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Donnerstag, 27. Dezember 2018

Claas Relotius: Das schwarze Schaf

Manchmal erscheint eine neue Ausgabe, manchmal Henri Nannen im Traum.


In eigener Sache: Die Berichterstattung über Claas Relotius steht nach PPQ-Recherchen unter dem Verdacht weitgehender Fälschungen und Manipulationen. (mehr dazu hier: spiegel.de über PPQ) PPQ geht allen Hinweisen nach und lässt die Artikel bis zu einer weitgehenden Klärung der Vorwürfe unverändert im Archiv, auch um transparente Nachforschungen zu ermöglichen. Wir bitten um Hinweise an politplatschquatsch@spiegel.com.

Bis zur endgültigen Klärung hier der Versuch einer intimen Annäherung an einen Mann, der Deutschlands Medien in die Krise stürzte - und seitdem untergetaucht ist.



An einem frühen Morgen in diesem Sommer 1991 steht Claas Relotius, ein magerer Junge mit langen Schlenkerarmen und Beinen, die aussehen wie von einem Rehkitz ausgeborgt, allein am Fenster einer feinen Villa in Hamburg Tötensen und schaut hinaus auf die noch dunklen Fluten der Unterelbe. Das Wasser wälzt sich vorüber wie ein unendlicher Strom aus feucht wabernder Finsternis. Am Himmel steht kein Stern und im Kopf von Claas Relotius, gerade sechs Jahre alt, klingt ein Lied: "hiwieanau enderdenas", singt der kleine Claas. Seine Lippen bewegen sich kaum.

Draußen steht die Stadt, die prunkvollen Anwesen, die verfallenden besetzten Gebäuden, die lausigen Hunde der Punks, die noch schlafen, die Laternen ohne Licht. Das Lied, das Relotius singt, handelt vom Bedürfnis, nicht unbeschäftigt zu bleiben, immer etwas zu schauen zu schauen zu haben, unterhalten zu werden und in seinen Erwartungen bestätigt. Der kleine Mensch am Fenster weiß das noch nicht und er weiß ebensowenig, das ihm ein Leben offenstehen wird, in dem er all das für andere verwirklichen kann. Bis ihn schlimmstes Leid treffen wird, von dem er später, längst ein großer, hagerer Mann mit Dreitage-Bart brennenden Augen, wochenlang nicht wissen wird, ob er oder irgendein Mensch auf der Welt oder gar das renommierte frühere Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" es wird überleben können.

Das Leben, ein Traum


Dabei ist das Leben des Hamburger Reedersohns bis dahin ein Traum. Geboren als jüngster Sohn einer alteingesessenen Reeder-Familie, hat Claas, der früh durch seine quicke Auffassungsgabe und sein enormes Sprachtalent auffällt, aber zum Erstaunen seiner Onkel, Tanten und Neffen nie schwimmen lernen will, seinen Eltern Alma-Charlotte und Hans-Hennig niemals Ärger bereitet. Als Kind spielt Claas gern für sich allein, am liebsten mit kleinen Plasikfiguren, die er in selbstausgedachten Geschichtenhandlungen auf dem Boden seines Kinderzimmers herumschiebt. Er liest aber auch viel, Karl May, Jules Verne, später Tom Kummer. Relotius` sind stolz. Die Familie führt ihre Wurzeln auf den römischen Galeerenkapitän Flavius Arminus Relotius zurück, der während des Germanien-Feldzuges von Kaiser Germanicus im Sommer 16 n. Chr.nach der Flottenlandung der Römer von rechtsrheinischen Ems-Sachsen gefangengenommen worden war, dann aber hatte entkommen können und im späten Frühmittelalter zum Begründer der Großreederei TLS wurde.

Claas Relotius könnte sich selbst in einer Verfilmung spielen.
Alle Angehörigen der männlichen Blutlinie der Relotius` sind seitdem stets Kapitäne oder Reeder gewesen, ausgenommen die zweiten Söhne, die in der Regel als Lotsen dienten, während die jeweils dritten zur Kriegsmarine gingen. Claas Relotius schlug früh aus der Art. Er kam aus einer alten Stadt, und als der kalte Krieg gewonnen war, kam er in die Schule. Wenn seine Mutter, die die karge Freizeit, die ihr die Führung einer homöopatischen Arztpraxis ließ, häufig für gemeinwohlorientierte Aktivitäten opferte, zum Unterricht fuhr, sah der fantasiebegabte Junge aus dem Beifahrerfesnter des Mercedes-Cabrios, auf das der Regen prasselte, die schneejeansblauen Scharen der grausam entwurzelten Ostflüchtlinge. Um ihren Beschützern in der kalten norddeutschen Fremde zu dienen, arbeiteten sie so hart, dass ihre Rücken krumm wurden und ihre Hände blutig, fast wären sie gestorben.

"Eines Tages", fragte Claas seine Mutter eines Tages, "werden sie doch für ihre Schmerzen reich belohnt, oder, Mutter?". Die sorgfältig manikürte und blondierte Reedersfrau nickte, ein wenig unaufmerksam, denn der Verkehr in Hamburg wurde damals schon, lange vor den ersten Fahrverboten, immer verrückter. Claas Relotius schmunzelte zufrieden und fast unhörbar begann er das Lied mitsingen, das gerade bei Radio Rock Hamburg lief: "You better watch what you say, you better watch what you do to me, don't get carried away, girl, if you can do better than me, go, yeah go, but remember."

Mit 14 weg von Mädchen


Als Claas Relotius zwölf Jahre alt wurde, hatte er noch immer keine richtigen Freunde, aber er wollte auch keine haben. Mit 14 beschloss er, dass das auch für Mädchen gelten sollte. Als sein Vater, ein Patriarch alter Schule, ihn zu sich in die große Bibliothek lud, um über seine weitere Lebensplanung zu sprechen, war Claas Relotius 16 Jahre alt, ein großer Fan der Pop-Band Atomic Kitten und ein leidenschaftlicher Sänger von deren Hit "Whole Again". Die Zeile "Time is laying heavy on my heart, seems I've got too much of it since we've been apart", spielte in Dauerrotation in Claas` Kopf, als sein Vater auf ihn einredete. Gorch Fock, Bundesmarine, Reederschule, Studium der Seefahrtstechnik, Heirat mit der ältesten Tochter des Reedereiimperium von Ernst August von Allwörden, der drüben in Drochtersen auf Feederschiffe spezialisiert ist.

In Claas Relotius ist an jenem Nachmittag etwas zerbrochen. Der Geruch von Schweiß lag in der Luft und der von Angst, Angst davor, dem Vater sagen zu müssen, dass all das nicht geschen wird. Das warme Licht der nahezu 754 Jahre alten Kerzenleuchter strahlt von der Decke, fällt grell auf den schlacksigen Jungen in seiner Schuluniform, die maßgeschneidert ist, aber wirkt, als sei sie schon wieder zu klein geworden. Ein zartes Gesicht schaut aus dem Kragen des marineroten Blazers, kaum Bartflaum, aber Lippen, die sachte zittern. "I can hear your soul crying, listen to your spirit sighing" hört Claas Relotius Martin Core singen, "I can feel your desperation, emotional deprivation". Doch sein Vater fühlt nichts. Er weist ihm die Tür. "Komm besser erst wieder, wenn du zur Vernunft gekommen bist", sagt der Patriarch. Ohne die Stimme zu haben.

Eine Einladung. Claas Relotius fühlt sich wie befreit von der Last einer fast zweitausendjährigen Geschichte, die in dem Augusteischen Germanenkriege begonnen hat. Er studiert nun Politik- und Kulturwissenschaften in Bremen und Valencia, geht dann zum Masterstudium an die Hamburg Media School, an der die seriösen Medien des Landes ihren Nachwuchs heranziehen. Manchmal erscheint ihm Henri Nannen im Traum, manchmal ist es Egon Erwin Kisch, der ihm zuzuwinken scheint.

Manchmal winkt ihm Nannen im Traum


Das  "hiwieanau enderdenas" aus dem Kinderzimmer hat der große Claas längst entschlüsselt: "Here we are now / entertain us!, ruft ihm das Publikum zu. Das will, das kann er. In seiner Klasse ist Claas einer der besten, willig, klar im Erkennen von Prioritäten und zentralen Wissensinhalten, fantasiebegabt und ein begnadeter Finder von passenden Fakten.

Das von seinen Lehrern hochgeschätzte Talent absolviert in dieser Zeit Praktika beim ZDF heute-Journal in Mainz, bei der Deutschen Welle in Berlin sowie der taz in Hamburg. Überall lernt Claas Relotius dazu: Er hat Haltung bei Anja Reschke, nimmt bei Georg Restle Vorlesungen in Verschwörungstheorie und schaut sich bei Dunja Hayali ab, wie ein neuer Haymatbegriff global und definiert werden könnte.

Abends, allein in seiner großzügig geschnittenen Studentenbude, sitzt Claas Relotius in den seltenen Schreibpausen an seinem Bösendorfer-Flügel und er summt eine Melodie von U": "I see an expression so clear and so true, that it changes the atmosphere, when I walk (in)to the room".

Die ersten Preise für seine bewegenden, tiefgründigen Texte lasse nicht lange auf sich warten. Der Schwerpunkt Auslands- und Reportagejournalismus ist genau sein Ding, hier kann Claas Relotius alles hineinlegen, was er kann. Nachdem Artikel von ihm in deutschsprachigen wie in englischsprachigen Publikationen erschienen sind, u.a. in der Weltwoche, der Neuen Zürcher Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Cicero sowie im britischen Guardian und in der Los Angeles Times, beginnt ein Aufstieg in die lichten Tannenhöhen des weltbedeutsamsten Journalismus überhaupt: 2013 bekommt er den ersten Deutschen Reporterpreis, 2015, 2016 und 2018 weitere drei. Nur 2014 und 2017 verhindern eine langwierige und chronische Rückengeschichte, dass im der Coup gelingt, als erster deutscher Reporter genauso viele Meisterschaften am Stück zu feiern als der FC Bayern.

So viele Meisterschaften wie der FC Bayern


Dafür aber ist der Name Relotius jetzt bei allen Preiskommissionen auf dem Zettel. 2014 zeichnete ihn CNN als Journalist of the Year aus. 2017 wird er für seine Spiegel-Reportagen über einen Jemeniten im US-amerikanischen Guantanamo-Gefängnis und zwei syrische Flüchtlingskinder mit dem Liberty Award und dem European Press Prize geehrte.Für die Spiegel-Reportage "Königskinder" erhält er im selben Jahr auch den Katholischen Medienpreis, es folgen der Peter-Scholl-Latour-Preis der Ulrich-Wickert-Stiftung und der Preis der Konrad-Duden-Stiftung für die Spiegel-Reportage "Nummer 440", mit der er es, so die Jury, geschafft habe, "Buchstaben und Zahlen beispielhaft so zu kombinieren, dass eine Ergriffenheit sich bei Leserinnen und Lesern einstellt, die herzergreifend authentisch wirkt."

Claas Relotius ist am Ziel seiner Wünsche, Träume und Befürchungen. Nur den Egon-Erwin-Kisch-Preis wird er, dass ist ihm klar, nicht mehr gewinnen können, weil der dem jüdischen Publizisten Kisch gewidmete Preis kurz vor dem Beginn seiner Karriere als Großschriftsteller in "Henri-Nannen-Preis umgetauft worden war, um die Erinnerung an den ehemaligen Kriegsberichtserstatter der Propagandakompanie der SS-Standarte Kurt Eggers wachzuhalten. Doch der Vater hat im nun verziehen, die Mutter gar gefragt, ob er nicht auch einmal eine packende Reportage über homöopathische Wege zur Friedensbewältigung schreiben können.

Make you wanna cry


Mitten in eine glückliche Lebensphase, in der Claas Relotius in der Tat genau darüber nachdenkt, gründlich, wie es seine Art ist, und dabei immer wieder die Zeilen "Hotel, motel make you wanna cry, ladies do the hard sell know the reason why, gettin' old, gettin' grey, gettin' ripped off, underpaid, gettin' sold, second hand, that's how it goes" aus AC/DCs "It's a Long Way to the Top" summend, ereilt ihn der Anruf aus dem "Spiegel"-Hochhaus, mit dem ihm eine Sekretärin über den Verrat seines Kollegen Juan Moreno informierte.

Claas Relotius stellte sich dem Termin mit der Chefredaktion, die gleich ihre Justiziare mitgebracht hatte. Sein Vater, den er anzurufen versuchte, als er nach viereinhalb Stunden wieder auf der Straße stand, in einem kalten Hamburger Wind, durchsetzt mit feinen Regentropfen, nahm nicht ab. Am Morgen danach ging Claas Relotius zu dem Arzt, der ihn schon als Kind betreut hatte, und ließ sich ein Attest ausstellen. Offiziell ist der 33-Jährige jetzt psychisch krank. Das Münchhausen-Syndrom, Krankenkassen-Code 4725P. Nur eine Zahl. Und doch ein Urteil.

Das Schaf von Winterhude


Der Starreporter, von dem niemals wieder jemand eine seiner wundervollen, eleganten Starreportagen drucken wird, sitzt schweigend auf seinem liebsten Platz in der großen Loftwohnung in Winterhude, die er von all den Preisgeldern angezahlt hat. Ein schwarzes Schaf, auf einmal. Ein Ausgestoßener. Allein. Er trinkt viel, schiebt sich später am Abend oft ein Kissen hinter seinen Rücken, stellt den linken Fuß auf das Pedal des Bösendorfer und legt die rechte Hand auf die Klaviartasten. Claas Relotius möchte spielen, ein Lied, irgendeins.

Aber da ist keine Melodie mehr. In diesen Momenten laufen Tränen über seine Wangen. Claas Relotius schämt sich, er schlägt beide Hände vors Gesicht, obwohl ihn doch niemand sehen kann. Es ist nicht wegen seiner Eltern, wegen der Familie, des Erbes, des bürgerlichen Todes, der Kollegen, der Träume; nicht einmal wegen der Schmerzen, die er fast körperlich fühlen kann.

Es ist, so würde er sagen, wenn er mit jemandem reden könnte und wollte, weil die Erwachsenen nun mit ihm schimpfen. Mit dem kleinen Jungen, der er doch immer geblieben ist.

Solch ein tragisches Schicksal ist im Leben so selten. Bitte teilen Sie diesen Beitrag, wenn auch Sie dieser Meinung sind.

Samstag, 29. Dezember 2018

Relotius-Preis®© : PPQ sucht Vorschläge für ersten Preisträger

"Wirklichkeiten schaffen" ist auch das Ziel der vielfach preisgekrönten ARD-Journalistin Golineh Atai.
Der Namensgeber des neuen Relotius-Preises®© sollte selbstverständlich auch der erste Preisträger sein. Claas Relotius hat mit seiner Undercover-Mission im Spiegel-Hochhaus den deutschen Journalismus revolutioniert wie zuletzt Günter Wallraff die Mindestlohnbranche, er hat aufgedeckt, die Fälschungsanfälligkeit der Branche entlarvt, fehlenden Qualitätssicherungsmechanismen öffentlich gemacht und der Öffentlichkeit gezeigt, wie einfach es für gewiefte rechtpopulistische Schmierfinken oder putintreue Trolle wäre, Artikel und Reportagen ganz nach gusto ihrer verqueren Weltsicht in deutschen Medien zu veröffentlichen und die öffentliche Meinung damit zugunsten neofaschistischer Meinungen zu beeinflussen.

Relotius aber sagte ab. Nach dem Start einer konzertierten Kampagne, bei der befreundete Großmedienhäuser die "Spiegel"-Bezichtigung des 33-jährigen mutigen Enthüller als angeblich psychisch krankem Einzeltäter ungeprüft und ohne Gegencheck bei mindestens einer weiteren Quelle übernahmen, stand der gebürtige Hamburger in einem Mediensturm, der Ausweichen und Flucht nahelegte, nicht aber, verdiente Anerkennung anzunehmen.

Dennoch möchte PPQ den auf Initiative eines multimedialen Förderkreises um den Hauptinspirator Torsten Heinrich erstmals für das Jahr 2018 ausgelobten Relotius-Preis für pfiffige Schreibtischreportagen auch im Premierenjahrgang vergeben - am liebsten an eine/n/s Preisträger/in/x, der/die/das in seinen/ihren/essen besonders schön geschriebenen "Geschichten" (Der Spiegel) seinen/ihren/essen inneren Überzeugungen treu geblieben sind, obwohl das die Fakten nicht hergaben. Und der/die/das ungeachtet der möglichen Folgen für das Vertrauen der Leser, den Ruf der Branche und das eigene Renommee auch nach Versuchen der Widerlegung durch freiheitsfeindlich gesinnte Kreise bei den von ihm geschaffenen Wirklichkeiten blieb, um die gesellschaftliche Situation in der Bundesrepublik zum Guten zu verändern.

Teilnahmebedingungen:
Für den Relotius-Preis für pfiffige Schreibtischreportagen®© in Frage kommen Frauen und Männer und Diverse, die in einer besonderen Situation oder bei einem konkreten Anlass, aber ohne zu recherchieren, in angenehmem Stil verfasste und schön geschriebene Reportagen veröffentlicht und gegenüber Widerständen und Leserprotesten an ihrer einseitigen Sichtweise festgehalten haben. Der Preis kann für eine einmalige Aktion, aber auch für ein Lebenswerk verliehen werden. Der "Relotius-Preis" sollte sich allerdings in der Regel auf die gesellschaftliche Situation in der Bundesrepublik beziehen, den Kampf gegen rechts, gegen russische Infiltrationsversuche, Trump oder Sachsen in den Mittelpunkt stellen, wobei der Preisträger bzw. die Preisträgerin gleichwohl ausländischer Herkunft oder Staatsbürgerschaft sein kann.

Bewerbung:
Eine Selbstbewerbung ist nicht möglich, Kandidaten für den Relotius-Preis müssen von ihren Lesern oder Leserinnen vorgeschlagen werden, wobei diese auch ausländischer Herkunft sein können oder eine oder mehrere Staatsbürgerschaften eines EU-Partnerlandes oder eines anderen Staates besitzen dürfen.

Bewerbungsunterlagen:
Vorschläge für die Auszeichnung können von den Juroren und allen Bürgerinnen oder Bürgern formlos über die politplatschquatsch@gmail.com eingereicht werden.  Gemeldet werden darf, wer seine Arbeit als Journalist hervorragend in den Dienst der guten Sache stellt,Regierungspolitik noch besser erklärt und sich demokratiefeindlichen, nicht zugelassenen und zweiflerischen Positionen entschlossen entgegenstellt.

Der Relotius-Preis®© wird einmal jährlich in Erinnerung an den Undercovereinsatz des vielfach preisgekrönten Reporters Claas Relotius beim früheren Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" vergeben. Relotius, der ein besessener Arbeiter war und seine Reportagen stets mit Absicht schrieb, um sie danach um so entschiedener zu vertreten, hatte über mehrere Jahre hinweg als angeblicher Reporter bei dem Hamburger Blatt geschrieben und sich dabei weite Teile seiner Berichte aus aller Welt einfach ausgedacht, um auf Missstände im deutschen Premiumjournalismus aufmerksam zu machen. Dafür war Relotius gelobt und mit Preisen geehrt, später aber wie ein Hund davongejagt und mit Klagen überzogen worden. Ganz im Sinne des Enthüllungsjournalisten soll die Ehrung für „wegweisende, grundstürzende Aufsätze" (Satzung für die Preisvergabe) gewährt werden.

Preisgeld:
Der Preis ist auf Vorschlag von Torsten Heinrich mit 30 Silberlingen dotiert.


Freitag, 21. Dezember 2018

Relotius-Reaktionen: Schock, Trauer, Wut und Scham


Nach dem Relotius-Schock gingen Wellen der Empörung durchs Land, Wellen des Entsetzens, der Ratlosigkeit und der Scham. Von der Neuen Presse Coburg bis zur angesehenen SZ, bei der einst der berühmte Bad-Kleinen-Erfinder Hans Leyendecker hatte unterschlüpfen können, steht ein traditionelles Geschäftsmodell im Feuer: Darf, wer den Menschen noch besser erklären will, warum es gut ist, was die Regierung beschlossen hat, seine Argumente völlig frei erfinden? Und wenn ja: Immer? Oder nur manchmal? Und muss das dann kenntlich gemacht werden?

Bis ins politische Berlin, das eigentlich schon dabei ist, DPA-Reportern wie jedes Jahr ihre ganz normal bescheidenen Weihnachtspläne in die kritisch-optimistischen Blöcke zu diktieren, reichen die Erschütterungen der neuen Spiegel-Affäre.

PPQ-Reporter Carl Gustaf hat sich in der Republik des Tages danach umgehört und viel Enttäuschung getroffen, viel Verzweiflung auch und natürlich - gerade bei Medienarbeitern - auch Scham, die, wie einer sagt, "nun auf uns alle zurückfallen wird wie ein viel zu großer Bösendorfer-Flügel, den wir eine Treppe hinauftragen wollten".

Zwischen der Sorge, dass Rechtspopulisten und erklärte Feinde freier Erfindungen in den Medien den bedauerlichen Einzelfall nutzen könnten, um Stimmung gegen die Pressefreiheit zu machen, und der Angst, dass die Politik sich gezwungen sehen könnte, eine europaweit geplante Anmeldepflicht für Bots und russische Trolle auf ein komplettes Verbot von Fake-Geschichten erweitern könnte, prägt die Diskussion.

Einige wichtige Reaktionen auf den Vorfall von Hamburg hat PPQ hier gesammelt:

Angela Merkel (CDU, Bundeskanzlerin): Mir doch egal, ob die Geschichten von Claas Relotius wahr oder falsch sind. Jetzt sind sie im Spiegel drin.


Heiko Maas (Außenminister): Claas Relotius hat sich gegen unsere demokratischen, toleranten, solidarischen und weltoffenen Werte und Grundprinzipien gestellt. Das gehört verurteilt.

Julian Reichelt, Bild-Zeitung: Ausgerechnet der Spiegel, ausgerechnet Weihnachten! Die ganze Geschichte über die Rhesus-Affäre, das Schweigen aus dem Kanzleramt und die fragwürdige Herkunft dieses angeblichen Berufskollegen  – morgen in und gleich Online.

Frank Walter Steinmeier (Bundespräsident): Claas Relotius hat sich gegen unsere demokratischen, toleranten, solidarischen und weltoffenen Werte und Grundprinzipien gestellt. Das gehört strengstens verurteilt.

Ralf Stegner (SPD): Stories erfinden und fälschen gehören nicht zur Sozialdemokratie. Claas Relotius ist kein Sozialdemokrat.

Anja Reschke, Journalistin: Es muss nicht immer alles stimmen, aber die Haltung!

Gregor Gysi, (Linke):  Um glücklich zu sein, müssen wir uns ab und an von gewissen Menschen distanzieren. Wir müssen lernen, zu leben und zerstörerische Kampagnen, wie sie der "Spiegel" jahrelang gegen mich fuhr, durchzustehen. Es stimmt ja immer alles nicht.

Katarina Barlay (Justizministerin, Spitzenkandidatin zur EU-Wahl): Sowas passiert nur Männern. Bei einer Frau wäre das nicht passiert.

Pepsi-Cola, Pressesprecher:  Wir distanzieren uns ausdrücklich vom Versuch, über die Platzierung von Anzeigen eine parteipolitische Vereinnahmung unserer Marke zu erreichen und prüfen rechtliche Schritte gegen die Verursacher.

Alexander Gauland (AfD): Die Geschichten von Claas Relotius sind ein Fliegenschiss in der deutschen Geschichte.

Dunja Hayali, Relotius-Kollegin:  Was ist Wahrheit? Das Interview, das ich geführt habe? Die Anmoderation? Mein neues Buch? Die Sachsen, mit denen ich gesprochen habe? Die Politiker, denen ich helfe, ihre Politik noch besser zu erklären? Alles das hat einen festen Platz in meinem Herzen und daraus fügen sich wie Puzzleteile viele, viele Wahrheiten zu einem Stück zusammen.

Annalena Baerbock (Grüne): Journalismus gründet auf Vertrauen, Vertrauen ist die Basis unserer Rechtsordnung. Wer unsere Rechtsordnung nicht akzeptiere, bei dem sollte die Abschiebung vorgezogen werden.

Friedrich Merz (CDU): Der Wahrheitsgehalt der Stories von Claas Relotius passt auf einen Bierdeckel.

Donald Trump, US-Präsident: I told you so. You are fake news!

Alan Posener, Die Welt:  Hut ab vor diesem Kollegen! Diese Fantasie, die poetische Kraft. Nicht alle Lieder gefallen mir, aber es ist herrlich, wie Leute, die überall Lügenpresse schreien, plötzlich jammern, wenn sie selbst auf eine stoßen.

Kai Gniffke (ARD):  Schon im Juli wurde der bei der ARD der Text eines Pakts verabschiedet, der  offiziell ausschließen wird, dass ähnliche Fälle bei uns geschehen. Nach ersten Recherchen hat Rhetorius nicht als Faktenfinder für die Tagesschau gearbeitet.

Hans Georg Maaßen (Verfassungsschützer im Ruhestand): Den Diensten lagen keine Erkenntnisse über die Wahrheitsgehalt der Geschichten von Claas Relotius vor.

Rudolf Augstein (aus dem Himmel): Die Unwahrheit muss gesagt werden.

Montag, 7. Januar 2019

Claas Relotius: Eine Lügenlesung am Kamin

Bescheiden, sich seiner stilistischen Mittel aber sehr sicher, so präsentierte sich Relotius bei seiner ersten Lesung.
"Ich habe mich nie bemüht, bei den Fakten zu bleiben, denn schließlich sollte die Botschaft ja ihre Adressaten erreichen", sagt Claas Relotius selbstbewusst. Die Recherche der Fakten war, daran lässt der frühere Spiegel-Star keinen Zweifel, aufwendig, doch der Einsatz der eigenen Fantasie ist kaum weniger mühsam und langwierig gewesen. Wer zum Beispiel beherrschte im Sommer 2016 Kirkuk? "Da habe ich zwei Tage gebraucht, das herauszufinden."

Und wissen musste es der vielfach geehrte Reporter, denn schließlich sollte sein Märchen von den Löwenjungen in der irakischen Stadt spielen. „Da muss man aufpassen, dass das, was überprüfbar ist, hinhaut“, sagt der Sohn einer alteingesessenen Reederfamilie, die ursprünglich aus dem großen Latinum stammt.


Aber es gab auch Detailerfindungen, die für die unmittelbare Reportagehandlung wichtig wurden: unveröffentlichte Skype-Tagebücher von US-Grenzmilizionären, russischen Onlinetrollen und Flüchtlingskapitänen etwa, die Relotius mit Hilfe der Dokumentation im Verlag ausfindig machte. Aus Hamburg angereist, sitzt der Autor, der nach Jahren, in denen seine Karriere nur steil bergauf ging, Ende letzten Jahres einen tiefen Sturz erlebte, umringt von Mitarbeitern des Spiegel-Verlags, von alten Abonnenten und Literaturkritikern, aber auch von Jury-Mitgliedern inzwischen aufgelöster Journalistenpreise und Berliner Politikern an einem warmen Januarabend in einem gemütlichen Gasthaus im tiefsten Thüringen.

Die schönsten Fake-Geschichten bei Kerzenlicht


Retulios, schlanker als früher, noch mit dunklen Augenschatten und staubigen Schuhen, liest bei Kerzenlicht aus seinen schönsten Fake-Geschichten und beantwortet aufgeschlossen und engagiert die Fragen der Anwesenden. Auf einem Tisch neben ihm türmen sich die druckfrischen Exemplare von "Bais moi/Fake mich – mein Leben als Stern", dem Buch mit den vielen preisgekrönten Retulios-Reportagen, das kurz nach seinem Erscheinen und trotz der Streichung von der Spiegel-Bestsellerliste nach Verlagsangaben bereits in die dritte Auflage geht.



Und wirklich, Relotius Geschichten sind stärker als alle literarische Fantasie, als alle Realität, als 26 Buchstaben und die sieben Milliarden Wirklichkeiten der Menschheit. Das ist nicht übertrieben. Der Gott des im Zweifel linken Fakes lässt Katastrophen wie Musik klingen, der Pop des Untergangs, der Entzivilisierung, ein Pathos schwingt mit, wenn die Mühseligen und Beladenen vorbeimarschieren, nur den deutschen Reporter an sich heranlassend wie Wasser und CD.

Relotius ist ihr Vertrauter, ihr Betvater, der Mann, der ihre Schicksale seinen deutschen Lesern zu Füßen legt wie ein treuer Hund lefzensabbernd das tote Kaninchen vor die Stiefel der Jäger. Halalali! „Manchmal“, sagt der Reporter, „schäme ich mich“. Im selben Moment plärrt ein Handy los. Es spielt die Melodie von Abbas „Knowing me, knowing you“. Das passt.

Große Kampagne des "Spiegel"



Denn noch hält der 34-Jährige, körperlich angeschlagen und auch mental nicht mehr ganz auf der Höhe, dem Druck stand, den der Spiegel mit einer Kampagne aufbaute, um vom eigenen Versagen abzulenken. Retulios wirkt, als würde er das gespenstische Endspiel seiner Laufbahn als bester deutscher Journalist mit der Neugier eines Reporters erleben.

Der von ihm selbst entfesselte Krieg, mit dem er, so sagt er heute, habe zeigen wollen, inwieweit der Vorwurf der Lügenpresse berechtigt ist. Das Dichterleben zwischen psychischer Störung und Angst vor dem Erwischtwerden, vor Rache des IS und der Wut Trumps. Gespenstisch das alles zudem, weil Relotius selbst eine Kunstfigur ist, wie er zugibt: Geboren als Kevin Lehmann in Branderbisdorf, sei ihm früh klargeworden, so der Mann, der sich Claas nennt, dass eine Geschichte je eher geglaubt werde, je unglaubwürdiger sie sei.

Leise Töne und lange Geschichten


Also Reedersohn, also großes Latinum, also leise Töne, Skrupel, und lange Geschichten. Relotius, in Sachsen aufgewachsen, inhalierte die herrschaftlichen Daseinsformen des altwestdeutschen Bildungsbürgertums aus dem 20. Jahrhundert wie flüssigen Sauerstoff. Bald glaubte er wirklich, einer von ihnen zu sein. Dichterlesung, Kokain, Kerzenlicht, Beck, Rammstein und Flügelklang, mit erlesenen Weinen und offenem Kragen bei Tisch, Frauen, Promis, weite Reisen erster Klasse, ein Flug so teuer wie das Haus der Eltern wert ist. "Es war der pure Wahnsinn", konstatiert er jetzt, wo es vorüber ist, "gegen diese Erlebnisse ist 'Vom Winde verweht' eine harmlose Operette."


Der Faktencheck ergibt in der Tat: Das äußere Gerüst stimmte immer, irgendwie, auch das Personal wirkte authentisch, und Seite für Seite könnte es sich so abgespielt haben. Könnte - denn schließlich füllt Relotius die Lücken, die die Historie lässt, mit Fiktion, mit Musik, mit Fantasie. Seine Reportagen sind keine Dokumentationsn, sondern Romane, zusammengesetzt aus einzelnen szenischen Darstellungen, die es so gegeben haben könnte, und Gesprächen, die nie stattgefunden haben.


Die Größe und Wucht seines Werk bleibt davon unberührt. Es war genau das, was gebraucht wurde, als es entstand, eine Facette des strahlenden Sonnenaufgangs eine Deutschlands, das die Moral gepachtet hat. Schlössen sich erst alle an, das war Relotius' Botschaft, würde kein Weber mehr hungern müssen, kein entrechtetes Mädchen mehr fiebernd gen Himmel fahren und kein Kindersoldat sterben.


Samstag, 13. April 2019

Relotius-Preis: Spitzenerzähler kommt auf vier Nominierungen in der Kategorie “Fantasie”


Kaum vier Monate ist es her, dass der "Spiegel"-Reporter Claas Relotius den deutschen Journalismus revolutioniert hat - und schon steht die Shortlist der Beiträge und Autoren, die in diesem Jahr erstmals mit dem nach ihm benannten Relotius-Preis ausgezeichnet werden sollen.

Für den Neuzugang im branchenweit beachteten "Guide Journalistenpreise", der traditionell einmal jährlich erscheint und insgesamt 262 überwiegend äußerst lukrative Auszeichnungen anpreist, hat eine hochrangige Vorjury über 707 Einreichungen entscheiden und 52 herausragende Beiträge von 17 begnadeten Spitzenfedern in die Endauswahl des Preises berufen. Das geschah über ein mehrstufiges Blind-Bewertungsverfahren, um ostdeutsche Antragsteller nicht zu benachteiligen.

Auf den Shortlists des diesjährigen Relotius-Preises finden sich aber dennoch vor allem gute alte Bekannte des kritischen Journalismus wieder, einige von ihnen sogar mehrfach. Neben Dunja Hayali kann sich auch Anja Reschke mit ihrem Buch "Haltung" Hoffnung auf die eine oder andere Auszeichnung machen. Für seine konsequente Haltung Russland und den USA gegenüber ist der ausgeschiedene Spiegel-Chef Klaus Brinkschäumer Favorit auf einen Sonderpreis, die Auszeichnung für ein Lebenswerk im Dienst der Wahrhaftigkeit dürfte SZ-Starkommentator Heribert Prantl kaum zu nehmen sein.

Transparenz ist Trumpf


Die Branche, verfrühten Nachrufen zufolge tief in der Krise, feiert aber vor allem mit herausragenden Stücken in der Relotius-Kategorie “Reportage” ihre eigene Kraft. Früher als "Egon Erwin Kitsch-Preis" bekannt, später zu Ehren von Henri Nannen, einem früheren Kriegsberichterstatter in der Propagandakompanie der SS-Standarte Kurt Eggers, umbenannt, wird die scherzhaft auch "Nanni-Preis" genannte Auszeichnung in 77 Kategorien vergeben. Allein zehn in “Dokumentation”, 22 in “Investigative Leistung”, vierzehn in “Lokale Investigative Leistung” und sechzehn in der Kategorie “Zusammenarbeit von Gemeinwohlmedien und medienkapitalistischen Heuschrecken" Hinzu kommen 33 Nominierungen für “Reportage-Fotografie (Studio)” und siebzehn für “Inszenierte Fotografie”. Als Favorit gilt hier Ullrich Fichtner, der als Mentor von Claas Relotius bekannt wurde und dessen Nachruf schrieb, sein Amt aber ruhen lässt

Insgesamt ist die Süddeutsche Zeitung allein vierzig Mal nominiert (dreimal mit dem Magazin, einmal mit SZ Familie), hinzu kommen Arbeiten vom Stern, Geo, dem Spiegel, Tagesspiegel und der Zeit, die FR, Taz und Rheinpfalz. Alle Leitmedien sind jeweils mit dem Anteil vertreten, den ihre Auflage ihnen nach der sogenannten Augstein-Formel aus den 60er Jahren zuspricht.

Aus den Shortlists nominieren die Haupt- und die Fotografie-Jury Anfang Mai drei Arbeiten pro Kategorie. Jury-Mitglieder sind unter anderem Herrnfried Hegenzecht, der Chef des Bundesblogampelamtes im mecklenburgischen Warin, der Medienwissenschaftler Hans Achtelbuscher vom An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung, die bekannte Medienkolumnistin Svenja Prantl, Regierungssprecher Steffen Seibert, Rainald Schawidow, Chef der Bundesworthülsenfabrik in Berlin, und die angesehene Sprachexpertin Elisabeth Wehling vom Berkeley International Framing Institute.

Glaubwürdigkeit bewiesen


Die Sieger wählen sie kurz vor der Preisverleihung, die erstmalig zu einem “Tag des Journalismus” erweitert wird, bei dem der Öffentlichkeit ein Einblick in die Arbeit der Jury gegeben werden soll. Wegen der aktuellen Debatte um mögliche Fälschungen durch Claas Relotius hatte die Illustrierte "Stern" den im Vorjahr noch beinahe für sein herausragendes Stück “Löwenjungen” in der Kategorie “Reportage” ausgezeichneten Namensgeber des neuen Preises nicht zum Wettbewerb zugelassen. Der Relotius-Preis gilt bereits jetzt als die bedeutendste Auszeichnung für Journalisten in Deutschland, die Glaubwürdigkeit und Transparenz des Journalismus glaubwürdig verkörpern.

Donnerstag, 20. Dezember 2018

Lügenpresse: Der Spaßvogel im Spiegel-Hochhaus

Claas Relotius machte sich schon vor zwei Jahren einen Spaß daraus, seine Lügen zu zu übertreiben, dass er hätte erwischt werden müssen.
Es ist guter Brauch in Hamburg. Seit Jahrzehnten schon eignet sich Deutschlands größtes Nachrichtenmagazin dreist fremdes Eigentum an. Guter Brauch ist, zu nehmen, was etwas taugt, und dann einfach seinen eigenen Copyright-Hinweis darunterzuschreiben. "Sie sind gewissenlos, sie verachten den Urheberschutz, sie haben keine Moral, keine Skrupel, denn sie sind Qualitätsjournalisten beim renommierten Spiegel", so beschrieb einst ein Medienkritiker das Wochenblatt, das sich mit dem Diebstahl fremder Arbeit notdürftig über Wasser hält.

Und dabei vor keinem Betrug zurückschreckte. So behauptete der "Spiegel", er habe Reporter im Islamischen Staat platziert gehabt, die die Zerstörung des Museum von Mossul direkt beobachtet und gefilmt hätten. Erst eine Beschwerde beim Deutschen Presserat ließ die Redaktion einknicken - nun räumte sie ein, nicht journalistisches Material, sondern Propagandavideos des IS verbreitet zu haben.

Übliches Handwerk offenbar, bis in den gedrucktes "Spiegel" hinein. Dort, wo die journalistische noch in Ordnung zu sein schien, wo lange, tiefgründige Reportagen erschienen und immer wieder auch erstaunliche schlüssig klingende Berichte den tapferen Kampf der freien Presse gegen die "radikale Mitte" (Spiegel), entpuppt sich nun manche wunderschöne Reportage, die schon beim ersten Lesen zu hübsch klang, um wahr sein können, als märchenhafte Komposition aus Eckfakten, Erwartungshaltungsbedienung und frivolem Insiderscherz.

Ein Claas Relotius, von dem auch die meisten der verblieben paar treuen Spiegel-Leser bewusst noch nie etwas gehört haben, soll es gewesen sein, der das klassische Konzept der auf Magazinpapier zu höchstmöglicher Wirksamkeit montierten Wirklichkeit übertrieben und seine vielfach preisgekrönten Geschichten teilweise ganz, teilweise teilweise ausgedacht hat. So wie der Spiegel einst Wikileaks als Quelle nutzte, die er dann einfach nicht nannte, bastelte sich der Superschreiber Fakten, die am Ende genau das Bild ergaben, von dem seine Vorgesetzten beim "Spiegel" von Anfang gemeint hatten, dass es ungefähr das sein müsse, was in der großen Reportage stechen müsse.

Claas Relotius, schon der Name klingt ausgedacht, erfüllte seinen Zweck und lieferte blumige Fabeln mit frei erfundenen Protagonisten, die stets passgenau die Zitate lieferten, die der "Spiegel"-Leser und die Jurys von Journalistenpreisen zu lesen erwarteten. Relotius wusste das und er machte sich einen Spaß daraus: In einer "Königskinder" überschriebenen Fantasiereportage ließ er seine Helden "Ahmed" und "Alin" nicht nur ein ähnlich schweres Schicksal erleiden wie es Charles Dickens Oliver Twist durchstehen musste.  Nein, er teilte auch mit, dass den beiden syrischen Kriegswaisen "manchmal, im Traum, Angela Merkel" erscheine.

Das ist so bizarr, so dreist unsinnig, das ist so sehr Regierungsverlautbarung und plumpe, dummdreiste Propaganda,  dass er normalerweise nicht einmal am Ressortleiter hätte vorbeikommen dürfen. Aber abgesehen von der Gewohnheit, die ganze Welt als Stoff zu behandeln, den sich der große "Spiegel" unabhängig von fremden Rechten aneignen kann, wie er will, war da eben auch die spiegeleigene Erwartungshaltung, draußen auf der Straße, da wo die Brinkbäumers und ihre Bento-Reporter nicht mehr hinkamen, im Ernstfall die Welt zu finden, in der sie zu leben meinten. Sachsen sind hier Nazis, Antifaschisten nette, liebe Leute, die Kanzlerin ist Gott, Obama ein Zauberer, Trump der neue Hitler und das Deutschland, "was ist" (Leitspruch Spiegel) alternativlos.

Claas Relotius, bestochen durch eine Flut an Märchenerzählerpreisen, die ihn erstickt haben muss, diente diesem im Zweifel linken (Spiegel) Deutschland, indem er seine Erwartungen erfüllte wie ein Hollywood-Regisseur. So ist es bei ihm ein "Ziegenmilchverkäufer", der im irakischen Kirkuk berichtet, wie ein kindlicher Attentäter "plötzlich losgelaufen" sei, kein DVD-Händler, denn die deutsche Vorstellung vom Irak ist die eines Landes aus Ziegenmilch, schmutzigen Schuhen und "Geschwistern, die der "Islamische Staat" verschleppte und zu Selbstmördern erzog".

Es geht nicht darum, zu beschreiben, was ist, sondern darum, klarzumachen, dass die Bundesregierung sich kümmert, die Lage im Griff ist und die Deutschen, alles in allem, richtiges Glück haben, über so schlimme Dinge so gut geschriebene Geschichten lesen zu dürfen. Auch die Enthüllungsstory über Relotius ist eine packende Schreibtischreportage, verfasst von Ulrich Fichtner, auch er der beste Mann des Magazins, auch er beim Erzählen mit der Hosentasche voller Details und Beobachtungen, selbst aus geschlossenen Runden, an denen er nicht teilgenommen haben kann. Ein wenig Nervosität schrieb mit, sogar beim Routinier, der Relotius`Reportagepreise alle auch schon gewonnen hat.

Der "Spiegel" musste deshalb auch hier wieder nacharbeiten. Und unter den großen Selbstreinigungstext schreiben: "Hinweis: In einer früheren Fassung dieses Textes wurde der unangemessene Ausdruck "getürkt" verwendet. Wir haben das korrigiert."



Montag, 28. Januar 2019

Monatsbilanz: Wer war Herr Relotius?


Kurz vor Weihnachten schien ein guter Zeitpunkt zu sein, mal richtig durchzuwischen im "Spiegel"-Hauptquartier. Bedrohlich nahegekommen war dem ehemaligen Nachrichtenmagazin die Gefahr, irgendwo in Amerika könne jederzeit eine Welle losgetreten werden, unter der der letzte Rest Glaubwürdigkeit des früher so angesehenen Blattes begraben werden würde. Schuld wäre, zumindest sah das aus der Spiegel-Chefredaktion so aus, ein junger Reporter, begnadeter Schreiber, hochgeehrt, ein personifiziertes Sturmgeschütz des richtigen Denkens und der guten Vorurteile. Es galt, die aufdämmernde Krise klug zu managen, um nicht von ihr zerstört zu werden.

Und wer könnte so etwas besser als ein Magazin, das selbst schon vor Jahrzehnten bewiesen hat, wie sich mit erfundenen Greuelgeschichten Ministerrücktritte erzwingen lassen? Der "Spiegel" schaltete also in den Aufklärungsmodus. Angriff ist die beste Verteidigung und Transparenz die wirksamste Medizin.

Auch die Enthüllungsstory, mit der das Blatt den klugerweise gleich zum "Fall Relotius" vereinzelten Umstand berichtete, dass Deutschlands größtes Nachrichtenmagazin über Jahre hinweg Dutzende erfundener Reportagen gedruckt hatte, war eine packende Schreibtischreportage, die wirkte, als sei der Autor Ulrich Fichtner wirklich bei Ereignissen anwesend gewesen, bei denen er keineswegs anwesend gewesen sein kann.

Anmutung und Fantasie, ausgerichtet an der Erwartungshaltung von Redaktion und Publikum - die Relotius-Mischung des Erzählens aus einer Hosentasche voller Buntstifte fesselte wie immer. Fichtner hat nicht umsonst dieselben Reportagepreise gewonnen wie Claas Relotius.

Diesmal aber ging es nicht um Ruhm und Ehre, mehr Gehalt und einen höheren Spesensatz, sondern ums Überleben. Würde sich die Leserschaft und würde sich die Branche überzeugen lassen, dass Relotius ein Einzelfall war wie einst Tom Kummer? Würde die schonungslose Selbstbezichtigung, "hereingefallen" (Spiegel) zu sein, im Verein mit den bevorstehenden Weihnachtsfeiertagen, Silvester und - vielleicht, die Hoffnung stirbt zuletzt  - einem möglichen neuen Köln oder Ähnlichem ausreichen, die unschöne Angelegenheit als erledigt abheften zu können?

Einen Monat danach kann der Versuch als geglückt gelten. Bis auf die Westpresse hat die Branche den tragischen Einzelfall für erledigt erklärt. Auch beim "Spiegel" selbst ist die Affäre vom Titelblatt ins Bunte gerutscht, wo sonst "fragile Rollenbilder", tote Schauspieler und andere preisgekrönte Edelfälscher tummeln.

Es ist ausgestanden, auch wenn die angekündigte "Prüfung" im Spiegelhaus noch läuft. Niemand hat mehr die Absicht,  Fragen zu stellen oder gar Zusammenhänge entdecken zu wollen zwischen dem Berufsverständnis von Journalisten  als "Staatsbürger in unsichtbarer Uniform, dazu da, die Rechtspopulisten zu bekämpfen und die gesellschaftliche Spaltung zu verhindern" (NZZ), und Reportagen, die immer nur prächtig und wie von Zauberhand genau passend kolportierten, was Leserinnen und Leser ohnehin zu wissen glaubten.

Claas Relotius ist abgetaucht, der "Spiegel"-Skandal als "Fall Relotius" in die Annalen gewandert. Aus der bequemen Gruft wird die Affäre nur noch einmal auferstehen, wenn sich der "Abschlussbericht" der großen Spiegel-Wahrheitskommission wie eine Grabplatte über dem Einzelfall senkt, um ihn für immer zu beerdigen. Wieder einmal, könnte es die NZZ beschrieben haben, wird die Wirklichkeit dem Vorurteil der Journalisten gefolgt sein.

Montag, 4. Mai 2020

Relotius-Preis: Verleihung ohne Schnittchen-Gala

Mutige Enthüllerin: Für die BR-Sendung "Quer" deckte Preisträgerin Stephanie Probst auf, dass Corona nur eine rechte Verschwörung ist.

Eine Gala-Veranstaltung konnte es wegen des Coronavirus nicht geben, verliehen wurde der erst zum dritten Mal ausgelobte Relotius-Preis dennoch – per Online-Event. Benannt nach dem berühmten, aber inzwischen bereits wieder weitgehend in Vergessenheit geratenen mutigen Spiegel-Reporter Claas Relotius, der mit seinen vielfach preisgekrönten Reportagen gezeigt hatte, wie anfällig noch die führendsten Leitmedien für krude Märchen sind, prämiert die Auszeichnung schimmernde Schreibtischreportagen und Frauen und Männer und Diverse, die in einer besonderen Situation oder bei einem konkreten Anlass, aber ohne zu recherchieren, in angenehmem Stil verfasste und schön geschriebene Reportagen veröffentlicht und gegenüber Widerständen und Leserprotesten an ihrer einseitigen Sichtweise festgehalten haben.

In Erinnerung an einen ehrlichen Textarbeiter


Erster Preisträger war der seit Herbst 2018 untergetauchte Claas Relotius selbst, der damals noch zu einer rauschenden Galaveranstaltung in der Bundeshauptstadt bescheiden nicht erschien. Die Wiederholung der Premiere war dem überaus dürren Frühjahr 2019 zum Opfer gefallen, seitdem aber wird der Relotius-Preis®©  einmal jährlich in Erinnerung an den Undercovereinsatz des Namensgebers beim früheren Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" vergeben, um den Geist des besessenen Textarbeiter am Leben zu erhalten, der seine Reportagen stets mit Absicht schrieb, um auf Missstände im deutschen Premiumjournalismus aufmerksam zu machen.

In Corona-Zeiten, wie Moderatorin Svenja Prantl bei der diesjährigen Verleihung im Lockdown sagt, konnte es natürlich keine so rauschende Party geben wie in den Vorjahren. Doch die “kürzeste Relotius-Preisverleihung aller Zeiten” hatte es dann doch in sich: Während die Schwester-Jury des nach dem früheren Nazi-Propagandasoldaten Henry Nannen benannten Preises sich für Videoaktivisten Rezo und seinen Anti-CDU-Wahlkampfspot "Die Zerstörung der CDU" entschied, obwohl sich die Analyse inzwischen als besonders hanebüchene Fake News herausgestellt hat, entschied sich die Relotius-Jury für Stephanie Probst, die für die Sendung Quer im Bayerischen Gemeinsinnfunk schon sehr früh die von Corona-Gläubigen verbreiteten Verschwörungstheorien zur angeblichen Gefährlichkeit des neuartigen Lungenvirus und angeblich gefährlichen Folgen für die deutsche Wirtschaft widerlegt hatte. Deutschland erwarte allenfalls eine kleine Grippewelle, auf die das Land gut vorbereitet worden sei, hatte Probst klargestellt. Alles andere seien Parolen rechter Rattenfänger.

Erstmals wieder keine Sektgala


Da die Auszeichnung aus bekannten Gründen nicht wie gewohnt im Zuge der üblichen Galaveranstaltung mit Sektchen und Schnittchen vor Publikum vergeben werden konnte, ging sie als digitales Event über die Bühne. Gemeinsam mit Initiator Thomas Heinrich führte PPQ-Kolumnistin Svenja Prantl gewohnt eloquent charmant durch die knapp 50-minütige Verleihung – beide saßen dabei an einem Tisch aus deutscher Eiche, der früher einmal niemand Geringerem als Joseph Goebbels gehört haben soll.

Eine kleine Spitze auch gegen die 540-köpfige Jury, die im Laufe des Jahres  rund 800.000 Arbeiten gesichtet und teilweise gelesen hatte – darunter fanatische Geschichten etwa über den "Pull-Effekt" und intime Porträts des brutalen Machtmenschen Putin, der nur Krieg will. Gerade in Anbetracht der aktuellen Lage aber waren sich die meisten Teilnehmer in Videokonferenzen und Abstimmungen per E-Mail dann einig. “Unsere Bildschirm-Debatten waren genauso lebendig, kontrovers und intensiv wie sonst auch, obwohl der Bayerische Rundfunk den so vieles richtigstellenden Film zu Corona inzwischen gelöscht hat”, sagte Prantl. Ungeachtet dessen habe man sich für den Quer-Film mit Stephanie Probst entschieden, der einfach - auch durch die eingeblendeten Virus-Animationen - zu wertvoll sei, um einfach vergessen zu werden.

CDU siegt mit ihrem neuen Newsroom


Wegen Corona wurden die Nominierten während der Preisverleihung nur in kurzen Einspielfilmen und Einschätzungen der Juroren vorgestellt, bei denen zum Teil das Netz ausfiel,  ehe das Moderatorenduo die Gewinner präsentierte. In der Kategorie “Web-Projekt” siegte die CDU mit ihrem neuen Newsroom, mit dem sich die Partei von Kauf- wie Gemeinsinnmedien weitgehend unabhängig mahcen will. den renommierten Litsch-Preis sicherte sich in diesem Jahr das ZDF mit einem Tweet aufrüttelnden Tweet über Corona, über den Preis für das Lebenswerk  konnte sich der Alt-Internationale Hans Leyendecker freuen, dem es gelungen ist, ohne mit seiner Bad-Kleinen-Geschichte aufzufliegen bis in die Rente zu kommen.

Im Bereich “Investigative Leistung” siegte die Bild-Zeitung mit ihrer Enthjüllung "Karussell hat die Form von zwei Hakenkreuzen". Die stärkste lokale investigative Leistung lieferte aus Sicht der Jury der "Tagesspiegel", der eine AFD-Ehe aufdeckte, die beinahe eine Kleinstadt ruiniert hätte. 

Donnerstag, 3. Januar 2019

Relotius: Wickert liest aus dem Buch der Tugenden

Den Scholl-Latour-Preis für den "Löwenjungen" hat die Ulrich-Wickert-Stiftung Claas Relotius aberkannt, alle anderen Preise hat der so tief gefallene Starreporter nach harscher Kritik aus Politik, Medien und Gesellschaft inzwischen eigenständig zurückgegeben. Neuer Preisträger ist in allen Fällen Ulrich Wickert selbst, der noch einmal für seinen unvergesslichen Klassiker "Das Buch der Tugenden" geehrt wird. 1995 hatte der Moderator der "Tagesthemen" und Offizier der französischen Ehrenlegion es geschafft, eine ganz persönliche Auswahl von philosophischen und literarischen Texten vorzulegen, die er ganz allein aus den Werken von Philosophen, Dichtern, Theologen, Weisheitslehrern von der Antike bis zur Gegenwart zusammengesucht und abgeschrieben hatte.

Von Aristoteles bis Max Frisch, von Äsop über Johann Wolfgang von Goethe bis Albert Camus zitierte sich Wickert frischweg durch die gesamte Weltliteratur, auf das Cover seines Werkes hatte er bescheiden den Namen des einzigen Autoren schreiben lassen, der wichtig war: "Das Buch der Tugenden" von Ulrich Wickert.

Hunderttausende fanden durch "Wickerts ganz persönliche Lesefrüchte" (Verlagswerbung) die Antwort auf die Frage, die jedes Leben bestimmt: Was ist gut? Was ist schlecht? Was soll ich denken? Was darf ich sagen? Ein Buch über so etwas scheinbar altmodisches wie Tugend, das gleichzeitig, so der Verlag, "die entscheidenden Verhaltensregeln enthält, die Menschen in der gesamten Geschichte gefunden haben". Schmücke dich nie mit fremden Federn! Lüge nicht, betrüge nicht, erfinde nichts zur Wirklichkeit dazu! Schreib lieber einfach auch ein Buch, indem du viele, viele andere Bücher abtippst!

Doch wie Ulrich Wickert damals schon fürchtete, muss jede Generation neu definieren, was sie unter Gerechtigkeit, Mut, Solidarität, Toleranz, Wahrhaftigkeit versteht. Ein Prinzip, das Claas Relotius völlig falsch verstanden hat. Er glaubte, sich den von Wickert durch Wahrhaftigkeit und Bescheidenheit hart erarbeiteten Ruf des nur durch echte eigene Leistungen glänzenden Superreporters auf einfache und betrügerische Weise verschaffen zu können, indem er fremde Reportagen abschrieb. Ulrich Wickert hat jetzt klargemacht, was er von solchen Praktiken hält: "Ich bin tief erschüttert über diesen Betrug. Glaubwürdigkeit ist das wichtigste Gut eines Journalisten. Der Betrug macht Claas Relotius als Preisträger unhaltbar."

Das Preisgeld, immerhin 6000 Euro und aus Spenden finanziert, will die Stiftung vom inzwischen arbeitslosen Relotius zurückfordern.

Dienstag, 20. Mai 2025

Schnitzler, Zimmering, Relotius: Preisbeschuss im Glaubenskampf

Ein Publikumsaward, hinter dem selbsternannte Verteidiger eines angeblichen selbsternannte "Rechts der Bürger, sich ungehindert aus allen Quellen zu informieren und frei zu äußern" stehen.

Es gibt sie in groß und klein, in bunt und für ganze Kulikollektive. Jahr für Jahr geht einer sogar an herausragende Werke des sogenannten "kritischen Journalismus", gestiftet hat diesen einzigartigen  Journalistenpreis der langjährige niedersächsische Arbeitersohn und Gewerkschaftsfunktionär Otto Brenner, dem am Ende eines Lebens, das dem Kampf gegen die deutsche Wiederbewaffnung gewidmet war, genug Geld blieb, eine Stiftung zu gründen. Die trägt bis heute seinen Namen und verbreitet seine Botschaft: "Nicht Ruhe, nicht Unterwürfigkeit gegenüber der Obrigkeit ist die erste Bürgerpflicht, sondern Kritik und ständige demokratische Wachsamkeit."

Auf der falschen Seite

Brenner, 1972 verstorben, würde nach dieser Grundaussage heute auf der falschen Seite der Geschichte stehen. Hier, abseits der gesellschaftlichen Medienmitte, machen sich Quengler, Leugner und Delegitimierer des Fortschrittsstaates eine Gaudi daraus machen, die neuen Bräuche zu verhöhnen, nach denen immer die gleichen Aktivisten für immer die gleichen beunruhigenden Botschaften über immer dieselben Probleme immer wieder dieselben Preise entgegennehmen müssen. 

Dafür aber ist der Name Relotius jetzt bei allen Preiskommissionen auf dem Zettel. Schon 2014 zeichnete ihn CNN als Journalist of the Year aus. 2017 wird er für seine Spiegel-Reportagen über einen Jemeniten im US-amerikanischen Guantanamo-Gefängnis und zwei syrische Flüchtlingskinder mit dem Liberty Award und dem European Press Prize geehrte.

Der Vater der Königskinder 

Für die Spiegel-Reportage "Königskinder" erhielt er im selben Jahr auch den Katholischen Medienpreis, es folgen der Peter-Scholl-Latour-Preis der Ulrich-Wickert-Stiftung und der Preis der Konrad-Duden-Stiftung für die Spiegel-Reportage "Nummer 440", mit der er es, so die Jury, geschafft habe, "Buchstaben und Zahlen beispielhaft so zu kombinieren, dass eine Ergriffenheit sich bei Leserinnen und Lesern einstellt, die herzergreifend authentisch wirkt." 

Relotius' Geschichten waren deutlich stärker als alle literarische Fantasien, als alle Realität, als 26 Buchstaben und die sieben Milliarden Wirklichkeiten der Menschheit. Das ist nicht übertrieben. Der Gott des im Zweifel linken Fakes lässt Katastrophen wie Musik klingen, der Pop des Untergangs, der Entzivilisierung, ein Pathos schwingt mit, wenn die Mühseligen und Beladenen vorbeimarschieren, nur den deutschen Reporter an sich heranlassend wie Wasser und CD.

Schicksale zu Füßen gelegt


Relotius ist ihr Vertrauter, ihr Betvater, der Mann, der ihre Schicksale seinen deutschen Lesern zu Füßen legt wie ein treuer Hund lefzensabbernd das tote Kaninchen vor die Stiefel der Jäger. Halalali! „Manchmal“, sagt der Reporter, „schäme ich mich“. Im selben Moment plärrt ein Handy los. Es spielt die Melodie von Abbas „Knowing me, knowing you“. Das passt

Claas Relotius war am Ziel seiner Wünsche, Träume und Befürchungen. Nur den Egon-Erwin-Kisch-Preis wird er, dass ist ihm klar, nicht mehr gewinnen können, weil der dem jüdischen Publizisten Kisch gewidmete Preis kurz vor dem Beginn seiner Karriere als Großschriftsteller in "Henri-Nannen-Preis umgetauft worden war, um die Erinnerung an den ehemaligen Kriegsberichtserstatter der Propagandakompanie der SS-Standarte Kurt Eggers wachzuhalten. 

Opfer von Neidern und Hetzern 

Neider und Hetzer, Kleingeister und Zweifler am Leitmedienjournalismus zerstörten die große Karriere des Aufdeckers. Nach dem Start einer konzertierten Kampagne, bei der befreundete Großmedienhäuser die "Spiegel"-Bezichtigung des 33-jährigen mutigen Enthüller als angeblich psychisch krankem Einzeltäter ungeprüft und ohne Gegencheck bei mindestens einer weiteren Quelle übernahmen, stand der gebürtige Hamburger in einem Mediensturm, der Ausweichen und Flucht nahelegte, nicht aber, verdiente Anerkennung anzunehmen.

Von Claas Relotius führt ein direkter Weg zu Anja Reschke, Georg Restle und den namenlosen Divisionen von emsigen Enthüllern hinter ihnen. Immer heißen die tapferen Reportagen "Ist unsere Demokratie in Gefahr?". Immer berichten Aussteiger aus demokratiegefährdenden Milieus von ihrem erbarmungswürdigen Schicksal. Kein Reichsbürger bleibt unbefragt, keine russische Verschwörung gegen den demokratischen Rechtsstaat unaufgedeckt.

Die "Kraft des Wortes"

Mit der "Kraft des Wortes" (Deutscher Journalistenpreis) wird nicht nur bewiesen, was "exzellenter Journalismus zu leisten vermag" (Mika Beuster), sondern auch dafür getrommelt, dass es alle erfahren. So wenige Preise in Deutschland für gute Steuerberatung, mutige Politessentätigkeit und den wackeren Einsatz für die gleichmäßige Verteilung von Schädlingsbekämpfungsmitteln in der industriellen Landwirtschaft verteilt werden, so viele Ehrungen gibt es für die Angestellten der Vierten Gewalt. 

Keiner, der nichts abbekommt. Jede Sparte wird bedacht, vom "Silberne Pferd", mit dem herausragende Beiträge über den Pferdesport ausgezeichnet werden, bis zu einer endlosen Liste von Auszeichnungen für investigative Berichterstattung, Lokaljournalismus und eben jenem mystischen "kritischen Journalismus", für den der alte Gewerkschafter Brenner stand, der seinerzeit noch nicht ahnen konnte, dass Vater Staat eines Tages ein Freund sein wird, gemacht vom eigenen Fleisch, kein Gegner mehr, dessen Treiben man ganz genau auf die Finger schauen muss.

Finanziert von Großkonzernen

Großkonzerne wie RWE, Siemens, die Commerzbank und der unter Spionageverdachts stehende chinesische Reise Huawei finanzieren vorbeugend schönes Berichterstattungswetter,  "verschiedene Journalist:innen, Redaktionen oder Teams" schmücken sich gern mit den verliehenen Medaillen und Preisen. Eine Preisverleihungslandschaft ist entstanden, die dem Guten Geltung verschafft.

Vom renommierten Max-Zimmering-Preis für politische Dichtung über den Preis der Lutherstädte für "Das Unerschrockene Wort" bis zum "Siebenpfeiffer-Preis für journalistische Arbeiten zu Demokratie und Radikalisierung" bis zum Theodor-Wolff-Preis für journalistische Gelassenheit und dem "Grimme"-Preis reicht das Spektrum der Ehrungen, die Mediendeutschland für Einsatz, Engagement und Haltung bereithält. Einige andere Preise mussten wegen der gesichert rechtsextremistischen Einstufung der Namensgeber umbenannt werden. Ihrer Strahlkraft tat das allerdings keinen Abbruch.

Neid und Hass

Dass das nicht allen passt, ist in einer pluralistischen Gesellschaft selbstverständlich. Neidisch und hasserfüllt schauen die, die bei der Vergabe von Ehrungen regelmäßig leer ausgehen, auf die, in deren Redaktionen schon eigene Reliquienräume eingerichtet werden müssen, um die Menge der Auszeichnungen vor Besuchern aus dem In- und Ausland angemessen würdig präsentieren zu können. 

Fantasie wird belohnt, gutes erzählerisches Hand und der Einsatz für demokratische Werte und eine solidarische Gesellschaft auch über "den Tag hinaus", wie es "Monitor".-Chef Georg Restle nennt, ein Charakterkopf, dem Deutschland das Verb "restlen" verdankt, das für den dynamischen Umgang mit beweglichen Grundprinzipien steht, an denen der Restelnde festhält, ohne vom Gegenteil abzulassen.

Ehrung für Propaganda

Auch die Macher des Karl-Eduard-von-Schnitzler-Preises  kommen vor diesem Hintergrund natürlich nicht um die großen Adressen herum. Die Ehrung "für Propaganda-Journalismus", wie sie erklärend genannt wird, ging in diesem Jahr an Correctiv, das Medienhaus, das die demokratische Debatte der zurückliegenden Monate mit seiner Geheimplan-Berichterstattung geprägt hatte wie kein anderes. Gewürdigt wird mit der Vergabe auch der Einsatz der Aktivisten für die Enthüllung der moralischen Verkommenheit, die oft in der Politik grassiert, der Büchsenspannerdienst für die großen Online-Zensoren und das stabile Festhalten an der Wannsee-Fantasie trotz Gegenwind.

Der Schnitzler-Preis ist ein Publikumsaward, das macht die von der Stiftung Meinung & Freiheit e.V. vergebene Ehrung auf den ersten Blick besonders bedeutsam. Doch der zweite, gründliche verrät: Die Stiftung Meinung & Freiheit e.V. beruft sich auf ein recht zweifelhaftes "freiheitliches und liberales Gesellschaftsverständnis", sie sieht sich als Verteidiger eines angeblichen "Rechts der Bürger, sich ungehindert aus allen Quellen zu informieren und frei zu äußern" und maßt sich tatsächlich an, frei imaginierte "staatliche Angriffe auf Meinungs- und Informationsfreiheit im Sinne Artikel 5 Grundgesetz" abwehren zu wollen.

Preisbeschuss im Glaubenskampf

Wie der Leipziger Medienpreis, den die dortige Sparkasse vergibt, ehrt der nach dem Chefkommentator des DDR-Fernsehens und Moderator des „Schwarzen Kanals“ benannte Schnitzler-Preis das Engagement für die Presse- und Meinungsfreiheit durch die Verbreitung auch fiktionaler Erziehungshilfen.Wichtig zu wissen: Hinter dem Preis stehen immer wieder auch öffentlich als störend aufgefallene konservative Kräfte wie der frühere Chef der Wirtschaftswoche Roland Tichy, der ehemalige Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen und der sächsische Schriftsteller Uwe Tellkamp. Auch sie haben nun offenbar ein Einsehen und sind bereit, die Leistungen, die von den einzelnen Teilnehmern am Wettbewerb erbracht werden, entsprechend zu würdigen.

"Erfundene Zitate und Tweets; Reportagen über Fernsehgeräte, die Strom erzeugen; zufällig vorbeikommende Bürger, die sich im Nachhinein als Parteifunktionäre herausstellen; Grüne, die als Experten hofiert werden; manipulierte Schmerzensschreie und ein prallvoller Gardasee, der angeblich austrocknet", heißt es zur Bandbreite der zur Ehrung anstehenden Anstrengungen, alles, was dem gesellschaftlichen Fortschritt dient, kann preiswürdig sein, wenn "nicht einmal der Wetterbericht bei ARD und ZDF noch über das Geschehen vor unseren Fenstern" informiere, "sondern Daten manipuliert, die nicht ins Narrativ passen".

Ganz vorn landete bei der zweiten Vergabe das Correctiv-Kollektiv, direkt gefolgt von ARD und ZDF als größten Quellen von verschwiegenen Nachrichten, einfallsreichen Deutungen und eines schnitzlermäßigen Sendungsbewusstseins. Mit nur einstelligen Zustimmungswerten landeten Georg Restle, Jan Böhmermann und ZDF-Chefredakteurin Bettina Schausten weit abgeschlagen auf den Rängen.


Samstag, 1. Juni 2019

Nannen-Preis: "Spiegel" holt Titel für Relotius-Story

Beim traditionellen "Tanz der Preisträger" durften erstmals auch zugeloste Leserinnen und Leser mitmachen.
Er gilt als der „Oscar“ der Journalistenzunft: Der Henri-Nannen-Preis, der früher Egon-Erwin-Kisch-Preis hieß, dann aber den Ehrennamen des früheren SS-Frontberichterstatters verliehen bekam. In diesem Jahr stand die feierliche Verleihungszeremonie vor 300 geladenen Gästen ganz im Zeichen der Relotius-Story. Der gastgebende Verlag Gruner + Jahr und die durch die Hitlertagebücher bekanntgewordene Illustrierte "Stern" zeichneten journalistische Glanzleistungen der Republik für 2019 aus.

Strahlender Gewinner war dabei die vom Magazin "Spiegel" selbst veröffentlichte mehrbändige Aufklärungsreportage zum Einzelfall Relotius. Ausgezeichnet wurde das Blatt auch für die beste investigative Leistung. Gemeinsam mit der "Süddeutschen Zeitung", dem WDR und einem Rechercheverbund aus DPA, Mindener Tageblatt, Falter (Wien) und dem ARD-Moma heimste der "Spiegel" die Auszeichnung für eine Klickbait-Reportage über spanische Erntehelferinnen aus Nordkorea ein, die sexuell missbraucht werden, aber wegen der Uneinigkeit der großen europäischen Führungsnationen keine Steuern zahlen.

Die Königs-Disziplin, der Relotius-Preis für die packendste Schreibtischreportage über einen ernsten und akuten Fall gewinnt eine von einem Reporterkollektiv zu zwölf Händen geschriebene mehrseitige Story über die Aufdeckung des Einzelfalles um den skrupellosen Reporter. Die Reportage handelt vom Umstand, dass "keine Hinweise darauf gefunden wurden, dass jemand im Haus von den Fälschungen wusste, sie deckte oder gar an ihnen beteiligt war".

Der Preis wurde in einem deutlich kleineren Rahmen als in früheren Jahren in der immerhin noch festlich geschmückten Kantine des Gruner+Jahr-Verlagsgebäudes vergeben. Die Branche leidet unter Auflagenverlusten, überall muss gespart werden, die staatliche Nachrichtenagentur DPA gilt in vielen Häusern bereits heute als fleißigster Mitarbeiter. „Früher war mehr Lametta“, sagte Moderatorin Marietta Slomka, die sehnsuchtsvoll an die Jahre zurückdachte, als die Verleihung noch in der Elbphilharmonie stattfinden konnte.

Doch bei kalten Würstchen vom Büfett, Jever-Pils und leise vom Band vorgelesenen Reportage-Höhepunkten aus den eingereichten Arbeiten war die tiefe Krise schnell weggeplauscht. Den Preis für die leiseste Unternehmensschließung in der Branche heimste das lange erfolgreiche Klickbait-Portal Buzzfeed ein. Für die beste investigative Leistung wurden die unbekannten Urheber des sogenannten Strache-Videos ausgezeichnet, die mit ihrer siebenstündigen Reportage “Abgehört auf Ibiza” unmittelbaren Einfluss auf die Regierungsbildung in Österreich genommen hatten.

Mit einem Sonderpreis geehrt wurde ein Autorenteam der Süddeutschen Zeitung in der Kategorie “Inszenierte Wirklichkeit” für ihre Berichterstattung über den NSU-Prozess. Das Blatt aus München hatte die fünfjährige gerichtliche Auseinandersetzung als packendes Hörspiel dramatisiert, in dem bekannte Schauspieler knappe Auszüge aus den geheimen Protokollen des "größten Strafprozesses in Deutschland seit der Wiedervereinigung" (SZ) vorlasen.

Ein Novum der Preisverleihung in diesem Jahr: Erstmals konnten 50 der letzten LeserInnen und Leserer der Abo-Magazine direkt an der Verleihung des Nannen-Preises und dem traditionellen "Tanz der Preisträger" weit nach Mitternacht teilnehmen. Die Plätze wurden verlost, sie berechtigten am Abend dazu, das Verleihungsritual von einem Nebenraum aus zu verfolgen, in den ein Echtzeit-Livestream die feierliche Zeremonie übertrug. Diese stärkere Öffnung der Verleihung für das breite Publikum, war gewollt. Die Veranstalter erklärten, es sei beabsichtigt, "damit in Zeiten von Fake-News ein Zeichen für mehr Transparenz“ zu setzen. Der Nannen-Preis könne so helfen, "dass die Menschen wieder mehr Vertrauen in die Medien gewinnen".


Sonntag, 23. Dezember 2018

Relotius: Der gelenkte Skandal


Dass die Wahrheit zu dienen hat, und wenn sie dabei ein wenig gebogen werden muss, das ist einer der zentralen Glaubenssätze dessen, was als "Spiegel-Journalismus" Schule gemacht hat. "Im Zweifel links" ordnete das größte Nachrichtenmagazin der Republik sich schon früh dort ein, wo der Fortschritt verteidigt wurde, den man selbst zu solchem ernannt hatte. "Schreiben, was ist" (Spiegel-Leitsatz) bedeute vor diesem Hintergrund immer nur, zu schreiben, was in die eigene Agenda passt.

Das taten Spiegel-Reporter immer unterhaltsam und ohne jede Furcht vor dem Klischee. Der Osten Deutschlands war eine abgehängte Kloake, in der Kinder mit toten Tauben Fußball spielten, die USA waren bewohnt von Waffennarren ohne Hirn, Putin hielt Russland in einem eisernen Griff, unterwegs zur Weltherrschaft. Und unsere letzte Verteidigungslinie war eine Kanzlerin, charismatisch wie die Küchenfrau im Spiegelhochaus.

Was nicht passte, wurde passend gemacht, sei es eine Bestsellerliste, sei es eine Videoquelle. Bis dann dieser neue Spiegel-Skandal begann, man weiß nicht wann, denn das "Nachrichtenmagazin" simuliert zwar Transparenz, hält die Zeitabläufe des Auffliegens dieser größten Manipulationsaffäre seit den Hitler-Tagebüchern aber peinlich genau unter der Decke. Wann hat wer was erfahren? Wer informierte wen? Worüber? Eigentlich Essentials in jedem Skandal, zuletzt bei Wulff und Edathy. Nur hier, in eigener Sache, mit vollem Zugriff auf alle Fakten, gibt es seltsamerweise keine Zeitleiste, keine kalendarische Dimension.

Mit gutem Grund, darf vermutet werden. Denn besser als jetzt, wo die Konkurrenz den "Aufklärern" schon aus Gründen des Selbstschutzes alle Achtung zollt, konnte es gar nicht laufen. Einerseits ist da der alte Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, ein erklärter Merkelianer und leidenschaftlicher Anti-Trumpist, dem bereits im Sommer die Papiere ausgeteilt wurden. Brinkbäumer, verantwortlich für eine ganze Serie hasserfüllter Spiegel-Titelbilder und verliebter Merkel-Hommagen, ist weg. Sein Nachfolger kann deshalb nun glücklich seine Hände ein Unschuld waschen. Er wusste von nichts. Er kann nichts dafür. Er ist Opfer. Er hat mit dem "Alptraum" (Spiegel) nichts zu tun. Und das sagt er dann auch genau so.

Lange muss er diese Erzählung voraussichtlich auch gar nicht durchhalten. Denn die Medienprofis aus Hamburg haben das so übel nach Manipulation, Leserverachtung und mangelnder Qualitätskontrolle müffelnde Geschenk zielgenau kurz vor Weihnachten ausgepackt. Das Kalkül dabei ist offensichtlich: Zwei, drei, höchstens vier Tage wird das Affärchen kochen. Dann ist Heiligabend, dann sind Feiertage, es beginnt die bleierne Zeit "zwischen den Jahren" (DPA), in der nichts passiert und die so richtig erst am 7. Januar endet. Relotius wird dann schon ein Vergessener mehr sein, ein Opfer von Themensterben und digitaler Demenz.

Den Namen Relotius werden die meisten Leserinnen und Leser dann schon mit Spekulatius verwechseln. Auch nicht so falsch.

Freitag, 1. Februar 2019

Rache für Leugnung: Der Klimagott straft Donald Trump


Auf einmal ist es schweinekalt in Teilen der USA. Wie zum Hohn auf die Warnungen der Weltgemeinschaft vor einer außer Rand und Band geratenden Erderwärmung klappert der mittlere Westen der USA in arktischen Temperaturen mit den Zähnen. Mit Mühe nur gelingt es hochrangigen Wissenschaftlern noch, die "Rekordkälte" (Karl Lauterbach) zu einer Folge der "Heißzeit" zu erklären, die eben noch die Schlagzeilen bestimmt hatte. Und grausam schadenfroh wie so oft frohlockt der nach deutschen Medienberichten seit nun schon mehr als zwei Jahren unmittelbar vor der Amtsenthebung stehende US-Präsident Donald Trump: Wo denn die Erderwärmung bleibe, wenn man sie mal brauche.

Deutschland Antwort: Strafe muss sein


Nun, um eine Antwort ist Mediendeutschland nicht lange verlegen. Während die ökokampferfahrene Taz ihren Leserrinnen und Lesern die irritierenden Nachrichten von der fundamentalten Kältewelle in den USA grundsätzlich erspart, greift die Süddeutsche Zeitung" zum Begriff "Paradoxon": Die Kältewelle sei "gerade ein Beleg für den Klimawandel"! Der "Spiegel", nach dem Verlust seines besten US-Reporters Claas Relotius eigener Mittel der Beobachtung beraubt, muss zu Agenturware von der Stange greifen. Relotius hätte noch Trump-Wähler besucht und beschrieben, wie sie um Wärme beten und bereuen, den Präsidenten jemals gewählt zu haben. Ohne ihn müssen es schnöde Fakten richten: Eine klimawandelbedingte Schwächung des Jetstream über dem Nordpol ist dafür verantwortlich, dass "eisige Polarluft in niedrigere Breiten entweicht".

Was Europa seine Nordatlantische Oszillation, die seit einigen Jahren immer einspringt, wenn es kälter wird als allgemein vorhergesagt, ist den USA ihr "Polar Vortex" - ein bekanntes Phänomen, das allerdings vor dem Jahr 2011 ausschließlich auf dem Saturn beobachtet worden war.

Klima und Wetter verwechseln


Die FAZ zumindest benötigt es auch nicht, um zu erklären, wieso es ausgerechnet dort kalt wird, wo weite Teile der Bevölkerung nebst der Regierungsadministration der Meinung sind, dass es vielleicht eine Erwärmung gebe, die aber nicht vom Menschen zu verantworten sei. Vielmehr straft der Klimagott die, die an seiner Macht zweifeln, "Klima und Wetter verwechseln" (FAZ) und "Klimaschutzmaßnahmen aus der Zeit der Obama-Präsidentschaft zurückgedreht" haben.Hätten sie das nicht, wäre es jetzt niemals so kalt!

Deutlich wird das laut FAZ schon allein dadurch, dass es republikanisch wählende Trump-Staaten sind, die am heftigsten unter "rekordverdächtigen Minustemperaturen" (FR) leiden. Wenn die FAZ aus einer Studie zitiert, die davor warnt dass "zufällig" die "Bundesstaaten besonders negativ vom Klimawandel betroffen sein werden, die bislang für Trump und die Republikaner abstimmten", dann ist das "zufällig" natürlich nicht zufällig in den Satz geraten. In der zitierten Untersuchung der Brookings Institution - deren Projektionen sich, das hat die FAZ wohl überlesen - auf die Jahre 2080 bis 2099 bezieht - heißt es eigentlich nur: „Viele der Kommunen, die Politiker gewählt haben, die gegen Klimaschutzpolitik sind, sind besonders verwundbar wenn es um die Effekte des Klimawandels geht.“

Das ist nicht weiter verwunderlich, denn wenn die Hälfte der Bürger eines riesigen Landes wie den USA irgendwen wählt, werden immer "viele der Kommunen", in denen Bürger sich so entschieden haben, von allem betroffen sein - seien es Wirbelstürme und Überschwemmungen oder Hitze, Kälte, Trockenheit oder tiefhängende Wolken.

Studie über das Jahr 2080


Dass die "größten Schäden" (FAZ) des Klimawandels nun in Gegenden zu befürchten seien, "in denen Trump eine Stimmenmehrheit habe", muss den deutschen Berichterstatter aber geradezu verzücken. Ist das nicht gerecht? Erntet hier nicht das trottelig-dumme Amerika, was es selbst gesät hat? Dort, in Trump-Land, werde "das Bruttosozialprodukt um durchschnittlich 5,5 Prozent fallen". In "Gebieten, die bisher mehrheitlich für die Demokraten stimmten", hingegen nur um 3,3 Prozent. Wohlgemerkt: Die Studie spricht vom Jahr 2080. Wer war noch mal gleich US-Präsident im Jahr 1958?

Egal. Mit Florida, Mississippi, Louisiana, Arkansas und Alabama trifft es auch dann noch sicher die Richtigen. Leider zählt die zitierte Studie die gerade unter der Kälte leidenden Trump-Staaten Michigan, North Dakota, Wisconsin und Minnesota ausdrücklich zu den US-Bundesstaaten, die dereinst in 60 oder 70 Jahren vom Klimawandel profitieren werden. Aber wenn es um "Trumps Verharmlosung des Klimawandels" (FAZ) geht, erlaubt der notwendige mediale Widerstand auch einem seriösen Blatt wie der FAZ, solche Details unter den Tisch fallen zu lassen.