Mittwoch, 25. November 2009

Projekt 18 kurz vor dem Ziel

Wenn das Jürgen Möllemann noch erlebt hätte! Eine Woche nach nach dem gefeierten Amtsantritt des demnächst wieder scheidenden neuen SPD-Chefs Sigmar Gabriel steht die deutsche Sozialdemokratie so nah wie nie vor dem Ziel, das Möllemann immer erreichen wollte: Von 18 Prozent der Stimmen träumte der, nach einer neuen Umfrage erreicht die SPD inzwischen glatte 19.

Gabriels großartige Rede, in der er seinen Parteikollegen Peer Steinbrück als Retter der Welt vor der Finanzkrise pries, die Gesellschaft aufforderte, endlich wieder zu denken wie die SPD und versprach, alle Genossen dorthin zu schicken, wo es stinkt, zeigt Wirkung. Während das inhaltsleere Geplapper des ehemaligen Pop-Beauftragten medial als Offenbarung gefeiert wurde, hat das Volk den Fernseher gar nicht mehr angemacht. Die SPD erreicht nunmehr den niedrigsten Wochenwert, den das Forsa-Institut je für die einstige Arbeiterpartei gemessen hat. Seit der Bundestagswahl vor zwei Monaten gelang es alter und neuer SPD-Führung damit, noch einmal nahezu 20 Prozent aller SPD-Wähler davon zu überzeugen, dass es wenig Sinn hat, von der Sozialdemokratie etwas zu erwarten.

Gleiches gilt für Gabriel selbst, dem der "Stern" nunmehr keine großartige, sondern nur noch eine "umjubelte" Antrittsrede attestiert. Trotz dieser sei der neue SPD-Vorsitzende bei den Wählern nicht beliebter als seine Partei. Auf die Frage, wen sie direkt zum Kanzler wählen würden, entschieden sich nur 19 Prozent der Deutschen für Gabriel, 60 Prozent zogen Merkel vor. Damit schneide Gabriel schlechter ab als Kurt "Mecki" Beck, sein später von Steinmeier, Müntefering und Struck aus dem Amt geputschter Vorgänger. Der war zu Beginn seiner Amtszeit im Mai 2006 noch auf eine Zustimmung von 25 Prozent gekommen.

Dienstag, 24. November 2009

Heuschrecken im Harz

Als er noch Arbeiterführer war, hätte Franz Müntefering seine Partei damals wirklich beinahe gerettet. Eine Moment lang sah es so aus, als könnte der greise Knappe des gescheiterten Bundeskanzlers Gerhard Schröder das Ruder herumreißen: "Heuschrecken" hatte "Münte" die Finanzinvestoren genannt, die deutsche Unternehmen aufkaufen, sie restrukturieren und dann versuchen, sie teurer wieder loszuwerden.

Nein, nein, von der Hypo Real Estate war damals noch nicht die Rede, die wurde erst später vom Bund übernommen. Auch die Commerzbank war nicht gemeint. Franz Müntefering sprach von Firmen wie den im sachsen-anhaltinischen Harzflecken Rübeland inmitten einer Märchenlandschaft aus Tropfsteinhöhlen und dunklen Wäldern Kalk aus den Bergen brechenden Harz-Kalk-Werken. Die gehörten ganz früher zum Buna-Werk, das mit Karbidchemie Muffengummi für des Führers Wehrmacht herstellte, später war das Unternehmen Teil des Kombinats Chemische Werke Buna, dem es gelang, Mitteldeutschland über 40 Jahre mit einer blickdichten Decke aus Kalkstaub und Braunkuhleruß zu überziehen. Ehe die Fels-Werke aus Salzgitter, damals noch eine Preussag-Tochter, nach dem Mauerfall zugriffen.

Der Tiefpunkt der langen und bewegten Geschichte der Firma, die in Rübeland und Umgebung zu DDR-Zeiten gehasst wurde, weil ihre Riesenlaster die Straßen zerfuhren und der Kalkstaub den Touristen abschreckte, ist nach Müntefering allerdings jetzt erst erreicht. Die Fels-Tochter Harz Kalk gehört inzwischen wie ihre Mutterfirma zur Duisburger Xella-Gruppe, deren Eigentümer wiederum sind seit einem Jahr die Private-Equity-Gesellschaften PAI Partners und - der Teufel selbst - Goldman Sachs Capital Partners.

Heuschrecken im Harz! Erst 2002 hatte die Franz Haniel GmbH Fels übernommen und bewiesen, dass noch immer zuammenwächst, was zusammengehört. Wie die Harz-Kalk-Werke im zweiten Weltkrieg dafür sorgten, dass die Karbidöfen in Buna für Führer, Volk und Vaterland rauchten, baute Haniel im Ruhrgebiet Dehydrieranlagen, mit denen aus Steinkohle im Fischer-Tropsch-Verfahren Benzin für das ölarme Reich hergestellt werden konnte. Die Haniel-Tankstellen warben seinerzeit mit einem Slogan, der Franz Müntefering gefallen würde: „Säulen deutscher Unabhängigkeit“.

Hamas von hinten

Überraschend synchron werden die handwerklichen Fehler beim Herstellen von Nachrichten in deutschen Medien von "Spiegel" bis "Tagesschau", wenn es um den Konflikt im Nahen Osten geht. Die allgemeine Sprachregelung beim allwöchentlichen Artillerieduell sieht vor, dass nach einem Strickmuster geschrieben und gesprochen werden muss, das auf keiner Journalistenschule gelehrt wird. Die Qualitätsmedien vom Heimatsender MDR bis zur einzig wirklich wahren Qualitätsagentur dpa nähern sich dem Thema generell unauffällig von hinten.

Der zeitliche Ablauf des Geschehens, der zum Verständnis eigentlich wichtig wäre, wird verbal umgestülpt: "Israel", so heißt es standardmäßig, "hat erneut soundsoviele Raketen auf den Gazastreifen abgeschossen. Dabei wurden soundsoviele Menschen verletzt". Erst nachdem diese wichtigen Nachrichtensätze gesprochen sind, wird noch ein quasi schon gar nicht mehr so wichtiger Satz hinterhergeschickt: "Zuvor hatten Hamas-Kämpfer Kassam-Raketen auf Israel abgeschossen."

Aller handwerklichen Logik zufolge müsste die Meldung natürlich heißen: "Nachdem Hamas-Kämpfer Raketen auf Israel abgeschossen haben, hat Israel soundsoviele Raketen auf den Gazastreifen abgeschossen. Dabei wurden soundsoviele Menschen verletzt". Die korrekte Abbildung eines Geschehens in zusammenfassender Kürze verlangt nach Einfachheit, will sie verstanden werden. Und Einfachheit geht immer noch am einfachsten der Reihe nach.

Außer natürlich, man bezweckt etwas anderes. Demnächst vielleicht auch in der qualitätsmedialen Fußballergebnisberichterstattung, die dann so lauten wird: "Bayern München hat im Spiel gegen Dortmund ein Tor geschossen. Dabei konnte der Dortmunder Keeper den Ball nicht festhalten. Zuvor hatte Dortmund einen Treffer gegen die Bayern erzielt".

Wer hat es gesagt?


"Keiner hat wirklich Ahnung, aber keiner will die Klappe halten."

Montag, 23. November 2009

Wofür wir gern werben: Adipositas

Für Sackleinen, Internet-Steckdosen und den
Kampf gegen das Klima, für ungeschützten Sex mit Paris Hilton und für Mp3 vom BND durften wir schon Reklame machen, dank der stets zielgerichtet auf die persönlichen Bedürfnisse unserer Besucher ausgerichteten Werbebemühungen unseres Partners Google immer auf Augenhöhe mit dem kranken Zeitgeist und immer nah dran am Wahnwitz einer Welt, der zwischen monarchischen Starbeerdigungen, wirren Wahlkämpfen und immer extremer werdenden Berichten über Wetterextreme zunehmend die Luft für zunehmende Aufregung ausgeht.

Inzwischen muss sogar ein alter Bock wie der als Literaturkritiker bekannt gewordene Helmuth Karasek das neue Glück des als Totengräber der SPD bekanntgewordenen Franz Müntefering mit einer als SPD-Nachwuchshoffnung zuvor nie bekanntgewordenen jungen Frau kritisieren, um überhaupt noch in irgendeinem Medium wahrgenommen zu werden. Härter noch traf es die Hartrockerband Rammstein. Die war gezwungen, für ein neues Album auf den Strich zu gehen.

Das hier aber ist nochmal ein richtig ekliger Knaller, den wir mit besonderem Stolz schon seit Tagen präsentieren: Die dicke Frau mit dem adipöden Schwabbelbauch, die in unserer Rechtsaußenspalte dafür wirbt, ruhig mal eine Haxe mehr in sich reinzustopfen, weil das zellulitefreie Eisschnelläuferinnenoberschenkel macht. Das sichtlich computergenerierte Geschöpf wird uns von Google momentan sehr hartnäckig zur Verfügung gestellt, erste Leser beschweren sich schon, weil sie den Anblick von soviel Wahrheit selbst hier nicht vermuten und zu ertragen bereit sind.

Nun, wir haben das Pinup-Bild nicht bestellt. Dass es dennoch zu sehen ist, hängt, so entnehmen wir dem Wenigen, das aus den Betriebsgeheimnissen des Noch-Netzriesen ans Tageslicht gedrungen ist, mit den Interessen unserer Besucher zusammen, denen Google glaubt, völlig zurecht Gewichtsprobleme unterstellen zu dürfen.

Wir weisen darauf hin, dass unser marodes Anzeigengeschäft wie in Deutschland üblich völlig unabhängig vom redaktionellen Teil verwaltet wird. Wir hier in den dunklen Schreibstuben halten unsere Leser generell für durchweg irre jung, sehenswert schön, beneidenswert sportlich und in einem Maße durchtrainiert, das seinesgleichen sucht.

Themenklau im Klimakampf

Daten sind neutral, Daten verraten gar nichts, nicht mal, ob es auf der Erde nun global gesehen und langfristig wärmer oder kälter wird oder vielleicht doch einfach so bleibt, wie es war: Mal wärmer, mal kälter.

Umso wichtiger ist, wie man Daten interpretiert - das richtige Grafikprogramm zaubert aus nahezu stabilen Zahlen einen zum Himmel schießenden Bogen, ein mutiger Regierungsberater vermittelt auf der Basis eines seit zehntausend Jahren um keinen Zentimeter gestiegenen Meeresspiegels den Eindruck, schon die kommende Generation werde mit einem sieben Meter höheren Ozean leben lernen müssen.

Auf Basis solcher Informationen entscheidet die Politik - wie eine Datei zeigt, die Unbekannte aus den Datenbanken der britischen Climate Research Unit gestohlen haben. Da unterhalten sich Klimaforscher darüber, wie sich mit Daten, die ganz anderes sagen, der Eindruck anhaltender Erwärmung erwecken lässt, da schimpft ein Klimatologe über die Rekordkälte vor seiner Haustür, die gar nicht mit den Rechenmodellen in Einklang zu bringen sei, da gesteht ein anderer, dass er einen "Trick" angewendet habe, um eine Grafik so aussehen zu lassen, als nehme die Erwärmung immer weiter zu, obwohl das gar nicht der Fall sei.

Die gestohlenen Daten stehen seit dem Donnerstag der vergangenen Woche komplett und nach Stichworten durchsuchbar im Netz, angelehnt an den Zensurparagraphen im Grundgesetz aber hieß es bis gestern "Eine Berichterstattung findet nicht statt". Dann erst gab der ehemals renommiert "Spiegel" allen Ratlosen die Richtung vor: In einem punktgenau neben das Thema zielenden Beitrag namens "Cyberkrieg unter Klimaforschern" gelingt es dem ehemaligen Nachrichtenmagazin, aus dem Skandal um generalstabsmäßig gefälschte und mit Absicht missinterpretierte Klimadaten eine Art Zickenkrieg zwischen Hackern und Klimaforschern zu machen.

Ein höherer Zweck legitimiert es offenbar, dass Glaube zur Wissenschaft wird, Daten gefälscht werden und die Bevölkerung belogen wird. Wenn es dann rauskommt, ist das Thema nicht, was herauskommt, sondern wie. Deutsche Medien, die bis zum "Spiegel"-Beitrag sichtlich ratlos waren, wie sie die Geschichte möglichst klimaunschädlich verklappen können, sind nun seit gestern schlagartig zur Stelle, auch sie allerdings nicht mit der Enthüllung "Klimaforscher fälschen Berichte", sondern mit "Hacker knacken Daten von Klima-Institut".

Schlagzeilen, souverän am eigentlichen Gegenstand der Berichterstattung vorbei -vergleichbar lautete die Schlagzeile über einen Verkehrsunfall mit sechs ausgebrannten Autos und sieben Toten "Nach Massenkarambolage bleibt Brillenetui des Verursachers verschwunden".

Sonntag, 22. November 2009

Mit Springer im virtuellen Warteraum

Der Krieg ist eröffnet. Acht ahre nach einem ersten, damals grandios gescheiterten Versuch, abgetippte Pressemitteilungen von großen Parteien, Waschzettel von Plattenfirmen, Filmpremieren-Geständnisse zumeist unbekannter Prominenter und ad hoc-Mitteilungen von Dax-Konzernen im Internet als "Qualitätsinhalte" zu verkaufen, hat der Axel-Springer-Konzern einen furiosen neuen Anlauf gestartet. Auf einer in Flash programmierten Bezahl-Nachrichten-Seite, die bei schnellen DSL-Verbindungen nur knappe 30 Sekunden braucht, bis sie geladen ist, macht der Mutterkonzern von unverzichtbaren Blättern wie "Bild" und "Welt" mobil gegen die "Kostenlos-Kultur" (Kai Dieckmann) im Netz. An diesem Wochenende hat das Unternehmen das Online-Angebot "Welt am Sonntag eMag" gestartet, das für 1,50 Euro neben "speziell aufbereiteten" Inhalten der gedruckten Version auch exklusive Beiträge bieten soll.

Freuen darf sich der auf nie dagewesene Lesegenüsse abonnierte eMag-Kunde im ersten Analuf schon mal auf unverzichtbare politische Beiträge wie "Guttenbergs Kraft - Was ihn so stark macht" und Lebenshilfe für die Weihnachtszeit, die "Ski laufen, Panzer fahren - 24 Trips für den Advent" überschrieben ist. Und natürlich auf die absolut total ultra exklusive Geschichte "Wie ich Uli Heoneß das Leben rettete", die es nur im Bezahlspriger gibt. Wenn man nicht der vor drei Jahren im "Spiegel" wummernden Reklametrommel lauschen möchte, die seinerzeit zur Markteinführung des Buches "Die wahre Geschichte des FC Bayern" erzählte "Wie Uli Hoeneß einen Flugzeugabsturz überlebte".

eMag? Demnächst auch noch auf dem iPhone? Echt, wenn das kein Erfolg wird.

Steinbrück macht in Stahl

Als er noch Ministerpräsident war, öffnete er der maroden WestLB die Türen zum Weltmarkt für heiße Finanzspekulationen. Als er Finanzminister wurde,
setzte er sich mannhaft für mehr unverständliche Finanzinstrumente und rätselhafte Asset-Back-Securities ein, er war einer der ersten, die im sogenannten Verbriefungsmarkt eine große Zukunft sahen, und einer der letzten, der vor einer "amerikanischen Krise" warnte, die Deutschland wenig oder kaum treffen werde.

Peer Steinbrück, nach Ansicht seines Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel der Mann, der den Finanzministern der Welt gezeigt hat, wie sie die Krise, die dann doch keine rein amerikanische war, bekämpfen müssten, fand zwischendurch immer noch Zeit, die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau zu überwachen. Als Chef die Verwaltungsrates lebte der Arbeiterführer vor, wie er sich "schärfere Aufsicht" vorstellt: Unter seiner Ägide gelang es der Bank sogar, ohne jeden Grund 320 Millionen Euro an die gerade pleitegegangene Investmentbank Lehman Bros. zu überweisen, während die Deutsche Bundesbank es in seiner Ära sogar schaffte, zehn Milliarden mit spekulativen Geschäften zu verlieren.

Solche Empfehlungen bleiben nachhaltig im Gedächtnis, auch bei anderen Wirtschaftsführern. Nachdem Peer Steinbrück seine segensreiche Tätigkeit als Finanzminister zuletzt wegen sozialdemokratischer Kommunikationsdefizite beenden musste, wechselt der Spezialist für Briefkastenfirmen und Steuersparfilialen, der es stets schaffte, als Vorkämpfer gegen das zu gelten, wofür er sich einsetzte, nun als Aufsichtsrat zum Düsseldorfer Stahlkonzern ThyssenKrupp.

Am 21. Januar findet die Hauptversammlung statt, danach soll Steinbrück für fünf Jahre lang in dem Gremium bleiben, um vorzuleben, dass die Rente mit 67 kein Ding der Unmöglichkeit ist. Der 62-Jährige bleibt nebenbei auch einfacher Abgeordneter im Bundestag als der er mit Freuden hören wird, dass die Europäische Union sich ein jahr nach Ausbruch der großen Krise endlich stark macht für die seit Monaten plakativ verteufelten Asset-Back-Securities (ABS): Ab März 2010 ändert die EU die Emissionsregeln für ABS mit dem "Ziel, zur Wiederherstellung eines reibungslos funktionierenden ABS-Marktes beizutragen."

Der Himmel über Halle XXI

Grau, grau, grau bläht sich der Himmel über Halle, dem wir hier im kleinen Freelance-Metereologenboard PPQ seit Jahr und Tag eine zweite Heimat geben, sobald Stadtverwaltung und Landesregierung in ihrer unendlichen Weitsicht neue, spektakuläre Bilder auf Wolken und Firmament malen lassen.

Inzwischen ist unsere Serie "Der Himmel über Halle" für den renommierten "Web-Award für klimaintensive Heimatkunde-Blogs" nominiert und selbst Irina aus Murmansk ließ uns kürzlich in einer zufällig durch den Spamfilter gesicjerten herzlichen Mail wissen, dass sie plant, jemanden zu heiraten, der offenbar unsere Email-Adresse mitbenutzt.

Wir werden das in Redaktionskollektiv und Familienverband besprechen, bis dahin aber weiter dokumentieren, wieviele Farben der Himmel haben kann über einer Stadt, über die ein Singwortsucher aus der Nachbarschaft in seiner karbidstaubigen Jugend reimte: "Ich bin grau / Du bist grau / laß uns zusammen / grausam sein".

Samstag, 21. November 2009

Trauer mit Dscherschinski

Uli Hoeneß würde es das "Spiel der Spiele" genannt haben, Jürgen Klinsmann hätte vielleicht mal wieder vom "Schicksalsspiel" gesprochen. In Halle, wo der einheimische HFC seit zwei Jahren auf einer von altgedienten Fans nie mehr erwarteten Woge von Siegen in Richtung Aufstiegseuphorie getragen worden ist, begnügen sich die Verantwortlichen vorher mit Vokabeln wie "wichtig" und "wegweisend", klar ist aber, dass ein Sieg des derzeitigen Tabellenzweiten gegen Spitzenreiter Babelsberg 03 den Saisonverlauf völlig verändern würde: Halle, im vergangenen Jahr spät und zur eigenen Überraschung aus der Position des Zweitplatzierten ins Aufstiegsrennen gestartet, würde diesmal von der Spitze weg spielen. Und eventuell mehr Glück haben als vorige Saison, als es am Ende im Duell mit Holstein Kiel doch nicht ganz reichte.

Die Mannschaft von Trainer Sven Köhler will, ungeachtet aller Absprachen, die die kosovarische Wettmafia zum Spielausgang getroffen haben mag. Nachdem eine Gedenkminute für den Hannoveraner Torwart Robert Enke schief gegangen ist, weil die legendär temperamentvolle HFC-Fankurve einfach weitergesungen hat, glückt sie im zweiten Versuch zumindest halb. Zwar sitzt die Tribüne wieder. Dafür aber schweigt der Block in der Kurve.

Hier braucht alles mehrere Anläufe, auch der Aufstieg. Doch von der ersten Minute an drücken die Hallenser Babelsberg in die eigene Hälfte. Markus Müller versucht zweimal aus der Distanz zum Torerfolg zu kommen und der im Fanurteil abwechselnd als "Katastrophe" verteufelte und als "Fußballgott" gefeierte Thomas Neubert, von seinen bekennenden Anhängern als Marius Müller-Westernhagen des deutschen Fußballs verehrt, schafft sogar eine Brustannahme mit Körperdrehung und anschließendem Abschluß im Stafraum.

Auch der Ball geht allerdings vorbei. Ein Null zu Null zur Halbzeit droht, das niemand im Stadion will, sofern er Rotweiß trägt. Die fünf Minuten vor der Pause sehen so einen HFC, der Babelsberg bis auf die eigene Torauslinie zurückdrängt. Fünf Ecken hintereinander, die Abwehr schwimmt, 03-Trainer Dietmar Demuth gestikuliert vor seiner Bank. Einen Schuß von Neubert holt sich Babelsberg-Keeper Unger hinter der Linie, jedenfalls glaubt das die Tribüne. Dann ist Halbzeit und doch Nullnull.

Dietmar Demuth, der schon Pauli trainiert hat, versucht es mit Psychotricks. Drei Minuten lässt sein Team die Hallenser warten, ehe es aus der Kabine kommt. Drei Minuten, die am Ende reichen werden. Denn jetzt ist das Spiel ein ganz anderes. Als hätte ihr der Pausenpfiff kurz vorm greifbaren Tor-Orgasmus eine Art koitus interruptus beschert, stehen die HFC-Spieler wie gelähmt herum. Alles, was bis hierher geradezu beeindruckend beiläufig gelang, geht nicht mehr. Schubert verliert Zweikämpfe, Finke passt ins Aus, Neubert verspringen die Bälle nun doch wieder wie gewohnt. Babelsberg tut auch nichts Bedeutsames, wirkt aber schneller, präsenter und kommt jetzt an Bälle, die vorher bei Hallensern landeten.

Zweimal tauchen Frahn und Hebisch vorm halleschen Torwart-Denkmal Darko Horvath auf und verziehen von links knapp am rechten Pfosten vorbei. Auf der anderen Seite könnte Pavel David wieder mal alles klar machen. Aus zehn Metern aber schießt er entschlossen genau dorthin, wo Unger gerade hinfällt.

Wenn hier nichts Komisches mehr passiert, das ahnen die 3400 Zuschauer, dann passiert hier nichts mehr. Die hallesche Kurve, letztes Jahr noch mit zwei Siegen gegen Babelsberg verwöhnt, wird immer leiser. Dann geht sie dazu über, Umfrageergebnisse per Plakat zu veröffentlichen, von denen unklar ist, wer da wen befragt hat. "Halle ist gegen das Produkt Rasenball Leipzig" wurde offenbar ermittelt. "Mich hat niemand gefragt", knurrt ein Tribünenbesucher. In der Babelsberger Ecke unter der Anzeigetafel kontern 150 Mitgereiste mit russischsprachigen Ostalgie-Transparenten und ikonographischen Bildern von unbekannten Männern, die von älteren Zuschauern auf der Tribüne je nach Sozialisation als Karl Liebknecht, Ludwig Ehrhard oder Stalins Stasi-Chef Feliks Dscherschinski erkannt werden.

Unten nehmen nun die Trainer das Heft in die Hand. Dietmar Demuth wechselt
für seinen Torschützenkönig Frahn Kutschke ein. Auch Sven Köhler, der eigentlich wissen muss, dass Babelsberg seine Spiele zumeist in der Nachspielzeit gewinnt, ist mit dem Remis, das sich jetzt beide Mannschaften verdient hätten, nicht zufrieden. Mit Görke kommt ein neuer Mann fürs Mittelfeld, mit Lindenhahn und Aydemir folgen auch noch zwei neue Außen.

Das endlich, unterstützt von einer der üblichen Wurfaktionen der halleschen Fankurve, vermag aus dem bis hierhin sicheren Unentschieden doch noch eine der seltenen halleschen Heimniederlagen zu zaubern. Die erste seit dem letzten Spiel der letzten Saison, in dem es, im Unterschied zu heute, um nichts mehr ging.

Selim Aydemir, ein junger, flinker und technisch eleganter Mann, ist noch kaum zehn Sekunden auf dem Platz, als er zum ersten Mal den Ball verliert. Jan Benes muss retten - und sieht dafür die gelbe Karte. Eine Minute später erneut Aydemir, erneut mit einem Pass, der vor allem elegant aussehen soll. Und wieder schief geht. Babelsberg stürmt, kurz vorm Strafraum muss der bis dahin souveräne Abwehrchef Adli Lachheb den ballführenden Babelsberger umreißen. Freistoß. Aus der Fankurve fliegen Papierrollen, der Linienrichter verlässt seinen Platz, das Spiel wackelt wiedermal, die Abwehr der Hallenser wankt durch eine zweiminütige Unterbrechung, die pure Angst spielt nun mit.

Dann kommt es, wie es kommen muss. Der Freistoß segelt lang in den Strafraum, Kopfballverlängerung - und am langen Pfosten steht der eingewechselte Kutschke einsam und allein, und drückt das Leder aus anderthalb Metern unter die Latte. Das wars. Babelsberg jubelt wie über die gewonnene Meisterschaft, Halles Spieler schleichen mit hängenden Köpfen in die Kurve. Gewinnen Magdeburg und Wolfsburg morgen, ist Halle, letzte Woche noch einen Wimpernschlag lang Erster, plötzlich nur noch Fünfter. Dann könnte die Elf endlich mal wieder "befreit aufspielen" (Waldefried Forkefeld). Vielleicht auch mal 90 Minuten lang, nicht nur 45. Wäre auch schön.

Freitag, 20. November 2009

Money mit der Messermasche

Da ist er wieder, der rechtsfreie Raum, vor dem uns Ursula von der Leyen und Wolfgang 2.0 Schäuble immer gewarnt haben. Auf Milliondollardigit bietet ein gewisser Jesse Distad aus Wisconsin an, sich einen seiner Finger abzuschneiden, sobald die Welt da draußen im Internet ihm eine Million Dollar gespendet habe. Die Operation soll öffentlich vor einer Webcam stattfinden, allerdings nur von denen beobachtet werden können, die zuvor eine Spende geleistet haben.

Bisher haben Blutgierige rund 900 Dollar an Distad überwiesen, eigentlich mit der Seite Admindaily Webseitenprogrammierung anbietet und Webmastern Tipps gibt, wie man mit seiner Seite im Internet erfolgreich Geld verdient. Das allein scheint für den ehemals im Irak eingesetzten Familienvater selbst nicht ganz zu reichen, so dass er jetzt auf die Messermasche setzt. Klappt alles wie geplant, lebt sichs mit einer Million und neun Fingern sicher nicht viel schlechter als ohne das Geld und mit zehn.

Verbot der Woche: Fünfte Kolonne in Photoshop

Ein grafisches Versehen mit Folgen: Die französische Stadt Orange muss Plakate für einen Weihnachtsmarkt abnehmen, weil darauf Hakenkreuze zu
sehen sind. Nach offiziellen Angaben hatte eine Beamtin beim Design nicht aufgepasst. Die Angestellte, die das Plakat am Computer entwarf, benutzte zur Gestaltung ein angeblich "traditionelles indisches Stoffmuster", das sie im Programm Photoshop gefunden haben will. Sie fand es so schön, dass sie die Ankündigung für den Weihnachtsmarkt mit den im Muster enthaltenen kleinen Hakenkreuzen unterlegte.

Während die Organisation SOS Racisme nach Bekanntwerden des Skandals folgerichtig ankündigte an, die Stadt Orange wegen Anstiftung zum Rassenhass anzeigen zu wollen, berät die Bundesregierung über weitergehende Maßnahmen. Sollte sich herausstellen, dass in Photoshop tatsächlich Hakenkreuze enthalten seien, müssten umgehend alle Produkte des Herstellers Adobe auf solche "fünfte Kolonnen" überprüft werden, hieß es in Berlin. Photoshop solle bis zur Prüfung des Sachverhalts durch eine hochrangige Expertenkommission, zu der Internet-Experten, Grafiker, Fotografen und Indologen gehören, im Rahmen der PPQ-Aktion "Verbot der Woche" nicht mehr vertrieben werden. .

Kantersieg im Kampf gegen rechts

Kantersieg im "Kampf gegen rechts" für Klimakanzlerin Angela Merkel und die Mobile Opferberatung. Jahrelang fuhren Medienvertreter auf der Suche nach dem ganz gewöhnlichen Faschismus in der "Mitte der Gesellschaft" (Wolfgang Thierse) der Einfachheit halber in das kleine erzgebirgische Dörfchen Reinhardtsdorf-Schöna, das unerwartet sehr berühmt dafür geworden war, dassl ein Viertel ihrer Bürger stets Kandidaten der NPD wählte.

Mobile Opferberater fanden sich auch ein, verstärkt durch Soziologen, Sozialarbeiter und andere Fördermittelempfänger, der von Rechten unterwanderte Jugendklub wurde kurzerhand geschlossen, zugezogene Zivilgesellschaftler gründeten tapfer eine Bürgerinitiative und die Landesregierung in Dresden legte eine Bargeldpipeline bis ins Dorf, um den traditionell fremdenfeindlichen Dörflern ihre widerliche Sympathie für die NPD abzukaufen.

Das Ganze wurde selbstverständlich wissenschaftlich begleitet: In einer nahezu unlesbaren Broschüre namens “Deutsche Zustände” analysierte die im “Kampf gegen rechts” lokal führende Autorin Bianca Richter “exemplarisch die Selbststabilisierungsfaktoren von feindseligen Ansichten und Verhalten” (Broschüre). Anschließend stellte “sie verschiedene Interventionsmöglichkeiten für die Gemeinde vor” und “das Mobile Beratungsteam in Sachsen zog "Bilanz zu Möglichkeiten der Demokratieentwicklung in Reinhardtsdorf-Schöna”.

Die sind nun unter Ausschluß der Öffentlichkeit ausgeschöpft. Bei der Bundestagswahl 2009 brach der Stimmenanteil der NPD um die Hälfte ein, nur noch 108 Reinhartdsdorfer und Schönaer wollten die Rechtsextremen wählen. Die CDU profitierte am meisten vom demokratischen Sinneswandel, sie holte das Dorf mit 39,5 Prozent der Zweitstimmen zurück in den Schoß der demokratischen Gemeinden. Leider ist das weltweit unbemerkt geblieben, weil der gewonnene Kampf gegen rechts tendenziell eher weniger ein Thema ist als der verlorene. Ohne braune Gefahr keine Fördermittel, ohne Fördermittel keine Schlagzeilen. Außer auf der drögen Statistikseite der Landesregierung und im wackeren Domradio hat den Triumph der Guten gar niemand mehr zur Kenntnis genommen.

Wahrheit tut weh

Donnerstag, 19. November 2009

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Der hier im Freidenker-Board PPQ gerade erst besprochene Gatte von Nadeschda Konstantinowna Krupskaja, Wladimir Iljitsch Uljanow aka Lenin, dessen Kurzbiografie auf Makedonisch übrigens so lautet: Владимир Илич Ленин (1870-1924) е руски револуционер, лидер на болшевиците и прв премиер на Советска Русија. Според неговите приврзаници неговата теорија се надоврзува на марксизмот (оттука „марксизам-лeнинизам“), а според неговите противници разликите помеѓу марксизмот и ленинизмот се преголеми за да се сметаат за единствена политичка теорија, dieser Lenin also stellt sich, im Nachhinein ist man immer klüger, als großer Kabarettist und Satiriker dar.

Auf dem Gründungskongress der Kommunistischen Internationale dekretierte er 1919, dass "die Diktatur des Proletariats die gewaltsame Unterdrückung des Widerstands der Ausbeuter, d.h. einer verschwindenden Minderheit der Bevölkerung, der Gutsbesitzer und Kapitalisten (ist). Hieraus wiederum ergibt sich, dass die Diktatur des Proletariats unweigerlich nicht nur allgemein gesprochen, eine Veränderung der Formen und Institutionen der Demokratie mit sich bringen muss, sondern eine solche Veränderung derselben, dass die vom Kapitalismus Geknechteten, dass die werktätigen Klassen in einem in der Welt noch nie da gewesenen Maße die Demokratie tatsächlich ausnützen." (Thesen und Referat über bürgerliche Demokratie und die Diktatur des Proletariats, in: Lenin Werke, Band 28, S. 479; Protokoll des 1. Kongresses der Kommunistischen Internationale, S. 122)

Auf die Pointe muss man erst einmal kommen.

Wende auf dem virtuellen Dachboden

Direkt über dem "Geldmarkt", unmittelbar unter dem Kellner, der einer 16-Jährigen in die "Sexfalle" gegangen ist, genau an dem Platz also, an den wir uns immer träumten, damals, als die Mauer noch stand, steht in der nach dem "Spiegel" zweitgrößten deutschen Boulevardzeitung "Bild" heute ein Bericht über unser auf dem Dachboden gefundenes Tondokument aus wilden Wendetagen.

"Youtube", so flunkert das Blatt, "präsentiert die historische Wende-Rede im Internet", was nicht ganz akkurat ist, weil nicht der demnächst sterbende Internetriese auf seinem sicher sowieso nur virtuellen Dachboden gekramt und dabei auf gilbem Orwo-Band weise Böhme-Worte wie "Sie sind das Volk, aber nicht Sie allein" gefunden hat. Sondern unser kleines Freiwilligen-Board PPQ, das all seine wenige Kraft der Bewahrung der schönsten Momente unserer überwiegend tristen Heimatgeschichte widmet. Dafür sind wir damals zwar nicht auf die Straße gegangen.

Aber so kurz vor Weihnachten sind wir geneigt, Nachsicht zu üben. Sobald Zeit und Gelegenheit ist und wieder dominostürzende Jubiläumsfeiern anstehen, "präsentieren" wir dann Teil 2 der "historischen Rede", das Band war ja ein 60er. Also, "Bild", dranbleiben!

Der Letzte macht das Licht aus

Wenn das mal nicht wieder eine sensationelle Nachricht ist! Im Jahr 2060 wird es in Deutschland kaum noch mehr Jugendliche als Menschen im Greisenalter geben, hat das Statistische Bundesamt herausbekommen, das früheren Bekenntnissen nach im Moment allerdings nicht genau weiß, wieviele Menschen eigentlich wirklich in Deutschland leben.

Aber egal, die da sind, werden immer älter und sie bekommen anhaltend wenig Kinder, so sind in 51 Jahren schließlich nur noch 16 Prozent der Deutschen unter 21 Jahre, dagegen aber jeder dritte mindestens 65 Jahre alt. Greise im Alter von 80 Jahren und mehr, die gegenwärtig nur fünf Prozent der Bevölerung stellen, werden 14 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Die niedrige Geburtenziffer von 1,4 Kindern pro Frau kann dauerhaft auch nicht durch die steigende Lebenserwartung ausgeglichen werden - dadurch wird es den neuen Prognosen, die PPQ-Statistiker bereits im Februar vorabgemeldet hatten, ganz allmählich immer weniger Deutsche geben. " Die Bevölkerung werde von derzeit 82 Millionen Menschen auf 65 Millionen schrumpfen", bestätigte Behördenchef Roderich Egeler die im PPQ-Kompetenzteam gewürfelten Zahlen.

Denen zufolge bleibt Deutschland noch volle 15 Generationen von den Kindern, Enkeln und Enkelenkeln der derzeitigen Bewohner besiedelt, ehe der Landstrich abschließend verödet. Von 80 Millionen Deutschen werden bei einer Geburtenrate von 1,37 Neugeborenen pro Frau innerhalb der nächsten Generation immerhin noch fast 55 Millionen. Die wiederum bekommen bei gleicher Kinderzahl noch 37,5 Millionen mal Nachwuchs. Über 25,6, 17,5 und 11,7 Millionen erreicht die Zahl innerhalb der nächsten 150 Jahre bereits unter zehn Millionen.

Um dann anhaltend schnell, aber in absoluten Zahlen im Grunde nur noch vernachlässigbar weiter zu schwinden: Anno 2200 werden noch rund 5,5 Millionen Deutsche das neue Jahr begrüßen, anno 2300 dann nur noch knapp eine Million.

Die können dann allerdings auch langsam zusammenpacken, denn sie werden beinahe Zeitgenossen der nur noch etwa 300.000 Mitglieder zählenden Generation sein, die sich um das Jahr 2450 in den weiten und weitestgehend von der Urbevölkerung entkleideten Landschaften verliert, die einmal Deutschland waren.

Das Ende wird das immer noch nicht sein: Erst weitere 15 Generationen oder umgerechnet rund 500 Jahre später werden die letzten Deutschen endgültig verschwunden sein - von heute an gerechnet bleibt also noch ein ganzes tausendjähriges Reich lang Zeit, den Babyboom zu feiern.

Der Himmel über Halle XX

Das müsste sich wohl "goldener Oktober" nennen lassen, wenn nicht schon November wäre. Ohne Kosten, Steuergeld und Mühe zu scheuen, hat die in der ehemaligen Chemiemetropole Halle kultisch verehrte Stadtverwaltung auch gestern Abend wieder einen denkwürdigen Sonnenuntergang an die Himmelsleinwand projizieren lassen. Im Rahmen unserer Aufgabe als offizielles Dokumentationsboard der fortgesetzten Sky-Spektakel über dem Saaletal freuen wir uns, Bildmaterial des äußerst aufwendig Orange, Grün, Schwarz und Blau eingefärbten Himmelszeltes präsentieren zu dürfen.

Mittwoch, 18. November 2009

Alzheimer bei Eppler

Erst Krebs bei Oskar Lafontaine und nun hat es auch Erhard Eppler erwischt, den letzten großen alten Mann der deutschen Sozialdemokratie. Auf dem Parteitag in Dresden ließ der Zeitzeuge, der einstemals zugegen war, als sich die SPD mit dem Godesberger Programm von der Weltrevolution verabschiedete, erkennen, dass er vieles erlebt, aber auch eine ganze Menge vergessen hat.

So versicherte Eppler den Delegierten, "dass noch nie eine Ideologie so unmittelbar, so gründlich, so erbarmungslos widerlegt worden ist wie der Marktradikalismus durch die Finanzkrise - noch nie". Wobei der rüstige Ex-Revolutionär den durchweg jüngeren Delegierten, die es ja nicht besser wissen können, glattweg unterschlug, dass die jahrzehntelang recht lebendig wirkende Ideologie des Marxismus-Leninismus vor nicht einmal ganz zwei Jahrzehnten von trotzigen Volksmassen noch sehr viel gründlich und erbarmungsloser widerlegt wurde.

"Aber das Erstaunliche für uns alle ist", schloss der für seine allerlei Tatsachen auslassenden Ausführungen gefeierte Kinnbartträger, "diese marktradikalen Thesen haben ihre Widerlegung überlebt". Nicht weiter schlimm, Herr Eppler. Die Idee von Sozialismus im Geist von Marx, Engels und Lenin hat das auch getan. Aber das wissen Sie ja.

Nichts wissen macht nichts

Der Peer Steinbrück, jubelte der McDonalds-Vegetarier und SPD-Chef Sigmar Gabriel jüngst öffentlich in Dresden, habe den Finanzministern der Welt gezeigt, wie man richtig mit der Krise umgeht. Ohne Peer Steinbrück, als Ministerpräsident einst Inspirator der steuersparenden Auslandsniederlassungen der WestLB, wäre der Zusammenbruch der Märkte noch extremer geworden, noch mehr Menschen hätten noch mehr Geld verloren.

Auch, weil ohne den Finanzminister und obersten Aufseher der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau vielleicht weniger Geld aus Deutschland in die USA abgeflossen wäre. Steinbrück, Kämpfer gegen "das Komasaufen auf den Finanzmärkten" und stets Verfechter einer "härteren Aufsicht" über alle Finanzinstitute, lebte als Mitglied des Verwaltungsrates des seinerzeit mit Geldern aus dem Marshallplan gegründeten Institutes vor, wie er sich Aufsicht vorstellt: In der Begründung eines Urteil, mit dem die KfW bescheinigt bekam, ihrem Risikovorstand Detlef Leinberger zu Unrecht gekündigt zu haben, lässt sich jetzt nachlesen, wie es um die Aufsicht bei der Staatsbank stand, die der eben pleitegegangenen US-Bank Lehman Brothers mal eben noch 320 Millionen Euro hinterhergeworfen hatte.


Etwa so wie um die Aufsicht über die Ratten im Kanzleramtskeller, wie die Begründung der Richter zeigt. Den internen Regelungen zufolge habe es "keine Möglichkeit gegeben, bei einer drohenden Insolvenz Geldabflüsse an den betroffenen Geschäftspartner zu verhindern". Organisation und Berichtswesen seien "nicht an die Entwicklung an den Finanzmärkten angepasst worden", die Milliarden und Abermilliarden schwere Kreditanstalt für Wiederaufbau habe nicht einmal "über einen unmittelbaren Zugang zu aktuellen Informationen eines Wirtschaftsdiensts verfügt", wie ihn jeder mittelständische Pumpenbauer hat, um die Kreditwürdigkeit seiner Geschäftspartner zu prüfen.

Peer Steinbrück machte nach der Überweisung der Millionen, die damit natürlich verloren waren, mächtig Druck auf die Geschäftsführung, um die unhaltbaren Zustände abzustellen. Im September ging das Geld verloren, schon vier Monate später, am 20. Januar 2009, beschloss der Vorstand, die aktuelle Risikolage täglich zu beraten.