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| Er hat es gesagt, aber nicht gemeint. Gemeint, aber nicht gesagt. Aber ob so oder nicht - er legt sich trotzdem mit den Richtigen an: Daniel Günther. |
Wenn man eine Lüge nur oft und laut genug wiederholte, fand sich irgendwann immer jemand, der sie einem abkaufte. Alles wird gut, versuchte er, sich zu beruhigen.
Mary Higgins Clark, Wenn wir uns wiedersehen, 1999
Eine Woche danach ist gar nichts mehr klar. Was hat er gesagt? Was könnte er gemeint haben? Und was keinesfalls? Möglicherweise hat er etwas gemeint, aber nicht ausgesprochen. Oder so unglücklich angedeutet, dass er absichtlich missverstanden werden konnte. Die Einzelheiten sind unklarer, je länger das Ereignis zurückliegt, das Böllerverbot und Ukrainekrieg, ICE-Erschießung und die Proteste im Iran schlagartig in den Schatten stellte, desto Wissen ist dazu verfügbar.
Wie Traumdeuter ziehen die Experten durchs Land, die Thesen zugespitzt, die Zielrichtung unverkennbar. Einerseits bezichtigten große Adressen wie die "Süddeutsche Zeitung" und "Die Zeit" denn schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther am Anfang, gewisse ihm unangenehm erscheinende Medienhäuser zensieren, regulieren und verbieten zu wollen. Andererseits ergaben weitergehende Ermittlungen schon wenig später, dass davon nicht die Rede sein konnte.
Ein gefährlicher Plan
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| Verbotsvorwürfe von der SZ. |
Verwirrender könnte die Lage nicht sein. Einerseits warfen sich nach der ersten Aufwallung rechtschaffender Empörung wichtige zivilgesellschaftliche Akteure wie Ruprecht Polenz, Markus Lanz und Dunja Hayali vor den bedrohten CDU-Politiker. Es könne nicht sein, was nicht sein dürfe, wetterte Polenz, die personifizierte Mitte des linken Flügels der Union. Der greise Influencer postete zum Beweis einen sieben Jahre alten Filmausschnitt aus einer Lanz-Sendung zu Friedenszeiten mit der Behauptung, der zeige den aktuellen Konflikt.
Polenz kommt mit Fake News
Die schärfste Waffe der Verzweiflung gegen Fake News sind Fake News. Dunja Hayali dagegen meldete sich gemeinsam mit ihrem Schlittenhund aus einer Art Zelt, möglicherweise eingebettet in die laufende Grönlandmission der Bundeswehr. Die ZDF-Aktivistin wies entschieden zurück, was zurückzuweisen war. Sie selbst habe das auch schon erlebt. Man solle "Primärquellen nutzen", empfahl sie, augenzwinkernd, denn ZDF heißt nicht ohne Grund "Zweites Deutsches Fernsehen".
Keine 14 Tage hat das neue deutsche Jahr gebraucht, um einen Ausnahmezustand zu produzieren. Während die einen behaupten, es sei wichtig zu wissen, was Daniel Günther wirklich gesagt habe, sind alle anderen Meinungen, es komme darauf an, was er meint. Günther selbst, neben seinem niedersächsischen Ministerpräsidentenkollegen Hendrik Wüst einer der CDU-Kanzler in spe, die hoffen, nach 2029 die erste Kenia-Koalition im Bund anführen zu dürfen, hat seine Auslassungen im Nachhinein noch einmal eingeordnet.
Hass ist keine Meinung
"Stimmungsmache sei keine Berichterstattung" hat er dabei wissen lassen und bedeutend zur Erhellung beigetragen: Ab sofort ist nicht nur Hass keine Meinung und Gewalt keine Lösung, sondern die präsidiale Anweisung des Chefs einer Landesregierung bundesweit verbindliche Richtschnur redaktioneller Arbeit.
Niemand hat die Absicht, journalistische Produkte vorab zu begutachten. Keiner will Lizenzen für verlässliche Meinungsmanufakturen vergeben und sie denen versagen, die immer wieder mit manipulierten Grafiken auffallen, gezielt halbe Wahrheiten verbreiten, um Menschen zu täuschen, oder dreist in der Historie herumfälschen, damit die Jubiläen zu ihren Sondersendungen passen. Als Daniel Günther im Studio bei Lanz vor sich hinstotterte*, dass er "meine, machen wir uns doch nichts vor, aber diese ganzen, als es in der großen Koalition, groß muss man ja ein bisschen vorsichtig sein", jedenfalls "wenn die in eine Schieflage gekommen sind, öffentlich, hatte das immer was damit zu tun, dass sich Politik auch davon beeinflussen lässt, wie bestimmte Medien auch versuchen, ihre eigenen politischen Ziele..."
Suche im Sprechakt
Ob das nun genau so gemeint war oder der 52-Jährige im Sprechakt noch darüber nachdachte, was er sagen könnte, hat er in seiner nachgeschobenen Stellungnahme nicht verdeutlicht. Mit einem Hinweis darauf, wie wichtig und bedeutsam er die Pressefreiheit finde, weshalb er "JA zu einem Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige" und zugleich trotzdem "JA zur Meinungs- und Pressefreiheit" sage, nur eben nicht für alle, räumte Günther jedoch ein, dass sein Versuch, "eine Lanze für hohe Qualitätsstandards unabhängiger Medien" zu brechen und sich "deutlich gegen das Verbreiten von Fake-News und politische Kampagnen durch sogenannte alternative Medien" zu positionieren, nicht für jedermann und jede Frau sofort zu verstehen gewesen seien.
Unumwunden umging Günther die Frage, was denn nun genau gemeint war. "Wir können stolz darauf sein, in einem Land zu leben, in dem die freiheitlich-demokratische Grundordnung die Presse- und Meinungsfreiheit garantiert", schrieb Günther er und er bettete das ganze ein in die Wortwolke "Politik und Gesellschaft müssten die Demokratie gemeinsam verteidigen".
Genau "das habe ich eingefordert", hieß es mit Blick auf die überall verbreiteten fragwürdigen Thesen, er habe sich mit den Richtigen anlegen wollen, "Nius" als "Feind der Demokratie" bezeichnet und mit seinem "Ja" auf die Frage von Markus Lanz, ob "wir das regulieren müssen, es notfalls zensieren und im Extremfall sogar verbieten" Ja gemeint.
Hermans Autobahn-Auftritt
Es klang vielleicht so, weil es aus dem Zusammenhang so zu sein schien. Nach dem Transkript der Sendung, die für das deutsche Fernsehjahr 2026 eine ähnliche Bedeutung zu entwickeln droht wie Eva Hermans unvergessener "Autobahn"-Auftritt bei Johannes B.Kerner im Jahr 2007, fragt Markus Lanz seinen Gast nach dessen Klage über "Nius und solche Portale" und "Abgeordnete meiner Union, die solche Portale lesen, die sowas teilweise auch weiterschicken, die sowas in WhatsApp-Gruppen verteilen", ausdrücklich nach dessen Strategie dagegen.
Daniel Günther hatte sich bis dahin darauf beschränkt, die üblichen Parolen zu verbreiten. "Ich glaube, wir müssen viel, viel mehr aufwachen, dass das unsere Gegner und auch die Feinde von Demokratie sind", hatte er gesagt. Und: "Wenn wir uns nicht zusammenreißen und zivilgesellschaftliche Organisationen, auch uns mit denen zusammenschließen, um uns gegen solche Exzesse auch zu wehren, dann werden wir unsere Demokratie in Deutschland in den nächsten zehn Jahren nicht wiedererkennen oder zerstören." Wenig originell. Und wenig aussichtsreich.
Im Extremfall verbieten
Lanz fasst nach, vorsichtig, um den Fisch nicht zu verschrecken: "Okay. Also was Sie jetzt gerade sagen, ist im Grunde, wir müssen das regulieren, wir müssen es notfalls zensieren und im Extremfall sogar verbieten". Und Günther gibt ihm das erhoffte Ja. Erst als Lanz ihm ein bestätigendes "Darüber reden wir" anbietet, wird dem Christdemokraten klar, welch kapitaler Fehler ihm gerade passiert ist. Einen Atemzug später nur schiebt Daniel Günther seiner Zustimmung zu Regulierung, Zensur und Verbot eilig den Satz nach "Wir reden da drüber, also Social Media darf bis 16-Jährigen nicht mehr zugänglich gemacht werden" - ein Thema, über das gerade eben ausdrücklich nicht geredet worden war.
Jeder kann das nachlesen. Überall im Netz sind die Clips zu finden, die Dunja Hayali mit Blick auf die von Polzent verbreiteten Falschnachrichten empfiehlt. Doch es kommt in einer solchen Deutungsschlacht nicht darauf an, was wirklich geschehen ist, wer was gesagt hat und was er damit sagen wollte. Die gespaltene Wahrnehmung des Günther-Auftritts, inzwischen um mehrere zusätzliche Dimensionen erweitert, weil Lanz Nius-Gründer Reichelt im Nachhinein angriff, woraufhin Nius-Gründer Reichelt Lanz demonstrativ bloßstellte und blamierte, braucht keine Tatsachen, um sich auf den jeweils passenden Teil der Fakten zu stützen.
Der wehrhafte Modelldemokrat
Günter ist ein Faschist, der die Meinungsfreiheit abschaffen wolle, behaupten die einen. Günther sei der wehrhafte Modelldemokrat, den die Rechte wegen seiner bemerkenswerten Integrität und seinem großen Erfolg bei der Einhegung der rechtsextremistischen AfD fürchte. Die hat ihren Stimmenanteil seit der letzten lkandtagswahl im Norden nicht einmal ganz verdreifacht. Günthers CDU hingegen hat in derselben Zeit nur 4,4 Prozent verloren. Wäre das überall im Lande so, könnte alles noch viele Jahre weitergehen wie bisher.
Aus der Sicht des Mannes, der nach dem Studium zwei Jahre für eine Wirtschaftsförderungsgesellschaft tätig war, ehe er mit Ende 20 hauptberuflicher CDU-Funktionär wurde, ist es "dieses kleine parteipolitische Gegeneinander", das viele stört. Günther, als Ministerpräsident ein starker Mann im Norden, glaubt, es ist "den Leuten mittlerweile zuwider, wenn Regierungen unser Land in einer Krise regieren, dann wollen die Parteien haben, die an einem Strang ziehen, die die Dinge in die Hand nehmen, die die Dinge umsetzen".
Aus dem Politischen übersetzt
Das ganze Gequatsche, die verschiedenen Ansichten, die sich als Meinungsvielfalt ausgeben, der Streit um die beste Lösung, so lässt sich das aus dem Politischen übersetzen, das hindert die Politik doch nur daran, den klaren Kompass zu finden.
Die Leute "wollen nicht hören, wer setzt sich in welchem Punkt durch", schilderte Daniel Günther bei "Lanz", wie er sich ein demokratisches Durchregieren ohne mediale Störgeräusche vorstellt. Man dürfe "halt auch diesen Medien nicht immer Steilvorlagen auch geben, indem wir uns über irgendwelche Kleinigkeiten miteinander streiten", konkretisierte er. "Und ich glaube, nur das ist am Ende der Weg, um Extremisten klein zu kriegen und wieder eine Stabilität in Deutschland hinzubekommen."
Mit "diesen Medien" sind nicht alle gemeint, wie der Name schon sagt. Günthers Blick auf die Verhältnisse, die er ärgerlich und hinderlich findet, endet nicht bei der Betrachtung der ungepflegten Meinungslandschaft mit ihren hässlichen Blüten und wild wuchernden exotischen Pflanzen. Es ist die gesamte Demokratie, die der Ministerpräsident neu aufstellen will, wenn er sagt, er finde "es ist nicht nur Aufgabe von Politik, Demokratie zu schützen, unsere Hauptaufgabe", sondern "alle zivilen Organisationen müssen auch sich zur Demokratie bekennen".
Eine Art Schriftleiterkollektiv
Zu denen, die zu schwören haben, gehören dann auch die Medien, für den Christdemokraten eine Art Schriftleiterkollektiv, das sich "auch mal eine Diskussion dafür rübergeben muss, welche Qualitätskriterien müssen Medien eigentlich auch erfüllen". Bei allem "Glück" (Günther), das wir "Pressefreiheit, Meinungsfreiheit in unserem Land" haben - "aber wenn man eine solche Einflussnahme hat wie Medien, dann muss man eben auch bestimmte Qualitätskriterien auch einhalten".
Das "bestimmt" ist hier so unbestimmt wie es die "Qualitätskriterien" wären, würde Daniel Günther sie ausformulieren müssen. Guckt er "an, findet heute noch statt, dass man eine zweite Quelle prüft? Findet noch statt, dass Journalisten wirklich, ich sag mal, wahrhaft auch berichten und auch nicht nur Meinungsmache machen?", dann denkt er nicht an die großen Gemeinsinnsender, die mit bizarren Fernsehenten Millionen erreiche und nicht an die große Agentur DPA, bei der die Erfindung von Wirklichkeit Teil des Wirkprinzips ist.
"Vollkommen faktenfrei"
Günther schaut sich "Nius-Artikel" (Günther) an und findet sie "einfach vollkommen faktenfrei" - etwas, das "den Eindruck" mache, "Leute, als wäre das sozusagen im Sinne der Meinungsfreiheit etwas, was man in unserem Land sagen darf." Aber aus Sicht des CDU-Politikers ist das "einfach falsch, wenn man das einfach so hinnimmt".
Daniel Günther, bei allem, was man ihm fälschlicherweise nachsagt, ist ernsthaft der Meinung, Meinungsfreiheit gelte allein für Fakten und die richtige Meinung sei Voraussetzung dafür, sie äußern zu dürfen. Die es dagegen "nicht gut meinen mit unserer Demokratie", die haben dieses Recht nicht - so sieht es aus im Gehirngebäude eines Politikers, der selbst Verfassungsorgan ist.
*alle Zitate im Original Daniel Günther bei "Lanz"









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