Mittwoch, 18. November 2009

Wer hat es gesagt?

"Menschlichen Anstand - in der Welt der Kapitalisten soll man ihn nicht suchen."

Nackte Nazi-Fiction

Allem Neuen aufgeschlossen, und sei es nur, weil es zwischendurch vergessen worden ist, warten wir ja seit Monaten sehnlichst auf die Premiere von "Iron Sky", dem durchgeknallten finnischen Nazi-Science-Fiction, der davon handelt, wie die Hitlerschergen nach dem verlorenen Weltkrieg aus den antarktischen Stützpunkt Neuschwabenland in Vril-Reichsflugscheiben auf den Mond flüchten, um demnächst zurückzukehren.

Ein irrer Plot mit fescher Symbolik, der alle Weltverschwörungstheorien zu einem absurden Eintopf aus nordischer Sagenwelt, Steampunk-Raumschiffen und deutscher Luftwaffenhelferinnen-Erotik verrührt. Mittendrin wird mit Julia Dietze ein echter Star agieren, auch Udo Kier ist wohl mit von der bizarren Partie, die von einer weltweiten Gemeinde an "War Bond"-Zeichnern finanziert wird.

Natürlich sind da Trittbrettfahrer nicht fern. Das auf Blondfrolleinsex abonnierte Blog Goetia-Girls hat jetzt Kulissenentwürde der Iron Sky-Macher mit Bildern seiner Uniform-SKlavinnen aufgepeppt - zum großen Erstaunen der Finnen, die immerhin zugeben, eine Menge Spaß mit den Bildern gehabt zu haben, die ein gewisser Mark Dunn mit Hilfe von viel Photoshop angefertigt hat.

Gar nicht mehr amüsiert aber war die Iron-Sky-Truppe, als sie die von Dunn hinterlegten Copyright-Vermerke lasen, in denen der Flakhelfer-Fetischist darauf hinweist, dass alle Urheberrechte an den Naziblondmädchen-Pinups bei ihm liege. Da wird der Ton aus Finnland dann schon nordisch kühl: However, it’s a bit unfair to use pictures from another artist and then claim copyright on them.", heißt es im Starwreck-Blog, also bitte: "If Photoshopping Nazi erotica rocks your boat then go for it". We’re just saying you shouldn’t claim credit for work you didn’t do. Also, if you use Iron Sky stuff making occult erotica, don’t credit us either.

Abriss-Exkursionen: Wolfs Revier

Ein feuchter Wald voller Mücken, und mittendrin ein Wolf. Ab 1940 baute die Organisation Todt in einen Wald bei Rastenburg im heutigen Polen ein Führer-Hauptquartier für den geplanten Russland-Feldzug, ab 1941 zog Adolf Hitler selbst in einen der sieben riesigen Stahlbetonbunker mit dem Tarnnamen „Chemische Werke Askania“, um näher an der Front zu sein.

In zwei ineinanderliegenden Zonen erbaut, war das von Hitler selbst mit dem Namen "Wolfsschanze" geschmückte neue Regierungszentrum des 3. Reiches ein Denkmal der Angst: Tarnnetze sollten es vor den Augen feindlicher Flieger verbergen, ein Tarnzement mit Algenanteilen versprach, die Bunker schnell bemoosen und bewachsen zu lassen. Ringsum lauerten Flakstellungen im Unterholz, um angreifende Flugzeuge auszuschalten. Absurd erscheinen die Bunkerbauten: Hinter einem bis zu 150 Meter breiten Minengürtel und einem 10 Kilometer langen Stacheldrahtzaun ragen Betonburgen mit sechs bis acht Meter dicken Wänden auf, in deren Inneren gerade noch Platz für ein paar kleine, muffige Kammern ist.

Die Wolfsschanze ist nie angegriffen worden, abgesehen vom Bombenattentat des Grafen Stauffenberg hatte es Hitler hier den ganzen Krieg lang wunderbar friedlich. Aus Bunker Nr. 13 im streng gesicherten inneren Sperrkreis regierte der selbsternannte "Wolf" das Reich per Funk und Telefon, gequält nur von schwarzen Mückenschwärmen, die das Oberkommando des Heeres im Zusammenspiel mit den Wutausbrüchen des Herrschers veranlassten, die eigenen Führungsbunker lieber 20 Kilometer entfernt bei Mauerwald in einen luftigen Wald am See zu bauen.

Im Januar 1945 wurden beide Anlagen aufgegeben, weil die Sowjetarmee vor den Toren stand. Nach Angaben in der Literatur wurden alle Objekte von der zurückweichenden Wehrmacht gesprengt, angeblich mit Hilfe von zwölf Tonnen Sprengstoff. Örtliche Führer hingegen behaupten, die Sowjetarmee habe nach der Eroberung versucht, Hitlers Hauptquartier dem Erdboden gleichzumachen.

Gelungen jedenfalls ist es nicht, wem auch immer. Die wie kaputte Hochhausfundamente aus dem Waldboden ragenden Reste der Bunkeranlage sind heute eine der Touristenattraktionen in den Masuren. Pro Jahr kommen Hunderttausende aus aller Welt auf Abriss-Exkursion, um zuzuschauen, wie Wasser, Moos und Sträucher Wolfs einstiges Revier langsam unterspülen und überwuchern.

Dienstag, 17. November 2009

Die dritte bitte

Ist Stephan Krawczyk wirklich wahnsinnig geworden? Oder der Provokateur geblieben, der er immer war? Bei einem Auftritt im Schloss Bellevue sollte der Liedermacher ("Widerstehn") die Verleihung von Bundesverdienstkreuzen an DDR-Bürgerrechtler wie den Unnaer Gedenkstättenchef Hubertus Knabe klampfend untermalen, dabei aber, so berichtet das investigative Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", habe sich der einst von der SED mit einem Bann belegte Künstler "im Text vergriffen". Krawczyk, bisher nicht als Neonazi aktenkundig, sang die erste Strophe der Nationalhymne statt der hierzulande ausschließlich üblichen dritten.

"Deutschland, Deutschland über alles. .." habe Krawczyk geschmettert, bis er unterbrochen und darauf aufmerksam gemacht wurde, dass Hoffmann von Fallersleben zwar drei herzblutend-nationale Strophen gedichtet, in zweien aber zumindest jüngerer Lehrmeinung zufolge über das Ziel hinausgeschossen habe. Ob Krawczyk dann weitersang und was, konnten die "Spiegel"-Praktikanten entweder nicht ermitteln oder nicht aufschreiben. Es reichte nur noch zum Hinweis dass die "ersten beiden Strophen zwar nicht verboten", seien, " aber - nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus - weitgehend tabuisiert".

Der einstige Staatssekretär und heutige Bundespräsident Horst Köhler selbst, seit seinem aus dem Jahr 1990 stammenden Hinweis, in der DDR-Industrie müsse "auch mal gestorben werden", bei Ostdeutschen und Bürgerrechtlern gleichermaßen kultisch verehrt, habe Krawczyk mit dem Satz "Die dritte Strophe, bitte", auf den rechten Pfad zurückgeleitet, berichtet die "Welt".

Die weitergehend aber auch die Hände hebt: "Ob Krawczyk den Fehlgriff als kleine satirische Einlage gedacht hatte oder ob er tatsächlich hymnenhistorischer Unkenntnis geschuldet war, ließ sich im Nachhinein freilich nicht mehr ermitteln". Vermutlich, weil Stephan Krawczyk schon wieder im Stasi-Knast Hohenschönhausen sitzt und von dort seinerzeit Bärbel Bohley direkt zu einem "Studienaufenthalt" nach Großbritannien ausgewiesen wird.

Knapp vorbei ist auch daneben

Als hätte es noch eines Beweises dafür bedurft, wie weit weg die Illustrierte "Der Spiegel" inzwischen davon ist, ein "Nachrichtenmagazin" zu sein, lässt Linken-Chef Oskar Lafontaine gerade melden, dass er an Krebs erkrankt ist. Ein harter Schlag für den harten Hund aus dem Saarland, aber auch für die lüsternen Fantasten im Hamburger Spiegel-Hochhaus, die ihren Lesern gerade in eben noch nicht gerichtsverwertbaren Andeutungen bunt ausgemalt hatten, wie der kleine, dicke Zwerg Lafontaine sich seit Jahren über die große, ranke Luxemburg-Reinkarnation Sarah Wagenknecht hermacht.

Nur wegen seiner "Affäre" ("Der Spiegel") mit der Parteikollegin habe Lafointaine in den vergangenen Wochen mehrmals Änderungen an seiner politischen Karriereplanung vollzogen, ließ es das Blatt aus Hamburg nicht an Fantasie mangeln. Ehefrau Christa Müller habe dem Tunichtgut schließlich Beine gemacht und ihn zu häufigerer häuslicher Anwesenheit angehalten.

Dementiert wurde die schwiemelige "Spiegel"-Andeutung nicht. Sondern pulverisiert. Knapp vorbei ist auch daneben: Nein, es ist nicht Sex, sondern Krebs, Lafontaine hat keine Affäre, sondern eine angeschlagene Gesundheit, die eine "seit längerem geplante OP" erfordert. Die findet am Donnerstag statt, ab Anfang kommendes Jahres will der Arbeiterführer aus dem Saarland dann entscheiden, ob er noch einmal zurückkehrt auf die politische Bühne. Nach Berlin. Wo Sarah Wagenknecht sicher schon wartet - und vor ihrer Haustür im Gebüsch die Reporter aus Hamburg.

Wer hat es gesagt?

"Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer trifft sie der Zufall."

Wiedergeboren als Lederrockerin

Da staunten die Fans beim alljährlichen "Ribfest" im Miami Dade County nicht schlecht. Die knackige Dame unter der gewagten Strähnchenfrisur, die da in viel zu engen Lederhosen auf die Büphne stiefelte und "I Love Rock´n`Roll" jodelte, war zwar vom Veranstalter als eine angebliche "Joan Jett" vorgestellt worden. Doch schnell hatte das Publikum herausgefunden, wer da wirklich rockte, einen schweren Bass umgehängt und den Hals mit Lederbändchen umwickelt: Die Deutsche Gabriele Susanne Kerner, weltweit besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Nena (Bild oben rechts), ist schließlich seit "99 Luftballons" auch den USA ein Star.

Auch darum hatte es die 49-Jährige jahrzehntelang peinlich vermieden, ihre Zweitkarriere unter dem Namen Joan Jett (Bild oben links) öffentlich werden zu lassen. Nena betrieb den Beruf der Schlagersängerin von Deutschland aus sehr ernsthaft und mit leisen, gefühlvollen Liedern. Ihre Lust am Lärm hingegen lebte sie in der derben Kunstfigur "Joan Jett" aus, in deren Biografie sie sich als in Philadelphia geboren und in Hollywood aufgewachsen ausgibt. In immerhin 23 Alben und fünf Filmen, die zum Teil auch im Kino liefen, pflegte Nena die Legende der angeblichen ehemaligen Bassistin der Frauenband "The Runaways", die derzeit gerade verfilmt wird. Ähnlich lässig steckt eine solche Doppelbelastung nur der Rammstein-Musiker Richard Kruspe weg, der unter dem erfundenen Namen Billie Joe Armstrong nebenbei als Chef der Band Green Day arbeitet.

Erst jetzt beim "Ripfest" das überraschende Outing. Erstmal schlüpfte Nena für die Promoflyer und -Plakate in kein Kostüm, erstmals behielt sie ihre weltbekannte Nena-Frisur auch als "Joan Jett" bei. Dem Erfolg bei den Fans tat das zumindest auf der großen Zusammenkunft der Fleischfans keinen Abbruch: Mit Joan-Jett-Hits wie "Do You Wanna Touch Me" rockte sich Nena in die Herzen der Rippchenesser, die am Ende vier Zugaben forderten - und natürlich auch "99 Luftballons" bekamen.

Montag, 16. November 2009

Abu Blabla warnt nicht mehr

Deutschland war im Ausnahmezustand, damals, kurz vor der Bundestagswahl. Stunde für Stunde entdeckten die hellwachen Nachrichtenagenturen auf Anregung des Bundesnachrichtendienstes neue, schreckliche Video-Drohungen im Internetportal Youtube. Al Talha und Abu Blabla, der "Deutsch-Afghane" Bin Blubbs und der Meppener "Konvertit" Mullah Murren kündigten den Deutschen grauenhafte Strafen an, sollten sie bei der Bundestagswahl nicht Oskar Lafontaine und den sofortigen Abzug aller deutschen Truppen aus Afghanistan wählen. Nach Angaben der Bundespolizei in Potsdam erreichten die Drohungen von El Kaida und anderen islamistischen Organisationen gegen Deutschland mit jedem neuen Video eine "neue Qualität" (dpa), Angst ging um im Lande, die Angst davor, das nächste Drohvideo zu verpassen, das nächste Bin-Laden-Tonband nicht rechtzeitig zu den "Tagesthemen" übersetzt zu bekommen. Die Angst war grenzenlos, wie von Die Anmerkung veröffentlichte offizielle Terrordrohstatistik für Deutschland grauenerregend deutlich zeigt.
Die Regierung reagierte schnell und angemessen. An Flughäfen und großen Bahnhöfen patrouillierten Bundespolizisten mit Maschinenpistolen. Prophylaktisch wurden auch einige "Gefährder" inhaftiert und Fahndungsplakate mit Bildern der Youtube-Droher gedruckt. Die Qualitätsmedien von "Spiegel" bis "SZ" nahmen sich des Themas an und wiesen nachdrücklich darauf hin, dass es Al Kaida vor Jahren in Spanien gelang, einen Wahlausgang durch terror zu beeinflussen.

Eine Strategie, die im Nachhinein goldrichtig genannt werden muss. Obwohl die Deutschen bei der Wahl mehrheitlich für eine weitere Verteidigung der Demokratie am Hindukusch votierten, hat Al Kaida bislang darauf verzichtet, Deutschland wie angekündigt dem Erdboden gleichzumachen. Weder gab es die für die Woche nach der Wahl terminierten "fürchterlichen Konsequenzen", noch weitere Drohvideos. Der Bundesnachrichtendienst hat sich dem Terrorboykott der Islamisten inzwischen angeschlossen: Schon seit mehreren Wochen wartet die Gemeinde der Terrorvideofans vergebens auf neue Videosichtungen.

Sonntag, 15. November 2009

Der Himmel über Halle XIX


Wie es unsere pummlige kleine Stadt immer wieder schafft, einen grandiosen Himmel über sich zu spannen, verdient größten Respekt. Unten verfranst sich die Kommunalpolitik im kleinlichsten Kleinklein aller Zeiten, öden sich Menschen an und stümpert sich der lokale Fußballklub gen Aufstieg in die 3. Liga. Aber oben, da thront ein Weltendach, dass einem ganz schummrig wird. Dieses Ceterum Censeo ostdeutscher Realität dokumentieren wir vom Wolkenschaf-Board PPQ aufs Neue und aufs Neue in der Serie "Der Himmel über Halle".

Fremde Federn

Wie hoch bemisst sich unser heutiger Schaden von beispielsweise den beiden großen „Mandränke“-Fluten von 1362 und 1634, die große fruchtbare Flächen dauerhaft in das verwandelt haben, was wir heute als norddeutsches Wattenmeer kennen – und unter Naturschutz gestellt haben? Welchen Preis hätten unsere Ahnen zahlen müssen, um das zu verhindern, wenn es möglich gewesen wäre?

Mehr zu Nicholas Stern und seinen Forderungen für den Klimagipfel in Kopenhagen findet sich hier.

Lebenshilfe im Lied

Gepasst hätte es ja, wenn der unvermeintliche Xavier Naidoo auf dem Gräberfeld von Hannover zum Mikrophon ge- und mit seinem Gesang die Trauergemeinde ergriffen hätte, die zahlenmäßig weit hinter dem zurückblieb, was Funktionäre und Medienkämpfer prophezeit hatten. Die Menschen im Land scheinen vernünftiger als die Organisatoren des schmierigen Spektakels: Statt der erwarteten 100.000 Trauergäste kamen nur 40.000, so konnten die Videowände vor dem Stadion, die aus der Trauerfeier eine Totenkirmes gemacht hätten, gespart werden.

Statt des öligen Naidoo gab es ein auf Akustikgitarren geschrotetes "You´ll never walk alone" und ein Lied namens "The Rose", zu dem sich Johannes B. Kerner vorher eine Übersetzung besorgt hatte. Bei Youtube steht unterdessen auch ein gräßlicher musikalischer Verehrungsversuch. Aber ab morgen gilt dann wieder das Wort des Fußball-Philosophn Dragoslav Stepanovic: „Läbbe geht weiter!" Auf Ebay gibt es inzwischen alle Jacken, Handschuhe und Turnhosen, die Robert Enke jemals getragen hat. Preise ab 200 Euro aufwärts. Dazu passt Lebenshilfe in einem richtigen Lied, aural einzunehmen:

And when you see a monster
Don't run away
Take it easy and see life's funny
You'll be home someday

Don't be sad, you can't
You're on your own
Eat, get high
Now there's nothing wrong at all

So when you see that monster
Don't run away
Take it easy and see life's funny
You'll be home someday

Deutschland einig Trauerland

Die Feier in Berlin zum 20-Jährigen Mauerfall - ein Reinfall. Blödel-Gottschalks Moderation erinnerte mehr an eine Außenwette als an ein geschichtsträchtiges Jubiläum. So und ähnlich verlaufen fast alle deutschen Veranstaltungen, bei denen etwas gefeiert wird. Steif, stümperhaft organisiert, die falschen Leute eingeladen. Seit 1945 ist dieses Land des Feierns nicht mächtig, als ob die Alliierten den Deutschen jede Freude im Kollektiv ein für alle Mal verboten hätten. Mal abgesehen von ein paar Jahren 1.Mai und 7. Oktober-Feiern in der DDR. In Deutschland wird dafür getrauert. Denn das können wir so richtig. Wenn ein Schüler Amok läuft, kommen 100.000 mit Kerzen auf den Erfurter Domplatz. Wenn ein Torwart sich vor den Zug wirft, trauert die ganze Nation am Bildschirm mit. Wer keine Zeit und/oder kein Ticket fürs Stadion hat, der sitzt an diesem sonnigen Sonntagvormittag vor der Glotze und verfolgt live, wie die Fußballnation im Tränenmeer versinkt. Trauer, das ist eben unser Ding. Sogar die Trauerfeier letztes Jahr für Knut-Papa Thomas Dörflein waren zigfach besser, größer und einfallsreicher als der erste Geburtstag des Eisbären selbst. Hier ist sich Deutschland ausnahmsweise mal einig. Deutschland einig Trauerland.

Schamloses Spektakel

Liegt er wirklich da im Mittelkreis, der Rest von Robert Enke? Sind da wirklich noch Pätze frei unter der Anzeigetafel? Präsentiert von AWD, dem großen Finanzoptimierer, und moderiert von Johannes B. Kerner, der zur Feier des Tages übernächtigten Dreitagebart angelegt hat, nimmt Deutschland Abschied von Robert Enke, den unscheinbarsten Nationalmannschaftstorwart, den der dreimalige Weltmeister je hatte. Ungeschlagen ist er geblieben in allen seinen acht Einsätzen, dann hat er Selbstmord begangen und damit die Welt verändert.

Eigentlich gilt hierzulande das ungeschriebene Gesetz, dass Medien über Selbstmorde nicht groß und breit und lang berichten, weil große, breite und lange Berichte über Selbstmorde Selbstmörder produzieren. Depressive neigen zur Nachahmung, allerdings nur, bis sich der Keeper von Hannover 96 letzte Woche vor einen Zug stellte. Seitdem ist Staatstrauer: Länderspiele werden abgesagt, Fußballarenen zu Trauerhallen umfunktioniert. Robert Enek wächst im Tod zu einer übermenschlichen Gestalt: Als habe er mindestens vier Grundschulkassen vor dem Erschießen durch gnadenlose Al Kaida-Terroristen gerettet und dabei selbstlos sein Leben gegeben.

"Mehr Spiele, mehr Tore, mehr Netto", verspricht Hauptsponsor AWD auf der Werbebande, während DFB-Präsident Theo Zwanziger Sätze voller schwergewichtiger Worte wie "Nachdenken" und "Werte" ins Mikrophon heuchelt. Vier Sender übertragen den "Volltreffer für ihre Finanzen" (Werbebande) live, die Kamera fährt immer wieder ganz nah ins Gesicht der Witwe. Die gesamte Nationalmannschaft ist zur größten deutschen Trauerfeier seit dem Tod von Joseph Stalin gekommen, angemessen betroffen tun auf der Tribüne neben Ex-Kanzler Gerhard Schröder Schweini und Poldi, die Mannschaftskameraden von 96, Bayern-Präsident Franz Beckenbauer, DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach und Steffi Jones, Präsidentin des WM-OK für die Frauen-WM 2011.

"Wir alle spüren in den letzten Tagen auch das unbändige Bedürfnis, innezuhalten", säuselt Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff ohne innezuhalten. Er schließe daraus, dass sich "in unserem Land etwas ändern muss". Ein Selbstmord als Reformanreiz, ein schamloses Trauerspektakel als Neuanfang für Moral und Anstand?

Robert Enke ist dem "Druck" der medialen Dauerbewachung entflohen, den ihn seine Krankheit nicht mehr ertragen ließ. Ersatzweise richten sich die Kameras nun auf den im Mittelkreis aufgebahrten Sarg. Auch der Tod ist kein Entkommen.

Samstag, 14. November 2009

Mutterschutz fürs Vaterland

Die SPD ist nun ganz "neu", wie Deutschlands einzige wahre Nachrichtenagentur dpa brühwarm aus Dresden berichtet. Aber alle Aufregung ist überflüssig, denn die Feindbilder der Genossen sind ebenso die alten geblieben wie das Personal. Gegen "neunmalkluge BWL-Yuppies" wetterte der frühere Pop-Beauftragte und nunmehrige Parteivorsitzende Sigmar Gabriel. Viel zu lange habe man sich von fragwürdigen Figuren wie dem SPD-Finanzstaatssekretür Jörg Asmussen sagen lassen, wo die neoliberale Axt hänge, es Nicht-Fachleuten wie Hans Eichel überlassen, Staatseigentum ohne Rücksicht auf Verluste zu privatisieren und dem ohne Berufserfahrung in der Finanzwirtschaft als Minister dilletierenden Peer Steinbrück freie Hand beim Vorantreiben immer größerer Verbriefungsmöglichkeiten gegeben.

Damit müsse jetzt Schluss sein, bastate Sigmar Gabriel. Statt des gewohnten Brioni-Anzug solle die SPD wieder Blaumann tragen, in die längst geschlossenen Stehkeipen der "Kumpel" gehen und sich so zum Interessenvertreter der Hausmeisterbranche stilisieren. Wo es "stinke" (Gabriel) müsse ein Genosse sein. Als starker Arm von Callcenter-Angestellten habe die deutsche Sozialdemokratie eine Zukunft, hören müsse sie jedoch wieder viel mehr auf den "einfachen Mann", dem Schwarz-Geld demnächst "das letzte Hemd ausziehen" werde.

Dass das nicht wie von Ex-Fastkanzler Walter Steinmeier vorhergesagt direkt nach der Wahl geschehen ist, hatte für viel Enttäuschung bei den Enttäuschten gesorgt. Wieder habe die SPD ein Wahlverprechen gebrochen, hieß es bei Benachteiligten. Statt die kalte neoliberale Klinge auszupacken, um harte soziale Einschnitte vorzunehmen, hatte das neue Kabinett Merkel unter dem Namen "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" Steuersätze gesenkt und das Kindergeld erhöht.

Steinmeier aber macht keinen Rückzieher, sondern nutzt seine fulminante Rede in Dresden, um das gegebene Wahlversprechen zu erneuern: Spätestens im Mai 2010 werde es soweit sein, rief er den Delegierten zu. Bis dahin habe sich die neue Koalition in Berlin entschlossen, eine völlig verantwortungslose Politik nach dem Vorbild der abgewählten Großen Koalition zu machen. Wie bei SPD-Finanzminister Peer Steinbrück, der Milliardenschulden machte, um Autokäufern bei der Neuwagenfinanzierung zu helfen, verschulde die Regierung das Land langfristig, um kurzfristige Steuergeschenke machen zu können. Das sei natürlich ungeheuerlich, sagt auch der neue Parteichef Sigmar Gabriel, der sich für ein bisschen Promotion schon mal von einem Parteigenossen wünscht, dass der ihn bei McDonalds erwischt und das Foto davon als Bild-Leserreporter veröffentlicht (Repro oben).

Mit einer verantwortlich handelnden Sozialdemokratie in Regierungsverantwortung wäre das nie passiert, sondern ganz genauso. Aber das sagt hier niemand. "Wir sind die alte Garde" singt der Parteitag, der mit der früheren Managermatratze Andrea Nahles, dem Berliner Partylöwen Klaus Wowereit, dem Popmusikexperten Gabriel und dem alten Gerhard-Schröder-Getreuen Olaf Scholz alles an die Spitze wählt, was aus den großen Tagen der Schröder-Fischer-Regierung noch nicht im Rentenalter ist. Gemeinsam will die ehemalige zweite Reihe der ehemaligen Volkspartei nun die "Deutungshoheit" (Gabriel) für die Interpretation der Weltläufte zurückerobern. Es gibt keine Inhalte, keine Visionen, keine Botschaften. Außer der, wie wichtig es sei, darüber zu sprechen, welche man denn am besten haben sollte, um möglichst schnell zurückzukehren in "Verantwortung" (Gabriel), wie der hier gebräuchliche Code für Macht und Posten heißt.

Eine Selbsthilfegruppe, die nach der Macht strebt, um sie zu haben, nicht um sie zur Erreichung irgendwelcher Ziele zu nutzen. Denn Ziele hat die SPD derzeit keine außer dem, welche zu finden, die konsensfähig genug sind, sie zurückzubringen an die Fleischtröge der Kabinettstische. Doch die Gesellschaft, von der aus die alte neue SPD in Dresden auf die Suche nach einer Gestaltungsperspektive geht, ist eine rein virtuelle. Menschen im Deutschland des Jahres 2009 tragen in der Gedankenwelt des Walter Steinmeier ernsthaft ein "letztes Hemd", denn sie sind seiner Ansicht nach ja "einfache Leute" und sie lechzen deshalb natürlich nach immer nur noch mehr Verteilungsgerechtigkeit.

Mutterschutz fürs Vaterland, dass ist die Glücksvorstellung der Sozialdemokratie in ihrem 142. Jahr. Das ganze Leben soll betreutes Wohnen sein, statt Vertrauen in die Eigenverantwortung der Menschen zu wagen, sieht die "neue" SPD sich ganz im Stil der alten lieber als Kindergärtner für die Gesamtbevölkerung. Diese Vorstellung allein hält die auseinanderfliegenden Flügel der Sozialdemokratie noch zusammen - dass Verkäuferinnen ein Vollkaskoleben wollen, Bauarbeiter Rundumbetreuung brauchen wie Werbegrafiker ein warmes sozialdemokratisches Kuschelsofa, dass sich ein ganzes Land mit Mindestlohn und Pornosperre, mit Alcopopbann und Feinstaubfilter, mit Verboten und Regulierungen in allen Lebensbereichen spielen lässt wie eine große willenlose Marionette.

Rocker im Rettungswagen

Remmidemmi am Samstagnachmittag, Blaulichtgeheul in der Altstadt, Großalarm im Burgviertel. Über dem Naherholungsgebiet Peißnitzinsel steigt dunkler Rauch auf, eine Kolonne von 21 Fahrzeugen von Rotem Kreuz und THW rast mit Höchstgeschwindigkeit durch die Stadt, unterwegs zum Saaleufer, um Leben zu retten. Kinder, die in den Fluss gefallen sind? Ein sinkendes Schiff der Weißen Flotte? Schweres Ölleck an der Pioniereisenbahn?

Passanten stehen, Spaziergänger staunen, auf Twitter kreist die Frage, was da los ist. Die Spezialeinsatztechnik der Katastrophenhelfer kommt schließlich am Rive-Ufer zum Halten, kernige Kerle in Einsatzkleidung entspringen den Rettungwagen, Sanitäter parken ihre Transporter, alle zusammen eilen Richtung Ufer. Hier an der Imbißbude qualmt er schon, der Würstchengrill, an dem die Lebensretterinnen und Lebensretter, die Katastrophenhelfer und Katastrophenhelferinnen nun ihre kleine, ein bisschen vorgezogene Weihnachtsfeier abhalten.

Freitag, 13. November 2009

Wahl ohne Qual

Früher wurde bei Wahlen gewählt. Ehe es nicht zu Ende war, wusste niemand, wer gewonnen hatte: Konnte sein, der Favorit, konnte sein, der Herausforderer. Demokratische Wahlen unterschieden sich von Wahlen zum Freundschaftspionierrat auch dadurch, dass nicht im Block abgestimmt wurde - jeder, der antrat, musste ganz allein druchs Feuer hinüber in seinen neuen Posten, es gab manchmal Gegenkandidaten, die das verhindern wollten, manchmal gelang denen sogar eine Überraschung und sie setzten sich durch.

Das aber ist lange her und längst nicht mehr gängige Praxis in den Parteien, die sich demokratisch nennen, im Zweifelsfall aber eine einheitliche Außenwirkung für wichtiger halten als jede Binnendemokratie. Nicht nur bei der in Blockabstimmungen traditionell starken SED-PDS-Linke fehlt es bei "Wahlen" zu Parteiämtern gewohnheitsmäßig an Wettbewerbern für die hinter verschlossenen Türen gekürten Kandidaten. Auch bei der CDU, der FDP und der SPD sieht es nicht anders aus: "Wahlen" sind so sehr Wahlen wie die Stimmensammlungen zur DDR-Volkskammer "Wahlen" waren - wer gewinnt, steht stets vorher fest, spannend ist einzig und allein, mit wieviel Stimmen der zu Wähelnde am Ende durchs Ziel geht.

Bei Sigmar Gabriel entscheiden sich diesmal 472 von 501 Delegierten für den Vorschlag des Politbüros: Mit 94,2 Prozent der Stimmen wird der dicke Dampfplauderer Parteivorsitzender. Angela Merkel war letztes Jahr in ihrer Partei mit 95,9 Prozent nicht viel besser, aber auch Egon Krenz hat in seinem letzten Job als DDR-Wahlleiter nur 97,62 Prozent Ja-Stimmen für die Kandidaten der Nationalen Front organisieren können. Sigmar Gabriel will nun dorthin gehen, wo es stinkt, weil dort das Leben brodele. Die SPD, in der bis zur vollzogegen Kürung des neuen 1. Sekretärs alles ganz wunderbar klar war, schwebt nun im Ungewissen. Woher wird sich Gabriel das nächste Mal melden: Reeperbahn? Indische Slums? Schanghai? Die Favelas von Rio?

Abschied auf der Videowand

T-Shirts mit dem Sarg im Mittelkreis wird es nicht geben, doch das ist auch das einzige Zugeständnis an empfindliche Gemüter, die bislang meinten, Sterben sei eher doch Privatsache und beerdigt werden verlange vorzugsweise nach Stille und Andacht.

Die Beisetzung des Torwarts Robert Enke belehrt trotzige Traditionalisten eines viel Besseren: Vor der eigentlichen Trauerfeier im Familienkreis wird der Sarg des prominenten Toten nach dem Vorbild der kommenziell so erfolgreichen Abschiedsparty von Michael Jackson in der AWD-Arena in Hannover im Mittelkreis aufgebahrt. Die Veranstalter erwarten 100 000 Fans, doch nur 45 000 finden im Stadion Platz. Deshalb würden rund um das Stadion Videowände aufgestellt, auf denen die Live-Übertragung der ARD laufen wird. Noch geheim ist, welche Stars dem Nationalkeeper zum Abschied ein Lied singen, fest steht aber schon, dass DFB-Präsident Theo Zwanziger mit tränenerstickter Stimme eine Rede halten wird.

Teilnehmen werde nach Angaben des DFB auch die komplette Fußball-Nationalmannschaft um Bundestrainer Joachim Löw, die anschließend nach Düsseldorf fliegt, um sich innehaltend und ohne Tabus auf das Länderspiel gegen die Elfenbeinküste vorzubereiten. Die DVD von der Trauerzeremonie mit den Tränen aller Stars wird Gerüchten zufolge noch pünktlich zum Weihnachtsgeschäft in den Handel kommen, auch ein Hörbuch ist geplant. Bei fliegenden Händlern bereits zu haben sind derzeit T-Shirts mit dem Aufdruck "Enke '09 - Ich war dabei".

Flunderflache Fliespullover

Es wird kalt in Ostfliesland, die Wirtchaft ruckt nicht so richtig und der Weg zurück zu Spaß und Prosperität wird weit. Das weiß auch Kachel GOtt, der von Kunstfreunden in Mittelfeutschland kultisch verehrte Maler-Sonderling, der sich vorgenommen hat, die gesamte Innenstadt von Halle an der Saale mit handgemachten Kachel-Unikaten neu zu verfliesen.

Mit seiner bedeutsamen "Mutter Courage"-Serie rüttelt der sozial engagierte Solitär bereits seit Monaten nachdrücklich auf, immer wieder klebt er neue, an Brecht-Gedichte erinnernde monochromatische Fliesen gegen die Krise, wie auch das einzige offizielle Kachelverzeichnis zeigt, das von freiwilligen Fliesenforschern mit Unterstützung des Internetriesen Google im Netz gepflegt wird. Eine neue Sichtung meldeten Suchtrupps jetzt aus der Nähe des vielbefahrenen Reilecks: Der Kachelmann hat hier eine fürwahr düstere Vision einer Welt nach der Schweinegrippe geklebt, die wir ale einzige offizielle Online-Galerie des begnadeten Keramikers stolz sind, als flunderflachen Fliespullover für die kalte Jahreszeit präsentieren zu dürfen.

Eigene Funde können wie stets direkt an
politplatschquatsch@gmail.com

geschickt werden. Jeder Fund wird von uns auf Wunsch mit einem mundnachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert.

Donnerstag, 12. November 2009

Generation Klimahype

Brotschi wettert in seinem Blog aus der Schweiz und gerade als wir dabei waren, zu überprüfen, wie sich nun eigentlich die Sommervorhersage des deutschen Wetterdienstes im Vergleich zum richtigen wetter geschlagen hat, fällt sein Text "Generation Klimahype" mit der Tür ins Haus. "Je voller die Medien – desto leerer die Köpfe", schreibt Brotschi, der an Wetter und Klima allgemein einen Narren gefressen hat. Da stößt man logischerweise irgendwann auf die "knallharte mediale Ausschlachtung des Themas".

In der Folge beschreibt der Freund von Kurven und Statistiken dann, was wir alle miterlebt haben, die unter Schmidt erwachsen, unter Kohl Komasäufer und unter Schröder und Merkel Buddhist geworden sind:

Ich habe die letzten 45 Jahren verschiedene Hype-Zeiten überstanden. So den Rinderwahn, das Börsenfieber, die Vogelgrippe und sogar das Waldsterben. Ich lebe noch – welch ein Wunder! Denn eigentlich hätte ich im völlig waldlosen Europa längst das Zeitliche segnen sollen. Wir alle – wäre es nach den Forschern und Wissenschaftern gegangen – würden nicht mehr exisiteren. Europa waldlos, trostlos, eine Einöde. Fakt ist jedoch: der Wald wächst und stösst sogar vor. So viel zu wissenschaftlichen Prognose und deren Güte.

Hinsichtlich der derzeitigen Klimalage gibt es allerdings keine grossen Zweifel mehr: Es herrscht eine alarmierende steigende hysterische Hypetendenz. Den Rest gibt es hier.

Fahrtwind im Frontbart

Sie waren uns lieb, sie kamen uns teuer, all die knorrigen großen Gestalten, die ein Jahrzehnt lang bei Christiansen und Will saßen, sich auf Phoenix und im Bundestag in der Nase bohrten, die zu bestimmten Terminen bestimmte passende Mienen dabei hatten und an anderen Tagen auch mal so richtig sie selbst sein konnten.

Ja, mit Franz Müntefering haben wir seine Frau begraben und uns danach über den Erfolg seines Buches gefreut, das er darüber und über die führende Rolle der deutschen Sozialdemokratie schreiben konnte. Mit Struck durchlitten wir Herzanfälle, Pfeifenjieper und wir genossen den Fahrtwind im wilden Frontbart, mit Peer Steinbrück haben wir erst die Banken gerettet und dann einen Krieg mit der Schweiz gewonnen, mit Ulla Schmidt die Sorge geteilt, ob diese näselnde, stets wund klingende Stimme, die da aus der Gesundheitsministerin quackerte, wohl Symptom einer schlimmen Krankheit sein könnte.

Wo sind all die Charakterköpfe hin, wo sind sie geblieben? So lange die Macht in den Händen von wuchtigen Figuren wie Kurt "Mecki" Beck, Walter Steinmeier und Hubertus Heil lag, konnten wir ruhig schlafen. Deutschland war ein sicherer Ort, sozial befriedet durch einen Umverteilungsbagger, an dessen Steuerhebeln Menschen wie wir saßen: Heidemarie Wieczorek-Zeul, Sebastian Edathy und Dieter Wiefelspütz, Andrea Nahles, Sigmar Gabriel und Ute Voigt.

Nun ist eine Ära beendet, die mit Gerhard Schröder begann. Die SPD, seit Ede und Unku nicht wegzudenken aus der öffentlichen Wahrnehmung, findet nur noch statt, wenn Sigmar Gabriel erkältet ist oder der sachsen-anhaltinische Motörhead-Fan Jens Bullerjahn neue Horrorzahlen zu seinem nicht ganz planmäßig doch noch nicht ganz schuldenfreien Haushalt verkündet.

Ein Trauerspiel, das ahnen lässt, was die kommenden Jahre bringen werden. Keine Stehgreifauftritte mehr von geschliffenen Rhetorikern wie Kurt Beck, keine einfühlsames offenes Ohr für abweichende Meinungen wie bei Franz Müntefering, kein Verteidigungsminister-Azubi in der Lederjacke, wie Peter Struck einer war. Lauter neue Gesichter werden die alten Ansichten vertreten und wenn Oskar Lafontaine und Gregor Gysi so unsichtbar bleiben, wie sie seit dem Wahltag sind, wird es schwer und schwerer werden, überhaupt noch vorher zu wissen, wer gleich was sagen wird.