Samstag, 3. Dezember 2022

Zitate zur Zeitenwende: Der Verlust der Freude

 
Lieber im Knien stehen als für Siege leben.

Die Maschinerie unter medialem Dauerdruck hat sich ihre stromlinienförmigen, knienden, Binden tragenden und Plattitüden leiernden Stellvertreter erzogen. In dieser bleiernen Atmosphäre kann kein Mannschaftsgeist zustande kommen.

 

Fußballfelder ersetzen Schlachtfelder. Sie befriedigen die alten Triebe. Das Sehnen nach glorreichem Sieg, Stolz, Ruhm, Ehre. Dem Drang, die Kontrahenten niederzuringen und eine neue Hierarchie im zuvor Gleichen herzustellen. 
 
Eine jubelnde Siegernation Deutschland passt seit langem schon nicht mehr in unser Selbstverständnis der kultivierten Unterwerfung. 
 
Wir haben kollektiv die Freude am Gewinnen verloren. Und ich werde den Verdacht nicht los, dass uns damit zugleich das Verlieren zur zweiten Natur geworden ist.

Rocco Burggraf schaut nach dem WM-Aus in den Angrund

Weltmeister der Schmerzen: Der Abschied der Deutschen von der Zukunft

Sorgfältig wasserdicht verpackt, schwimmen Deutschland überall die Felle weg.

Wie das damals war. Deutschland baute die besten Autos der Welt, es grub die meiste Kohle aus für die größte Chemieindustrie, aus der die magischsten Stoffe kamen. Deutsche errichteten Kernkraftwerke, sie erfanden und produzierten Arzneien mit  unglaublicher Heilkraft. Die Straßen waren glatt, die Städte groß oder hübsch und aller paar Jahre wurde eine deutsche Mannschaft Fußballwelt- oder Europameister.

Weltmeister der Schmerzen

Als die Ostdeutschen im Jahr 1990 zu ihren Brüdern und Schwestern im Westen stießen, staunten sie baß über das, was sie empfing. Eine Bürokratie mit Eigenheiten, die langsam arbeitet, aber ohne die "Beziehungen" der ganz speziellen DDR-Korruption, die nie so genannt wurde. Ein modernes Land, das Geld hatte und es für sehr Vernünftige Dinge ausgab. Kaum war der Osten Westen geworden, begann ein Bauboom. Häuser, die kurz vor dem Zusammenbruch standen, verwandelten sich in kurzer Zeit zurück in prächtige Bürgervillen. Städte, die Ruinenlandschaften geglichen hatten, bekamen neues Pflaster, neue Lampen und rundherum neue Fassaden.  

Nichts ging wirklich schnell, aber es ging voran. Die Neubürger stellen fest, dass es nun alles gab und in unbegrenzter Anzahl. Wie Menschen, die dank einer Zeitmaschine aus dem Mittelalter in die Moderne stolpern, stand ihnen der Mund offen. Elektrische Fensterheber! Schallplattenläden mit Regalen bis zum Horizont. Bücher, Zeitungen und von allem mehr, als ein Mensch im Leben lesen kann. Kinos, groß wie Stadien. Stadien, schick wie Paläste. Und schließlich auch wieder Europa- und Weltmeister! 

Der Starttag liegt im Nebel der Geschichte

Wann der Abschied der Deutschen von der eigenen Zukunft begann, ist nicht genau bekannt. Es muss um die Tage herum gewesen sein, als Gerhard Schröder mit dem Versuch scheiterte, seinen sogenannten Reformkurs weiterzutreiben und statt seiner Angela Merkel das Ruder übernahm. Die neue im Kanzleram sah umgehend ein, dass die anfangs durchaus auch von ihr geplanten Umbauten am zusehends schwerfällig und manövrierunfähig gewordenen deutschen Staatsschiff nur Unruhe unter Passagieren und Besatzung auslösen, ihre gerade erst eroberte Machtposition aber kaum stärken würden.

Merkel ließ es laufen, die Medien standen kollektiv Spalier und klatschten. Wie war sie doch weise. Wie war sie klug. Wie grandios ging ihr Plan auf, nichts zu tun, sondern einfach abzuwarten. Als habe die sich stets als Ostdeutsche ausgebende Hamburgerin einen Bann über das ganze Land gelegt, der alle Insassen hinderte, auszusprechen, was wirklich war, kuschelten sich 80 Millionen gern und immer lieber in das wohlige Gefühl, dass die Frau im Pokemon-Jäckchen, die Hände zur Raute geformt, für sie sorge und immer bereit stehe, sie alle zu retten, wenn etwas Ungeplantes, Böses, Dunkles dazwischenkam.

Der Zauber gegen das Böse

Es war wie eine Versteinerung, anzuschauen wie im Zeitraffer. Arbeit kam aus der Mode, je schneller, je mehr sie Dinge, Waren und Güter produzierte. Eigenverantwortung schien zunehmend unnötig, denn Mutter Staat, das Merkel-Matriarchat, stand, das legendäre Friedensgewehr bei Fuß, parat, jede Blessur wegzupusten, jedes Wehwehchen mit Hilfs- und Rettungspaketen zu heilen und für die gute Laune allüberall gab es dann und wann noch ein Schnäpschen obendrauf. 

Merkel hatte die Dinge im Blick, sie hatte das Land im Griff, denn sie dachte jede Krise keineswegs vom Ende her, sondern von dort, wo sie für Wahlbürgerinnen und Wahlbürger ihren Anfang nimmt: Medien, Fernsehen, Zeitungen, Magazine. Testhalber hatte die frischgebackene Kanzlerin vor der Sommermärchen-WM 2006 alle Besitzer, Verleger und sonstige Verantwortlichen einbestellt und sie auf einen gemeinsamen Kurs eingeschworen. Und siehe: Was nicht berichtet wurde, das ist auch nie geschehen. Gewalt wurde zu einem friedlichen Fußballfest. Und wenn das geht, geht alles.

Gleise in die Zukunft

Die Gleise waren gelegt, auf denen Deutschland seiner Zukunft nun davonfuhr. Die Infrastruktur aus Brücken, Straßen, Sporthallen, sie bröckelte, die Fanfaren bliesen Triumphmärsche. Der Aufschwung war unendlich, aber den zehn, 15 Millionen, die ihn mit ihrer Hände Arbeit und vielen, vielen Schuldenmilliarden schufen, blieb nur wenig vom neuen Reichtum. Der Staat wurde immer größer, immer mehr Menschen beschlossen, gleich dort zu arbeiten, wo immer die Sonne scheint. Die Parteien teilten sich das Fell des Bären, klug genug, ihn zuvor nicht zu erlegen.

Gab es Probleme, große Krisen gar, wurden Brosamen gestreut. Später entstand dann sogar die wegweisende Idee, sich Probleme selbst auszudenken, kleine, nebensächliche Schwachheiten. Und sie dann großem Pomp und Geschrei zu bekämpfen, auf dass jeder Mann und jede Frau sehen könne, wie schwer der Staat mit all seinen dauernd neu gegründeten Behörden, Ämtern und staatseigenen Gesellschaften kämpft, um den gesellschaftlichen Frieden und den gemeinsamen Wohlstand zu bewahren. Und wie viel mächtiger und stärker er noch werden müsse, um all die Last zu schultern.

Menetekel Behördenansiedlungsinitiative

Auf Pump, es lief alles nur noch auf Pump. Je mehr die Behördenansiedlungsinitiative auf Touren kam,  eine wilde Idee, die sozialen Ausgleich für den Osten versprach, indem dort neue, große Verwaltungsriesen aufgebaut würden, desto weniger Erfindungen wurden gemacht. Je mehr Menschen Deutschland aus dem Ausland "geschenkt" (Katrin Göring-Eckhardt) bekam, desto größer wurde der Mangel an welchen, die Heizungen bauen, Dächer decken oder Kranke pflegen wollten. Je billiger das Geld, umso mehr davon fehlte, je mehr fehlte, desto einfacher ließ es sich in den beständig wachsenden Fakultäten der Geschwätzwissenschaften verdienen. Ein Bionade-Adel entstand, der gefühlt Lastenrad fuhr und das durch den Besitz eines Volvo-SUV auch zeigte. 

Erfunden wurde nur noch wenig. Produziert, was die Alten gelehrt hatten. Dank China war Deutschland mit dem Nötigsten versorgt, Medikamente, Mode, Hightechzeug. Die Amerikaner lieferten den Rest. Filme, Musik, das gute Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Einmal noch zeigte Deutschland der gesamten Welt, wie gut die Enkel von Ottmar und Fritz Walter, Toni Turek, Sepp Maier, Franz Beckenbauer und Rainer Bonhof, Lothar Matthäus, Jürgen Klinsmann und Rudi Völler mit dem Ball umgehen können. Der Fußballtitel 2014, errungen in Brasilien, war der Höhepunkt der Ära Merkel, als noch alles möglich schien, weil alle bereit waren, sich alles weißmachen zu lassen: Geld lässt sich drucken. Strom lässt sich herbeiglauben. Das Klima des Jahres 2050, es würde sich von Berlin aus retten lassen, wenn man nur genügend "ehrgeizige Ziele" formuliere.

Am schlimmsten betroffenes Gebiet

Deutschland war am schlimmsten betroffen, immer und von allem. Deutschland schaffte das oder sprach einfach nicht mehr darüber. Deutschland war Vorreiter, zumindest verbal. Deutschland war Beispiel, wusste aber eigentlich nicht, wofür. Von Pisa-Schock bis "Flüchtlingszustrom" (Angela Merkel), von der Verwandlung in eine Werkbank bis zur Verwandlung in die bad bank der EU, von  Überalterung und Fachkräftemangel bis zur sportlichen Dauerkrise der Nationalelf, die vom Schrecken der Gegner zu einem kreischbunten Marketingobjekt wurde - Deutschland litt, es litt unter sich selbst, aber es litt liebend gern. Besser würde es sowieso nie mehr werden, dachten die Alten, während sie traurig auf die Felle schauten, die überall wegschwammen. Die Jungen reklamierten neidisch, dass ihnen etwas übriggelassen werden müsse vom Weltuntergang.

In Katar dann stotterte die Zeichenfabrik der Welt hörbar, die Last der Symbole, des ewigen Vorbildseins mit Pflichtzerknirschung und des Selbsthasses, der allem Respekt bezeugt, nur sich selbst nicht (Geert Wilders), sie drückte zu sehr nieder. Eine Zeitenwende ist voraus, wie sie Olaf Scholz nicht gemeint hat. Die "Mannschaft" des DFB schreitet schon mal vorn. Der Rest wird folgen.

Freitag, 2. Dezember 2022

Pleiteweltmeister: Die große Krise der großen Klappe

Der einzige Moment, der vom deutschen Auftritt in Katar blieben wird: Die "Mannschaft" prangert die cancel culture an, einen rechten Kampfbegriff, für etwas, das es gar nicht gibt.
Der Moralweltmeister blieb letztlich ungeschlagen, das Haupt erhoben kehrt er nun heim, ungebrochen und, wie Hansi Flick, der Chefdesigner der neuen Fußballära sagt, "gar nicht so schlecht auch sportlich, abgesehen von 20 Minuten gegen Japan". Ein Fußballspiel geht über 90, neuerdings bis zu 100. Gerechterweise hätte die "Mannschaft", die seit einigen Tagen auch wieder dei "deutsche Mannschaft" ist, bei ihrem Feindflug nach Katar wenigstens einen Trostpreis für die beste Turniervorbereitung, das verschworenste Team und die schönsten Ausreden bei den "Festspielen der unverstellten Bigotterie" (Cicero) der mitbringen müssen.

Was Deutschland alles noch kann

Stattdessen schon wieder viele Millionen zum Fenster hinausgeworfen im Versuch, der Welt die da draußen zu zeigen, was Deutschland alles doch noch kann. Erfindungen nicht mehr, auch mit Hightech, Computern, Internet, Waffen, Autos, Maschinen, Ingenieure sieht es nicht gut aus. Die Energieversorgung müssen sich die Leute leisten können, ebenso die Vorstellung, das Gemeinwesen sorge selbst dafür, dass weitgehend Frieden herrscht. Nun auch noch Fußball, den das Land nicht mehr kann, das zumindest zeitweise der Ansicht war, ihn erfunden zu haben. 

Das "neue Normal" (Olaf Scholz). Die große Klappe, sie ist in der Krise. Ein "kolossales Versagen", wie n-tv mit einer hitlerschen Lieblingsvokabel beschreibt. Ein Debakel auch, ein episches Versagen, ein Desaster. Und keiner weiß, warum denn nun. Gemeinsam hatte man sich die Welt hübsch gelogen in der Erwartung, am Ende werde schon vor irgendwoher Strom einer kommen, der die nötigen Tore macht.

Nach dem 2:4 gegen Costa Rica, einem Kaffeestaat, von dem nicht viel mehr bekannt ist, als dass seine Liga etwa die Niveau der zweiten in Deutschland entspricht und noch nie eine costa-ricanische Mannschaft die Champions League gewonnen hat, sitzt der Frust tief und der Fall noch tiefer: Der selbsternannte Bindenweltmeister, der aufgebrochen war, im Handstreich Menschenrechte im arabischen Raum zu errichten und den Koran mit seinen Regeln auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen, muss sich beim Abschied verspottet lassen. "Don't leave your flags behind" ätzt einer der Blutprinzen im Bademantel angesichts des Umstandes, dass sein Zwergenstaat mi kickenden "Gastarbeiterkindern" (Die Zeit) genau lange im Turnier durchgehalten hat wie das Superstar-Ensemble der deutschen "Hochtalentierten". 

Neuer ohne Gelbe Karte

Ein Ziel ist erreicht. Manuel Neuer, der die One-Love-Binde nicht tragen konnte, weil ihm Gelbe Karte drohte, kommt nun mit weißer Weste nach Hause. Und Hansi Flick beweist, dass Marx Recht hatte, als er vermutete, dass Geschichte sich als Farce wiederholte: Der frühere Assistent des ewigen Jogi Löw brachte als neuer Chef so viel frischen Wind, so viele neue Ideen und so viel ungekanntes Temperament mit ins Amt wie weiland Egon Krenz als Nachfolger von Erich Honecker.
 
Der Sport in Deutschland, das ihn über die Fernsehabgabe, die Polizei, den Zoll und allerlei andere gewagte Konstruktionen fördert, er war zuletzt in der Tat so politisch, als die DDR ihre Testosteronkrieger zu Wettkämpfen schickte, um mit Siegen die Überlegenheit des Sozialismus zu beweisen. Vom selben Glauben sind die Funktionäre und die Politiker hinter ihnen heute erneut befallen, angetrieben von Medien, die Doppelmoral gern zu einer Dreifachspirale drehen: Sie finanzieren das Theater, füllen mit dem eingekauften content ihr Programm - und echauffieren sich dann darüber, dass das alles stattfindet.

Begräbnis erster Klasse

Es war zumindest ein Begräbnis erster Klasse, dass sich die DFB-Auswahl in Katar gönnte. 8:0, vielleicht auch nur 7:0 hätten sie gewinnen müssen, um weiterzukommen. Aber das geht ja nicht. Das darf man zuvor gar nicht sagen. Das wäre unsportlich. Daran zu glauben, man könne so gut sein wie die Spanier, unmöglich. Als es nach zehn Minuten 1:0 stand, ausreichend, um noch auf ein 9:0 zu kommen, nahm die "Mannschaft" das Tempo raus.
 
Jamal Musiala wirbelte noch, mehr und mehr so, dass es schien, er wisse gar nicht mehr , wo das Tor steht. Die Strategie, viele Flanken auf einen Mittelstürmer zu schicken, den es nicht gab, zeigte einmal mehr, für wie viel Verwirrung sie sorgen kann: ARD-Kommentäter Gerd Gottlob war anfangs ganz verzaubert von den Ballstafetten, den Läufen, den Musiala-Versuchen, mit dem Kopf durch die Wand zu brechen.

Spiel im Schlafwagen

Später, viel später, das Spiel war schon in einen Schlafwagen umgeladen worden, kippte er um. Es gefiel ihm nun nicht mehr alles, nur die Hoffnung, die verließ ihn nicht. Unglaube, als Deutschland auszuscheiden begann. Die nachhaltigste, geschlechtergerechteste und hochtalentierteste Elf der ganzen WM! Und wie sie das taten: Keine Verzweiflungsangriffe, kein Alles-oder-Nichts, keine Brechstange, denn die war daheim geblieben, im DFB-Museum in Frankfurt, unter Glas. Neuer blieb hinten, "Manu", wie sie ihn rufen. Die Bank blieb ruhig. Die Spanier, immerhin EU-Partner, würden es gegen Japan richten. 
 
An einen Verrat der EU-Kollegen glaubte niemand. Warum sollten die Iberer? Nur, um nicht gleich gegen Brasilien spielen zu müssen? Nur, um Deutschland elegant aus dem Turnier zu werfen? Ein Tor. Ein paar Millimeter. Die deutsche Mannschaft spielte ihr Endspiel gegen Costa Rica alles in allem nicht viel anders als die Vorbereitungsbegegnung gegen den Oman. Begeisternd wie Trockenblumenstrauß. Mitreißend wie ein Wasserstrudel im Waschbecken. Ein Achselzucken in Stollenschuhen. Beim Festival der Verlogenheit. Mit Robert Habecks Worten: Deutschland war danach nicht ausgeschieden. Es spielt nun nur für eine Weile nicht mehr mit.

Keine Leidenschaft. Kein Temperament. Thomas Hitzlsberger, der frühere Auswahlspieler, forderte später gar "Wut" als Antrieb, das Unmögliche zu versuchen. "Wir brauchen Wut", sagte er und meinte nicht die Wut der Fans draußen. Aber soll Deutschland wirklich so weit gehen? Wut, das ist nahe beim Hass, das klingt nach Horst Hrubesch, Stielicke und Breitner, nach Schweinsteiger, Mertesacker und Klose und Männerschweiß und Testosteron. Und ist damit weit weg von dem, wie Deutschland Fußball spielen will: Klinisch sauber, moralisch unangreifbar, bewegungstechnisch elegant, jung. bunt, divers, geschlechtergerecht und LBTGQUGFRGH-freundllich, liebevoll, emissionsfrei, grün und ohne Foul und Mittelstürmer. Dafür aber respektiert als Gegner, der mehr Bundesleistungszentren hat als die gesamte übrige Welt. Und die DFB-Duschen, die die werden alle von Blockheizkraftwerken* angetrieben! Und der DFB, der ist sowieso voll geschlechtergerecht*!

Was im Augenblick noch fehlt, um noch erfolgreicher zu sein, sind womöglich nur ein paar Tamponautomaten auf DFB-Fußballhochschultoiletten.

Wer als Erster framt, gewinnt

Das framing in den ersten Minuten nach dem Spiel war klar. Die Funktionäre wie die Spieler, sichtlich fassungslos, nun auf derselben Geschichtsbuchseite zu stehen wie die kickenden Großmächte Katar, Tunesien und Saudi-Arabien, blendeten die Wirklichkeit aus. Die absurde Vorstellung, lauter Schnicker, Trickser und Hochtalentierte ergäben eine Weltmeisterelf, die taktischen Fehler, die Arroganz, die dem ganzen Auftreten wie eine Fahne vorauswehte, das alles blieb unerwähnt. Wie damals beim Löw wird nun irgendwann später eine "Analyse" folgen, die nie folgen wird. Denn so schlecht war das nicht. Einmal verloren, einmal gewonnen, ein Remis. 6:4 Tore. Ein Punkt mehr schon als damals in Russland. Und nur drei Gelbe Karten! 
 
Um 14 Uhr Ortszeit startet der Flieger zurück dorthin, wo Moral noch mehr gilt als Tore und Titel, die von einem korrupten Verband in einem islamistische geprägten Land vergeben werden. Daheim wird Zeit sein, Entschuldigungen zu finden, mit denen alle leben können, Besserung zu versprechen und weiterzumachen wie bisher. Bei der nächsten Weltmeisterschaft sind schon 48 Mannschaften dabei, es wird sich zwangsläufig ein Viertel aller Länder qualifizieren müssen, die überhaupt Fußball spielen, um das Teilnehmerfeld vollzubekommen. 
 
Die deutschen Chancen stehen dadurch recht gut. Auf Augenhöhe mit Gibraltar, den angeschlagenen Dänen und Albanien wird die Qualifikation gelingen. Und naturgemäß ist dann vor Ort in Kanada, Mexiko und den USA auch die eine oder andere Elf dabei, die noch schlechter ist als die deutsche Vertretung, die dann vielleicht schon mit sieben oder acht hochtalentierten Mittelfeldwirblern auflaufen wird. Wenn, natürlich nur wenn Donald Trump dann nicht doch wieder US-Präsident ist und Deutschland zwingt, die Undemokratie des Veranstalterstaates zu meiden.

* auf Erdgasbasis

Klimaschutz: Kernige Arbeiter solidarisieren sich mit der Letzten Generation

Die Initiatoren der Solidaritätserklärung an die Letzte Generation. John Karow
Die Initiatoren der Solidaritätserklärung an die Letzte Generation. John Karow 83.v.l.) mit seinen Kolleg*innen Walter Eichenberg, Hans Gerber (v.l:) und Birte Schreinebaker (4.v.l.)Daneben Daniel Sandmann, Ralf Ast und Jens-Uwe Casper.

Sie sind Hetze und Hass leid, die der Klimabewegung "Die letzte Generation" aus vielen Teilen der Gesellschaft, aus Politik, Verwaltung, Behörden und aus Sachsen entgegenschlägt. Die "neue RAF", extremistische Störer, Querdenker, Weltuntergangsprediger - was ist den jungen und junggebliebenen Aktivistenden aus der radikalen Fraktion der Regierungskritiker*innen nicht alles nachgesagt worden. Nichts davon aber sei wahr, so schreiben jetzt mehr als 312 Handwerkende, Bauarbeitende, Verkäuferinnen und Verkäufer, Psychotherapeuten, Pflegende, Bus- und Bahnfahrer, Kellner+innen und Verwaltungsmitarbeiter in einer gemeinsamen Erklärung, die sich ausdrücklich als Solidaritätsadresse an die „Letzte Generation“ versteht.

Versprechen sind kein Klimaschutz

Unter dem Titel "Klimaschutz ist kein Versprechen - Versprechen ist kein Klimaschutz" setzen die Unterzeichnenden ein klares Zeichen für den Erhalt der Möglichkeit, in einem demokratisch verfassten Rechtsstaat auch den Versuch unternehmen zu dürfen, die Regierung zu erpressen. Das könne jeder, niemand aber dürfe automatisch mit einem Erfolg rechnen, erklären sie. Der Letzten Generation gelte es Respekt zu zollen für den Mut, mit dem Mitgliederinnen und Mitglieder ungeachtet persönlicher Nachteile alles unternähmen, die unzureichenden Bemühungen der Ampel-Koalition zur Eindämmung der Erderhitzung zu demaskieren und die Ausflüchte von Kanzler, Vizekanzler und Finanzminister bei 9-Euro-Ticket und Tempolimit zu delegitimieren.

Wir rechnen es ihnen hoch an, dass die Aktivist*innen der ,Letzten Generation‘ Hass, Gewalt und Bestrafung hinnehmen, um unser aller Leben zu retten", heißt es in der Petition, die PPQ vorliegt. Aus der Sicht der unterzeichnenden Kauffrauen, Schlosser, Kran- und Baggerführer, Klempner, Automechaniker, Elektriker, angestellten Backenden und Küchenmitarbeiter*innen rechtfertige die Klima-Notlage gewaltfreien Widerstand, auch wenn er Gewalt gegen Sachen anwende. Handeln sei das Gebot der Stunde, Tun statt dulden die Notwendigkeit der Zeit.

Rufe von der Kellertreppe der medialen Aufmerksamkeit

Initiiert wurde die Erklärung ganz unten auf der Kellertreppe der medialen Aufmerksamkeit. Federführend war der Schlüsseldienstmitarbeitende John Karow, der in den Schlosser*innen Walter Eichenberg, Hans Gerber und Birte Schreinebaker erste Mitstreiter*innen fand. Schnell scharte sich um den harten Kern der LG-Unterstützer*innen ein bundesweiter Kreis aus engagierten aller Altersklassen. Kevin Schnitte etwa ist Unternehmer, hat mit der Parfümmarke "Hi Malaya" Millionen gemacht. Daniel Sandmann dagegen kellnert im Berliner Wedding, Josaline Wegner ist Reinigungsfachkraft bei Sanifair, Ralf Ast pflegt ältere Mitmenschen und Jens-Uwe Casper arbeitet seit Jahrzehnten als Trucker in rollender Schicht.

Sie alle machen keinen Hehl aus ihrer Überzeugung, dass die Klimakatastrophe nicht in der Zukunft liegt, sondern längst begonnen hat. "Sie tötet durch Überschwemmungen in Pakistan, durch Hunger in Ostafrika und durch Hitzewellen in Europa, sie tötet massenhaft, weltweit", schreiben sie. Die Kinder und Jugendlichen, die vollkommen unschuldig an dieser Situation seien, weil sie den klimaschädlichen Wohlstand weder miterarbeitet noch freiwillig gewählt hätten, zahlten den bittersten Preis: "Sie werden eines Tages alles verlieren." Diejenigen dagegen, die die Krise durch den Wiederaufbau nach dem Krieg, durch Doppelschichten und Schlafverzicht, Schuften am Wochenende und bedingungslosen Konsumismus verschuldet hätten, "sind dann sicherlich nicht mehr da, wenn abgerechnet wird."

Menschen aus der klimasensiblen Mitte

Die Petendenten, die sich selbst als "Menschen aus der klimasensiblen Mitte" bezeichnen, wollen das nicht länger hinnehmen. "Die Wissenschaft ist sich einig: Mit den derzeit geplanten Maßnahmen ist der Kollaps nicht abzuwenden", formulieren sie. Das Zeitfenster, um noch etwas daran zu ändern, schließe sich in wenigen Jahren. Deutschland als viertgrößter Emittent von Klimaschadstoffen, auf denen der Wohlstand, in dem wir leben, basiere, sei gefordert, ungleich härter und deutlicher auf die Lage zu reagieren. Statt die Erschließung neuer Gasfelder zu finanzieren, LNG-Terminals bauen zu lassen und mit fragwürdigen Regimes wie dem in Katar Verträge über die Verlängerung des fossilen Zeitalters abzuschließen, müsse sie eine Wachstumsökonomie auf der Basis umfassender Klimaschutzverordnungen ausrufen. 

Dass Deutschland keines seiner vielbeschworenen Klimaziele erreiche sei blamabel. "Verständlich, dass sich die „Letzte Generation“ seit Monaten mit Kleber und Kartoffelsuppe gegen das kollektive Versagen stemmt." Unmoralisch sei nicht, dass Menschen im Notstand  zum Mittel der Nötigung von Verfassungsorganen greifen. Sondern "die Reaktion in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit: Hohn, Hetze und Diffamierung der Proteste". Eine Hexenjagd, die an dunkelsten Momente der deutschen Vergangenheit erinnere. Man sage, die „Letzte Generation“ sei extremistisch, doch was sei "extremer als eine Gesellschaft, die sich mit Klimazielen zufrieden gibt, wenn es doch gilt, Klimagerechtigkeit sofort herzustellen".

Arbeitern der Hand begehren auf

Als Gruppe von Menschen aus Arbeitern der Hand, die die Gesellschaft im Innersten zusammenhalte, könne man nicht länger schweigen. Gemeinsam mit der Letzten Generation stehe man in der größten Krise seit dem zweiten Weltkrieg dafür ein, schnell umfassende Klimaschutz-Maßnahmen auf den Weg zu bringen. Ein Ende des nach wie vor fossil geprägten Alltags sei unumgänglich, doch es müsse umgehend kommen, um das Überleben aller zu sichern. "Wir haben keine Zeit mehr, abzuwarten." Bewusst adressiere man seinen Protest an das Macht-Zentrum der Entscheidungen, die Bundesregierung, nicht an den Bundestag oder das EU-Parlament. "Nötig sind Notstandsentscheidungen, die sofort greifen." 

Dazu könne ein Herunterfahren der Wirtschaftstätigkeit überall dort helfen, wo nicht unmittelbar lebenswichtige Bereiche betroffen seien. "Schließt die Kaufhäuser, die Theater, die Kinos und Konzertsäle", heißt es, niemand brauche in der aktuellen Situation Schwimmbäder, Sporthallen und Schulen. "Wozu senden zig Fernsehsender und noch mehr Rundfunkstationen, die alle Energie verbrauchen, nur um uns rund um die Uhr zu erzählen, dass etwas getan werden muss?" Abgesehen von den Strukturen der kritischen Infrastruktur könne Deutschland als wohlhabender Staat viele Luxuseinrichtungen abschalten, bis eine Versorgung durch Wind und Sonne durchgehend gewährleistet sei. 

Forderung nach dem strengen Staat

Private Mobilität auf Kosten der natürlichen Lebensgrundlagen sei ein Verbrechen an künftigen Generationen, das nicht mit Tempolimit und Neun-Euro-Ticket entschuldigt werden könne. "Wir brauchen mehr Weniger und das nicht irgendwann, sondern gleich", heißt es. "Wir als Frauen und Männer, die mit Hand und Herz auf Baustellen stehen, Brücken bauen, Straßen pflastern, Motoren ölen und Haare schneiden sind traditionell stolz darauf, Haltung zu zeigen, politisch zu sein." aus dieser klaren Haltung heraus, die schon die Sansculotten und Jakobiner beseelt habe, wende man sich gegen das Primat des Ökonomischen und gegen die Menschenfeindlichkeit, für das Klima und die Zukunft.

"Das sind die Maßstäbe, an denen wir uns in dieser entscheidenden Phase der Menschheitsgeschichte messen lassen müssen. Der drohende Kollaps gefährdet nicht zuletzt unsere Demokratie und damit die freiheitliche Gesellschaftsordnung, die wir als Handwerker, Servicemitarbeiter*innen und Call-Center-Agents für unsere Arbeit brauchen." Man erkläre sich deshalb solidarisch mit allen Klimagerechtigkeitsbewegungen weltweit, auch mit der „Letzten Generation“. "Wir glauben, dass eine demokratische Gesellschaft angesichts der drohenden Zukunft auch massive, gewaltfreie Störaktionen ertragen muss, weil Handeln gegen das Gesetz das Gebot der Stunde ist." 

Erstunterzeichnet von:

John Karow (Schlossernder), Walter Eichenberg (Dreher), Hans Gerber (Monteur), Birte Schreinebaker (Schlosserin), Kevin Schnitte (Unternehmender), Daniel Sandmann (Kellner), Josaline Wegner (Reinigungsfachkraft), Ralf Ast (Pflegender), Jens-Uwe Casper (Kraftfahrender), Helge Basser (Klempner), Andreas Heilstein (Masseur), Jana Laschband (Autoschlosserin) Hans-Hermann Schreinemeier (Elektrotechniker), Harald Emserck (Verkaufender), Janine Zehetmeier (Zugehfrau), Manuela Maier (Werkzeugausgeberin), Markus Walther (angesteltter Bäcker), Johannes Bauer (Milch-lieferfahrender, Winterdienstmitarbeiter), Hans-Christian Eiliog (Elektrotechniker), Sophie Jehnemann (Schmiedin), Carola Hensel (ADAC-Helferin), Marie-Claudia Bauerlein (Zerspanerin), Beatrice Becker (Stadtwirtschaftsangestellte), Andrea-Lina Lessmann (Strickwaren-Verkaufende), Walter "Aljoscha" Kämpf (Reifendienst-Monteur), Rainer Behrensen (Bauarbeiter), Katrin Beaier (Bauarbeiterin), Jörg Schulte (Baggerfahrer), Jan-Erik Regenswald (Disponent), Felicitas Becker (Callcenter-Agent), Nuran Arim (Elektriker), Regine Dahme (Fahrzeugelektronikerin), Karoline Käsmann (Baustellenlogistikerin), Thomas Meyer (Ingenieur für Umweltanlagen), Christoph Beick (Schlosser), Oliver Federer (Golfplatzmaschinenvertrieb), Vladen Fraljić (Elektriker), Cary Guper (Maler), Julia Gerlach (Raumgestalterin, Messe-Hostessin), Jessica Gaberfeld (Bauarbeiterin), Jens Goltze (Ordnungsamtsmitarbeiternder), Tanja Feenwald (Schlüsseldienstmonteurin), Walter Jens (Schweißer), Annalise Jäger (Friseurin)

Donnerstag, 1. Dezember 2022

Corona-Pandemie: Chinas brutaler Irrweg ins Abseits

Chinas bizarre Vorstellungen vom Kampf gegen die Pandemie, hier vom WDR übersichtlich dargestellt, führen das Reich der Mitte immer weiter weg aus dem Kreis der Nationen, die von Anfang an gut durch die Krise gekommen sind.

Noch eine allerletzte Winterwelle, noch ein "paar Monate durchhalten", Weiterimpfen und Maske tragen, dann hat zumindest Deutschland fürs Erste zumindest das Allerschlimmste überstanden. Anders hingegen sieht es in abgelegeneren Weltgegenden aus, deren Regierungen es auch nach drei Jahren nicht gelungen ist, das neuartige Lungenvirus in den Griff zu bekommen. Als seismische Zentrum der Pandemielage gilt China, das bevölkerungsreichste Land der Erde, das sich auch 36 Monate nach dem möglichen Laborausbruch von Wuhan weigert, die im Rest der Welt erfolgreiche schwedische Strategie der Durchseuchung anzuwenden.  

Feinde vulnerabler Gruppen

Im Augenblick verzeichnet das Reich der Mitte deshalb mit mehr als 700.000 Neuansteckungen im Durchschnitt der vergangenen 28 Tage ein Infektionsgeschehen auf nahezu deutschem Niveau, nur in Japan, Südkorea, den USA und Frankreich wütet die Seuche noch schlimmer. Dort allerdings haben die Behörden den Kampf aufgegeben: Die Null-Covid-Strategie, die vor allem auch in den Bionade-Vierteln der urbanen Metropolen Deutschlands lange Zeit als Königsweg aus der damals noch "größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg" (Angela Merkel) galt, wurde im Vorwärtsschreiten überwunden und durch die ehemals von Schwurblern, Querdenkern und Feinden vulnerabler Gruppen vertretene Ansicht ersetzt, dass Deutschland sehr, sehr gut durch die Krise kommt, so lange Regierung, Staat und die angeschlossenen Pressestellen eine gemeinsame Linie vertreten.

Es kommt gar nicht auf die Zahlen an, auf Ansteckungen, Impfziele, Tote, Long-Covid-Fälle oder die Intensivbettenbelegung und eine gewissermaßen rätselhafte Übersterblichkeit. Eine Pandemie wie die, für die meisten heute noch auf der Erde lebenden Menschen ist es überhaupt ihre erste, lebt weniger von Daten als von deren Interpretation. Viel kann wenig sein, wenig viel, Schreckliches kommt eher beiläufig ins Haus, weniger Fürchterliches aber als Alarmmeldung mit rotem Band. 867 Menschen in Deutschland belegen derzeit als Covid-Patienten eines der raren Intensivbetten. Das sind 4,3 Prozent aller positiv auf Corona getesteten Krankenhauspatienten in Deutschland - und in China würden sie sagen: Genau 4,3 Prozent zu viel.

Radikaler Irrglauben

Radikal gefangen im Irrglauben, durch Abschottung, das tragen von Masken, durch Lockdowns und Kontaktverbote lasse sich ein Virus dauerhaft an der Verbreitung hindern, gehen die Behörden in der selbsternannten Volksdemokratie rabiat gegen alle vor, die anderer Meinung sind und sie zu äußern versuchen. Unter fadenscheinigen Hygienevorwänden werden Demonstrationen verboten, Polizisten gehen gezielt gegen Proteste vor, ganze Straßenzüge und Städte befinden sich im Lockdown mit Ausgangssperren und der Pflicht, einen elektronischen Impfpass vorzuzeigen. Selbst die "Unverletztbarkeit der Wohnung" ist "kein Argument mehr für ausbleibende Kontrollen" (Karl Lauterbach). Ein Tabubruch, der in einem demokratischen Land undenkbar wäre.

China befindet sich auf einem Irrweg ins Abseits, doch obwohl selbst der deutsche Bundespräsident Walter Steinmeier Peking zuletzt nachdrücklich gewarnt hatte,  diesen kurz weiterzuverfolgen, zeigt Präsident Xi Jinping kein Einsehen. Unbelehrbar hält der Mann, der seine autokratische Macht eben noch ausgebaut und zementiert hatte, an einer Strategie fest, die heute schon zu einem "tief sitzenden Misstrauen" (n-tv) zwischen Regierung und regierten geführt hat. Mit dem Ergebnis, "dass panischen Gerüchten in Chat-Diensten mehr geglaubt wird als den geschönten Berichten der gelenkten Staatsmedien".

Chinas irrwitzige Strategie

Doch wie sieht sie eigentlich genau aus, die Methode, mit der Chinas kommunistische Staatspartei Delta, Omikron und alle anderen gefährlichen Mutanten glaubt dauerhaft aussperren und eindämmen zu können. mittlerweile ist das Land so abgeschottet, dass kaum mehr glaubwürdige Nachrichten aus Shengzen, Wuhan und Chongching zu bekommen sind. Was tun die da? Wozu tun sie es? Was glauben sie, damit erreichen zu können? Der WDR hat es nun übernommen, die chinesischen Ziele in der Pandemiebekämpfung in einer übersichtlichen Kachel darzustellen: Vom Lockdown, der ansteckendere Virus-Mutationen bremst, über die Vorstellung, man könne behördlicherseits Infektionsketten nachverfolgen, bis hin zur Angabe, dass das alles helfe, "weniger Todesopfer" beklagen zu müssen, zeigt die übersichtliche Auflistung auf einen Blick, wie sehr sich China verrannt hat und wie dringend es auf guten und gutgemeinten Rat hören sollte.

Frauen auf der Fußball-Bühne: Leerstelle mit Nummerngirls

In Deutschland ist Fußball Männersache: Hier eine Momentaufnahme vom DFB-Bundestag.

Ihr Platz ist neben dem Kampfgericht am Spielfeldrand, gleich neben dem Mann im Bademantel, der wichtig schaut und alles im Auge behält. Bei der Fußball-WM in Deutschlands neuen Gaslieferstaat Katar füllen die jungen Frauen in kurzen Hosen die Stelle aus, die bei Boxkämpfen den Nummerngirls zukommt: Immer wieder mal im Bild, wenn sie Auswechselschilder hochhalten.  Oder aber wie eine  Weltsensation herumgereicht, um über grausame Wahrheiten  hinwegzutäuschen.

Aber ohne die tragende Rolle, die die Männer auf dem Rasen, die männlichen Trainer und die überwiegend männlichen Schiedsrichter und Linienrichter ausfüllen. Als Deutschlands mutige Innenministerin Nancy Faeser sich in die Herrenrunde auf der Ehrentribüne wagte, war ihre kleine "One Love"-Binde die geringere Provokation. Verglichen mit dem Einbruch einer Frau in ein Reich, das auch Jahrzehnte nach den deutschen Gleichstellungsgesetzen und den Quotenregelungen für Aufsichtsräte noch nach Testosteron riecht wie die Umkleidekabine eines Dorfklubs.

PPQ-Kolumnistin Svenja Prantl deckt auf, wie der Weltfußball und  seine deutsche Vertretung die Geschlechtergerechtigkeit mit Füßen treten - ein Foul an der notwendigen Diversität, das allgemein akzeptiert wird.

Kaum Frauen im Fußball-Kosmos

Die Frau als Nummerngirl der Fußballshow.
Dass Frauen im Fußball-Kosmos kaum eine Rolle spielen, kommt für Beobachter überraschend. "Beim Spiel Argentinien gegen Saudi-Arabien im Lusail-Stadion saß Fifa-Präsident Gianni Infantino nahezu ausschließlich mit Männern auf der Tribüne", bemerkte das Redaktionsnetzwerk Deutschland erst in der zweiten Turnierwoche. Nur drei Schiedsrichterinnen seien berufen, aber bisher nicht einmal eingesetzt worden. Ein einziger Flitzer wurde bisher registriert, auch er: Ein Mann. Doch sind es wirklich die "anderen Werte", die das im Auftrag der SPD arbeitende RMD dem Gastgeberland zubilligt? Sind anderer Glaube, andere Sitten, andere Kultur schuld an der klaffenden Fehlstelle in der man's man's world, die der Mann James Brown schon vor Jahrzehnten bitter angeklagt hatte?

Ein Blick in den Veranstaltungssaal eines DFB-Bundestages zeigt eine andere Wahrheit, und es ist zufällig dieselbe wie die, die auf jedem Platz in der Fußball-Bundesliga liegt. Männer und Frauen dürfen heiraten, sie dürfen zusammen leben, zusammen schlafen, sie dürfen sogar zusammen Tennis spielen. Männer und Frauen, Frauen und Männer sind verschieden, doch moderne Gesellschaften haben kein Problem damit, sie gemeinsam Büroarbeit erledigen zu lassen, sie zusammen zu Kriegseinsätzen in Krisengebieten zu schicken. Frauen wie Männer können klempnern, Beton gießen, kochen, Kinder wickeln, in gemischten Gruppen wandern, saunieren, Musik machen, Züge steuern, Taxifahren; sie dürfen sogar ihre Geschlechter tauschen und trotz männlicher Chromosomen als Frau mit einem Mann oder einer Frau zusammen Kinder erziehen.

Verbot von gemeinsamem Sport

Alles ganz normal - nur eines dürfen Männer und Frauen immer noch nicht zusammen tun, nicht einmal in Deutschland: Fußball auf professionellem Niveau spielen. Von der Fédération Internationale de Football Association über die Uefa bis hin zum DFB in Deutschland hüten milliardenschwere Geheimgesellschaften, die allesamt noch nie von einer Frau geführt wurden, eifersüchtig über ein striktes System der Geschlechterapartheid: Unter ihrer Ägide gibt es Fußballmannschaften, die aus Männer bestehen. Und den "Frauenfußball", eine Art Softball, der von "Frauenfußballspielerinnen" betrieben wird, denen niemand zutraut, mit den Herren der Fußballschöpfung mitzuhalten.

Nicht einmal in der sechsten oder achten Liga darf eine Frau heute im Punktspielbetrieb eine Männermannschaft verstärken, selbst wenn die aus lauter langsamen älteren Herren mit dicken Bäuchen und Kniebeschwerden besteht. Als 77 Vertreter*inne aus 21 Länder*innen vor Jahren den neuen  Fußball-Weltverband Mixed Internationale de Football Association (Mifa) gründeten, um diesem männerdominierten Monopol eine geschlechtergerechte Alternative entgegenzustellen, schwiegen sich die Medien aus. Zu eng verbunden sind sie mit den Herren des Balls, zu sehr hängen Wohl und Wehe von der erfolgreichen Vermarktung der Spiele ab.

Krokodilstränen im Täterland

Die Krokodilstränen, die nun in Deutschland fließen, weil ausgerechnet das eng mit den Regeln des Koran verbundene Katar  keinen Schlussstrich unter dieses vom Gesetzgeber in Deutschland schon viel zu lange geduldete Trauerspiel der Trennung von Mann und Frau zieht, sind von der staubtrockenen Art. Eine "Männer-Veranstaltung in einem Land mit eingeschränkten Frauenrechten" (RND)? Ja, genau wie daheim in Deutschland, das vorgibt, "die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern erreicht" zu haben. Und doch dem weltgrößten Sportverband ein Zuhause bietet, unter dessen 54 Spitzenvertretern ganze drei Frauen zu finden sind.

Gemeinnützig, im Dienst der gesamten Gesellschaft, mit Fördermitteln gepäppelt und mit Fernsehgeldern genährt. Selbstbewusst wehrt dieser Verband seit Jahren Versuche ab, wenigstens eine Mixed-Liga einzuführen, in der Frauen und Männer in gemischten Mannschaften gegeneinander antreten wie im Tennis oder beim Eistanz und im Skispringen. Selbst das Internationale Olympische Komitee, ein knochenharter Männerklub erzkonservativer Ausprägung, ist hier schon weiter: Den Vermarktern dort gelten Mischwettbewerbe längst als zusätzliche Melkkuh für Extraprofite, die sich zudem mit gutem Gewissen einstreichen lassen. 

Geschlechterapartheid bleibt wesensprägend 

Geschlechterapartheid bleibt wesensprägend für den Weltfußball auch 15 Jahre nach Joseph Blatters Versprechen, dass die "Zukunft des Fußballs weiblich" sein werde. Als die im Internet aktive Initiative "Fußball für alle" (FFA) angesichts der Querelen um die verschiedenen vom DFB in Doha eingereichten Protestbinden vorschlug, auf der Basis des neuen deutschen Selbstbestimmungsgesetzes drei oder vier  Frauen für die DFB-Auswahl zu nominieren, um ein Zeichen für mehr Diversität zu setzen, bekamen die engagierten Initiatoren nicht einmal eine Antwort aus Frankfurt am Main.

Dort wie bei der Fifa konzentriert man sich nicht auf Inklusion, sondern weiterhin auf Abgrenzung. Fußball und Frauenfußball werden als zwei verschiedene Sportarten begriffen, ohne dass in den Chefetagen oder den Begleitmedien jemals der Gedanke aufkommt, dass Frauenrechte Teilhabe ermöglichen sollen und nicht nur den ungestörten Aufenthalt in einer Parallelwelt, die in Wettbewerben ausgetragen, die man ebenfalls "Europameisterschaft" und "Weltmeisterschaft" nennt, jeweils aber mit der Einschränkung "der Frauen". Gerade westliche Länder und Deutschland mit seiner hochentwickelten Moral und seinen feinen Antennen für politische Botschaften, wie sie inzwischen in jedem Sportereignis stecken, sind hier gefordert, Druck auf die männerbündischen Vereinigungen zu machen, die den Fußball vor mehr als 100 Jahren okkupiert haben und bis heute betreiben, als sei er ihr Eigentum.

Der Kampf geht weiter

Dass dieser Kampf um Gleichberechtigung durch gleichberechtigte Teilhabemöglichkeiten selbst dort keine Rolle spielt, wo kritische Journalisten den Finger mutig in die weltweit klaffende Wunde legen,  spricht Bände über den Stellenwert, den die Gesellschaft Frauen im ihrem populärsten Sport der westlichen Welt zubilligen. Wer Katars autokratischer Regierung, die sich selbst als "ausdrücklicher Vertreter der Frauenrechte" rühmt, vorwirft, der die Freiheit der Frauen durch Gesetze einzuschränken, der darf nicht schweigen, wo Verbände und eingetragene Vereine sich ihre Regeln selbst machen, um Vorgaben zur Gleichstellung zu unterlaufen. 

Auch wenn selbst Menschenrechtsorganisationen diese Zustände (noch) nicht kritisieren, ist das keine Entschuldigung hinzunehmen, dass Frauen selbst in Deutschland nicht einmal die Erlaubnis von Vater, Ehemann oder Vormund genügt, um in einem Männerteam im Ligabetrieb Flankenläufe zu absolvieren, Tore zu schießen oder Treffer als beherzte Torfrau zu verhindern. Netzwerkorganisationen wie "Fußball kann mehr", "Fußball für alle" oder der geschlechtergerechte Mifa-Weltverband fordern nichts Unmögliches, sondern Selbstverständlichkeiten ein. 

Das sollte jeden im Hinterkopf haben, der sich heute beim letzten Schicksalsspiel der deutschen Männerelf entschließt, gegen alle Gewissensnöte mitzuhitlern.

Mittwoch, 30. November 2022

Abenteuer Wärmestube: Familienausflug daheim in die Arktis

Familie Schreiber auf der heimischen Couch: Seit Wochen arbeiten Carolin (l.), ihr Mann und die drei Kinder erfolgreich an einer natürlichen Anpassung an die Kälte.

Das mit den Eisbären sei am schwersten gewesen, sagt Carolin Schreiber. Am Anfang waren sie alle ganz begeistert, sagt sie, aber der Spaß ließ nach, als wir ihnen sagen mussten, dass die Eisbären erst kommen, wenn wir sie im Zoo besuchen gehen. Eine heiße Schokolade habe sie den beiden Jungs und ihrer kleinen Schwester dafür aber gebracht, zum Trost. "Expeditionsnahrung nennen wir das", sagt Schreiber stolz.

Eine Expedition als Abenteuer

Es es ja auch eine Expedition, an der die 32-Jährige, ihr Mann Rolf und die drei Kinder - 3, 6 und 8 - seit nunmehr vier Wochen teilnehmen. Ausgangspunkt sei der Sparappell der Bundesregierung gewesen, erinnert sich Carolin Schreiber, ein propere junge Frau mit blondem langen offenen Haar im Luisa-Neubauer-Stil, unverstellt und natürlich, mit breiten Hüften und einem tiefen Lachen. Man habe am Abendbrotstisch oft diskutiert in jenen Tagen der Gasspardiskussion, als es in jeder Fernsehsendung um Füllstände und kommende Entlastungspakete ging. "Wir wollten natürlich auch etwas beitragen und unsere Jungs sind ja schon so groß, dass sie schnell entschlossen waren, nicht tatenlos an der Seite zu stehen."

Schreibers, sie städtische Angestellte in einem kleinen Ort im ländlichen Franken, er Versorgungsdirektor bei den örtlichen Windwerken, schmieden eines Abends, als die Geschwister bereits im Bett sind, einen verwegenen Plan. "Die Idee war, mit den Kindern eine virtuelle Expeditionsreise in die Arktis zu machen", erklärt Caroline Schreiber.  Dazu würde die Heizung daheim im Einfamilienhaus einfach aus bleiben, man würde sich entsprechend wärmer anziehen, nicht mehr so oft duschen oder eventuell sogar gar nicht. Und das Abendprogramm bestünde aus Filmen wie "Ice Age", dem Vorlesen des Buches "Nanuk, der Eskimo" und Fridjof Nansens "In Nacht und Eis - Die Polarexpedition 1893 - 1896".

Jubel bei den Kleinen

Die Kinder hätten gejubelt, wobei die kleine Sandra wohl gar nicht so richtig verstanden habe, was auf sie zukommen würde. "Wir haben gesagt, das wird ein Abenteuer, so richtig mit Gefahr und Bewährungsproben." Den neuen Hausregeln bei Schreibens stimmten alle zu: Heizung aus, dafür aber die Genehmigung, nachts unter der Bettdecke mit der Taschenlampe zu lesen. "Es ist bisher nur Kai, der die Buchstaben kennt, aber die anderen beiden schauen Bilderbücher an."Die dicken Skisachen wurden aus dem Keller und als neue Hausanzüge verteilt. "Bei bei dem Großen mussten wir allerdings neu kaufen, er wächst ja so schnell." Für den Kleinen, das Nesthäkchen Lars, reichten die abgelegten Sachen des großen Bruders vom Südtirolurlaub vor zwei Jahren. "Da hatten wir echt Glück."

Ausflug ins Ungewisse

Das Abenteuer der Schreibers begann langsam und beinahe unmerklich. Der Oktober war klimawandelbedingt wie immer viel zu warm. Die Arktis, die sich die Familie in die Stube hatten holen wollen, sie wollte einfach nicht kommen. "Manchmal habe ich in meiner Skiunterwäsche sogar geschwitzt", gibt Caroline Schreiber zu. Dabei sei sie eigentlich eine "Frostbeule", die ganz schnell ins Zittern gerate. Allerdings klagten die drei Kinder schon bei 16 Grad im Garten vor der Tür gelegentlich über laufende Nasen und kalte Finger. "Erst dachten wir, dass es die Seuche ist", sagt Caroline Schreiber, "aber letztendlich stellte es bei einem Arztbesuch als ganz normale Anpassungsreaktion an das Leben als Polarforscher heraus."

Profiteure der Anpassung

Seit es nun deutlich kühler geworden ist, ziehen alle fünf Familienmitglieder große Vorteile aus der allmählichen Anpassung an eine veränderte Umgebung. Niemand friere mehr so schnell wie früher, als bei 18 Grad im Wohnzimmer oft schon Protestgeschrei der Kleinen nach mehr Wärme erschollen sei. Man friere dafür zwar deutlich öfter, weil "12 Grad im Bad wirklich eine echte Herausforderung sind", wie Caroline Schreiber zugibt. Allein die Toilettenbrille komme ihr dann vor vereist, schmunzelt sie.

Aber dass Frieren an sich sei von einer ganz anderen Qualität, die Kälte, "Mitte November war es wirklich schlimm", werde als weitaus angenehmer empfunden als früher und als sinnvoller sowieso. "Wir kennen es ja nun nicht mehr anders", räumt Caroline Schreiber mit dem Vorurteil auf, dass dauerhafte zu kühle Wohnungen nach und nach auf das Gemüt schlagen. Getrieben von einer tiefen inneren Überzeugung aller Expeditionsmitglieder, dass der lange Marsch durch die weiße Wüste des Winters erst begonnen habe und viel davon abhänge, dass jetzt niemand aufgebe, mache man es sich schön, soweit das gehe. "Mein sagt immer, im Mittelalter haben die Menschen auch so gelebt, nicht nur einen Winter lang, sondern immer."

Kleine Prämien fürs Durchhalten

Ein Argument, das Caroline Schreiber und die drei Kinder letztlich überzeugte. Die positiven Eindrücke des Anpassungsexperiment überwögen. Man belohne sich selbst oft mit kleinen Prämien, ein Stück Schokolade, ein Extraschal. "Und wir kuscheln sehr oft", sagt Caroline Schreiber über die gemütlichen Stunden der gesamten Familie unter den beiden großen Flauschdecken auf der Liegelandschaft im Wohnzimmer. Das kalte Leder der Couch sei mit einem Schafsfell abgedeckt worden, ein kleiner Teelichtofen schaffe zudem die Illusion von Wärme. "Mir wird schon heiß, wenn da hingucke." 

Insgesamt schaue sie positiv in die Zukunft. "Die Kinder halten sich hervorragend, für sie ist das wirklich ein großes Abenteuerspiel." Noch 100 bis 120 Tage, rechnet Schreiber, dann sei das Schlimmste überstanden, hoffentlich ohne bleibende Schäden etwa durch Schimmelpilz in der Wohnung. "Obwohl wir es so kalt haben, dass der gar nicht wachsen kann", wie ihr ein Raumhygieniker versichert hat. Eine Sorge aber habe sie: "Wenn es dann warm wird, wie ertragen wir die Hitze im nächsten Klimasommer?"

Der Sammler: Meine schönsten Staatsbürgerschaften

17 Staatsangehörigkeiten besitzt Jean Andreas Elferat derzeit. Er findet es gut, dass Deutschland beschlossen hat, seine künftig global offensiver zu vermarkten.

Sie streiten wieder in der Berliner Ampel, diesmal nicht um Pfennigbeträge bei der Rettung der Bürgerinnen und Bürger und nicht um Tage und Stunden, die die deutschen Atomkraftmeiler weiterlaufen können, sollen oder nicht. Als neues Schlachtfeld nach den außenpolitischen Wochen rund um den am Ende dann zumindest für Deutschland doch noch sehr erfolgreichen Klimagipfel in Scharm El-Scheich ist die Innenpolitik auserkoren.  

Kluger Schachzug

SPD-Innenministerin Nancy Faeser, der im Amt nur noch wenige Wochen bleiben, ehe sie Ministerpräsidentin n Hessen werden wird, eröffnete das Spiel mit einem klugen Zug: Mehr Einwanderung, mehr Staatsbürger, mehr Deutsche, Fachkräfte, Kinder und überhaupt solle ein neues Staatsbürgerschaftsrecht bringen, das die Hürden für Wunschdeutsche senkt, ein friedliches Nebeneinander von diversen Staatsbürgerschaften erlaubt und damit nicht zuletzt auch die Aussichten erhöht, dass künftige Bundestrainer für die Fußball-Nationalmannschaft irgendwann doch wieder Fachkräfte für hinten rechts, links und vorn in der Mitte finden.

Das Protestgeschrei war dennoch groß, nicht nur in Sachsen. Ausländerfeinde, Anti-Diverse und Ablehner einer gesunden, durchmischten Gesellschaft, wie sie etwa anderswo längst zu finden ist, gingen auf die Barrikaden. Eine Staatsbürgerschaft, selbst wen es sich nur um die deutsche handele, dürfe man nicht "verramschen" hieß es. Auf dem Höhepunkt einer auf Asylrecht und der Hilfe für Kriegsflüchtlingen  gründenden Einwanderungswelle sei es der falsche Augenblick, weitere Millionen Fachkräfte ins Land zu holen. Und: Die kolonialistische Sitte, sich fehlendes Personal, am liebsten junge, auf Kosten anderer Volkswirtschaften gutausgebildete Menschen einfach "schenken" zu lassen, wie es die grüne  Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckhardt vorgeschlagen hat, könne kein Weg sein für ein Land, das schon in der Ära der sogenannten Gastarbeiter schwere Schuld auf sich geladen habe.

Ein Staatsbürgerschaften-Sammler spricht

Zu hoch gehängt, zu ernst genommen, sagt Jean Andreas Elferant, der schon seit mehr als 20 Jahren Staatsbürgerschaften sammelt. Derzeit besitzt der gebürtige Rüganer 17, Antragsverfahren für weitere elf laufen, wie er sagt. Staatsbürgerschaften seien sein Hobby, kein einfaches, denn es gelte, sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen. "Doch mir macht es Spaß 8nd ich kann mir nichts schöneres vorstellen als den Augenblick, wenn ein neuer Pass zugeschickt wird oder ich in einem neuen Land, in dem ich vorher nie war, feierlich meine Einbürgerungsurkunde überreicht bekomme."

Elferant, von Beruf Jungunternehmer in der Elektrokaminbranche, hat seine Wahl jedenfalls nie bereit. "Dabei ist sie damals nicht strategisch gewesen", räumt er ein. Vielmehr begann alles mit dem Sport, dem seinerzeit die ganze Leidenschaft des großgewachsenen und heute noch durchtrainierten Mecklenburgers begann. "Ich war gut, aber für die deutsche Equipe nicht gut genug", erzählt er, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Doch der Traum von Olympia und von Weltmeisterschaften, er lebte tief in ihm. "Dafür macht man das doch." Als dann ein Angebot aus dem asiatischen Raum kam, für die dortige Nationalmannschaft zu starten, "musste ich nicht lange überlegen". Seine deutsche Staatsbürgerschaft habe er ja behalten dürfen. "Für mich änderte sich also nichts."

17-facher Staatsbürger

Jean Andreas Elferat war nun auch Thailänder, wenig später kam eine vietnamesische Staatsbürgerschaft dazu, "denn bei einem Besuch dort habe ich mich verliebt." Es war der Beginn eines märchenhaften Aufstiegs des beruflich meist sehr eingespannten Mittdreißigers zu einem der weltweit führenden Staatsbürgerschaftensammler. "Soweit ich weiß, liege ich im Moment auf Platz sieben", sagt er selbst. 

Eine offizielle Rangliste gibt es nicht, da das Sammeln in den meisten Staaten derzeit noch mit schelen Blicken bedacht wird. Die USA etwa, an deren Staatsbürgerschaft Elferat über ein längeres Antragsverfahren und einen mehrjährigen USA-Aufenthalt samt kurzzeitiger Ehe mit einer Amerikanerin kam, verlangten eigentlich, dass fremde Staatszugehörigkeiten abgelegt würden. Ein Unding für den Familienvater, denn er besitzt längst auch die türkische Staatsbürgerschaft. "Und die lässt sich gar nicht ablegen."

Die geheimen Tricks der Staatsangehörigkeitensammler

Über die Einzelheiten, wie sich Staatsbürgerschaften herbeiorganisieren ließen,, schweigt des Sammlers Höflichkeit. Der Sport könne helfen, etwa  über korrupte asiatische Verbände, die stets Skifahrer, Rodler und Skispringer suchten. Im Mittelmeerraum dagegen sei Geld das Mittel der Wahl. Viele EU-Staaten bezahlten schon kleinere Investitionen von Ausländern nicht nur mit größeren Steuervorteilen, sondern auf Wunsch auch mit der Vergabe der Staatsbürgerschaft. Zypern sei ein heißer Tipp, wer Malteser werden wolle, müsse hingegen mehr investieren: "Da wird schon verlangt, dass man in Deutschland ein Konsulat eröffnet." Schwierig sei die Schweiz, Österreich dagegen habe wie Kanada einen Fokus auf Abstammung und Blutlinien. "Da lässt sich mit ein paar Euro immer eine Urgroßmutter finden."

Dass Deutschland jetzt beschlossen hat, seine künftig Staatsangehörigkeit global offensiver zu vermarkten, begrüßt der Sammler. "Es wurde Zeit", sagt er, "denn ich kenne viele, die sich seit Jahren bemühen, aber in den Mühlen der Bürokratie hängengeblieben sind." Zu hoch die Hürden, zu streng die Anforderungen. "Dabei haben wir doch einiges zu bieten", sagt Elferat und verweist auf die ausgezeichneten Sozialleistungen, die Autobahnen ohne Tempolimit und die  großen Anstrengungen, die CO2-Werte zu senken. Wer Teil dieses großen Transformationsprozesses werden wolle, müsse die Möglichkeit haben, unbürokratisch und ohne langen Wesenstest. "Ich sage da, jeder ist eingeladen, also muss auch jeder kommen und bleiben können."

Das Hobby gilt denen, die es betreiben, als nicht einfach und schon gar nicht billig. "Man ist viel unterwegs, überall halten Leute die Hand auf", berichtet Elferat von seinen Reisen rund um die Welt. Dafür aber sei das Staatsbürgerschaftensammeln höchst interessant, man treffe viele Menschen, lerne viel über unterschiedliche Konzepte von Bürokratie, über verschieden Korruptionslevel und kulturelle Eigenheiten. So sei er etwa auch Bürger einer sogenannten native nation in den Vereinigten Staaten, eine Staatsangehörigkeit, die derzeit noch nicht weltweit anerkannt werde. "Aber im Zuge von black lives matter denke ich, dass die Aussichten gut sind, dass diese Diskriminierung nicht auf Dauer bestehen bleibt."

Gabuner, Slowene und Slowake zugleich

Er selbst, mittlerweile auch Bürger von Gabun, Jordanien, Spanien, Schweden, Ecuador, Peru, Kolumbien und Brasilien, sei zufrieden mit dem bisher erreichten. "Mir ist es ja sogar gelungen, Este, Pole, Tscheche und Slowake, aber auch Slowene und Kroate gleichzeitig zu werden. Auf die ukrainische Staatsbürgerschaft warte er noch, ebenso auf die Litauens, Finnlands, Irlands und einer Reihe weiterer Staaten "rund um das Mittelmeer", wie er formuliert, ohne auf Einzelheiten eingehen zu wollen. Soweit ich weiß, hält der führende Staatsangehörigkeitensammler weltweit, ein früherer Fußballprofi, im Moment 64 Staatsangehörigkeiten", sagt Elferat. Es werde ein langer, ein sehr langer Weg für ihn, dorthin zu kommen. "Aber ich habe ja noch einige Jahre vor mir, warum also nicht."


Dienstag, 29. November 2022

Munitionsgipfel: Beschaffungswochen in Berlin

Trotz aller Geheimhaltung: Bekannt ist, dass Deutschland kaum über Munitionsvorräte für das 1885 von dem amerikanisch-britischen Erfinder und Konstrukteur Hiram Maxim entwickelte Maxim-Maschinengewehr verfügt.

Erst kam der Krieg, dann folgte die bittere Erkenntnis: Als die Vereinigten Stabschefs der Rückwärtigen Dienste der Bundeswehr Anfang März gemeinsam mit der neuen Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht eine erste Grobinspektion der in Deutschland noch vorhandenen Waffen- und Munitionsbestände durchführten, gelang es zwar in relativ kurzer Zeit, die Standorte beinahe aller großen Waffenlager aus der Zeit des Kalten Kriegs zu ermitteln. Vor Ort aber erwartete die Inspekteure vielerorts ein Bild des Schreckens: Leere Regale, überlagerte Patronen, Gewehre, für die keine Schultergurte mehr vorhanden sind, und Pistolen, für die Gürtelhalfter fehlen. Den Zugang zu "mehr als einem Bunker", wie es im politischen Berlin heißt, mussten Beamte des Bundeswehr-Schlüsseldienstes ermöglichen, weil geheime Zugangskarten seit dem Ende des Kalten Krieges verlorengegangen waren.

Sprachregelung gegen Munitionsmangel

Ein Desaster, auf das das Ampel-Kabinett umgehend reagierte. Noch im April erging ein Prüfauftrag an die Bundesworthülsenfabrik (BWHF) in Berlin mit der Bitte, eine Sprachregelung zu entwerfen, mit der der eklatante Munitionsmangel bei Deutschland in den zurückliegenden Jahrzehnten gesundgeschrumpfter Armee den Ruch einer akuten Gefahr verliere. Positiv motivierend und zukunftsfähig sollte die verbale Lösung für den Kriegsfall sein, eine Sprachhülse, die eingängig und zupackend klingt und damit vorerst Ruhe schafft an der Bewaffnungsfront.

Es war der "Munitionsgipfel", den die BWHF in Erinnerung an die vormals so erfolgreichen "Impf-" und  "Benzingipfel" vorschlug. Präzise platziert zwischen medialem Klimahochlauf rund um das Welttreffen der Klimaoptimisten in Ägypten und den Bindenstreit rund um Katar, würde der Munitionsgipfel schnell für Nachschub für die Truppe sorgen, der im Augenblick laut Bundeswehrverband Patronen, Granaten und Raketen im Wert von 20 bis 30 Milliarden Euro fehlen.  Der neuen Name in der langen deutschen Tradition der Chefsachen und Gipfel schickte sich an, das drängendste Problem des Munitionsmangels zu lösen, das nach Einschätzung aller demokratischen Parteien darin bestand, dass jederzeit jemand hätte fragen können, wie es dazu hatte kommen können. 

Signale an die Heimatfront

Rituell von eigens herbeigerufenen "Tagesschau"-Kamerateams abgefilmt, trafen sich  Regierungsvertreter und die seit den Zeiten von Albert Speer auf möglichst hohe Profite geeichten Bosse der Rüstungsindustrie im Kanzleramt. Ziel der Veranstaltung: Nach draußen signalisieren, dass man gemeinsam alles unternimmt, um die Produktion zu steigern. Das Kanzleramt sieht die Rüstungsindustrie in der Pflicht, die Rüstungsindustrie hingegen verwies bisher stets darauf, dass man nur liefern könne, was bestellt werde. 

Allein die Ausrufung der "Zeitenwende" durch den Kanzler im vergangenen Winter, nörgelten die Manager, habe keinen Auftragsboom ausgelöst. Man müsse sagen, "dass wir keine vernünftige Rüstungsindustrie haben", klagte dagegen Wolfgang Schmidt, Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes über den Moment, als sich die deutsche Vorstellung, man verfüge bis heute über eine imposante Anzahl an großen, bedeutsamen Rüstungsschmieden, deren Waffen überall in der Welt mitmorden, als Illusion herausstellte.

Primat der Politik

Kleine Mittelständler nur sind es, im weltweiten Vergleich bescheidene Klitschen, die in der Vergangenheit oft am Rande der Insolvenz entlangschrammten, häufig den Eigentümer wechselten und Produkte anboten, die unter den Bedingungen des weltweiten Klimawandels nicht einsatzfähig waren. Wo Kapazitäten hätten ausgeweitet werden können, legten frühere Bundesregierungen ihr Veto ein, um weltweite Krisen und Kriege nicht weiter anzufeuern. Nun fehlt es an den groß, schnell hochfahrbaren Produktionsstrecken in der Kriegswirtschaft, um die neue Prämisse deutscher Friedenspolitik umzusetzen: Frieden schaffen mit möglichst vielen Waffen.

Auch die sogenannten "Beschaffungswochen" in Berlin gehen auf einen Vorschlag aus der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) zurück, deren politische Botschaftsdesigner auf das natürliche Themensterben in der deutschen Presselandschaft und das nahende Weihnachtsfest setzen. Interne Papiere zur Munitionsgipfelvorbereitung verweisen auf eine Zeitlücke von nur etwa drei Wochen, bis der eklatante bis grassierende Mangel an verschussfähiger Munition automatisch der Klage über sinkende Temperaturen, zu hohen Gasverbrauch und der Vorfreude auf Weihnachten und das Inkrafttreten der Gas- und Strombremse weichen werde. 

Kapazitätsbremse lösen

Bis dahin müssten regierungsamtliche Klagen über die seit "Jahrzehnten sträflich vernachlässigte und heruntergewirtschaftete Truppe" (Christine Lambrecht) und der heilige Schwur ausreichen, dass der Bundeswehr im Kriegsfall nicht "innerhalb von maximal zwei Tagen die Munition ausgehen würde". Sondern erst nach drei oder vier, so dass für ein Hochfahren der Produktionskapazitäten noch ausreichend Zeit bleibe, wenn es erst soweit sei und die bedingte Abwehrbereitschaft auf den Prüfstand komme.

Vorbild Katar: Das Emirat der Träume

Katar ist klein, aber weitgehend naturbelassen. Die versiegelte Fläche beträgt nur 0,001 Prozent der deutschen.

Es hat etwas gedauert, bis die Wahrheit sich durchsetzen durfte. Vier, fünf, sechs Wochen lang kam alles ungeschönt ans Licht, was über das Wüstenemirat Katar zu sagen war, es wurde abgerechnet und vorgezählt, enthüllt und angeprangert, dass sich andere Reiche des Bösen in fast schon deutschlandgleiche Idyllen voller Menschenrechte, Freiheiten und hochentwickleter Sozialmoral verwandelten. Der Blick aus Europa hinunter an den Persischen Golf, ein Gewässer, das von Schurkenstaaten umgeben ist wie Wladimir Putin von Leibwächtern, zeigte dem deutschen GEZ-Zuschauer und dem neugierigen Zeitungsleser einen Abgrund an Verlogenheit, gefüllt mit Bosheit, brutaler Gewalt.Sklaverei und Ausbeutung überzuckerten die Mixtur aus unislamischem Islamverständnis, Terrorunterstützung gab der Unterstützung der Fifa die Hand und Harthörigkeit gegenüber allen wohlgemeinten Regenbogen-Ratschläge würzte einen Cocktail, der nicht einmal Alkohol enthielt, einen Grundbestandteil deutscher Fußballkultur.

Beruhigte Gemüter

Mittlerweile aber haben sich die Gemüter beruhigt, die Binden sind verschwunden, die Gesten, Zeichen und Symbole auf dem Heimflug. Und so macht sich 4.500 Kilometer nördlich von Doha langsam ein tieferes Verständnis von Land und Leuten breit: Katar, arabisch قطر , entpuppt sich nun vor aller Augen als ein Partner, den es zu respektieren gilt, wie Robert Habeck ihn bei seinem Besuch zum Abschluss des großen Gasvertrages respektiert hatte. Es verbietet sich, den Männer hier das Tragen von "Bademänteln" (Sandro Wagner) anzudichten, es ist nicht mehr angemessen, Fußballzuschauer bei ARD und ZDF wegen "Mithitlern" (Micky Beisenherz) zu beschimpfen und wenigstens als Ehrengast auf der Tribüne das Freiticket zu nutzen, um auf Untaten der Gastgeber hinzuweisen.

Katar zeigt sich nun, zwei Wochen nach Turnierbeginn, als das Traumland von Klimafreunden, Anhängern der Diversität und Verfechtern kleiner, regionaler Wertschöpfungskreise. Das Emirat verzichtet zum Beispiel konsequent auf die Nutzung der besonders klimaschädlichen Braunkohle, ist aber auch in die Nutzung der Hochrisikoenergie aus dem Atom nie eingestiegen. Stattdessen setzen die Scheichs von Anfang an auf Erdgas als Brückentechnologie in eine erneuerbare Zukunft - eine Strategie, die auch die Grünen in Deutschland noch im vergangenen Jahr in ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl favorisiert hatten. 

Beispielhate Klimanation

Beispielhaft, wie sich auch in den Verbrauchsdaten zeigt: Pro Kopf verbrennt jeder Katarer jährlich zehnmal so viel Erdgas wie der durchschnittliche Deutsche. Weil Katar seine Einwohnerzahl aber stabil bei 300.000 Staatsbürgern hält, ergibt sich daraus nur eine Gesamtbelastung von weit weniger als sieben Prozent der von Deutschland als einem der globalen Hauptsünder verursachten.

Auch in anderer Hinsicht kann sich Europas Führungsnation mehr als eine Scheibe vom Wüstenemirat abschneiden. Denn die 300.000 katarischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger bieten heute schon knapp drei Millionen Menschen aus dem Ausland eine zweite Heimat in einer überaus diversen Gesellschaft. Der Ausländeranteil auf der kleinen Landspitze, die aus Saudi-Arabien herausragt wie eine Warze, liegt bei knapp 90 Prozent. Pegida- und Querdenker-Demonstrationen, Proteste gegen den Zuzug so vieler Fremder vor allem aus Indien, Bangladesch, Nepal, Pakistan und Sri Lanka, die alle ihre Kultur und ihre für die Einheimischen verstörend wirkenden Gebräuche mitbringen.

Trotzdem gibt es nach Angaben des Auswärtigen Amtes kaum Kriminalität, die aus Deutschland bekannten "jungen Männer" und "Partypeople" sind kein Thema, dafür aber digitale Technologien, die wie in Deutschland nicht selbst hergestellt, im Unterschied zur Berliner Republik aber "intensiv genutzt (AA) werden. Doha gilt als sicherste Stadt der Welt, wohl Studien zuletzt nachgewiesen haben, dass der Klimawandel mit seinen steigenden Temperaturen "uns aggressiv und gewalttätig" (BW24) machen. Die Katarer und ihre Gäste aber trotzen selbst Sommern mit Höchstwerten von 50 Grad im Schatten und Durchschnittstemperaturen um die 40 Grad mit kaum kühleren Nächten, indem sie ihre bademantelnden Dischdascha-Kaftane tragen.

Kampfstart ohne  Sonderschulden

Beispielhaft ist Katar auch militärisch. So klein das Land erscheint, so klein sind seine Streitkräfte. Aber kampfstark: Katar verfügt über mit 0,35 Prozent der Bevölkerung Deutschlands über 15 Prozent der des Bundeswehr-Bestandes an Leopard-Panzer und zwölf Prozent der Anzahl der Panzerhaubitze 2000,  die im Kriegsfall die 30 Mal größere freiheitlich-demokratische Grundordnung verteidigen sollen. Katar hat sich weitgehend von Deutschland ausrüsten lassen, damals, als das Regime noch nicht im Verdacht stand, kein idealer Wertepartner zu sein.

In Sachen Klima aber ist der Kleinstaat kaum weniger bedroht als das große Deutschland. Mit einer durchschnittlichen Höhe von nur 28 Meter über Meeresspiegelhöhe gehört Katar wie Tuvalu und die ehemalige deutsche Kolonie Palau zu den Ländern, die der klimabedingte Meeresspiegelanstieg noch bereits beinahe komplett überspült haben wird, wenn der Kölner Dom noch immer nur auf dem "Spiegel"-Titel untergeht. Die Berglandschaft um den Qurain Abu l-Baul, mit 103 Metern die höchste Erhebung des Landes, erstreckt sich über nur wenige Kilometer. Zu klein, um selbst nur den 300.000 katarischen Staatsbürger Zuflucht zu bieten. 

Entsprechend lehnt Katar das umweltzerstörende Fracking-Verfahren rundheraus ab. Es wird in Katar wie in Deutschland nicht angewendet. Stattdessen hat sich das Emirat bereiterklärt, Deutschland Wunsch nach Erdgaslieferungen aus gefrackten Vorkommen nachzukommen, indem Firmen aus Katar US-Fracking-Gas aus Texas nach Europa verschifft.

Deutschland und Katar, sie sitzen mithin in einem Boot, gefangen vom gleichen Schicksal. Wie Katar von Deutschland Fußballspielen und Moral lernen könnte, könnte Deutschland beim kleinen Gasland Nachhilfe nicht nur in Sachen Diversität und Verteidigung, sondern auch beim schonenden Umgang mit den begrenzten natürlichen Ressourcen nehmen. Bis heute beschränken sich die Katarer auf die Nutzung nur weniger Teile ihres Landes, die meisten Flächen sind naturbelassen, unversiegelt und so, wie sie vor hunderten Jahren schon waren. Waldsterben, Vernässung, saurer Regen, Plastiktrinkhalme und Silvesterfeuerwerk, das ganze alte Fachwerkstädte in Brand setzt - Probleme, die Katar nicht hat.

Beilegung der großen  Streitfragen

Nun, da der große Dissenz um den richtigen Kurs durch das Fifa-Turnier beigelegt ist, wird es Zeit, dass Berlin und Doha sich an einen Tisch setzen und einander zuhören: Wie habt ihr, könnte die deutsche Seite fragen, eine französische Firma dazu gebracht, mit deutschen Maschinen binnen von nur neun Jahrenein U-Bahn-Netz in den Wüstenboden rammen? Und das nach einem Fahrplan der Deutschen Bahn? Und wie ist es Euch gelungen, würde Emir Tamim bin Hamad Al Thani wissen wollen,bei allem, was Euch nicht gelingt, immer zu glauben, ihr könnt es am besten?