Freitag, 7. Januar 2022

Wunderbarer Deutschlandtrend: Die Mehrheit ist immer dafür

Egal was beschlossen werden soll, nach den zahlen des ARD-Deutschlandtrend ist eine stabile Mehrheit der Bürger immer der Meinung, das sei gut so.

Es hätte auch anders kommen können, anders und viel, viel schlimmer. Zum Glück aber halten die Deutschen in der Krise mehrheitlich zusammen - und vor allem halten sie zu ihrer Regierung. Deren Maßnahmen werden nach den Daten des Meinungsmonitor "ARD-DeutschlandTrend" (Eigenschreibweise), die der Medienforscher Hans Achtelbuscher jetzt erstmals langfristig ausgewertet hat, jeweils begrüßt, unterstützt  und für richtig gehalten. Dabei ist die Zustimmung einer Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger offenbar vollkommen unabhängig davon, was genau beschlossen, wer es beschlossen und aus welchen Gründen es beschlossen wurde.

Zustimmung der meisten

Achtelbucher, der am An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung Phänomene wie das Themensterben in den deutschen Medien und den Einfluss subkutaner Wünsche auf die berichterstattete Realität erforscht, beschreibt die Datenlage "divers, aber beeindruckend". Der DeutschlandTrend zeige in der langen Linie, wie fest die Masse der Bevölkerung hinter ihren gewählten Vertretern stehe. So sei im Dezember eine Mehrheit der Deutschen der Ansicht gewesen, dass ein härterer Kurs in der Corona-Politik nötig sei. 60 Prozent der Befragten fanden, dass die kurz vor Weihnachten bestehenden Corona-Beschränkungen noch längst nicht weit genug gingen, sondern verschärft werden müssten. Das waren so viele wie noch nie seit Ausbruch der Pandemie. 

Zugleich fürchteten ebenfalls 60 Prozent der Bürgerinnen und Bürger, dass ein neuer Lockdown verhängt werden müsse, den sie dann allerdings ebenfalls für richtig und notwendig erachtet hätten, weil er angesichts der Infektionszahlen alternativlos ist. Das erreichte Impfziel der EU und das der neuen Bundesregierung, die erfolgreiche Boosterkampagne und die Rückstufung von nur zweimal geimpften in der Status "ungeimpft" werden ähnliche Mehrheiten befürworten, leitet Hans Achtelbuscher aus den historischen DeutschlandTrend-Zahlen ab. "Es gab in den zurückliegenden 24 Monaten keine Umfrage, in der nicht eine Mehrheit  der Befragten befunden hat, dass alle Maßnahmen genau zum richtigen Zeitpunkt, in der richtigen Angemessenheit und aufgrund der exakt zutreffenden Datenlage beschlossen wurden."

Ein weiteres Corona-Wunder

Beinahe gleicht es einem jener Corona-Wunder, die von Bremen über Spanien bis Brasilien Millionen begeisterten. Generell sind die Deutschen zufrieden mit ihrer Regierung und mit allem, was sie tut. Sie wünschen sich zwar ein Ende aller Beschränkungen und verringerte Isolations- und Quarantänezeiten von Infizierten und Kontaktpersonen, um die kritische Infrastruktur am Laufen zu halten. Damit bewerten die Bürger das, was sie vor einem Monat noch als zu sehr gut, aber zu lasch einschätzten, als zu hart genug, um Raum für Erleichterungen zu schaffen, damit Verschärfungen  wie 2G für Ungeboosterte wirksam greifen können. 

Gesundheitsminister Karl Lauterbach ist nach dem aktuellen Stimmungsbild der Bevölkerung der richtige Mann am richtigen Platz. Von der Talkshow-Couch startete der Mann, der die von der Mehrheit der Deutschen als genau richtig eingeschätzten Maßnahmen der früheren Bundesregierung stets als unzureichend kritisiert hatte, direkt durch zum Lieblingspolitiker des Landes. Lauterbach profitiert dabei deutlich davon, dass die Fallzahlen im Land sich seit der Vereidigung der neuen Regierung vervierfacht hat, während die Zahl der nach den bisher geltenden Maßstäben vollständig Geimpften kaum mehr ansteigt. Wie zuvor eine Mehrheit der Bürger gegen eine Impfpflicht war, weil die Politik beteuerte, es werde niemals eine Impfpflicht geben, ist inzwischen eine Mehrheit mit dem Ethikrat dafür, das Impfen verpflichtend zu machen.  

Oben und unten an einem Strang

Die Regierenden und die Regierten, sie ziehen an einem Strang, und das jeweils mit der genau abgemessen Kraft in die genau richtige Richtung. Nur so wurde möglich, was weltweit als das deutsche Wunder bestaunt wird: Immer zur rechten Zeit die korrekte Maßnahme gegen die Seuche, nicht so wie anderswo, etwa in den USA oder Brasilien, Russland oder Schweden. Und immer am günstigsten Punkt der Strategiewechsel: Deutschland wurde von einer Frau regiert, als Staaten, die von Frauen regiert wurden, noch am besten durch die Krise kamen. Nun, wo sich diese Erkenntnis als nicht ganz richtig herausgestellt hat, steht ein Mann an der Spitze. 

So war es bei den Masken, die nicht wirkten, dann doch, dann aber doch nicht und heute nur, wenn sie partikelfiltrierende Halbmasken sind, die eine offizielle CE-Kennzeichnung haben und in der NANDO-Datenbank der EU-Kommission nicht als gefährliche Volksmaskenimitation vermerkt sind. Und so war es auch bei den Impfungen, die mit dem zweiten absolvierten Piks als "vollständige Immunisierung" galten, nun aber nur noch unter "Grundimmunisierung" laufen, die schnellstmöglich aufgeboostert werden muss.

Geliebte Verschärfungen

Verschärfungen werden leider notwendig sein, um der schweren Welle, die auf uns zukommt, zu begegnen", hat Karl Lauterbach zur Freude einer Mehrheit der für den ARD-Deutschlandtrend befragten Bürgerinnen und Bürger bereits angekündigt. Die Sorge vor der neuen Omikron-Varianten des Corona-Virus, die meist mildere Verläufe zur Folge hat, treibt derzeit mehr als die Hälfte der Bevölkerung um, die Angst, sich selbst anzustecken, ist gesunken, die Zustimmung zur Arbeit des Gesundheitsministers mit den explodierenden Infektionszahlen gestiegen: Lauterbachs Arbeit wird von zwei Dritteln der Bürger positiv bewertet. 

Einen ähnlich hohen Zustimmungswert hatte vor einem Jahr auch dessen Vorgänger Jens Spahn", freut sich Hans Achtelbuscher über die Meinungsstabilität der Deutschen. Auch Neu-Kanzler Olaf Scholz liege heute gleichauf mit Vorgängerin Angela Merkel: Die wusste direkt nach ihrem Amtsantritt im Dezember 2005 rund 59 Prozent der Befragten hinter sich, Scholz kommt auf 60 Prozent. "Das deckt sich mit unserer Beobachtung, dass es nicht darauf ankommt, wer etwas tut, sondern wer wen fragt."

Führung ohne Ahnung: Das große Corona-Zahlenraten


Es ist Monat 22 mitten in der "größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg", als Janosch Dahmen mitten im Ersten deutschen Fernsehen das Unerhörte ausspricht. Man müsse jetzt "die Gesundheitsämter fit machen", sagt der Grünen-Politiker, denn die schafften es einfach nicht, realistische, verlässliche Zahlen über die Situation an der Infektionsfront im Land dorthin zu melden, wo das Lagebild für die Entscheidungsträger bei Bundes- und Landesregierungen erstellt werde. Deren ganzes Agieren ist ein Marsch durch dichten Nebel, im zweiten Jahr bereits. Was die deutsche Politik wissen muss, holt sie sich in der Regel von der Internetseite der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität. Auch das Robert-Koch-Institut liefert Zahlensalat, ebenso das Bundesgesundheitsministerium.

Die Strategie der Schätzwerte

Doch immer handelt es sich um "Schätzwerte", wie der neue Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach bemerkt hat. Das stimmt alles auf jeden Fall überhaupt nicht, ist aber in jedem Fall das, was da ist. Das "reichste Land der Welt" (ZDF) torkelt durch die Pandemie, als werde der Staat von "Corona-Leugnern" (DPA) geführt oder als läge niemandem etwas daran, genau zu wissen, was Sache ist, weil sich mit Ungewissheit  am besten Angst und mit Angst am besten Gehorsam erzeugen lässt.

Die Kraft reicht nicht, etwas zu ändern. Wie all die Jahre zwischen 2013, als  im Bundestag eines "Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz" mit verheerenden Ergebnissen vorgestellt wurde und anschließend nichts passierte, geschah auch nach dem Beginn dessen, was in der Risikoanalyse noch „Pandemie durch Virus Modi-SARS“ genannt worden war, kaum etwas. Die letzte Merkel-Regierung verwaltete die Ankunft des Erregers wie fünf Jahre zuvor die Ankunft einer Million Zuwanderer. Ein bisschen  Streit, ein bisschen Verwaltungskram, ein paar Termine mit der EU und die eine oder andere Symbolhandlung. Erledigt.

Wegdämmern der Dringlichkeit

Im Wegdämmern der Kanzlerin dämmerte auch jede Dringlichkeit hinfort, irgendetwas zu tun, um wenigstens zu wissen, womit man es zu tun hat. Als die "vierte Welle" (Lauterbach) begann, wussten deutsche Ämter und Behörden, dass sie wohl von der Omikron-Variante bestimmt sein würde. Wie aber, wie schnell, wo und wen, das blieb mangels flächendeckender Sequenzierungen ein Ratespiel.

Die Neuen in den Ministerien lernten als Erstes, wie einfach und bequem es ist, kein Ziel zu erreichen, sondern schlicht zu behaupten, man habe es erreicht. Mit großem Aplomb hatte Neukanzler Olaf Scholz noch vor seinem Amtsantritt 30 Millionen Impfungen bis Weihnachten versprochen. Selbst die Verlängerung des Zeitraumes auf bis Jahresende langte dann aber nicht, dieses Ziel zu erreichen oder auch nur in seine Nähe zu kommen. So behalf man sich mit ein paar Rechentricks, etwas Rückwirkung und der Solidarität der Medien - und verkündete einfach nach nicht einmal 21 Millionen Impfungen, man habe jetzt 30 Millionen geimpft.

Kollision der Zahlen

Dass das mit der Gesamtzahl kollidiert, die nun bei 80 Millionen stehen müsste, offiziell aber bei knapp über 71 Millionen stagniert, macht nichts, denn das will gar keiner bemerken. Ist doch gut, wenn niemand etwas wirklich genau weiß. Wie viele Geimpft und warum  nicht, wer auf den Intensivstationen liegt und wo deren Betten hinverschwunden sind - man bedient sich aus dem Zahlensalat, wo es passt. Wo es nicht passt, bleibt er unangerührt. Den Grundton aber liefert verlässlich die Klage, das alles müsse nun irgendwann viel digitaler, agiler und realistischer erfasst und verarbeitet werden. Und dazu müsse der Staat, wer denn sonst, endlich einmal auch personell mehr Ressourcen bekommen. 

Den Anfang hat die Ampel-Koalition gemacht. Sie leistet sich 17 Ministerien, ein neuer Rekord für Bundesregierungen. In den einzelnen Ressorts arbeiten 37 Staatssekretäre, ein weiterer Rekord. Seit 2019, dem letzten Jahr gewöhnlichen Politikvollzuges im Land, stieg die Zahl der Staatsbediensteten insgesamt von 4,88 Millionen auf 4,97 Millionen. Ein neuer Rekord auch hier, zumindest für dieses Jahrtausend, in dem der damalige Kanzler Gerhard Schröder das Land am Ende mit fast einer halben Millionen weniger Staatsbediensteten geführt hatte. Seit dem er Helmut Kohl abgelöst hat, beschäftigte der Staat nicht mehr so viele Menschen wie heute. Und der Sprung auf den neuen Höchststand gelang innerhalb von nur zehn Jahren: Seit 2010 wurde den Daten des Statistischen Bundesamts zufolge zu jeweils fünf existierenden Stellen eine neue geschaffen. 

Stärkung der politischen Verwaltung

Mit klarer Priorisierung: In der Kinderbetreuung kamen 11.000 Stellen hinzu, bei der Polizei etwa 7.000, in der Finanzverwaltung 2.500 und an den Schulen gut 6.000. Der Bereich politische Führung und die zentrale Verwaltung wurden derweil mit 20.000 Neueinstellungen deutlich gestärkt. Sicher auch, dass die Ampel hier weiter nachlegen wird. Der Kampf gegen rechts, die Netzwerküberwachung, schnellere Genehmigungen und flotte Digitalisierung, all das braucht zweifelsfrei größere Behörden mit mehr Mitarbeitern. Und genauso müssten die Pandemieverwaltungen gestärkt werden, das gehe ja so nicht weiter, mit den falschen Zahlen, Schätzwerten und Meldeverzögerungen. 

Dass solche Zweifel an der Verlässlichkeit amtlicher Corona-Zahlen und an der Zuverlässigkeit der Arbeit der Gesundheitsämter momentan nicht als Teil einer perfiden rechtsfaschistischen Staatsleugnungsstrategie gilt, sondern als kluge Mahnung, weist den Weg: Ins Nichts.

Donnerstag, 6. Januar 2022

Staatliche Fürsorgepflicht: Im bequemen Käfig der neuen Normalität

Die angebliche staatliche Fürsorgepflicht hat sich die neue Innenministerin Nancy Faeser persönlich ausgedacht.  

Während sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf eine "kleine Minderheit von radikalen, gewaltbereiten Impfgegnern und Verschwörungserzählern" konzentriert, die nach einer Analyse der "Tagesschau" "ähnlich wie Terroristen Angst und Schrecken verbreiten, von der Todesspritze reden und ihren Gewaltfantasien freien Lauf lassen", kämpft die neue Bundesregierung an allen Fronten an der Organisation der "neuen Normalität", die der damals noch als Finanzminister dienende Olaf Scholz Bürgerinnen und Bürgern im November 2020 versprochen hatte.  

Geplante Morde

Sachsen, Impfverbrecher und Spaziergänger sind dabei, "Morde zu planen" (Tagesschau), selbst in der Mitte von Berlin finden Fackelaufzüge mit NS-Symbolik statt und Omikron droht nun nicht mehr, die Intensivstationen lahmzulegen, dafür aber steht nun die kritische Infrastruktur auf dem Spiel. Ohne Impfpflicht geht es nicht, ohne Spaziergangsverbote, Hausarrest und die Beschränkung von Kontakten auf die für den normalen Talkshowbetrieb unerlässliche Zahl von zehn. Für überschüssiges Studiopersonal gilt hier die sogenannte Kinderregel, nach der Techniker wie Minderjährige bei einer Nachberechnung durch das Ordnungsamt unberücksichtigt bleiben.

Der Bundesbürger des Jahres 2022 ist auf Hilfe angewiesen, die Bundesbürgerin an seiner Seite, sie kann nicht sein ohne klare und deutliche Handlungsanweisungen ihrer Regierung. Im Land der Revolution mit der Bahnsteigkarte ist der Begriff "Eigenverantwortung" zur "Floskel des Jahres" erklärt worden - ein gemeinschaftsfeindliches Wort, das trotz seiner seit Jahren zunehmend abnehmenden Bedeutung wie böses Gift im Kollektiv wirkt. Eigenverantwortung, von der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) aus guten Gründen nie als offizieller Pandemiebegriff freigegeben, wirke "der Pandemie inkonsequent entgegen", so die Jury. 

Führungswille gegen Freiheitsillusion

Die Idee aber, für sich selbst am besten entscheiden zu können, ist eine Illusion, der nur mit ausgeprägtem Führungswillen begegnet werden kann. So wie Gesundheitsminister Karl Lauterbach davon träumt, Seuchenkontrollen endlich bis hinter die Wohnungstüren der Wählerinnen und Wähler durchführen zu können, feilt auch der Rest der Administration bis hin zur Außenstelle in Brüssel an einem immer feiner ausgestalteten Netzwerk von Regeln, Vorgaben und Anweisungen, die individuelle Entscheidungen einhegen, ihnen die richtige Richtung geben und ihren Ausgang perspektivisch alternativlos machen. 

In der Pandemie schreibt der Staat vor, wer sich mit wie vielen Menschen treffen darf, wem wo erlaubt ist, Einkäufe zu erledigen, wann der eigene Landkreis verlassen werden kann und wie viele Impfungen für jeweils wie lange den Aufstieg in eine andere Seuchenkategorie sichern. Ein Testlauf für den Klimakampf: Hier ist geplant, Hausbesitzern die Dicke ihrer Dämmplatten vorzugeben, Autofahrer durch fortlaufende Überwachung am zu schnell Fahren zu hindern und mit Hilfe erzieherischer Maßnahmen sicherzustellen, dass den Menschen umweltfeindliches Benehmen nach und nach ausgetrieben wird.

Ein Fundament für die Vormundschaft

Die neue Bundesinnenministerin Nancy Faeser hat sich jetzt als erste Verantwortungsträgerin die Mühe gemacht, dem im Entstehen begriffenen neuen vormundschaftlichen Staat ein Fundament zu geben. Getreu der bereits vor Jahren von der deutschen Sozialdemokratie aus dem Grundgesetz abgeleiteten Auftrag, dass Politik die Aufgabe habe, "das Zusammenleben in unserer Gesellschaft zu regeln", hat die 51-jährige Juristin aus dem Taunus sich eine "Fürsorgepflicht für die Menschen in unserem Land" ausgedacht, die in der Tradition des Ordnungs- und Schutzgedankens der grundherrlichen Verantwortung des Mittelalters steht. 

Damals war es Aufgabe des Lehnsherren, den Schutz seiner Untertanen sicherzustellen, die ihm dafür Treue und die Pflicht schuldeten, Abgaben zu leisten. Erst die Moderne weichte diese jahrhundertealte Tradition auf. Mit dem Jahr 1968 veränderten sich die Koordinaten, die Linke trommelte für Eigensinn und kollektiven Egoismus, der Liberalismus schlich sich mit seinem Versprechen einer grenzenlosen Freiheit durch Eigensinn in die Knochen der Gesellschaft, die irgendwann glaubte, wenn jeder an sich denke sei an alle gedacht.

Vorbei, vorüber. Die neue Fürsorgepflicht, die die Politik nun als Ausfluss einer freien Interpretation des Grundgesetzes und einer Übertragung der für Staatsangestellte geltenden Pflichten des Dienstherren für sich reklamiert, verwandelt Bürgerinnen und Bürger zurück in Mündel der gewählten Volksvertreter, bedauernswerte betreuungsbedürftige Gestalten, die nicht in der Lage sind, ihr eigenes Leben zu gestalten, das aber zu ihrem großen Glück auch nicht mehr tun müssen. Der Staat ist da und hilft, er zurrt die Zügel so, dass an der richtigen Richtung kein Zweifel bestehen kann, er kaut das Essen vor, er teilt die Wahrheiten zu und enttarnt die Lügen seiner Feinde.

Die neue Normalität ist ein bequemer Käfig, in dem sich prima wird leben lassen. Und das älteste Versprechen der deutschen Sozialdemokratie bleibt trotz der alternativlosen staatlichen Allmacht ungebrochen: "Die Gedanken sind frei".

Bundespräsident: Der Held der Hinterzimmer

Walter Steinmeier plante vor Jahren angeblich, sich nur noch "Frank" zu nennen. Doch das waren fake news, mit denen bekannte Adressen dem beliebten Politiker schaden wollten.


Die Wahl die Bundespräsidenten, sie ist immer schon eine absolut überraschungsfreie Veranstaltung.  Den Regeln nach, die nirgendwo niedergeschrieben stehen, wird in angemessenem Anstand zum anstehenden Wahltag ein Name ins Spiel gebracht, die Form darf frei gewählt werden, ein Interview geht, ein Tipp an die Presse, der auserkorene Kandidat wird irgendwo mehr mehrfach erwähnt. Den Rest erledigt die Berliner Politroutine: Wird er's denn nun  wirklich?, fragen die Gazetten auftragsgemäß bei allen Beteiligten ab. Binnen weniger Tagen bildet sich ein sich das kommende Wahlergebnis ab. Ja, er wird es. Das war immer so.

System der Favoritenauslese

Nie war es eine sie, auch wenn auch kosmetischen Gründen ab und an eine antrat. Nie aber gelang es einem Kandidaten bisher, das System der Favoritenauslese auszutricksen, indem er sich selbst ins Spiel brachte. Walter Steinmeier aber, nach Stationen als Kanzleramtsminister, Außenminister und glückloser Kanzlerkandidat eine Betriebsnudel der Postdemokratie, wagte den großen Wurf: Als unter der Überlast von Corona. Regierungsbildung, Energiepreisexplosion und gefühlter russischer Winteroffensive in der Ukraine niemand Zeit hatte, ihn für eine zweite Amtszeit ins Spiel zu bringen, machte der 66-Jährige das eben einfach selbst.

Ein Manöver von ausgesuchter Raffinesse. Hätte zuvor jeder begründen müssen, warum es die Schneeeule der deutschen Arbeiterbewegung noch einmal machen sollte, wo sie doch das erste Mal nur nominiert worden war, weil Margot Käßmann der SPD einen Korb gegeben hatte, musste nun jeder sagen, warum denn nicht. Ein Unterfangen nahe an der Unmöglichkeit, denn Steinmeier hat sein Amt im Unterschied zu vielen seiner Vorgänger stets genau so ausgefüllt, wie er es fühlte. 

Ein Bürokrat mit dem Charisma eines Aktenschrankes, der die Sprechweise seines früheren Chefs Gerhard Schröder bis heute imitiert. Steinmeier kann Unschlüssigkeit als Besonnenheit und kaltes Blut als Nachdenklichkeit ausgeben. Nie gehen ihm die Pferde durch, er selbst aber manchmal als Parodie. Etwa als Steinmeier in der NSA-Affäre mit großer Würde sprach: "Wir haben nie geglaubt, dass der US-Nachrichtendienst die Meldungen der BND-Agenten in sein Poesiealbum kleben würde."

Sahen Weizsäcker, Herzog, Köhler und Gauck ihre Aufgabe darin, staatstragende Reden von oben nach unten zu halten, gelegentlich aber auch mahnende Worte quer hinüber zu den anderen Grundrechtsträgern zu sprechen, gab es für den Mann, den seine Gegner einst hatten zum Gespött machen wollen, indem sie ihm unterstellten, seinen Vornamen stromlinienförmig kürzen zu wollen, nie eine Versuchung, anderes zu tun, als von der Kanzel zu denen zu predigen, die ihr Glück noch immer nicht fassen können, im "reichsten Land der Erde" (ZDF) leben zu dürfen.

Nie außerhalb der politischen Blase

Steinmeier, der nie außerhalb der politischen Blase einer Erwerbstätigkeit nachgegangen ist, gilt in seinen Kreisen als Vollfunktionär, der überall funktioniert wie ein Uhrwerk. Für seinen ersten Kanzler Gerhard Schröder schrumpfte er den Sozialstaat, für Angela Merkel (CDU) vermied er als Außenminister die Rücküberstellung des in Bremen geborenen Terrorverdächtigen Murat Kurnaz aus dem US-Gefangenenlager Guantanamo, "obwohl es keine Belege für angebliche terroristische Aktivitäten von Kurnaz gab" (Spiegel). Als es angebracht schien, nannte er den US-Präsidenten  einen "Hassprediger" und als herauskam, dass US-Geheimdienste in Deutschland flächendeckend bis ins Kanzleramt spionierten, wusste er gar nicht mehr, dass er das alles schon 2002 abgesegnet hatte.

Ein idealer Kandidat für den Übergang in die neue Normalität, dieser Mann, der schon als "Teflonpfanne" (PPQ) beschrieben wurde, als er noch keine Weihnachtsansprache gehalten hatte.  Steinmeier bringt mit, was gefragt ist: Er kann einschläfern, mahnen, er hat sich in einer Sendung der "Tagesschau" sogar schon selbst aufmerksam zugehört

Niemand wirft ihm vor, dass er es mit dem Maskentragen nicht immer so genau nimmt. Walter Steinmeier ist ein unbequemer Geist, der sich den allgemein geltenden Regeln auch mal entzieht, indem er mutig vor dem "Auseinanderbrechen des Internets und dem weiteren Auseinanderdriften der Weltregionen in technologischen Fragen" warnt und deutsche Spielregeln zur Durchsetzung einer "zivilisierten Debattenkultur im Internet" weltweit in Anschlag bringt. Den „überzeugten Antinationalisten“ (Spiegel) damals ins höchste Staatsamt einer Nation zu hieven, zeugte von Angela Merkels feinem Sinn für einen Humor, über den nur sehr wenige, die aber sehr herzlich lachen können.

Ein gute Entscheidung

Die zweite Amtszeit für Steinmeier wird deshalb allenthalben als "eine gute Entscheidung" (Tagesspiegel) beklatscht, mit der, das ist ja am wichtigsten, "die Ampelparteien zufrieden sein" können, weil nun die lästige "Bellevue-Personalie abgehakt ist" (Tagesspiegel). Ein Hochamt der Demokratie im Grunde, wenn auch der Umstand, dass Walter Steinmeier immer noch ein Mann ist, "männlich, weiß und alt" zudem, für Gewissensbisse sorgt. Kann das? Sollte nicht? Müsste nicht? Reicht es, jemanden zu haben, der in Zeiten schwindenden Lichts ein Amt so unauffällig verwaltet, dass es keinen Schaden nimmt? 

Wenn, dann aber  nur dieses Mal noch. Unabdingbar sei für die Wahl des alten Bundespräsidenten als neuer, dass alle Beteiligten die Krönung "im Februar mit einem inneren Schwur verbinden", rät das Redaktionsnetzwerk Deutschland: "Das nächste Mal sollte das Staatsoberhaupt endlich eine Frau werden.

Margot Käßmann, die vor fünf Jahren nicht gewollt hatte, wäre in fünf Jahren auch nur wenig älter als ihr Nachfolger als Kandidat, der dann ihr Vorgänger im Amt wäre.

Mittwoch, 5. Januar 2022

Querfront der Querdenker: Linke Leugner

In der DDR hätte es Corona nie gegeben.

So sauber das alles bisher getrennt war, die Marschkolonnen in Sichtweite, aber auf verschiedenem Kurs, so fürchterlich scheint seit dem Regierungswechseln in Berlin die klare Kante, die klare Linie verlorenzugehen. Erst schlüpfte der frühere No-Civid-Aktivist Georg Restle ins Gewand eines Verteidigers der Grundrechte, dann biederte sich der Chef des bis dahin stets regierungstreuen "Spiegel" bei den Hetzern, Schimpfern und Schwurblern als "krititsch" an. Und nun kippen erste Teile der Linken ins Lager der Leugner: Bei einem unangemeldeten, unabgesprochenen und nach einem MDR-Gutachten illegalen Aufmarsch von Zweiflern, Impfverbrechern und als Schutzschild missbrauchten Kindern zog jetzt erstmals ein ganzer Block der extremen Linken mit Nationalsozialisten, Rechtsradikalen und Maskenverweigerern durch die bereits gegen Ende des Zweiten Weltkrieges schwer getroffene Stadt.

Neue Allianzen

Die Welt ist aus den Fugen, die neue Normalität fügt Allianzen, die noch vor Monaten unvorstellbar waren. Oft führen Fußball-Ultras die sogenannten "Aufzüge" gegen die notwendigen staatlichen Maßnahmen an, oft folgen ihnen als ganz gewöhnliche Menschen kostümierte Mitglieder der Gesellschaft, die, soweit sie nicht als eingeschworene Nazis bei Kleinstparteien eingetragen sind, gegen die die frühere NPD wie ein Gigant wirkt, sogar ihre Kinder dabeihaben wie früher die Brokdorf-Demonstratnten. 

Schläferinnen und Schläfer, die bisher unauffällig inmitten der Normalbevölkerung lebten, nun aber ihr wahres Gesicht zeigen: In Magdeburg nahmen nach eigenen Angaben "dutzende AntifaschistInnen am Protest gegen die Coronapolitik" teil, um "gegen die kapitalistische Verwertung des Gesundheitssektors" zu protestieren. Ziel der Aktion sei es gewesen, "die Bühne des Protestes zu nutzen und sie mit eigenen konkreten sozialen Inhalten und Forderungen zu füllen". 

Ein Plakat etwa klärte mit dem Slogan "Corona ist das Virus - Kapitalismus ist die Krise" darüber auf, dass es die Pandemie zum Beispiel in der DDR nie gegeben hätte, weil Pharmaunternehmen, Maskenhändler und private Krankenhausbetreiber dort kein Fußbreit Boden überlassen worden wäre. Zeit, das laut zu sagen, Zeit, die Systemfrage zu stellen, die so vielen daheim beim sorgenvollen Besichtigen der "Tagesschau" auf den Nägeln brennt. "Nicht länger wollen wir die Proteste reaktionären Kräften und bezahlten Profiteuren der Krise wie PolitikerInnen der AfD überlassen", werben die Initiatoren des Mitmarschierens mit der rechtsunterwanderten Spaziergangsbewegung für ihre Idee einer Querfront der Querdenker.

Ein Tabubruch für die Linke

Ein Tabubruch geradezu für eine Linke, die in den zurückliegenden Jahren mehr und mehr abgerückt war von der grundsätzlichen Kritik an Marktwirtschaft, Demokratie und Klassengesellschaft, um mit den Grünen um die Zuneigung der neuentstandenen Zielgruppe des lastenradfahrenden Bionadeadels zu konkurrieren. Ostdeutsche, Sachsen, Handwerker, kleine Gewerbetreibende und Arbeitende in produzierenden Gewerken gelten der zur "Linkspartei" umfirmierten früheren SED inzwischen als Rudimente einer vergangenen Zeit, die Rolle als "Arbeiterpartei" möchte man ablegen und stattdessen lieber das schicke großstädtische Milieu der Elektroautobesitzer, Jack-Wolfskin-Wanderer und Heute-Show-Fans bedienen.

Der Vorstoß der Magdeburger Linken sorgte dann auch für Streit auf offener Bühne. Sich an "ArbeitskollegInnen und NachbarInnen" (Indymedia) anzubiedern, sei falsch, hieß es. "Wer mit Nazis marschiert, hat gar nichts kapiert" urteilte ein Kritiker der linken Beteiligung am Aufzug in der Elbestadt. Wenig später verschwand das Bekennerschreiben von der vom Verfassungsschutz beobachteten linken Bekennerplattform Indymedia - um wenig später in einem passwortgeschützten Bereich wiederaufzutauchen. Schließlich, nach einer für innerlinke Schlachten geradezu verschwindend kurzen Zeit - war der Querfront-Text mit seiner strategischen Ansage, "ImpfgegnerInnen", "BefürworterInnen" und die "ArbeiterInnenklasse" (Zitate Bekennerschreiben) gegen die "Profiteure" einer Pandemie vereinen zu wollen, deren "Ursachen verschleiert" würden, um "die Folgen auf dem Rücken der ArbeiterInnenklasse abzuwälzen".

Zeit für die Systemfrage

Zeit für die Systemfrage, für die "globale Aufhebung der Impfpatente, kostenlose Tests und Masken für alle sowie den Stopp des Ausverkaufs des Gesundheitssystems". Wenn alle Krankenhäuser, die im Osten seit dem Ende der DDR geschlossen wurden, wieder öffnen, so die bestechende Logik, dann wären auch die Kinderklinik in Gardelegen und die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in Schönebeck wieder bereit, an der Gesundheitsfront mitzukämpfen. Die Linke leugnet nicht Corona, sie leugnet nur, dass "die Krise nicht auf unserem Rücken ausgetragen wird". Drohend heißt es zum Abschluss des Bekennerschreibens in Richtung Staat,  dass "wir staatliche Zwangsmaßnahmen nicht hinnehmen werden". 

Bemerkenswert für eine Bewegung, die im innersten Kern aus dem Glauben an die glückseligmachende Allmacht staatlicher Zwangsmaßnahmen besteht, die alles, was sie je erreicht hat, staatlichen Zwangsmaßnahmen verdankt, und die, würde sie heute die Gelegenheit bekommen, bereits ab morgen mit den härtesten nur vorstellbaren Zwangsmaßnahmen regieren würde.

Zusammenrottungen im Dämmerlicht: Staatsfeinde beim Spazierengehen

Gefällt sich in seiner Opferrolle: Ein Weihnachtsmann in Mecklenburg bei einer stummen Meinungsäußerung.

Wer mit der Wahrheit lügen muss, weil ihm im Überlebenskampf nichts anderes mehr übrig bleibt, darf nicht klein denken und sich auf kosmetische Veränderungen bei Fakten und Gefühlen beschränken. es gitl, "Fakten zu schaffen", wie es bei der deutschen Sozialdemokratie heißt. Was nicht passt, wird passend gemacht, eine Disziplin, in der es nicht zufällig das zum Teil SPD-eigene Redaktionsnetzwerk Deutschland RND zu großer Meisterschaft gebracht hat.  

Die beschmunzelte Contentfabrik

Die im politischen Berlin gelegentlich als "Reichsnachrichtendienst" beschmunzelte Contentfabrik, die bundesweit Millionen unwissende Leser beliefert, schafft es in der Regel wie beiläufig, Zahlen im Sinne der eigenen Botschaft zu interpretieren, Tatsachen zu verbiegen und Statistiken so darzustellen, dass sie den Eindruck erwecken, sie bestätigten, was das RND-Kollektiv sich an Wirklichkeit wünschen würde. 

Das Ziel ist immer ein gutes: Der Kampf gilt dem Schoß, der fruchtbar noch ist, er gilt denen, die nicht glauben wollen, was sie glauben sollen, und denen, die die zweifeln. Ehemals eine Grundtugend des Berufsstandes der Journalisten. Heute Einstellungshemmnis nicht nur beim RND, dessen "Mitarbeitende" (RND) nur einen Teil jener neuen Journalistengeneration repräsentiert, die sich als Prätorianergarde der Regierenden versteht, mit der Aufgabe betraut, das, was oben beschlossen wird, nach unten zu verkünden und immer noch besser zu erklären.

Es sind immer "mehrere Tausend"

Die dort nicht hören wollen und schon gar nicht glauben, können machen, was sie wollen, aber bitte daheim. Beim RND jedenfalls bekommen sie keine Plattform geboten: "Mehrere Tausend Menchen bei Protesten gegen Coron-Maßnahmen" überschreibt der RND schon seit Wochen zuverlässig wie ein Regierungssprecher jede einzelne Meldung über Proteste und stumme Meinungsäußerungen zu den Pandemiemaßnahmen. 

Das geschieht völlig unabhängig von der Zahl der Teilnehmer und vom Inhalt der Berichterstattung, die die Zahl der Demonstranten und Spaziergänger schon im vierten Absatz auf einige zehntausend summiert. Selbst wenn der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl von 50.000 Demonstranten allein in seinem Bundesland spricht. Auch Zehntausende sind schließlich Tausende - und wenn es die Falschen sind, dann mag der RND-Berichterstatter ihnen kein Podium geben.

Unabgesprochene Abmachung

Das ist eine unabgesprochene Abmachung zwischen allen Medienhäusern. Von ARD über ZDF bis "Spiegel", Taz" und "SZ" gilt die Sorge der Beobachter vor allem dem Umstand, keinen Böllerwurf, keine womöglich staatsfeindliches Plakat, kein Detail der Polizeistrategie zur Gewährleistung von Ruhe und Ordnung und erst Recht keine noch so kleinen "Gegenprotest" (DPA) zu verpassen. Minutiös breiten die Reporter aus, wie sich Behörden und Polizei auf den Ansturm der Spaziergänger vorbereiten, was die kleine Gruppe der Gegenprotestler im Pfarrhaus plant und wie ängstlich die Maßnahmefreunde auf die Demokratiefeinde schauen, die das Grundgesetz missbrauchen, indem sie es stumm zitieren. 

Nur die Auslöser all der Aufregung dagegen kommen nie zu Wort. Sie bilden eine dunkle, unheimliche Masse, die hetzerisch "Frieden, Freiheit, keine Diktatur" oder "Lügenpresse" ruft, einen Begriff, den der Evangelische Pressedienst im August 1914 benutzt hatte, um die „schwerste Waffe der Kriegsgegner“ zu beschreiben. Sie straft der hellwache Gemeinsinnfunk gern Lüge, indem er die "zusammengerottete" (RND) "kleine radikale Minderheit der Impfgegner, Querdenker, Corona-Leugner, Medienhasser und Demokratiefeinde" (RND) bei der Berichterstattung genau so darstellt: Düstere Mengen, die missmutig durch dunkle ostdeutsche Straßen streifen, augenscheinlich ohne jedes Anliegen, ohne jeden Wunsch.

Illegale Spaziergänge

Bei den "Aufzügen gegen die Corona-Maßnahmen", wie sie neuerdings genannt werden, um weder mit den "Aufmärschen" der früheren NPD noch mit den "Demonstrationen" fortschrittlicher Protestanten verwechselt zu werden, gilt es vor allem, zu dämonisieren. Was nicht "angemeldet" ist, muss "illegal" (RND) sein. Was nicht in gewalttätigem Chaos endet, könnte immer noch ein "nicht genehmigter sogenannter Spaziergang". Dass es eine Genehmigungspflicht für Spaziergänge hierzulande so wenig gibt wie eine Anmeldepflicht für Spontanversammlungen, stört wenig.

Dienstag, 4. Januar 2022

Alles auf Angst: Ende einer Weltkarriere

Hat mit 19 schon mehr Menschen Angst gemacht als mancher andere Populist mit 75.

Sie kam, um Angst zu machen, Furcht zu verbreiten, Betroffenheit und Schuldgefühle auszulösen. Greta Thunberg war 15 Jahre alt, als sie sich in einem Anfall jugendlicher Verzweiflung mit einem Pappschild bewaffnet vor das Parlament in Schweden setzte und forderte, mit dem Klimawandel aufzuhören.

Ein orchestrierter Auftakt

Was aussah wie die  unsinnige Tat einer verzogenen Wohlstandsgöre mit psychosozialen Problemen, war allerdings der sorgfältig orchestrierte Auftakt zu einer Werbekampagne, die zumindest in Deutschland alles übertraf, was bis dahin vorstellbar gewesen war. Greta Thunberg, noch keine 16 Jahre alt, war zeitweise mehr in den Medien vertreten als Trump, Merkel, Putin und der Chinese Xi. Bald folgten ihrem Aufruf zu freitäglichen "Schulstreiks" nicht nur einige tausend Kinder und Jugendliche, sondern auch Eltern, Omas und um Anschluss an die neue Jugendbewegung bemühte Parteivertreter. Thunberg wurde zur ersten Minderjährigen, die von den Führern der freien Welt eingeladen wurde, sie abzukanzeln, ihnen die Leviten zu lesen und ihnen zu drohen.

Dankbar verbreiteten Fernsehen und Zeitungen jede Äußerung der Ikone der Freitagsbewegung. Thunberg fuhr in einem Segelschiff aus Plastik nach Amerika und das war so nachhaltig, dass niemand mehr fragte, wie sie zurückgelangte. Sie sprach vor der Uno. Sie datete Premiers und Präsidenten.  Obgleich nie mehr als zwei Prozent der "jungen Leute" (Junge Welt) sich an einer der Großdemos der Fridays-for-Future-Bewegung beteiligt hatte, schien es zeitweise, als werde Thunberg bei nächster Gelegenheit Chefin einer Klimaweltregierung, die dafür sorgt, dass getan wird, was getan werden muss, weil es alternativlos ist. 

Ich will, dass ihr Angst habt

Kurz bevor es soweit war, dass die spezielle Ansprache mit "Wie könnt ihr es wagen" und "ich will, dass ihr Angst habt" machtpolitisch wirksam werden konnte, brach dann aber die Seuche aus. Der Durchmarsch zur absoluten Klimamacht, längst auf den Weg gebracht, endete in einer Sackgasse. Und die "beharrliche Kämpferin" (DPA) Thunberg verschwand so plötzlich aus dem grellen Licht der Öffentlichkeit, vom Netzwerk "We don't have time", mit dem Thunberg-Entdecker Ingmar Rentzhog den medialen Erfolg seines Zöglings hatte monetarisieren wurde, blieb nur eine traurige Hülle. 

Mit gerade mal 19 Jahren steht Greta Thunberg vor den Trümmern ihrer so vielversprechend gestarteten Karriere. Ohne Schulabschluss, ohne Erfolg in der Hitparade und seit Corona auch noch um ihren Platz in den Bedeutungscharts betrogen. "Mittlerweile ist Greta Thunberg eine der einflussreichsten Klimaaktivistinnen weltweit", analysiert die deutsche Nachrichtenagentur DPA. Nur dass "Klimaaktivistin" inzwischen zu einem ganz gewöhnlichen Influencer-Job geworden ist: Man hat Corona. Man zeigt seinen Hund. Man besucht fremde Städte wie wie die ganz Großen. Und pflegt ansonsten das arg geschrumpfte Kerngeschäft. 

Vorbild einer Generation

Vom Schulmädchen zum angeblichen "Vorbild einer Generation" (DPA) zum Medienmuster, dem selbst die Edeladressen zu Jubiläen allenfalls noch einen Agenturtext nachwerfen. Ein beispielloser Verfall: Vom Moment, in dem sie mit acht Jahren in der Schule "erste Dinge über den Klimawandel" erfuhr über die nachfolgenden Depressionen und Essstörungen bis zur Asperger-Diagnose, dem ersten Schulstreik und der ersten Wut- und Tränenrede vor den Führern der Welt dauerte es kaum drei Jahre. Vom Höhepunkt der Klimastreiks im März 2019 bis zum faktischen Tod der Bewegung vergingen gar nur zwei. 

Ein Jahr danach zeigen sich die Spätfolgen des absurden Greta-Hypes, der das kleine Schwedenmädchen auf Augenhöhe mit den Machteliten der Welt und den wichtigsten Wissenschaftlern der Erde gehoben hatte. Immer noch gilt Thunberg Medienarbeitern offiziell als bedeutsame Stichwortgeberin für Weltuntergangsfantasien. An der Basis aber ist der Ruf ruiniert: Der Vorname Greta, "den auch die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg" wie die renommierte FAZ in einer Analyse häppchengerecht hinweist, stürzte bereits im vergangenen Jahr von Platz 30 der beliebtesten Vornamen auf Platz 130. Inzwischen  liegt er auf Platz 200. Zwischen Flora, Hedi, Juli, Melek und Maira.

Atomkrieg: Kernspaltung in Europa

In Finnland wurde gerade ein neuer Kernreaktor angefahren - ohne die eigentlich notwendige deutsche Genehmigung.

Dass Polen die von Brüssel verhängte europäische Rechtslage ignoriert, ist leider seit Jahren europäischen Alltag, ebenso die Versuche aus Budapest und Karlsruhe, die gemeinsamen Werte der 27 Partnerstaaten durch Nadelstiche zu reizen oder das provozierende niederländische Verhalten einzelnen EU-Abgeordneten gegenüber, das eine Einigung darauf, welcher Verbrecher in der Familie der 27 Asylrecht genießen darf, bis heute unmöglich macht.  

Leuchtende Energieausstiegszukunft

Ausgerechnet auf dem Weg in eine leuchtende Energieausstiegszukunft, in der die EU auf der Reiseroute des "Green Deal" klimafit ins Jahr 2055 marschiert schießen nun aber auch deutsche Nörgler, Hetzer und Zweifler quer: Weil die EU-Kommission in Ermangelung anderer Alternativen neben Windkraft, Biosprit und Solarenergie auch Kernenergie und Erdgas als Möglichkeiten einer naturnahen, für Mutter Erde gut verträglichen Technologie einstufen will, toben die Feinde gemeinsamer Entscheidungen.

Der frühere SPD-Spitzenpolitiker Ralf Stegner etwa verglich die von den Regierungen in Berlin und Paris gemeinsam vorgegebene Brüsseler Entscheidung mit dem gemeinschaftsfeindlichen Handeln won " Impfgegnern, Coronaleugnern+Rechtsradikalen" (Stegner). Beim Votum für die Kernkraft, die zur Zeit etwa in Frankreich 70 Prozent der Elektroenergie liefert, handele es sich um einen kapitalen Fehler. Das zeigten auch die  "verstrahlten Reaktionen der Atomfans auf allen Social Media Kanälen", die im Gegensatz zu allem stünden, "was ich in letzter Zeit dazu geschrieben habe".

Raus aus allem

Raus aus dem Atom, raus aus Kohle, Gas und Öl, am besten gleich und am besten gleichzeitig, das war bisher grüner Konsens in der EU, zumindest war Deutschland betraf. Dass der Zwang einer zumindest vorübergehenden Weiterversorgung von Industrie und Haushalten in der Realität außerhalb der grünen Denkstuben es erforderlich machen könnte, nach dem Abschalten der letzten deutschen Kernkraftwerke in den Nachbarstaaten neue zu bauen, um Deutschland mitzuversorgen, ist ein "schwerer Schlag für die Glaubwürdigkeit des Atomausstiegs und die deutsche Klimapolitik" (FAZ). Aber nicht zu ändern, will die Bundesregierung nicht wirklich riskieren, dass die Lichter ausgehen und Laternenpfähle zu anderen Zwecken genutzt werden.

Es sind Stunden schwerer Entscheidungen und Stunden großer schauspielerischer Leistungen. Selbstverständlich stand in Frankreich nie dir Frage, wann man dem deutschen Atomausstiegsbeispiel folgen werde. Selbstverständlich denken Staaten ringsum weit weniger ideologisch über die Nutzung der Kernenergie nach als das von den Folgen der Fukushima-Katastrophe mental am stärksten betroffene Deutschland. Für die Grünen ist es eine neue Erfahrung, ein Wolkenkuckucksheim beheizen zu müssen und dazu gezwungen zu sein, mit den Franzosen einen KEUhhandel zu machen: Ihr bekommt euren Atomstrom, wir dürfen dafür fossiles Gas als grüne Göttergabe verbrennen, um überhaupt noch irgendetwas zu haben.

Sabotage der Lastenrad-Ökonomie

Realpolitik im Schatten unsinniger Wahlversprechen von den Möglichkeiten einer angeblichen "grünen Physik", von einer neuen Lastenrad-Ökonomie und Stahl, der mit grünem Wasserstoff vom nachhaltigen Solaracker erzeugt wird, der in frühestens 20 Jahren vielleicht annähernd preislich konkurrenzfähig sein wird. Hinter den Kulissen sind alle Auswege verstellt, vorn auf der Bühne wird Empörung zelebriert und gegen die EU gehetzt. Österreich, schon seit Jahren ein Wackelkandidat bei der EU-Treue,  droht  mit einer Klage gegen die gemeinsame Beschlusslage. Neben Spanien und Luxemburg beharrt aber auch Deutschland zumindest symbolisch darauf, dass die EU-Atomstaaten sich trotz der derzeit umweltfreundlichen Energiepreise dem deutschen Ausstiegsbeispiel anschließen müssen - geleitet von einer EU-Gesetzgebung, die Kernkraft als gefährlich und teuer brandmarkt.

Gemeinsame Lösung der nationalen Vielfalt

Eine EU-Kommission, die das verweigert, geht irre, eine europäische Förderpolitik, die sich gegen den deutschen Rat positioniert, kann nicht akzeptiert werden. Die Worthülse "Taxonomie - ein Begriff auf dem erst im vergangenen Jahr gegründeten  Europäische Amt für einheitliche Ansagen (AEA), einem europäischen Gemeinschaftsprojekt, das die Bundesworthülsenfabrik (BWHF) entlasten soll - ist damit nur  der äußere Anlass. Die EU-Staaten, die auf Kernkraft bauen, allen voran Frankreich, verstehen deren Finanzierung als Beitrag zur nachhaltigen, klimaneutralen Energiewirtschaft. 

Die neue deutsche Regierung hingegen hat der Absage an Atom, Kohle und Öl nur noch die Möglichkeit, auf eine Zustimmung der Franzosen zum Aufbau einer ausschließlich von russischem Gas abhängigen Energieerzeugung zu hoffen. Wie stets in Europa wird am Ende einer fruchtlosen Diskussion eine gemeinsame Lösung stehen, die auf nationale Vielfalt setzt: Wer mag, kann aussteigen, wer nicht, der lässt es. Nicht der Weg ist das Ziel und das Ziel ist schon lange nicht mehr der Zweck. Wichtig ist allein, wie man über die Runden kommt, vier Jahre, fünf oder zehn. "Wir handeln im europäischen Selbstverständnis, eingebettet in das historische Friedens- und Freiheitsprojekt der Europäischen Union", heißt es im Koalitionsvertrag der Ampelateure wolkig, "uns leitet eine starke deutsch-französische Partnerschaft."

Montag, 3. Januar 2022

Zitate zur Zeit: Außermediale Opposition

Die Rolle des 'Spiegels' ist die Opposition gegenüber den Mächtigen. 

Nach Georg Restle von "Monitor" macht sich auch "Spiegels"-Chef Steffen Klusmann über Mediennutzer lustig

Blogampelamt: Blockchain-Qualitätssiegel gegen den Hass

Wer im Netz Hass verbreitet wie hier, soll künftig per Blockchain zur Verantwortung gezogen werden können.
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as Bundesblogampelamt im mecklenburgischen Warin hat der Politik einen Zehn-Punkte-Plan für straff geführte jugendgerechte soziale Netzwerke übergeben. Ein blockchain-basiertes Qualitätssiegel soll künftig mit hochmoderner proof of brain-Intelligenz Transparenz und Manipulationsschutz sicherstellen und der neuen Bundesregierung ein Werkzeug in die Hand geben, um die erweiterte Meinungsfreiheit nachhaltig und klimaneutral zu stärken.

Das Bundesblogampelamt im mecklenburgischen Warin gilt seit Jahren als höchste Ordnungsmacht im deutschen Internet und Gralshüter der gesellschaftlichen Debatte, zugleich aber auch als Innovationsbehörde, was den erweiterten Meinungsfreiheitsschutz betrifft. Jetzt hat Behördenchef Herrnfried Hegenzecht die Gelegenheit genutzt, und dem neugebildenden Bundesministerium für Justiz, Verbraucher- und Internetnutzendenschutz (BMJVIN) einen Zehn-Punkte-Plan für jugendgerechte soziale Netzwerke (ZPPJSN) übergeben. Die von den Experten für Netzsauberkeit in den vergangenen Monaten entworfenen 32 Leitlinien legen Schwerpunkte auf Datenhoheit, Transparenz, effektiven Schutz vor Hassbotschaften und Manipulationen, transzendente Interoperabilität sowie Barrierefreiheit.

Neue Wege in die Meinungszukunft

Dazu schlägt die oberste deutsche Netzüberwachungsinstitution vor,  neue Wege zu gehen: So soll im Rahmen des vom BMJV geförderten Blockchain-Projektes eine ethereumbasierte Kryptowährung namen S.less (für das englische "speechless") initiiert werden, die nach dem klimaneutralen proof of brain-Verfahren Themen und Schwerpunkte rückkoppelt und so fake news und Hass ausschließt.

Das BBAA schlägt unter anderem eine Parallelstruktur vor, in der jedes deutsche Zugangsgerät über S.less nicht nur mit Facebook, Twitter oder Youtube verbunden wäre, sondern auf einer weiteren Ebene auch mit den Ermittlungs- und Netzüberwachungsbehörden. So könne sichergestellt werden, dass in Echtzeit gerichtssichere Bildschirmfotos als Beweisfotos für digitale Gewalt gespeichert werden. Das eröffne die Möglichkeit Hassverbreiter nach ihren Taten zurückzuverfolgen.

Plugins für den Bundesbrowser

Über spezielle Plug-ins für den Browser, die unfälschbare Spuren in der Blockchain hinterlegen, ließe sich das einfach sicherstellen. Gefordert wird zudem, dass man überall anonym Anzeige gegen jedermann erstatten können müsse, ohne dazu mehr als einen Klick Aufwand zu betreiben. Die Blockchainlösung, mit der Deutschland ganz vorn im Konzert der sauberen Netze spielen würde, gäbe eine Fast-Garantie für ein "menschenwürdiges Miteinander" und einen respektvollen Umgang im Netz. Hetzer würden durch die engmaschige Überwachung abgeschreckt und damit "einfach, schnell und dauerhaft in allen Netzwerken" blockiert. 

Systematisch organisierte Shitstürme wären zudem rein technisch nicht mehr möglich, weil die Blockchain automatisch Alarm schlägt, sobald der digitale Raum unter Beschuss gerät.

Wer nichts zu verbergen habe, sei hingegen "überhaupt nicht" (BBAA) von den neuen Maßnahmen betroffen, beteuerten Hegenzechts Experten bei einem Pressegespräch in Warin. Nur ein kleiner Anteil der Menschen, die sich online bewegten, lösten die meiste Hassrede aus, viele andere dagegen müssten keine Angst haben, in die engen Netze der Meinungsfreiheitsshützer zu geraten. Schwierigkeiten sieht das BBAA im Zusammenhang mit der neuen Krypto-Lösung allerdings noch bei der Löschung von hate speech, Zweifeln und Kritik: Die Blockchainbasierung erlaube Korrekturen der Vergangenheit nur in Maßen, selbst die aber überschreiben nicht vollständig, was vorher da war. 

Hier komme es darauf an, Kommentarfunktionen möglichst schon im Vorfeld so aufzustellen, dass es im Netz Grenzen gebe, die aus rein technischen Gründen nicht überschritten werden können. Gefordert werden von BBAA darüber hinaus breitere Zugangswege für die digitale Zivilgesellschaft. Über Belohnungen in der neuen Bundes-Kryptowährung, die frei konvertierbar zu begehrten Währungen wie Bitcoin wäre, könnten "digital natives" gewonnen werden, als zivile Streife im Netz zu patrouillieren. 

Belohnung für Meinungsmeldungen

Wer hate speech, Hass oder fragwürdige Ansichten aufdecke, die Plattformbetreiber pflichtwidrig nicht löschen, solle für Meldungen an die Behörden ebenso belohnt werden wie für engagierte Gegenrede. Dazu würde es reichen, unter kontroverse und beunruhigende Beiträge Links zu seriösen Quellen aus staatlichen Medien und zuständigen Behörden zu stellen. Das helfe, faktenbasierte Inhalte weit zu verbreiten, während eine Downvoting-Funktion unseriöse Beiträge abwertet, so dass aus den digitalen Wallets der Verursacher Vermögen abgezogen wird. 

Perfekt sei diese Lösung aber noch nicht, da sie selbst manipuliert werden könnte, gesteht das BBAA ein. Auch ein "blockchainbasiertes Qualitätssiegel" (BCQ), das im Kampf gegen Fake News amtlich bestätigte Informationen heraushebt, sei vorstellbar. Ebenso, dass Influencer ab einer gewissen Reichweite verpflichtet werden, ihre Inhalte vom BBAA verifizieren zu lassen. 

Handwerkszeug für  die nächste Bundesregierung

Eigentlich alles weitreichende und mutige Ideen, die einer kommenden Bundesregierung ein Handwerkszeug in die Hände geben, mit dem das deutsche Internet endlich wieder zu dem Raum von Ruhe und Frieden werden könnte, der es war, als noch nicht US-Giganten unter Missachtung von EU-Vorschriften Profite aus Hetze, Hass und Zweifel zapften. Deutschland würde mit der neuen Blockchain-Lösung ganz vorn mitspielen im erweiterten Freiheitsschutz.

Ausgerechnet die EU aber könnte eine Umsetzung der Pläne verzögern: Weil auf europäischer Ebene ohnehin Verhandlungen über das geplante "Plattform-Durchregulierungsgrundgesetz" in Form des Digital Services Act (DSA), den Rechtsakt für Künstliche Intelligenz und den Data Governance Act laufen, gilt es als unwahrscheinlich, dass die deutschen Idee eines europaweiten Ausbaus der Netzwerkdurchsetzungsgesetze und einer Blockchainbasierung des Paktes gegen Rechtsextremismus und Hasskriminalität noch in der ab morgen startenden Legislaturperiode starten kann. 

Allerdings hatten sich alle Spitzenkandidaten aller Parteien im Wahlkampf für rigorose Maßnahmen zur Planungs- und Durchführungsbeschleunigung und zu einer umfassenderen Digitalisierung aller Debatten ausgesprochen. Bei den Koalitionsverhandlungen sollte also schnell Einigkeit darüber hergestellt werden können, dass Deutschland diesmal keine 14 Tage Zeit hat, um auf eine europäische Lösung zu warten.

Sonntag, 2. Januar 2022

Neuer Euro: Ein Geier für das Geld

Als er eingeführt wurde, kostete eine Kilowattstunde Strom 14 Cent,  die jährliche Gasrechnung 350 Euro und 23 Cent, ein Glas Bier in der Kneipe 1,80 Euro. Seitdem sind 20 Jahren vergangen, der Euro ist volljährig geworden und wie jedes großgewachsene Kind, das noch nicht selbst verdient und zu Hause wohnt, ein teurer Spaß. Obwohl die Deutschen den ersten Preisschock direkt nach der Einführung der von Eurovorteilsleugnern "Teuro" genannten Einheitswährung schnell verdauten, weil die europäischen Institutionen mit glaubwürdigen Faktenchecks nachwiesen, dass alles nur so ein Gefühl war, liebten die Deutschen den Euro nie so sehr wie ihre gute alte D-Mark. In anderen EU-Staaten gab es vergleichbare Leidenschaften für die eigene Währung ohnehin nie - zu oft hatte die schon ihren Wert verloren oder den Namen gewechselt.

Weg mit dem Abendland

Die Europäische Zentralbank (EZB) will nun aber einen zweiten Anlauf starten, um die Europäer mit dem zu versöhnen, was heute immerhin noch zwei starke Drittel der Kaufkraft von 2001 besitzt. Dazu sollen die Banknoten einen neuen "Look" (EZB) bekommen  - und diesmal dürfen die EU-Bürger*/:Innen sogar mitentscheiden, wie ihr neues Geld aussehen soll. Fakt ist: Nach dem Redesign wird verschwunden sein, was heute etwa in Deutschland noch durchweg auf abendlandfixierte Motive wie die Klassik, die Romanik, die Gotik,  die Renaissance, Barock und Rokoko und die Eisen- und Glasarchitektur des 19. Jahrhunderts anspielt.

Diese Gestaltung der Banknoten mit ausschließlich weißen, altertümlichen und längst überwundenen Traditionen kommt auf den Prüfstand, wie EZB-Präsidentin Christine Lagarde ankündigte. Mehr Diversität, mehr Nachhaltigkeit, weniger unangebrachter Stolz auf durch die Ausbeutung anderer Kontinente errungener Leitungen und mehr Respekt für andere Lebensweisen weisen den Weg zum neuen Euro. Die Umgestaltung betreffe aber nur das Design und nicht etwa den Wert, so die EZB bei der Vorstellung ihres mehrstufigen Konzepts zum Euro 2.0.

Fokusgruppen auf Alternativensuche

Der wird in einem langen Prozess geboren werden, an dessen Anfang umfangreiche Expertenkonsultationen stehen. Die sollen sicherstellen, dass den EU-Bürgerinnen und -Bürgern nicht falsche Alternativen zur Mitsprache vorgelegt werden. Haben die sogenannten Fokusgruppen gesprochen, tagen anschließend Themenberatungsgruppen, in denen jeweils ein Experte aus jedem der 27 EU-Länder sitzt. Vertreten sind auch die Staaten, die sich noch nicht für den Euro entschieden haben.

Ist eine Entscheidung über die künftige Gestaltung gefallen, wird auch die öffentliche Meinungin bewährter Weise abgefragt. Stehen die Motive fest, im Gespräch sind unter anderem verschiedene Tiermotive, Wasserfälle und Gesteinsarten aus aller Welt, können in einem Design-Wettbewerb  Kreative ihre Vorschläge für den "finalen Look" (EZB) einreichen. Die finale Entscheidung trifft dann der EZB-Rat, der besonderen Wert darauf legen wird, Banknoten anzubieten, "mit denen sich die Bürgerinnen und Bürger in Europa identifizieren können und die sie mit Stolz verwenden", wie EZB-Direktor Fabio Panetta das Ziel des Redesigns umrissen hat.

Bundesworthülsenfabrik: Bingobrett für den Pandemiekampf

Querdenkern" und "Corona-Leugnern", "Wirkstoffverstärkung", "Blitz-Booster", "Impfzauderer" und "Corona-Maßnahmen", "Viertimpfung" und "Piksverweigerer" - in kaum einer gesellschaftlichen Krise ist es der Bundesworthülsenfabrik in Berlin (BWHF) so überzeugend gelungen, den politischen Bedarf an  Nahkampfbegriffen für die gesellschaftliche Schlacht um die Deutungshoheit  auf so überzeugende Art und Weise zu befriedigen wie in der Corona-Krise, auch das übrigens eine Schöpfung der Worthülsendreher, Begriffschmiede und Semantikschleifer des früheren VEB Geschwätz.  

Lieferkettenstau bei der BWHF

Allerdings geriet auch die in den letzten Jahren schon so oft bis an die Grenze ihrer Produktionskapazität geforderte Bundesanstalt in Pandemietagen mehr als einmal in Situationen, die eine Bestellungstriage nötig machte. Wichtige Aufträge, etwa aus dem Bundesgesundheitsministerium, wurden dann vordringlich bearbeitet. Andere Hülsenprägungslose, zum Beispiel zum brennenden  Thema Klima und aus Sachsen, blieben zum Teil wochenlang liegen.

Für BWHF-Chef Rainald Schawidow auf Dauer kein Zustand. "Wir wissen genau, dass Medien prägnante Begriffe brauchen, um gesellschaftliche Situationen und akute Konfliktlinien zutreffend beschreiben zu könne", sagt der erfahrene Wortschmied, der persönlich bereits Pate stand für Klassiker wie "Rettungsschirm", "Energiewende", "Schuldenbremse" und "Wachstumspakt", aber auch für die an die Soundsprache des Jazz angelehnte "Obergrenze mit atmendem Deckel". Diesmal aber griff Schawidow nicht selbst ein, vielmehr initiierte er eine Ideenmesse, wie es sie seinen Aussagen zufolge während seiner Lehrzeit  im VEB Geschwätz, dem volkseigenen Nachfolgebetrieb des hitleristischen BWHF-Vorgängers Reichsworthülsenamt, alljährlich gegeben habe. 

Wettbewerb um Worthülsen

Gerade die jungen Mitarbeiter:(/654innen des Hauses bekommen in diesem Wettbewerb die Gelegenheit, ihre pfiffigen Vorschläge und smarten Geistesblitze einzubringen, außerhalb der üblichen Beratungsrunden, Verbalschweißwerkstätten und eiligen Notgeburtsaktionen. Zuletzt verdankte die BWHF dringliche Neuschöpfungen wie "Heißzeit", "Klimanotstand" und "CO2-Abgabe" den Vorschlägen junger Mitarbeitenderen.  

Uns als Hausleitung ging es aber diesmal hauptsächlich um eine Neuaufstellung unserer Produktionsprozesse als breite Graswurzelbewegung." Ihm, sagt Schawidow ohne jede Angst vor  historischen Missverständnissen, habe eine Art Verbalvolkssturm vorgeschwebt. "Ein Mach mit, mach's nach, mach's besser", beschreibt er, dem das Wort "Volkssturm" keinerlei Gewissensbisse macht. "Das Wort hat unser Vorgängerbetrieb  Reichsworthülsenamt (RWHA) 1943 zur Welt gebracht", sagt er, "die Zeiten waren so und daran gibt es nicht zu rütteln." 

Suche nach Bedeutungssprengkraft

Geht es nach Deutschlands höchsten Politwortfinder, wird sich das künftig ändern. Denn in der Stunde der Begriffsnot haben Schawidows "junge Leute", wie er sie nennt, jetzt Wegweisendes geleistet. Statt die für den bundesweiten Bedeutungskampf gerade in der Corona-Pandemie benötigte Begriffsmunition weiterhin  mühevoll in Handarbeit herzustellen, programmierten die jungen Hülsendreher, Wortschmiede und Adjektiv-Assistenten "einfach eine App", wie Schawidow voller Hochachtung und Respekt erzählt. Die erlaube es, automatisiert und durch eine Künstliche Intelligenz gesteuert neue Worthülsen zu drechseln. "Und das geht so gut, dass wir als Leitung der BWHF sofort gesagt haben, damit gehen wir raus, damit kann jeder uns helfen, griffige neue Geschosse mit hoher Bedeutungssprengkraft zu finden."

Hausintern als "Bingobrett" bezeichnet, ist die neue App als "Pandemiebekämpfungsbegriffsbaukasten" (PBBBK) offiziell in allen App-Stores zu finden. Auch Rainald Schawidow ist mit dem offiziellen Namen nicht ganz zufrieden, er verweist aber auf EU-Recht, das den populären Namen Bingo weitgehend schütze. "Auch wir als untere Bundesbegriffsbehörde können nicht machen, was wir wollen", klagt Rainald schawidow, der darauf setzt, dass die überragende Funktionalität der PBBBK-App die kleine Smartphone-Anwendung trotz des etwas sperrigen Namens in den Download-Charts ganz nach oben katapultieren wird. "Dann hat jeder Bürgerin und jede Bürger ein wunderbares Instrument für sich daheim zu Verfügung, um neue Pandemiebekämfungsbegriffe beizusteuern", äußert er seine große Hoffnung auf einen Neustart im Symbolkampf gegen Corona.


 

Samstag, 1. Januar 2022

EU-Zentralorgan: Auftrag einheitliche Meinungsführung

Ein einheitlicher europäischer Informationsraum soll die EU einen Schritt nach vorn bringen.

Nichts klappt, alle reden durcheinander und das nicht einmal in derselben Sprache. Weder bei der europäischen Flüchtlingslösung noch bei der Zeitabschaffung, weder bei der Rechtsstaatslichkeit noch bei der Impfpflicht konnten sich die die nach dem britischen verbliebenen 27 EU-Partner in den zurückliegenden 20 Jahren auf eine gemeinsame Auffassung einigen. Im alten Seuchenjahr sorgte das für viel Verunsicherung. Europa, soweit es die EU betraf, sprach kaum jemals mit einer Stimme. Stattdessen: Eine Kakophonie der Meinungen, Ansichten und Auffassungen auch und über die Seuche. Viele Bürger und Bürherinnen waren darob ratlos.

Wenigstens aber soll nun nach außen hin einheitlich kommuniziert werden: Vom neuen Jahr an werden 16 Nachrichtenagenturen aus 15 Ländern 440 Millionen Europäer- und innen aus einem gemeinsamen europäischen Newsroom mit ausgesuchten Informationen versorgen. Koordiniert wird das Projekt natürlich von der Deutschen Presse-Agentur DPA. Angeschlossen an der Nachrichtenstrom werden die französische AFP, die italienische ANSA, die belgische Belga, die österreichische APA sowie die spanischen Agenturen EFE und Europa Press sein. Aus Nicht-EU-Ländern beteiligen sich Agenturen wie die albanische ATA oder die serbische Tanjug.

16 Sänger, eine Melodie

Die EU-Kommission, die das Unternehmen mit 1,8 Millionen Euro fördert,  geht damit ein zentrales Problem der Wertegemeinschaft an. Europa hat bisher zwar gemeinsame Außengrenzen, gemeinsame Werte und Gesetze und sogar ein weitgehend genutztes gemeinsames Geld, es verfügt jedoch nicht über eine gemeinsame Sprache. Damit erreichen etwa richtige Nachrichten aus Berlin nur selten Empfänger in Madrid, Mailand oder Italien, in der Gegenrichtung ist es ähnlich: Für zentraleuropäische Medien bleiben Vorgänge in Schweden ebenso rätelhaft wie die Ansichten von Polen, Ungarn und Sachsen. Es mangele dem europäischen demos ("Volk") an der Möglichkeit, sich auf der agora ("Marktplatz") der gemeinsamen Demokratie mit einheitlichen Informationen versorgen zu lassen,  hatte der bekannte Medienforscher und Entropiewissenschaftler Hans Achtelbuscher diesen Webfehler der EU bereits vor Jahren kritisiert.

Europa hat - im Gegensatz etwa zur USA oder Russland, aber auch Brasilien, Kanada, Japan und China - keine gemeinsamen Medien, keine gemeinsames Zentralorgan und damit keine gemeinsame Öffentlichkeit, die zusammen an dasselbe glauben kann. Aus Achtelbuschers Mahnungen zieht die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen nun Konsequenzen: Der neue europäische Newsroom soll die Rolle des Zentralorgans für die gesamte Gemeinschaft übernehmen, Informationen aus erster Hand präsentieren, gut gemacht und professionell aufbereitet. "Dieser erste gesamteuropäische Newsroom wird es Journalisten ermöglichen, gemeinsam über EU-Angelegenheiten zu berichten und den Geist der Zusammenarbeit in der Heimat zu fördern", freut sich der zuständige EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton bereits auf den Neustart, der im Spätherbst beim European News Media Forum in Brüssel angekündigt worden war.

Einheitlicher europäischer Informationsraum

Es ist der erste Schritt zu einem einheitlichen europäischen Informationsraum, in dem alle Bürgerinnen und Bürger Zugang zu denselben hochwertigen Informationen haben. Das "neue Ökosystem für Qualitätsjournalismus" ist auch ein Neuanfang für Mediendeutschland. Statt irritierender Vielfalt von Gewichtungen, einem Wirrwarr an Meinungen und widersprüchlichen Faktenchecks sieht die für die fortschreitende Stärkung von Pressefreiheit und Medienpluralismus zuständige Vize-Präsidentin Vera Jourova goldene Zeiten für klare Ansichten kommen. "Ich bin fest davon überzeugt, dass Medien durch grenzüberschreitende Zusammenarbeit stärker sind", sagte sie.

Starten wird die im politischen Brüssel nur "OC" wie im Französischen "organe central" genannte EUnit mit Weiterbildungsangebote für verunsicherte Kantonisten in den Leitmedien. Dazu soll es aber auch eine neue vielsprachige Website mit ausgewählten Texten zu Erfolgen der EU-Themen geben. Ein Netzwerk, das aus der Vielfalt an Perspektiven von Deutschen, Ungarn, Polen, Spaniern, Portugiesen und Dänen einen organischen Newsstrom generiert, der dank künstlicher Intelligenz von höchster journalistischer Qualität sein soll. Dazu kämen noch Trainings, Veranstaltungen und vor allem die Infrastruktur des European Newsrooms (ENR) mit Technik und Nachrichtenfeeds. Der operative Betrieb des Newsrooms soll gegen Mitte des kommenden Jahres starten.

Start mit Menschenfleisch: Jahr 2022 … die überleben wollen

 

Für Stanley R. Greenberg musste die Welt damals natürlich so zu Ende gehen. Die ganze Erde ein Trümmerfeld, ausgebeutet von der einen einzigen Art, die Skrupel kennt, aber keine hat. Die Zivilisation ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, Konzerne beherrschen die Reste dessen, was übrig ist. 1972, als Richard Fleischer "Soylent Gree" drehte, einen Film, dem der deutsche Verleih den aus heutiger Sicht recht hübschen Titel "Jahr 2022 … die überleben wollen" gab, stand am Anfang eines Jahrzehnts, in dem Untergangsfantasien Konjunktur hatten. Ständig stand die Menschheit vor dem Aus, der Club of Rome hatte die Grenzen des Wachstums festgelegt.  

Schneller als die Omikron-Wand

Die Menschheit wuchs  „superexponentiell“, viel schneller also noch als heute die Omikron-Wand. Die meisten Rohstoffvorräte würden so vor dem Jahr 2100 erschöpft sein. Ein globaler Kollaps würde die Folge sein, denn auch technische Lösungen seien keine Rettung. Im "Jahr 2022", das heute nun endlich in echt beginnt, ist das alles schon passiert. Charlton Heston ist Polizisten in einem dystopischen New York, einer Stadt mit 40 Millionen Einwohnern, denen es an allem fehlt. Es gibt kein Wasser, nichts zu essen und - wie im heutigen Berlin - auch keinen Wohnraum. 

Als Robert Thorn ermittelt Heston, selbst ein armer Tropf, im Fall eines Mordes an einem Mitglied der Kaste der Superreichen, die sich als einzige noch sauberes Wasser und ordentliche Lebensmittel leisten können. Das Opfer starb bei einem gezielten Mordanschlag, eigentlich aber geben Thorns Ermittlungen nur die Folie ab, auf der vom fürchterlichen Leben im Jahr 2022 erzählt wird: Die Reichen leben im Überfluss, der Polizist aber klaut Teelöffel aus ihren Wohnungen, um seinem Mitbewohner Sol Roth die Gelegenheit zu verschaffen, noch einmal das Aroma einer echten Marmelade zu schmecken.

Sehnsucht Marmeladenlöffel

Ja, damals hatte man noch Alpträume. Zu essen aber gibt es „Soylent Rot“ als veganen Ersatz für Fleisch und das titelgebende „Soylent Grün“ als knackige Kekse, die den Rest des Kalorienbedarfes decken. Die Herstellerfirma, der allmächtige Soylent-Konzern, versorgt die ganze hungernde Welt mit den veganen Köstlichkeiten Soja und Linsen und Plankton, aus denen das besonders nahrhafte „Soylent Grün“ fabriziert wird. 

Nicht in ausreichenden Mengen freilich, so dass es immer wieder zu Rebellionen hungernder Menschenmengen kommt, wenn das Soylent Grün ausgeht, ohne dass alle Mäuler gestopft sind. Ersatzweise übernimmt das dann die Polizei, wie Dienstag kommt es regelmäßig zu Ausschreitungen der hungrigen Massen. Dem begegnet die Polizei mit der Wunschstrategie aller Despoten: Mit Schlagstöcken, Pfefferspray und schwerer Räumtechnik werden die rebellierenden von den Straßen geblasen. 

In stiller Apathie

Hestons Thorn sieht das mit stiller Apathie. Wer überleben will in seinem 2022, der muss sein gewissen ausschalten, mitmachen, zumindest nach außen hin der Meinung aller sein, vor allem aber der Meinung der Macht. Der schrecklichen Wahrheit über das grausame Geheimnis, das seine Welt im Innersten zusammenhält, kommt er nur langsam auf die Spur, angefeuert aber schließlich ausgerechnet vom Umstand, dass man ihn  von höchstem Ort anweist, mit seiner Herumschnüffelei aufzuhören. 

Männer, die nicht hören wollen, was ihnen gesagt wird, waren damals noch Helden. Thorn verweigert also konfliktverschärfend seine Befehle. Er forscht und fragt nach dem, was niemand wissen soll, ohne selbst zu wissen, was es ist, selbst als er persönlich ins Visier von Attentätern gerät. Sein Mitbewohner Sol entdeckt sie dann als Erster, beschließt aber, sie mit in den Tod zu nehmen. Auf einer Einschlafstation, die die Gesellschaft Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung stellt, die ihr Dasein als unnütze Esser freiwillig beenden, sieht der alte Mann noch einmal Gras und Felder, Wälder und Tiere. Auf dem Totenbett verrät er Thorn dann alles: Die Leichensäcke mit den Körpern der sozialverträglich Frühablebenden werden zwar zu einer vermeintlichen Müllverwertungsanlage gefahren. Dort aber  werden die Leichen zu „Soylent Grün“ verarbeitet.

Soylent grün ist Menschenfleisch!", schreit der wackere Kämpfer für die Wahrheit am Ende markerschütternd, auf der Flucht angeschossen, verzweifelt und sicher, dass die Mächtigen der Welt alles tun werden, die schockierende Entdeckung verborgen zu halten. 

Eine Verschwörungstheorie das haben die letzten 50 Jahre gezeigt.