Dienstag, 15. September 2026

Atomkraft in der DDR: Weintrauben im Winter

Der Traum der DDR-Oberen von der Atomkraft scheiterte.

Sie hatten ja nüscht, wie der Sachse sagt. Und mussten doch Versprechen halten, die Staats- und Parteichef Walter Ulbricht gegeben hatte, um die hart arbeitende Mitte seiner DDR über den Scherz des Mauerbaus zu trösten. Ulbricht versprach seinen Untertanen blühende Landschaften, ein Begriff, den der gesamtdeutsche Bundeskanzler Helmut Kohl 30 Jahre später mit Bedacht wiederholen wird.  

Kohl wird damit Landesgartenschauen meinen und die Deindustrialisierung weiter Landstriche. Ulbricht hat anderes im Sinn. "Als Sozialisten sind wir uns darüber klar, dass im sozialistischen Lager bis 1965 ein Überfluss an Lebensmitteln erreicht werden soll", rief er enthusiasmiert aus. Doch er sah auch die Probleme: "Was da auf den Handel zukommt, diese immer mächtiger anschwellende Woge von Lebens- und Genussmitteln aus aller Herren Länder, von Kleidern und Schuhen, von wundervollen neuwertigen Stoffen, von Küchen- und Waschmaschinen, Autos, von Kunstgewerbe und Schmuck, von Fotoapparaten und Sportgeräten!"

Der Tisch mit dem Besten gedeckt 

Das müsse alles auch erstmal bewältigt werden. Sobald es so weit sei, werde "unser Tisch" aber "mit dem Besten gedeckt werden, was die Natur zu bieten hat: hochwertige Fleisch- und Milchprodukte. Edelgemüse und beste Obstsorten, früheste Erdbeeren und Tomaten zu einer Zeit, da sie auf unseren Feldern noch nicht reifen", sagte Ulbricht vorher. Und "Weintrauben im Winter, nicht nur zur Zeit der großen Schwemme."

Um zwei Jahrzehnte Geduld bat Ulbricht noch. Nur zwei Jahrzehnte! Diese Spanne wird bis heute in der Politik genutzt, um Besserung in Aussicht zu stellen. Das Klima soll jeweils vom heute aus gerechnet in 20 Jahren gerettet werden. Die Sicherung der Renten nimmt genau so viel Zeit in Anspruch. Und auch die Bewälting der Folger der einsamen Entscheidung Angela Merkel, ihr persönliches Deutschland angesichts eines "Zustroms" (Merkel) von Millionen Schutzsuchender weit zu öffenen, wird nicht schneller gehen.

Das Paradies liegt in der Zukunft 

Die Zeit heilt alle Wunder, das wusste auch Walter Ulbricht. Was Du heute vorhersagst, spielt keine Rolle mehr, wenn es nicht eintritt, wenn der Prognosezeitraum nur weit genug in der Zukunft liegt. "Gegen 1985", wedelte Ulbricht deshalb selbstbewusst vor der Nase seiner Bürger, "wird das monatliche Durchschnittseinkommen 3.000 bis 5.000 Mark sein, die Arbeitszeit liegt täglich bei sieben Stunden und bei der Fünftagewoche" und es werde "undenkbar sein, dass ein Jugendlicher nicht studiert".

Recht hat gehabt, nur anders, später und ohne die von ihm angenommenen Gründe. Nichts ist so gekommen wie Ulbricht glaubte oder Glauben machen wollen. Dabei unterließ der gelernte Möbeltischler aus Leipzig nichts, um auf dem Weg zum Ziel voranzukommen. 

Seine DDR hatte nichts, abgesehen von Braunkohle und Uran, das ihr der große Bruder Sowjetunion auch noch wegnahm. Ohne Energie aber, der Schneidersohn aus Sachsen war dahingehend geerdeter als spätere hochstudierte Politikergenerationen, geht industriell gar nichts. Und ohne Industrie wird es nichts mit "Genussmitteln aus aller Herren Länder" und "Weintrauben im Winter".

Der größte Tagebau der Welt 

Noch liefert die Braunkohle. Die DDR ist der größte Tagebau der Welt. Mehr als 300 Millionen Tonnen werden Jahr für Jahr aus dem Boden gezerrt und verbrannt. Die Qualtität der Kohle ist schlecht. Sie wird immer schlechter. Ulbrichts Experten warnen, dass ab Mitte der 70er Jahre nicht mehr genug gefördert werden kann, um die Schwerindustrie, die Chemie und die Haushalte zu versorgen.

Das Glück des Politbüros ist ein doppeltes. Einerseits herrscht an Alternativen ernster Mangel. Und zweitens hat die Kernkraft, die als einzige Möglichkeit zur Vermeidung eines Energieausstieges bleibt, in den 60er Jahren noch nicht den Ruf, Millionen von Menschen zu töten und weite Landstriche für Jahrtausende zu verseuchen. 

Visionen im märkischen Sand 

Unter Ulbrichts Ägide beschließt die SED ein ehrgeiziges Atomprogramm, das weit mehr ist als ein technisches Projekt. Die Kernspaltung sollte der Grundstein für eine strahlende Zukunft werden. 20 Meiler, hübsch übers Land verteilt, würde Maschinen antreiben, Wohnungen heizen und Stahl schmelzen. 

1988 zeichnet der westdeutsche Beobachter Joachim Kahlert in seinem Werk "Die Kernenergiepolitik in der DDR" die Visionen nach, die im märkischen Sand und an der Ostseeküste ihren Lauf nehmen sollten. Am Ende hätte eine Halbnation gestanden, die im Überfluss lebt und auf einer Welle aus reiner Energie nach utopischen Verheißungen strebt.

Der Traum vom atomaren Überfluss

Die Grundlage dafür, dass sich nirgendwo Widerspruch gegen die Kernenergie regte, war keineswegs die Angst vor Repressalien. In den 60er Jahren herrschte vielemehr auch im Osten Deutschlands eine fast religiöse Technikgläubigkeit. Die Kernenergie galt weltweit Hoffnungsträger. Lenins Elektrifizierung des ganzen Landes, so sah es die DDR-Führung, werde eine atomar gespeiste sein. Die  Energiewissenschaftler der jungen Republik entwarfen Szenarien, die heute wie Science-Fiction anmuten: Bis 1985 sollte die nukleare Kraftwerksleistung auf über 20.000 Megawatt steigen. Daraus würde, so glaubte man, eine atomare Explosion der Produktivkräfte folgen.

Billiger Strom sollte den Energiebedarf vollklimatisierter Städte in Wüsten und Eisregionen decken,  atomar angetriebene Züge, Schiffe und Flugzeuge würden das Reisen revolutionieren. Endlich wäre die Zeit reif, die heimische Braunkohle, den einzig verfügbaren anderen Rohstoff, im Boden zu lassen. 

Schleppender Ausbau 

Der Weg der DDR ins Atomzeitalter begann bescheiden. 1966 ging in Rheinsberg der erste Reaktor ans Netz, ein kleiner Meiler mit lediglich 70 Megawatt Leistung. Er sollte der Prototyp für eine Serie von Großkraftwerken sein. 

Doch der Ausbau verlief schleppend. Die Planziele wurden meist nicht erreicht. Auch der erste große industrielle Bau, das Kernkraftwerk "Bruno Leuschner" in Lubmin bei Greifswald, auch als KKW Nord bekannt, schleppte sich dahin. Im laufenden Bau mussten grundlegende Sicherheitsvorkehrungen umgeplant werden. Nach dem Unfall von Tschernobyl stand der gesamte Stolz der sozialistischen Industrie infrage.

Bis dahin war schon nicht mehr viel übrig geblieben von den ursprünglichen Plänen, die Kernenergie als "beherrschte Technologie" ohne Scheu vor auftauchenden Gefahren an allen Ecken und Enden des Landes zu nutzen. Die offizielle Doktrin besagte, dass Unfälle systembedingt nur im Kapitalismus vorkommen könnten, weil dort Profitgier über Sicherheit gehe. In der DDR hingegen war die Kernkraft eine absolut sichere Technik. Selbst schwerste Unfälle seien bei Reaktortypen, die in der Sowjetunion entwickelt wurden, sicher beherrschbar.

Ein uneingelöstes Versprechen

Jede Mark, die in den Ausbau von Kernkraftwerken gesteckt werdem, komme doppelt und dreifach zurück, propagierten die Staatsmedien. Uran schreiben keine Rechnung, hieß es. Das sei viel besser als der teure Import von Öl und Gas, selbst wenn zur Nutzung der eigenen Uranvorräte Technologie importiert werden müsse. 20 Atomkraftwerke würden reichen, prognostizierte der stellvertretende Leiter des Amtes für Kernforschung und Kerntechnik im "Neuen Deutschland", um eine "blühende Zukunft" zu bauen.

Doch am Ende der 80er Jahre war die Bilanz ernüchternd. Statt der prophezeiten 20.000 Megawatt lieferten die Reaktoren in Rheinsberg und Lubmin 1984 gerade einmal 1.830 Megawatt – ein Anteil von mageren 3,3 Prozent am Primärenergiebedarf. Großprojekte wie das Kernkraftwerk Stendal stagnierten. Die meisten anderen Projekte waren abgesagt worden - zu teuer, zu viel Angst davor, dass die menschen in den Städten rund um die neuen Atommeiler wie im Westen zu Protesten neigen könnten.

Ohnehi war alles viel teurer geworden als anfangs gedacht. Die Kernenergie war kein Hoffnungsträger mehr, sondern ein Lückenbüßer. Ohne das KKW in Greifswald wären die Lichter in der DDR ausgegangen. Aber aus Angst vor der vielleicht doch nicht immer beherrschbaren Technologie schrekcte die SED davor zurück, alles auf Karte Kerntechnik zu setzen. Sobald ein neues Problem auftauchte, ließ sie umplanen. Umgeplant wurde ohnehin schon in der sowjetischen Reaktorindustrie. Immer noch gab es keine Alternative zur Kernkraft. Aber die Kernkraft selbst war auch keine.

Die Illusion der Unabhängigkeit

60 Jahre nach dem Start des DDR-Kernenergieprogrammes, das auf seinem Höhepunkt 100.000 Mitarbeiter der DDR-Staatswirtschaft, in Forschung, Lehre und Staatssicherheit beschäftigte,  wiederholt sich in der Bundesrepublik ein strukturell ähnliches Muster – nur unter umgekehrten Vorzeichen. 

Wie die DDR hat sich auch das größere Deutschland bewusst von heimischen fossilen Energieträgern verabschiedet. Nicht nur die Energieerzeugung mit Hilfe von Kohle, sondern auch die Kernkraft gilt heute als obsolete, gefährliche und teuere Technologie. Was die DDR an Hoffnungen mit der Atomkraft verband, genießen heute die soegannten erneuerbaren Energien. Sie seien billig, leicht verfügbar, sauber und nachhaltig, umweltschonend und jederzeit verfügbar, heißt es.

Doch auch diese grüne Wende hat neue, massive Abhängigkeiten geschaffen: von den USA, Norwegen, dem arabischen Raum (LNG) und vor allem von China als Technologielieferant für Solarpaneele, Batterien, seltene Erden und große Teile der Windkraftanlagen. 

Wie die SED-Spitze diesen unangenehmen Teil der Transformation ignorierte, so ignorieren ihn heute die Heilsprediger grüner, speichernder Netze und einer verzichtbaren Grundlastfähigkeit. Die Energiewende wird erneut als alternativloses, moralisch überlegenes Projekt dargestellt, das das Nachhaltige mit dem Nützlichen verbinde.

So wie vor 60 Jahren die neue Technologie Kernkraft als ideologischer Heilsbringer verkauft wurde, werden heute die Erneuerbaren als wahre Wundermaschinen ohne Fehl und Tadel angepriesen. Wie die DDR-Planer, die die hohen Kosten, bestehende technische Probleme und Sicherheitsfragen der Kernkraft ignorierten, fallen heute die Systemkosten der Erneuerbaren (Speicher, Netzausbau, Backup-Kraftwerke) systematisch unter den Tisch.

Die DDR tauschte die Abhängigkeit von der eigenen, ineffizienten Braunkohle gegen eine Abhängigkeit von sowjetischen Reaktorarchitekten. Heute ersetzt Deutschland russisches Gas (bis 2022) durch amerikanisches, norwegisches und katarisches LNG – und gleichzeitig die heimische Stromerzeugung durch chinesische Solar- und Batterietechnologie. In beiden Fällen wurde eine einseitige Abhängigkeit durch eine andere, geopolitisch kaum weniger riskante ersetzt, begleitet von der Parole, Abhängigkeiten zu verringern.

Das bittere Fazit bleibt: Energiepolitik, die ideologisch überhöht wird und reale Abhängigkeiten ignoriert, endet in neuer Verwundbarkeit. Die DDR hat ihre Lektion nicht mehr lernen können. Ob  Deutschland sie lernt, wird erst die spätere Geschichte zeigen.