Montag, 8. August 2022

Mit Hartz IV ohne Gas: Überlebenstipps für kleines Geld

40 Euro sparen mit einem Klick.

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lles wird immer teurer, seit Putin Deutschland mit Erdgas erpresst und wegen des aktuellen Klimasommers einfach nicht genug Verbrauch anfällt, um spürbare Mengen der raren Ware für den Winter einzusparen.zwar konnte Bundeskanzler Olaf Scholz bei seinem beherzten Auftritt in Mülheim an der Ruhr die dreiste Kreml-Lüge widerlegen, dass die Lieferung der "Turbine des Wahnsinns" (Stimme) nach Russland wegen der westlichen Sanktionen von der Reparatur in Kanada nach Deutschland und von dort aus Finnland nach Russland erfolgen muss.  

Duschtipps und Verdunkelung

Richtung Osten bewegt werden konnte das Aggregat aber immer noch nicht, so dass es langsam Zeit wird, neben Duschtipps und Verdunklung, Doppelbrüh-Empfehlungen für Kaffeesatz und der Hoffnung auf einen lauen Klimawinter handfestere Lebenshilfe vor allem für die zu geben, denen mit der nahenden nächsten und ersten echten Preisexplosion bei Energie, Lebensmitteln und gesellschaftlicher Teilhabe Feinde erwachsen, die sie im Unterschied zu den Nachbarn ab unterster Mittelschicht mit eigenen Einkommen kaum selbst werden bezwingen können.

Natürlich plant die Ampel hier "weitere Entlastungen" (Robert Habeck). Seit im Februar das erste Entlastungspaket die Pendlerpauschale beinahe zurück auf den Stand der Schröder-Jahre katapultierte und für den fernen Herbst eine steuerpflichtige Energiepauschale von 300 Euro in Aussicht stellte, ist die Hoffnung nie geschwunden, dass da noch etwas kommt. Sechs Monate später ist es noch nicht da, es ist auch noch nicht klar, was überhaupt außer der Erdgasumlage wann an  "Entlastungen in Sicht" kommen könnte. 

"Neue Überlebensstrategien"

Das Ratgebernetz Deutschland (RND), eine ganz lose mit der SPD verbundenes Textfabrik aus Hannover, hat nun helfend eingegriffen, um die "Folgen der Inflation" (RND) abzumildern. "Wie Hartz-IV Empfänger mit gestiegenen Preisen überleben können", betitelt das meinungsstarke Portal einen Text, der Punkt für Punkt erklärt,  wie auch der Ärmste der Armen die  um von den "teilweise doppelt so hohen Preise in den Supermärkten" (RND) zu profitieren. "Neue Überlebensstrategien", so die Redaktion, seien gefragt, um "mit dem wenigen, zur Verfügung stehenden Geld" durchzukommen. 

Nein, hier geht es nicht darum gegen Putin zu hungern und mit Alt-Bundespräsident Joachim Gauck zu frieren, sich wie Walter Steinmeier auf einen Wagenpark aus acht ökologisch einwandfreien Hybrid-Limousinen zu beschränken oder darauf zu vertrauen, dass der womöglich eines Tages ausgelobte Gassparbonus zu einem lukrativen Ersatz für die Trittin-Rente und zur bequemen Brücke in die erneuerbare Zukunft wird. 

Allen alles

Wo RND draufsteht ist nicht immer mehr drin, als es den Anschein hat. Doch was geliefert wird, hat zumindest das Zeug, viel mehr Menschen zu erreichen als "Bild, Bams und Glotze", wie der SPD-Problemfall Gerhard Schröder seine Art des Regierens einst beschrieben hat. "Mehr als 60 Medienmarken mit einer täglichen Gesamtauflage von mehr als zwei Millionen Exemplaren und einer Reichweite von sechs Millionen Leserinnen und Lesern", so beschreibt die im politischen Berlin gelegentlich als "Reichsnachrichtendienst" beschmunzelte Contentfabrik selbst, bezögen bereits sogenannte überregionale Inhalte aus den Federn der hauseigenen Kommentäterschar. 

Die hat mit unvergesslichen Werken wie "Steigende Inflationsrate: Ausnahmsweise mal nichts tun" bis zum letzten Atemzug der Illusion vom Daswirdschonwieder zur Beruhigung besorgter Bürgerinnen und Bürger beigetragen, schaltet nun, in der Stunde der größten Not, aber routiniert von Beschwichtigung auf  Beistand um. Für nur einen Euro im ersten Monat, 19,99 im ersten halben Jahr oder nur 24,99 Euro im ersten ganzen gibt es noch viel mehr zu erfahren als dass Wenck nun wohl doch nicht kommt, der gemeine Russe als solcher womöglich einen tiefen "Wunsch nach Grausamkeit"  in sich spüre, weil "in Russland breitere, tiefer reichende soziokulturelle Kräfte" wirken und alle mehr sparen müssen, weil sonst alle mehr werden sparen müssen. 

Auf einen Schlag 60 Prozent sparen

Das RND-Abo ist gerade für finanziell Schwache, die sich im Ostseeurlaub ein "Bier teilen" oder "die Kinderkarte wollen", ein cooler und cleverer Weg, schnell ein erkleckliches Sümmchen zu sparen. Verglichen mit einem Online-Abo des "Göttinger Tageblattes" etwa ist das RND-Abo 58 Prozent günstiger, verglichen mit einer Halbjahresbestellung der LVZ sind es 40 Prozent, selbst gegenüber dem Abo der "Neuen Presse" ist RND noch ein Drittel billiger.

Und das Beste daran: Die Preise sind verschieden, die Inhalte nahezu identisch. Von den Überlebenstipps für die unteren paar Millionen bis zur Enthüllung "Wie lustig ist Sexarbeit - Was uns „Layla“ verschweigt", vom Lob der Gasumlage, die total "viel besser als ihr Ruf" ist, bis zu einem Hohelied auf das Biogas, dem der RND-Experte zutraut, mit "zusätzlichen sieben Milliarden Kilowattstunden Strom" die derzeit von deutschen Kernkraftwerken erzeugten nahezu 70 Milliarden Kilowattstunden Strom "ersetzen zu können" (RND), gibt es an der Quelle alles so günstig, dass die Wiederverkäufer draußen in der Provinz nur hoffen können, dass die "sechs Millionen Leserinnen und Leser" (RND) es nie spitzbekommen.

Sonntag, 7. August 2022

Dunkeldeutschland: Vollendung der Einheit

Nur der Mond beleuchtet Deutschland nächtens noch - er schickt keine Rechnung.

Nun gehen Lichter aus, vorsorglich, aber flächendeckend. Im Zuge der Sparanstrengungen im Überlebenskampf gegen Russland ergreifen immer mehr Kommunen die Initiative. Freibäder werden inmitten des Klimasommers nicht mehr beheizt, Schulen wird mitten in den Schulferien das warme Wasser abgedreht, weltbekannte Mahn- und Baudenkmale müssen an hellen Sommerabende auf ihre Beleuchtung verzichten. Wie erst  die Lage wirklich eingeschätzt wird, zeigt der FC Bayern München, der beschlossen hat, sein Allianz-Arena nicht mehr sechs Stunden am Tag rot anzustrahlen. Sondern nur noch drei.

Großes Gemeinschaftswerk

Es ist ein großes Gemeinschaftswerk, das hier vollbracht wird. Nord und Süd, aber selbst Ost und West ziehen an einem Strang in eine Richtung. Runter mit dem Verbrauch. Rauf mit der Hoffnung,  die Gasspeicher schnell zu füllen. Wie damals, als es galt, gegen dieses und jenes Zeichen zu setzen, indem dies und das bunt angestrahlt wird, wird diesmal gepunktet, indem das Licht ausgeht. Nicht dort natürlich, wo es wenigstens einen kleinen Effekt hätte - das Eröffnungsspiel der Fußball-Bundesliga findet selbstverständlich statt, im Free-TV, damit möglichst viele Fernseher glühen. Und unter Flutlicht sowieso, damit alle alles sehen.

Es geht um den bestmöglichen Start in die Heizsaison, aber auch um einen Rest an Behaglichkeit, ehe es mit Blick auf die EM im Land des Flüssiggaspartners Katar ungemütlich wird. Der Verzicht auf Dusche, Händewaschen, Kühlschrankbier und selbst die geplanten Probebohrungen am Schloss Bellevue, das künftig vielleicht mit reiner Erdwärme beheizt werden soll, könnten knapp nicht reichen. Selbst die Anschaffung von acht Hybrid-Limousinen und vier Fahrrädern für den ersten Mann im Staate machen das Erreichen der deutschen Klima- und Energiesparziele kaum realistischer.

Leute mit Ideen

Wenigstens aber haben Greenpeace und die Deutsche Umwelthilfe Ideen, wie es besser gehen könnte als mit freiwilligem Verzicht. Wie Spanien solle Deutschland gesetzliche Vorgaben zum Energiesparen erlassen, um "der Verschwendung von Energie hierzulande ein Ende zu bereiten", diktierte DUH-Vereinschef Sascha Müller-Kraenner Reportern des SPD-eigenen Redaktionsnetzes Deutschland.  Martin Kaiser, Vorsitzender des Vereins Greenpeace Deutschland, der zuletzt fast ein Drittel seiner Spenden für Verwaltung und Spendenwerbung ausgab, forderte von Bundesschaftsminister Robert Habeck, "den Aspekt der Freiwilligkeit aus dem Energiesicherungspaket zu streichen und in die verpflichtende Umsetzung im öffentlichen und industriellen Bereich zu kommen".

Durchgreifen statt betteln, anweisen statt bitten und keine großen Diskussionen mehr, ob und wann und wer wie viel. Preissignale, die die Nachfrage nach Waren je mehr senken, je teurer sie werden, es genießt im progressiven Berlin wie im progressiven Hamburg kein großes Vertrauen mehr, seit die neue CO2-Steuer keinerlei Verhaltensänderung bei irgendwem auslöste, obwohl ihre versprochene vollständige Rückzahlung an die durch die Mehrkosten geplagten Bürgerinnen und Bürger ein Versprechen blieb wie die Abschaffung der Sektsteuer im Kaiserreich, wenn nur erst die deutsche Hochseeflotte mächtig genug geworden sei.

Mit oder ohne Bundessparbefehl

Kommt der Bundessparbefehl, wird es schneller gehen. Kommt er nicht, dauert es womöglich doch bis zu dem Tag, an der letzte Gas- und Stromkunde seine neuen Vertragsbedingungen mitgeteilt bekommen hat. Dann gehen die Lichter aus, überall und solidarisch. Dunkeldeutschland wird nicht mehr nur der Osten sein, sondern überall. Die "gleichwertigen Lebensverhältnisse“, die seit der Verfassungsreform von 1994 weitsichtig die "Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse" ersetzt haben, von denen die Verfassungsmütter und Väter 1949 noch geträumt hatten, sie sind dann da. Man wird sie nur nicht sehen können.

Putinflation: Bin ich rechtsextrem, wenn ich meine Rechnungen nicht mehr zahlen kann?

Demonstrativ in Sack und Asche gekleidet versuchten vergangene Woche Rechtsextremisten im sächsischen Pulversdorf eine Massenmobilisierung, diesmal gegen die steigenden Preise.

Erst missbrauchten sie die amerikanische Finanzkrise, um gegenstandslose Befürchtungen vor einem Zusammenbruch des Geldsystems zu schüren, dann marschierten sie gegen die Flüchtlingskrise und zuletzt machten Rechtsextreme, Rechtsextremisten und Rechtsradikale bei den Corona-Demos gemeinsame Sache mit Querdenkern, Impfleugnern, Zweiflern an den Infektionsschutzmaßnahmen und renitenten Sachsen. Nur durch die große Besonnenheit der zuständigen Organe gelang es, die Protestbewegung einzuhegen, so dass sie folgenlos verebbte wie zuvor schon "Occupy Wall Street" und "Fridays for Future". 

Gefahr für das Gemeinwesen

Doch kaum hat sich die Lage beruhigt, droht dem demokratischen Gemeinwesen neue Gefahr. Mit der von rechten Kreisen als "Gaskrise" bezeichneten Transformation Deutschlands zu einer winterfesten Sparnation ohne Abhängigkeiten von despotischen Lieferregimes rücken erklärte Feinde der Verfassungsordnung die zuletzt etwas über die die von der europäischen Zentralbank gezogene Zielmarke von zwei Prozent gestiegenen Preise in den Mittelpunkt ihrer Mobilisierungsbemühungen. "In ihren Netzwerken fantasieren sie von Umsturz und einem drohenden Bürgerkrieg", konnte das frühere Nachrichtenmagazin Der Spiegel recherchieren, nachdem Bundesinnenministerin Nancy Faeser eine entsprechende Spur gelegt hatte. 

Diejenigen, "die schon in der Coronazeit ihre Verachtung gegen die Demokratie herausgebrüllt haben und dabei oftmals Seite an Seite mit Rechtsextremisten unterwegs waren", so die zuletzt auch als Außenpolitikerin tätige SPD-Frau, würden nun "die stark steigenden Preise als neues Mobilisierungsthema zu missbrauchen versuchen."

Drastische Diagnose

Eine Diagnose, die vielen Menschen Angst macht, Angst vor allem vor der eigenen Angst. Nach einer Umfrage ist es der Bundesregierung mit den zuletzt getroffenen Be- und Entlastungsmaßnahmen zwar gelungen, die Furcht vor dem Rechtsextremismus als bis dato größter gefühlter Gefährdung erstmals auf Platz zwei der Volksängste zu verdrängen. Dafür aber zeigt sich nun jeder Zweite empfänglich für rechtsextreme Botschaften, die zu Protesten gegen galoppierende Inflation und unbezahlbare Energiepreise führen könnten.

Mit Herrnfried Hegenzecht, der als Chef des Bundesblogampelamtes (BBAA) im mecklenburgischen Warin auch oberster deutscher Meinungsfreiheitsbeamter ist, hat PPQ Lesendenfragen diskutiert, in denen es um die gesellschaftlich richtigen Verhaltensweisen geht, die im ersten Winterohnegas gezeigt werden sollten, um auf der sicheren Seite zu sein. Fünf Fragen, fünf Antworten die Halt geben in schweren Zeiten.

1) Bin ich gefährdet, das Vertrauen in die Demokratie zu verlieren, wenn ich Angst vor Geldentwertung und hohen Preisen habe?

Hegenzecht: Dem ist natürlich nicht generell so. Angst vor hohen Preisen ist eine ganz menschliche Regung, vor allem in der ersten Phase der Umstellung. Da beginnt ja erst ein Gewöhnungsprozess, der etwas braucht. Dann schwingt sich das langsam ein, jeder Schweiz- oder Norwegen-Urlauber kennt das. Es gilt aus unserer Sicht als Meinungsfreiheitsschutzbehörde, zur Ruhe aufzufordern. Nicht gleich ärgern, bloß nicht gleich empören. Aller Erfahrung nach lässt der anfangs als unerbittlich und bedrohlich empfundene Leidensdruck binnen kurzer Zeit nach und Gewöhnung setzt ein.

2) Ich habe mein Leben lang gearbeitet und gespart, um im Alter das Leben in Ruhe genießen zu können. Jetzt bangt mir vor meinen letzten Jahren, auch wenn ich unter Freunden und in der Familie natürlich nicht darüber spreche. Zeigt sich da bei mir schon eine Anfälligkeit für rechtsextremes Gedankengut?

Hegenzecht: Das kann man so pauschal nicht sagen, aber ein Alarmsignal ist das schon. Wir als Garanten eines erweiterten Meinungsfreiheitsschutzes schauen selbstverständlich gerade da genau hin, wo die ersten Befunde unauffällig zu sein scheinen. Dadurch bemerken wir oft solche Phänomen, die Sie bei sich entdeckt haben: Man entdeckt, dass man Zweifel hat, ob nicht alle Mühe, alle Anstrengung, aller Einsatz vergebens waren, über Jahrzehnte! Man fürchtet, dass man vor dem Nichts steht! Das verstehe ich, aber ich warne davor, solchen Urängsten nachzugeben. Erst der, der das tut, begibt sich wirklich auf das dünne Eis einer Anfälligkeit für extremistische Einflüsterungen. Ich persönlich empfehle Ablenkung: Genießen Sie das Leben, so lange das noch geht! Gehen Sie ins Kino, so lange noch Strom da ist, ins Restaurant, so lange dort noch gekocht werden kann!

3) Ich habe mich seit Monaten beharrlich gegen Diskussionen verwahrt, in denen Zweifel an der Fähigkeit der Bundesregierung und der EU-Behörden geschürt wurden, die aktuelle Lage in den Griff zu bekommen. Ich war fest überzeugt, dass es genügend Rettungspakete und großzügige Überlebenshilfen für alle geben wird. Jetzt aber habe ich eine Tarifmitteilung meines Versorgers bekommen und ganz ehrlich: Ich kann das nicht bezahlen! Und offenbar gibt es für mich auch keinerlei Hilfen. Bin ich jetzt ein Rechtsextremer? Das würde mich wirklich entsetzen.

Hegenzecht: Ihr letzter Satz macht mir Mut. Auch wenn viel dafür spricht, dass da bei Ihnen etwas ins Rutschen gekommen ist. Ich finde es lobenswert, wie Sie den Putin-Trollen, den Rattenfängern der Linkspartei und den fünften AfD-Kolonnen des Kreml offenbar mutig widersprochen haben, ich will sie aber zugleich warnen: Wirklicher Glaube zeigt sich nicht an schönen Tagen! Das gilt auch für den an unsere Demokratie, der gerade dann fest und unerschütterlich sein sollte, wenn ihre Feinde zur letzten Schlacht gegen sie trommeln. Nur dass Menschen wie Sie bei den ersten drei Hilfspaketen nicht bedacht worden sind und womöglich auch bei vier, fünf und sechs noch nicht dran sind, heißt doch nicht, dass man Sie vergessen hat. Nein, vielmehr vertraut die Regierung ihnen so weit, dass sie sagt, diese Menschen, die stehen so fest hinter uns, die werden ihre Last selbst schultern. Ich nenne das "das kleine Bundesverdienstkreuz". Bleiben Sie im Herzen so stark, dann habe ich Hoffnung für Sie, dass Sie dem druck widerstehen können.

4) Ich sehe in Anquatschversuchen von Freunden, Familienmitgliederinnen und Kolleg*/innen zum Thema der angeblichen Gefahren durch die vermeintlich steigenden Preise den Versuch einer neuen Massenmobilisierung von rechts. Für mich unübersehbar, wie Rechtsextreme und Vordenker aus dem „Querdenker“-Milieu mit Warnungen vor Blackout, Energie-Lockdown und unbezahlbaren Rechnungen Abstiegsängste anheizen und den Frust derer instrumentalisieren, die nicht wissen, dass Preissignale genau das sind, was uns bei Transformation und Energieausstieg hilft. Aber Sie als Fachmann müssen sagen: Ist es besser, auf solche Gesprächsangebote nicht zu reagieren? Oder soll man versuchen, inhaltlich zu argumentieren und zu aufklären?

Hegenzecht: Ich muss Sie enttäuschen. Aus unserer Sicht ist beides falsch. Das Ignorieren von Latrinenparolen aus Moskau führt in der Regel dazu, dass die Betroffenen, die da irgendwelchen Kremllügen auf den Leim gegangen sind, noch mehr als vorher glauben, alles richtig zu wissen. Wollen Sie ihnen das aber ausreden, führt das dazu, dass sie sich mit ihren absurden Argumenten von der selbstgemachten Energiekrise, von den angeblichen milliardenschweren Übergewinnen des Finanzministers allein durch die explodierenden Umsatzsteueranteil bei Gas und Strom und ähnliche Verschwörungsparolen ernstgenommen fühlen. Im Grunde, so hart das ist, hilft nur eines: Machen Sie den Betroffenen klar, dass jeder, der so redet, abgedriftet ist in ein rechtsextremes Milieu, in dem er wissentlich wahrscheinlich gar nicht sein möchte. Appellieren Sie an die Moral dieser Menschen! Geben Sie keinen verloren, aber machen Sie auch keine Kompromisse. Wer umkehrt, glaubwürdig umkehrt und abschwört, der ist willkommen.


Samstag, 6. August 2022

Zitate zur Zeit: Vom lächelnden Frieden

"Flammender Frieden", München 2021

Was meinen Sie mit "gewinnen"? Niemand gewinnt einen Krieg. Man hört immer rechtzeitig auf, damit man nach einer angemessenen Zeitspanne wieder einen neuen Krieg anfangen kann. Steht zu viel auf dem Spiel, wissen Sie. Geschäft, Geld, das große Geld.

Stefan Heym, "Of Smiling Peace", London 1945, "Flammender Frieden", München 2021


 

Bundesspardirektor: Antreten zur Askese

Die gesundheitsfördernden Wirkungen von Entsagung und Askese sind schon lange bekannt.

Noch sieht alles ganz ruhig aus zwischen Alpen und Nordsee, zwischen der Grenze um EU-kritischen Polen und Frankreich, das auf eine schwere Energiekrise zusteuert. Doch während Deutschland im Urlaub ist, bereitet das politische Berlin einen heißen Herbst vor: Die Energiepreise werden explodieren, große Teile der Bevölkerung dann "mehr ausgeben als sie verdienen", wie Wirtschaftsklimaminister Robert Habeck vor Wochen bereits verraten hat. Eine neue Protestwelle könnte vor allem Ostdeutschland, wo es wegen der Nähe zu Russland besonders kalt werden kann, aus den demokratischen Angeln werfen. Der Boden dafür ist längst bereitet.

Erste schlimme Zeichen

Ein kleiner Rentner*innen-Aufmarsch ist es vorerst nur, in dem die Süddeutsche Zeitung ein Wetterleuchten erkennt für kommendes Unheil. Geschürt von den eingeschworenen Feinden der Gemeinschaft, verweigern die wohlstandsverweichtlichten Sächsinnen und Sachsen die Teilhabe am freiwilligen Energiesparen, viele berufen sich auf Entbehrungen, die sie zu DDR-Zeiten unter der Knute der sozialistischen Herrscher hatten erdulden müssen. Aus dem "Nie wieder" der stabilen westlichen Demokraten wird im Osten ein "Nicht schon wieder", das Erkenntnissen von Bundesinnenministerin Nancy Faeser zufolge zu radikalen Protesten mit Plakaten, ablehnenden Sprechchören und eindeutigen sozialen Gesten führen könne.

Kaum zu vermeiden, wenn die Erdgasspeicher leer bleiben und die Erzeugung von grünem Wasserstoff weiterhin nur mit Tippelschritten  vorankommt und der Preis des aus Wind und Sonnenstrom erzeugten nachhaltigen Erdgasersatzes auch nach der Explosion der Erdgaspreise noch dreimal teurer ist. In einem Grundsatzpapier der Meinungsfreiheitsschutzabteilung (MFSA) des Bundesblogampelamtes schlagen Mitarbeitende der Kommentarprüfungskommission (KPK) deshalb jetzt eine ebenso umfassende wie radikale Lösung vor: Die Wiederberufung des ehemals erfolgreich amtierenden Generalinspektors für Wasser und Energie, dessen Tätigkeit durch die Neufassung  des Energiewirtschaftesgesetzes im Jahr 1998 die Grundlage genommen worden war.

Nationale Anstrengungen

Ursprünglich 1935 eingerichtet, um die nationalen Anstrengungen durch den Ausschluss des Wettbewerbs auf das Ziel zu fokussieren, "die Energieversorgung so sicher und billig wie möglich zu gestalten", berief die damalige Reichsregierung 1941 erstmals einen eigenen Generalinspekteur, um die Aufsicht über die dezentralisierte Energieversorgung zu vereinheitlichen und Netzbetrieb und Energielieferung zentral zu führen. Ein natürliches staatliches Monopol, das "volkswirtschaftlich schädigende Auswirkungen des Wettbewerbs" verhindert und die auch damals bereits notwendigen Anstrengungen im Ringen mit dem Russen gestärkt werden sollten.

Auch der neuberufene Generalinspekteur Wasser und Energie (GWE), so die Initiativstudie aus dem BBAA, solle weitreichende Befugnisse erhalten. Eingestuft im Range eines der zahllosen Beauftragten der Bundesregierung, könne der GWE einerseits Sparauflagen verhängen, andererseits aber durch eine starke Betonung des gemeinwohlfördernden Charakters von Verzicht und Askese bei Fernsehauftritten und in Medieninterviews klarstellen, dass jeder gefordert ist, mitzumachen. 

Vorbild Corona-General

Der Bundesspardirektor hätte damit ähnlich weitreichende Befugnisse wie Olaf Scholz' Corona-General, dem es gelungen war, die verpassten Impfziele des Kanzlers so lange für erreicht zu erklären, bis niemand mehr nach einer Impfquote fragte.  Mit regelmäßigen Spar-Updates  zum Bundesverdunklungsstand und einem Energie-Dashboard im Internet, betreut vom funkelnagelneuen Kompetenzzentrum Wärmewende, könne es gelingen, bis zum Beginn der Heizperiode im Herbst ausreichend viele Gebäude zu verdunkeln, um mit dem Ersparten über den Winter zu kommen, wenn das Wetter mitspielt.

Freitag, 5. August 2022

Blackout für die Quote: Wie das ZDF vor Stromausfällen Stimmung macht

Das "Morgenmagazin" reitet in einen Baumarkt ein und begleitete verängstigte Frostbürger*innen beim Energiesparshoppen am Durchlauferhitzerregal.  Die "Tagesschau" meldet Sparanstrengungen aus Spanien, die die Frostflanke der EU im Norden stärken sollen, wenn es zu einem russischen Winter kommt. Der "Spiegel" würde selbst zu Fracking-Gas aus eigenem Anbau greifen, entspönne es die Lage. Jetzt, wo die Grünen die CDU als die "deutsche Staatspartei" (Spiegel) abgelöst haben, ein Ziel, auf das Tausende Kolleginnen und Kollegen in Millionen Texten, Filmchen und Moderationen über Jahrzehnte hingearbeitet haben, kann doch nicht alles an der Realität scheitern!

Liberaler als der Volksaufstand

Nein, die Grünen, sie sind "liberaler als die FDP" (Spiegel), genialer als Merkel war, lernbereit, linker als die Linke, aber rechter als die SPD. Sie "schauen auf die Probleme dieser Zeit und suchen pragmatisch nach Lösungen", lobt das Magazin den Wandel der  ehemals pazifistischen Partei hin zum Bekenntnis für weltweiten Waffenhandel, zu einer konfrontativen Außenpolitik auf der Basis des Feminismus und eine vorübergehende Nutzung von klimagiftigem Kohlstrom, bis die akute Bedrohung eines Machtverlustes wegen "Volksaufständen" (Annalena Baerbock) überstanden ist.

Doch nicht überall in deutschen Medienhäusern wird so engagiert für das gemeinsame Ziel einer russlandfreien, nachhaltig klimaneutralen und naturgesunden Energiepolitik gearbeitet. Das ZDF etwa schürt aktuell die "Angst vor dem Strom-Blackout" (Spiegel), indem der Sender vermeintlich nützliche Tipps für den Fall eines Stromausfalles gibt. Dabei handelt es sich allerdings um eine bekannte Methode von Rattenfängern aus einer bestimmten Ecke, deren Vertreter versuchen, "mit der Warnung vor einem massiven Stromausfall Stimmung zu machen", wie der "Spiegel" bereits im Mai in einer Handreichung für verunsicherte Bürgerinnen und Bürger feststellte.

Keine Gefahr, nur durch Prepper

Sogar schon viel länger ist klar, dass es "keine erhöhte Gefahr von Blackouts durch die Energiewende" gibt, wie Prepper im Netz behaupten. Zwar fielen mit der Abschaltung der Kern- und Kohlekraftwerke die derzeit betriebene sogenannte Momentanreserve weg - mehrere hundert Tonnen schwere, rotierende Generatoren, die in ihrer Bewegung Energie speichern, die dafür sorgt, dass sich das Netz im Falle von Ausfällen stabilisieren kann. Doch sind diese Schwungmassen im Laufe der Energiewende  verschwunden, so die Übertragungsnetzbetreiber in einer Stellungnahme, würden sie einfach "durch neue und teilweise auch bekannte technische Lösungen ersetzt werden." 

Zu den teilweise bekannten Lösungen kommen teilweise auch unbekannte Lösungen, die noch gefunden werden müssen. Deutschland als Land, in dem Diesel- und Benzinmotor erfunden wurden, das Telefon, der Wasserhahn und der Bundschuh, bietet sich als idealer Standort an, solche Möglichkeiten zu finden - behindert wird die Arbeit der Ingenieure, Innovatoren und Inkubatoren aber eben durch die Verunsicherung, die der neue Trend zur Blackout-Berichterstattung schafft. 

Horrorszenarien in den Leitmedien

Längst nutzen die Hetzer, Hasser und Zweifler für ihre Untergangsphantasien nicht mehr nur die üblichen Kanäle, tief verborgen im Netz, sondern auch die bei vielen Lesenden und Zuschauenden immer als seriös geltenden Leitmedien. Beim ZDF wird ein "Horrorszenario" beschworen, das nun vielleicht aber auch eine "reale Gefahr" sein soll. Der Bayrische Rundfunk beschreibt E-Autos als Versorgungsgefährdung und malt mit kräftigen Strichen das Bild einer Elektro-Apokalypse mit anschließender Atom-Anarchie.  Anderswo werden heizlüftende Familienväter für den drohenden Zusammenbruch verantwortlich gemacht. In der Bild-Zeitung ist die verunsichernde Hetze von gestern ein "Extrem-Blackout", in einem deutschlandweit gestreuten Text des SPD-eigenen RND namens "Bei drei Tagen tut es richtig weh" betet ein "Experte" die Prepperparolen der vergangenen Jahre nach.

Es klingt, als könne es niemand mehr abwarten und als versuchten alle zusammen mit aller Kraft, Anhänger der Rechtsextremen für einen deutschen Wutwinter zu mobilisieren, wie der "Spiegel" die plötzliche Liebe der Medienbranche zu Schwarzmalerei und Aufrufen zur Krisenvorsorge analysiert. Alleingelassen von einer Bundesregierung, die sich weigert, in bewährter Weise Rat und Anleitung zu geben, damit ihre Politik nach unten, dort, wo die Leute sind und Kanonenofen in ihre Wohnzimmer schrauben, noch besser erklärt werden kann, finden nur wenige Medienvertreter noch die innere Stärke, nicht auf den Zug der Akzeptanz der Möglichkeit eines "gravierenden Stromausfalls" (Tagesschau) aufzuspringen, sondern beruhigend auf die Menschen einzuwirken. 

Vorbild Robert Habeck

Viele andere haben bei Robert Habeck genau hingeschaut, dessen Strategie der Ankündigung des nahen Eintritts des jeweils größten denkbaren Schadens ihn zum beliebtesten Politiker Deutschlands gemacht hat. Ein Vorbild, das in Mediendeutschland wie ein Freibrief genutzt wird, auch weil immer wieder auf untaugliche Konzepte aus der traditionellen Mathematik zurückgegriffen wird, deren Tiefenschärfe gar nicht ausreicht, die Wirkmechanismen Grüner Physik zu erfassen. Es braucht hier ein Umdenken, eine Selbstreinigung, die gesunden Kräfte, die dem Zweifel an allem, was eben noch richtig und gut und ein Vorbild für die Welt war, zu widerstehen vermögen. Nur so wird Deutschland den Winterohnegas ohne eine Blackout-Angst überstehen, die am Ende nur den Falschen nützt.


Was macht eigentlich: Die Pandemie?

Weltgeschichtlich gesehen hatte die Corona-Pandemie ihre "15 Minuten Ruhm" (Andy Warhol).

Der nächste Untergang kommt, die nächste größte Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg, spätestens im Herbst und dann im Winter, wenn alles wieder von vorn losgeht, nur schlimmer. Acht Monate nach dem Peak Lauterbach ist die Pandemie weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden, nur gelegentlich bricht der alte Streit der Weltanschauungen noch aus: Muss Vater Staat jedem persönlich eine Maske umbinden? Oder reicht es, wenn er nicht verbietet, eine zu tragen? So lange niemand genau sagen kann, ob und wenn wie sehr das wirkt?

Schlacht im deutschen Teilungsmedium

Der Ausgang ist unentschieden, die Schlacht aber tobt auch nur noch in den wenig beachteten Kommentarspalten von Twitter, dem deutschen Teilungsmedium. Hierher haben sich die Talibankrieger der Seuchenzeit zurückgezogen, hier fechten die immer noch ihre Kämpfe aus, die zur Überzeugung gekommen waren, dass Corona gekommen ist, um die Menschheit zu prüfen. Sei dafür oder dagegen und sei dann fest im Glauben! Der Gott der Gesundheit kennt die Seinen!

Außerhalb der virtuellen Schlachtfelder lässt der Schmerz spürbar nach. Der "Spiegel", das Nachrichtenmagazin, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Verharmlosern und Volksverwirrern die Maske vom Gesicht zu reißen, hat die Pandemieberichterstattung mittlerweile ebenso eingestellt wie die "Tagesschau", die mit ihrer letzten regelgerechten Corona-Meldung am Tag vor Kriegsausbruch das Signal gegeben hatte, dass die Gelegenheit günstig ist wie nie.

Petitessen der Nachsorge

Selbst für die Süddeutsche Zeitung, eine Art Taz für reiche Leute, reicht es nur noch für Erwähnungen, wenn es um Petitesssen bei der Nachsorge geht. Die Welt, sie dreht sich nun so rasend schnell um die deutsche Gasversorgung, um drohende Kälteaufstände und Hungerrevolten und um Armutsaufstände,  wie sie zuvor zwei Jahre lang um das Virus kreiste. 

All die Erinnerungen an das Schicksal der Welt, das sich hierzulande an der Frage entscheiden sollte, ob sich Pfleger Kevin aus Olbernhau irgendwie doch noch dazu zwingen lassen würde, sich eins, zwei, drei schützende und pflegende Spitzen verabreichen zu lassen, sie sind verblasst. Die Impfpflicht, sie gilt nicht. Die Behörden, die sie durchsetzen müssten, hoffen, den Papierkram bis Dezember nicht schaffen zu können. Ab Januar wäre die Geltung dann wieder keine mehr und rein rechtlich alles in Ordnung.

Kommt Zeit, kommt Rat auch ohne Tat

In Stein gemeißelte Erkenntnisse wie die, dass es für Wohl und Wehe der Menschheit bedeutsam  sei, alle deutschen Kohlenmeiler so schnell wie möglich abzuschalten, gelten nicht mehr. Kommt Zeit, kommt Rat auch ohne Tat, die Prämisse, nach der Angela Merkel das Land 16 Jahre lang regierte, sie hilft auch ihrem Nachfolger Olaf Scholz beim Wirtschaften. Der Ruf nach Schwerenwaffen, er ist verstummt wie zuvor der nach einer vierten Pflichtimpfung, die Klimakinderbewegung macht ausdauernd Ferien, die EU-Klima- und Gesellschaftsumbaupläne liegen auf der langen Bank und mangels engagierter Gegner müssen Faktenchecker ihre Falschmeldungen nun selbst verbreiten.

Die gesellschaftliche Aufmerksamkeit, sie gilt nun allein einem Thema, das Millionen Menschen viel mehr Angst macht als eine Corona-Infektion. Ein kalter Winter, in dem das Geld nicht reicht, die Stube zu heizen. Der Beginn einer Zeit, in der die vom Bundeskanzler verkündete "Zeitenwende" das eigene Wohnzimmer erreicht und sich alles, was man sich im Leben zusammengespart hat, in Windeseile in "Sondervermögen" mit einem Minus vor der Zahl verwandelt. Weg der Wohlstand, weg die Bequemlichkeit, weg die warme Dusche und das Angesparte, weg der Strom und weg die Hoffnung auf einen Ruhestand, in dem man die Beine hochlegen und dem hektischen Treiben der Bedauernswerten  zuschauen wird, die verurteilt sind, weiterhin am verrückten Tanz um die korrekte Haltung teilzunehmen. 

Die Pandemie, das Schreckgespenst der zurückliegenden zwei Jahre, sie hat ihre Bedrohlichkeit verloren angesichts einer Perspektive, die als noch viel bedrohlicher empfunden wird.

 


Donnerstag, 4. August 2022

Neue Corona-Regeln: Pandemie der Ungeimpften

Impffortschritt nach BUndesland Grafik
Noch müht sich das amtliche Impfdashboard, Fortschritte bei der Impfkampagne zu zeigen. Am 1. Oktober aber wird die Impfquote über Nacht dramatisch einbrechen.

Sechs Wochen noch, dann ist alles vorbei. Sehenden Auges wird Deutschland zurückschlittern in den Ausnahmezustand der Pandemiejahre, ungebremst von wirksamen Maßnahmen, ungeimpft und ohne Hoffnung. Der Winter, er wird nicht mehr nur kalt, er wird auch von erschreckenden Zahlen geprägt sein, die letztenendes ausgerechnet der Gesundheitsminister zu verantworten haben wird, der sich selbst als Vorkämpfer des umfassenden Vakzingebrauches versteht, der seinen Posten seiner Hartnäckigkeit beim Anmahnen einer möglichst hohen Impfquote verdankt - und der jetzt, in der Stunde kurz vor der nächsten Not, höchstpersönlich dafür gesorgt hat, dass das Land nahezu ungeimpft ins dritte Pandemiejahr taumeln wird.

Ungeimpft in den Winter

Ein Versehen womöglich, denn ein Großteil des Sachverstandes der Berliner Ministerien ist mit Stresstests der Energieversorgung, mit der Beschaffung Schwererwaffen und - immer noch - mit der Umstrukturierung der Ressorts nach der Regierungsbildung beschäftigt. Nur so erklären sich Details der neuen Corona-Regeln, mit denen Karl Lauterbach und sein FDP-Kollege Marco Buschmann das Land vor einer vernichtenden fünften oder sechsten Welle im Winterohnegas bewahren wollen.

Im Kompromiss zwischen Freiheit und staatlicher Fürsorge geht es wieder zurück zu Masken, Abstand, Händewaschen, Homeoffice und Testregime, vor allem aber sehen die neuen, alten "Maßnahmen" für die fast 65 Millionen Geimpften im Land eine stufenweise Aberkennung  des Impfstatus vor. Deutschland verwandelt sich ab Ende September von einem Staat, dessen führendster Fachminister nicht müde wird, eine viel zu geringe Impfquote zu beklagen, in Windeseile zurück zu einem Gemeinwesen, in dem die Ungeimpften eine erdrückende Mehrheit stellen.

Stichtag für Entimpfung

Stichtag für die erste Welle der Entimpfung von Millionen ist der 30. September. Zwölf Millionen Frauen, Kinder und Männer, die seit dem Beginn der großen Bundesimpfkampagne zwei Impfungen erhalten haben, gelten den neuen Regeln zufolge ab 1. Oktober wieder als ungeimpft. Ausgenommen sind derzeit gemäß der EU-Verordnung 2021/953 noch "Minderjährige unter 18 Jahren", deren Impfzertifikate im Augenblick noch "unbegrenzt" (Bundesgesundheitsministerium) gelten, auch wenn die Besitzer nur zweimal geimpft sind.

Für Deutschland aber zeichnet sich ein verheerenden Impfrutsch ab. War schon die bisherige Beteiligung an der großen Impfkampagne so mau, dass nur kreative Mathematik der Bundesregierung  half, Erfolge zu verkünden, sinkt die Impfquote wegen der auslaufenden Gültigkeitsdauer von Millionen Impfnachweise nun schlagarzig von 75 auf nur noch 60 Prozent. Und auch das ist nur ein Anfang: Nach den neuen Infektionsschutzregeln, die die Ampel plant, ist künftig eine Corona-Impfung aller drei Monate notwendig, um als vollständig Geimpfter gleichgestellt zu sein mit einem frisch Getesteten. Älterere Impfungen zählen dann nicht mehr.

Pandemie der Ungeimpften

Bereits mit Beginn des Herbstes wird Corona damit zur Pandemie der Ungeimpften. Anfang November werden nach den derzeitigen Zahlen der Verabreichung von neuen Impfungen nur noch etwa 24 Millionen Bürgerinnen und Bürger als vollständig geimpft gelten, Anfang Dezember sind es dann nur noch 12 Millionen und mit dem Neujahrs sinkt die Impfquote dann auf nur noch knapp über 20 Prozent. 270 Tage später, das hat die EU-Kommission bereits vor Monaten durch einen sogenannten "delegierten Rechtsakt für das digitale Impfzertifikat der EU" beschlossen, wären es dann nur noch 15 Prozent. Gesetzt den Fall, wenigstens 13 Millionen Bürgerinnen und Bürger haben sich bis dahin entgegen der Empfehlung der Ständigen Impfkommission ihre vierte, fünfte und sechste Impfung verpassen lassen.

Hilfreich wäre das, vor allem für den Abbau der Impfstoffreserven, die Karl Lauterbach in Erwartung eines "harten Corona-Herbstes" (Lauterbach) bestellt hat. Die Hoffnung des Gesundheitsministers, der mit seiner neuen Drei-Monats-Regel klar gegen die geltenden EU-Vorgaben zur Anerkennung der Gültigkeit von sogenannten "vollständigen Impfungen" verstößt, liegt offenbar darin, die schreckliche nächste Welle, die er Mal um Mal herbeizupredigen versucht, endlich einmal zu bekommen. 

Turbine Potsdam: Viel mehr als ein Foto

Natürlich ist es viel mehr als ein Foto. Wenn Olaf Scholz reist, dann nie nur so und niemals nur für ein Bild. Nach Kiew ist er deshalb nicht gefahren, zuletzt nach London, wo er seine Liebe zum Frauenfußballfußball entdeckte, ist er gereist. Nun ging es ins Rheinland, dorthin, wohin es die sagenhafte Erdgas-Turbine verschlagen hat, an der Deutschlands Wohl und Wehe hängt.

Am Lagerplatz des Großgerätes

Der Bundeskanzler besichtigt eine Ausrede", beschreibt die FAZ die Szenerie, die sich am Lagerplatz des Großgerätes bietet. Vorn der kleine Sozialdemokrat, der so große Macht hat. Dahinter die große Maschine, die er aus Kanada loseisen konnte, nachdem er versprochen hatte, dass sie nicht den Russen überlassen wird, sondern nur nach Deutschland geliefert werden soll. Alles andere wäre ja ein Bruch der härtesten Sanktionen aller Zeiten gewesen, die Olaf Scholz jeden Tag hervorragend wirken sieht.

Die Turbine für Nord Stream 1 nun einfach aus Deutschland nach Russland zu liefern, geht eben wegen der Sanktionen aber auch nicht. Man hat keine gemeinsame Grenze. Und wer weiß, was die Polen täten, bekämen sie das Teil in die Finger. Fliegen? Unmöglich. Aber weiterhin dulden, dass Russland seine viel zu geringen Gaslieferungen damit begründet, dass die Turbine eben wirklich fehle, geht auch nicht.

Schmuggelweg über Finnland

Man hatte sich im Kanzleramt einen Schmuggelweg über Finnland ausgedacht, weit außen rum, dorthin, wo keine Kameras stehen. So will Putin das Teil aber nicht haben. Wenn schon, denn schon, dann aber mit Schleife und Posauenchor, einem schönen Abnahmeappell beim Umladen auf russische Waggons und einer Pressekonferenz im Anschluss, auf der beide Seiten erklären, dass das mit den Sanktionen wohl doch keine ganz so gute Idee gewesen ist.

Die aber kann sie Olaf Scholz so wenig leisten wie eine weitere Verzögerung des Hochfahrens der Gaslieferungen, die Sachsen, Querdenker und Ungeimpfte ihm in Rechnung stellen. Im Kanzleramt saßen sie deshalb nun zusammen, der engste Kreis, die gerissensten Kommunikationsdesigner, die führenden Beamten der Bundesworthülsenfabrik und die Wahlkampfmanager, die wissen, wie sich eine gute Tat am besten verkauft. Die Idee, Olaf Scholz selbst zum Beweis der Existenz der sagenhaften Turbine direkt vor das monströse Teil zu stellen, um zu beweisen, dass sie "zum Transport nach Russland bereitsteht" (n-tv) muss ihnen allen genial erschienen sein.

Putins Lügen

Putins Lügen, Gazproms Ausflüchte, die angeblich fehlenden Papiere - der entschlossene Blick des Mannes aus Potsdam, wo, so viel Humor hat Gott selbst in diesen dunklen Zeiten, die Frauenfußballmannschaft von Turbine spielt, würde all das widerlegen. "Seit Mitte Juni versucht die Bundesregierung das Gerät zurück zu Gazprom zu bringen", klagt der "Tagesspiegel", obwohl die Turbine Ende Juni sogar noch in Kanada war. Aber Wollen  ist ja wie machen, nur mit ganz anderen Buchstaben. 

Der Erfolg blieb aus, zur Freude der ukrainischen Freunde. Der Erfolg der Turbinenbesuches aber wird den gordischen Knoten nun lösen und die "Hängepartie" mit Putin beenden. Jetzt, wo Olaf Scholz die Existenz der Turbine bewiesen hat, bleibt dem Kreml-Herrscher, der gerade wieder tödlich an FR erkrankt ist, keine Ausrede mehr. Er muss sie umgehend zurücknehmen, "das Ding ist perfekt" hat der Turbinenschlosser Scholz nach kurzer Blickprüfung diagnostiziert. Alles war nur ein Bluff Putins, ein selbst in Zeiten angespannter Beziehungen verbotener Kniff, der nun vor den Augen der Welt in sich zusammenfällt.

Mittwoch, 3. August 2022

Zitate zur Zeit: Angriff aus der Trollfabrik

Entmenschte Protestler wie dieser könnten im Herbst wieder mobil machen - auf Geheiß Moskaus.

Man kann getrost davon ausgehen, dass bei der Stimmungsmache gegen die Demokratie erneut aus Russland gesteuerte Trolle aktiv werden. 

Eva Quadbeck vom SPD-nahen RND sieht mit der absehbaren Verschärfung der Energiekrise und der galoppierenden Inflation eine Mobilisierung von Querdenkern und anderen Staatsfeinden  durch russische Trollfabriken voraus.

Neu im Krisenregal: Das Stromproblem


Eine Kurve, die jeden Anleger entzückt. Nach Jahrzehnten ohne Ertrag strebt die Kurskurve plötzlich mit aller Entschlossenheit gen Himmel. Aus ersten zarten Ansätzen im Dezember 2020, die damals noch als klassische Fehlsignale gedeutet worden waren, entwickelte sich eine Dynamik der Preisentwicklung, wie sie deutsche Aktiensparer zuletzt in den goldenen Jahren des Neuen Marktes gesehen haben. EM-TV und Mobilcom, damals Namen wie Donnerhall für alle, die die von der Bundesregierung versprochene schnelle Mark beim Börsengang der Deutschen Telekom verpasst hatten, explodierten damals vor aller Augen.

Aus 400 Euro - seinerzeit noch der Preis einer Unze Gold, die heute viermal so viel kostet - wurden fast 9.000 Euro, aus 4.000 wurden 90.000. Wer die Nerven hatte, dabei zu bleiben, dann aber rechtzeitig auszusteigen, machte noch mehr Geld als andere später bei Wirecard und Tier-Spezi verloren.

Ein langweiliger Markt

Bei elektrischem Strom geht das nicht, denn an der deutschen Strombörse in Leipzig dürfen nur Firmen handeln. Selbst die gerissensten Fondsanbieter haben keine Papiere auf Strom im Angebot, mit denen private Stromverbaucher hätten mitwetten können auf einen Erfolg der Elektromobilität, der Wärmepumpen und der Elektrifizierung des ganzen Landes. Wozu auch? Bis vor ein paar Monaten war bei Elektroenergie, gehandelt in einem regulierten Markt, nicht viel zu holen für den Kleinanleger. Mal ging es ein wenig rauf. Mal ein wenig runter. Mal kam der Strom aus Braunkohlenkraftwerken und musste für Ökostrom-Nutzer erst umgestrichen werden. Mal war er gleich grün und ging dann für lau nach Frankreich, weil es dann immer gleich zu viel davon gab.

Um die 30 Euro kostete die Megawattstunde meist, manchmal auch 60, eher selten nichts. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gab es einen Ausschlag bis auf 210 Euro, 2012 auch mal einen auf minus 50. Ein Stromproblem aber hatte Deutschland nie. So lange zumindest nicht, dass der Satz "Wir haben kein Stromproblem" in den langen Gängen des Klimaministeriums zum Morgengruß wurde, im Kanzleramt zum Abendgebet und in der Grünen-Zentrale zu einem Mantra. Wir haben kein Stromproblem. Man müsse jetzt richtige Antworten geben, betonte Parteichefin Ricarda Lang eben erst in einer Stichwortrunde beim ZDF. Darauf hätten die Menschen ein Recht.

Partei ohne die richtigen Antworten

Die richtigen Antworten hatte Lang unglücklicherweise daheim vergessen, im ZDF jedenfalls gab es sie nicht. Vielleicht auch, weil nicht danach gefragt wurde. Der Sendeauftrag! Zusammenrücken! Keine Fehlerdiskussion!

48 Stunde später aber meldete sich das Stromproblem dann auch seine Weise zu Wort. War der Megawattstundenpreis schon seit Jahresanfang kaum noch unter die 90 Euro gefallen - eine Preisregion, die zuletzt 2008, damals aber auch nur sehr kurzzeitig erreicht worden war - sank er seitdem nie mehr darunter. Im Gegenteil: Über 120, 150 und die sagenhaften 210 von 2001 ging es rauf auf 250, auf 350, auf 380 und schließlich mit einem echten Scholzschen Wumms auf über 400. First time in history. Geschichte wurde geschrieben, dort in Leipzig, wo die Zukunft gehandelt wird.

Stolze 1.000 Prozent

Ein Sprung um 1.000 stolze Prozent, verglichen mit dem Durchschnittspreis der Jahre 2010 bis 2020, der sich bislang natürlich nur dort abspielt, wo die Leitungen beschickt werden müssen. Wie beim Erdgas, bei dem die Ampelanlage in Berlin ein drittes Speisungswunder plant, um soziale Unruhen zu unterbinden, die Rechtsfaschisten anheizen könnten, nur weil die private Gasrechnung von 2.000 Euro im Jahr auf 20.000 Euro gestiegen ist, diffundieren auch die neuen Strompreise erst nach und nach bis zu den Empfängern der Endabrechnung durch. 

Kein Preisproblem

Kommen sie dann an, wird sich der derzeitige Weltrekordstrompreis der Deutschen, der bei etwa 32 Cent pro Kilowattstunde liegt, ähnlich nach oben entwickelt haben wie der durchschnittliche Großhandelspreis. Der lag in den vergangenen zehn Jahren bei 4,40 Euro für eine Megawattstunde, jetzt hat er die 400 Euro-Grenze geknackt. Macht auch ohne Rechenstab und mögliche zwei oder fünf Cent Elektrogerechtigkeitsabgabe einen runden Kilowattpreis von 40 Cent, ohne Netzentgelt,   Konzessionsabgabe, Mehrwertsteuer, Stromsteuer, KWK-Umlage, CO2-Abgabe, Offshore-Haftungsumlage und Umlage für abschaltbare Lasten. 

Die machen derzeit 52.5 Prozent des Gesamtstrompreises aus, der Einkauf von Strom, Lieferung und  Vertrieb nur knapp 23. Ricarda Lang würde schwören, dass wir kein Preisproblem haben, denn zu den 40 Cent Beschaffungskosten pro Kilowattstunde kommen allenfalls 45 Cent an Steuern, Abgaben, Umlagen und Aufschlägen, etwa für "Beitragssatzsenkungen der Rentenversicherung", wie die Bundesregierung erklärt.

Der Strompreis für den Endverbraucher bleibt also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weiterhin deutlichst unter einem Euro pro kWH, zumindest wenn er nicht weit drüber schießt. Und mit einer Kilowattstunde wird man immer noch jeden dritten Tag im Jahr eine Scheibe Toast rösten, sich einmal die Woche ein ganzes Jahr lang für eine Minute die Haare föhnen oder zweimal die Woche eine gnaze Stunde Radio hören.

Dienstag, 2. August 2022

Terrorfürst Al-Sawahiri: Schmoren im Höllenfeuer

Im Foyer der unterirdischen Al-Kaida-Universität in Heidenrabatz erinnert ein als Lapislazuli zusammengesetztes Mosaik an die Schreckensherrschaft von Osama Bin Laden (l.) und  Aiman al-Sawahiri.

Er galt stets als der Besonnene, das Hirn hinter dem starken Arm des Terrorfürsten Osama Bin Laden.  Aiman Al-Sawahiri widersprach einst der von seinem berühmten Kollegen geplanten Umbenennung der Al Kaida in "Dschma´at I´Adat al-Khilafat ar-Rashida", auf Deutsch ungefähr "Gemeinschaft für die Wiederherstellung des wahrhaften Kalifats", er verwies in mehreren Schreiben an Bin Laden  auf den Wert der etablierten Marke Al Kaida, seinerzeit nach Google, Coca Cola und McDonalds und noch vor Apple und den Beatles der drittbekannteste Firmenname der Welt."The Brain" nannten ihn viele Gläubige, und er zögerte nicht, nach dem Tod des Terrorfürsten seine Nachfolge anzutreten.

Der letzte Terrorfürst

Getreu seinem Standardwerk "Ritter unter dem Banner des Propheten" sah sich der studierte Chirurg in seiner Funktion als selbsternannter Emir des unter dem Krieg gegen den Terror leidenden Al-Kaida-Netzwerkes verpflichtet, den Kampf fortzuführen. Allein: Es liefen ihm die Ritter fort, der konkurrierende IS überstrahlte mit seinen Untaten zeitweise jede Terrorbotschaft, die der neue Anführer von Al-Qaida aus seinen Verstecken sendete. Mit 71 Jahren, das wusste der gebürtige Ägypter, blieben ihm nicht mehr viele Jahre, um das ersehnte Reich des einen einzigen Gottes auf Erden zu errichten.

Und nicht mal die ließen ihm die Amerikaner, die nie vergessen haben, was ihnen Bin Laden, aber auch Al-Sawahiri im September 2001 angetan haben. Schon bei der Strafaktion gegen Bin Laden hatte die "einzige Weltmacht" (Zbigniew Brzeziński) Völkerrecht und unveräußerliche Menschenrechte für einen Augenblick außer Kraft gesetzt, damit aber große Freude bis hin ins deutsche Regierungsviertel ausgelöst. Bei Aiman al-Sawahiri, Bin Ladens Nachfolger nicht nur als Al-Kaida-Chef, sondern auch als Ziel eines tödlichen Anti-Terror-Einsatz der USA, wurde nicht einmal mehr versucht, Sagen zu erzählen wie sie einst aus Abbottabad zu hören waren. 

Zarte deutsche Gefühle

US-Präsident Joe Biden selbst verkündete die Vollstreckung eines Todesurteils, das eigentlich erst noch von einem Gericht hätte gefällt werden sollen, wenn man des meistgesuchten Mannes der Welt eines Tages hätte habhaft werden können. So aber spart man Geld und Zeit und unnötige Aufmerksamkeit. Bei einem gezielten Drohnenangriff wurde Aiman Al-Sawahiri am Wochenende auf dem Balkon seiner Wohnung im Kabuler Stadtteil Scherpur stehend exekutiert. Er sei bei der Attacke "ums Leben gekommen", heißt es in der zärtlichen deutschen Übersetzung der Biden-Ansprache, in der der US-Präsident davon gesprochen hatte, dass Al-Sawahiri "ein für alle Mal vom Schlachtfeld entfernt" worden sei. "Wir haben Gerechtigkeit geliefert", sagte Biden.

Zum Glück für die zivilisierte Welt "starb" (Der Spiegel) bei dem Angriff  mit zwei Hellfire-Raketen "nur der al-Qaida-Chef" (DPA). Zivile Opfer habe es nicht gegeben und die im Diesseits zurückbleibende Welt ist "nun ein sichererer Ort als vorher", wie Bidens Vizepräsidentin Kamala Harris betont hat. Mehr als zwei Jahrzehnte Jagd sind zu Ende, Jäger und Gejagter haben sich letztlich außergerichtlich geeinigt. 

Anerkennung der Taliban

Die Zufriedenheit über den Erfolg reicht von Saudi-Arabien bis Kanada, nur die Bundesregierung hat bisher noch keine Blumen geschickt. Im politischen Berlin wird vielmehr gewarnt, dass "Finanzströme und Terrorfinanzierung weiterhin das größte Problem" blieben.  Deutsche Medien sehen im gezielten Vernichtungsschlag auf den zuletzt Mitte Juli mit einer Terrorbotschaft aufgetretenen Emir zudem ein "Wahlkampfgeschenk für Joe Biden" (Die Welt). 

Kritik an einem Militäreinsatz in einem souveränen Staat ohne Zustimmung der dortigen Administration hingegen gibt es keine. Nicht einmal bei den Taliban selbst, für die Bidens Mitteilung, sie hätten mit ihrer Gastfreundschaft für Al-Sawahiri gegen das Doha-Abkommen verstoßen und der Drohneneinsatz sei deshalb vollkommen rechtmäßig, eine Art versteckte Anerkennung bereithält: Würden die USA die Taliban nicht für die faktische Regierung Afghanistans halten, müssten sie ihren Drohnenanschlag auf Sawahiri überhaupt nicht begründen oder rechtfertigen.

Neun-Euro-Inflation: Bahnbrechender Erfolg

Der 2001 im Alter von nur 57 Jahren verstorbene Maler-Berserker Einar Schleef malte bereits Ende 1968 diese verstörende Neun-Euro-Fantasie.

Selbst schuld, wer nicht mitgemacht! Einen knappen Monat vor dem Ende des 9-Euro-Tickets gilt die Gute-Laune-Fahrkarte als bahnbrechender Erfolg. Für nur 2,5 Milliarden Euro, bezahlt aus der durch inflationsbedingt explodierende Umsatzsteuer-Portokasse des Bundes, hat Deutschland sich ein Verkehrswunder geleistet. Mancher war dreimal auf Sylt, andere fuhren jedes Wochenende einfach mal so in eine Nachbarstadt - 21 Millionen Sparfahrkarten wurden verkauft, beinahe gelang es, die nötigen und unnötigen Verkehrsbewegungen der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger so wieder auf Vor-Pandemie-Niveau zu heben.  

56 Euro von jedem Steuerzahler

Bezuschusst wurde jede einzelne Fahrkarte rein rechnerisch mit 56 Euro aus dem Steueraufkommen der 21 Millionen noch Lohn- und Einkommenssteuer zahlenden Werktätigen und steuerpflichtigen Senioren. Weil das Ticket doch nicht ganz so gut ankam wie zuvor geplant, ist die Hälfte des Geldes noch im Topf. Wer jetzt nicht zugreift, um seinen Anteil wenigstens für den August noch abzugreifen, bleibt als Nettozahler zurück.

Denn eine Verlängerung wird es nicht geben, das hat Finanzminister Christian Lindner jetzt abschließend  klargemacht. Beim Gute-Laune-Ticket zahlten ja "auch diejenigen, die das Angebot selbst im ländlichen Raum gar nicht nutzen können", begründete FDP-Chef das Ende des Sommermärchens und die Rückkehr zur alten Normalität der ÖPNV-Republik mit ihren löchrigen Netzen, verspäteten Zügen und hohen Fahrscheinpreisen. Ab September ist alles wie früher, die alljährlich in der Urlaubszeit durchgezogene Preiserhöhung inklusive.

Ein Inflationsturbo 

Der Inflationsstatistik droht damit neues Ungemach. Half die Entlastung für die ausgesuchte kleine Gruppe der 21 Millionen 9-Euro-Fahrer in Juni, Juli und August noch, die Preissteigerungsrate künstlich zu drücken, wird die Rückkehr in die Vergangenheit das Gegenteil bewirken. In München wird sich der Fahrpreis für den öffentlichen Nahverkehr nahezu versechsfachen, in Hamburg ist eine Verelffachung absehbar. Bremen und Dresden steht eine Versechsfachung bevor, Köln eine Verzehnfachung, Nürnberger Busfahrer werden achtmal so viel wie im August bezahlen müssen und Bonner zehnmal so viel.

Was bisher durch die große Solidargemeinschaft finanziert wurde,  durch die Ausreichung als staatliche Spende aber ohne Einfluss auf die statistische Kaufkraftentwicklung blieb, wird zum Flammenrückstoß in einem spannenden Moment: Auch der Tankrabatt endet dann, zugleich startet der Bundeskanzler sein Zwei-Cent-Experiment, das es Energieversorgern erlaubt, ihre höheren Erdgas-Einkaufspreise "zu 90 Prozent" an die Endkunden weiterzugeben.

Ein Inflationsturbo, der Deutschlands Wohlstandsabbau in neue Höhen zu treiben verspricht. Während die Europäische Zentralbank gerade begonnen hat, wenigstens so zu tun, als würde und könnte sie die Geldentwertung stoppen, liefert das Ende des Gute-Laune-Tickets Zündstoff und Brennmaterial für weitere Rekorde. Die Rettung wird zur Bedrohung, die Entlastung zur Last.

Montag, 1. August 2022

Geniestreich der BWHF: Energieentlastungsumlage und Warmerwinter-Gesetz

Unter Nutzung des gesamten Deutungsspektrums der deutschen Sprache: Die neue Belastung ist eine Entlastung und bald nicht einmal die letzte.

Nun ist es amtlich. Als Bundeskanzler Olaf Scholz den Deutschen und Deutschinnen vor einer Woche neue Entlastungen in der Energiepreiskrise versprochen hatte, sprach der "Regierungsvertreter*in aus Deutschland", wie Scholz sich selbst bei Twitter nennt, nur relativ wolkig von einer "Umlage", die er plane. Die werde nicht weiter der Rede wert sein, zwei Cent oder eine Kugel Eis, 300 Euro für eine Familie oder jedes Familienmitglied. Etwas mehr vielleicht, ergänzte der Klimaminister wenig später, entweder im Jahr oder im Monat, das alles hänge ganz davon ab, wie gut die Bürgerinnen und Bürger beim Energiesparen mitmachen, so lange über den Sommer hinweg kaum geheizt werden müsse.

Die große Frage nach dem Namen der Entlastung

Hinter den Kulissen der Berliner Bühne liefen derweil natürlich schon die strategischen Abstimmen über die wichtigsten Eckpunkte der neuen Umlageumlage, die beim Erdgas staatliche Abgaben wie die CO2-Abgabe, die EEG-Umlage, die Netzentgelte, die Messumlage und die Gassteuer ergänzt. Wer soll zahlen müssen und wann? Werden die 300 Euro gleich mit der 300-Euro-Überweisung der Energiepauschale verrechnet oder muss die erst versteuert und dann aus privaten Mitteln aufgestockt werden? Wann ist Zahltermin, wie hoch sollen Strafen für Verweigerer ausfallen und vor allem: Welchen Namen soll Scholzens "Umlage" im derzeit vorbereiteten Warmerwintergas-Gesetz tragen? 

Mittlerweile ist die Entscheidung zwar noch nicht offiziell verkündet worden, doch der SPD-nahe Reichsnachrichtendienst (RND) in Berlin hat den Siegernamen in einer seiner Schreibtischreportagen über das heroische Ringen von Ampel-Grün und Ampel-Rot gegen Atom-FDP, Kohle-CDU, Rechtspopulisten, Energienazis und ostdeutsche Frostbeulen bereits verraten. Danach hat die Bundesworthülsenfabrik (BWHF) sich mit ihrem Vorschlag der Bezeichnung als  "Energieentlastungsumlage" (EEU) durchgesetzt. Oder wie es beim RND offiziell unter Nutzung des gesamten Deutungsspektrums der deutschen Sprache heißt: "Die Gasumlage kommt - doch weitere Entlastungen sind noch nicht in Sicht".

Erneuter Geniestreich - auch dank RND

Mit früheren politischen Signalbegriffen wie "Rettungsschirm", "Energiewende", "Schulden-" und "Mietpreisbremse", "Stromautobahnen" oder "Wachstumspakt", zuletzt aber auch mit  "Heißzeit", "Klimanotstand" und "Russengas" hat die als obere Bundesbehörde in Berlin residierende Bundesworthülsenfabrik (BWHF) in den zurückliegenden Jahren bereits viel Gutes für das Land bewirkt. Besonders in der Ära Merkel gelang es den Sinndesignern, Wortschmieden und Bedeutungsschreinern der BWHF immer wieder, neue Maßnahmen der Bundesregierung mit großem Nachdruck zu popularisieren. 

Sowohl der Ausstieg aus dem einst von der putinnahen und ganz auf russisches Klimagas vertrauenden rot-grünen Schröder-Regierung beschlossene Atomausstieg traf auf breite Zustimmung, ebenso der spätere Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg und der nach der Atomkatastrophe von Fukushima folgende Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg.

Neue Steuern sind keine Erhöhung

Dennoch galt eine Namensfindung für eine neue Steuer gerade in Zeiten einer Regierung, die mit dem Versprechen angetreten war, keine Steuererhöhungen durchzuführen, als außergewöhnliche Herausforderung. Rein rechtlich und erst recht politisch handelt es sich bei der Erfindung einer neuen Steuern, zumal, wenn sie "Umlage" genannt wird, zwar nicht um eine Steuererhöhung. Das hatte der politische Dienst des Bundestages zuletzt in einen Gefälligkeitsgutachten für die Gruppe der Anonymen Liberalen in der FDP herausgefunden. Medial aber steht gerade die frühere Wirtschaftspartei wegen der anhaltenden Preisexplosionen an allen Fronten unter Druck: Gerät der soziale Friede ins Rutschen, würden SPD und Grüne dafür die kapitalistische Knauserei der FDP verantwortlich machen, deren Umfragewerte der Parteispitze um Wirtschaftsminister Christian Lindner jedoch keinerlei Popularitätsverlust mehr erlauben.

Auf der langen Bank

So schiebt die Bundesregierung Planungen für sogenannte "neue Entlastungen" (RND) seit dem legendären ersten "Entlastungspaket" vom Februar ausdauernd vor sich her. Weder das "Klimageld", das im Wahlkampf versprochen worden war, noch irgendeine andere "schnelle und spürbare"  (Bundesfinanzministerium) Zahlung hat bisher irgendeinen Bürgenden*in erreicht. Allerdings gelang es, die Ungeduld von Ostdeutschen, Rechtsnationalen und Armen durch die Vergaben des Gute-Laune-Tickets und mit Hilfe einer zeitweisen Spritpreisbremse zu zügeln, so dass die "Volksaufstände" (Annalena Baerbock) erst für den Herbst befürchtet werden.

Dann aber soll mit der Entlastungsbelastung durch Energieentlastungsumlage gegengesteuert werden. Nach den derzeitigen Planungen wird die fällig, sobald die Bürgerinnen und Bürger ihre 300 Euro aus dem ersten Entlastungspaket vom Februar aufs Konto überwiesen bekommen haben. Ehe viele Menschen "die höheren Lasten nicht mehr tragen" (RND könnten, soll die Abbuchung erfolgen.  Grünen-Chefin Ricarda Lang hat bei einer Audienz im ZDF deutlich gemacht, dass ihre Partei für einen sozialen Kurs durch den ersten Winterohnegas stehe. Die Gasumlage könne kommen, das dabei eingenommene Geld müsse aber gleichzeitig als Entlastung wieder zu den Bürgerinnen und Bürgern kommen. "Noch in diesem Jahr, in diesem Herbst, müssen wir Entlastungen auf den Weg bringen", zeigte sich Lang entschlossen, notwendige neue Belastungen durch neue Entlastungspakete auszugleichen.

Entlastung landet direkt bei Staatsfirma

Die Energieentlastungsumlage (EEU) wird Firmen und Privathaushalte um voraussichtlich mehrere hundert Euro pro Jahr zusätzlich entlasten, weil sie direkt nach dem Abzug der Verwaltungskosten über die Gasrechnung bei staatlichen Gasversorgern wie Uniper landet. Der muss derzeit zu hohen Preisen Ersatz für ausbleibende Gasmengen aus Russland kaufen, weil die stets beschworenen "langfristigen Verträge" mit der Putin-Despotie alle möglichen Klauseln beinhalten, aber keine, die bestimmte Liefermengen bindend festschreibt. 

Kommunikativ ist es der Bundesregierung mit der Ankündigung der Energieentlastungsumlage gelungen, ganz Mediendeutschland aufgeregt über die Frage diskutieren zu lassen, ob die EEU am Ende zwei, drei oder fünf Cent betragen werde. Für die durch einen bisher versechzehnfachten Großhandelspreis beim Erdgas anstehende Erhöhung der Endverbraucherpreise von bisher durchschnittlich sieben Cent pro Kilowattstunde auf die annähernd einen Euro blieb dadurch keine Berichterstattungszeit und keine Spalte Platz, so dass niemand vor der Zeit beunruhigt werden musste.

Versechzehntfachte Energiepreise: Das laute Schweigen der Lämmer


Elektroenergie zehnmal so teuer, Erdgas 15 sogar mal. Nicht am Ende der Nahrungskette freilich, noch nicht. Aber dort, wo die Gasleitungen und Steckdosen der Kunden beschickt werden: Der Großhandelspreis für Erdgas ist von 3,30 Euro auf mehr als 200 Euro gestiegen. Bei Elektroenergie sieht es kaum anders aus.  

Im Land des ungekrönten Strompreisweltmeisters, in dem Bürger und Unternehmen bereits seit Jahren höhere Preise für elektrische Energie zahlen als sonst irgendwo auf der Welt, kletterte der Preis pro Megawattstunde von 160 auf 480 Euro. Es ist eine Verdreifachung im Matroschkaholz einer Verdopplung, auf deren Rücken die Einführung der CO2-Abgabe ritt, die auf die EEG-Umlage aufgesattelt wurde, die auf den Netzentgelten saß, auf der Stromsteuer, der Mehrwertsteuer, der KWK-Umlage, der Umlage nach §19 StromNEV, der Offshore-Netzumlage, der Umlage für abschaltbare Lasten (AbLa) und der Konzessionsabgabe, denn der Staat soll schließlich auch etwas davon haben.

Eine eher symbolische Umlage

Wir haben kein Stromproblem.

Dass die EEG-Umlage auf den Strompreis abgeschafft wurde, um sie künftig aus der anderen Hosentasche des Steuerzahlers zu bezahlen, galt für deutsche Medien als heldenhafte Tat der entschlossenen Entlastungspolitik. Dass nun leider eine - noch namenlose - "Umlage" (Olaf Scholz) eingeführt werden muss, um die durch Sanktionspolitik und die vom Bund gestartete Gas-Einkaufsoffensive um jeden Preis förmlich explodierten Erdgaspreise von irgendwem bezahlen zu lassen, hat hingegen mit Nichts zu tun. 

Wie eine üble Laune der Natur ist das Geschehen hereingebrochen, keine Mechanismen wirken hier, nach denen ein Großkäufer mit tiefen Taschen auf einem engen Markt stets die Preise treibt. Nach der ersten Phase der Krisenkommunikation, bei der es darum ging, die Menschen im Land mental auf das Allerschlimmste einzustellen -  Blackouts und eiskalte Wohnungen - gehen Scholz und Klimaminister Robert Habeck nun als Tröster um. Der große Schrecken, sie werden ihn verhindern, nur der kleine, der lässt sich nicht: Es wird teurer werden, hat Olaf Scholz angekündigt, um "zwei Cent" vielleicht. Es wird teurer werden, hat nun auch Robert Habeck bestätigt. Um "1,5 bis 5 Cent" vielleicht.

Ein "schwieriger Schritt", der trösten soll

Das macht schon "300 Euro für eine vierköpfige Familie im Jahr" (Scholz). Oder womöglich auch "bis zu 1.000 Euro mehr im Jahr im schlimmsten Fall bei einem Vier-Personen-Haushalt", wie den "schwierigen Schritt" nachgerechnet hat. Die Botschaft beider ist klar: Es wird nicht schön, aber richtig schlimm wird es auch nicht. Die einen werden zahlen, weil sie können, die anderen nicht, aber die werden auch nicht müssen. Und überhaupt dürfen alle dankbar sein: Wenn die Gasrechnung nach einer Versechzigfachung der Großhandelspreise von 3,30 Euro auf mehr als 200 nur von 1.500 auf 2.000, 4.000 Euro oder 8.000 Euro steigt, ist das ein Geschenk. Selbst wenn dann noch mal "mehrere hundert Euro" irgendeiner "Umlage" unklarer rechtlicher Natur obendraufkommen.

Mathematisch unklar, wie diese Rechnung am Ende aufgehen soll. Vermutlich weiß das im Ampel-Kabinett derzeit auch noch niemand, weshalb die Kommunikation ganz auf höchsttransparente Teilwahrheiten setzt. Es wird teurer werden, aber wir sagen Euch lieber noch nicht, wie teurer. Es wird ein harter Winter, aber wir hoffen mal, der Klimawandel auch ein wenig hilft. Wenn alle nicht  mehr Duschen, dann reicht das Gas. Und sowieso, wenn die Preise bleiben, wo sie sind.

Eine Frage der Mathematik

Niemanden beunruhigen, so lange es nicht muss, auf diese Linie haben sich auch die deutschen Leitmedien einschwören lassen. Seit Scholz mit seiner Idee der "Umlage" um die Ecke kam, für die aus der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) bereits der Begriff "Energieentlastungsumlage" (EEU) vorgeschlagen wurde, vermitteln die SZ, FAZ, Spiegel, Taz und der Rest der an die Danachrichtenfabrik DPA angeschlossenen Abspielstationen den Eindruck, mit der Einführung der natürlich solidarischen EEU sei das Schlimmste ab Oktober überstanden. Die 300 Euro für die vierköpfige Familie gibt ja zudem der Staat, denn im September wird die Energieentlastungspauschale aus dem Februar bezahlt.

Nur dass es nicht ganz reichen wird. Bei Beschaffungskosten, die sich vervielfacht haben, reicht die Bundesberuhigungsumlage vielleicht aus, die Energieentlastungspauschale wieder reinzuholen. Doch es wäre ein Wunder, sollten die in Aussicht stehenden zehn (Scholz) oder 30 Milliarden Euro (Habeck) neuer Einnahmen ausreichen, ein Finanzierungsloch von um die zwei bis vier Billionen Euro beim Einkauf von Energieträgern zu stopfen.

Wer selbst rechnet, hat Sorgen

Wer rechnen kann, ist klar im Nachteil. Er muss sich Sorgen machen. Wer nur liest, was in den Gazetten steht und im Gemeinsinnfunk verkündet wird, lehnt sich dagegen entspannt zurück. Na, wenn das alles ist! Wiedermal die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg und sie kostet was? 300 Euro? 1.000?

Dass Robert Habeck in einem Nebensatz bereits hat erkennen lassen, dass die "normalen Preiserhöhungen" (Habeck), die aus den höheren Beschaffungskosten der Versorger nach Auslaufen von langfristigen Verträgen resultieren, natürlich "zusätzlich auf die Verbraucher zurollen" (Habeck), ist in den Redaktionsstuben noch nicht aufgefallen. Oder aber als Neuigkeit interpretiert worden, die nur den Falschen in die Hände spielen würde. 

Die letzte Tage vor dem Ende

Die letzten Sommertage vor dem Zusammenbruch, die letzten Wochen vor dem Einbruch der unangenehmen Wahrheit in die Wohnzimmer, die sollen die Menschen noch unbeschwert genießen dürfen, ohne sich Gedanken machen zu müssen, wie sie Strom- und Erdgasrechnungen bezahlen sollen, die von 1.500 Euro im Jahr auf 20.000, 30.000 oder 50.000 Euro gestiegen sind.