Freitag, 6. November 2026

Von Neid zerfessen: Die grenzenlose Gier der Gen Z

Eine neue,von blanker Gier getriebene Generation steht auf, um ihren Anteil an dem zu fordern, was Väter und Mütter, Großmütter und Großväter in Achtstundentagen über 45 oder gar 47 Arbeitsjahre erarbeitet haben.

Sie bekommen den Hals einfach nicht voll. Wie keine Generation vor ihr haben die Angehörigen der sogenannten Generation Z vom ersten Tag ihrer Existenz in einem gemachten Nest gelegen. Sie kannten weder Krieg noch Hunger, kein Einschlafen in der Kälte ungeheizter Zimmer, weil niemand Kohlen aus dem Keller geholt hat. Sie kannten keine Verfolgung durch eine bösartige Obrigkeit. Keine Verbote, bestimmte Meinungen zu äußern, und keine Lehrer, die sie nach sozialem Status sortierten.

Die Generation, der alles geschenkt wurde 

Ihnen blieb es auch erspart, Sehnsucht nach bestimmten Dingen zu entwickelt - vom Kaugummi über die Jeans bis zu Mofa war alles immer da. Sie waren die Kinder einer perfekten Welt, von einer auf Rendite getrimmten kapitalistischen Wirtschaft versorgt wie von einer Mutter. Von einem auf sozialen Ausgleich bedachten Sozialstaat gepäppelt und gefönt, wann immer ihnen die Locken feucht wurden beim fröhlichen Spiel.

Dank eines Elternurlaubs, der heute länger  als jemals in der Geschichte Deutschlands, mussten sie nicht in Wochenkrippen abgeschoben werden. Ihre Zeit im Kindergarten, in Deutschland Kita genannt, begann mit ein Eingewöhnungswochen. Sie sollten nicht wie ihre Eltern losgerissen werden und sich müde weinen bis zur Akzeptenz der Abwesenheit von Mutter und Vater. Niemand übte mit ihnen das berüchtigte Topfen, das so viele Menschen gebrochen hat. Niemand steckte sie schon als Teenager in Uniformen und jagte sie unter Gasmasken durch den Stadtwald, um den den Dritten Weltkrieg zu üben. 

Klimaschutz, Wohlstand, reines Gewissen 

Der Generation, die sich selbst "Gen Z" nennt, wurden stattdessen Vorträge über Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit gehalten. Sie sollten die Welt nicht mehr so verändern, wie sie das gern hätten, sondern nur noch die Beschlüsse umsetzen, die die Älteren für sie getroffen hatten. Klimaschutz. Wohlstand ja, aber bitte grün. Keine neuen machen, dafür aber die der Alten abtragen.

Rebellion, wie sie zu jeder jungen Generation gehört, war gern gesehen. Voraussetzung aber war, dass sich die Aufständischen für das Richtige engagieren: Wer Unserewerte teilte, also die Werte der Altersgruppen, die Regierung, Verwaltung, Medien und die organisierte Zivilgesellschaft besetzt halten, war jederzeit willkommen, auch mit rabiaten Methoden Protest auszudrücken und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit auszuprobieren. 

Die beste aller Welten 

Die Mädchen und Jungen, die zwischen 1995 und 2010 geboten wurden, waren die Kinder der besten aller Welten. Es herrschte Frieden. Der Wohlstand wuchs selbst in Europa und in Deutschland noch. Die Inflation war niedrig, eine Geldentwertung von zwei Prozent galt damals schon als Alarmzeichen. Als die Ältesten aus der Gen Z in die dritte Klasse kamen, begann auch die Arbeitslosigkeit zu sinken. 

Parlamente beschlossen Schuldenbremsen, um die Sucht der Regierenden nach beständig mehr Geld ein für allemal zu kurieren. Europa wuchs zu einer EU zusammen, auf die die Völker der welt neidisch schauten. Ein Geld. Eine Kommission. Ein Chefkommissar, der Barroso hieß oder Juncker. Egal, denn auf den Alltag hatten die alten Männer in Brüssel keinen Einfluss.

Sie hatten alles, außer Pflichten 

Es stand endgültig fest, weil es so geplant war: Die Jüngeren würden es auch im Alter besser gehen als jemals einer Generation zuvor. Sie hatten schon als Teenies alles, außer Pflichten. Die Welt stand ihnen offen. Sie waren die Sanftmütigen, von denen die Bibel in Matthäus 5 berichtet, "sie werden das Erdreich besitzen". Eines Tages würden sie alles erben, die Schulden von Eltern und Großeltern,so wie dieses die ihrer Vorfahren geerbt hatten. Dazu aber auch das, was die in emsiger Arbeit, viele sogar ein 45 oder gar 47 Jahre langes Berufsleben mit 40 oder 42 Wochenstunden hindurch, daraus gemacht hatten.

Ein Paradiesgarten aus Überfluss. Supermärkte mit vollen Regalen. Bei jeder Wahl ein Zettel voller politischer Aletrnativen, allesamt vom Verfassungsschutz geprüft zulässig. Große Führer zudem, die wie Gerhard Schröder und Angela Merkel in aller Welt geachtet wurden. Kein Ozonloch mehr, kein Baumsterben, keine verseuchten Flüsse, keine giftig qualmenden Chemiefabriken und keine überdüngten Felder. Gen Z wuchs finanziell, ökologisch und gesellschaftlich in einer Welt auf, die ihnen in fast perfektem Zustand in den Schoß fiel: Es regierten die gute Absichten. Die Älteren waren die erste Generation, die mehr für die ferne Zukunft plante als für die eigene Gegenwart.

Auf die harte Tour 

Die Babyboomer und die Generation X, geboren zwischen 1946 und 1980, konnten nicht anders. Sie wuchsen nach einem Weltkrieg in einem vollkommen zerstörten Land auf, das erst später von türkischen Gastarbeitern wieder aufgebaut wurde. Oder mitten im Kalten Krieg, der jeden Tag hätte heiß werden können. Die 1995 15- bis 50-Jährigen waren zur Überzeugung gelangt, dass sie Verantwortung übernehmen müssten,  um eine bessere Welt für alle zu bauen, weil niemand anders es hätte tun können. Beimwem hätten sie sich denn beschweren sollen? 

Sie taten es auf ihre Weise, über die vermeintlichen Alternativen eines Besseren belehrt vom Zusammenbruch des staatsmonopolistischen Sozialismus, der Menschen mit diktatorischen Methoden zu ihrem Glück hatte zwingen wollen. Die Wirtschaft sollte vom Wettbewerb leben. Der Staat aber sollte die Überschüsse gerecht unter allen verteilen. Dazu, auch das gehörte in jenen Jahren zum gesellschaftlichen Konsens, musste er groß sein und stark. Aber übermächtig durfte man ihn nicht werden lassen.

Mehr Milliarden für weniger Kinder 

Einen großen Teil seiner Bemühungen richtete der Staat auf die Heranwachsenden. Die Zahlen der öffentlichen Hand zeigen, wie die Politik ihre eigene Parole verstand, dass die Jugend beständiger Förderung und Hilfe bedarf. Die Ausgaben der öffentlichen Haushalte für Bildung, Ausbildungsförderung, Kinder- und Jugendhilfe und Kinder- und Familienleistungen wie Kinder- und Elterngeld summieren sich inzwischen auf 320 Milliarden Euro im Jahr, etwa das Dreifache dessen, was vor 30 Jahren für ihre Eltern ausgegeben worden war.

Allein die Aufwendungen für die Kinder- und Jugendhilfe stiegen dabei von 16,4 Milliarden Euro Mitte der 90er Jahre auf fast 80 Milliarden Euro im Jahr 2023 – mehr als eine Vervierfachung. Auch die Tageseinrichtungen für Kinder lässt sich der Steuerzahler mehr kosten als jemals zuvor. Seit die Politik sich eine Unterbringungspflicht für Kinder auferlegte,  hat sich die Anzahl der außer Haus betreuten Kinder von zwei auf vier Millionen verdoppelt. Die Kosten für die staatliche Übernahme der betreuung stiegen derweil um das Fünffache - von zehn auf mehr als 50 Milliarden Euro im Jahr.

Eine wuchernde Betreuungsindustrie 

Vorbei die Zeiten mit knappen Kassen, als Kindergartenplätze umkämpft waren. Für die Gen Z flossen  Milliarden in eine Betreuungsindustrie, die aus Kitas, Jugendhilfe und Bildungsförderung besteht. Aus 320.000 Mitarbeiterinnen udn Mitarbeitern in Kindertagesstätten im Jahr 1995 wurden fast 800.000. Aus 795.000 KLehrerinnen, die 1995 12,4 Millionen Schüler betreuten, wurden 874.000, die sich um nur noch 11,4 Millionen Kinder kümmern. Darunter befindet sich eine wachsende Anzahl an Schulsozialarbeitern - Boomer und Gen X hatten noch ohne so enge sozialpsychologische Betreuung erwachsen werden müssen.

Der Staat steckte immer mehr Geld in die Heranwachsenden, er investierte nach eigener Überzeugung in den besten Rohstoff, den er hat. Die Generation Z wuchs in einemSchutzraum auf wie keine Alterskohorte vor ihr. Frühere Generationen kannten noch die Wehrpflicht oder den Zivildienst. Junge Männer mussten Monate oder Jahre ihres Lebens dem Staat zur Verfügung stellen. Die Gen Z entging dieser Pflicht: Die Wehrpflicht wurde 2011 ausgesetzt, damit fiel jeder Pflichtdienst weg. 

Ein Leben im Luxus 

Was für die Väter- und Großvätergeneration selbstverständlich war, blieb den Jüngeren erspart. Dafür aber ging es ihnen auch in allen anderen Belangen besser. Sie lebten nicht irgendwo, sondern im Luxus: Die Kommunikationsmöglichkeiten, mit denen die Kinder der 90er und frühen 2000er Jahre aufwuchsen, unterschieden sich radikal von allem, was es früher gegeben hatte. Noch 1990 waren Telefone im Osten rar und Gespräche im Westen teuer. Noch schlimemr wurde es mit den ersten Handyverträgen: Die Millennials gannnten Angehörigen der Generation Y zahlte für ihre Klingeltöne mehr als die Gen Z heute für einen 50-GB-Vertrag, der Informationen, Unterhaltung und soziale Kontakte jederzeit und überall verfügbar macht.

Sie sind die Glücklichen, das "Salz der Erde" (Matthäus 5,13), dem das Butterbrot mit Butter gebuttert wird. Selbst die tragischen Die Corona-Jahre beschenkten diese vom Schicksal geküsste Generation im Übermaß. Innerhalb von zwei Jahren hatten viele Schülerinnen und Schüler durch Schulschließungen, Wechselunterricht und Distanzlernen mehr schulfreie oder stark reduzierte Unterrichtstage als frühere Generationen in ihren endlosen Jahren bis zum Abitur. 

Geschenke  von der Obrigkeit

Zum Dank dafür tröstete die um ihren Ruf besorgte Europäische Union sie dann auch noch mit Programmen wie DiscoverEU. Zehntausende kostenlose Zugtickets werden an 18-Jährige verschenkt. Mussten junge Menschen früher selbst zahlen, wenn sie monatelang durch Europa reisen wollten, um ein Stück von der Welt zu sehen, übernimmt das jetzt die Gemeinschaft der Älteren. Die verzichtet großzügig auch darauf, Straftaten zu ahnden, für die sie selbst noch verurteilt wurde: Die Straffreiheit für Cannabisbesitz und -konsum erspart heute Jahr für Jahr zehntausenden Jugendlichen Ermittlungsverfahren, Anklagen und Verurteilungen.

Die Generation Z erlebte Kindheit und Jugend unter Bedingungen, die frühere Kohorten als Luxus empfunden hätten: längere elterliche Betreuung, massiv gestiegene öffentliche Ausgaben, keine Wehrpflicht, digitale Allgegenwart, endlos schulfrei in einem Land, das jugendlichen Protestaufwallungen gegenüber so liberal ist wie nie zuvor. Und dennoch beklagt und bejammert ausgerechnet diese gepäppelte Generation lauter als ihre Vorgänger ein Gefühl des Mangel und Benachteiligung. 

Gier statt Dankbarkeit 

Nicht Dankbarkeit, sondern eine unersättliche Gier zeichnet die selbsternannten Vertreter der Gen Z aus. Aufgewachsen an einem "Tischlein deck Dich" mit einem unerschöpflichen All you can eat-Bufett, sind die lieben Kleinen schon mit 15 Jahren mit nichts zufriedenzustellen. In ihrem Leben was alles immer da. Stets konnte man sich aussuchen, was man haben wollte. Und Charakter zeigte der, der deutlich zu verstehen gab: Was ich haben will, das krieg' ich nicht. Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht.

Man werde "nicht gesehen" haben Teilnehmer der "Gen Z regelt"-Demonstrationen sich bei der Merhehitsgesellschaft beschwert. Man solle für die Schulden der Alten zahlen, bekomme aber selbst nur Kürzungen und Einschränkungen dafür. Alles werde "kaputtgespart". Keine Rücksicht gebe es für die so wichtigen Belange der Jugend. Eine Diskrepanz zwischen objektiver Wirklichkeit und subjektivem Empfinden, die wahrscheinlich nur eine Alterskohorte übersehen kann, die mit Parolen wie "Free Palestine", "Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda!" und "Siamo tutti antifascisti!" für saubere Schultoiletten kämpft. 

Sie beanspruchen mehr für sich

Denn die Realität der Verteilung der Reste des gesellschaftlichen Wohlstandes sieht ganz anders aus. Zwar beanspruchen deutsche Rentnerinnen, Rentner und Beamte im Ruhestand mit 490 Milliarden Euro im Jahr bedeutend mehr Geld für sich als die heute 15- bis 30-Jährigen. Allerdings haben die Betreffenden dafür zuvor überwiegend jahrzehntelang Ansprüche durch Arbeit erworben, die jetzt durch die nachgewachsene Gruppe der Erwerbstätigen abgegolten wird. 

Die Jüngeren tragen wenig bei. Auf Zahler aus der Gen Z entfällt nur ein verschwindend geringerer Anteil von 15 Prozent der Beitragszahlungen, aus denen Ältere ihre Rente erhalten. Das entspricht nicht einmal ihrem zahlenmäßigen Anteil an der Bevölkerung. Auf die Altersgruppe der 30- bis 66-Jährigen hingegen, die 45 Prozent der Einwohner stellt, entfallen mehr als 82 Prozent aller Beitragszahlungen und aus Steuermitteln finanzierte Bundeszuschüsse. Die Älteren finanzieren die Älteren und damit perspektivisch sich selbst.

Die Gen Z mit dem schlanken Fuß 

Ganz anders sieht bei der Finanzierung der Leistungen für die Jungen und Jüngeren aus. Die Gen Z beteiligt sich nicht nur kaum an der Finanzierung der Renten- und  Pflegekassen, sie entzieht sich auch weitgehend der Betiligung an der Finanzierung der öffentlichen Ausgaben für Bildung, Universitäten, Kita und Jugendhilfe. Auch hier fließen 88 Prozent der aufgewendeten Mittel nach Untersuchungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) aus den Taschen der Über-30-Jährigen.

Im Unterschied zu Schülerinnen und Schülern, die sich bewusst nicht an der Finanzierung der rentenzahlungen für Seniorinnen und senioren beteiligen, tragen selbst Rentnerinnen und Pensionäre  durch die nachgelagerte Besteurung ihrer Altersbezüge und die Umsatzsteuerzahlungen für ihren Konsum ihr Scherflein zur Bewältigung der Finanzierungslast bei, die das üppige und teure Bildungs- und Jugendbudget bedeutet. 

Yalla, yalla, Sozialismus 

Gedankt wird ihnen das nicht. Stattdessen sehen sich durch die und aus der Gen Z blankem Neid und grausamer Niedertracht ausgesetzt. Ihnen, die mit ihrer Arbeit die Existenz aller finanzieren, wird vorgeworfen, nur an sich zu denken. Demokratie und das auf Wettbewerb setzende Wirtschaftssystem  sollen ihnen baldmöglichst entwunden und durch eine sozialistischen Planwirtschaft ersetzt werden. 

Donnerstag, 5. November 2026

Donald Trump: Der Demokrat

Elmar Theveßen gilt im ZDF als USA-Experte. Auch er war der Meinung aller seiner deutschen Kollegen, dass Donald Trump die Demokratie abschaffen und ein faschistisches System errichten werden.

Dieser Mann ist eine einzige Enttäuschung. Er tut, was er kann, doch er kann nichts. Er müht sich, macht aber alles falsch. Er sagt von sich selbst, er habe sogar Versprechen gehalten, die er nie gegeben habe. Doch die Dinge, von denen am sichersten war, dass er sie brutal, gnadenlos und  ohne Skrupel umsetzen würde, waren nicht darunter.

Donald Trump ist eine einzige Enttäuschung. Der Mann, der den Sumpf in Washington trockenlegen wollte, hat dieses Ziel aus den Augen verloren, sobald ihm die Möglichkeit offenstand, ganz große Politik zu betreiben. Trump baute Ballsäle und Triumphbögen, einen alten Pool um und er vergaß dabei, von seiner früher so heißgeliebten Mauer an der Grenze zu Mexiko zu reden. Alles war wichtiger als das, was im Wahlkampf wichtig gewesen war. Trump kämpfte mit Zöllen gegen die langjährigen Verbündeten. Er kämpfte Israel gegen den Iran, um dessen Atompläne zu vereiteln. Und er kämpfte mit Putin gegen die Ukraine, zumindest so weit es die deutschen Medien betraf.

Auf historischer Mission 

Der 80-Jährige wähnte sich auf einer historischen Mission, die in der Geschichte zahlreiche Beispiele hat: Schon Alexander der Große wurde angetrieben von seinem Glauben, er stamme von Gott Zeus ab und sei berufen, die Welt zu erobern. Der bescheidenere Napoleon Bonaparte sah sich selbst nur als Vollender der Französischen Revolution, dessen Aufgabe es war, Europa zu modernisieren und ein neues römisches Weltreich unter französischer Führung zu errichten. Adolf Hitler schließlich glaubte von sich, er seit der vom Schicksal Einzige und Auserwählte, der die Sowjetunion niederwerfen, Deutschland zur Großmacht machen und die Welt für immer von der Bedrohung durch den Kommunismus befreien könne. 

Männer, die so denken, scheuen keine Kosten, nicht die, die andere zu tragen haben, aber auch nicht die, für die sie selbst aufkommen müssen. Trump muss schon zu dem Zeitpunkt, als er seinen Zoll-Kreuzzug begann, bewusst gewesen sein, dass ein Wirtschaftskrieg mit der halben Welt seine Beliebtheitswerte nicht ansteigen lassen wird. Dennoch hielt er an der Strategie fest, die engsten Verbündeten, die zugleich die bravsten Mündel der Vereinigten Staaten sind, zu brüskieren.

Er unternahm eine Grönland-Expedition, brusttrommelnd wie ein betrunkener Matrose. Er hielt bedingungslos an der Unterstützung für den israelischen Einsatz im Gaza-Streifen fest, selbst dann noch, als der Sozialist Zohran Mamdani mit antisemitischen Parolen Bürgermeister von New York City geworden war. Und er griff den Iran an, mit der Begründung, der werde sonst in einigen Jahren Atomwaffen besitzen.

Fast so unbeliebt wie Friedrich Merz 

Das weiß man gar nicht sicher, sagten sie in Europa. Soll er doch, sagten viele in den USA. Der Iran, wo liegt das überhaupt? Trumps Beliebtheitswerte erodierten schneller als die seines Vorgängers Joe Biden. Am Ende des zweiten Jahres seiner Amtszeit liegen sie mit 35 Prozent Zustimmung nur noch dreieinhalbmal so hoch wie die seines deutschen Kollegen Friedrich Merz.

Donald Trump ist eine Enttäuschung. Der Erfinder der MAGA-Bewegung hatte die große Chance, ein republikanisches Jahrzehnt zu begründen und den alten amerikanischen Werten Freiheit, Wettbewerb und Eigenverantwortung zu neuem Glanz zu verhelfen. Nach seinem Erdrutschsieg über die in Deutschland beliebte Kamala Harris hatte Trump seine Partei in der Hand. Die gegnerischen Demokraten waren paralysiert und konsterniert, führungslos und entsetzt. All die seriösen Medien, die den gebrechlichen Joe Biden bis zum letzten Tag als einen starken Anführer der freien Welt vermarktet hatten, waren doch sicher gewesen, dass Kamala Harris siegen werde.  

Gebrochene Versprechen 

Trump nutzte den Moment. Er regierte durch. Diesmal nicht mit Steuersenkungen und Deregulierung, sondern mit außenpolitischen Aktionen, die bei seinen Wählerinnen und Wählern als gebrochene Versprechen ankamen. Statt Frieden zwischen Russland und der Ukraine zu vermitteln, begann er einen Krieg mit den Europäern um die Bezahlung der ukrainischen Rüstungsrechnungen. Statt den Gaza-Streifen zum Urlaubsparadies aufzubauen, erhöhten seine Zölle die Lebensmittelpreise im Land. Mit dem Angriff auf den Iran stiegen dann auch Treibstoffpreise.

Nicht einmal auf die Hälfte der Deutschen, aber bei Medien hierzulande gern gesehen. Eine bessere Gelegenheit, Deutschland als die Seite der Welt mit dem grüneren Gras zu beschreiben, gibt es nicht. Mit Blick auf die anstehenden Midterms beendeten viele große Sender und angesehene Redaktionen ihren monatelangen faktischen Trump-Boykott. 

Weniger geifernd als in früheren Feldzügen gegen den "Verrückte", "Faschisten", "Staatsfeind", "Frauenfeind", "verurteilten Straftäter" und "Rassisten" analysierte die Besten der Besten "warum Donald Trump an Rückhalt verliert" (DW) und der "Beginn von Trumps Ende" (Stern) gekommen sei. Die Vorfreude war unverkennbar. Endlich bekäme "Donald Trump die Quittung" (FAZ).

Vorfreude, schönste Freude

Trump hat sie alle enttäuscht, seine Anhänger zuerst, seine Gegner aber noch mehr. Keine der großen Vorhersagen, wie gezielt er die Demokratie abschaffen und eine Trump-Diktatur errichten würde, ist ein eingetroffen. Seit sein früherer Stabschef John Kelly und der ehemalige Vorsitzende der Joint Chiefs of Staff Mark Milley ihn als "Faschisten" bezeichnet hatten, herrschte Einigkeit darüber, dass er die älteste Demokratie der Welt aushöhlen und anschließend zerstören würde. Die später so tief gefallene Kamala Harris stimmte der Warnung vor einem ersten amerikanischen Diktator zu: "Yes, I do".

Trump plane die Unterdrückung der Opposition. Das "Project 2025" der Heritage Foundation enthalte seinen detaillierten Plan für einen autoritären Umbau der Vereinigten Staaten. Im "Spiegel" schnitt Trump der Freiheit den Kopf ab. Eine Titelseite zeigte ihn, wie er die Welt auffraß. Der "Stern" erschien mit einem Coverbild, auf dem Trump den Hitlergruß zeigte. Schlagzeile "Sein Kampf".

 "Ich bin die Vergeltung"

Wie im Rausch produzierten vielgelesene Autoren wie Karl Doemens, Jakob Augstein, Georg Restle und Stefan Kornelius Fantasien von Vereinigten Staaten in einem Prozess der "Refeudalisierung, der Aushöhlung zivilgesellschaftlicher Errungenschaften, der kulturellen Rückständigkeit im Hintergrund". Trumps scharfe Rhetorik wurde als faschistisch eingeordnet: Die Bezeichnung "Ungeziefer" für politische Gegner, die "inneren Feinde" die er überall sah, und seine Selbstbezeichnung "ich bin die Vergeltung" wurden nur allzu gern wörtlich genommen. 

Selbst die Ankündigung, er werde nach seinem zweiten Wahlsieg "Dictator for a day" sein, befeuerte die Fantasie. Und die Scherze Trumps, er könne sich auch eine dritte Amtszeit vorstellen, erlaubt oder seit der  22. Verfassungsänderung nicht, brachten den eigens für ihn eingerichteten "American Autocracy Threat Tracker"  zum Beben.

Nichts richtig, alles falsch 

Nichts, was er als Präsident tat, war richtig. Die Entlassung von zehntausenden Beamten und der zumindest symbolträchtige Kahlschlag in der Bürokratie, mit dem Elon Musk und sein "Department of Government Efficiency" Schlagzeilen produzierte. Die Bemühungen um einen Friedensschluss zwischen Russland und der Ukraine. Die Anstrengungen, zwischen Israel und der arabischen Welt zu vermitteln. Die Steuersenkungen. Das Wirtschaftswachstum. Die Weichenstellung auf eine Re-Industrialisierung der USA. Das "Buy America", das die Europäische Union später mit ihrer Kampagne "Buy European" als "kaufe nur europäisch" nachbaute. Die harte Linie von ICE gegen illegale Einwanderer, der die EU-Kommission mit einer Umgestaltung ihrer Grenzschutzagentur Frontex nacheifern will. 

Nichts war gut oder auch nur gut gemeint. Trump war ein Gespenst, gegen das sich bequem kämpfen ließ. Im Gegensatz zu deutschen Politikern nahm der US-Präsident Beleidigungen sportlich und Warnungen amüsiert zur Kenntnis. In Deutschland wusste jeder, dass alles erlaubt ist. Trump würde niemanden verklagen. Die mediale Begleitung des "sleepwalking into dictatorship", mit dem seine Parteifreundin Liz Cheney vor einer dauerhaften Beschädigung der Demokratie gewarnt hatte, geriet zum Spaziergang bei Sonnenschein.

Die letzte Stufe der Radikalisierung 

Ein Jahr nach seiner zweiten Wahl schaffte es das frühere Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", dem korrupten Faschisten, Autokraten und Diktator eine allerletzte Stufe der Radikalisierung anzudichten. Donald Trump war jetzt ein "Gotteskrieger", umgeben von ultrarechts-christlich-nationalistischen Kreuzrittern und "erzkonservativen Bibelfanatikern", die die USA "in einen theokratischen Staat verwandeln" wollten.

Dass die Partei des Präsidenten bei Zwischenwahlen verliert, passiert immer wieder. Diesmal aber gilt der gewohnte Gang der Dinge als Manifestation des Volkszorns über einen Präsidenten, der es verdient hat wie kein anderer vor ihm. Ulysses S. Grant verlor 1874, Gerald Ford 1984, Bill Clinton verlor 1994, Barack Obama 2010. Diesmal aber handelt es sich um eine  "eine Wahl gegen Donald Trump"  (Tagesschau), die vorab zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. 

Fluchtplan für den Fall der Niederlage 

Die kundigsten Beobachter hatten schon Trumps "Fluchtplan im Fall der Midterms-Niederlage" ausgemacht, samt dem Zielort "wohin es gehen soll". Wenn die Leute in den USA ihn nicht mehr haben wollen würden, hatte Trump schließlich selbst gewitzelt, "ziehe ich nach Israel und werde Premierminister". Andere hielten noch an sich, ahnten aber, wie der Präsident als "lahme Ente" um sich schlagen würde. "Wenn die US-Demokraten die Kongresswahlen gewinnen, können die Republikaner das sabotieren", argwöhnte die Taz. Manche der zu befürchtenden Tricks seien illegal – "manche schlicht bizarr". Wieder ein "Umsturz", wie ihm der ZDF-Experte Elmar Theveßen schon einmal unmittelbar bevorstehen gesehen hatte?

Donald Trump enttäuschte. Es waren noch nicht einmalalle Entscheidungen ausgezählt, das entpuppte sich der Usurpator als Demokrat. Statt das Ergebnis des Referendums über seine Politik anzuzwiefeln und seine Niederlage abzustreiten, akzeptierte er den deutlichen Sieg der Demokraten bei den Midterms. "Herzlichen Glückwunsch an die Demokraten. Sie haben gute Arbeit geleistet", sagte der erste faschistische Diktator der Geschichte, der sich einfach abwählen ließ.

Mittwoch, 4. November 2026

Überwiegend friedliche Gewalt: Sagen, was nicht ist

Gewalttäter störten die friedlichen Proteste der nach Gerechtigkeit verlangenden Jugend.

Nach den Übergriffen von Polizeieinheiten in Köln, Frankfurt und Warschau  auf überwiegend auch friedliche Demonstranten ist eine neue Diskussion losgebrochen,  wer die Schuld an den zum Teil von offener und versteckter Gewalt geprägten Bildern trägt, die Teile der Bevölkerung beunruhigen. Der Bühnenaufbau erinnert an Tage der Stadtbild-Debatte. Die Empörung  darüber, dass sie stattfindet, ist allerdings deutlich leiser.

Die Partypeople sind zurück 

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hatte den Begriff der "jungen Männer aus dem  migrantischen Milieu" als neue Bezeichnung der früher als "Partypeople" bekannten erlebnisorientierten Aktivisten aus Schwaben vorgeschlagen. Die Bezeichnung hatte sich der CSU-Mann noch am Wochenende von der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) in Berlin drechseln lassen, um sich Beinfreiheit  in der absehbaren Auseinandersetzung zu verschaffen. 

"Migrantisches Milieu" umfasst nach einer Handreichung der BWHF den gesamten sozio-kulturellen Komplex der bislang abwertend als "Menschen mit Migrationshintergrund" (MMM) oder "Menschen mit Wurzeln" bezeichneten Deutschen mit Zuwanderungsgeschichte und und oder oder zweiter Staatsbürgerschaft.

Spreu und deutscher Weizen

Die Deutsche Polizeigewerkschaft hält die neue Begrifflichkeit für ein taugliches Mittel, um eingewehte Streu vom echten deutschen Weizen zu trennen. Letzterer habe sich weitgehend friedlich verhalten, während er bei den "Gen Z regelt" einen größeren Anteil der Reste des gesamtgesellschaftlichen Wohlstands für sich forderte. Die Kolleginnen und Kollegen Polizisten, die nach Einbruch der Dunkelheit "ihren Kopf für unseren Rechtsstaat hingehalten haben", so die Polizeigewerkschaft, hätten jedoch bestätigt, dass "genau diese Tätergruppen" das Problem seien.

Der Vorsitzende des GdP-Bereichs Bundespolizei, Andreas Roßkopf beklagte sich über den Versuch "aus einigen politischen Bereichen, dies zu beschönigen. Den Namen Boris Pistorius nahm Roßkopf nicht in den Mund. Doch es war der Bundesverteidigungsminister gewesen, der im Zuge seiner Mitte Oktober mit einem Protestmarsch an der Spitze einer Kompanie aus SPD-Funktionären und Bürogehilfen gestartete Bewerbungskampagne um den Posten des nächsten SPD-Kanzlerkandidaten jeden Hinweis auf eine bestimmte Zuordnung der Täter*innen von Frankfurt und Köln widersprochen hatte. 

Unpräzise Zuordnung 

Eine Zuordnung wie "gewaltbereite linke Gruppen" (BWHF) und "Chaoten aus dem migrantischen Milieu" sei "zu unpräzise", kritisierte der künftige Kanzlerkadidat. Er wisse gar nicht, was das sein solle, "migrantische Gruppen?", gestand Pistorius. "Sind das Menschen, die in dritter Generation in Deutschland leben und deutsche Staatsangehörige sind? Wo hören wir auf, das zu differenzieren?“, bat er im ZDF um Hilfe, sichtlich verwirrt in einer unübersichtlichen Situation.

Es geht um viel in dieser "falschen Richtung" (Pistorius). Es geht um wegweisende Entscheidungen für eine unabsehbar lange Zukunft. Was unterscheidet den deutschen Fußballnationalspieler mit Wurzeln in einer Familie mit Wurzeln im Ausland und Doppelpass vom Plünderer eines Designerladens auf der Frankfurter Zeil? Wie viele soziale Gräben müssen noch zugeschüttet werden, ehe junge Männer, die sich selbst stolz als Türken, Syrer oder Afghanen identifizieren, von ihrer kartoffeldeutschen Umgebung als echte Deutsche anerkannt werden?

Die Fortsetzung eines Aufschreis

Die Ausschreitungen und die Plünderung einiger weniger Geschäfte waren nichts anderes als die Fortsetzung eines Aufschreis weniger tausend junger Menschen aus einer Generation, die überwiegend noch nie gearbeitet, niemals echtes Leid erfahren oder wirkliche Herausforderungen hat bestehen müssen. Gelernt haben die Bürgerkinder aus den Bionadevierteln der Republik allerdings, wie sich das Eintreten für eigene Interessen als Selbstlosigkeit tarnen lässt. 

Versteckt hinter  einem vermeintlich bildungs- und sozialpolitischen Anliegen, gelang es den besseren Töchtern und Söhnen wie schon zu Zeiten von "Fridays for Future" und "Last Generation", ihren Egoismus als Altruismus zu verkaufen. Die großen Medien waren verzaubert. Galt zu Zeiten von Pegida, den Corona-Demonstrationen und den als "Aufmärsche" bezeichneten Friedensdemos noch die unumstößliche Regel, dass jeder zum Nazi wird, der an Veranstaltungen teilnimmt, bei  denen mutmaßlich auch Rechtsextreme anwesend sind, wird der Jugendprotest sehr viel milder beurteilt. Alles war "überwiegend friedlich". Die Zusammenstöße mit der Polizei habe es erst "nach Ende der bundesweiten Demonstrationen" gegeben. 

Kapernde Gewalttäter

Wie? Wer? Warum? Pistorius hat eine eigene Zuordnung entwickelt. "Gewalttäter" hätten "die friedlichen Demonstrationen vom Nachmittag gekapert“ (Dobrindt), nicht wie Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) behauptet hatte, eine Tätergruppe, die "überwiegend migrantisch geprägt“ gewesen sei. 

Unter den Gewalttätern seien viele gewesen, „die entweder Ausländer sind oder Deutsche ausländischer Abstammung“, betonte Norbert Röttgen, der in der Nato als stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion dient. Der Außenpolitiker im Inneneinsatz sieht keine Chance dafür, aus zufällig entstandenen Bildern wie damals auf der Kölner Domplatte, auf Sylt oder jetzt bei der Erstürmung von Gucci-Läden ein gemeinsames Milieu abzuleiten. "Es gibt in Deutschland nicht das eine Milieu von Migranten", betonte Röttgen. Bunte Vielfalt herrscht auch in diesem Bereich.

Gewaltwelle mit Gewalttaten

Jeder Versuch, Menschen in Gruppen einzuteilen und sie nachfolgend als "Milieu" zu verurteilen, gehe fehl, betont auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Natalie Pawlik. Statt über die Täter zu sprechen, sei Differenzierung gefordert, bis aus einer Gewaltwelle die gewohnte Häufung von Einzeltaten werden könne. Bis dahin dürfe eine Debatte über die Ursachen "solcher Gewalttaten" Pawlik) stattfinden, verriet die in der kleinen Siedlung Wostok im Rajon Abatskoje im Oblast Tjumen in Russland geborene Sozialdemokratin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". 

Eine Genehmigung aus berufenem Munde. Während andere in ihrem Alter, in Frankfurt, Stuttgart und Berlin geboren als Kinder von Kindern von Gastarbeitern, die Deutsch deutlich akzentfreier sprechen als die Sprache von Oma und Opa, Turnschuhe räubern, um gegen das System zu rebellieren, verlief ihr Aufbegehren in den vom Gesetzgeber vorgesehenen Grenzen.

Vorgeschriebener Karriereweg 

Natalie Pawlik kam mit sechs Jahren nach Deutschland, mit 16 trat sie der SPD bei, mit 19 ging sie die ersten tastenden Schritte in der Politik. Mit Mitte 20 folgte die erste und bisher einzige Erwerbstätigkeit - wie in der Statuten der SPD vorgeschrieben als Mitarbeiterin im Abgeordnetenbüro eines SPD-Europaparlamentariers. Mit Ende 20 dann gelang der Aufstieg zur Chefin des Wahlkreisbüros. Mit 29 der Sprung in den Bundestag und mit 33 die Ernennung zu Staatsministerin. Schüler:innensprecherin. Freundschaftsrat. Hörsaal. Kreistag. Bundestag.

Integration wie in all den ARD-Dramen, die zur Hauptsendezeit ausgestrahlt werden, auch wenn sie für die Tochter einer russlanddeutschen Familie rechtlich unmöglich ist. Pawlik ist als sogenannter "Abkömmling" deutscher "Volkszugehöriger" aus  "dem Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stand vom 31. Dezember 1937", wie es im Grundgesetz heißt. Eine Spätaussiedlerin und damit Deutsche nach dem ius sanguinis (wörtlich: Recht des Blutes). Doch obschon mithin von Geburt an integriert, beurteilt sie die Sachlage unvoreingenommen.

Eine Debattenbremse 

Die Debatte ist da, das lässt sich nun auch nicht mehr ändern, nur ausbremsen. Gern dürften deshalb auch Fragen nach fehlenden Perspektiven, Ausgrenzungserfahrungen oder Integrationsproblemen erwähnt werden. Nicht aber die nach einer von Wurzelkindern und Hintergrundnachkommen gewählte Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft. Festgelegt hat Pawlik dazu eine Regel aufgestellt: "Es geht hier aber um die Frage nach dem Warum, nicht nach der Herkunft".  

Gerade weil es danach aussieht, dass sich die aktuellen "Gewaltausschreitungen " (Pawlik) jungen Migranten zuschreiben lassen, wäre es grundfalsch, zu tun, was CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann tut. Die wegen des linken Rufs der Union um ein konservatives Image bemühte neue Frau an der Seite des CDU-Parteivorsitzenden Merz sprach nach der Durchsicht der Bilder von den Schlachtfeldern davon, dass es "zuordenbar ist, dass das auch aus bestimmten migrantischen Milieus gekommen ist". 

Blinken nach rechts und links 

Kein Zweifel, warum sich Friedrich Merz für die farblose Frau aus Hamburg entschieden hat. Mit dem "zuordenbar" blinkte Hoppermann nach rechts. Mit "auch" nach links. Den Verteidigungsminister auf seiner Mission gegen das Wort "Milieu" erklärte das scharfe Schwert des Kanzlers kurzerhand zum Leugner: Man müsse "schon ansprechen, was man beobachtet und was zu sehen ist, um zu überlegen, wie wir damit umgehen." Den vorgeschriebenen Begriff "migrantisches Milieu" mied Hoppermann. 

Dafür zitierte sie augenzwinkernd Erich Honeckers Satz über die, die mit ihrem "Verhalten die moralischen Werte mit Füßen getreten und sich selbst aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt" hatten. Wer sich so verhalte, stelle sich außerhalb der Gesellschaft, bekräftigte Franziska Hoppermann.

Die Idee ist also, es wie immer zu machen. Noch einen oder zwei Tage um des Gewalttäters Bart streiten. Waren es "Chaoten aus dem migrantischen Milieu"? Oder waren sie nur dabei und mittendrin? An der Seite von "Gewalttätern"? Oder "gewaltbereiter" (Dobrindt), aber überwiegend friedlich plündernder Antifa-Aktivisten?

Es könnte ein Problem sein 

Parallel lässt sich gut wieder über die vage Möglichkeit sprechen, dass Deutschland es mit einem "Integrationsproblem zu tun hat von Menschen, die zwar die deutsche Staatsbürgerschaft erlangt haben, aber offensichtlich etwa nicht mit dem Rechtsstaat umgehen könnten", wie Hoppermann in einer rein hypothetischen Konjunktivkette mutmaßt.

Deutlich deutlicher äußerte sich Bildungsministerin Karin Prien, der die Worthülse vom "migrantisches Milieu", das "für Krawalle mitverantwortlich" sei, rechtzeitig zugegangen war. Sie wolle keine "Ressentiments schüren, das wäre auch politisch falsch", ordnete die ehemalige Mitarbeiterin von Bundespräsidentensprecher Friedbert Pflüger ein, was im Moment nützlich sein könnte und was nicht. Sie wolle nun, verkündete die Ururenkelin des Düsseldorfer Kaufmanns Salomon Hartoch einen originellen ad-hoc-Plan, "migrantische Jugendliche besser integrieren".