Freitag, 21. April 2017

Ukraine: Putins Handschrift auf jedem Mordbefehl

Das hätte nun wirklich nicht sein müssen! Der Internationale Gerichtshof hat eine Klage der Ukraine gegen Moskau wegen der russischen Hilfe für Separatisten in der Ost-Ukraine abgewiesen, weil angeblich die vorgelegten Beweise nicht ausreichten. Während die Richter der Ukraine in anderen Punkten Recht gaben, schmetterten sie deren Klage in diesem Punkt ab. Dabei liegen in Deutschland genug Beweise vor.

Die Abweisung der Klage kommt völlig überraschend, denn nach der Einreichung Anfang März hatte die Ukraine Russland vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag noch sehr glaubhaft beschuldigt, prorussische Separatisten in der Ostukraine zu finanzieren. Zudem sei die Russische Föderation "verantwortlich für Terrorakte und Diskriminierung" in der Ostukraine und auf der Krim. Anliegen der Kläger war, dass das UN-Gericht die Aggression Russlands mit einer einstweiligen Verfügung stoppt und die russische Regierung zwingt, jegliche Unterstützung der Rebellen unverzüglich einzustellen.

Dass die Klage nun zumindest auf dem Eilweg scheitert, hätte nicht sein müssen. Ein Anruf in deutschen Medienhäusern hätte zweifellos gereicht, die Richter von Putins Schuld zu überzeugen: Unsichtbare Panzer, abgeschossene Flugzeuge, riesige Militärfriedhöfe - über Monate hinweg hatten Redaktionen von „Spiegel“ über „Zeit“ bis „SZ“ und „FR“ penibel unwiderlegbare Fakten gesammelt, die die Handschrift Putins auf jedem Mordbefehl belegten. Eben erst konnten Ermittler im Falle des Anschlags auf den Bus von Borussia Doirtmund einen russischen Verdächtigen festnehmen.Auch für den Einmarsch der Russen in die Ostukraine türmen sich bei deutschen Medien die Beweise.

So hatte Putin zum Beispiel im Sommer 2014 500 Millionen Dollar für den Kauf von Waffen für die Ukraine in der Duma beantragt. Wenig später waren dann die berüchtigten "unsichtbaren Panzer" (Zeit) ausgerückt, um eine erneute Zuspitzung der Krise zu erreichen. Der entmenschte neue Zar hatte seinerzeit geplant, nach den ukrainischen Ostgebieten auch den Rest des Landes zu übernehmen. Zuvor hatten Nato-Einheiten nach Informationen der kanadischen Nato-Vertretung die russische Exklave Königsberg befreit.

Putin massive Kriegslüsternheit war von deutschen Reportern auch durch sogenannte "strategische Übersetzungen" nachgewiesen worden. Putin hatte zuvor das Wort Присоединение (Prisoyedineniye), benutzt, das so viel wie Beitritt, Anschluss, Angliederung, Aufnahme, Hinzufügung oder sogar Einverleibung heißt. Um ihn endgültig zu überführen, entschieden alle deutschen Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehsender und Onlineportale, den Begriff mit "Annexion" zu übersetzen, obwohl das auf russisch Aннексия heißen würde.

Fahrlässig haben die ukrainischen Kläger nicht auf das in Deutschland längst vorliegende Belastungsmaterial zurückgegriffen. Nun gilt alle Hoffnung dem anstehenden Hauptverfahren. In dem sollen dann zumindest mehr Indizien für Russlands Kriegstreiberei vorgelegt werden: So gibt das Land derzeit für Rüstung etwa ein Zehntel der Summe aus, die die Nato sich ihre Armeen und Waffen kosten lässt und beweist so, dass seine aggressive Haltung kein Zufall ist. Zuletzt hatte das Regime seine Ausgaben in diesem Bereich demonstrativ um 25 Prozent gekürzt. Experten sind allerdings sicher, dass es sich dabei um einen erneuten perfiden Trick handelt.

Kirche von oben: Unser Kreuz hat keine Haken mehr

Die amtierende Parteivorsitzende reagiert mit einer Absage an die Spitzenkandidatur, die Silvesterstadt Köln mit einem Flugverbot und die deutschen Kirchen mit einem Aufruf, "unmissverständlich klar zu machen, dass Hass und Intoleranz kein Mittel in der politischen Auseinandersetzung sein dürften", so der katholische Stadtdechant von Köln, Robert Kleine. Als Kirche im Staatskapitalismus würden sich die christlichen Kirchen deshalb beim bevorstehenden Bundesparteitag der AfD an Protestdemonstrationen gegen die Partei beteiligen.

Eine klare Positionierung der christlichen Gemeinden auf der Seite von Nächstenliebe, Toleranz und solidarischem Miteinander, gegen das Böse, die Bräuche des Heidentums, den Unglauben an die gottgegebene Alternativlosigkeit und die dämonische Kraft der von falschen Ideen Besessenen. Geplant sind unter anderem ein "Politisches Nachtgebet" in der evangelisch-freikirchlichen Friedenskirche am Freitagabend sowie eine Mahnwache an der evangelischen Antoniterkirche.

Dort, wo einst die Antoniter nach den Lehren des heiligen Augustinus lebten, sollen die Teilnehmer am AfD-Protest dessen Lehre annehmen: "Niemand darf jemals die Berechtigung eines Krieges bezweifeln, der in Gottes Namen befohlen wird, denn selbst das, was aus menschlicher Gier entsteht, kann weder den unkorrumpierbaren Gott noch seinen Heiligen etwas anhaben. Gott befiehlt Krieg, um den Stolz der Sterblichen auszutreiben, zu zerschmettern und zu unterwerfen. Krieg zu erdulden ist eine Probe für die Geduld der Gläubigen, um sie zu erniedrigen und seine väterlichen Zurechtweisungen anzunehmen.

Nach dem Nachtgebet, unter anderem mit dem Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Stefan Vesper, zu dessen geistiger Gemeinschaft bis heute auch ein prominentes Mitglied zählt, das wegen Gottes allumfassender Gnade weder zu Lebzeiten noch nach seinem Tod exkommuniziert wurde, startet eine besorgte Debatte um den von Friedrich Ludwig Jahn, Ernst Moritz Arndt und Johann Gottlieb Fichte um 1811 eingeführten Begriff "völkisch". Ziel sei es, das Wort wieder in den "Giftschrank der Nazis" zu sperren, so Domning. Gerade die Kirche habe durch ihr Engagement während der Hitlerzeit Erfahrung darin, mit ihren Aktionen Zeichen zu setzen. Als Deutschland 1933 aus dem Völkerbund austrat, warben die bayerischen Bischöfe für ein Ja bei der folgenden Volksabstimmung: Deutsche Katholiken, hieß es, müssten bei der Abstimmung natürlich „aus vaterländischem und christlichem Geist ihre Stimme für den Völkerfrieden, für die Ehre und Gleichberechtigung des deutschen Volkes erheben“.Und für den Austritt votieren.

Eine große, gottesfürchtige Tradition, ökumenisch zumal. Um Völkerfrieden, Ehre und Gleichberechtigung geht es Katholiken und Protestanten nun auch, wenn in Köln Gesichter gezeigt werden, um die AfD zu stoppen, ehe sie den Islam in einem Leitantrag als "große Gefahr für Deutschland" bezeichnen kann. Für die deutschen Bischöfe, die für eine jahrhundertealte Tradition der Bekämpfung Andersgläubiger stehen, ist der Glaube daran mit dem Christentum nicht vereinbar. Noch unklar ist allerdings, wie mit Gläubigen umgegangen werden soll, die trotz der amtskirchlichen Warnungen gegen das Verbot fremdenfeindlicher Betätigung verstoßen.

Ein Weg könnte die einst gegen den späteren Propagandaminister Joseph Goebbels ausgesprochene Exkommunikation sein: Der Katholik Goebbels hatte 1931 eine Protestantin geheiratet und war dafür aus dem Schoß der Mutter Kirche verstoßen worden. Hitler, der als Trauzeuge fungiert und die Sünde einer Verbindung zum falschen lutherischen Glauben damit gutgeheißen hatte, wurde nur verwarnt. Im Unterschied wiederum zu Goebbels, aber auch zu Martin Luther und Heinrich IV. wurde der Führer weder zu Lebzeiten noch nach seinem Tode, weder wegen seines Antisemitismus noch wegen des von ihm geplanten und durchgeführten Völkermordes exkommuniziert.

Hitler, der seinem General Gerhard Engel 1941 erklärte "Ich bin nach wie vor Katholik und werde es immer bleiben", ist damit bis heute Ehrenbürger der christlichen Gemeinde.

Donnerstag, 20. April 2017

Deutschland - das Land, das es nicht geben darf

Thomas Schmids Problem "beginnt schon mit dem Wort „deutsch“. "Während andere Staaten wie Franzosen, Italiener oder Briten Stammesnamen tragen, verweist der Name der Deutschen nicht auf die Herkunft, sondern auf die Sprache", schreibt der Sachse, der früher Sponti war und heute immer noch für die "Welt" schreibt. Deutsch ist, wer Deutsch spricht, so weit, so richtig. Doch die Folgerung des Autoren, es sei "immer schon unmöglich" gewesen, "das Deutsche territorial zu bestimmen", stammt aus dem Regal der alternativen Fakten.

Nur weil die Herkunft des Wortes, das heute das Land bezeichnet, seinen Ursprung nicht in einer Gebietsbeschreibung hat wie bei Estland, Finnland oder China, legt sich seine Bedeutung doch seit dem „Annolied“ von 1085, der ältesten deutschen Geschichtsdichtung, über beides: Volk und Raum, Bürger und Gelände. Seit 1550 trug das Kaiserreich den Namen Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation. Knapp 500 Jahre später eine Unmöglichkeit der Bestimmung des Deutschen zu behaupten, gleicht dem Versuch, zu ignorieren, was ist, um behaupten zu können, es existiere nicht.

Denn "Deutsch" war von Anfang an gerade das - eine Bestimmung der Zugehörigkeit, nur eben keine von innen getroffene, sondern eine von außen vorgenommene. Abgeleitet vom ausgestorbenen Wort "Diet", das auf die urindogermanische Wurzel "teuh" (wachsen, schwellen) zurückgeht und das Volk als Menschenauflauf beschreibt, tritt "Deutsch" im Frühmittelalter als lateinisches Adverb "theodisce" in einem vatikanischen Kodex auf. Zwei Jahre später, in den fränkischen Reichsannalen von 788, wird mit "theodisce" das Deutsche als „Volkssprache“ aller nichtlateinischen oder nichtromanischen Sprecher bezeichnet. "Deutsch" ist nun die Sprache derer, die nicht Latein sprechen, aber auch nicht eine der anderen romanischen Sprachen.

In ist, wer drin ist, dazugehört, wer sich integriert. Im Unterschied zu "allemand", wie die Franzosen uns nennen, "nemez", wie der Pole sagt, oder "german" wie es die Engländer tun, ist "Deutsch" die Beschreibung eines Volkes, das nicht vom Blut und Boden zusammengehalten wird, wie das französische oder italienische. Sondern von der Sprache, aber eben auch nur in der Abgrenzung von anderen Sprachen. Franken, Bayern und Sachsen sprachen Deutsch, Jacob Grimms "Excurs über Germanisch und Deutsch" von 1840 berichtet vom Deutschen als dem anderen, dem, der nicht romanisch spricht und "walhisk", also "welsch" ist.

Ein, zwei Generationen später steht "deutsch" bereits für das, was es heute noch ist: Die Deutschen im Gegensatz zu allen anderen, die Niederländer, die "duits" sind, eingeschlossen. Das Land der Deutschen ("Deutschland") ist dabei begrenzt durch das Land, das deutsche Stämme bewohnen.

Seine Grenzen sind manchmal unscharf, weil es gerade am Rand zu Durchmischungen kommt. Legendär ist der Streit ums Elsaß, verloren der um Schlesien. Wie die Engländer, in deren Genpool sich neben Einträgen der keltischen Urbevölkerung auch Beiträge der später aus Nord- und Mitteleuropa eingewanderten germanischen Eroberer aus den Stämmen der Angeln, Sachsen, Friesen und Jüten finden, deren gemeinsames Merkmal heute der gemeinsame Siedlungsraum und die gemeinsame Sprache sind, durchmischten sich auch die frühen Deutschen, die noch keine waren, mit den slawischen Stämmen der Heveller, Friesen und Sorben.

Wie die Amerikaner tragen Deutsche keine Stammesnamen, wie die Perser in Vorderasien definieren sie sich durch die gemeinsame Sprache. Eine Einladung zur Integration, immer noch.

Ungeheuerliches aus Engelland

Ungeheuerliches tut sich auf der Weltbühne, die der festen deutschen Hand zusehends aus dem Griff zu geraten droht. Erst der Russe, der mit unsichtbaren Truppen in die Ukraine einmarschiert. Dann der Ami, der mit Trump einen Despoten wählt, der in Deutschland nicht einmal Bezirksbürgermeister in Spandau hätte werden dürfen. Danach der Türke, der sich, obwohl daheim im Reich, entschließt, den perfiden Plan eines 76-Jährigen zur ewigen Zementierung von dessen diktatorischer Macht mit seiner Stimme zu unterstützen. Gar nicht zu reden von all den Polen, Ungarn, Griechen und Österreichern, die unentwegt quengeln, eigen Wege gehen und die fürsorgliche Betreuung durchhochqualifizierte deutsche Spitzenpolitiker als lästig empfinden.

Nun aber auch noch die Briten, die die EU seit ihrem Ausstiegsbeschluss mit sich schleppt wie einen juckenden Ausschlag. Statt zu gehen, lassen wir sie nicht, weil wir nicht können. Und statt sie zum Bleiben zu zwingen, damit nie mehr jemand gehen kann, müssen wir drohen, damit sie. Ja, das weiß man noch nicht. Nun aber das Ungeheuerlichste: Die britische Premierministerin ordnet ihrem eigenen Wohl sogar den Wahlkalender unter und riskiert damit die Einheit des Landes, um dessen Wohl wir Deutschen traditionell so besorgt sind!

Wie Stefan Kornelius, bekannt geworden durch tiefenanalytische Brexit-Texte wie "Voller Angst in die historische Katastrophe“, „Warum jetzt Europas harte Hand gefragt ist“ und „Brexit-Debatte hat alle Sachlichkeit verloren“, in der Süddeutschen Zeitung aufdeckt, hat sich offenbar auch Großbritannien von den gemeinsamen Werten der Union losgesagt: Ohne Rücksprache mit der Bundesregierung, aber auch ohne vorherigen Kontakt mit der Süddeutschen Zeitung hat die Premierministerin des abtrünnigen Staates Neuwahlen ausgerufen. Und das nicht, weil es der gemeinsamen Sache des Weltfriedenkontinentes dient. Sondern instinktgeleitet, aus purer Machtlust, die zugleich Verachtung ist für alles, was Stefan Kornelius ihnen als Strafe zugedacht hatte.

Wo sind wir nur gelandet? 77 Jahre nach Hitlers Paris-Abstecher benimmt sich Europa, als könne hier jeder machen, was er will. Die Türkei stimmt ab und die Wähler richten sich offenkundig kein bisschen nach dem, was ihnen Berlin empfiehlt. Frankreich wählt und es ist kein anständiger Vertreter der gemäßigten Mitte dabei. London ruft nun Wahlen aus, wo der deutsche Wahlkalender gar keine vorsieht. Kopfschütteln bei Kornelius: „So gewiss ist sie sich ihrer Sache, dass sie eine unglaubliche Frechheit begehen kann: Sie beschimpft Labour, Liberaldemokraten und schottische Nationalisten kaum verhohlen als Vaterlandsverräter, sagt ihnen den politischen Untergang voraus - bittet aber gleichzeitig um deren Stimmen für die Auflösung des Parlaments.“


Wo hat man sowas schon gehört? In London, letztes Jahr! „Vergangenen Sommer nutzte Theresa May das Führungsvakuum der Tories und nahm den Vorsitz der Partei sowie das Amt der Premierministerin still, aber entschlossen an sich“, schildert der Reporter aus München die kalte Machtübernahme an der Themse, getrieben von einem „perfekten Instinkt im richtigen Augenblick“.

Ganz anders als Angela Merkel seinerzeit basisdemokratisch aus der Asche der Kohl-CDU auferstand, nahm sich die Britin, was ihr nicht zusteht.


Mittwoch, 19. April 2017

HFC: Wie auf einer Beerdigung

Dies waren früher die Märchenstunden im Fußballjahr, Hochämter der kleinstädtischen Fußballkultur und Messen der Selbstvergewisserung an einem Gegner, den zu schlagen zur schönsten Pflicht im Dienst des Vereins gehörte. Wenn der Hallesche FC gegen den lauten Rivalen aus dem Norden antrat, war das Stadion voll, die Luft brannte, die Emotionen kochten hoch und wer als Sieger vom Platz ging, war bis zum nächsten Mal der König des Landes, in dem noch nie ein Verein erste Bundesliga gespielt hat.

Doch das sind die alten Zeiten gewesen. Im 100. Derby zwischen Halle und Magdeburg sind die Signale schon im Vorfeld andere. Desinteresse regiert, wo früher Begeisterung war. Der FCM-Anhang boykottiert, wo er früher einmal mit Partisanenmethoden seine Macht demonstrierte. Der Kartenverkauf wird abgewickelt als ginge es um scharfe Waffen. Die Sicherheitsbehörden sperren ungeachtet der fehlenden Gästefans routinemäßig die halbe Stadt.

Und wie ein dunkler Schatten liegt die Vorahnung über dem halleschen Erdgas-Sportpark: Wenn das heute schief geht, löst sich die gesamte Saison des HFC in Säure auf. Die über weite Strecken großartige Hinrunde wird vergessen sein, hoffnungsvoll als Entdeckung beklatschte Spieler werden Hohn und Spott ernten. Und schließlich wird auch der Trainer, der die Entscheidung in der Winterpause mitgetragen hatte, keinen neuen Stürmer für seine offensiv impotente Mannschaft zu holen, sondern lieber einen zusätzlichen Torwart, öffentlich infragegestellt werden.

So kommt es dann, auch wenn es über weite Strecken der Partie gar nicht so aussieht. Der HFC, als Gastgeber nach Ansicht von Trainer Rico Schmitt mit "51 zu 49 Prozent" Favorit im Landespokal-Halbfinale, ist spielerisch überlegen. Meist führt ein Rotweißer den Ball, wenn auch wie gewohnt nur bis in mittelbare Strafraumnähe. Aber Marvin Ajani und Toni Lindenhahn deuten auf ihrer rechten Seite an, wie sich der hinten fest verbunkerte FCM auch diesmal ausheben lassen könnte: Flanken von außen, vollstrecken innen. Das müsste Benjamin Pintol übernehmen, der letzten Herbst so treffsichere Neuzugang.

Erstmal aber vollstreckt Sowislo, der Magdeburger. Ohne Flanke, einfach so, zieht er ab und sein Schuss geht haarscharf am Pfosten des verdutzt nachschauenden neuen HFC-Torhüters Oliver Schnitzler vorbei. Der HFC ist unbeeindruckt, aber weiter hilflos, je näher er dem Tor kommt. Es fehlt nicht nur an Toren, es fehlt an Abschlussversuchen. Und wenn es sie gibt, sind sie von der Sorte, die das Publikum - diesmal gerademal knapp 7800 auf den Rängen - hier gewohnt ist. Pintol kullert einen Ball in die Arme von Zingerle. Röser knallt eine Art Fernschuss vorbei.

Der FCM macht es besser. Einen harmlosen Freistoß im Halbfeld, kurz hinter der Mittellinie, tritt Hammann zentral vors Tor. Beck-Ersatz Düker lenkt ihn aus kurzer Distanz aufs Tor. Und Neutorwart Schnitzler leitet ihn mit reglos hängenden Armen weiter über die Linie.

Wer öfter zuschaut beim HFC, der weiß, dass alle Spieler in Rot und Weiß jetzt wissen, dass das eine Törchen, dass sie alle zusammen pro Spiel zustandebringen, zum Sieg nicht mehr reichen wird. Aber immerhin kämpfen sie. Es gibt keine hängenden Köpfe, keine Schelte für Schnitzler, kein Kopfschütteln. Sondern den sichtbaren Versuch, die Statistik zu schlagen und erstmal einen schnellen Ausgleich und danach vielleicht doch noch das so seltene zweite Tor zu machen. Marvin Ajani, einer der auffälligsten bis hierhin, schafft es beinahe. Doch sein Kopfball geht in der 42. Minute nicht in, sondern neben das Tor.

Noch näher dran ist Martin Röser, der nach Wiederanpfiff einen Freistoß aus zentraler Position an die Latte hämmert. Unermüdlich, aber ohne Ertrag rennen sie weiter an. Lindenhahn macht das gut, Gjasula wie immer defensiv sicher und offensiv mit Eröffnungspässen, die der Zufall mal zum eigenen und mal direkt zum Gegenspieler lenkt. Aber Magdeburg sichert nur noch, lässt die Hausherren kommen. Auch die Hauptstädter kennen die Statistik.

Es dauert bis zur 67. Minute, ehe die Heimfans den erlösenden Torschrei ausstoßen können. Klaus Gjasula setzt nach einer Ecke energisch nach, endlich einmal trifft er den Ball so, dass kein gegnerisches Bein mehr dazwischengrätscht. Zingerle wird überlupft. Ausgleich.

Jetzt könnte die Wiedergutmachung für die letzten nervenzehrenden Wochen beginnen, jetzt könnte Schmitts Team die immer wieder verbal behauptete eigene Stärke unter Beweis stellen. Spricht der Trainer, klingt es seit Monaten so, als hätte das Team immer noch Pech oder kein Glück oder es sei gerade nicht der Tag gewesen, an dem die eigene überlegene Spielführung sich auch in Ergebnissen niederschlägt.

Doch was kommt, ist dann nichts. Wie auf dem Karussell fährt der Sturm des HFC um den Strafraum herum. Pintol macht Kilometer um Kilometer, entwickelt aber einmal mehr keine Torgefahr. Ajani flankt nach innen. Näher wird der HFC einem zweiten Tor heute nicht mehr kommen.

Denn auf einmal ist der FCM wieder da. Schwede schießt Lindenhahn an. Kleineheistmann rettet den Abpraller artistisch Richtung eigenes Tor. Schnitzler wäre da gewesen, muss aber nicht eingreifen. Die folgende Ecke bringt die Entscheidung: Von rechts getreten, findet sie Baumgärtel am kurzen Pfosten. Den hat Rico Schmitt gerade für Brügmann gebracht. Was ein Händchen. Baumgärtel köpft das dritte HFC-Tor des Tages. Und es steht 1:2.

Viel tiefer runter kann die Stimmung im eiskalten Erdgas-Sportpark nicht sinken. Denkt man. Die Fankurve intoniert jetzt "nur zusammen". Der Rest steht wie auf einer Beerdigung. Noch sind acht Minuten auf der Uhr, aber auf der HFC-Bank ist nur noch Selim Aydemir, der sein letztes Tor für den HFC gemacht hat, als Obama noch US-Präsident war. Sieben der acht Minuten hat der FCM den Ball. Dann setzten sich die Rotweißen auf der rechten FCM-Seite fest. Eine Ecke von Baumgärtel, besser als alle fünf, die Röser vorher geschlagen hat. Aber kein Tor. Noch eine Ecke, wieder besser als alle Röser-Versuche. Lindenhahn köpft. Zingerle wehrt ab. Langer Ball aus der Abwehr nach vorn auf den gerade erst eingewechselten Chahed. Der sieht, dass Oliver Schnitzler noch nicht wieder in seinem Kasten ist. Und schießt aus 45 Metern ins leere Tor.

Das 1:3 ist das erste Tor, das heute wirklich ein Magdeburger macht. Es fühlt sich an wie eine Hinrichtung.

"Spiegel": Einordnung mit Außenmaß

Laut "Spiegel" zwei gleichermaßen Wahnsinnige: Kim und Trump.

Während die verbale Gewalt im Internet zunimmt und die staatlichen Zensurbehörden alle Hände voll zu tun haben, die gröbsten Grobschlächtigkeiten eines enthemmten Wutbürgermob aus den Weiten der sozialen Netzwerke zu filtern, liefern Qualitätsadressen wie "Spiegel Online" zuverlässig tiefgründige Analysen, detailgenaue Beschreibungen und differenzierte Kommentare zur aktuellen Lage.


Als "Die zwei Irren mit der Bombe" beschreibt die Internetseite des früheren Nachrichtenmagazins gerade etwa das Duell zwischen dem koreanischen Despoten Kim Jong Un und seinem US-Amtskollegen Donald Trump. Der gilt seit einer entsprechenden Festlegung der "Frankfurter Rundschau", die vom Weißen Haus unwidersprochen blieb, als "irrer Milliardär", steht also zumindest formal auf einer Wahnsinnsstufe mit dem Schlächter von Pjöngjang. Aber "Wer ist unberechenbarer?", fragt der "Spiegel" nun: "Der nordkoreanische Herrscher Kim Jong Un oder US-Präsident Donald Trump?" Das sei eine ernst gemeinte Frage, heißt es danach, denn dass deutsche Medien noch mal ernstgemeinte Fragen stellen, wird vom Publikum nach einer Phase intensiven Inhaltsabbaus kaum noch automatisch erwartet.

Hier aber kommt es doch dazu. Zwei Irre, der eine der Erbe seines verrückten Vaters, der andere ins Amt entsandt von verrückten Klimaleugner, Isolationisten, Waffennarren und Fremdenfeinden. Wenigstens der "Spiegel" bleibt analytisch kühl und belässt es bei einer Einordnung mit Augenmaß: Trump stoße "ominöse" Warnungen aus - "ominös" bedeutet übrigens "unheilvoll, bedenklich, zweifelhaft oder berüchtigt". "Indirekt" drohten die USA mit einem Militärschlag, worauf Nordkoreas Irrer antworte, dass ein "thermonuklearer Krieg jederzeit ausbrechen" könne. Wenn die USA einen Erstschlag wagten. Nein, für diesen Teil von Kims Ankündigung war - wohl aufgrund fehlenden Platzes im Internet - kein Raum mehr bei "Spiegel Online".

"Tief gespalten": Ein Riss geht um die Welt

Zumindest die Grünen kämpfen jetzt gegen die Inflation der Formulierung "tiefe Spaltung".

Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten traf es die USA. "Tief gespalten" sei das Land, analysierten die großen deutschen Blätter unisono, zum Teil wurde dies bei der Gelegenheit sogar gleich dem ganzen Kontinent Amerika zugeschrieben.


Neu aber war der Spalt nicht. Schon 2004 hatte der Kölner Stadtanzeiger beunruhigt von einer "tiefen Spaltung" berichtet, die der damalige Präsident George W. Bush verschuldet habe. Aber war er es wirklich? Und ist er dann eigentlich auch verantwortlich für die "tiefe Spaltung" in Polen? Für die "tiefe Spaltung" in von Österreich? Die "tiefe Spaltung" der Niederlande? Die von Sachsen-Anhalt? Hongkong? Ecuador? Kenia? Großbritannien?

Es ist bis heute unerforscht, aber klar scheint: Ein Riss geht um die Welt. Von Europa über Kroatien, von Montenegro bis in die Türkei ist die Welt, sind die Völker, die Staaten, die Menschen "gespalten" - und zwar nicht einfach so ein kleines bisschen, sondern "tief". Inflationär verbreitet sich die Formulierung, sie beschreibt Thailand und den deutschen Volleyballverband, die Seelenlage der Briten und den "türkischen Patienten" (freiheit.org) und die Lage in Guben.

Ein Phänomen, das Medienberichten zufolge längst von der staatlichen Ebene übergegriffen hat auf Sportverbände, Parteien, Auslandstürken, die Gegner des Islamischen Staates und die Kirche. Wo immer es an einer einheitlichen Ansicht mangelt, wie sie in den guten alten Zeiten der staatlich garantierten Einheitsmeinung gebräuchlich war, zeigt sich in Medienkommentaren die "tiefe Spaltung", die stets herhalten muss, wenn Mehrheiten knapp ausfallen.

Irritiert bestaunt das Fachpersonal in den Redaktionen offenbar den Umstand, dass es jenseits der Akklamation von SPD-Kanzlerkandidaten Abstimmungen geben kann, die Spitze auf Knopf entschieden werden. "Mehrheit ist Mehrheit", sprach Konrad Adenauer, der in einer Zeit lebte, als das noch Allgemeinwissen war: Demokratie braucht nicht Einigkeit, sondern die Bereitschaft der knappen Minderheit, das eigene Unterliegen zu akzeptieren. Nicht "Spaltung" und "Zerrissenheit" zeigen sich hier, sondern die urdemokratische Tugend, sich einer demokratisch getroffenen Entscheidung zu beugen.

Kaum vorstellbar für Kommentatoren, für die nicht jede Entscheidung akzeptabel ist, so lange sie demokratisch getroffen wurde, weil sie nach anderen Noten bewerten.  Immer wieder kommt es so, massiv warnender Berichterstattung im Vorfeld zum offenkundigen Trotz, dazu, dass "die Konservativen die Fortschrittlichen überstimmen, die Fanatiker die Nachdenklichen" (Die Welt). Zwei harte Lager, das eine verkommen, regressiv und undemokratisch, das andere demokratisch, emanzipatorische, gerecht, sozial und der Zukunft zugewandt. Dazwischen eine große Entzweiung, eben jener "tiefe Riss", der immer öfter benannt und beschrieben, als Ursache allen Unglücks erwähnt und als Ziel von gesellschaftlicher Heilung bemüht wird.

Dienstag, 18. April 2017

Frankreich macht Front gegen Hades-Plan

Nicht mehr nur der "Spiegel", sondern auch der künftige französische Präsident kritisiert die "German Übermacht".
Deutschlands Wunschwahlsieger für die Abstimmung über den künftigen französischen Präsidenten hat sich überraschend für eine Beschneidung der deutschen Stärke in Europa ausgesprochen. Der linke französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron, in deutschen Medien als aussichtsreicher Retter vor der europafeindlichen Faschistin Marine Le Pen gepriesen, ging auf Gegenkurs zum deutschen Erfolgsmodell einer exportorientierten Wirtschaft, wie sie die Väter des Hades-Planes vor rund 25 Jahren entworfen hatten, um Europa endlich unter deutsche Herrschaft zu zwingen.

Dabei war die Bundesregierung bereits weit vorangekommen. Doch nun schießt ausgrechnet der Wunschpräsident der Kanzlerin quer. Deutschland müsse zu der Einsicht kommen, „dass seine wirtschaftliche Stärke in der jetzigen Ausprägung nicht tragbar ist“, griff der unabhängige Kandidat die sanfte Dominanz der Deutschen in der EU scharf an.

Nur weil Deutschland, ganz genau so, wie es der ursprüngliche Plan vorsah, massiv vom Ungleichgewicht in der Euro-Zone profitiert,  zeigt sich Macron ungehalten. Mehr als 800 Milliarden Euro Guthaben hat die Bundesrepublik bislang im sogenannten Target2-System der Euro-Länder angehäuft. Diese Summe schulden Euro-Partnerstaaten Deutschland, das  durch seine starke Exportwirtschaft bereits seit alles als Guthaben anzieht, was die wirtschaftlich schwächeren Euro-Staaten als Schuldenberg aufhäufen.

Macron möchte nun im Wahlkampf mit der euroskeptischen Le Pen mit der in Frankreich traditionell populären Deutschland-Kritik punkten. Nicht Frankreich und die anderen Länder sind schwach, sondern Deutschland ist zu stark, glaubt der frühere Sozialist, Investmentbanker und Wirtschaftsminister. Die dadurch entstehenden hohen Handelsüberschüsse - allein im Handel mit Frankreich regelmäßig zwischen 30 und 50 Milliarden Euro - "sind weder für seine eigene Wirtschaft gut noch für die Wirtschaft der Euro-Zone", formuliert Emmanuel Macron. In Frankreich liegt die Produktion im verarbeitenden Gewerbe noch immer um 13 Prozent unter dem Vorkrisenniveau des Jahres 2007. Seit sieben Jahren gibt es kein Wachstum in der Industrieproduktion mehr, die einst "Grande Nation" ist zur Ladentheke für deutsche Produkte geworden.

Als französischer Präsident  will der 39-Jährige einen "Ausgleich schaffen“, wie er ankündigt. Bei deutschen Realpolitikern, die die Durchsetzung des Hades-Planes zum Teil bereits seit Jahren mehr oder weniger offen infragestellen, rennt der Franzose damit offene Türen ein. Die frühere grüne Spitzenpolitikerin Marielouise Beck hatte erst kürzlich eine ähnliche Forderung aufgestellt. Es fließe aus den Ländern, die Waren aus Deutschland importierten, "mehr Geld" nach Deutschland als Deutschland für gekaufte Waren aus diesen Ländern ausgebe. Beck, studierte Gemeinschaftskundelehrerin, sieht Deutschland "verantwortlich für eine Balance". Der Profit aus dem Handel mit deutschen Waren müsse "in einem Ausgleich in diese Länder zurück".


Türkei: Weshalb die Tür zur EU zuschlägt

Kann ein Land, das Teile eines souveränen Nachbarstaates besetzt hält, Mitglied der EU werden? Kann ein Land, das mit eigenen Truppen separatistische Bestrebungen in einem EU-Mitgliedsstaat schützt und fördert, ja, sie überhaupt erst möglich macht, gleichzeitig hoffen, erfolgreich durch den Beitrittsprozess zu kommen? Würden nicht das Recht der Staatengemeinschaft, die eine der gemeinsamen Werte ist, verhindern, dass auch nur ein Wort über Beitritt oder "privilegierte Partnerschaft" gesprochen wird, ehe nicht die in mehreren UN-Resolutionen (u.a. 541 und 550) verurteilte widerrechtliche Annexion beendet ist?


Nicht unbedingt. Seit knapp 43 Jahren hält die Türkei einen Teil von Zypern besetzt, ein kleiner, aber souveränen Nachbarstaat, der 2004 Mitglied der Europäischen Union wurde. Allerdings eben nicht ganz: Der Nordteil der Insel ist seit dem 20. Juli 1974 von türkischen Truppen erobert. Bis heute hält Ankara in der nur von der Türkei anerkannten "Türkischen Republik Nordzypern" mehr als 35.000 Soldaten stationiert, die unter Berufung darauf, dass die Türkei sich als "Schutzmacht" von auf Zypern lebenden Türken sieht, einen Eisernen Vorhang quer über die Insel gezogen haben.

Für die EU war das nie ein Hinderungsgrund, die schon 1963 aufgenommenen Gespräche über eine Annäherung des überwiegend asiatischen Landes an die inzwischen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Völkergemeinschaft auch nach der Invasion fortzuführen. Moral? Werte? Völkerrecht? Ganz im Gegenteil: Die Gespräche mündeten in ein förmliches Verfahren, an dessen Ende die Türkei hätte EU-Mitglied werden können und sollen.

Hätte. Denn die Tür zu dieser europäisch-asiatischen Union hat die Türkei nun "zugeschlagen" (Die Welt). Und das nicht etwa durch eine erneute Invasion in der Nachbarschaft, durch Bombenangriffe auf die eigene Bevölkerung oder durch eine Besetzung von Gebieten in einem weiteren Nachbarstaat.

Nein, all das hat und hätte die EU weiter stillschweigend toleriert. Die Türkei sichert die Südost-Flanke der Nato, sie sichert mit einem antiislamischen Schutzwall neuerdings sogar die Kanzlerschaft von Angela Merkel. Der Rubikon zum Ende der türkischen EU-Ambitionen war erst überschritten, als sich eine Mehrheit der Türken für eine vom türkischen Präsidenten Rezep Erdogan initiierte Verfassungsänderung aussprach.

Das geht nun wirklich zu weit. Das steht nun wirklich "im Widerspruch zu unseren Werten" (Christian Lindner).

Montag, 17. April 2017

Doppelpass: Erdogans deutsche Fankurve

Bittere Erkenntnis für deutsche Medienmacher: Monatelange klare Ansagen gegen Erdogan trieben die Auslandstürken in die Arme des Despoten.
Noch ist unklar, ob Recep Erdogans Versuch, die türkische Demokratie nach französischem oder amerikanischen Vorbild zum Präsidialsystem umzubauen, wirklich "das Ende der türkischen Republik" bedeutet, wie der "Spiegel" glaubt. Deutlich zu sehen ist allerdings: Dort, wo Menschen abstimmen durften, die nicht nur Zugang zu den von Erdogan gelenkten türkischen Staatsmedien hatten, sondern "Spiegel", "Stern", "Zeit" und "SZ" lesen und deutsches Fernsehen genießen durften, sprachen sich deutlich mehr Wähler für Erdogans Vorschläge aus als daheim in der Türkei.

Deutsche Propaganda versagt


Dort stimmten 51 Prozent für die Verfassungsänderung, in Deutschland dagegen 63 Prozent. Dabei hatten Blätter wie die Süddeutsche ("Jetzt müssen die türkischen Bürger Erdoğan stoppen" und Danachrichtensendungen wie die "Tagesschau" mit Berichten über Erdogans "Säuberungen" (Tagesschau) nie einen Zweifel daran gelassen, wie der gute deutschtürkische Doppelpassbesitzer abstimmen muss.

Nur die dankbaren Gastarbeitersöhne und -Töchter haben sich nicht daran gehalten. Als sei die doppelte Staatsbürgerschaft mit geteilter Loyalität für Großvaters Wurzeln und das eigene Geburtsland nicht ein Geschenk, das Deutschlands weitsichtigste Politiker der Welt gemacht haben, votierten sie auch deutscher Sicht konservativer, reaktionärer, antidemokratischer und europafeindlicher als ihre daheimgebliebenen Halblandsleute. Ein Ergebnis, das sich in den anderen westeuropäischen Ländern mit türkischer Community wiederholt hat: Nur in Spanien und der Schweiz verlor Erdogan seine Abstimmung.

Jonglierte Nazikeulen


Woran kann das liegen? Bewirkte das mediale Trommelfeuer aus Anti-Erdogan-Propaganda wie schon im Falle Trump das Gegenteil des Bezweckten? War die Aufregung um Böhmermann und Yücel, waren die viertausend Türkei-Talkshows, die Papierberge voller Warnungen vor dem Untergang des Morgenlandes einfach zu viel? Oder noch zu wenig? Trieben die Vergleiche von Vergleichen, jonglierten Nazikeulen, das störrische Beharren darauf, dass nur die deutsche Wahrheit wirklich wahr ist, dass sich die gut integrierten Besitzer von Zwei- und Drittpässen, von Schalke-Dauerkarten und kommunalen SPD-Mandaten in rheinischen Parlamenten aus Trotz abwanden?

Und wenn es so wahr, wir werden es nie erfahren. Denn noch in der Nacht von Erdogans Sieg, der auch ihre Niederlage war, wandten sich die großen deutschen Blätter ab. Sie erklären den Sieg ihres Feindes jetzt einfach zu dessen Niederlage. Er ist damit ihr Triumph. Und was für einer.


Schnauze, Steuerbürger: Selig sind, die da geben


Immer jammern die Leute, und am allerlautesten, wenn eine Untersuchung wieder zeigt, dass der deutsche Staat seine Bürger härter zur Kasse bittet als 99,9 Prozent aller anderen Länder auf der Welt. Fast 50 Prozent von allem, was ein Arbeiter oder Angestellter hierzulande erarbeitet, fließt dem Finanzminister zu.

Vom Rest nimmt der sich noch einmal 19 Prozent, sobald er ausgegeben wird. Eine feine Sache, überaus gerecht und nur von verstockten Meckerköpfen zu beanstanden, wirft sich die Süddeutsche Zeitung jetzt für die deutsche Enteignungskultur in die Bresche. Detlef Esslinger, Ressortleiter beim Münchner Blatt und nebenher Zuverdiener an Journalistenschulen in Deutschland und der Schweiz, weißt Kritiker in die Schranken: "Die Bürger sollten sich weniger beschweren und sich stattdessen freuen, dass sie mit Steuern viel zur Gemeinschaft beitragen können", schreibt er.

Esslinger weißt die Betrachtung der Steuern als "Last" zurück. Begriffe und Metaphern beim Thema Steuer wie "Steuerpflichtiger", "Steuerzahler", "Steuerfalle" und "Melkkuh" seien geschaffen worde, um ein falsches Bild zu vermitteln, nämlich das des Bürgers, der dem Zugriff des Staates auf sein erarbeitetes Geld hilflos ausgeliefert sei. "Im Sprachbild von der Last werden Steuern zu etwas Erdrückendem, das uns daran hindert, uns frei zu bewegen", zitiert der Autor die Linguistin Elisabeth Wehling von der Universität Berkeley. Geringe Steuern zu zahlen, werde dadurch als positiv bewertet. Wenn es dann aber heißt "die Deutschen schultern eine überdurchschnittlich hohe Last", dann suggeriert das Belastung, Bürde und Beschwernis.

Dadurch werde "die Steuerdebatte wie ein Gottesgesetz von der Annahme dominiert, dass die Bürger gefälligst zu entlasten seien", analysiert der Medienredakteur, dessen Einkommen ihn in die höchste Steuerklasse einsortiert. Der Mann 52 Jahre alt, weiß, wovon er spricht. Und wie er das tut! Während der Finanzminister die höchsten Einnahmen aller Zeiten zählt, imaginiert er eine Erwartungshaltung der Staatsbürger an ihren Staat, die immer mehr verlange, aber immer weniger zahlen wolle.

Falsch!, ruft der Besserverdiener aus München. Es gebe "viele Staaten auf der Welt, die nicht gewährleisten können, was Deutsche ganz selbstverständlich von einem Staat erwarten" - auch wenn der bei Grenzsicherung, innerer Sicherheit, Infrastruktur, Verteidigung und Gesundheitswesen alleweil versage, sei er ja doch einer der besseren weltweit. Anderswo "müssen die Bürger Beamte und Ärzte bestechen, manche Viertel nachts wie tags meiden und Reiche sich in Gated Communitys verschanzen", dreht er die Argumentationsfigut auf links. Wenn es also anderswo schlecht ist, dann muss es doch hier gut sein? Hier, wo der Staat 44 Prozent allen Geldes in die Hand nimmt und damit mit dem Geld seiner Bürger knapp die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes verantwortet.

Je höher, desto besser, gerade hier, wo "schon das Verb zahlen eigentlich irreführend ist". Steuern seien ja "nichts, was die Bürger zahlen", damit Ministerien Bauernregeln reimen, Ämter Millionen verschwenden und Politiker auf Gemeinkosten auf Gespensterjagd gehen können. Iwo! "Steuern sind etwas, mit dem Bürger beitragen zur Gemeinschaft aller", fabuliert Detlef Esslinger. Richtig sei es, darüber zu reden, "was das Gemeinwesen mit diesen Beiträgen machen soll".

Falsch aber, zu fragen, wie viel eine Staatsmaschine sinnvoll zentral sammeln und ausgeben und über wie viel der Einzelne besser selbst die Verfügungsgewalt haben soll.



Sonntag, 16. April 2017

Offenbarungseid zum Ostergruß: Gott hört gar nicht zu

Der Stellvertreter Gottes auf Erden selbst hob die Stimme, damals, vor zwei Jahren, als Ostern noch in den Juni fiel und die Welt vor den größten Flüchtlingsströmen seit der Völkerwanderung stand. Papst Franziskus, ein Reformer, der selbst mehreren Geflüchteten Zuflucht im Vatikan geboten hat, unternahm den Versuch, eine friedliche Welt herbeizubeten. Auf dem Petersplatz in Rom, einem Ort, der direkt mit dem Himmelreich verbunden ist, betete der Pontifex öffentlich und vor Zeugen für das Ende von Kriegen und Gewalt in den Krisenregionen der Welt und für Frieden im Nahen Osten. «Möge zwischen Israelis und Palästinensern die Kultur der Begegnung wachsen und der Friedensprozess wieder aufgenommen werden», flehte er inständig.

Der Stellvertreter wandte sich direkt an den Chef. "Vom auferstandenen Herrn erflehen wir die Gnade, nicht dem Stolz nachzugeben, der die Gewalt und die Kriege schürt, sondern den demütigen Mut zur Vergebung und zum Frieden zu haben", sagte der Argentinier, dem Millionen Menschen in aller Welt an den Lippen hingen. Zweitausend Jahre lang war Christentum vor allem Hoffnung gewesen, Hoffnung darauf, dass Frieden mit Feuer und Schwert, mit Missionierung und Mißbrauch herbeigekämpft werden kann. Nun diese unerhörte Bitte an Jesus: "Den siegreichen Jesus bitten wir, die Leiden unserer vielen Brüder und Schwestern zu lindern, die seines Namens wegen verfolgt werden."

Zwei Jahre danach lässt sich sicher sagen, dass alle Bemühungen des höchstrangigen Katholiken vergebens waren. Gott hat nicht nur keinerlei Einsehen oder gar eine Bereitschaft zum Eingreifen gezeigt. Nein, er verhöhnte die Seinen sogar noch, indem er Kriege und Gewalt, Leid und Kummer weiter verschwärfte. Die Zahl der laufenden Kriege sank nur durch eine Veränderung der Statistik. Die Zahl der Leidtragenden stieg weiter.

Ein Offenbarungseid zum Osterfest, der die Überzeugung von Millionen Katholiken, dass der Papst im direkten Gespräch mit Gott so manches Problem lösen könne, auf eine harte Probe stellt. Was, wenn dort oben gar niemand zuhört? Wie weiter, wenn es Gott vielleicht gar nicht gibt?

Die Katholische Kirche bleibt eine Antwort bisher schuldig, ja, sie diskutiert die Frage nicht einmal. So bleibt es auch beim diesjährigen Fest der Gedächtnisfeier zu Ehren der Auferstehung Jesu bei der leeren Gedenkroutine der Vergangenheit. Papst Franziskus, weniger Reformer als in jahrhundertealten Ritualen gefangener Zeremonienmeister, tritt wieder auf den Balkon und spendet wieder den gewohnten Segen. Er bitte Gott erneut um Weltfrieden, ein Ende des Hungers, mehr Mitmenschlich- und Gerechtigkeit. Und wie immer verwehen seine Worte im Wind.

Samstag, 15. April 2017

HFC: Knapp vorbei und doch zufrieden

Es rappelt im Karton: Der HFC schießt gegen Duisburg das Heim-Standardtor.
Diesmal gibt es nach dem Schlusspfiff Applaus aus der Kurve. Vergessen die Pfiffe nach dem schmachvollen Unentschieden gegen Paderborn, verraucht der Zorn auf eine Mannschaft, die zuletzt manchmal nicht mehr gewillt schien, mehr als das Nötige zu tun, um die Saison wie immer irgendwo im Mittelfeld der 3. Liga zu beenden.

Und nun das. Der Spitzenreiter aus Duisburg kommt, eine Mannschaft, die über die lange Distanz doch in einer anderen Liga spielt als die Gastgeber. Die allerdings in der Vergangenheit doch nie gut aussahen gegen die Rotweißen. Und auf einmal ist der alte HFC aus der Vorrunde wieder da, der HFC vom überraschenden Auswärtssieg gegen den Aufstiegsanwärter aus Osnabrück, der HFC, der seine Fans kurz vor Weihnachten noch hatte vom Aufstieg in Liga 2 träumen lassen. Ersatzgeschwächt nach einer Trainingsverletztung von Torwart Fabian Bredlow nun auch auf der Position des allerletzten Mannes, gehen die zehn Mann vor der neuen Nummer 1 Oliver Schnitzler von der ersten Minute an entschlossen in einer Partie, in der es für sie eigentlich um nichts mehr geht. Trotzdem sind es die Männer in Rot und Weiß, diesmal mit Toni Lindenhahn als rechtem Verteidiger und Sascha Pfeffer auf der Position hinter der einzigen Spitze Benjamin Pintol, die das Spiel machen. Der MSV, ganz in Schwarz und mit einem Sieg so gut wie durch, steht wie staunend vor den Angriffsbemühungen der Gastgeber. Nach vorn servieren die Gäste allenfalls Halbgares, hinten hingegen wackeln sie einige Male.

Das Problem das HFC wird wie immer genau in diesen Momenten sichtbar. So oft der in den letzten Wochen erstarkte Martin Röser auch außen entlangzieht und nach innen flankt - nie ist jemand da, der den Ball verwertet. Pintol, der einsame Mann im Sturm, behauptet den Ball häufiger in Strafraumnähe des MSV. Aber es ist dann eben keiner da, auf den er ihn abtropfen lassen kann. Röser versucht es dann auch mal selbst. Aber auch diesmal hat ein Duisburger sein Bein dazwischen.

Eine Partie, die den HFC auf Augenhöhe mit dem Aufstiegsfavoriten zeigt, mit leichten Vorteilen sogar. Doch dann kommt die Halbzeit, aus der die Gäste als erste zurückkehren. Von Anstoß weg sind sie dann immer noch die einzigen, die mitspielen: Über vier Stationen geht der Ball nach hinten, nach rechtsaußen, wird kurz abgelegt und über fünf HFC-Spieler an der Strafraumecke lang nach innen geschlagen. Dort steht Janjic, von der Physiognomie eine Kopie von HFC-Stürmer Pintol, und steigt unbedrägnt zum Kopfball hoch. Schnitzler, im Winter statt eines neuen Stürmers als Ersatz für den verletzten zweiten Keeper Netolitzky geholt und bei seiner Premiere im grünen Darko-Horvat-Gedenktrikot, steht zehn Zentimeter zu weit vor seinem Kasten. Er kann der Bogenlampe nur noch hilflos hinterherschauen.

Ist es schon wieder soweit? Geht das alles schon wieder los? Erstmal sieht es ganz danach aus. Der HFC ist konsterniert, die Schultern hängen, Klaus Gjasulas Händeklatschen wirkt wie ein reines Ritual.

Aber irgendwie bekommen sie dann doch die Kurve. Zehn Minuten nur dauert die Phase, in der sich die Gastgeber zu schütteln scheinen. Der MSV verpasst es in dieser Zeit, den Sack zuzubinden. Und dann ist der HFC, angefeuert von den Rängen, plötzlich doch wieder da. Was gegen Münster, Aalen, Köln und Paderborn nicht gelangt, klappt heute. Die HFC-Elf drückt und drängt nicht nur kopflos wie zuletzt, sondern schafft es, aus dem Loch zurückzuklettern, in das sie der erneute Rückstand gestürzt hat. Das Spiel ist wieder ausgeglichen, die Gäste lassen es etwas ruhiger angehen; Fennell und Gjasula, aber auch Lindenhahn und Brügmann werfen sich in jeden Zweikampf.

Nicht von ungefähr ist es dann Florian Brügmann, der noch um einen neuen Vertrag spielt, der in der 60. Minute eine präzise Flanke von links in den Fünfmeterraum zieht. Als der Ball ankommt, ist auch Marvin Ajani da. Er köpft, von links und rechts von zwei Duisburgern bedrängt. Unhaltbar. 1:1.

Nun ist es ein richtig schönes Fußballspiel, in dem beide Mannschaften mit offenem Visier auf Sieg spielen. Erstaunlicherweise mit Vorteilen auf Seiten des HFC: Während Oliver Schnitzler einen ruhigen Nachmittag genießt, nur einmal unterbrochen, als er einen Freistoß des Torschützen Janjic zur Seite lenken muss, steht Flekken auf der Gegenseite unter Dauerdruck. Der MSV verteidigt mit Mann und Maus, der HFC stürmt frenetisch. Sascha Pfeffer könnte alles klar machen, doch statt selbst zu schießen, bedient er Pintol. Für den aber wird es zu eng, seinen Schuss sammelt Flekken ohne Probleme ein. Mehr Mühe hat der Duisburger Keeper dann bei einem Schuss von Martin Röser, den er sensationell mit einem Arm hält.

Wenn sowas nicht reingeht, geht gar nichts rein, das ahnen die 6300 auf den Tribünen. Es fehlt der HFC einmal mehr an Durchschlagskraft in der Mitte, wie Pintol fleißig läuft und läuft und Bälle prallen lässt. Ehe sich die Abnehmer im Duisburger Beingewirr verheddern. Alles, was gefährlich aufs Tor kommt, resultiert aus der Verlegenheit in Strafraumnähe, dass der ballführende Spieler am Ende nicht so recht weiß, wie weiter. Der eingewechselte Fabian Baumgärtel, aufspielend, als wolle er mit jeder Ballberührung fragen, warum er nicht von Anfang an mitmachen durfte, hat die größte Chance, als er etwa aus der Flankenposition von Brügmann mit dem Außenrist abzieht. Der Ball dreht sich nach innen, er zielt direkt aufs Eck von Flekkens Tor. Geht dann aber um Zentimeter vorbei.

Als Kevin Wolze in der 87. Minute dann auch noch Rot sieht, nachdem er Marvin Ajani an der Mittellinie mit offener Sohle attackiert hat, wird es zur Gewissheit. Wieder keine drei Punkte im Heimspiel für die vor ein paar Wochen noch heimstärkste Mannschaft der Liga. Aber immerhin ein Sieg über Langeweile, Lähmung und Auflösungserscheinungen, den die Fans zufrieden beklatschen.

Mittwoch kommt Magdeburg zum Pokal-Halbfinale. In Halle ist wieder Hoffnung.




Zitate zur Zeit: Söhne und Weltmacht

Teilweise bilden solche "Profis" schon Ansätze zu Familiendynastien, gelegentlich mit Verbindung zu den Medien. Lars-Hendrik Röller, seit 2011 Merkels engster und höchststehender Finanz- und Wirtschaftsberater im Kanzleramt, ist der Sohn des ehemaligen Chefs der Dresdner Bank Wolfgang Röller.

Ein weiterer Sohn, Ulf Röller, agiert als Washington-Korrespondent des ZDF. Wolfgang Schäubles Schwiegersohn Thomas Strobl ist aktuell Innenminister von Baden-Württemberg, dessen Staatssekretär Martin Jäger war vormals Schäubles Pressesprecher im Finanzministerium, davor Cheflobbyist von Daimler. Die Frau des Baden-Württembergischen Innenministers, Schäubles Tochter Christine Strobl, ist zugleich Programmgeschäftsführerin des ARD-Unternehmens Degeto Film.

Macht etabliert sich, verknüpft sich, schlägt Wurzeln - daran ist nichts ungewöhnlich, allerdings auch wenig demokratisch.


Paul Schreyer beschreibt die Funktionsweise einer mordernen Post-Demokratie




Fake News: Aktion gegen Kritikaster zeigt Wirkung

Beeindruckende Bilanz: Seit der Ankündigung der scharfen Regierungsmaßnahmen gegen Fake News haben Hetzer, Hasser und Falschnachrichtenfabriken  ihre Produktion spürbar zurückgefahren.
Sie kamen, wurden gesehen, kommentiert und schließlich als Begründung für das größte Manöver zur Einschränkung der Meinungsfreiheit in Deutschland seit der Zentralisierung der DDR-Presse genutzt: "Fake News", mit dem Beginn des US-Präsidentschaftswahlkampfes vor einem Jahr als politischer Kampfbegriff der Leitmedien gegen abweichende Ansichten etabliert, haben den Höhepunkt ihrer mediengesellschaftlichen Bedeutung offenbar bereits wieder überschritten. Nach einer Auswertung der Häufigkeit der Google-Suche nach dem zuletzt als "Anglizismus des Jahres" noch einmal hochgelobten Begriff lässt das Interesse an den Falschnachrichten schon wieder stark nach.

Unklar ist nach Auffassung des führenden deutschen Medienwissenschaftlers Hans Achtelbuscher vom An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung in Halle an der Saale derzeit noch unklar, ob der Einbruch beim Interesse an Fake News und alternativen Wahrheiten eine Folge des von Bundesjustizminister Heiko Maas gerade vorgelegten Gesetzentwurfes zur Netzwerkdurchsetzung (Internet-Hygienegesetz) ist oder ob es Maas gelungen ist, seine Vorschläge zum erweiterten Meinungsfreiheitsschutz gerade noch durchzudrücken, ehe sich die gesamte Diskussion um die vermeintlich gesellschaftsgefährdende Kraft der "Fake News" selbst als Fake News herausstellt.

"Wir wissen im Augenblick noch nicht, was hier Ursache und was Folge wovon ist", erklärt der anerkannte Leserpsychologe. Heiko Maas hatte in der vergangenen Woche Dokumente aus seinem Ministerium leaken lassen, nach denen im Kampf gegen "Fake News", wie sie etwa die kampagnenartig verbreiteten Medienmärchen über angeblich hochlukrative Falschnachrichtenfabriken in Mazedonien darstellten, künftig als „verfassungsfeindliche Verunglimpfungen“ und „landesverräterische Fälschungen“ hart bestraft werden können.

Das Ziel des sauberen Netzes könne noch nicht als erreicht bezeichnet werden, sagt Achtelbuscher. Doch das klare Bekenntnis des Staates zum Willen, gegen Hetzer, Hasser und Zweifler mit den Mitteln der Einschüchterung durch die Justiz vorzugehen, habe bereits dafür gesorgt, dass Abweichler und Kritiker zweimal nachdächten, ehe sie einmal in die Tastatur griffen. Verweigerern drohen Verbannung udn Ächtung. So konnte jetzt auch der Islamkritiker Imad Karim aus dem sozialen Netzwerk Facebook verbannt werden.

Da nach der Randow-Theorie die meisten Verhetzten überhaupt nicht selbst denken können, sondern  ausschließlich als Empfänger von Hassbotschaften fungieren, die sie sofort verinnerlichen, wird der Zuwachs an Hass durch das Verstopfen der Hasskanäle effektiv der Nachschub abgedreht. Achtelbuscher lobt die Aktion gegen Miesmacher und Kritikaster. "Gut gemacht und konsequent verfolgt, kann sie einem Stimmungsumschwung in der Bevölkerung bewirken und spontane Unmutsäußerungen und allzu laute Kritik von enttäuschten Volksgenossen und Parteiangehörigen eindämmen", glaubt der Wissenschaftler.

Achtelbuscher erklärt das Phänomen der Informationsüberlagerung

Freitag, 14. April 2017

Terror-Tatort: Überall, nur nicht mehr im Fernsehen

Am 1. Januar sollte der "Tatort: Sturm" ausgestrahlt werden – "wegen der thematischen Parallelen zum Terroranschlag in Berlin" (so die ARD) wichen die Ermittler aus Dortmund aber kurzfristig den Kollegen vom "Polizeiruf 110". Dabei ist es seitdem geblieben: "Tatort" für Terror ist mittlerweile überall. Nur im Fernsehen nicht.


Auch den Ersatztermin am 29. Januar haben Faber (Jörg Hartmann) und Bönisch (Anna Schudt) abgegeben – "aus organisatorischen Gründen", weil es der Senderleitung nicht geraten schien, direkt nach dem Macheten-Angriff am Louvre Unruhe im Land zu verbreiten. Seitdem hat die ARD nahezu jede Woche versucht, den inzwischen als lästig betrachteten Film zu zeigen. Immer wieder aber machten Terroristen, die den Islam für ihre Zwecke zu missbrauchen versuchen, den Planern einen Strich durch die Rechnung. Der "Tatort" scheint nur noch gehalten, eine Atmosphäre zu verbreiten, die die Bevölkerung verunsichern könnte.

Spiel zwischen IS und ARD


Es ist wie ein Spiel zwischen dem IS und der ARD: Nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche hatten die Programmplaner des Erste den „Tatort: Sturm“ aus dem Programm genommen, um islamistische Kreise nicht unnötig zu provozieren, die aufgeheizte Stimmung im Land zu beruhigen und das Thema erstmal ein wenig sacken zu lassen.

Diese Strategie hatte sich schon 2015 beim wegen Terrorparallelen verschobenen Til-Schweiger-Tatort „Der große Schmerz“ als erfolgreich erwiesen. Statt Hetze und Hass zu potenzieren, hatte sich eine Diskussion um die Verschiebung um sich selbst herum bewegt. Als der Film schließlich gesendet wurde, blieb er folgenlos, selbst rechtsextremistischen AfD-Kreise gelang es nicht, eine Hetzkampagne gegen die derzeit erfolgreichste monotheistische Religion damit zu befeuern.

Brennpunkte liefern Terror live


Bei „Sturm“ aber geraten die Senderverantwortlichen langsam in Terminnöte. Zwölfmal seit Neujahr war Gelegenheit, den „hochspannenden“ Fall auszustrahlen. Zwölfmal nahm die ARD davon Abstand – „aber mit Rücksicht auf die Opfer, ihre Angehörigen, Betroffene und das Empfinden von Zuschauern“, die jeweils gerade geschockt durch einen aktuellen Terroranschlag in London, St. Petersburg, Stockholm oder Alexandria war. Die ARD musste jeweils handeln, hatte sie doch angekündigt, man wolle „diesen ‚Tatort‘ mit größerem zeitlichen Abstand“ zu akuten Terrorlagen zeigen.

Das wird nun schwer und immer schwerer, denn die Dortmunder Kommissare Faber (Jörg Hartmann) und Bönisch (Anna Schudt), die im Film einen flüchtigen Terroristen jagen, passen so gar nicht in eine Zeit, in der "Brennpunkte" zu echten Terroranschlägen und Pressekonferenzen echter Bundesanwälte zu sehr viel niedrigeren Kosten produziert werden können. Der "Sturm" aus Dortmund bleibt so vorerst im Giftschrank , bis sich eine ausreichend große Lücke im Terrorplan der einsamen Wölfe, verwirrten jungen Männer und missgeleiteten Enttäuschten auftut.

Terrorfrei in den Mai

Die unmenschliche Entscheidung der Uefa, die die Fußballspieler von Borussia Dortmund gezwungen hatte, keine 24 Stunden nach dem Terroranschlag auf den Mannschaftbus des BVB ihre Champions-League-Begegnung mit dem AS Monaco nachzuholen, hat eine Diskussion um eine gesetzliche Regelung zur Arbeitsfreistellung für Überlebende von Terrorakten ausgelöst. Nach dem Gewaltakt einer "neuen Dimension" (BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke) sei es Zeit, eine generelles "Terrorfrei" für überlebende Opfer und Augenzeugen terroristischer Taten einzuführen, heißt es beim Grünen Ring, einer Organisation, die sich insbesondere um Terroropfer kümmert.

Zuvor hatte die Entscheidung der Uefa, das Champions-League-Spiel der Dortmunder wegen des knappen Zeitplanes des internationalen Spielkalenders sofort nachzuholen, bundesweit für Proteste gesorgt. Erstmals war damit die Frage aufgeworfen worden, wie künftig Leidtragende von Anschlägen geschützt werden können. Noch nach dem Anschlag vom Berliner Breitscheidplatz hatte diese Frage keine Rolle gespielt, die meisten Menschen, die dem Attentäter Anis Amri entkommen waren, hatten am nächsten Tag wieder im Büro und an der Werkbank erscheinen müssen.

Die mediale Präsenz der Dortmunder Fußballer aber provoziert nun ein Umdenken. Weil Dortmunds Trainmer Thomas Tuchel beklagt hatte, dass "wir zu keiner Zeit gefragt wurden - wir wurden per SMS davon informiert, dass die Uefa das in der Schweiz entscheidet", äußerten viele Medien heftige Kritik daran, wie achtlos mit den Fußballern umgegangen wurde, die dem ihnen von den Terroristen zugedachten Tod nur knapp entkommen waren. "Die armen Millionäre", klagen große Zeitungen. Die gnadenlose Geldmaschine Uefa habe "die Spieler einfach vergessen", heißt es in der SZ.


„Wir hatten das Gefühl, dass wir behandelt werden, als wäre eine Bierdose auf den Bus geflogen“, beschrieb Tuchel - ein Gefühl, das viele Opfer und Opferangehörige vom Breitscheidplatz nachvollziehen können. Ihretwegen hatte der Bundestag nicht einmal seine Weihnachtspause unterbrochen, um eine Schweigeminute abzuhalten. Auch Europas Staats- und Regierungschefs fanden sich nicht ein, um sich mit den Betroffenen zu solidarisieren und dem Terror symbolisch untergehakt die ungebrochene Stärke des Westens zu zeigen.

Wenigstens einen Tag terrorfrei für Traumatisierte fordert der Grüne Ring. Gerade angesichts der zumindest dem subjektiven Empfinden der Menschen nach zunehmenden Zahl der "Vorfälle" (Tagesschau) tue es not, eine generelle Lösung für Menschen zu finden, die vielleicht am Abend noch knapp einen Anschlag von Rechtsterroristen, verwirrten Einzeltätern, Silvestertätern oder Männern mit verschiedenen Identitäten überlebt haben. Und am nächsten Morgen schon wieder im Büro oder der Fabrik Leistung bringen müssen.

Wie im Fall BVB erhält der Kommerz erhält Vorrang, geht es nur um Geld, während die Gefühle der Menschen auf der Strecke bleiben. Der frühere SPD-Chef Kurt Beck, der als neuer Beauftragte der Terroropfer-Bundesregierung viele schreckliche Erfahrungen der Weihnachtsmarktbesucher vom Breitscheidplatz gehört habe, müsse sich bei der Bundesregierung für eine Gesetzesänderung stark machen, die verhindert, dass Terrorbetroffene wie die BVB-Profis als rechtlose Bittsteller auftreten müssen. Beck selbst hatte das Opferentschädigungsgesetz bereits als "lückenhaft" bezeichnet und angekündigt, "den Menschen dabei zu helfen, ihr weiteres Leben wieder gestalten zu können und dabei möglichst wenig von diesem furchtbaren Eindruck beeinträchtigt zu sein".

Donnerstag, 13. April 2017

BVB-Anschlag: Auf der rechten Spur

Diesmal kein Verschweigen, kein Schieben auf die lange Bank wie damals beim NSU, der unter aller Augen feige mordete, während Medien wie der "Spiegel" von "Döner-Morden" fabulierten. Eine schwarze Stunde der deutschen Leitmedien, die über Jahre andauerte. 


Aber einen Lerneffekt hatte: Die Süddeutsche Zeitung, linksaußen im Konzert der Großen, nimmt den Anschlag Unbekannter auf den Bus des Fußballvereins Borussia Dortmund zum Anlass, zusätzlich zu den vorhandenen Spuren ins islamistische und ins linksextremistische Milieu eine eigene Tätertheorie zu präsentieren: Die "Dortmunder Verrohten" könnten es gewesen sein, kabelt ein Freddie Röckenhaus aus dem Krisenzentrum, denn die haben doch kürzlich erst Fans von RB Leipzig übel verprügelt.

Für die Süddeutsche, die keinerlei Indizien oder gar Beweise für ihre Tätertheorie anführt außer dem Gefühl, dass es ganz sicher recht gut klickt, wenn man die "500 gewaltbereiten Rechtsradikalen im Dortmunder Umfeld" (SZ) mit einem dreifachen Bombenanschlag auf den eigenen Vereinsbus in Zusammenhang bringt, könnte es gut sein, dass es so war. Einfach nur, weil sich die Redaktion das so ausgedacht hat. Hat der BVB nicht immer schon Probleme mit den eigenen Fans? Wäre es nicht möglich, dass "Dortmunds Fußball-Leidenschaft" (SZ) hier mal böse über den Topf gekocht ist? Zerfällt nicht die vermeintliche Fangemeinde ohnehin "in Gruppen und Stämme" wie das Europa der 27? Könnten  da nicht auch "Schläger der Gruppe "0231 Riot" zu einer neuen Dimension der Gewalt gefunden haben?

Alles denkbar, also möglich. Alles möglich, also warum nicht? In Zeiten der Informationsüberforderung muss jeder Fakt auch als Alternative präsentiert werden dürfen. So lange Heiko Maas es noch nicht verboten hat, ist das sogar erlaubt. Und für die Verschwörungstheorie der Süddeutschen spricht ja der für islamistische Verhältnisse unüblich professionell ausgeführte Anschlag selbst. Dass der IS mal keinen todesbereiten Verwirrten nutzt, dass er nicht grobschlächtig zuschlägt und dass es ihm sogar gelingt, genau getimt ein bewegliches Ziel anzugreifen und zu treffen, ist ebenso außergewöhnlich wie der Umstand, dass der oder die Täter am Tatort Bekennerschreiben mit politischen Forderungen hinterlassen. Das ist nicht die Handschrift der üblichen Verdächtigen.

Doch daraus darauf zu schließen, dass "die Rechten, die in einer winzigen Minderheit beim Stadionvolk sind" (SZ), legitime Verdächtige im Terrorfall BVB sind, gleicht der Praxis aller anderen Verschwörungstheoretiker, aus der puren Abwesenheit von Indizien, Hinweisen und Beweisen zu schließen, dass gerade dieses Fehlen für eine Täterschaft derjenigen spreche, auf die nichts hinweist.

Postfaktischer Journalismus, eine Wahrheit, gezaubert aus der Westentasche.

Le Penseur liest zwischen den Zeilen



Solidarität ist die Zärtlichkeit der Wahlkämpfer: Schock als Schal

Schon im Alter von acht Jahren wurde Martin Schulz ein glühender Fan des 1.FC Köln. Der Verein sei zum damaligen Zeitpunkt der größte und modernste Club Nordrhein-Westfalens gewesen, begründete der künftige Kanzler seine Entscheidung späte. Groß und modern, das passt zu Schulz` Selbstbild - wie der Klub vom Rhein 1964 Meister der neuen Bundesliga wurde, so will Schulz 53 Jahre später Regierungschef Deutschlands werden.

Dazu braucht der zuletzt ins Trudeln geratene Umfragemeister dringend mehr Zuspruch aus der Bevölkerung, Zuspruch, den zu organisieren der Würselener noch nie ein Mittel gescheut hat. Geschult am politischen Gegner band sich der Sozialdemokrat seinen Schock über die "widerwärtige Tat" (Merkel) mutmaßlicher Islamisten, Linksextremisten, Hooligans oder Rechtsterroristen gegen Kölns Bundesligarivalen Borussia Dortmund als Schal um den Hals: "Egal, mit welcher Fußballmannschaft Du jubelst, egal, in welcher Partei Du bist: Das gute Leben in Deutschland ist unsere gemeinsame Sache", ließ Schulz bei Twitter wissen, wo der wahlkämpfende "Messias" (Spiegel) erst vier Tage zuvor seinen Schock über den Anschlag in Stockholm öffentlich gemacht hatte.

Nun schonwieder ein Schock. "Gute Besserung! Und allen Fans eine gute und sichere Heimreise!" wünschte Martin Schulz, ehe er sich den BVB-Schal umschlang wie zuletzt den von Holstein Kiel. Ein Mann vieler Farben, ein Mann vieler Meinungen. Eben erst war Deutschland nicht gerecht, nun ist das "gute Leben" hierzulande ihm schon unumstößlicher Fakt und unsere "gemeinsame Sache".

Schulz weiß, wenn die Menschen einem erst glauben, dann glauben sie einem aber auch wirklich alles.


Mittwoch, 12. April 2017

Presseschau zum Anschlag: "Starkes Bollwerk für Freiheit, Demokratie und Wehrhaftigkeit"


Entsetztes Schweigen herrscht nach dem mutmaßlich doch islamistisch motivierten Anschlag auf den Mannschaftsbus des Fußballvereines Borussia Dortmund vielerorts in Deutschland. Noch weiß niemand etwas Genaues, aber der Verdacht, der eine Nacht lang nicht ausgesprochen werden sollte, scheint sich zu bestätigen.


Erstmals gilt der Terror von Menschen, die eine Religion für ihre Zwecke missbrauchen, nicht einer anonymen Masse, einem Platz, einer Straße, einem Land, sondern dem Fußball, einem der höchsten Werte des Westens. Entsprechend scharf sind die Kommentare der Weltpresse, die gleichzeitig keinen Zweifel daran lassen: Fußballfans und -spieler, Funktionäre und übertragende Fernsehsender werden sich dem Terror nicht beugen.

Die Presseschau mutmaßlichen Anschlag in Dortmund hat den Tenor, der Fußball sei und bleibe ein "starkes Bollwerk für Freiheit, Demokratie und Wehrhaftigkeit", auch in anderen EU-Ländern kommentieren Medien den Vorfall mit Augenmaß: Niemand sei vor Anschlägen wie diesen gefeit. Die Solidarität gilt den Opfern. Alle müssen nun zusammenstehen. In den Farben getrennt, in der Sache vereint. Der Angriff sei nach dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin, nach London, St. Petersburg und Stockholm ein neuer "Versuch, ein europäisches Machtzentrum zu treffen", schreibt der Guardian in einem ersten Kommentar nach dem Attentat.

Die Schlagzeilen und Kommentare von Zeitungen aus ganz Europa ähneln am Morgen nach dem Unglück dieser Einschätzung.

Die "Zeit" aus Hamburg schreibt unter dem Titel:
"Ganz schön gelassen" wie erstmals ein deutsches Fußballteam Ziel eines Anschlags wird, Dortmund aber auch diesen Angriff auf sein Heiligtum mit stoischem Trotz ertrage. Unsere Mauern brechen, aber unsere Herzen nicht, auch in der Stadt wirkten die Leute gelassen. "Eine saarländische schwarzgelbe Reisegruppe holt sich bei Rossmann am Hauptbahnhof flüssige Verpflegung für die Fahrt zum Hotel." Und das Wichtigste: "Pegida-Parolen hört man nicht."

Die spanische Zeitung El País schreibt:
"Der Anschlag auf den BVB ist eine klare Mahnung, dass niemand vor Terroranschlägen gefeit ist. (...) Wir stehen vor einem eindeutigen Beweis, dass in dieser globalisierten Welt weder eine Insellage noch die Isolation zusätzlichen Schutz vor Terror bieten. (...) Der Schock des Terrorismus sollte uns nun alle daran erinnern, dass ungeachtet aller Differenzen, die sehr tiefgreifend und nicht leicht zu überwinden sind, wir einen einzigen Raum der Freiheit, des Wohlstands und der Sicherheit teilen und wir alle die Pflicht haben, diesen zu bewahren."

Aus Italien kommentiert Corriere della Sera:
"Das Herz von … ist verwundet. In den vergangenen zwei Jahren haben sich die Kriegsakte nach dem Muster des fundamentalistischen Islams vermehrt, die wir nicht sehen wollten. (...) Wir haben versucht, nicht darüber nachzudenken, die Besorgtheit davonzujagen, wir wollten nicht Gefangene der Angst werden. Aber das Attentat von … erinnert uns daran, dass unsere Hoffnungen hohl sind. Dass die Attacken weitergehen, dass der Fluss des Blutes nicht auszudörren ist. (...)

Die Neue Zürcher Zeitung fragt aus der Schweiz:
"Was wird der BVB aus diesem traumatischen Ereignis machen? Die Betroffenheit und die Solidarität sind groß, doch ebenso groß ist die Entschlossenheit, das Leben im gewohnten Rahmen fortzusetzen. Die Gesellschaft wird sich durch solche Gewaltakte nicht verunsichern lassen. Dafür ist das Selbstverständnis als traditionelles Bollwerk für Freiheit, Demokratie und Wehrhaftigkeit in der Bevölkerung von … viel zu stark verankert. Ein weiterer Gedanke ist tröstlich: Anschläge wie dieser könnten jeden Tag an zahllosen Orten des Landes durchgeführt werden. Dass es nicht viel häufiger passiert, belegt, dass die Sicherheitskräfte und Nachrichtendienste bei der Terrorbekämpfung gut arbeiten. Denn dass Dortmund eine prominente Zielscheibe für islamistische Anschläge ist, ist unbestritten."

Aus Belgien, wo schon ein ähnlicher Anschlag für Schrecken sorgte, schreibt De Standaard:
"Die Gesellschaft kann nicht jedes Risiko ausschließen. Es gibt kein Sicherheitssystem, das nicht - und sei es auch nur für einen Augenblick – von einem Terroristen überwunden werden kann, der bereit ist, bei seinem Anschlag zu sterben. Damit zu leben müssen wir nicht mehr lernen, das haben wir inzwischen akzeptieren und einkalkulieren müssen. (...)
Auf den ersten Blick scheinen die Terroristen im Vorteil zu sein. Nichts ist leichter, als den gewohnten Gang der Dinge mit blinder Gewalt zu stören. Aber es hat sich mittlerweile auch gezeigt, dass sich nichts schneller verschleißt, als so ein Anschlag auf den Alltag. Mitgefühl mit den Opfern wird nicht geschmälert durch den festen Willen der Gesellschaft, weiterzumachen und sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen."