Samstag, 27. November 2021

Triage: Rätsel um ein Schreckenswort


 

Es wird nun wieder passieren, in Kürze schon oder bald oder gleich sogar. "Die Infektionszahlen bleiben bundesweit hoch", heißt es bei der "Tagesschau", und "in den Krankenhäusern wächst die Angst, gerade auf den Intensivstationen wieder an die Belastungsgrenze zu stoßen. Sogar das Szenario der Triage steht erneut im Raum". Diesmal mehr noch als im Frühjahr, bei der letzten "Angst vor der Triage" (ZDF), die ausgebrochen war, als auf den Intensivstationen der deutschen Krankenhäuser 5.000 Patienten lagen. Aufmerksamkeit war garantiert, denn schon im ersten Anlauf, kurz vor Weihnachten 2020, hatten Triagemeldungen für  Rekordquoten gesorgt, auch wenn sie nach nicht einmal 24 Stunden dementiert worden waren.

Und ewig droht die Aussortierung

Die Lage war ernst, aber medial gesehen war sie zeitweise hoffnungslos. Seriöse Zeitungen fragten sich Tag um Tag, "welcher Corona-Patient wird intensiv behandelt, welcher nicht". Wen soll man sterben lassen, wer darf auf Beatmung hoffen? Und vor allem anderen: Würde denn die "Warnung vor drohender Triage" (DPA) das Virus innehalten lassen? 

Es war der April, der das Horrorszenario zum zweiten Mal nach der Premiere im Herbst 2020 in den "Corona-Fokus" (ZDF) rückte. Angesichts "anhaltend hoher Infektionszahlen mit dem Coronavirus" wuchs "in deutschen Kliniken wieder die Sorge, bei der Versorgung von Corona-Patienten an ihre Grenzen zu geraten", schilderten Reporter. Täglich spitze sich die Situation zu, in Köln war die Intensivstation der Uniklinik bereits "belegt wie nie zuvor" und Ärzte standen "kurz davor" (Kölner Stadtanzeiger), entscheiden zu müssen, "welche Patienten sie bei begrenzten medizinischen Kapazitäten bevorzugt behandeln".

Bettenzahl sinkt, die Furcht wächst

Der Kelch aber ging vorüber. Das Schlimmste blieb den Medizinern erspart: Zu "triagieren und  persönlich zu entscheiden, welchen Patienten ich sterben lasse". Wie sich herausstellte, reichten die Kapazitäten im April doch aus, alle zu retten - wie im Januar zuvor, als mit 5.700 Patienten rund 700 Menschen mehr auf deutschen Intensivstationen hatten betreut werden müssen. "Wird keine Triage geben", hieß es Ende April bei immer noch rund 5.000 Intensivpatienten - und wie schon im Januar verschwand das Thema schneller als den Kommentaren der Leitmedien als Pflegerinnen und Pfleger auf den Stationen neue Bettwäsche aufziehen konnten.

Nur gestorben ist die Triage-Angst auch in jenem längst vergessenen Frühjahr nicht, in dem zeitweise jeder 27. Corona-Infizierte starb. Als die vierte Welle heranrollte, geschickt geduckt in den Schatten von Wahlkampf, hybriden russischen Angriffen auf Polen und die Glasgower Klimakonferenz, schlug erneut die Stunde des Geraunes von der Auswahlrampe: Nun, wo sich  nicht mehr 165.000 Menschen pro Woche ansteckten, von denen 6.000 starben, sondern 350.000, unter denen mit 1.400 nur noch ein Viertel der Seuche zum Opfer fällt, erlebte die Triage ein nicht für möglich gehaltenes Comeback.

Comeback der Triageangst

Obwohl auf den Intensivstationen mit 4.000 Patienten etwa 30 Prozent weniger Menschen behandelt werden als noch vor elf Monaten, ist die Triage auf dem Weg zu einem neuen Höhepunkt ihrer Bedeutung für den medialen Monolog mit den Spitzen der Pandemieverantwortlichen. Die Triage ist überall, in Bayern und in Sachsen, sie ist auch diesmal nicht wirklich Praxis, aber sie "droht" (SZ), sie wird "in ein, zwei Wochen unumgänglich sein" und deshalb wird heute schon SOS gesendet.

Wichtig dabei ist den Redaktionen nicht nur das Heraufbeschwören einer unvorstellbaren Auslesepraxis, sondern auch das Vermeiden jeder Verwendung von Zahlen, Fakten oder statistischen Angaben. Nicht nur fehlt überall die Frage, wie Intensivstationen, die vor elf Monaten 5.700 Patienten betreuen konnten, nun mit 4.000 an den Rand der Ausleserampe geraten können. 

Nur nicht über die Gründe reden

Nein, darüberhinaus wird auch tunlichst vermieden, die Zahl der vorhandenen Intensivbetten zu thematisieren. Die hatte im August vergangenen Jahres noch bei 40.000 gelegen, inklusive einer Notreserve. Und war seitdem um rund 9.000 Betten auf nur noch etwa 31.000 gesunken. So viele Intensivbetten hatte hatte Deutschland zu Beginn der Corona-Pandemie ohne Notfall-Reserve zur Verfügung gehabt. 

Heute hingegen, nach 18 Monaten wackeren Kampfes gegen das Virus, ist die Zahl auf nur noch um die 21.000 geschrumpft.


Freitag, 26. November 2021

Wolf unter Wölfen: Runder Tisch Raubtier

Ein Wolf, hinterlistig schleichend durch die brandenburgischen Wälder.

Er ist Sachse, Brandenburger und Vorpommer, ein Zeitgenosse, der zugleich noch nicht so lange hier lebt, andererseits aber alte rechte beansprucht. Rückkehrer in eine Heimat, die ihm nicht mehr gehört, die ihm aber auch nicht die Tür zu weisen wagt - der Wolf, Vater, Neffe und Cousin des ältesten Begleiters des Menschen, benimmt sich dort, wo er vor Jahren nicht einmal mehr auf der Roten Liste stand,  wie der eigentliche Hausherr. Er reißt Schafe, er tötet Ziegen, er fällt Kühe an und gerät unter die Räder der Autos der noch nicht so lange wie er hier Lebenden. Aller drei Jahre verdoppelte sich die Population. Der Wolf hoffte darauf, mit Hilfe der sogenannten Fortpflanzungswaffe etwa im Jahre 2050 erstmals eine höhere deutsche Wohnbevölkerung vorweisen zu können als die bisherige autochthone Bevölkerung.
 
Das sorgt für Angst, für Unmut, für Streit, es spaltet die Gesellschaft in Freunde des Wolfsbluts und Besitzer von Weidetieren. Ausweglos stehen die Fronten gegeneinander, keine Seite mochte bisher einen Schritt zurück tun und Abstriche machen vom Absolutheitsanspruch. Für die einen gehört der Wolf zu Deutschland, für die anderen auf keinen Fall nicht. Aus der Kinderzeit, geprägt von fake news aus Volksmärchen, steigen Befürchtungen auf, Isegrimm könnte es wie der Waschbär und das Wildschwein halten und sich ohne natürlich Feinde immer weiter verbreiten, bis ihm eines nicht mehr nur die entvölkerten Steppen des deutschen Ostens gehören, sondern auch die pittoresken Innenstädte von Hamburg, Heidelberg und Köln. 

Die Jamaika-Koalition hat die Gefahr nun erkannt, die die Vorgängerregierung noch durch Tatenlosigkeit hatte befrieden wollen. Im Koalitionsvertrag findet sich auch das sensible Verhältnis von Wolf und Mensch wieder, samt eines Lösungsvorschlages, der den schwelenden Zwist auflösen soll.
"Unser Ziel ist es, das Zusammenleben von Weidetieren, Mensch und Wolf so gut zu gestalten, dass trotz noch steigender Wolfspopulation möglichst wenige Konflikte auftreten", beschreiben die künftigen Koalitionäre ihre Pläne zur Einrichtung eines runden Tisches Raubtier, an dem alle Parteien, aber auch die betroffenen Teile der Tierwelt eingeladen werden.
 
Wie bei der friedlichen Revolution im Osten im Herbst '89 soll dann über alle geredet werden, um Missverständnisse im Zusammenleben von Mensch und Tier auszuräumen. Stand die bisherige Koalition für das erklärte Ziel, den "Wolf unter Kontrolle zu bringen" (CDU), öffnet Jamaika jetzt Räume für gegenseitiges Verständnis und die Akzeptanz anderer Lebensentwürfe. Während die Jagd im Koalitionsvertrag ausdrücklich nicht einmal erwähnt wird, gilt sie doch als vorzeitliche und maskulinistische Sitte der abgehängten Landbevölkerung, dürfen die derzeit 70 Wolfsrudel in Deutschland auf ein Ende der seit Jahren anhaltenden Nachstellungen hoffen.

 

Pflicht ohne Zwang: Auge um Auge, Zahn um Zahn

 

Sie könnten noch leben, sie alle und vielleicht sogar für immer. Die 91-Jährige aus Hamburg, die kurz vor ihrer ersten Corona-Impfung starb. Der 78-Jährige aus Heinsberg und die 89-Jährige aus Essen, die "die als erste deutsche Corona-Tote gelten" (Spiegel). Wären sie nur oder hätten sie doch. An oder mit, alt oder jung, das macht was mit dem Land, tut aber nichts für das große Wir, das "wir verloren haben" (Spiegel), als zum ersten Mal seit 1975  985.572 Menschen im Lande binnen eines Jahres starben statt wie im Jahr zuvor 939.000.  

Spaltende Tote

Tote, die spalten und noch nach ihrem Ableben den gesellschaftlichen Frieden stören. Sind sie mit oder an gestorben? Sowieso oder nur deshalb? Vulnerabel, vorerkrankt, selber schuld oder schlecht geschützt von zynischen ungeimpften Pflegern? Verführt von nicht-immunisierten Fußballern, irregeleitet von verharmlosenden Populisten, verführt vom Glauben an Homöopathie, Schüßler-Salze und Naturkosmetik.

Die Frage dieser Tage, sie lautet nicht, wie schnelle es die Ampel schaffen wird, den Braunkohleausstieg von 2030 auf 2025 vorzuziehen. Sondern welche Begründung sie finden wird, die impfverweigernde Minderheit im Lande auch faktisch zur Verantwortung zu ziehen für das Versagen von Impfstoffen, denen vorab Wirksamkeiten zugeschrieben worden waren die sie in der Praxis offenbar nur so lange zu entfalten vermögen wie der Gespritzte nach dem Piks nicht ausatmet. 

Zurück zum langanhaltenden Schutz

Verheerend für die gesamtgesellschaftliche Stimmung wäre es, die Impfstoffhersteller nach ihren Versprechen zu befragen, nach "Immunisierung", 90-prozentigen guten Wirksamkeiten und "langanhaltendem Schutz", die die Rückkehr zumindest in eine "neue Normalität" (Olaf Scholz) hatten  gewährleisten sollen.  "Große Erwartungen" (Charles Dickens), die so kleinlaut enden, dass es nun schon wieder jemand gewesen sein muss. So wie geldgierige Spekulanten an der Staatsschuldenkrise schuld waren, Cum-ex-Banker an Wirecard und der Russe an der vorfristigen Erreichung der deutschen Energiepreisziele gilt es nun, die für das Schicksal der Nation zentrale Figur des querköpfigen Impffeindes "auszumerzen".

Nur so kann das Gemeinwesen zurückkehren zum langanhaltenden Schutz der Immuniserung aus den Sommermonaten, als die Impfquoten niedrig und das Infektionsgeschehen im Griff war. Aber wie die Widerborstigen zähmen? Wie die Sachsen umstimmen, die Thüringer auf Kurs bringen, die Bayern an die Spritze zwingen?  Reicht es, ungeimpft bleiben Wollenden für den Fall einer Infektion einen Teil der Behandlungskosten aufzuerlegen? Oder sollen sie alles zahlen, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Unsolidarität gegen Unsolidarität? Nur bei Covid? Oder auch beim gebrochenen Bein? Oder einfach gar nicht mehr behandeln? Auf den Stufen zur rettenden Notaufnahme erfrieren lassen wie eine alleinerziehende syrische Mutter an der polnisch-weißbjelorussischen Grenze?

Erfrieren vor dem Krankenhaus

Katrin Göring-Eckardt, nach dem Pokerspiel um die Machtaufteilung im künftigen Kabinett wohl abgefunden mit dem im Februar neu zu vergebenden Posten des Bundespräsidenten, sieht in einer Impfpflicht ein "milderes Mittel" als in Lockdowns für die Gesamtbevölkerung. Wenn "alle demokratischen Parteien" im Bundestag einem solchen „milden Mittel“ zustimmten, wäre die entsprechende Entscheidung ausreichend legitimiert, um das grundgesetzliche gebotene recht auf Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit auszuhebeln.

Schließlich, das ist der vielerorts im Land noch unentdeckte Unterschied, ist eine Impfpflicht nicht gleichbedeutend mit einem Impfzwang. Vielmehr ist der Unterschied zwischen beiden Härtegraden der staatlichen Betreuung ähnlich groß wie der zwischen Pflicht und verpflichtender Duldung, wie sie bei der Bundeswehr gilt. Eine Pflicht bedeutet  nicht, etwas   Sollen oder Müssen zu müssen, sonder es Sollen oder Müssen zu sollen. Ein Zwang dagegen, eine Aufgabe, Forderung oder Pflicht erfüllen zu müssen, umgeht die Möglichkeit, dass der Müssende sich seiner Verpflichtung zur  Erfüllung entzieht, indem er - bei der Impfpflicht zum Beispiel - nicht mehr vor die Haustür geht, vom Ersparten lebt und sich von Lieferdiensten versorgen lässt, indem Maßnahmen ergriffen werden, die verhindern, dass er sich seiner Pflicht entziehen kann.

Einsicht in die Notwendigkeit

Milder Druck und das großzügige Angebot, den Zwang freiwillig zu dulden, der damit keiner ist, sondern die vollendete Umsetzung der Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit, die der große deutsche Philosoph  Friedrich Engels in seinem "Anti-Dühring" als Voraussetzung für die Freiheit aller immer und auch unter den Bedingungen der Unfreiheit nannte. Das Abfinden und Mitmachen als Bestandteil eines kollektiven Wollens verwandelt die Pflicht in eine Kür, verringert allerdings nicht nur den Anteil der Gefährder in der Gesundheitsgesellschaft, sondern perspektivisch auch das Reservoir an gesellschaftlichen Gruppen, die in einer möglichen nächsten crisis als Alleinverantwortliche die Rolle des Ziegenbockes Bobesch aus der Augsburger Puppenkiste übernehmen und mit der Last der Schuld an allem beladen in eine Ecke gestellt werden können.

Während Spitzenpolitik und Medien sich entschieden hat, das Risiko einzugehen und nunmehr ausschließlich über eine allgemeine, spezielle, freiwillige, zu erzwingende, grundgesetzkonforme Impfpflicht zu diskutieren, ist der diesjährige Wellenbrecher-Lockdown aus einem Ei geschlüpft, das keine Henne je gelegt hat. Auf einmal war er da, ein alter Bekannter, der noch vor dem ersten Schnee unangekündigt hereinschneit. Ältere Pandemieteilnehmer wissen, nun ist bald Weihnachten. Bald spricht der scheidende Bundespräsident. Und er wird sagen: "Ich versichere Ihnen: Der Staat handelt nach den Regeln, die unsere Verfassung für eine Situation wie diese ausdrücklich vorsieht".

Donnerstag, 25. November 2021

Zitat des Tages: Grundgesetz der Gründlichkeit

Die deutsche Gründlichkeit läuft logisch auf politische Intoleranz hinaus. Der Gründliche duldet keinen Widerspruch, weil es keinen Widerspruch geben kann, wenn eine Sache ergründet worden ist. Hat der Gründliche den letzten Grund einmal erreicht, kann nur einer vollständig recht und können nicht mehrere teilweise recht haben. 

Der Gründliche geht ­davon aus, dass alle Menschen, hätten sie die Dinge so durchschaut wie er, nach den gleichen Vorstellungen leben würden. Andere Lebensweisen irritieren ihn, weil sie ihm als Ausdruck schlechter Moral oder mangelnder Intelligenz erscheinen.

Roger Köppel sucht im Jahr 2012 in der "Weltwoche" nach den Ursdachen all dessen, was noch kommen wird

Ampelatorium: Sieger der Geschichte

Countdown zum Neustart: Die Ampel strahlt optimistisch.

Jetzt gehehets los! So rasch wie versprochen und noch rascher als je zuvor steht die Ampel in Berlin und auf Grün auch noch. Ein schwacher Kanzler, so unkten die Medien zuvor, flankiert von zwei starken Parteichefs, die beide Vize hätten werden sollen, den inexistenten Titel nun aber kollegial untereinander aufteilen. Die Ära Merkel ist Geschichte, das Zaudern, Zagen, Verschieben und Entscheiden hinterm Ereignishoriziont vorbei. Neustart mit "Mehr Fortschritt wagen". Das Land soll "von Grund auf modernisier" (Koalitionsvertrag) werden. Und dabei auch noch "gerechter, klimafreundlicher und produktiver" werden.

Eierlegende Wollmichsäue

Es wird ein Wunder brauchen dorthin und kein kleines. Nach 16 Jahren Angela Merkel ist Deutschland wieder, was es am Ende des vergangenen Jahrtausends war. Der kranke Mann Europas, äußerst geltungssüchtig und belehrend jedem anderen gegenüber, selbst aber unfähig, sich einen Schuh anzuziehen oder ihn gar noch zuzubinden. Die Kohle liegt nun nicht mehr zu tief, sie soll nicht mehr gebraucht werden, die Atomkraftwerke sind, verglichen mit denen anderenorts, keineswegs zu alt, aber viel zu gefährlich. Fossil ist allgemein von gestern, stattdessen wird mit 16 gewählt, strafunmündig, aber allzeit streikbereit. 

Der Jugend Vertrauen und Verantwortung, die Jugend wird schließlich bezahlen müssen, was die frischgebackenen Sieger der Geschichte noch einmal ein Stück in die Zukunft verschieben. Die Pandemieschulden von 400 Milliarden Schnaps obendrauf auf die seit 1949 angesammelten 1,4 Billionen Euro Verbindlichkeiten müssen nun nicht mehr schon ab 2023 und dann spätestens bis 2042 abgetragen werden, sondern erst ab 2028 und dann bis 2058. 

Süßes Leben mit der Aktienrente

Luisa Neubauer wird dann 62 sein und gut von der neuen Aktienrente leben, die neue Außenministerin Annalena Baerbock hingegen, mit 40 jüngstes künftiges Kabinettsmitglied, zählt dann auch schon 77 Lenze und wird auf der Schuldenabschlussfeier im Bundestag vermutlich nicht mehr der lauteste Partygast sein. Doch im neuen Amt wird sie zweifellos wachsen, schon zum Amtsantritt ist "die Frau für alle Fälle" (Spiegel) drei Zentimeter größer als ihr Vorgänger, der es zuletzt kaum noch vermocht hatte, Deutschlands Stimme weltweit erklingen zu lassen.

Sieben Männer, zwei Frauen, nicht ganz die Geschlechterquote, die für Vorstände deutscher Aktiengesellschaften gilt, so traten die Sieger der Geschichte vor die Kameras, im Gepäck nicht nur die Überarbeitung des Wahlrechts, bezahlbares Wohnen, schnelles Internet, erreichbare Gesundheitsversorgung und "gute Mobilitätsangebote" (Habeck), sondern auch Klimaschutz, erneuerbare Energie mit Solardachpflicht, Kohleausstieg, Respekt, schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, weiter steigende, aber nicht noch schneller steigende Energiepreise und eine Energiepreisentlastung für Arme, das Ende des Verbrenners, höhere Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur und ein Bürgergeld anstelle von Hartz IV, sondern auch ein spezielles "Konjunkturbereinigungsverfahren" (BWHF) zur Umgehung der Schuldenbremse, die so weiter formal eingehalten werden, aber in der Praxis ignoriert werden kann. 

Diese Liste ist das Leben, nicht angetastet dagegen wird die Steuerschraube. Sogar die Finanzierung der Bundesmarine durch die Sektsteuer, durch § 1 Abs. 1 SchaumwZwStG seit 1902 eine deutsche Tradition, bleibt. Wie auch sonst "bei einer so starken Steigerung der Ausgaben für die Wehrkraft des Landes" wie sie das vom heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier 2014 bestätigte Zwei-Prozent-Ziel der Nato der Nation abverlangt.

Auf und nieder immer wieder

Anders ist das alles nicht zu schaffen, was sich der Alte und die Neuen in der Regierung da vorgenommen haben. Getreu dem alten Ideal der neuen Sozialdemokratie vom staatlich betreuten Leben zielt das Ampelatorium  auf ein Land mit umfassender "Garantiesicherung" (Scholz): Strom vom Dach und aus dem Wind, 400.000 neue Wohnungen aus dem neuen Bauministerium, die Mietpreisbremse aus Berlin und eine Kindergrundsicherung nebst stabilem Wlan, einem digitalen Endgerät und digitalen Lernmaterialien für alle, die sonst sagen würden, für sie sei ja gar nichts dabei.

Große Visionen mit kleinen Rückschritten, die in der Euphorie zum Glück untergehen werden. Die alte, abgewählte Koalition vor Jahren schon 400.000 Neue Wohnungen im Jahr versprochen und das Ziel dann, nachdem es immer wieder verfehlt worden war, ehrgeizig auf 500.000 heraufgeschraubt. Nun also zurück auf los, 400.000 müssen wieder reichen, vor allem wohl, da zeigt sich die Cleverness des gewieften Zehn-Millionen-Strategen Scholz, um nach dem nächsten Kurzvorbeiistauchdaneben noch etwas zum drauflegen zu haben.

Mittwoch, 24. November 2021

Falsche Fiktionen: Ein Zerrbild der Welt

Klischeebilder dominieren die deutsche Krimilandschaft. 
Mord und Totschlag, Geschlechterklischees, Frauen in Röcken und Kleider, Männern in Hosen, mit kurzen Haaren und tiefer Stimme - einer neuen Studie ist es jetzt erstmals gelungen, aufzudecken, wie Fernseh- und Filmemacher mit geschlechtsspezifischer Gewalt, falschen Schwerpunktsetzungen über die unterschiedlichen Kriminalitätsarten und einer fehlenden Repräsentation der Opferseite bei Zuschauenden, Zuschauerinnen und Zuschauerern Vorurteile nicht nur bestärken, sondern zu großen Teilen erst erschaffen. Von der MaLisa-Stiftung sowie der traditionsreichen Filmfirma UFA initiiert, wurde die Untersuchung als Kooperationsprojekt der Hochschule Wismar und der Universität Rostock durchgeführt. Analysiert wurden durch die Forschenden zwei sogenannte künstliche Programmwochen  von Gemeinsinnsendern wie Das Erste und ZDF, aber auch von "medienkapitalistischen Heuschrecken" (Berkeley International Framing Institute) wie RTL, RTLzwei, Vox, ProSieben, Sat.1 und Kabel Eins.  

Abseitige Schwerpunktsetzung

Die Ergebnisse zeigen, dass fiktionale TV-Sendungen offenbar ein völlig verzerrtes Bild der Realität zeichnen. So fanden die Forschenden heraus, dass die im Gemeinsinnfunk bereits in der 22. Saison ausgestrahlte Serie "Inspektor Barnaby" mit der Wirklichkeit des Lebens der Menschen in der englischen  Grafschaft Midsomer kaum etwas zu tun hat. In der Regel fänden in den 90-minütigen Serienfolgen zwei bis vier Morde statt, so die Forschenden, Midsomer weise damit eine fiktive Mordrate von mehr als 200 gewaltsamen Toten im Jahr auf. Diese Zahlen lägen weit über dem 200-fachen der tatsächlichen Mordrate in Großbritannien.

Hier wird ein Zerrbild der Welt vermittelt, es wird Unsicherheit geschürt und gezielt, so die Studienautoren, gezielt auch mit geschlechts­spezifischer Gewalt gearbeitet. Etwa ein Drittel des Programmes, sagt eine Studie, für die 450 Stunden Material aus 545 unterschiedliche Sendungen besichtigt und analysiert wurde, nutze Frauen als Mordopfer, Kopftuchmädchen, Lehrerinnen oder Supermarktverkäuferin. Zwei Drittel der besagten Programme stammten dabei aus dem fiktionalen Bereich, der damit die höchste Klischeelast trage. 

Hohe Klischeelast

Hier findet sich auch das höchste Maß an Verweigerung von Sendezeit für die Opferperspektive. In nur acht Prozent der Sendungen - darunter "Tatort", "Morden im Norden", "Tagesschau", "111 tolle Traumtypen", "Solo für Weiss" und "Die purpurnen Flüsse" - kamen die Betroffeninnen ausführlich zu Wort, um ihre Sichtweise darzulegen. Eine Darstellung der differenzierte Opferperspektive findet damit kaum statt, so die Machenden der Studie. In immerhin 22 Prozent der Fälle gab es wenigstens eine"anteilige Opferperspektive,  im überwiegenden Anteil aber eine am Rande erzählte. "Besonders ernüchternd ist, dass Möglichkeiten der Prävention und Hilfsangebote kaum vermittelt werden", heißt es bei den Wissenschaftlern. Hier bestehe Handlungsbedarf. "Über geschlechtsspezifische Gewalt im deutschen Fernsehen müssen wir diskutieren."

Und nicht nur darüber, sondern über die Illusion von Realität, die besonders in fiktionalen TV-Programmes beschrieben und damit in Millionen Köpfen verankert wird.  Während Morde im Fernsehen nicht nur in Midsomer, Hamburg, in Bozen, Venedig, München und auf Usedom - durchweg Fernsehkriminalitätsschwerpunkte der zurückliegenden Jahre - verglichen mit der Realität überrepräsentiert sind, werden Alltagsdelikte wie Körperverletzung, Taschendiebstahl, Eingehungsbetrug, Schwarzfahren und gewalttätiges Querdenken durchweg wie Randerscheinungen behandelt. Unterrepräsentiert sind auch Ereignisabläufe nach der Ergreifung von Tätern, die etwa Parolen gerufen, den Hitlergruß gezeigt oder sogar Beamte beleidigt haben. Der Erstdarstellung folgte meiste keine Schilderung der Konsequenzen.

Maskulinisten und Preliminariuismus

Sexismus, Maskulinismus, weißer Preliminarusmus und die Überrepräsentanz von Wohlstandsproblemen wie Familienstreits, häuslicher Gewalt und Autodiebstahl führten damit in allen untersuchten acht Sendern zwischen 18 und 22 Uhr zum Eindruck der falschen Fiktion einer Welt, die einerseits vielmals gewalttätiger ist als die Wirklichkeit, andererseits aber kaum Beratungsangebote für die Opfer kennt, wenig Reflektion der beteiligten Untersuchungsführer und kaum Bemühungen von Ämtern und Behörden, auf vorbildhaft Elektromobilität umzusteigen. Wie in ARD und ZDF waren auch in ProSiegen und RTL2 in keinem Fall Inhaltswarnungen und/oder Hinweise auf Beratungsangebote eingeblendet worden. Neben Vorabwarnungen gab es auch in nur wenigen Fällen den Versuch, eine Beschreibung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einzublenden oder die fiktional aufgeworfenen Verbrechensfragen anschließend mit Experten zu diskutieren.

Von Staatsmännchen und Staatsversagen: Die Hassprediger

Dem neuen Kanzler schlägt schon vor Amtsantritt Misstrauen entgegen: Nichts geht schnell genug und ist ausreichend weitreichend.

Noch ist er nicht einmal im Amt, der Klima- und Rentenkanzler, da bekommt es Olaf Scholz schon von allen Seiten. Er sei ein "Staatsmännchen" stellte das über verschachtelte Beteiligungen teilstaatliche Newsportal T-Online fest. Die "Süddeutsche Zeitung", ein Privatunternehmen, das nur über vertraglich festgezurrte Vereinbarungen mit dem Gemeinsinnfunk liiert ist, sieht ein "Politikversagen von nationaler Tragweite". Und der RND, ein Redaktionsbüro der SPD, das im politischen Berlin zuweilen als "Reichsnachrichtendienst geschmäht wird, zitiert Umweltverbände, die jetzt schon bitter enttäuscht sind über das Verstummen der neuen Koalition bei wichtigen Fragen wie der schnelleren Erhöhung der CO2-Steuern, dem beschleunigten Energieausstieg und dem Verbot von Nordstream 2.  

Chaostage an der Medienfront

Chaostage in einer Republik des Übergangs. Die alte Koalition mag nicht mehr entscheiden, die neue will noch nicht, man pokert darum, wer schuld sein soll, und hofft auf Besserung, wenn irgendwas. Schlechter ist es ja auch von ganz allein geworden und der Blick nach Indien zeigt: Das geht auch andersherum. Bei Deutschlands Medien aber, bisher die treuesten Truppen der Merkel-Demokratie,  brennt plötzlich eine sehr, sehr kurze Zündschnur. Nicht nur Jens Spahn, lange Zeit der beliebteste Bundesgesundheitsminister, hat schlagartig alles Vertrauen verspielt, das Magazine wie der "Spiegel" in ihn setzten, seit er in der gerade erst anrollenden ersten Welle der Corona-Pandemie vorhersagte, dass "wir in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen". 

Die Neuen treten gleich so an, misstrauisch beäugt, mit Ratschlägen versorgt und mit Forderungen eingedeckt. Skepsis schlägt ihren bisher unbekannten Plänen zum Gesellschaftsumbau entgegen. Nichts wird reichen, um die himmelhohen Erwartungen einer Medienlandschaft zu befrieden, die sich über Jahre selbst suggeriert hat, dass die wirkliche Welt aus Knete besteht, aus der Minister, Staatenlenker und internationale Konferenzen ihre Willen formen können. Alles ist danach möglich, zumindest aus Sicht der Schreibmaschinengewehrkommandos in den Großraumredaktionsstuben: Energieversorgung muss nur als Suchtkrankheit behandelt werden, schnell weg von allem, kalter Entzug, dazu die Preise kräftig raus und überall ein I in die Mitte, fertig.

November des Zorns

So einfach, so klar und so unerreichbar. Das "Politikversagen von nationaler Tragweite", das die Regierungskritik eigentlich traditionell vermeidende Süddeutsche Zeitung in diesen Tagen in Berlin ausmacht, zeugt von einer Enttäuschung darüber, dass Scholz es wohl doch nicht wagen wird, eine Ökodiktatur mit Tempolimit, Mindestrente für alle, Bundesheizrichtwert und komplettem Energieausstieg bis nächste Woche Mittwoch auszurufen. 

Es droht nach einem "November des Zorns" (SZ) darüber, dass kaum etwas aus den Hinterzimmern der Koalitionsverhandlungen nach außen drang, ein Dezember der Abrechnung mit dem, was schließlich auf den Tisch gelegt werden wird. Keine Klimarettung in diesem Jahr. Kein CO2-Preis von 100 Euro. Keine Elektrifizierung der 39 Prozent Bundesbahnstrecke, die trotz aller Anstrengungen aller Bundesregierungen seit 1949 bis heute nur mit Diesel und Kohle befahren werden kann. Kein einheitliches Ladekabel, kein Zuckersiegel, kein veganer Suppendonnerstag als Einstieg in den Ausstieg aus der Fleischära.

Es droht eine Spaltung der Mediengesellschaft. Die einen jetzt schon finden, es hätte viel schlimmer kommen können. Die anderen aber vertreten die Sichtweise, es sei alles eben längst noch nicht schlimm genug. "Diese Leute rauben den Vernünftigen die Freiheit", hat Hilmar Klute gerade in der Süddeutschen Zeitung kommentiert, bezogen auf ein völlig anderes Thema, bei dem die noch nicht vereidigten kommenden Ministerinnen und Minister allerdings auch vom ersten Tag in einem kalten Gegenwind stehen werden.

Alles, was sich die deutschen Medien an eklatanten Distanz-Fehlern, an generöser Nachsicht mit Verantwortungsträgern, an stillschweigender Solidarität mit der Regierung und an verantwortungslosem Mitmachen über all die Merkel-Jahre selbst ankreiden müssten, es scheint in einem von Selbsthass getriebenen Ausbruch an Spätschuldzuschreibung zu enden. Das ehedem als Parole von Rechtspopulisten, Hetzern, Hassern und Zweifeln bekannte "Staatsversagen" hat es in die Mitte der Mediengesellschaft geschafft, Kritik an bewährten Strukturen wird nicht nur behauptet, sondern auch mit großem Selbstbewusstsein weit verbreitet und selbst Provinzblätter gefallen sich nun in der Pose des mutigen Rufers in der Wüste: "Staatskrise"!

Alles war richtig, um sich dann mit dem anstehenden Personalwechsel in falsch zu verwandeln. Mag der neue Kanzler Olaf Scholz vor seiner Vereidigung auch mit derselben Unsichtbarkeit agieren wie seine Vorgängerin, die mit der Ankunft des Virus in Italien aus der Öffentlichkeit verschwand, so hilft ihm das doch wenig. Mit der FDP an seiner Seite hat der Sozialdemokrat beste Chancen, zum Hauptfeind der ungeduldigen Fortschrittsfraktion in den Redaktionen zu werden, für die jede Regierungsform unterhalb einer Thunberg-Diktatur zu viel Laissez-faire-Regime und Klimaverharmlosung bedeutet. Und die Grünen, mit denen Olaf Scholz ja auch noch regieren muss, geben den Extremen auf der anderen Seite Futter für fortgesetzte Empörung. Zu viel Regulierung. Zu wenig. Zu langsam. Zu eilig.

Noch ist der Punkt nicht erreicht, an dem ihm die Leitmedien sich erinnern, dass Olaf Scholz bereits einer früheren Bundesregierung angehört hat.  Doch wenn ihm erst alte Sprüche vorgehalten werden, um ihn haftbar zu machen für die "viel zu niedrige Impfquote" (SZ), die zu hohen Inzidenzen, die trotz deutlich weniger akuter Fälle als im Januar höhere Belegung der geschrumpften Anzahl an Intensivbetten in den Krankenhäusern und den ausbleibenden Ruck beim Klimawandel, wird Scholz Bescheid wissen. So wie seine Vorgängerin mit den Medien regierte, die ihr stets gewogen waren, wäre er gezwungen, gegen sie zu herrschen.

Dienstag, 23. November 2021

Kanzleramtsastrologie: Titanische Transformationen

Eine der im politischen Berlin kursierenden Kabinettslisten, mit denen die neue Koalition auslotet, wie das Personaltableau bei den Medien ankommt.

Gerüchte hier, wilde Behauptungen da. Das politische Berlin ergeht sich in Kanzleramtsastrologie: Wer wird was im neuen Kabinett? Welche Posten kann wer ergattern? Wie wird das Fell des Bären aufgeteilt? Das "große Stühlerücken" (SZ), wo führt es hin? Und wo, vor allem, bleibt bei alldem Karl Lauterbach? In den zurückliegenden 18 Monaten galt der 58-Jährige als das Seuchengesicht der SPD, kein Tag in dieser düsteren Zeit, in der der frühere Christdemokrat nicht auf einer Talksho-Couch saß, ein, zwei oder drei Zeitungsinterviews gab oder wenigstens per Pressemitteilung kundgab, was es zu sagen gab: Jede Wortmeldung eine Bewerbung um einen Ministerposten. Der des Gesundheitsministers war wie für ihn gemacht.

Trumpf: Zahlen aus Sachsen

Die Nachrichten aus der Hauptstadt aber lassen nun Böses ahnen. Auf keiner Ministerliste taucht der Name des Mannes aus Düren auf. Stattdessen steht dort, wo er hatte sein sollen, Petra Köpping, derzeit noch sächsische Staatsministerin für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt im Kabinett Kretschmer. Die Zahlen in Sachsen zeigen, dass sich Olaf Scholz mit der Frau aus Nordhausen Corona-Kompetenz an den Kabinettstisch holt, zudem hilft die frühere Außendienstmitarbeiterin der Deutschen Angestellten-Krankenkasse, die Ostdeutschen- und die Frauenquote zu erfüllen. Karl Lauterbach aber, der bekannteste und beliebteste Sozialdemokrat, wird mit einem schäbigen Staatssekretärsposten abgefunden.

Eine bittere Pille für Lauterbach, aber die "Wortbildmarke der SPD" (Lauterbach) ist nicht der einzige, der den bisher vorliegenden Tableaus zufolge schlucken muss. Auch Heiko Maas, der Außenminister, der zuletzt die Lage an der polnisch-weißbelorussischen Grenze unter Kontrolle gebracht hatte, kommt in Scholz' Planungen nicht mehr vor. An seine Stelle rückt Annalena Baerbock, gelernte Trampolinspringerin, von Haus aus Expertin für Grüne Physik, aber jederzeit in der Lage, sich in jedes Fachgebiet schneller einzuarbeiten als andere vergessen können, was sie im Studium darüber gelernt haben. Eben erst hat Baerbock ihren Lebenslauf ein weiteres Mal angepasst, nun ist sie keine Buchautorin mehr, die kein Buch geschrieben hat, sondern eine, die nie eins geschrieben haben möchte.

Immer mehr Aufgaben

Manches bleibt gleich, etwas dass eine Frau das Verteidigungsministerium führt, das sich weiterhin nur um Verteidigung kümmert. Anderes wird neu zugeschnitten: Robert Habeck übernimmt mit Wirtschaft, Klimaschutz, Energiewende und Transformation gleich vier Titanenaufgaben, zwei mehr als  sein gewichtiger Vorgänger  Peter Altmaier, der schon an der Doppelbelastung durch Wirtschaft und Energie zu scheitern wusste. Doch alle, die da in Zukunft am Staatsschiff mitlenken, müssen Opfer bringen: Aus den 29 Aufgabenbereichen, die die Ministerinnen und Minister Angela Merkels schultern mussten, werden im Kabinett Scholz I deren 37. Hinzugekommen sind Integration und Gleichstellung, "ländliche Räume" und "Stadtentwicklung".

Der neue Verkehrsminister Anton Hofreiter ist nun nicht mehr zusätzlich für digitale Infrastruktur zuständig, sondern auch für "Mobilität", also E-Roller, Fußgänger und Mobilteelfone. Weil Bildung Ländersache ist, gibt es wie immer auch ein Bildungsministerium, das nun aber nebenbei nicht nur für Wissenschaft und Forschung, sondern auch fürs Digitale verantwortlich zeichnet. Inneres verliert Bau und Heimat, Familie, Senioren, Frauen und Jugend schmückt sich nun zusätzlich mit "Integration und Gleichstellung". Für "Gleichwertige Lebensverhältnisse" sorgt allerdings ein Extra-Staatsminister, wohingegen Umwelt, Naturschutz die so überaus wichtige nukleare Sicherheit verliert. 

Eine Fülle an neuen Aufgaben

Ein gesellschaftlich wie medial bisher vollkommen unbeachteter Atomausstieg, der insgesamt zu mehr Gerechtigkeit, Gleichheit, Inklusion, Nachhaltigkeit und Wertschätzung führt, obwohl die Raubtierpartei FDP ersten investigativen Erkenntnissen zufolge ebenso wie die Grünen vier Minister stellen wird. Parteichef Christian Lindner, der schon immer lieber regiert hätte, teilt sich den Vizekanzlerposten, den es offiziell nicht gibt, mit Robert Habeck, bleibt aber im Gegensatz zu seinem Kollegen auch Parteivorsitzender, eine Aufgabe, die für einen einzelnen Menschen in anderen Parteien überhaupt nicht zu bewältigen ist.

Der Neuzuschnitt der höchsten Leitungsebene der Republik spricht eine deutliche Sprache, wie umfangreich und kompliziert die Herausforderungen sind, vor denen Jamaika steht. Aus den 14 Ministerien der letzten Merkel-Regierung, in denen 49 Minister und Staatssekretärinnen wirkten, werden nun deren 17, die gleich vom Start weg 57 politischen Beamtinnen und Beamten Arbeit und Brot bieten. Natürlich, jeder will dabei sein, das neue Deutschland mitgestalten, der kommenden Ära des Energieausstieges, der elektrischen Mobilität, der Klimaneutralität und der globalen Vorbildrolle seinen Stempel aufdrücken.

Impfkampf: Im Seuchenlager

Es muss jetzt schnell gehen, sehr schnell. Es gab anfangs noch hohe verfassungsrechtliche Hürden zu überwinden, doch mit Hilfe erfahrener Richterinnen und Richter, die einen klaren Fokus auf ein gesellschaftliches Ziel zu richten wussten, gelang es in allerkürzester Zeit, die grundgesetzlichen Hindernisse abzuräumen. Der EuGH, der in einer ähnlichen Situation bereits einmal quergeschossen hatte, würde diesmal hoffentlcih stillhalten, anderenfalls aber, das war im politischen berlin eine ausgemachte Sache, konnte man darauf vertrauen, dass am Straßburger Gericht nichts so schnell entschieden wird in Karlsruhe, bei den deutschen Verfassungswächtern, die es dann, wenn es um höhere werte als bloße Grundrechte geht, auch schon mal eine lange Bank finden, auf die sich alles schieben lässt, so lange Einladungen zum Essen ausstehen.  

Ein Essay von PPQ.li-Kolumnistin Svenja Prantl.

 

Ja, jeder weiß es. Wenn alle bei allem mitmachen, dann gelingen einer Gesellschaft Dinge, die noch Tage, ja, Stunden zuvor für unmöglich gehalten worden wären und ins Reich der fake news verwiesen wurden. Doch Not kennt kein Gebot und eine Pandemie keine Recht mehr, das nicht veräußerlich wären, wenn nur der Preis stimmt. Elemente, die die Gesundheit aller aus egozentrischen Motiven heraus bedrohen, diese Erkenntnis hatte sich schon in der Anlaufphase der vierten Welle mehr und mehr zu einem Konsens aller Demokraten und Demokratien entwickelt, brauchen "Peitsche statt Zuckerbrot", es gilt, "Druck" (WDR) auszuüben und vor dem "kindischen Recht aufs Ungeimpftsein" (Hilmar Klute, SZ) nicht mehr zu kuschen. Wer für uns ist, ist geimpft. Wer gegen uns ist, muss die Konsequenzen tragen.

Geldstrafen reichen nicht

Mit Geldstrafen kann es da nicht getan sein. Geld haben die Leute auch dank der Nullzins-Politik der EZB wie Heu. Ein Millionär wie der - auffallenderweise zum Teil in Sachsen sozialisierte - Impfverweigerer Joshua Kimmich lacht nur über ein ausbleibendes Wochengehalt von 324.000 Euro. Andere dagegen, die gar kein Einkommen mehr haben, verweisen auf Vater Staat, der einspringen müsse, wenn ihnen Strafen wegen ihrer Vakzinverweigerung drohen. In Österreich brachte der Verfassungsjurist Heinz Mayer deshalb härtere Bandagen ins Spiel: Eine "Zwangsisolierung" für Leugner, Verweigerer und Impfskeptiker, wie sie bisher in Deutschland nur in Ausnahmefällen angewandt wurde. 

Nach einem Jahr  Impfkampagne und Millionenausgaben für Überzeugungsarbeit steht fest, dass eine verstockte Minderheit anders nicht einzufangen ist. Aus prinzipieller Verweigerungshaltung, beinhartem Neonazistum oder homöopathischen Gründen versagen sich die Betroffen:innen allen Versuchen, sie für eine "nationale Kraftanstrengung" (Angela Merkel) im Kampf gegen das Virus zu gewinnen.  Eine solche "Tyrranei der Ungeimpften" (Ulrich Montgomery) aber kann sich die vernünftige Mehrheit nur eine Zeit lang gefallen lassen. Notorischen Verweigerern müssen Konsequenzen drohen - und wenn es nicht reicht, sie aus der neuen Normalität der durchgeimpften Mehrheitsgesellschaft auszusperren, indem mit 2G, 2G+, 3G- und Ausgangsverboten um ein Einsehen geworben wird, dann bleibt über kurz oder lang nur der Rückgriff auf Deutschland lange Lagertradition.

Die Rücknahme der Niemals-Garantie

Die Impfpflicht etwa, lange rigoros ausgeschlossen, seit der Rücknahme der Niemals-Garantie der Bundesregierung aber ein langsames Heraufdämmern am Horizont, lässt sich kaum anders durchsetzen als mit entschiedenem Durchgreifen. Mobile Impftrupps allein, die in den zentralen Wohngebieten des Vakzin-Widerstandes von Haus zu Haus fahren wie der Bofrost-Mann und um Oberarme betteln, werden nicht reichen. Es gilt nun vielmehr, die faulen Äpfel herauszuschneiden, ehe sie im wörtlichsten Sinne hunderte andere anstecken. 

Harte Zeiten erfordern harte Entscheidungen. Dazu aber wird es nötig sein, die schlechten von den guten Menschen zu separieren und sie an Orte zu verbringen, an denen ihnen Zeit und Gelegenheit gegeben wird, noch einmal gründlich über das nachzudenken, was sie der Gesellschaft schuldig sind. Dass die nur noch geschäftsführende Bundesregierung sich scheut, diesen letzten Dienst am Gemeinwesen auf ihre Kappe zu nehmen und damit auch die Verantwortung zu tragen für 21 Monate "absolutem Staatsversagen", wie es die Stiftung Patientenschutz nennt, zeigt, wie im politischen Berlin noch immer taktiert wird, wie immer noch Schwarze Peter herumge- und seit Wochen notwendige Maßnahmen verschoben werden.  

Die Parteien plänkeln

Statt durchzugreifen, hart, aber herzlich, wie es die Mehrheit der Vernünftigen sich schon lange wünscht, plänkeln die Verantwortlichen. Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder nennt es "unangemessen, die epidemische Notlage abzuschaffen und parallel Drogen zu legalisieren", wo doch das eine mit dem anderen soviel zu tun hat wie die langen Schlangen vor den Boosterzentren mit langfristiger Planung. In Söders Welt war  die epidemische Lage von nationaler Bedeutung ein durchschlagender Erfolg, in der von Reiner Haseloff, dem Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, braucht es nun aber eine bundesgesetzliche Regelung zur allgemeinen Impfpflicht. Denn die "Lage ist nicht mehr unter Kontrolle" und am Ende dieses Winters wird "jeder geimpft, genesen oder gestorben sein".

Montag, 22. November 2021

Anschlagsopfer Wahrheit: Der Hass der Enkel auf Opas Opfer

Kein Wort für die Opfer, der Täter wird beklagt.

Wer mit Zahlen, Grafiken oder Statistiken lügen will, hat einige grundsätzliche Regeln zu beachten, um nicht sofort aufzufliegen. Einerseits ist es möglich, Zahlen ohne jeden Bezug zu präsentieren, bei Grafiken lassen sich zeichnerisch kluge Wertungen setzen, die mit den abgebildeten Werten nichts zu tun haben. Und bei Statistiken hat es sich eingebürgert, den sogenannten Torero-Effekt zu nutzen: rechts winkt ein rotes Tuch, auf das alle schauen. Links wird gelogen, ohne dass es jemandem auffällt.

Der Hass der Urenkel

Zur Meisterschaft entwickelt haben deutsche Großmedien zugleich aber auch eine andere Methode, die vorzugshalber dort angewendet wird, wo der Enkel den Opfer von Uropa bis heute nicht verzeihen können, dass sie damals nicht alle freiwillig über den Jordan gegangen sind. Nach den Konstruktionsregeln der Drehrumbum-Schule  haben "Spiegel", SZ, Tagesschau und DPA in der Vergangenheit Kunstwerke mit Schlagzeilen wie "Gaza-Krieg: Israel erwidert trotz neuer Waffenruhe Beschuss aus Gaza" und "Palästinenser bei Messerattacke in Jerusalem erschossen" geschaffen, die für auf einem "niemals geschriebenen und niemals zu schreibenden Ruhmesblatt" der deutschen Mediengeschichte stehen.

Von "Israels Armee erschießt 15-jährigen Palästinenser" über "Israelische Soldaten erschießen militanten Palästinenser" (beide RND) bis "Palästinenser von Sicherheitskräften an Grenzübergang erschossen" (DW) und "Israelische Polizei erschießt palästinensische Messerangreiferin" (Spiegel) führt eine gerade Linie zur Erkenntnis: Die Mörder sind immer die einen, die anderen können nie etwas dafür.

Noch falscher als falsch

Dass es noch besser geht, noch falscher, ohne für das ungeübte Ohr gleich im ersten Moment verkehrt zu klingen, und noch irreführender, als sich nur irgendjemand vorzustellen vermag, der den Gemeinsinnfunk aus ARD und ZDF mit seinen angeschlossenen 77 Abspielanastalten nur durch das berühmte "Framing Manual" zur Optimierung der Außendarstellung der Anstalten kennengelernt hat, hat das ZDF gerade in einer seiner Nachrichtensendungen bewiesen. 

Während andere deutsche Medien im Fall eines Terroranschlages eines Hamas-Mörders auf Zivilisten traditionsgemäß dem entgegengesetzten Prinzip von Actio und Reactio folgten und den Tod des Attentäters in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit stellten, ging das Zweite einen Schritt weiter. Nicht mehr nur den Mord relativieren machen und das Opfer an den Pranger stellen. Sondern vom Täter schweigen und das Opfer zum einzigen Täter machen. Statt von der Reaktion aus nach hinten zu erzählen, so dass für die ursprünglich reaktionsauslösende Aktion nur ein Nebensatz Platz bleibt, entschloss sich die Redaktion, das mörderische Geschehen auf die Zeile "Israel: ein Palästinenser erschossen" einzudampfen. 

Geniestreich der Täter-Opfer-Umkehr

Ein Geniestreich, der selbst für deutsche Verhältnisse Maßstäbe setzt: Ein arabischer Attentäter schießt im Auftrag der - von der EU mitfinanzierten - Hamas um sich, ermordet einen Menschen und verletzt drei weitere. Beklagt aber wird in einer gewieften Konstruktion, dass in "Israel ein Palästinenser erschossen"  wurde. Der vom Täter  bei dem "gewaltsamen Vorfall" (Die Zeit) ermordete Israeli spielt keine Rolle - die Geschichte des Terroranschlages wird nicht nacherzählt, wie er war, sondern wie man ihn sich gewünscht hätte.

Ein Muster, das die Essenz des Märchens "Rotkäppchen" in die Meldung "Wolf mit aufgeschnittenem Bauch im Wald gefunden" fassen und den Sinn des Papsttums mit "greise Singles tragen schwülstige Brokatkleider" beschreiben würde.

Könnte man den Juden damit eins auswischen.

Boosterpiks: Abklingende Immunisierung


Der akute Kampfbegriff für die neue Phase der Pandemiebekämpfung war am schnellsten erfunden. Auf die Bundesworthülsenfabrik (BWHF) ist Verlass, sie half nur wenige Stunden nach der entsprechenden Anforderung aus dem Bundeskanzleramt mit der schnittigen Neubildung "Boosterimpfung" aus - ein würdiger Nachfolger von Klassikern wie "Rettungsschirm", "Energiewende", "Schulden-" und "Mietpreisbremse", "Stromautobahnen" oder "Wachstumspakt".

Doch leider war es damit nicht getan, das Virus nicht besiegt, die Lage an der Impffront nicht stabilisiert und schon gar nicht abschließend befriedet. Der Wunsch als Vater des Gedankens, in Deutschland als Teilzeitdiktator tätig, versagte im Interregnum zwischen der seit Monaten fast komplett abgetauchten scheidenden Landzeitkanzlerin und ihren hufscharrenden Nachfolgern aus Parteien, die das Wort im Wahlkampf nicht ein einziges Mal in den Mund genommen hatten. Corona, das war vorbei, damals im September. Die Aufgabe, die wartete, war die der Errettung der Welt vom Klima.

Plötzlich ist Corona zurück

In Sachsen wussten sie es besser. Bereits am 31. August starteten hier die Auffrischungsimpfungen, eine Woche, bevor die Europäische Arzneimittelagentur (European Medicines Agency) überhaupt nur mit der Prüfung des Antrags auf Variation der Zulassung des Impfstoffs von Biontech begann. Für EU-Verhältnisse ist die geringe Diskrepanz zwischen Verabreichung eines Vakzins und rechtlicher Prüfung der Zulässigkeit einer Verabreichung bereits eine epochale Leistung: Der russische "Sputnik"-Impfstoff etwa wird in einigen EU-Mitgliedsstaaten seit zehn Monaten verwendet von der EMA seit   acht Monaten geprüft und eine Genehmigung für eine Verwendung wird in diesem Jahr nicht mehr erfolgen.

Für die "Boosterimpfung" (BWHF) immerhin gab die EMA Anfang Oktober grünes Licht: Nun durfte tatsächlich auch offiziell getan werden, was überall bereits gemacht wurde, "obwohl die EMA und das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten den Bedarf an Auffrischungsdosen des COVID-19-Impfstoffs in der Allgemeinbevölkerung nicht als dringend" erachteten. Das Lassendürfenkönnenohnemüssenzusollen hat sich aber gerade im Bereich der europäischen Arzneimittelzulassung zu einer Kunstform entwickelt, die auch Unmögliches möglich macht. So wurden seit Ende August, als die dritte Impfung noch auf ihre Zulässigkeit geprüft wurde,  nach einer Zählung von Noch-Gesundheitsminister Jens Spahn 5,6 Millionen Auffrischungen verabreicht. Zuletzt bekamen 1,7 Millionen "Personen, "die ihre Grundimmunisierung abgeschlossen haben" (EMA) binnen einer Woche eine dritte Dosis, "um den Immunschutz aufrechtzuerhalten bzw. ihn wiederherzustellen, nachdem er abgeklungen ist". 

Angesichts der medial deutliche zunehmenden Impfdurchbrüche, die anfangs noch als vernachlässigenswertes Randphänomen begriffen wurden, heute immer noch nicht "die Effektivität der Impfung infragestellen" (Deutschlandfunk), aber schon auch härtere Maßnahmen und heftigere Einschränkungen fordern, um die Lage unter Kontrolle zu halten, keine beruhigenden Aussichten.

Beunruhigende Aussichten

Denn "abgeklungende Grundimmunisierung", dass klingt nicht nur nach wachsendem Nachstichbedarf, das signalisiert inzwischen auch ganz offiziell, dass es ohne durchgehende "Auffrischungsimpfung" (DPA) keinen Weg aus der Krise geben wird. Das Land ist damit exakt zurück im Februar, als es nach zwei Monaten gelungen war, 5,6 Millionen Erstgeimpfte zu feiern. Mitte November ist das Impftempo das Gleiche: Pro Woche werden wieder 1,7 Millionen Menschen geimpft, das ergibt 17 Millionen in zehn Wochen, also Ende Januar knapp 20 Millionen erneut Immune. 

Doch da die Impfgeschwindigkeit bei den Erst- und Zweitimpfungen ab Mai deutlich zugenommen hatte, ergibt sich ein interessanter Effekt der neuen Nachimpfnotwendigkeit: Um mit der derzeitigen Boostergeschwindigkeit alle mutmaßlich 65 Millionen doppelt Geimpften mit einem dritten "Piks" (Bundesregierung) zu versorgen, würde es erstens etwa zehn Monate dauern. Und zweitens würde die Zahl der nach aktueller Gesetzeslage als geimpft geltenden Bürgerinnen und Bürger in diesen zehn Monaten täglich schrumpfen: Wer im Juni 2021 zum zweiten Mal geimpft wurde, wechselt Anfang Februar 2022 unweigerlich wieder ins Lager der Ungeimpften, wenn er bis dahin keine dritte Impfung ergattern konnte. weil aber die Drittimpfungen langsamer erfolgen als die Impfungen der ersten Impfrunde, betrifft das mit fortschreitend größer werdender Differenz erst zehntausende Impfwillige, dann Hunderttausende und schließlich Millionen.

Herausgefallen aus der Impfstatistik

Bereits im Dezember, wenn die im Mai Geimpften ihre dritte Spritze brauchen, tut sich ein Abgrund auf. Im Frühjahr waren zwar nie die vom kommenden Kanzler Olaf Scholz versprochenen zehn Millionen Menschen pro Woche geimpft worden, aber sechs bis sieben Millionen eben doch. Nun aber kann nur ein Drittel der Bedürftigen seine dritte Spritze bekommen. So dass zwei Drittel nach und nach und mit fortschreitend steigender Geschwindigkeit aus der stolz vorgezeigten Statistik der "Immunisierten" (Spiegel) herausfallen.

Das wird natürlich nicht passieren, jedenfalls nicht offiziell, weil die zahl der "vollständig Geimpften" aus semantischen Gründen nicht sinken kann. Zu sehr würde es einem Eingeständnis gleichen, nach dem Maskenversagen, dem Digitalisierungsversagen, dem Datenerfassungsversagen, dem Impfstoffversagen und dem Versagen beim Finden gemeinsamer europäischer Lösungen nun auch noch die Organisation der dritten Impfrunde trotz seit Monaten vorliegender drängender Hinweise verschwitzt zu haben. Offizielle Zahlen und tatsächliche Verhältnisse werden also in den kommenden Monaten zunehmend auseinanderstreben, Doch angesichts  ukrainischer Verhältnisse an der Seuchenfront reicht die "Booster-Impfkampagne" (Spahn) im Moment nicht einmal aus, den unerbittlich nachlassenden gesellschaftlichen Gesamtschutz wenigstens beizubehalten. 

Kampf gegen AstraZeneca

Mit jedem Tag, an dem weniger Drittimpfungen verabreicht werden als zuvor Erstimpfungen durch eine zweite Spritze komplettiert wurden, sinkt die nach Angaben der Bundesregierung ohnehin nicht ausreichende Impfquote.

Im Augenblick fällt das noch wenig auf, denn bis Anfang April war die deutsche Impfkampagne geprägt vom Stolz auf die durch eine gesamteuropäische Bestellung fehlenden Impfstoffe, viel Streit darum, wer wann wo wen warum impfen dürfe und  einer engagiert geführten Angstkampagne gegen den schwedisch-britischen Impfstoff von AstraZeneca. Spannend wird es, wenn die lahmende Drittimpfungskampagne auf den Basiseffekt der Ende Frühjahr, Anfang Sommer dreimal schnelleren Erst- und Zweitimpfungskampagne trifft, während nach hinten heraus bereits die ersten Drittgeimpften erneut mit einer "abgeklingenden Grundimmunisierung" (Ema) zu kämpfen haben, was eien Viertimpfung unerlässlich machen wird.

100 Wochen weiterkämpfen

Laut Robert-Koch-Institut haben in den zehn Wochen seit Start der Boosterimpfungen gerademal 6,3 Prozent der Menschen in Deutschland diese dritte Impfung erhalten, um die gesamten 65 Prozent geimpfte Bevölkerung dorthin zu bringen, bräuchte es also um die hundert Wochen. Das wäre dann Ende 2023, gelänge aber auch wieder nur, wenn nicht die unterwegs durch diese beiden harten Corona-Jahre wahrscheinlich auftauchende Notwendigkeit einer fünften Impfung zur "Wiederherstellung der volle Wirkung des Impfstoffes" (SZ) die Planungsabläufe durcheinanderbrächte. Aus zu verabreichenden 65 Millionen Impfungen würden durch eine notwendige Viertimpfung 130 Millionen, eine lebensrettende Fünfimpfung katapultierte die Zahlen sogar auf über eine Viertelmillion. Immer vorausgesetzt, die "Grundimmunität" (EMA) hält sich bei wenigstens vier bis sechs Monaten nach dem jeweiligen Piks.

Sonntag, 21. November 2021

Energieausstieg: The Sun of Jamaika

Windkraft wird einer der wichtigsten Energieträger der Zukunft, in Deutschland.

Nach dem Aus für Kohle, Erdöl und Kernkraft nimmt die neue Bundesregierung jetzt den nächsten schädlichen Grundlastträger in den Blick. Nach einem Bericht der "Wirtschaftswoche" plant die Jamaika-Koalition, künftig auch auf Erdgas zu verzichten. Ab 2040 soll der Ausstieg beginnen, spätestens jedoch 2045. Damit bestätigen sich Vorhersagen von Wissenschaftlern und Forschenden aus dem Jahr 2012, die ein inkonsequentes Voranschreiten bei der Bewältigung der Klimakrise als Gefahr für die globale Signalwirkung des deutschen Vorbildcharakters ausgemacht hatten. Fritz Tackel, damals gerade zum Energieausstiegsbeauftragten der Bundesregierung berufen, hatte die konsequente Überarbeitung der Ausstiegsziele und ihre regelmäßigen Ausbau im Gleichschritt mit Fortschrittsfortschritten angemahnt.

Träumer an die Macht

Das Ende von Kohle, Atom und Öl kann nicht das Ende sein", betont Tackel auch heute, in einer Zeit, in der sich Energieausstieg von der mitleidig belächelten  Idee einige Träumer zum einem gesamtgesellschaftlichen Projekt entwickelt hat, in das die Nation alles steckt, was ihr noch an finanziellen, ingenieurtechnischen und propagandistischen Ressourcen verblieben ist. Ab 2045 kein Gas mehr zu verbrennen, möglicherweise sogar schon ab 2040, das heißt, dass Gasheizungen, die heute eingebaut werden, dann schon mit grünem Wasserstoff beschickt werden müssen, der in großen Mengen aus der Atemluft gewonnen wird. Reicht der Sauerstoff dann aber noch für die verbliebene Bevölkerung? Wohin mit der Abluft? Und welche Rolle werden Insellösungen zur Stromversorgung für die klimaneutrale Gesellschaft spielen?

Energieerhaltung als Entscheidungsgrundlage

Technisch machbar ist das, das haben nach Informationen der „Wirtschaftswoche“ nun auch die Verhandler von SPD, Grünen und FDP bestätigt. Energie kann nach dem Erhaltungssatz weder erzeugt noch verbraucht werden, allein eine Umwandlung ist möglich. Damit könne Deutschland nach der Kernkraft und der Kohle problemlos auch auf den Energieträger Gas verzichten, heißt es im politischen Berlin. Mit einem Umstieg auf Solar, Wind, Wasser und Holzpellets allein sei das Ziel der seit dem Verfassungsgerichtsurteil zum Weltklima vom Grundgesetz garantierten CO2-Freiheit nicht zu erreichen, heißt es aus Koalitionskreisen. 

Der Energieausstieg nimmt nun also Fahrt auf, zum Ärger von Häuselbauern, die eben erst mit Hilfe staatlicher Förderung auf neue Gasheizungen umgestiegen sind, zum Ärger aber auch des russischen Machthabers Wladimir Putin, der derzeit mit der Hilfe seiner Nordstream 2-Pipeline versucht, Europa zu spalten, die Verbraucher gegen die Regierung aufzubringen und die segensreichen Wirkungen des neuen Sehr-gutes-Lohninflationsausgleichsgesetzes ((SgLIAG) zu sabotieren. 

Angriff aus Russland

Ein gefährlicher Angriff auf die deutsche Versorgungssicherheit, denn der Russe, aber auch inländische Rechtspopulisten, Verbraucherschützer und Medien, die mit Regierungskritik nach Klicks haschen, Der Großteil der Wohnungen und Häuser in Deutschland wird derzeit noch mit Gas beheizt, auch die vor dem Rückbau stehende Industrie setzt mangels klarer Signale zum Ausstieg immer noch auf die flüchtige fossile Ressource als Energieträger. 

Das soll sich nun schnell ändern. Deutschland steigt nach Atom, Kohle und Öl auch aus Gas aus - rund zwei Jahrzehnte sollen ausreichen, den hochindustrialisierten Zentralstaat des gemeinsamen Europas in eine Graswurzelrepublik zu verwandeln, die nach den Funktionsmechanismen der Grünen Physik funktioniert, inklusive Memoryeffekten zur Speicherung großer Energiemengen und individuell konfigurierbaren Pulloverheizungen zur Nahfeldtemperatursteuerung. 

Zugrunde liegt der großen Transformation ein breiter gesellschaftlicher Konsens "an der Schnittstelle von Politik, Industrie und Forschung", wie es die bundeseigene Umstiegsgesellschaft Now-GmbH nennt. Bei der Bundestagswahl hatten 52 Prozent der Gewählthabenden für ein Regierungsbündnis mit dem "Klimakanzler" (Scholz) Scholz an der Spitze votiert, das sich einen raschen Ausstieg aus der Nutzung herkömmlicher Energiequellen auf die Fahne geschrieben hat. "Engagement, Nachhaltigkeit und Wertschätzung" (Now) sind die Treiber der Zusammenarbeit bei Anvisieren des großen Zieles, mit dessen Erreichen Deutschland seinen Ruf als Lehrmeister der Nationen weltweit untermauern würde.

Frauenfussballspielerinnen: Ende der Geschlechterapartheid

Verschwiegen, verborgen, schon vor Corona von einem medialen Schweigekartell in einen stillen Lockdown gesteckt - jetzt allerdings hat die TV-Kommentatorin Claudia Neumann mit scharfen Worten ein Tabu gebrochen, auf dessen Einhaltung der Deutsche Fußballbund ebenso wie die Uefa und der Weltverband Fifa seit Jahren peinlich achten. Neumann, die selbst Fußballspiele kommentiert, forderte mit aller Entschiedenheit, endlich eine  Frauenquote im Profi-Fußball der Männer einzuführen. Trotz Zusagen für mehr Diversität habe sich da bisher "null entwickelt", fasste die Szenekennerin den Stand der Dinge sechs Jahre nach Gründung des geschlechtergerechten Weltfußballverbandes Mifa zusammen, der sich die Abschaffung der Geschlechterapartheid auf dem Platz zur Aufgabe gemacht hat.

Geschlechtertrennung überwinden

Ohne Druck entwickele sich nichts, beschreibt Neumann die Situation im beliebtesten Sport der Welt. Statt wie im Tennis, im Badminton oder in der Leichtathletik endlich sogenannte Mixed-Wettbewerbe zu erlauben, an denen Frauen und Männer unabhängig von ihrem jeweiligen Geschlecht teilhaben können, spielen die großen Fußballverbände weiter fröhlich 50er Jahre. "15 Jahre, nachdem es die erste Frau im Vorstand eines Männerclubs gegeben hat, habe ich mir die Zahlen genau angeschaut: Und es hat sich null entwickelt“, erklärte Neumann. Öffentlich höre man "von den Herrschaften" (Neumann) in den Chefetagen, "dass sie diverser werden wollen". Die Ergebnisse aber blieben "in allen Bereich im marginalen, einstelligen Prozentbereich". 

Hier mal eine Schiedsrichterin, dort mal eine Masseuse oder ein weibliches Vorstandsmitglied. Auf dem Platz aber herrscht immer noch ausschließlich Männerwirtschaft. Kerle spielen gegen Kerle, so will es die skandalumwitterte Fédération Internationale de Football Association, eine milliardenschwere Geheimgesellschaft, die noch nie von einer Frau geführt wurde. In der ewiggestrigen Vorstellungswelt der greisen Funktionäre existieren nur Fußballmannschaften, die aus Männern bestehen. Und, um dem Reformdruck von außen die Kraft zu nehmen, Teams, in denen ausschließlich Frauen kicken, die offiziell bis in den Gemeinsinnfunk hinein als "Frauenfußballspielerinnen" bezeichnet werden, als übten sie nicht dieselbe Sportart aus wie ihre männlichen Kollegen, sondern eine Abart namens "Frauenfußball".

Es geht um alles

Claudia Neumann drängt nun auf Veränderungen. Der DFB, ein Großverband, der trotz einer langen Geschichte voller Dopingvorwürfe, Bestechungsskandale und Betrugsvorwürfe dank enger Verbindungen zur Politik noch immer einem Verbot als kriminelle Vereinigung entgangen ist, solle sich eine Selbstverpflichtung auferlegen. Die würden es nach Neumanns Ansicht leichter machen, "andere Konzepte aufzusetzen", wie die ZDF-Journalistin in einer Podiumsdiskussion des „Deutschlandfunk“ sagte. Dabei gehe es nicht nur um Führungspositionen, sondern "um alles".

Neumann spielt damit offenbar auf den Vorschlag des Graswurzel-Verbandes Mixed Internationale de Football Association (Mifa) an. Danach sollen im Weltfußball künftig Mannschaften gegeneinander spielen, die jeweils zur Hälfte aus fünf Männern und zur anderen aus fünf Frauen bestehen. Der Tormann oder die Torfrau hingegen wird jeweils zur Halbzeit gewechselt - Trainer und Sportdirektoren haben jedoch die Möglichkeit, frei zu entscheiden, ob erst ein Mann und dann eine Frau zwischen den Pfosten steht oder umgekehrt.

Schluss mit der "Mannschaft"

Eine Zielvorstellung, die nicht nur endlich wirklich Schluss machen würde mit der "Mannschaft", jenem toxischen Claim aus der Maskulisten-Ecke, an dem der DFB seit Jahren sklavisch festhält. Vorbei wäre auch das selbstverständliche Beharren darauf, "richtiger" Fußball könne nur von geschlechtergetrennten Teams gespielt werden. "Wir wollen keine Exoten mehr sein", betont Claudia Neumann, die auch für die Medien, die das vom jeweiligen Wettbewerbsveranstalter bereitgestellte Videomaterial öffentlich verwerten, eine Quote fordert. Dazu müsse der Begriff entstigmatisiert werden,eine Aufgabe für die Bundesworthülsenfabrik (BWHF), die