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| Ein wenig durchfroren, aber guter Dinge: Die Hitzeschutzaktivisten aus Thüringen wollen Deutschland in den kommenden Jahren zur sichersten Sommerregion der Welt machen. |
Sie frösteln ein wenig, der eine oder andere hat den Schirm dabei, ein Regencape oder einen kuschligen Schal. Ab und an blinzelt die Sonne zwar durch die Wolken über dem hünbschen kleinen Marktplatz von Sömmerda. Aber "sie wärmt nocht nicht", beklagt sich Roland Becker vom Bündnis Hitzeschutz Thüringen (BHT), der gerade versucht, einen großen Sonnenschirm mit ein paar Leinen festzuzurren. "Nicht, dass der Wind uns den noch um die Ohren fliegen lässt", sagt er schmunzelnd.
Bollbart, Regencape, Entschlossenheit
Nein, Becker, Vollbart, Regenjacke, Wanderrucksack in einen gelben Regenschutz gehüllt, hat den Humor nicht verloren. Dass ausgerechnet das Wetter den Organisatoren der bundesweiten großen Warnaktion zum Hitzeaktionstag einen Strich durch die Rechnung machen würde, damit hatttte niemand gerechnet. "Doch wir lassen uns davon nicht kleinkriegen", sagt Hitzeschutzaktivistin Margot Langhans, die eigens zur Unterstützung der Besetzung des Warnstandes auf dem Markt aus ihrem kleinen Dorf in der Nähe schon morgens früh angereist ist.
Weil um diese Zeit keine Busse führen, habe sie einen Nachbarn bitten müssen, sie zu bringen, sagt Langhans. "Zum Glück holt er mich heute Nachmittag auch wieder ab." Nach einem Blick auf Thermometer und Wetterbereicht hat die 67-Jährige sich entsprechend vorbereitet. "Regenjacke, Norwegerpullover, dicke Socken und feste Schuhe", zeigt sie ihre Bekleidungsorndung vor. "Ich weiß ja noch vom vergangenen Jahr, dass wir am Aktionstag ordentlich gebibbert haben."
Im Mai war alles supergut
Dass es wieder so kommen würde, hatte allerdings niemand geahnt. Noch im Mai habe alles "supergut" ausgesehen, erinnert sich Roland Becker. Mehr als 30 Grad, das gab es noch nie in dieser Jahreszeit. Die ersten Experten sagten den nächsten Höllensommer voraus. Sonnenschein vom Juni bis September. Dürre und verbrannte Erde. "Es war überall im Fernsehen, in allen Medien", sagt Becker, "und ehrlich - so beunruhigt bin ich noch nie gewesen."
Der 55-Jährige, ehemals Mitarbeiter der Stadtverwaltung, aber wegen einer Hüftverletzung frühverrentet, engagiert sich seit dem Beginn des deutschen Hitzeaktivismus gegen Sommer, Sonne und Sonnenschein. Als der damalige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach im Sommer 2023 das Unerhörte wagte und den Menschen draußen im Land reinen wein über die Lage einschenkte,, war Becker erschrocken.
Verbrannt bei 34 Grad
"Herr Lauterbach sagte ja ganz klar, dass zuerst all die Urlaubsziele im Süden keine Zukunft mehr haben würden, weil sie in glühenden Hitze von bis zu 34 Grad förmlich verbrannt werden." Zudem werde der Klimawandel nach dem Süden Europas auch den Norden zerstören. "Dass wir Hitzeschutzpläne, Trinkbrunnen und Kühlräume brauchen, leuchtete mir sofort ein", erzählt Roland Becker, der sich damals als einer der ersten Freiwilligen beim Hitzeschutzstab seiner Heimatstadt meldete. "Mit war klargeworden", sagt er, "dass die weltweite Erwärmung uns regelrecht davongaloppiert."
Die Temperaturtabellen seitdem zeigen, dass das Engagement aus der Zivilgesellschaft, aber auch die administrative verordnung von Hitzeschutzplänen durchaus etwas bewirkt haben. Schon nach der Ankündigung der damaligen Ampel-Regierung, dass Städte und Gemeinden nach dem Vorbild des Nationalen Wärmeplans (NWP) auch einen verbindlichen Nationalen Hitzeschutzplan (HS) entwerfen müssten, pegelten sich die Hitzewellen ein. Aus der "immer heißeren Hitze", wie es die Aktivisten Margot Langhans nennt, wurde eine Wärmewende, die zwischenzeitlich zu einer akuten Abkühung zu führen schien.
Häufiger, länger und intensiver
Aber Irrtum, winken die Aktivisten am Hitzeschutzstand in Sömmerda da. "Schon vor diesem Sommer hat Europa in diesem Jahr bereits zwei extreme Hitzephasen erlebt, darunter eine Ende Mai, bei der in Südfrankreich und Norditalien Temperaturen von über 40 Grad Celsius gemessen wurden", rekapituliert Roland Becker den Stand der Dinge. Unübersehbar sei, dass Hitzewellen häufiger, länger und intensiver würden. So sei es 2015 im Sommerdurchschnitt in Deutschland 19,6 Grad heiß gewesen, 2023, 2024 und 2025 dann immer über 18 Grad. "Mit erheblichen Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung und die Belastbarkeit unseres Gesundheits-, Pflege- und Sozialwesens", ist Becker sicher.
Insassen und Angestellte dort stöhnen regelmäßig unter Bedingungen, die einst noch für ein gemäßigtes mitteleuropäischen Klima geschaffen worden waren. Kleine, enge Räume. Niedrige Decken. Eine sich schon architektonisch entschlossen ausdrückende Menschenverachtung durch eine "Ignorenz Frischluftkorridoren und Hitzedämmung gegenüber", wie es Margot Langhans nennt, die im Höllensommer 2025 das Pech hatte, mit einem gebrochenen Bein vier Wochen Klinikaufenthalt über sich ergehen lassen zu müssen. "Dass sie dort keine Klimaanlagen haben, ist Absicht", sagt sie.
Zu hoher Stromverbrauch
Auf Nachfrage sei ihr mitgeteilt worden, dass der Stromverbrauch solcher Geräte durch das Krankenhaus angesichts der hohen deutschen Energiepreise nicht zu finanzieren sei. "Die Kassen übernähmen das nicht, weil sie sonst die Beiträge erhöhen müssten." Wohlweislich habe Karl Lauterbach das in seinem Hitzeschutzplan berücktsichtigt. "Von Klimaanlagen steht dort nichts", bestätigt Ronald Becker. Das sei auch richtig so, denn künstliche Kälte sei "der kleine Tod fürs Weltklima".
Man müsse sich auch klar sein, dass jeder Versuch, sich an steigende Temperaturen anzupassen, zu einem trügerischen Sicherheitsgefühl führe. "Viele sagen dann, ein bisschen wärmer ist doch schön, das Wetter auf Mallorca fand ich schon immer besser als das hier bei uns." Er aber warne vor solcher verharmlosenden Parolen, die dem Kampf gegen die Erderwärmung schwer schaden. "Wenn wir auf die Zahl der Hitzetoten schauen", sagt er, "dann wissen wir, dass ein großes Problem haben."
Die Zahlen sind eindeutig und sie sind absolut erschreckend. Noch vor einem halben Jahrhundert existierte der Begriff "Hitzetote" faktisch nur, um Unfallopfer bei Hausbränden oder in Stahlwerken zu bennenen. Inzwischen (siehe Grafik) zählten Wissenschaftler Jahr für Jahr mehr Menschen, die an oder mit Hitze gestorben sind. Zuletzt waren es 62.000 Tote, die im mit 18,5 Grad Durchschnittstemperatur eher kühlen Sommer 2024 ihr Leben lassen mussten. Das war so warm wie der Sommer 1983, der als einer der außergewöhnlichsten und extremsten "Jahrhundertsommer" des 20. Jahrhunderts in die Geschichte einging, aber Berichten des Nachrichtenmagazins "Spiegel" zufolge nicht einen einzigen Hitzetoten forderte.
Aktionstag Hitzetod
Es sei damals "viel verharmlost worden", glaubt Roland Becker aus eigener Erfahrung. Dass sich wie heute mehr als 150 Organisationen aus Gesundheitswesen, Pflege, Wohlfahrt und Zivilgesellschaft zusammenschließen, um am Bundeshitzeaktionstag gemeinsam davor zu warnen, dass Deutschland auf Extremhitze als Krisenlage bislang nicht ausreichend vorbereitet ist, sei damals unvorstellbar gewesen. 1983, erinnert sich Margot Langhans, die damals ihren Peter heiratete, "hatten wir 17 Hitzetage in Folge, nämlich genau von unserem Hochzeitstag am 3. Juli bis zum 19., als wir nach unserer Hochzeitsreise an die Ostsee beide wieder arbeiten mussten".
Es seien herrliche Tage gewesen. Die alte Dame am Hitzeschutztstand schwärmt. Sonne satt und blaues Meer, heißer Sand und kühle Getränke. "Wenn wir am Strand in der prallen Mittagssonne lagen, wollten wir braun werden und nicht darüber nachdenken, wie Hitzeschutz verbindlich in Krisenvorsorge und Katastrophenschutz integriert werden kann", sagt Langhans.
Das Wetter war, wie es war
Was für eine verrückte Zeit, sagt sie seufzend. "Man nahm das Wetter, wie es kam." Von der Regierung und den Behörden in der damaligen DDR habe sie nicht einmal Tipps und Hinweise bekommen, wie sie sich und ihre Lieben vor Sonne und Hitze hätte schützen können. "Wir waren ganz auf uns gestellt bei der Frage, ob wir lieber im Schatten sitzen oder unter Bäumen sitzen oder einen Hut aufsetzen wollen."
Margot Langhans und ihre Aktivistenkollegen wollen, dass es junge und alte Leute einmal besser haben. Auf ihrem Tisch am Informationsstand haben die Hitzeschützer Broschüren aufgestapelt, die über mobile Klimaanlagen, kleine USB-Ventilatoren und die Möglichkeit informieren, statt unter einer dicken Winterdaune im Sommer mit einer leichten Decke zu schlafen. "Da geht ein Baumwoll-Polyester-Mix, die weniger klebrig auf der Haut liegt", sagt Margot Langhans, die als Schlafexpertin der Thüringer Hitzeschutzgruppe gilt. Eine Option für alle, denen selbst das noch zu heiß ist, sei ein Bettbezug aus Seide. Langhans' Trick: "Einfach ohne Inlett als Decke verwenden."
Werde es zu kalt, lasse sich schnell eine reguläre Daune einziehen. "Damit setzen Hitzebetroffene das TOP-Prinzip um wie es der Bundeshitzeschutzplan empfiehlt", sagt Roland Becker. Technische Maßnahmen wie Klimaanlagen, Ventilatoren, Trinkbrunnen und Verschattungsanlagen oder wärmeangepasste Decken sollen danach ergänzt durch organisatorische Maßnahmen.
Meister der Maßnahmen
"Unsere Handreichung empfiehlt etwa, dass sportliche Aktivitäten aus den Mittagsstunden auf den frühen Morgen und der Genuss von alkoholischen Getränken auf die kühlere Abendzeit verlegt werden", liest Becker vor. "Wir bieten dazu dank eines Förderprogramms gegen Wetterextreme", sagt der Hitzeschutzexperte, "nicht nur Schulungen an, sondern für Betroffene auch die Bereitstellung von Sonnenhüten, Sonnenbrillen oder Sonnencremes."
Hitzeschutz sei kein Modeartikel, sondern Voraussetzung für den von der EU geplanten Wiederaufbau Europas. Auch für Karl Lauterbachs Nachfolgerin als Bundesgesundheitsministerin steht das Überleben deshalb im Mittelpunkt. Einmal im Jahr hat das Problem für Nina Warken höchste Priorität. Jeweils zum Hitzeaktionstag Anfang Juni meldet sich die CDU-Politikerin sachkundig zum Thema zu Wort.
Priorität einmal im Jahr
Im vergangenen Jahr, erst frisch im Amt, half sie Wärmebetroffenen mit einem "Bundesmusterhitzeschutzplan", der einen Verzicht auf Grillen und Alkohol bei Sportveranstaltungen empfahl. In diesem Jahr lässt die Ministerin per Interview mit der "Rheinischen Post" noch konkretere Hinweise fallen: "Hitzeschutz ist Gesundheitsschutz und beginnt mit einfachen Maßnahmen, auf die jeder verstärkt bei sich selber und dem Umfeld achten sollte."
Am Hitzeschutzstand in Sömmerda lehnen die fröstelnden Hitzeaktivisten diese neoliberale Neuausrichtung ab. Dem Einzelnen individuelle Verantwortung zuzuschieben, sagt Margot Langhans, sei "doch der Irrwitz". Auch Ronald Becker sieht das so. "Dass das Gesetz zur Klimaanpassung, das seit dem Juli 2023 greift, hat entscheidend dazu beigetragen, dass Deutschland künftig besser gegen Hitze gewappnet ist", betont er.
Gesetz verhindert Hitze
Großen Anteil daran habe auch die seit 2023 geltende Pflicht für Bund und Länder, Strategien vorzulegen, die eine flächendeckende Klimavorsorge ermöglichen. "Hätten wir nicht durch das Gesetz einen ganz konkreten Rahmen, um Notfallmaßnahmen in Starkregen-Hotspots zu ergreifen oder den Hitzeschutz für besonders gefährdete Gruppen wie alte Menschen und Säuglinge zu verbessern, wüsste ich nicht, wie wir zurechtkommen sollten".
Für den Hitzeschützer ist trotz der noch recht kühlen Witterung klar, dass Vorsorge jetzt mit Hochdruck vorankommen muss. Das bedeute auch mehr finanzielle Beteiligung des Bundes, mehr Klimaanpassungsmanager vor Ort, mehr Grünflächen, Bäume und jährliche Hitze-Checks für Hotspots. Becker schätzt den Finanzbedarf für die Umsetzung von Klimaanpassungsmaßnahmen bis 2030 auf 88 Milliarden Euro, Tendenz steigend.
Eskalation verhindern
Wo genau so viel Geld herkommen soll, ist noch unklar. Doch wer die Förderung dieser gesellschaftlich so wichtigen Aufgabe verweigere, "nimmt die Eskalation der Klimakrise bewusst in Kauf", warnt Petzold mit Blick auf das diesjährige Motto des Hitzeaktiontages: "Gemeinsam cool bleiben", lautet das undim Untertitel "Gemeinsam vorsorgen gegen Extremhitze".
Mit dem bisherigen Verlauf sind sowohl der Chef des Schutzbündnisses in Sömmerda als auch die Anpassungsratgebrin Langhans zufrieden. "Dass uns das Wetter vom Juni zurück in den April katapultiert hat und nicht in den Februar hat", sagt Roland Petzold, "zeigt, dass selbst die früher gefürchtete Schafskälte heute nur noch eine Schafskühle ist".



2 Kommentare:
Ich weiß nicht, in schwarz-rot-gold der Hitze widerstehen wollen, das widerspricht allen bisherigen Mediendenberichten zu diesem Thema.
Was waren das noch für Zeiten, als man aus einem heißen Sommer einen beschwingten Musicalfilm mit hübschen Frauen, attraktiven Männern, kessen Dialogen und schönen Bildern machte.
Da waren wir ja auch noch freie Menschen und mußten nicht unter der Knute verhärmter Moralisten leben.
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