Posts für Suchanfrage CLW werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen
Posts für Suchanfrage CLW werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen

Samstag, 12. November 2022

Ökoarithmetik: Fremdversorgt zur Klimalok

Jetzt müssen die richtigen Weichenstellungen erfolgen, fordern die Forschenden des CLW. Dann könne Deutschland schnell ein Klimavorbild ohne eigenen Energieverbrauch werden.

Deutsche Industrie, deutsche Verwaltungen und die deutsche Bevölkerung verwenden offenbar riesige Mengen Gas, Kohle, Öl und anderer zumeist fossiler Energieträger für die Herstellung des derzeit in Deutschland als "Normalzustand" aufgefassten Alltagslebens. Wie Ökoarithmetiker des Klimawatch-Institut in Grimma (CLW) jetzt errechnet haben, wäre das so allerdings gar nicht nötig. Eine Studie, die die im Zuge der bundesweiten Behördenansiedlungsinitiative in Sachsen gegründete renommierte Forschungseinrichtung vorgelegt hat, zeigt deutlich auf, dass es einen ganz einfachen Ausweg gäbe.

Gezielt geschürte Angst

Seit die Russland-Sanktionen der EU das von Wladimir Putin diktatorisch regierte Großreich im Osten immer schneller in die Knie zwingen, schüren russische Einflussagenten in Deutschland Sorgen, dass es auch hierzulande zu Auswirkungen der auf weite Teile des Alltagslebens kommen könnte. Bei ARD und ZDF rumort es wegen angeblich bevorstehender Blackouts,  ehemals seriöse Großverlage zeigen sich alarmiert vom Heizlüftertrend, ehemals als harmlos geltende Paraffin-Kerzen stehen als Volksfeinde am gesellschaftlichen Pranger.

Im Hintergrund steht natürlich die Angst, angesichts der Klimakrise auf Teile des liebgewordenen Wohlstands verzichten zu müssen. Ohne günstige Energie keine Industrie, ohne Industrie kein Export, ohne Export keine Arbeitsplätze, ohne Arbeitsplätze kein gutes Auskommen, so geht die Rechnung, die Hetzer, Hasser und Zweifler auf den Marktplätzen vor allem in Ostdeutschland aufmachen, wo vielen Bürgerinnen und Bürgern, die an der Straße der Gewalt leben, noch gar nicht klar ist, wie ein modernes Gemeinwesen tatsächlich funktioniert.

Übertriebene Befürchtungen

CLW-Forschungsleiter Herbert Haase nennt solche Befürchtungen "deutlich übertrieben". Auch wenn Deutschland in den zurückliegenden Jahrzehnten von der Verfügbarkeit von Energie und Rohstoffen profitiert habe, so dass das Land zeitweise als Exportweltmeister die ganze Welt mit hochwertig veredelten Waren versorgen konnte, heiße das nicht, dass ein Leben ohne Energie und Rohstoffe unmöglich sei. Fakt ist nach den Berechnungen der Ökoaritmetikern aus Grimme, dass die Aufrechterhaltung des gewohnten gesellschaftlichen Alltages im Augenblick knapp 100 Prozent des gesamten Energieverbrauches der Deutschen verursache. 

Verantwortlich dafür ist, zu diesem Schluss kommen die Experten des CLW, allerdings vor allen Dingen eine kleine Minderheit an Gewohnheiten und Traditionen, die zu gesellschaftlichen Abläufen führen, die es Industrie und engagierter Zivilgesellschaft "nahezu unmöglich" (CLW) machen, wirklich in dem Maße CO2 einzusparen, das nötig wäre, um die globalen Klimaziele bis 2030 zu erreichen.

Das große Bild im Blick

Die Experten hatten für ihre Studie unter dem Titel "Effects of everyday life on energy consumption" erstmals den Energieverbrauch nicht nur bei der Fertigung einzelner Produkte in Deutschland ermittelt, sondern das große Bild in den Blick genommen. Gesamtwirtschaftlich zeigte sich dabei zur Überraschung auch der Forschenden, dass der komplette Energiebedarf benötigt wird, um den gesamtwirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Betrieb am Laufen zu halten. 

Daraus, so die Wissenschaftlernden, ergebe sich jedoch auch Änderungspotenzial: In ihrer Studie schätzen sie erwartbaren Auswirkungen eines drastischen Energieausstieges - das sogenannte "Alarmszenario" - als beherrschbar ein. Bereits im März hatten die Sachsen darauf hingewiesen, dass Deutschland auch mit einen kurzfristigen Stopp der Energieversorgung überleben werde, jetzt bekräftigen sie das mit neuen Daten. Wenn Energie fehle oder so teuer werde, dass Produkte in Deutschland nicht mehr wettbewerbsfähig hergestellt werden können und Bürgernde wie Wohnende im Land einerseits ihre Jobs verlören, andererseits ihre eigene Versorgung mit Nahrung und Wärme nicht mehr leisten könnten, bedeute das keineswegs ein Ende des traditionsreichen Staatswesens an sich.

Abgedimmter Alltag

Ganz im Gegenteil. Das Team um Herbert Haase sieht Licht am Horizont für ein deutlich abgedimmtes, aber mit Natur, Umwelt und Ökologie im Einklang lebendes neues Deutschland. Komme es zu weitgehenden heimischen Produktionsausfällen, müsse niemand mit wesentlichen Unterbrechungen der Wertschöpfungsketten zu erwarten. Alles, was wegen zu hoher Kosten hierzulande nicht mehr produziert werden könne oder wolle, lasse sich aus anderen Staaten importieren, beschreibt der angesehene sagt der angesehene Klimafolgenforscher Haase, der bereits im Januar 2020 auf die großen Chancen hingewiesen hatte, die in drastischen Preissteigerungen bei Energieträgern vor allem für Arme und Geringverdiener liegen.

Die aktuelle Ausarbeitung der CLW-Abteilung Energieausstieg, Strukturnivellierung und Produktivitätrückbau (ESP) bestätigt bisherige Vermutungen. Ein energiefrei vegetierendes Deutschland würde nicht nur die Tür öffnen für eine hundertprozentige Fremdversorgung aus dem Ausland, die dort viele Arbeitsplätze schaffen könnte. Sondern sich selbst auch sofort wieder an die Spitze der weltweiten Klima-Musterschüler setzen. Während das Land im Moment darunter leidet, dass der Klimagiftausstoß seiner industriellen Produktion, auch wenn sie für Verbraucher in anderen Staaten bestimmt ist, immer nach dem Territorialprinzip zugerechnet wird, verkehrte sich dieser Nachteil bei einem Wechsel zur sogenannten "Drohnenlösung" (CLW) in einen Vorteil, wie Herbert Haase beschreibt.

Deutschlands Leben als Drohne

Der umgehende Umstieg zur ausschließlichen Fremdversorgung ließe Deutschland nach den CLW-Angaben bereits ab Tag 1 alle nationalen Klimaziele für 2030 erfüllen. Zudem zöge die "Klimalok" (Haase) Europa kräftig in Richtung Klimaneutralität, "zumindest, wenn wir es schaffen, dass nicht die Partnerstaaten der EU sich anschicken, Deutschland zu versorgen". Da Deutschland eine reiches Land sei und die Bundesregierung überdies gut gewirtschaftet habe, könne sich die Bundesrepublik als Ganzes leicht ein Leben leisten, bei dem alle eigenen Anstrengungen einer ökologisch einwandfreien Lebensführung dienen. Nicht einmal mit tiefgreifendes Einschränkungen und  überdeutlichen Wohlstandsverlusten sei kurzfristig zu rechnen, so Haase. "Und dafür würden wir endlich wieder als Klimavorbild anerkannt."

 

Mittwoch, 1. Januar 2020

Klimapaket: So profitieren Bürger von der Erderwärmung

Flammen im Kamin
Ein mit selbstgesammeltem Holz betriebener Kamin heizt klimaneutral und kostenlos und macht seinen Besitzer so zum Profiteur der neuen Klimasteuer.
Es war das einschneidende Ereignis des vergangenen Jahres, eine global beispielhafte Gesetzesintiative, die Deutschland vom Versagerstaat beim Klimaschutz in die erste Reihe der weltweiten Notstandsgebiete katapultierte. Das Klimapäckchen und der Green Deal der Leyen-Kommission versprechen vom kommendem Jahr an, nicht nur das Klima zu weltweit zu bewahren, sondern auch das Wetter zu retten.

PPQ hat Forscherinnen und Forschende des Klimawatch-Institutes (CLW) im sächsischen Grimma berechnen lassen, wer die großen Gewinner der größten Steuererhöhung der vergangenen 30 Jahre sein werden, als die die Einführung der CO2-Abgabe von Historikern später einmal eingeordnet werden wird. Heizen und Autofahren werden ab 2021 deutlich und in den Jahren danach immer weiter anziehend teurer, der Preis für Strom soll zum Ausgleich symbolisch um zwei Cent gesenkt werden - exakt der Betrag, der vor Inkrafttreten der neuen Weltklimaregelung noch einmal obenauf geschlagen wurde. Doch unterm Strich rechnet sich das für viele, entsprechende Maßnahmen und Änderungen der Lebensgewohnheiten vorausgesetzt.

In einer Studie, die im Auftrag von PPQ erstellt wurde, haben die Klimafolgenforscher des CLW "in nie erreichter Genauigkeit" (Spiegel) aufgeschlüsselt, wie sich das eigene Leben klimasteuertechnisch so optimieren lässt, dass das eigene Portemonnaie mit steigendem Klimapreis zunehmend profitiert. Gerade Geringverdiener, das zeigen die Zahlen, gehören zu den Gewinnern.

Ein dickes Plus können beispielsweise Pendler einstreichen, die bisher noch mit dem Pkw zur Arbeit fahren. Obwohl die Bundesregierung vorsieht, die Pendlerpauschale zumindest für Weitfahrer leicht zu erhöhen, rechnet sich für viele Geringverdienende die Fahrt zur 60 oder 70 Kilometer entfernten Arbeitsstätte nicht mehr, wenn der Liter Benzin ab 2021 um etwa sieben Cent und bis zum Jahr 2025 sogar um 15 Cent je Liter teurer wird. Statt viel Geld auszugeben, um den eigenen Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften, bietet es sich für Betroffenen an, die Erwerbsarbeit aufzugeben. Damit fällt die Umweltbelastung durch das Pendeln weg, der Staat spart sich das "Steuergeschenk" (Kipping) Pendlerpauschale und für die so klimakonsequent umsteuernden früheren Arbeitnehmer sinkt das Unfallrisiko, während die Lebensqualität steigt.

Aus Sicht der CLW-Experten ist das für viele frühere Pendler ideal. CLW-Studienleiter Stefan Bequois weißt darauf hin, dass der ab 2028 geplante Rückbau der Pendlerpauschale auf die Ausgangswerte - während die CO2-Steuer gleichzeitig weiter steigt - pendelnde Arbeitnehmer, die nicht mehr arbeiten und auch nicht mehr pendeln nicht mehr negativ wird treffen können. "Das Einkommen bleibt dann eigentlich gleich."

Eine Tabelle des CLW zeigt zudem: Arbeitnehmer mit geringem Einkommen und deshalb niedrigem Konsumausgaben sparen mit der neuen Klimasteuer viel mehr Geld als reiche Großeinkäufer. Top-Verdiener wie Manager, Spekulaten und rechtspopulistische Kabarettisten, die für rund 40.000 Euro jährlich Urlaubsreisen, Unterhaltungselektronik, Modeartikel und individuelle Mobilität in Form von Fahrzeugen einkaufen und hochherrschaftlich in großzügig geschnittenen Stadtvillen wohnen, zahlen künftig etwa 5000 bis 10.000 Euro mehr. Wer dagegen nur Essen, ab und zu ein gebrauchtes Paar Schuhe und die Heizkosten für eine kleine klimaverträgliche Kammer aufzubringen hat, dem bleibt mehr Geld unterm Strich übrig als er überhaupt hat.

Das zeigt: Der Klimapakt ist sozial gerecht, der Klimawandel schafft auf seine Art einen sozialen Ausgleich. Auch nach der nochmaligen spitzen CO2-Abgabeerhöhung im Jahr 2025 und der im Nachgang stark sinkenden Pendlerpauschale bleiben die Ergebnisse der Berechnung gleich: Wer geschickt plant, gehört zu den Gewinnern der neuen Klimasteuern.

So kann etwa, wer seine gerade erst modernisierte Ölheizung abschaltet und sich für kleines Geld einen Kamin in die gute Stube bauen lässt, klima- und kostenneutral heizen, indem er im Wald Reisig sammeln geht. Solches Kleinholz ist überall im Unterholz kostenlos zu haben, es lässt sich wegen seines geringen Gewichts gut auch auf dem Fahrrad über weite Strecken transportieren und es verbrennt vollkommen klimaneutral mit abnehmender Hitze. Auch die geplante Senkung der Strompreise bei Beibehaltung des weltweiten Rekordniveaus dürfte den Belastungsausgleich smart steuern: Wer große Elektrogeräte wie Kühlschränke, Spül- oder Waschmaschinen oder betreibt, zahlt kräftig drauf, wer mit der Hand, kaltem Wasser oder gar nicht wäscht, hat zuwachsend bis 2025 unterm Strich mehr Geld im Geldbeutel.

Freitag, 18. März 2022

FdH: Einstieg in den Essenausstieg

Es muss nicht immer eine ganze Pizza sein, schon gar nicht mit Belag.

Erst wurde Erdgas teuer, dann Öl, dann Benzin, jetzt schießen die Düngemittelpreise in die Höhe und danach drohen Lebensmittel knapp zu werden. Die Ukraine und Russland gehören bei wichtigen Grundnahrungs­mitteln zu den größten Export­ländern der Welt, das eine Land fällt wegen der Kriegsschäden als Lieferant aus, Russland dagegen wird wegen der Sanktionen nicht liefern können. Doch die Krise birgt auch Chancen für Deutschland, einen Wohlstandsstaat, in dem zwei Drittel (67%) der Männer und die Hälfte (53%) der Frauen als übergewichtig gelten. Ein Viertel aller Erwachsenen sind sogar schwer adipös, das heißt ihr body mass index liegt bei über 30.

Gewicht als Gesundheitsgefahr

Gesundheitspolitisch eine Dauergefahr, versorgungstechnisch ein Alptraum, sicherheitspolitisch ein Spaltpilz. Allein um ihr Übergewicht zu halten, benötigen 23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen in Deutschland mehr Nahrung als zur Lebenserhaltung notwendig wäre. Praktisch können sie nichts dafür, denn der Anteil des stoffwechselinaktiven Gewebes ist bei ihnen einfach höher als bei Normalgewichtigen. Dadurch schmecken ihnen große Mengen an Speisen länger besser und sie brauchen immer mehr davon. Volkswirtschaftlich gesehen aber wird dieser Mehrbedarf in Zeiten leerer Speisekammern ein Problem: Woher nehmen und nicht stehlen? Wie die zusätzlichen Belastungen für ohnehin strapazierte Lieferketten und das globale Klima schultern?

Zuletzt protestierten Bauern in Mecklenburg-Vorpommern schon mit ihren Traktoren in gegen eine neue Landesdüngeverordnung, die den Einsatz von künstlichen Wuchshilfen weiter einschränkt. Nur mit solchen Düngeverboten aber wird sich das Nahrungsangebot kaum ausreichend auszuweiten lassen, um bei höheren Anforderungen an die Selbstversorgung des Landes alle Wünsche zu erfüllen. Während die Bundesregierung die durch den russischen Angriff auf die Ukraine ausgelöste Verknappung bislang nicht zum Anlass nimmt, ein großes Diätsparprogramm aufzulegen, hat das Klimawatch-Institut (CLW) im sächsischen Grimma, das bereits früh erste Energiespartips gab, einen ersten Ratgeber zum Essensausstieg vorgelegt. 

 Abhängig von Sonnenblumenöl

Bei den Vorschlägen, die das CLW gesammelt hat, gehe es keineswegs um Zwang oder Pflichtmaßnahmen, sagt Institutssprecher Herbert Haase, "sondern darum, wie Deutschland die Abhängigkeit von Sonnenblumenöl und Weizen aus Russland und der Ukraine verringern und zugleich globale Klimakosten senken kann". Konkret gehe es dabei um eine Senkung des Grundumsatzes durch eine Absenkung der Essgeschwindigkeit. "Wird die um zehn Prozent verringert, steigt dass Sättigungsgefühl bei gleicher Nahrungsmenge um fünf Prozent." Würden alle Privathaushalte sowie Gastronomie- und Gewerbebetriebe dabei mitmachen, könnten damit nach Berechnungen des CLW 7,3 Prozent der importierten Nahrungsmittel eingespart werden.

Sparsamer essen heiße aber auch, die Menge der dem Körper zugeführten Speisen insgesamt zu senken. Gerade beim Kochen werde viel Energie verschwendet, etwa "wenn wir Nudeln kochen, obwohl kalte Eierteigwaren denselben Kaloriengehalt haben wie gekochte". Da Hartweizennudel ungekocht automatisch länger gekaut werden, spare das Kochen nicht nur Energie, sondern auch Speisemengen.  "Würde hier 30 Prozent länger gekaut, spart Deutschland allein bei Nudeln bis zu 20 Prozent der Gesamtmenge."

"Wir essen zu viel"

Rein rechnerisch entlaste das, das Grundproblem werde so aber nicht gelöst. "Wir essen zu viel", sagt Haase, und meint damit vor allem die Gruppe von Mitbürgern, die ohne Rücksicht auf andere mehr für sich nehmen als jedem Einwohner bei gleicher Zuteilung zustehen würde. Hier erwägt das CLW ein Esslimit: Das sei "eine schnelle Maßnahme, die Nahrungsmittelimporte senke, ohne dass jemand zu wenig zum überleben hätte". Gesundheitspolitisch zudem mit heilsamen Nebenwirkungen: Sänke der Verbrauch an hochveredelten Speisen um etwa 34,6 Prozent, würden Bluthochdruck, Herzkrankheiten und gewichtsbedingte Bewegungsarmut automatisch in etwa demselben Maß zurückgehen.

Neben einem Esslimit käme aber auch dem freiwilligen Verzicht eine maßgebliche Rolle zu. Schokolade, ortsfremde Früchte wie Orangen und Bananen, aber auch Bonbons, Süßspeisen und Lakritz seien zur Lebenserhaltung nicht nötig und in der derzeitigen Gesamtsituation auch "obszön zu genießen". Hier hätte ein problemlos möglicher Verzicht einen durchschlagenden Effekt auf den Verbrauch. Würde in Deutschland nur so viel Schokolade gegessen wie in Portugal, wären 80 Prozent aller Schokoimporte überflüssig.

Verzicht auf obszönen Genuss

Ein Beibehalten von Homeoffice und die Schließung aller Kantinen brächte weitere 13 Prozent Ersparnis, ein solidarischer Verzicht auf vorerst jeden zweiten Genuss-Snack (Nüsse, Bier, Wein) weitere 12,4 Prozent. Hilfreich könnten bei der Durchsetzung auch weiter stark erhöhte Preise für Benzin, Gas, Öl und Diesel sein: Nach Beobachtungen des Bundesfinanzministers geben Bürgerinnen und Bürger ihr gesamtes Geld jeweils nur einmal aus, so dass bereits an der Tankstelle abgeschöpfte Beträge später nicht für andere Anschaffungen ausgegeben werden können.

Verweisend auf Erfahrungen aus der Vergangenheit verweist die Klimawatch-Studie auch auf einen Eintopftag pro Woche und generell fleischfreie Sonntage. Größere Effekte seien hier eher mittelfristig zu erwarten, doch ein schnellerer Essensausstieg hätte auch kurzfristig Effekte. Mit dem Abschied von hohen Nährstoffeinträgen auf den Äckern wären die reichen Ernten der Vergangenheit weitgehend Geschichte, die geringeren Produktionsmengen würde aber bei freiwilligem Verzicht auf übergroße Portionen ausreichen, die Ernährung vieler Menschen autochthon zu gewährleisten. Sogar ein gewisses Bevölkerungswachstum bliebe denkbar, ohne dass der Selbstversorgungsgrad unter 100 Prozent absinken müsste. 

Abhängig von Ammoniak

Deutschland, das bisher hauptsächlich von russischen Ammoniak-Importen abhängig war, würde die Chance des von Russland verhängten Ausfuhrverbotes nutzen, um auf natürlich Gründüngung als Ersatz umzusteigen - etwa durch den Anbau von Hülsenfrüchten aus der Familie der Schmetterlingsblütler, die mit Hilfe von Knöllchenbakterien Stickstoff aus der Luft aufnehmen, über die Wurzel im Boden binden und ihn pflanzenverfügbar machen, ohne dass Putin davon profitiert.

Die Lupine zum Beispiel kann mit ihren meterlangen Pfahlwurzeln Nährstoffe und Wasser aus tiefsten Bodenschichten ziehen, sie beansprucht ein Fünftel der Fläche, die eine Kuh samt Futter einnimmt, und sie hat einen neutralen, nur leicht nussigen Geschmack, der außerdem appetitzügelnd wirkt.

Sonntag, 26. Februar 2023

Tempolimit neu gedacht: Mindestgeschwindigkeit für die Autobahn

Leerer, sicherer und klimaschonend, so wären die deutschen Autobahnen, wenn das Gesetzgeber die  Mindestgeschwindigkeit zum Befahren auf 160 km/h festlegen würde.

Immer wieder ploppt sie auf, die Forderung nach einem Tempolimit auf den deutschen Autobahnen. Nicht nur für dass Gewissen sei das gut, sondern auch für das Klima, heißt es dann schon seit Mitte der 70er Jahre. Zuletzt hatte eine präsentative Umfrage im Auftrag des Bundesumweltministeriums den Beweis erbracht: Knapp "zwei Drittel der Deutschen" (BMVU), gemeint sind wohl der in Deutschland lebenden Menschen, sprechen sich mittlerweile für ein Tempolimit aus. Läge das bei 100 Kilometern pro Stunde, würden, so Umweltministerin Steffi Lemke, Jahr für Jahr 5,4 Millionen der in Deutschland alljährlich ausgestoßenen 678 Millionen Tonnen Kohlendioxid eingespart.  

Tempolimit bringt zu wenig

Viel zu wenig, klagt der Klimaforscher und Umweltästhet Herbert Haase, der am Climate Watch Institut (CLW) im sächsischen Grimma Möglichkeiten erforscht, Deutschlands Klimaeintrag dauerhaft und deutlich zu vermindern und bis spätestens 2035 zu verhindern.  "Wir sprechen hier von 0,79 Prozent der Gesamtemission an CO2", schimpft der Professor, "das ist nicht einmal ein Sechstel der 35 Millionen Tonnen, die die Deutschen nach dem Ende der Corona-Einschränkungen wieder zusätzlich auf unser Klimasündenkonto gebucht haben." Nach Berechnungen, die Wissenschaftler am CLW angestellt haben, entspricht das in etwa der zusätzlichen CO2-Last, die in den zurückliegenden Jahrzehnten jeweils durch und bei Debatten über ein Tempolimit erzeugt worden sei. "All die Artikel, die Talkshows, die Online-Diskussionen, die Parteitagsbeschlüsse, das war ja nie klimaneutral."

Das aber soll eine neue Lösung sein, die in den zurückliegenden Monaten am Climate Watch Institut ausgetüftelt wurde, "um den müßigen Streit um beinahe Nichts endlich beizulegen", wie Haase formuliert. Auch das sogenannte "sächsische Limit" zielt auf die Mobilität auf den Autobahnen, schafft es aber mit einem klugen Trick, das CO2-Einsparpotential zu vervielfachen. "Wir peilen einen Minderausstoß von etwa 20 bis 30 Millionen Tonnen an", sagt Haase. Möglich machen soll das ein geschickter Schachzug im Design des neuen Tempolimits, das nicht mehr eine Höchst- sondern eine Mindestgeschindigkeit auf der Autobahn vorschreiben würde.

Verschlankter Schnellverkehr

Unseren Berechnungen zufolge wären 160 Kilometer in der Stunde ideal, um den Schnellverkehr weiterhin zu gewährleisten, zugleich aber deutlich zu verschlanken." Der Hintergedanke der Verkehrs- und Klimaplaner aus Sachsen ist einleuchtend: Bei mehr als 18 Prozent der in Deutschland zugelassenen Pkw handelt es sich um Kleinwagen, weitere zwölf Prozent seien schwach und schwächer motorisierte Mittelklasseautos. "Deren Nutzer und Besitzer fahren nicht gern schnell", erklärt Haase. Jeder kenne das von eigenen Autobahnfahrten: Die früher "Fahrer mit Hut" genannten Besitzer von Corsa, Polo, Swift, Trabant und Twingo, aber auch die vielen neuen Elektromobile, bewegten sich mit knapp über 100 km/h am liebsten auf der Mittelspur, "wie Schwimmschüler, die immer die Pooltreppe im Blick behalten wollen". 

Diese Millionen von Langsamfahrern hemmten nicht nur den Verkehrsfluss, sie sorgten auch dafür, dass Normalfahrer häufig abbremsen und anschließend wieder beschleunigten müssen. "Das kostet immer zusätzlich Sprit und feuert die Erderhitzung an." Das sächsische Limit setzt genau hier an: Das CLW schlägt eine Mindestgeschwindigkeit für Autobahnen vor, "ein umgekehrtes Tempolimit", sagt Haase. Ähnliches gebe es ja bereits, um extreme Langsamfahrer wie Traktoren, Panzer und motorisierte Gehilfen von den Schnellstraßen wegzuhalten. Der Gesetzgeber habe sich hier für ein Limit von 60 km/h entschieden, deutlich zu wenig, wie die Forscher des CLW errechnet haben. 

Autobahnverbot für Kleinwagen

Ab 160 km/h erst falle eine "spürbare Anzahl" von Kleinwagenmodellen aus der theoretisch um die 55 Millionen großen Gruppe der derzeit autobahntauglichen Pkw heraus. Einerseits, weil die Höchstgeschwindigkeit dieser Fahrzeuge unter der Mindestgeschwindigkeit auf der Autobahn liege, andererseits aber auch, "weil Besitzer und Nutzer  schnell einsehen werden, dass sie in ihren Autos so nicht unterwegs sein wollen, auch wenn es technisch denkbar ist". Ein "Klärungsprozess" (Haase) werde einsetzen, der schnell klimarelevant zu werden verspricht: "Wir reden davon, dass etwa ein Drittel der Autos in Deutschland dann nicht mehr durch Autobahnfahrten klimabelastend wirkt."

Diskriminierend findet Herbert Haase das Tempolimit nach  sächsischem Zuschnitt nicht. Es gehe ja nicht nur darum, das Klima, sondern auch darum, die vielgescholtenen Schleicher vor sich selbst und damit alle anderen Verkehrsteilnehmern von Unfällen, Zeitverlust und ärgerlichen Gefahrensituationen zu schützen. "Ohne diese Klientel liefe der Verkehr flüssiger, jeder wäre schnell dort, wo er hin will, es gäbe weniger Unfälle und bis zu fünf Prozent weniger CO2-Ausstoß durch Autobahnfahrten. Das mehr als das Fünffache dessen, was die Verfechter des traditionellen Tempolimits mit Höchstgeschwindigkeit versprächen. "Ich denke, mit Blick auf die deutschen Klimaziele, den Klimavertrag von Paris und künftige Generationen muss eine verantwortlich handelnde Regierung keinen Moment überlegen, ehe sie unseren Vorschlag konsequent umsetzt."

Dienstag, 10. Januar 2023

Verpasste CO2-Ziele: Fehlendes Hundeverbot bringt Klima in Not

Erzeugt 1,8 bis vier Tonnen Co2 im Jahr, muss aber dank einer Lobby, die bis in den Bundestag selbst reicht, keine Klimaauflagen fürchten: Der Hund.

Wieder einmal und wieder gar nicht so knapp. Laut einer Studie der Lobbyorganisation Agora Energiewende hat Deutschland auch 2022 seine Klimaziele beim CO2-Ausstoß nicht erreicht. Um fünf Millionen Tonnen CO2 lagen die Emissionen im vergangenen Jahr über dem Plansoll - und das trotz historisch einmaliger Energiesparanstrengungen, Neun-Euro-Ticket, erneuerbarer Offensive der Bundesregierung und zahlreicher Klimaproteste. Ein Ergebnis, das Deutschland selbstgewählte Vorreiterrolle beim globalen Klimaschutz infragestellt, denn die 761 Millionen Tonnen Kohlendioxid, die das Land trotz aller Anstrengungen in die Atmosphäre blies, bedeuten einen erneuten Anstieg um 4,5 Prozent anstelle der anvisierten Minderung auf das Volumen des ersten Corona-Jahres, als Deutschland durch Lockdowns und Produktionseinsparungen es einmalig in die Nähe der Vorgaben geschafft hatte.

Die Hundebremse fehlt überall

Mit dem von Kritiker bereits seit Jahren vehement geforderten Hundeverbot wäre das nicht passiert: Laut dem in Sachsen beheimateten Klimawatch-Institut (CLW) hätte eine konsequente Umsetzung der sogenannten "Hundebremse" es nicht nur ermöglicht, die Klimapläne einzuhalten, sondern sogar noch beinahe sechs Millionen Tonnen CO2-Äquivalent über das Soll hinaus eingespart. Eine komplette Haustierbremse, wie sie der Migrationssoziologe und Klimabewegungsforscher Heiko Hassknecht, Professor für Ökonomie und Kulturgeschichte an der Hochschule Vividrina ins Spiel gebracht hatte, hätte mit Einsparungen von beinahe 18 Millionen Tonnen CO2 sogar dafür gesorgt, dass Deutschland seine Verpflichtungen aus den Pariser Klimaverträgen um das Dreifache unterboten hätte.

Herbert Hasse vom CLW gesteht zwar zu, dass die Bundesregierung angesichts der veränderten Weltlage zu anderen Prioritäten gezwungen war: "Sie musste dafür sorgen, dass trotz des Stopps der Energielieferungen aus Russland die Wohnungen warm bleiben und die Lichter nicht ausgehen", sagt er. Ein Einstieg in ein Hunde- oder aber weiter gefasstes Haustierverbot wäre aber aus seiner Sicht davon überhaupt nicht betroffen gewesen. "Wir hätten auf sparsamem Niveau weiterheizen und produzieren können, gleichzeitig aber dem relevanten Problem entgegengewirkt, dass die Welt nach Deutschland schaut und sieht: Der Musterschüler in Sachen Energieausstieg versagt einmal mehr."

Festhalten an Kohle und Köter

Auch durch das Festhalten am mehrfach beschlossenen Atomausstieg sei es sicherlich unumgänglich gewesen, vorübergehend in den kommenden Jahren viel klimaschädliche Kohle und dazu auch mehr Gas zu verstromen. "Wenn ich als Verantwortlicher aber sehe, dass mir dadurch mehrere Stellschrauben wegbrechen, mit deren Hilfe ich den Klimaschutz vorantreiben wollte, muss ich angesichts der Größe der Aufgabe, die vor uns steht, schauen, wie ich das ausgleiche, ohne dass es zu unbilligen Härten kommt." Bei ihrem Amtsantritt Ende 2021 habe die Ampel-Koalition den Erhalt des Klimas immerhin  zu ihrer Top-Priorität erklärt. "Gleichzeitig aber schreckt sie selbst vor einfachsten Maßnahmen zurück, um die zwingend notwendige Wende einzuleiten."

Mangelnde Einsicht in die Notwendigkeit oder Furcht vor der mächtigen Kleintierlobby? Heiko Hassknecht will darüber nicht spekulieren. "Fakt ist, dass ein einziger mittelgroßer Hund 1,8 bis vier Tonnen des Klimagiftes CO2 im Jahr erzeugt", sagt er sachlich, "daraus ergibt sich ein Einsparpotenzial allein für Deutschland mit seinen mehr als zehn Millionen Hunden von roundabout 18 bis 40 Millionen Tonnen CO2". Das CLW hatte diese Rechnung zuletzt in der vielbeachteten Studie "Effects of everyday life on energy consumption" bestätigt - danach liegt das Einsparpotenzial allein durch ein Hundeverbot beim zehn- bis zwanzigfachen des vieldiskutierten Tempolimits auf der Autobahn.

Weichen wurde nie gestellt

Natürlich, das gestehen beide Forscher zu, gehe ein Teil der Zielverfehlung noch auf das Konto der schwarz-roten Vorgängerregierung. Die habe es versäumt, die Weichen rechtzeitig Richtung Kleintierverbot zu stellen. "Nach unseren Vorschlägen", bestätigt Hassknecht, "sollte das oft als Hundebremse bezeichnete Kleintierverbot ja Zug um Zug eingeführt werden, indem wegsterbene Lieblinge nicht mehr ersetzt werden." Doch seit den ersten Jahren der Merkel-Administration schon bestimme eine Politik der Bremser und der Verweigerung  die diesbezügliche Debatte, bestätigt Herbert Haase. "Man hätte hier einen Handlungsspielraum, ganz unabhängig von den aktuellen Krisen, aber statt ihn im Kampf gegen den Klimawandel entschlossen zu nutzen, ducken sich die Verantwortungsträger kollektiv weg."

Nicht einmal Gespräche über entsprechende Konzepte und Maßnahmen gebe es innerhalb der Ampel, ganz im Gegenteil, ein Außenministerin Annalena Baerbock zugeschriebener Vorstoß wurde umgehend als Falschmeldung dementiert. "Aus unserer Sicht ist das natürlich viel zu zaghaft, weil die Richtung sich nicht ändert mit der absehbaren Folge, dass die Klimaschutzziele in den nächsten Jahren noch stärker verfehlt werden dürften", sagt Herbert Haase. Seit Jahren bereits nehmen Privathaushalte die furchtsame Kleintierpolitik der verschiedenen Bundesregierungen als Freibrief, um immer mehr und mehr Hunde und andere Haustiere anzuschaffen. Inzwischen leben in jedem zweiten deutschen Haushalt Hunde, Katzen, Kanarienvögel, Reptilien und Fische. "So wird es immer schwerer, hier Anstrengungen umzusetzen, die den Ausstoß von Treibhausgasen vermindern."

Zwischen Klimaanspruch und Wirklichkeit

Um aber den Gesamtausstoß an deutschem CO2 bis zum Jahr 2030 wie geplant um 65 Prozent zu verringern, führt kein Weg um die breite Verhinderung klimaschädlicher Haustierhaltung herum. "Wenn wir ehrlich sind, ist die Lücke zwischen Klimaanspruch und Wirklichkeit hier besonders groß, weil es keinerlei Bemühungen gibt, eine simple und dazu noch kostenlose Lösung wie die Haustierbremse sukzessive umzusetzen", ärgert sich Heiko Hassknecht. Dabei hätte doch allein dieses eine kleine Verbot ausgereicht, um das Klimaziel für das vergangene Jahr mehr als einzuhalten. Während das so leidenschaftlich diskutiert Tempolimit von 100 auf der Autobahn nach Berechnungen des Umweltbundesamtes nur 4,3 der fünf Millionen Tonnen zu viel ausgestoßener Treibhausgase eingespart hätte, wären die Emissionen ohne die deutschen Hunde um mindestens 18 Millionen Tonnen gesunken. 

Das zeige deutlich, wo die Säge klemme, sagt Herbert Haase. "Was wir brauchen, ist Entschlossenheit und der Mut, Klimaschutz auch in diesem Bereich endlich ernstzunehmen." Hunde seien derzeit für nahezu vier Prozent der deutschen CO2-Produktion alleinverantwortlich, alle Haustiere zusammengerechnet (inklusive Pferde) komme der spaßorientierte Heimtierbereich auf etwa acht bis zehn Prozent."Da steht natürlich für die Wissenschaft immer die Frage, warum schaut man da tatenlos zu und wie lange will man das noch tun", formuliert Hassknecht diplomatisch.

Freitag, 15. Juli 2022

Klimadiät: Todesurteil für den Braten

Fleischesser sprechen mit jedem Bissen ein Todesurteil über den Planeten.

Wannenbäder, ausgiebige Duschen, Glühbirnen und haltlose Mobilität, die moderne Lebensweise der Gesellschaften des Westens krankt in vielerlei Hinsicht. Zentral aber für das Überleben der Menschheit ist nach einer Studie des Klimawatch-Institut (CLW) im sächsischen Grimma wahrscheinlich der ungebremste Fleischverzehr. "Damit die Erde uns auch in Zukunft ernähren kann, müssen die Industrienationen den Verzehr von Fleisch deutlich reduzieren - im Idealfall um mindestens 75 Prozent", sagt CLW-Chef Herbert Haase. Zu diesem Schluss seien die Forscher aus Sachsen gekommen, nachdem sie in einer Übersichtsarbeit den aktuellen Stand der Fleischforschung ausgewertet hatten.  

Alles spricht gegen Braten

Alles spricht danach gegen Fleisch, Wurst und Braten, deren ausgeprägte Auswirkungen auf Umwelt und Klima eine Vielzahl von Gesundheits- und wirtschaftlichen Negativeffekten nach sich zögen. In geringen Mengen Fleisch zu essen, könne zwar durchaus nachhaltig sein, doch die jahrtausendealte Sitte, sich mit Hilfe von in Tierkörpern hochangereicherten Eiweißen in Form von Muskelfleisch, Blut, Innereien, Darm, Knochen, Schwarte und Fett zu ernähren, führe angesichts der aktuellen Umstände in den Abgrund: Je höher der Wohlstand in den betroffenen Regionen steige, desto stärker nehme der Fleischkonsum zu, so Haase. "Mehr Menschen essen mehr Fleisch, die Lebenserwartung steigt, der verhängnisvolle Trend verstärkt sich."

Eines der am schlimmsten betroffenen Länder ist die Europäische Union, eine Region, in der jeder Bürgerin und jeder Bürger mit rund 80 Kilogramm Fleisch pro Jahr etwa sein eigenes Körpergewicht zu sich nimmt. Trotz aller Bemühungen, Suppentage, Eintopfwochen und fleischfreie Fastenzeiten zu popularisieren, ist der Trend zum Tierverzehr ungebrochen. Doch jedes leckere Steak, jede knackige Grillwurst hat einen Preis, den die Konsumenten nicht an der Ladentheke zahlen. Nutztierhaltung schädigt Klima und Umwelt, Wiederkäuer erzeugen Methan, das die Erderwärmung beschleunigt, bei allem Bemühen setzen Tiere zudem nur einen Teil der verfütterten Kalorien in Fleisch um. 

Rein pflanzliche Fütterung

Um dieselbe Zahl an Menschen mit Fleisch zu ernähren, benötigt die Landwirtschaft mehr Fläche als bei rein pflanzlicher Fütterung. "Würden alle Menschen so viel Fleisch verzehren wie die Europäer oder die Nordamerikaner, würden wir unsere Klimaziele weiterhin weltweit verfehlen", warnt Herbert Haase. Das CLW hat nun erstmals einen Koeffizienten errechnen können, der Aussagen darüber erlaubt, wie viel Fleisch pro Kopf künftig noch möglich ist, ohne dass Steak, Schnitzer, Bratwurst und Schinken die Grundlagen des Überlebens der Menschheit zunichtemachen. "Die Daten zeigen die Notwendigkeit,  idealerweise auf 20 Kilogramm oder weniger jährlich abzuspecken", so Haase. Das entspräche einer Reduzierung von etwa 75 Prozent, bei der allerdings jeder einzelne Bürger*in mitziehen müsse. "Sonst rechnet es sich nicht."

Statt um sie 7,5 Kilo Hack, Lende oder Rippchen im Monat zu verzehren, die zu 75 Prozent aus Wasser, und nur zu 25 Prozent aus Eiweiß, Leimstoffen, Fetten und Mineralstoffen bestehen, eröffnet der Diätplan der Klimawissenschaftler die Möglichkeit, einen Restfleischgehalt an der Nahrung von zirka 1,5 Kilogramm beizubehalten. Die fetten Jahre wären vorbei, "aber es erübrigte sich die härteste Konsequenz, komplett auf vegetarische oder vegane Kost umschwenken". 

Hört auf die Wissenschaft

Laut Studie gilt nun als erweisen, dass der Mensch sich nicht dauerhaft von Gras ernähren kann, Wiederkäuer aber schon, so dass ein Verzicht auf die weitere Zucht und Haltung solcher Tiere nicht nur deren Lebensrecht und deren Lebensperspektiven empfindlich und dauerhaft beeinträchtigen würden, sondern auch die Nutzung der global weitverbreiteten Graslandschaften zur Nahrungserzeugung. "Da sich Wiesen kaum anders nutzen lassen, ist es daher durchaus sinnvoll, darauf Vieh zu halten."

Gerade in ärmeren Regionen fehlt es zudem an pflanzlichen Quellen für hochwertige Proteine und Mikronährstoffe. So lassen sich Gemüse und Hülsenfrüchte nicht überall anbauen und zudem nur zu bestimmten Zeiten ernten. "In solchen Fällen sind Tiere oft ein zentrales Element für eine gesunde Ernährung", betont Herbert Haase. Für viele Menschen seien Tiere eine wichtige Einnahmequelle. Fallen die mit ihrer Hilfe erwirtschafteten Einkünfte aus Milch, Eiern oder auch Fleisch weg, mindert das die Chancen der Betroffenen, einkommensmäßig zu den Wohlstandsfestungen des Westens aufzuschließen und Fleisch häufiger auf dem Speiseplan zu bekommen.

In den  Wohlstandsfestungen des Westens

Es sei unzweifelhaft an den reichen Ländern, ihren Fleischkonsum zu reduzieren und auf Tiereiweißdiät zu gehen. Dass bisherige Bemühungen, Vegetarismus und Veganismus, Hafermilch, Rotebeeteburger und Bohnenbolognese trenden zu lassen, zeige die Notwendigkeit schärferer Maßnahmen. Herbert Haase hält es für wichtig, nicht im Kleinklein von Appellen und Suppensontagen stehen zu bleiben, sondern höhere Steuern auf tierische Lebensmittel einzuführen. 

Zwar werde es mit einem zehn- oder zwanzigprozentigen Aufschlag, mit dem man einsteigen könne, wahrscheinlich auf Dauer nicht getan sein. Doch ab 40 oder 50 Prozent werde eine Lenkungswirkung zweifellos bereits sichtbar werden. Als Begründung für die gezielte Verteuerung biete sich der Hinweis an, dass Fleisch hohe Umweltkosten verursache, die sich in den aktuellen Preisen nicht widerspiegeln. "Konsumentinnen und Konsumenten werden verstehen, dass es gerecht und sozial ist, Fleischessen stärker an diesen Kosten zu beteiligen, die ja bisher alle tragen."

Donnerstag, 24. Juni 2021

Klima-Studie: Jobboom dank Mobilitätsausstieg

Im Kontrollbereich der Mobilitätserlaubsnisbehörden wird künftig viel Arbeit anfallen.

In den Fahrzeugfabriken geht die Angst um, bei de Zulieferern der großen deutschen Automobilhersteller herrscht Furcht - der vom Bundestag beschlossene Mobilitätsausstieg bedroht vermeintlich tausende Arbeitsplätze. E-Autos haben weniger bewegte Teile, die geschrumpfte Flugzeugflotte benötigt weniger Techniker und Piloten, selbst Arbeitsplätze von Stewardessen stehen auf dem Spiel. Ähnlich sieht es bei Zubehör-Herstellern aus, Navigationssysteme, Handyhalter, Kofferraumteppiche - alles auf Abruf, so meinte man bisher zumindest.

Keine Angst vor Jobverlust

Eine neue Studie zu den Folgen der anstehenden umfassenden Verkehrswende macht nun aber Hoffnung. Danach birgt der weitgehende Mobilitätsausstieg tatsächlich mehr Chancen als Risiken auf dem Arbeitsmarkt. Die Forscher des Klimawatch-Institut (CLW), das erst im Zuge des Braunkohleausstieg in einer aufgelassenen Grube in der Nähe des dunkeldeutschen Grimma angesiedelt worden war, sehen optimistisch in die Mobilitätszukunft. Mit Hilfe eines "Großcomputer, der mehrere Räume im Institut füllt", wie Forschungsleiter Herbert Haase beschreibt, gelang es den Wissenschaftlern, zu berechnen, dass eine vom Klimaschutz und der Digitalisierung getriebene Mobilitätswende in Deutschland bis zum Jahr 2040 mehr Arbeitsplätze schaffen wird als sie vernichtet.

Gute Nachrichten für alle, die heute noch Angst vor Arbeitsplatzverlust und eingeschränkter Beweglichkeit haben. "Nach unserem Szenario geht der Umbau hin zu einer ökologischeren Mobilität  nicht wie von Gegnern des Umbaus des Automobilstandortes Deutschland propagiert mit einem Arbeitsplatzabbau, sondern sogar mit einem Zuwachs an Beschäftigung einher", zitiert Haase aus dem 652-seitigen Forschungsbericht. 

Auf der Grundlage von Annahmen

Das von den CLW-Forschern entworfene Szenario basiert dabei auf der Grundlage von Annahmen, die sich wiederum auf Experteninterviews und vorliegende Literatur stützen. "Eingeschränkte Bewegungsrechte gehen danach einher mit einem höheren Bewegungsdrang", sagt Haase. Wer nicht könne, der wolle erst recht. Dadurch steige die Zahlungsbereitschaft - wo private Kraftfahrzeuge weitgehend verboten seien, werde auf Mietmobile umgestiegen werden. "600.000 neue Jobs im Taxigewerbe Minimum, sieht Haase entstehen. Nach dem Verbrenner-Aus im kommenden Jahrzehnt und mit dem absehbaren Verbot für autonomes Fahren in Deutschland werde diese Zahl weiter steigen. Setze sich die Auffassung durch, dass auch Elekrofahrzeuge eigentlich nicht gut für die Umwelt seien, rechne CLW mit weiteren 1,6 Millionen neuen Jobs. "Wir werden einen Fahrradrikschaboom erleben und Last- und Sänftenträger werden ins Stadtbild zurückkehren."

Der Forscher ist grundsätzlich optimistisch beim Ausblick bis zur Mitte des Jahrhunderts. "Schon im Jahr 2040 wird der jetzt langsam angeschobene Prozess des Ausstieges aus der individuellen Mobilität zu rund 220.000 wegfallenden und dafür zu 280.000 zusätzlich aufgebauten Arbeitsplätzen geführt haben." Neben Jobs in Transport und Logistik, in Fahrradwerkstätten und in der Schuhindustrie rechne er fest auch mit einem Personalaufwuchs in den Kontrollbereichen. 

Ausweitung des Kontrollbereichs

Wie jedes Verbot wird auch das des ausnahmsweisen Betriebes von Verbrennern scharf kontrolliert werden müssen, zudem werden in einem landesweit gespannten Netz von Kontrollsperren und Check Points Genehmigungsurkunden für Überlandfahrten geprüft werden müssen, um bei Verstößen mit Sanktionen zu reagieren." Im Kontrollgewerbe allein könne die Verkehrswende zehntausende Jobs schaffen. 

Der "große Wandel", wie es Herbert Haase nennt, beschere auch der bisherigen Autoindustrie neue Perspektiven. "Es gilt, leichte und stabile Rikschamodelle zu entwickeln, es muss eine Sänftenindustrie aufgebaut werden und wir sollten auch nach Ostasien schauen, wo es eine lange Tradition der Lastenträgerei gibt." Denn mit dem Ende des Verbrennungsmotors und den aufkommenden Zweifeln an den bisher so gefeierten batterieelektrischen Antriebe nehme die Komplexität bei der Suche nach Alternativen zu. "Wenn wir nur die Binnenschifffahrt nehmen", sagt der Klimaforscher, "dann öffnet sich durch den Wegfall des Dieselantriebes ein großes Tor hin zur Rückkehr des Treidelns". Um diese ökologisch nachhaltige Antriebsform aber wirklich flächendeckend anbieten zu können, brauche es  Treidel-Pfade an allen Flüssen. "

Montag, 31. Oktober 2022

Asphalt-Ausstieg: Initiative Holzweg


Es war nicht nur eine wahre Zeitenwende, sondern ein Epochenbruch, den Deutschland im Frühjahr mit grimmiger Entschlossenheit einleitete. Kein  Öl mehr aus Russland, noch in diesem Jahr, so lautete das Signal an die ganze Welt, die hörbar aufatmete: Indien orderte sofort überstehende Förderreste aus Putins Reich, auch Saudi-Arabien schlug zu.  

Die Bundesregierung sah sich in ihrer Strategie bestätigt, als sich binnen weniger Wochen herausstellte, dass die Studien führendster Wissenschaftler Recht behalten würden. Die Erneuerbaren können die zusätzliche Last schultern. Es wird weder Blackout noch Engpässe bei der Versorgung geben. 

Straßen aus Russland

Als Problem stellte sich allerdings schnell die Aufrechterhaltung der über Jahre hinweg vernachlässigten Verkehrsinfrastruktur dar. Mehr als ein Drittel des in Deutschland zu Asphaltdecken verarbeiteten Bitumens stammte bisher aus Russland - eine Abhängigkeit, die als besonders verhängnisvoll gilt, weil sich eine Schwarzdecke weder bei Landstraßen noch bei Radwegen oder Autobahnen  durch Solarstrom oder Windräder ersetzen lässt.

Zumindest war das so, ehe Forscherer des Climate Watch-Institutes (CLW) in Grimma jetzt in einer umfangreichen Screening-Studie nachwiesen, dass ein Asphalt-Ausstieg nicht nur machbar, sondern sowohl wirtschaftlich darstellbar als auch klimatisch vorteilhaft ist. Zwar sei der Rohöl-Destillationsrückstand Bitumen derzeit weltweit das bedeutendste Bindemittel für den Straßenbau. Betonstraßen gelten bisher nicht als gleichwertiger Ersatz für Asphaltstraßen, da die Zementherstellung einen hohen Energieaufwand und Kohlendioxidausstoß verursacht und Beton insbesondere bei dem am weitesten verbreiteten niederrangigen Straßennetz ein eher ungünstiger Baustoff ist. 

200 Millionen Tonnen

Doch um den weltweit bei etwa 200 Millionen Tonnen im Jahr liegenden Bedarf nach Baustoff für Straßen zu decken, gebe es andere Möglichkeiten, so die Forschenden, die die bisher erfolglose Suche nach alternativen Bindemittel für die Asphaltherstellung mit ihren Vorschlägen für obsolet erklären. Hier sei weder in Bezug auf Verfügbarkeit noch mit Blick auf annehmbare Preise mit einer Entwicklung zu rechnen, die Deutschland beim angestrebten Asphalt-Ausstieg helfen könne.

Vielmehr richtet sich der Blick der Wissenschaftlernden auf einen natürlichen Baustoff, der bereits seit Tausenden von Jahren erfolgreich verwendet wird, zuletzt beim erfolgreichen Rückbau ungenutzter Gebiete in Ostdeutschland im Rahmen der Initiative Pro Holzweg. Bei der Initiative Holzweg, die das CLW jetzt nach Berlin tragen will, geht es allerdings um mehr: Holz sei ein leistungsfähiges Bitumen-Ersatzprodukt auf nachwachsender Rohstoffbasis, das aus einem allgemein verfügbaren Naturstoffen ohne chemische Prozesse oder umständliche Modifizierung die Erstellung von Fahrbahnoberflächen mit akzeptablen Nutzungseigenschaften erlaube. 

Ersatz aus dem Wald

Als Bitumenersatzstoff habe Holz aus einheimischem Anbau in zukunftsoptimierter Forstwirtschaft zahlreiche Vorteile. Holz sei nachwachsend, seine Eigenschaften seien bekannt, es gebe weltweit vielfältige Erfahrungen im Bau von Stegen, Wegen und Brücken, der Naturstoff verfüge zudem in jedem Fall auch in wirtschaftlicher und technologischer Hinsicht über das Potential für eine Massenproduktion. Holz, das zum Bau einer Autobahn genutzt werde, könne zudem am Ende seiner Nutzungszeit als Reststoff energetisch neutral eingesetzt werden. 

In einer praxisnahen Untersuchung, bei der in der Nähe von Luckau eine vierspurige Straße mit Standspur über 1,2 Kilometer durch den Borcheltsbusch gezogen wurde, konnte gezeigt werden, dass es derzeit schon möglich ist, auf der Basis von hölzernen Planken Bitumen aus nachwachsenden Rohstoffen nachzubilden und einen hochleistungsfähigen, zukunftsweisenden Asphalt-Typen zu erzeugen. Um ausreichende Mengen dieses CO2-neutralen Bitumenersatzprodukten in mittlerer Zukunft bereitstellen zu können, bedürfe es jedoch einer frühzeitigen Anzucht geeigneter Baumarten in ausreichender Menge, denn die benötigten Volumina scheinen auf den ersten Blick herausfordernd. 

Festes Holz statt klebriger Flüssigkeit

Allein in Deutschland werden im Jahr 2,2 Millionen Tonnen Bitumen verbraucht, in Europa sind es regelmäßig über 11,3 Millionen Tonnen. Über 90 Prozent des in Europa aus Erdöl gewonnene, schwarz-klebrige Flüssigkeit fließen in den Bau von Asphaltstraßen, die später wieder mit Bitumen instandgehalten werden müssen. Die Nutzung von Holz würde dieses Problem lösen: Hinzu kommt, dass der Werkstoff sehr langlebig ist und sich sehr gut recyceln lässt. Abgefahrene Bohlen ließen sich unter Umständen umdrehen und ein weiteres Mal nutzen. 

Die Klimazukunft würde es danken, wenn ohne die über Jahrzehnte ungeachtet der klimaschädlichen Wirkungen von Bitumen gerühmte Klebekraft der schwarzen Paste Straßen zu einer durchgehenden Fahrbahndecke zusammengenagelt und -gezapft werden könnten. Eng verfugt, könnten auch die neuartigen Straßenoberflächen weitgehend wasserundurchlässig sein, schreiben die Forscherinnen und Forscher in ihrer Pre-Print-Studie. 

Anlieger auf dem Holzweg

Auf weniger stark belasteten Straßen – zum Beispiel Anliegerstraßen – beziehungsweise auf Rad- und Gehwegen oder Parkplätzen sei das noch nicht einmal nötig, hier ließen sich die seit Jahrhunderten im Schiffsbau genutzten thermoplastischen Eigenschaften von Holz nutzen: Undichtigkeiten werden durch Quellung geschlossen, später trocknet das Holz wieder, bleibt aber dabei in sich glatt.

Auch im Hitzebereich hat holz unbestreitbare Vorteile. Wo Bitumen sich in den letzten Klimajahren zunehmend als problematisch an Hitzetagen herausstellte, schmelzen hochwertíge Holzbahnen auch bei Temperaturen oberhalb von 70 °C nicht. Holzfahrbahnen, so das CLW, seien formstabil und langlebig sowie widerstandsfähig gegen Reifenabrieb, Streusalz und aus dem Fenster geworfene Kaugummis.

Dienstag, 4. Juli 2023

Fachkräftemangel: So gelingt der Traumstart in den Expertenjob

Die Energieexperten der deutschen Sozialdemokratie gelten europaweit als besonders umsichtig und vorausschauend.

Man muss hart zuschlagen, gezielt treffen und genau wissen, was man tut, wenn man so eine "Energiepreisbremse" implementieren will. Schon Peer Steinbrück, einst von der deutschen Arbeiterbewegung auserkoren, das Kanzleramt zu erobern, hatte deshalb nicht einen Moment gezögert, als der sich entschloss, für sinkende Strompreise im Land zu sorgen.  Matthias Machnig, bis dahin vor allem als guter Sozialdemokrat und hervorragender Wahlkampfplaner aufgefallen, trat nun als "Energie-Experte" (Die Welt) auf - ein Traumjob gerade heute und gerade für viele engagierte junge Menschen, die vor allem seit der über Nacht geänderten weitsichtigen Energiestrategie der deutschen Sozialdemokratie fragen, was sie tun müssen, welche Ausbildung sie brauchen und wo sie sich bewerben müssen, um SPD-Energieexperte oder aber sogar grüner Energieexperte zu werden.

Soziologen am Zug

Der Weg ist nicht einfach, aber auch nicht leicht, wie Herbert Haase vom Klimawatch-Institut (CLW) im sächsischen Grimma sagt, der gemeinsam mit jungen Studentinnen und Studenten eine Studie über den Werdegang von 217 sozialdemokratischen und grünen, aber auch liberalen, konservativen und rechtsradikalen Energieexperten erstellt hat. Als Grundvoraussetzung, so das Papier mit dem Titel "The best way to become an energy expert in 200 case studies", gelte ein Abitur an einem westdeutschen Gymnasium, häufig würden das Saar- oder Sauerland genannt, aber auch Bayern, Baden-Württemberg und das Rheinland seien zulässig. Der künftige Energieexperte studiere danach in der Regel Soziologie mit den Nebenfächern Geschichte, Anglistik und Erziehungswissenschaften an der Bergischen Universität Wuppertal und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. 

Diese für Fachfremde auf den ersten Blick abstrus wirkende Fächerkombination gilt in der Energiebranche als Traumkombi, die es erlaubt, bereits nach dem Erreichen des Magister-Abschlusses als wissenschaftlicher Referent eines Ausschussvorsitzenden für Forschung, Technologie und Technikfolgenabschätzung im Deutschen Bundestag oder wenigstens in einem Landtag oder notfalls auch im EU-Parlament eingesetzt zu werden. Beharrliche Arbeit an neuen Konzepten zum Black- und Brownout, zur Spitzenglättung und dem EU-Stromaustausch ebnen die Karriereleiter bis zu einem Posten als Terminplaner der SPD-Bundestagsfraktion. Vor dort aus gehe es in der Regel, so Haase, weiter Richtung Stabsstelle in einem der mit Energieversorgung beschäftigten Ministerien.

Kommt Zeit, kommt Kenntnis

Kommt Zeit, kommt die Fachkenntnis. Wie der Querdenker während der Corona-Pandemie im Trend lag, ist der fachliche Quereinsteiger in der Politik usus, seit Matthias Machnig, eben noch bei der  BBDO Consulting GmbH damit beschäftigt, "Marken-, Produkt- und Unternehmensimages im Kundenauftrag" zu entwickeln und pflegen, den Kanzlerkandidaten Steinbrück in Energiedingen beriet. Wenig später schon wurde der treue Genosse Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, so dass er  ganz oben anfangen konnte, Deutschlands energetische Zukunft zu gestalten.

Faktisch jeder kann das, der in der Lage ist, seine Schnürsenkel selbst zuzubinden. Als besonders überzeugend in der Rolle als weitsichtiger Fachplaner gilt der derzeitige grüne Klimaminister Robert Habeck, aber auch der Politikwissenschaftler Timon Gremmels, der Verwaltungsfachwirt Matthias Miersch und der Diplom-Verwaltungswirt Johann Saathoff gelten als international vorzeigbare Energiexperten. Herbert Haase warnt jedoch davor, sich von mangelnder fehlender Fachkenntnis oder Überbildung durch ein zu lange engagiert betriebenes Studium abschrecken zu lassen. 

Beharrlichkeit ersetzt Fachkenntnis

Selbst denen, denen es am Vermögen zur sogenannten Anverwandlung in einer dauernd zu spielende Rolle fehle, stehe die Tür zum Thema Energie offen. "Kompetenz entsteht in der Mediengesellschaft in der Regel ohnehin erst durch die Anwesenheit in Talkshows", moderiert Haase Befürchtungen vor allem junger, völlig fachfremder künftiger Energieexperten ab. Fachausbildung und Lebenserfahrung könnten leicht durch ausdauerndes Beharren auf festen Überzeugungen ersetzt werden. "Ich würde empfehlen, nicht aufzugeben", sagt der Leiter des CLW, "wir haben gerade in diesem Bereich schon die verrücktesten Geschichten erlebt."

Sonntag, 20. November 2022

Apathitis: Wissenschaftler entdecken neue Volksseuche

Apathitis-Kranke ziehen sich in eine private Nische zurück und versuchen dort, die Zeitenwende zu überwintern.

Anfangs galt es als Nachwirkung der Corona-Infektion, später wurde es in manchen Ländern auch als Impfnebenwirkung anerkannt: Ein diffuses Symptomgemisch aus Müdigkeit, Erschöpfung, Depressionen und Adipositas, häufig kombiniert mit Unlust an frischer Luft, körperlicher Aktivität und dem Konsum aktueller Schreckensnachrichten. Nach mehr als 30 Monaten im Pandemiemodus zeigt nun aber eine Studie des eigentlich auf die Beobachtung und Beschreibung der deutschen Klimanotlage spezialisierten Climate Watch-Institutes (CLW) im sächsischen Grimma, dass die gesundheitlichen Corona-Auswirkungen längst gesamtgesellschaftlichen Wirkungen zeigen.

Seuche von verheerender Wucht

Mit verheerender Wucht, wie Forschungsleiter Herbert Haase bestätigt. Nach den Daten, die die sächsischen Geforschthabenden auswerten konnten, besteht die schwerste Langzeit- und Nebenwirkung der Verbreitung des Corona-Virus in einer gesamtgesellschaftlichen Lähmung, die nicht nur, aber ganz besonders Deutschland mit voller Härte trifft. "Einerseits nehmen Zivilisationserkrankungen wie Fettleibigkeit zu, andererseits werden psychische Auffälligkeiten und Verhaltensstörungen zahlreicher", erläutert der Klimaforscher, der einen Zusammenhang zwischen Symptomhäufigkeit und Klimawandel nicht in Abrede stellen will. 

Als ursächlich auslösend für das neue Krankheitsbild, das die CLW-Experten "Apathitis" getauft haben, gilt jedoch die Pandemie. Das stehe nach der Analyse von Bewegungsdaten von rund 220.000 Bürgerinnen und Bürgern aus allen Altersgruppen fest. Im Unterschied zur Vor-Pandemiezeit zeigten die Metadaten in allen Altersgruppen eine verringerte Mobilität, häufigere und länger andauernde Zeiten, die nahezu bewegungslos daheim verbracht werde, und parallel ermittelte Blutdruck- und Pulswerte ließen keinen Zweifel daran, dass selbst bedeutsame und über Jahrhunderte als angsteinflößend wahrgenommene Ereignisse bei Apathistis-Betroffenen kaum mehr durch die Rindenschichten des Außenhirns zu dringen vermögen.

Stoisch und teilnahmslos

Die Menschen scheinen wie abgeschaltet", erklärt Haase den Kern der Studie mit dem Titel "Long-term social effects of the pandemic: How apathitis is eroding social cohesion". Teilnahmslos, phlegmatisch, stoisch und stur nähmen sie selbst die Verfünf- oder gar Verzehnfachung ihrer Energierechnung hin, im Monatsrhythmus um zehn bis 20 Prozent steigende Lebensmittelpreise würden "achselzuckend zur Kenntnis genommen "(Haase) und politische Auseinandersetzungen um bedeutungslose Lappalien ebenso ignoriert wie wichtige Weichenstellungen für die Zukunft des Landes.

Der Apathetiker reagiert im Grunde nicht mehr auf äußere Reize, die normalerweise Interesse oder Emotionen wecken würde", schildert Haase ein Krankheitsbild, das nach den Erkenntnissen der Spezialisten aus Sachsen im Unterschied zu vielbeschworenen "Long Covid"-Syndrom ohne körperliche Beeinträchtigungen verläuft, dafür aber eine rätselhafte und unter normalen Umständen äußerst  beklagenswerte Gleichgültigkeit mit sich bringt. 

Diese "totale Trägheit", von den Wissenschaftlernden auch AEI genannt ("all-encompassing inertia") erfasse unbehandelt ausgehend von den Patienten die gesamte Gesellschaft. "Kneipen und Kinos bleiben leer, Künstler auf ihren Eintrittskarten sitzen und selbst Fußballstadien füllen sich nicht wie gewohnt", sagt Herbert Haase, dem vor allem der Umstand Sorge bereitet, dass Apathitis-Betroffene sogar von traditionell erfolgreiche Brot-und-Spiele-Veranstaltungen kaum mehr hinter dem heimischen Ofen hervorgelockt werden können. "Sie ruhen so tief in sich, dass sie 73,4 Prozent der Signale des öffentlich.rechtlichen Rundfunks nicht mehr erreichen." 

Steigende Zahl von Neuerkrankungen

Besorgniserregend sei zudem die rasch steigende Zahl der Neuerkrankungen. Quer durch alle Altersgruppen gebe es im Vergleich zu 2019 teils erhebliche Steigerungen, so Haase, wobei die genauen Größenordnungen schwer zu beschreiben seien, weil die Apathitis erst im Zuge der systematischen Beobachtung von Pandemiefolgen Anfang 2022 hatte entdeckt und beschrieben werden können. "Nach unserem Dafürhalten handelt es sich nicht um eine vorübergehende Anpassungsstörung, die eines Tages wieder verschwinden wird", warnt Haase vor der Hoffnung, nach zehn oder 20 schweren Jahren werde die problematische gesellschaftliche Symptomatik sich im Zuge einer Normalisierung von Ansteckungs- und Kriegsangst wieder gegeben. "Das sehen wir nicht so."

Die im Zuge der Studie entdeckte emotionale Störung sei längst eine Volksseuche, denn sie betreffe weite Kreise der Bevölkerung. "Apathitis ist manifest und durch eine Verschiebung in den bisher üblichen Krankheitsbildern selbst in Krankenkassendaten nachweisbar", bestätigt Herbert Haase. So hätten Ängste und Phobien zugenommen, soziale Rückzugswünsche seien gesellschaftsfähig geworden und niemand schäme sich noch, zuzugeben, dass er teils über Tage keinerlei Kontakt zu Menschen habe. "Wir kennen dieses Cocooning eigentlich nur aus religiösen Zusammenhängen, aus Klöstern und von Eremiten", sagt Herbert Haase, "doch nun taucht es hier wieder auf, bei Menschen, die oft seit Monaten nicht unter Menschen gegangen sind."

Festgebacken in den eigenen vier Wänden

Und nun gar keinen Grund mehr sehen, das zu ändern. Das Problem, ausgelöst durch regierungsamtliche Alarmhinweise zu Beginn der Pandemie, habe sich durch Lieferdienste, Streaming und Onlineshopping verschärft und verstetigt. "Das hat Menschen festgebacken in den eigenen vier Wänden." Apathitis-Patienten, die schon vorher unsicher waren, mussten sich ihrer Unsicherheit plötzlich nicht mehr stellen. "Und als sie es wieder hätten tun müssen, konnten sie nicht mehr." 

Das sei ein Folgeschaden von Corona, kombiniert mit der von Regierung und Behörden popularisierten Entwertung des Lebens im sozialen Raum der offenen Gesellschaft. Gezielt geschaffene Verunsicherung angesichts der Ungewissheiten des Seuchenverlaufs hätten bei Betroffenen zur Rückentwickung ziviler Tugenden geführt. "Apathitis-Befallene fühlen sich schon unter zwei, drei Menschen verunsichert und bedroht, sie sind des Sprechens und der Sprache kaum noch kontrolliert mächtig." Der Trend bei erstmals behandelten Apathitisfällen zeige Zunahme von Ess- und Kommunikationssstörungen, Übergewicht und Magersucht, eine unstillbare Sehnsucht nach Ruhe, lange Liege- und Schlafzeiten, den Drang, die Konfrontation mit Nachrichten zu meiden, aber auch die hochentwickelte Fähigkeit, trotzdem erfahrene Neuigkeiten umgehend auszublenden und zu vergessen.

Abgleich mit der Realität

Apathitis-Kranken fehle nach Monaten der Isolation nun jeder Abgleich mit der Realität. "Sie haben sich eingerichtet in der Sehnsucht, dass das alles von selbst vorbeigehen möge, wobei sie zugleich den Tag fürchten, an dem es soweit sein könnte. "Wir müssen von einer verlorenen Generation sprechen, die gleich mehrere Generationen betrifft, die massive Probleme haben." Wenigstens sei der Umgang mit den Erkrankten relativ unkompliziert, zieht Herbert Haase ein halbwegs tröstliches Fazit. "Weil sie sich in der Rolle der Verschwundenen eingerichtet haben, besteht akut kein Anlass, umfassende Betreuungsbemühungen zu unternehmen."

Samstag, 1. Oktober 2022

Bundeskühlschranklichtkontrolle: Stromsparen dank Sondenloch

Harmlos stehen sie in fast allen gemütlichen Wohnküchen - doch was wirklich im Inneren eine Kühlschranks geschieht, wenn die Tür geschlossen ist, weiß niemand.

Sie sind eiskalte Killer, so unauffällig, dass ihnen kaum jemals Aufmerksamkeit geschenkt wird, wenn nicht die EU gerade eine Regelverschärfung zur Energeieffizienzmarkierung beschlossen hat, um das zuständige Vorschriftenressort beschäftigt zu halten.Kühlschränke stehen still in einer Küchenecke, oft sogar in einer extra Abstellkammer. Sie brummen ein wenig und leisten stille Kärrnerarbeit sogar in kalten Winternächten, wenn ihre Besitzer für ein Woche zum Skifahren unterwegs sind. 

Alles frisch auf den Tisch  

Kommen sie wieder nach Hause, geschafft und müde, ist alles frisch im Kühlfach. Bedenkenlos kann gegessen werden, was noch nicht übel riecht. Kühlschränke haben so vor allem in Deutschland, das sich aufgrund der Klimakatastrophe weltweit seit Jahren am stärksten erwärmt, zahllose Leben gerettet. Kaum noch sterben Menschen an verdorbener Nahrung. Kaum noch müssen Lebensmittel sofort verbraucht oder mühevoll in der Sonne gedörrt werden, um sie längere Zeit haltbar zu machen. 

Die dunkle Seite der modernen Kältetechnik aber lauert im Inneren. Zwar benötigen die deutschen Haushalte den größten Teil  ihres Energieverbrauches zum Heizen und zum Erwärmen von Wasser. Gleich dahinter aber folgt der Strombedarf für Kühlschränke und Tiefkühltruhen. Trotz neuem Energielabel für alle Geräte benötigt ein einziger Kühlschrank im Jahr 90 bis 125 kWh Strom - Kühlschränke allein in Deutschland benötigen im Jahr 3.000 Gigawattstunden Strom. Das sind 1.000 Megawatt - mehr als die die halbe Jahresleistung eines mittleren Atomkraftwerkes wie dem Kernkraftwerk Emsland, das zum Jahresende abgeschaltet werden wird.

Verschwiegene Verschwender

Der Strom wird dann fehlen, zumal Kühlschränke dauerhaft unter Strom gehalten werden müssen - ein Bedarf, den Sonne und Wind nicht durchgängig garantieren können. Andererseits können Kühlschränke auch nicht verboten werden, weil ihre segensreiche Wirkung beim Essenretten außer Frage steht.

Gespart werden soll deshalb an anderer Stelle: bei der Kühlschrankbeleuchtung. Bis heute gilt für die meisten Menschen zwar als ausgemacht, dass das Kühlschranklicht ausschließlich leuchtet, wenn die Kühltruhe geöffnet wird. So versichern es die Hersteller zumindest. Ob das stimmt, ist aber noch nie wirklich wissenschaftlich nachgewiesen worden. Möglich scheint ebenso, dass das Licht im Schrank immer an ist - eine Überprüfung im laufenden Betrieb fällt schwer, wer eine Öffnung gemäß den Gesetzen der Quantenphysik sofort unmittelbar Einfluss auf das zu überprüfende Ergebnis nimmt.

Bisherige Vermutungen von Kühlschrank-Kritikern gehen dahin, dass in bis zu 70 oder 80 Prozent der deutschen Kühlschränke  rund um die Uhr Licht brennt. Die Dunkelziffer könnte sogar noch viel höher sein.

Geheimnisvolle Lichtverschmutzung

Würde das Licht aber auch nur in der Hälfte von fast 40 Millionen deutschen Kühlgeräten Tag und Nacht leuchten, würde hier ähnlich viel Strom verschwendet wie bei der Beleuchtung von 17 leeren Gewerbegebieten am Rand mecklenburgischer Kleinstädte. Der Klimaschaden wäre enorm. Im Bundesumweltministerium ist deshalb im Zuge der allgemeinen Energiesparplänen in den vergangenen Monaten in Zusammenarbeit mit dem Klimawatch-Institut im sächsischen Grimma (CLW) ein Prüfplan ausgearbeitet worden. Danach werden ab November Bundeskühlschranklicht-Kontrollkommissionen (BKLKK) bundesweit nach und nach alle Haushalte aufsuchen, um die korrekte Innenbeleuchtung von "Kühlschränken und kühlschrankähnlichen Haushaltgeräten" zu prüfen, wie es im Verordnungsentwurf heißt.

Dabei wird minimalinvasiv ein Sondenloch in die Tür des zu testenden Kühlschrankes gebohrt, durch das der Prüfer oder die Prüferin sich ein Bild von der tatsächlichen Beleuchtungssituation im Schrank machen kann. Ist es wirklich dunkel im Inneren, bekommt der Kühlschrank anschließend umstandslos und unbürokratisch ein amtliches Bundeskühlschranklicht-Prüfsiegel, das - ein Vorschlag eines jungen Neuererkollektivs im CLW - mit einem wärmedämmenden Propfen in das 8er Bohrloch eingeführt wird.

Aller zwei Jahre soll auf diese Weise künftig von den Behörden nachgeschaut werden, ob die Verdunklungsvorschriften für Kühlschrankinnenräume wie in der Kühlschranklicht-Verordnung  2016/6795 des Europäischen Parlaments und des Rates vorgesehen und vorgeschrieben ist. Gebohrt werden muss dann nie wieder, aber ertappte Kühlschranklichtsünder müssen wohl spätestens bei der ersten Nachkontrolle mit empfindlichen Strafen rechnen.

Mittwoch, 5. Oktober 2022

Energiekrise durch E-Autos: Droht nun der Blackout?

Energiehungrige Elektro-Autos gelten als Bedrohung der Energiesicherheit im Winter.

Sie gelten als Zukunft der Mobilität, hübsche, schnittige Fahrzeuge mit zahllosen Hightech-Funktionen, die mit grünem Strom aufgeladen werden können und deshalb nachhaltig fahren wie Kinderdreirad und Lastenrad. Medien loben, Experten fordern mehr davon und wie die frühere schwarz-rote Bundesregierung hat auch die Ampel milliardenschwere Förderprogramme aufgelegt, um den Deutschen, die es sich leisten können, bei der Anschaffung hochmoderner Elektrolimousinen zu helfen.

Das kam und kommt an, die Zulassungszahlen explodierten zuletzt. Aus Angst vor einem nahenden Verbot von fossil betriebenen Fahrzeugen kauften sich mehr Menschen als jemals zuvor elektrisch betriebene Privatfahrzeuge. Viele spekulieren darauf, dass infolge des Konflikts mit Russland auch das Öl knapp und teuer werden könnte, es aber immer Strom geben werde, so dass Besitzer eines Teslas, eine VW ID oder anderer Elektromobile weiterhin mobil bleiben können.

Warnung aus berufenem Munde

Experten, Expertinnen, Branchenverbände und Energieversorger*innen warnen nun allerdings, dass der massenhafte Gebrauch von Elektroautos das Stromnetz zumindest örtlich in die Knie zwingen kann. Auf den Umstieg zur Elektromobilität folgte dann der Stromblackout – trotz langfristiger Vorbereitung der Bürgerinnen und Bürger durch umfassende Aufklärung säße das Land in der Energiefalle.

Für verständlich halten Energieexperten den Wunsch, für den Fall eines Ausfalles der Versorgung mit Fossilen vorzusorgen. Man wolle autark und für Notfälle gewappnet sein", daher steige das Interesse an der elektrischen Mobilität weiterhin beständig an. Zuletzt wurden mit 356.000 Fahrzeugen mehr E-Autos zugelassen als je zuvor,  ein deutliches Zeichen dafür, dass  die Elektromobilität auch im klassischen Verbrennerland Deutschland mehr und mehr Menschen überzeugt. 

Überlastung voraus

Nun aber streuen Szenekenner wie Herbert Haase Maurer vom auf Energiefragen und Energieängste spezialisierten Klimawatch-Institut in Grimma (CLW) Wasser in den Wein. Dass es zu einer Überlastung des Stromnetzes komme, wenn viele Haushalte zur selben Zeit begännen, ihre Elektrofahrzeuge aufzuladen, "ist ein Szenario, das wir im Blick behalten müssen", warnt Haase. Immerhin ziehe ein einziges Elektromobil an einer Schnelladesäule 250 Kilowatt Strom. Zum Vergleich: Die meisten Ölradiatoren, deren drohende Aufschaltung im Winter  zuletzt als Auslöser flächendeckender Blackouts verantwortlich gemacht wurde, haben nur eine Leistungsaufnahme von etwa zwei Kilowatt.

Auch ihr Strombedarf ist weitaus geringer als der eines modernen Elektroautos. Ein handelsüblicher Ölradiator kommt bei einer Betriebszeit von 14 Stunden in der Woche mit 28 Kilowattstunden Strom aus. Ein VW ID3 würde mit dieser Ladung genau 160 Meter weit kommen. "Laden zu viele Leute in einem Gebiet gleichzeitig Elektrofahrzeuge, dann wird es zu lokalen Überlastungen der Verteilungsnetze kommen", beschreibt Herbert Haase. Lokal müssten dann Straßenzüge oder Quartiere vom Stromnetz abgetrennt werden. 

Denkbar sei ein solches Szenario in Zeiten, wenn der Stromverbrauch ohnehin hoch ist. Also etwa in den Abendstunden, wenn viele Menschen zu Hause sind, kochen, fernsehen, Licht angeschaltet haben, den Backofen betreiben und wegen der abgestellten Erdgasversorgung Ölradiatoren, Heizlüfter, Wärmepumpen und Klimaanlagen betreiben.

Bedrohter Bionadeadel

Wenn dann auch noch in einer Gegend viele Elektroautos an die Ladesäulen gehen, könne das lokale Netz überlastet sein und im Ortsnetztrafo fliege die Sicherung raus, schildert Herbert Haase die dramatischen Folgen. Ein ganzes Viertel liegt im Dunkeln, vermutlich werde es ausgerechnet die wohlhabenden Stadtgebiete des Bionadeadels zuerst treffen, weil die Dichte an Wärmepumpen und Elektrofahrzeugen dort am höchsten sei. "Die Wiederversorgung müsste dabei vom Entstördienst vor Ort durchgeführt werden, was durchaus dauern kann, gerade wenn ein solches Ereignis an mehreren Punkten im Netz gleichzeitig auftritt", erläutert der Wärmeforcher. Fatal werde die Lage, "wenn die Leute danach wieder anfangen, ihre Autos aufzuladen, vielleicht mit Ausreden wie, sie müssten ja auf Arbeit fahren". Dann könne das auch wiederholt passieren.

Davor warnt auch der Energiekonzern EnBW: "In einem solchen Fall wäre es also notwendig, Verbraucher abzuschalten." Die Bundesnetzagentur hält Stromengpässe ebenfalls für denkbar: "Lokale Beeinträchtigungen im Stromnetz, die auf einer hohen Leistungsentnahme beruhen, können seitens der Bundesnetzagentur nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden", verkündete die für die Überlastung der Stromnetze zuständige Behörde. Auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) bestätigt die Hinweise des CLW in Grimma. Elektroautos hätten im Vergleich zu elektronischen Heizgeräte  einen sehr hohen Strombedarf. "Das führt angesichts der hohen Strompreise nicht nur zu hohen Kosten, sondern kann auch die Stromnetze überlasten, die nicht für einen solchen Anstieg des Stromverbrauchs ausgelegt sind", sagt eine Sprecherin. 

Bitte um Verzicht

Ignorieren die Halterinnen und Halter der fast 700.000 Elektro-Autos in Deutschland diese amtlichen Warnhinweise, könnte das die Netze schnell überfordern. Neben den lokalen Blackouts durch überlastete Netze sieht Klima- und Energieausstiegsexperte Haase die Gefahr, dass die verfügbare Stromerzeugungskapazität knapp wird, wenn über ganz Deutschland verteilt Elektromobile und Hybdridwagen geladen werden, während strombetriebene Heizgeräte die ausgefallenen Erdgasheizungen zu ersetzen versuchen. 

Das würde die Spitzenlast im Stromsystem möglicherweise so signifikant erhöhen, dass es in einzelnen Situationen nicht genügend Kraftwerke gibt, um diese Last zu decken." An der schmerzhaften Entscheidung, ganze Stadtviertel oder ganze Städte "präventiv für begrenzte Zeiträume von der Stromversorgung abzutrennen, um einen Zusammenbruch des gesamten Systems zu verhindern" führe dann kein Weg vorbei. 

Horrorszenario für die Politik

Ein Horrorszenario für Privathaushalte, Unternehmen, Energieversorger und die Bundespolitik, die einen ganzen Entlastungssommer lang unisono beschworen hatte, dass Deutschland kein Strom-, sondern nur ein Gasproblem habe. Die großen Stromkonzerne beschreiben die Lage bisher allerdings weniger dramatisch. Da die meisten Autobesitzer sich standhaft weigerten, auf Elektroautos umzusteigen und die zuletzt explodierten Stromkosten einen solchen Umstieg auch nicht mehr wirtschaftlich erscheinen lassen, rechne man in diesem Winter noch nicht mit einer Mangellage. 

In welchem Umfang die Stromnetze zusätzlich belastet werden könnten, sie aktuell noch nicht seriös zu prognostizieren, durch die Abkehr von den deutschen Klimazielen und die Rückkehr zum Betrieb zahlreicher Kohlekraftwerke sehe man sich aber so weit gewappnet, dass es allenfalls „örtlich begrenzt“ zu einer Überlastung des lokalen Stromnetzes und damit zu Stromausfällen kommen könne. Gerade in Regionen mit einem schon hohen Anteil an Elektro-Autos seien aber die "Einsicht und das Mitwirken" der Bevölkerung gefragt. Anstatt zu Laden, sobald sich eine Gelegenheit ergibt,solle nur noch geladen werden, wenn es unbedingt nötig ist.