Dienstag, 6. Juli 2021

Kritik und Selbstkritik: Die Leiden des Lesenden

Kommentäter ohne eigene Internetseite wollen oft Revolutionäre sein.

Er ist aufgeregt, immer wieder. Er ist empört. Entsetzt, enttäuscht. Er kann die Tinte nicht halten, es muss raus, es muss jetzt raus, es muss raus voller Adjektive und und zusammengesetzter Substantive. Es muss hart sein, ganz an die Kante, es muss Gesicht zeigen, Durchblick und Unerbittlichkeitkeit. 

Er heißt immer anders, ist aber immer derselbe: Der leidende Leser von PPQ.li, ein Mann, allem Anschein nach, der unter wechselnden Namen für sich selbst spricht. Er mag das alles nicht. Er würde es lieber sehen, riefe irgendwer endlich zum Aufstand auf. Er kann das von der Baerbock nicht mehr hören, gerade jetzt. Nicht mehr hören konnte er vorher das vom DFB, das mit dem Klima, das mit der EU und auch sonst immer wieder Dinge, die er sofort eintauschen würde gegen ein anständiges Manifest, das die Menschen auf die Straße treibt, auf die Palme und in den Widerstand.

Aufruhr & Widerstand

Er ist der große Unbekannte, der zu erkennen ist an zusammengesetzten zusammengesetzen Substantiven und selbstgemachten  Adjektiven. Ein ganz kurzes ist "literaturnobelpreisverdächtig", ein besonders schönes "kopfwerklich". Kombiniert mit dem farbig ausgemalten Sätzen über "das Hintergrundrauschen im grünen Blätterwald", die "schäbige Scheinheilssekte" einer "angeblichen Klimaschutzpartei" und Politik, die "nun mal ein schmutziges Geschäft" ist, entstehen poetische Miniaturen purzelnder Selbstbesessenheit und "Meisterwerke der satirisch spitzen Zunge, um  in bekannter Detailverlebtheit jedem Leser anzubieten, der genug Zeit und Geduld hat, um solche Litaneien bis zum Ende durchzulesen, ohne sich durch die Abgedroschenheit gelangweilt anderen Themen zuzuwenden" (Originalzitat).

Hass im Netz

Gäbe es diesen leidenden Leser nicht, der als "Lauschangriff", "Unpluggiated" oder "Multiplikator" durch die Kommentarspalten bei PPQ.li geistert und wettert, wettert, wettert, gäbe es hier längst nur noch die von ihm geforderte "Weißheit leerer Blogseiten" zu sehen. Nach Jahren des engagierten Kampfes gegen Rechts, gegen Hass und fake news, den PPQ.li als gesellschaftliche Aufgabe im Ehrenamt führt, ist das nun Lohn: Hohn und Hass in spitzen Sätzen, Verachtung und verbale Vernichtungsfantasien, kaum gepolstert durch hüftsteifen Humor und eine Grammatik, die den höheren Schüler erahnen lässt, der womöglich damals, als Kind, selbst Mobbing und Verfolgung ausgesetzt gewesen sein mag.

Heute hasst er zurück. Heute ist er am Drücker. heute fühlt er sich wohl in der Rolle des einsamen, unzufriedenen und von keiner anderen Leidenschaft abgelenkten Einzeltäters. Die verdienstvolle Amadeu-Antonio-Stiftung hat den Typus Mensch, der hinter "Lauschangriff", "Unpluggiated" oder "Multiplikator" steckt, längst schon mit scharfen Strichen und einer Menge Steuergeld porträtiert. Seine "Abwertungen basieren auf der Annahme, dass andere weniger wert wären", charakterisieren die Meinungsfreiheitsschutzexperten die Unterminierungsversuche dieser Art Troll. Ausgeübt werde "eine Form von digitaler Gewalt", die sich oft hinter unbeholfenem Humor verstecke, um von den geltenden Meinungsfreiheitsschutzgesetzen unbehelligt zu bleiben.

Fixiert am Feind

Andere gesellschaftliche Ereignisse" als die, die bei PPQ.li analysiert werden, scheinen für ihn kaum noch Relevanz zu besitzen. Der leidende Lesende ist fixiert, wie festgeklebt an den Vorgaben der Tagestexte, die er kritisch reflektiert, indem er "zum x-ten Mal wiederkäut, was in vielen anderen Medien längst bis zum Erbrechen vorverdaut wurde". Alle Hoffnung, gehört und verstanden zu werden, hat er lange schon fahren lassen: "Wer es bisher nicht kapiert hat, welch eine ist, der wird nie etwas verstehen, denn dem Aufmerksamen reicht eine einzige kleine Geste zum Verständnis, dem Unaufmerksamen aber zehntausend Erklärungen nicht. Man kann Esel nämlich mit hunderten Wissensbüchern beladen - es bleiben Esel", heißt es dann aufklärend für die, die vielleicht noch zu retten sind.

Teil einer Klorollenhäkelei

Er ist ein Vielschreiber, der oft ohne direkte Beleidigungen auskommt, nie aber ohne den Anspruch, denen, die es sowieso nie verstehen werden, wichtige eigene Kenntnisse zugänglich zu machen. Im Gefühl dieser seiner selbstgewählten Aufgabe beteiligt sich das Vorzeigeexemplar eines Internet-Trolls nach eigenem Dafürhalten an einer "doch recht dekorativen Klorollenhäkelei für die Heckablage zur Erbauung des solche kopfwerkliche Virtuosität kunstbegeistert bewundernden Publikums". Er hasst es. Aber er muss es tun. Er kann nicht nur zusehen. Er muss eingreifen, wenn schon nicht mit der Tat, dann wenigstens mit dem Wort. 

Sieht denn niemand außer ihm, dass die Welt untergeht? Und dass es höchste Zeit wäre, mit ein paar geschliffenen Texten zu den Hauptproblemen unserer Tage gegen das Verhängnis anzuschreiben? Es aufzuhalten, indem die Massen aufgerüttelt werden, an die Hand genommen und auf das Leid der unter durchgegenderten Mainstream-Medien wie PPQ.li leidenden Lesenden aufmerksam zu machen? 

Hilfeschreie eines Kommentäters

Dies hier ist der Versuch, ein Hilfeschrei, der auf die Hilfeschreie des von der Gegenwart und ihrer Spiegelung wie von den eigenen Gedanken und deren gelegentlichem Ausbleiben Bedrängten aufmerksam machen will. Man muss Mitleid mit dem offenbar von seinen "Freunden" hintergangenen Kommentäter bekommen, der sogar im eigenen Zuhause vom Schlachtross zum Opferlamm zurechtgestutzt wird, wie er selbst beschrieben hat, verpackt wie immer in verschlüsselte Sätze von wolkiger Schärfe. Es sind Buchstaben der Angst, Buchstaben des Grauen, die er da kombiniert hat zu Aussagen, die Fürchterliches ahnen lassen: "Beim Hauptsache ich unterscheidet man weder Freund noch Feind", heißt es apodiktisch. Und: "Die meisten Gewaltverbrechen passieren innerhalb der Familie. Das Ehegelübte "Bis dass der Tod uns scheidet" wird oft also wirklich ernst genommen."

Wegen Genderfeindlichkeit: DFB macht Schluss mit der "Mannschaft"

Die DFB-Wortbidmarke "Mannschaft" steht als zu wenig divers und genderfeindlich vor der Ablösung.

 D
er Trainer, der seines Jobs längst überdrüssig geworden war, ist fort. Der letzte Ostdeutsche hat die Segel gestrichen, die übriggebliebenen Mitglieder der als "Die Mannschaft" bekannt gewordenen deutschen Fußball-Nationalauswahl weilen im wohlverdienten Urlaub. Doch nun kündigen sich schon erste tiefgreifende Reformen an, mit denen der Deutsche Fußball Bund (DFB) eine baldige Rückkehr zu den erfolgreichen Tagen früherer Auswahljahrgänge einleiten will.  

Rabiate Reformen

Dazu will der weltgrößte Sportverband seine Spitzenauswahl der Männer künftig nicht mehr "Die Mannschaft" nennen - ein Begriff, der von Anfang an für viel Kritik gesorgt hatte. So war es im Zusammenhang mit Spielen von sogenannten Frauenfußballspielerinnen (FAZ) zu Missbildungen wie "Frauenfußballnationalmannschaft" gekommen. Eine Neubildung in Form einer wilden Wucherung mit exklusivem statt inklusivem Anspruch, den Frauenfußballnationalmannschaftsfan*Innen ablehnten.

Zurecht, denn wie sich nach der Niederlage gegen England bei der EM zeigte. Auch im Umfeld der Männerfußballnationalmannschaft zerstörte die maskuline Begrifflichkeit der Wortbildmarke des DFB vieles, was die Spielenden auf dem Rasen mit Hilfe von Regenbogenbinden und Kniefallgesten aufgebaut hatten. Die "Mannschaft" schloss die Hälfte der Weltbevölkerung aus, der DFB wurde seinem Ruf als korrupter Verband mit einem Vergangenheitsfetisch einmal mehr gerecht. 

Die kalte Hand der alten, weißen Männer

Bis hin zu fortschrittlichen Fankreisen reicht die kalte Hand der alten, weißen Männer: So trösteten Fan/*_Innen die "Mannschaft" bei Facebook aufmunternd mit dem Hinweis, sie habe zwar ein Spiel verloren, "aber dass die M⚽️nnschaft, während des gesamten Turniers klare Kante gegen Rechts gezeigt hat, ist weitaus mehr Wert, wie der zu erwartete Sieg." Die vielen Zeichen, die die Mannschaft von Anfang mutig "für #Respekt, #Vielfalt und #Toleranz gesetzt" habe, würden länger überdauern als ein Sieg gegen den Erzfeind, denn sie hülfen, dass "das gute im Menschen bestehen bleibt" (im Original). 

Dazu ein #DankeMannschaft, das schnell als ungerecht, vergangenheitsfixiert und maskulinistisch kritisiert wurde. Ausnahmsweise aber reagierte der DFB diesmal schnell: Nun soll ein gendergerechter Name für die derzeitige "Mannschaft" gefunden werden. Derzeit laufe bereits ein Ideenwettbewerb, wie in Frankfurt bestätigt wurde. Nach dem Tragen der Regenbogenbinde durch den Kapitän*Inseienden Manuel Neuer und der bereits mehrere Jahrzehnten währenden Zugehörigkeit von Frauen zum DFB und zu Deutschland entspreche  die seinerzeit als Abwendung vom Fußballnationalismus erdachte Bezeichnung "Mannschaft" nicht mehr "den Vorgaben der sprachlichen Gleichstellung“, hieß es dazu. 

Ideenwettbewerb für Genderteam

Über die in Berlin ansässige Bundesworthülsenfabrik (BWHF) wird nun „unter Berücksichtigung der vertraglichen Rahmenbedingungen“ - ein Fingerzeig zu bestehenden Verträgen mit Sponsoren - ein Vorschlag zur Änderung der Bezeichnung erarbeitet,d er womöglich "Mann- und Frauschaft" oder auch "Spielgruppe" heißen könnte. „Der Markenkern des viermalig Weltmeister*innenseienden soll dabei erhalten bleiben“, beschrieb ein Sprecher der BWHF die Zielvorgabe, "an die wir uns zu halten haben". Hilfe versprechen sich DFB und BWHF von einem Ideenwettbewerb, der sich an alle Fans, Sympathisanten und Mitglieder des DFB richte. Bis zum Donnerstag nach dem Ausscheiden in London waren bereits mehr als 800 Vorschläge eingegangen.

Montag, 5. Juli 2021

Globalsteuer: Einer für alle

Endlich einheitlich: Die globale Mindeststeuer kommt theoretisch schon demnächst, nur nicht für alle.

Olaf Scholz triumphierte, nachdem Janet Yellen sich durchgesetzt hatte. Der deutsche Finanzminister, nebenher aussichtsreichster Kanzlerinkandidatin seiner Partei seit Martin Schulz, hatte jahrelang dafür gekämpft, 2019 hatte er sogar schon einmal einen Durchbruch verkündet.  Nun aber steht der "historische Beschluss" (DPA): 130 Staaten, deren Unternehmenssteuersatz über 15 Prozent liegt, haben sich darauf geeinigt, dass große Konzerne künftig weltweit mindestens 15 Prozent auf ihre Gewinne abführen müssen.

Nach deutschem Vorbild

Das entspricht dem deutschen Vorbild, so dass Deutschland mit seiner Zustimmung keinerlei Wagnis eingeht. Anders sieht es in Staaten aus, die mit niedrigeren Sätzen versuchen, Firmen anzulocken: Mit Irland, Estland und Ungarn sind es ausgerechnet drei EU-Staaten, die der allgemeinen Einigung nicht zugestimmt haben. Dazu kommen weitere sechs der 139 OECD-Länder und 54 Uno-Mitgliedsländer, die nicht Mitglied der OECD sind. Mit Russland, Argentinien, Brasilien, Bulgarien, Kroatien, Peru und Rumänien befinden sich darunter Staaten, die Steuerquoten haben, die mit den Vorgaben der OECD-Staaten vergleichbar sind. Aber auch Länder, die das Steuerdumping auf die Spitze treiben wie Saudi-Arabien mit einem Steuersatz von nur 3,4 Prozent, der Oman mit 4,2 oder Kuweit, dessen Unternehmenssteuern eine Abgabe von 1,4 Prozent der Gewinne vorsehen.

Im allgemeinen Jubel um die "weltweite Einigung" (DPA) ging ganz unter, dass ein Viertel der Staaten weltweit der "Einigung" (Olaf Scholz) nicht zugestimmt haben.  Während es Olaf Scholz vor allem darauf ankam, sich selbst als Vater der Durchsetzung darzustellen, ging es der EU darum, nicht groß darauf herumzureiten, dass immerhin mehr als zehn Prozent der eigenen Mitgliedsstaaten Widerstand gegen eine Lösung leisten, von der sie Nachteile für sich selbst erwarten. Dieser Anteil ist höher als sonst irgendwo unter den OECD-Staaten, die EU stellt ein Drittel aller Verweigerer in der OECD. Höher ist die Quoter der Widerständler nur noch in der Karibik und auf der arabischen Halbinsel.

Ein Steuersatz für alle, theoretisch

Ein Steuersatz für alle bleibt damit vorerst weiterhin eine ebenso theoretische Abmachung wie der Versuch der EU, die Steuerhoheit der Mitgliedsstaaten abzuschaffen, seit Jahren an deren Vorstellung von staatlicher Souveränität scheitert. Selbst wenn sich 130 Staaten, deren Steuersätze für Unternehmensgewinne über 15 Prozent liegen, auf ein Abkommen zur Besteuerung von Unternehmen einigen, nach dem "ab 2023" (Olaf Scholz) alle großen, grenzüberschreitend tätigen Konzerne mindestens 15 Prozent Gewinnsteuer zu zahlen haben, egal, wo sie ihren Sitz haben oder ihre Gewinne machen, werden die Zahlungen von Digitalfirmen wie Facebook keineswegs flott neu quer um den Globus "neu verteilt" (DPA). 

Der "kolossale Schritt hin zu mehr Steuergerechtigkeit“ (Scholz), mit dem Scholz für seine Kanzlerkandidatur trommelt, ist vor allem ein theoretischer: Die von der EU-Steuerbeobachtungsstelle geschätzten Zusatzeinnahmen für die EU in Höhe von 50 Milliarden Euro pro Jahr werden einerseits nicht fließen. Andererseits wird sie ebenso wie die 150 Milliarden "Zusatzeinnahmen der Staaten insgesamt, von denen aus Werbegründen die Rede ist, irgendwer bezahlen müssen.

Für Deutschland, das mit sechs Milliarden zusätzlicher Einnahmen rechnet, ist schon ausgemacht, wer den satten Schluck von 0,75 Prozent obendrauf auf die derzeitigen Einnahmen von rund 800 Milliarden im Jahr berappen muss. "Der Steuerzahler jedenfalls nicht", würde Julia Klöckner sicher formulieren.


Ein Gespräch im Hause der Familie B, in Abwesenheit von Annalena Baerbock

Im gemütlichen Wohnzimmer der Familie B. fand die Diskussion um die Kanzlerinkandidatin statt.

Es herrscht Redebedarf überall, nicht nur in den angeschlossenen Funkhäusern, bei den solidarischen Genossen und im Milieu des bürgerlichen Bionadeadels. Auch dort, wo die Krisenwellen der Plagiatsaffäre an Land schlagen, ist merklich Unruhe eingezogen. War es das etwa schon? Was wird aus den Plänen, das Land umzustülpen und klimagerecht neu zu gründen? Wie soll die Welt gerettet werden, wenn üble Kampagnen schon die Machtergreifung verhindern? Was macht das mit dem CO2, wie hilft es Paris, was kann man noch tun?

Die vierte Frau, die es nicht wird

Ohne große Öffentlichkeit, ohne feste Agenda und Schaum vorm Mund sind in der vergangenen Woche vier führende Persönlichkeiten  aus der jetzt so in Kritik stehenden Partei zusammengekommen, um über Ursachen und Auswege der Tragödie um die erste Kanzlerinnenkandidatur zu sprechen. Wieso war es nach Andrea Nahles, Ursula von der Leyen und Annegret Kramp-Karrenbauer wieder ein Frau, die scheitert? Weil Männernetzwerke Schulter an Schulter stehen und ihre Ränke schmieden? Wieso konnte selbst das teilstaatliche Nachrichtenportal t-online die Hintermänner nicht finden, obwohl ein Redakteur aufwendig mit einem  Informanten telefonierte? 
 
Das Protokoll einer Debatte, die kein Sachbuch war, historisch aber womöglich ein Moment, an den Deutschland nach dem Wahltag im Herbst nie mehr zurückdenken wird. PPQ.li hat ein Tonband zugespielt bekommen, das nach Angaben des Urhebers ein Gespräch im Hause der Familie B enthält, geführt in Abwesenheit der Kanzlerinnenkandidatin. Zugegen waren ungeprüften Angaben zufolge Robert H., Michael K., Daniel H. und Katrin G. Über einen forensischen Stimmenabgleich konnte die Identität der Sprecher im Labor zumindest annähernd bestätigt werden. Der Inhalt der Diskussion spricht überdies für sich.

Aus Verantwortung vor der Geschichte veröffentlicht PPQ.li die Aufzeichnung nachfolgend.

Daniel H.: Nun setzt euch doch erstmal, ja, Katrin, setzt dich dahin, Kaffee, Tee, Bionade? Ein Weinchen vielleicht?

Michael K.: Ich tät' einen nehmen, wenn es keine Mühe macht. Robert, bist du dabei?

Robert H.: Also ich sage gleich, ich muss noch fahren. Nicht, dass das wieder ausufert.

Michael K.: Dann ist es vielleicht besser, ich meine, noch mehr Probleme...

Katrin G.: Finde ich auch. Bring mal Tee für den Robert, Michael.

Robert H.: Wir sind ja auch nicht zum gemütlichen Beisammensein hier, denke ich. Das ist doch alles Scheiße, wirklich, Daniel, richtige Scheiße. Uns so ins die Bredouille zu bringen, ich verstehe es einfach nicht.

Daniel B.: Aber du kennst sie doch. Ich meine, so ist das Lenchen nun mal. Immer schnell bei der Hand, eine Auffassungsgabe wie ein Automat. Und einen Augenblick später hat sie alles wieder vergessen.

Katrin G.: Und ich hatte dich gewarnt, Robert. Nicht nur einmal, du erinnerst dich sicher.

Robert H.: Das ist sicher richtig. Aber ich hatte sie gefragt, auch nicht nur einmal. Wir haben Hintergrundchecks gemacht, wir haben geprüft und analysiert und geguckt, wo ein Loch sein könnte. Da war nichts!

Katrin G.: War eben doch, nur habt ihr scheinbar hingeschaut wie ein Kind sein Kinderzimmer durchsucht, wenn es seinen Teddy sucht. Einmal über alles drüber und dann ist er immer noch weg.

Daniel B.: Ihr werde unsachlich. Sie ist kein schlechter Mensch. Warum sollte sie überhaupt nicht dabei sein heute? Das ist doch schoflig.

Michael K.: Weil wir sachlich reden müssen, wir wie die Kuh vom Eis bekommen. Die Kühe inzwischen. Wie stehen wir denn da? Wie begossene Pudel. gerade noch fast im Kanzleramt und auf einmal auf der Anklagebank wegen dieser Zahlungen, dieses fürchterlichen Lebenslaufes aus fröhlicher Fantasie. Und nun noch dieses Buch.
 
Katrin G.: Kein Sachbuch. Michael hat sich bald kaputtgelacht.
 
Daniel B.: Michael?
 
Katrin G.: Mein Mann.
 
Daniel B.: Achso, entschuldige. Noch Tee? Robert?

Robert H.: Ich nehme doch einen Wein, einen kleinen.

Michael K.: Ich hoffe, wenigstens du weißt, was du tust.

Robert H.: Nun sei mal nicht grantelig. Als hättest du nicht auch deine Aktie an dieser Aktion! Dieser Misere. Dem ganzen Scheiß. Kann ich einen Schluck in meinen Tee haben?

Michael K.: Das habe ich gar nicht gesagt. Ich fand es gut, dass sie wollte, obwohl das klar war. Und ich dachte, das wird sie sich dann sicher gut überlegt haben. 
 
Katrin G.: Das denkt man immer, aber diese jungen Leute, die springen in solche Situationen, ganz anders als wir früher mit unseren Bedenken. Die sind forsch, die sind da rücksichtslos. Die sehen eine Chance und dann stürzen sie sich da rein.
 
Daniel B.: Im Grunde erkenne ich sie da nicht wieder. Hier zu Hause ist das Lenchen anders, da hört sie auch mal zu und liest was, wir gucken auch fern, ganz normal. Für mich war das ja auch ein Einschnitt, denn ich wusste, wenn sie es wird, habe ich auch meine Rolle. "Herr Sauer" hat sie mich genannt. Nicht witzig.

Robert H.: Ich habe es, glaube ich, schon mal gesagt. Für mich war das der schmerzhaftester Tag in meiner politischen Laufbahn. Wir beide wollten es, aber am Ende kann es nur eine machen. Nichts wollte ich mehr, als dieser Republik als Kanzler zu dienen. Und das werde ich nach diesem Wahlkampf nicht, das ist klar gewesen. Nun ist aber auch klar, dass mein Opfer sinnlos war, denn sie wird auch nicht. Gut für dich, Daniel, aber auch nur für dich. Könnt ihr hier weitermachen wie gehabt.

Michael K.: Aber als Partei können wir das nicht. Ich wehre im Moment alles ab, indem ich glaubhaft Nichtwissen bestreite und Verschwörungstheorien nähre, dass dunkle Mächte und ins Visier genommen haben, aus Angst, dass wir sie daran hindern, die Welt weiter zu zerstören. Kandidaten sind genug da draußen und die Leute haben ja auch keine Ahnung, wie die Zusammenhänge sind. Aber das rettet uns nur den Arsch, entschuldige Katrin, den Hintern. Es bringt uns aber nicht wieder in die Offensive.

Robert H.: Und in der waren wir, bei Gott, in der waren wir! Wir hatten ein  Momentum wie der Trump vor seiner Wahl. 

Katrin G.: Schräges Bild, entschuldige Robert. Manchmal zweifle ich echt auch an dir.

Michael K.: Wir wollen nicht streiten, sondern zur Sache kommen. Leute, es geht um das Weltklima! Kanada 50 Grad! regen in Süddeutschland, 15 Grad in Berlin. was soll denn werden, wenn wir die schwarzen noch mal vier Jahre murkeln lassen? Schaut euch den Laschi an. Macht die Abstandsregeln für Windräder jetzt wie in Brandenburg. Da sterben doch bald noch mehr Leute in Kanada.

Robert H.: Dass etwas getan werden muss, ist für mich glasklar. Aber was? Wir müssen raus aus der Defensive, wir müssen die rechten Netzwerke enttarnen, die da mit Millionenaufwand dafür sorgen wollen, dass eine andere Welt nicht möglich wird, mit klimagerechter sozialer Gerechtigkeit, gut gedämmten Wohnungen, einer Mobilität, die jeden erreicht und grünen Ministern und Staatssekretären nicht nur in den Ländern. Wir haben doch bei der Seuche gesehen, was die Länder sind. Subsidiare Befehlsempfänger! Nein, ich will an den großen Topf!

Katrin G.: Uns musst du nicht agitieren.

Michael K.: Also mal zurück zum Problem A.

Daniel B.: Ich verwahre mich dagegen, dass in unserem Haus so vom Lenchen gesprochen wird. Das ist misigym, das ist ekelhaft.
 
Katrin G.: Miysogyn heißt das Daniel.
 
Daniel B.: Leck mich doch. Alte Ostschraube. (genuschelt)
 
Michael K.: Herrje, nun lasst doch mal das Gezanke.

Daniel B.: Ich lasse mir nicht von dir sagen, was ich lassen soll, mein Lieber. Das ist immer noch mein Haus und so lange du deine Füße unter meinen Tisch steckst...

Michael K.: Ist ja gut. Du hast mitbekommen, dass uns das ZDF jetzt auch in die Pfanne haut? Wegen Eurer luschigen Art, mit der Sache umzugehen. Niemand schreibt ein Buch allein! Wir sind doch hier nicht bei Goethes!
 
Katrin G.: Das ZDF? Aber auf die kann man sich doch eigentlich verlassen? 

Michael K.: Dachte ich auch. Am Anfang, als sie noch nichts wussten, haben sie sich auch mit allem, was sie hatten, vor das Lenchen geworfen. Kleinigkeiten, aufgebauscht und so weiter. Einer, der sich da ZDF-Rechtsexperte nennt, hat uns gleich 16 Tweets geliefert, die alle besagten, dass an den Vorwürfen nichts dran ist, es gar keinen urheberrechtlicher Schutz für abgeschriebene Texte gibt und Lenchen weiterhin das volle vertrauen des Senders habe. Aber zu früh gefreut, derselbe Typ macht jetzt bei der rechtsextremen Hetzkampagne ganz vorn mit. Das muss uns mal zu denken geben.

Katrin G.: Denken wird nicht reichen, Michael. Wir müssen handeln.

Daniel B.: Das würde euch passen. Das Lenchen abschießen. Ränkespiele, Platzhirsche (geht hörbar, Gläser klingen).

Robert H.: Verstehe ich, Daniel, das wäre auch meine Besorgnis, wäre das Lenchen meine Frau. Aber sieh es mal so: Sie ist derzeit unser Problem, objektiv. Wir haben ein supergeiles Superprogramm, in dem alles für jeden drinsteht, ein wirklich sieghaftes Konzept. Wir haben geile Plakatmotive, wir haben die Fridays-Kinder, die bald wieder für uns marschieren wollen.Wir haben die Lufthoheit in den Talkshows und eine ganze Reihe treuer Leute in den Funkhäusern und Redaktionen, die wissen, dass es um alles geht diesmal. Lenchen ist da nun ein Problem, das sich nicht mehr selbst lösen kann.

Katrin G.: Ja, mit ihr haben wir leider eine Dame dabei, die alles mit ein paar unbeholfenen Federstrichen einreißt. Ich meine, echt mal: Ehe sie sich diese Sachen da raussucht, da wäre sie doch schneller gewesen, das selber zu schreiben, oder was?

Daniel B.: Muss ihr vielleicht aber anrechnen, das Lenchen geht nicht den einfachen Weg, so einfach. Sie ist sich bewusst, dass sie auf den Schultern von Riesen steht, der Jürgen, der Joschka, die Claudi, der Boris. Das sind doch alle Vorbilder für sie und da bedient sich sich eben. Keiner schreibt ein Buch allein, das ist nicht so dahingesagt, das ist eine Grunderkenntnis für sie, für jeden Kollektivmenschen, der Individualität ablehnt, weil sie immer ungerecht ist.

Robert H.: Und wie verbleiben wir nun? Ist ja nicht so, dass mir das nicht auch weh tut. 

Michael K.: Dir? Was?

Robert H.:  (nuschelnd) Ist euch vielleicht nicht aufgefallen, aber ich habe auch gerade ein Buch geschrieben! 324 Seiten, alles selbst! Jede Zeile! Hirnschmalz! Von hier aus anders, habe ich das genannt. Und? Platz 7.700 bei Amazon! Dabei ist es zwei Euro günstiger als Lenchens. Mit 100 Seiten mehr! Und was macht ihr? Trommelt, trommelt, trommelt! Lenchen hier, Lenchen da. Sie ist jetzt Platz 126! Mit ihrer zusammengeklauten Scheiße! Entschudelige, Daniel. Wisst ihr, was das mit mir macht? Natürlich gibt es von mir noch weitere vier weittragende politische Manifeste und vier kritische politische Biografien, die zeigen, was für ein Superkerl ich wirklich bin. Aber ich meine: Sie kehrt da einfach nur was Dummes zusammen! Blablabla. Und verkauft davon mehr als ich von allem, was ich je geschrieben habe! Da beleidigt mich schlimmer als damals ihr Ding mit dem Du Schweinehirt, ich Völkerrecht. Und da konnte ich schon ein paar Tage nicht schlafen.

Michael K.: Ich verstehe dich.

Katrin G.: Das ist nachvollziehbar.

Daniel B.: Aber Lenchen hat das nicht mit Absicht gemacht. Bestimmt nicht.

Robert H.: (leise) Wir waren ein Traumpaar.

Es klingelt.

Daniel B.: Das wird sie sein.

Katrin G.: Dann lasst uns mal über was anderes reden. Was sagt ihr zum Rücktritt von Toni Kroos? Das war der letzte Ossi bei der Mannschaft.

Michael K.: Immer diese Ost-West-Schiene, das ist so langweilig.

Chor: Hallo, Lenchen! Schön das du da bist.

Sonntag, 4. Juli 2021

Lassasein: Wo die Bremse am Wichtigsten ist

Martin Schulz konnte sich mit seiner Idee der Abschaffung von Bremsen nicht durchsetzen.


Es geht ein Wort durchs ganze Land,

durch hunderttausend Leben.

Das Wort hat ewigen Bestand,

du kannst nicht widerstreben.

Der Vater sagts,

die Mutter sagts,

der Bürger sagts,

der Bauer sagts,

die Juden und die Arier;

der Richter sagts,

der Lehrer sagts,

die Zeitung sagts,

der Pfarrer sagts,

die Chefs und die Proletarier –

Du hörst sie alle Tage schrein:

»Lassassein –!«

 

Es mault das Baby, das man aufgeweckt:

›Lassassein!‹

es schilt die Amme, wenn sichs vollgekäckt:

›Lassassein!‹

es schallt durchs kinderreiche Haus:

›Lassassein!‹

manche Erziehung besteht nur aus

Lassassein!

Papa schimpft mit Fritzchen – früh Rauchen macht krank:

›Lassassein!‹

Es schlängelt das Mädchen sich auf der Bank:

»Nicht doch ... lassassein ... !«

Es rät der Freund dem Freunde gut:

»Mensch, lassassein!«

und der hat dann doch zum Heiraten Mut

und läßts nicht sein.

Wird ein Richter vernünftig, bringt ihn Leipzig auf den Trab: ...

Lassassein!

zeigt die SPD Mut, wiegelt der Vorstand sie ab: ...

Lassassein!

Demonstrieren die Arbeiter, dann brüllt die Polizei:

›Lassassein!‹

bei den Nazis steht sie lächelnd dabei:

»Lassassein ... Nein? Nein.«

In juristischen Wälzern steht nur ein Wort:

Lassassein!

Hundert Schilder verunzieren jeden Ort:

Lassassein!

George Grosz soll nicht malen. Die Kirche brüllt sich wund:

›Lassassein!‹

Pitigrilli soll nicht dichten. Es verbietet Schmutz und Schund:

›Lassassein!‹

Das Auto soll nicht fahren. Es droht die Markierung:

LASSASSEIN!

Der Student soll nicht links sein. Es droht die Relegierung:

Lassassein!

Treibt die arme Frau ihre Leibesfrucht ab?

Lassassein!

Und noch auf dem Friedhof ... »Keine Reden am Grab!«

Lassassein –!


So sagt jeder, was man nicht tun soll,
 
und verbietet dem andern die Hucke voll.
 
Denn das deutsche Volk kann nur ruhig schlafen
 
hinter einer Hecke von §§§.

Jeder hackt auf jedem. Jeder will untersagen.

Keiner gönnt keinem was. Sieh, wie sie sich plagen!

Denn die Bremse ist das Wichtigste an einem deutschen Wagen.

Im Verbieten sind sie groß. Im Gewähren sind sie klein.
 
Lassassein!

Lassassein!

Lassassein!
 

Kurt Tucholsky als Theobald Tiger, 1930

 

 

Im Corona-Delta: German Angst



Sie waren britisch, sie waren südafrikanisch, sie waren brasilianisch und schließlich indisch, eine schlimmer als die andere, jede einzelne ein Grund, nun erst recht nicht nachzulassen mit Abstand, Maske und Wechselunterricht. Corona war noch nicht vorbei, sogar noch lange nicht. Kaum war die zweite Welle zur dritten geworden, drohte schon die vierte. Ein Herbst wie letztes Jahr, als Deutschland mit Zuversicht und offenen Grenzen in den nächsten Lockdown scheiterte. Die WHO griff ein und benannte die "Corona-Mutanten" (Karl Lauterbach) um: Statt Ländernamen lateinische Buchstaben, Schall und Rauch für Welt, um die Diskriminierung "bestimmter Staaten" (DPA) zu beenden.

Ein Sieg mitten in der Pandemie

Aus der indischen Mutante, mit der Virologen bis dahin gegen Inder gehetzt hatten, und aus der brasilianischen, mit der deutsche Medien die Abrechnung mit Präsident Bolsonaro betrieben, wurde nach einem kurzen Intermezzo mit einer wenig öffentlichkeitswirksamen südafrikanischen Variante schlagartig "die in Indien entdeckte Delta-Variante" und die "früher als brasilianisch bekannte Gamma-Variante".  Selten zuvor ging eine solche Umbenennung global so zackig über die Bühne - im Falle von Myanmardemfrüherenburma geht der Anerkennungs- und Durchsetzungprozess der neuen Bezeichnung inzwischen das vierte Jahrzehnt. Im Fall der indischen Stadt Bombai weiß bis heute ein Viertel der Deutschen nicht, dass es sich dabei um die indische Stadt Mumbai handelt.

Bei Delta aber besteht Konsens. Seit der Ersterwähnung der indischen Variante von Cov-19, damals noch als "indische Variante", hat Delta sowohl Alpha als auch Beta und Gamma überflügelt. Während die anderen "besorgniserregenden Varianten" (RKI) um die 77 Prozent der Ansteckungen ausmachen, liegt der Anteil von Delta in entnommenen Proben bei etwa 15 Prozent. Umgekehrt verhält es sich beim Nachweis in Medien: Der Anteil von Alpha lag zuletzt bei etwa null Prozent, auch über die britischen und brasilianischen Varianten Beta (B.1.351) und Gamma (P.1) wird konsequent nicht mehr berichtet.

Irrweg mit der Plus-Variante

Diese Wellen sind durch, ebenso scheint auch die Delta-Welle bereits abzuflauen. Kurzzeitig erschien eine Variante namens Delta Plus in der Berichterstattung, noch aggressiver, noch grausamer, noch ansteckender, noch tödlicher. Allerdings droht hier ein Ausschluss aller Unaufmerksamen: Von einer Genehmigung, "Plus"-Varianten benennen zu dürfen, war in der WHO-Entscheidung zur Nutzung griechischer Buchstaben nie die Rede gewesen. 

Nach aktueller Rechtslage und dem globalen Pandemieverlauf wäre längst schon Εpsilon an der Reihe gewesen, gefolgt vom eher weniger bekannten Ζeta (ζ) und Eta, auch Η oder η. Die damals noch "britische Variante" genannte britische Variante B.1.1.7 tauchte im September 2020 auf. Sie war leichter von Mensch zu Mensch übertragbar, wies eine höhere Reproduktionszahl auf und es gab Hinweise darauf, dass sie mit einer erhöhten Fallsterblichkeit in allen Altersgruppen einhergeht. Im Dezember stand fest, dass sie Deutschland überrollen würde, vielleicht würden Impfstoffe weniger gut wirken. 

Noch schlimmer war es bei der brasilianischen Variante, die Anfang 2021 anstelle der britischen auftrat und noch gefährlicher, ansteckender, aggressiver und verdächtiger war, nicht weggeimpft werden zu können. Bald würde jeder Deutsche sich mit P.1 infiziert haben - und wer nicht, der lief Gefahr, sich bald zu infizieren. 

Der böse Mann unter dem Bett

Warnungen, die in der Tat erst verhallten, als Delta auftrat, die indische Variante, die nun noch gefährlicher, ansteckender, aggressiver und verdächtiger war, nicht so einfach weggeimpft werden zu können. Ab Mitte April verbreitete sich Delta, anfangs noch als "indische Variante", wie ein Lauffeuer in den Medien. Je schneller die Zahlen dann sanken, die Inzidenzen exponentiell zusammenbrachen und die deutschen Städte und Gemeinden weitgehend virenfrei wurden, desto bedeutender wurde die Rolle von Delta: Wie der böse Mann unterm Bett und das Gespenst im Schrank war Delta zwar nicht da, aber doch Hauptthema unzähliger Expertenwarnungen, Politikerhinweise und ausführlicher Medienberichterstattung.

Über bei B.1.1.7, bei regelmäßigen Konsumenten der Virenfrontberichterstattung als "britische Variante" oder auch politisch korrekt als Alpha bekannt, endete alle Aufregung um eine drohende Durchseuchung Deutschlands nach sechs Monaten Anlauf mit dem RKI-Satz, dass die "Sonderform der Variante, die mehrfach in Großbritannien nachgewiesen wurde, derzeit aber bislang selten in Deutschland vorkommt".  Ebenso verhält es sich mit Beta und Gamma, deren höhere Übertragbarkeit es auch in fünf Monaten nicht schaffte, einen merklichen Marktanteil in Deutschland zu erobern. Seit Delta Anfangs des Jahres erstmals erschien, fehlt es zudem weiterhin nicht an neuen, noch gefährlicheren, aggressiveren und tödlicheren Varianten, sondern auch an Belegen dafür, dass wegen Delta erneut steigende Infektionszahlen zu mehr Erkrankungen führen (Grafik oben).

Medien im Mündungsgebiet

Alle Hoffnungen ruhen so auf Delta, eigentlich die Mündung eines Flusses in einen See oder ein Meer, kurz vor dem Ende der eigenen Existenz und dem Aufgehen des mitgeführten Wassers in einem größeren Gewässer. Die ehemalige indische Variante ist das Holz, mit dem Politiker die german angst am Brennen halten, für die Medien ist sie das Futter, mit dem sich im Rückzugsgefecht von der Virenfront weiterhin der Eindruck erwecken lässt, es sei schon gut, wenn der Staat diese oder jene Freiheit pausieren lasse. So lange Corona nicht weg ist, ist es da. So lange die Inzidenz nicht unter Null liegt, droht immer Gefahr. Der schrille Alarmton der zurückliegenden Monate kann dank Delta weiterhin als Dauerwarnton kreischen.

Samstag, 3. Juli 2021

Baerbocks Buch: Mit sieben Siegeln

Nicht alles ändert sich immer. Das meiste bleibt für ewig, wie es war. Andere Vorzeichen, andere  Betonungen. Wie das Deutsche von heute immer noch das Mittelhochdeutsche der Leute ist, die vom "Mohren" sprachen, wenn sie Menschen mit dunklerer Haut bewunderten, sind die Grundsätze der politischen Auseinandersetzung und die Grundlagen jedes Richtungsstreits in modernen Gesellschaften gleichsam identisch zur Ritterzeit. Wird zum Turnier gerufen, legen die Bewerber ihre Panzer an, ihre bunten Federn und Fahnen, die Wimpel und die Lanzen. Und dann geht ins Feld, gewisslich der Überzeugung, dass alles erlaubt ist, wenn am Ende der Sieg steht und der Feind im Staub liegt.

Der Feind im Staub

Die strahlende Lieblingsfrau der Medien, die sich eben noch vor sie warfen, als ein "Blogger" (RND) es wagte, ihr literarisches Werk auf die Goldwaage zu legen, wenden sich ab. An Tag fünf der Affäre, die Armin Laschet am Ende nicht einmal gebraucht haben wird, um ins Kanzleramt zu gelangen, wenden sich sogar die engen Freunde und Unterstützer ab. Der Jubel ebbt ab, die Frau, die man selbst auf den Schild gehoben hat, liegt auf einmal ganz allein "im Schützengraben" (Die Zeit), verlassen von "der Mehrheit der Deutschen" (Die Welt), die hinter der grünen Erlöserin stand wie schon hinter anderen Führer*Innen: Solange es läuft.

Nun läuft es nicht mehr, die Zeit aber davon  und die Frontfrau des Fortschritts, die offenbar wirklich und ganz ernsthaft geglaubt hatte, kurz davor zu stehen, Bundeskanzlerin zu werden, verliert jede Contenance. "Niemand schreibt ein Buch allein", hat Annalena Baerbock eben tief und für viele vielleicht nun sogar zu tief in ihre Vorstellung von der Welt schauen lassen. Die 40-Jährige, bis hierher gelangt ohne regelrechte Ausbildung, ohne jemals einen bürgerlichen Beruf ausgeübt oder für ihren Lebensunterhalt auf einem freien Arbeitsmarkt gearbeitet zu haben, ist allem Anschein nach tatsächlich dieser Überzeugung. 

Ein Buch mit sieben Siegeln

Für Baerbock ist "ein Buch" ein Ding mit sieben Siegeln, hergestellt von Alchimisten nach geheimnisvollen Rezepten. Niemand kann das allein, heute nicht mehr, wo man sich Googles bedient, gemieteter Schreiber, Wikipedia und der klaglos arbeitenden Kopiermaus. Am Schlimmsten: Was helles Erschrecken im Lager der Gläubigen der Baerbockschen Mission erregen müsste, versickert im Wussteichsdoch der rechten Blase. Die neben und hinter der Kanzlerinnenkandidatin agierenden Parteigenossen und Sympathisanten hatten schon gar nicht mehr mehr erwartet.

Die "Hoffnungsträgerin" (Welt) einer Kampagne, deren laut scheppernde Hohlheit immerhin für alle etwas zu bieten hatte, ohne konkret zu beschreiben, was eigentlich, ist auf einmal "zur Belastung" (Welt) geworden. Nicht, dass jemand jetzt schon das Muster erkennen wollte, das sich Baerbocks Laufbahn eingeprägt ist wie das Muster eines Sofakissens der Wange eines betrunken eingeschlafenen Partygastes. Das Mehrscheinalsseinwollen, das Besseraussehenmögen und das vom ehemaligen SPD-Gottkanzler Martin Schulz bekannte Größerwirkenwünschen, es geht noch immer freundlich als Versehen durch. "Schlampereien, Attacken an der falschen Stelle und eine Rhetorik der bebenden Unterlippe" attestiert die "Zeit" solidarisch. Ist doch auch schade, denn "die Grünen verfallen in Panik und verspielen so den Erfolg der letzten Jahre."

Die eine Hoffnung fahren lassen

Nun wird die Welt nicht mehr gerettet werden können, das Klima dreht sich endgültig Richtung Katastrophe. Die eine Frau, die zwar auch kein Buch allein hätte schreiben können, weil das eben niemand tut, sie hätte die Menschheit retten können, wären nicht diese Pannen passiert, die bösen Kampagnen losgetreten worden, die „sachliche Debatten über die besten Ideen für unser Land" nun  "überdecken“ (Baerbock). Nicht alles ändert sich immer, vieles bleibt einfach für immer gleich. So sind es etwa immer die, die den ersehnten Sieg verwehen fühlen, die nach Fairness rufen und "sachliche Debatten" führen wollen. Die aber, die sich auf der Siegerstraße sehen, wollen gar  nicht reden.


Querdenker: Ende eines Aufstandes

Quer zu denken, das war in den alten Zeiten eine gesellschaftlich anerkannte Methode. Der Querdenker verfügte über die Fähigkeit, lateral über ein Problem zu sinnieren  (von lateinisch latus „Seite“), er knicke seitlich weg und machte sich frei von den Denkschienen der Mehrheitsgesellschaft. 2007 noch wurde Kopernikus als großer Querdenker gerühmt, wie er sei es auch Sigmund Freud und Charles Darwin, Albert Einstein und Diogenes gegeben gewesen, sich von Denkroutinen zu befreien und "im Zweifel quer zu den herrschenden Grundüberzeugungen zu denken". Solche Querdenker schoben den Fortschritt an, sie waren die "Begründer unseres modernen Weltbildes", wie das Bundesministerium für Bildung und Forschung ihren Mut und ihre Kraft rühmte, der Verführung der Masse zu widerstehen.

Ablehnungen und Anfeindungen

Ja, auch diese Männer, es wurde in der damaligen Zeit nur Männer genannt,  hätten "mit Ablehnung und Anfeindungen zu kämpfen" gehabt, weil nicht jeder und alle einsehen wollten, dass "sie quer zu den Dogmen ihrer jeweiligen Zeit standen". Genau daher aber seien "die Aura und die Würde" gekommen, "die das Querdenken nicht selten genießt" (alle Zitate Ministerium). In der Moderne, aufgeklärt und wissensbasiert, habe die Menschheit zum Glück gelernt, "dass es, um zur Wahrheit zu gelangen, Querdenker geben muss, die dem Augenschein und dem alltäglichen Denken misstrauen".

Nur nicht zu sehr und nur nicht mehr. Als die Seuche über die Menschheit kam, erlebte der ob seiner souveränen Denkmethoden, die er im Rahmen der Anwendung von Kreativitätstechniken zur Lösung von Problemen oder zur Ideenfindung eingesetzte, wie es der Durchschnittsbürger*;:(/&*In kaum vermag, eine Neubewertung. Quer zu denken und infragezustellen, was als unleugbare Lehre der jeweiligen Tageswahrheit entsprach, geriet nun in den Ruch gesellschaftsgefährdender Wühltätigkeit, die als  "verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates"nicht mehr quer, sondern einfach nur verkehrt dachte und mit den Falschen demonstrieren ging. 

Bis ins Bionadebürgertum

Bis in die bionadebürgerliche Mitte der Gesellschaft reichte die Versuchung, nicht jeweils zur richtigen Zeit Masken zu leugnen, ehe man an sie glauben sollte, beim Händewaschen das Singen zu verweigern oder insgeheim neidische Blicke auf den schwedischen Weg zu werfen, der der Infektionsausbreitung ohne Grundrechtsaussetzung beizukommen versuchte. "Querdenker" wurden zumindest medial zu einer Bürger*/:Innenbewegung wie seinerzeit Occupy Wall Street oder später Fridays for Future. Zuweilen schien es, als stünden die "Aktivisti" (Taz) kurz davor, die Macht zu übernehmen. Um anschließend ihr tödliches Seuchenregime mit Intensivbettenleugnung und einem noch größeren Impfstoffbestelldesaster zu errichten, als es die EU zustandegebracht hatte.

Doch es kam nicht so, sondern so, wie es immer kommt. Querdenken ist im zweiten Corona-Sommer den Weg aller Mode-Aufstände gegangen: Wie die Graswurzelbewegung der Wall-Street-Rebellen, die globale Gerechtigkeitsbewegung Attac, der Dresdner Spaziergangskreis von Pegida, das Wagenknecht-Projekt "Aufstehen" und der Kinderkreuzzug gegen die Klimakatastrophe schlief Querdenken erst ganz ruhig ein. Um dann nie mehr zu erwachen.

Kein Platz in der Medienrepublik

Die Bewegung ist am Ende", stellt der RBB nun fest. Und er sorgt sich: "Was wird aus ihren radikalisierten Anhängern? Was wird aus den Zerwürfnissen, die sie hinterlässt? Welche Fake News kommen da noch?" Keine einfachen Fragen, keine einfachen Antworten. Konnten die besten Kämpfer gegen die Bänker und Spekulanten noch in Parlamente einziehen oder Fördermittelzapfstellen gründen, mit deren Hilfe sie heute das Unwesen des Kapitalismus erforschen, und die telegensten Friday-Führer*Innen ins Personaltableau der Medienrepublik aufrücken, ist den Delegitimierern der Weg von "Telegram" und aus der Türkei zurück in die Backstube der Freizeitrepublik versperrt. 

Dort feiert nun der Nachwuchs den Sieg über Alpha-, Beta- und Gamma-Variante, furchtlos wie Querdenker schauen nun auch deren Beobachter aus ihren Bürofenstern auf die bunten Partys, die trotz Delta ohne Abstand und ohne Maske stattfinden als wären sie ein CDU-Parteitag. Wie Fridays for Future, eine Bewegung, an der sich selbst auf dem Höhepunkt des Aufstandes nie mehr als zwei Prozent der Jugendlichen beteiligten, waren auch nie mehr als ein, zwei Prozent der Deutschen bekennende Lateraldenker. Selbst in den süddeutschen Hochburgen der Bewegung blieb das Querdenken dieselbe Art von Elitenbewegung, die FFF gewesen war: Jenseits der medialen Begleitung erreichte der Versuch, vieles trotz vieler und letztendlich irgendwann auch bundeseinheitlicher Sichtregeln lateral zu denken, keine Massenwirkung.

Was bleibt, ist der Rufschaden, den das Querdenken dauerhaft erlitten hat.  Freud und Darwin,  Einstein und Diogenes werden jedenfalls niemals wieder als "Querdenker" bezeichnet werden.

Freitag, 2. Juli 2021

Plastikausstieg: EUnfach mal die Welt retten

Lecker Speise: EU-Trinkhalme sind nun nicht mehr nur zum Trinken, sondern auch zum Essen da.

Es war doch so leicht! Ein schneller, radikaler Beschluss der EU. Ein gemeinsamer Wille aller Völker des Kontinents. Eine neue Plastikverordnung, die ein Signal für die ganze Welt gibt. 500.000 Tonnen Plastik aus der EU landen im Meer.  Das sind fünf Prozent allen Plastikmülls, der die Meere verseucht. Bei etwa zwei Prozent des europäischen Plastikabfalls, also etwa 10.000 Tonnen,  handelt es sich um Trinkhalme, Fahnenstäbchen und Einwegbecher - wenn das so weitergeht, hatte der damals noch zuständige EU-Kommissar Frans Timmermanns vor Jahren schon gewarnt,  "wird es 2050 mehr Plastik als Fisch in unseren Ozeanen geben".

Teller, Gabel und Luftballon

Drei Jahre später ist die neue EU-Strategie zum Kampf gegen Plastikmüll aufgegangen. Ab morgen ist die Verwendung von "Tellern, Gabeln, aber auch Wattestäbchen oder Strohhalmen" (Der Spiegel) in der Gemeinschaft verboten. Auch Plastikkugelschreiber, wie sie die EU zu Werbezwecken massenhaft hat herstellen lassen, dürfen nicht mehr verbreitet werden, selbst nicht für den guten Zweck. Zu groß ist die Gefahr, dass anderenfalls bereits in 29 Jahren "mehr Plastik als Fisch in unseren Ozeanen schwimmt",  wie Bundespräsident Walter Steinmeier während einer sogenannten Klimareise auf die Galapagos-Inseln gewarnt hatte. 

Ab morgen können die 1,4 Milliarden Tonnen Fisch in Meeren und Seen aufatmen. Durch die wegweisende europäische Initiative, die Wegwerfprodukte wie Einmalbesteck und -teller, Trinkhalme, Rührstäbchen, Wattestäbchen und Luftballonstäbe aus Plastik vom weltführendsten Umweltkontinent verbannt, wird "die Gesamtmenge der in die Ozeane entsorgten Kunststoff-Frachten" von derzeit fünf bis 13 Millionen Tonnen jährlich (UN-Umweltorganisation UNE) entscheidend sinken. Schließt sich erst die übrige Welt der EU-Initiative an, könnten Faktenchecker recht behalten, die Steinmeier bereits vor Jahren vorgehalten hatten, seine apokalyptische Vision vom Meer mit mehr Plastik als Fisch sei reine fake news.

Kaum noch Chancen bis 2050

Steinmeier selbst hat sich dazu nie geäußert, auch Jan Timmermanns, ehemals EU-Kommissar für Bessere Rechtssetzung, interinstitutionelle Beziehungen, Rechtsstaatlichkeit und Grundrechtecharta und inzwischen EU-Kommissar für Klimaschutz verweigerte eine Antwort auf die Frage, wie die derzeit jährlich ins Meer gelangenden zwischen 400.000 und vier Millionen Tonnen Plastik bis 2050 eine Menge bilden können, die größer ist als die derzeit 1,4 Milliarden Tonnen Fisch in den Ozeanen. Nach dem deutschen Tütenbann von 2019, der ein " Verbot von überflüssigen Plastikverpackungen" beinhaltete, sank die weltweite Plastikproduktion von derzeit 320 Millionen Tonnen zumindest theoretisch um den deutschen Anteil an den bisher für die Herstellung von Plastiktüten verwendeten 61.500 Tonnen. 

Beispielhaft, denn schon ein hundertprozentiger Tütenbann, so er denn global gemeinsam umgesetzt wird, könnte über die nächsten 5.000 Jahre eine komplette Jahresproduktion der Weltplastikindustrie einsparen. Werden weltweit Trinkhalme, Plastikgabeln, Wattestäbchen und Plastikkugelschreiber verboten, könnte das ziel sogar schon weit früher erreicht werden.

 

Baerbocks fremde Federn: Ein Leben für den schönen Schein

Ein Buch, viele Bücher: Gleich Baerbocks Erstling bekam so schlechte Presse, dass das Buch einen für Politikerliteratur sensationelln Platz in den Top-200 bei Amazon erreichen konnte.

Im Gemeinsinnfunk war sofort klar, dass hier eine Kampagne zu besichtigen ist. Vielleicht nicht russisch gesteuert, noch nicht. Aber doch aus dem Ausland, wo ein Faktenchecker, angeblich im eigenen Auftrag, ein Buch der grünen Kanzlerinnenkandidatin Annalena Baerbock gelesen und eine Reihe von selbstbewussten Textübernahmen aus ungenannten Quellen gefunden hatte. Statt nun mal nicht päpstlicher zu sein als der Papst, der beim Thema LGBTOIUSW bis heute päpstlicher ist als Viktor Orban, dafür aber als liberaler Freund der Schwulen- und Lesbenbewegung gelobt wird, werde das alles viel zu hoch gehängt. Um den grünen Siegeszug ins Kanzleramt zu stoppen. Aus Angst vor einer Klimaregierung. Die "unser Land erneuert", wie es Annalena Baerbock schon auf dem Titel ihres Erstlings verspricht.

Das Buch der Tugenden

Der nur ihren Namen trägt, nicht auch den von Michael Ebmeyer, einem Mietautoren, der schon als "Mitwirkender" in einem anderen Standardwerk eines großen deutschen Politikers genannt wurde. Bundesaußenminister Heiko Maas' Ratgeber für kleine Leute "Aufstehen statt Wegducken" enthielt nicht nur eine "Strategie gegen rechts" , sondern auch das beliebte Strickmuster von Politikerbüchern, die vor der Wahl angefertigt werden: Der bekannte Name gibt ein paar Interviews. Sein Ghostwriter schreibt mit und auf, würzt, dickt an und schmeckt ab. Vom Promi gibt es den Namen obendrauf, fertig ist ein Buch, das mit traumwandlerischer Sicherheit  binnen weniger Wochen auf dem Grabbeltisch und kein Jahr später in der Müllverbrennung landen wird - trotz der unseligen deutschen Geschichte.

Alles bekannt, alles Routine im politischen und medialen Berlintrieb, in dem Konsens darüber herrscht, dass bei solchen Dingen  niemand so richtig hinschaut. Was hätte es auch der Demokratie gebracht, wäre die Frage gestellt worden, wie Andrea Nahles eine Tochter in der Vulkaneifel alleinerziehen kann, während sie in Berlin Deutschlands allerälteste Partei führt? Oder wie Sigmar Gabriel zugleich Parteivorsitzender, Minister, Bundestagsabgeordneter und Familienvater war, für normale Sterbliche vier Jobs. Nebenbei aber Bücher schrieb, die Deutschland den Weg in eine gerechte und soziale Zukunft wiesen? Oder wie Martin Schulz in seiner Zeit als Gottkanzler auf den vermehrten Informationsbedarf der Bevölkerung reagierte und zu den vier Biografien über sich noch sein eigenes Buch "Was mir wichtig ist" legte?

Eine höchst lebendige Lüge

Never ask, never talk, der alte Gleichheitsgrundsatz der US-Armee galt eisern auch für die Bewirtschaftung von Politiker-und Promibüchern. Niemand schrieb die jemals selbst, abgesehen von Winston Churchill und anderen Ruheständlern. Aber alle behaupteten, alles selbst geschrieben zu haben. Und alle anderen versicherten ihnen, es müsse dann ja wohl auch so gewesen sein.  

Eine Lüge mit mehreren Dimensionen: Urheber eines Textes ist nach deutschen und europäischen Urheberrecht derjenige, der den Text erdacht, formuliert und aufgeschrieben hat. Der Urheber kann seinen Text zur Verwertung weitergeben. Nicht weitergeben aber kann er seine Urheberrechte, die kleben an ihm, nahezu unablösbar.

Wenn Annalena Baerbock also angibt, sie habe mit Heiko Maas` "Mitwirkendem" Michael Ebmeyer "Gespräche geführt", dann dienten die welchem Zweck? Offiziell will sie "auf Basis der abgeschriebenen Unterhaltungen" mit Ebmeyer selbst das Buch geschrieben haben. Aber dass sich Baerbock jemanden kommen lässt, um zu reden, und sich anschließend selbsthinsetzt und aufschreibt, was sie Ebmeyer eben erzählt hat? Wie logisch, wie nachvollziehbar klingt das? Und wie ausgedacht, um sie zum Urheber ihres eigenen Buches zu machen? 

Der sie nicht wäre, war der "Zeit"-Autor angestellt, aufzuschreiben, was Baerbock an Visionen, Klimaplänen und Weltanalysen hervorgesprudelte. Denn hätte er geordnet, formuliert, abgefasst und den Text geschaffen, hätte Annallena Baerbock nicht nur ein paar Zitate geklaut. Sondern sich ein ganzes fremdes Werk als eigene Arbeit zugeschrieben.

Eitelkeit als Auftragsgrund

Wäre Ebmeyer der Autor von Baerbocks Buch, ergäbe alles einen Sinn. Die seit ihrer Biografieverbesserungen als überaus eitel bekannte Spitzengrüne wäre einfach in eine Falle getappt, von der sie wohl nicht einmal etwas ahnen konnte: Wer andere seine Grube graben lässt, der weiß nie, wie tief sie ist. Dass Baerbocks Mietautor den tristen Gedankenpalast der Hannoveraner Bürgertochter ohne Berufs- oder außerordentliche Lebenserfahrung mit geistreichen Textflächen tapezierte, die er im Internet fand, scheint naheliegend. Wie sonst sollte er die geplanten um die 240 Seiten Pflichtdicke erreichen, die jedes Politikerbuch braucht, um die üblichen um die 20 Euro an der Kasse aufrufen zu können?

Hat Annalena Baerboch also "abgeschrieben" wie die NZZ mutmaßt? Nein, vermutlich gar nicht. Nicht einmal das. Baerbock hat schreiben und damit auch abschreiben lassen.  Angesichts ihres "Charakters" (Der Spiegel) kaum erstaunlich, dass die künftige mächtigste Frau der Welt beim Korrekturlesen nicht überrascht war über die großartige Gedankentiefe, mit der sie sich in ihren vermeintlich eigenen Worten konfrontiert sah. Einen Satz wie „Wer immer nur von der Gegenwart aus denkt, verharrt in der Kurzfristigkeit und verliert an strategischer Tiefe“ traut die 40-Jährige, die außerhalb ihrer Familie bekannt ist Versprecher, Verwechsler und spontane Wortneubildungen, für sich mutmaßlich so sehr zu, dass ihr das Original der französischen Politikwissenschaftlerin Florence Gaub „Wer ständig in Krisen denkt, verharrt in der Kurzfristigkeit und verliert an strategischer Tiefe“ gar nicht ab- und umgeschrieben vorkommt.

Verlust an strategischer Tiefe

Der Verlust an strategischer Tiefe fing bei Annalena Baerbock an, als sie annahm, dass ein Buch, was sie in Auftrag gegeben hatte, ihr Buch sei. Ihr geht es wie dem Pfau, der im fremden Federkleid ein schillerndes Rad schlägt, aber nicht einmal ahnt, dass all das Bunte nur aufgemalt und alle Federn nur mit Büroleim angeklebt sind. Dann regnet es. Und statt das Wahlvolk von seiner Omnipotenz zu überzeugen, fallen plötzlich die Federn aus.

Eben noch war man unterwegs auf Promotour, anerkannt von jedermann zumindest in den größten Medienhäusern als gleich gut auf Trampolin und in der Außenpolitik, bei Klimaplanung und dem sozial gerechten Ausgleich, beim der Erziehung der eigenen Kinder und im Kampf gegen rechts, im Völkerrecht sowieso, aber auch "menschlich topp", wie die junge Generation aus den seriösen Funkhäusern twittert, die die Reihen fest schließt um ihre Kandidatin. Und schon hat man sich vom wunderhübschen Pfau in einen begossenen Pudel verwandelt, der sich in eigener Sache nicht äußert, sondern Anwälte schickt und Sympathisanten, die die Sache ausfechten sollen, bis sie hoffentlich bald wieder vergessen ist.

Das wird schon in Kürze sein. Doch die Kleberreste werden bleiben. 


Donnerstag, 1. Juli 2021

Der Ankündigungsmillionär: Die Liebe des Olaf Scholz zur großen Zahl

Ein Mann, ein Wort: Olaf Scholz versprach im März gleich richtig viel.

Wenn man sich mag, liebt sogar, dann verzeiht man sich auch mal. Man gibt sich Zeit, zweite Chancen oder gar dritte. Seit Olaf Scholz, KanzlerInnenkandidatIn der SPD, Anfang März versprach, ab Ende des Monats werde es "zehn Millionen Impfungen pro Woche" geben, denn "dafür" habe er "gesorgt", profitierte der amtierende Finanzminister von dieser Art Zuneigung, ja, Liebe der deutschen Medien. 

Die vermieden es peinlichst, Ende März nachzufragen, was aus dem Scholz-Versprechen geworden war. Sie vermieden es auch noch Anfang April. Und Anfang Mai. Und Anfang Juni. Stattdessen ging die Rede von "Impfrekorden", es wurde ein Vorschlag der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) umgesetzt und vom "Impfturbo" geschlagzeilt. Gefühlt war Deutschland Weltimpfweltmeister, Minimum.  

Bundesnotbremse für Realitätsprüfungen

Enttäuschte Liebe aber ist die Art Liebe, die jederzeit in Bosheit umschlagen kann. Beim ZDF, einem Sender, der ein paar Tage nach Scholzens Ankündigung maulig Zweifel an der Machbarkeit angemeldet hatte, ist es nun soweit. Obwohl in Corona-Zeiten von Anfang an die Bundesnotbremse für Realitätsüberprüfung galt, später beispielhaft umgesetzt auch auf EU-Ebene, kartet der zweite Gemeinsinnsender jetzt übel nach in Sachen Millionenversprechen. Auch bis Ende Juni, dem spätmöglichsten von Scholz genannten Termin, habe der Vizekanzler Scholz zehn Millionen Impfungen pro Woche geschafft. Gerademal 5,5 Millionen waren es in der letzten Woche. 

Der letzte, stolz vermeldete Impfrekord ist sechs Wochen her und auch in dieser Woche geht es im Vergleich zur Vorwoche eher nach unten als nach oben: nur 588.000 meldet das Impfdashboard des RKI, 16.000 weniger und nicht einmal mehr halb so viele wie Mitte Mai. Olaf Scholz habe "zu viel versprochen", urteilt das ZDF - immerhin zwölf Wochen nach dem gleichlautenden Befund hier bei PPQ.li.

Als Bewerber chancenlos, als Versprecher groß

Wofür aber hat Scholz dann eigentlich "gesorgt"? Ist diese Art Sorge womöglich dauerhaft zu erwarten, wenn der Sozialdemokrat, derzeit zwar als Bewerber chancenlos, aber als Einzelkandidat beliebter als seine beiden Konkurrent*;:)/&5Innen Annalena Baerbock und Armin Laschet, im Herbst ins Kanzleramt einzieht, wie es sein früherer Parteifeind Martin Schulz zwingend erwartet? Wie PPQ.li im März hat auch die renommierte und jeder überzogenen Regierungskritik unverdächtige Redaktion der ZDF-Nachrichtensendung "Heute" beim Finanzminister angefragt. 

Scholz aber habe die Anfrage unbeantwortet gelassen. Der Kanzlerkandidat ist längst weitergeeilt, zum nächsten Millionenversprechen: Diesmal soll es eine Million Ladepunkte sein, mit der der Sozialdemokrat seiner Leidenschaft für die Ankündigung große Mengen frönt. Statt Impfturbo diesmal "industrielle Revolution" (Scholz) für "50 Milliarden Euro jährlich" bis 2030. Eines hat der kommende Kanzler offenbar gelernt: Wer etwas verspricht, muss dafür sorgen, dass Ziele und Termine so weit in der Zukunft liegen, dass niemand einen mehr festnageln kann, wenn alles wie immer nichts wird.

Corona-Koma: Sommerpause beim Delta-Sterben


Der große amerikanische Lichtbringer Barack Obama mahnte in seiner Zeit im Amt einmal, dass die Abwesenheit von Hoffnung eine Gesellschaft von innen verwesen lassen könne.Wo kein Licht, dort übernimmt die Düsternis, sie breitet sich aus in die Herzen, die Hirne, sie drückt die Saat nieder und die Seelen, sie kommt aus dem Delta und endet im Omega der ewigen Angst. Was wird morgen sein? Kommt Epsilon? Zeta? Oder Eta? Wie mit der Ungewissheit leben? Impfabstände besser verlängern? Oder noch besser: Jetzt gerade mal wieder verkürzen? Ist bereits schon ein Drittel der Bevölkerung zweimal geimpft? Oder immer noch gerade erst?

Leben wie Lauterbach

Karl Lauterbach hat auf alle diese Fragen keine Antwort, meist sogar mehr als eine. Lockern und Verschärfen, Corona beendet und das erst richtig dicke Ende erwarten, für die "Wortbildmarke der SPD" (Lauterbach über Lauterbach) ist die Pandemie ein Lebensraum, der wie selbstverständlich in alle Dimensionen genutzt wird. Zwischen Talkshow und Twitter, Bundesnotbremse und Bundesnotstandsgesetzversteck ist Lauterbach in der Lage, Hoffnung zu machen und zugleich alle Hoffnungen fahren zu lassen: Keiner kommt hier lebend raus, nicht zuletzt diese Erkenntnis verdanken die Deutschen ihren Bundeswarnbeauftragten. Gerade erst hat die Uefa Tausende Tote auf ihr Gewissen geladen. Wenigstens aber sind es nicht dieselben Toten, die bereits im April massenhaft auf den Intensivstationen starben.

Schillers Warnung, dass "der Mensch für den kommenden Morgen" jeweils "etwas fürchten und hoffen und sorgen / muß, dass er die Schwere des Daseins ertrage / und das ermüdende Gleichmaß der Tage" ist für Lauterbach Schaffenskonzept. Für den spätbekehrten Sozialdemokraten - Karl Lauterbach war bis vor 20 Jahren noch überzeugter Christdemokrat - ist die Dualität von Drohung mit einem oder mehreren empfindlichen Übeln und das Versprechen einer Belohnung für Wohlverhalten dem Virus gegenüber Tagesgeschäft. 

Deltakonforme Ansteckungsgefahr

In einer Frequenz, der sämtliche Pressearbeiter aller Ministerien nur hinterherschauen können wie Alexander Zverev einem Rückhandschlag von Novak Djokovic, fordert Lauterbach Impfungen und Einreiseverbote, er skizziert Vorstellungen für eine deltakonforme EM-Ansteckungsgefahr, er hat klare Empfehlungen für die weitere Organisation nicht nur des Turniers, sondern auch für die Verwendung zusätzlicher Einnahmen, und kein gutes Haar lässt er an denen, die auf sinkende Inzidenzen mit steigender Ignoranz reagieren.

Gerade weniger ist doch mehr, gerade die niedrigen I- und R-Werte verlangen danach, viel sensibler wahrgenommen zu werden. Nachrichtenlieferanten wie das RND oder DPA mühen sich schon, indem sie der steigenden Anteil der Delta-Infektionen ("15 Prozent!") nennen. Nicht aber die sinkende Gesamtzahl der Ansteckungen. Nach Karl Lauterbachs Dafürhalten aber kann und wird das nicht reichen, erst recht nicht, wenn die Talkshows, in denen er seit Monaten seinen Wohnsitz genommen hatte, nun auch noch in die Sommerpause gehen. 

Reicht jetzt mit Daheimhocken

Wer soll nun wo vor der vierten Welle warnen? Wer weiß heute schon, wie hart sie treffen wird? Zuversicht herrscht im politischen Berlin, das neue Grenzschließungen im Wahlkampf kategorisch ausschließt. Stimmen werden laut, das Feiern wieder erlauben, "der Sommer ist da, die Inzidenzwerte sind unten, den jungen Menschen reicht es jetzt mit Daheimhocken", analysiert die SZ. Dagegen hilft nur impfen, beim derzeitigen Turbotempo dauert es auch nur noch bis nächsten Sommer, allen zwei Dosen zu verabreichen. Wer nicht will, der hat, wer nicht hören will, muss fühlen.