Freitag, 25. August 2023

Klimagerecht Bauen: Wohnen in Windeln

Um mit Windeln zu bauen, braucht es mehr Babys
Um das Wohnungsbauprogramm auf Windelbasis fortsetzen zu können, benötigt Deutschland künftig etwa 400 Mal mehr Babys.

Sand wird knapp, Beton ist teuer und umweltschädlich, Holz wird im Wald und für den Pellettofen gebraucht. Gleichzeitig leidet Deutschland natürlich unter wachsender Wohnungsnot, weil immer mehr Ältere und Alte sich weigern, ihre viel zu großen Gründerzeitappartments mit handpolierter Diele und Wärmepumpe zugunsten junger Familien mit vielen Kindern aufzugeben. Es muss gebaut werden, mit wenigstens 400.000 neuen Wohnungen will die Bundesregierung die Landschaft künftig zersiedeln und versiegeln. Ein Ziel, das bisher illusorisch schien, weil es nicht nur an Fachkräften, sondern eben auch an Baumaterial fehlte, das zudem immer teurer wird.

Eine Forschungsgruppe um Siswanti Zuraida von der Universität Kitakyushu in Japan hat nun aber im Fachmagazin "Scientific Reports" eine rettende Studie vorgestellt, die einen überraschenden Ausweg aus der Kalamität aufzeigt. Gebrauchte Windeln können danach die bisher gebräuchlichen Baumaterialien im Wohnungsbau ersetzen. Eine nur auf den ersten Blick bizarre Idee, die aber, so die Forscher, wertvolle Rohstoffe einsparen und dadurch die Umwelt entlasten würde. Besser geht es nicht: Seit die nach einer simplen Kochwäsche wiederverwendbare Baumwollwindel von der Industrie durch Wegwerfwindeln ersetzt wurde, landen allein in Deutschland bei  96 Millionen Kilogramm. Das sind umgerechnet 96.000 Tonnen - eine Menge an Material, aus der sich etwa 900 komplette Einfamilienhäuser errichten ließen.

Euphorische Erfolgsmeldungen

Entsprechend euphorisch begrüßten deutsche Medien die Nachricht vom überraschenden Erfolg der japanischen Wissenschaftler auf der Suche nach umweltfreundlichen Baumaterialien. Da die neue Generation von Windelhäusern nicht komplett aus Abfallwindeln errichtet werden soll, reicht der deutsche Windelberg sogar noch für weitaus mehr Gebäude: Gewaschen, desinfiziert und geschreddert können Windeln zumindest in einstöckigen Häusern bis zu 27 Prozent des Sands im Beton und bis zu 40 Prozent des Sands im Mörtel ersetzen - zumindest nach den zugrundegelegten Bauvorschriften in Indonesien. Daraus ergibt sich ein durchschnittlicher Windelanteil von bis zu 30 Prozent, so dass der deutsche Windelberg für knapp 3.000 Einfamilienhäuser der bisher üblichen Abmaße ausreichen würden. Noch mehr würden es werden, schrumpft die Größe der Bauten auf ein klimaverträgliches Maß.

Für die Mülldeponien, auf denen die Windeln bisher landen, eine spürbare Entlastung, für den Wohnungsmarkt ein Baubooster. Tests zufolge ist ein Windelanteil von zehn Prozent völlig unbedenklich, in gemauerten, nicht tragenden Wänden kann der Windelanteil im Mörtel sogar bis auf 40 Prozent steigen.  Zuraida und Kollegen errechneten, dass für ein 36 Quadratmeter großes Haus mit einem Baumaterialbedarf von etwa 23 Kubikmetern bis zu 1,73 Kubikmeter Windelabfall eingesetzt werden könnten. 36 Quadratmeter Wohnfläche gelten als das Orientierungsmaß für das klimaverträgliche Wohnen der Zukunft. Die eher kompakte Größe erlaubt es nicht nur, mehr Wohnungen zu bauen, sondern auch, nach der Fertigstellung Heizenergie, Reinigungsmittel und Möblierung einzusparen. 

Kleiner und aus Altmaterial

Nachdem zuletzt in Deutschland nur rund 75.000 Baugenehmigungen für neu zu errichtende Wohnungen in einem ganzen Quartal erteilt wurden, ein Rückgang von 30,3 Prozent, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilte, richten sich nun viele Hoffnung auf eine schnelle Genehmigung der Verwendung des neuen, günstigen und umweltfreundlichen Baustoffes zur Entlastung der von steigenden Preisen geplagten Bauherren, unter denen Untersuchungen zufolge vor allem  Menschen mit niedrigem Einkommen leiden. 

Um die im staatlichen Wohnungsbauprogramm zur Lösung der Wohnungsfrage als soziales Problem von der Bundesregierung gesetzte Zielmarke von 400.000 fertigzustellenden Wohnungen pro Jahr zu erreichen, braucht es allerdings noch mehr: Die seit Jahren sinkende Zahl an Geburten limitiert derzeit noch die Versorgungslage bei Gebrauchtwindeln, eine Selbstversorgung Deutschlands mit benutzten Windeln liegt derzeit in weiter Ferne. Zum Erreichen der Bundesbauziele würden etwa 400 Mal mehr Gebrauchtwindeln benötigt als derzeit zur Verfügung stehen. Unter Umständen müsste Deutschland hier zum Importland werden.

Steuererhöhungen? Niemals

Höhere Lkw-Maut mit Klimakomponente: Von jedem ein bisschen macht von allen viel, ohne dass es jemand merkt.

Keinen Cent mehr, schon gar nicht in diesen schweren Zeiten! Christian Lindner hatte es versprochen. Olaf Scholz hat es versichert. Die Ampel hat es vereinbart. Was an CO2-Abgabe mehr eingenommen wird, würde als "Klimageld" und "Klimaprämie" direkt an die Bürgerinnen und Bürger zurückgezahlt werden, um erst richtig Lenkungswirkung zu entfalten. Die kalte Progression, die bei explodierenden Inflationsraten Geld in Strömen aus den Taschen der Menschen saugt, wird bei nächster Gelegenheit abgeschmolzen. Und weder würde neue Steuern eingeführt, schon gar nicht in diesen schweren Zeiten. Noch werde die rot-grün-gelbe Koalition den Wählerinnen und Wählern anderweitig zusätzlich in die Portemonnaies fassen.

Woher nehmen?

Dort muss Geld genug übrigbleiben, um die Heizungswende umzusetzen, die höheren Mieten zu stellen und die Armen müssen genügend übrigbehalten, damit sie den billigeren Wärmepumpenstrom für die besseren Kreise und den billigen Strom für die Industrie stützen können. Woher aber nehmen? Der Finanzbedarf ist groß, gerade wegen der höchsten Steuereinnahmen, die jemals ein Bundesfinanzminister einstreichen konnte. 

Statt vier Milliarden wird Christian Lindner im kommenden Jahr schon 40 für Kreditzinsen mobilisieren müssen. Dazu sind die ganzen Sondervermögen zu füllen, die Rettungspakete zu stemmen, die Schuldenbremse muss eingehalten werden, Afrika auch wegen der Fluchtursachen aufgebaut werden und die EU fordert auch ihren teil, um weiterhin nicht nur Deutschland, sondern auch den Rest der Gemeinschaft verlässlich mit Fördermitteln versorgen zu können.

Kreative Regierung

Gerade in solchen Momenten aber zeigt sich die Kreativität einer Regierung. Geld besorgen ohne zu borgen, neue Steuern einführen, ohne es so zu nennen. Steuern so erhöhen, dass es niemand bemerkt. Christian Lindner, angetreten als Steuersenkungsminister, entschied sich aus Gründen der Unauffälligkeit schließlich für die Lkw-Maut als Königsweg, an der Bürgerschatulle zu zapfen, ohne dass der Griff in die Bürgerbrieftasche für große Aufregung sorgte. 

Die sogenannte "Straßenbenutzungsgebühr", erst vor 18 Jahren eingeführt, stieg zuletzt vor einem Jahr um 20 bis 40 Prozent, bis 2019 verdoppelte sie sich, nun steigt sie weiter: Mehr als sieben Milliarden Euro extra pro Jahr will der Bund künftig einnehmen, statt bisherigen 8,5 Milliarden Euro sollen ab 2024 mehr als 15 Milliarden Euro pro Jahr in die Staatskasse fließen. 

Der Letzte zahlt

Zahlen müssen die Speditionen und alle Betreiber aller Fahrzeuge mit einem Gewicht von mehr als 7,5 Tonnen bisher, künftig aber auch alle, die Autos mit mehr als 3,5 Tonnen Gewicht fahren. Die 20 Cent  pro Kilometer, die momentan noch zu löhnen sind, steigen durch eine neue Berechnung nach den sogenannten "externen Kosten für Luftverschmutzung und Lärmbelastung" und "Kosten für verkehrsbedingte Kohlenstoffdioxid-Emissionen" um einen Aufschlag von 200 Euro je freigesetzter Tonne CO2. Das ist der höchste Betrag, den die ausschlaggebende EU-Verordnung zulässt.

Auch für die einzelne Spedition eine Menge Geld, das sie sich allerdings beim Kunden zurückholen kann. Doch der kreative Steuersenkungsminister rechnet anders: Der Spediteur, ob Amazon, Lidl, Bäcker Brumme oder Deutsche Post, dreht sein Preisrädchen ja nur ein winziges Stückchen nach oben. Auf das einzelne Paket gerechnet, die einzelne Wurst oder die Flasche Bier reichen Bruchteile von Cents, um dem Fiskus mit Hilfe der neuen "Klimakomponente" bis 2027 zusätzlich 31 Milliarden Euro einzuspielen. Sicheres Geld, denn kein Spediteur wird so schnell auf Elektro-Lkw umsteigen, die es  nicht gibt. Und klagen gibt es auch keine, weil die, die am Ende zahlen, gar nicht merken, wie sie geschröpft werden.

Donnerstag, 24. August 2023

Entr trommelt für Europa: Weniger ist mehr

Entr ist ein EU-POrtal, das junge Menschen zu guten Europäerinnen machen soll
Das EU-Portal "Entr" wendet sich mit viel Aufwand und wenig Erfolg an "junge Europäer*innen" und setzt dabei auf manipulative Grafiken.

Wer mit der Wahrheit lügen will, mit reinen, puren, kaum geschminkten Fake News Meinung machen und dabei nicht erwischt werden, dem rät das Lehrbuch des klassischen Demagogiefaches "Lügen mit der Wahrheit" immer zur Grafik. Bunter Bilder, verbreitet in sozialen Netzwerken, gelten angesichts der Fortschritte, die die Delegastinierung macht, als sicherer Weg zur aufklärenden Verwirrung: Da Menschen zu erstaunliche großen Teilen nicht in der Lage sind, Informationen selbständig aus grafischen Oberflächen zu entnehmen, bleibt bei ihnen ungeachtet der tatsächlich mitgeteilten Sachverhalte hängen, was als Bilderklärung mitgeliefert wird.

Methode Manipulation

Eine Methode, der sich nicht nur das ZDF mit seiner Meisterwerkstatt für Manipulation, sondern auch das Instagram-Einflussportal Entr verschrieben hat. Bei Entr handelt es sich um ein direkt von der Europäischen Kommission finanzierte "einzigartiges Angebot von jungen Journalist:innen in ganz Europas" (Eigenbeschreibung), das als "mehrsprachiges digitales Medienangebot für junge Europäer*innen" (Deutsche Welle) die Aufgabe hat, auf allen nur erdenklichen Kanälen die Werbetrommel für die gerade aktuellen Werte der europäischen Gemeinschaft zu schlagen. Auf EuGH-Urteile zum Schutz der Daten von EU-Bürgern nehmen die jungen Medienmacher dabei keine Rücksicht: Von Facebook bis TikTok verschaffen sie den Multis aus dem Ausland Datenmaterial aus der besonders interessanten Zielgruppe der Minderjährigen und Heranwachsenden.

Freilich nicht viel. Obwohl das blitzbunte Portal mit dem deutschen Auslandssender Deutsche Welle, der rumänischen Staatsfernsehen und allerlei Initiativen und Stiftungen zusammenarbeitet und von seinen Partnern freundliche Unterstützung und Lob als "Ergebnis einer einzigartigen paneuropäischen Teamarbeit" bekommt,  sind die Erträge der Propagandaarbeit überschaubar.  

Im Schulterschluss mit den Datenkraken

Ein paar tausend Klicks auf Videos zu Themen wie "Wie gehen wir in Zukunft mit Geflüchteten um?" oder "Was bedeutet Europa für junge Grönländer*innen?", eine halbe Handvoll Kommentare zu Fragen über das Ausmaß an Glück, das es bedeutet. EU-Bürger zu sein... Zwei Jahre nach dem Start der nur halb getarnten Offensive zu kindgerechter Öffentlichkeitsarbeit im Auftrag der EU-Kommission schimmelt das "digitale Medienangebot für junge Europäerinnen und Europäer" mit seinen tausend Followern bei der Datenkrake Facebook unter der Wahrnehmungsschwelle der Öffentlichkeit einem baldigen Ende entgegen.

Bis dahin aber mühen sich die "jungen Medienmacher*innen", ihrem Auftrag gerecht zu werden. Dazu gehört es, Zahlen ordentlich zu präsentieren, um sie anschließend so schonungslos aus dem Zusammenhang zu reißen, dass selbst das von Haus aus schmerzfreie Publikum bei Instagram verblüfft den Kopf schüttelt: Wie, fragt es dann, kann Entr behaupten "80% der 15-24-Jährigen in Europa sind froh, dass ihr Land Teil der EU ist" und "dass das ihre Lebensqualität verbessert" (Entr), wenn die dazu gezeigte Grafik nur neun eher kleine Länder ausweist, in denen die Zustimmungsrate wenigstens über 30 Prozent liegt. Während alle anderen, inklusive der bevölkerungsreichsten, mit Werten von unter 25 und zumeist sogar unter 20 Prozent auskommen müssen?

Nicht rechnen, sondern wissen, was zählt

Mathematisch eine unlösbare Aufgabe. Für Entr aber auftragsgemäß keine Rechnung, die überprüft werden muss, nur weil sie augenscheinlich falsch ist. Für Entr sind Fakten Feinde, die in sinnfreie Bilder verpackt zumindest noch dem Zweck dienen können, die EU als ganz besonderen Hort der Freiheit zu zeigen. Die  besteht darin, dass ihre Insassen einfach glücklich darüber sind "überall innerhalb der EU reisen, studieren und arbeiten zu können" (Entr), aber ein bisschen auch traurig, weil die "Hauptprobleme der EU Umwelt und Klimawandel, steigende Preise durch Inflation und Lebenshaltungskosten und Gesundheit" noch nicht ganz gelöst werden konnten.

Scham oder Furcht davor, mit besonders dreisten Begradigungen der Wahrheit aufzufliegen oder sich mit kindische illustriertem Unsinn selbst bei der offenbar gänzlich unempfindlichen "Entr-Community" (Entr) unmöglich zu machen, gibt es nicht. 

Grüner Monsterglaube: Die Herrschaft über das Wetter

Monster, Unheil, Gebete: Im Umgang mit dem Klima zeigen sich vielfach jahrtausendealte Phänomene.

Sie sehen das Unheil kommen, sie haben Angst, sie fühlen sich hilflos, sie sehnen sich nach Erlösung. Um sie zu erreichen, knien nicht auf den Straßen, sie sitzen, sie nageln sich nicht ans Kreuz, sondern kleben sich an den Asphalt. Es gilt, einen Gott gnädig zu stimmen, der jeden Abend, jeden Tag, jede Minute Botschaften auf allen Kanälen sendet. Es ist zu spät. Die Zeit läuft ab. Das Böse wird herrschen. Ein Monster ist hinter Euch! Dreht Euch um! Bekämpft es! Sonst wird es Euch zerstören!

Kinderkreuzzug gegen das Erwachsenwerden

Was vor Jahren als eine Art Kinderkreuzzug gegen die Einsicht begann, dass die Welt komplizierter ist als sie es aus dem Klassenzimmer eines Gymnasiums gesehen zu sein scheint, ist in nur vier Jahren zu einem neuen Glauben an höhere Wesen, die Macht von Beschwörungen und die Fähigkeit des Menschen geworden, mit Plänen, Zielen und Heilsversprechen unumschränkt über den Planeten herrschen zu können. Manches ist ausgetauscht worden. Die Prediger heute sind nicht mehr alte Männer mit weißem Bart, sondern junge Frauen, die Mikrophone halten ihnen nicht Mönche, sondern eilfertige Medienarbeiter, die eigentliche Organisation der neuen Kirche übernehmen Parteien und ihre Vorfeldvereine. Es gibt Hexen, die Leugner genannt werden. Es gibt Agnostiker, die vorsichtshalber schweigen. Es zählen nicht mehr Mathematik, Physik und Chemie als Wissenschaften, sondern Gefühle.

Es geht um die Herrschaft über das Wetter, eine langfristige Herrschaft, aus der sich die Macht über das Klima ergeben soll. Wie in den frühen menschlichen Zivilisationen sind es auch diesmal wieder vermeintlich besonders extreme Wetterereignisse, die höheren Mächten zugeschrieben werden. Flut, Sturm, Hitze, Dürre, Kälte, Blitze, alles gilt als nie dagewesen, nie so sehr, nie so viel, nie so schlimm. Warum, wieso, weshalb? Der Mensch hat sich versündigt. Gott, schon vor Zehntausenden von Jahren als Wettergottheit erfunden, zürnt ihm. 

Der Mensch als Beherrscher das Natur

Mit Recht. Die Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung. Die aber besteht keineswegs in der frisch gewonnenen Überzeugung, dass der Mensch auf dem Weg zur immer umfassenderen Beherrschung der Natur, beim Versuch, sie sich untertan zu machen und sie nach seinen Bedürfnissen zu formen, falsch abgebogen ist. Nein, stattdessen wirkt das Fortschrittsnarrativ fort: Im Klimaglauben kommt der Weltuntergang, wenn der Mensch nicht die totale Macht über die Natur gewinnt, wenn es ihm nicht gelingt, das Wetter zu machen, die Hand an den Weltthermostaten zu bekommen und sich aufzuschwingen zum Klimatechniker des Planeten.

Er kann das nicht in seiner Masse, zu viele Hexen, zu viele Teufel, zu viele bequeme Bürger, die einfach nur ihre Ruhe haben wollen. In vielen Weltgegenden sind die Menschen auch noch zu arm, zu ungebildet, zu verführt von kapitalistischen Wohlstandsversprechen und Konsumismus, als dass der Klimagott erwarten würde, sie könnten an ihn glauben. Nein, das muss hier geschehen, das müssen die Klugen, von überflüssigem Wohlstand fast Erstickten tun. Menschen aus Großstädten, die sie hassen. Menschen aus kalten Ländern, die wegen der Wärme gern in den Süden fliegen, Gegenbesuche der Wärme daheim aber fürchten wie der globale Atomtod eine deutsche Fukushima-Doku.

Lärmende Apokalyptik

Die lärmende Apokalyptik, die alle Sender füllt bis in die Werbeblöcke, dient so ein weiteres Mal zur Vorbereitung einer Verantwortungsübertragung: Wenn alles untergeht, das hat noch jede religiöse Schule behauptet, dann müssen die Eingeweihten, die festen Wissens sind, das Heft des Handeln in die Hand nehmen und führen wie Moses, durch die Wüste, ins gelobte Klimaland. Der Moses unserer Tage ist der wohlmeinende Staat, der lenkt, leitet, fördert und straft. Er weiß. Er ersetzt Gott als das Maß aller Dinge. Er macht, wenn alles am Ende doch gut geht, auch das Wetter. Und rettet damit nicht nur das Klima, sondern die ganze Spezies Mensch.

Rettung durch Opfer und Gebete

Dass es vielmehr Einflüsse und vielleicht sogar andere Ursachen für Klimaveränderungen geben könnte, diesen Gedanken lässt der von Schule und Elternhäusern ausgebildete Narzissmus der Generation Greta nicht mehr zu. Gefragt ist, was den Glauben stärkt: "Klimamodelle", die das Bedürfnis nach einfachen Wahrheiten bestätigen, nach denen es immer heißer wird. Die Erwartung der bevorstehenden Endzeit, die schon festgeschrieben ist und nur verhindert werden kann, wenn Opfer gebracht werden, je später, desto größer. 

Als Aberglaube, der sich zumaßt, für den Schutz eines eingebildeten Wesens namens "Mutter Erde" einzutreten, hat sich die Klimakirche junge Frauen und unschuldige Kinder als Symbole gewählt, die schon im Äußeren beim Ideal von Leben, Zukunft, Reinheit, Fruchtbarkeit und Jugend entsprechen. Ihnen gehöre alles, was noch kommen werde, argumentieren sie. Denen, die dann nicht mehr da seien, gehöre entsprechend bereits heute nichts. Das habe Gaia, die verlange, dass dem Klimagott geopfert werde, damit er gnädig eine letzte Chance gebe, so bestimmt.

Ein religiöses Phänomen

Kein Zweifel, der Klimaglaube, der sich auf eine Wissenschaft beruft, die von Gläubigen betrieben wird, hat Züge eines religiösen Phänomen. Es finden sich Erweckte und Berufene, Wissende und Lichtgestalten, zu denen auch die Menge der Skeptischen und Zweifelnden aufschauen kann. Bei großen Kirchentreffen der Auserwählten, die medial wie tagelange Papstmessen im Beisein von Buddha und Mohammed gefeiert werden, werden Gebets- und Liedersammlung zur Anrufung der höheren Mächte auf den neuesten Stand gebracht, die Psalmen erhalten aktuelle Verse, neue Lob-, Dank- und Vertrauensgesänge, aber auch Klage- und Bittgebete werden in den Kanon des Grünen Glaubens aufgenommen.

Im beständigen Scheitern und der dauernden Verschiebung der fest verabredeten Untergänge findet der wahre Gläubige keinen Grund, an der Gesamtverheißung zu zweifeln. Sein religiöses Erleben vollzieht sich nicht auf der Ebene von Fakten, sondern tief im Gefühl, es kommt ihm nicht auf das Ende an, sondern darauf, danach sagen zu können, er habe ja alles getan, es verhindern zu wollen.

Mittwoch, 23. August 2023

Dankbar für die DDR: Ostdeutsche Bockigkeit

Ostdeutschland leere Landschaft bei Bautzen
Es fehlt an Dankbarkeit bei den Ostdeutschen, die ihre Bockigkeit oft als Waffe nutzten, obwohl ihnen heute modernste Stromautobahnen zur Verfügung stehen.

Die Zweifel, der Widerwille, die Ablehnung - mehr als 30 Jahre nachdem der demokratische Westen Deutschlands dem unter einer Sowjetdiktatur leidenden Ostteil des Landes die historisch einmalige Chance eingeräumt hat, sich entschieden auf die richtige Seite der Geschichte zu stellen, mangelt es zwischen Suhl und Mukran weiterhin und bei einer wachsenden Bevölkerungsgruppe an Dankbarkeit den Retterinnen und Rettern gegenüber. Statt zu würdigen, was ihnen so großzügig geschenkt worden ist, belieben die Ostdeutschen gnatzig zu trotzen und zu bocken: Sie wählen, was sie nicht sollen. Sie ignorieren, "mit welchen Summen der Westen den Wiederaufbau des maroden Landes finanziert hat" (Augsburger Allgemeine). 

Vielleicht sollte nun endlich die Zeit vorbei sein, in der Bitten um Einsicht geholfen haben, meint PPQ-Kolumnistin Svenja Prantl.

Svenja Prantl PPQ Trauriger Osten
Svenja Prantl ist traurig.
Sie sind keine Nazis, aber sie wählen mit Vorliebe welche. Sie sind im Weltvergleich gesehen reich, tun aber so, als nagten sie am Betteltuch. Ihre Autos sind so groß wie ihr Hass auf die Firmen, die dafür sorgen, dass sie sie endlich auch fahren dürfen. Ablehnender als dem Kapitalismus als dem System, das ihnen aus den maroden Ruinen der eingebildeten Planwirtschaft heraushalf, stehen sie nur der politischen und medialen Klasse gegenüber, die sie als übergriffige Kommandeurskaste wahrnehmen, die ihnen schon nach nur drei Jahrzehnten endlich genossener Freiheit wieder alles vorschreiben will: Was essen, was wählen, was glauben, was denken, was fühlen, was lieben, was fahren und wohin, wem vertrauen und wen wählen.

Sie sind kleinliche, aus dem Schoß des Kommunismus gefallene Kleinbürger*innen, denen jedes Verständnis dafür abgeht, wie dankbar sie sein müssten für die Gnade, die ihnen eine freundliches Schicksal erwiesen hat. 1,6 Billionen Euro hat der Westen für die Deutsche Einheit nach einer Schätzung des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages bezahlt. Es ist eine Zahl mit 12 Nullen, die für umgerechnet 100.000 Euro pro Kopf jedes DDR-Bürgers oder aber 6.200 Euro pro zugekauften Quadratmeter DDR-Staatsgebiet voller kaputter ostdeutscher Straßen und Schienen, verfallener Fabriken, verseuchter Flüsse, das Treuhand-Defizit und die Auslandsschulden der DDR, die kaputte sozialistische Rentenkasse und die nicht vorhandene Arbeitslosenversicherung steht.

Wie der Hund, der über seine bübsche Halskette jammert, statt sich über das regelmäßig gelieferte Futter zu freuen, leugnen die Ostdeutschen bis heute, wie bequem ihr Weg in die Freiheit dank der reichen Onkels und Tanten aus Bonn gewesen ist. Die große Transformation, die in den meist menschenleeren Gebieten von Brandenburg, Mecklenburg und Sachsen heute beinahe vollendet ist, sie verdanke sich ihren eigenen Anstrengungen, tönen die Ossis gern. Arbeitslos seien sie geworden, ihre Ideale hätten sie aufgeben müssen, ihren Glauben an die Wissenschaftlichkeit der Weltanschauung und die Lehren von  Marx, Engels und Lenin. Dazu habe der wohlhabende Sponsor, der ihnen den Weg in Demokratie und Kapitalismus materiell leichter machte als ihn die Glaubensbrüder in Polen, Ungarn und der Tschechei zu gehen hatte, ihnen Vorgesetzte vor die Nase gesetzt, denen um den Preis der eigenen Würde zu gehorchen war.

Ja, der reiche Onkel wie auch die reichen Tanten hätten ein großes Dankeschön verdient. Doch der gnatzigen Verwandtschaft aus der abgeschafften DDR kommt es nicht über die Lippen. Stattdessen verharren die Menschen hier in einer Sehnsucht nach dem untergegangenen Sozialismus, sie pflegen ihre Erinnerungen wie kostbare Teile einer einzigartigen Sammlung an Ostalgie-Preziosen und leugnen, dass Helmut Kohls Versprechen, niemandem werde es schlechter gehen, vielen aber besser, längst eingelöst worden ist.

Rachsucht, Häme und Verbitterung prägen das Wesen des Ostdeutschen. Er liest Bücher, in denen seine Kränkungen aufgeblättert werden. Er fällt zurück in die Erinnerungsmuster des "Es war nicht alles schlecht". Er buhlt sogar nicht mal mehr darum, am Katzentisch der Parlamente, der TV-Gerichte und leitmedialen Magazine zugewiesen zu bekommen. Nein, er verweigert sich und stellt sein Leiden in der Vorzeit der Einheit als Vorteil heraus. In der Mitte des Jahres vorgelegten Studie zweier Ethnologen aus der alten Bundesrepublik, die vom ostdeutschen Leipzig aus seit Jahren versuchen, das Wesen des Ostdeutschen im Kern zu erfassen, sagten zwei Drittel der Befragten, sie seien froh, dass sie die DDR noch erlebt hätten. Hartleibig beharren sie darauf, dass es von Vorteil sei, eine Diktatur bei der Arbeit zu erleben, weil es die Fähigkeit zur Mustererkennung schärft.

Im ersten Moment klingt das wahnwitzig, es ist aber zweifellos zumindest im Moment noch erlaubt. Einen Straftatbestand "Verherrlichung des SED-Regimes" gibt es nicht, der moderne Rechtsstaat setzt hier auf Einsicht und politische Bildung und auf das Nachwachsen einer Generation, die die DDR nur noch aus den Erzählungen von ARD- und ZDF-Dokus kennt. Wo bei denen, die noch eigene Erinnerungen haben, das Böse des Herrschaftssystems ausgeblendet wird, weil es einen Alltag jenseits von Stasi, Mangel, verweigerter Meinungs- und Reisefreiheit gab, wird diese Generation das untergegangene Land dann doch wohl endlich als Ort zu schätzen wissen, den zu betrachten hilft, vieles am Leben heute höher wertzuschätzen. 

Die DDR, deren Bürgerinnen und Bürger ihren Retter*innen vielmals die Dankbarkeit verweigern, könnte dann doch noch eine nützliche gesellschaftliche Funktion übernehmen: Wie eine Kontrastfläche höbe sich vor dem organisierten Erinnern das Vergessen all dessen ab, was heute von radikalen Kräften an Zweifeln geschürt, an sinnloser Kritik herausgeblasen und an Forderungen Richtung der führenden demokratischen Institutionen anmaßend formuliert wird. Das provokativ herausgestellte Bekenntnis zu einer Diktatur, die man einst selbst gestürzt hat, ist bis dahin eine ärgerliche, aber eben doch nur eine Provokation, auf die die westdeutschen Eliten weiterhin mit Ruhe und Besonnenheit reagieren sollten. Wie der Rechtsradikalismus wird sich auch das auswachsen

Ablasshandel in der EU: Das kostet die Klimaablöse

Mit dem Handel von Ablassbriefen hat die EU ein mächtiges Werkzeug gegen den Klimawandel geschaffen.

Der Ablasshandel gilt als das Herzstück des Fit-for-55-Klimapakets der EU. Wer sündigt, soll künftig noch schneller noch mehr zahlen müssen als bisher, aufgehoben wird in diesem Zusammenhang auch das im Zuge der starken Energiepreisanstiege verhängte Moratorium über weitere Preiserhöhungen bei den Ablassbriefen. Stattdessen sollen die Preise schnell stark steigen, um eine spürbare erzieherische Wirkung zu entfalten. Dazu wird der Handel auch auf die Nutzung von Gebäuden und den Straßenverkehr ausgeweitet. Wer heizt, kühlt, Fernsehen schaut, Musik hört oder Auto fährt, ist verpflichtet, einen Ablassbrief für das dabei produzierte Klimagas CO2 zum aktuell gültigen Preis zu erwerben.

Den legen die Mitgliedssaaten fest, bisher im Rahmen eines Planes, der vorsieht, dass die Zahl der verfügbaren Ablassbriefe bis 2030 um 43 Prozent gesenkt wird, verglichen mit 2005. Daraus sollen nun 62 Prozent werden, nicht sofort, denn zumindest bis 2026 lässt die EU den Staaten Spielraum, Bürgerinnen und Bürger langsam an die kommenden Aufsgaben heranzüführen. Ab 2027 dann soll es aber schnell gehen: Um die für das Klimapaket namensgebende Senkung des CO2-Ausstoßes um 55 Prozent rechtzeitig zum Stichtag erreichen, wird der Hebel in den letzten drei Jahren der europäischen Klimakampagne scharf herumgerissen. Staaten, die bis 2030 aus der Kohle aussteigen, sollen die damit frei werdenden Emissionsrechte nicht neu verteilen, sondern vom Markt nehmen. Das verbleibende Angebot wird bis langsam ausgedünnt, bis es 2040 auf Null sinkt.

Öffentlich kaum diskutiert, hat sich die relativ neue Anlageklasse bis heute bereits zu einer Geldmaschine entwickelt. Ungeachtet aller zwischenzeitlich zurückgenommenen "Anreize für weniger CO2-Emissionen" (Bundesregierung) stieg der Preis für einen Ablassbrief von zwölf auf zeitweise 100 Euro, statt die Milliardeneinnahmen wie im Koalitionsvertrag festgeschrieben als "Klimageld" oder "Klimaprämie" an die Bürgerinnen und Bürger auszuschütten, investiert die Regierung das aus inzwischen dauerhaft anderweitig. Zuletzt brachten die 13 Milliarden deutsche Auktionserlöse aus dem Europäischen Emissionshandel (EU-ETS)auf diese Weise "ambitionierten Klimaschutz, Sozialverträglichkeit und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit in Einklang" (Umweltbundesamt, UBA).

Trotzdem muss es weitergehen, trotzdem und gerade deshalb. "Jede emittierte Tonne CO wird mit einem Preisschild versehen und setzt damit maßgebliche Impulse für den klimaschonenden Umbau unserer Gesellschaft", sagt UBA-Chef Dirk Messner. Die Vorteile sind auch für die Energieverbraucher unübersehbar: Zuletzt konnte die Abschaffung der EEG-Umlage und damit die Senkung der  Stromkosten aus den höheren Einnahmen aus dem Ablasshandel finanziert werden. 

Hier kommen Antworten auf die wichtigsten Fragen und Antworten zum Fortgang der Entwicklung, die sich Harry Günther von der Fachkommission Wohlstand des Climate Watch Institutes in Grimma (CWI) gestellt hat, der sie auch gleich beantwortet.

Welchen Idee steckt hinter dem Beschluss der EU, beim Ablasshandel ein höheres Tempo mit weit höheren Preisen für weit mehr Menschen anzuschlagen?

Seit der Europäische Emissionshandel (EU-ETS) 2005 zur Umsetzung des internationalen Klimaschutzabkommens von Kyoto eingeführt wurde, hat das zentrale europäische Klimaschutzinstrument noch kaum Effekte gezeitigt. Zwar hilft der stets bemühte Vergleich mit 1990 stabil dabei, gewisse Erfolge vorzeigen zu können. Doch obwohl das zentrale Element des Fit-for-55-Klimapakets nun seit bereits 18 Jahren in Betrieb ist, gelang der überwiegende Teil der Verminderung des CO₂-Ausstoß im Zeitraum bis 2004. Mit der nun vom EU-Parlament angestoßenen Reform wird nur Druck aufgebaut. Der klassische Emissionshandel für Stromerzeuger, Industrie und Luftfahrt wird auf Vermieter, Mieter, Autofahrer, die Schifffahrt und eventuell von 2028 auch auf die Abfallverbrennung ausgeweitet. Das wird teuer, das wird für viele schmerzhaft.Aber es verspricht auch, erfolgreich zu werden.

Der geplante Ablasshandel, was ist das noch einmal? 

Der auch als Emissionshandel bezeichnete Handel mit frei erfundenen Ablassbriefen, die dem Besitzer das Recht einräumen, das Klima in einem bestimmten Maße mit dem Klimagas CO2 zu verseuchen, verwandelt Umweltverschmutzung in ein Geschäft. Das lange als neoliberal verleumdete Konzept zwingt Emittenten von Treibhausgasen wie Erdgasheizungsbetreiber, Autofahrer und Fernurlauber, ihren Klimaverbrauch einzuschränken oder für die Beibehaltung ihres Lebensstils extra zu zahlen. Entschließen sich viele für Letzteres, steigen die Preise der Ablassbriefe schnell und steil, so dass sich den Zukauf von Verschmutzungsgenehmigungen über kurz oder lang nur noch die wirklich Reichen leisten können.

Ist das denn aber nicht ungerecht?

Es ist vor allem notwendig, damit der Klimaausstoß auf das Niveau sinkt, das für das Erreichen der EU-Klimaziele nötig ist. Ungerechtigkeiten werden vermieden, weil jeder berechtigt ist, selbst mit Ablassbriefen zu handeln und auf einen steigenden CO₂-Preis zu setzen. Da die Zahl der Emissionsrechte immer knapper werden wird, scheint das ein sicheres Geschäft zu sein, doch Vorsicht: Je weniger Nachfrage herrscht, weil Gas- und Ölheizungskunden nicht mehr mitbieten können und auch Besitzer neuer Wärmepumpen wegen ihrer Investitionen in die Wärmewende kein Geld mehr haben, an windstillen dunklen Wintertagen exorbitant teuren Kohlestrom zu verfeuern, desto schneller wird der steigende Preis sinken. 

Was ist denn dann der Vorteil an dem System?

Der Charme des Emissionshandels liegt darin, dass der Staat sich vollkommen heraushalten kann. Er muss nur die Einnahmen kassieren, die Bürgerinnen und Bürger als Teilnehmer am Handelssystem schultern. Wird der Ausstoß wirklich verringert, kassiert er viel, weil das Angebot an Ablassbriefen fortwährend sinkt. Halten möglichen Innovationen zur Umstellung von Industrie und Alltagsleben mit der Reduzierung des Angebotes Emissionsrechten nicht Schritt, kassiert er noch mehr, weil die Preise noch schneller nach oben klettern. Verbote und staatliche Vorgaben sind überflüssig, damit werden unnötige Diskussionen um leidige Themen wie das angebliche Heizungsverbot vermieden.

Dienstag, 22. August 2023

Alten-Diskriminierung: Mehr Vielfalt für den Regenbogen

Kampf um Grau für die Regenbogenfahne
Maik Sahmer präsentiert die diskriminierende Regenbogenfahne, die für das Grau der marginalisierten Alten und Älteren bis heute demonstrativ keinen Platz hat.

Deutschland wird bunter, Deutschland wird immer älter und vielfaltiger, doch gerade in diesem großen Prozess der wachsenden Toleranz stehen bestimmt Gruppen von Menschen außerhalb der großen Transition. Statt ihre Veränderungsbemühungen zu wertschätzen und ihren Einsatz für ein Überleben der Menschheit zumindest im Rahmen ihrer damals noch beschränkten Möglichkeiten anzuerkennen, fällt diese letzte Generation der Kriegskinderkinder in den meisten Diskussionen nurmehr als Störfaktor auf. Obwohl die EU mit ihrem Programm "Fit for 55" ausdrücklich ein Angebot an Ältere formuliert hat, weiter fester Bestandteil der europäischen Zukunftskoalition zu sein, die über alle Altersklassen reicht, gilt in vielen gesellschaftlichen Bereichen die Grundregel, dass alle über 55 besser nicht mehr in der Lage sein sollten, weiterhin Schaden anzurichten.

Sozialverträglich Sterben

Vom sozialverträglichen Frühableben ist noch nicht wieder die Rede, doch Maik Sahmer sieht die Gesellschaft im Moment nicht mehr weit weg von einer ersten Forderung, sich der Alten und Älteren zu entledigen. Sahmer, der als Frührentner begann, sich für seine Alterskohorte zivilgesellschaftliche zu engagieren, zählt die Vorwürfe auf, die seiner Generation gemacht würden. "Wir haben das Klima auf dem Gewissen, arbeiten zu kurz, leben zu lange und lassen die Jüngeren, die alles besser wissen, einfach nicht ans Ruder", fasst der aus Rietzneudorf-Staaken gebürtige Brandenburger zusammen. 

Dazu gesellten sich dann regelmäßige Kampagnen, die den noch lebenden Älteren und Alten an den wenigstens teilweise ja doch selbst ersparten Wohlstand gehen. "Man will uns die Führerscheine nehmen, man wirft uns vor, wie wir wohnen, und macht uns dafür verantwortlich, dass die Nachgeborenen eine teures und ineffektives System an Kultureinrichtungen übernehmen und finanzieren müssen, das sie selbst gar nicht zu nutzen vorhaben."

Mehr Toleranz für wenige

Sahmer, inzwischen 72 Jahre alt, ist kaum verwundert darüber, dass die bundesweiten Bemühungen um mehr Toleranz gegenüber einzelnen gesellschaftlichen Gruppen direkt vor der sogenannten A-Kohorte Halt macht - das "A" oder auch "Ä" steht dabei für Alte beziehungsweise Ältere. "Es gibt derzeit in deutschen Städten und Gemeinden 11.286 Aktionsplan gegen LSBTIQ-Feindlichkeit und für die Akzeptanz von Vielfalt" rechnet er vor, "aber nicht ein einziger davon berücksichtigt unsere marginalisierte A+Ä-Gruppe."

Für die Altenaktivisten hat das System. "Wir arbeiten seit Monaten auf allen politischen Ebenen auf  einstimmige politische Beschlüsse der Stadte und Gemeinden, aber auch der Länder und des Bundes hin, uns endlich gleichberechtigt zu den anderen Randgruppen gemäß des LGBTQIA+-Alphabets anzuerkennen, werden allerdings eben überhaupt nicht wahrgenommen." Bezeichnend sei, dass vor vielen Rathäuser immer noch mehrmals jährlich die Regenbogenflagge gehisst werde, die das Grau, das die Altenbewegung seit der Gründung der gleichnamigen Partei  Ende der 80er Jahre zu ihrer Farbe gemacht hat, gezielt ausspart. "Für uns ist das ein deftiger Affront."

Fahnen ohne Grau


Maik Sahmer greift gezielt die Grünen, die SPD und die CDU als fortschrittliche politische Kräfte an, wenn er auf den "Month of Pride" verweist, in dem die LSBTIQ-Beflaggung überall per Verwaltungsanweisung erfolgte. "Ihre Aktionspläne gegen Schwulen-, Lesben- und Transfeindlichkeit erarbeiten viele Städte ohne einen konkreten Vorfall, dass es dagegen mehrfach täglich überall zu Überfällen auf Alte kommt, wird ignoriert."  Ausgespart würden dabei nicht nur tätliche Übergriffe auf Ältere, die wegen ihrer gepflegten Kleidung und ihrem häufig noch recht bestimmten Auftreten schnell für reiche Manager gehalten werden. Sondern auch die Vielzahl der über die Kommunikationsnetze verübten Gewaltverbrechen. "Beim Enkeltrick sind es immer Jüngere, die und Alten gezielt ans Ersparte wollen."

Um sich diskriminierungsfrei aufzustellen, müsse mehr geschehen, sagt der Altenfunktionär, der früher selbst im öffentlichen Dienst gearbeitet hat. Er erinnert an den nicht lange zurückliegenden Mord an einem einer 77-Jährigen,  der viele verunsichert habe, von der Politik aber beharrlich nicht als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit anerkannt werde. "Es wird höchste Zeit, dass die Pride-Fahne einen grauen Streifen bekommt, damit sie auch ein Zeichen gegen die Altenfeindlichkeit setzen kann." Je früher das geschehe, desto länger könne sie hängen. "Wichtig ist, dass wir uns zur Vielfalt bekennen", sagt Maik Sahmer, "und noch wichtiger, dass diese Vielfalt wirklich auch vielfaltig ist." 

Ein Farbstreifen für die Altersdikriminierten

Eine Beschränkung des stolzen Zeigens der Zeichen der Benachteiligung auf Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans, inter, nicht-binäre und queere Menschen (LSBTIQ) durch das Hissen der Regenbogenfahne passe nicht mehr in die Zeit. "Die Alten und Älteren einzubeziehen, wäre ein Zeichen der Weltoffenheit und trüge zur Erhöhung der Sichtbarkeit der LSBTIQAÄ-Community bei", sit sich Sahmer sicher. Dass die anhaltende Diskriminierung von und die vielen Fälle von Gewalt gegen Ältere und Alte damit nicht sofort enden werde, sei in der Community allen klar.

Aber wir machen auf unser Leiden aufmerksam und zeigen, dass sich die Gesellschaft insgesamt aktiv gegen alle Formen von Diskriminierung einsetzt." Der nächste Schritt müsse dann ein Beauftragte:r, sein, der nicht nur für LSBTIQ-Personen, sondern auch für LSBTIQAÄ-Menschen ansprechbar sei. "Es muss analog zum Integrationsbeauftragten und zur Gleichstellungsbeauftragten helfen, uns als Gruppe sichtbar zu machen."

Die Älteren fordern ihren Teil vom Stolzmonat


Eine Arbeitsgrundlage bildet dabei ein Aktionsplan zur Förderung der Akzeptanz von Vielfaltigkeit, den die Altenaktivisten adäquat zu den gleichfalls betroffenen Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans, Inter und Queer-Menschen gleich welcher Nation und Herkunft entworfen haben. "Als kosmopolitische Menschen sind wir fester Bestandteil der Gesellschaft, aber bedauerlicherweise gehören aber Alten- und Älterenphobie nach wie vor auch zum gesellschaftlichen Alltag."

Maik Sahmer und seine Mitaktivisten fordern von den Kommunen die Erstellung von Aktionsplänen zur kultursensiblen Förderung der Akzeptanz von Vielfalt und zur Gleichbehandlung aller Menschen ein, unabhängig von kultureller Herkunft, Alter und geschlechtlicher und sexueller Identität. "Wir wollen doch nichts Ungehöriges", sagt er, "nur Chancengleichheit und Teilhabegerechtigkeit durch konkrete Maßnahmen in der realen Lebenswelt.“




 

Am schlimmsten betroffenes Gebiet: Die Religion der Angst

Deutschland gilt traditionell als am schlimmstes betroffenes Gebiet.


Gerade erst wurde die Angst vor den Atomkraftwerken abgeschaltet. Ein Moment, der unmittelbar auf das Ende der Angst vor Corona und den Mutanten folgte. Doch schon ist Ersatz verfügbar: Der Dritte Weltkrieg. Die De-Industrialisierung. Die Lichter werden ausgehen, die Preise bis zum Mond steigen. Heizen unbezahlbar. Essen desgleichen. Deutschland als traditionell am schlimmsten betroffenes Gebiet ersetzt eine Urangst schneller durch die nächste als die Apokalypsen wahr werden können.

Im mentalen Ausnahmezustand

E-Roller auf Gehwegen, von SUVs beiseitegewischte Radler. Messer in Verbotszonen. Islamisten im Supermarkt. Nachrichtenseiten und Fernsehen, aber auch Literaten und Regisseure inszenieren die ganze Welt als Abfolge von Katastrophen, Skandal und unerwarteten Zusammenbrüchen. Sie haben die Macht, Menschen, die selbst nicht betroffen sind, in einen mentalen Zustand zu versetzen, in denen die Erwartung, demnächst schon betroffen zu sein, den Blick auf die Welt bestimmt. Ist es in Deutschland mal nicht zu warm, wie im Frühjahr, dann findet sich ein anderer Ort, an dem es sicherlich noch viel zu wärmer ist. Fehlt es an Wasser, kündigt sich die schon von der Bibel vorhergesagte unendliche Dürre an. Ist es nicht diese Plage, dann fehlt es sicher an Trockenheit und geklagt werden kann über viel zu viel Regen.

Nicht das Sein, sondern Bilder prägen das Bewusstsein. Irgendwo ist immer etwas, das sich fürchten lässt. Die Gemeinschaft der Mediennutzer lechzt nach Informationen über den jeweils aktuellen Untergang. Allerdings ist ihre Aufmerksamkeitsspanne so schmal, dass die Nachrichten über das Entsetzen von gestern schon keine Chance mehr haben, wenn neuer Schrecken verkündet werden kann. Syrien verschwand, als der Ukrainekrieg begann. Der Hunger in Afrika, die Erdbeben in Nepal und in der Türkei, die Rodungen im Regenwald, die Menschenrechte in Katar - was eben noch das gesamte Interesse aller fordert, weil die gemeinsame Zukunft aller Menschen der demokratischen Gesellschaften davon abhängt, ist Augenblicke später nur noch eine Fußnote für Leute mit ganz speziellen Interessen.

In keinen Schuhkarton 

Das erste Gesetz der Mediendynamik bestimmt knallhart, dass die Welt in keinen Schuhkarton passt, unweigerlich aber in 15 Minuten Tagesschau. Das zweite Gesetz der Mediendynamik hingegen besagt, dass Großereignisse nie gleichzeitig stattfinden, sondern immer fein säuberlich hintereinander, als plane eine große göttliche Regie den Ablauf von Flugzeugabstürzen, Prominentenhochzeiten, Sportevents und Skandalen mit traumwandlerischer Sicherheit.

Nur selten werden Löcher zugelassen, nur selten kommt Luft an die Wirklichkeit so wie in dieser Sommerwoche. Private wie staatliche Fernsehsender müssen Wetter und Ölleck zu einem dünnen Brei aufkochen, um die Massen satt zubekommen. Autounfälle schaffen es in die Tagesschau, sogar der Atomstreit bekam wieder einige Minuten Sendezeit, ohne dass noch jemand vor den Empfängern gewusst hätte, worum es dabei ging, als es noch wichtig war.

Liebgewordene Marionetten

All die liebgewordenen Marionetten der täglichen Presseschau, sie sind im Zwangsurlaub. Greta ist weg, Luisa, Putin, Orban und Johnson, wer war noch gleich dieser Borsalino aus Brasilien, der unseren Regenwald angezündet hat? Und überhaupt Australien, brennt es noch oder bereut es schon? Kaeser? Siemens? Nuhr? Was ist mit Steimle? Tellkamp? Den Koboldbatterien? Den geplanten Strafen für Klimaleugner? Kramp-Karrenbauers Syrieneinsatz? Oder war es Libyen? Oder war Libyen Merkels Friedensplan? Halten sich denn auch alle dran? Was macht Kühnerts Sozialismus? Die Mietbremse? Was machen die palästinensischen Tage des Zorn? Selbst Trump ist auf einmal verschwunden.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die naturgegebene Aufmerksamkeitsspanne der Öffentlichkeit, die einerseits nie peripher, sondern immer zentral ausgerichtet ist, andererseits aber zeitlich enge Grenzen habe. Aus der Historie der begleitenden Entrophieforschung ist bekannt, dass ein nicht unmittelbar betroffenes Publikum zwei, allerhöchstens drei Jahre bereit ist, einer spezifischen Problemlage zu folgen. So war es in der Finanzkrise von 2008 bis 2010, beim Zusammenbruch Griechenlands von 2012 bis 2015, auch die erste Ukrainekrise währet nur von 2014 bis 2016, denn dann kam schon die Flüchtlingskrise von 2015 bis 2017. Nach Ablauf einer Zeitspanne von bis zu 24 Monaten läuft sich "jedes Thema tot, es langweilt, selbst wenn es sich um die angebliche „Dauersorge um den Euro" handelt.

Gerade noch Hasswochen

Waren gerade noch Hasswochen, nach dem Doppelmordanschlag auf einen Fußballfan und eine Autogrammsammlerin in Halle, ruft es aus allen Ecken des politischen Überbaus schon wegen anderer Problemlagen wütend und zornig nach härteren Strafen, früherer Vorsorge, besser Bildung, einem aus gespeicherten Vorratsdaten gebauten Panzer gegen den Hass, nach Aufklärung, Hassaussteigerprogrammen und frühkindlicher Überwachung. Auf dass die Mörder von morgen schon erkannt werden können, ehe sie noch ihr erstes Nutzerprofil in einem anonymen Forum angelegt und das erste Waffenteil aus dem heimischen 3D-Drucker gezogen haben.

Klima ist haltbar, aber inzwischen auch rum, abgetaucht seit den Todesschüssen auf eine Synagoge. Selbst der Untergang der Linkspartei, der eine kurze Greta-Sendepause füllte, als die damals noch heiß als Anwärterin auf den Friedensnobelpreis gehandelte Schwedin auf hoher See gen Amerika schipperte, scheint vorerst abgesagt. Die Rettung der EU durch von der Leyen, der gemeinsame EU-Etat, die europaweite Flüchtlingsverteilung, die in 14 Tagen stehen soll, der Fall Sachsens an die Feinde der Demokratie, Trumps zigste Amtsenthebung, der Bruder- und Schwesterkampf um den SPD-Vorsitz und Putins Versuch, die Ukraine zu übernehmen - kein Thema, nirgends.

Wie der Streit in der Koalition um die Grundrente, das Tempolimit und die Torwartfrage beim DFB kommt für den Moment nichts gegen die Einmann-Welle aus rechtsextremistischer Mordlust an, die nicht abzusehen war, ehe sie geschah. Hernach aber in Nullkommanichts zu einem nur logischen Symbol einer allgemeinen gesellschaftlichen Verrohung erklärt werden konnte, für die die sich seit Luckes Zeiten quasi tagtäglich weiter nach rechts außen radikalisierende AfD die sofortige und vollkommene Verantwortung zu übernehmen habe. Wer sonst?

Immer bleiben die Krisen ungelöst

Das Publikum, leidensfähig, aber schnell gelangweilt, sieht sich einem Bombardement ausgesetzt, das es von einer Hilflosigkeit in die nächste stürzt. Immer ist jetzt der Moment, in dem etwas getan werden müsste. Immer ist es morgen schon längst zu spät. Immer blieben die Krisen ungelöst, ein Notverband aus niedrigen oder hohen Zinsen, aus Versprechen und Plänen muss reichen. Immer kommt die Rettung allein aus der Ablenkung durch das nächste Drama, die nächste Tragödie. "Man lernt, sich hilflos zu fühlen, wenn man andere beobachtet, die unkontrollierbaren Ereignissen, etwa Naturkatastrophen, ausgesetzt sind", hat der Medienwissenschaftler Norbert Bolz einmal geschrieben. Eine Chance zum Genuss: Glücklich ist der, der seine eigene Situation mit der jener vergleichen kann, die es wirklich erwischt hat.

Wie der Reiche, der Wohlhabende, der, der ein wenig gespart hat mehr unter dem drohenden Verlust des Zusammengerafften leidet als der, der nichts zu verlieren hat, genießt der Deutsche die nie endende Aussicht auf schlechte Zeiten durch imaginierte Betroffenheit. Es gehört zur korrekten Haltung, anzunehmen, dass der Klimawandel natürlich hierzulande am schlimmsten wüten wird. Es gehört zum Selbstbild, anzunehmen, dass die eigene Art der Heizung ein globaler Kipppunkt ist.

Eine Droge für alle

Die anstehenden Katastrophen werden konsumiert wie eine Droge, mit der eine ganze Angstindustrie handelt. Je röter die Wetterkarten, desto wärmer wird es. Je hektischer die Themenwechsel, desto atemloser die Angst. Je unsichtbarer die Bedrohung, desto überzeugender das Argument, die Apokalypse werde eher morgen als übermorgen eintreten, wenn nicht sofort gehandelt werden. In welcher Weise auch immer.

Die Verkünder der schlechten Botschaften sind dabei längst Opfer der eigenen Parolen geworden. Jetzt länger sie denselben Vers predigen, desto überzeugter sind sie davon, dass er stimmen muss. Je weniger die Wirkung verfängt, desto sicherer scheint ihnen der Fakt, dass es noch nicht genug ist, noch nicht reicht, dass die Rettung der Welt nur gelingen kann, wenn die Angst noch größer wird und die Bereitschaft, die Apokalypse als unabwendbar anzuerkennen, schwerer wiegt als das Bedürfnis, einfach so weiterleben zu können. 

Querdies und Leugnerdas

Die moralische Unterstellung, jeder, der das wolle, versündige sich an allen anderen, hat etwas religiöses. Wer so denkt und so handelt, der gilt als Zyniker, als Neoliberaler, als Querdies und Leugnerdas. Unempfänglich für die Heilsversprechen, die den Ängstlichen gemacht werden - Erlösung durch Solar, Erlösung durch Wärmepumpen, Erlösung durch ein Tempolimit - tritt er aus der Gemeinschaft der Gläubigen aus. Ein Verweigerer der Verheißung, die Menschheit mit der Kraft der Änderungen des eigenen Verhaltens retten zu können, genau jetzt, genau nun, als teil einer erwählten Generation, der es gegeben ist, in den paar wenigen Jahren ihrer Anwesenheit auf diesem Planeten alle Weichen für immer zu stellen.

Anderenorts ist dieser Glaube denkbar schwach. Der Ägypter, der Japaner, die Türken, selbst Verbündete wie Dänemark, Schweden oder Portugal haben zumeist noch nicht einmal Kenntnis genommen von den vielen Formen der anstehenden Apokalypse, die auf dem deutschen "Markt der Gefühle" (Norbert Bolz) zum Tageskurs angeboten werden. Unvergessen die Jahre, als mit kleiner Münze auf das Angstkonto eingezahlt wurde: Radioaktivität im Trinkwasser war damals ein Klassiker, der "Supergau im Wasserglas", der sich seitdem irgendwie weggestrahlt zu haben scheint. Es kam bessere Ware rein, frischer, schlimmer, wertiger sogar als "radioaktives Uran", der deutschen  Angstreligion so lange treu diente.

Wie lange ist es noch fünf vor 12?

Statt der sieben Plagen gibt es unendlich viele Bedrohungslagen. Was, wenn? Wie lange noch ist es fünf vor 12? Statt "Was darf ich hoffen?", frage die neue, grüne Religiosität: "Was muss ich fürchten?", hat Bolz vor 15 Jahren analysiert, als die die Katastrophenrhetorik noch am Anfang stand, als nur systemrelevante Banken gerettet werden mussten und nicht ganz Gesellschaften vor sich selbst. Seitdem hat die "Industrie der Angst" (Bolz) Wachstumsraten erwirtschaftet, die in der Zulieferindustrie des Stichwortgewerbes ganze Divisionen von Gefälligkeitswissenschaftlern ernährt, eine Landschaft aus Beobachtungsbehörden, eine Politikergeneration am Rande des Nervenzusammenbruchs und eine kindliche Protestbewegung mit totalitärem Machtanspruch über die Mehrheit hat heranwachsen lassen. 

Die Welt, wird da geglaubt oder wenigstens gepredigt, sei noch zu retten, wenn nur ja alle am Gottesdienst der Vorsorge und Sicherheit teilnehmen, "Umweltbewusstsein" zeigen, "nachhaltig" leben, flach atmen, das ökologische Gleichgewicht wertschätzen und sorgsam horchen, was die Hohepriester der Natur an Botschaften ablauschen, die zur Richtschnur unseres Handelns werden müssen. Nicht bewegen. Schluss mit Wachstum. Einrichten im Heute für alle Zeiten. Wozu noch neue Technik, wenn dei EU verfügen kann, dass die alte repariert werden muss?

Montag, 21. August 2023

Im Schatten der Wahrheit: Die besten Manipulationstechniken

Von der Kreuzigung Jesu' existieren nur sehr wenige Fotos in äußerst schlechter Qualität. Millionen Menschen aber setzen fehlendes gesichertes Wissen um die Vorgänge vor 2000 Jahren erfolgreich durch festen Glauben.

Es gab sie schon immer, sie waren mal sorgfältiger angefertigt, mal weniger sorgfältig. Sie flirrten als Radioaktivitätswerte aus Fukushima durch Deutschland, sie erklärten eine Sondersteuer zur Basis der Demokratie, erfanden "Steinbrück"- und "Schulz"-Effekte und erklärten jeden Versuch, einer außer Rand und Band geratenen Staatlichkeit mit Dutzenden bundeseigener Banken, bundeseigenen Kohle- Telekom- und Immobilienunternehmen durch Privatisierungen beizukommen zu einem "Ausverkauf der Staatlichkeit".  

Grundlage jeder Regierungstätigkeit

Sogenannte Fake News galten über Jahrzehnte als feste Grundlage jeder Regierungstätigkeit: Was heute noch wahr war, konnte morgen feindliche Propaganda geworden sein. Mit der Präsidentschaft Donald Trumps allerdings verwandelte sich der Blick auf Halbwahrheiten, Lügen und Schwindeleien. Statt wie in der Vergangenheit mit einem lapidaren "Wer's glaubt" achselzuckend hinzunehmen, dass Menschen auch heute noch bereit sind, an höhere Wesen, untergegangene Reiche und die oft militaristischen und nationalistischen Werte der Vergangenheit zu glauben, wiesen sich die Staatsorgane die Aufgabe zu, Bürgerinnen und Bürger auf mentalen Abwegen zurückzuholen in die Gemeinde derer, die nur amtliche Angaben glauben. 

Aus achselzuckend anerkanntem Blödsinn Marke Loch Ness, Wahlumfragen oder Elektroautos, die sich über Solarzellen auf dem Dach selbst aufladen, wurden staatsfeindliche Ansichten, die es konsequent zu bekämpfen galt. Impfgegner und Klimaleugner wurden zu verfassungsfeindlichen Delegitimierern und wer erfundene Nachrichten in gutem Glauben verbreitete, stand nicht nur blamiert da, sondern gelegentlich sogar vor einem weltlichen Richter. Falscher Glaube macht sich nicht nur lächerlich. Er ist nicht mehr nur teuer. Er führt auch zu gesellschaftlicher Ausgrenzung, Verlust der Freiheit und zu finanziellen Schäden.

Dezent ist wirksamer

Wie eine Studie der Eliten-Schmiede "Otto Beisheim School of Management" - nur echt ohne Bindestriche -  empfiehlt stattdessen manipulative Argumentationstechniken, mit denen richtige Nachrichten so verzerrt werden können, dass sie die öffentliche Meinung beeinflussen, ohne sofort als Falschnachrichten erkannt zu werden. Dadurch, so die Forscher, werde "ihre Verbreitung weniger bemerkt". Insgesamt, so die Wissenschaffenden, seien mehr als 200 manipulative Argumentationstechniken bekannt, die eingesetzt werden, um Einfluss auf die Meinung von Lesern zu nehmen,  die eigene Position im öffentlichen Diskurs zu stärken oder die guten und richtigen Argumente von Ministerien, Institutionen und Parteien in Abrede zu stellen. 

Weniger bekannt aber sei, so die Studie "Shades of Fake News: How Fallacies Influence Consumers’ Perception", dass die so viel gefürchteten Fake News nicht nur durch falsche Inhalte zustande kommen, sondern auch durch die Art und Weise, wie die Nachricht präsentiert wird. Eine manipulative Technik, die sechs Zeilen aus einem Papier zitiert und drumherum 60 strickt, die deren Inhalt in Abrede stellen, ist für die arglosen Konsumenten kaum zu enttarnen. Ein erfundener Inhalt, der auf Verschwörungstheorien, Erfindungen und ungeprüften Angaben anonymer Quellen beruht, kann je nach Erzählweise als absoluter Unsinn oder aber als lautere Wahrheit dargestellt werden.

Graubereich besonders erfolgreich

Dieser Graubereich von Fake News ist sogar besonders erfolgreich, auf diese Weise hergestellte Halbwahrheiten verbreiten sich oftmals ungehindert weiter und sie bleiben gesellschaftlicher Kernglaube, auch wenn sie längst widerlegt wurde. Bis heute glauben selbst Wissenschaftler und renommierte Journalisten weiterhin, dass mazedonische Teenager und russische Trollfabriken bei der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten eine entscheidende Rolle spielten, während es vier Jahre später bei der Wahl Joe Bidens keinerlei Manipulation durch niemanden gab.

Oft genug an möglichst vielen Stellen gleichlautend erzählt, vermögen sich vermeintlich durchschaubare Geschichten von hoher Unwahrscheinlichkeit als Erzählmuster gesamtgesellschaftlich durchzusetzen, bestätigt der Medienforscher Hans Achtelbuscher, der am An-Institut für angewandte Entropie seit Jahren zu den Strukturen öffentlicher Debatten, dem Themensterben in deutschen Medien und der Aufmerksamkeitsspanne des Publikums forscht. Intelligente Argumentationstechniken seien auch während der Coronapandemie zum Tragen gekommen, als die weitgehende Uneinigkeit der Virologen über den Verlauf der Pandemie dadurch aufgelöst werden konnte, dass die eine Fraktion fortwährend Wahrheiten verkündete, während die andere nur gelegentlich zitiert wurde. 

Hilfe aus dem Dilemma

Damit sei die Politik dem Dilemma entgangen, sich zwischen verschiedenen Entscheidungsoptionen zerreiben lassen zu müssen. Eine Mehrheit in der Bevölkerung war allein aufgrund der höheren Frequenz und der vernehmlicheren Lautstärke der Vermittlung der Argumente einer Seite überzeugt,  dass es sich bei dieser Position um die bessere handeln müsse, so dass sie dadurch mehrheitsfähig wurde. Eine hinderliche Diskussion um mögliche Mittelwege oder alternative Maßnahmen konnten zumeist frühzeitig und damit vorbeugend diskreditiert werden - mit Hilfe eben jener manipulativen Argumentationstechniken, die Hans Achtelbuscher für "ganz herausragende Instrumente bei zur Ansprache der Bürgerinnen und Bürger auf einer emotionalen und nicht auf einer sachlichen Ebene" hält. "Es ist diese Art fake news", sagt der Wissenschaftler, "die einem Gemeinwesen hilft, durch unsichere Zeiten zu steuern."

Zurück zum Beton: Industrielles Wohnen

Neubau Block DDR Platte
Industrielles Wohnen verspricht Gleichheit als finale Ausprägung von Gerechtigkeit. Den Platz in den Innenstädten teilen sich Behörden, Verwaltungen, Firmen und NGOS.

Auf einmal ist der Mangel wieder da, plötzlich und unerwartet. 33 Jahre nach dem Datum, das für die Planerfüllung bei der Lösung der Wohnungsfrage als soziales Problem vorgesehen gewesen war,  fehlt es an Wohnungen, zumindest dort, wo immer mehr Menschen leben wollen. Während draußen auf dem Land, in den weitgehend entvölkerten Regionen Ostdeutschlands, Häuser verfallen und Ruinen zusammenbrechen, wird es in den Metropolen eng, weil immer mehr Ältere immer länger leben und sich stur weigern, noch zu Lebzeiten ihre großen Altbauwohnungen mit dem Stuck und den Seidentapeten aufzugeben. Appelle fruchten nichts, Drohungen haben bisher auch keinen Erfolg gehabt.

Landleben ist keine Lösung

Doch mehr Landleben ist nicht die Lösung, denn das Klima verzeiht keine weitere Versiegelung, keinen weiteren Bau umweltschädlicher Einfamilienhäuser, die abgezahlt sind, wenn die Kinder langsam in die Stadt abwandern. Bundesbauministerin Klara Geywitz, eine aus dem Berliner Speckgürtel stammende Sozialdemokratin, hat angesichts der katastrophalen Lage an der Neubaufront jetzt eine neue Strategie  vorgeschlagen: Zurück zum Beton, Neubau nach Norm, eine Zukunft in der Platte.

Die Zahlen zeigen, dass es anders nicht mehr gehen wird. Den Leerstand auf dem Land mit Zwangsumsiedlungen zu füllen, verbietet sich, denn es würde die Falschen treffen. Die jungen, urbanen Eliten werden in den Behörden, Verwaltungen und NGOs Downtown gebraucht, können aber unter den anstehenden Klimaneuregelungen nicht mehr co2-gerecht von außerhalb einpendeln. Das Wohnen muss also dorthin gehen, wo kein Platz ist, aber Bedarf. Und Neubau muss so geschehen wie beim letzten Mal.

Gerechte Verdichtung

Wenige Außenwände, viel gerechte Verdichtung. Mehr hoch als breit, aber diesmal ruhig mit begrüntem Dach und Mietersolaranlage. Industrielles Bauen von Wohnungen, die im Osten Deutschlands "Neubau" und im Westen "Platte" genannt wurden, aber in der Sowjetunion als Breshniki begehrt und gefürchtet zugleich waren. Eng und zentralbeheizt, mit endlosen Fenstergalerien an den hohen, seelenlosen Wohntürmen, die mathematisch gesehen die günstigste Möglichkeit sind, um eine beständig wachsende Masse an Menschen unterzubringen, die ins Land kommen, um beim weiteren Aufbau und der Sicherung der Rentenkassen zu helfen.

Fünfzig Jahre nach dem Beschluss des Zentralkomitees der SED, die Wohnungsnot  in der DDR mit einem großen Wohnungsbauprogramm bis 1990 zu beenden, steht eine Neuauflage an. Beobachter im politischen Berlin mutmaßen aufgrund der Ankündigungen von Klara Geywitz, aber auch von Olaf Scholz und Robert Habeck, dass schon bei der sagenumwobenen Kabinettsklausur Ende des Monats Pflöcke eingeschlagen und neue ehrgeizige Wohnungsbauziele verkündet werden könnten.Bisher standen 400.000 neuzubauende Wohnungen im Plan, da nur 295.000 erreicht werden konnten, sei eine Planerhöhung auf mindestens ein Million unumgänglich, heißt es im Regierungsviertel.

Bestes Beispiel Bundesregierung

Die Bundesregierung selbst geht mit bestem Beispiel voran. Unbeirrt von steigenden  Baupreisen, fehlenden Fachkräften und der absehbaren Verschärfung von Klimazielen am Bau errichtet die Verwaltung direkt an der Spree dringend notwendige neue Gebäude zur Erweiterung des Kanzleramtes, um "allen Beschäftigten wieder Platz zum Arbeiten bieten zu können". Das "Band des Bundes" soll rund dreimal so viel kosten wie seinerzeit für das Kanzleramt selbst aufgewendet werden musste, dafür aber ist im Preis eine "Entfernung" (Kanzleramt) von mehr als 200 sogenannten Großbäumen bereits enthalten. Dafür aber wird Deutschland nach Fertigstellung  über den größten Regierungssitz der Welt verfügen - inklusive einer eigenen Brücke, einem geheimen Verbindungstunnels, von sogenannten "Bewegungsflächen" im Untergeschoss und einer Hubschrauberlandeplattform.

Was hier für einen Leuchtturm ausgegeben wurde, dessen Bau bereits im "Frühjahr 2023" (Bundesregierung) begonnen hat, aber bisher nicht angefangen wurde, kann am besten draußen im Land eingespart werden. Künftige Wohngebäude sollen nach Überzeugung von Klara Geywitz durchaus  neuer sein als die, die zu DDR-Zeiten gebaut wurden. Doch aus ökologischen und sozialen Gründen sollen sie denselben Entwürfen folgen: billig und robust, deprimierend und völlig freudlos, ein einziger Triumph der Funktion über die Form und finale Ausprägung von Gleichheit als Gerechtigkeit. Ein Kollektiverlebnis, das die Gemeinschaft stärkt. Nicht mehr nur Wohnungsbau vom Fließband. Sondern Gesellschaftsdesign.

Sonntag, 20. August 2023

Sprunginnovation: Deutschlandtempo beim Bundesautobahnsolardach

Im Stil eines Comics hat der junge Maler Kümram den großen Auftritt von Verkehrsminister Volker Wissing bei der Inspektion der weltweit ersten Bundesautobahnsolardachanlage gezeichnet.

 

Ein Mammutprojekt, wegweisend und weltweit einmalig, das war es, was Verkehrsminister Volker Wissing Ende Juni mit einigem Pomp an der Rastanlage Hegau-Ost an der A 81 einweihte. Ein "Demonstrator",  in nur fünf Jahren Arbeit zusammengeschraubt von Forschungseinrichtungen der drei benachbarten Industrieländer Deutschland, Österreich und Schweiz, zeigte erstmals auf vollen 14 Metern Länge, dass ein Dach, einzig und allein gehalten von einigen schweren, hochaufragenden Eisenständern, mehrere hochmoderne chinesische Solarpanele nicht nur halten, sondern mit ihnen auch Strom erzeugen kann.

Deutschlands Energiezukunft

Theoretisch zumindest. Offiziell war der Besuch des Bundesverkehrsministers an der Baustelle von Deutschlands Energiezukunft noch kein feierlicher Einweihungsakt, weil die komplexe Technik der großen Balkonversuchsanlage für Autobahnen noch eine Vielzahl weiterer diffiziler Nacharbeiter erforderte. Doch gemeinsam mit Anne Rethmann, der Geschäftsführerin Finanzen der Autobahn GmbH des Bundes, und Markus Oeser, dem Präsident der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), konnte Volker Wissing sich davon überzeugen, "dass die Arbeiten zügig vorankommen", wie das Ministerium froh verkündete.

Im "kommenden Monat" bereits, so hieß es, werde das erste Autobahn-Solardach Deutschlands und mutmaßlich auch der Welt fertiggestellt. Ein überzeugender Beleg dafür, wie die "Beschleunigung des Ausbaus von Anlagen für Erneuerbare Energie im Bereich der Verkehrsinfrastruktur" in nur fünfjähriger Planungs-, Konstruktions- und Bauzeit eine zwölf mal 14 Meter messende kühne Konstruktion aus Ständerwerk und Photovoltaik-Modulen dank deutscher Ingenieurskunst und tatkräftiger Unterstützung durch Fraunhofer Institut aus Freiburg, das Verkehrstechnikunternehmen Forster und das Austrian Institute of Technology über den Grünstreifen nahe einer typisch deutschen Autobahn ziehen konnte. 

Seit der Mondlandung

Mindestens seit der Mondlandung ist kein solcher Technologiesprung mehr gelungen, denn die 5,50 hoch aufragende Anlage des ersten deutschen Fernstraßen-Sonnenstrom-Kraftwerks (FSSS-K) würde, stünde sie direkt über der Fahrbahn einer Autobahn, sogar größere Lieferfahrzeuge wie Lkws problemlos passieren lassen. Während sie in lichter Höhe bei optimaler Witterung bis zu 40.000 Kilowattstunden Strom im Jahr liefert - genug für zehn Vier-Personen-Haushalte, wenn auch ohne Wärmepumpe.

Die Sprunginnovation von Hegau-Ost strafte alle Zweifler und Skeptiker Lügen, die solche Stromautobahnen im Wortsinn für praktisch nicht realisierbar gehalten hatten. Theoretisch läuft das Pilotprojekt "PV-Süd"  nun bereits fast einen Monat mit voller Kraft, sobald die Sonne scheint, allerdings muss die Anlage nun überraschenderweise doch noch ans örtliche Stromnetz angeschlossen werden. Die erforderlichen "Elektroarbeiten und Leitungsarbeiten" laufen, teilte das Verkehrsministerium mit. 

Festliche Übergabe noch ohne Termin

Danach werden Abnahmen der Baustatik, die festliche Übergabe an die Autobahn GmbH des Bundes und die vorgeschriebene Eintragung ins Markenstammregister bei der Bundesnetzagentur erfolgen. Einen festen Termin für die Scharfschaltung gibt es noch nicht, doch wenn alles gut geht, kann die geplante einjährige wissenschaftlich begleitete Testphase beginnen, sobald der Herbst endgültig ins Lands zieht. Ziel der erst 2019 aus der  Verkehrsinfrastrukturfinanzierungsgesellschaft (VIFG) in "Autobahn GmbH des Bundes" (der Zusatz "des Bundes" dienst der Unterscheidung von allen anderen Autobahn GmbH) ist es dann, bis 2040 Klimaneutralität bei Unterhaltung und Betrieb von Autobahnen zu erreichen.

Baerbie ohne Binde: Aus der Traum vom Finale

Eine künstliche Intelligenz hat die Szene vorempfunden, die sich das Außenamt für den Auftritt Annalena Baerbocks in Australien erhofft hatte.

Das hätte so schön sein sollen. Die deutschen Fußball-Feministen auf dem Platz, die Ministerin auf der Tribüne, flankiert von den Kamerateams der Fifa, die bewundernde Bilder drehen von ihrem Oberarm, der ein Zeichen setzt im australischen Winter: One Love! One dream, one soul, one prize, one goal, one golden glance of what should be". Annalena Baerbock hatte ihren Terminkalender geschliffen und gefaltet, einen alten Knüppel und ein Fischernetz aus den deutschen Kolonialbeständen heraussuchen lassen und Treffen mit der australischen Regierung vereinbart, mit der sie Klartext über Kohle Verstromung, Kohleexport und menschenrechtswidrige Praktiken bei der Grenzsicherung reden würde.Abends dann in Stadion, Sydney und die deutschen Frauenfußballspielerinnen. Ein Traum. Ein Titel!  

Bruchlandung in Abu Dhabi

Beinahe wäre Deutschland wieder wer gewesen. Dann allerdings kam die Bruchlandung in Abu Dhabi. Der erneute Flugversuch, der abgebrochen werden musste wie Otto Lilienthals zweiter Versuch am Gollenberg anno 1893. Rätselhafte Landklappen. Speer, Grabstock, Fischernetz und Keule,Kulturgüter des Volkes der Kauna, die bisher in Sachsen vor den Augen der Welt verboregn worden waren, mussten den früheren Besitzern mit der Post zugeschickt werden. Die Ministerin und ihr Troß auch unabhängigen Berichterstattern aber flog notgedrungen Linie zurück. Wie es Annalena Baerbock eingangs ihrer Amtszeit versprochen hatte.

Die deutsche Frauenmannschaft war da allerdings schon lange heim im Reich der feministischen Außenpolitik, so dass der Teil mit dem spontanen Finalauftritt der Außenministerin bei der Frauen-Mannschaft in den deutschen Farben ohnehin nichts geworden wäre. Aus dem Triumph wurde eine Blamage, aus der großen Chance, Australien in "guten Gesprächen " (Olaf Scholz) von seinem verhängnisvollen Weg ins Klimaabseits abzubringen, eine Kapitulation. Weiterhin wird der Wertepartner nun wohl zehn Prozent aller Kohlevorkommen der Welt besitzen und sie nutzen, um damit Elektrizität und Kohlendioxid herzustellen. Der Rest geht nach China und erleidet dort das gleiche Schicksal.

Australien vervierfacht

Australien konnte seinen Ausstoß von Kohlendioxid seit 1960 vervierfachen, seit 1990 knapp verdoppeln. 25 Millionen Australien produzieren heute knapp 400 Millionen Tonnen des Klimagiftes. Selbst Deutschland, das mehr als dreimal so vielen Einwohnern zuletzt auf 666 Millionen Tonnen  kam, gelingt es kaum noch, durch verstärkte Einsparungen wettzumachen, was down under draufgelegt wird.

Die Fliegerpanne aber hat die Gelegenheit zu einem Kurswechsel vorerst zunichtegemacht. Wie der Wirtschaftsministers daheim keine Heizungen verlötet bekommt, die Familienministerin beim der Verwaltung der Armutsbetroffenheit versagt, der Finanzminister mit seinem "Wachstumschancengesetz" Schiffbruch erlitt und der Kanzler nur Wochen nach dem 1,5-Prozent-Ziel der Pariser Klimaverträge auch das Zwei-Prozent-Ziel der Nato kassierte, scheitert Annalena Baerbock beim Experiment, das Angenehme mit dem Nützlichen und das Politische mit dem Sportlichen zu verbinden.

Bilder des Schiterns

Die Bilder ihres Scheiterns aber, die nun anstelle der Fotos umgehen, die die beliebte Grüne im Kreise der Nationalkickerinnen zeigen, belegen eine neue Kultur der Transparenz im politischen Berlin. Kein Lächeln auf der Gangway,  mitten im "Desaster" (T-Online) macht die Außenministerin  das passend Gesicht zur Pleite. Im Flieger Gruppentherapie: Wie einst Angela Merkel die Mächtigen der Welt auf Linie brachte, weiht Baerbock heute ihre besten Mitarbeiter in ihre Pläne und Strategien ein. 

Ja, die Lage ist ernst, aber ohne "Baerbie", wie sie wegen ihres charismatischen Auftretens unter der Hand in Berlin genannt wird, sähe alles noch viel düsterer aus. Annalena Baerbock gibt der deutschen Bauchlandung auf dem Weg zum fünften Kontinent ein sympathisches Gesicht. Kein Panthersprung nach Agadir diesmal, der die SPD zwingt, Resolutionen zu verabschieden, die es der Arbeiterklasse freistellen, jedes Mittel anzuwenden, um einen Weltkrieg abzuwenden. Sondern der Anfang einer neuen feministischen Debatte darüber, was 160 Tonnen Kerosin wiegen im Vergleich zu dem, was damit erreicht werden kann, wenn draußen im Land bis hinunter nach Sachsen, Thüringen und Sonneberg alle Bürgerinnen und Bürger mit aller Kraft für Ausgleich sorgen.

2000 vollgetanke Mittelkassenwagen

160 Tonnen, das sind 160.000 Liter oder anschaulicher: 2.000 vollgetankte Mittelklassewagen, die auf einen Schlag sämtlichen Sprit verlieren. Gut gemacht, richtet das keinen Schaden an, weil nicht allzuoft passiert und wenn, dann nur in Dringlichkeits- oder Notsituationen und in feinen Tröpfchen, die "verdunsten" (WDR). Gerade in diesem Dürresommer ein wichtiger Beitrag zum Hitzeplan. Wegen der strengen europäischen Regeln erfolgte das Ablassen der Überbestände im arabischen Luftraum. Damit sollte auch ein Zeichen gesetzt werden, dass die großen Ölnationen nicht unbeschadet von den Folgen blieben werden, wenn sie weiterhin auf die "Fossilen" (Ricarda Lang) setzen.

Natürlich, seitdem liegt die Welt der deutschen Außenministerin noch mehr als vorher zu Füßen. Die deutsche Wirtschaft steckt im Dilemma: Aus Wachstum ist Schrumpfung geworden, aus Dynamik Lähmung und aus der Regierung eine Mangelverwaltung. Doch während das Land "offenbar in eine Rezession schlittert", wie die offenbar erneut akut von einer Geschäftsaufgabe bedrohte "Frankfurter Rundschau" die anhaltende Wirtschaftskrise vorsichtig umschreibt, steht Baerbie beispielhaft für die Möglichkeit, nicht ans Ziel zu gelangen, nicht im Finale zu stehe, keine Binde zeigen zu können und dennoch auf ganzer Linie gesiegt zu haben.