Montag, 10. April 2017

Das Wort mit den meisten Synonymen

Die Berichterstattung über Lkws übertrifft bei weitem die über Islamisten. Mit deutlichen Peaks, wenn beide sich treffen.
Diesmal ist es ein Usbeke. Zuvor war es wohl ein Tschetschene. Davor ein Lkw-Fahrer. Und davor ein 17-Jähriger. Seit der Terror in Europa eine neue Heimat gefunden hat, rattern die Synonyme in einem endlosen Strom aus den Leitartikeln. Inzwischen bringt es kein anderes Wort weltweit auf eine so atemberaubend hohe Anzahl an alternativen Bezeichnungen. Akut auffällig ist dabei, dass sämtliche ebenso phantasie- wie detailreiche Beschreibungen den gemeinsamen Kern konsequent ausblenden.

Ein Wort kommt nie vor, eine Vokabel wird konsequent vermieden. Mehr noch: Es ist eine ganze Wortgruppe, die wie ein schwarzes Loch inmitten all dieser Zuschreibungen von Eigenschaften teilweise abwegigster Art klafft. Dieses Voldemort der Terrorberichtersatttung, dieser Begriff, der nicht genannt werden darf, wird zuweilen noch mit "sunnitisch" umschreiben. Selbst aber kommt es nicht vor - das eine gemeinsame Motiv, aus dem heraus die meisten Attentäter weltweit handeln, wird medial zu einer Leerstelle, die die Konsumenten der Berichterstattung selbst füllen dürfen: Ein Code, den jeder versteht, wie oft und anders er auch umschrieben wird.

Das Sprachpflegeboard PPQ hat im Auftrag der Gesellschaft für leichte Sprache eine Auflistung erstellt, mit deren Hilfe Leserinnen und Leser zu einem tieferen Verständnis aktueller Phänomene gelangen und verstehen könne, weshalb unter den 44 meistgesuchten Verbrechern Europas keine Terroristen sind.

Lkw
Lkw-Fahrer
Usbeke
Mann
Marokkaner
Angreifer
Planer der Anschläge
psychisch Verwirrter
Tschtschene
Kirgise
IS-Anhänger
festgenommener
Verdächtiger
Familienvater
Attentäter
Hauptverdächtiger
alleinreisender Jugendlicher
39-Jährige
Turkmene
gebürtiger Russe
Mann, der festgenommen wurde
junger Mann
Somalier
Mann aus Bad Münder
gebürtiger Siegburger
deuscher Staatsbürger
34-Jähriger
Biochemiker der Universität Leeds
Tunesier
keine direkte Verbindung zum IS
Taliban
Uigure
Berliner Attentäter
Palästinenser
arabisch sprechend
aus dem Senegal
Asylbewerber
Mann mit mehreren Identitäten
52-Jähriger
in England geboren
Selbstmordattentäter
22-Jähriger
mit Verbindungen zum IS
Festgenommene
22-jähriger Täter
Männer mit großvolumigen Gepäckstücken
Mann, der Allahu Akbar rief
bezeichnete sich als „Soldat des Kalifats“
Täter vom IS inspiriert
südländischer Typ
15 Jahre alte Terroristin
IS-Kämpfer
abgelehnter Flüchtling
Syrer
mit türkischen Wurzeln
Rucksackbomber
Nordafrikaner
Briten pakistanischen Ursprungs
geboren in Jamaika
Mann mit schwarzem Hut und weißer Jacke
ausländischen terroristischen Kämpfer
16-Jähriger

Sonntag, 9. April 2017

Die Blase aller Blasen: So lange es nur Geld ist

Es kommt schon lange nicht mehr drauf an. Im verflixten siebten Jahr der Euro-Rettung hat die Europäische Zentralbank die Phase überwunden, in der sie sich noch öffentlich gegen Vorwürfe verteidigen musste, sie gefährde mit ihrer weltgeschichtlich einmaligen Politik des kostenlosen Geldes langfristig die Stabilität der Weltwirtschaft gefährden. Inzwischen berichten nur noch Quertreiber über die exorbitante Geldschwemme. Die Leitmedien dagegen predigen die Gewöhnung an Schrumpfguthaben und Bargeldgebühren.

Mit welcher Geschwindigkeit die virtuelle Geldpresse mittlerweile läuft, zeigen Daten der EZB aus dem März. Danach stieg die Bilanzsumme im Eurosystem allein in der 13. Kalenderwoche 2017 um mehr als 208 Milliarden Euro. Insgesamt hat die EZB jetzt vier Billionen Euro ausstehen - rund 500 Milliarden mehr als noch fünf Monate zuvor. und 1,2 Billionen mehr als Ende 2015.

Ein neues Allzeithoch, das etwa sechstausend Schlagzeilen weniger ergab als die Einführung des neuen 50-Euro-Scheines. Die Bilanzsumme der EZB erreicht damit nahezu die der US-amerikanische FED. Erst im vergangenen Jahr kam der 770 Trillionen Euro schwere Second-Hand-Markt für private Waren hinzu: Alle beweglichen Güter, die in Wohnungen, Garagen und Kellern irgendwo in Europa schlummern, oft völlig vergessen von ihren Besitzern, können demnächst zu Bargeld gemacht und für neue iPhones, Jeans, Milch für Vollbäder oder Flachbildfernseher ausgegeben werden.

Während die aber inzwischen daran geht, die aufgeblähten Außenstände zu reduzieren, erhöht sich das Tempo de Anstieges in Europa. Allein am 29. März liehen sich europäische Banken beim Eurosystem 233,474 Milliarden Euro zu einem Zinssatz von null Prozent, die sie bis 2021 behalten dürfen. Die 233 zusätzlichen Milliarden addieren sich den rund 1,4 Billionen, die die Banken zuvor schon kostenlos geborgt hatten, so dass nun 1632,524 Milliarden Euro an Zentralbankgeld auf den Konten der Baken liegen.

Wozu all das Geld? Was tut es, wozu wird es benötigt, wo doch alle wackligen Banken zuletzt im Sommer 2016 endgültig gerettet worden waren?

Warum "Nutte" straffrei bleibt und "Neger" teuer wird

Läuft in der Google-Bildersuche unter dem Suchbegriff "Negernutte" - der erste Teil dieser Bezeichnung dürfte für den Konzern sehr teuer werden, der zweite ist zulässig.
Wer darf wen wie nennen? Was beleidigt wie gründlich, welches Schimpfwort trifft und wer darf wen als was bezeichnen, ohne rechtliche Nachteile zu erleiden? Die Redaktion des Flensburger Tageblatts aus dem angesehenen schleswigschen Medienhaus SHZ berichtet von einem bizarren Streitfall, der eben mit einem wegweisenden Urteil vor einem Hamburger Gericht abgeschlossen wurde. Die Beleidigung „Nutte“ stritt hier gegen die Beleidigung „Neger“, eine Rentnerin gegen einen Elfjährigen, das alte Europa in seiner kolonialistischen Gestalt gegen das neue Deutschland mit seiner weltoffenen Toleranz.

Wegweisend das Urteil: Eine unbelehrbare 78-Jährige wurde wegen der Beleidigung eines POC-Jungen zu einer Geldstrafe von 100 Euro verurteilt, weil sie den Elfjährigen als „Neger“ bezeichnet hatte. Dass der Junge sie zuvor eine "Nutte" genannt hatte, blieb straffrei, da, so das Gericht, die Beschimpfung als "Neger" schwerer als der Ausdruck „Nutte“ wiege, der an sich keine Beleidigung darstellt..

Rechtstheoretisch eine überzeugende Argumentation, da sich für ein Leben als "Nutte" tatsächlich jeder Mensch frei entscheiden kann, während es den meisten Mitbürger verwehrt bleibt, als "Neger" zu leben.

Den Tatbestand der Beleidigung durch eine gruppenbezogene Diskriminierung nach Maßgabe bestimmter Wertvorstellungen oder aufgrund unreflektierter und unbewusster Einstellungen, Vorurteile oder emotionaler Assoziationen erfüllt damit nur der Begriff "Neger", nicht aber der der "Nutte" - es handelte sich bei dem farbigen Jungen zweifellos um einen Menschen, der früher, als die Menschen noch intolerant und rassistisch waren, womöglich als "Neger" bezeichnet worden wäre. Dies aber muss er nicht dulden. Die ältere Dame hingegen muss es hinnehmen, eine "Nutte" genannt zu werden, schließlich handelt es sich dabei nicht um eine Beleidigung, sondern um eine Berufsbezeichnung.

Der Verteidiger der 78-Jährigen schimpfte nach dem Urteil auf eine vermeintlich „politische Rechtssprechung“. Doch die Sachlage ist klar: Elke W. war im Januar 2014 auf dem Fahrrad unterwegs, um durch Flaschensammeln ihre kleine Rente aufzubessern, wie es so viele ältere Deutsche tun, die den Rachen nicht voll bekommen. Unterwegs habe der unübersehbar dunkle Steven H. (Name geändert) den Radweg blockiert. „Er ist nicht zur Seite gegangen, obwohl ich mehrmals geklingelt habe“, berichtete die geständige Täterin vor Gericht. Stattdessen habe er gesagt: „Was willst du denn, du Nutte?“

Erst daraufhin will Elke W. den farbigen Jungen im Affekt als „Neger“ bezeichnet haben. Das sei ihr aber nur "so rausgerutscht" und sie habe sich auch sofort entschuldigt. Anschließend habe ein zweiter Junge sie dann noch „hässliche alte Frau“ genannt. Dadurch fühlte sich die Flaschensammlerin beleidigt beziehungsweise sie glaubte, sich beleidigt fühlen zu dürfen.

Das ist falsch. "Hässlcihe alte Frau" ist eine subjektive Beschreibung, die ebenso wie "Nutte" als reine Meinungsäußerung nicht justiziabel ist. Im Gegensatz zu "Neger", ein Wort, das objektiv beleidigenden Charakter hat, wie das Gericht befand. Um Elke W. auf den richtigen Weg zurückzuführen, verhängte es ein Ordnungsgeld von 100 Euro für die rassistische Rentnerin.

Eine Strafe mit Augenmaß, die die renitente Radlerin jetzt durch das Sammeln von 1250 Flaschen abarbeiten kann.

Samstag, 8. April 2017

Last night in Sweden: Twitter, Trauer, Terrorroutine

Um die Reaktionszeit auf aktuelle Terrorfälle zu verkürzen, soll das Brandenburger Tor künftig generell und ganzjährig in allen Landesfarben gleichzeitig beleuchtet werden.

Terrorroutine auch in Berlin, wenige Stunden nach dem "Vorfall" von Stockholm, der ganz Europa getroffen hat wie zuletzt der Anschlag von London und damit entschieden härter als danach der von St. Petersburg. Entsprechend entschieden fallen die Reaktionen im politischen Berlin aus, gerade in Wahlkampfjahren die am härtesten betroffene Region in allen Krisenfällen.


Zwar griff Kanzlerin Angela Merkel nicht wie im Fall der britischen Terrorattacke zu Telefon, aber ihr Regierungssprecher Steffen Seibert reagierte gewohnt professionell auf die Tragödie von Stockholm. "Unsere Gedanken gehen zu den Menschen in #Stockholm, zu Verletzten, Angehörigen, Rettern + Polizisten. Wir stehen zusammen gegen den Terror", bestellte er über Twitter. Bundespräsident Walter Steinmeier zeigte sich sogar persönlich "erschüttert", wie er in einer Pressenote mitteilte. "Auch wenn die Hintergründe noch unklar sind: Unsere Gedanken und unsere Solidarität sind bei den Opfern und Verletzten, bei unseren schwedischen Freunden und allen Menschen in Stockholm", hieß es in der Nachricht, die der neue Bundespräsident von einem Besuch in Griechenland kabelte.

Wie tief der Schock wirklich sitzt, zeigt die Reaktion von Innenminister Thomas de Maiziere. "Meine Gedanken und mein tiefes Mitgefühl sind bei jenen, die so jäh aus dem Leben gerissen worden sind und bei ihren Angehörigen", so der Minister, der nach dem mörderischen Angriff von London noch mitgeteilt hatte: "Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind in diesen Stunden bei den Opfern und deren Angehörigen."

Auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, zuletzt komplett abgetaucht, twitterte nach den ersten Nachrichten aus Schweden. "Ich bin schockiert über den Anschlag in Stockholm" heißt es da, wo es nach dem Londoner Anschlag noch "Ich bin schockiert über die Attacke in London" geheißen hatte. Auch diesmal sind "meine Gedanken bei den Opfern und ihren Angehörigen", diesmal nur eben in Schweden, während sie nach dem Terrorakt von St. Petersburg noch "bei den Toten, Verletzten und deren Angehörigen" waren. "Terror wird niemals siegen", fügte er hinzu.

Bundesjustizminister Heiko Maas' Bezeichnung der Attacke als "brutal und feige" steht noch aus, ebenso seine Versicherung "wir stehen an der Seite unserer schwedischen Freunde". Auch Grünen-Zugpferd Cem Özdemir scheint momentan ohne Netz. Dadurch konnte er seine Versicherung "London ist nicht alleine", die bereits durch den Anschlag von St. Petersburg bestätigt wurde und jetzt erneut Bestätigung gefunden hat, nicht wiederholen. Im Laufe des Tages rechnen Parteikreise aber mit einer gefühlvollen Coverversion seines heute schon klassischen Tweets "Wir sind in den Gedanken bei den Opfern. In Trauer, aber auch mit Wut. Terror wird nicht gewinnen!".

What happened last night in Sweden: Aus Härte wächst Hass

So schnell kann nicht einmal mehr der Berliner Senat die Beleuchtung am Brandenburger Tor  umschalten - und auch die betroffenheitswillige deutsche Bevölkerung kann ihre Trauergefühle nicht in diesem Tempo neu ausrichten. Kaum sechs Wochen nach Donald Trumps Terroransage für Schweden ist es passiert, ein offensichtlich physisch verwirrter Einzeltäter fährt mit einem Kleinlaster in eine Menschenmenge und verursacht damit einen "Vorfall" (Tagesschau). 

Das zeigt: Es ist ein Irrglaube, dem Terror mit unbedingter Härte, mehr Polizei und wiedereingeführten Grenzkontrollen beikommen zu können. Das hat die widerwärtige Bluttat von Stockholm gezeigt. Im Gegenteil: Schweden würde die Terroristen damit nur stärker machen. 

Ein Kommentar.


Noch ist nicht abschließend geklärt, aus welchen Motiven der Attentäter von Stockholm drei Menschen in den Tod gerissen hat. Lenkfehler, Trunkenheit, Depressionen oder eine enttäuschte Liebesbeziehung; Mobbing in der Schule, die allgemeine Weltlage oder die zunehmend kritische Haltung vieler, die schon länger in Schweden leben, gegen die, die erst kürzere Zeit dabei sind? Vieles ist denkbar, nur einiges sicher nicht.

Doch bereits jetzt lässt sich festhalten: Dschihadisten weltweit werden seine Tat feiern. Und man kann es tatsächlich fast überraschend finden, dass es so lange Zeit keinen Anschlag in Schweden gab, denn das Land gilt international zwar als befriedet, hat aber intern seine eigenen Probleme.

Schwedens harte Linie


Die widerwärtige Bluttat hat nun gezeigt, dass es ein Irrglaube ist, dem Terror mit unbedingter Härte beikommen zu können. Man kann ihn nicht einfach totschlagen, er lässt sich nicht militärisch besiegen. Im Gegenteil, aus der militärischen Unterlegenheit zieht er doch überhaupt erst seine Kraft – und aus den Grausamkeiten der Überlegenen schmiedet er sich seinen Rückhalt in Teilen der Bevölkerung.

Schweden hat nicht nur Truppen in Afghanistan eingesetzt, es hilft auch, die Mörder des Islamischen Staats in Syrien mit Transportkapazitäen zu bekämpfen und liefert Logistik für die Friedensmission in Mali. Es ist Wladimir Putin, der den Despoten Assad schützt – einen Mann, der nach Überzeugung der UN Giftgas gegen das eigene Volk einsetzt. Aber Schweden unterstützt die Peschmerga im Nordirak, denen Kriegsverbrechen vorgeworfen werden. Zuletzt hatte sich der Regierungschef empört über die Praxis einer islamischen Schule in Stockholm geäußert, die Mädchen und Jungen getrennte Türen im Schulbus zur Verfügung stellt.

Sveriges "största respekt"


Das musste Ministerpräsident Stefan Löfven trotz seiner Beteuerung "Vi har största respekt för Islam" zwangsläufig zu einem Hauptfeind des Dschihadismus machen. Die sozialdemokratisch Wohlstandsgesellschaft im Norden gilt Extremisten mit ihrer provokativ ausgestellten Liberalität bei gleichzeitig hohen Schnaps- und Zigarettenpreisen als legitimes Ziel.

Experten halten den Anschlag in der Stockholmer Einkaufspassage für ein klares politisches Signal. Schweden habe zunehmend ein innenpolitisches Problem mit dem militanten Islamismus. Mit mehr als zehn Prozent Muslimen in der eigenen Bevölkerung müsse die weltoffene skandinavische Demokratie große Sorgen vor einer inneren Front haben.

Rosenbad-Kritiker (Rosenbad ist der Regierungsitz) machen sich nun Sorgen, dass die Regierung den Anschlag für ihre Zwecke nutzt. „Die Tragödie kann Löfven einen Vorwand liefern, die Daumenschrauben anzuziehen, wie nach dem Flüchtlingszustrom, als er die Grenzen schließen ließ“, fürchtet der rosenbadkritische Blogger Carl Ladeplads, der entschlossen ist, der Regierung weiter Fragen zu stellen. "Sie hat dem Volk Freiheiten genommen, und dafür Sattheit und Sicherheit versprochen. Aber sie sichert weder das eine noch das andere.“

Freitag, 7. April 2017

Medien: Ein dreistes Triptichon

Fast wie echter Journalismus. Und überall derselbe Text.
Bei den einen heißt es immerhin noch Anzeige, wenn auch nur in der Internet-Url und einer grauen Notiz am rechten Rand. Bei den anderen ist das Wort versteckt wie ein Osterei, vorhanden zwar, aber von keinem arglosen Leser auf Anhieb wahrzunehmen. Der dritte schließlich nennt das, was er bezahlt bekommen hat, in der Url ein „Angebot“.

Drei große deutsche Leitmedien, dreimal derselbe Beitrag, dreimal dieselbe Überschrift, dreimal unterschiedlich getarnt. Männer, die vor vielen, vielen Jahren mit Drohungen, Verhaftungen und Enteignungen für die Gleichschaltung der deutschen Presse sorgten, wären heute erstaunt, wie einfach es ist, das Ganze friedlich und geradezu fröhlich zu exekutieren.

Schick den Nachrichtenmagazinen, den investigativen Tageszeitungen und der Wochenzeitung, die aus ihrer Innensicht die letzte Bastion der Moral in der Welt ist, einfach einen fertigen Text und im selben Umschlag einen Scheck. Und schon wird freiwillig gleich, was eben noch in zumindest manchmal glaubhaft gespielter Konkurrenz vorgab, sich um Meinungsfreiheit, demokratische Debatten und politische Kultur zu scheren.

Doch wenn es um „Rede & Antwort“ (Zitat) zum Thema „Was macht Ihr eigentlich mit unseren Daten?“ geht, dann hat sich was mit Investigativ-Journalismus. Autorin Kaline Murr, von der das Internet noch nie zuvor gehört hatte, macht sich „auf den Weg zum Entwicklungszentrum von Google“, fast wie ein eigener Spiegel-, Zeit- oder SZ-Reporter, nur eben kommt sie auch rein. Mit ihrem Gepäck aus Fragen an die „leitenden Entwickler Wieland Holfelder und Stephan Micklitz“, die es früheren Berichten zufolge tatsächlich zu geben scheint.

Hier enthüllen sie nun vor aller Augen, „dass wohl nirgendwo in der Branche so viel getan werde, um die Daten der Nutzer vor Angriffen aus dem Netz zu schützen“ wie bei Google.

Kann man das glauben? Man muss sogar! Schließlich steht es überall wie damals die gleichlautende Meldung über die vielen Ehec-Toten, die nicht mehr "ganz gesund" zu werden drohten. Nur dass die Wahrheitsfabrik diesmal nicht DPA heißt. Sondern Google-Marketingabteilung.

Medienphänomen: Der Boom der jungen Männer

Immer mehr junge Männer liefern den deutschen Medien spannenden Stoff.

Deutschland ändert sich, erfindet sich neu, wird vom Wohlstandsbauch Europas zu einem dynamischen Landstrich, in dem das Leben pulsiert. Wildes Land, aufgewacht aus einem langen Tagtraum, der geprägt war von Langeweile und dem Gedanken an den beständig nahenden Tod. Inzwischen ist Deutschland ganz anders als es Menschen in Erinnerung haben, die Städte und Gemeinden irgendwann zwischen 2000 und 2012 zum letzten Mal besucht haben. Spannender. Experimenteller. Und versehen mit geheimnisvollen Codes, die an die wunderbare Volkskunst der DDR-Bürger erinnern, die miteinander reden konnten, ohne je etwas Verbotenes zu sagen.

Ein Forscherteam um den renommierten Medienwissenschaftlers Hans Achtelbuscher vom An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung in Halle an der Saale hat jetzt die semantischen Folgen des "Flüchtlingszustroms" (Merkel) der letzten Jahre ausgewertet. Und dabei ein erstaunliches Phänomen entdeckt: Der"Boom der jungen Männer", wie es Achtelbuscher nennt. Seinen Daten zufolge (Grafik oben) ist der "junge Mann" in Form der Formulierung "junge Männer" heute bereits doppelt so häufig in Zeitungsschlagzeilen zu finden wie vor fünf Jahren. Das durchschnittliche Aufkommen an "jungen Männern" in den Medien hat sich seit 2004 sogar verdreifacht.

Nicht schlecht für ein Gemeinwesen, das unter Überalterung leidet, gerontokratisch regiert wird und im Grunde genommen seit zwei Jahrzehnten darauf wartet, von der Weltbühne abberufen zu werden. Katrin Göring-Eckhardt von den Grünen aber hatte es prophezeit: "Unser Land wird sich verändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich darauf"!

Mit Recht. Wie ein Frischzellenkur auf das Vorkommen von "jungen Männern" in den Medien gewirkt hat offenbar die Einreise vieler Verfolgter, bei denen es sich häufig um junge, mobile Flüchtlinge handelt. Bevor der deutsche Presserat seine Regeln zur Berichterstattung über alltagsnahe Phänomene änderte, griffen viele Redaktionen bei der Berichterstattung über das Freizeitverhalten der Menschen, die noch nicht so lange in Deutschland leben, zu gerade noch erlaubten Umschreibung, es handele sich bei den hier Tätigen um "junge Männer".

Junge Männer randalieren, junge Männer prügeln sich, junge Männer belästigen Frauen, junge Männer greifen andere mit Reizgas an" und "junge Männer gehen unvermittelt auf Angriff über" (SVZ). Was gemeint ist, versteht jeder, gerade in einer alternden Gesellschaft, die aus sich selbst heraus nicht mehr in der Lage ist, sich gegen Angriffe zur Wehr zu setzen.

"Junge Männer", in der Vergangenheit deutschlandweit eine aussterbende Art, die der aus Borna stammende Social Engineering-Spezialist Jens Plotze in einer vielbeachteten Arbeit über "Strategien für die post-territoriale Welt" (Eichsack-Verlag Görzig) zudem als "Haupthindernis für den gesellschaftlichen Fortschritt" bezeichnet, stehen plötzlich an der Spitze einer Bewegung, die den Wandel vom langsam entschlafenden Gemeinwesen, dessen größtes Problem die Finanzierung der Pflege der Generation Rollator ist, zur frischen, flotten, quicken und bewegungsintensiven Abenteuergesellschaft vorantreibt.




Donnerstag, 6. April 2017

Wahlkampf: Talente sollen weltweit zirkulieren


Im letzten Anlauf lieferten sie mit dem "Veggie-Day" einen Wahlkampfschlager, zu dem Arier tanzten, bis sie alle Vegetarier geworden waren. Jetzt sind die Grünen angesichts ernüchternder Wahlergebnisse und grassierender Überlebensangst auf der Suche nach einem Nachfolgehit für den nächsten Spurt in den Bundestag.

Der Atomausstieg ist erledigt, das Weltklima politisch abgeschrieben, Europa ist heilig und der Euro unantastbar. Bleibt der ins Stocken geratene "Zustrom" (Merkel), der nach crystalklarer Überzeugung des genesenen Alt-Internationalen Volker Beck und der "Veggie-Day"-Miterfindering Kathrin Göring-Eckhardt dringend zu einer qualifizierten Einwanderung umgebaut werden muss. Die dann endlich auch Deutschland nutzt. Und damit der Welt.

Zwei Klappen, eine Fliege, grüne Effizienz ist nachhaltig, bio und kommt frisch aus der Region. Klar ist: Wer die alternde Gesellschaft und den Fachkräftemangel, zwei Phänomene, die die Spitze der grünen Partei  prägen, bekämpfen will, ist langfristig auf Einwanderung angewiesen. Doch die aktuellen Regelungen sind viel zu kompliziert, unübersichtlich und erschweren die Einwanderung etwa eines Nachfolgers von Göring-Eckhardt, Anton Hofreitern, Simone Peter oder auch Cem Özdemir. Die grüne Bundestagsfraktion will das ändern und hat daher ein innovatives und zeitgemäßes Konzept vorgelegt, mit dem die deutschen Grenzen endlich wieder durchlässiger werden sollen.

Im Mittelpunkt der Bemühungen der Grünen steht eine sogenannte "Talentkarte", mit der vor der Einreise nach Deutschland ausgesiebt werden soll, wer gut genug qualifiziert ist, um mit seiner Familie auch bereits vorhandenen Job in Deutschland das Angebot erhält, nach Deutschland kommen können. Dabei geht es den Grünen um reine Nützlichkeitserwägungen, über die eine neuzugründende Einwanderungskommission beschließen wird.

Die beschließt vorab  den jährlichen Fachkräftebedarf und gibt dann an einer Rampe die jährliche verfügbaren Talentkarten aus. Die grünen nennen ihre Idee "Potenzialeinwanderung", Potenzialeinwanderer solle gestattet sein, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Dazu ist daran gedacht, die Vorrangprüfung, ob der von einem Potenzialeinwanderer begehrte Job nicht auch von einem arbeitslosen deutschen erledigt werden könnte, abzuschaffen.

Zusätzlich soll die von den Grünen frischerfundene "Bildungsmigration" zu einem Markenkern deutscher Weltgeltung werden. Ziel sei, dass Menschen einfacher als bisher in Deutschland studieren oder sich hier beruflich qualifizieren zu können. Wer am deutschen Wesen genesen will, kann kommen und hier zur Schule gehen, studieren, einen Beruf lernen oder ein Praktikum machen. Deutschland wird zur Schule der Welt, ein großes Klassenzimmer für die Völker.

Wer danach noch Bock hat, zu bleiben, kann das tun. Die Grünen werden einen sogenannten Spurwechsel ermöglichen: Wer als Student oder Praktikant kam, kann später seinen aufenthaltsrechtlichen Status wechseln. Dadurch wird das Einwanderungsrecht entwicklungspolitisch nachhaltig und zu einem Fortschrittsmotor für die gesamte Menschheit. Durch eine von den Grünen eingeführte internationale Mobilität von mehr und perspektivisch allen Menschen steigt die zirkuläre Migration von Fachkräften und damit deren Offenheit für eine globalisierte Heimatkultur ohne überkommene Bindungen.

Talente wie Göring-Eckhardt, Özdemir und Sabine Peter werden künftig wie Rockmusiker oder Schauspieler oder internationalisierte Klimaexperten mal hier arbeiten und mal dort, mal in ihren Herkunftsstaaten und mal in Übersee, dann aber auch wieder in Deutschland, weil ihnen ihr deutscher Aufenthaltstitel dauerhaft erhalten bleibt.

Dazu führen die Grünen ein neues “Mobilitätsmanagement“ ein, das von einer neuen Mobilitätskommission gemanaged wird: Hier fließen private Wünsche und staatliche Bedürfnisse, ökologische Erfordernis und nachhaltige Notwendigkeit zusammen und je nach Farbe ihrer eigenen Karte werden  die internationalen Talente auf die aktuellen Aufgaben weltweit angesetzt.

Kathrin Göring-Eckhard ist überzeugt, dass die große Sorge der Grünen um weltweite Bildung, offene Grenzen und globalen Fortschritt an der Wahlurne honoriert werden wird. "Mit diesem Konzept gestalten wir Zukunft, stärken unsere Wirtschaft und bieten Menschen Perspektiven".

Mittwoch, 5. April 2017

HFC: FC Hühnerhaufen

Am Ende wie erschlagen: Marvin Ajani zeigt Anzeichen von Verzweiflung.

Richtig langweilig war es nun doch nicht. Der Hallesche FC hat sich auch im Spiel gegen den Tabellenvorletzten aus Paderborn auf der Höhe seines derzeitigen sportlichen Vermögens gezeigt. Und die Begegnung mit dem Ex-Erstligisten auf Tauchgang zu einer denkwürdigen Partie werden lassen.


Denn wie unter einem Brennglas wurde in den 90 Minuten gegen die Ostwestfalen gezeigt, was alles in der Mannschaft nicht stimmt, die vor nicht einmal sechs Wochen noch Chancen auf den Aufstieg in die 2. Liga zu haben schien. Seitdem aber ist alles den Bach runtergegangen, was den HFC bis etwa gegen Weihnachten ausgemacht hatte. Die mannschaftliche Geschlossenheit ist weg, die Heimstärke, die sichere Abwehr, das betonharte zentrale Mittelfeld, die schnellen Außen... Übrig ist der Torso einer Elf, deren Hühnerhaufenhaftigkeit an eine frischformierte D-Jugend-Mannschaft erinnert.

Leichtes Spiel für die in Schwarz auflaufenden Gäste, die von Anfang an nicht den Eindruck machen, sich von Halle beeindrucken lassen zu wollen. Zwar holt der HFC in den ersten fünf Minuten fünf Einwürfe heraus. Aber Paderborn erobert Bälle und kontert schnell, zu schnell für die Abwehr der Gastgeber, die nach sechs Minuten nur zur Ecke klären kann. Eine Torchance oder auch nur eine Annäherung an das Paderborner Tor hat das Team von Trainer Rico Schmitt bis dahin nicht erreicht, dafür aber setzen sich die Gäste nun in der Hälfte der Hallenser fest. Drei-, viermal nehmen sie Anlauf zu einer Flanke oder einem Abschluss. Dann segelt der Ball in die Mitte und Paderborns Aykut Soyak versucht es nochmal, trifft aber einen Hallenser. Der Schuss wird abgefälscht, segelt hoch Richtung Tor. Und senkt sich hinter dem verblüfft nachschauenden Fabian Bredlow ins Netz.

Seit der Wechsel des früheren Rasenballers nach Nürnberg feststeht, scheint ein Fluch auf den bis dato daheim ungeschlagenen Hallensern zu liegen. In vier Heimspielen seitdem gab es zwei Unentschieden und zwei Niederlagen. Zwei Pünktchen insgesamt von zwölf möglichen. Die Bilanz eines Absteigers - und weil es auswärts kaum besser aussieht, muss es heute werden. Wann denn sonst?

 Immerhin noch über 5000 Zuschauer


Doch es sind die 37 Paderborner Fans unter den immerhin noch 5.242 Zuschauern im Erdgas-Sportpark, die den Ton angeben. Und die schwarzen Spieler auf dem Platz, die die Gastgeber immer wieder ins Leere laufen lassen. Fast hätte Zlatko Dedic in der 15. Minute sogar das 0:2 erzielt und die Partie damit früh entschieden. Aber aus fünf Metern tritt er halb am Ball vorbei und Bredlow kann retten.

Hoffnung kommt auf, als einer der eher ungestümen als planvollen Angriffe der Hausherren, die stets von einer minutenlangen Doppelpasserie zwischen den beiden Innenverteidigern Kleineheistmann und Franke angekündigt werden, mit einem Pfiff von Schiedsrichter Justus Zorn beendet wird. Paderborns Torwart Ratajczak hat knapp außerhalb des Strafraums einen versuchten Lupfer Rösers aufs Tor mit der Hand geklärt. Rote Karte, Paderborn nur noch zu zehnt und der HFC jetzt am Drücker. Zumindest ein bisschen. Zwar bleibt es bei den gemütlichen Ballwechseln in der heute als Dreierkette mit Max Barnowsky aufgelaufenen HFC-Verteidigung, die in der Regel jeweils nach einer handgestoppten Viertelstunde mit langen, hohen Bällen nach vorn aufgelöst werden. Doch Schmitts Männer drücken jetzt auf den Ausgleich.

Und sie treffen. Nach zwei versuchten Flanken von Florian Brügmann und einer Phase, in der sich der immer wieder völlig freistehende Marvin Ajani schier die Arme abzuwedeln droht, ohne dass ihn jemand beachtet, rutscht ein Ball doch mal durch den gesamten Strafraum. Und am langen Pfosten steht Fabian Baumgärtel und netzt ein.

Das kann jetzt was werden, vielleicht doch noch. Glaube und Liebe ergeben in Fußballstadien stets  Hoffnung, selbst angesichts einer sportlichen Leistung, die immer noch in Erbärmlichkeit ertrinkt. Aber 70 Minuten in Überzahl, der Ausgleich und das jetzt erwachte Publikum dazu, das müsste reichen.

Muss aber nicht. Denn nach Wiederbeginn, jetzt mit Kaiserslauternschreck Hilal El-Helwe als zweitem Stürmer und ohne Franke als behäbigem Bolzpartner von Kleineheistmann, greift die Ratlosigkeit sich mehr und mehr Raum. Während Paderborn auf Konter lauert, wird die Ruhe, mit der der HFC nach der Lücke sucht, zur Lähmung. Es gibt kein Mannschaftsspiel mehr, das Zweikampfverhalten gestandener Spieler wie Sascha Pfeffer oder Dominique Fennell singt Lieder von Verzweiflung und Angst vorm Versagen. Der Hühnerhaufen wimmelt durcheinander, es ist kein Plan zu sehen, keine Idee zu erahnen. Kein Benjamin Pintol und schon gar nicht die vielen, vielen anderen in die Spitze aufgerückten Spieler Röser, Ajani und El-Helwe sind das, was in der modernen Reportersprache "Zielspieler" heißt.

Und wieder kein Zielspieler


Was ist überhaupt das Ziel? Rico Schmitt winkt seine Leute an der Seitenlinie nach vorn. Dort aber stehen sie sich dann auf den Füßen. Schnell wird es nur, wenn Paderborn denBall hat. Halle dagegen hat zweimal, was sie hier neuerding "kein Glück" nennen: Röser trifft mit einem Freistoß nur die Latte. Und Fennell ist noch näher dran, doch Ratajczak-Ersatz Kruse pflückt seinen Schuss von der Linie. In der 72. Minute noch eine Premiere: der erste Fernschuss von Sascha Pfeffer. Nein, falsch verstanden. Es ist nicht der erste von Sascha Pfeffer, sondern der erste überhaupt an diesem Abend, an dem das Drittliga-Licht langsam ausgeht am Himmel über Halle.

Dass da unten nichts mehr geht, ist von oben gut zu sehen. Ein Trauerspiel ohne Musik, zu dem die dann auch mehr mit eigenen Angelegenheiten beschäftigte Fankurve Schmährufe gegen den Oberbürgermeister anstimmt, der einen städtischen Fanbetreuer versetzt hat, ohne die Ultras zu fragen. "Wiegand raus" hängt am Zaun.

Noch ein bisschen weiter so, und der Name auf dem Plakat wird sich schnell ändern.


Europa: Regeln gegen Regeln

Um zu sehen, wie Europa mit sich selbst nicht einig wird, fährt der eine nach Ungarn, der andere an die griechische Seegrenze, der Dritte schließlich auf die Isle of Man. Hier hat vor Jahren alles angefangen, hier und aus Malta, im neuerdings wieder umstrittenen Gibraltar. Wie die Insel auf dem grünen Felsen in der See zwischen England und Nordirland warben alle diese Gebiete jahrelang offensiv um die Ansiedlung von Internet-Kasinos und Glücksspielfirmen. 


Fünfzig Online-Glücksspielfirmen haben sich allein schon auf der zu Großbritannien gehörenden Insel angesiedelt, sie steuern mehr als 17 Prozent zur Wirtschaftsleistung des Eilandes bei. Zum Vergleich: In Deutschland steht das verarbeitende Gewerbe für 22 Prozent der Wirtschaftsleistung, also für nicht viel mehr. Wenn die Bundesrepublik die Fabrik Europas ist, dann ist die Isle of Man eines der Kasino des Kontinents.

Aber das Kasino im Meer hat wie alle seine Brüder, zu denen Zypern gehört, Griechenland, Schweden und die britischen Kanalinseln, Einfluss weit über seine Grenzen hinaus. Was der Traum der Inselregierung ist, ist der Albtraum deutscher Ministerpräsidenten. Nach deutschen Recht, das nach Angaben der Bundesregierung weltweit gilt, ist es illegal, Glücksspiele zu spielen, die von deutschen Behörden nicht lizensiert sind.

Das sind die Angebote aus den europäischen Partnerländern alle nicht, weil es bis heute keinen Handwerkskasten gibt, nach dem Lizenzen vergeben werden könnten. Trotzdem aber gibt es die Anbieter, wie hier zu sehen ist. Und trotzdem kann kein deutscher Ministerpräsident irgendetwas dagegen tun.

Der Boom auf See, der Deutschland Jahr für Jahr Milliarden kostet, zeigt einen Konstruktionsfehler der EU. Ihre Regeln gelten überall, auch dort, wo es ganz andere Regeln gibt. Die aber gelten plötzlich nirgendwo mehr. In Deutschland haben offiziell die Bundesländer das Monopol auf die meisten Glücksspiele. Lotterien sind fest in staatlicher Hand und eine wichtige Einnahmequelle der Politik, die aus dem Töpfchen, die mit Lottogeld gefüllt werden, Landschaftspflege in ihren Wahlkreisen betreiben. Auch die meisten Spielbanken sind im Besitz der öffentlichen Hand, die behauptet, das müsse so sein, damit Spieler vor der Spielsucht geschützt werden können. Eine Ausrede, aber jahrelang eine gut.

Erst seit das Internet durch alle Leitungen kriecht, ohne die Staatskanzleien zu fragen, zeigt sich die ganze Hilflosigkeit eines starken Staates, der einen teil seiner Souveränität an eine schwache Union abgegeben hat. Gegen die er nun nicht mehr opponieren kann, ohne dass sich ihre ganze schwäche öffentlich zeigt. Im Grunde fehlt jeder Euro, den Anbieter auf der Isle of Man von deutschen Spielern kassieren, in den deutschen Landeshaushalten. Aber da es technisch ist es nahezu unmöglich ist, zu unterbinden, dass Deutsche auf ausländischen Internetseiten Roulette spielen, virtuelle einarmige Banditen füttern oder auf Fußballspiele wetten, lässt sich dank des gemeinsamen Marktes auch nichts dagegen tun.




HFC: Letzte Ausfahrt Langeweile

Ein Bilanz mit fallendem Trend. Derzeit reicht die Punktausbeute des HFC gerade, um vielleicht nicht abzusteigen.
Noch ist nicht Schluss, aber das Ende ist abzusehen.  Die Saison 2016/2017, die der Hallesche FC gespielt hat, wird in die Annalen eingehen als die Spielzeit der vergebenen Chance auf den Aufstieg. Nie zuvor in den 25 Jahren nach dem Abstieg aus der 2. Liga war der Klub von der Saale so nah dran am Unterhaus des Oberhauses. Platz 3 war kurz nach der Winterpause erreicht, der Aufstieg in Sichtweite.

Dann aber wurden die Auswirkungen von Entscheidungen deutlich, die in der Winterpause getroffen wurden waren. Obgleich der HFC schon in der Hinrunde zu den sturmschwächsten Mannschaften der 3. Liga gehört hatte, schickte die Vereinsführung den jahrelangen Torgaranten Timo Furuholm zurück in seine finnische Heimat. Auch Petr Sliscovic, als Furuholm-Ersatz geholt, bis dahin aber völlig glück- und erfolglos, durfte gehen. Als einziger verbliebener Stürmer sollte der bis dahin fünfmal erfolgreiche Benjamin Pintol, ursprünglich als Mittelfeldspieler an die Saale gekommen, für die notwendigen Tore sorgen.

Zumindest zu Beginn reichte es noch. Zwar schrieb PPQ schon nach dem knapp gewonnenen Auftaktspiel gegen Erfurt "Die Serie knirscht". Doch erst gegen Jahn Regensburg zwei Wochen später steht dann fest: "So spielt kein Aufsteiger".

Der HFC zeigt nun bereits deutlich, dass sich die Vereinführung und die sportliche Leitung verspekuliert haben. Nicht nur ist es nicht gelungen, eine nach der grandiosen Tabellenposition zu Weihnachten mögliche Aufstiegseuphorie anzufachen. Sondern die Personalentscheidungen aus dem Winter - zwei Stürmer weg, einen Torwart als einzige Verstärkung geholt - vermittelten Umfeld und Spielern auch den Eindruck, man wolle gar nicht aufsteigen. Selbst der Oberbürgermeister, Dauergast auf der HFC-Tribüne, aber schweigsam bei der Beurteilung des Vereinsalltags, interpretiert das öffentlich als Signal, dass der Wille fehlt, die Gunst der Stunde zu nutzen.

Der Verein verweist auf finanzielle Nöte, auf ein enges Korsett und das hohe Risiko, viel Geld für eine Sturmverstärkung auszugeben, die vielleicht dann doch nicht sticht. Stattdessen traut Trainer Rico Schmitt seiner Mannschaft zu, mit noch weniger Variationsmöglichkeiten endlich mehr Tore zu schießen als in der ersten Halbserie, in der die Abwehr es war, die für die Erfolge sorgte. Er gleicht damit einem Sprinter, der nach dem Verlust seines linken Beines glaubt, nun sei der Weltrekord endlich drin.

Denn die Offensive des HFC ist kein Sturm, sondern ein laues Lüftchen. Gerade zweimal haben hallesche Spieler in der Hinrunde in einem Spiel dreimal getroffen. Gerade viermal reichte es noch zu zwei Toren in einem Spiel. 14 Spiele aber ist Schonkost ausgeteilt worden: Sieben Mal gelang nur ein Trefferchen. Sieben weitere Mal  gar keins. Und das, obwohl die neu zusammengestellte HFC-Elf im ersten Spiel gegen alle ihre Gegner noch von deren Überraschung darüber lebte, wie hier wer spielte, wie energisch gepresst und variantenreich kombiniert wurde.

Die Idee,  den schmalen Kader in der Rückserie aus sich selbst heraus neu zu erfnden, kann nach elf Rückrundenspielen als gescheiterte Illusion bezeichnet werden. Nach drei Vierteln der Saison ist vielmehr klar: Der nicht nur nicht verstärkte, sondern personell ausgedünnte HFC hat gegen die Gegner, gegen die er zum zweiten Mal in dieser Spielzeit antreten musste, nicht mehr 14 Treffer erzielt wie in der Hinrunde, sondern nur noch sechs. Und er hat dabei nicht 17, sondern nur noch elf Punkte geholt. Er ist damit, obwohl er immer noch die zweitbeste Abwehr hat, dank des drittschwächsten Sturms von Platz 3 auf Platz zehn abgerutscht.


Viel ist nun vom "Glück" die Rede, das fehle und somit schuld daran sei, dass die Leistungen zwar immer noch toll, die Ergebnisse aber bescheiden sind. Als nächstes wird dann das "Pech" bemüht, das sich irgendwann ja immer zum fehlenden Glück gesellt. Der Aufstieg ist jedenfalls passé, die letzte Ausfahrt heißt wiedereinmal Langeweile im Kampf um die Plätze sieben bis zwölf. Die übliche Frühjahrstristesse mit Pflichtfreundschaftsspielen, deren Ausgang eigentlich keine Rolle mehr spielt.

Aber das wäre noch die optimale Variante, denn genaugenommen reicht die aktuelle Bilanz hochgerechnet auf eine volle Saison nur knapp, nicht abzusteigen.

Dazu sollte aber heute gegen Paderborn sicherheitshalber mal getroffen und gewonnen werden.

Dienstag, 4. April 2017

Wir sind nicht St. Petersburg


Das mochte sich der russische Despot Wladimir Putin so richtig schön ausgedacht haben. Terroranschlag in St. Petersburg - und prompt werden die doofen Deutschen ihr Brandenburger Tor mitten in der Haupstadt wieder aus Solidarität beleuchten. Diesmal natürlich in den russischen Farben, dieser menschenfeindlichen Trikolore aus Annexion, Doping und europafeindlichem Populismus.

Das hatten sie schließlich nach den Anschlägen von Paris, Brüssel, London, Istanbul, Nizza und Jerusalem immer getan, eine fröhliche Terrorfolklore längst, die die Herzen erwärmt, wenn einige wenige einzelne und verwirrte Missbraucher des Islam den Tod in die pulsierenden Metropolen des Westens tragen.

Je suis Paris!, schallt es dann - aber eben nicht, wenn Paris St. Petersburg ist. Stand die EU-Beileidsfront bei allen anderen Anschlägen der letzten Monate noch wie ein mann, immer im Bemühen, die Botschaft zu verbreiten, dass kein Terrorist, und sei er der hundertste, uns unsere Lebensart abgewöhnen können wird, ist es diesmal einsam um die Opfer.

St. Petersburg, als "Leningrad" seinerzeit über Jahre vergebens von deutschen Truppen belagert, hat deutsche Solidarität nicht verdient, hat der Berliner Senat ad hoc entschieden, als die ersten Nachrichten aus Russland kamen. Putins Rechnung, dem freien Westen seine Flagge ins Herz zu pflanzen, geht nicht auf, weil St. Petersburg keine Partnerstadt von Berlin ist und damit kein Recht auf eine verlogene Solidaritätsbeleuchtung hat.

Zwar sind Nizza, Jerusalem, Orlando in Florida und Berlin selbst auch keine Partnerstädte der deutschen Hauptstadt und dennoch wurde nach Anschlägen dort jedes Mal geschmackvoll angepasstes buntes Licht auf das bei Touristen als "Terror-Tor" bekannte Wahrzeichen geworfen. Aber das waren "Ausnahmefälle", wie ein Senatssprecher verkündete.

So ein Ausnahmefall aber sind elf tote Russen nicht, nicht für Deutschland, das diesbezüglich historisch mit ganz anderen Zahlen zu rechnen gelernt hat.

Türkei: Putsch ohne Putschisten

Gab es gar keinen Putsch in der Türkei?

Wie es genau war, an jenem 15. und 16. Juli 2016 in der Türkei, das ist nie geschrieben worden. Irgendwer putschte, beinahe wäre Rezep Erdogan gestürzt worden. Der Legende nach waren es die schon bei den Farbenrevolutionen im arabischen Raum auffällig gewordenen sozialen Netzwerke, die dem Diktator den Hintern retteten. Seitdem arbeitet er in doppeltem Tempo daran, die Türkei nach dem amerikanischen Vorbild zu einer Präsidialdemokratie umzubauen. Und dabei verfolgt der Despot von Ankara rücksichtslos alle seine Feinde.


Feinde, die es nach übereinstimmenden Angaben der deutschen Medien womöglich gar nicht gibt. Die kurdische Arbeiterpartei PKK jedenfalls, obschon in Deutschland als Terrororganisation verboten, gehört ausweislich sämtlicher Berichte der Redaktionen zwischen Hamburg, Berlin und München nicht zu den Putschverdächtigen. Ebensowenig ist die "Bewegung" des Prediger Gülen - Deutschland sprich den Namen seit dem Putsch mit korrekt betontem Ü - verdächtig, irgendetwas mit dem versuchten Staatsstreich zu tun zu haben.

Alle Verhaftungen von Erdogan-Gegnern gelten hierzulande als willkürliche Maßnahmen gegen ungeliebte Kritiker. Auch zehntausende Entlassungen aus dem Staatsdienst, vorgenommen mit der hanebüchenen Begründung, die Betroffenen seien Sympathisanten von Fethullah Gülen, der mit einer islamischen Revolution die Einführung des islamischen Rechts in der Türkei anstrebe.

Wie in der Türkei jede Beschuldigung, mit Gülen zu sympathisieren, als Schuldspruch gilt, gilt jeder dieser türkischen Schuldsprüche in Deutschland als Freispruch. Geschossen wurde damals im Juli. Aber nach deutscher Lesart es hat niemand geschossen, nicht einmal geladen, nicht einmal eine Waffe in die Hand genommen und schon gar keinen Putsch versucht.

Dass Erdogan die Sache anders sieht, tragen deutsche Politik und deutsche Medien dem neuen "Sultan von Bosporus " (Bild) tagtäglich in zahlreichen Analysen nach. Als suche Erdogan selbst die Namen derer heraus, die verhaftet werden, und als habe sein Geheimdienst als erster und einziger weltweit im Ausland versucht, Gegner der aktuellen Regierung zu bespitzeln, fegt eine wüste Welle an personalisierter Diabolisierung übers Land.

"Türkische Stasi", "Erdogan-Spionage im Bundestag" (Bild), "bewusste Provokation" (dpa) und "in 18 Schritten zur Allmacht" (n-tv) - wie vor drei Jahren bei Putin, dem anderen großen Teufel der deutschen Leitmedien, gibt es nichts mehr, was Kommentatoren und Leitartikler hierzulande dem 70-jährigen Türken nicht zutrauen, wo der ja nun sogar Michelle Müntefering bespitzeln lässt, die in der Erbfolge des früheren Arbeiterführers Franz Müntefering dessen Arbeit im Bundestag fortführt.

Nur dass es den Putsch gab, wird noch nicht bestritten, gängige Verschwörungstheorien aber legen doch nahe, dass er gar nicht so schlimm war und dass zumindest Fethullah Gülen nichts mit ihm zu tun hatte. Deutschland war es auch nicht, die CIA ebensowenig wie die PKK, auch Russland fällt diesmal aus und selbst Trump, dem dritten Dämonen der gegenwart, kann es diesmal noch nicht gewesen sein.

Hat Erdogan den Putsch also selbst inszeniert (Stern)? Standen die Piloten, die Städte bombardierten, die Kaperer einer Fregatte, die Besetzer eines Fernsehstudios im Sold des Präsidenten?

Montag, 3. April 2017

Zitate zur Zeit: Die Weltausgleichsmechanik


Es fließt aus den Ländern, in die wir exportieren, mehr Geld an uns zurück. Das muss dann in einem Ausgleich in diese Länder zurück.

Starke Länder sind auch mit dafür verantwortlich für eine Balance.

Marie-Louise Beck bei "Maischberger"

Licht am Horizont: Leitmedien beliebt wie nie

Herausragende Bilanz: Mehr als 120 Prozent der Deutschen stellen ihren Medien ein hervorragendes Zeugnis aus.
Die Meldung kam am 1. April und sie sorgten überall für fröhliches Lachen. Aber nein, was Kim Otto, Professor für Wirtschaftsjournalismus an der Universität Würzburg, über den Zustand der deutschen Medien zu sagen hatte, war kein Scherz! Ganz im Gegenteil: Nach Monaten und Jahren trister Untergangsnachrichten brachte der Mitarbeiter des ARD-Politikmagazins „Monitor“ frohe Kunde für Deutschlands als "Lügenpresse" verhöhnten Fake-News-Fabriken: Es geht aufwärts, endlich, endlich fassen die Menschen draußen im Lande wieder Zutrauen zu dem, was ihnen die großen Blätter an knallhart recherchierten Fakten präsentieren.

"Noch nie seit über 15 Jahren war das Vertrauen in die Presse so hoch wie heute", hat Kim Otto herausgefunden. Den deutschen Medien seit es gelungen, das in sie gesetzte Vertrauen zu stärken und weiter auszubauen. Seit dem Tiefpunkt im Jahr 2000 hat sich das sogenannte Medienvertrauen, das Otto selbst erfunden hat, nahezu verdreifacht. Inzwischen sind auch knapp über 30 Prozent Vertrauensseligkeit mehr als 120 geworden - verursacht wird das dadurch, dass viele Bürgerinnen und Bürger mittlerweile nicht nur einer Zeitung, eines Magazin oder einem staatlichen Fernsehsender, sondern teilweise sogar mehreren vertrauen.

Das Medienvertrauen ist damit höher als jemals in den vergangenen 15 Jahren, daran lassen die in Würzburg wissenschaftlich ausgewerteten Umfragedaten aus dem Eurobarometer der Europäischen Kommission keinen Zweifel. Der Studie zufolge vertrauten im vergangenen Jahr 124,5 Prozent der Deutschen der Presse - gemeint sind Radio, TV und Printmedien - , nur einzelne hingegen misstrauten ihr. Damit erreicht die deutsche Presse ihren bislang höchsten Anerkennungswert, der nach der Formel A x L / S x C. (Auflage, Lesewert, Seitenzahl, Klickreiz) errechnet wird, seit das Eurobarometer wie im Jahr 2006 überhaupt nicht auf das Medienvertrauen einging. Gegenüber dem Vorjahr konnte die Presse das in sie gesetzte Vertrauen damit explosiv um nahezu 70 Prozentpunkte steigern. Auch Umfragen zum Medienvertrauen vertrauen die Menschen in Deutschland wieder stärker. 160,5 Prozent der Deutschen geben an, Studien zu vertrauen, in denen höheren Medienvertrauen nachgewiesen wird. Rund 200 Prozent haben kein Vertrauen zu Studien, in denen die Berichterstattung deutscher Medien scharf kritisiert wird.

Das ist eine Steigerung von weltgeschichtlicher Einmaligkeit gegenüber dem Vorjahr. Das von Otto mitbegründete Europäische Journalismus-Observatorium, eine unabhängige Institution zur Überwachung der Einstellung der Bürger zu demokratiefördernder Medienarbeit, war im Jahr 2915 noch auf beunruhigende 49 Prozent gestiegen. Vor allem Menschen, die nicht mehr von Parteien erreicht werden konnten und sich von diesen abwandten, wendeten sich auch von den Medien ab, die sie als Sprachrohre der Parteien betrachteten. Stieg durch Rechtspopulisten, Facebook-Fake-News und Bots das Misstrauen in die Parteien, stieg es auch gegenüber den Medien. Können hingegen Parteien jedoch wie zuletzt durch die wachsende Beliebtheit von Martin Schulz wieder mehr Menschen erreichen und von sich begeistern, profitieren davon auch andere demokratische Institutionen wie eben die Medien.

Eine Win-Win-Situation, wie die neuen Zahlen eindrucksvoll zeigen. Das höchste Medienvertrauen in Deutschland genießt inzwischen das Radio. Ihm und den hier gespielten Pop- und Rocksongs, den flippigen Werbetrailern von Möbelhäusern, klassischen Konzerten und leise geraunten religiösen Spezialsendungen vertrauen 670,8 Prozent der Deutschen (Mehrfachnennungen waren möglich). Nur sieben Prozentpunkte glaubten noch, dass viele Playlists populärer Sender von Robotern erstellt und Agenturnachrichten ohne Gegenrecherche aus dem Computer vorgelesen werden.

Sonntag, 2. April 2017

Brexit: 2000 Jahre Verachtung für den Kontinent

Als Gaius Julius Cäsar 2071 Jahre vor dem Starschuss zum Brexit den Versuch startete, Britannien für das Römische Reich zu erobern, traf der spätere Kaiser im Süden der Insel, die er mit 800 Schiffen und rund 40.000 Mann erreicht hatte, den Stammeshäuptling Commius.

Der hatte sich bereits ein Jahr zuvor nach kurzem, vergeblichem Widerstand gegen Cäsars ersten Eroberungsversuch unterworfen, um eine Vernichtung seines Volkes durch den für seine gallische Ausrottungspolitik berüchtigten Italiener zu verhindern. Allerdings lauerte Commius selbstverständlich auf eine Schwäche der Römer, denn er war gewillt, deren recht kommodes Joch nur so lange zu ertragen, wie es unbedingt sein musste.

Im Gespräch mit Cäsar, das der britische Historiker Conn Iggulden in seinem prächtigen Zeitgemälde "Imperator" schildert, lässt der König der Atrebaten, Herr über die südlichen Hügel, keinen Zweifel daran, wie wenig ihn und seine Leute die Dinge interessieren, die sich jenseits der Wasser des Kanals abspielen. "Die Fischer auf der anderen Seite des Wasser nennen euch "Pretani", die Bemalten", erklärt ihm Cäsar, "wie nennt ihr sie?"

Eine gute Frage. Und die Antwort darauf führt direkt ins Herz der aktuellen britischen EU-Austrittswünsche. Denn Commius schaut seine Männer an, denkt kurz nach und zuckt schließlich die Achseln. "Wir denken nicht an sie", sagt er, "nicht oft".

Die Briten - recht neu in dieser Rolle, denn Commius' Stamm hatte Gallien erst wenige Jahre zuvor auf der Flucht vor Cäsars Legionen verlassen - hatten für die Franzosen keinen Namen. Nicht mal das. Sie interessierten sich schlicht nicht für deren Tun und Lassen, nicht für das, was jenseits des Kanals geschah, nicht für das, was der Kontinent trieb, während sie Stammeskriege auf ihrer Insel pflegten.

Über 2000 Jahre hat sich daran seitdem nicht viel geändert.


Differenzierung, die große Stärke deutscher Medien

Jetzt ist klar: Le Pen will die Macht!

So kann doch nur jemand reden, dem bitteres Unrecht geschehen ist. Jemand, der immer nur eingesteckt, immer nur geschluckt hat. Bis es eben irgendwann zu viel, der innere Druck zu groß geworden ist. Bis zurückgehaltener Zorn hochkocht, Unzuträgliches emporschießt, sich Bahn bricht. Dann greift der Redakteur der Berliner Zeitung zur Feder. und rechnet ab.

Im Fall Marine Le Pens muss besonders viel Unzuträgliches zusammengekommen sein. "Vater Rassist, Mutter im Playboy, Tochter voller Hass" überschreibt ein Axel Veiel einen Text, der sich anschickt, die Chefin des Front National in Zorntiraden zu ertränken. Der Autor, Jahrgang 1953 und als "Paris-Korrespondent" geführt, redet sich alles von der Seele, was er an der französischen Präsidentschaftskandidatin tippt sich alles von der Seele, was er an der gefürchteten Rechtspopulistin nicht mehr länger ertragen kann und will. Der Tonfall ist rau, stilistische Eleganz wird vermieden, Differenzierung und Einordnung sind unverkennbar und unterscheiden den Text auf den ersten Blick von hasserfüllten Fake-News-Berichten, wie ein Blick ins Handbuch "So erkennen Sie Fake News" zeigt.

Hier geht es um die bitter notwendige Anprangerung der schlimmen Populistin, um die vorbeugende Verhinderung eines zweiten Falles Trump, um die rettung des Abendlandes vor der Rechtspopularisierung.
Einem Racheengel gleich bezichtigt Veiel, der einst nach dem Jurastudium über die Arbeit in einer kolumbianischen Anwaltskanzlei und eine Promotion über lateinamerikanische Rechtsphilosophie den Weg in den Journalismus fand, Le Pen ihrer inneren Überzeugungen. Die von ihr im Namen des Volkes bekundete Empörung über Islamisten und EU-Bürokraten sei auch ihre eigene. "Sie ist echt. Und sie wurzelt tief." Marine Le Pen mutiert zu einem "in Äquatornähe tobenden Gewitter, wo die Schwüle nach einem Regenguss nicht weichen will", eine beschädigte seele, die "von Leuten, die größer, die mächtiger waren als sie, viel eingesteckt" habe, "zu viel vermutlich".

Es folgt die Familiengeschichte, eine Fahrt in der Geisterbahn, die nur in Hass und Intoleranz enden kann. Die Kinder des alten Le Pen "bekommen die reiselustigen Eltern oft lange Zeit nicht zu Gesicht". In der Schule erweist sich der Name Le Pen als Stigma. "Marine schlägt Verachtung entgegen." Der Pfarrer weigert sich, dem Kind die Hand zu geben. Mutter Pierrette mit einem Liebhaber durch. Und entblättert sich für den Fotografen des Magazins Playboy, am Leib kaum mehr als das Haushaltshilfen einst zugedachte Häubchen.

Wie viel kann von einer jugendlich reinen Seele noch bleiben nach solcher Prüfung? Muss nicht logischerweise verkrüppelte, hasserfüllte Politik machen, wer als Kind so gelitten hat? Veiel enttarnt Le Pens gefällig verpackte Fremdenfeindlichkeit, er prangert mutig und schonungslos an, dass ihr Vater die Gaskammern der Nazis als „Detail der Geschichte“ verharmloste und dass das "von offen rechtsradikalen Inhalten befreite Restprogramm" ihrer Partei immer jede Menge Sprengstoff berge - etwa den Ausstieg aus dem Euro, den niemand wollen kann, weil der Euro alternativlos ist und ein Zweifel an ihm einem Zweifel an allem gleichkommt, was Menschen ohne rassistische Väter, Playboy-Mütter und Seelen voller Hass heilig ist.

Samstag, 1. April 2017

Das Herz der Kanzlerin

In der Süddeutschen online als Aprilscherz versteckt: Statt Russland und Iran muss es natürlich USA und Deutschland heißen.
Da kennt sie dann auch mal keine Freunde mehr! Gewohnt kantig und direkt gibt Kanzlerin Angela Merkel den USA und Deutschland eine Mitschuld für das Leid in Al-Mansura, einem Ort nahe Aleppo.

Dort hatten US-Bomber, mit deutschen Zielkarten ausgerüstet, eine Schule bombardiert und 33 Menschen getötet. Ein Vorfall, zu dem die Pfarrerstochter Angela Merkel nicht schweigen will und nicht schweigen kann. Im Europäischen Rat habe man über die Entwicklungen in Aleppo gesprochen, sagte sie im beginnenden Wahlkampf: "Wir haben die USA und Deutschland dafür verantwortlich gemacht, dass gezielte Angriffe auf Zivilpersonen stattgefunden haben, auf Schulen - dies sind Verbrechen", sagte Merkel.

Zuvor hatte der Bundeswehrgeneralinspekteur Volker Wieker habe den geheim tagenden Verteidigungsausschuss des Bundestags in einer geheimen Sitzung über den geheimen Sachverhalt der deutschen Verwicklung in einen 33-fachen Mord an unschuldigen Zivilisten informiert. Inwieweit die Bilder der Bundeswehr eine Rolle bei der Bombardierung spielten, blieb zunächst unklar. NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" hatten allerdings schon zuvor berichtet, dass deutsche Tornados die Luftbilder geliefert hatten, nach denen die präzisen Bombenteppiche der Amerikaner angelegt wurden. Das sei "sehr deprimierend" gewesen, sagte die Kanzlerin, "weil wir alle etwas sehen im 21. Jahrhundert, was zum Schämen ist, was das Herz bricht, was zeigt, dass wir politisch nicht so handeln konnten, wie wir gerne handeln würden".

Die Kanzlerin machte deutlich, wo sie die Ursache für die katastrophale Lage der Zivilbevölkerung in der syrischen Stadt sieht: "Es mangelt nicht am Willen und nicht am Geld. Wir haben es mit einem Versagen des UN-Sicherheitsrates zu tun." Die Vereinten Nationen müssten wieder handlungsfähig werden. Ausdrücklich dankte Merkel der Türkei, die "unglaubliche Verantwortung" für Flüchtlinge aus Syrien übernommen habe.Deutschland erkenne das an und sei weiter bereit, sich an einer europaweiten Lösung der anstehenden Fragen zu beteiligen, wenn auch alle anderen Ländern ihren Teil beitrügen.


Stolz und Vorurteil: Deutschland darf wieder

Stolz auf die eigene Herkunft ist wieder möglich - so lange er einem Kontinent gilt.
Martin Schulz spielte damals in der Europawahlkampfsimulation die nationale Karte und erntete harsche Kritik dafür. Nation, das geht geht gar nicht, denn nur gemeinsam kann sich Europa in gewohnter Friedlichkeit gegen den Rest der Welt behaupten. Eine Lehre aus der Geschichte, die Norwegen und die Schweiz, aber auch Kanada, Japan und Australien noch nicht begriffen haben.

Doch deren Berufung auf ihre Heimatländer ist ewiggestriger Nationalstolz. Allenfalls erlaubt im Sport oder bei Unglücksfällen in fernen Ländern, wenn die eigenen Siege immer ein wenig mehr gefeiert werden als die der anderen. Oder die eigenen Opfer viel mehr Trauer auslösen als die anderer Provenienz. Das alte Prinzip vom Rock, der immer näher ist als die Hose, hat Globalisierung, Europäische Gemeinschaft, Euro, Schengen und die immer integrativere EU überlebt. Auch der moderne Europamensch bangt und leidet leider noch nach dem Entfernungsprinzip. Je näher vor der eigenen Tür, desto näher gehen ihm Schicksale, desto mehr bezieht er Triumphe und Niederlagen, Medaillen und Tragödien auf sich.

Eine Tradition, die aus der Zeit der Stammesverbände stammt. Unsere und die anderen, der Nachbar und das Fremde - Martin Schulz, ein Mann aus der Provinz, spürte damals im Wahlkampf, als ihm die Felle wegschwammen, dass er Punkte machen könnte, wenn er sich als einen von uns, als Nachbarn und nicht als Fremden inszenieren würde. Jean-Claude Juncker, sein Mitbewerber, hatte nur Luxemburg als Becken, in dem er in den trüben Wassern des nationalen Egoismus fischen konnte. zwar ist das Stimmengewicht jedes Luxemburgers vielfach größer als das eines Deutschen, damit sich die Bürger des Ministaates in der gemeinsamen Gemeinschaft nicht untergebuttert fühlen. Aber das nützt ja nichts. Schulz, der Machtmensch, zögerte nicht lange und plakatierte sich als Deutschen, der für deutsche Interessen antrat.

Für Europa, dessen Staatwerdung in den zurückliegenden zehn Jahren stockt, ein Desaster, das zum guten Brauch geworden ist. Griechen gegen Deutsche, Franzosen gegen Briten, Italiener gegen Deutsche, Spanier gegen Portugiesen, Deutsche gegen Ungarn, Polen gegen alle. Ein trauriger Zustand, der den regressiven Rückfall ins Regionale als europäischen Alltag zeigt.

Hinter zugeschlagenen Türen und inzwischen seit zwei Jahren wieder geschlossenen offenen Grenzen lebt Frankreich im Ausnahmezustand, Griechenland im Chapter 11 und Großbritannien im Trennungsjahr. Wo soll das nur hinführen? Was würde Helmut Kohl sagen, der die EU gemeinsam mit François Mitterrand zeugte und sie später zusammen mit Jacques Chirac zur Welt brachte? Wenn er es noch mitbekäme?

Vielleicht "Lasst uns stolz auf Europa sein". Anlasslos. Das zumindest schlägt die renommierte "Zeit" in einem Beitrag vor, der das übliche Clickbait-Prinzip der nur als Ködergründen gestellten Überschriftsfrage auf Artikellänge auswalzt. Zwar verbietet es sich, stolz auf seine - oder auch irgendeine - Herkunft zu sein. So lernen es schon Grundschüler. Aber provokativ nachhaken wird man doch noch dürfen. Schließlich schleppt dieses Europa nicht die Last der Geschichte auf seinen  Schultern, deren Gewicht Deutschland stets bewusst wird, wenn es Fußball- oder Exportweltmeister wird.

"Bist Du stolz, Europäer zu sein?", fragt das Blatt der glühenden Europäerin Marion Gräfin Dönhoff. Zeit wäre es wohl, denn ganz ohne Stolz auf etwas, was man nicht selbst geleistet hat, geht nun doch nicht.

Viel weiter als bis zur Frage aber reicht der Mut der Autorin nicht. Statt einer Antwort folgen  26 weitere Fragen, von "Welche drei Worte fallen dir ein, wenn du Europa hörst?" über "Welche Vorteile bietet dir persönlich die Europäische Union" bis zu  "Wie glaubst du sieht die Europäische Union in 10 Jahren aus? Und in 100 Jahren?"

Hundert Jahre, nicht tausend. Das mag ein Zufall sein. Aber sicher ist das nicht.

Freitag, 31. März 2017

Kein Alterspräsident für die AfD: Göring lässt grüßen

Um extremistischen Missbrauch der Bundestagsbühne wie seinerzeit durch Stefan Heym zu verhindern, hat die große Koalition die Regelung zur Ernennung des Alterspräsidenten nach 68 Jahren klug fortentwickelt.
Im Abwehrkampf gegen die rechtspopulistische AfD, Hauptfeind des deutschen Arbeiters und der deutschen Hausfrau, hat die Regierungskoalition aus CDU und SPD sich am Rande des jüngsten Koalitionsgipfels darauf geeinigt, die seit 68 Jahren geltende Regelung zur Bestimmung des Alterspräsidenten, der die konstituierende Sitzung eines neuen Bundestages bis zur Wahl eines neuen Bundestagspräsidenten leitet, zu ändern. Um die AfD, die mit Alexander Gauland womöglich den nächsten Alterpräsidenten gestellt hatte, an der Machtergreifung für einen Tag zu hindern, folgten die Koalitionsspitzen einem demokratischen "Kniff" (ZDF) des amtierenden Bundestagspräsidenten Norbert Lammert. demzufolge soll künftig nicht mehr der älteste, sondern der dienstälteste Parlamentarier die erste Sitzung leiten.

Die Regelung, die sich nicht gegen die AfD richtet, sondern eine reine "Fortentwicklung der bisherigen Regelung" (Lammert) sein soll, knüpft an einer großen Tradition an, die bis zurück ins Jahr 1933 reichte. Damals gab Hermann Göring, der Präsident des vorigen Reichstages, "zu Beginn der konstituierenden Sitzung des 8. Reichstages am 21. März 1933 bekannt, dass § 13 der Geschäftsordnung des Reichstages, der das Amt des Alterspräsidenten regelte, außer Kraft gesetzt sei und der Reichstag entsprechend Artikel 27 der Reichsverfassung vom geschäftsführenden Präsidenten eröffnet werde."

Das war damals Göring selbst.

Der steht nicht mehr zur Verfügung, auch Norbert Lammert will im Herbst nicht mehr auf der Bundestagsbrücke stehen. So musste die große Koalition den Göringschen Kniff mit viel demokratischem Fingerspitzengefühl variieren:  Um eine extremistische Zurschaustellung antidemokratischer Werte zu verhindern, wie sie einst der Linksradikale Stefan Heym dem Parlament zugemutet hatte,   wird künftig ein altgedienter Parlamentarier die erste Sitzung leiten.

Im Herbst wäre das vermutlich Wolfgang Schäuble, ehemals Helmut Kohls Bestechungskofferträger, jetzt der Wasserträger einer fortentwickelten Ständedemokratie.