Freitag, 5. Februar 2021

Popmusik für die Pandemie: Wozu noch Sauerstoff

 

Sie ahnten es damals selbst nicht, doch das ist bei Kunst und bei Künstlern immer wieder der Fall. Als Mark Greaney vor 17 Jahren die Idee zu einem Song hatte, der auf einer simplen Akkordfolge von A, b und E basieren sollte, war die Welt noch weitgehend in Ordnung. Der islamische Angriff von 2001 war fast vergessen, die große Finanzkrise noch nicht zu erahnen, die Staatsschulden waren in sicherem Griff, wenigstens aus heutiger Sicht, und die Europäische Union beschränkte ihre Tätigkeit noch weitgehend darauf, zu allem etwas zu sagen, aber keinesfalls bockig zu werden, wenn niemand zuhörte.

Greaney, ein junger Ire, litt damals an Phantomschmerz, als er ein Lied schrieb, das sich eines Tages als perfekte Beschreibung des der Welt des Jahres 2021 entpuppen würde. "Kurze Ärmel und warme Haut", illuminiert eine Idylle, selbst der Umstand, dass Geld weg ist und es heißt, die nächsten Angehörigen riefen über die Straße, schien seinerzeit nur poetischer Blödsinn. Die Zivilisation war schließlich kein Teich, der von schwerer Luft zusammengedrückt wurde, sondern ein Zustand, der die Freiheit gewährleistete, um die der Mensch so lange gekämpft hatte. 

Der von Jesuiten erzogene Dichter, umgezogen von Dublin nach Britannien, einem Landstrich, der damals noch durchaus geachteter Bestandteil der westeuropäischen Wertegemeinschaft war und nicht hinterlistiger Vakzindieb, ahnte trotzdem schon, was kommen würde. Die Luft wird dünn, singt er, und unser Land atmet nicht ein - der lockdown, beschrieben aus der Sicht eines kindlichen Gitarrespielers, der eher Medium ist als Mahner, weil seine Verse mehr wissen als er selbst.

Echte Pandemie-Poesie, geschrieben und gesungen lange vor Ausbruch von Corona und doch erschütternd tagesaktuell. "Wir brauchen keinen Sauerstoff", singt Mark Greaney über die Träume womöglich vom Ende des Ausnahmezustandes, "die uns blind machen und einsperren" in einer altertümlichen Vorstellung vom Leben, die inzwischen "vom Sinn aufgespießt" (Greaney), also von der Lebenswirklichkeit überwunden worden ist. 

Niemals wieder wird es werden können, wie es war, so unschuldig und fröhlich selbst im juvenilen Leiden, nie wieder wird ein Lied die Zukunft so treffend beschreiben, ohne selbst davon zu wissen.  Seine für einen ganz kurzen Moment der Musikgeschichte erfolgreiche Gruppe hat Mark Cheaney längst aufgelöst, zarte Bemühungen, eine Solokarriere zu starten, scheiterten nicht erst am shutdown der gesamten Branche, sondern schon weit vorher. Was er heute macht, weiß niemand.

 

 

Oxygen, JJ72

short sleeves and warm skin

losing coins calling next of kin

dropping words about the city were in

ponds compressed by heavy air

us with out care just sprawling there

gods in our world

 

airports and undergrounds

waiting to find the unfound

rising to pure insanity

here when you want me true love

has no simplicity

gods in our world

 

you and i

were going so high

the air is getting thin

but our land does not breathe in

and we don't need oxygen

it's dreams that blind us

and locks us in

the rest are impaled by sense

Von der Leyens Leichen: Wohin denn nun mit ihr?

Ursula von der Leyen wollte ihre Karriere eigentlich mit dem Bau von Luftschlössern in Brüssel beenden. Plötzlich aber zeigt sich: Das reicht nicht.

Sie kam wie aus dem Nichts, aus dem Hut gezaubert von der Bundeskanzlerin, eigentlich auf der Flucht vor einem alten Handy, das drohte, die Bundesregierung in schweres Wasser zu treiben. Und auf einmal die Kompromisskandidatin von Deutschen und Franzosen. Ursula von der Leyen, deutsche Rekordhalterin bei der Zahl der verschiedenen Ministerposten, die jemals ein Mensch innegehabt hat,  vermochte es, das heilige Spitzenkandidatenprinzip der EU-Wahlen auszuhebeln, den beliebten Spitzenkandidaten Manfred Weber aufs Altenteil zu schieben und die Europäische Gemeinschaft so binnen weniger Tage neu zu gründen.

Die Bundeswehr als Beraterarmee

Mit demselben Selbstbewusstsein, mit dem sie die Bundeswehr zu einer großen Beraterarmee umgebaut hatte, startete Ursula von der Leyen auch in Brüssel, ihrer Geburtsstadt. Mit einem Bauchladen voller Weltverbesserungsideen redete sie dem Kontinent ins Gewissen. 28 Seiten umfasste von der Leyens aufrüttelnde erste Rede, die viel über die innere Ursula verriet: 17 mal sprach sie von „Führung“, einmal nur von Deutschland. 56 mal erwähnte sie Europa, 51 mal „europäisch“, gleich dahinter fanden sich einigende Vokabeln wie „unserer“ (39) und „Menschen“ (32), gefolgt von den wichtigsten Betreuungsinstitutionen „Kommission“ (31), „Parlament“ (30) und „Union“ (24).

Ursula von der Leyen, Tochter eines alten Pastoren- und Beamtengeschlechts aus Höxter an der Weser, denkt das menschliche Leben von oben her. Das Volk ist bei ihr eine zu lenkende Masse Mensch, die von Menschen wie ihr, die es durch höhere Einsicht, Berufung und größere Klugheit besser wissen, auf den richtigen Weg gebracht und dort gehalten werden muss.  Ein politisches Konzept, das vor allem bei schönem Wetter gut funktioniert. Dann schert sich das Volk wenig um die Visionen seiner Kostgänger, es lässt sie reden und geht seinen eigenen Geschäften nach, während die politische Klasse sich damit beschäftigt, symbolisch an einer besseren Welt zu bauen.

Ein Leben für die Weltregierung

Von der Leyen ist eine herausragende Vertreterin jener Spezies, die in Konferenzsälen und Businesslounges lebt - und in der Vorstellung, die Welt zu regieren. Die kleine Frau mit den vielen, vielen Haaren, die es schaffte, mehrere Studien zu absolvieren, während sie sieben Kinder aufzog, in Kalifornien forschte und politische Karriere vorantrieb, arbeitete eigenen Angaben zufolge daran, den Menschen "eine Welt voller neuer Technologien und tief verwurzelter Werte" zu bauen, ein "Europa, das international die Führung übernimmt, wenn es um die großen Herausforderungen unserer Zeit geht". In von der Leyens Welt wird Zukunft geschmiedet, indem Pakte und Verträge geschlossen werden, die festschreiben, wie alles werden sollen wird. Das klappt nie, wird aber nie zugegeben. Und bleibt deshalb grundlegendes Schaffensprinzip.

Dann kam das Virus. Und es kam Ursula von der Leyens Forderung an die europäischen Staatenführer, die EU nicht dauerhaft als Leerlaufbetrieb ohne Seuchenaufgaben verhungern zu lassen. Mitmachen wollte sie, mitmachen, um die eigene Bedeutsamkeit zu beweisen. Die Regierungschefs der Nationalstaaten stimmten zu. Doch die Vorbereitung der großen, erlösenden und europaweiten Impfkampagne, als Triumphzug der EU geplant, geriet zum "Impfdesaster" (Tagesschau): Zu wenig, zu langsam, zu intransparent, zu ungerecht. Sechs Wochen nach den Jubelschlagzeilen über den minutiös geplanten gemeinsamen Impfstart schießen sich selbst teilstaatliche Medien ein - und sie haben Ursula von der Leyen als Hauptschuldige für eine Situation ausgemacht, die europaweit jeden Tag fast 4.000 Menschen das Leben kostet.

Langsamer impfen, länger sterben

Wo langsamer geimpft wird, wird naturgemäß länger gestorben werden müssen. Doch wo im Mittelpunkt aller Bemühungen die Anstrengung steht, "unsere Einheit und unsere innere Stärke wiederzufinden" und "für eine stärkere Verbindung sorgen zwischen Menschen, Ländern und Institutionen" zu sorgen, tritt der urmenschliche Erwartungsreflex, der den Erhalt des menschlichen Lebens gegenüber allen anderen Dingen priorisiert, hinter das Motiv zurück, institutionell eine gute Figur zu machen, um in der nachfolgenden neuen Normalität vom angehäuften Vertrauenskapital profitieren zu können.

Ein Experiment an 440 Millionen Menschen, das unglücklicherweise ebenso misslungen ist wie von der Leyen Bundeswehrumbau, ihre Projekt zur Netzzensur und ihr mehrfach ausgerufener Trendwechsel bei der deutschen Geburtenrate. Dass Ursula von der Leyen die europäische Impfkampagne zur Chefinnensache erklärte, wird ihr nun als Fehler angerechnet: Die Hoffnungsträgerin, deren Inthronisierung an der Spitze der EU als deutscher Sieg über nationalistische Kleininteressen ausgegeben worden war, gilt nun als Problemfall.

Im Tal der Tränen

Statt zu zeigen, dass die große Frieden-und Wertegemeinschaft in fundamentalen Krisen gemeinsam und geschlossen handelt und so besser durch jedes Tal der Tränen steuert, beweist die Pandemie unübersehbar für jedermann, was im Sonnenschein schöner Tage nur Experten auffällt: Das Aushandeln von allgemein als vorteilhaft angesehenen Kompromissen zwischen 27 Staaten, in denen weit mehr als 80 Parteien mitregieren, die auch noch Rücksicht auf mehr als 190 Oppositionsparteien nehmen müssen, ist eine so komplexe Angelegenheit, dass jede kleine Bewährungsprobe sofort zu einer existenziellen Bedrohung wird, weil alles so unheimlich langsam geht, dass selbst der deutsche Föderalismus dagegen wie ein schnittiges Schnellboot auf spiegelglatter See wirkt.

Dass Ursula von der Leyen nun als Verantwortliche für ein Versagen herhalten muss, dass systemischer Natur ist, wirkt angesichts des Wirkens der 62-Jährigen nicht unbedingt ungerecht, ist aber doch unangebracht. Sicher hat das schrille, hypermoralische und nicht lebenstaugliche Agieren der Frau aus Niedersachsen, die inzwischen den allerletzten Verteidigungsgraben bezogen hat, das europäische Debakel auf eine Art befeuert, dass unter normalen Umständen nur ein Rücktritt die Spannung lösen könnte. Doch für Ursula von der Leyen gibt es keine Anschlussverwendung mehr, denn sie besetzt ja heute schon einen Posten, den sie nur innehat, weil sie einen anderen verlassen musste. Sie wird also bleiben, bis der Tag kommt, an dem sie die Katastrophe zu einem Triumph erklären kann.

Dann wird alles richtig gewesen sein. Und niemand wird die Leichen zählen.

Donnerstag, 4. Februar 2021

Fake News: Löschpflicht trifft Behörden hart

Falschdarstellungen wie diese müssen künftig binnen Stundenfrist aus dem Netz entfernt werden.

Es war natürlich nur gut gemeint, als der Landkreis München im Dezember vorpreschte. Man sei "bereit für den Impfstart", verkündete die Landkreisbehörde stolz und im Einklang mit den bundesweit geltenden Sprachregelungen.  Gerade im eben erst verschärften und verlängerten lockdown galt es, stimmungshebend Hoffnung auf das nahende Pandemieende zu schüren. Schon am 26.12. hieß es deshalb offiziell nicht nur in Bayern, Terminvereinbarungen für Impftermine seien online und telefonisch möglich. Zu Weihnachten bekamen die Deutschen dann Bilder präsentiert, die glückliche Seniorinnen zeigten, frisch geimpft und immer noch lebendig.

Es wurden Erwartungen geschürt, für die es, das ist sechs Wochen später selbst in die hermetisch abgeschirmten Schreibstuben der Großmedien und Gemeinsinnsende durchgedrungen, keine Grundlage gab. Die große Impfkampagne, von Anfang an angelegt als große Werbenummer, ist verpufft. So riesig die Hoffnungen waren, so enttäuscht sind nun die, die den Fernsehberichten von der Impffront geglaubt hatten und schon meinten, auch sie dürften bald eines der gewaltigen Impfzentren betreten.

Nun drohen allen, die ehrlichen Herzens bei der Öffentlichkeitarbeit mitgemacht hatten, Konsequenzen von der EU. Die hatte in ihrem "Aktionsplan für die Demokratie" im vergangen Jahr die Grundregeln für das Netz neu geschrieben und weitreichende Vorschriften zum Umgang mit fake news gemacht:  Anbieter müssen Einträge, die die Integrität der Demokratie gefährden können, binnen einer Stunde von ihren Plattformen löschen, sobald  sie von der zuständigen Stelle eines EU-Staats dazu aufgefordert worden sind. 

Damit sollten die demokratischen Strukturen in Europa besser vor den gefährlichen fake news geschützt werden, begründete die Vizepräsidentin der Brüsseler Behörde, Vera Jourova, im Dezember bei der Vorstellung des über Jahre hinweg vorbereiteten "Europäischen Aktionsplans für Demokratie". Ausdrücklich hatte Jourova dabei vor Desinformationskampagnen im Zusammenhang mit den bevorstehenden Corona-Impfungen gewarnt - mit gutem Grund, wie sich jetzt zeigt.

Eine Konsequenz aus dem Relotius-Skandal, aber auch aus den irreführenden Berichten über vermeintliche fake-news-Fabriken in Mazedonien, die Donald Trump zum Wahlsieg schrieben. Die EU-Kommission will mit den verschärften Vorgaben härter gegen Desinformation im digitalen Raum vorgehen - und trifft nun nicht nur Institutionen und Behörden, die in gutem Glauben für eine schnelle Durchimpfung getrommelt hatten, sondern sogar eigene Veröffentlichungen. So hatte die Kommission versprochen, dass Impfstoffe "schnell verteilt und in ganz Europa eingesetzt werden" sollten, "sobald sie sich als sicher und wirksam erwiesen haben und von der Europäischen Arzneimittelagentur die Marktzulassung erhalten haben". 

Zwar ist "schnell" keine objektive Kategorie und das "schnell" der EU gilt traditionell als das langsamste langsam anderswo. Doch weil die Kommission zudem versprochen hatte, sich dafür einzusetzen, "dass jeder, der einen Impfstoff benötigt, diesen auch bekommt, und zwar überall auf der Welt", könnte eine national zuständige Behörde wie etwa das Bundesblogampelamt (BBAA) im mecklenburgischen Warin oder eine freiwillige Meinungsfreiheitsschutzabteilung bei einer zivilgesellschaftlichen Faktencheck-Behörde könnte eine Löschung anweisen lassen. 

Denn seit klar ist, dass die Durchimpfung Deutschlands noch mehrere Jahre dauern könnte und auch der Rest der EU überwiegend nicht viel früher fertig werden wird, ist aus Brüssel von Impfstoffspenden nichts mehr zu hören. Stattdessen scheint die Gemeinschaft offenbar bereit, den weniger zahlungskräftigen Russen und Chinesen deren kostbare Vakzine wegzukaufen. Die Mitgliedsstaaten, so die EU in einer früheren Verlautbarung zynisch, könnten dann "entscheiden, Impfstoff an Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen zu spenden". 

Keine Rede mehr davon, dass "niemand sicher sein wird, solange nicht alle sicher sind". Im Überlebenskampf hat die Kommissionspräsidenten längst die impfstoffnationalistische Karte gezogen, ohne zu bedenken, dass die neuen Fake-News-Abwehrgesetze keine Ausnahmetatbestände für rückwirkend falsch-positive Nachrichten enthalten.

Sternstunden ohne Maske: "Das ist allemal richtig"

Demonstrativ ohne Maske: Lockerungen sind jederzeit möglich.

D
ie Rundfunkanstalten in Deutschland sind, im Unterschied zu denen in Polen, unabhängig. Einen Sendeplatz freizuräumen, wenn die Bundeskanzlerin meint, ihr Youtube-Kanal reiche nun aber nicht mehr aus, war also gar kein Problem. Merkels Büro ruft dazu einfach bei den Kolleg*innen von der ARD an, dort dunkelt die Redaktion einen Teilbereich der weitläufigen Studiolandschaft ab, ein paar Sessel werden passen zu den Kostümen der Darsteller aus dem Fundus geholt, Beleuchtungsprobe mit einem Praktikanten, keine Maske heute für die Teilnehmenden, viel zu gefährlich in Corona-Zeiten, nicht ohne Grund haben Friseure, Nagelstudios und Kosmetiker geschlossen.

Lange war die Frage, ob auch in Arbeitsstätten die Maskenpflicht gelten soll, ungeklärt. Seit der Verschärfung der Corona-Regeln durch den Bund-Länder-Beschluss vom 25. November ist das Tragen von Atemmasken allerdings grundsätzlich Pflicht nach einer Konkretisierung der Maskenpflicht durch die SARS-CoV-2-Arbeitsschutzverordnung wurden bundesweite Mindestregelungen eingeführt, die noch bestehende Unsicherheiten bei den Betroffenen beendeten. Es gilt eigentlich eine grundsätzliche Verpflichtung zum Tragen einer Mund- und Nasenbedeckung in Arbeits- und Betriebsstätten, nur am eigenen Arbeitsplatz nicht, wenn ein Mindestabstand sicher eingehalten werden kann. 

Ist dies beispielsweise durch eine Interviewsituation, bei sich drei nicht zum selben Hausstand gehörende Personen treffen, nicht gegeben, müssen die Beteiligten eigentlich eine Maske anlegen. Zumindest, wenn keine Plexiglasvorrichtung vorhanden ist, die den Mitarbeitenden einen gleichwertigen Schutz bietet. 

Doch Lockerungen sind jederzeit möglich, das zeigte der Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Hauptstadtstudio der ARD: Weder Rainald Becker noch Tina Hassel als Stichwortgeber noch Angela Merkel als Auskunftserteilende traten maskiert vor die Kamera. Das Trio arbeitete gemeinsam, wenn auch der Arbeitsplatz der Kanzlerin sich nicht bei der ARD befindet. Hassel und Becker befanden sich am eigenen Arbeitsplatz, wenn auch in einem Gemeinschaftsbereich, der eine Maske zur Pflicht macht. Angela Merkel war zu Besuch, aus wichtigem Grund zwar, aber nach Buchstaben der geltenden Regeln zum Maskentragen verpflichtet. 

Das Risiko, ein falsches Vorbild für Coronaleugner zu liefern und Maskenverweigerer zu ermutigen, wurde zugunsten einer besseren Verständlichkeit der Erläuterungen zur nach wie vor angespannten Lage eingegangen.

Das soll nicht vergebens gewesen sein.

PPQ.li dokumentiert die unvergesslichsten Kernsätze der Kanzlerin bei "Farbe bekennen" im Minuten-Protokoll.

Ich kann für mich sagen, ich habe einiges gelernt. Ich glaube auch, alle anderen haben etwas gelernt.

Insgesamt ist es ja natürlich schon auch eine Riesenleistung, dass wir ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie mehrere zugelassene Impfstoffe haben und die Wirtschaftsvertreter haben uns gesagt wie sie sozusagen auf höchster Intensität arbeiten, aber auch mit sehr hohem Risiko.

Was wir auch schon erlebt haben, dass Lieferungen nicht kamen, was wiederum Menschen enttäuscht. Das ist vollkommen richtig und deshalb müssen auch wir von der politischen Seite jetzt uns anpassen. 

Wir können keine starren Impfplan machen, sondern wir müssen modellieren, wir müssen das dynamisch anpassen. Aber wir waren uns mit der Wirtschaft einig, wir wollen das Maximum an Impfstoff natürlich bekommen.

Also ich finde, wir haben jetzt ein Gerüst, an dem wir uns orientieren können und für manche dauert das vielleicht recht lange, aber ich glaube, das liegt auch in der Natur der Sache.

Wir haben die Gruppen auch geordnet, in denen geimpft wird. Erst die Älteren und die Pflegekräfte, die eng mit Coronainfizierten zusammenarbeiten und ähnliches, und aus diesem Gerüst können wir uns jetzt einen dynamischen Plan erarbeiten.

Also ich glaube, dass im großen Ganzen nichts schief gelaufen ist und dass wir erstens das bekommen, was versprochen wurde, das war das erste Resultat gestern.

Amerika exportiert so gut wie nichts, das heißt, wir als Europäer sind auf unsere Produktionsanlagen zurückgeworfen oder angewiesen.

Deshalb, glaube ich, kann das schon ein richtiger Weg, dass wir das europäisch gemeinsam bestellt haben. Das ist allemal richtig. Es geht doch nicht um Nationalismus.

Es hat zum Beispiel auch gedauert bei den Verhandlungen, weil die Europäische Kommission nicht die gesamte Haftung übernehmen wollte. Und ich sag mal wenn etwas passiert mit so einem Impfstoff, wir haben in der Geschichte der Pharmazie schon Themen gehabt, wo schlimme Sachen passiert sind, dann sozusagen dass die Politik die Gesamthaftung übernimmt? Das ist auch eine Entscheidung, die wollten wir so nicht treffen und ich sage deshalb, wir kämpfen um Vertrauen für diese Impfstoffe.

Das ist eine lange Strecke, ist jetzt die schwerste Strecke noch durch diesen Winter, das habe ich oft gesagt. Der Bundesgesundheitsminister hat schon gesagt, wir müssen uns auf eine bittere Woche noch weiter einstellen.

Wir sind jetzt für Deutschland insgesamt unter hundert, das ist eine gute Leistung. Aber damit haben wir noch nicht wieder die Kontrolle über das Virus durch die Gesundheitsämter und daran müssen wir auch arbeiten und jeder Tag zählt jetzt. Ich weiß nicht, wo wir übernächsten Montag stehen oder Dienstag und deshalb bitte ich alle Bürgerinnen und Bürger, noch eine Weile durchzuhalten.

Bis alle geimpft sind, das dann keine Lockerung ist, das ist nicht der Weg, den wir anstreben.

Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass das normale Leben, wie wir es kennen mit allen Freiheiten, das Leben ist, was nicht mehr normal ist. Da wollen wir wieder hin, das sind die Grundrechte und die hat jeder, aber im Augenblick ist es nur so, dass selbst wenn jemand geimpft ist, nicht klar ist, ob nicht eine Ansteckung trotzdem an andere Personen erfolgen kann. Und solange das nicht geklärt ist, können wir überhaupt keine besonderen Maßnahmen oder Rechte geben.

Es gibt sehr viele Klagen von Menschen, die geimpft werden wollen in der höchsten Priorität. Es gibt Klagen über die Gerechtigkeit der Maßnahmen, es wird Klagen geben über die Frage von Rechten für Geimpfte. Das gehört zum Rechtsstaat und da müssen wir argumentieren als Politik: Wollen wir etwas machen, warum etwas nicht machen?

Ich glaube, wenn wir später sehr vielen Menschen ein Angebot gemacht haben können zum Impfen und dann sagen manche Menschen, wir machen keine Impfpflicht, dann sagen manche, jetzt möchte ich nicht geimpft werden, dann muss man vielleicht schon solche Unterschiede machen und sagen, okay, wer das nicht möchte, der kann vielleicht auch bestimmte Dinge nicht machen.

Wenn die Mutationen einen Impfstoff unwirksam machen würden, dann würde sich die Sache natürlich anders darstellen.

Ich kann den Menschen in Aussicht stellen, dass, wenn sie mit der Einstellung rangehen, dieses Virus können wir besiegen, indem wir ihm nicht die Bedingungen geben, die es haben will, um uns zu infizieren, wenn wir das jetzt noch eine Weile durchhalten, dann wird es besser werden.

Wir haben es erlebt im Sommer, wenn wir ganz niedrige Infektionszahlen haben, da konnten wir uns doch eine Menge leisten. Keine Normalität, aber eine Menge normales Leben. Und je geringer die Infektionszahlen sind, umso mehr davon können wir uns wieder leisten.

 

Mittwoch, 3. Februar 2021

Audienz im Ausnahmezustand: Auf dem weichen Stuhl

Im Halbdämmer des Hauptstadtstudios stellte sich Angela Merkel auf eigenen Wunsch den Stichwortgeber der ARD.

Diesmal ist es nicht Anne Will, die Vertrauensfrau der Kanzlerin, zu der sich Angela Merkel eigentlich immer einlädt, wenn es eng wird. Diesmal stattdessen Tina Hassel und Rainald Becker und eine Sendung namens "Farbe bekennen" in der ARD: Das Studio ist düster abgedunkelt, die Kanzlerin trägt Jäger-Grün, die Sessel sind rot und weich und die Assistentin der Kanzlerin hat wieder großartige Arbeit geleistet: Man sieht der dienstältesten Staatschefin der demokratischen Welt überhaupt nicht an, dass sie wegen der coronabedingten Schließung aller Coiffeure schon seit Monaten nicht mehr beim Friseur gewesen ist.  

Audienz voller Appelle

Dafür wird schnell deutlich, dass Merkel diese Audienz im Corona-Ausnahmezustand nicht gibt, um sich Vorwürfe machen zu lassen oder sich gar für Pannen, Pech und Peinlichkeiten zu rechtfertigen. Becker und Hassel, zwei ausgewiesene Experten für grüne Physik und harte Nachfragen ins Leere haben ihre Will allerdings gut studiert. Sie geben Stichworte, Merkel antwortet mit den Appellen, die sie loswerden will, auch wenn es nicht zur Frage passt. Einen Tag nach dem Impfgipfel, in den USA ist es der Tag, an dem die Zahl der  Menschen, die eine Impfung bekommen haben, erstmals die übersteigt, die sich bisher mit Corona infiziert haben, möchte Merkel einfach nur richtig verstanden werden. Bisher sei im Großen und Ganzen nichts schiefgelaufen bei der Impfkampagne. Wenn weitere Impfstoffe zugelassen würden, könnte sich die Impfkampagne sogar beschleunigen. Wenn nicht, dann nicht.   

Mit Hassel und Becker hat die Kanzlerin zwei Gesprächspartner handverlesen, die jeden Versuch unterlassen, sie in Schwierigkeiten zu bringen. Die zusätzlichen Toten, die aus der EU-Bestellstrategie resultieren, haben hier heute Abend keinen Platz, deshalb steht auch keine sogenannte Steinmeier-Kerze im Studiofenster. Auch die Rentner, die nach fast sechs Wochen der größte Impfkampagne aller Zeiten noch immer keinen Termin, aber ein entzündetes Telefonohr bekommen haben, spielen keine Rolle. Da sei nichts schief gelaufen, sagt Angela Merkel. Zwar hätten andere Länder schneller mit den Impfungen begonnen. Die aber besäßen bis heute keine ordentliche Zulassung durch die europäische Arzneimittelagentur, sondern nur Notfallzulassungen, denen man irgendwie ja doch nicht so recht trauen könne. "Wir sind auf das Vertrauen angewiesen", so Merkel und sie sei deshalb dafür, mit der "notwendigen Gründlichkeit" vorzugehen.

Ein bisschen Schwund ist immer

Dass das ein paar Menschen mehr das Leben kostet, ist nicht zu ändern. Das ist es nie denn aus Sicht der erfahrenen CDU-Politikerin ist die jeweilige Realität stets Folge unausweichlicher politischer Entscheidungen, die genau so genau richtig waren, wie sie getroffen wurden. Eine Fehlerdiskussion verbietet sich, um nicht den Falschen eine Plattform zu bieten. weshalb man sich geeinigt hat, heute Abend nicht über das Chaos in den Gesundheitsämter, die täglichen Offenbarungseide bei der Digitalisierung und die langsam anschwellende Pleitenwelle in der Wirtschaft zu sprechen.

Lieber ein Blick ins Ausland, der die Schuldfrage gratis zu beantworten verspricht. Andere gäben nichts ab, vom begehrten Impfstoff, produzierten vielmehr nur für sich, wie es in einem Nebensatz heißt, den Hassel und Becker aber entschlossen nicht als Kriegserklärung an den neuen US-Präsidenten Joe Biden interpretieren. "Das heißt, wir als Europäer sind auf unsere Produktionsanlagen zurückgeworfen." Traurig, wenn man selbst kaum produziert.

Tolldreiste Attacken

Rainald Becker, der Merkel dozieren ließ, ehe er jeweils mit einem verwegenen "Aber trotzdem" darauf bestand, die Kanzlerin möge das nun noch einmal mit anderen Worten erklären, nahm das Wort Impfstoffnationalismus nicht in den Mund, dafür aber ritt Bettina Hassel eine tolldreiste Attacke auf den von Merkel versprochenen Termin, zu dem "jeder Deutsche" (Merkel) ein "Impfangebot" erhalten soll. Das Datum 21. September sei vielleicht kein Zufall, so die Stichwortgeberin. Der Tage liege ja einen Woche vor der Bundestagswahl!

Souverän bügelte Angela Merkel den unausgesprochenen Vorwurf ab, sie versuche, mit dem Impfversprechen Wahlkampf zu machen. Das Datum sei reiner Zufall, weil an  diesem Tag nun mal "der meteorologische Sommer endet". Und sie, die Kanzlerin, doch versprochen habe, bis zum Ende des Sommers durchzuimpfen. Ahhhh, nickt Hassel da, die glatt vergisst, nachzufragen, was mit einem Impfangebot für "alle Deutschen" (Jens Spahn) gemeint ist. Was wird mit den Flüchtlingen? Was mit denen, die noch nicht länger hier leben? Wird der deutsche Pass zum Impfpass? Heißt es an der Spritze Deutsche an die Front?

Stattdessen folgt die krude These, dass man auch nicht mehr Impfstoff-Dosen bekommen hätte, "wenn man mehr bezahlt hätten". Im Grunde hätte jener nicht näher bezeichnete "man" - gemeint ist offenbar Merkels alte Verbündete Ursula von der Leyen - nach dieser Logik dann auch noch viel weniger bezahlen können, ohne dass es an der Impfstoffmenge etwas geändert hätte. 

Wie auch immer. Nun sind sie halt nicht da, die Döschen. Aber fest steht: "Der Weg ist richtig."

Europas Zeitlupenimpfung: Zeichen für den guten Zweck

Jeder, der jetzt noch stirbt, tut das für einen guten Zweck: Er stärkt die Gemeinschaft.

Warum geht das nicht schneller? Warum schaffen es andere? Warum klappt auch nach zwölf Monaten Pandemie so wenig wie die Bundesregierung über Ausbreitungswege und Clusterbildung weiß? Selbst der Impfgipfel, von dem Beobachter mindestens den Beschluss des langersehnten Zehn-Punkte-Programms für gutes Impfen in Deutschland erhofft und erwartet hatten, ging aus wie das Hornberger Schießen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, vorerst aber, wenigstens, was Deutschland betrifft, mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht an den Nebenwirkungen einer Impfung.  

Keine neuen Freiheiten

Mit ihrem Satz „solange es nach wie vor so ist, dass nur ein kleiner Teil der Menschen geimpft ist, wird es keine neuen Freiheiten geben“, hat Bundeskanzlerin Merkel deutlich gemacht, dass eine staatliche Notimpfwirtschaft nicht auf dem Programm steht. Die Medizin des Corona-Kabinettes gegen das Virus stammt aus der Hausapotheke: Gegen viele Infektionen gibt es viele Eindämmungsverordnungen. Gegen mehr noch mehr. Jetzt ist nicht die Zeit für Lockerungen, die doch nur wieder mit Protesten derer einhergehen würden, die ohne Abstand und ohne Maske wie im Anne-Will-Studio provozieren wollen. Angesichts "sinkender Zahlen" (DPA) reicht eine Prise Geduld und ein letzter Ruck GottRegierungsvertrauen, um optimistisch nach Ostern, in den Sommer, zum nächsten Tag der Deutschen Einheit und auf das anstehende Weihnachtsfest schauen zu dürfen.

Nicht die Medien im Land, sondern die berühmte "Westpresse" (Sächsische Zeitung) ist es, die mit einer umfassenden Analyse von Taktik, Strategie und Ratlosigkeit der Kanzlerin in ihren letzten Zügen aufzeigt, wohin der Hase läuft im beschränkten 15-Kilometer-Coronakreis. "Merkel’s Hand Prints Are All Over Germany’s Vaccine Failings" schreibt Bloomberg nach zwölf Krisenmonaten, die das vielleicht größte Wunder der Neuzeit offenbaren: Die Lage im Lande ist fürchterlich und die Stimmung ist grauenhaft. Doch die Umfragewerte der Union könnten kaum besser sein.

Planlos zum Impfplan

Ist es ein Plan? Dann wäre es der erste. War es so beabsichtigt? Dann handelte es sich um eine Premiere, denn von den Maskenparolen der Corona-Frühzeit bis zur Maskenverteilung in der Mittelphase war keine Absicht stark genug, Realität zu werden. Auf der Bühne aber wird der nächste Akt in Tatkraft inszeniert. Impfgipfel. Nationaler Impfplan, absichtsvoll nicht verbrämt als gemeinsames europäisches Solidaritätstreffen im Krankenhausflur. Impfnationalismus wird hoffähig, denn "Angela Merkel beginnt unter dem Druck des ins Stocken geratenen deutschen Coronavirus-Impfprogramms die Nerven zu verlieren", wie es bei Bloomberg heißt. 

Weil Angela Merkel wegen fehlender Covid-19-Impfstoffe öffentlich unter Beschuss stand und ihre Strategie, die Verantwortung auf die Europäische Union zu schieben, nicht funktioniert hatte, sei die Altkanzlerin schon bei einem Treffen mit den Ministerpräsidenten Anfang Januar "wütender" geworden "als die Beteiligten jemals gesehen" hätten. Sie habe gedroht, sich zu rächen und die Fehler der Beamten öffentlich zu machen", heißt es weiter - eine solche - wie ja überhaupt nahezu jede Emotion - sei für die nüchterne Physikerin höchst ungewöhnlich, die in ihren 15 Jahren an der Spitze der größten europäischen Wirtschaft unerschütterlich  eine Krise nach der anderen abritt. 

Komapatienten sind zufrieden

Diesmal aber droht alles zusammenzurutschen, was Merkel in ihrer schier endlosen Amtszeit aufgebaut hat. Zwar hat die CDU einen neuen Vorsitzenden, doch Armin Laschet löst in der Bevölkerung so viel Begeisterung aus wie Urlaubsverbote und Kneipenschließungen. Zwar sehen die Umfragen für die Union  sehr gut aus, doch mittlerweile schlägt das Impfdebakel auf die Stimmung durch. Nur noch elf unentwegte Prozent der Befragten, offenbar Komapatienten, sind der Meinung, dass das deutsche Impfprogramm gut läuft.  61 Prozent sehen hingegen "große Mängel". Merkel weiß, dass hier schnell symbolisch gepflastert und verbunden werden muss, soll sich die Stimmung der Straße nicht am Wahltag gegen die wenden, die den Schlamassel angerichtet haben.

Zum Glück sind die Parteien des Regierungsblock alternativlos, so dass zumindest Machtverlust nicht droht. Angela Merkel aber möchte auch Kräfteverschiebungen im schwarz-rot-grün-gelben Block vermeiden. Dass die einsame Entscheidung Merkels, der EU-Kommission die Versorgung Deutschlands in die Hände zu legen, eines Tages womöglich von Historikern gelobt werden wird, weil es ein endgültiges Auseinanderbrechen der Union noch einmal aufschob, ist das eine. Dass die Unfähigkeit der Europäischen Kommission, genügend Impfstoff zu bestellen, um welchen Preis auch immer, zehntausende Leben im derzeit am schwersten betroffenen Corona-Gebiet auf dem Kontinent kosten wird, ist ein Kollateralschaden, den vielleicht auch Merkel nicht einberechnet hat.

Verspätung und Verzug

Schon der mähliche Start der Kampagne im vergangenen Jahr erzählt von falschen Prämissen und schrägen Zielvorstellungen. Mit Verspätung bestellte die EU nicht nur Impfstoffe, die andere längst bestellt hatten, mit Verspätung begann auch der Zulassungsprozess, obwohl das jeder Tag tausende neue Todesopfer forderte. Wichtig schien nicht die Zulassung, sondern die Vermeidung einer Notzulassung durch Umbenennung in "bedingte Zulassung". Das werde die Menschen draußen im Lande beruhigen und Impfgegnern den Wind aus den Segeln nehmen, versicherte Gesundheitsminister Jens Spahn., einst  Kritiker der merkelschen Flüchtlingspolitik und heute Kronprinz des kommenden CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet.

Um selbst Kanzler zu werden, arbeitete Spahn, der die Corona-Krise zuerst für einen kurzzeitiges Problem gehalten hatte, nach seinem Eintritt ins Team Laschet sehr engagiert. Er gab Pressekonferenzen, er beruhigte, so lange Beruhigung Regierungsstrategie war. Und er alarmierte und warnte, als sich das änderte, weil die kollektive Regierungsillusion, man habe die Seuche überstanden und könne nun eine weltenrettende deutsche EU-Präsidentschaft feiern, sich im Herbst als Seifenblase entpuppte. Auf einmal war nichts vorbereitet, auf einmal standen die deutschen Corona-Kämpfer da wie am ersten Tag der Pandemie: Nackt im Wind, der brüllt und wütet, im Orkan, der Menschen frisst, nackt im Wind, der planlos tötet, weil er weiß, dass man ihn schnell vergisst, wie es in einem alten schlager heißt.

Ungewollte Impfallianz

Merkel war mit dem Brexit und dem Corona-Wiederherstellungsfonds beschäftigt, der die Südländer bei der Stange halten soll. Spahn schmiedete er eine Impfallianz mit Frankreich, Italien und den Niederlanden, die versuchen wollte, so viel Impfstoff wie möglich zu erhalten. Ein Rückfall des karrierebewussten jüngsten Ministers in seine Zeiten als Egoshooter: Die Unterzeichnung eines  Vorvertrages der Impfallianz mit AstraZeneca über 400 Millionen Dosen klang in Angela Merkels Ohren wie eine Kriegserklärung an Rest-Europa. "Impfstoffnationalismus", tönte es aus der SPD. "Alleingang" schrie die schon seit Beginn von Corona aus dem Spiel gerutschte Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen.

Wenn wir sterben, dann zusammen, beschloss die Kanzlerin, denn das ist allemal besser als Deutsche auf Kosten des Restes der EU zu retten. Der Impfstoffnationalist Spahn knickte folgsam ein. "Wir halten es für sinnvoll, wenn die Kommission die Führung in diesem Prozess übernimmt", sagte er nun mit Betonung auf "wir". Als in den USA und Großbritannien, Israel und Saudi-Arabien längst die Tinte unter Milliardenbestellungen bei AstraZeneca, BioNTech und Moderna getrocknet war, lehnte die EU-Kommission ein BioNTech-Angebot über die Lieferung von 500 Millionen Dosen ab, weil Ursula von der Leyen der Meinung war, die Notwendigkeit einer Lagerung des Vakzins bei minus 70 Grad werde den flächendeckenden Einsatz behindern.

Impfzentren als Ablenkungsmanöver

Wie unter dem Brennglas zeigt sich seitdem, dass ein Virus keine Rücksicht auf schlechte Regierungen mit unfähigem Personal nimmt. Als im späten Herbst endlich die ersten Bestellungen der EU bei den Herstellern eingingen - erst am 20. November wurde ein EU-Abkommen mit BioNTech abgeschlossen, elf Tage nachdem das Unternehmen bekannt gegeben hatte, dass sein Impfstoffkandidat in klinischen Studien zu mehr als 90 Prozent wirksam sei - wuchs die Beunruhigung in Deutschland. Hektisch wurde begonnen, sogenannte Impfzentren zu errichten, die der Bevölkerung verdeutlichen sollten, dass etwas getan werde. Natürlich wussten selbst die Baumeister dieser potemkinschen Impfkulissen, dass dort mangels Impfstoff auf Monate hinaus nichts passieren würde. Für den Moment aber war es ein "starkes Signal" (DPA):

Hinter den Kulissen rangelte man zu diesem Zeitpunkt zwischen den Mitgliedsländern schon um die Zuteilung der raren Waren. Anfangs hatte Deutschland garantieren müssen, dass es bis zu 100 Millionen Dosen von Biontech, einem Unternehmen in teilweisem deutschen Staatsbesitz, abnehmen und bezahlen würde, wenn andere Staaten den deutschen Impfstoff nicht haben wollen würden. Doch als immer mehr Studien die Vorteile des Biontech-Vakzins belegten, reklamierten andere Mitgliedstaaten größere Mengen für sich und die deutsche Zuteilung "wurde mehr als halbiert" (Bloomberg). Das politische Berlin musste nun auch dies als großen Erfolg verkaufen, um denen nicht Recht zu geben, die etwa den Brexit mit genau dieser hier unübersehbar zutagetretenden Unfähigkeit der größten Staatengemeinschaft der Weltgeschichte zu schnellen und pragmatischen Lösungen begründet hatten. 

Der neueste Sieg der EU-Bürokratie

Der neueste Sieg der zähen Bürokratie der EU über die Lebenswirklichkeit ihrer Bürgerinnen und Bürger aber ist diesmal so verheerend, dass er nach umfassender Umdeutung verlangt. Nicht gegeneinander, sondern gegen das Virus kämpfe man, hat Jens Spahn den Menschen zugerufen, die gestorben sind oder noch sterben werden, weil alles so langsam geht. Ein Opfer, das sich lohnt, denn wichtiger als dort zu impfen, wo es im Moment am schlimmsten steht, seit es, demonstrativ Fairness bei der  Verteilung der Impfstoffe zu zeigen, betont die Kanzlerin immer wieder. Hier liegen auch die geheimnisvollen "guten Gründe", die Angela Merkel neuerdings für ein "langsameres Impftempo" anführt, ohne sie konkret zu benennen: Wer jetzt noch ums Leben kommt, weil er kein Brite, Israeli, Saudi oder Amerikaner ist, der tut dies für für einen guten Zweck.

Dienstag, 2. Februar 2021

Kerzen gegen die Kanzlerin: Steinmeiers Spritzen-Aufstand

Bisher galt im politischen Berlin, dass kein Blatt zwischen die Regierungsparteien passt.Hier SPD-Generalsekretär Hubertus Heil mit seinem Bekenntnis zur Kanzlerin.

Als der Bundespräsident, immerhin auch mit den Stimmen der anderen Regierungsparteien absprachegemäß ins Amt gehoben, zum Kerzenaufstellen aufrief,  war der Kampf um die Deutung des großen Impfversagens endgültig eröffnet. Das politische Berlin, in der Corona-Kapitulation vom ersten Tag fast durchweg in einem Boot unterwegs, frug sich, welche Motive Steinmeier, einen SPD-Mann, treiben, ein Werkzeug der DDR-Opposition aus der Kramkiste des Kalten Krieges zu holen, um Front gegen die gemeinsame Pandemiepolitik von CDU, CSU, SPD, den Grünen, der FDP und der Linken zu machen. Entsetzen in der Kanzlerwaschmaschine. Olaf Scholz witterte Kanzlerluft und inszenierte sich als Oppositioneller.. Christian Lindner schalt sich, diese Idee nicht gehabt zu haben.

Start in den Bundestagswahlkampf

Ist dass schon Bundestagswahlkampf oder ein erstes, hilfloses Bewerbungsschreiben für die eigene zweite Amtszeit? Fühlt sich der weithin belächelte Steinmeier zu wenig beachtet, zu wenig gehört? Oder quält ihn das Gefühl, mitschuldig zu werden an zehntausenden Toten, wenn er nicht rechtzeitig deutlich macht, dass er nicht einverstanden ist mit so mancher Entscheidung der Regierung, die staatstheoretisch unter ihm rangiert, machttheoretisch aber alle Hebel in der Hand hat, ihn schon im nächsten Jahr ohne weitergehende Erklärung in den Ruhestand zu schicken.

Kerzen gegen Corona sind, Steinmeier weiß das ganz genau, immer auch Kerzen gegen Angela Merkel. Die Kanzlerin selbst hatte spät, aber besser als nie, entschieden, die Deutschen solidarisch zu impfen - das heißt, nicht nationalistisch vorzuspritzen und Deutschlands finanzielle Möglichkeiten kalt auszunutzen, um der derzeit am härtesten von der Seuche betroffenen großen Wirtschaftsnation der Welt möglichst schnell möglichst viel Wirkstoff gegen Corona zu verschaffen. Sondern stattdessen bei der bisherigen Leyen-Strategie zu bleiben: Warten, Zögern, halb entscheiden, halb nicht, testen und kontrollieren, aber möglichst nicht richtig, und nach statistischen Zahlen regieren, die ebenso gut gewürfelt sein könnten.

Niemals an den eigenen Fehlern zweifeln

Nie an sich selbst und den eigenen Fehlern zu zweifeln, das ist Voraussetzung für politische Entscheidungkraft. So wie Napoleon auf der Rückreise von Waterloo erklärte, er könne nicht sehen, wo er selbst irgendetwas falsch gemacht haben könne, so ist sich auch Angela Merkel sicher, das es gut war, gehandelt zu haben, wie sie gehandelt hat. „Bei der Impfstoffbestellung finde ich, dass wir das Menschenmögliche getan haben.“ Als höchste Findeich-Instanz im Land steht ihr traditionell das letzte Wort zu: Ältere erinnern sich an die unschließbaren Grenzen, die Entschlossenheit des Schaffendas und den kernigen Satz vom "dann ist das nicht mehr mein Land". Immer behielt sie recht, weil stets zu Recht wurde, was sie für Recht erklärt hatte.

So urteilt die Geschichte, sanft und in Samthandschuhen und milde über sich selbst: Mehr war nicht drin, jedenfalls nicht für Sie, meine Damen und Herren Wähler*innen. Den Gürtel eng, aber die Fahne hoch. Eben noch war es wenigstens der failed state Italien, aus dem deutsche Korrespondenten stolz melden konnten, er schaue "neidisch" auf die wie am Schnürchen anlaufende deutsche Impfkampagne. Dann eilten auch die italienischen Pikszahlen davon, schneller sogar, als das Bundespresseamt hierzulande Anzeigen schalten konnte, die für das Impfen werben. 

Die weltmeiste Propaganda für den Piks

Dabei zeigt die große deutsche Propagandaoffensive für den Piks, wie machtvoll deutsche Regierungsinstitutionen agieren können, wenn die Politik derer der da oben denen da unten einfach nur noch besser erklärt werden soll. Sechs Wochen nach Start der wie stets von der Berliner Agentur Scholz & Friends konzipierten Kampagne „Deutschland krempelt die #Ärmelhoch“ kommen auf jede verfügbare Impfdosis siebeneinhalb Impfanzeigen in deutschen Medien. Und das zum Preis von nur 25 Millionen Euro.

Und mit nachhaltigen Effekten. Während Israel auf 60 Prozent Geimpfte zusteuert, die Vereinigten Arabischen Emirate über 30 liegen, Großbritannien nahe der 15 Prozent sind und selbst die "innerlich zerrissenen" (DPA) USA kurz vor der zehn, hat es Deutschland geschafft, knappe 2,8 Prozent seiner Bevölkerung gegen Covid-19 zu immunisieren. Der große Impfgipfel, wie früher der Benzin-, der Arbeitsmarkt- und der Integrationsgipfel letzter Ausweg, um in der Öffentlichkeitsarbeit wieder in die Offensive zu kommen, brachte dann planmäßig Trost durch spitz geschönte Nachrichten: Die Hersteller liefern nun doch mehr! Millionenfach! 

Weniger als gedacht plus mehr als geunkt macht mal Geduld und Gottvertrauen zum Quadrat Zuversicht. Konkret in Zahlen hat das Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen selbst vorgerechnet: Neun Millionen Dosen Impfstoff kämen nach dem neuesten Sieg der Kommission über die widerborstigen Hersteller "hinzu". Damit würden nun insgesamt bis irgendwann 40 Millionen Dosen geliefert. 40 Millionen weniger als ursprünglich angekündigt. Aber rein sprachlich gesehen ein Gewinn.

Montag, 1. Februar 2021

HFC: Die zwei Gesichter des Februar

Jonas Nietfelds 73. Minute: Ein Strich in der Landschaft zum 1:1.

Einen Start wie die Feuerwehr legt der HFC im Heimspiel gegen den FC Saarbrücken hin. Nur falsch herum. Es sind die Gäste aus dem Saarland, die im Erdgas-Sportpark loslegen, als wollten sie dem zuletzt so überzeugend auftretenden Gastgeber gleich den Schneid abkaufen. Die Männer in Rot und Weiß bekommen keinen Fuß auf den Rasen, die Schwarzblauen dominieren die Begegnung, auch weil der wegen der Verletzung vom Stammkeeper Sven Müller wieder ins Tor gerückte Kai Eisele mehrfach Wackler in sein Torwartspiel einbaut.  

Einmal spielt er zu kurz ab, rettet denn aber in höchster Not selbst. Einmal hoppelt ein Rückpass auf ihn zu, den er gerade noch klären kann. Von da an herrscht Aufregung in der HFC-Abwehr, die sich vor lauter Unsicherheit kaum traut, Eisele weiter ins Spiel einzubeziehen.

Verunsicherung im Abwehrverbund

Es nützt nicht viel. Zwar versucht die Mannschaft von Trainer Florian Schnorrenberg gelegentlich, sich durch eigene Angriffe Entlastung zu verschaffen. Doch bis auf zwei vielversprechende Situation von Boyd und Derstroff gelingt nach vorn kaum etwas. Anders auf der Eisele-Seite: Hier schießt sich der FCS langsam warm und eigentlich müsste Saarbrücken nach einer Viertelstunde schon drei zu null führen. Mit viel Glück, im Moment eine Spezialität der Hallenser, gelingt es dem HFC, das Remis zu halten. 

Zumindest bis kurz vor dem Halbzeitpfiff. Da zeigen sich die Langzeitwirkungen der Unsicherheit im Abwehrblock auf verhängnisvolle Weise: Sören Reddemann hat einen Ball schon beinahe geklärt, doch er wagt es nicht, das Leder zu Eisele zurückzuspielen. Auch den Schlag auf die Tribüne meidet er - so dass Shipnoski keine Mühe hat, Günther-Schmidt in der Mitte zu bedienen, der aus Nahdistanz zum 1:0 trifft. Dass Derstroff im Gegenzug fast den Ausgleich einleitet, bleibt eine Notiz für den Spielberichtsbogen, denn Kapitän Jonas Nietfeld trifft erst mit der Hacke nicht. Und dann auch nicht im Nachschuss.

Das Spiel kippt zurück

Florian Schnorrenberg wechselt in der Halbzeit seine komplette Elf. Wirklich neu sieht zwar nur Fabian Mehnig aus, der für den gelbverwarnten Lukas Boeder kommt. Aber auch der Rest des Aufgebotes tritt nun ganz anders auf als vor der Halbzeit: Kein erschrockenes Hintenherumgespiele mehr, sondern lange, einfallslose Bälle nach vorn, die zu behaupten sich Braydon Manu, Terrence Boyd und Julian Derstroff bemühen.

Nicht immer mit Erfolg. Aber mit der Folge, dass das Spiel sichtlich kippt. Jetzt ist der HFC am Drücker. Saarbrücken wartet auf Konter, die nicht kommen oder nicht bis zum Ende ausgespielt  werden können. Nur richtige Chancen ergeben sich auch für den HFC nicht, der mit seinem zweiten Februar-Gesicht zwar besser aussieht, aber dem Erfolg vergebens hinterherrennt. Ohne zählbare Chance auf dem Zettel wechselt Schnorrenberg Eberwein für Titsch Rivero und Landgraf kommt für den inzwischen nun auch gelbbelasteten Janek Sternberg. 

Und jetzt dreht sich die Begegnung richtig: Vor allem Braydon Manu, immer eklig und immer einen Schritt schneller als sein Gegenspieler, schafft es, Gefahr vor der Tor der Gäste zu bringen. Derstroff auf der anderen Seite ist nun auch häufiger zu sehen und Terrence Boyd scheint nur noch auf den richtigen Augenblick zu warten, den Ausgleich zu markieren.

Pech im besten Moment

Im besten Moment des HFC-Sturms ist dann aber verkehrte Welt. Lange Flanke, Kopfballablage vom langen Boyd nach innen, der klitzekleine Manu steht einen halben Meter vor der Torlinie. Und köpft vorbei.

Bezeichnend für einen Abend, an dem beide Mannschaften phasenweise gut spielen, aber im Abschluss zeigen, warum sie gegenwärtig eben nur in der 3. Liga antreten. Bei jedem Abschluss ist ein Bein dazwischen. Oder der Torwart wirft sich hinein. Oder der Schuss segelt meterweit vorbei.

Es dauert bis zur 73. Minute, ehe sich die Mühe der Hallenser auszahlt. Es ist wieder Braydon Manu, der einen Angriff über rechts einleitet, der abgewehrte Ball kommt über Umwege zu Jonas Nietfeld, der zentral aus dem Mittelfeld angestürmt kommt. Der frühere Stürmer, vorher mehrfach aus Nahdistanz ohne Erfolg, zieht diesmal aus der Ferne ab. Und trifft endlich zum inzwischen hochverdienten Ausgleich.

Den Rest des Abends verbringen beide Mannschaften mit dem vergeblichen Versuch, aus dem einen Punkt doch noch irgendwie drei zu machen. Halle stürmt, inzwischen mit Julian Guttau für Julian Derstroff, der noch mal frischen Wind bringt. Saarbrücken, im Hinspiel noch souveräner 4:0-Sieger, hofft auf Konter. Es ist jetzt eine ausgeglichene Begegnung, über deren Ausgang nur noch das Glück entscheidet. Es entscheidet sich für die gerechteste Lösung: Nach fünf Minuten Nachspielzeit steht immer noch ein 1:1 auf der Anzeigetafel im früheren Kurt-Wabbel-Stadion. Ein Unentschieden, mit dem beide Seiten leben können. Das aber eigentlich keine der beiden Mannschaften zufriedenstellt.  

Putin: Der verschobene Tod des Diktators

Er starb keinen stillen Tod, sondern ganz offen, vor aller Augen: Das erste Corona-Jahr neigte sich gerade dem Ende zu, da erlebte Russlands Alleinherrscher Wladimir Putin endlich einmal selbst die zerstörerische Macht der fake news: Es war im November, als mit einem Schlag überall das baldige Ende des Kreml-Herrschers eingeläutet wurde. Der Eroberrer der Krim, ein Mann, der sich traditionell als kerniger Sportler inszeniert, litt auf einmal nicht mehr nur an einer, sondern an zwei schweren Krankheiten.  

Fake News flächendeckend 

Krebs und Parkinson", schrieb der "Focus", "Putin soll schwer krank sein". Der "Spiegel", seit Jahrzehnten Heimatadresse großer Kreml-Astrologen, wusste noch mehr: Mit großem Aufwand versuche der Kreml zu verheimlichen, dass Putin sich nicht in Moskau befinde, sondern am Schwarzen Meer. "Um den Schein zu wahren", sei dort "eine Kopie seines Moskauer Büros errichtet" worden. Ziel des Unternehmens: "Die Russen glauben zu lassen, ihr Präsident sei in Moskau - während der sich in Wahrheit im Kurort Sotschi am Schwarzen Meer aufhalte."

Todkrank und nicht am vorgeschriebenen Arbeitsplatz - das passte. Schon in den verrückten Zeiten vor Corona hatten Spiegel-Reporter  herausgefunden, dass der 2018 wiedergewählte Putin dabei war, sein Erbe aufzuteilen. Nun wurde auch klar, was er plant: Noch im Januar werde der Dauerherrscher der Rus "seine Pläne für den Machttransit bekannt geben", schrieben die deutschen Gazetten. "Es geht um einen umfangreichen Kaderwechsel", zitierte die "Tagesschau" anonyme Auskenner. Neben dem Regierungschef werde auch der Präsident selbst gewechselt. Höchste Zeit, denn bei Fernsehauftritten trinke Putin "aus einer Tasse Medikamente" und "unter dem Tisch würden seine Beine zittern".

Muskulöse Machtpolitik

Es geht einfach nicht mehr, so der Medientenor. Wo Angela Merkel ihre unerklärlichen Zitteranfälle überwand, indem sie öffentliche Auftritt seitdem strikt meidet, ist die öffentliche Putin-Figur gezwungen, ihrem Volk muskulöse Machtpolitik zu personifizieren. Merkel ist so beliebt wie nie, weil ihr nun neben dem Respekt, den sie als Mutter der Nation genießt, auch noch das Mitleid bekommt, das der erhält, der ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit Unmenschliches leistet. Putin aber darf nicht zittern, er darf nicht menschlich sein, er muss die Rolle als Recke spielen, weil Schwäche ihm als Schwäche ausgelegt würde.

Durch die schwere Krankheit,  von der überall die Rede war, geht das nicht mehr. Die auf Diktatoren spezialisierte Illustrierte "Stern" zählte die Symptome durch: "Zappelnde Füße, unruhige Hände, unsteter Blick". 

Der russische Präsident sei mit 68 auch nicht mehr der Jüngste, attestierte der Sender RTL. "Die Wahrscheinlichkeit, schwer zu erkranken, wird mit jedem Jahr größer." (Kommata PPQ.li). Den Rücktritt habe Wladimir Putin seiner Familie versprochen, die wegen seines Gesundheitszustandes besorgt sei: Hier ein Hustenanfall, dort ein Räuspern bei einer Videokonferenz geräuspert und dann die Abwesenheit bei der Promi-Gala "Nächtliche Hockeyliga", von der die "Frankfurter Rundschau" berichtete, ohne das Wort "Corona" zu verwenden.

Nachfolgen im Amt wird Putin seine Tochter Katerina Tikhonova, eine Frau, die als "Akademikerin, Tänzerin und Autorin" bekannt sei, wie flächendeckend zu lesen war. Die Uhr, sie tickte herunter, die Amtszeit des Mannes, der Europa zumindest nach Lesart der EU zum ersten Mal nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder in einen Krieg gestürzt hatte, näherte sich dem Ende. Hilfslos nur dementierte der Kreml, hartnäckig legten regierungskritische deutsche Journalisten nach. Zumindest, bis der Ente der Atem ausging: Als Putin jetzt beim virtuellen Wirtschaftstreffen von Davos eine Rede hielt, wurde der nun doch akute Rücktritt wegen all der schweren Erkrankungen ebenso wenig erwähnt wie im Zusammenhang mit den zahllosen Machtübernahme-Fantasien, für die der "Kreml-Kritiker" Alexej Nawalny gerade den Anlass liefert. 

Personenkennzahl: Sie zu binden, sie immer zu finden

So traurig begann die Einführung der Personenkennzahl in der DDR.


Näher ran an der Bürger, ihn besser im Blick gehalten, gerade in diesen unruhigen Zeiten, das war schon länger das Ziel zahlreicher Regierungsbestrebungen. Von der Mobilitätsüberwachung per Streckenradar über die Aufzeichnung aller Flugbewegungen, den Staatstrojaner, die Hassmeldepflicht für Meckerei im Netz und dem europaweiten Personenverfolgungssystem eCall zieht sich das Netz der  staatlichen Beobachtungsangebote immer enger zusammen. Längst bleibt schon keine Lebensregung mehr unbeobachtet, keine Zahlung unverfolgt, kein gegangener Weg mehr spurenlos. Wichtig gerade in Pandemiezeiten. 

Übergreifendes Ordnungsmerkmal 

Wie aber all die Daten all vielen befassten Behörden zuordnen, sammeln und strukturieren? Wie Hans Müller von Hans Müller unterscheiden und dafür sorgen, dass ein "übergreifendes Ordnungsmerkmal" verhindert, dass beim „verfahrensübergreifenden Identitätsmanagement“ (Innenministerium) bürgerliche Freiheiten wie die auf Anonymität erhalten bleiben? Seit Jahren bereits arbeitete die große Koalition in Berlin unangefochten von verfassungsrechtlichen Bedenken an der Einführung einer Datenbank, die künftig alle sogenannten "Grunddaten zu einer Person“ an zentraler Stelle speichern, prüfen, pflegen, aktualisieren und bereitstellen soll. 

Im Schatten der Pandemie, abgedeckt vom großen Impfkrieg, ist es nun endlich gelingen: Auf der Basis der bisherigen Steuer-ID , so hat es der Bundestag beschlossen, bekommt jeder Bundesbürger eine "Bürgernummer", über die in Zukunft 51 Behörden  aller Ebenen Zugriff auf die zu einer bestimmten Person gespeicherten Daten haben.  Die Zuordnung und Nutzung eines solchen "einheitlichen Personenkennzeichen" als umfassendes Identifikationsmerkmal hatte das Bundesverfassungsgericht im Volkszählungsurteil von 1983 für unzulässig erklärt - allerdings argumentieren CDU; CSU und SPD nun damit, dass es noch weit mehr als die 51 zugriffsberechtigten Behörden gebe, so dass von "umfassend" gar nicht die Rede sein könne.

Die neue Zahl des Tieres

Das Vorbild der nach einem Vorschlag der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) vom Arbeitstitel "Bundesidentifikationszahl" kurz vor dem Bundestagsbeschluss noch ins bürgerfreundliche "Bürgernummer" umbenannten neuen "Zahl des Tieres" (Offenbarung des Johannes) ist die Personenkennzahl (PKZ), die in der ostdeutschen DDR zum 1. Januar 1970 eingeführt worden war. Über die PKZ bekam jeder DDR-Bürger eine einmalige und unverwechselbare Nummer, der in einer eigens zu diesem Zweck errichteten Zentralen Personendatenbank in Berlin-Biesdorf personenbezogene Daten zugeordnet wurden, über die sich die Lebensregungen aller SED-Untertanen nachvollziehen ließen.

Als der damalige Finanzminister Peer "eine amerikanische Krise" Steinbrück die Einführung einer Steuer-ID initiierte,  hatte der später als SPD-Kanzlerkandidat gescheiterte Spitzengenosse noch geschworen, dass eine Ausweitung der Speicherung oder der Zugriffsrechte anderer Behörden nicht geplant sei. Eine neue Qualität des digitalen Informationsaustauschs sowie der Vernetzungs- und Zugriffsmöglichkeiten entstehe mit der Datenbank auch nicht, da streng darauf geachtet werde, "dass nicht Missbrauch mit den gesammelten Informationen betrieben werden könne".

Die nun als "Bürgernummer" wiederbegründete Personenkennzahl (PKZ) unterscheidet sich im Aufbau denn auch grundsätzlich von der in der zweiten deutschen Diktatur  amtlich festgelegten Kennzahl für jeden Bürger der DDR. War die PKZ zwölfstellig, wobei die ersten sechs Stellen Auskunft über das Geburtsdatum, die 7. Stelle über das Geburtsjahrhundert und das Geschlecht gaben, kommt die neue Bürgernummer mit elf Ziffern aus. Unter den ersten zehn befindet sich dabei eine Zahl, die doppelt beziehungsweise dreifach vorkommt; die restlichen Ziffern sind unterschiedlich.

Bürgernummerrechner in Biesdorf

Strukturell hat der Gesetzgeber festgelegt, dass die erste Ziffer nicht die Null sein darf. Zudem dient die elfte Zahl als sogenannte Prüfziffer. Die ermitteln Bürgernummerprüfzifferermittler, indem sie die erste Ziffer der zehnstelligen Nummer nach einer mathematischen Funktion berechnen, die den Rest aus einer Division zweier ganzer Zahlen benennt. Wenn das Ergebnis null beträgt, wird sie durch die Zahl zehn ersetzt und als „x“ abgespeichert. Hochmoderne Bürgernummerrechner in Berlin-Biesdorf verschlüsseln nach diesem Verfahren alle weiteren Zahlen, bis die endgültige Prüfziffer durch eine Substraktion elf mit y feststeht. Ist dieses Ergebnis gleich zehn, so ist die endgültige Prüfziffer die null. 

Kein Vergleich zur Sorglosigkeit, mit der die DDR ihre Personenkennzahlen vergab. Dort erhielten alle vor 1990 Geborenen die Ziffer 2 (männl.) oder 3 (weibl.) und die 1990 - 1999 Geborenen die Ziffer 4 (männl.) und 5 (weibl.). Die 8. bis zur 11. Stelle dienten einfach der Unterscheidung der an einem Tag Geborenen: 9999 numerische Möglichkeiten wurden aufgeteilt auf die Beurkundungsstellen, die Geburten bescheinigten. Mangels ausreichender elektronischer Rückmeldungsmöglichkeiten wurde den örtlichen Behörden vorab eine bestimmte Anzahl der vierstelligen Unterscheidungszahlen zugeordnet, so dass die Unterscheidungszahl an jedem Tag zweimal und an jedem weiteren Tag erneut vergeben werden konnte. Bei der 12. Stelle der PKZ handelte es sich ebenfalls um eine Prüfziffer, die sich aus allen vorhergehenden Ziffern errechnet und Fehler bei der Datenverarbeitung vermeiden helfen sollte.