Dienstag, 3. März 2026

Energiepreise: Kein teurer Spaß

Nicht der Gaspreis. Sondern der für elektrischen Strom.

Auf einmal ist wieder Hoffnung. Anfang des Jahres erst hatten Bundesregierung und Europäische Kommission hektisch Maßnahmen ergriffen, um sich aus den selbstgeschaffenen Fesseln zu befreien, die zu einem planmäßigen Anstieg der Energiepreise in der EU hatten führen sollen. Das Erziehungsinstrument CO₂-Abgabe, dazu gedacht, Bürgerinnen und Bürger allmählich von den fossilen Energieträgern zu entwöhnen, zeigte zu deutlich Zähne.  

Schere für die Zwangsjacke 

Die Industrie barmte. Unternehmen schlossen die Türen. Die Menschen jammerten. Dieselben Politiker, die die Zwangsjacke entworfen und geschneidert hatten, griffen umgehend nach der Schere, als die ersten Folgen ihrer Weichenstellung zutagetraten. Später sollte der Preis für CO₂-Zertifikate steigen. Nicht gar so steil. Allenfalls so, dass niemand mehr merkt, wer dafür verantwortlich ist.

Ein Attentat auf das Weltklima, das sich nach dem Ausstieg der Vereinigten Staaten aus dem großen  Klimavertrag von Paris nur noch auf die europäischen Anstrengungen verlassen kann. Die sind rein rechnerisch unzureichend genug. 

Mehr Anstrengungen für die USA 

Ohne die USA hätten die Nationen, die noch zu den getroffenen Vereinbarungen stehen, längst Verhandlungen darüber aufnehmen müssen, wer seinen CO₂-Sparbeitrag um welche Menge erhöht. Immerhin verursachen die ausgestiegenen Amerikaner den größten Anteil an der Verschmutzung der Atmosphäre mit dem Klimagas. Die 1,5 Gigatonnen CO₂ pro Jahr, die sie in die Luft blasen, müssen andere einsparen. Sonst ist das Pariser Klimaziel unter keinen Umständen zu erreichen.

Zu den Verhandlungen aber kam es nicht. Nicht einmal den Vorschlag, über das Problem zu reden, kam von irgendwem. Angesichts der Dimensionen verständlich, müssten alle Vertragsstaaten ihren Beitrag wenigstens verdoppeln. Vorausgesetzt, es machten noch einmal alle wenigstens auf dem Papier mit. 

Kaum mehr neue Klimapläne 

Hätten sie nicht. Die sogenannten Klimaschutz-Zusagen der Länder (Intended Nationally Determined Contributions, INDC) hatten ursprünglich vorgesehen, dass die Unterzeichnerstaaten regelmäßig  aktualisierte Klimapläne vorlegen. Zuletzt hielten sich nur noch 64 von 195 Ländern an diese Verpflichtung. Darunter, natürlich, die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. 

Auch die aber kommen langsam in einer schmerzhaften Realität an: Mit dem Abschied vom Verbrenner-Aus, gedehnten Planungsräumen bis zum Energieausstieg und der stillen Beerdigung des Green Deal näherte sich die EU-Kommission dem Tag, an dem alles wieder wie zuvor sein wird. Und die Bundesregierung ruderte zurück. Das Heizungsgesetz fiel. Die Privilegierung reicher Haushalte, die sich ihren Solarstrom bisher von der Solidargemeinschaft hatten finanzieren lassen, kommt zum Ende. 

Vorbild Erdgas-Rückbauplan 

Nach dem Vorbild der Rückbaupläne für das deutsche Erdgasnetz, die der grüne Staatssekretär Patrick Graichen in seinen großen Tagen als deutscher Klimasteuermann geschmiedet hatte, verzichtete die Bundeswirtschaftsministerin darauf, ausreichend Gas für einen harten Winter einzuspeichern. Die immer noch grün geführte Bundesnetzagentur assistierte. Es gebe keinen Grund zur Beunruhigung. Speicher seien nicht alles. Irgendwie werde es schon reichen. Man könne jederzeit zukaufen, der Markt sei voll. Wo nichts ist, so der unausgesprochene Hintergedanke, kann nichts klimaschädlich verbrannt werden. 

Dann kam der Angriff der Israelis und der USA auf den Iran. Dann  kam das wilde Umsichschlagen der Mullahs, die auf alles schossen, was in der Nähe liegt. Dann war die Straße von Hormus zu. Und der Börsenpreis für Erdgas explodierte. Um 25 Prozent ging es anfangs hoch. Dann waren es 50, nachdem Katar, ehemals der Schauplatz von Robert Haecks tiefstem Hofknicks, verkündet hatte, die Produktion vorübergehend eingestellt zu haben.

Hohe Preise, ruhige Hand 

Am TTF-Hub in den Niederlanden, die trotz fehlender eigener Förderung für deutsche Statistiken als großes Erdgas-Exportland gelten, kletterte der Preis für eine Megawattstunde auf 48 Euro. Die EU rief zu einem EU-weiten Treffen der Gasversorgungs-Koordinationsgruppe, wie immer ohne Eile. Die Zusammenkunft soll am Mittwoch stattfinden, "um die Auswirkungen zu besprechen". Danach weiß man nicht, wie es weitergeht. Aber was man hat. 

Schlagartig greift die Angst wieder um sich. Das zarte Pflänzchen Aufschwung, mehr herbeigebetet als wirklich schon zu sehen, erstickt im Nebel des Krieges. Die Bedenken über die nach wie vor bestehenden Wettbewerbsnachteile der lahmenden Wirtschaft sind wieder da. Höhere Energiepreise verschlechterten die schlechten Standortbedingungen! 

Der nächste Benzingipfel 

Am lautesten schreien ausgerechnet die, für die möglichst schnell möglichst steil kletternde Energiepreise bisher das Mittel der Wahl waren, eine umfassende Energiewende in ein paar Jahren durchzuziehen. Wo doch hierzulande schon der Bau eines Bushäuschens ein Jahrzehnt zu dauern pflegt. 

Selbst um die Autofahrer, die oft aus kleinlichen finanzielle Gründen immer noch an ihren benzingetriebenen  Rostlauben kleben, machen sich Grüne, Line und Sozialdemokraten plötzlich demonstrativ Sorgen. Nach dem Preissprung an den Tankstellen um zehn bis 15 Cent kann es nur noch Stunden dauern, bis die ersten engagierten Sozialpolitiker nach einem Benzingipfel rufen und staatliche Beihilfen für Pendler verlangen.

Unterwegs mit Illusionen 

Illusionen gehen spazieren, wo immer der Blick hinfällt. Hätte man rechtzeitig alles auf Solar und Wind umgestellt, ruft es. Wären alle Gebäude schon mit Wärmepumpen ausgerüstet. Bis weit zurück in die Geschichte wird nach passenden Verschwörungstheorien gesucht. Die unter Merkel zerstörte Solarindustrie. 

Die Halbherzigkeit, mit der die mobile Wende gefahren wird, seit das Bundesverfassungsgericht der Ampel verbot, Merkels Restmilliarden zweckentfremdet für Finanzierung privater Elektroautos auszugeben. Paula Piechotta, eine grüne Bundestagsabgeordnete, fasst es im Satz zusammen: "Auch die letzten 48h zeigen wieder, warum die Welt unabhängiger von Öl und Gas werden muss."

Auch Britta Haßelmann nutzte die Gelegenheit, für Verunsicherung zu sorgen. "Der Ölpreis steigt, der Gaspreis steigt - und diese Bundesregierung leistet sich eine Bundeswirtschaftsministerin, die Erneuerbare Energien bekämpft, voll auf Fossile setzt und uns in fossile Abhängigkeit führen will", kommentiert die blasse Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion eine Situation, die kaum zu vergleichen ist mit der nach Ausbruch des Ukrainekrieges. 

Damals stiegen die von  20 bis 30 Euro pro MWh auf 100 bis 200, in der Spitze sogar bis 345. Jetzt liegen sie über 40, fast ein Drittel unter dem Höchststand von 58,86 Euro im Februar des vergangenen Jahres, als Robert Habeck noch in Katherina Reiches Büro saß. Insgesamt importierte Deutschland 2025 über 1.031 TWh Gas, eine Steigerung um 16 Prozent gegenüber 2024. Im Vergleich zu den letzten fünf Jahren ist der aktuelle Preis höher als die Niedrigstände im Jahr 2021 und 2024. Doch er liegt noch immer deutlich unter den Spitzen von 2022. 

Hilfe auf Puppenstubeniveau 

Aber es kommt niemals darauf an, was. Sondern immer nur darauf, wer. Habeck habe die Energiepreise gesenkt, lobten die Grünen ihren wahlkämpfenden Bündniskanzler damals. Heute heißt es, seine Nachfolgerin Reiche habe versagt. "Die Zeche zahlen die Verbraucher*innen und Mieter*innen." Argumentative Hilfe auf Puppenstubeniveau kommt von den Hohepriestern des Elektrifizierungskults.

 "Welchen Technologien es völlig egal ist, wie gerade die Verkehrslage an der 5000km entfernten Straße von Hormus ist", schreibt ein "Vortragsredner über die Klimakrise und die fahrradgerechte Stadt". Er zählt neben Fahrrädern auf: "Solaranlagen, Windräder, Wärmepumpen, E-Autos".

Nicht nur dieser Mann, sondern auch zahllose andere glauben wirklich, dass ihr Strom günstig bleibt, wenn Öl und Gas teurer werden. Nur "Verbrenner-Autos, Gaskraftwerke, Gasheizungen und Ölheizungen", fahren mit fossiler Energie, ist der Vortragsreisende sicher. Werde die teurer, werden sie teurer. Der Stromaus Erneuerbaren aber bleibt stabil. Er bekommt ja keine Rechnung.

Wieso kein Klimageld 

Das Leben ist beruhigend einfach, wenn die eigene Welt nach Regeln funktioniert, die nur eine Dimension kennen. Dass ein Energieträger den anderen ersetzt, weil im großen Maßstab nur zählt, dass es Energie ist und nicht welche, ist für Ideologen schon zu hoch. Ihre Sorge vor einer neuen Energiekrise ähnlich der nach dem Ukraine-Krieg geht auch fehl in der Abschätzung ihrer Auswirkungen.

Statt sich zu freuen, dass höhere Preise den herbeigeforderten schnellen Umstieg auf Erneuerbare befeuern, klagen sie über die sozialen Verwerfungen. Die ihnen bisher immer herzlich und ausdrücklich so egal waren, dass der geplante Ausgleich über das Klimageld nie ernsthaft umgesetzt werden sollte.

Am Börsenstrompreis ist zu sehen, dass es anders funktioniert. Geht Brot, geht Butter, sagt der Molkereibetreiber. Steigt Gold, steigt Silber. Steigt Silber, steigt Platin, schreiben die Börsenbriefe. Und werden Gas, Öl, Uran und Kohle teuer, wird es auch Elektroenergie treffen, weiß der Broker an der Leipziger Strombörse EEX. 

Stillgelegte Förderung 

Mit Katar hat das wenig zu tun, mit dem Weltmarkt viel. Zwar hat Deutschland aus Umweltschutzgründen nahezu seine gesamte eigene Förderung stillgelegt und mit dem Verkauf der Wintershall Dea an das britische Unternehmen Harbour Energy auch seinen letzten eigenen Erdgas- und Erdölförderer aufgegeben. Doch die Importe, von denen das Land lebt, kommen nicht aus Katar, nicht einmal die Mengen, die Habecks Versprechen nach aus Katar kommen sollten. 

Deutschland bezieht sein Erdgas hauptsächlich aus Norwegen, das 44 Prozent aller Einfuhren liefert. Aus den Niederlanden, über deren Pipelines etwa ein Viertel kommt. Aus Belgien, das ein Fünftel beisteuert. Und aus amerikanischen Flüssiggastransporten, die für beinahe zehn Prozent des Gesamtbedarfes stehen - ein Gutteil davon ist katarisch, denn Katar ist Eigentümer des Golden Pass-Terminals in Texas. Wirklich aus der Krisenregion stammt nur ein verschwindender Bruchteil.