Donnerstag, 7. Januar 2021

Demokratieabgabe: Das ist nun der Dank

Wer anders als die gebührenfinanzierten Redaktionen von ARD und ZDF könnten an einem so wichtigen SPD-Papier aus dem Jahre 2017 drangeblieben sein?

D
er Kampf war ein ungeheuerer, die Kämpfer schauten keinen Moment auf den eigenen Nutzen oder das eigene Frommen. Wichtig war nur, dass dem Versuch der Falschen Einhalt geboten wurde, in die demokratiegewährende Tätigkeit des größten europäischen Medienkonzerns einzugreifen. Anfang Dezember vergangenen Jahres, kurz vor Weihnachten, dem Ausbruch der Impfstoffkriege und der vierten Verlängerung der Eindämmungsmaßnahmen, warfen sich Deutschlands private Medienkonzerne wie ein Mann vor die von CDU-Rechtsauslegern, AfD-Faschisten und Neidern aus Amerika bedrohten Gemeinsinnsender. Die stritten damals um eine moderate Erhöhung der Rundfunkbeiträge um 400 Millionen Euro im Jahr, um weiterhin eine Grundversorgung aller Bürgerinnen und Bürger mit "Tatort", "Bundesliga" und "Anne Will" sicherstellen zu können.  

Gemeinsinnfeindliche Christdemokratie

Allein der für gewöhnlich bundesweit bedeutungslosen Christdemokratie in Sachsen-Anhalt, einem Bundesland an der sprichwörtlichen "Straße der Gewalt", gefiel das nicht. Sie nutzte die Chance, sich als rechtslastig, gemeinsinnfeindlich und pressefreiheitsfeindlich zu positionieren. Erst eine Ministerentlassung klärte die FRonten dahingehend, dass keine schwarz-rot-grüne Koalition über der schicksalhaften 86-Cent-Frage zerbrach. Man einigte sich darauf, sich nicht einigen zu können. Auch die Verfassungsrichter wollten nicht helfen. Und als dann die ersten Impfzentren symbolisch öffneten, hatte das erste Gesetz der Mediendynamik einmal mehr seine ganze Urgewalt ausgespielt: Die Welt passt in keinen Schuhkarton, immer aber in 15 Minuten "Tagesschau".

Die Rückzugsschlachten um die Frage, wer daran schuld ist, dass der 400-Millionen-Jackpot nicht verteilt werden kann, finden hinter den Kulissen statt, ausgetragen zwischen sichtlich ermatteten Spesenrittern. Eine ganze Branche ist einerseits entsetzt, dass es trotz kollektiver Bemühungen nicht gelang, die gemeinsame Forderung nach mehr Geld durchzusetzen. Zugleich herrscht bei den privaten Medienkonzernen Enttäuschung darüber, dass der Dank der staatlich finanzierten und politisch von den großen Parteien beaufsichtigten Gemeinsinnmedien für den titanischen Kampf ihrer privaten Konkurrenten im Dienst der Rundfunkgebührenanhebung überhaupt nicht gewürdigt wird.

Bis zum letzten Schuss


Bis zum letzten Schuss, bis in den hintersten Graben und ohne Rücksicht auf eigene Verluste hatten die deutschen Printmedien für die Kollegen vom Nichtstaatsfernsehen gekämpft. Gegen rechtspopulistische Christdemokraten. Gegen störrische Ostler. Und gegen Gebührenzahler, die sich weigern, ihren in "Abgabe" umbenannten Beitrag zu zahlen. Im Streit um die minimale Erhöhung der GEZ für ARD, ZDF und Deutschlandradio, die nicht mehr so heißt, aber für die Aufrechterhaltung der Demokratie immer noch gebraucht wie niemals zuvor, stand die Front der Vernünftigen wie eine Eins.
 
Nach dem großen deutschen Medienfrieden, bei dem die Ausspielplätze zwischen öffentlich-rechtlich finanzierten Medien und deren privaten Konkurrenten aufgeteilt worden war, gab es nur eine zulässige Sichtweise auf den Konflikt. Mehr gute Nachrichten brauchen mehr Geld. Noch bessere Erklärung der Regierungssichtweise braucht mehr Geld. Mehr Coronabrennpunkte brauchen mehr Geld. Und der randständige Wunsch nach Biathlon und Bundesliga als Kern der Grundversorgung mit Informationen braucht mehr Geld. 
 

Man verlor zusammen

 
Dafür kämpfte man gemeinsam. Und man verlor zusammen. Und während die Experten noch versicherten, das sei nur ein temporäres Problem, allenfalls für Florian Silbereisen nicht, wendete sich der Hund gegen die Hand, die ihn gerade noch so lieb gefüttert hatte. Ausgerechnet die "Tagesschau", eine Gemeinsinnsendung, deren Redaktion im Schulterschluss mit den Spindoktoren der Bundesregierung die jeweils geltende Tageswahrheit für die abendliche Ausstrahlung vorbereitet, startete im Internet einen Frontalangriff auf die Verbündeten im Gebührenkampf: Eine funkelnagelneue Internetseite die aussieht, wie so ziemlich jede Internetseite jedes durchdigitalisierten, SEO-optimierten und auf höchste Klickraten geeichten Nachrichtenangebotes eines ums Überleben kämpfenden privaten Verlages.

Was für ein hinterlistiger Verrat. Immerhin zehn Jahre lang hatten private Medienhäuser und staatliche Konkurrenz miteinander um die Marktaufteilung gestritten, ehe schließlich der Bundesgerichtshof entschied, die "Tagesschau" dürfe zwar sendungsbezogene Beiträge im Netz veröffentlichen. Davon abgesehen aber keinen presseähnlichen Journalismus betreiben. Fünf Jahre und eine staatsferne Einigung der Ministerpräsidenten auf eine auf eine wolkige Definition des Begriffes "presseähnlich" ist er nun wieder da, der eine unlautere, weil gebührenfinanzierte "Staatsfunk" (Springer-Chef Mathias Döpfner), dersich nicht an die Vereinbarung hält, dass die privaten Medienhäuser Texte und die staatlichen Funkhäuser Videos verbreiten.

Aufmarsch der Auftragsschreiber

Immer schon wussten die Auftragsschreiber im Auftrag der Gebührensender freilich, wie sich solche Angriffe abwehren lassen. Damals, als die Privaten sich über eine erste "Tagesschau"-App empörten, mit der die ARD ihnen Leserinnen und Leser abwarb, argumentierten die Verteidiger der Grundversorgungsausweitung, dass die Art Handy, für die die App gemacht sei, "gerade einmal im Besitz von 1,2 Millionen Deutschen" sei. Auf die könnten die Verlage doch leicht verzichten.

So ähnlich sieht die Abwehrstrategie der ARD auch zehn Jahre später beim nächsten Anlauf aus, der die letzten Bastionen der Privatverlage schleifebn soll. "Tagesschau"-Digital-Chefredakteurin Juliane Leopold etwa hält die Debatte um Textinhalte von ARD und ZDF für "aus der Zeit gefallen". Information sei der Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrags, deshalb sei egal, ob diese Information sendungsbezogen oder presseähnlich ausfalle. 

Gerichtsurteil unterlaufen

Wo kommen wir hin, wenn wir an diesem Auftrag rütteln, weil wir kleinkrämerisch Buchstaben zählen?", argumentiert Leopold, die ihre "Kunden" (Leopold) früher dabei unterstützt hat, "aus reinen Zahlen effiziente Prozesse abzuleiten und ein engagiertes Publikum an sich zu binden". Heute aber vor allem daran arbeitet, das im Staatsvertrag festgelegte Verbot der "nichtsendungsbezogenen presseähnliche Angebote" zu unterlaufen. Steter Tropfen höhlt den Stein, zumal die privaten Verlage kaum mehr die Kraft und nicht einmal mehr den Willen zu haben scheinen, sich gegen die Unterminierung der eigenen Marktposition zu wehren.

Groß ist bei Süddeutscher, Spiegel, Zeit, Welt, FAZ und Taz nicht die Wut, groß ist nicht einmal die Enttäuschung und groß sind auch nicht die Artikel und Kommentare, die dem Publikum das Problem erklären, das darin liegt, dass ein vom Staat üppig mit Geld ausgestatteter Riesenkonzern im Internet mit vergleichweise kleinen Firmen konkurriert, die sich jeden Server, jeden Praktikanten und jeden Suchmaschinenoptimierer vom Munde absparen müssen. Groß ist nur die Trauer darüber, alles für die staatsfinanzierten Konkurrenten gegeben zu haben. Und nun damit belohnt zu werden, dass einem das letzte Häppchen bisschen vom Teller genommen wird.

Kampf ums Kanzleramt: Laschet verzichtet

Bis zur letzten Eindämmungsverordnung galt er als der große Favorit auf die Nachfolge Angela Merkels nicht nur an der Spitze der deutschen Christdemokratie, sondern auch als kommender Kanzler. Zwar zeigten letzte Umfragen an der Basis der CDU, dass die Mitglieder der größten deutschen Partei den neoliberalen Rückkehrer Friedrich Merz favorisieren und sogar den einst von der Kanzlerin entlassenen Atlantiker Norbert Röttgen lieber an der Spitze der Regierung sähen als den derzeitigen Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen. Doch als Chef des größten Landesverbandes der Christlich-Sozialen Union lag Laschet bei den virtuellen Parteitagsdelegierten weit vorn. Zudem hatte Merkel selbst bereits verschiedentlich erkennen lassen, dass sie den 1,71-Meter kleinen politischen Riesen am liebsten in ihren Schuhen sehen würde - er wäre auch der einzige, dem sie passen würden.  

Der Favorit gibt auf

Dass Armin Laschet die Wahl annehmen würde, galt als ausgemacht. Der bereits als rheinischer Hauslatsch mit der Physiognomie eines Basset beschriebene  gebürtige Aachener hat sich über die Jahre einen Ruf erarbeitet, der vielleicht nicht beste ist, aber inzwischen kennt man ihn auch in Sachsen, Berlin und Hamburg, wo das Magazin "Der Spiegel" schon vor Beginn der Corona-Pandemie nach einer möglichst baldigen Amtsübergabe verlangte. "Merkel sollte gehen", schrieb das eigentlich merkeltreue Blatt im Februar. "Alles andere schadet der Partei, den beteiligten Personen und letztlich auch dem Land." 

Damals war Armin Laschet im Kommen, als er sich mit seinem Konkurrenten Jens Spahn zu einem Kandidatenduo verbündete, war er sogar schon beinahe durchs Ziel. Nun aber überrascht der 59-Jährige Freund und Feind mit einer radikalen Absage an alle Kanzlerambitionen: "Jeder gute Ministerpräsident kann auch Deutschland regieren", sagte er der Illustrierten "Stern" - eine Einschätzung, die im traditionell auf Zwischentöne geeichten politischen Berlin als "Ich kann es nicht" gelesen wird.

Mehr Opfer als Sachsen

Ein Eingeständnis, das nach elf Corona-Monaten nicht verwundert. Das von Laschet geführte Nordrhein-Westfalen war von Anfang an einer der hot spots der Pandemie, hier infizierten sich bis heute mehr als 400.000 Menschen mit dem Virus, mehr als 7.000 starben an und mit Corona. Zuletzt rückten zwar andere Bundesländer in den Fokus der Berichterstattung. Doch selbst Sachsen, das wegen seiner AfD-Nähe besonders betroffene Gebiet in Dunkeldeutschland, verzeichnete zuletzt nur 2.000 Neuinfektionen, während Laschets Krisenstäbe mehr als 4.000 nach Berlin melden mussten.

Dass so einer "es" nicht "kann", wie Oskar Lafontaine einst über Gerhard Schröder urteilte, steht außer Frage. Doch dass der Betreffende das selbst ein gesteht, ist im politischen Haifischbecken der Bundespolitik noch immer die Ausnahme. Umso größer der Schock in Berlin, als Laschet jetzt, unmittelbar vor Beginn der unter Eindämmungsbedingungen abzuhaltenden Abstimmung über den CDU-Vorsitz platzen ließ. 

Hinter dem linksregierten Thüringen

Erwartungsgemäß warnte der Erfinder des sogenannten "Orban-Rechts", das es Behörden in NRW erlaubt, vom eigenen Totalversagen bei der Bevorratung mit medizinischem Material abzulenken, indem sie entsprechende Vorräte bei Firmen beschlagnahmen, zwar davor, die bisherige Regierungslinie zu verlassen. "Ein Bruch mit Angela Merkel wäre das falsche Signal", sagte er. Doch zugleich enthält sein Fingerzeig auf den "guten Ministerpräsidenten", der Deutschland regieren könne, eine klare Botschaft: Ich kann es nicht, ich will es nicht, ich sehe es ein.

Nicht nur seine traurige Ausstrahlung, sondern auch die Zahlen hat Laschet auf seiner Seite. NRW lag beim Wirtschaftswachstum im letzten Boom-Jahr vor Corona mit mageren 0,2 Prozent auf  Platz neun aller Bundesländer, gleichauf mit dem linksregierten Thüringen. Bei der Arbeitslosenquote dagegen schaffte es im vergangenen Jahr geradeso einen elften Platz, gleichauf mit dem dunkeldeutschen Armutsland Sachsen-Anhalt und ganze zwei Prozent hinter dem Bundesdurchschnitt. 

Erschreckende Werte

Das sind keine Werte, die Armin Laschet ganz Deutschland antun will. Dass der Mann mit dem schweren Blick, der schon im März mit einem neugefassten Landesinfektionsschutzgesetz die Voraussetzungen schuf, die Grundrechte der körperlichen Unversehrtheit (Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 des Grundgesetzes) und der Freiheit der Person (Artikel 2 Absatz 2 Satz 2) auf dem Anordnungsweg einzuschränken, mit seinem Eingeständnis den Weg frei macht für seine beiden Konkurrenten, steht dennoch nicht zu befürchten. Vermutlich sehe sich Laschet als Kanzlermacher im Hintergrund, der nicht selbst regiere, aber über den derzeit als Unionskandidaten für das Kanzleramt gesetzten Markus Söder Einfluss auf die Weltpolitik nehme. 

Gerüchten um eine nochmalige Kandidatur von Angela Merkel, die das sicher nicht mit sich machen lassen würde, hat Armin Laschet jedenfalls eine Absage erteilt. Wie ein Kandidat aussehen müsse, sei das klar: Es müsse jemand sein, der schon einmal eine Wahl gewonnen und schon einmal eine Regierung geführt habe - also keiner wie Angela Merkel, als sie zum ersten Mal antrat. Und es brauche jemanden, der "weiß, worauf es ankommt, um Menschen zusammenzuführen."

Mittwoch, 6. Januar 2021

Geburtstag des Präsidenten: Die Schneeeule im Schloss Belevue

Faszinierende Szenen im Original-Schnitt der Tagesschau: Walter Steinmeier hört sich selbst bei einer Rede zu.

So ist das bei einem Bundespräsidenten von Format: Wenn sie erst mal angekommen sind im höchsten Amt des Staates, dann erinnert sich kaum noch jemand an sie. Dass Walter Steinmeier schon einmal fast Bundeskanzler geworden wäre, dass er als die "Schneeeule der Sozialdemokratie" gerühmt und als Verfassungsbrecher verurteilt wurde - vergeben, vergessen. Das gesamte frühere Leben des Mannes, der auch im überparteilichen Amt stets Demokrat blieb, wenn auch sein Parteibuch ruht, scheint ausgelöscht, seit Steinmeier am Ziel angekommen ist. 

Ganz oben, dort, wo der Mann mit den prächtigen weißen Haaren schon hingewollt hatte, als er noch halbunsichtbar im Schatten seines Förderers Gerhard Schröder über das politische Parkett schlich. Nie in seiner einzigartigen Laufbahn hat Walter Steinmeier jemals eine Wahl gewonnen, dennoch ist er dort angekommen, wo er nie hingewollt hatte: Sogar Bundespräsident statt nur Bundeskanzler. Für jemanden, der als Spitzenkandidat das bis dahin schlechteste Ergebnis bei einer Bundestagswahl für seine eben noch erfolgverwöhnte Partei geholt hatte  gar nicht so schlecht.

Aber der gebürtige Ostwestfale weiß, dass Beharrungsvermögen in der Politik dazugehört. Er begann als Tischlersohn in ganz kleinen Verhältnissen, in Brakelsiek im Kreis Lippe, die Mutter , so würde heute in den Hauptstadtredaktionen geschrieben, war nur Fabrikarbeiterin und leider auch Heimatvertriebene. Steinmeier machte trotzdem Abitur, er leistete damals auch noch Wehrdienst und durfte trotz der mangelnden Chancengerechtigkeit Jura studieren. Mittendrin rutschte er in verfassungsfeindliche Kreise, entschloss sich aber dann doch, die Staatslaufbahn anzustreben. Und dieser Staat verzieh seinen Feinden damals noch, das war als nicht nur denkbar, sondern möglich.

Steinmeier begann in der dritten reihe, rutschte unter Schröder eins rauf mit Mappe und wurde unter Angela Merkel ein Außenminister, wie ihn sich jede Kanzlerin nur wünschen kann. Beliebt, aber nicht bedrohlich, an den Hartz-Reformen und der Agenda 2010 beteiligt, aber willfährig auch dabei, sich von ihnen jederzeit zu distanzieren. Vorher, unter Schröder, hatte Steinmeier Krieg geführt und Foltern lassen, dabei aber immer darauf geachtet, im richtigen Moment wegzuschauen. "Der Steinmeier ist für jedes politische Amt geeignet", hieß es damals schon bewundernd im Dunstkreis der Macht. Alle die berühmten Sekundärtugenden des machtausübenden Deutschen, der zugleich Macht weiter transportieren soll, er verfüge darüber.

Erst später, als die Partei zunehmend unzufrieden damit wurde, wie ihre letzte noch aus den 90er Jahren hinübergerettete Führungsformation tatenlos zuschaute, wie alles immer mehr zugrundeging, musste eine Anschlussverwendung auch für Walter Steinmeier gesucht werden. Und wegen des präsidialen Habitus, seiner weißen Haare und der Art, mit Wählern und Bürgern langsam und überdeutlich wie zu Kindern zu sprechen, war schnell klar: Walter Steinmeier ist ein typischer Bundespräsident, ein Mann, der die Bürde der Macht des Wortes so tragen würde wie der große Weizsäcker, der sich nicht einmischte, sondern mahnte und lobte, wo immer ihn seine Protokollabteilung vor eine Kamera schob.

Als Bundespräsident ist Walter Steinmeier seitdem unsichtbar, so lange er nicht pflichtgemäß zu jeder vollen Krise einmal übersehbar oder überhörbar aus seinem Kämmerlein im Schloss Bellevue getreten kommt, um die passenden Worte und den richtigen Ton in aller Öffentlichkeit ungeschminkt auszusprechen. Wechselweise ergreift ihn dann Zorn, er ist erschüttert oder entsetzt, er fühlt tief in sich tiefe Betroffenheit und manchmal auch große Freude - Beobachter haben mitgezählt, dass die viele Ruhe und der gute Schlaf im Schloss Steinmeier befähigen, seine Gefühle im Viertelstundentakt zu wechseln.

Und der Sport natürlich. Walter Steinmeier ist einer, der für Kameras auch mal aufs Rennrad steigt, ohne Maßanzug und Leibwache, ein Bürgerpräsident, der im lockdown zwei Tage lang, drei Tage lang, so genau wusste er es gar nicht mehr, seinen Keller aufgeräumt hat. Bleibt Zeit übrig und steht es so im Terminplaner, besucht er auch mal ein leeres Impfzentrum oder er spricht persönlich mit genesenen Covid-19-Patienten - augenzwinkernd übt der SPD-Mann, der seine Niederlage gegen Angela Merkel bis heute nicht wirklich verwunden hat, damit auch Kritik an der Bundeskanzlerin, die es in elf Monaten Pandemie-Krise nicht nur nicht geschafft, sondern es tunlichst vermieden hat, irgendwo in einer Maskenfabrik, auf einer Seuchenstation oder auch nur in einem Polizeirevier aufzukreuzen.

Das Amt des Bundesmutmachers bleibt so an Walter Steinmeier hängen, an seinem großen Körper, seit Jahrzehnten ungebeugt, richten sich die Deutschen auf, ja, die Europäer und die Welt sogar. An seinem 65. Geburtstag, für einen Mann seines Jahrgangs fast schon ein Anlass, über den Ruhestand und die dort erwartbaren Bezüge nachzudenken, hat Walter Steinmeier gar nicht groß gefeiert. Beim Lesen der Glückwunschartikel, die aus allen großen Pressehäusern hereinflatterten, war er wohl gerührt, so heißt es im politischen Berlin. Aber auch entschlossen, den Deutschen weiter viel Mut zu machen: "Wir werden diese Krise überwinden - das muss gelingen und es wird gelingen." 

 

"Der Präsident von nebenan - Väterchen Stalin wird 65" - zum Download der Eloge der "Tagesschau" hier Download der Audiodatei

Corona-Treffen: Ich allein mit mir

Es ist die pure Verzweiflung, die in Berlin inzwischen die Eindämmungsverordnungfeder führt. Was eben noch 800 Quadratmetern waren, sind nun 15 Kilometer: Höchste Ansteckungsgefahr. Und in der Erweiterung der Erweiterung des im November verhängten Wellenbrecher-Lockdowns kommt zu den bereits bestehenden Beschlüssen nun noch eine Verschärfung, die private Zusammenkünfte nur noch mit einer weiteren nicht im Haushalt lebenden Person oder im Kreis der ohnehin im eigenen Haushalt lebenden Angehörigen erlaubt. Alternative dazu, so steht es im Anweisungspapier des Corona-Kabinettes, sind Treffen von Menschen mit sich allein.  

Eigenkontakte vermeiden

Mehrere Stunden hatten Ministerpräsidenten, Bundeskanzlerin und die einzelnen Fachminister über diese neue Regelung beraten, denn die Datenbasis für den Einfluss von Einzeltreffen auf den weiteren Pandemieverlauf ist bisher recht dünn. Feststeht nach Ansicht der Mehrheit der Wissenschaftler allerdings, dass jeder unterlassene Kontakt das Infektionsrisiko insgesamt senkt - folglich fällt auch jeder Kontakt eines womöglich bereits Infizierten mit sich selbst in die Kategorie der möglichst zu vermeidenden Begegnungen. Aus Nordrhein-Westfalen sei anfangs die Forderung gekommen, Bad- und Kleiderschrankspiegel per Verordnung abhängen zu lassen, ausgerechnet Sachsen, das derzeit wegen der vielen AfD-Wähler am schlimmsten betroffene Bundesland, habe das aber als "Hokuspokus" verworfen.

Die Bundeskanzlerin war es dann, die wie stets schlichtend und vermitteln, aber auch mit einem klaren Machtwort eingriff. Die gelernte Physikerin, die in ihrem Studium in der ehemaligen Ex-DDR auch Mathematik-Vorlesungen genießen durfte, rechnete der aus der gesamten Republik zugeschalteten großen Runde an den Empfängern vor, dass die sogenannten autophagen Kontakte theoretisch als Einflussfaktor mit hohem Gefährdungspotenziel gesehen werden sollten, so lange Virologie und Wissenschaft nicht zu anderslautenden Erkenntnissen gelangt seien.

Alleinseinbefehl ist nicht neoliberal

Ein entscheidendes Argument, das die skeptischen Ministerpräsidenten und sogar den aus der Impfstofforganisation herbeigeeilten Gesundheitsminister überzeugte. Der Widerspruch aus dem linksregierten Thüringen, dessen Ministerpräsident  versuchte, den Alleinseinbefehl als neoliberale Vereinsamkeitsspielerei zu diskreditieren, blieb halbherzig. Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern bügelte den Einwand kurzerhand mit einem "ganz allein machen sie dich ein, aber wenn alle allein sind, sind alle zusammen allein, also kann das nicht sein" ab.

Es habe sich danach minutenlang ein respektvolles Schweigen über die bis dahin engagiert diskutierende Runde gelegt, berichten Teilnehmer unter Drei, hörbar immer noch beeindruckt. Relativ schnell habe sich die große Runde anschließend darauf einigen können, bei der öffentlichen Vermittlung der Alleintreffenregel auf den Unterschied zwischen einer subjektiv häufig wahrgenommenen Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlich vorhandenen sozialen Beziehungen eines Menschen hinzuweisen. Einsamkeit sei hingegen der objektive Zustand eines Alleinseins in sozialer Isolation, der im Zuge der 72. Eindämmungsverordnung zwar angeordnet, durch die Durchführung im Kollektiv aber zugleich aufgehoben worden sei. 

Das Saarland ist gern allein

Man sei jetzt im ganzen Land zusammen allein, freute sich Angela Merkel über diesen kleinen Erfolg in der Pandemiebekämpfung, nachdem die Kanzlerin die Seuche wie alle regierenden Frauen weltweit monatelang am allererfolgreichsten gemanaged hatte. "Viele Menschen sind gerne alleine, ohne darunter zu leiden", habe es dazu aus dem Saarland geheißen, kolportierten Verhandlungsteilnehmer. Es gehe nun darum, die Alleintreffenregel zu popularisieren und den im Mittelalter noch als positiven Begriff der Gottnähe begriffenen Terminus "Einsamkeit" positiv aufzuladen. "Sich mit sich allein zu treffen, ist keine Normabweichung mehr, sondern der Normalzustand der Corona-Notgemeinschaft", schätzte der grüne Kretschmann aus Baden-Württemberg ein.

Aus Sachsen-Anhalt kam der Hinweis auf den vielbemühten Spruch vom „trauten Heim, Glück allein“, der Mut mache, gerade inzidenzstarke Gebiete überzeugen zu können, den zeitweiligen Rückzug von allen Dingen des Lebens insoweit ernst zu nehmen, dass Treffen mit sich selbst nur noch allein stattfinden. Sie könnten dann dem Nachdenken über das Göttliche, aber auch über das Allzumenschliche und die Sehnsucht jedes Menschen nach innerlicher Reflexion nachzusinnen. 

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, der früher als Drucker im elterlichen Betrieb gearbeitet hat, ergänzte, dass er die Regel, sich vorerst nur noch mit sich selbst zu treffen, für eine hervorragende Übung in Ewigkeit halte. "Unsere Eltern sterben und wir werden alleingelassen, dann sterben wir - als alleingelassene Alleinlasser." Deshalb ziehe sich durch jedermanns Leben, in dem er vom ersten Tage an zum Tode verurteilt sei, eine "elementare Einsamkeit", die nur einen Ausweg kenne: Die Erfüllung durch das Ende, das auch ein Ende der Einsamkeit sei.

Dienstag, 5. Januar 2021

Vertrauensverlust: Im Säurebad der falschen Versprechen

Der Moment, als die Bundesregierung bekanntgab, dass ihr nicht zu trauen ist: 14. März 2020.

Vielleicht war es dieser Moment, in dem alles zusammenbrach. In dem aus gespannter Aufmerksamkeit eines ganzen Volkes, aus der Bereitschaft, fügsam zu sein und Gefolgschaft zu leisten, eine Bockigkeit wurde, die sich aus enttäuschtem Vertrauen speist. "Achtung Fake News", hatte das Bundesgesundheitsministerium am 14. März des ersten Corona-Jahres um fünf vor zwölf Uhr mittags warnend herausgeraunt. Höchste Gefahrenstufe! Es werde "behauptet und rasch verbreitet, das Bundesministerium für Gesundheit / die Bundesregierung würde bald massive weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens ankündigen", hieß es weiter. Und "Das stimmt NICHT!"

Und es stimmte doch

Es dauerte dann noch genau einen Tag, bis der erste sogenannte lockdown mit allerlei bunt gemischten, rätselhaft voneinander abweichenden und erratisch verschlungenen Eindämmungsmaßnahmen der Bundesländer verkündet wurde. Wer dem Aufruf des Bundesgesundheitsministers gefolgt war, beim Stoppen der Verbreitung der vermeintlichen fake news aus dunklen, übelwollenden Quellen mitzuhelfen, stand nun da wie ein Trottel. Leichtgläubig. Vertrauensselig. Ein willenloses Opfer selbst schlecht gemachter Regierungspropaganda.

Nie wieder danach war die Sache so klar, nie wieder aber wagte sich auch nur irgendein Regierungsorgan, noch einmal einen Schritt auf das dünne Eis der Tagesgewissheit zu gehen. Das Selbstbewusstsein, mit dem Jens Spahn, Peter Altmaier und Armin Laschet zu Beginn der Pandemiezeit noch verkündet hatten, Masken nützten nichts, alle Arbeitsplätze in Deutschland seien sicher und die Lage im Griff, hatte sich in tiefe Verunsicherung verwandelt, als die selbsternannten Führer der Nation erstmals überhaupt vor einer Situation standen, in der es darauf ankam. Und zwar nicht darauf, welches Partikularinteresse zu bedienen wie viele zusätzliche Stimmungspunkte bringt, sondern darauf, das Richtige zu tun, um das Schlimmste abzuwenden.

Gendersterne helfen nicht

Weder Gendersterne noch Haltungsnoten helfen da, keine breitangelegte Überzeugungskampagne und nicht  die alte Merkel-Strategie des "Sie kennen mich - und einen anderen haben wir nicht". Mit der offensiv vorgetragenen Behauptung, es seien die "massiven weiteren Einschränkungen des öffentlichen Lebens" keineswegs geplant, die wenig später bereits in Kraft traten, stellte das Corona-Kabinett erstmals unter Beweis, dass es keine Strategie gab, keinen Plan und keine Vermutung, wie einer aussehen könnte.  Mit großer Geste wurde das eine behauptet, kleinlaut kurze Zeit später etwas anderes getan.

Es blieb der Grundton, der unter dem sich anbahnenden Versagen der gesamten Bundesregierung wie ein dumpf brummelnder Bass lag. Die ersten Nothilfen erreichten die einen gar nicht, die anderen aber doppelt. Die Umsatzsteuersenkung kostete den Handel mehr an Umstellungskosten als sie die Kunden bei den Preisen sparte. Die Grenzschließung kam zu spät, die Grenzöffnungen dafür dann zu  früh, die Schulen und der Nahverkehr waren keine hot spots, zumindest keine, die man zugeben wollte. Die Altenheime wurde nicht geschützt, dafür aber Freiluft-Basketballer und Tennisspieler. Die Digitalisierung war anfangs eine Katastrophe. Und sie blieb eine bis zu den Novemberhilfen, die im Januar noch nicht ausgezahlt waren.

Niemand traut ihnen mehr

Zu diesem Zeitpunkt traute schon niemand im Land mehr irgendeiner Aussage irgendeines Bundes- oder Landespolitikers weiter als er selbst auch das Gegenteil für möglich hielt. In stillem Gedenken an die Festlegung der Bundeskanzlerin vom Oktober, dass jede Corona-Bekämpfungsmaßnahme "geeignet, erforderlich und verhältnismäßig", vor allem aber "zeitlich befristet" sein müsse, wurde der kurze, knackige "Wellenbrecher-Lockdown" im Herbst verhängt, ehe er verschärft wurde, um im Winter noch besser zu wirken. Auf der Bühne diskutierten die Corona-Experten, die Corona-Ministerpräsidenten und die weitgehend unsichtbare Kanzlerin über ob und wie und wie lange der nächsten Eindämmungsverlängerung, als wisse nicht jeder, dass alles längst entschieden war: lockdown bis zur Herdenimmunistät oder bis zum Sommer. Je nachdem, was früher kommen würde. 

Das Vertrauen war weg, aufgelöst im Säurebad regierungsamtlicher Lügen, die sich in elf Corona-Monaten als systemisches Problem herausgestellt haben. Die einzige Strategie der Corona-Bekämpfer bestand stets im Versuch, im Moment gut auszusehen und im übrigen darauf zu vertrauen, dass alles andere schnell vergessen sein wird.  Wer erinnert sich schon noch nach Monaten daran, dass die Schulen hatten vorbereitet werden sollen? Dass Kliniken auf personelle Verstärkung hoffen durften? Und die Gesundheitsämter zu Hightech-Zentralen der Seuchenbekämpfung ausgerüstet werden würden?

Der Impfstoff als Heilmittel für die EU

Doch mit der Impfstoffbestellung schließlich gelang es, die eigene Unfähigkeit zu schnellen, wirksamen Maßnahmen auf den Punkt zu bringen: Politisch aufgeladen zu einer Frage, die nicht nur über Leben und Tod von tausenden Menschen, sondern vor allem über den viel wichtigeren guten Ruf der europäischen Gemeinsamkeit entscheiden sollte, geriet der deutsche Erstangriff in der Impfstoffschlacht zu einer Wiederaufführung der Schlacht von Cannae im Amateurtheater. Fabelhaft preisgünstig hatte die zur symbolischen Stärkung der eigenen Stellung mit der Impfstoffbeschaffung für alle EU-Länder beauftragte EU-Kommission  vor allem dort eingekauft, wo es noch und auch auf nähere Sicht keine lieferbaren Vakzine gibt. 

Lob der EUnfähigkeit

Wenigstens die Gefahrabwehrroutinen der Gewährsträger der gesamtgesellschaftlichen Gefahrensituation funktionieren mittlerweile wie geschmiert. Die einen preisen die EUnfähigkeit, Leben zu schützen, wo es möglich wäre, als beispielhafte Bereitschaft, andere auf dem Altar der  Wertegemeinschaft zu opfern. Die anderen spielen Schrapps hat den Hut verloren - sie waren es nicht, es waren die anderen, was ein Glück. dann kann ja niemand etwas dafür.

Vertrauensbildende Maßnahmen, die vom eigenen Versagen ablenken und die Umstände, die politische Konkurrenz, namenlose Corona-Leugner, russische Einflussagenten und die unzureichende Gefolgschaftsfreude der Bürger für die katastrophale Eindämmungsbilanz verantwortlich machen sollen. Der fake-news-Account des Bundesgesundheitsamtes bei Twitter hilft weiter mit, so gut er kann. Aktuell mit einer  Liste von Internetadressen, bei denen man "verlässliche Antworten und aktuelle Informationen zum #Coronavirus" finden könne. 

SPD: Nun doch für Impfstoffnationalismus

Frau Doktor kommt im gesamten Drama kaum vor, außer es ist gerade EU-Gipfel.

Es ist nicht nur wichtig, was man sagt, sondern vor allem, wann man es sagt. Eine Woche nur hat es gedauert, bis der Impfstoffnotstand im Land erste Konsequenzen fordert: Markus Söder machte mit einer leidenschaftlichen Philippika gegen den europäischen Impfstoffverteilungsmechanimus den Anfang, um den Wind der öffentlichen Meinung wieder von hinten ins Segel zu bekommen. Danach ging es ganz schnell, die komplette Badewanne wurde herumgedreht und wo der Franke aus Bayern noch leisen Widerspruch von der eingeschworenen Fankurve der Pandemiepolitik von Bund und Ländern ins Gesicht bekam, war mit dem Kurswechsel der SPD ein neuer Kurs gesetzt. Lars Klingbeil, der meistenteils unauffällig agierende Generalsekretär der deutschen Sozialdemokratie, empörte sich nun über den Twitter-Kanal der ältesten deutschen Partei: "Es kann nicht sein, dass das Land, in dem ein Impfstoff erforscht wurde, zu wenige Dosen hat".  

Jeder muss verzichten

Kann nicht, ist aber, denn gesamteuropäische Solidarität bedeutet eben, dass jeder ein bisschen verzichten muss. Bis hierher war das nicht nur eherne Unionsauffassung, sondern auch die der SPD, der das Signal für einen nach langen Monate des Streits wiedergewonnenen europäischen Zusammenhalt  ebenso wie der Kanzlerin wichtiger war als die eigensüchtige Bestellung möglichst großer Impfstofflieferungen für potenzielle deutsche Corona-Patienten. 

Entscheidend sei gewesen, mit einer gemeinsamen europäischen Bestellung dafür zu sorgen, "dass die Preise nicht in die Höhe schossen", wie die Süddeutsche Zeitung lobt. Und ohnehin habe Deutschland nicht aus der gemeinsamen europäischen Linie ausscheren können, weil Berlin in der zweiten Jahreshälfte 2020 die vermittelnde Rolle als EU-Ratspräsidentschaft innegehabt habe. "Sonst wäre ein unwürdiger nationalistischer Verteilungskampf unter den 27 EU-Staaten ausgebrochen, durch den die Kosten für den Impfstoff weiter in die Höhe getrieben worden wären." 

Die Kosten entscheiden


D
ie Kosten, immer noch entscheidend. Jeder Tag, den später geimpft und den die Wirtschaft länger geschlossen bleibt, kostet fünf Milliarden. Jeder Tag, den es länger dauert bis zu ersehnten Herdenimmunität kostet 4.000 Leben. Wer aber nur zwölf Euro für jede Impfdosis bezahlt hat statt 20, der hat ein beruhigendes Polster angelegt. Denn was zählt, ist das Zeichen: Mit der gemeinsamen Großbestellung gelang es der EU, die Preise für das Biontech-Vakzin um beinahe die Hälfte zu drücken. Und statt zu applaudieren, dass nun "vor allem ärmere europäische Länder bei diesem Poker" nicht "das Nachsehen" haben (SZ) und damit "enormer Schaden für den Zusammenhalt der Union entstanden wäre, die gerade den Austritt Großbritanniens verkraften muss", nörgeln und ningeln selbst verlässliche Berichterstattungspartner über "zu wenig Impfstoff", der den "Impftermin zur Glückssache" mache (ZDF).

Ein "drastisches Ausmaß an Missmanagement" entdecken die Apologeten des Wirtschaftsliberalismus, wo es so wichtig wäre, die "gemeinsame Impfstoff-Aktion" dafür zu feiern, dass sie die Bestätigung dafür liefert, "dass es doch europäische Solidarität gibt". Eine Dosis für alle, alle oder eben keiner. Im Kampf gegen den Impfstoffnationalismus musste auch die Gesundheit der Menschen in den am schlimmsten betroffenen Gebieten der Welt für einen Moment zurücktreten. Spätere Generationen werden das Opfer zweifellos zu rühmen wissen.

Die SPD kippt trotzdem um

Statt aber nun konsequent zu bleiben in dieser, bisher gemeinsam von der Großen Koalition vertretenen Position wider den mörderischen "Impfstoffnationalismus" (Steinmeier), kippt die ehemals so internationalistisch auftretende SPD gleich nach der CSU um. Plötzlich ist das halbe Kabinett in der Opposition.Manuela Schwesig schimpft im Norden, Carsten Schneider schimpft über "Chaos" und Karl Lauterbach, Hof-Virologe im Willy-Brandt-Haus, sieht nicht "wo der Impfstoff herkommen soll". Stattdessen wohl doch Weltuntergang.

Und Jens Spahn ist verantwortlich für den Impfstoffnotstand, weiß Lars Klingbeil. Notwendig sei nun "eine nationale Kraftanstrengung", um die Corona-Impfungen zu beschleunigen, fordert der Spitzengenosse neuerdings. Sein Kanzlerkandidat Olaf Scholz steht hinter ihm: Der Finanzminister, der die gerechte Verteilung des absehbaren Mangels gerade noch vehement verteidigte, hat eben die Gelegenheit genutzt, den Wahlkampf zu eröffnen und mit der Parole Deutscher Impfstoff zuerst für Deutsche ins erste Gefecht zu ziehen. 

Montag, 4. Januar 2021

Fernseh-Vielfalt: Folter auf allen Kanälen

Seit Tagen schon ist der Gemeinsinnfunk schlimm unterfinanziert, weil ein CDU-Landesverband sich der notwendigen Erhöhung des Rundfunkbeitrages verweigert hat. Und das ist nun die Quittung: In einer bundesweiten Protestaktion haben die Sender der ARD zum Beginn des neuen Fernsehjahres deutlich gemacht, wohin der Weg der Grundversorgung führt, wenn nicht genug Geld in der Kasse ist, um Intendantengehälter, Pensionsrückstellungen und neue Funkhäuser zu finanzieren, wenn gleichzeitig noch irgendeine Art Programm angeboten werden muss.  

Derart in der Bredouille, zeigten am ersten Sonntag des Jahres alle dritten Programme gleichzeitig ein Volkserziehungsstück der gehobenen Art: Ferdinand von Schirachs Doppelmoral-Oper "Feinde", eine radikale Abrechnung mit Folter, fragwürdiger Verbrechensbekämpfung und regressiven Rachegelüsten. Zum Mitdenken natürlich, denn nur wer selbst auf das richtige Ergebnis kommt, vermag es zu verinnerlichen.

Zeitgleich lief derselbe Parallel-Zweiteiler auch in der ARD, nur andersherum. Das Erste begann mit "Feinde - Gegen die Zeit" und setzte - nach einer angemessen langen Pause von einer Dreiviertelstunde zum Nachsinnen über einer zum Thema passenden Dokumentation und den aktuellen "Tagesthemen" voller anderer ethischer Fragen - mit "Feinde - Das Geständnis" fort. In sämtlichen Dritten war das erste kollektive Fernsehereignis des neuen Jahres in umgekehrter Reihenfolge zu erleben: Auf "Feinde - Das Geständnis" folgte hier "Feinde - Gegen die Zeit", freilich auch erst nach einer angemessen langen Unterbrechung, in der der Sonntagsfußball verklappt wurde.

Ein Experiment anstelle des gewohnten "Tatort"-Krimis, nicht nur wegen der tiefenpsychologischen Botschaft, sondern auch wegen der ungewohnten Belegung aller Abspielstationen mit demselben Signal. Angekündigt durch eine großzügige Vielzahl unterschiedlicher Vorschaubilder (oben) stellte die Verfilmung des Buches des Enkels von NS-Reichsjugendführers Baldur von Schirach den bisher von Fernsehführer Adolf Hitler gehaltenen Rekord der gleichzeitigen Mehrkanalpräsenz souverän ein. Hatte hitlersches Archivmaterial es in den großen Jahren der Diktaturaufarbeitung zuweilen zur parallelen Präsenz auf drei bis vier Kanälen gebracht, schaffte Schirachs "Feinde" gleich zehn. Sensationell.

Ein denkwürdiger Spitzenplatz, der selbst die wegen überhängiger Rechte auf die späte Sonntagnacht gelegte Notausstrahlung der Fußball-Bundesligaberichterstattung in den dritten Programmen weit hinter sich lässt. Wird der Fußball in den Dritten in der Regel nur abgefertigt, weil die teure Lizenz nun mal da ist, aber Talkmasterin Anne Will den Sendeplatz im Ersten blockiert, bekam das Dilemma-Drama aus
zwei Filmen mit unterschiedlichen Perspektiven mit demselben Ende den großen roten Teppich der Gebührensparsamkeit ausgelegt. 

Wer nicht bei der ARD, beim Bayrischen Rundfunk, beim Hessischen, beim Mitteldeutschen, beim RBB, beim NDR, bei Radio Bremen, dem WDR, dem Saarländischen Rundfunk oder dem SWR zuschauen wollte, etwa, weil er keinen der Sender in ausreichender Qualität empfangen kann, der wurde sicherheitshalber auch noch beim ARD-Grundversorgungszweitverwertungskanal "One" bis tief in die Nacht mit Folter bedient. Wobei die Ankündigung, es handele sich um "zwei Filme" eher eine politische war: Letztlich handelte es sich doch nur um einen mit zwei unterschiedlichen Anfangshälften.

Das Sparpotential des Abends dürfte auch aufgrund dieser Tatsache enorm gewesen sein. Statt wie üblich elf verschiedene Programminhalte anbieten zu müssen, reichte diesmal ein einziger, um alle Folterfans grundzuversorgen. Einziger Wermutstropfen: Hätten ZDF, Phoenix, Kika, tagesschau24, 3Sat, arte, ZDF info, ZDF neo und ARD alpha mitgezogen, hätte die Einsparung noch größer und wegweisender für die künftige Programmstruktur der 21 öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sein können, die im Moment die Grundversorgung der gesamten Bevölkerung mit einem an die Allgemeinheit gerichteten, inhaltlich vielfältigen Programm sicherstellt.

Bizarre EUphorie: Durch das Virus zum Zentralstaat

Verblichene Hoffnungen wecken nEUe Begehrlichkeiten.

Die gemeinsame Zeit ließ sich dann doch nicht durchsetzen, nicht langsam wie üblich und auch nicht schnell, so dass Jean-Claude Juncker ohne dieses sein letztes großes Geschenk an die Völker der EU gehen musste. Auch das Versprechen der früheren Erlöserfigur Martin Schulz, die EU bis 2025 in die Vereinigten Staaten von Europa umzubauen, scheint heute nicht näher gerückt, sondern noch ferner als vor drei Jahren, als der damals noch mächtige Schulz das Datum in einer spontanen Aufwallung von EUphorie vorschlug. 

Im Raum steht nun zwar noch Wolfgang Schäubles großer Vorschlag, aus dem Versagen von 2010 zu lernen, als man die große Krise schmählich ungenutzt ließ und die Chance verpasste, Europa durch die kalte Küche umzubauen. Doch auch der greise CDU-Mann, der den Mantel der Macht am liebsten im klassischen Sakko-Schnitt trägt, konnte sich bisher nicht durchsetzen: In der Corona-Krise verkämpfte sich die EU in Maskennationalismus, in aktivistischen Grenzschließungen und mit knieweichen Kompromissen für Feinde der gemeinsamen Werte.

Langsamer als anderswo

Alles hier geht wie immer langsamer als anderswo, das Lachen einer Million geimpfter Briten schallt bis Brüssel und die Durchhalteparolen der EUsernen Garde der professionellen Gesundbeter klingt zunehmend hohl. 2020 sei "vielleicht der Wendepunkt für die EU" gewesen", analysierte jetzt die Hamburger Wochenschrift "Die Zeit", bei der PPQ-Leser Mark Schieritz seit Menschengedenken eine scharfe Feder führt. Die Gemeinschaft gehe "aus diesem Corona- und Brexit-Jahr kleiner, aber auch gestärkt hervor", heißt es da. Nun müsse sie im Grunde nur noch "demokratischer werden".

Was für eine coole, überraschende und imponierende Idee. Einfach demokratischer werden. Jetzt, wo die letztlich ja doch immer lästigen Briten endlich, darf man endlich sagen?, endlich fort sind! es fehlt nun eigentlich Geld, weil noch einer weniger in die stets klammen, aber auch ständig größer werdenden Kassen einzahlt. Aber Deutschland hat sich anerboten, die fehlenden Beträge auszugleichen, so dass Corona den schon so lange notwendigen "innerer Integrationsschub" (Schieritz) auslösen könne. 

Zeichen der Zeit

Die Zeichen dafür stehen denkbar günstig. "Die Einigung auf einen durch gemeinsame Schulden finanzierten Wiederaufbaufonds, die Festlegung vergleichsweise ambitionierter Klimaziele, die Vollendung der Bankenunion und die Durchsetzung eines Mechanismus zur Sicherung rechtsstaatlicher Prinzipien wird die europäische Politik grundlegend verändern", verweist Mark Schieritz auf gleich vier Themenfelder, auf denen es in den zurückliegenden Monaten gelang, ohne übertrieben umständliche demokratische Prozesse zu Weichenstellungen zu kommen, die vielleicht nicht im Sinne der europäischen Verträge sind. Aber auch keine Proteste nirgendwo hervorgerufen haben.

Es ist nicht zu übersehen: Das Volk will es. Es will eben nicht die Einhaltung des Vertrages von Maastricht, der die Finanzpolitik der Währungsunion mehr oder weniger den Mitgliedsstaaten überlässt und zu dem führte, was die "Zeit" die "bekannten Probleme" nennt. Sondern es will die derzeit von Ursula von der Leyen geführte EU-Bürokratie als hyperdemokratische Gegenregierung, die "den Handlungsspielraum der Mitgliedsstaaten einschränkt" und eine "europäische Souveränität an die Stelle der nationalen Souveränität setzt". Und sei es, dass diese Strategie auch Leben kostet.

Eindrucksvolles Impfstoffdesaster

Das große Impfstoffexperiment mit 440 Millionen Probanten zeigt gerade überaus eindrucksvoll, wie die spontane Verwandlung des Staatenbundes in einen Bundesstaat mitten in der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg zum Rettungsanker aller europäischen Institutionen wird, die in der ersten Phase der Pandemie von den Nationalstaaten noch komplett aus dem Spiel genommen worden waren. Hilflos appellierte von der Leyen damals an die Regierungen der Mitgliedsstaaten, die Grenzen auf Teufel komm' raus offen zu lassen, Masken gemeinsam einzukaufen und gemeinsame Kriterien für die Erfassung von Covid-Kranken zu erarbeiten.

Vergeblich. Jeder tat, was er glaubte, tun zu müssen. Keine Spur von Rücksichtnahme auf den Ruf der Beamten in Brüssel. Die neue "historische Bedeutung" (Zeit) dieses desaströsen Jahres voller Fehl- und Einzelentscheidungen, voller Irrtümer und aufmerksamkeitsheischender Pleiten besteht nun darin, dass Europa nicht wie damals bei der Finanzkrise mit halbherzigen Maßnahmen nur ausnahmsweise von den europäischen Verträgen abgewichen wird.

Nein, die vollkommen schiefgegangene Bestellung und Verteilung des Impfstoffs stehe als Beispiel für die neue Rolle Europas: Nicht, dass möglichst schnell und am besten schnell vor allem dort geimpft wird, wo die Zahlen am bedrohlichsten sind, ist wichtig, Sondern das Signal, dass in allen Mitgliedsstaaten der EU gleichzeitig mit dem Impfen begonnen wurde. Eine "Entscheidung im europäischen Geist", nennt das die Süddeutsche Zeitung. Mag der eine oder andere, mögen gar einige Tausend für dieses Symbol ganz und gar unsymbolisch ihr Leben lassen. Das war es wert!

Opfergang im Dienst des Gemeinsinns

Die Welt, sie schaut gebannt auf diesen Opfergang im Dienst des Gemeinsinns. "Egal, ob arm oder reich, ob Nord oder Süd" (Zeit, ob hoher Inzidenzwert wie in Luxemburg, Litauen, Kroatien oder Deutschland oder niedriger wie in Island, Griechenland oder Finnland - geimpft wird überall in derselben Sekunde. 

Es ist die vielleicht größte Stärke dieser oft so schwächlich erscheinenden, nicht nur von den USA und Venezuela, sondern auch von Russland, der Türkei und dem Iran vorgeführten Gemeinschaft, dass es nach dem Ausscheiden der stets störrisch auf ihre nationalen Souveränitätsrechten beharrenden Briten bereit wie nie ist, diese selbstzerstörerischen Zentralisierungstendenzen nicht nur zu dulden, sondern sie freudig zu begrüßen. 

Der zwischenzeitliche Zerfall der EU, kaum dass das Virus ihre Gestade erreicht hatte, ist schon vergessen, der nächste Fieberschub an Allmachtsfantasien akut: Nun soll der "Zugang zum europäischen Binnenmarkt mit seinen mehr als 500 Millionen im internationalen Vergleich wohlhabenden und ausgabefreudigen Konsumenten" als "Druckmittel" (Zitate Schieritz) in Verhandlungen um  Verbraucherrechte, Umweltstandards und Klimaziele dienen, die der erratische Riese mit den immer noch sieben verschiedenen Zeitzonen weltweit durchsetzen will. 

Günstig dabei vor allem, dass das europäische Parlament auf jeden Fall noch weniger störend im Wege steht als der deutsche Bundestag dem Corona-Kabinett bei der Verhängung von Eindämmungsverordnungen. Beispielhaft für die fundamental bedeutungslose Rolle der "mächtigsten europäischen Institution" (Zeit) steht der Brexit-Vertrag: Von den Staats- und Regierungschefs abgenickt, nicht aber von irgendwelchen Parlamenten der Mitgliedsstaaten. In Großbritannien von Ober- und Unterhaus beschlossen. Zum 1. Januar inkraftgesetzt - mit der Aussicht, dass auch das EU-Parlament eines Tages, irgendwann, wenn denn mal Zeit ist, auch noch zusammenkommen wird, um nachträglich die Hände zu heben.

Danach wird alles wieder gut sein, oder wenigstens für gut erklärt werden. 

Sonntag, 3. Januar 2021

Zitate zur Zeit: Die Annalen des Wahns

Zumindest als Saisonartikel verzeichnete die Umwelt gewaltige Erfolge.

Wir sehen, dass Millionen von Menschen gleichzeitig von einer einzigen Wahnvorstellung ergriffen werden, bis ihre Aufmerksamkeit von einem neuen Aberwitz erfasst wird, der interessanter ist als der erste.

Der schottische Mediendynamiker Charles MacKay in seinem Grundsatzwerk "Zeichen und Wunder: Aus den Annalen des Wahns", 1841

Euro-Krise und die Folgen: Ton, Steine, Erben

Draghis "Was immer es kostet" kostete Millionen die Möglichkeit, sich ein Eigenheim zuzulegen.

Was immer es kostet, hatte er gesagt, aber vergessen zu erwähnen, wen es das kosten würde. Es ist siebeneinhalb Jahre her, dass der Italiener Mario Draghi in der Euro-Schuldenkrise all in ging. Mit seiner Drohung, die Europäische Zentralbank werden Geld drucken, bis jedem Spekulanten der Atem ausgehe, auf die Pleite eines Euro-Staates zu wetten, beendete der damalige EZB-Chef nicht nur die akute Phase der Euro-Krise. Sondern auch die Ära der Menschheitsgeschichte, in der es etwas kostete, sich etwas zu leihen.  

Perfekte Welt für Schuldenstaaten

Seitdem existieren die EU-Staaten von einer perfekten Welt: Über zwei, drei nicht allzu verschlungene Umwege verschulden sie sich nicht mehr bei fremden Geldgebern, sondern bei der EZB. Die idealerweise in ihrem eigenen Besitz ist. So dass die Staaten - eigentlich ihre Regierungen - Geld bekommen können, so viel sie immer haben wollen. Und das zu Preisen, die günstiger sind als alles andere auf der Welt. Deutschland zum Beispiel spart dank Negativzinsen je mehr Geld, je höher es seine Schulden schraubt.

In den meisten anderen Euro-Staaten klappt das nicht ganz so, denn ein Restrisiko, dass die seit der Rettung Griechenlands vor seinen zu hohen Schulden von 150 auf 180 Prozent des Bruttoinlandsproduktes gestiegenen Verbindlichkeiten doch eines Tages zum Todesurteil werden, besteht weiter. Doch auch für die Bürgerinnen und Bürger der EU werden die segensreichen Auswirkungen des kostenlosen Geldes immer deutlicher spürbar. 

Eine Welle des billigen Geldes

Gold etwa, der traditionelle Krisentresor des kleinen Mannes, ist sieben Jahre nach Draghi gemessen in durchschnittlichen Eurogehältern doppelt so teuer wie am Tage von Draghis Versprechen, alles und alle zu retten, egal, was es kostet. Zudem hob die Welle des billigen Geldes die Preise für Immobilien in einer Geschwindigkeit und einem Ausmaß an, der historisch ohne Beispiel ist. 

Verteuerten sich Eigenheime und Eigentumswohnungen in Deutschland bis zur Ankündigung des bedingungslosen Kampfes gegen die explodierenden Staatsschulden durch die bedingungslose Inflationierung der Sparguthaben der Bürger stets langsamer als normale, kurzlebige Konsumgüter, kehrte sich die Entwicklung mit dem Höhepunkt der Euro-Schuldenkrise um: "What ever it takes" kostete Millionen Empfänger normaler Einkommen die Chance, sich Wohneigentum zuzulegen. Im Durchschnitt sind heute mehr Jahreseinkommen als vor zehn Jahren nötig, um den Kaufpreis für eine Immobilie aufzubringen, obwohl die auch für private Hauskäufer gesunkenen Zinsen die Kreditbelastung dämpfen.

Das verarmte Wohlstandszentrum

Deutschland ist ein Mieterland, mit nur 45,5 Prozent aller Haushalte, die eine eigene Immobilie besitzen, weißt das selbsternannte "reichste Land der Welt" (ZDF) die niedrigste Quote an Wohneigentum auf. Zwar ist die Wohneigentumsquote des einkommensstärksten Fünftels der Bevölkerung seit dem Jahr 1999 von 54 auf 63 Prozent gestiegen, doch im einkommensschwächsten Fünftel sank sie in dieser Zeit von 26 auf nun nur noch 22 Prozent. 

Die steigenden Preise zahlen andere - große Investoren, die viele Wohnungen vermieten, private Anleger aus dem Ausland, die Geld ohne hohe Renditeerwartungen im vermeintlich sicheren Deutschland parken wollen, oder Beamte, Gemeinsinnmitarbeiter und staatliche Angestellte, die sich eine Zweit- oder Drittimmobilie in der Erwartung zulegen, dass sich Grund und Boden nicht vermehren lassen, so dass Preise hier, in der Mitte Europas, langfristig immer steigen müssen. Für die aber, die zurückbleiben, wird der Traum vom Eigenheim immer unerfüllbarer: Deutschland, das gefühlte Wohlstandszentrum der EU, ist immobil verarmt, ein Dritte-Welt-Land mit einer sozialistischen Wohneigentumsquote.

Samstag, 2. Januar 2021

2021: Das fängt gut an

Langsam, aber unaufhaltsam: Mittlerweile bekennen sich auch wieder große Volksparteien zum Fernziel Sozialismus.

Beim Impfen versagt, doch beim Kampf gegen den Klimawandel ganz vorn: Neue Zahlen zeigen, dass die deutsche Strategie des allmählichen Rückzugs der ehemals weltweit als Umweltzerstörer auftretenden deutschen Industrie aus der Fläche und von der Spitze Früchte trägt. Mit dem Softwareunternehmen SAP platziert sich jetzt erstmals nur noch eine deutsche Firma unter den 100 wertvollsten Konzernen dieser Welt. Verglichen mit dem Jahr 2000, als noch sieben deutsche Unternehmen unter den Top-100 standen, bedeutet das einen Rückgang um 84 Prozent.  

Rückzug aus der Fläche 

Verschwunden sind die Autohersteller, aber ebenso die Banken und Versicherungen. Auch die traurigen KraftVerbalanstrengungen der deutschen Spitzenpolitik zur staatsamtlichen Schaffung sogenannter "nationaler Champions" verpuffte vollkommen. Zwar stieg der Anteil des Staates an größeren und kleineren Unternehmen im Zuge der Corona-Krise nochmals, weil der Bundesfinanzminister nicht nur bei der Lufthansa und dem Reisekonzern Tui einstieg, sondern auch beim Impfstoffhersteller Curevac und beim Waffenhersteller Hensoldt. Gleichzeitig aber sorgten Überregulierung, bürokratische EU-Hürden, immer neue Auflagen und hohe Steuern dafür, dass alte Industrien ihre Bedeutung verloren. Während neue etwa im Internetbereich einfach nicht entstehen wollen.

Von CDU bis SPD, von den Grünen bis zur Linken wird das Phänomen einerseits bestaunt, andererseits aber geleugnet. Nie um neue Ideen für neue Abgaben, Vorschriften und Verbote verlegen, fällt Bundesregierungen seit den letzten Tagen der Regierung Schröder nichts ein, um den traurigen Trend umzukehren. Viel lieber wird der allmähliche Untergang als Sieg über den Klimawandel und die CO2-Produktion gefeiert: Was China herstellt, belastet nicht die deutsche Klimabilanz. Und was digital aus den USA importiert wird, akzeptieren selbst die Klimakreuzzügler als notwendige Werkzeuge im Kampf gegen den drohenden Untergang.

Nicht den der deutschen Industrie freilich, denn deren Zerfallsprozess ist schon zu weit fortgeschritten. Die alten Pferde ziehen nicht mehr. So sind BMW, Daimler und VW selbst zusammen nicht so viel wert wie allein der US-Konzern Tesla und von der einstigen Größe und Weltgeltung der Deutschen Bank ist nur noch ein durchsichtiger Schatten geblieben. Die Energiewirtschaft ist durch staatliche Eingriffe um ihr Geschäftsmodell gebracht worden, erst beim Atom, dann bei der Kohle. Was da noch lebt, lebt von Entschädigungen. Die Chemieunternehmen kämpfen ums Überleben, die wenigen Hightech-Firmen sind international gesehen Zwerge. 

Als Antwort auf die globalen Herausforderungen beschwören die Parteien notgedrungen die wirtschaftliche Bedeutung der keinen und größeren Mittelständler, die den Karren schon irgendwie aus dem Dreck ziehen würden. Und hilfsweise gibt es immer wieder Trostkampagnen, in denen die Bildung "nationaler Champions" oder auch "europäischer Champions" versprochen wird. In der Realität aber spielen diese neuen Großkombinate keine Rolle, sie waren und sind reine Hirngespinste, geschaffen einzig zum Zwecke der Ablenkung. 

Rückzug von der Spitze

Die Voraussetzungen sind günstig: Die höchsten Energiepreise der Welt und die höchsten Sozialabgaben zwingen Unternehmer zur Innovation, die häufig genug darin besteht, die Geschäfte zurückzubauen. Wirecard, eine große und mit großer Begeisterung geförderte Hoffnung des Berliner Politikbetriebes darauf, endlich auch einmal in der Neuzeit mitzuspielen, entpuppte sich als Luftpumpe von Illusionen, angetrieben von der betrügerischen Spekulation darauf, dass eine Lüge nur groß genug sein muss, damit sie jeder glaubt.

Mittlerweile sind alle 755 börsennotierten deutschen Unternehmen zusammen weniger wert als der amerikanische Handyhersteller Apple.

Europas Impfstoff-Versagen: Der Tod hat es eilig

Der ehemalige Effizienzweltmeister Deutschland versagt auch bei den Corona-Impfungen auf ganzer Front.

Russland begann sehr früh, China nur wenig später. Es folgten die USA und Großbritannien, Israel, Singapur und Katar. Danach erst stieg die EU ins Rennen um die Corona-Impfung ein, dass von EU-Politikern wie von Bundespolitikern vom Start weg zu "kein Wettrennen" erklärt wurde. was Leute so machen, die sehen, dass sie noch im Startblock hängen, während die Mitläufer schon in die erste Stadionkurve gehen.

Ein Fall von Vollversagen

Auch eine knappe Woche nach dem einheitlichen europäischen Impfstart, der dann in etwa so einheitlich ausfiel wie alles in dieser Notgemeinschaft, ist es dabei geblieben. Die Briten lassen den zweiten Impfstoff zu, die USA haben die ersten drei Millionen Menschen geimpft, die Briten die erste Million, die Israelis kommen auf 150.000 Impfungen am Tag. Deutschland dagegen arbeitet an einem neuen Kapitel seines in den Medien immer noch als Erfolg gefeierten Corona-Desasters: So wie Anfang des vergangenen Jahren gelogen und betrogen wurde, um die endemischen Versäumnisse von Bund und Ländern bei der Krisenvorsorge vor der Öffentlichkeit zu verbergen, wird jetzt abgelenkt, weggeschwiegen und bemäntelt, dass die EU-Strategie der gemeinsamen Pandemiebekämpfung unter Federführung der EU-Kommission jetzt schon krachend gescheitert ist.

Europa impft derzeit so langsam, dass es zwei bis drei Jahre brauchen wird, die als Voraussetzung zur Rückkehr in die alte Normalität betrachtete Herdenimmunität zu erreichen. Deutschland liegt sogar noch dahinter: Bei den bisher erreichten Impfraten wären sechs bis sieben Jahre nötig, eine ausreichend große Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern zu impfen. 

Die üblichen Einzelfall-Erklärungen

Die Bundeskanzlerin äußert sich zum erneuten Versagen ihrer Administration gar nicht, wie immer. Der Gesundheitsminister greift zur üblichen Einzelfall-Erklärung. In Bonn hätten eben Heime Unterlagen zur Bestellung von Impfdosen erst am 23. Dezember um 17 Uhr erhalten. Bayern müsse länger warten, Berlin auch, Lieferprobleme allenthalben, so sehr, dass Bundesbehörden hochamtlich erklären, man habe jetzt durchgesetzt, dass die vertraglich vereinbarte nächste Lieferung nun doch stattfinde wie vertraglich vereinbart. In der nächsten Woche. Im Kleingedruckten: Am Freitag.

Für ein Land, das eben noch weltweit den Ruf genoss, beängstigend effektiv zu arbeiten und einfach alles perfekt organisieren zu könne, ein Offenbarungseid. In den USA sind vier Wochen nach Zulassung des ersten Impfstoffes 0,9 Prozent der Bevölkerung geimpft. In Deutschland, das geduldig auf die mit großem Gemeinschafstbrimborium angekündigte EU-Zulassung gewartet hatte, die als Signal für die überragende zwischenstaatliche Solidarität zu lesen sein sollte, sind es hier im Ergebnis einer "nationalen Kraftanstrengung" (Angela Merkel) zum selben Zeitpunkt 0,09 Prozent. 

40 Mal langsamer als Bahrain

Angesichts der aktuellen Sterbezahlen, die von Amts wegen mit Corona in Zusammenhang gebracht werden, bezahlen damit jeden Tag etwa 1.000 Menschen das Versagen von EU, Bundesregierung und Bundesgesundheitsminister mit ihrem Leben. 30 Tage länger sind nach aktuellem Kurs 30.000 Tote mehr allein in Deutschland,  dem inzwischen weltweit am heftigsten betroffenen hot spot. Zwei Monate entsprechen 60.000. Für ganz EUropa, dem Staatenbund, der sich selbst immer als Kontinent ausgibt und mittlerweile der am schlimmsten betroffene Kontinent der Welt ist, entsprechen diese Zahlen einer Viertelmillion Toter, die leben könnten, würde zumindest so schnell geimpft wie anderswo.

Doch es geht wieder schief.  Es reicht nicht, nicht in Berlin und nirgendwo. Derzeit impft Deutschland 40 mal langsamer als Bahrain und mehr als 100 mal langsamer als Israel. Und niemand ist empört, keiner aufgebracht, keiner versteht nicht, was da gespielt wird und warum. Geduldig lauscht die Nation den immergleichen Erklärungen zur Notwendigkeit und Unumgänglichkeit der nächsten Lockdown-Verlängerung, zur beschleunigten Zulassung nach dem weltweit allerbesten EU-Verfahren, die dann eben mal zehn-, zwanzig- oder auch 80.000 Menschen zusätzlich das Leben kosten. Aber das Signal! Das Fanal! Das Zeichen! 

Alles ist wichtiger als ein Ende des Ausnahmezustandes

Fast wirkt es, als sei alles wichtiger als ein Ende des Ausnahmezustandes, der Existenzen zerstört, die Verschuldung künftiger Generationen in absurde Höhen treibt und das gesellschaftliche Leben ins Koma versetzt hat. Lieber noch mal lockdown, als eine Fehlerdiskussion. Nie war die Kanzlerin unsichtbarer. Und nie war sie beliebter. Und neuerdings ist ihr Gesundheitsminisiter, immerhin Cheforganisator der Katastrophe, sogar noch angesehener als sie. Die Strategie stimmt also, aus dem richtigen Winkel betrachtet.

Niemand kann keinem etwas vorwerfen, schreiben die wohlwollenden Kommentatoren. Genug bestellt haben sie doch, so billig sogar wie niemand anders auf der Welt. Und auf den billigen Einkauf kommt es an in der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. 

Dafür aber hat der britisch-schwedische Konzern Astrazeneca bei der europäischen Zulassungsbehörde EMA schon gar keinen Antrag mehr gestellt, das firmeneigene Vakzin zu genehmigen. Damit kann eine Zulassung des bisher preiswertesten Impfstoffes in Europa im Januar nicht mehr erfolgen, mögliche Impfungen mit dem Vakzin starten damit frühestens im März - bis dahin werde in Großbritannien, das am kommenden Montag mit der Verteilung des Astrazeneca-Stoffes beginnen wird, nahezu zehn Millionen Menschen immunisiert sein.

Schlüssel verloren

Den "Schlüssel zum Ende der Krise" hat Jens Spahn in den Corona-Impfstoffes ausgemacht, bisher rein theoretisch, denn durch die stillschweigende Abmachung der EU-Staaten, der Kommission in Brüssel das Schicksal von 440 Millionen EU-Bürgern bedingungslos in die Hand zu geben, verbietet sich jede Kritik an deren Versagen. Ähnlich schwierig ist die Lage der Medien in Deutschland, die im März begonnen hatten, alles grundgut und richtig zu finden, was an Verwirrung, widersprüchlichen Anweisungen und föderalem Chaos aus Berlin kam. 

Nun ist es ist zu spät, die Hand zu beißen, die einen doch füttern soll. Wenn Spahn also im Chor mit Braun und Söder und Laschet und all den anderen zum zigsten Mal das Lied anstimmt, die "Länder sollten sich bei ihrem nächsten Treffen auf ein einheitliches Vorgehen einigen", dann bricht kein Lachen aus. Dann herrscht die andächtige Stille verzauberter Begeisterung.

Freitag, 1. Januar 2021

Zitate zur Zeit: Der weise Narr

Wenn ein Narr auf seiner Torheit beharrt, kann er weise werden. 

König Harald, Vikings

Doku Deutschland: Willkommen zur Silvesterparty!

 

Millionen Deutsche erlebten in der letzten Nacht die verrückteste Silvesterparty ihres Lebens.

Wir hatten die Scheinwerfer ausgeschaltet und fuhren im Leerlauf den letzten Hügel hinunter. Der Wagen machte fast kein Geräusch, als ich ihn auf einen schmalen Pfad lenkte, der in ein kleines Wäldchen führte. das Klimalaub raschelte leise unter den auf Alufelgen laufenden SUV-Rädern, das Radio hatten wir schon vor Stunden abgeschaltet, nervös geworden wegen der Dauerwarnungen: Fahren Sie nirgendwohin. Gehen Sie nicht aus dem Haus. Verdunkeln! Fernsehen! Prost Neujahr.

Wir hatten uns anders entschlossen, schon vor Wochen. Ein Kollege von mir, dessen Frau eine Kollegin meiner Frau ist, ganz zufällig, besitzt ein abgelegenes Landhaus draußen vor der Stadt. Nicht einmal Hase und Igel kommen hierher, um sich Gute Nacht zu sagen. Der Weg wäre zu mühevoll. Als es losging mit den Corona-Beschränkungen, sagte mein Kollege, wir wollen ihn hier mal Hans nennen, dass ihn das alles gar nicht störe. Er könne immer noch mit den Hunden raus und schnelles Internet sei auch da. Bei Euch in der Stadt, sagte er, würde er sich unwohl fühlen. "So viele Infizierte da."

Unsere Hemmschwelle ist vielleicht eine andere, aber zu Weihnachten saßen wir doch allein mit Zoom vor den Bildern unserer Kinder. Winkewinke mit den Enkeln, Geschenke waren per Post rausgegangen. Aber es war doch nicht wie sonst, keine Heimeligkeit, wie sie sein muss, wenn schon kein Schnee liegt. Wir freuten uns auf den Jahreswechsel, jeder  denkt ja, nur wegen der neuen Zahl im Kalender fängt alles neu an. Und dann verboten sie auch das.

Es muss dieser eine kleine Moment gewesen sein, als wir in den Untergrund gingen. Meine Frau und ich, wir schauten wortlos an. Ein Augenblick stillen Einverständnisses. Das machen wir nicht mit, sagten wir wie aus einem Mund. 

Dazu muss ich erklären, dass wir nichts leugnen, keine Gefahr in Abrede stellen und verstehen, dass auch unsere Regierung sich zwar alle Mühe gibt, aber gar nicht richtig wissen kann, was sie tun soll, außer natürlich, nach außen den Eindruck zu vermitteln, dass sie es weiß. Wir beide sind ganz normale Leute, wir würden uns auch impfen lassen, kommen aber, nach allem was wir wissen, erst lange nach  den Schimpansen im Zoo dran.

Und Silvester stand diese Einladung unserer beiden Landflucht-Kollegen. Ein Grüppchen nur würde kommen, hatte mein Kollege gesagt. Sie werden Wiener machen die Kollegin meiner Frau. Dass die kleine Party zu einem verbotenen Akt des Widerstandes werden könnte, ahnten beide nicht. Aber als ich ihnen sagte, dass wir trotz der neuen Eindämmungsmaßnahmen gern kommen würden, sagten sie nur: Warum denn nicht?

Deshalb sind wir nun in Schleichfahrt durchs Land gekrochen, jeden Moment gewärtig, in eine Polizeikontrolle zu geraten und von Beamten hochnotpeinlich nach dem Woher und Wohin befragt zu werden. "Jeder Bürger genießt Freizügigkeit im Bundesgebiet", hatte ich den Schergen des Seuchenregimes eigentlich entgegenschleudern wollen. Doch die Stimme der Vernunft, also meine Frau, überzeugte mich, es bei einem "wir fahren spazieren, dass ist ja wohl noch erlaubt" zu belassen.

Ich brauchte den provozierenden Satz nicht sagen, denn wir entkamen allen Kontrollen. Einen Moment lang blieben wir noch im Fahrzeug sitzen, um nach draußen zu horchen. Schritte? Stimmen? Nichts. Vorsichtig und langsam stiegen wir aus. Ich klappe den Kofferraum auf und holte die alten Tarnplanen heraus, die ich aus einem früheren Hobby als Angler noch im Keller gehabt hatte. Gemeinsam mit meiner Frau breitete ich die breiten, graugrünen Stoffbahnen über unserem schwarzen SUV aus.

Noch ein paar Zweige obendrüber, etwas Laub und ein wenig Erde. In der hereinbrechenden Dämmerung konnte man unser Auto schon aus fünf, sechs Metern allenfalls noch erahnen. Wir schlüpften dann aus unseren Schuhen, um den Trittschall unserer Schritte zu dämpfen. Zwei Nachtsichtgeräte hatte ich noch kurzfristig bei einem großen Internethändler geordert, sie waren pünktlich gekommen, und so sahen wir nun, während uns hoffentlich niemand sah. 

Langsam schlichen wir durchs Unterholz, 600 Meter waren es auf der Straße zum Vierseiten-Hof unseres Kollegen, quer durch den Wald aber würde wir mindestens zwei Kilometer zu gehen haben. Doch was muss, das muss, und uns war eingeschärft worden, dass uns niemand sehen dürfe, weil nicht sicher sei, wer uns verpfeifen könnte. Kämen wir aber durch den Wald, stießen wir direkt an die kleine Schafweide hinter Hans' Grundstück. Dort kann euch niemand entdecken, hatte unser Gastgeber gesagt.

Der Boden kühl, kalt fast, als wäre es noch einmal Winter. Mit den Schuhen in der Hand lief es sich mühsam, zumal wir gebückt gehen mussten. Ich hatte uns beiden nachtdunkle Jacken und Hosen verordnet, dazu dunkle Handschuhe und Skimasken. Nur keine hellen Reflexe erzeugen, die uns verraten könnten.

Es dauerte eine Dreiviertelstunde, bis ich das Gebäude vor uns auftauchen sah, das ich als Hans' Zuhause kannte. Einen letzten spannenden Augenblick gab es noch, als meine Frau beim Versuch, einen kleinen Graben springend zu überwinden, am jenseitigen Ufer abrutschte und mit beiden Füßen im eisigen Wasser landete. Nur gut, dass du deine Schuhe in der Hand hast, flüsterte ich ihr verstohlen zu. Dann krochen wir unter dem Zaun durch, flizten fast lautlos über den backsteingepflasterten Hof unseres Gastgebers. Und ich gab das vereinbarte Klopfzeichen: Viermal lang, dreimal kurz, sechsmal lang, zwei kurz, ein lang.

Hans öffnete die Tür. Er lächelte froh und sagte: Willkommen zur Silvesterparty!