Freitag, 2. Oktober 2026

Traum der Politik: Die programmierte Gesellschaft

Programmierbare Gesellschaft, Gesellschaftssteuerung Politik, Kybernetik Moderne, Zentrale Lenkung Kritik, KI Gesellschaftskontrolle, Politik als Dirigent
Eine direkt programmierbare Gesellschaft war schon immer die Sehnsucht der Spitzenpolitik. 

Es wäre so einfach, es würde so vieles leichter machen und die vielen end- wie fruchtlosen Diskussionen auf einen Schlag beenden, unter denen die gesellschaftliche Debatte in hochentwickelten Demokratien zunehmend häufig leidet. Die unterschiedlichen Meinungen. Die Abweichler. Die Zweifler und Leugner. Das Rauschen unendlich vieler Stimmen, die eine Kakofonie aus unverständlichen und meistenteils überflüssigen Einzelansichten erzeugen.

Ansage von oben 

Wie leicht dagegen wäre eine programmierbare Gesellschaft zu steuern. Ansage oben. Ausführung unten. Kein Gezeter über dies und kein Gejammer über das. Eine Gesellschaft, die sich nicht mehr selbst steuern muss, sondern gelenkt wird wie ein Fahrzeug, verliert ihren Charakter als chaotisches, unberechenbares Gebilde, in dem rätselhafte Dinge geschehen. Sie wäre endlich kein Hindernis auf dem Weg zum Fortschritt, weil sie vereinfacht gesagt wie ein Musikautomat funktionieren würde: Oben Auftragsannahme. Unten Erledigungsmeldung.

Auf diese Art zu regieren ersehnt jeder Politiker. Wer beruflich gezwungen ist, eine "große Menge Volks" (Friedrich der Großen) anzuleiten und zu dirigieren, mag irgendwann nicht mehr argumentieren, tricksen und täuschen, um für alle das Beste zu erreichen. Wer hoch aufgestiegen ist, oft ohne jeden ersichtlichen Grund, gelangt unweigerlich zur Überzeugung, dass seine Führung die durch einen weitsichtigen Gestalter wäre, der zum Vorteil aller seiner Untertanen am besten unabhängig von deren kurzsichtigen Wünschen, Träumen und Sehnsüchten regiert.

Der Wunsch der Herrschaft als Befehl 

Unter den Bedingungen der frühen Monarchien und der von Erlösungsfantasien getriebenen rechten wie linken Diktaturen funktionierten Staaten so. Der Wunsch der Herrschaft war Befehl, seine Erfüllung scheiterte selten. Friedrich II. erließ einen Kartoffelbefehl, um den Anbau der aus Südamerika stammenden Pflanze flächendeckend anzuordnen, obwohl sie bis dahin als giftige Zierpflanze betrachtet wurde. 

Stalin nutzte seine "Beinfreiheit" (Peer Steinbrück), um den Belomorkanal graben zu lassen, eine 227 Kilometer lange, aus Flüssen, Seen und künstlichen Abschnitten kombinierte Wasserstraße, als deren größter wirtschaftlicher Nutzen der Erfindung einer nach ihm benannten Zigarettenmarke gilt. Hitler schließlich ordnete Krieg an, um einem Volk Raum zu verschaffen, dessen Geburtenraten sich in einem so bescheidenen Bereich bewegten, dass jeder Gedanken an die Besiedlung weiter Flächen abwegig erschien.

Wohltuende Unterschiede 

Aber reizvoll war es doch. Zu sehen, wie Anweisungen von Millionen willig und buchstabengetreu ausgeführt werden. Zu erleben, dass noch absurdeste Befehle befolgt und von willigen Propagandisten verteidigt werden. Welch ein wohltuender Unterschied zur mühsamen Tätigkeit der einfachen Arbeiter im Weinberg der Demokratie. Die können nur mit Steuern steuern, dürfen vielleicht noch Abgaben erheben, müssen aber sonst einfach hoffen, dass ihre laut ausgerufenen Ziele einfach deshalb erreicht werden, weil sie das wünschen und wollen.

Es kommt nie so, ganz egal, ob eine Gesundheitsministerin sich die Fakten zurechtbiegt, sie mit verfälschten Statistikinterpretationen verbindet und den Rest einfach erfindet, oder ob ein Kanzler sich seinem Volk in Babysprache nähert, um ihm das Blaue vom Himmel zu versprechen. Das Neinsagenkönnen ist der Kern der persönlichen Autonomie jedes Menschen. Das Widerstrebendürfen aber Wesenserkmal jeder freien Gesellschaft.

Ausbau der zentralen Steuerung 

Hier liegt der Grundwiderspruch zwischen Regierenden und Regierten. Erstere wollen in Ruhe gelassen werden. Letztere sehen in jeder Krise eine Gelegenheit, die höhere Veränderungsbereitschaft im Volk zu nutzen, um den Ausbau der zentralen Steuerung des komplexen Systems Gesellschaft voranzutreiben. Seit der Gründung der Bundesrepublik, ursprünglich gedacht als Bündnis von Ländern, die sich überwiegend selbst regieren, hat die Aufgaben und damit auch die Machtkonzentration auf Bundesebene in jeder einzelnen Minute zugenommen. 

Aus den Bundesländern als eigentliche Träger der Staatslichkeit sind Wasserträger der Überdstaatlichkeit des Bundes geworden. Obwohl nach Artikel 30 des Grundgesetzes ist die Ausübung staatlicher Befugnisse grundsätzlich Aufgabe der Länder ist, haben diese ihr Recht zur Gesetzgebung in mehr und mehr Bereichen an den Bund übertragen. geblieben sind heute nur noch die elementarsten staatlichen Aufgaben Bildung, Kultur, Polizei, Kommunalwesen und Justiz.

Einfache kybernetische Prinzipien

Lenkung und Leitung funktionieren in weiten Bereich schon nach einfachen kybernetischen Prinzipien: Kommunikation, Rückkopplung, Intervention. Auf das Soziale übertragen, nährt die Entwicklung die Hoffnung, dass der große Sprung in eine planbare, nachhaltige Zukunft trotz zahlloser Rückschläge möglich und machbar wäre: Die zentrale Lenkung müsste dabei, darin sind sich Brüssel und Berlin mit Paris einig, unbedingt erhalten bleiben. Den Akteuren auf der unteren Ebene aber wäre mehr Freiraum bei der Umsetzung der großen Ziele zu geben – zumindest solange sie diese Ziele nicht infragestellen, sondern Eifer bei ihrer Verfolgung an den Tag legen.

Politisch eine heikle Frage, dank der Künstlichen Intelligenz aber kein aussichtloser Fall. Konnten kybernetische Steuerungswissenschaften in vergangenen Zeiten kaum als mechanischer Ersatz für politische Lenkungsprozesse überzeugen, verspricht die KI der Politik künftig, die Logik maschineller und digitale Systeme auf gesellschaftliche Strukturen übertragen zu können. 

Die Transformation als Traum 

Gelänge das, ginge es nicht mehr um die Frage, ob die ökologische und demografische Transformation wenigstens auf einem Kontinent oder wenigstens in Deutschland gemeistern werden kann. Sondern nur noch darum, ob die KI in der Lage sein wird, den Preis, gerechnet in individuellem Wohlstand, so niedrig zu halten, dass die Menschen mitmachen beim Versuch, sich freiwillig formieren zu lassen.

Für die Politik, die unter Ratlosgkeit ebenso leidet wie unter dem Mangel an Möglichkeiten, durchzuregieren, wäre die programmierbare Gesellschaft eine Befreiung aus den Fesseln des bloßen Reagierens. Zwar hat die Wissenschaft im Corona- wie im Klimakampf bewiesen, dass sie gut als Waffe in ideologischen Gefechten taugt. Doch wahrer Fortschritt kann nur entstehen, wenn er ohne leidige Debatten Fahrt aufnehmen kann.

"Ohne Bremsen" wünschte sich ein einstiger SPD-Kanzlerkandidat seine Schussfahrt in die Zukunft. Mit Hilfe immer mehr gesteuerter Interventionen, die ideologisch auf Linie sein müssen, deren Ergebnisse aber pragmatisch angepasst werden, versucht die Europäische Kommission, die ihr untergebenen 27 Staaten wie ein ferngesteuertes Auto zu lenken. Paradoxone inklusive.

Die Investitionen in die Herstellung grüner Produktionsmittel sollen die Wirtschaftskraft nachhaltig erhöhen, treiben aber vor allem die Kosten. Die Bürger bleiben frei in der eigenen Lebensgestaltung. Sie zahlen dafür allerdings mit einem veränderten Angebot an Freiheiten und erlaubten Gewohnheiten. 

Es wird regelmäßig gefüttert im Menschenzoo und die raren Erfolge werden umso lauter gefeiert je belangloser sie sind. Sobald sich herausstellt, dass Lenkung gar nicht in die geplante Richtung führt, wird das Ruder herumgerissen, ganz langsam. Schuld an der verfahrenen Kiste ist nie die Vision, 440 Millionen Menschen in die Zukunft führen zu können wie Moses sein Volk ins Heilige Land. Sondern die mangelnde Disziplin der Realität, die auch auf die größte Steuerungseuphorie nur gedämpft reagiert.

Die neue Zuversicht in die Steuerbarkeit

Der Glaube an die Regel- und Steuerbarkeit der Gesellschaft ist ewig jung. Riefen frühere Kybernetiker den Aufbau von mächtigem Nationalstaat oder kommunistischem weltreich al kollektive Aufgabe aus, an der - rein wissenschaftlich betrachtet und gesetzmäßig nachgwiesen - jeder beteiligen müsse, dienen heute langfristige Klimaziele als Begründung für die Notwendigkeit eines notwendigen Steuerungsinstruments.

Ambitionierte Reduktionspfade, Sektorziele und Transformationspflichten sollen das gesamte System in eine vorherbestimmte Richtung lenken – unabhängig von kurzfristigen Schwankungen der Märkte oder Präferenzen der Bürger. Wo private Investitionen ausbleiben, springt der Staat ein, wo Steuergeldern nicht ausreichen, tun es neue Schulden auch. Ohne Zuschüsse bewegt sich kaum noch etwas. Die Abhängigkeit von öffentlicher Förderung ist die neue Normalität. Gerade sie aber erhöht die Steuerbarkeit. Der Staat steht als Dirigent vor dem kompletten Orchester aus Gesellschaft, Wirtschaft und zivilem Leben. 

Buntheit statt Einheitsgrau 

Er erfügt sogar über die Möglichkeit, mit gezielten demografische Maßnahmen auf das Erscheinungsbild und die Zusammensetzung der Bevölkerung einzuwirken. Lässt er die Grenzzäune herunter, verschwindet das "Einheitsgrau" samt dem "Braunen", wie es die SPD-Politikerin Bärbel Bas offenherzig formuliert hat. Es entsteht mehr Buntheit und Vielfalt, der Traum vom neuen Volk rückt näher.

Die Entwicklung erinnert an frühere Epochen, in denen gesellschaftliche Gestalter mit ähnlichem wissenschaftlichem Anspruch antraten. Zwischen Leitplanken, die auf Vorschlag der führenden Genossen auf Parteitagen festgelegt wurden, erfolgte ein Umbau mit dem Ziel, die gesellschaftliche Entwicklung nach wissenschaftlichen Vorgaben zu beeinflussen. Das Soziale war ein Gestaltungsobjekt, das durch Eingriffe optimiert werden sollte. Die Wirtschaft wurde sozialistisch um umprogrammiert. Staatliche Planung ersetzte die Regellosigkeit des Konkrrenzkampfes auf dem freien Markt.

Unter Luftabschluss zum Glauben 

Die aktuelle Generation von Politikern aus SPD, Grünen, Union und Linkspartei bedient sich ähnlicher Methoden. Machtmenschen, die aufgrund ihrer Erziehung und Ausbildung in den Nachwuchsorganisationen ihrer Parteien unter weitgehendem Luftabschluss zum Glauben gefunden haben, sie seien auserwählt, den Weg zu weisen, schlüpfen in die Schuhe der Direktoren von Peter Sloterdijks Menschenpark. Ihre höheren Ziele, am liebstenw eit weg in der Zukunft angesiedelt, erlauben es ihnen, wenig Rücksicht auf aktuelle Befindlichkeiten der Bürgerinnen und Bürger zu nehmen. 

Es geht um mehr. Es geht um die programmierbare Gesellschaft. Die Bürger sind nicht der Souverän, sondern Elemente in einem großen System, das durch Anreize, Verbote, Subventionen und Narrative in gewünschte Bahnen zu lenken ist. In den Parteien, ursprünglich zur Mitwirkung an der Willensbildung gegründet, liegt der Kern eines Systems, dessen Legitimation dem Umstand entspringt, dass es kein anderes geben kann.

Investitionen und Transformation

Arbeiter und Angestellte, Rentner, Kinder und selbst Beamte zahlen dafür mit einem veränderten Alltag. Konsum wird selektiv gefördert, Investitionen in traditionelle Bereiche hingegen erschwert. Wer Menschen auf morgen vertrösten kann, dem läuft auch niemand in der Wahlkabine davon. Wer ihnen genug verspricht, den lassen sie die wirtschaftliche Basis von morgen verzehren, ohne ihm in den Arm zu fallen.

Dennoch hält der Optimismus an. Die Kybernetik des 21. Jahrhunderts ist die KI samt Big Data, Verhaltenssteuerung und algorithmischen Prognosen. Mit ihrer Hilfe kann es doch noch gelingen, die Komplexität des ewigen Durcheinanders beherrschbar zu machen. Selbstorganisation wird geduldet, solange sie in der Familie bleibt. 

Parallelen zur Vergangenheit

Die programmierte Gesellschaft braucht programmierbare Investitionen. Die natürliche Evolution war gestern. Heute ist beruht Entwicklung auf Planerfüllung. Die Parallelen zu früheren Versuchen sind auffällig. Damals wie heute herrscht der Glaube, durch zentrale Vorgaben und wissenschaftliche Autorität die Zukunft formen zu können. Damals wie heute gibt es die Neigung, abweichende Realitäten als vorübergehende Störungen zu behandeln. 

Die politische Klasse, geprägt durch langjährige Sozialisation in geschlossenen Milieus, betrachtet die Gesellschaft als gestaltbare Parklandschaft. Die Bürger sind keine Bewohner dieses Parks, sie sind die Bäume und Sträucher, die beschnitten und durch kluge Regeln und umsichtige Züchtung zu besseren Versionen ihrer selbst geführt werden sollen.  

Zwischer Ernüchterung und Erleichterung 

Dass komplexe Systeme vollständiger Programmierung widerstehen, ist nicht eingerechnet. Rückkopplungen sind immer unvorhersehbar. Wer zu sehr steuert, riskiert, dass das System erstarrt oder kollabiert. Die aktuelle Phase der Zuversicht in die Steuerbarkeit wird daher ein weiteres trauriges Kapitel in der langen Geschichte menschlicher Ambitionen zur Gesellschaftsgestaltung werden. Bleiben wird am Ende Ernüchterung bei den einen. Und Erleichterung bei den anderen.

Bis zum nächtsen Anlauf. 

Donnerstag, 1. Oktober 2026

Muskelkraft für KI-Weltmacht: Strampeln für die Zukunft

Drei junge Männer aus dem Testteam für die erste KI mit Fahrradantrieb.

Der erste Feldversuch fiel überaus positiv aus. Beinahe unbemerkt hatten sie alles organisiert, im kleinen, abgelegenen Städtchen im Soest, getarnt als "Kinoerlebnis der besonderen Art", Eintritt kostenlos, Vergnügen garantiert. Unter Leitung von Ulf Gerlemann-Samasat, dem zweiten Assistenten der Referatsleiters IV in der Umweltabteilung des Climate Watch Institutes (CWI) im sächsischen Grimma sollte hier beginnen, was künftige Generationen vielleicht das wichtigste Experiment deutscher Forscher seit Otto Hahns Entdeckung der Kernspaltung und Wernher von Brauns Raketentests nennen werden. Aus dem "Schlachthofkino" wurde das erste Fahrradkino Deutschlands.  

Kino auf dem Fahrradtrainer 

Praktisch bedeutete das, dass Zuschauerinnen und Zuschauer in der Vorstellung nicht nur herumsitzen und zuschauen, sondern  auf einem Fahrrad Platz nehmen dürfen und kräftig in die Pedale treten müssen, damit genug Strom für die Filmvorführung fließt. Acht Männer und Frauen, Jung und Alt, wurden in Soest gebraucht, um eine Auswahl an Kurzfilmen mit einer Gesamtdauer von rund 90 Minuten zu zeigen. 

"Dabei musste", stellt Ulf Gerlemann-Samasat klar, "natürlich niemand den ganzen Film über strampeln". Die Plätze auf den Fahrrädern konnten jederzeit verlassen werden, wenn ein Ersatzmann oder eine Ersatzfrau bereitstand. So sollen möglichst viele Besucher einbezogen werden und erleben dürfen, wie viel Energie schon allein für einen Kinoabend im Rahmen der Klimawoche benötigt wird. "Das Experiment macht auf unterhaltsame Weise erlebbar, dass Strom harte Arbeit ist, wenn er nicht aus der Steckdose kommt", sagt der Forschende. Selbst hinter etwas für viele Deutsche so Alltäglichem wie einem Filmabend stecke "ein gewisser Aufwand, den man nicht überschätzen darf". 

Vision nachhaltige KI 

So weit, so bekannt. Die eigentlichen Ziele der Forscherinnen und Forscher aus Sachsen sind allerdings viel größer gespannt. Es geht um nichts weniger als das künftige Deutschland, das die Bundesregierung nach dem Bauplan der 2025 verabschiedeten Digital-Agenda errichten möchte. Bisher kommt das Großprojekt kaum voran, zuletzt erst beklagte der federführend verantwortliche Digitalminister Wildberger, dass Deutschland immer noch zu wenig Rechenkapazität für Künstliche Intelligenz besitze, es aber an allen Voraussetzungen fehle, die gewaltige Lücke zu den weltweit führenden Nationen USA und China schnell zu schließen. 

Deutschland hat die Hyperscaler nicht, keine eigenen großen Sprachmodelle, dafür aber hängt das Land am AI Act der Europäischen Union, die der erfolgreich jeden Versuch vereitelt, Innovationen in Angriff zu nehmen. Karl Lauterbach, Deutschlands derzeit führendster KI-Politiker und ein glühender Verfechter harter Regulierung und umfassender digitaler Verbote, hat jüngst einmal mehr auf die Gefahren aufmerksam gemacht, die jeden technischen Fortschritt so beängstigend erscheinen lassen. Nach einem Besuch des Forschungsausschusses des Bundestags im Silicon Valley warnte Lauterbach vor dem "halsbrecherischen Wettkampf um die beste KI", der zwischen Google, OpenAI und Anthropic stattfinde. 

Eine neue Rolle als Warner 

Geld für Talente spiele keine Rolle. Es würden "auch große Risiken in Kauf genommen", klagte der Mediziner, der sich seit seiner Ernennung zum SPD-Experten für Raumfahrt als Warner vor der Bedrohung durch moderne Sprachmodelle neu erfunden hat, zugleich aber auch versucht, die Gefahren kleinzureden. "Deutschland darf nicht noch mehr in eine neue Abhängigkeit geraten", dazu steht Lauterbach mit den Händen tief in den Hosentaschen. Deshalb brauche man "eigene KI Modelle", auch wenn im Sound des ehemaligen Gesundheitsministers mitklingt: Freiwillig wollen würde man sie nicht haben. 

Karsten Wildberger, als Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung Deutschlands oberster Beamter für digitale Politik, kann das so offen nicht sagen. Natürlich weiß der 55-Jährige, dass selbst die größten Hoffnungsträger der deutschen Digitalisierung neben den US-Giganten wirken wie Bauchladenbesitzer, die versuchen, einem Supermarkt Konkurrenz zu machen. Schwarz Digits, die High-Tech-Division des Lidl-Konzerns, verspricht zwar "digitale Souveränität für Europa", hostet aber selbst die Lidl-eigene App bei US-Konzernen. Immerhin hat es Unternehmensgründer Dieter Schwarz durch sein Engagement für die deutsche Sozialdemokratie geschafft, die Diskussion um höhere Steuern für Milliardäre zu beenden.

Doppelt so groß klein 

Schwarz Digits ist ein Pfeiler der deutschen Planungen, die hierzulande verfügbare Rechenleistung bis 2030 auf mehr als sechs Gigawatt zu verdoppeln und die Kapazität für KI-Modelle zugleich sogar zu vervierfachen. Deutschland würde damit ein starkes Zeichen und die US-Konkurrenz hart unter Druck setzen, deren Ausbaupläne bis 2028 auf 50 Gigawatt zielen. Bis 2030 soll in den  USA dann 2030 eine installierte Rechenzentrumskapazität von 118 Gigawatt zur Verfügung stehen - knapp das 20-fache der Rechenleistung, mit der sich Deutschland wird bescheiden müssen.

Wildberger weiß, es liegt eben auch am Strompreis. Der Christdemokrat sieht die "steigende Nachfrage nach künstlicher Intelligenz", er sieht aber auch, dass der von der EU geplante Bau riesiger KI-Gigafabriken schon vor dem ersten Spatenstich so weit hinter den ursprünglichen Zeitplänen zurückliegt, dass die neuen Rechenzentren nicht nur zu spät kommen, sondern dann auch viel zu klein für die hohe Nachfrage sein werden. "Tatsächlich mangelt es uns an Rechenkapazität, das bedeutet steigende Nachfrage", klagte Karsten Wildberger beim Wirtschaftssender "Bloomberg", ohne das Grundproblem anzusprechen: Die teure Energie in Deutschland wird angesichts des Stromhungers selbst der winzig kleinen EU-Gigafabriken zur Fortschrittsbremse.

Auf einer Wellenlänge 

Vervierfachen und verdoppeln hin, digitale Souveränität her und Begeisterung für die Innovationen, die anderswo entwickelt werden, her: Ohne günstige Energie, sagt Ulf Gerlemann-Samasat vom Climate Watch Institutes (CWI), "wird nachhaltiger Wohlstand nicht möglich sein, weil ohne günstige Energie keine künstliche Intelligenz läuft". Mit Technologieminister Karsten Wildberger liegt der Forscher aus Sachsen auf einer Wellenlänge. "Europa muss endlich aufwachen und die vorhandenen Talente nutzen", hatte der Politiker gesagt und beim CWI offene Ohren gefunden. "Wir haben gesagt, wir müssen an Wurzeln ansetzen und zuerst einmal Deutschland Energieproblem lösen."

Der Ansatz, den die ausgewiesenen Umwelt- und Transformationsforscher wählten, ist so überraschend wie einzigartig. Statt dem frühen Scheitern eigener ambitionierter EU-KI-Unternehmen wie Aleph Alpha und Mistral hinterherzutrauern, wie es Teile der Bundesregierung tun, suchten die CWI-Experten nach einem Weg, Deutschlands nächster Generation nationaler KI-Champions bessere Startbedingungen zu schaffen. "Und wer darüber nachdenkt, landet immer bei der Energiefrage", schildert Gerlemann-Samasat galt. 

Stockende EU-Pläne 

Hier liege der Grund für die ins Stocken geratenen EU-Pläne zum Ausbau von Rechenzentren in Europa. Hier finde sich die Ursache dafür, dass nicht einmal die großzügige Subventionierung des Baus der im Weltmaßstab winzigen "Gigafabriken" keinen Bauboom von Rechenzentren in der Europäischen Union ausgelöst habe. "Wer baut schon eine KI-Gigafabrik, wenn er deren teuren Betrieb anschließend selbst finanzieren soll." 

Die Analyse der Problemlage führte Ulf Gerlemann-Samasat und sein 17-köpfiges Team schließlich wie von selbst nach Soest. Ohne Umschweife stellt der Leiter des Forschungsprojektes "FNBKI" - das Akronym steht für "Faire, Nachhaltige und Billige Künstliche Intelligenz" - klar, dass eine ganze Reihe von einheimischen Energieträgern als Lösung der Versorgungsprobleme sofort ausgeschieden seien. 

"Atom, Kohle, Gas und Öl stehen ja aus unterschiedlichsten Gründen nicht zur Verfügung ", sagt er. Bei Wasserkraft sei das Angebot beschränkt, bei Sonne und Wind hingegen wetterabhängig. "Keine Gigafabrik kann zuverlässig arbeiten und Prozesse lenken und leiten, wenn sie an einem windstillen Tag nach Sonnenuntergang heruntergefahren werden muss."

KI-Nutzende als Energiequelle 

Die logische Folge der umfassenden Überlegungen war das, was die Forschenden jetzt in einem Aufsatz in der renommierten Fachzeitschrift "Arithmetics of Economics" unter der Überschrift "Bicycle Cinema Method" vorgestellt haben. Danach soll menschliche Muskelkraft künftig den Strom für den Betrieb hochmoderner KI-Systeme liefern: KI-Nutzer treten einfach selbst in die Pedale und erzeugen dabei den Strom, den die KI benötigt, um Abfragen zu bearbeiten. 

So einfach, so elegant. Eine Lösung, die auf der Hand liegt. Menschliche Muskelkraft, angewandt im industriellen Maßstab, als klimafairer, sicherer und im eigenen Land verfügbarer Ersatz für importiertes Frackinggas, heimische Kohle und Strom aus chinesischen Solarmodulen. Die CWI-Spezialisten haben es durchgerechnet: Ein durchschnittlich trainierter Erwachsener erzeugt auf dem Fahrrad dauerhaft etwa 100 Watt mechanische Leistung. Nach Abzug von Generator- und Umwandlungsverlusten bleiben realistisch 70 bis 80 Watt nutzbarer Strom. Durch die muskuläre Optimierung der Radler infolge anhaltenden Training können nach CWI-Angaben 100 Watt elektrischer Dauerleistung pro Person angesetzt werden.

Sechs Milliarden Watt

Die von Karsten Wildberger anvisierten sechs Gigawatt Rechenleistung entsprechen sechs Milliarden Watt - und damit genau der Energie, die 60 Millionen Menschen liefern können, wenn sie rund um die Uhr in die Pedale treten. "Da Deutschland 84 Millionen Einwohner hat, müsste sogar niemand durchweg strampeln", erläutert Forschungsleiter Gerlemann-Samasat. Allerdings sei es notwendig, den Einsatz der jeweils benötigten 60 Millionen Energielieferanten im Dienst einer durchgehenden Vollversorgung mit Strom in Schichten zu organisieren. 

"Der Wermutstropfen dabei ist, dass uns derzeit noch an Fachkräften mangelt." Bei je achtstündigen Schichten wären drei vollständige Kontingente nötig, also ein Pool von 180 Millionen Personen. "Schon allein daran kann man sehen, dass ein Deutschland, das auf KI setzt, weiterhin auf Einwanderung angewiesen ist - und zwar deutlich stärker als bisher". 

Für eine sozialverträgliche Aufteilung der Stromerzeugungsarbeit 

Zumal das CWI eine sozialverträgliche Aufteilung der Stromerzeugungsarbeit favorisieren würde. Da neben der Versorgung der Rechenzentren mit Strom noch etliche andere Aufgaben zu erledigen blieben, rate man dem Technologie-Miniserium, ein realistischeres Modell anzuvisieren, in dem jeder Erwachsene täglich nur vier Stunden in die Pedale tritt. "Allerdings stiege der Personalbedarf dann auf weit über 300 Millionen Strampler pro Tag", umreißt Ulf Gerlemann-Samasat: "Ohne entschiedene Ausweitung der Zuwanderung ist das schlicht unmöglich".

Eine Reduzierung der Zielgröße auf die derzeitige deutsche Rechenzentrumskapazität von rund drei Gigawatt sei jedoch keine Alternative. "Wir müssen ja auf Augenhöhe mit amerikanischen oder chinesischen Hyperscale-Clustern kommen". Deshalb plädieren die Forscher aus Grimma dafür, möglichst bald mit dem Bau von "Cycle Farms" in den Kommunen zu beginnen – große Hallen mit Tausenden von Generator-Fahrrädern, verbunden zu lokalen Mikrogrids und über Hochspannungsleitungen an die KI-Rechenzentren angeschlossen. Anfangs könnten hier Freiwillige helfen, für Empfänger staatlicher Leistungen wie Beamte, Arbeitslose und Rentner wären Pflicht-Soll-Stunden zu leisten. "Wer aber mehr bringt, erhält Gutscheine für vergünstigte Bahnfahrten oder CO₂-Zertifikate."

Viele positive Nebeneffekte 

Abgesehen von der neuen Energie-Autarkie ergeben sich darauf eine Reihe von positiven Nebeneffekten. "Die Nation wird fitter, die Krankenkassen werden entlastet, Adipositas und Rückenleiden sinken dramatisch", haben sie in Grimma errechnet. Gelinge es mit Hilfe der KI, die Generatoren zu optimieren, Leitungsverluste zu minimieren und mit Zwischenspeichern Schwankungen in der Tretleistung auszugleichen, könne Deutschland der Welt ein weiteres Mal zeigen, dass man klare Zeichen für Nachhaltigkeit und Klimaschutz setzen und trotzdem eine digitale Großmacht sein könne.

Mittwoch, 30. September 2026

Der Ampel-Indikator: Am Ende der Geduld

Mit Hilfe des sogenannten Ampel-Indikators können Wissenschaftler die Länge des Geduldsfadens in verschiedenen Ländern messen und vergleichen.

Sie stehen am Straßenrand, die Augen starr auf ihr Handy gerichtet. Sie scharren mit den Füßen, zumeist aber unbewegt, allein im Geiste. Gegenüber steht der Feind, eine Lichtsignalanlage, die stur Rot zeigt. Weit und breit ist kein Auto zu sehen. Objektiv betrachtet gibt es für niemanden, der auf beiden Seiten der Straße wartet, einen Grund, nicht den ersten Schritt zu machen und seinen Weg fortzusetzen. Doch die Menschen stehen. Sie warten, Sie folgen einer tief eingeprägten Erziehungsmuster, dass sie moralische Schuld fühlen lässt, wenn sie den Farbsignalen der automatisch schaltenden Lampen nicht folgen.

Im Ampelatorium 

Ampeln sind ein zivilisatorische Errungenschaft der westlichen Gesellschaften, die nicht nur informiert, sondern auch kanalisiert. Doch Frauke Hahnwech beobachtet in dieser Erscheinung eine Ausprägung des sogenannten Ampelphänomens. Mit dessen Hilfe misst die Wissenschaft die Duldsamkeit einzelner Staatsbevölkerungen. Herangezogen werden dazu Zahlen zum Verhalten von Menschen an Ampelkreuzungen ohne Straßenverkehr. "Hier liegt Deutschland mit einem Anteil von 20 Prozent der Fußgänger, die an einer roten Ampel auch nach zwei Minuten noch geduldig auf dem Bürgersteig ausharren, weltweit weit vorn", sagt die Expertin.

In der verkehrspsychologischen und verkehrswissenschaftlichen Forschung wird das Verhalten von Fußgängerinnen und Fußgängern an Ampeln intensiv untersucht. Gerade der Umstand, dass das global als "Jaywalking" bekannte Phänomen es erlaubt, das Maß der Regeltreue und die  Regelverstoßbereitschaft in freier Wildbahn zu beobachten, reizt Forscherinnen und Forscher. Werte sogenannte Regelcompliance lassen sich erfahrungsgemäß auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen: Wer an der Ampel schnell die Geduld verliert, so glauben Wissenschaftler, hat auch im Leben jenseits des Straßenverkehrs keine lange Zündschnur.

Enttäuscht von allem 

Die Daten sprechen eine deutliche Sprache. Nach anderthalb Jahrzehnten voller Finanzkrise, Überforderung durch den "Zustrom" (Angela Merkel), die Pandemie und die beständig wachsenden Erfolge der EU haben Millionen die Lust verloren, auf ein zweites Zeitalter voller Rettungspakete zu warten. Seit mit der Corona-Pandemie erstmals eine Bedrohung aufschimmerte, die zeigte, wie nah am Abgrund die moderne Gesellschaft gebaut ist und wie schnell Staaten bereit sind, ganze Bevölkerungsgruppen als "Störer" und "Schwurbler" auszusortieren, schlurft auch das deutsche Gemeinwesen über dünnes Eis. 

Spätestens nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine und der Ausrufung der "Kriegstüchtigkeit" als neuem Gesellschaftsziel herrscht Skepsis allerorten, ob "die da oben" noch wissen, was sie tun. Schon ein kleiner Schritt führt in einer solchen Situation direkt an die Kante und darüber hinaus: Gehorsame Bürger werden zu Rotlichttrampler. Besonnene Bürgerinnen schrecken nicht davor zurück, eindeutige Lichtsignale zu ignorieren.

Im psychischen Ausnahmezustand

Die aus dem sächsischen Bitterfeld stammende Gebärdendolmetscherin Frauke Hahnwech beobachtet die gesellschaftlichen Erosionsprozesse bereits seit Jahren. Sie führt Protokoll darüber, wie die Zuversicht schwindet und ganze Familienverbände die Hoffnung aufgeben, ihre Kinder und Enkel könnten es einmal besser haben. 

Hahnwech, die in Lyon und Klagenfurt Körpersprache studiert hat und für die EU seit langem politische Grundsatzreden aus dem Propagandistischen ins Deutsche übersetzt, sieht die deutsche Gesellschaft mittlerweile in einem psychischen Ausnahmezustand, befeuert durch sich selbst verstärkende Echo-Effekte aus den Medien. "Angst ist für Medien wie Blut für Raubtiere", sagt die Pathopsychologin. Durch das Übermaß an verbreiteter Untergangsszenarien in den vergangenen Jahren sei ein Abstumpfungseffekt eingetreten. "Menschen riechen die Lüge und glauben dann nichts mehr."

Wenn nichts mehr heilig ist


In diesem Klima hält die gefragte Gesichtausdrucktrainerin das wenig bekannte, aber hoch aussagekräftiges Alltagsphänomen der Gefolgschaftstreue an Ampelkreuzungen für einen idealen Indikator, die nachlassende Bindungskraft der demokratisch regierten Regelgesellschaft zu messen. "Wir betrachten damit im Grunde die Duldsamkeit einzelner Staatsbevölkerungen", sagt sie.

Herangezogen werden ausschließlich Zahlen zum Verhalten von Menschen an Ampelkreuzungen, an denen wenig bis gar kein Straßenverkehr herrscht. "Nur hier können wir wirklich sehen, wie sich Menschen mit einer Situation umgehen, in der ihnen ein unnatürliches, irrationales und unlogisches Verhalten abverlangt wird." 

Ehemals lag Deutschland weit vorn 

Keine Überraschung sei es in den 50er Jahren gewesen, als Deutschland bei den ersten internationalen Vergleichsstudien überaus gut abschnitt. "Hier lag Deutschland damals mit einem Anteil von 20 Prozent der Fußgänger, die an einer roten Ampel auch nach einer Minute noch geduldig auf dem Bürgersteig ausharren, weltweit weit vorn", erläutert die Expertin. Nur Taiwan erreichte mit 57 Prozent einen höheren Wert. In Frankreich lag der entsprechende Anteil bei lediglich acht Prozent.

Seitdem aber sei etwas "ins Rutschen gekommen". Aktuelle wissenschaftliche Langzeitstudie zur gesellschaftlichen Akzeptanz von Ampeln zeigen eine sich beschleunigende Erosion über die letzten 50 Jahre. Hahnwech hält das für eine grundstürzende Veränderung. 70 Prozent der an Ampeln wartenden Bürgerinnen und Bürger in Deutschland zögerten heute nur noch knapp weniger als anderthalb Minuten, ehe sie bei fehlendem Autoverkehr entgegen der staatlichen Vorgabe eine abweichende Entscheidung treffen und loslaufen. 

Selbstbewusste Rotgänger 

Drei Viertel dieser Rotgänger argumentieren sogar, dass es aus ihrer Sicht keine Gefahr gebe und sie sich deshalb im Recht wähnten, schon nach weniger als 30 Sekunden in Bewegung zu setzen. Als Begründung diene den meisten die eigene Lebenserfahrung: "Von ihrer Warte aus betrachtet handelt es sich um eine sichere, überschaubare Situation ohne offensichtliche Gefährdung", schildert Frauke Hahnwech. Von den Forschenden auf ihre Beweggründe angesprochen, argumentierten sie mit selbst durchgeführten Versuche oft über Jahrzehnte hinweg. "Die schaffen in den Menschen das verfestigte Wissen, dass ihnen nichts passieren kann.

Die verkehrspsychologische und verkehrswissenschaftliche Forschung bestätigt die Beobachtung. Eine der bekanntesten kulturvergleichenden Studien, veröffentlicht im Fachjournal "Royal Society Open Science", beobachtete Fußgänger in Straßburg und Nagoya. In Japan überquerten nur etwa zwei Prozent der Menschen die Straße bei Rot, in Frankreich knapp 42 Prozent. Waren keine anderen Personen anwesend, stieg die Missachtungsrate in Frankreich auf 67 Prozent, in Japan lediglich auf sieben Prozent. Die Angst vor sozialer Missbilligung wog oft schwerer als die Verkehrsregel selbst, auch in Deutschland.

Der Lack ist ab 

Doch diese dünne zivilisatorische Lackschicht ist abgeblättert. "Viele  Menschen fühlen sich zur Selbstermächtigung berechtigt", fasst Hahnwech zusammen. Das Ende der Geduld ist mittlerweile für viele schon nach wenigen Augenblicken erreicht. Neuere Untersuchungen, die am Climate Watch Institut (CWI) im sächsischen Grimma vorgenommen wurden, zeigen eine klare Schmerzgrenze: Die meisten Fußgänger sind bereit, 20 bis 30 Sekunden zu warten. Dauert die Rotphase länger und ist kein Fahrzeug in Sicht, bricht die Compliance massiv ein. "Der Staat schafft es nicht mehr, mit seinen Regeln zu überzeugen", sagt Studienleiter Herbert Haase vom CWI.  

Studien aus China, Südkorea und Australien belegen, dass auch dort die Missachtungsraten ansteigen, sobald die visuelle Information "freie Straße" vorliegt. Doch Zündschnur brennt dort in der Regel immer noch über eine Minute bei Anwesenheit anderer. Wirkt der Social Proof, also die Gegenwart anderer Wartender, als Korrektiv, erhöht das die Regeltreue erheblich. Bis zu vier Minuten hätten Probanten gestanden, den Blick starr auf ihr Handy gerichtet.

Hemmschwelle Null 

"Steht man allein, sinkt die Hemmschwelle gegen Null", so sehe das in Deutschland aus,  sagt Herbert Haase. Staatliche Vorgaben würden nur noch befolgt, wo anderenfalls Strafe oder die gesellschaftliche Ächtung drohe. Hahnwech liest aus diesen Zahlen mehr als bloße Ungeduld. Das Ampelphänomen sei der Kanarienvogel im Kohlenbergwerk einer Gesellschaft, deren Zündschnur immer kürzer werde. 

"Menschen, die sich an einer zu kurzen Leine geführt fühlen, nutzen die Augenblicke an Ampeln zu unbeobachteten und überwiegend straffreien Freiheitsausübungen", analysiert sie. Der Staat, der in Steuern, Abgaben, EU-Vorgaben und wechselnden bundespolitischen Eingriffen in Meinungsfreiheit und Eigenverantwortung immer stärker als Über-Solidarisierer erlebt werde, verliere an den roten Ampeln seine symbolische Autorität. Die Bürger entzögen ihm dort, wo es risikolos und meist folgenlos bleibe, sofort den Gehorsam.

Auch in Gegenwart von Kindern 

Mir schweren Folgen für künftige Generationen. Besonders auffällig sei der Rückzug einer lange selbstverständlichen zivilisatorischen Angewohnheit: "Aber nicht bei Rot, wenn Kinder in der Nähe sind." Diese Selbstbeschränkung, einst Ausdruck eines kollektiven Verantwortungsgefühls, erodiere. Wer sich ohnehin vom Staat bevormundet und zugleich im Stich gelassen fühle, der sehe auch in der Rücksichtnahme auf Schwächere zunehmend eine Zumutung, die er nicht mehr bereitwillig erbringe. 

Die von oben verordnete Über-Solidarität erzeuge unten zunehmende Entsolidarisierung. Die Langzeitschäden sind absehbar. "Wo die Älteren sich heute an Ampeln weigern, Jüngeren mit ihrem Beispiel das richtige Verhalten zu lehren, fehlen die gesellschaftlichen Vorbilder, die zeigen, wie man korrekt funktioniert."

Der Staat steuert gegen

Die Zahlen zur Entwicklung der Zahl der Lichtsignalanlagen untermauern den Befund indirekt. Seit am 20. Oktober 1924 am Potsdamer Platz in Berlin die erste Ampel eingeweiht wurde, ist die zahl der automatischen Verhaltensanweiser auf bis zu 50.000 gestiegen. Die Akzeptanz ist dabei jedoch hoch differenziert: Autofahrer missachten Rotlicht nur in etwa 1,6 Prozent der Fälle, Fußgänger und Radfahrer in rund acht bis 8,5 Prozent, E-Scooter-Fahrer in über 14 Prozent. Das aber sind offizielle Zahlen. Bei völlig freier Sicht und fehlender sozialer Kontrolle verschieben sich die Werte dramatisch – und der Ampel-Indikator erweist sich als unbestechliches Stimmungsbarometer.

Für die Expertin ist das Ampel-Phänomen kein Verkehrsproblem. Es zeigt eine Gesellschaft, die sich zunehmend entsolidarisiert und individualisiert. Hohe Abgaben, staatliche Gängelung, eingeschränkte individuelle Freiheiten und das Gefühl, dass der Staat einerseits alles regeln wolle und andererseits nichts mehr im Griff habe, erzeugten eine latente Wut, die sich an den unscheinbarsten Orten entlade. "Die rote Ampel wird zum Schauplatz eines stillen Aufstands", sagt Frauke Hahnwech, "hier kann man ohne großes Risiko einmal über sich selbst entscheiden".

Der letzte Rest Freiheit

Hahnwech warnt vor einer Fehlinterpretation. Wer das Phänomen lediglich als Zeichen schwindender Disziplin deute, übersehe die tiefere Ursache. "Die Menschen warten nicht mehr, weil sie dem Staat nicht mehr glauben, dass er es besser weiß." Mit der einst so bereitwillig gezeigten Geduld an der Ampel sei der letzte sichtbare Rest eines Vertrauensvertrags zwischen Bürger und Staat still und leise gekündigt worden. Die wenigen Sekunden an einer roten Ampel, bei völliger Übersicht und Null Verkehr, würden alles empfunden, was in einer durchregulierten Welt noch an Autonomie geblieben ist. "Eine straffreie Insel der Eigenmächtigkeit."

Dienstag, 29. September 2026

Trabiduft in der Luft: Das deutsche Plunderwunder

Die Stadt, der Müll und der schleichende gesellschaftliche Tod: Irgendwann hat Deutschland die Kontrolle über sich selbst verloren.  

Wer aus dem Ausland kam, spürte sofort: Hier liegt was in der Luft! Bis 1989 war es der Trabi-Duft, den nur Fremde, Westdeutsche und längere Zeit über abwesende hatten schnuppern können. Die Einheimischen in der DDR waren gewöhnt an den süßen und zugleich beißenden Geruch aus dem Zweitakterauspüffen. Ihre Riechmuskeln waren verödet und vollkommen unempfindlich geworden gegen den Hauch unverbrannten Restbenzins, schwerer Benzolrückstände und giftiger flüssiger Feinstäube, in der Heizsaison ergänzt um die schwefelhaltige Abluft hunderttausender Brikettöfen.

Stinkt es immer so? 

Nur wer aus der Ferne zurückkehrte, erschrak für einen Moment. Stinkt es hier wirklich schon immer so? Ist das noch Luft oder schon reiner Rauch? Der Horror, der jeden Menschen ereilt, der aus Dänemark, aus Österreich, Polen oder Tschechien die Grenze Richtung nach Deutschland übertritt - mit ein wenig Glück unkontrolliert, wie ist das Schengenabkommen ursprünglich bestimmt hatte - erleidet spätestens an der ersten Raststätte einen Realitätsschock. 

Wo in den Staaten ringsum Toiletten wie geleckt aussehen, beheimatet in hübschen kleinen Bauten mit Backsteinfurnier und versehen meist mit automatischer Warmwasserzufuhr, stehen in Deutschland traurige Hütten. Sie sind in der Regel von oben bis unten beschmiert. Sie wurden von reisenden Fußballfanhorden und anderen Interessengruppen, die ihre Mitwelt wissen lassen wollen, wofür sie stehen, zentimeterdick mit Aufklebern verziert. Und ergänzend im Freibereich flächendeckend mit Müllbergen abgedeckt.

Die Masse als Message 

Verständlich für Außenstehende sind die Parolen nie, die auf Bänken, Papierkörben und auf jeder sich bietenden glatte Oberfläche kleben. Doch ihre Masse allein ist Message genug: Was Friedrich Merz in seinen Tagen als Oppositionsführer noch das "Stadtbild" nannte, zeigt sich hier als Gesicht eines neuen Deutschland. "FCK MRZ" steht da und "FKC GRN", "Gegen Nazis", "THC statt AfD" und "Stoppt die AfD", aber auch "ACAB" und "AFA", zwei Abkürzungen, mit denen 95 Prozent der Bevölkerung nichts anfangen können.

"ACAB" ist der verbotene Code dafür, dass alle "Bullen" angeblich Bastarde sind. "AFA" dagegen bedeutet "Antifaschistische Aktion" und markiert den Herrschaftsbereich von Antifaschisten wie Urin das Revier eines Hundes. Damit es nicht zu einfach wird, tarnt sich "AFA" gelegentlich auch als "161" - eine Verschlüsselung nach dem Muster der DDR-Zigarettenmarke F6. Leicht genug zu verstehen für die Vordenker der Szene. 

Warum nur nichts klappt


Deutschlands Regierung mag ratlos sein und rätseln, weshalb ihr nun schon seit fast zwei Jahren partout nichts gelingen will. Die Wirtschaft ist natürlich im Begriff, ganz gegen den Rat des früheren Umweltwirtschaftsministers Robert Habeck einfach den Bach hinunterzugehen. Kommunen sind pleite, der Handel zieht sich nicht mehr nur aus der Fläche, sondern auch aus den Innenstädten zurück. 

Doch wirklich prägend für das neue Deutschland ist die aller orten zu bestaunende Verluderung. Als Merz "Stadtbild" sagte, meinte er zwar ausdrücklich nicht die Stadt, den Müll und den Tod der gepflegten deutschen Sauberkeit, sondern bestimmte Bevölkerungsgruppen, die Deutschland ein bisschen dunkler und ein wenig abenteuerlicher erscheinen lassen. Doch wer heute eine deutsche Innenstadt besucht, ein Jahr nach der Kampfansage des Kanzlers, erlebt sein buntes Plunderwunder.

Städte wie die Bronx der 80er

Von Frankfurt bis Berlin, von Rostock und Görlitz bis nach Wiesbaden erinnern die ehemals hübsch gekämmten Städte an die New Yorker Bronx der 80er Jahre. Überall ist Gekritzel an den Wänden, alles ist beschmiert, verdreckt und vergammelt. Das Frankfurter Bahnhofsviertel belagern Heerscharen von  Drogengebrauchenden wie sie auf Politisch offiziell heißen. 

Die alteingesessenen Dealer aus Marokko, die das Heft des Handelns Jahrzehnte in der Hand hatten, halten sich nach Einbruch der Dunkelheit möglichst weit draußen aus der Messerverbotszone. Die wurde von neuen Clans Albanien und Syrien mit handfesten Methoden und nach den Vorgaben Peter Scholl-Latours umgestaltet: "Wer halb Kalkutta aufnimmt, rettet nicht Kalkutta, sondern wird selbst Kalkutta".

Narrenhände in Golghata 

Der Spruch passt längst in jede deutsche Stadt.

Kalkutta, heute in Kolkata umbenannt, ein Name, der fast wie Golgatha klingt, ist überall. "Plagwitz bleibt dreckig", haben Narrenhände in der angesagten sächsischen Metropole Leipzig stolz an eine Wand gepinselt. Die stolze Selbstbeschreibung der Bewohner des größten City-Slums von Sachsen passt auf jede deutsche Stadt, je weiter nördlich, desto mehr. 

Natürlich haben auch die im Süden ihre sogenannten sozialen Brennpunkte. Schlimmer für das Auge als diese Inseln völliger Verwahrlosung aber ist der allgemeine Verfall. Der kontrastiert in den bürgerlichen Vierteln interessant mit den Resten von Außenstuck, schmiedeeisernen Gartenzäunen und denkmalgeschützten Villen, deren Eigentümer eloxiertes Glas und Edelstahl in Menge verbaut haben. 

Nur wer beschmiert, existiert 

Draußen in den Vorstädten ist jede Straße eine kleine Müllhalde, zugestellt mit Einkaufswagen, Bettgestellen und Beuteln voller Windeln und undefinierbaren Habseligkeiten. In den Stadtzentren aber fällt der allgemeine Niedergang stärker auf. Vor Jugendstilvillen ein mit Abfall vollgestellter Gehweg. An Gründerzeithäusern mannshohe Graffitikrakeleien. Nur wer etwas beschmiert, existiert, Nur seinen traurigen, schmutzigen Trödel anderen in einer Kiste mit der Aufschrift "Zu Verschenken" vor die Füße legt, erspart der Gesellschaft Müllkosten und ein schlechtes Klimagewissen.

Stockig und schmandig, angemodert und verschimmelt liegen dort "zum Mitnehmen" Wollsocken und Bücher, kaputtes Spielzeug und Tassen ohne Henkel. Was genau Müll ist und was in den besseren Wohnvierteln der größeren Städte als durchaus noch brauchbar für den Pöbel betrachtet wird, bleibt oft unklar. 

Als Zeichen des Verfalls nicht nur der Sitten aber sind die guten Gaben aus ausgelatschten Turnschuhe, selbstgebrannten CDs, kaputten Tischstaubsauger und dem regelmäßig angebotenen wilden Gewölle aus Gestricktem ideal. Wer schließlich braucht im "reichsten Land der Welt" (ZDF) keinen Computerschrott, keine leeren Marmeladengläser ohne Deckel und keine Döschen mit eingetrockneten Hautpflegelotionen? Wo die Idee der Nachhaltigkeit mehrheitsfähig ist, fliegt nichts mehr in den Müll. Der Müll kommt stattdessen vor die Tür. "Zum Mitnehmen!"

Verboten wie die illegale Einreise 

Das alles ist verboten etwa auf der Ebene einer illegalen Einreise ohne Pass und Erinnerung an das eigene Geburtsdatum. Jeder macht es, alle sind dabei, denn wo die Gehwege ohnehin holprig und die Fassaden zugetaggt sind mit Vorschlägen, Hinweisen und Protestsprüchen aller möglichen Gruppen von Engagierten, fällt das bisschen Dreck auch nicht mehr auf. Wer hier wirklich lebt, für den guckt sich das weg wie die Hundehaufen, Spritzen und Kondome im Stadtpark. 

Nein, dieses Deutschland riecht natürlich nicht mehr nach Trabant. Fährt einer vorbei, rümpfen die Zustromleute von 1990 die Nasen. Wie konnten wir das früher nur nie bemerken? Diesen Gestank!Schonlängerhierlebenden nicken. Sie haben das damals bei jedem Besuch sofort bemerkt. Bekommen heute aber auch nichts mit. So wie die Dinge sind, sind sie eben. Deutsch sein heißt auch Verantwortung vor der Geschichte übernehmen und bereit zu sein, das Schlampige und Vernachlässigte anzunehmen. 

In der letzten Wohnung 

Auf Besucher von außerhalb hingegen wirkt das Land oft wie die Wohnung eines sehr alten Menschen, der nicht mehr in der Lage ist, für sich selbst zu sorgen. Hier ist etwas kaputt, dort viel zu alt, um noch repariert zu werden. Überall liegt Staub aus den Jahren der Reglosigkeit unter der Ägide einer Kanzlerin, die das "beste Deutschland, in dem wir gut und gerne leben" bereits errichtet zu haben glaubte. 

Einmal durchkehren und wischen reicht hier nicht mehr. Bereits unweit der aus Marmor, Edelstahl und Spiegelglas erbauten Paläste von Regierung und Verwaltung beginnen Landstriche, in denen Vielfalt allein an Schmierereien herrscht. Deren Dimension sprengt die Grenzen jeder Vorstellung. Etwa drei Millionen Gebäude stehen in den deutschen Großstädten, den Epizentren des schleichenden zivilisatorischen Zusammenbruchs. In der Regel ist mindestens jedes zehnte Haus beschmiert - im Durchschnitt bedeckt Farbe etwa zwei Quadratmeter.

Übersetzt in Zahlen ergibt sich daraus ein Monumentalwerk unbestellter Kunst: Der halbe Quadratmeter hier, der schnelle Tag dort, die komplett bemalte Fassade: Aufsummiert auf 300.000 Gebäude verwandelt sich sichtbarste Zeichen der Kapitulation vion Staat und Gesellschaft vor einem Phänomen ohne Sinn und Zweck in einen Sprühnebel kosmischen Ausmaßes.

Hintergrundrauschen der Verwahrlosung


Tags sind das Hintergrundrauschen der Verwahrlosung, die zerbrochenen Fensterscheiben der einstmals so ordnungsliebenden Deutschen. Sie kleben an Regenrohren, Stromkästen, Klinkerfassaden und Altbausockeln, sie verunstalten Wände und Türen und kehren zurück, sobald Hausbesitzer sie überstrichen haben. Zusammengerechet sind in Deutschland schätzungen zufolge 125.000 Quadratmeter Wandfläche verunstaltet. Das entspricht der Fläche von fast Fußballfeldern, die lückenlos mit Pigmenten und Bindemitteln überzogen sind.

Und immer wieder neu werden. 75.000 bis 85.000 Spraydosen im Standardformat von 400 Millilitern braucht es, um die Schichten beständig mit neuen Krakeln aufzufrischen und die Wunden auszuweiten.  Die Sprayer investieren Jahr für Jahr zwischen einer und zwei Millionen Euro in rund 30.000 Liter flüssige Chemie, die durch eine ausgeklügelte Düsentechnik fein zerstäubt mit einem Druck von etwa vier bis sechs Bar dafür sorgt, dass ganze Stadtviertel ästhetisch zum Äquivalent einer verranzten Schultoilette werden. Würde die Kleckse und Parolen zu einem Bild zusammengesetzt, wäre das einem Kilometer lang und 125 Meter hoch. 

Kunstwerk des Verfalls 

Ein Kunstwerk des Verfalls, ein kollektives Riesendokument der Regression. Dadurch passt dann alles zusammen. Die überlaufenden Bahnhofsklos, die abgedeckten Pissbecken an der Autobahnrastsätte, der mit "Außer Betrieb" markierte Defibrillator auf dem Flughafen. st ein dynamisches Dokument dauerhaften Ansturms. Während Eigentümer und Kommunen Millionen aufwenden, um die Pigmente mit Sandstrahlern, Hochdruckreiniger und Chemie wieder aus dem Stein zu brennen oder zu überstreichen, arbeitet die Gegenseite mit den gleichen physikalischen Gesetzen – nur in die andere Richtung.

Montag, 28. September 2026

Die SPD-Kaderschmiede: In der Fabrik für gute Genossen

Der sogenannte "Gebetssaal" der Genossenfabrik. Hier lernen Nachwuchskader, endlose Stunden lang inhaltsfreien Reden zuzuhören.

 „Nicht die Politik verdirbt den Charakter.
Schlechte Charaktere verderben die Politik.“
Johannes Rau
 

Die Fassade des Schlosses wirkt finster und bedrohlich im Herbstregen. Dunkelgelblich wirken die Sandsteinquader, mit denen die Wände furniert wurden. Hoch oberhalb der Eingangstür, zwischen zwei von schmalen, schießschartenartigen Fenstern, prangt bescheiden ein Steinrelief, das das traditionelle Signet der deutschen Sozialdemokratie zeigt. Ein roter Quader, der die Quadratur des Kreises versinnbildlicht: Mit mehr Staat mehr Gerechtigkeit schaffen. 

Sozialismus durch die Hintertür 

Besucher wissen sofort: Hier geht es zum Sozialismus durch die Hintertür. Doch vom Vorplatz aus hat man einen grandiosen Blick über die vor dem Haus liegenden gepflegten Rasenflächen mit ihrem wogendem Baumbestand. In der Ferne, jenseits der hohen Zäune, flüstert ein Bach, der über kleine Steine und Felsen rauscht.

Hier sind sie alle schon gewesen, die Hoffnungsträger der SPD. Hierher delegiert die frühere Arbeiterpartei ihren Führungsnachwuchs, den sie in einem speziellen Milieu findet. Meist sind es sogenannte Politikstudierende, die schon vor dem Abitur in die Partei eingetreten sind, eifrig bemüht, ihren Weg zu machen. Während des Studiums finden sie dann Beschäftigung bei einem Abgeordneten. Sofort im Anschluss beginnt eine Wartezeit im Stadt- oder Ortschaftsrat. Ehe schließlich nach angemessener Wartezeit eine Karriere mit Partei- und politischen Wahlämtern startet.

Die Alleskönner 

Die neuen Nomenklaturkader kommen aus dem Parteiapparat, er zeugt sie und säugt sie, bis sie in die Ämter gelangen, von denen aus sie alles regieren können. Eine Behörde, ein Amt, eine Stadt, ein Bundesland, eine Partei, eine Fraktion, einen Staat. Woher aber haben die Auserwählten eigentlich ihre überragenden Fertigkeiten? Wie haben sie die Fähigkeit erworben, ohne jeden direkten Kontakt mit der Wirklichkeit auf einen so reichen Fundus an Lebenserfahrung zurückgreifen zu können, dass sie so krisenfest in jeder Lage sind? 

Ein Besuch in der Führungsakademie der sozialen Demokratie (FSD) oder auch Akademie für Soziale Demokratie wie die SPD ihre Parteischule selbst nennt, finden sie erfahrene Dozenten und Professoren, die ihnen im Rahmen eines Fellowship-Programms zeigen, wo Hammer und Sichel hängen. Neun Lernmodule werden hier geboten. Ziel der umfassenden Unterrichtungen ist es, die Führungskompetenz im Kontext der Organisations- und Kommunikationsstrukturen auszubauen und die Handlungsfähigkeit in komplexen sozialen Prozessen zu erhöhen.  

Mit den Besten vernetzen 

"In die SPD-Führungsakademie kommt, wer sich mit den Besten vernetzen, von den Klügsten lernen
und sich selbst langfristig positionieren will", wirbt die Sozialdemokratische Partei Deutschlands selbst für ihren einzigartigen "geschützten Lernraum für die Persönlichkeiten mit politischen Führungsaufgaben". Der hat seit seiner Gründung im Sommer 2007 eine Erfolgsgeschichte geschrieben. 

Allein bis 2020 besuchten 420 Persönlichkeiten die Bundesparteischule, 192 von ihnen waren Frauen,  228 Männer. 14 schafften  den Aufstieg bis in ein Ministeramt, 22 weitere übernahmen Ämter in Landesregierungen, 62 rückten auf verantwortungsvolle Plätze in Partei- und Fraktionsführungen auf Landes- und Bundesebene. 

Nachschub für die zweite Reihe 

Weitere 77 konnten zwar nicht in der ersten Reihe verwendet werden. Doch als Nr. 1 in ihrer Stadt oder ihrem Landkreis zeigen sie, dass das "Bündel personalentwickelnder Maßnahmen", mit denen ihre Partei ihnen auf die Sprünge half, nicht nur Spitzenpolitikerinnen und -politikern eine solide Grundausbildung bietet. Anke Rehlinger, die derzeit das Saarland leitet, war hier. Manuela Schwesig, Wahlsiegerin und letzte sozialistische Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, ebenso. Lars Klingbeil natürlich, der SPD-Parteichef. 

Die Weiterbildung ist innovativ, die Professionalisierung umfassend. Anwärter auf eine Ausbildung - hier "Fellows" genannt - bekommen methodische Handreichungen und die Anwendung kompetenzorientierter Methoden vermittelt. Der Einsatz in der Praxis ist kein Fremdwort und in Musterveranstaltungen wird der Umgang mit Wählerinnen und Wählern geübt. 

Lehrgänge in Händeschütteln 

Jeweils zwei Jahre dauert ein Ausbildungsprogramm inklusive umfassender Lektionen in Geschichte der Arbeiterklasse, wissenschaftlicher Marxismus und Tipps zum richtigen Händeschütteln. Platz im SPD-Schloss ist für 85 Fellows – zumeist Bundes- und Landtagsabgeordnete, Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister sowie hochrangige Parteirepräsentantinnen und -repräsentanten.

Auf die handverlesenen Teilnehmer wartet ein Booster für "persönliches und politisches Wachstum", wie es die SPD nennt, die voller Stolz auf die schon 20 Jahre alte "neue Lernkultur in der Partei" ist. Die wirkt längst beispielgebend. Die Grünen unterhalten mit der Weiterbildungsakademie der Heinrich-Böll-Stiftung  unter dem Namen "GreenCampus" eine eigene Kadettenschule. Die CSU unterhält seit Sommer 2007 eine eigene Akademie, die sich gezielt um die Förderung von Nachwuchspolitikern kümmert. Und auch die CDU will die Anzucht des politischen Nachwuchses nicht dem Zufall überlassen. Sie hält sich die Zukunftsakademie NRW und ähnliche Programme in Niedersachsen und Hessen.

Vorbild August Bebel 

Vorbild aller Nomenklaturschulen aber ist die 1906 von August Bebel selbst eröffnete SPD-Parteischule, deren Erbe die "Akademie für Demokratie" angetreten hat. Was sich reimt ist gut: Unter Leitung eines vierköpfigen Trainerstabes werden hier "aus den Guten die Besten" und aus willigen Bürgern echte Genossen. Für den Lernprozess wurde eine eigene Systematik entwickelt, die auf Prozesshaftigkeit, Heterogenität sowie individueller und kollegialer Reflexion basiert. Das Curriculum bündelt Fachwissen, Methodenkompetenz und politische Orientierung zu einer produktiven Einheit. 

Nichts wird dem Zufall überlassen. Schon wenn die Teilnehmer am Eingang von alten Sozialisten aus der Ära von Beck, Müntefering und Nahles empfangen werden, weht ein Hauch von sozialdemokratischer Ära mit stabil zweistelligen Wahlergebnissen. Nach der Einkleidung der neuen Fellows findet noch am gleichen Tag um acht Uhr ein Abendessen und anschließend eine Begrüßung durch den Leiter der Akademie statt. 

Gemeinschaftsräume am Foyer 

Die Zimmer werden danach bezogen - jeweils zwei Genossen in einem Raum, Toilette und Gemeinschaftsbad auf dem Flur. Die Genossinnen wohnen in Zimmern im ersten Stock, die Genossen ein Stockwerk höher. Gemeinschaftsräume finden sich unten in Räumlichkeiten neben dem Eingangsbereich, darunter auch ein Billardsalon, ein Dartsroom und eine kleine Turnhalle und eine Bibliothek voll klassischer Literatur der Arbeiterbewegung. 

Die Inneneinrichtung ist im Gegensatz zum äußeren, fast klassisch wirkenden Erscheinungsbild des als "Rotes Schloss" bekannten Baus überraschend modern. LED-Spots, Lichtleisten, spärliche, sachliche Möblierung, keine Designermöbel aus schwarzem Stahl und schwarz lackiertem Holz - so signalisiert die Universitätsleitung neuen Studenten vom ersten Moment, dass sie nur sehr bescheidenen Luxus zu erwarten haben. 

Es fehlen die Arbeiterfahnen 

Wer von den neuen Fellows Arbeiterfahnen, enteignete feudale Wandteppiche, lederbezogene Lehnstühle oder in Öl gemalte Bilder von berühmten Arbeiterführern erwartet, liegt falsch. In der FSD  geht es um Inhalte, um Methodenstudium und Übungen am elektronischen Staatssimulator. Vermittelt wird der umfangreiche Stoff in lockeren Runden. Es geht hier in erster Linie darum, hoffnungsvolle Anschlusskader auf den richtigen Weg zu bringen, ihr Sprechverhalten, aber auch für ihr soziale Beweglichkeit zu schulen und sie für Führungsaufgaben zu sensibilisieren.

Die Teilnehmer sitzen in der Regel in Sesseln und Sitzgruppen im Kaminzimmer, multimediale Helfer sind in den Wänden versteckt. Im Kamin prasselt ein Holzfeuer, das dem Raum eine wohlige Atmosphäre verleiht. Hin und wieder springen knackend Funken hervor, die auf den Fliesen vor der Feuerstelle verglühen. Die Flammen spiegeln sich in den vor Aufregung geröteten Gesichtern der jungen Leute, die andächtig lauschen, wenn sie grundlegende Lehren empfangen wie: "Die Parteien haben das Monopol, Menschen für Wahlen zu nominieren."

Ein handverlesener Kreis 

Die meisten von ihnen sind unter dreißig. Die meisten  haben ein oder zwei Studien der Politologie oder der Juristerei zumindest einmal begonnen. Sie alle gehören zu einem ausgewählten Kreis von illustren Teilnehmern, die von alten Genossen vorgeschlagen oder von höheren Parteigliederungen delegiert wurden.

Zum Simulationstraining geht es ins Kellergeschoss, wo die Hightech-Rechner stehen. Eine aufgespielte 3D-Software erlaubt es Akademieabsolventen, sich das Rüstzeug für spätere Missionen in der echten Welt zu holen: Welche Steuern kann ich wie erhöhen? Wie lassen sich neue Abgaben unauffällig einführen und als Maßnahme zur Schaffung von mehr Gerechtigkeit framen? Schließlich die Königsdisziplin: Was muss ein SPD-Führungskader sagen, wenn er am Wahlabend eine Niederlage erklären soll.

Eng eingebundene Parteispitze 

Die Parteiführung ist in die Entwicklungsprozesse der künftigen Führungsriege kontinuierlich eingebunden. Immer wieder nimmt sich der Generalsekretär, obwohl selbst erst 34 Jahre alt und ohne jede Berufserfahrung, persönlich Zeit, die Fellows kennenzulernen. Auch der Parteivorsitzende, obschon im Nebenberuf Bundesfinanzminister, schaut vorbei, was dem Projekt zusätzliche Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit verleiht.

Hier sind die künftigen Entscheidungsträger unter sich. Hier ist "Nomenklaturkader" kein Schimpfwort, sondern Ausweis künftiger Fähigkeiten. Die Türen zu allen Zimmern stehen immer offen. Eine Besonderheit, die fresh fellows anfangs verwundert zur Kenntis nehmen. Oft haben sie kaum ihren kleinen Koffer abgestellt und aus dem Fenster auf den weitläufigen Park geschaut, das fragen sie schon: "Wo bekomme ich meinen Schlüssel?" 

Abseits bewohnter Gegenden  

Doch Schlüssel braucht hier niemand. Das Rote Schloss liegt abseits bewohnter Gegenden und es wird rund um die Uhr bewacht. Das Personal ist absolut zuverlässig, die Fellows sind Verbündete mit einer gemeinsamen historischen Mission, mitgebrachte Wertsachen können im Safe des Hauses hinterlegt werden. Eine wissenschaftlich fundierte Evaluation zeigt, dass die Trainings die Fellows bereits nach den ersten zwölf Monaten deutlich gestärkt und ihre Führungskompetenzen erhöht haben.

Absolventen müssen ihre Teilnahme nicht streng geheim halten, werden aber gebeten, mit dem erfiolgreichen Abschluss nicht bei den Medien hausieren zu gehen. Sie alle wissen, dass es eine besondere Auszeichnung ist, ins Rote Schloss eingeladen zu werden. Sie alle sind dankbar, ihre hervorragenden fachlichen Fähigkeiten um eine Komponente ergänzen zu dürfen, die in der herkömmlichen Politikerausbildung gewöhnlich viel zu kurz kommt. 

Sonntag, 27. September 2026

Zuversicht wird Wirklichkeit: Der KI-Kommunismus

Die Wurzeln des globalen Cyberglaubens liegt in der sogenannten Kybernetik der 60er Jahre.

Für den wissenschaftlichen Kommunismus war die Sache von Anfang an klar. Eine Wissenschaft, die behauptete, komplexe Systeme seien in der Lage, sich selbst zu steuern, konnte nichts anderes sein als eine Pseudo-Wissenschaft. Nirgendwo bei Marx oder Engels, aber auch nicht bei Lenin  stand etwas von selbststeuernden Systemen. Zum Glück. Denn für die Steuerung war noch immer die Partei zuständig. Und die Partei machte das sehr gut.

Wie heute die KI 

Diese sogenannte Kybernetik, vor 60 Jahren ein ähnlich angesagtes Buzz-Word wie heute AI und KI und Algorithmus, hielten die führenden Genossen für eine Erfindung des Westens, mit der sie hinterlistig in eine Falle gelockt werden sollten. Die wissenschaftlichen Büttel der Imperialisten hatten sich die Computerdinge eigens ausgedacht, um zu beweisen, dass Leitung und Führung der Gesellschaft durch die fortschrittliche Arbeiterpartei eines nicht allzu fernen Tages überflüssig sein werden. Eine Katastrophe wie autonomes Fahren heutzutage für die EU.

Eine These, die nicht weniger an den Grundfesten der entwickelten sozialistischen Gesellschaft rüttelte als Thilo Sarrazin Jahrzehnte später mit seiner populistischen Beschwörung, Einwanderung sei von Schaden, geschehe sie ungebremst und unkontrolliert, an den Pfeilern der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Freigabe aus Moskau 

Es musste erst der sowjetische Admiral Aksel Berg kommen, von Haus aus Elektroniker. Der Sohn eines finnlandschwedischen Vaters und einer italienischen Mutter genoss trotz seiner zweifelhaften Herkunft hohes Ansehen in der kommunistischen Führung. Und als er seiner Obrigkeit im Kreml wie eben erst Mario Draghi der seinen im Berlaymont-Palast in einem Geheimbericht zu verstehen gab, dass die Führung einer Armee ohne die bis dahin als "Seuche" definierte Kybernetik bald nicht mehr möglich sein werde, tapperte Angst durch die düsteren Kremlflure. 

Ruckartig - vieles erinnert an die jüngste europäische Blitzliebe zur unbegrenzten Aufrüstung nach JD Vance' Münchner Rede Anfang 2025 -  änderte sich die Einstellung aller sozialistischen Staaten. Vor allem aber, auch als sozialistischer Arbeiter- und Bauernstaat blieb die DDR vor allem deutsch -änderte sie sich in Ostdeutschland. Die Kybernetik, eine Lehre, die der US-Mathematiker Norbert Wiener im Zweiten Weltkrieg begründet hatte, war auf einmal die Parole der Stunde. Selbst Nikita Chruschtschow, ein Spezialist für landwirtschaftliche Fragen, lobte die rätselhafte neue Sache. Aus Lenins Theorie, Sozialismus sei Elektrifizierung plus Sowjetmacht, wurde ein Sozialismus, der aus Sowjetmacht und Großrechnern bestehen sollte.

Gefolgschaftstreue unter Freunden 

Nach dessen Empfehlung von Rinderoffenställen und dem Mais als "Wurst am Stengel" hätte es jeder besser wissen können. Beide Ratschläge aus Moskau hatte verheerende Folgen gehabt. Doch Gefolgschaftstreue unter Freunden, ohne viel oder überhaupt zu fragen, das wurde damals noch großgeschrieben. Statt über die jähe Wendung in Moskau zu meckern und hinhaltenden Widerstand zu leisten, forderte der wendige DDR-Staatschef Walter Ulbricht, das ganze neue Zeugs "allumfassend anzuwenden." Die DDR, ein Staat voller fürchterlich fossiler Industriebetriebe aus den 30er Jahren, nahm Anlauf zu einem großen Sprung zur Hochtechnologie.

Walter Ulbricht, der zum Unwillen der Russen schon länger versucht hatte, den immer größer werdenden Rückstand zum Westen durch gefährlich marktwirtschaftliche Experimente zu  verringern, glaubte nun, das sperrige zentrale Planungssystem werde dank Kybernetik sein ersehntes Wirtschaftswunder schaffen. 

Die staatliche Bürokratie in Brüssel und Berlin beschwört heute die Kraft der Künstlichen Intelligenz, die alle wissenschaftlich begründeten Fehler und falschen Weichenstellungen wiedergutmachen wird. Walter Ulbricht lebte damals im festen Glauben, seine Dampflok aus ideologischen Illusionen werde mit einer paar aufgeklebten Leiterplatten, Transistoren und Kabelbäumen zu einer Wachstumswunderrakete, die direkt ins Reich der klassenlosen Cyber-Gesellschaft fliegen könne.

Keine Ahnung, aber eine Hightech-Agenda 


Ulbricht war von Beruf Tischler, damit zwar höher qualifiziert als viele Spitzenpolitiker heute, doch von Kommunikation und Steuerung in maschinellen oder elektronischen Systemen hatte der Sachse sich nie beschäftigt. Für den 70-Jährigen war Kybernetik ein ähnlich mächtiges Schlagwort wie für den 70-jährigen Friedrich Merz der Begriff KI. Der hat heute eine "Hightech-Agenda", die Deutschland "im Wettlauf um Zukunftstechnologien mit Innovation an die Weltspitze" katapultieren wird. Ulbricht nannte das "die wissenschaftlich-technische Revolution meistern".

Beide könnten höchstwahrscheinlich nicht genauer werden als Friedrich Merz vor einiger Zeit bei einem Unternehmensbesuch. "Gefällt Ihnen ihre Arbeit" eröffnete er dort lässig ein geplantes Socialising mit einem einfachen Arbeiter im Weinberg der deutschen High-Tech-Branche. Die Antwort "ähhhh, ja" beendete den Dialog. Mehr hatte der Mitarbeiterstab dem Kanzler nicht aufgeschrieben. Was soll der CDU-Vorsitzende denn da machen.

Noch kein Backstein ist bewegt

Die Kybernetik in der DDR hatte ein längeres, schöneres Leben. Während die EU mehr als ein Jahr nach der Ausrufung ihrer gigantischen Initiative "InvestAI" zum Bau einiger kleiner "KI-Fabriken" noch keinen Backstein in Bewegung gesetzt hat, ging in der DDR die High-Tech-Sonne auf, noch ehe in Prag die Panzer rollten. 

Die ideologischen Hürden wurden beherzt beiseitegeräumt wie in der Coronazeit die Grundrechte. Der Dresdner Philosoph Georg Klaus gemeindete die bürgerliche Pseudowissenschaft im Parteiauftrag kurzerhand in die marxistische Weltsicht ein. Er erklärte die kommunistische Partei dazu einfach auch zu einem selbstlernenden System. Nicht die Kybernetik war jetzt neu, sondern die Erkenntnis, das sie alt war, weil es sie gab, seit es die Partei neuen typus gab.

Wissenschaft durfte jetzt als Waffe im Klassenkampf verwendet werden. Jeder wusste von einem Tag auf den anderen, dass der wahre Sozialismus nur entstehen würde mit Hilfe von immer mehr Forschung, die ideologisch auf Linie sein musste, deren Ergebnisse aber durchaus pragmatisch angewendet werden durften. 

Zu spät an der richtigen Stelle 

Der sozialistische Staat, wie immer spät wie heutzutage seine Erben von der EU-Kommission, aber doch an der richtigen Stelle, lockte Tausende ins Studium naturwissenschaftlicher Fächer wie die Bundesrepublik heute junge Leute zum Mitreisen an die Ostflanke wirbt. Der Plan war bestechend: Diese Investitionen in smarte Menschen, die smarte Produktionsmitteln erfinden würden, werde die Wirtschaftskraft des Staates in ungeahnte Höhen katapultieren.

Später, nicht gleich. Gleich mussten die Arbeiter und Bauern  den Gürtel erst einmal ähnlich engerschnallen wie die Melkbürger heute. Das Angebot an Konsumgütern wurde schlechter. Es gab weniger leckere Dinge zu essen. Und als die ersten Studenten der überbesetzten Jahrgänge abgingen, stellte sich heraus, dass so viele Akademiker etwa so sehr gebraucht wurden wie heute all die Genderforscher, Germanisten und Politikwissenschaftler beim Aufbau der geplanten resilienten europäischen Intelligenzfabriken. Ein Planungsfehler, bedauerlich.

Überflüssige Akademiker 

Schuld war natürlich nicht die Partei, sondern die Kybernetik. Sie hatte nicht halten können, was sich Walter Ulbricht versprochen hatte. Als Erich Honecker seinen Ziehvater in einer Nacht- und Nebelaktion stürzte, musste er die Kybernetik-Mode nicht einmal mehr offiziell beerdigen. Sie war schon vorbei, in aller Stille verstorben, unbetrauert. 

Mit ihr endete auch der letzte Versuch der DDR, sich durch Konzentration aller Energien als dynamische Wirtschaftsnation neu zu erfinden. Beim Flugzeugbau war diese Strategie gescheitert. Auch die Konzentration auf die Großchemie hatte keinen Erfolg gehabt. Später würde noch einmal alles in den altertümlichen Ein-Megabit-Chip gesteckt werden - ein Unternehmen, das von Anfang an ähnlich aussichtsreich war wie der EU-Plan, mit 50 Milliarden KI-Investitionen knappe 700 Milliarden US-Investitionen im gleichen Bereich im Staub hinter sich zu lassen.

Ein Zombie bei der Arbeit 

Der Tod der Kybernetik war allerdings kein vollständiger. Als Zombie wurde die revolutionäre Technologie weiter geduldet. Bis zum letzten Tag verließ sich die zentrale Planbehörde in Berlin auf elektronische Systeme, mit deren Hilfe sie versuchte, Milliarden Teile zu Millionen Produkten zusammensetzen, verteilen und verkaufen zu lassen. Alles war vergebens. Niemals stimmten die Zahlen mit den Plänen überein. Aber die Mangelwirtschaft wurde hochmodern monitored.

Von Selbstorganisation war freilich nicht mehr die Rede. Die Wissenschaft, die Werkzeug beim Aufbau des Kommunismus hätte sein sollen, galt nun als Verwaltungshelfer.Sie fand sich zurückgestutzt auf die Rolle, die Chat-Bots heute bei Hotlines spielen. Kein Thema, mit dem Politiker eine Vision auspolstern können.

Kybernetik für den Kommunismus


Ulbrichts Erbe Honecker wusste, dass auch Kybernetik den Kommunismus nicht aufbauen wird, wenn das Volk auf dem Weg zum Ziel von der sozialistischen Stange geht. An die Stelle des "so wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben", trat die Parole "Wir leisten was - wir leisten uns was".

Jedem nach seinen Bedürfnissen, dieses Wahlversprechen der Kommunisten, an dem Linkspartei, SPD und Grüne bis heute festhalten, garantierte spätkapitalistisch-dekadenten Konsum, wenn auch auf bescheidenstem Niveau. Weder für das eine noch für das andere hatte Honeckers Staat Geld. Letztlich aber, die Gegenwart zeigt das, kommt es darauf zuallerletzt an. 

Untergang mit modernster Technik 

Der Untergang, er war mit modernster Technik nicht aufzuhalten. Und er auch ohne sie näherte er sich langsam, aber stetig. Honecker und seine Genossen, allesamt mehr Gesichter als Köpfe, hatte verstanden, dass dem die Menschen davonlaufen, der sie immerzu nur auf morgen vertröstet. In den letzten anderthalb Jahrzehnten ihrer Diktatur erfuhren sie dann, dass der, der ihnen heute mit Hilfe von Sondervermögen, die damals "Milliardenkredit" hießen, gibt, was er nicht hat, morgen nackt im kalten Wind der Wirklichkeit steht.

Samstag, 26. September 2026

Hässlichkeit: Volkskörper in Lumpen

Es ist eine Mode, die zu ihrer Zeit passt. Sie ist nicht elegant, sie ist nicht sehenswert, sie macht selbst hübsche Menschen hässlich  und junge Männer zu ihren eigenen Großvätern. Sie ist kein Stil, aber der Stil ihrer Zeit: Zusammengeschraubt aus Versatzstücken, die sichtlich nicht aus Modeläden stammen, nicht einmal mehr aus denen mit der heißen Schnellmode. Sie wehrt sich gegen jeden Anflug von Eleganz. Sie verweigert die Dienstbarkeit, hübsch oder sehenswert zu sein.  

Weg mit der Eleganz 

Wer heute unter 30 ist, der lehrt nicht nur die sektselige Eleganz ab, mit der Popper vor 40 Jahren provozierten, sondern auch die  mutwillig harte Anzugsordnung der Punks. Der liebste Kleiderladen der Jugend ist die "Zu Verschenken"-Kiste mit  dem staubigen Trödel aus abgeranzten Oma-Kleiderschränken. Der "Gen Z-Style", mangels eines passenderen Ausdrucks oft einfach als "Streetwear" umschrieben, beleidigt das Auge. Er verzichtet auf Klasse und konzentriert sich ganz darauf, seinem Träger ein bequemes Gefühl von Nachhaltigkeit und Individualität zu geben, die das Kollektiv der Träger teilt.

Mit Ästhetik, wie sie Mode einst hatte ausstrahlen wollen, haben die Kombinationen auf Gefundenem, Unpassenden und Abgelegtem nichts zu tun. Gerard P. Samunt, der bis vor einigen Jahren selbst, schaut heute "angewidert", wie er sagt, auf den Verfall einer Kulturtugend, die viele Jahrhunderte lang als "Mode" bezeichnet wurde. "Damit gemeint ist nicht haute couture", sagt der 43-jährige gelernte Schneider und Lederschuhmacher, "gemeint ist, was von den Laufstegen im Alltag ankam."

Verbreitete Anti-Ästhetik 

Samunt, geboren im Grenzland zwischen Hamburg und der Schleswiger Scholle, wo seiner Meinung nach "der Geist von Karl Lagerfeld bis heute umgeht", wollte schon als kleiner Junge in Mode machen. Sein Aufstieg war schnell, seine Ideen brachten ihn bis nach Mailand, Paris und New York, aber auch nach Schanghai und Tokio. 

Samunt arbeitete vielfach mit Größen der Szene, er hatte eigene Schauen und große Fotostrecken in namhaften Magazinen. Bis es zum Bruch kam, als ihn klarwurde, "dass soziale Medien wie TikTok für die rasche Verbreitung von bestimmten Anti-Ästhetiken sorgen, die bewusst eine Abkehr sein wollen von allen Grundwerten, die der Mensch in der Vergangenheit an seine Bekleidung gestellt hat".

Der Tod der Mode 

Die im Szeneslang "Cores" genannten Kostüme sind für den Fachmann ein Tort. "Mir tut das Hinschauen weh", sagt er einmal während des Gesprächs mit PPQ-Kolumnistin Svenja Prantl, als eine Gruppe junger Mädchen am Straßencafé vorübergeht. Gerard P. Samunt verweist auf monströse Silhouetten und auf die ungeschlachte Umrisse. 

"Sie tun sich keinen Gefallen damit", sagt er, "und das ist nicht einmal beabsichtigt". Nach drei Jahren, die der frühere Modezar ausgiebigen Forschen zur Frage des Todes der Mode gewidmet hat, ist er sich: "Die Berater dieser Frauen, aber auch der Männer in diesem Alter ist pure Achtlosigkeit."

Jeder ziehe sich an, wie alles sich anzögen. Die Jogginghose, von Karl Lagerfeld vor Jahren noch zum Symbol der Verlust der Selbstkontrolle angeprangert, sei zur Uniform einer Generation geworden, die in der Hässlichkeit Schutz vor Blicken und Schutz vor Bewunderung suche. Prominente kleideten sich wie Mülleimer, das viel zu kleine Sakko aus der Kinderabteilung werden mit knöchelfreien Socken und dem Standardsportschuh aus Erdölderivaten kombiniert. "Junge Frauen tragen traurige Omakleider, junge Männer hüllen sich Hemden, die an südamerikanische Paramilitärs erinnern."

Aufschrei des Augenscheins 

Samunts  Buch "So schön hässlich" (Mastodon-Verlag, 430 Seite, 39,99 Euro ) ist der Aufschrei einer von Augenschein in den Innenstädten gequälten Seele. Auf 430 Seiten rechnet der Aussteiger aus der Modeszene ab mit einer Zeit, in der es unmöglich scheint, dass Menschen früher Freude daran hatten, nach einem im gesellschaftlichen Konsens getroffenen Maßstab "gut" auszusehen. "Schauen Sie sich heute einen Film mit Humprey Bogart und Ingrid Bergman an", sagt er, "Sie werden nicht glauben, dass diese Menschen dort Tiere vom gleichen Geschlecht sind das uns heute mit Athleisure, Oversize und Passformen beleidigen, als hätte niemand mehr einen Sinn für Proportionen."

Svenja Prantl  hat mit dem empörten Ästheten über eine Zeitenwende gesprochen, der im Schatten der großen Aufrüstungs- und Klimaprojekte stattfindet, aber zumindest seiner Ansicht nach kaum weniger Einfluss auf die Zuversicht vieler Menschen hat als so manches Panzerbau- und Jagdflugzeugentwicklungsvorhaben. 

PPQ: Herr Samunt, Sie haben ihr Buch "So schön hässlich" genannt und ihm ein Zitat der Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach vorangestellt. Die Freifrau aus Österreich, die für ihren strengen Stil bekannt war, soll einmal geschrieben haben, an dürfe anders denken als seine Zeit, aber man dürfe sich nicht anders kleiden. Ist das so überliefert?

Samunt: Ja, das hat Ebner-Eschenbach in ihren "Aphorismen" im Jahr 1884 so formuliert. Ein Zufallsfund, den gemacht habe, als ich für mein Buch recherchierte. Ich fand es sehr erstaunlich, wie sich das in den 150 Jahren seitdem komplett herumgedreht hat. Heute müsste man ja sagen, man darf nicht mehr anderes denken, aber anders kleiden, das ist Vorschrift. Zumindest so lange, dass niemand anders gekleidet ist (lacht).

PPQ: Aus Ihrer Argumentation, die sie im Buch über einen noch längeren Zeitraum herleiten, das geht zurück bis an die mittelalterlichen Höfe, erschließt sich, dass Sie sehr unzufrieden sind mit der aktuellen Lage. Erklären Sie uns, was läuft da falsch?

Samunt: Aus meiner Sicht haben wir es mit einem Verlust des Bedürfnisses nach Attraktivität zu tun. Das steht zentral im Mittelpunkt der Erkenntnisse, die ich glaube gewonnen zu haben. Man kann das einfach nicht schön finden, was Menschen heute tragen, wenn sie das Haus verlassen. Aber ich fürchte eben, und ich hoffe inständig, dass ich das vielleicht doch nur fürchte, dass darin nicht einmal eine Absicht liegt, also der Versuch, die Gesellschaft mit einer widerborstigen Interpretation gängiger Schönheitsideale zu provozieren.

PPQ: Sondern?

Samunt: Achtlosigkeit. Gleichgültigkeit. Das Bedürfnis, lieber auszusehen wie die eigene Oma als sich ein Kompliment machen lassen zu müssen. Aus objektiver Sicht ist nichts Schönes anderer Art, wie sich junge Menschen heute kleiden. Es ist alles billig, es ist alles gleich, es ist auf eine Art kombiniert, dass sich einem die Fußnägel aufrollen. Für mich ist das alles nur erklärlich, wenn wir diese Methode, sich als abstoßend zu verkleiden, in einen größeren Zusammenhang stellen.

PPQ: Der wäre dann...

Samunt: Vielleicht ist es der in der öffentlichen Diskussion so allgegenwärtige Hass, der die Jugend, es ist ja doch vor allem die Jugend, veranlasst, sich so hässlich zu machen. Sehen Sie, in keiner Phase der Menschheitsgeschichte gab es eine ähnliche Episode, dass Menschen sich ohne Not gekleidet haben wie Clochards. Sicher, nach Kriegen und in Notzeiten kam das vor. Auch hatten Jugendbewegungen öfter den Drang, sich von der Erwachsenengesellschaft abzusetzen, in dem sie bewusst eingeprägte Codes missachtet und gebrochen haben. 

PPQ: Was ist diesmal anders?

Samunt: Von diesen bewussten Provokationen blieb der gemeinsame Sinn des Gemeinwesens für Schick und Style unbeeindruckt. Das musste ja auch so sein, weil eine Provokation nur gegen ein herrschendes System möglich ist. Sobald das System die Provokation adaptiert und verschlingt, wie das in einem konkurrenzgeprägten Wirtschaftssystem auf beständiger Suche nach neuen Trends immer der Fall ist, funktioniert das nicht mehr.

PPQ: Wer sagt uns denn aber, dass die von Ihnen beklagte achtlose Hässlichkeit, Sie nennen sie die "careless ugliness", nicht auch nur ein solcher Versuch ist?

Samunt: Dazu fehlt dieser Bewegung der Bedeutungskern. Sie besteht ausschließlich daraus, dass sie jedes Bemühen vermeidet, gut auszusehen, und sei es zumindest nach eigenen zuweilen subjektiven Maßstäben, wie sie frühere unmodische Aufwallungen wie von Pettycoat bis Bomberjacke hatten. Sie lösen die Individualität der Wahl der Kleidung auf in einem Säurebad aus Second Hand-Lumpen, die aussehen, als würden sie riechen. Es ist eine Trägödie. Eine Menschheitstragödie.

PPQ: Das mag nun manchem etwas zu hoch gehängt erscheinen. Es sind sind doch nur Hosen, Jacken und Schuhe? Was kann daran so weltbewegend sein?

Samunt: Die Missachtung anderer, die ich ausdrücke, wenn ich mich kleide wie ein Müllsack. Stil, das war für viele Generationen zu verschiedenen Zeiten nie nur Pflicht, weil man eben ohne Hose nicht aus dem Haus ging. Es war auch Spaß, Freude im Gedanken, dass man eine gute Figur macht, wie es früher voller Achtung hieß. Schauen Sie sich heute um. Da ist nur noch dumpfe Vermassung. Millionen tragen dieselbe Art weißen Sneaker, einen Sportschuh! Ganz egal, wo. Ich bitte Sie. Dazu hängen zwei Sorten Hosen um die Hüften: Die Jogginghose, am besten in meliertem Grau. Oder eine Jeans, die vorher ein Elefant getragen hat. Dazu gern einen bunten Pulli, am liebsten nach dem Vorbild eines Originals in Bangladesch gestrickt, wie es bulgarische Leichtathleten in den 70er bei Olympia in Mexiko tragen mussten. Und eine aus der Outdoorabteilung von Lidl.  

PPQ: Sie schimpfen, aber Sie schimpfen nicht nur. An dieser Hemden- und T-Shirt-Frage entscheide sich, wer wir sein wollen, sagen Sie. 

Samunt: Davon bin ich überzeugt. "Mens sana in corpore sano" sagten die alten Lateiner, und sie meinten, dass nur in einem gesunden Körper ein ein gesunder Geist wohnen will. ich sage "Mens sana et corpus sanum in vestibus elegantibus resident", also: Ein gesunder Geist und ein gesunder Körper wohnen nur in schicken Kleidern. Kein Mensch, der Selbstachtung hat, läuft in Zwergenanzügen oder ballonartigen Kleider herum. 

PPQ: Warum tun es die Menschen trotzdem?

Samunt: Weil sie keine Selbstachtung haben. Ja, das klingt hart, aber anders lässt sich diese üble Phänomen nicht erklären. Das korrespondiert ja mit der Wirkung dieser Kleiderordnung. Sie ist darauf ausgerichtet, den Träger möglichst unsichtbar zu machen. Er will nicht gesehen werden, er will unter den Blicken hindurchschlüpfen.

PPQ: Warum sollte das jemand wollen? 

Samunt: Weil das fehlende Selbstbewusstsein auch mit einem neuen Körpergefühl nicht aufgeglichen werden kann. Nur  weil jemand dick ist, muss er sich nicht fett fühlen. Aber wer sich fett fühlt, neigt dazu, das unter unansehnlichen Kleidern zu verstecken. 

PPQ: Sie werten Menschen aufgrund von Äußerlichkeiten ab.

Samunt: Aufgrund von Äußerlichkeit, die sie selbstbestimmt zeigen. Denken Sie mal zurück an frühere Tage. Mädchen und Jungen flochten sich Blumen ins Haar, die brachen gesellschaftlichen Normen mit Sicherheitsnadeln und Hakenkreuzen, sie trugen bauchfrei und hauteng. Das ist alles verschwunden. Geblieben ist uns eine Armee aus grauen Mäusen mit großen Brillen, die ihre oft enormen Leiber unter Jacken verbergen, die Umhängen ähneln.

PPQ: Was meinen Sie, steckt dahinter?

Samunt: Faulheit, Bequemlichkeit, Unlust. Nennen Sie es, wie Sie wollen. Aber bedenken Sie: Wir haben es mit einer Generation zu tun, die zersissen wird von der Erwartung an sich, gut zu sein, genügsam und tolerant. In der aber nicht mehr auf drei bis vier sportliche Altersgenossen eine unsportliche Figur kommt, sondern umgekehrt. Ich nennen sie ja die Generation Pommestüte.

PPQ: Warum das?

Samtur: Wenn Sie so eine Pommestüte auf den Kopf stelen, kommt die Silhouette vieler junger Leute heraus. Oben ein kleiner Kopf, drunter ein mächtiger Bauch darunter ein noch mächtigeres Gesäß.Wir sprechen hier nicht mehr von Sanduhrfiguren, sondern Sandburgen, geformt von "Bodypositivity", einem diskriminierenden und unrealistischen Schönheitsideal, bei dem die Schönheit nicht im Auge des Betrachters liegt, sondern tot am Boden.