Mittwoch, 28. Oktober 2026

Göllner in Georgia: Unsere Hühner treten wir selber

Auch Deutschland brachte seine Industrie auf den neuesten Stand: Bei Audi etwa wurden bereits 2021 neue Sprachregelungsmechanismen eingeführt, die eine gendergerechte Kommunikation ermöglichen.

Ein Mann  auf Auslandsmission, Arm in Arm mit einem Spitzenpolitiker, den dessen eigenes Volk zu großen Teilen brüsk ablehnt. Zu viele falsche Versprechen. Zu viele Enttäuschungen. Zu groß das Versagen beim Versuch, das Leben wieder bezahlbar zu machen, die Kriege auf der Welt zu beenden und dem eigenen Land wieder den geachteten und respektierten Platz unter den Völkern zu verschaffen, auf den die Bevölkerung Anspruch zu haben glaubt.

Ungerührt von der Unbeliebtheit 

Jen-Hsun Huang war dennoch gekommen, aus den Vereinigten Staaten quer über den atlantischen Graben, der die europäischen Verbündeten seit geraumer Zeit von ihrer Schutz- und Trutzmacht Amerika trennt. Der derzeit erfolgreichste Unternehmenslenker der Welt, nebenher so reich, dass er einen ganzen Jahreshaushalt des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales aus seinem Ersparten bestreiten könnte, zeigte sich unbefangen von der Unbeliebtheit seines Gastgebers Schulter an Schulter mit Friedrich Merz. Wie ein deutscher Unternehmenschef auf Chinareise interessiert sich Huang weniger für Menschenrechte und die Stimmung in der Bevölkerung als für das Investitionsklima und die absehbare Rendite.

Einer stellte sich offen neben Friedrich Merz.

Die stimmt auch in Deutschland, sobald der Staat die Steuerkasse öffnet. Jen-Hsun Huang gab seinem Gastgeber Merz daher sogar, wonach es den Bundeskanzler und CDU-Chef am heftigsten verlangt: Eine symbolische Investitionszusage für das "1-Milliarde-Euro-Projekt Industrial AI Cloud in München" (Bundesregierung).

Ausgestattet mit bescheidenen 10.000 Nvidia Blackwell-GPUs, die zu einem drittel vom deutschen Steuerzahler finanziert werden, wird die Mini-Giga-Fabrik in Bälde zu den "größten KI-Fabriken" gehören. Allerdings nur zu denen Europas, denn im Weltmaßstab werden dergleichen Serverfarmen von Anfang an etwa um den Faktor 20 bis 40 größer geplant und gebaut.

Ein Moment der Zuversicht 

Doch es reichte immerhin, um einen Moment der Zuversicht zu erzeugen. Huangs Mahnungen, dass Europa zurückgefallen sei und seine Chance, den Rückstand jemals wieder aufzuholen, mit jeder Verzögerung einer grundlegenden Kursänderung weiter schwinde, verschwand im Kleingedruckten.  Der Kanzler, der mittlerweile keine zweite Amtszeit mehr plant, sondern nur noch versucht, seine einzige über die volle Laufzeit zu absolvieren, antwortete seinem Gast mit einem Angebot, die Regulierung aller Innovationen noch schärfer zu gestalten. 

Man war sich da einig in der kleinsten großen Koalition aller Zeiten. Merz' Vize-Kanzler, ein Vollblutfunktionär von der SPD, der sich von früheren Arbeiterführern eine wurstige Masche abgeschaut hat, nach der echte Sozialisten wie Biertischproleten klingen müssen, umgarnte die internationalen Investoren auf seine weise. "Ich will ihr Geld", gestand Lars Klingbeil den Firmenchefs, was die bis dahin nicht einmal ahnte. 

Ein Bild für die Ewigkeit, gemalt von einem Gott mit Humor: Der 48-jährige Verwalter des deutschen Schuldenberges stand bei seiner Rede in einem der unzähligen stillgelegten deutschen Kraftwerke. Diplomatisch verzichteten alle Anwesenden, den in Fachfragen bekanntermaßen wenig bewanderten Niedersachsen danach zu befragen, warum die Elektroenergie in Deutschland doppelt soviel kostet wie in den USA. Und weshalb die Herstellung einer Kilowattstunde trotzdem achtmal so viel CO2 verursacht wie im benachbarten Frankreich.

Der deutsche Weg 

Es geht auch niemanden nichts an. Es ist der deutsche Weg, den die Menschen hierzulande am Tag gewählt haben, als Angela Merkel im März 2018 zum vierten Mal zur deutschen Bundeskanzlerin gewählt wurde. Gemeinsam mit der SPD leitete die Ostdeutsche aus Hamburg damals die Phase der wirklich straffen, gesetzlich verbindlichen und mit harten Konsequenzen unterlegten deutschen Klimapolitik ein. 

Das erste Bundes-Klimaschutzgesetz (KSG), trotz gemeinsamer Ablehnung durch AfD, Grüne, FDP und Linkspartei nahezu unbemerkt verabschiedet, legte den Ausstiegspfad für die industrielle Produktion fest. Zwei Jahre später schon wies das historische Klima-Urteil des Bundesverfassungsgerichtes  an, dass alle Klimaziele im Grunde sofort erreicht werden müssen.  

Ein Whatever it takes, das kaum weniger bejubelt wurde als das des damaligen EZB-Chefs Mario Draghi, mit dem der die Geldschleusen in Euro-Europa für die bis heute galoppierende Inflation geöffnet hatte. Bald zeigten sich weniger hübsche Nebenwirkungen: Die deutsche Industrie hatte 2018  ihrem Höchststand erreicht. Seitdem schrumpft sie stabil vor sich hin.

Agonie statt Aufschwung 

 Den Gipfel des sogenannten Produktionsindex bei 110 Punkten hat die deutsche Industrieproduktion nie wieder gesehen. Stattdessen ist sie real um rund elf Prozent geschrumpft. Keine europäische, sondern eine ganz und gar deutsche Krankheit: Polen wuchs im gleichen Zeitraum um mehr als 50Prozent, Dänemark um fast 50, die Schweiz   um ein Drittel und selbst das kleine Deutschland Österreich schaffte ein Viertel.

Nach offizieller Lesart fehlt es nicht an Gründen für den Niedergang, die kein deutscher Politiker oder Regierungschef beeinflussen kann. Erst war da leider die Corona-Pandemie. Dann folgte der Wegfall des stets als "billig" bezeichneten russischen Pipeline-Erdgases. Dazu noch der Angriff die Ukraine. Trump. Die Zölle. Selbst der Klimawandel durfte schon herhalten, um den das Ende der deutschen Wettbewerbsfähigkeit zu erklären. Es war eine "hitzebedingte Minderung der Leistungsfähigkeit", wie das Umweltbundesamt herausfand, die Deutschland wirtschaftliche Entwicklung abbrechen ließ wie mit der Blechschere amputiert. 

Rückfall  hinter Taiwan

Ein Phänomen, das Wissenschaftler weltweit bestaunen, ohne das dahinterstehende Rätsel bislang gelöst zu haben. Ein Mitarbeiter in einer Fabrik in Taiwan, wo die Durchschnittstemperatur etwa 14 Grad höher liegt als in Deutschland, schafft pro Arbeitsjahr eine Wertschöpfung von etwa 134.000 Dollar. Bei seinem deutschen Kollegen, der derzeit noch in Fabriken mit höherem Automatisierungsgrad arbeitet und überwiegend hochpreisige Premium-Güter herstellt, sind es pro Arbeitsjahr nur 110.000 US-Dollar.

Es ist alles getan worden, um es so weit kommen zu lassen. Die Kommission in Brüssel hat nimmermüd Richtlinien, Verordnungen und würgende Regelwerke verkündet, die die Bürokratie explodieren ließen, während sie zugleich als Fundament des Ausbaus eines Behördenstaates dienten. Die Regierungen in Berlin, geführt von Merkel, Scholz und Merz, kannten nur ein einziges Mittel, um gegen den Niedergang anzukämpfen: Sie nahmen Geld aus den leeren Staatskassen und ließen es als Wumms, Doppelwumms oder noch bizarrer getauftes Fördergeld abregnen, wo immer jemand Kraft und Geld genug hatte, einen Zuwendungsantrag zu schreiben. 

Lieber Gewalt als Deutschland 

Die Wirtschaft wanderte derweil ab. BMW suchte sein Heil im diktatorisch regierten Ungarn des Viktor Orbán. BASF ging ins chinesische Changjiang, unter die Knute des Kommunisten Xi. Volkswagen baute in South Carolina und wich auch nicht, als der Verdacht aufkam, dass ein "Faschist" (Die Zeit) ins Weiße Haus einzieht. Siemens investierte gleich überall, wo es schlecht um Menschen- und Bürgerrechte steht. In China, der Vereinigten Staaten und Osteuropa. Bosch entschied sich für Mexiko, einen der gewalttätigsten Standorte der Welt. Die deutsche Autoindustrie war noch nicht weg. Sie produzierte, so hätte es ein früherer Wirtschaftsminister philosophisch und tiefgründig formuliert, jetzt nur woanders.

Reiche Frucht langer Anstrengungen 

Jahrelang intensive Bemühungen mehrerer Bundesregierungen ganz unterschiedlicher Farben trugen reiche Frucht. Autohersteller bauten in Deutschland weniger Autos. Deutsche Autos belasteten das Weltklima dadurch immer weniger schlimm. Deutsche Kraftwerke hörten mit der Energieerzeugung nach den Planvorgaben auf, die ihnen die bunten Berliner Koalitionen vorsetzten. 

Bald würde, auch die mit großen Wachstumsversprechen angetretene Regierung Merz hatte daran keine Zweifel, noch viel weniger Strom gebraucht werden. Auch andere ehemals wichtige Branchen fuhren ihre Aktivitäten zurück. Die Chefs der Unternehmen klagten.  Es sei alles zu teuer. Man gängele sie mit viel zu vielen Vorschriften. Die Bürokratie sei ein Verhinderungswahnsinn. Und Steuern und Abgaben erdrosselten jeden Versuch, einen Anflug von Dynamik heraufzubeschwören.

Keine Aufregung um die Abwanderung 

Die typischen Klagen von Leuten, die ignorieren, wo die Reise hingehen soll. Die Aufregung um die Abwanderung hielt sich in Grenzen. Im politischen Berlin sprach niemand sprach gern darüber. Und ohne entsprechenden Hinweis können die großen Medienhäuser und Gemeinsinnsender zwei und zwei nicht zusammenzählen. Woher soll jemand wissen, dass der Standort nur noch mit Staatsgeld am Leben gehalten wird, wenn es einem niemand sagt? Und was man nicht weiß, macht keinen Leser oder Zuschauer heiß.

Erst der Tabubruch des Audi-Chefs  Gernot Döllner änderte das Blinde-Kuh-Spiel in der politischen Blase. Mit seinem Auftritt an der Seite des US-Präsidenten Donald Trump verließ der 57-jährige Manager den Boden der gemeinsamen Werte. Mit seiner Ankündigung,  Audi werde in Georgia vier Milliarden Dollar ausgeben, um ein neues Werk zu bauen, das die in Deutschland so verhassten SUV produzieren solle, rief der gebürtige Bückeburger - nomen est omen - die Propagandapartisanen des Standortpatriotismus auf den Plan. 

Klassenclown der Voodooökonomie 

Angeführt wurde der Aufstand des nationalen Produktionsgewissens von Mark Schieritz, einer Art Klassenclown der Voodooökonomie. "Der von Audi angerichtete Schaden hat eine potenziell welthistorische Dimension", analysierte der Mann, der den Deutschen schon 2021 mit seinem Beruhigungstext "Fürchtet Euch nicht!" jede Angst vor der Inflation genommen hatte. Im Gefolge des Marktschreiers eines neuen Marxismus mit Taqiyah und Niqab trudelten sie alle ein, die konsequent gendergerechten Großkonzern am veganen Sitzleder flicken wollen.

"Verrat!" riefen sie, es gab die übliche Campact-Petition, die Göllner wegen Heuchlerei, Unterwürfigkeit und einem "Kniefall vor Trumps Erpressungsversuchen" aus dem Amt entfernen soll, und es gab Aufforderungen an die Justiz, wegen Landesverrat zu ermitteln. "Der Audi-Chef macht sich zu Trumps Wahlhelfer", wetterte selbst der Rest FAZ, der noch gedruckt wird. Einem Präsidenten, der Deutschlands wichtigste Industrie mit seinen Zöllen zerstören wolle, so hieß es von "Tagesschau" bis Focus, dürfe kein guter Deutscher so dienen.

Unsere Hühner treten wird selber, sagen sie im ländlichen Brandenburg, und wenn jemand unsere Industrie zu Grabe tragen möchte, dann sind wir das ganz allein. Niemand hat das Recht, nach zwei Jahrzehnten zielgerichteter Bemühungen zur Zerstörung einer weltweit bewunderten Branche einfach daherzukommen und ihr den letzten Nagel in den Sarg zu schlagen.

Dienstag, 27. Oktober 2026

Plan B: So viel Profigier steckt wirklich hinter der linken Enteignungsstrategie

Svenja Prantl ist selbst Berlinbetroffene. Weil die Mieten so sehr stiegen, lebt sie schon einige Zeit im Exil und betreibt von dort aus auch ihren tabulosen Onlyfans-Account.

Sie nennen ihn scherzhaft "Plan B", meinen es aber nicht wirklich lustig. "Plan B" steht bei den Linken in der deutschen Hauptstadt schlicht für den sogenannten "Plan Berlin", ein Schnittmuster, das die zuletzt deutlich erstarkte frühere DDR-Staatspartei künftig nutzen will, um den verhassten Kapitalismus von ihnen zu reformieren.

Keine Straßenkämpfe mehr, keine Zetern über die Grausamkeiten des imperialistischen Monopolismus und keine Beschwerden darüber, dass sich große Teile der Bevölkerung nicht einmal mehr mit der Drohung für den Sozialismus mobilisieren lassen, dass eine faschistische Machtübernahme vor der Tür steht. Diesmal startet das sozialistische Experiment als Wohltat für alle: Mehr Wohlstand durch niedrige Preise. Mehr Sicherheit durch einen Staat, der nicht mehr dem freien Spiel der Marktkräfte überlässt.

PPQ-Kolumnistin Svenja Prantl, selbst langjährige Berlinbetroffene, ist vor Verfall, fortschreitendem Vertrauensverlust und hohen Preisen schon vor Jahren ins Exil geflüchtet. Auf ihrem freizügigen Onlyfans-Kanal kommentiert sie die Weltlage daheim aber nach wie vor. 

Weg vom reformistischen Kompromisslertum 

Seit die als "Linke" oder auch Linkspartei auftretende frühere Sozialistische Einheitspartei von Ines Schwerdner, Luigi Partisano und Heidi Reichinnek geführt wird, hat sie ihren Kurs geändert. Aus dem reformistischen und knieweichen Kompromisslertum unter Katja Kipping, Bernd Riexinger und anderen, meist schnell wechselnden Parteiführern hat die neue Generation der Genoss*innen wieder ein klares klassenkämpferisches Profil gemacht. 

Links trifft der Neoliberalismus des ausschließlich auf Sparen und Steuersenkungen für Reiche fixierten spätbourgeoisen Klassenstaates auf heftige Gegenwehr. So hat der christsoziale Rechtsausleger Alexander Dobrindt von einem "willkürlichen linken Enteignungsfetisch" gesprochen, um die Schaffung von mehr Gerechtigkeit in Berlin und damit die einer Blaupause für die gesamte Republik zu verhindern. 

Neue Methoden zur Nachwuchsgewinnung 

Vergebens. Die Linke nutzt längst neue Methoden, um die romantische Sehnsucht nach einer Revolution bei jungen, migrantischen und gebildeten Menschen aus wohlhabenden Verhältnissen zu wecken. Methoden, die durch Beschimpfung aus konservativer ecke nun umso wirksamer werden. 

Deren Not, gut bezahlte Jobs ohne mühsame Anstrengungsarbeit und große, helle und gutbürgerliche  Wohnungen in begehrtesten Vierteln der begehrter Mode-Städte zu finden, ist die Triebkraft, die den Aufschwung der im Kern immer noch kommunistischen Partei beflügelt. Kombiniert mit dem moralischen Anspruch, die Juden für ihre beharrliche Selbstverteidigung zu strafen und dem arabischen  Volk zu einem weiteren Staat zu verhelfen, ergibt das eine Mischung, die im metropolischen Milieu unwiderstehlich wirkt: Enteignen, also denen nehmen, die mehr haben, gilt in der Zielgruppe als Notwehrmaßnahme zur Schaffung von Gerechtigkeit durch Vergesellschaftung.

Ein gut durchgerechneter Plan 

Nach außen hin scheint der große Enteignungsplan ebenso öffentlichkeitswirksam wie schlecht durchgerechnet. Kritiker bemängeln, dass Linke, Grüne und SPD mit ihrem Beschluss, 150.000 Wohnungen in Staatsbesitz zu übernehmen, neue Milliardenlasten auf den maroden Berliner Landeshaushalt laden werden. Bezahlt werden sollen zwar höchstens 16 Milliarden Euro - das wäre ein Drittel des Marktwertes und würde das Geschäft tatsächlich wie die von Karl Marx einst geforderte "Expropriation der Expropriateure" aussehen lassen.

"Plan B", über Jahre von linken Mieterinitiativen, sozialistischen und kommunistischen Basisgruppen und radikalen Gewerkschaften wie der IG Metall Berlin erdacht, würde dann nach und nach auf die gesamte Republik ausgerollt. Das Ziel ist klar: Billiges Wohnen als Werbetrommel für Vergemeinschaftung und eine Rückkehr zum Volkseigentum. 

Alles soll der Staat gerecht garantieren

Linken-Chef Luigi Pantisano hat diese Botschaft unmissverständlich in einen kurzen Social-Media-Satz gefasst. "Wir wollen, dass alle Grundbedürfnisse, die die Menschen in dem Land haben, vergesellschaftet sind", sagt er. Und das sei ausdrücklich bezogen auch die geplante Vergesellschaftung der Versorgung mit "Energie, Mobilität, Wohnen, Wasser, alle Grundbedürfnisse, die die Menschen in diesem Land haben".

Bäcker, Fleischer, Döner, Bekleidungsläden und Kneipen wären in der ersten Runde der Vergesellschaftungen nicht betroffen. Mieter*innen, Mieter und andere Mietende jedoch schon, ebenso viele bei Vermieter*innen und Vermietenden mitarbeitende Menschen. 

Vonovia, der überwiegend im Besitz von privaten Ruhestandssparern befindliche Mutterkonzern des früheren Hauptgegners Deutsche Wohnen, beschäftigt bundesweit mehr als 12.000 Menschen, 2.000 davon verwalten die mehr als 130.000 firmeneigenen Wohnungen in Berlin. Sobald diese Bestände vergesellschaftet wären - die Linkskoalition in der Hauptstadt plant eine reine Immobilien- und Grundstücksübernahme - müsste Vonovia diese 2.000 Mitarbeiter mangels Auftragsbestand entlassen.

Eine doppelte Chance 

Eine Chance für viele, spät noch in eine Beamten- oder Staatsangestelltenlaufbahn zu rutschen. Die neue staatliche Verwaltungsgesellschaft könnte Berlin zugleich zu einer Chance verhelfen, seinen derzeitigen Spitzenplatz bei der Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst je 1.000 Einwohner weiter auszubauen. Im Moment sorgen sich 60 Beamte und öffentliche Angestellt*innen in der Hauptstadt um je tausend Menschen. Schon mit dem neuen Wohnungsriesen - Arbeitsname VEB Kommunale Wohnungsverwaltung (KWV) - könnten zu den derzeit 234.000 Staatsdienern weitere 2.000 kommen. 

Sobald auch "Energie, Mobilität, Wohnen, Wasser, alle Grundbedürfnisse, die die Menschen in diesem Land haben" (Pantisano) aus einer Hand bedient werden, könnte der öffentliche Dienst in Berlin sogar auf etwa 520.000 bis 700.000 Beschäftigte wachsen. Pro 1.000 Einwohner wären das 140 bis 185 Staatsbedienstete - eine eher konservative Schätzung, denn in den real existierenden sozial gerechten Planwirtschaften der Vergangenheit lag der Anteil der im Staatssektor Beschäftigten oft bei zwischen 70 und 90 Prozent aller Mitarbeitenden an der Wertschöpfung.

Zurück im sozialistischen Paradies 

Ein sozialistisches Paradies wäre nahe. Staatsbedienstete würden in staatlichen Wohnungen leben, in staatliche Geschäften einkaufen, mit staatlicher Energie heizen und staatliches Wasser trinken. Bezahlen könnten sie das alles problemlos, weil der Staat ihnen auf der einen Seite ein sicheres Einkommen garantiert. Auf der anderen Seite aber auch mit Entschiedenheit dafür sorgt, dass Mieten und Preise nicht mehr steigen.

In einem früheren Großversuch mit mehreren Millionen Menschen war das hervorragend geglückt. In der DDR galten noch am Tag des Mauerfalls im Jahr 1989 Mieten, die auf die Höhe festgelegt waren, die der damalige Führer und Reichskanzler Adolf Hitler 1936 hatte beschließen lassen. Auch Grundnahrungsmittel waren in ersten Regierungszeit der Linkspartei in Deutschland 40 Jahre lang nicht teurer geworden. Ein Brötchen kostet im Gründungsjahr der DDR genau so viel wie in den letzten Monaten der Honecker-Herrschaft.

Berlin als Vorbild  

Berlin könnte zum Vorbild für eine fortschrittsmüde, von schlechten Wirtschaftsnachrichten und sinkendem Wohlstand ausgelaugte Gesellschaft werden. Gelingt es, Plan B in der größten deutschen Metropole umzusetzen, wäre es ein echter Hoffnungsschimmer für das gesamte Land. Durch die Hintertür hätte der Sozialismus, jene sagenumwobene Vorstufe zum Kommunismus, die Chance, nahezu unbemerkt zurückzukehren. 

Die durchschnittliche Bestandsmiete liegt bei den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften in Berlin aktuell bei etwa sieben bis 7,20 Euro pro Quadratmeter kalt. Das entspricht etwa dem Niveau, das Mieter*innen auch in Potsdam und Dresden zahlen, liegt aber deutlich über dem, was städtische Unternehmen in Provinzstädtchen wie Goslar, Erfurt, Rotstock und Osnabrück aufrufen. Gar nicht zu reden von den Reichtumsinseln in der alten Bundesrepublik: In Stuttgart und München, aber auch im feinen Freiburg im Breisgau und im sozialdemokratischen Hamburg kommen selbst Altmieter inzwischen nicht unter 7,70 bis 9,80 Euro davon.

Auf dem Weg zum Profitcenter 

Für viele Städte sind ihre kommunalen Wohnungsgesellschaften echte Profitcenter. In Dortmund, Magdeburg, Halle, Duisburg und Nürnberg schütten die Unternehmen Jahr für Jahr Millionen an ihre Eigentümer aus. Zwischen 15 und 90 Prozent des Reingewinns fließen in die leeren Rathauskassen. Zwischen zwei und sieben Millionen Euro können zum Stopfen von Haushaltslöchern verwendet werden. Teilweise werden so bis zu 90 Prozent des rechnerischen Gewinns der Gesellschaften direkt von den Mieterinnen und Mietern ins Stadtsäckel umgeleitet.

Berlin hält es bisher anders. Die aktuelle Landesregierung verzichtet auf Gewinnausschüttungen und Dividenden aus den landeseigenen Wohnungsunternehmen. Sämtliche erwirtschafteten Überschüsse müssen vollständig in den Unternehmen verbleiben. Die sechs Firmen sollen das Geld nutzen, um Sanierungen und Neubauten zu finanzieren. Allerdings sorgen die Umstände seit Jahren dafür, dass  operative Rendite der kommunalen Wettbewerber mit ihren mehr als 400.000 Wohnungen von Vonovia bei einem Prozent oder gar weniger liegt. Bei Vonovia sind es zwischen sechs und acht Prozent.

So viel Profitgier hinter Plan B 

So viel Profitgier versteckt sich also hinter Plan B: Gelänge es rot-rot-grün nach der Vergesellschaftung des Vonovia-Bestandes, wenigstens eine operative Rendite von vier Prozent zu halten, würde das Millionenspielräume  für Gewinnabführungen an den Landeshaushalt schaffen. Zwar müsste Berlin die bisher von Vonovia gezählte jährliche Grundsteuer von etwa 25 bis 40 Millionen Euro dann selbst tragen. Auf der anderen Seite aber hat Deutschlands größter Vermieter zuletzt eine Miliarde Euro Dividende ausgeschüttet, erwirtschaftet mit nicht mehr als 570.000 Wohnungen. 

130.000 davon befinden sich in Berlin und halb so gut verwaltet wie derzeit von Vonovia wären sie gut für mindestens 130 Millionen Euro Gewinnausschüttung. Selbst nach Abzug des Ausfalls der Grundsteuer ein sehr gutes Geschäft. Zumal es sich als soziale Wohltat verkaufen lässt.

Montag, 26. Oktober 2026

Merz, der Schlüsseltechnologe: Zukunft auf DDR-Weltniveau

Deutsche Regierungschefs, die auf High-Tech-Chips starren: Friedrich Merz (l.) im Herbst 2026, Vorbild Erich Honecker im Herbst 1988.

Wieder war es ein deutscher Regierungschef, der in den Osten eilte, um die Zukunft zu besichtigen. Wieder kam er, um seinen zusehends mutlos werdenden Wählerinnen und Wählern Volk Zuversicht zu vermitteln. Wieder bestaunte er vor Kameras mit großen Augen große Leistungen. "Wir sind in Europa in der Lage, wissenschaftlich souverän zu werden", verkündete  Bundeskanzler Friedrich Merz nach ausgiebiger und eingehender Prüfung der Erfolge der Wissenschaftler des Leibniz-Institutes für innovative Mikroelektronik (IHP) in Frankfurt an der Oder.

Mit "Laser und Licht" 

Die Frauen und Männer des Forscherteams hatten dem bislang so glücklos agierenden CDU-Vorsitzenden die Produktion innovativer Mikrochips aus Silizium gezeigt, die eines Tages in der Industrie Anwendung finden sollen. In einem Hochfrequenz-Labor ging es darum, die Funktionalität der Mikrochips zu untersuchen. Ohne Reinstraumanzug, aber mit fest verschränkten Armen beobachtete Merz in einem Hochfrequenz-Labor, wie "Funktionalität der Mikrochips" (DPA) untersucht wurde. Der Kanzler durfte selbst einen kleinen Chip mit einer Testlösung in ein Gerät legen, das Berichten zufolge "mit Laser und Licht funktioniert".  

"Wann ist das Produkt marktfähig?", fragte Friedrich Merz, der dringend auf gute Nachrichten angewiesen ist. Zwar hatte der beim alljährlichen Investitionsgipfel der Bundesregierung auch in diesem Oktober wieder ein "starkes Willkommenssignal an Investoren" aussenden können. Im vergangenen Jahr schon hatte ihm die alte Deutschland AG unter dem neuen Motto "Made for Germany" satte 850 Milliarden Euro an Investitionen versprochen. In diesem Jahr legten internationale Großkonzerne noch einmal 228,6 Milliarden Euro obendrauf.

Inmitten der Investitionslücke 

Doch bisher kommt der Geldfluss nicht in die Gänge. 2019 noch lagen die Investitionen privater Unternehmen in neue Ausrüstungen, Fabriken, Maschinen, Fahrzeuge und Geräte noch bei 615 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr waren es nur noch 487 Milliarden. Die Investitionslücke für die zurückliegenden fünf Jahre beziffern Wirtschaftsforscher auf insgesamt 420 Milliarden. Tendenz steigend, denn für zuletzt zumindest nominell höhere Zahlen sorgte allein der Staat, der viel Geld, das er nicht hat, überall dort investiert, wo sich sonst kein anderer Investor findet.

Die, oft Teil der "Made-for-Germany"-Initiative von 2025, haben andere Ziele. Bezeichnend, dass Audi-Chef Gernot Döllner einen Auftritt mit US-Präsident Donald Trump nutzte, um den Neubau einer Vier-Milliarden-Fabrik im US-Bundesstaat Georgia anzukündigen - nach der Neuorientierung des zu einem Fünftel staatseigenen Volkswagen-Konzerns Richtung Ungarn und der Verlagerung von Produktionskapazitäten von BMW und Mercedes ins Ausland ein neuer Nackenschlag für den deutschen Stammstandort. 

Sehnsucht nach guten Nachrichten 

Merz sehnt sich nach guten Nachrichten. Doch seine Frage, wann mit einer kommerziellen Vermarktung der Leibnitz-Entwicklung zu rechnen sei, konnte in Frankfurt niemand beantworten. Zumindest ein Prototyp-Einsatz sei "im Laufe des kommenden Jahres geplant" erfuhr Merz. Langfristiges Ziel sei es dann, die neuen Hightech-Chips der Früherkennung von Fällen von Blutvergiftung einzusetzen. 

Das Verfahren gilt schon sehr lange als äußerst vielversprechend. Einen ähnlichen sogenannten Biochip hatten Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für Physikalische Messtechnik IPM in Freiburg bereits vor 15 Jahren entwickelt. Ärzte müssen seitdem lediglich noch eine Blutprobe in einem vom IPM konstruiertes Gerät geben, ganz ähnlich wie das Friedrich Merz in Frankfurt praktizierte. Alle Untersuchungsschritte werden dann vollautomatisch durchführt und schließlich ein eindeutiges Ergebnis ausgegeben.

Eines jener "Zeichen" 

Die Praxis aber ist es nicht, die entscheidet. Merz wollte vielmehr eines jener Zeichen setzen, die über die Gemütslage der Nation entscheiden. Während Berlin nach links rutscht, Sachsen-Anhalt nach rechts kippt und von russischen Bots provozierte Unruhen etliche EU-Partnerländer erschüttern, sucht der Kanzler auf offener Bühne nach dem "Schlüssel für die Zukunft Deutschlands" (Bundespresseamt). "Aus innovativer Forschung entstehen genau die Lebensverbesserungen, die wir brauchen, die innovativen Geschäftsideen, die unser Land als Ganzes voranbringen", wird Friedrich Merz zitiert.

Ein Muster, das aus der deutschen Geschichte bekannt ist: Fast auf den Tag genau 38 Jahre vor dem Besuch des Regierungschefs an der Ostgrenze war es der damalige DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker gewesen, der im Berliner Staatsratsgebäude stolz das erste Exemplar des von Thüringer Forschern selbstgebauten Ein-Megabit-Speicherchip entgegennahm. 

Illegaler Nachbau 

Der U61000, ein Nachbau illegal importierter Westchip, war das Produkt einer Jahre zuvor ausgerufenen High-Tech-Agenda der DDR-Führung. Bereits Mitte der 70er Jahre hatte das Politbüro nach einer Analyse der sich absehbar verschärfenden wirtschaftlichen Lage durch den wachsenden Abstand der eigenen Industrie zur westlichen Konkurrenz nach einem Zauberstab gesucht, mit dem die zentralistischen Kommandowirtschaft aufholen könnte.

Die Wahl fiel auf die schon seinerzeit prophetisch nach Merz' "Schlüssel zur Zukunft" meist "Schlüsseltechnologien" genannten modernen mikroelektronischen Systeme, auf digitale Rechentechnik und automatische Fertigungssysteme. Dinge, die die DDR nicht hatte. Technologien, bei denen sie den Weltmarktführern weit über ein Jahrzehnt hinterherhinkte. 

Der letzte Anlauf der Planwirtschaft 

Selbst den führendsten Genossen war damals klar, dass sie Va banque spielten: Dies würde, das wussten sie, der letzte Anlauf der Planwirtschaft sein, zum sogenannten "Weltniveau" aufzuschließen. zwischen 1977 und 1988 steckte sie 14 Milliarden DDR-Mark in Wirtschaftsspionage, aufwendige Eigenentwicklungen und aufwendiges Reverse Engineering zum Nachgebau alter Chips aus Japan.

Das waren mehr Prozent aller Mittel, die im letzten Jahrzehnt des Arbeiter- und Bauernstaates überhaupt in Forschung und Entwicklung investiert wurden. Der Erfolg blieb sehr überschaubar: Ein im VEB Kombinat Mikroelektronik Erfurt hergestellter 256-Kilobit-Speicherchip kostete in der Produktion 536 DDR-Mark. Auf dem Weltmarkt war das westliche Äquivalent zeitgleich für nicht einmal sieben Mark zu haben.

Aufholen ohne überholen 

Der Weltmarkt aber war zu für die Bruderstaaten unter der Knute des großen Bruders Sowjetunion. Der Westen  hatte ein umfassendes Embargo für High-Tech-Bauteile verhängt. Diese Sanktionen waren zwar nicht lückenlos. 

Sie reichten aber, um die Mitgliedsländer des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) wirksam von allen technologischen Entwicklungen abzukoppeln. Der Ostblock lebte in den 80er Jahren noch weitgehend auf dem Stand der 60er. Computer standen zwar hier und da in volkseigenen Betrieben. Pro 1.000 Einwohner aber lag die Quote bei nur 0,2 Prozent - weniger als ein Zehntel der Vergleichszahl im Westen Deutschlands.

Honecker sah eine Chance im grassierenden Mangel an Elektronik im RGW. DDR-Chips müssten nicht die besten der Welt sein, auch die billigsten nicht. Es würde reichen, überhaupt welche selbst herzustellen, denn selbst die große Sowjetunion würde sie mangels anderer Bezugsquellen kaufen müssen. Unabhängigkeit vom Klassenfeind war das Stichwort, Unabhängigkeit wird auch heute wieder großgeschrieben. Ziel der "High-Tech-Agenda" sei es, "durch Investitionen in Schlüsseltechnologien die Wirtschaftskraft zu stärken, neue Arbeitsplätze zu schaffen und dafür zu sorgen, dass Deutschland unabhängiger wird", haben Union und SPD schon vor einem Jahr festgelegt.

Im Wettlauf mit der zeit 

Ein Satz, durch den der Geist Honeckers spukt. "Eure Leistungen sind ein hervorragender Beitrag im Wettlauf mit der Zeit", würdigte der bei der feierlichen Übergabe des ersten selbstgemachten Chips die Arbeit seiner volkseigenen Nacherfinder. Der Ein-Megabit-Chip Made in GDR versammelte auf sieben Millimetern zwei Millionen Bauelemente in 17 Ebenen. Er entsprach dem Entwicklungsstand des Jahres 1982 und war nach Angaben der DDR-Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" damit "Weltspitze". Honecker nannte das einen "überzeugenden Beweis dafür, dass die DDR ihre Position als entwickeltes Industrieland behauptet."

Die SED-Führung liefert mit ihrer am Ende vergeblichen Investitionsoffensive das Vorbild für die Bundesregierungen Scholz und Merz. Aus Mangel an ausländischen Investoren finanzierte sie den "technologischen Befreiungsschlag mit Hilfe der Mikrochips", wie es Wirtschaftslenker Günter Mittag nannte, notgedrungen selbst. Schon die Ampel-Koalition imitierte das: Der grüne Umweltwirtschaftsminister Robert Habeck versuchte, Großkonzerne aus aller Welt mit Milliardenzuschüssen als Investoren einzukaufen. 

KI-Kontinent in der Ausschreibungsphase 

Viel Erfolg hatte das nicht. Ähnlich wie die von der EU-Kommissionspräsidentin ausgerufene Aufholjagd bei der Künstlichen Intelligenz, die im Bau von sieben "KI-Gigafrabiken"  gipfeln soll, will der Startschuss einfach nicht fallen. Faktisch steckt der "KI-Kontinent Europa" (Ursula von der Leyen), der für insgesamt 30 Milliarden errichtet werden soll, nach zweieinhalb Jahren in der Ausschreibungsphase fest. Faktisch hat der "Invest in Germany-Summit" der Bundesregierung in Berlin das "1-Milliarde-Euro-Projekt Industrial AI Cloud in München" festgezurrt. 

Gemeinsam mit der Deutschen Telekom baut Nvidia in München "eine der größten KI-Fabriken Europas",wie die Nachrichtenagentur DPA zitiert. "Ein bestehendes Rechenzentrum wird saniert und mit bis zu 10.000 hochmodernen Nvidia Blackwell-GPUs ausgestattet", hat die Bundesregierung erfreut wissen lassen. 

Ein Drittel der Kosten dabei übernimmt der deutsche Steuerzahler. Die Dimension ist erschreckend: SpaceX hat in der vergangenen Soche mitgeteilt, dass man dabei sei, in den eigenen Rechenzentren bis zum Ende des Jahres jeden Monat etwa 200.000 Nvidia Blackwell Ultra-Chips GB300 in Betrieb zu nehmen. Alphabet, Meta und Microsoft betreiben heute bereits KI-Favriken mit Millionen Nvidia-Chips.

Kleinvieh ist auch Mist 

Zur Herstellung eines Zeichens aber reichen kleine Dinge. "Hier wird europäische Zukunft gemacht und hier wird Zukunft für unser Land gestaltet", rief Friedrich Merz in Frankfurt an der Oder und er bezog sich ausdrücklich nicht auf andere aufsehenerregende, aber eher unschöne Ereignisse. Die neue deutsche Republik, die sich wie ihre Vorgängerin im Osten als Speerspitze des Fortschritts begreift, lebt von der Illusion. "Wir können mithalten", hat Friedrich Merz in Frankfurt gesagt, ehe ihm kein Ein-Megabit-Chip, aber ein hübscher "Wafer hinter Glas und in einem Rahmen" als Geschenk überreicht wurde.

Draußen vor der Tür, so berichten es die großen deutschen Medienhäuser, "protestierte die AfD gegen den CDU-Regierungschef". 40 Menschen hätten sich versammelt gehabt, "einige hatten Deutschlandfahnen dabei". Eine Parole der AfD, die der Verfassungsschutz in Brandenburg als rechtsextremistisch einstufe, erschien den Reportern besonders erwähnenswert: "Merz muss weg".

Sonntag, 25. Oktober 2026

Deutschland: Wo der Hitzetod lebt

Deutschland ist das vom Hitzetod am schlimmsten betroffene Gebiet.

Das Schlimmste ist kaum überstanden, da steht die nächste Katastrophe schon unmittelbar bevor. Der Sommer war groß, der Herbst eher kühl. Und doch deuten vorläufige Fakten heute bereits darauf hin, das das Jahr 2026 insgesamt wird wieder viel zu viel gewesen sein wird. Zu trocken sowieso. Zu heiß überdies, vor allem nachts. Der ausgedörrte Boden konnte die kargen Regenfälle kaum mehr aufnehmen. 

Die Menschen im Land, so meldeten es die Statistiker des Robert-Koch-Institutes, starben wie die Fliegen. 16.000 Opfer habe der heftigste Klimasommer seit dem Rekordjahr 2024 - mehr als 12.000 mehr als der mit 19,6 Grad Celsius bisher wärmste Sommer der deutschen Messgeschichte. Ein Anstieg um atemberaubende 500 Prozent. Dabei war das Rekordjahr 2024 mit durchschnittlich 18,5 Grad zwischen Juni und August nicht einmal ein Grad kühler gewesen.

Karl Lauterbach fehlt 

Was ist passiert? Hat das Ausscheiden des Sozialdemokraten Karl Lauterbach aus dem Amt des Gesundheitsministers tatsächlich solche verheerenden Folgen gehabt? Liegt es daran, dass die Nachfolger des Vaters der deutschen Hitzeschutzpläne sich heute lieber darauf berufen, dass im "föderalen System in Deutschland beim Hitzeschutz kein durchgreifendes Organisationsrecht des Bundes" existiere. Und die Verantwortung für den Bevölkerungsschutz damit auf die unteren "Ebenen unseres Gemeinwesens" (BMG) verschieben, statt die Schutzpläne wie ursprünglich vorgesehen zu aktualisieren und fortzuschreiben.

Es ist genauso schlimm gekommen, wie es der letzte echte Hitzekämpfer Lauterbach schon bei seiner wagemutigen Expeditionsreise ins ausgeglühte Italien im Sommer 2023 befürchtet hatte. "Die Hitzewelle ist spektakulär hier", berichtete Karl Lauterbach damals vom südlichen Rand der Po-Ebene, wo die Tagestemperatur im Jahresdurchschnitt bei 18,9 Grad Celsius liegt, mehr als sechs Grad höher als in der deutschen Klimahauptstadt Berlin.  

Der Schutzpatron der Hitze 

Kaum zurückgekehrt, ging der damals noch als Gesundheitsexperte geltende Sozialdemokrat umgehend daran, Deutschlands vor Sommereinflüssen zu schützen. Und lange schien das erfolgreich: Der Winter 2025/2026 brachte Schnee, Frost und Eis. Bis zum offiziellen kalendarisch Sommeranfang klagten viele über Kälte und hohe Gas- und Wärmepumpenrechnungen. Noch zum Hitzeschutztag Mitte Juni musste die bundesweite Bürgerbewegung "Bündnis Hitzeschutz" geplante Proteste gegen zu hohe Temperaturen wegen schlechten Wetters und Dauerregen bei Eiseskälte absagen.

Der erste gute Eindruck aber täuschte. Schon in der Zwischenabrechnung des Hitzetotenjahres steht  Deutschland mit seinen 16.000 Todesopfern als das europaweit am schlimmsten betroffene Gebiet da. Ganz Europa hat bis Ende September 50.000 Hitzetote unter seinen 450 Millionen Bürgerinnen und Bürgern gezählt. Unter Deutschlands 83 Millionen allein aber waren es 16.000, also fast ein Drittel aller Fälle – bei nur rund 18,5 Prozent Bevölkerungsanteil. Deutschland damit etwa 1,7-fach überbetroffen. 

Weltweit Spitzenreiter 

Und das nicht nur im europäischen Vergleich. In den Vereinigten Staaten etwa starben auch in diesen warmen Sommer wieder wie immer etwa 2.500 Menschen an und mit Hitze. Selbst höhere Schätzungen nennen nur 9.000 - bei einer viermal größeren Bevölkerung. Kaum anders sieht es in Indien aus, das knapp 20.000 Hitzetote gemeldet hat - ein Viertel mehr nur als Deutschland bei einer 17-fach größeren Bevölkerung, die überwiegend mit einer mehr als doppelt so hohen Jahresdurchschnittstemperatur zurechtkommen muss.  

Selbst die Hitzeinsel Afrika erreicht die deutschen Zahlen nicht. Nigeria kommt bei dreifacher Bevölkerungszahl auf 19.000 Hitzetote, die gesamte Sahel-Zone liegt bei einer dreimal so hohen Durchschnittstemperatur wie Deutschland mit 66.000 Fällen hitzebedingter Übersterblichkeit bei der Anzahl der Opfer pro hunderttausend Einwohner weit hinter Deutschland. 

Die deutsche Überbetroffenheit 

Freilich, die Bevölkerung dort ist jünger, an große Hitze besser gewöhnt. Doch das Phänomen deutscher Überbetroffenheit zeigt sich auch im Vergleich mit europäischen Partnerländern wie Spanien, Portugal Italien und Griechenland. Das Durchschnittsalter in Italien liegt bei 49,1 Jahre, die älteste Bevölkerung in der EU ist ganze 3,6Jahre älter als die deutsche. Auch die Portugiesen, die Griechen und die Spanier sind mit 47,3 Jahren, 47,2 Jahren und 45,8 Jahren im Durchschnitt älter als die Deutschen mit 45,5 Jahren.

Woran also liegt es, dass das Land mit dem umfassendsten Nationalen Hitzeschutzplan, das dem  Bundesministerium für Arbeit und Soziales sogar vorschreibt, Handlungshilfe für betriebliche Hitzeschutzpläne zu geben, die höchsten Opferzahlen zu beklagen hat? 

Womöglich zeigt sich hier ein erneutes Versagen der deutschen Spitzenpolitik, deren Klimaanpassungsstrategie zwar die Erstellung von Musterhitzeschutzplänen für Krankenhäuser vorschreibt. Auf der Suche nach den Ursachen der Übersterblichkeit in der Bundesrepublik aber hartnäckig darauf beharrt, dass die Toten der unausweichliche Preis für das Versagen früherer Politikergenerationen bei der Verminderung des CO₂-Ausstoßes sei.

Grünflächen gegen den Hitzetod 

Die vor zwei Jahren noch vom rot-grün-gelben Ampel-Kabinett beschlossene Klimaanpassungsstrategie, das zeigen alle Zahlen, hat die Lage nicht verbessert, sondern deutlich verschärft. Seit SPD, Grüne und FDP im Dezember 2024 "mehr kühlende Grünflächen und besseres Wassermanagement, gegen Hitze mehr kühlende Grünflächen oder auch sonstigen Sonnenschutz" beschlossen, hat sich die Zahl der Hitzetoten vervierfacht. Seit 2015 der Pariser Klimavertrag beschlossen wurde, sind die Opferzahlen sogar auf das Zehnfache gestiegen.

Anpassung war nie ein Ziel 

Das liegt auch daran, dass die seitdem stets mit stabilen Mehrheiten regierenden Parteien der Mitte über den gesamten Zeitraum hinweg das Ertragen des Klimawandels ohne Gegenwehr zum alternativlosen Schicksal der aktuell lebenden Generationen erklärt haben. Schwitzend zu sterben, das war die verdiente strafe für frühere Klimasünden. Und so traurig jeder zusätzliche Tote ist: Eine hohe Zahl an Hitzeopfern gilt bis heute als bestes Argument dafür, den Klimawandel ernst zu nehmen, "Erneuerbare" (Ricarda Lang) ohne Rücksicht auf die Kosten auszubauen und auf manche frühere Gewohnheit verzichten zu lernen.

Eine tatsächliche Anpassung an steigende Temperaturen wurde kategorisch ausgeschlossen. Der einzige Weg, das Aussterben der Menschheit zu verhindern, darin waren sich CDU, CSU, SPD, Grüne und FDP einig, sei es, die Emissionen zu senken, indem die Wirtschaft allmählich heruntergefahren werde. Bis diese grüne Transformation wirklich Einfluss auf die globale Temperatur nehme und die angestrebte 1,5-Grad-Welt erreicht sei, werde man einige Bäume pflanzen, Trinkwasserbrunnen bauen und kleine Areale in den Innenstädten mit Sonnensegeln als Hitzeschutzinseln ausweisen.

Die Folgen im Patientenzimmer 

Die Folgen dieser zynischen und menschenverachtenden Politik sind mittlerweile überall zu besichtigen. Derzeit verfügt Deutschland über mehr als 12.000 Supermärkte, die mit Klimaanlagen ausgerüstet sind. Die großen Handelsketten bauen sie standardmäßig ein, weil sie der Ansicht sind, dass Menschen auch im Hochsommer ein angenehmes Einkaufserlebnis geboten werden muss. 

In Deutschlands knapp 1.900 Krankenhäusern hingegen fehlen Klimaanlagen fast vollständig. Nur 41 Prozent der Häuser verfügen überhaupt über einige gekühlte Zimmer – und selbst dort sind im Schnitt nur zehn Prozent der Räume gekühlt, meist OP-Säle und Intensivstationen. Deutschlandweit sind sogar nur fünf Prozent aller Patientenzimmer mit einer aktiven Kühlung ausgestattet.

In 95 Prozent der Räume liegen auch Schwerkranke und frisch Operierte im Sommer im eigenen Saft.  Versorgt werden sie mit den guten Ratschlägen der Klimatransformationsexperten der Bundesregierung: Morgens, wenn es draußen noch fünf bis zehn Grad kühler, kräftig stoßlüften. Das hilft bis 11 Uhr vormittags und erst ab 12 Uhr wird es dann langsam so brütend heiß, dass die Verbände der Schwerkranken dampfen. Schweißgebadete Krankenschwestern und Pfleger kommen dann vorbei und reichen kühles Wasser und nasse Lappen.

Das Sterben der anderen 

Hier und nicht in den hohen Temperaturen findet sich womöglich die eigentliche Ursache der auffälligen Übersterblichkeit im vergleichsweise kühlen Deutschland, gemessen an wärmeren und zugleich älteren Staaten wie Italien, Spanien, Portugal und Griechenland. Dort möchte sich kein Verantwortlicher eine Mitschuld am unnötig frühen Tod tausender Menschen nachsagen lassen, nur weil er den Einsatz von Klimaanlagen verteufelt hat, um hohe Opferzahlen als Triebkraft für die große Transformation nutzen zu können.  

Man hält sich an wissenschaftliche Erkenntnisse, wie sie zuletzt im Wissenschaftsmagazin The Lancet veröffentlicht wurden. Danach ist eine funktionierende Klimaanlage im eigenen Haushalt der stärkste Schutzfaktor gegen hitzebedingte Todesfälle. In Krankenhäusern senkt sie das Mortalitätsrisiko während extremer Hitzewellen sogar um etwa 40 Prozent. Entsprechend liegt der Anteil der Wohnungen mit Klimaanlage in Griechenland bei  65 Prozent, in Italien bei. 56 und in Spanien bei bis zu 50. Die extrem niedrige Klimaanlagen-Quote in Deutschland - etwa sechs Prozent - erklärt einen relevanten Teil der höheren Vulnerabilität im Vergleich zu Ländern mit deutlich wärmerem Klima.

Klimahitze als unabwendbares Naturereignis 

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der mediale Umgang mit den regelmäßig wiederkehrenden Meldungen über die hohen deutschen Hitzeopferzahlen. Sie werden weit verbreitet, aber nie hinterfragt, denn das könnte Teile der Bevölkerung verunsichern. "Klimahitze" (Tagesschau),  muss ein Naturereignis bleiben, das nur durch den Verzicht auf Reisen, Mobilität und anständig geheizte Wohungen gebändigt werden kann. Diese Art der Argumentation ist kein Versagen, sondern Ergebnis einer antrainierten Folgsamkeit von Medienhäusern, die sich als Transmissionsriemen von Regierungsbotschaften verstehen.

Menschen zu erklären, dass ein Leben in einer Zwei- oder Drei-Grad-Welt möglich ist, käme dem Geständnis gleich, dass Menschen in Barcelona, Tunis und Marrakesh schon recht lange in einer solchen Welt leben. Deshalb werden halbgare "Anpassungsstrategien", von Kommission in klimatisierten Konferenzsälen gebastelt, in sämtlichen Sendern, Magazinen und Tageszeitungen begeistert gefeiert. Anschließend aber nie mehr gefragt, was danach geschah. 

Samstag, 24. Oktober 2026

Der gläserne Abgeordnete: Guido Unge-Heuer

Guido Heuer gilt in der CDU als Verräter. 

Die großen Aufmerksamkeitswellen sind verebbt, die Reporter abgezogen. Der Wahlsieger hat sein Moped eingemottet. Seine leidenschaftlichsten Feinde fahren es jetzt, hilflos vor Wut. Es scheint schon Ewigkeiten her, dass das kleine, bettelarme Bundesland Sachsen-Anhalt bestimmt war, über das Schicksal der gesamten Nation zu entscheiden. 

Demokratie oder Untergang. Machtwechsel oder gemütlich weiter so. Würden zwei Millionen Menschen, verführt von russischen Bots, einem Parfümverkäufer und nationalistischen Parolen, gezwungen werden, künftig in einem kleinen, aber Vierten Reich zu leben?

Drei-D-Schach in Magdeburg 

Es ist eine Art Drei-D-Schach, das sie derzeit in Magdeburg spielen. Seit die Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt beschlossen, den erst vor einigen Monaten von Vorgänger Reiner Haseloff auf dem Weg der Erbfolge eingesetzten Landesvater Sven Schulze in den Ruhestand zu schicken, ist Land unter an der Elbe. Machtkämpfe zwischen den Parteien. Machtkämpfe in den Parteien. Gegenseitige Schuldzuweisungen. Brustrommelnde Erklärungen, man mache jetzt "Opposition".

Der Wahlsieger Ulrich Siegmund spekuliert seit dem Abend des Wahltages auf eine Mehrheit im Landtag bei seiner Wahl zum Ministerpräsidenten, obwohl er rechnerisch keine hat. Wahlverlierer Schulze setzt darauf, ohne Inthronisierung eines Nachfolgers unbegrenzt lange weiter amtierend im Amt bleiben zu können. Die zu einer Splittergruppe geschrumpfte SPD versuchte, mit Linkspartei, BSW, CDU und Grünen eine Koalition der Verlierer zu bilden.

Einhellige Ablehnung 

Die CDU sagte ab, einhellig in der Ablehnung eines Überschreitens der Brandmauer nach links, nachdem ihr vorgeworfen worden war, sie habe bei der Wahl des Landtagspräsidenten Tobias Rausch schon die Brandmauer nach rechts niedergerissen. Die Volksfrontregierung kam nicht zustande. Die Gesamtsituation ist seitdem vertrackt.

Keiner kann mit niemandem zusammen, fast alle aber wollen vor allem Neuwahlen vermeiden. Zwar war eine Umfrage frei erfunden, die der AfD sechs Wochen nach der Landtagswahl 47 Prozent der Stimmen zusprach. Die Angst aller anderen im Parlament vertretenen Parteien aber, dass an den Fieberfantasien von Prognos-Umfragen womöglich doch etwas dran sein könnte, mäßig das Interesse, es darauf ankommen zu lassen.

Sehenden Auges ins Desaster 

Sehenden Auges marschieren sämtliche Truppen in ein Desaster, die in zwei leidenschaftlich verfeindete Lager gespaltene CDU vornweg. Nach den Attacken auf die Integrität der Abgeordneten, denen vorgeworfen wird, Tobias Rausch mitgewählt zu haben, schlossen die beiden Rivalen Sven Schulze und Sepp Müller zumindest einen Kompromiss. 

Bei der im September anstehenden Wahl des Ministerpräsidenten würde die Unionsabgeordneten den Plenarsaal noch vor dem Wahlakt verlassen. Aus Gründen des Selbstschutzes: Wer nicht teilnimmt am Festakt der Demokratie, dem kann im Nachhinein kaum unterstellt werden, er habe den Feind von Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit in den Sattel gehoben.

An der Grenze der Freiheit des Mandats 

Ein taktischer Kniff, der den Begriff der Freiheit des Mandats bis an die äußerste Grenze dehnt. Natürlich hat die Fraktion intern darüber abgestimmt, ob so verfahren werden soll. Natürlich gab es eine satte Mehrheit aller Stimmen der Anwesenden für den gemeinsamen Vorschlag der erbitterten Gegner Schulze und Müller. Aber natürlich kam die nur zustande, weil jeder Parlamentarier, der dagegengestimmt hätte, sofort unter Verdacht geraten wäre, gemeinsame Sache mit der einer Abteilung im Ministerium für Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt als "gesichert rechtsextremistisch" geführten Siegmund-Partei zu machen.

Einer, der sich bei der Abstimmung in der Fraktion enthalten hatte, bekommt das gerade zu spüren. Nachdem der ehemalige CDU-Fraktionschef Guido Heuer öffentlich erklärt hat, er werde bei der Wahl des Ministerpräsidenten nicht wie der Rest seiner Fraktionskollegen eilig ins Foyer flüchten, gilt der 60-jährige Magdeburger - immer schon Kandidat im Wahlkreis Wanzleben - als Verräter an der gemeinsamen Sache.

Der Verräter aus Wanzleben 

 Heuer, zu DDR-Zeiten Offizier auf Zeit bei der Nationalen Volksarmee und nach der deutschen Einheit Vertriebler eines Verpackungsmittelherstellers und Niederlassungskleider bei einem Fliesenhändler, wird unterstellt, er wolle sich nur rächen. Grund genug hätte er, denn Wahlverlierer Seven Schulze hatte ihn im Klingbeil-Stil nur Stunden nach seiner Abwahl mit seiner eigenen als entscheidender Stimme als Fraktionschef im Landtag abgelöst.

Schlimmer aber als dieser  Vorwurf wiegt der, mit seiner demonstrativen Teilnahme an einem Wahlakt, zu dem es aus Unionssicht nie hätte kommen dürfen, eine Brücke zur AfD bauen zu wollen. Länger schon streuen Politiker der Linkspartei, von Grünen, SPD und AfD gezielt Gerüchte, Teile der CDU hätten die demokratische Mitte längst verlassen. Diese abtrünnigen Kreise in der Union wollten das "Soziale mit dem Nationalen versöhnen" und sie warteten nur noch auf den richtigen Moment, der freiheitlich-demokratischen Ordnung das Messer in den Rücken zu stoßen.

Seit der Fotoaffäre unter Überläuferverdacht 

Guido Heuer, ein weißhaariger Onkeltyp mit der Physiognomie des Schauspielers Jörg Schüttauf, steht schon seit der sogenannten Fotoaffäre unter verschärftem Überläuferverdacht. Im Sommer wurde der gelernte Betriebswirt fotografiert, als er seinen AfD-Fraktionschefkollegen Siegmund lächelnd herzte und unbefangen mit ihm scherzte. Der "Spiegel" sah darin "einen Glücksfall für die AfD", weil die Auskenner in Hamburg auch im Juni noch davon ausgingen, dass das Wahlvolk in Ostdeutschland nur Kandidaten wählt, die von einem Christdemokraten die Freigabe bekommen haben.

Heuer ist das ideale Ungeheuer, um die freie und geheime Wahl infragezustellen, ohne die keinem Abgeordneten die Ausübung des Mandats möglich ist. Der von Medien immer wieder beschworene  "Fraktionszwang", den es nach Aussagen des früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU) trotz vielverbreiteter Falschangaben nie gegeben hat, er findet in Beschimpfungen von Heuer als "CDU-Systemsprenger von Magdeburg" (Stern) eine erstickende Steigerung. 

Topedo für den "Anti-Siegmund-Plan" 

Die freie Wahl gilt auf einmal als radiakal. Da "torpediert" einer den "Anti-Siegmund-Plan" seiner Partei, obwohl der doch mit der Berliner Parteispitze abgesprochen ist. Da beharrt einer darauf, dass das Wahlgeheimnis wichtiger sei als eine Kollektivdemonstration durch die Verweigerung der Arbeit, die zu erledigen Wählerinnen und Wähler Abgeordnete überhaupt nur in Parlamente schicken. 

In Ablehnung des Magdeburger Modells einer von der Parteispitze minutiös gesteuerten begrenzten Unabhängigkeit des Mandats hat der Abweichler sogar verkündet, er werde auch nach der Wahl nicht bekanntgeben, wie er abstimmt habe. Das Wahlgeheimnis erlaube ihm das, empören sich Beobachter über einen Brauch, der in Deutschland seit 123 Jahren gepflegt wird. Nicht aus Spa,sondern  um .Wähler vor Druck, Einschüchterung und Stimmenkauf zu schützen. 

Ohne Wahlgeheimnis ist keine freie Wahlentscheidung möglich. Demonstrativhandlungen, wie sie von der CDU geplant werden, um die der CDU Diskussionen in der Öffentlichkeit darüber zu ersparen, ob  ihre Mandatsträger einen AfD-Kandidaten unterstützen, zerstören das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Abgeordneten.

"Abweichler" sollen "Farbe bekennen" 

Dass Heuer "seinen Wählern eine Antwort" über seine Wahlentscheidung schulde, wie es heißt, oder "Abweichler Farbe bekennen" müssen, wie die Berliner Internetzeitung Taz behauptet, legt die Axt an die Wurzel der Demokratie. Abgeordnete sind zwar Vertreterinnen und Vertreter des ganzen Volkes. Doch sie sind weder an Aufträge noch an Weisungen gebunden. Nicht an die der Menschen in ihrem Landkreis, nicht an die der eigenen Partei. Sie sind nur ihrem Gewissen unterworfen. 

Das Ideal der Kritiker, die Guido Heuer bezichtigen, er "widersetze sich der Fraktionslinie", ist der gläserne Abgeordnete, ein Befehlsempfänger von Parteizentralen, der bei Widerstreben diszipliniert und auf Linie gebracht wird. Während die SPD und die Grünen in Berlin auf eine Partnerschaft mit einer völlig irrationalen, antisemitischen und mit dem kriminellen Clanmilieu verbandelten Linkspartei ansteuern, teufelt die Parteipresse auf den einzige CDU-Mann ein, der an der Ministerpräsidentenwahl im Dezember teilnehmen will. 

Helfer der Faschisten 

Guido Heuer hintergehe damit "den Anti-AfD-Plan seiner Parteispitze", schwurbelt ein von einem SS-Mann gegründetes Magazin. Er verhelfe "Faschisten zur Machtübernahme" und habe nicht das "Rückgrat", die in der Landesverfassung Sachsen-Anhalt verankerte Regel, dass  über Personalentscheidungen generell geheim abgestimmt wird,  zu ignorieren und seine Wahlentscheidung öffentlich zu machen.

Die Debatte über den Einzelgänger überstrahlt alles. Heuers Ankündigung, trotz Fraktionsentscheidung zu tun, was er glaubt, tun zu müssen, verstellt sogar den Blick auf die überaus prekäre Gesamtsituation des nach 36 Jahren wechselweise von CDU, SPD, FDP, Grüner und Linken regierten ärmsten Bundeslandes. Ulrich Siegmund wird eigenen Ankündigungen nur im ersten Wahlgang antreten. Im zweiten würde dann ein anderer Kandidat scheitern.

Das Comebvack von "Svenman" Schulze 

Im dritten aber, wenn nur noch die einfache Mehrheit benötigt wird und auch die Boykotttruppe von der CDU mitmachen will, könnte irgendjemand gewählt werden - vielleicht sogar der bei der Wahl im September so hart abgestrafte Wahlverlierer Schulze. Der Mann aus der Börde, der seine Partei mit einer engagierten Wahlkampfsimulation zum schlechtesten Ergebnis aller Zeiten geführt hatte, hätte dann doch den "Regierungsauftrag", die AfD von der Staatskanzlei aus kleinzuhalten. Beim letzten Versuch endete das mit einem Zustimmungsrutsch von 37,1 Prozent der Stimmen auf 17,2 Prozent.

Diesmal allerdings würde dem "Svenman" nicht nur das Format fehlen, den Landesvater glaubhaft zu spielen, sondern auch eine Mehrheit im Parlament, um eigene Gesetze wie etwa den Landeshaushalt durchzubringen. Sven Schulze hätte erfolgreich eine Machtübernahme der Faschisten verhindert. Wäre aber als Regierungschef nicht nur an SPD, Grüne und BSW gefesselt, sondern wie seine Parteikollegen in Thüringen und Sachsen auch an die Linkspartei. 

Vier Jahre als Chef einer solchen Gemüsekistenkoalition mit Klimaträumern, Antisemiten, Sozialstaatsfetischisten und Friedensromantikern, die ihren SPD-Genossen Armin Willingmann schon bei der Wahl zu Vizepräsidenten des Landtages hatten durchfallen lassen, würden der AfD wahrscheinlich in vier Jahren zur absoluten Mehrheit verhelfen.

Freitag, 23. Oktober 2026

Die Trump-Dämmerung: Höchststrafe Nichtachtung

Der Golfspieler Trump wird neuerdings kaum mher beachtet.

Er ist aussortiert worden, weggestrichen aus den Nachrichtensendungen, kein Thema mehr für die Aufregungsökonomie. Eine ganze Branche aus Experten, Analysten, Buchautoren und Enthüllungsdokumentaristen, die ihr Auskommen mit und durch ihn gefristet hatte, steht vor einer ungewissen Zukunft.  

Ohne Donald Trump fehlt Millionen Menschen etwas. Kein morgendliches "Trump hat gesagt" mehr, sobald Radio oder Fernsehen eingeschaltet werden. Kein "Faktenchecker haben nachgewiesen" in der örtlichen Tageszeitung. Ein Loch in zahllosen Leben von Menschen, die die tägliche Trump-Dusche passiv genossen hatten. Ein neues Leben aber für die, die sich an Trump aktiv abarbeiten. Ihnen ist ihr Ein und Alles genommen, der Lebensinhalt und Lebenssinn.

Der sogenannte "Decline of Importance", mit dem der US-Präsident weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwand, war kein Selbstläufer. Statistische Verlaufsdaten aus dem Internet zeigen, dass Donald Trump über Jahre hinweg eine überaus verlässliche Zielscheibe für Kritik, Beschimpfungen und ausufernde Bedrohungsszenarien war. 

Im Auftrag Russlands 

Dem heute 80-Jährigen wurde bereits in seiner ersten Amtszeit unterstellt, das Präsidentenamt mit Hilfe und im Auftrag Russlands übernommen zu haben. Er war demnach angetreten, die Vereinigten Staaten in eine Diktatur zu verwandeln, die bürgerlichen Freiheitsrechte abzuschaffen, Lesben, Schwule und Ausländer (2020 gab es noch keine queeren Menschen) einzusperren und zu unterdrücken und den Klimawandel zu leugnen. Der "Irre" (Frankfurter Rundschau) oder aber auch "Wahnsinnige" (Spiegel) "war für viele junge Frauen traumatisierend", wie die Süddeutsche Zeitung herausfand.

Als er zum zweiten Mal kandidierte, verdankte er das auch diesen traumatisierten Mädchen. Immer noch hatten sie mehrheitlich für die Europas Kandidatin Kamala Harris votiert. Die Jungen, die Latinos und Frauen aber, die nach vier Jahren Dauerfeuer auf den Präsidenten umgefallen waren, gaben den Ausschlag. 

So tief der Schock auch saß, so glücklich waren die unzähligen Mitarbeiter der Trump-Ressorts bei "Spiegel", Taz, Frankfurter Rundschau, Merkur, "Stern" und bei den großen Gemeinsinnsendern. Ein Aufatmen war zu hören, als fest stand, dass der alte Feind weitermachen und der Welt noch einmal vier Jahre mit der "größten Polit-Oper ein billiges Schmierentheater" (Die Welt) liefern würde.

Der "verrückte Faschist" als beliebter Popanz 

Sie waren gewappnet, sie waren aufmunitioniert und kampfbereit in den Schreibmaschinengewehrstellungen bei der "Zeit", bei DPA, in der Meisterwerkstatt für Mediale Manipulation (MMM) in Mainz. Auch sonst überall, wo der "verrückte Faschist", "Staatsfeind", "Frauenfeind", "verurteilte Straftäter" und "Rassist" als Popanz benutzt werden konnte, um die selbstgemachte Misere eines Industriestaats im Niedergang zu externalisieren. 

Der große Krieg gegen Trump er war auch großes Ablenkungskino. Die Führer der Sowjetunion und der DDR hatten für das Elend ihrer kommunistischen Planwirtschaft immer den Westen verantwortlich gemacht. Der war schuld daran, dass ihre nachgewiesenermaßen weit fortschrittlicheren Systeme je mehr Armut und Rückstand produzierten, je weiter sich der Sozialismus entwickelte. In Kuba gilt die US-Blockade bis heute als sehr gute Begründung für ein Ausmaß an Mangelwirtschaft, Armut und Unterversorgung, das so hoch ist, dass das Politbüro der herrschenden kommunistischen Partei sämtliche Wirtschaftsdaten streng geheim hält.

Der gute Feind als bester Freund 

Wenn es daheim schlecht läuft, ist ein guter Feind dein bester Freund, sagt ein altes sorbisches Sprichwort. Je mehr eine Gesellschaft ihren inneren Halt verliert, desto größer ist ihre Sehnsucht nach äußerem Druck. Nur der hilft ihr, sich zu erinnern, wer sie ist. Der "Klassenfeind", die "Bonner Ultras", der "Kriegstreiber", der Hetzer  - Trump spielte alle Rollen und er spielte sie bewundernswerterweise gleichzeitig. Doch so sehr auch ganze Armeen von Schreibtischtätern gegen ihn anschrieben. 

Die Ergebnisse waren ernüchternd, die Bilanz nach zehn Jahren Antitrumpkampf traurig. Der Ruf des 47. Präsidenten beim deutschen Publikum ist zwar ruiniert. Ein Großteil der Deutschen hält ihn inzwischen für den weitaus schlimmeren Hitler. Dennoch waren bei den "Organen der Niedertracht" (Max Goldt) die meisten Opfer zu beklagen.

Abarbeiten am Klassenfeind  

Deutschlands beste Propagandisten hatten sich an dem New Yorker abgearbeitet bis zur Erschöpfung. Bei Klaus Brinkbäumers "Spiegel" schnitt Trump der Freiheit den Kopf ab. Großdichter wie Karl Doemens, Jakob Augstein, Georg Restle und Stefan Kornelius entwickelten ein eigenes Trump-Genre, das anprangerte, wie der US-Präsident den Prozess der "Refeudalisierung, der Aushöhlung zivilgesellschaftlicher Errungenschaften, der kulturellen Rückständigkeit im Hintergrund" ablaufen ließ. 

Das alles nützte nichts. Selbst in den Tagen des großen Zollkrieges, als die Angstmaschinen in Hamburg, Berlin und München auf Hochtouren liefen und die Hassprediger des eingeschworenen Antiamerikanismus sich gegenseitig zu Höchstleistungen der Pöbel-Publizistik anfeuerten, entpuppten sich die schweren Geschütze Europas als Konfettikanonen. Alle waren sie mit nassen Schnipseln geladen. 

Die 15 Minuten des Bernd Lange 

Bernd Lange, der etwa 15 Minuten lang der Anführer der EU bei einem Aufstand, der dann nie stattfand, verschwand über Nacht aus den Schlagzeilen. Sowohl der deutsche Kanzler als auch die EU-Kommissionspräsidentin, die so viel lieber deutscher Kanzler geworden wäre, warfen sich in Washington stumm in den Staub. Die Medien daheim lobten, dass sie es so tatsächlich geschafft hätten, nicht vor aller Augen zusammengefaltet und jenseits der Hosennaht glattgebügelt zu werden.

Es war bald nach diesen Begegnungen auf Augenhöhe von Europas Pupillen und Trumps Hühneraugen, als sich langsame, wie tektonische Verschiebungen in der Tonalität des Umgangs europäischer Politiker und deutscher Medien mit dem Präsidenten zeigten. 

Das Ende einer aufgeregten Ära 

Wie mit einem Schieberegler abgewürgt, endete eine Ära, in der jeder Satz des Präsidenten Myriaden von erregten Schlagzeilen produziert. Seit Anfang 2025 hat sich die Aufmerksamkeit, die deutsche Medienhäuser Donald Trump widmen, um zwei Drittel reduziert. Verglichen mit dem Niveau des Interesses rund um seine Wiederwahl liegt der Rückgang bei drei Vierteln. Gemessen am Peak Trump, der in Deutschland rundum den Sturm auf das Capitol in Washington erreicht worden war, beträgt er sogar vier Fünftel.

Der flammende Hass auf Donald Trump, ein Jahrzehnt lang das Lebenselixier einer Branche, für die ihre Zeit als Personenschutz von Barack Obama und Angela Merkel die schönste ihres Lebens war, ist herabgedimmt. Nur ein kümmerliches Flackern ist übrig von den lodernden Flammen, die Trump ausbrennen sollten. Statt hysterisch jede Äußerung des Präsidenten auf dessen eigenen Netzwerk Truth Social zur Ursache allen Unbills auf der Welt zu erklären, werden die Posts aus dem Weißen Haus nur noch achselzuckend zur Kenntnis genommen. 

Wo bleibt der Atomkrieg 

Das Interesse an Trump flaut ab.
Hat er wieder den Selenskyj beschimpft. Hat er wieder mit Frieden gedroht. Hat er sich lustig über Europa gemacht. Petitessen. Ja, der alte Mann in Washington ist vieles schuldig geblieben was seine Kritiker einst aus seinen Ankündigungen und Aktionen herauslesen konnten. Keine Gerüchte mehr über eine angestrebte dritte Amtszeit. Keine Hinweise darauf, dass er demnächst ein Atomkrieg wird ausbrechen lassen.

Auch die vom früheren Nachrichtenmagazin "Spiegel" geäußerte Vermutung, Trump plane, die gesamte Erde auffressen, nachdem er sich mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un zur Vernichtung der Menschheit verbündet habe, stellte sich als Fantasiegebilde heraus. All die Erfindungen haben großen Schaden angerichtet und viel zerstört. Weil alles, was jemals über Trumps Absichten behauptet wurde, viel schlimmer war als das, was der Egomane wirklich tut, scheint Trump nur noch wie eine unangenehme, aber vorübergehende Störung im Kontinuum. 

Zehn Jahre als Gottseibeiuns 

An die Stelle der Verteufelung trat nach zehn Jahren, in denen Trump den Gottseibeiuns seiner Generation spielen durfte, eine unübersehbare Verharmlosung: Der "Faschist" (Spiegel), der aus den Vereinigten Staaten ein neues Hitlerreich machen wollte, mutierte gar zum radikalen Christen. 

Das Übelste, was sich noch über den Mann sagen ließ, der sich nicht wie erwartet mit lauter gewalttätigen Rassisten und extrem extremistischen Faschisten umgeben hatte, war sein schlechter Umgang. Sein Umfeld bestehe aus strenggläubigen christlichen Glaubensbrüdern, hieß es anklagend. Lauter Männer, für die - bei allem, was rechts ist - der Papst in Rom noch immer die höchste Autorität auf Erden darstellt.

Nachschub an Nichtigkeiten 

Niemand, der all den Gerüchten bis dahin zumindest zeitweise vertraut hatte, ist inzwischen noch bereit, Nachschub an Nichtigkeiten für bare Münze zu nehmen. Denjenigen, die geschäftsmäßig mit der Herstellung solcher Vorwürfe beschäftigt sind, fällt auch nichts mehr ein. Frauenhass. Pädophilie. Die Freundschaft zu Milliardären. Die Feindschaft mit Billionären. Kriegstreiberei. Friedensdrohungen. Alles war schon. Alles war vergebens. 

Tief sitzt in den großen Redaktionsstuben die Enttäuschung über die Erkenntnis, dass man Trump mittlerweile wissenschaftlich korrekt nachweisen könnte, dass er in Wirklichkeit ein Echsenmensch ist, der wiedergeborene Stalin oder Hitler selbst. Und er würde doch Recht behalten mit seiner großspurigen These, dass in aller Öffentlichkeit jemanden erschießen könne und die Leute ihm auch das verzeihen würden.

Bestraft mit Nichtachtung 

In jüngster Zeit wurde Trump deshalb nach Möglichkeit mit Nichtachtung gestraft. Nicht mehr über jedes Stöckchen hüpfen. Lieber die Regler hochgeziehen, über die die eigene Bedeutung erhöht wird. Europa, ein in allen technischen Belangen zu spät gekommener Kontinent, brüstet sich plötzlich mit brusttrommelnder Entschlossenheit. 

Eine Weltmacht der künstlichen Intelligenz werde man sein. Das Weltall samt Sonne, Mond und Sternen erobern. Auch sich selber verteidigen werde man eines Tages können, heißt es in Brüssel, wo heute schon mehr Spezialkommissionen zur Verteidigung tagen als die Bundeswehr einsatzbereite Kompanien zählt.

Geschwätz statt Geschütze 

Das Geschwätz von gestern muss die Geschütze von morgen ersetzen, bis Donald Trump gescheitert sein wird mit seinen frivolen Friedensbemühungen. Um dafür zu sorgen, heißt es standhaft bleiben. Schuld am Krieg ist der, der ihn beenden will. Frieden kann nur kommen, wenn weitergekämpft wird, weiter und immer weiter. "Eine Kapitulation der Ukraine kommt nicht infrage", hat Friedrich Merz ein für allemal alle Spekulationen darüber beendet, dass Europa in seinen Anstrengungen nachlassen könnte, die Kriegsanstrengungen der Ukraine zu unterstützen.

Ja, Bulgarien, Ungarn, die Slowakei und Tschechien wollen nicht mehr zahlen, Ja, Marine Le Pen wird das nach ihrem möglichen Wahlsieg im nächsten Jahr nutzen, um auch Frankreich aus der finanziellen Verantwortung zu lösen. Deutschland wird bis 2029 allein weitermachen. Dann kommt bekanntlich der Russe und er wird damit vermutlich genau in den Wahlkampf hineinplatzen. 

Wie auch immer die Abstimmung dann ausgeht, per Ukas aus dem Kreml wird anschließend eine Koalition der vier russlandfreundlichen Parteien SPD, Linke, BSW und AfD gegründet werden. Sobald das BSW seine Parteifarbe in Weiß geändert hat, kann dem offiziellen Zusammenschluss zur neuen Großpartei Einiges Russland dann auch mit Weiß-Blau-Rot geworben werden. Wagenknecht Kanzlerin. Schwesig und Weidel Vize. Ein Traumtrio.

Donnerstag, 22. Oktober 2026

Heil im Siegerkranz: Neue Männer braucht das Land

Der junge Maler Kümram hat Hubertus Heil im zurückhaltenden Stil des großen Arbeiterporträtisten Hyacinthe Rigaud gemalt.

Es sind schwere Zeiten in Berlin, Zeiten der Unruhe, Zeiten der Ungewissheit. Es ist ein Kommen und Gehen auf allen Bühnen. Hier der Kanzler, der wie jedes Jahr um diese Zeit, wenn sich die ersten schweren Nebel senken, Investitionsabsichten in Milliardenhöhe verkündet. Dort die Unternehmen, die bekanntgeben, welche Milliarden sie lieber doch ins Ausland umlenken wollen, welche Löhne und Gehälter eingefroren werden und wie viele Mitarbeiter im nächsten Schwung ihren Job verlieren.

Die letzte Runde 

Der letzte Mann im SPD-Vorstand dreht in diesen Tagen vielleicht schon seine letzte Runde. Nach dem plötzlichen Abgang von Bärbel Bas, einer "sensiblen, ehrlichen und kompetenten Ministerin" (Karl Lauterbach), die nur eben nie etwas zustandebrachte, ist Lars Kleinbeil allein geblieben mit der Last, die ehemalige Volkspartei zu führen. Äußerlich bewegt vom Verlust der Genossin, innerlich aber ganz auf seine Aufgaben bedacht, versuchte der Parteichef den Seinen und dem Land den Eindruck von Stabilität zu vermitteln.

Dringend notwendig ist das, denn die einstige Arbeiterpartei steckt nicht nur bei Wahlen in einer Spirale zunehmender Niedergangsdynamik. Auch die Statistik der Besetzung ihrer Spitzenämter deutet auf einen fortschreitenden Zerfallsprozess. Bis 1993 hielten sich SPD-Vorsitzende in der Regel fast neun Jahre in ihrem Amt. In der Ära Schröder, als die älteste deutsche Partei die Republik in eine neue, neoliberale Zeit führte, waren es noch zweieinhalb Jahre, die in Krisenjahren der Großen Koalition mit der Union auf zwei Jahre schrumpften. 

Ein ansteigender Vorsitzendenverschleiss 

Erst mit dem 2019 eingeführten Doppelspitzenkonzept stieg die Standzeit von SPD-Chefs wieder auf 3,5 Jahre - doch es waren nun immer zwei. Und so verschliss die Partei in den sechs Jahren seitdem fünf offizielle Anführer, die Übergangsvorsitzenden Malu Dreyer, Thorsten Schäfer-Gümbel und Dietmar Woidke nicht eingerechnet.

Klingbeil ist gekommen, um zu bleiben. Auch nach dem Dezember, wenn seinem Beschluss zufolge die gesamte Parteispitze neu gewählt wird. Dass der 48-jährige Vizekanzler dann wieder antritt, gilt als ausgemacht. Dass er gewählt wird, keineswegs: Heute schon zeigt Klingbeil in seiner Nebenfunktion als Finanzminister der drittgrößten Wirtschaftsnation Nervosität.

Der Minister suspendiert ein Gesetz 

Irrtümlich führte er die für den 1. Januar beschlossene höhere Tabaksteuer jetzt "unverzüglich, sofort" (Günter Schabowski) ein. Und brachte die Bundeszollverwaltung in einen Rechtskonflikt: Entweder, sie lässt die Produktion in den letzten deutschen Zigarettenfabriken illegal weiterlaufen, obwohl sie das laut geltendem Gesetz nicht tun dürfe, weil es an gültigen Steuerbanderolen fehlt. Oder sie schreitet ein und setzt ein Gesetz durch, das nach Ministeriumsangaben "ein technischer Fehler" gewesen ist.

Klingbeil hat den schnell und entschlossen ausgemerzt, wie es ein Vorgänger Franz Müntefering genannt hätte. Bei Dienstanweisung an die Zollverwaltung wurde das vom Bundestag beschlossene Gesetz kurzerhand außer Kraft gesetzt. Seit Boris Pistorius  im April sein nagelneues Wehrdienst-Modernisierungsgesetz (WDModG,  21/1853, 21/2581) per "Kommando zurück"-Befehl begradigte, ohne vorher umständlich beim Gesetzgeber nachzufragen, gilt ein Ministerwort im politischen Berlin als höherwertig als jeder Bundestagsbeschluss. 

Das Gesicht einer Generation 

Doch werden es die Genossen dem Mann danken, der wie kein anderer für die aktuelle Generation führender Genossinnen und Genossen steht? In der Beliebtheit bei den Wählerinnen und Wählern liegt Klingbeil abgeschlagen auf Platz 18, noch hinter oft als Extremist*innen beschriebenen Akteuren wie Alice Weidel, Heidi Reichinnek und Sahra Wagenknecht und Tino Chrupalla. Knapp nur behauptet er den Platz vor seinem Kanzler und vor dessen Wirtschaftsministerin.

Für jemanden wie ihn, der in besseren Zeiten nur etwas mehr als 60 Prozent der Parteibasis überzeugen konnte, ihn zu Vorsitzenden zu wählen, sind das alarmierende Werte. Lars Klingbeil konnte sie bisher abtun, denn von unten kam nichts nach.

In der personell ausgezehrten SPD musste der Niedersache nur zwei Konkurrenten fürchten: Den undurchschaubaren Verteidigungsminister, der beliebt ist, obwohl oder weil niemand weiß, was er überhaupt denkt, meint oder tun würde. Und die mecklenburgische Landesvorsitzende Manuela Schwesig, die zwar ihre Landtagswahlen verloren hat. Das aber auf eine Art tat, die in der SPD als Erdrutschsieg interpretiert wird.

Ein echtes Schwergewicht 

Mehr Anwärter*innen gab es nicht und diese beiden meldeten nur zaghaft Ansprüche an.  Das aber scheint sich jetzt zu ändern: Mit Hubertus Heil läuft sich ein echtes Schwergewicht warm zum Angriff aufs Willy-Brandt-Haus. Der frühere Arbeitsminister, für einen Chefposten bei der Bildung der rot-schwarzen Koalition nicht mehr berücksichtigt, weil sein Ministerium für Bärbel Bas benötigt wurde, arbeitet schon länger an seinem Comeback. 

Nach der Backpfeife, die ihm seine Genossen im Frühjahr 2025 verpasst hatten, war er untergetaucht. Enttäuscht und empört offenbar, weil ihm nach mehr als einem Vierteljahrhundert im Bundestag nicht einmal ein Posten als Ausschussvorsitzender im Parlament besorgt worden war, wie in andere wie selbstverständlich bekommen hatten. In Erwartung der Enttäuschungen, die auf seine Partei zukamen, schrieb er dann aber einen Bewerbungsbrief: Die üblichen 300 Seiten knallharter Meinungsanalyse samt Kampfaufruf, aus seiner Feder mit dem Titel "Der Angriff der Autokraten: Die Verteidigung der Demokratie gegen innere und äußere Gegner" versehen. 

Paradebeispiel für einen Parteisoldaten

Seitdem wird Heil als das Paradebeispiel für einen geschickten Taktiker und klugen Strategen gehandelt, der sich große Hoffnungen machen kann, seiner Partei als derjenige zu erscheinen, der die Zeit des Leids beendete und aus dem Niedergang einen neuen Aufschwung macht. Wer, wenn nicht er? Schröder ist acht und Bann. Sigmar Gabriel hat sich Schröderianer herausgestellt. Philipp Türmer als Jakobit, der die zahme SPD am liebsten in eine zweite Linkspartei verwandeln möchte, nur rabiater.

Heil trauen sie zu, die Partei zu heilen. Den Berliner Flügel soll er mit den Realos versöhnen. Die Verlustängste hinwegfegen. Und eine neue Ära einleiten, die das Soziale mit dem Nationalen, aber auch mit dem Internationalistischen vereint. Genug Erfahrung bringt der Hildesheimer mit. 38 Jahre ist er in der Partei, 28 Jahre hat Heil im Bundestag verbracht, sieben Jahre lang hat ein Ministerium geführt, zweimal war er schon SPD-Generalsekretär.

"Ich kann es nicht ausschließen", sagt er selbst zu seinen Ambitionen, mit 53 noch einmal an- und einzugreifen. Es komme auf die Richtung an und auf das Team. Der Satz klingt bescheiden. Meint aber: Wer ihn will, muss auch nehmen, wen er an seine Seite wünscht.

Die Dauerrivalen aus Niedersachsen 

Die Klingbeilians, die ihn beiseitegeschoben haben, werden nicht unter den Neuen sein. Heil gilt als  Dauerrivale des anderen Niedersachsen, der derzeit als Vorsitzender und Finanzminister amtiert. Beide entstammen sie dem Apparat, beide haben als Teenager schon beschlossen, die Kaderleiter emporzuklettern. 

Wie sein Rivale hat auch Hubertus Heil den Apparat nie verlassen. Der Sohn einer Studienrätin trat mit 16 Jahren in die SPD ein, da war er noch Schüler. Wie es guter Brauch und Sitte ist in der SPD, die ihren Nachwuchs nicht mehr vor den Fabriktoren sucht, sondern unter den Hiwis in den Abgehobenenbüros, diente sich der studierte Politikwissenschaftler nach oben.

Heil war Juso, dann Bezirksvorsitzender in Braunschweig, Mitarbeiter bei Landtags- und Bundestagsabgeordneten und er absolvierte alle vorgeschriebenen Ausbildungsschritte in den verschwiegenen Kaderschmieden der Partei. Seinen Abschluss machte er 2006 an der Fernuniversität Hagen – zu einem Zeitpunkt, als er bereits acht Jahre Abgeordneter war und als Generalsekretär eigentlich Wichtigeres zu tun hatte.

Niemals außerhalb der Partei 

Eine Tätigkeit außerhalb der Partei hat Hubertus Heil schon aus Zeitmangel nie aufnehmen können. Nicht einmal den kurzen Abstecher zu einer Gewerkschaft, den die SPD empfiehlt, damit ihre Kader das wahre Leben von "Pack" (Sigmar Gabriel) und "hart arbeitender Mitte,die den Laden am Laufen hält" (Klingbeil) richtig kennenlernen, konnte er absolvieren. So fehlt  es ihm heute weniger als vielen anderen aus der Riege prominenter Sozialdemokraten vor allem nicht keinerlei beruflicher Erfahrung jenseits des sozialdemokratischen Biotops - was ihn zu einem idealtypischen 23. SPD-Vorsitzenden seit 1949 machen würde.

Heil ist das reine Produkt seiner Partei, ein Destillat geradezu des Politbeamtentums. Dieser Mann hat Politik studiert, um Politik zu machen, und er macht Politik, um in der Politik zu bleiben und etwas zu werden. Mit der kalten Logik des Apparats praktizierte er als Minister die praktischen Rituale der großen Ankündigungen. Sein Ding waren großen Würfe: Deutsche Mindestlöhne für rumänische Bauarbeiter. Ein Lieferkettengesetz, das Unternehmen weltweit in die Pflicht nehmen sollte. Und die auf Anraten des Hausschamanen vorgenommene Vermeidung der Unglückszahl 13 im neuen Sozialgesetzbuch. 

Ehemals ein Außenpolitik-Visionär 

Einmal nur verkalkulierte sich der mit präsenter Wucht auftretende Mitautor des Standardwerkes "Sozialdemokratische Außenpolitik für das 21. Jahrhundert". Damals ignorierte er alle Ermahnungen, nie wieder über den "Pro-Kopf-Bonus" (SPD), "Energiegeld" (Grüne) oder "Klima-Dividende" (FDP) diskutierte und dann auf Vorschlag der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) unter dem Namen  "Klimageld" beerdigten Geldausgleich für von Bürgern erlittene Transformationskosten zu sprechen. 

Heil, der als lupenreiner Nomenklatura-Kader eine schwärmerische Beziehung zu all den ihm so fremden Armen, Arbeitslosen und Alleinerziehenden hegt, platze mitten in einer kurze Phase ohne internen Ampel-Ärger. Und forderte ein Klimageld, basta. Das müsse. Dass wir "dauerhafte und gezielte Entlastungen für alle mit geringen und mittleren Einkommen brauchen" sei seine  "feste Überzeugung".

In Kiew mit Splitterschutzweste und Sektglas 

All das folgte demselben Muster: große Geste, moralischer Anspruch, anschließendes Verschwinden in der Realität der Koalitionsarithmetik. Heil war ein Minister, der die richtigen Dinge sagte und die schwierigen Dinge liegen ließ. In Kiew posierte er zur richtigen Zeit in einer richtigen Splitterschutzweste und die Medienvertreter, die sich an seiner mit in die Gefahr begeben hatten, informierte er darüber, dass er als "administrativer Berater" in die Ukraine gekommen sei. Prösterchen drauf! 

Für so einen kommt die rechte Zeit für einen Auftritt, wenn der Saal sich halb gelehrt hat. Jetzt, nach den katastrophalen Wahlergebnissen, dem Abgang von Bas und strategischen Ratlosigkeit in der Partei,  sieht Heil seine Chance. Die SPD braucht jemanden, den noch jemand außerhalb der Partei kennt. Sie braucht jemanden, der administrative Erfahrung hat.

Sie braucht jemanden, der keinen eigenen Plan mitbringt, sondern den sozialen Zusammenhalt betont, die Koalition damit aber nicht gefährdet. Das klingt nach dem alten Heil: pragmatisch, anpassungsfähig, immer im Dienst der Organisation. Dass er nie etwas anderes war als Parteimann, ist sein großer Vorteil: Wer nie etwas anderes hatte als die Partei, für den ist die Partei alles.