Dienstag, 20. Dezember 2011

Innovative Geschäftsideen: Hightech-Waffe iHammer

Sie sind inzwischen überall, unaufhaltsam erobern sie Kinos, Kneipen, Park und Skipisten, durchgoogeln sie tiefgründige Gespräche und hochfliegende Pläne. "Gibts doch schon", sagt ein Blick aufs Display. Geh schon mal, ich ruf nur noch schnell meine Mails ab, sagt der Mann zur Frau, die Frau zum Manne. Lass mich noch zuende spielen, bittet der Vierjährige, Du siehst doch, ich chatte gerade, ärgert sich die Teenagertochter. "Die Pest der Neuzeit, sie hat einen Namen", sagt Jens Süverkrüp, "und es ist ein Namen, genauso elegant wie das Teufelswerkzeug, das er bezeichnet."

Süverkrüp weiß genau, wovon er spricht, denn er war dem kleinen, friedlich wirkenden Helfer für alle Lebenslagen bis vor einem Jahr selbst völlig verfallen. "Ich sprach iPhone, ich schlief iPhone und ich ging mit meinem iPhone auf die Toilette", bekennt der 36-Jährige aus dem mitteldeutschen Bernburg. Selbst Fußballübertragungen, die er mit Freunden sah ("damals hatte ich ja noch welche", sagt er), hielten ihn nicht davon ab, die Informationen aus der wirklichen Welt im Minutentakt mit denen aus den virtuellen Weiten des Datennetzes abzugleichen. "Wenn wir darüber sprachen, wer zu der Zeit Bundespräsident war, als Sparwasser die BRD-Elf bei der WM zusammenschoß, konnte ich jede Diskussion innerhalb weniger Sekunden beenden - ich habe nachgeguckt."

Wohin das führte, erkannte er spät. "Freunde wendeten sich ab, die Familie hielt nur noch über Chats Kontakt." Süverkrüp begann, seine Umgebung zu beobachten, und "dieselben Muster überall zu sehen." Die Welt teile sich inzwischen in zwei gesellschaftliche Gruppen: "Hier die iPhone-Fans, dort die iPhone-Gequälten." Opfer seien in diesem Krieg eines amerikanischen Multimilliardenkonzerns gegen die in Jahrtausenden eingeübte Kommunikationsgewohnheiten beide Seiten: "Die einen verlieren, die anderen gewinnen nicht."

Der Sohn eines ehemaligen LPG-Agraringenieurs, der selbst viele Jahre als Tauchlehrer in Thailand, als Sprecher einer bundesweiten Backwarenkette und als Tourmanager einer Heavy-Metal-Band gearbeitet hat, wollte dem "Verfall der Sitten", wie er es nennt, nicht länger zuschauen. Jens Süverkrüp beschloss, dem schleichenden Gift des Kommunikationsoverflow, wie es Experten nennen, etwas Handfestes entgegenzusetzen. In einer mehrwöchigen Klausur entwickelte der Vater zweier Kinder den iHammer (Foto) - ein simpel wirkendes, aber designtechnisch im typischen Apple-Stil "auf gute Nütze bei schönem Aussehen" (Süverkrüp) optimiertes Instrument, das iPhone-Geplagten und iPhone-Süchtigen schnelle Hilfe im Kampf gegen die Ursachen der vielerorts noch gar nicht erkannten Seuche verspricht.

"Wir als Deutsche haben ja eine gewisse demiurgische Tradition", begründet der frühere Geschichtsstudent Süverkrüp, warum die Idee des "iHammer" gerade im Hightechland Deutschland entstand und umgesetzt werden konnte. seine im Oktober neugegründete Firma iHammer Solutions ziele mit ihrer Erfindung darauf, Betroffenen ein Werkzeug in die Hand zu geben, mit dem sie schnell und wirksam gegen die immer mehr zunehmende Plage vorgehen können. "Gerade in der stillen zeit vor dem Fest und zwischen den Jahren kann das vielen Familien helfen, vielleicht sogar Beziehungen oder sogar Leben retten."

Wie bei Apple üblich sei die Handhabung des iHammer selbsterklärend, in der Regel reiche eine Anwendung auch aus, die Problemlage dauerhaft zu lösen. Bisher ist im Webshop von iHammer Solutions erst ein iHammer-Modell im Angebot (Foto), weitere Modelle aber seien in Vorbereitung. "Die Geschmäcker sind verschieden, darauf wollen wir einfach reagieren." Gefertigt werden die iHammer keineswegs in China, wie man vielleicht annehmen würde. Nein, Süverkrüp setzt ganz klar auf das Qualitätslaber Made in Germany. "Unsere hauseigene Fabrikation schafft 575 iHammer am Tag, derzeit bauen wir eine neue Halle, um den Ausstoß zu verdreifachen."

Denn iHammer Solutions hat eindeutig den Weltmarkt im Visier. "Ich glaube, dass das Problem keineswegs ein rein deutsches ist", sagt der junge Gründer, der anfangs dennoch Schwierigkeiten hatte, die örtlichen Banken und Sparkassen von seinem Konzept zu überzeugen. Erst ein 500.000-Euro-Kredit eines väterlichen Freundes erlaubte es ihm, Maschinen und Material einzukaufen und Mitarbeiter einzustellen. "Jetzt läuft es aber, sogar aus den USA und Asien kommen schon Bestellungen."

Die Kunden dort , aber auch iHammer-Käufer in Deutschland dürfen sich überdies freuen, denn schon im nächsten Jahr könnte es noch einfacher werden, gegen den Kommunikationsoverflow vorzugehen: Derzeit arbeitet die Entwicklungsabteilung von iHammer Solutions an einer App, die auf elektronischem Wege dasselbe Ergebnis erzielt wie die äußerliche Anwendung des iHammer. "Runterladen, starten", verspricht Jens Süverkrüp, "und schon ist Ruhe."

Mehr heiße Gründer-Stories von jungen Deutschen, die es geschafft haben, in der großen PPQ-Serie "Geschäftsideen, die wir auch gern gehabt hätten":

Traumstart mit der Talibar
Hotbird: Papagei im Federmantel macht Grenztruppenoffizierssohn zum Millionär
Rettung für Vermieter: Preisgekrönte Hilfe zum Steuerbetrug
CO2-arm für Klimakunden: Gut gekühltes Leitungswasser als Erfolgsrezept
Virtuelles Sterben: Der Tod ist mein Beruf
Regenschirme in der Wüste: Erfolg aus dem Ziegendarm
Die Angst muss zittern: Halle Street View startet durch

Doku Deutschland: Wolken über der Wulffschanze

Die wollen mich nicht nur anschießen. Die wollen mich abschießen. Das war mir im ersten Moment klar. Ich habe zu Betti gesagt, gleich als wir die ersten Nachrichten bekamen, jetzt graben die so lange, bis sie mich haben. Das sind Momente im Leben, da atmet man anders. Man wird sich plötzlich bewusst, wie vergänglich das alles ist und wie wenig man eigentlich erreicht hat. Ich komme aus kleinen Verhältnissen, das wissen Sie sicher. Wir hatten nie viel, aber wir hatten uns viel vorgenommen. Aufsteigerkinder waren wir, wild, aber auch zielbewusst. Ich habe nie gefühlt, dass ich irgendeiner Gegenbewegung angehöre, ich war nie auf Krawall gebürstet. Vielleicht hat das geholfen, dass ich die Leiter recht schnell genommen habe. Ich weiß es nicht.

Betti sagt immer. Chrissi, nimm Dir die Sachen nicht zu Herzen. Viele meinen gar nicht Dich, sondern das Amt. Aber jemand wie ich fühlt nicht wie ein Amtsträger, der fühlt wie Sie und er und hat tausend Fragen. Als wir Flugzeug zurück aus dem Oman saßen, schönes Land da, fortschrittlich, ein Islam mit Dynamik und Fröhlichkeit, sage ich zu Betti, was meinst Du ist jetzt am besten? Soll ich gleich was sagen oder warten. Man hat in diesen Augenblicken ehrlich gesagt wenig Freunde. Und die Berater, die man hat, sind Theroetiker, Medientechnik, Mediendynamik, Grundgesetze des Agendasetting, da kennen die sich aus. Aber wie es dann läuft, fragen Sie die bloß nicht.

Ich habe mich entschieden, erst mal zu warten. Für mich war die Sache doch klar. Das sind alles alte Kamellen, ich habe mir nicht zuschulden kommen lassen, der Egon ist ein alter Freund, väterlich fast, der besticht doch keinen. Mir war das nur damals zu blöd, da mein Privatleben offenzulegen für die grünen Quertreiber. Die haben keinen Stil, kein Gefühl, nehmen keine Rücksicht auf Leute wie mich, die für dieses Land immer den Buckel hinhalten, zehn, zwölf Stunden am Tag. Und angeranzt werden, wenn sie dann mal zu Gast bei Freunden sind.

Betti meinte, machs schriftlich, Chrissi. Du musst was sagen, das ganze Internet ist voll. das geht ja schnell heute, da schießt die Erregungskurve über, dass es nur so schwappt. oft ist es aber auch schnell wieder vorbei, habe ich zu Betti gesagt. Wirst sehen, vor dem Wochenende geben die Ruhe. Wir sind dann ins Schloss gefahren, haben zu Abend gegessen, Kinder ins Bett, was man so macht als Familie. Dass da in Lüttich dieser Mensch herumgeschossen hat, das habe ich erst aus den Tagesthemen erfahren, vorher hatte ich den Fernseher, ist ja immer eine Menge zu machen, wenn man aus dem Urlaub kommt, auch wenn, ehe Sie da was Falsches denken, kein Urlaub war in dem Fall.

Betti sagte dann, als ich ins Bett kam, bei dem kannste dich vielleicht bedanken. Ich habe mich natürlich verwahrt gegen solche pietätlosen Sprüche. Aber Frauen sind praktisch, die sehen oft den Punkt, den man als Mann gar nicht so beachtet. Konnte gut sein, dass sie recht hat, ich bin da ja sowieso eher auf der Seite derjenigen, die sagen, es kommt, wie es soll, wir sind alle in der Hand des Herrn, und wenn es ihm beliebt, uns abzuberufen, dann sind wir so flott weg, so flott kann gar keiner hinterherschauen.

Das gibt einem die Ruhe, gelassen zu bleiben, auch wenn es brennt. Man vertraut einfach darauf, dass sich jemand anderes was denkt und in die richtige Richtung lenkt. Nächsten Morgen, wir hatten gerade das Frühstück abgeräumt, die Betti und ich, da kommt die Geschichte mit dem Lindner. ich hatte mit dem nie so einen Draht und glaube auch nicht, dass erst direkt im Gedanken an mich gemacht. Aber das ist eben das - jemand anders hat sich da sicher gedacht, guter Zeitpunkt für den Christian.

Nein, zu Hause haben wir nie von Rücktritt geredet. Warum hätten wir sollen? Ich hatte mir nichts zuschulden kommen lassen. Nach dem Lindner-Rücktritt dachte ich für einen Moment, das wars jetzt, das zieht die Heuchelmeute jetzt dort rüber. Ich hätte dann vielleicht nicht auf die Berater hören sollen, die mir immer im Ohr lagen mit Entschuldigung schreiben und Reue zeigen. Als die Kanzlerin dann noch anrief mit einem ähnlichen Sermon, ja, kann man sagen, habe ich die Nerven ein bisschen verloren. Der Gedanke war, jetzt noch ein Entschudilgungsschreiben, schriftlich, keine Nachfragen. Dann lassen sie ab von Dir.

Ein gutes Gefühl hatte ich nicht. ich bin ja Anwalt und ich weiß, dass sich der in Gefahr begibt, der Fakten zur Verfügung stellt. Fakten lassen sich prüfen, Widersprüche gibt es immer. Die haben dann auch keine 24 Stunden gebraucht, um mich in die nächste Runde zu treiben. Angeblich war das Geld für unser Häuschen nun doch von Egon und nicht von Erika, die habe ja gar kein Geld. Aber ich frage Sie: Wenn Sie im Lotto gewinnen, bekommen Sie dann Geld von Lotto oder von den Lottospielern? Sehen Sie, ich bin da total sauber. Wenn die Erika das vom Erich hatte, geschenkt! Ich habs von Erika! Dass wir das vorher so besprochen hatte, dafür kann ich doch nichts, das ist einfach eine steuerliche Geschichte.

Betti ahnte Böses, als es gleich wieder losging. "Druck wird stärker" und so. Alles Standards aus der Bundesworthülsenfabrik, sage ich immer. Kenn ich. Kann ich. Ich fühlte keinen Druck. Ich hatte mir nichts zuschulden kommen lassen. Erschrocken war ich nur, dass die Kollegen mir nicht beigesprungen sind. Da ist heutzutage keinerlei Solidarität mehr, eine kalte Entfremdung eher, die einem in solchen Momenten doppelt wehtut. Da ist so viel Neid, soviel Gehässigkeit. Wenn man nicht wüsste, dass man das alles für Vaterland auf sich nimmt, für das Volk, das verlässliche Institutionen braucht, dann könnte man direkt hinschmeißen.

Wobei, nicht, dass Sie mich jetzt falsch verstehen. Das ist nicht der Plan, darüber reden wir nicht, die Betti und ich. Ich mache meine Arbeit gern und ich mache sie gut, da können Sie jeden fragen. Wenn ich hier weg soll, dann werden die mich raustragen müssen.

Zur reisgekrönten PPQ-Serie Doku Deutschland:

NSU bei der Namensfindung
Landschaftskameramann bei 3Sat
Euro - der geheime Hades-Plan
Normierung von allem
Beim letzten deutschen Autofahrer
Bekenntnisse eines Blitzkriegers
Wahrheit ist flexibel
Ein Land aus Pfand
Sorgen auf der Sonnenbank
Rock an der Rütlischule
Schwimmen mit Sirenen
Hausbuchführer im Widerstand
Ich dagegen bin dafür
Der Marcellator der Herzen
Die Stimme des Bauchtrainers
Am Tresen verhaftet


Montag, 19. Dezember 2011

Kim, Havel, Wulff: Wie die Präsidenten enden

Ein kleiner, großer Erneuerer war der eine, ein Dramatiker und Freiheitskämpfer der andere, Freund von Ferien bei Freunden ist der dritte. Es ist Präsidentendämmerung draußen in der Welt, sie sterben wie die Fliegen, die Anführer von Despotismus und Demokratie, Nepotismus und Niedgesellschaft. Nach Vaclav Havel, dem liebenswerten Tschechen, der alks erster Beatpräsident weltweit sogar mit Frank Zappa befreundet war, hat es jetzt auch Nordkoreas "geliebten Führer" Kim Jong Il erwischt. Der zwergenhafte Diktator, vor Jahren verantwortlich für den grausamen Mord an einem Dutzend deutscher Riesenrammler (Foto unten: der ermordete Riesenrammler Robert), starb "während der Fahrt mit seinem gepanzerten Zug an einem Herzionfarkt", wie die Tagesschau tiefgründig analysiert.

Eine Lehre für das Leben. Panzer außen reichen nicht, wenn das Herz aus dem Takt ist. Vaclav Havel hätte gewusst, wovon die Rede ist, denn der Tscheche kam ein Leben lang ohne Panzerzug aus. Havel musste allerdings auch nicht wie Kim ein Land im Kalten Krieg führen, geschweige denn musste er den Kalten Krieg weiterführen, als er längst schon beendet war. Kim tat das, denn er hatte erkannt, dass nur die eiserne Klammer der Furcht vor dem Außen sein halbes Land zusammenhält. Was von außen kam, ist schlecht, abgesehen vielleicht von den vielen Pop-Stars, denen der begeisterte Musikliebhaber gegen gelegentliche Privatkonzerte gern Asyl gab. Nur konsequent: Obwohl der gottgleiche Überpriester der von seinem Vater geschaffenen Chuch'e-Ideologie sich selbst als Internet-Kenner sah, ist Nordkorea das einzige Land weltweit, das keinen Anschluß ans Internet hat. Auch Handys sind im Volksstaat verboten, dafür brechen regelmäßig Hungersnöte aus.

Man kann nicht beides haben, wie Deutschlands Präsident Christian Wulff immer behauptet. Wenn alle mitreden dürfen, babelt jeder, was er denkt, Twitter, Facebook und das ganze Internet quellen über von Hohn und Spott und Enthüllungen, die gehalten sind, die Würde des Amtes zu beschädigen.

Kim Jong Il setzte auf wohlwollende Abschirmung seines Volkes. "Ich kann verantworten, was ich getan habe", soll er Vertrauten auf dem Totenbett gesagt haben. Ein Hinweis auf interne Kritiker, die den Kurs des gesundheitlich angeschlagenen Staatsführer missbilligten. Kim hatte versucht, die gierigen Banken draußen zu halten und sein Land doch leise zu modernisieren. Eine staatseigene Agentur bot sogar Reisen hinter den eisigen Vorhang an, allerdings ohne Möglichkeit, kostenlos aufzuwulfen. Doch das klassische Land des praktizierten modernen und produktiven Sozialismus geriet nur tiefer in den Strudel der Krise: Drei Jahre nach dem Beginn des Desasters an den Weltbörsen, so berichtet die NZZ, stieg die Rate der Armen und Hungernden auch in Nordkorea auf das Maß, unter dem Deutschland bereits seit Jahren leidet.

Erbfolger

Wulff-Wochen bei PPQ: Sparkur im Schloss

Man kann PPQ lesen. Oder auf den "Spiegel" warten, der irgendwann auch drauf kommt. Gerade ist es wieder soweit: 10.000 Euro habe der augenblicklich noch amtierende Bundespräsident Christian Wulff seinerzeit sparen können, indem er einen privaten Kredit seines Gönners Egon Geerkens annahm, statt zu einer Bank zu gehen. Oder, wie es letzten Dienstag bei PPQ hieß: "Wulffs sparten dadurch während der Laufzeit des Privatdarlehensvertrag etwa 10.000 Euro Zinsen."

Im Unterschied zu uns, die wir schon zu Beginn der Wulff-Wochen vor allem entsetzt darüber waren und sind, für wie wenig Geld ein deutscher Spitzenpolitiker bereit ist, ihren Ruf und ihre Karriere zu verpfänden, lobt der "Spiegel" den im Sturm der Kritik wankenden Christdemokraten, der als Ministerpräsident über ein Monatseinkommen von 13.000 Euro verfügte: "Mit dem Privatkredit von vier Prozent hatte er also ein gutes Geschäft gemacht - in fünf Jahren hätte er zwischen 50.000 Euro und 60.000 Euro gespart."

Die Frucht jahrelanger Mühen, um ganz an die Spitze zu klettern, wird unter zielgerichteter Umgehung von Recht und Gesetz, auf dass man einen Treueeid abgelegt hat, transferiert und in ganz kleiner Münze ausgezahlt. es fällt angesichts der fünfstelligen summen, mit denen der "Spiegel" in seiner Lobeshymne auf den Sparfuchs Wulff hantiert, nicht so auf. Aber ummgerechnet auf ein deutsches Verkäuferinnengehalt sparte der Bundespräsident tatsächlich rund 63 Euro im Monat.

Die Summe spricht Bände über die Qualität des politischen Spitzenpersonals: Große Gestalten begehen große Verbrechen. Kleine Gestalten leben von kleinen Gefälligkeiten.

Am Check-in am Flughafen Frankfurt am Main eben folgende Szene: Ein Gast fragt, ob er sein Ticket "aufwulffen" kann. Ohne Rückfragen und mit ernstem Gesicht antwortet die Schalterdame: "Nein, Business ist ausgebucht".

Sonntag, 18. Dezember 2011

Arm, aber tot

Eine Welle des Entsetzens ging durchs Land, als eine Pressemitteilung der Linken die ganze furchtbare Wahrheit öffentlich machte: Wer ärmer ist, stirbt früher!, hieß es in dem Papier, das Bezug nahm auf eine 384-seitige Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der früheren PDS im Parlament. Aus der hatte die Partei die Information herausgezogen, dass rund 3.000 Geringverdiener unter den rund 8,5 Millionen Altersrentnern hierzulande früher gestorben sei als dass der Statistik nach zu erwarten gewesen wäre. Die "Saarbrücker Zeitung" machte daraus "Arme sterben früher". Die staatliche Nachrichtenagentur dpa fasste zusammen "Geringverdiener, das beweisen Zahlen der Rentenversicherung, sterben dagegen immer früher - gegen den allgemeinen Trend". Die Bundesregierung scheue "die Diskussion um diese unbequeme Wahrheit", klagte der Nachrichtensender n-tv. Die Süddeutsche Zeitung empfahl Nordic Walking als Gegenmittel, die WAZ Bildung.
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Einig waren sich alle Medien, dass die Sache selbst stimmt. Zwei Jahre früher müssten ärmere Menschen sterben, einfach, weil sie ärmer sind, hieß es allüberall. Wie Zettel bemerkt, löste sich die Aufregung sogar von ihrem Anlass: Die Süddeutsche schaffte es, in einem dreiteiligen Artikel mit keinem Wort auf die Quelle einzugehen.

Wenn eine Meldung den Erwartungen des Publikums entspricht, zählt die Quelle nicht. Und diese Meldung hier befriedigt alle Eitelkeiten. Arme können sich beachtet fühlen und erwarten, dass der Staat schon bald etwas gegen ihre frühes Ableben unternehmen wird. Nicht-Arme aber können aufatmen - sie werden nicht früher sterben, sondern später. Auch wenn mancher selbst dann nicht älter werden wird als mancher, der früher sterben muss, ist das ein gutes Gefühl.

Dass der neue Fall von sozialer Scherenklaffung per Agenturmeldung auf einem mikroskopischen Ausschnitt aus der Statistik beruht, der von der Deutschen Rentenversicherung als "zu gering, um als Trendaussage interpretiert werden zu können" bezeichnet wurde, spielt keine Rolle mehr. Auch wenn die von der Linken genannten Zahlen "weder repräsentativ noch aussagekräftig", sind "um belastbare Aussagen über die Lebenserwartung von Niedrigverdienern zu treffen", sind sie doch in der Welt. "Die Ente watschelte nun einmal", schreibt Zettel.

Und kein Wort über die Gründe, die der in der Tat statistisch relevante Unterschied zwischen den Lebenserwartungen von Reichen und Armen hat: Arm isst schlechter, trinkt mehr, raucht häufiger; Arme gehen seltener zum Arzt, obwohl sie im Durchschnitt kranker sind - nicht, weil Armut krank macht, sondern weil Krankheit arm macht - wer krank ist, kann ja nicht arbeiten. Arme haben überdies mehr Kinder, was den sozialen Wohlstand mehr, am finanziellen Status aber zehrt. Ihre Autos sind älter und deren Insassen bei Unfällen schlechter geschützt, sie arbeiten auf dem Bau oder in anderen Bereichen, die unfallgefährdeter sind als die Lofts von Internetwerbeagenturen.

"Das sind Faktoren, die überwiegend nicht Folge geringen Einkommens sind, sondern die zu Verhaltensmustern der Unterschicht gehören", heißt es bei Zettel. Auch der Geringverdienende könne zum Arzt gehen, könne das rauchen einstellen, sich gesund ernähren und sich viele Freunde suchen. dennoch verhalte er verhält sich statistisch gesehen seltener so als die übrige Bevölkerung.

Das aber sei "ein Problem schichtspezifischen Verhaltens, nicht der Höhe des Einkommens". Und dass es trotzdem anders dargestellt wird, ist ein Medienproblem, kein soziales.

Sätze für die Ewigkeit X

Eine Anwohnerin, anklagend zum Reporter im dritten Programm:

Sie sehen ja selbst, wie laut es hier ist.

Mehr
Sätze für die Ewigkeit

Samstag, 17. Dezember 2011

Wulff: Wasch mich, aber mach mich nicht nass

Dauerwochenendfeuer auf Noch-Bundespräsident Christian Wulff - und spätestens am Montag werden auch die Qualitätszeitschriften die richtigen Schlüsse ziehen. Der Sumpf am Schloß Bellevue, er ist noch viel tiefer! Stimmen die Angaben von Egon Geerkens, Wulffs väterlichem Gönner und Finanzier, dann hat sich der Christdemokrat nicht nur des moralischen Vergehens der Trickserei im Parlament und eines eventuellen Verstoßes gegen das niedersächsische Ministergesetz schuldig gemacht. Sondern auch eines Vergehens nach dem "Gesetz über das Aufspüren von Gewinnen aus schweren Straftaten (GWG)", das allgemein als Geldwäschegesetz bekannt ist. Geerkens hatte angegeben, Wulff zur Ausreichung des vereinbarten Kredits einen "anonymen Bundesbankscheck" über 500.000 Euro übergeben zu haben. Die Absicht sei Verschleierung des Geldflusses gewesen: „Ich wollte nicht, dass irgendein Bank-Azubi sieht, dass so viel Geld von mir an Wulff fließt.“

Die Absicht ist gegeben, die Umsetzung ist erfolgt. Wie die FAZ berichtet, wurde das Geld nicht von Edith Geerkens’ Konto bei der Stadtsparkasse Osnabrück auf das von Christian Wulff überwiesen, "sondern über ein Konto, das die Stadtsparkasse bei der Bundesbank hat, gelenkt und Wulff als Scheck übergeben". Das habe, so Geerkens, er sich überlegt und mit Wulff vereinbart. Vorteile hat dieses umständliche Verfahren das nicht, abgesehen von dem einen: Am Ende der Kette war nicht mehr zu sehen, wer am Anfang stand, wessen Geld hier also einem deutschen Ministerpräsidenten gutgeschrieben wurde.

Das Problem dabei: Durch den anonymen Scheck konnte Wulffs Hausbank offenbar nicht nachvollziehen, wer der Aussteller des Schecks war und welchen Zahlungsgrund er hatte. Der Bank war so weder die vom GwG geforderte Identifikation beider Transaktionsteilnehmer und schon gar nicht die Überprüfung ihrer Identität möglich. Dazu aber wäre die Bank verpflichtet gewesen, wenn eine "außerhalb einer bestehenden Geschäftsbeziehung" anfallende Transaktion ein Volumen von 15.000 Euro übersteigt.

Wulff selbst hatte im niedersächsischen Landtag angegeben, dass zwischen ihm und Geerkens sowie den Firmen des Wahlschweizers keine Geschäftsbeziehungen bestehe, also vorab schon eingeräumt, dass seine Bank seine anonyme Einzahlung nach Paragraph 4 des GwG hätte an die "Zentralstelle für Verdachtsanzeigen" beim BKA melden müssen. Dass sie es unterließ, bringt ihr jetzt wahrscheinlich ein Bußgeld ein - 100.000 oder 50.000 Euro setzt das Gesetz fest.

Für Wulff aber wird es womöglich noch teurer.

Der Präsident spricht erstmals selbst - Protokolle aus dem Bundespräsidentenbunker: "Wolken über der Wulffschanze - wie ich es erlebte"
Wer soll der neue Wulff werden? Die große Volksabstimmung

Mit einem Auge auf den Aufstieg

Das Ende war eigentlich schon wieder der Anfang. Weil es den Fußballgöttern der 4. Liga seit Jahren gefällt, die Rückrunde im Hinrundenjahr zu beginnen, ist das letzte Spiel vor Weihnachten immer das erste des neuen Spieljahres - für den Halleschen FC diesmal die Partie beim Spitzenreiter und Aufstiegsfavoriten Holstein Kiel.

Glückliche Fügung, denn die Männer von Trainer Sven Köhler sind derzeit in der Form des Jahrzehnts. Standen sie im vergangenen Jahr zum selben Zeitpunkt schon vor den Trümmern aller Aufstiegsambitionen, hat der grandiose Auswärtssieg bei Redbull Leipzig diesmal dafür gesorgt, dass selbst der typisch skeptische HFC-Fan mit einem Auge auf den Aufstieg schielt.

Unerlässlich dafür war ein Punkt in Kiel, bei einer Mannschaft also, die bis dahin noch keinen Punkt daheim abgegeben hatte. Aber hier sind sie, die seit zwei Wochen amtierenden Schrecken der Liga: Angeführt von Maik Wagefeld, dem überzeugendsten Ex-Zweitligaprofi, der je in die 4. Liga heruntergestiegen ist, um in Halle zu spielen, legen die Rotweißen in Regen und Sturm los, als wollten sie weitermachen, wo sie letzte Woche in Leipzig aufgehört hatten. Doch im Sturm spielt immer noch Andis Shala, inzwischen niemand mehr, den man kritisieren muss, sondern eine tragische Figur: In der zweiten Minute steht der große Ex-Schotte allein sechs Meter vor dem Kieler Tor, der Ball rollt auf ihn, Shala holt aus. Und tritt ein Luftloch, weil das Spielgerät im tiefen Schleswiger Schlamm steckengeblieben ist.

Man kann ihm das nicht vorwerfen, zumal hier eigentlich nur Kiel spielt. Kaum ist die Anfangsoffensive der Gäste verpufft, drücken die "Störche" unablässig auf das Tor von Darko Horvat. Ohne allerdings wirklich gefährlich zu werden. Trotz des tiefen Bodens ist zu sehen, dass hier zwei der drei Spitzenmannschaften aufeinandertreffen. Beste Abwehr gegen besten Sturm - Kiel schießt zweieinhalb Tore pro Partie, Halle kassiert höchstens eins. Auf beide Arten landet man ganz vorn in einer in dieser Saison absolut zweigeteilten Liga. Der Abstand zwischen 3. und 4. beträgt 14 Punkte - im letzten Jahr waren es zwei, in den beiden Jahren davor sogar nur einer.

Heißt also, in diesem Jahr verkloppen drei Mannschaften den Rest - und zwei davon neutralisieren sich hier vor 8.000 Zuschauern. Bis zur Halbzeit mit Vorteilen für Kiel, danach aber plötzlich mit einem deutlichen Übergewicht für Halle.

Jetzt sieht es aus, als hätten die Teams ihre Trikots getauscht. Halle drückt, Halle spielt jetzt sogar ähnlich magischen Kurzpassfußball wie bei der Fußballmesse in Leipzig. Als Sven Köhler ein Einsehen mit Andis Shala hat und ihn herunternimmt, dauert es auch nur noch zwei Minuten bis zur zweiten Torchance: in der 62. Minute läuft Dennis Mast allein auf Kiels Keeper Jensen zu, knallt den Ball aber aus zwölf Metern nur an den rechten Pfosten.

Besser macht es Telmo Texeira, der ehemals Aussortierte, mit dessen Rückkehr sich der Gewinn an Spielkultur beim HFC verbindet. In der 68. Minute köpft der Portugiese aus drei Metern ins Tor. Doch während er jubelnd abdreht, winkt der aus dem nahegelegenen Hamburg angereiste Unparteiische zum weiterspielen.

Kiel aber sind nun endgültig die Beine schwer. Und nach der 80. Minute will auch Halle nur noch den Punkt. So bleibt es bei einem Ergebnis, das statistisch gesehen naheliegend war: Die beste Abwehr hält den besten Sturm in Schach, Halle bleibt zum 13. Mal in 18. Spielen ohne Gegentreffer, Kiel zum zweiten Mal in dieser Saison ohne Torerfolg. Zum ersten Mal war den "Störchen" das beim Hinspiel in Halle passiert, das sie damals mit 1:0 verloren.

Monstersturm spaltet Europa

Die britischen Metereologen bemerkten ihn zuerst. Ein "Monster-Sturm" (Bild), ein Tief wie aus dem Bilderbuch. Der Wetterdienst der Insel warnte vor Blitzeis und Orkanböen, vor herabstürzenden Ziegeln und schweren Regenfällen. Doch er warnte nicht vor einem Orkan namens "Joachim". Ebensowenig taten das die französischen Wetterexperten, bei denen das Tief Stunden später anlangte. Der Wind wehe "sehr hart an der Atlantikküste", klärten sie auf, Böen könnten 140 Kilometer in der Stunde erreichen. Nördlich der Alpen drohten starke Schneefälle, damit werde die Lawinengefahr sehr stark steigen. Die Gefahr durch "Joachim"? Nein, von Joachim wissen die Franzosen nichts.

Auch beim königlich-niederländischen meteorologischen Institut ist der Monster-Sturm, vor dem die gesamte deutsche Qualitätspresse zittert, unter diesem Namen nicht bekannt. Die Aussichten, von Amsterdam aus gesehen: "Bei mäßigem bis lebhaftem Wind aus Südost bis West steigen die Temperaturen bis zum frühen Nachmittag auf 1 bis 10 Grad."

"Ein bis zehn Grad" könnte eine Vorhersage sein, wie sie auch der deutsche Wetterdienst in Serie produziert. Davon abgesehen aber zeigt die Wetterberichterstattung, wie weit der Weg des Kontinents zu einerUnwetterunion noch ist: Abgesehen von den Österreichern und dem deutschsprachigen Teil der Schweiz weigert sich der Rest Europas, neueintreffende Orkantiefs so zu nennen, wie das die Deutschen tun, die aus ihrer Vergangenheit gelernt haben. Nannten sie Hamburg-Flut von 1771 und den Großer Sturm von 1703 noch so - Hamburg-Flut von 1771 und den Großer Sturm von 1703 - geht es seit einigen Jahren zu wie in Klein-Nadines Plüschtierzoo: Jedes Hoch und jedes Tief bekommt ein Nämchen, jedes Unheil wird zu Mann oder Frau erklärt, jeder Regenguss wie personalisiert.

Das war das Sturmtief Daisy und der Orkan Xynthia, das Mittelmeertief Andrea, das Genuatief Rolf, der Supersturm Emma und der Halbhurrikan Kyrill - aber sie alle trafen, wie sich jetzt herausstellt, immer nur Deutschland und Österreich, die Kernlande der Wettertaufe. Kein Brite erinnert sich an "Rolf", weil es Rolf im Königreich nicht gab. Kein Spanier weiß etwas von Xynthia, von der ihm seine Hauptnachrichtensendung nie erzählt hat. Und kein Italiener weiß derzeit über die durch "Joachim" drohende Gefahr Bescheid. Es gebe da in Deutschland, schreibt die Nachrichtenagentur Ansa aus dem "Spiegel" ab, eine Unwetterwarnung. Die Deutschen nennen den Orkan Joachim.

Die Italiener nennen ihn gar nicht. Sie hatten ja auch keinen "Superzyklon Kyrill", keinen Sturm "Lothar" und kein Unwettertief "Daria".

Wie aber soll sich die Bevölkerung eines Kontinent, der über keine gemeinsame Sprache verfügt, über gemeinsame Bedrohungen unterhalten, wenn es nicht einmal zu gemeinsamen Begrifflichkeiten reicht? Wie fragt ein Deutscher einen Franzosen in zehn, zwanzig Jahren danach, wo er gewesen ist, als Joachim ganze Landstriche verheerte? Wenn doch der Franzose, der Italiener und der Holländer die Regenfront samt Wind gar nicht so genannt haben?

Ein Fall für die EU-Kommission, ein Fall für die Harmonisierungskommissare in Brüssel. Europa braucht einheitliche Namen für einheitliche Stürme, Europa muss unterm Regenschirm zusammenrücken, muss neu denken, neu handeln, neu delhi, wie der große hallesche Mundart-Metereologe Tom Gruß seinem Privatsekretär einmal inmitten eines damals noch namenlosen Regenschauers diktierte. Es braucht nicht nur entschiedene Maßnahmen für eine Fiskalunion, sondern auch entscheidende Weichenstellungen hin zu einer Wetterunion. Das Unheil muss einen Namen haben und der muss für alle gelten.

Droht wieder ein Zickzack-Winter?
The Day after Emma
Wetterdienst warnt: Vorhersagen nehmen zu

Freitag, 16. Dezember 2011

Tatort Volkswagen: Christian Wulff gefällt das

Es geht doch. Wenn alle wollen, kann Deutschland es schaffen, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Dazu müssen Betriebe und große Kombinate zusammenarbeiten, das aber kann auch für den uneingeweihten Zuschauer Mehrwert bringen, wie ein aktuelles Beispiel aus dem Staatsfernsehen zeigt. Im packenden "Tatort"-Thriller mit Hubert Burdas Ehefrau Maria Furtwängler als Tatort-Kommissarin Charlotte Lindholm schafften es die Produzenten, eine Vorstellung der neuen Modellreihe des einst vom Führer selbst begründeten niedersächsischen Staatskonzerns VW ganz unauffällig in die Handlung zu integrieren.

Wie der Tatort-Fan Larise23 auf Youtube zeigt, handelt der Kriminalfall über weite Strecken davon, wie viele Möglichkeiten es gibt, eine Auto so zu zeigen, dass jedermann es liebhaben muss. Furtwängler spielt ihren Part souverän: Sie stellt die einzelnen Feature vor, zeigt Freude am Fahren und Begeisterung über den intelligenten Regensensor, den selbstabdunkelndem Rückspiegel und das helle, luftig wirkende Glasdach. Christian Wulff, dem akut so von miesen Anfeindungen bedrohten Bundespräsidenten, der viele Jahre als Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat dafür sorgte, dass der Staatsanteil an Deutschlands erfolgreichstem Autobauer gewahrt blieb, gefällt das sicher.

Fremde Federn: Die Stille nach dem Schuss

Den "diskreten Charme der Berichterstattung" entdeckt Manfred Gillner in einem Text auf achgut.com, der dort weitermacht, wo PPQ nach dem Terroranschlag des Belgiers Nordine Amrani vermutet hatte, dass der gebürtige Nordafrikaner, der in Lüttich fünf Menschen erschoss, gut in der Lage gewesen wäre, dem bedrohten Bundespräsidenten Christian Wulff alle seien Sorgen zu nehmen. Was dem Killer fehlte, war nicht viel: Ein anderer Name, eine Herkunft vielleicht aus Sachsen oder Thüringen, ein Käppi mit einem aufgenähten rosaroten Panther, ein paar Verbindungen zu deutschen Neonazis, eine Vorliebe für Rechtsrock-CDs und ein paar Demo-Erfahrungen an der Seite des NPD-Chef Holger Apfel.der sicher nicht zufällig so heißt: A und H, man weiß ja aus vielen Aufklärungsbroschüren, wofür das steht.

Hatte er aber alles nicht. Weshalb der Autor eine Reaktion auf die Schreckenstat beobachtet, die so ganz anders ausfällt als die auf den Vernichtungsfeldzug des Norwegers Anders Breivik. Da habe sich „jemand im Tarnanzug, bewaffnet mit Granaten, Revolver und Kalaschnikow ins Auto“ gesetzt und alles niedergemetzelt, was er erwischen konnte.

Doch anders als im norwegischen Fall erlischt das Interesse der deutschen Leitmedien genauso schnell, wie es entstanden ist. Einzeltat eines Waffennarren, heißt es. „Warum?“, fragt Manfred Gillner – und gibt sich gleich selbst die Antwort: Der Täter heiße Nordine Amrani, das allein habe „wohl schon genügt, um gewisse Schutz- und Trutzreflexe auszulösen“. Denn hier handele es sich offenbar „um einen Südländer“ (Polizei), womöglich gar um einen Moslem. Das ändere alles: „Nur, wenn der Täter kurze blonde Haare hat, darf man frühzeitig und ausgiebig darüber sinnieren, woher er stammt, was ihn zu der Tat getrieben hat, wie er heißt, ob er katholisch ist, wie viele seinesgleichen noch frei herumlaufen und wer wohl sein Spiritus Rector gewesen sein könnte.“

Die Stille nach dem Schuss ist ohrenbetäubend. „Nordine Amrani wollte vielleicht ein Verbrechen von derselben Dimension wie Anders Breivik verüben“, glaubt Gillner. Und doch gibt es keinerlei Spekulationen über das Motiv, kein nachdenken darüber, woher so viel Hass komme, ob es Hintermänner gebe, was die Motive des Täters waren.

Dabei wäre es nicht schwer, wie bei Breivik auch bei Amrani Hinweise auf seine Seelenlage zu finden. Gillner entdeckt sie auf der Facebook-Seite des Mörders: Seiten wie „Un-avennir Meilleur-Insha’allah“, „Prêche en Islam“ oder „Anasheed c’est ici“, die sich auf Zakir Naik beruft, einen Hardcore-Islamisten und Präsidenten der „Islamic Research Foundation“, dem Kanada und Grossbritannien vergangenes Jahr die Einreise verweigert hätten. „Auf YouTube kann man ein Video finden, in dem er erklärt, warum nur Muslime in den Himmel kommen“, berichtet Gillner, „er meint auch, ein Mann dürfe seine Ehefrau dann und wann ruhig schlagen.“

Diese Informationen sind öffentlich. Und doch völlig unbekannt. Was bei Breivik zu einer hysterischen Diskussion um „geistige Brandstifter“ führte, endet bei Amrani noch am Abend der Tat in einem Loch, gefüllt mit Schweigen. Ohnmächtig endet Manfred Gillners Beitrag in einem Gewitter aus Fragen: Warum sind Überlegungen über ein religiöses oder politisches Motiv unerwünscht, sobald es sich um den Islam handelt? Welchen Gefallen tut man einer Glaubensgemeinschaft, wenn man ihr ständig Sonderstatus zugesteht und sie damit regelrecht stigmatisiert? Wieso diese kindische Tabuisierung, die doch gerade erst recht dazu führt, dass nur in die unerwünschte Richtung diskutiert wird? Weshalb glaubt man, uns manche Themen zumuten zu können und andere nicht?

Auf Antworten wird er vermutlich lange warten müssen.

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Wulff: Jagd auf einen Unsichtbaren

Obwohl der überraschende Rücktritt von FDP-Generalsekretär Christian Lindner die gesamte deutsche Qualitätspresse für einen Tag anderweitig beschäftigte, sei „der Druck auf den Bundespräsidenten wegen eines Privatkredits immer stärker“ geworden, fabuliert der nun wieder in die Spur gesetzte „Spiegel“. Jetzt zieht Christian Wulff die Notbremse: Der Bundespräsident heuchelt per schriftlich eingereichtem Bekennerbrief Bedauern und erklärt, er wisse jetzt, dass er „das Darlehen der befreundeten Unternehmergattin Geerkens früher hätte erwähnen sollen“. Angesichts der Tatsache, dass Wulff das Darlehen gar nicht erwähnt hat, ist das ein frappierendes Geständnis. Weiß der Mann noch, was er redet? Und ist er sicher, was er meint?

"Ich erkenne an, dass hier ein falscher Eindruck entstehen konnte", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme, wo der Satz richtig lauten müsste: „Ich gebe zu, dass hier ein falscher Eindruck entstehen sollte." Wegen dieses erwünschten falschen Eindruck wurde Antwort seinerzeit ja eigens genau so formuliert.

In der Sache aber „hatte und habe ich nichts zu verbergen“, versichert Wulff, der weiß, dass jetzt nur noch das glückliche Zusammenspiel von akuter Krisensituation, einem größtmöglichen Maß an glaubwürdig scheinender Zerknirschung und die Unlust der Opposition an einer fortdauernden Jagd ihm den für die Rückzahlung des Hauskredits dringend notwendigen Job retten können. Dersei, kabelt der unsichtbar bleibende Staatsmann aus dem Off, sei auf „Anregung“ seines väterlichen Freunde Geerkens im übrigen "schon im März 2010" zuerst in ein „kurzfristiges und rollierendes Geldmarktdarlehen mit günstigerem Zinssatz als zuvor“ und dann in ein „langfristiges Bankdarlehen“ umgewandelt worden.

Zerknirschung kann er. "Die Wahrnehmung öffentlicher Ämter verlangt zu jedem Zeitpunkt ein hohes Maß an Integrität und Verantwortungsbewusstsein", urteilt Wulff sich selbst im Stil eines echten Staatsoberhauptes ab, während die SPD signalisiert, dass derzeit kein Interesse an einer Rücktrittsdebatte besteht. SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann, der als einer der ersten mit Kritik an Wulff zur Stelle gewesen war, gibt sich jetzt milde. "Jeder Mensch kann Fehler machen." Die CDU schickte ihren Parlamentsgeschäftsführer Peter Altmaier, der das tagelange Schweigen des ersten Mannes im Land als „schnelle, umfassende und angemessene“ Reaktion auf die Vorwürfe lobte.

Die Bundes-SPD indes zollte Wulff Respekt für sein Eingeständnis, in der Kredit-Affäre Fehler gemacht zu haben. n-tv lässt im roten Laufband verkünden: „Rücktrittsdebatte eröffnet“ .

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Das Projekt Sparta: Seit fünf Uhr wird zurückgerettet

Nie, niemals so enden wie Bundespräsident Christian Wulff, der erste Mann der Republik, der im mittleren Lebensalter und nach vielen Jahren im aufopfernden Dienst der Demokratie gezwungen war, die Frau eines ehemaligen Schrotthändlers um einen Kredit zu bitten, damit er sich und seiner jungen Familie ein Dach über dem Kopf bieten konnte. Armut verhindern aber heißt in diesen üblen Zeiten vor allem mutig investieren, Chancen nutzen, unabhängig werden. Statt wie andere von Zukunftssorgen geplagte Mitbürger kleingeistig Bohnen, Fleischkonserven und Fertigtorten einzulagern, hat sich die Redaktion deshalb zu einem Schuldenschnitt entschlossen: Aus Verantwortung dem Land, dem Kontinent und seinen Menschen gegenüber entstand das „Projekt Sparta“ – eine private Rettungsmission mündiger Bürger für Athen und die redaktionelle Altersvorsorge.

Es geht um alles, vor allem aber geht es um ein Wertpapier mit der Kennnummer A0T6US (Grafik). Dabei handelt es sich um einen sogenannten Bond, ausgegeben von der griechischen Regierung am 17. Februar 2009 mit dem Versprechen, jedem, der ein Papier im Wert von 100 Euro kauft, bis 2012 jedes Jahr im März 4,30 Euro Zinsen zu überweisen.

Ja, es gab Zeiten, die sind noch gar nicht lange her, da fielen Menschen mit guter Erziehung auf solche Versprechen herein. Und nicht einmal umsonst! Seine Zinsen hat Griechenland dank großzügiger Überweisungen unter anderem aus Deutschland noch immer bezahlt. Nur ist das Papier A0T6US (aktueller Kurs)trotzdem nicht mehr knapp 100 Euro wert wie noch letztes Jahr um diese Zeit. Sondern nur noch 45. Das ist vergleichsweise viel, denn die Nummer A1AVSQ, die erst 2017 fällig wird, bringt ihren Besitzern beim Verkauf derzeit gerademal 24 Euro.

Aber das soll uns nicht hindern. Wir vertrauen auf Europa, auf Angela Merkel, Nicolas Sarkozy und den griechischen Premier, wie auch immer er nächstes Jahr heißen mag. Und wir vertrauen auf den Schuldenschnitt von 50 Prozent, der bei A0T6US noch satte fünf Euro plus Zinsen Platz nach oben lässt. Wir reden nicht drumherum wie Oskar Lafontaine. Wir investieren in Europa Zukunft. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Da es um die Kapitalausstattung des jungen PPQ-Hegdefonds recht schlecht bestellt ist und naturgemäß nur große Summen große Gewinne versprechen, führt der erste Weg der Fonds-Gründer zur örtlichen Sparkasse, die uns von Oskar Lafontaine als Partner empfohlen wurde. Hier, hinter einer angemessen kleinen Glasfassade, haben wir einen Termin in der Kreditvergabebabteilung. Das Projekt Sparta ist auf mehreren übersichtlichen Overhead-Folien dargestellt, die in einer exklusiven Schweinsledermappe stecken. Die Unterlagen sind das Werk von Profis, inklusive Renditeerwartungen, Einkommensnachweis und Grafik der zur Verfügung stehenden Sicherheiten.


500.000 Euro hätten wir gern, das haben wir den Mitarbeiter unserer künftigen Partnerbank am Telefon schon angedeutet. Der Empfang ist entsprechend: Kein roter Teppich, keine Snacks, kein Wasser, kein Wein. Wir spüren es sofort: Hier zu überzeugen, wird leicht, denn eine halbe Million ist selbst für eine kleine Sparkasse kein Geld.

Der Kreditberater mag auch nicht lange um den heißen Brei reden, denn er hat noch richtig zu arbeiten. Eine halbe Million also. Nein, nicht für einen Immobilienkauf. Laufzeit drei Monate? Der Mann staunt. Aber nicht lange: Schnell entblättert sich vor seinen Augen die ganze Überzeugungskraft des Projekts Sparta. Ja, mit dem Kredit von der Sparkasse wollen wir umgehend zehntausend Stück der Euro-Anleihe A0T6US kaufen. Das wird uns etwa 450.000 Euro kosten, aber bei ganz normalem weiterem Verlauf des "Endspiels um den Euro" (dpa u.a.) in drei Monaten einen Gewinn von rund 75.000 Euro einbringen. Für einen Bundespräsidenten eine Stange Geld. Für uns aber soll es nur der Einstieg in ganz große Hilfsmaßnahmen für den geplagten Kontinent sein, versichern wir.

Gesetzt den Fall, Griechenland geht nicht pleite, sagt der Sparkassenmann. Gesetzt den Fall, ja. Aber warum sollte Griechenland pleite gehen? Ganz Europa haftet doch inzwischen für Athen. Gerade erst haben Angela Merkel und Nicolas Sarkozy die Union wieder ganz überzeugend gerettet. Da brennt nichts mehr an, da kommt höchstens noch was drauf, stellen wir unsere weitere Absichten vor. Natürlich werden wir im März nach Fälligkeit der Euro-Anleihe A0T6US die dann schuldigen 7.500 Euro Zinsen sofort an die Sparkasse zurückzahlen. Und mit unserem Leihgeld plus 75.000 Euro Gewinn aggressiv in das Papier A0T6US mit Laufzeit bis 2017 switchen. Hier wartet eine Kursverdopplung innerhalb des nächsten Jahres, die uns in die Lage versetzen würde, die Sparkasse komplett auszuzahlen und künftig ausschließlich mit unseren angehäuften Gewinnen mitzuhelfen, Europa noch zukunftssicherer zu machen.

Das überzeugt. Was wir als Sicherheiten zu bieten hätten, möchte der erfahrene Kreditberater wissen. Nun, das ist ja wohl klar: Erstklassige Papiere, wie sie auch die Europäische Zentralbank schon als Pfand für die Ausgabe mehrerer Milliarden Euro akzeptiert hat. Der Mann von der Sparkasse lächelt. Er schaut auf unsere Kommunionsanzüge, die ungeputzten Schuhe. Er scheint gespannt auf das, was da nun kommen wird.

Die Überraschung ist uns gelungen. Vorerst, das geht aus den Overhead-Folien auch klar hervor, stehen wir mit unserem Ersparten für die Zinszahlung gerade. Die Kreditsumme selbst aber wird direkt investiert – und die 10.000 griechischen Wertpapiere mit der Kenn-Nummer A0T6US dienen dann im Gegenzug zur Kreditauszahlung sofort als Sicherheit dafür, dass die Sparkasse ihr Geld auch wiedersieht! Besser geht es nicht! "Ungeachtet ihres externen Ratings", urteilen die Experten der Europäischen Zentralbank dazu, "stellen griechische Papiere weiterhin notenbankfähige Sicherheiten dar".

Jetzt ist der Mann auf der anderen Seite des Tisches verblüfft. Die schlichte Eleganz des in langen Nächten ohne Schlaf ausgeklügelten Projektes Sparta hat ihm allem Anschein nach die Sprache verschlagen. Er stottert. Er verstummt. Er tippt auf seinem Taschenrechner. Er spricht davon, mit Vorgesetzten Rücksprache halten zu müssen. Er fragt zu unserer Verwunderung nicht, ob das Konzept auch mit einer Million oder deren drei oder auch mit 30 umsetzbar wäre.

Die große Euro-Lösung: Kauft doch Kreta
Im Herzen der Krise: So gehts

Danke der Nachfrage und ja, über den Trade wird im März hier Rechenschaft abgelegt! Mit Freibier und Ouzo für alle, die dabei waren.

NSU: Nun auch links blind

Und wieder fragt sich ganz Deutschland fassungslos: Wie konnte es geschehen, dass sich eine Gruppe linksextremistischer Attentäter jahrelang durch Deutschland sprengt und keiner bemerkt es? Welche Emittlungsbehörden haben hier versagt? Nach dem versuchten Briefbombenattentat auf Deutsche-Bank-Chef Ackermann mehren sich die Zeichen, dass die untergetauchte mutmaßliche Terrorgruppe "Federazione Anarchica Informale (FAI)" dem deutschen Verfassungsschutz und den deutschen Leitmedien lange Zeit unbekannt war. Warum konnte der FAI-Terror jahrelang unentdeckt bleiben? Obwohl die FAI bereits 2003 zum ersten Mal gebombt hatte, ergab eine Befragung durch die Parlamentarische Kontrollkommission in Sachsen, dass auch im Freistaat keine Erkenntnisse vorgelegen haben. Der sächsische Linke-Fraktionschef und Kommissionsmitglied André Hahn sagte in einer eigenen Erklärung, er sei "fassungslos über das Ausmaß der Unkenntnis des Verfassungsschutzes über linksradikale Strukturen".

Das ist umso erstaunlicher, als die FAI ihren Briefbomben im Gegensatz zur rechtsextremistischen Konkurrenzorganisation NSU auf Italienisch verfasste Bekennerschreiben beigelegt hatten. Dennoch gelang es den aus dem Untergrund operierenden Tätern, seit 2003 sowohl ein Büro der Schweizer Swissnuclear als auch eine eine Kaserne im italienischen Livorno, einen Gefängnisdirektor in Athen und die Botschaften Chiles und der Schweiz in Rom anzugreifen. Besorgnis erregte zwar, dass die Linksterroristen sich offenbar wie die zwei tödlichen Drei von der NSU Zugang zu militärischem Sprengstoff verschafft hatten. Sicherheitsbehörden hielten sie jedoch für eine lose Gruppierung ohne feste Kommandostruktur, die im Dienstgebrauch auch nicht „Terrorgruppe“, sondern „rätselhafte Gruppe von Anarchisten“ oder noch besser „italienisches Anarchisten-Bündnis“ genannt werden musste.

Dutzende Anschläge gingen seit nunmehr acht Jahren auf das Konto der Vereinigung, doch auch der sonst so aufmerksame „Spiegel“ berichtete in all den Jahren nur ein einziges Mal über die „koordinierte Aktion“ (Spiegel). Wie die NSU-Aktivisten waren auch die der FAI nicht zur Fahndung ausgeschrieben, sie leben offenbar ein ebenso völlig unauffälliges Leben, wie es Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt in Zwickau führten. Wie nahe sich linke und rechte Terror-Gruppen seien, erklärt ein Terror-Experte aus Annaburg, zeige schon die Wortwahl der FAI, die erklärt hatte, „ Bankiers, Zecken und Blutsauger“ per Briefbombe ausrotten zu wollen. Als „Zecken“ bezeichnen Rechtsextreme für gewöhnlich ihre linksextremen Gegenspieler.

Immer mehr Politiker und bürgerschaftlich engagierte Menschen stellen nun die Frage, ob die Behörden auf dem linken Auge blind gewesen sind. "Wie kann es sein, dass da Bombenleger über acht Jahre eine blutige Spur durch Europa ziehen“, fragt etwa die zivilgesellschaftliche eingebundene Chemnitzerin Vera Anschütz, „und die Polizei tut nichts?“ Haben Polizei und Verfassungsschutz bisher in die falsche Richtung geschaut und die Wühlarbeit der Links-Szene übersehen?, fragt das Nachrichtenmagazin „Pocus“ und "die Behörden sind auf dem linken Auge blind", glaubt auch der SPD-Politiker Kazim Abaci.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) weist das energisch zurück. Er bereite derzeit ein Gesetz vor, mit dem eine zentrale Datei über gewalttätige Linkssextremisten, Anarchisten, Radikale und deren Bekanntenkreis ermöglicht werden soll. Dies geht aus einem Arbeitspapier von Beamten des Innen- und des Justizministeriums hervor, über das die Süddeutsche Zeitung berichtet. In der beim neuen "Gemeinsamen Abwehrzentrum gegen Linksextremismus“ (GAL) geführten Zentraldatei sollen die Bankkonten, Telefonverbindungen, Helfer und Kontaktleute von Linken erfasst werden. Mit dem Gesetz würden die Kriminalämter von Bund und Ländern, die Bundespolizei, der Verfassungsschutz und der Militärische Abschirmdienst (MAD) verpflichtet, ihre bereits erhobenen Daten über deutsche Linksextreme in ein Verbundsystem einzugeben. Neben den Telekommunikationsdaten, Bankverbindungen, Fahrzeugen sowie Informationen über Fähigkeiten im Umgang mit Waffen könnten dort auch jene Orte gespeichert werden, an denen sich verdächtige Linke mit Gleichgesinnten treffen.

Bundestag und Bundesrat haben sich inzwischen bei Bankchef Ackermann entschuldigt. Der deutsche Bundestag hat einstimmig eine Resolution zur Mordserie der italienischen Anarchisten-Bande beschlossen. Abgeordnete über alle Parteien hinweg empfänden Trauer, Scham und Wut, schreibt der Schweizer „Tagesanzeiger“ über die ausländerfeindliche Tat, die sich gegen einen Schweizer Staatsbürger richtete. „Wir sind zutiefst beschämt, dass nach den ungeheuren Verbrechen des sozialistischen Regimes linksextremistische Ideologie in unserem Land eine blutige Spur unvorstellbarer Mordtaten hervorbringt», heisst es in einer Resolution des deutschen Bundestags.“ Der Bundestag erwarte, dass die Taten der FAI mit aller Konsequenz zügig aufgeklärt werden. "Das sind wir den Opfern, ihren Familien und Freunden schuldig."


Ein Land schreibt einen Thriller:
NSU: Die Welt ist klein
NSU: Verdacht auf Verjährung
NSU: Weniger hats schwer
NSU: Terrorwochen abgebrochen
NSU: Rechts, wo kein Herz schlägt
NSU: Was steckt dahitler?
NSU: Neue Spuren ins Nichts
NSU: Tanz den Trinitrotoluol
NSU: Der Fall Braun
NSU: Honeckers rechte Rache
NSU: Die Mundart-Mörder
NSU-Todeslisten: Sie hatten noch viel vor
NSU: Was wusste Google?
NSU: Kommando späte Reue
NSU: Die tödliche Bilanz des braunen Terror
NSU: Mit Hasskappen gegen den Heimsieg
NSU: Mordspur nach Möhlau

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Wulff und die NSU: Der zweite Sturm im Wasserglas

Nach den geltenden Gesetzen der Mediendynamik hätte es Nordine Amrani in der Hand gehabt. Der gebürtige Nordafrikaner, der in Lüttich fünf Menschen erschoss und mehr als 120 weitere verletzte, wäre in der Lage gewesen, Bundespräsident Christian Wulff herauszuhauen. Es fehlte nicht viel: Ein anderer Name, eine Herkunft vielleicht aus Sachsen oder Thüringen, ein Käppi mit einem aufgenähten rosaroten Panther.

Niemand hätte mehr gefragt, warum der erste Mann im deutschen Staat finanziell nicht in der Lage ist, sich ein Haus zu kaufen. Und wenn er das nicht ist, wieso er dann über seine Verhältnisse leben und trotzdem eines kaufen muss. Und wenn er eins kauft, warum dann nicht auf einem Weg, wie ihn jeder Normalbürger zu seinem Häuschen zurücklegt. Eigenanteil nebst Bankkredit und dann zahlen, zahlen, zahlen.

Nun ist der Bundespräsident "unter Druck", wie die "Tagesschau" noch mit einem milden Murren vermerkt. In der Süddeutschen Zeitung, die ihren besten Mann derzeit leider zur NSU abgestellt hat, wärmt der zweite Sturm den alten Tee von der "Maschseebande" auf. "Hannover-Bande" heißt der Text, den Nordine Amrani mit Sicherheit hätte verhindern können: Ein Bekennerpamphlet mit Verweisen auf die Kreuzzüge. Ein Sarrazin-Buch im Waffenkoffer. Politically Incorrect in der Favoritenleiste des Computers zu Hause. Auf dem Wohnzimmertisch ein vergessenes Exemplar des Bekennervideos der NSU. Und im Nachtschrank am besten noch ein Mitgliedbuch der NPD.

Ein Traum. Die europäische Spur! Endlich. Neues Futter für den rosaroten Thriller, an dem seit Anfang November ein ganzes Land mitschreibt. Ein braunes Netzwerk bis nach Narvik, nach Lüttich und Malaga. Internationale Verbindungen. Reisebedarf zur Recherche. Brennpunkte ohne Ende. Sittenbilder aus kleinen Gemeinden auf dem ganzen Kontinent. Triste Reportagen aus Kleinstädten, die aussehen wie Johanngeorgenstadt, nur dass sie Vrouwenboom heißen. Hinweise darauf, dass belgien schon immer rechter war als viele andere Ländern. Vlaams Belang und die Spur zu den Republikanern. „Blood and Honour" in Flandern und die Hammerskins in Hintertupfingen. Eine neue Dimension rechtsextremer Gewalt.

Die Welt, im Zuge der NSU-Ermittlungen zu einem Zerrbild voll feuerfester Notizzettel, unabgeschickter Bekennervideos ohne Anschreiben und Terrorhelfer ohne Handwaffe verschwommen, wäre wieder ein Stück fassbar geworden. Die führenden Talkshow-Veranstalter hätten gewusst, welche Experten und Bedenkenträger eingeladen werden müssen, die besten Schreibkundigen hätten von ihren jahrelangen Recherchen im rechten Milieu der Beneluxländer erzählt und im "Spiegel" hätte ein stylische Schwarz-Weiß-Bildstrecke noch einmal an Hitlers Durchmarsch durch Belgien erinnert.

Nur hat Nordine Amrani nicht mitgespielt. Nicht der Kontinent, nein nur "die Stadt ist erschüttert und rätselt über die Motive des Schützen, der ebenfalls zu Tode kam", schreibt der "Spiegel". Der Täter sei wohl "ein vorbestrafter Waffennarr und Drogenhändler" gewesen. Auf jeden Fall handele es sich um einen Einzeltäter ohne politische Motivation.

Für das führende Nachrichtenmagazin enttäuschend, für Christian Wulff verheerend. Was an Spalten gefüllt werden muss, wird er füllen müssen.

Update: Rettung für den Präsidenten - nun hat Christian Lindner Wulff rausgehauen.

Ein Land schreibt einen Thriller:
NSU: Die Welt ist klein
NSU: Verdacht auf Verjährung
NSU: Weniger hats schwer
NSU: Terrorwochen abgebrochen
NSU: Rechts, wo kein Herz schlägt
NSU: Was steckt dahitler?
NSU: Neue Spuren ins Nichts
NSU: Tanz den Trinitrotoluol
NSU: Der Fall Braun
NSU: Honeckers rechte Rache
NSU: Die Mundart-Mörder
NSU-Todeslisten: Sie hatten noch viel vor
NSU: Was wusste Google?
NSU: Kommando späte Reue
NSU: Die tödliche Bilanz des braunen Terror
NSU: Mit Hasskappen gegen den Heimsieg
NSU: Mordspur nach Möhlau

Schwarzbraun ist der Straßenname

Karl-Marx-Straße, Straße der Freundschaft, Wilhelm-Pieck-Platz: Mit Straßenschildern setzen Staaten ihren Idolen und Ikonen Denkmäler. Auch 22 Jahre nach dem Fall der Mauer tragen viele Straßen und Plätze in Sachsen-Anhalt nach den diesjährigen Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur dpa noch die Namen der sozialistischen Vorbilder, während im Westen des Vaterlandes die anhaltende Verhrung für Helden des 1. und 2. Weltkrieges, für die Orte großer verlustreicher Schlachten deutscher Truppen und Heimatgebiete außerhalb der Heimat ausgedrückt wird. Die «Hitlerstraße» etwa oder die «Göringallee» mussten weichen, als 1945 die Amerikaner kamen. Doch von der «Admiral-Spee-Straße" wollten sich die Freiburger im Breisgau nicht trennen. Auch anderswo im neuen Westen wehr auch 66 Jahre nach Kriegsende der braune Atem des 3. Reiches: Viele Ortschaften des Landes behielten hingegen die alten Bezeichnungen bei. So gibt es noch heute noch eine Memelstraße in Duisburg, eine Skagerrakstraße in Oberhausen und die «Langemarkstraße» in Bremen. Anwohner hätten bislang keine Bestrebungen unternommen, um die Begriffe zu ändern, erklärte eine Sprecherin.

Auch in Mönchenglattbach und Bad Hersfeld leben die Vorbilder der Nazidiktatur weiter - jedenfalls auf dem Straßenschild. Hier gibt es ebenfalls noch immer die «Ostmarkstraße», die an den "Anschluss" Österreichs ans Reich erinnert, und die Carl Peters-Straße, mit der die Nationalsozialisten an ein deutschen Massenmörder in Afrika erinnerten. In Hannover kann man sogar durch die «Kolbergstraße» wandeln und sich an den gleichnamigen letzten goebbelschen Propagandafilm erinnern.

Keinen Grund, sich von den großen Persönlichkeiten aus Kaiserreich und Nazidiktatur zutrennen, sieht man im ehrwürdigen Münster. Hier gibt es deshalb noch heute sechs Straßen, die 1936 nach Personen benannt wurden, die sich im Ersten Weltkrieg „heldenhaft“ verhalten hatten: Otto-Weddigen-Straße, Manfred-von-Richthofen-Straße, Boelcke­weg, Gorch-Fock-Straße, Admiral-Spee-Straße und Admiral-Scheer-Straße. Die Von-Esmarch-Straße ehrt einen bekannten Heeresmediziner aus dem 19. Jahrhundert. Stolz sind die Münsteraner auch auf ihre zwischen 1936 und 1938 nach berühmten Kriegsschauplätzen benannten Tannenbergstraße, Skagerrakstraße, Masurenweg, Fehrbellinweg, Flandernstraße und Langemarckstraße. Ein Monopol haben sie damit nicht: Eine Tannenbergstraße hat auch Braunschweig, Giengen, Karlsruhe und Stuttgart ehren ihren großen Sohn, den Wüstenfuchs Rommel, mit einer "Rommelstraße" und Soltau, Delmenhorst und Lüneburg tun es Bad Hersfeld nach und leisten sich Carl-Peters-Straßen.

Wenig ist das neue Viel

Die Nachricht ist nicht sonderlich spektakulär: „Im Anschluss an eine von Wüstenrot organisierte Bustour durch die Stadt (Rio de Janeiro) seien bis zu zwei Dutzend Teilnehmer auf eigene Faust in einer Bar abgestiegen und hätten dort mit Prostituierten Kontakt aufgenommen.“

Kontakt aufgenommen. In einer Bar. Mit Prostituierten. Wow. Das klingt nach Ausschweifungen, oder?

Ja, wie die Überschrift am nächsten Tag beweist: „Mitarbeiter nach wüster Lustreise gefeuert“.

Dienstag, 13. Dezember 2011

Ohne Lüge durch die Fragelücke

Hat er gelogen? Nein. Hat er die Wahrheit gesagt? Wieder nein. Bundespräsident Christian Wulff hatte nie „geschäftliche Beziehungen“ zu einem Schrotthändler aus Osnabrück. Nur zu dessen Frau. Als die Grünen in Niedersachsen kurz vor der Wahl des CDU-Arbeiterführers im Landtag nach Ersterem fragten, konnte Wulff mit Fug und Recht verneinen. Im Ferienhaus von Egon Geerkens hat er Florida-Urlaub gemacht. Mit Air Berlin ist er ohne Aufpreis Businessklasse geflogen. Aber geschäftliche Beziehungen? Nie.

Man muss auch gönnen können. Und so weist der erste Mann im Staat alle Anschuldigungen zurück, er habe 2010 als Ministerpräsident von Niedersachsen den Landtag über seinen Darlehensvertrag mit Frau Geerkens getäuscht, empört zurück. Die Anfrage der Abgeordneten sei "korrekt beantwortet" worden: Direkt durch die Frage-Lücke ging es ohne Lüge. Und auch ohne Wahrheit.

Das aber ist keineswegs das wirklich Erschütternde an der neuesten Wulff-Affäre, die der ehemalige niedersächsische Regierungschef jetzt durch ein gewitztes Augenzwinkern im Stil eines Winkeladvokaten auszubremsen hofft. Sondern die Geisteshaltung, die sich hinter dem cleveren Deal des Spitzenpolitikers mit der Unternehmergattin zeigt. 500.000 Euro hatte sich Familie Wulff geliehen, um ein Haus zu kaufen. Nicht bei einer Bank, denn die hätte von dem Politiker, der zu diesem Zeitpunkt auf ein Jahrzehnt im Amt mit einem Monatseinkommen von rund 13.000 Euro zurückblickte, einen Zinssatz von rund fünf Prozent verlangt. Nein, lieber gingen die Wulffs, die zusammen mit Bettina Wulffs Gehalt als Pressereferentin über ein Haushaltseinkommen von etwa 15.000 verfügten, zur befreundeten Unternehmer-Familie, die nur vier Prozent haben wollte.

Wulffs sparten dadurch während der Laufzeit des – direkt nach der Landtagsanfrage dann doch eilig durch einen Bankkredit abgelösten - Privatdarlehensvertrag etwa 10.000 Euro Zinsen. Zehntausend Euro, die Christian Wulff als Preis für den bei Bekanntwerden des privaten Kredit-Deals zweifellos drohenden Verlust der eigenen politischen Glaubwürdigkeit offenbar angemessen schienen. Das erinnert sehr an den Grünen Cem Özdemir, der seinerzeit für ein paar Krawatten und Anzüge mit Moritz Hunzinger ins Kuschelbett stieg. Oder an den Linken Gregor Gysi, der auf Staatskosten Urlaub machte. Oder an Rita Süssmuth, die sich vom Steuerzahler einen Dienstwagen für ihren Mann bezahlen ließ, obwohl ihr Gehalt es ihr durchaus gestattet hätte, selbst in die Tasche zu greifen. Oder Ulla Schmidt, die sich ihren Dienstwagen im Urlaub in Frankreich stehlen ließ. Nein, das ist kein Zufall. Das ist ein Muster. Ja, genauso klein denken sie, die ganz Großen.

Nordine Amrani, der verhinderte Retter: Wulff und die NSU

Durchbruch zum Klimagipfel

Wenn das mal nicht der Durchbruch zum Klimagipfel war. Stunden nach dem erfolgreichen Ende der Klimaverhandlungne im südafrikanischen Durban zeigte sich Umweltminister Norbert Röttgen in Feierlaune. "Das Paket von Durban ist ein großer, wegweisender Erfolg für den Klimaschutz", freute sich der Bundesumweltminister. Man habe „jetzt das Fundament und die Dynamik dafür, ein internationales Klimaschutzabkommen zu erreichen, das erstmalig für alle gilt."

An die Stelle der bisherigen Verpflichtung, den Kohlendioxidausstoß bis 2020 zu senken, um die Klimaerwärmung zu stoppen, trete die große Entschlossenheit, bis 2015 weiterzuverhandeln, um ab 2020 verbindliche, kontrollierbare Ziele zur Reduzierung der Treibhausgas-Ausstöße zu finden. Ein Erfolg vor allem für die entschlossene Verhandlungstaktik der Europäischen Union, die durch einen Schulterschluss mit den ärmsten Ländern und den Inselstaaten ihren Druck auf Indien und die Vereinigten Staaten stark erhöht hatte, sich dem noch auszuhandelnden globalen Klima-Abkommen anzuschließen. Vor allem die Europäer waren es, die schließlich den Zeitplan durchsetzen konnten, wonach das nächste Abkommen bis 2015 erarbeitet werden und spätestens 2020 in Kraft treten soll.

Dabei half den Delegationen aus Europa offenbar der Umstand, dass niemand auf den Gedanken kam, auf den Tag genau 14 Jahre nach der Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls nach einer Bilanz der damals getroffenen Vereinbarungen zu fragen. Herausgekommen wäre sonst vielleicht noch, dass die westeuropäischen Klimavorreiter es abgesehen von Deutschland und Großbritannien nicht nur nicht geschafft haben, ihren C02-Ausstoß zu vermindern. Sondern dass sie ihn zumeist so drastisch erhöht haben, dass die Mehrheit der EU-Mitglieder die selbst gesetzten Reduktionsziele bis 2012 kaum noch erreichen kann. Bis 2006 hatten die Industriestaaten ihre Treibhausgas-Emissionen nur um 4,7 Prozent gegenüber 1990 reduziert, diesen Wert aber auch nur erreicht, weil der wirtschaftliche Niedergang Mittel- und Osteuropas in den 90er Jahren half. Von 2000 bis 2006 stiegen die Emissionen bereits wieder um 2,3 Prozent, so dass das UN-Klimasekretariat UNFCCC noch 2008 davon ausging, dass das Kyoto-Ziel von minus 5,2 Prozent „nicht erreicht“ (UNFCCC) wird.

Ein Update zu dieser Prognose ersparte sich das UNFCCC seitdem gleich ganz. Auch deutsche Qualitätsmedien sehen seit Monaten keinen Anlass, nach dem Stand der Erreichung der Klimaziele zu fragen.

Verständlicherweise, denn wie sollte auch eine Bilanz aus lauter Zielerreichungslöchern die von Norbert Röttgen, dem Erfinder des individuellen CO2-Limits, beschworene Zukunftshoffnung befeuern, dass „das Ziel ein globales, rechtsverbindliches Abkommen als Nachfolge des 2012 auslaufenden Kyoto-Protokolls“ bleibe – und das nicht nur so, sondern weil ein solches abkommen irgendetwas zu bewirken verspricht?

In Deutschland gilt die Schuldfrage als geklärt. Obwohl die selbsternannte Klimaschutzmacht ihre Kyoto-Verpflichtungen auch nur erreichen konnte, weil ihr der Dreck der zum Zeitpunkt der Klimaverhandlungen längst abgeschalteten DDR-Industrie gutgeschrieben wurde, verweist nicht auf die Kyoto-Vertragsstaaten Spanien oder Portugal, die heute rund 50 Prozent mehr CO2 produzieren als 1990. Sondern auf die USA, die 16 Prozent mehr ausstößt, weil sie, so das stete Gebet von „Spiegel“ bis „taz“, „das Kyoto-Protokoll nie ratifiziert“ habe. Und Kanada, das nun einfach austritt.

Was nicht ist, wird kommen. Was nichts bringt, wird wirken. Und bis dahin wird das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll, dessen Ziele bei genauerer Betrachtung ausschließlich die ehemals sozialistischen Staaten Osteuropa erreicht haben, weiterlaufen.

Montag, 12. Dezember 2011

NSU: Die Welt ist klein

Die mutmaßlichen Mörder der Zwickauer Terrorzelle sollen laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" zahlreiche Bekannte in der deutschen Neonazi- und NPD-Szene gehabt haben. Selbst im Westen, der bisher wegen fehlender DDR-Sozialisation als immun gegen die Versuchungen des braunen Sumpfes galt, hätten die zwei tödlichen Drei "viele Unterstützer und Mitwisser" gehabt, konnte SZ-Sonderermittler Hans Leyendecker recherchieren. Die Qualitätsillustrierte "Stern" macht eine interaktive Grafik daraus: Und siehe da, die aus Thüringen stammenden Täter kannten zahlreiche andere Nazis! Die wiederum andere Nazis kannten! Von denen wiederum zeitweise einige Mitglieder der NPD waren! Und andere als ostdeutsche Schläfer in die alten, vollentwickelten Bundesländer zogen, um dort für die NSU "mögliche Tatorte" auszuspionieren.

Leyendecker, dem es vor nahezu 20 Jahren schon gelungen war, eigenhändig einen Zeugen für den staatlich geplanten und durchgeführten Mord am RAF-Mitglied Wolfgang Grams zu finden, der ihm "aus Seelennot" (Leyendecker) mitteilte "Die Tötung des Herrn Grams glich einer Exekution", gelangte auch diesmal an Insiderinformationen aus der Sonderermittlungseinheit Trio. Die hatte angeblich "einen Rechtsradikalen" (Leyendecker) vernommen, der zugab, für die NSU gearbeitet zu haben. Wies der Teufel will, sei er "jedoch ausgestiegen, kurz bevor die Täter das Anschlagsziel festlegten". Kurz darauf sei ein türkischer Kleinunternehmer "in der Gegend" (SZ) "von den Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos" (Leyendecker) erschossen worden.

Nach Angaben von Hans Leyendecker handelte es sich bei der NSU um eine Art rechtes Popstar-Trio: Die "drei Mörder" - zu Böhnhardt und Mundlos hat sich in der Leyendecker-Lyrik nun plötzlich offenbar auch Beate Zschäpe gesellt - seien "bei der harten rechtsextremistischen Szene im Westen bekannt gewesen", zitiert der Enthüller eine schon an der Wortwahl erkennbar selbstausgedachte Aussage seines "Zeugen". Die Morde seien in der Szene akzeptiert, die Täter möglicherweise als Helden gefeiert worden. Möglicherweise auch nicht, Leyendecker weiß es nicht, aber mit solchen kleinen Erfindungen hat der Talkshow-Stammgast stets gute Erfahrungen gemacht - den Mord an Grams ließ er seinerzeit einen "hochrangigen BKA-Beamten" beobachten, der von der "kaltblütigen Hinrichtung" so geschockt worden war, dass er Leyendecker sein trauriges Herz ausschütten musste, um wieder ruhig schlafen zu können.

Wie damals beruhen die Angaben des obersten Enthüllers der Republik auch diesmal wieder auf konkretem Abgeschriebenen aus anderen Zeitungen und schwammig Hinzufabuliertem. "Man habe gewusst", soll der "Zeuge" angegeben haben, dass die NSU "hinter den Morden an acht türkischen und einem griechischen Kleinunternehmer gesteckt habe". Der letzte Mord aus dieser Serie geschah 2006, die Ermordung der Polizistin Kiesewetter sogar erst 2007 - weshalb der angebliche Zeuge, wie Leyendecker schreibt, "für seine Unterstützung nicht mehr strafrechtlich belangt werden" kann, da "die Tat mittlerweile verjährt" sei, bleibt unklar: Die Verjährungsfrist dürfte in diesem Fall bei fünf Jahren liegen, die noch keineswegs vorüber sind.


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