verwiesen auf die Notwendigkeit, gerade inmitten der Krise kräftig zu investieren. Wer etwas abhaben wolle von der Infrastrukturbillion des Sondervermögens, sei gut beraten, Förderanträge zu stellen.
Dippelbergs neues Werk ist anders, rauer, strenger und ungehobelter. Die für die üblichen Dimensionen der Arbeiten des in Brandenburg studierten Künstlers mit nur 2,60 Metern Höhe eher sehr kleine Statue wirkt wuchtig, aber kompakt. Am ehesten, beschreiben Besucher der feierlichen Einweihung, löse sie irritierte Ekelreflexe aus.
Eine kritisch zu lesende Großplastik
Das ist genau so beabsichtigt, denn Jan Laurenz Dippelberg zeigt in seiner durchaus europakritisch zu lesenden Großplastik ein sicheres Gespür für den Geschmack seines Auftraggebers. Einerseits hat er sein Werk mit 24-karätigem Gold überziehen lassen. Andererseits lässt er die gesamte Skulptur mit Absicht billig wirken, ohne einen Hehl daraus zu machen, dass es sich um eine reine Auftragsarbeit handelt.
Der Grund für die Aufregung, die in Brüssel herrscht, ist schnell zu erkennen: Dippelbergs Plastik stellt niemanden anderes dar als die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Die 67-Jährige, inzwischen bereits im verflixten siebten Jahr mächtigste Frau der Welt, sitzt unbekleidet auf den Schultern eines nackten Mannes. Deutlich zu erkennen sind die wuchernden Fettwülste, die Dippelberg der in natura stets asketisch mager auftretenden Funktionärin angeklebt hat.
Ein Männlein schleppt die Last
Der Gegensatz soll bewusst verstören, er soll Betrachter irritieren, er soll die Grenzen der Meinungsfreiheit ins Übermaß dehnen. Dippelberg nutzt dazu in der EU längst überkommene Klischees nach Herzenslust aus. Das Männlein, das die Präsidentin und Herrin über 440 Millionen EU-Europäer auf seinen Schultern schleppt, ist demonstrativ mager, es wirkt geradezu ausgezehrt. Seine Augen sind vor Anstrengung zugekniffen, das Gesicht wirkt wie tot.
Dazu kommt die dunklere Hautfarbe, denn beim tragenden Teil seiner Statue hat Jan Laurenz Dippelberg absichtlich auf den Goldüberzug verzichtet. Damit symbolisiert der Künstler eine tiefe gesellschaftliche Spaltung zwischen "denen da oben" und den sozial benachteiligten, die gelegentlich mit einem kleinen Tankrabatt abgespeist werden, um Ruhe zu halten.
Eine Statue für "Queen Democrazy"
Jan Laurenz Dippelberg versteht sich als Kritiker der Verhältnisse, seine nackte Goldfigur will er satirisch verstanden willen. "Golden Firmness", im Deutschen so viel wie "Goldenen Straffheit", hat er sein Werk genannt, unverhohlen in Anspielung auf die alterslos glatten Gesichtszüge, die die Kommissionspräsidentin mit der genetisch ebenso gutausgestatteten EZB-Chefin Christine Lagarde teilt. Informell heißt es im Umfeld des Bildhauers, der Untertitel seiner Statue laute "Queen Democrazy".
Harter Tobak für europäische Demokraten, die Wert auf Kunstfreiheit, aber noch mehr Wert auf deren Grenzen legen. Dippelbergs "Queen" hält in einer Hand einen Rohrstock, in der anderen eine winzige Waage, die eine anlassabhängige Gerechtigkeitsdeutung symbolisieren soll. Die Gesichtszüge der Frau, die einst nur aus Versehen an Europas Spitze geriet, weil sie die Bundesregierung und das politische Berlin nach einer Reihe von Skandalen eilig hatte verlasen müssen, sind hochkonzentriert. Mit Sockel ist die Statue rund 2,5 Meter hoch und den offiziellen Angaben zufolge mit 23-karätigem Gold überzogen.
Im offiziellen Weihnachtsbaumraum
Seit einer Woche bereits findet sie sich im sogenannten Blue Room des Weißen Hauses, indem jeweils im Dezember offizielle Weihnachtsbaum des Weißen Hauses aufgestellt wird. Sie steht damit an einem der belebtesten Knotenpunkte der Regierungszentrale, den nicht nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern auch Besucher passieren. Unter der Skulptur steht auf einer Erklärtafel ein von Jan Laurenz Dippelberg selbstgeschriebenes Poem: "Ich sitze auf dem Rücken eines Mannes. Er bricht unter meiner Last zusammen. Ich würde alles tun, um ihm zu helfen. Nur nicht von seinem Rücken herabsteigen" - vier Zeilen, die im politischen Brüssel für besondere Empörung sorgen.
Niemand sitze in Europa auf irgendwessen Rücken, niemand könne eine künstlerische Sichtweise auf das Funktionieren der Union nachvollziehen, wie sie sächsische Monumentalist an den Tag lege. Dippelberg, der den herausragenden Kunstschulen Europas alles verdanke, biedere sich "offenbar aus rein monetären Gründen" an Trumps Administration an, heißt es aus Kreisen des Europaparlaments in Straßburg, die nicht immer mit der Präsidentin auf einer Wellenlänge liegt, sie aber auch jetzt entscheiden verteidigt.
Sexismus und Menschenverachtung
Von Sexismus, Ent- und Herabwürdigung und Menschenverachtung ist die Rede. Vorerst noch unter der Hand fordern vor allem Parlamentarier aus den religiös strengeren Staaten Spanien, Polen und Irland Konsequenzen für den deutschen Kunstschaffenden, der von einer liberalen Stiftung in die US-Hauptstadt eingeladen worden war. Ein Sprecher der Institution wies Vorwürfe zurück, dahinter stecke die Absicht, den in den vergangenen Monaten aufgerissenen transatlantischen Graben weiter zu vertiefen. Er teilte mit: "Wenn jemand so dünnhäutig ist, dass er es nicht erträgt, dass diese Skulptur ausgestellt wird, dann hat er auf der Weltbühne nichts zu suchen."
Reaktionen in den sozialen Netzwerken scheinen diese Auffassung zu bestätigen. Zwar warnen einige Stimmen, dass die Vereinigten Staaten die Folgen der schlechteren Zusammenarbeit mit der weltgrößten Staatengemeinschaft der Menschheitsgeschichte ausbaden müssten. "Schlau ist das nicht!!", hat einer ins Gästebuch des Weißen Hauses geschrieben. Andere aber verweisen auf die Kunstfreiheit, die auch im Ausland gelte.
Diese Kunst kommt gut an
Wichtig sei es jetzt, überaus besonnen zu reagieren und einen diplomatischen Eklat zu vermeiden. Ursula von der Leyen müsse Größe zeigen, sie dürfe keinesfalls sofort die Zollkeule schwingen. "Ich finde die Skulptur super! Sehr treffend! Auch den Ort der Aufstellung", jubelt ein anderer Besucher, der auf der These beharrt, dass Kunst frei sein müsse und Satire einfach alles dürfen können müsse. Bloß keine Geschmackspolizei, auch nicht im Ausland, warnt einer. Ein eingeborener local ergänzt, es sei "einfach cool, in einem Land/auf einem Kontinent zu leben, wo Kunst sowas ganz selbstverständlich darf".

