Google+ PPQ: Oktober 2010

Sonntag, 31. Oktober 2010

هقلت اليمن اكيد هذا Wo die Dämonen wohnen

صورت قريه يمنيه وقلت اليمن اكيد هذا واحد من السياح, sagen sie hier, im Land, in dem die Dämonen wohnen, einer ungastliche Region voll rätselhafter Rituale, Traditionen und Gebräuche, die Besucher an die der "Fremen" erinnert, die den ausgedachten Wüstenplaneten Dune in Frank Herberts Buchreihe bewohnen. Der Jemen, durch das Verschicken einiger Sprengstoffpakete einmal mehr wie irrtümlich ins Augenmerk der Weltöffentlichkeit geraten, ist das jüngste Land der Welt: Mehr als die Hälfte der heutigen Bevölkerung ist unter 15 Jahre alt, mehr als die Hälfte dieser Hälfte ist männlich und wird in den kommenden Jahrzehnten zu Millionen nach Beschäftigung suchen.

Zwischen den kahlen Gipfeln der Dreitausender um Sanaa und den glühend heißen Tälern, die hier Wadi genannt werden, werden sie keine Jobs und keine Zukunft finden. Der Jemen ist eine Stammesgesellschaft, die vom Islam geprägt ist, sich aber noch mehr an vorzeitlichen Sitten und Gebräuchen orientiert, die nirgends sonst existieren. Den halben Tag ist das halbe Land betäubt vom Qat, den Blättern eines Strauches, die als Volksdroge konsumiert werden. Ein ganzer Wirtschaftszweig bestellt Felder, die dringend für den Anbau von Getreide gebraucht würden, um die legale Droge anzubauen. Der Markt ist riesig: Kaum ist es Mittag geworden, schwärmen die Männer aus, sich ihre Tagesportion Qat-Blätter zu besorgen. Die wird dann am Nachmittag allmählich zerkaut und in der Backe verstaut, die Blicke werden leer, alle Tätigkeit erstirbt allmählich, außer lindem Geschwätz in durchweg männlichen Teerunden passiert nichts mehr.

Qat richtet das Land zugrunde, ist aber eine Tradition, die sich die Jemeniten sowenig nehmen lassen wie das Tragen des "Janbíya", eines gigantischen Dolches aus Kuchenblech, der als Männlichkeitssymbol in Bauchhöhe im Gürtel steckt. Täglich werden Qat-Blätter frisch nach Großbritannien geflogen, wo eine große jemenitische Auslandsgemeinde mit leern Backen sehnsüchtig auf Nachschub wartet. Statussymbole sind, hier, wo kaum jemand etwas hat, auf dass er stolz sein könnte, von großem Wert. Außerhalb der Städte, in denen das Mitführen von Waffen verboten ist, tragen noch immer viele Männer ihre Kalaschnikow, meist alte, klapprige Modelle, oder Flinten, die britische Eroberer vor Jahrhunderten hier zurückließen. Draußen in den Bergen gibt es zuweilen auch spontane Schießübungen von einem Berg zum anderen, bei kaum einer Hochzeitsparty geht es ohne Verletzte oder sogar Tote ab.

Die Stammesgesellschaft aber regelt Kollateralschäden nach altem Brauch. Es braucht keinen Staat, kein Gesetz. Als ein Europäer, als Entwicklungshelfer samt seiner Familie im Land, bei einem Verkehrsunfall einen älteren Mann anfuhr, weil der spontan und ohne um sich zu schauen auf die Straße getreten und direkt in sein Auto gelaufen war, holte die Familie des Opfers nicht etwa die Polizei. Nein, eine Delegation der führenden Männer des Clans begab sich freundlich zum Täter selbst, um mit ihm eine Auslösung aus der eigentlich verpflichtenden Blutrache zu verhandeln. Da es sich bei dem Opfer um einen älteren Mann von geringem wirtschaftlichen Wert handelte, reichte es am Ende, 5000 US-Dollar zu zahlen, um der zwangsläufigen Ermordung eines eigenen Familienmitglieds zu entgehen. Ein jüngerer Mann hätte mehr gekostet, ein Kind hingegen wieder weniger, eine Frau wäre, je nach Alter und Erhaltungszustand, noch günstiger gekommen...

Es ist ganz typisch für das Verhalten der zuletzt eher glücklos agierenden Terrororganisation Al Kaida, dass sie ausgerechnet im Jemen versucht, wieder Fuß zu fassen im weltweiten Terrorgeschäft: Keine andere Nation hat bisher mehr erfolglose Attentäter ausgeschickt, kaum ein anderes Land verfügt über einen schlechteren Zugang zu Ressourcen und nirgendwo sonst ist die Gefahr, entführt zu werden, größer.

Nach dem neuerlichen Fehlschlag einer ambitionierten Aktion wird sich Osama Bin Laden einmal mehr von seinen Gefolgsleuten fragen lassen müssen, ob es wirklich reicht, mit Tonbandbotschaften Terror zu simulieren. Schon geht in der Umma das geflügelte Wort vom Axl Rose des Terrorismus um: Bin Laden sei wie der Sänger der Guns N Roses mit einem Riesenhit gestartet, lebe aber seitdem nur noch von Ankündigungen.

Terror auf PPQ:
Bin Laden - Terrorist unter Touristen
Unmut in der Umma
In einem Land vor unserer Zeit

Armut trifft vor allem Arme

Alleinlebend, Frau, arbeitslos: Das sind die in dieser Woche größten Armutsrisiken in Deutschland, hat das Statistische Bundesamt herausgefunden. Neuen Berechnungen des "Spiegel" zufolge, der zuletzt im August eine Armenquote von 14,6 Prozent aus den Zahlen des Bundesamtes gelesen hatte, sind nunmehr schon 15,5 Prozent der Menschen in Deutschland arm oder armutsgefährdet. Betroffen sei jeder Sechste, schreibt das frühere Nachrichtenmagazin, dass seit einem internen Verbot, das eigene Archiv zu benutzen, die Zahlen der jeweils aktuellen Ausgabe nicht mehr mit denen der Vorwoche vergleichen kann.

So ist infolge fortschreitender Informationsverdünnung jetzt schon jeder "Sechste" arm - ein abrupter Anstieg seit August, als es nach "Spiegel"-Berechnungen noch "jeder Siebte" war. Und das mitten im größten Aufschwung seit dem Beginn der Autobahnarbeiten an der Strecke Frankfurt - Darmstadt vor vor 77 Jahren. Überraschenderweise, das verraten die Zahlen, trifft die neue Armut vor allem Arbeitslose, die nicht über hohe Einkünfte, Erbschaften oder einen gut bezahlten Job verfügen. Zwei Drittel aller Menschen ohne Arbeit "haben unterdurchschnittlich viel Geld", klagt der "Spiegel" zurecht an. Allerdings sei das kein Einzelfall: Auch Menschen mit einem Job sei nicht auf der sicheren Seite, wenn ihre Arbeit nicht gut bezahlt werde. "Etwa jeder 15. Erwerbstätige gilt den Statistikern zufolge als arm oder armutsgefährdet", schreibt das Blatt, habe also wenig Geld, wodurch sich zeige, dass Armut vor allem die Ärmsten treffe, die nicht über viel Geld verfügten.

Die Zahlen bezögen sich auf das Jahr 2008 und seien etwa genauso hoch wie im Vorjahr, schreibt das Magazin aus der Erinnerung, das im Sommer noch beunruhigt gewesen war, weil nach den Zahlen aus dem Jahr 2009 "das Armutsrisiko in ganz Deutschland gestiegen" war. Im August waren dadurch 14,6 Prozent aller Bundesbürger zwischen Flensburg und Füssen armutsgefährdet, 0,9 Prozent weniger als heute, wo von einem "Anstieg" erstmals in der Geschichte der Armutsberichterstattung seit der deutschen Einheit nicht die Rede ist.

"Die Schwelle zur Armut" sei diesmal "anders berechnet worden", erläutert die Fachredaktion, deren Angaben zufolge zuletzt noch eine Konstellation von "alleinlebend, Frau, arbeitslos und aus dem Osten" sichere Garantie für ein Leben an der Armutgrenze gewesen war. Im "Turboaufschwung" (Rainer Brüderle) hat sich der Osten offenbar abkoppeln können. In den aktuellen Armutsartikeln spielt der Osten keine Rolle mehr.

Samstag, 30. Oktober 2010

Wer hat es gesagt?

In meiner Fabrik herrscht die Dummheit. Sie scheint mir eine Wurzel der sozialen Ungerechtigkeit zu sein. Früher dachte ich, die Oberschicht ist böse. Jetzt denke ich, die Unterschicht ist dumm.

Verhallte Warnungen: Hitler in der Hitparade

"Wir hassen Faschisten, Nationalsoziallisten" singt die südtiroler Rockband Frei.Wild, aber das ist natürlich nur Ablenkung. Ein besonderes gerissener Trick, ein Versuch, arglose junge Menschen die Falle des Rassismus zu locken. Da ist zumindest Jörn Menge sicher, als Oberhaupt des Vereins "Laut gegen Nazis" immer darauf angewiesen, dass Faschisten versuchen, sich in der Mitte der Gesellschaft ein Plätzchen zu sicher.

Die Band Frei.Wild hat es geschafft. Wo zu einem von "Laut gegen Nazis" organisierten Konzert in Halle einst nur knapp 120 statt erwarteter 6000 Fans kamen, was auch der als Geldgeber für das angebliche Benefiz-Event auftretenden Stadtverwaltung gewissermaßen zeigte, wie wichtig und teuer der "Kampf gegen rechts" sein kann, strömen zu Auftritten der ehemaligen Böhse-Onkelz-Coverband Zehntausende. Und mit ihrem Album "Gegengift" landen Sänger Philipp Burger und seine Kollegen nun auch noch auf Platz zwei der deutschen Albumcharts.

Da gilt es aufzurütteln, wachzumachen, die Gefahr einer sofortigen Wiedererrichtung des 3. Reiches durch ein Jungsquartett an die Wand zu malen, das in seinen Werken am liebsten dumpfen Stampfrock spielt, der genau die Lücke zwischen Toten Hosen, Rammstein und Onkelz füllt. Kreuzgefährlich! Denn Philipp Burger, so alarmierte eine elektronische Postwurfsendung der Hamburger Nazi-Jäger, sei vor drei Jahren Mitglied bei den Freiheitlichen Südtirols gewesen, auch nach seinem Austritt habe er sich "nie" vom Gedankengut der Rechtspartei gelöst. Und bis heute finde seine Band "durchaus auch bei Rechtsextremen in Deutschland ihre Fans".

Ein Umstand, der längst verboten sein müsste. Der Parteiaustritt sei nicht von einem "echten Gesinnungswandel begleitet gewesen", analysiert Menge, dessen Verein im vergangenen Jahr zwar eine Großspende des Internetriesen Google erhielt, wenig später aber mitteilen musste, dass er aus Finanzierungsgründen vor dem Aus stehe. Es mangelt der Gesellschaft offenbar an Bereitschaft, die 200.000 Euro auf zubringen, die "Laut gegen Nazis" jedes Jahr benötigt, um vor der rechten Gefahr zu warnen, darüber aufzuklären, dass "rechte Gewalt jeden treffen" kann, und T-Shirts der früher ausgiebig als Nazimarke bekämpften Firma Lonsdale zu verkaufen.

Nun trifft es sich in solchen Momenten immer doppelt gut, wenn man prominente Feinde trifft. "Mit dem Parteiprogramm der rechtsextremen Freiheitlichen identifizierte sich der Frontmann der Band 2007/2008 immer noch!", wettert Menge, ohne anderslautenden Beteuerungen des südtiroler Sängers groß Beachtung zu schenken. Wichtig sei, dass Frei.Wild "von rechten Kameradschaften empfohlen" werde und die Band Texte singe wie „Südtirol, wir tragen deine Fahne, denn du bist das schönste Land der Welt, Südtirol, sind stolze Söhne von dir, unser Heimatland, wir geben dich nie mehr her", was ebenso eindeutig auf rechtes Gedankengut schließen lasse wie der Song "Big, Beautiful Country" des chinesisch-philippinischen Sängers Jose Mari Chan. In einem Lied, so "Laut gegen Nazis", heiße es unumwunden "Ich scheiß auf den deutschen Staat will zurück zur Diktatur", womit wohl die "Diktatur des Proletariats" gemeint sei, die Friedrich Engels einst als logische Konsequenz des "Absterben des Staates" (Engels) propagiert hatte. Dazu noch das Hirschgeweih im offiziellen Bandschriftzug (oben links), das erschreckend deutlich an die Geweihe erinnert, die Hitlers Reichsmarschall Hermann Göring in seinem Jagdschloss Karinhalle aufhängen lassen hatte. Da nützten keine Ausreden mehr.

Gerade Zeilen wie „Rot und Braun, keinem darfst du trau'n“ deuten nach Ansicht der Hamburger Netzwerkanalysten eindeutig darauf hin, dass hier unzulässig Diktaturen verglichen und die Singularität der Naziherrschaft verharmlost werden solle. Phillip Burger, der öffentlich beteuert, außer "Der kleine Prinz", dem Lieblingsbuch seiner Tochter, eigentlich nie zu lesen, verführt die Jugend anders als die neue intellektuelle Rechte noch hinterhältiger. Frei.Wild-Alben sind Einstiegsdrogen für die Ohren, wer hier arglos zuhört oder gar zu Weisen tanzt, in denen es heißt: "Da, wo wir leben, da wo wir stehen, Ist unser Erbe, liegt unser Segen, Heimat heißt Volk, Tradition und Sprache, Für uns Minderheiten eine Herzenssache", wirkt sozusagen selbst mit an der Renaissance des Rechtsrock, der eine Wiederkehr des Hitlerfaschismus auf dem Fuße folgen wird.

Konkrete Warnungen, mit halben Zitaten, Versfetzen und Andeutungen richtig schön schmackhaft gemacht, alles wie immer. Es hätte reichen müssen, wenigstens zu ein paar Alarm-Artikeln. Doch vier Tage nachdem Jörn Menge seine Brandmail in Sachen Frei.Wild ausgesandt hat an einen Verteiler, der alle Medienentscheider der Republik umfasst, ist nichts passiert. Keine große Tageszeitung, kein Kultursender, keine Online-Ausgabe früherer Nachrichtenmagazine ist angesprungen auf die aufrüttelnde Botschaft von den Südtiroler Rechten, die die deutsche Hitparade entern und die Jugend verderben. Schade für "Laut gegen Nazis", denen eine aufgeregte Debatte um Frei.Wild Arbeit und Brot und Spenden für viele weitere Monate wichtiger Aufklärungsarbeit verschaffen sollte. Schade aber auch für die Band, deren neuem Album "Gegengift" eine deftige Portion Empörung sicher ganz nach oben verholfen hätte. So bleibt es bei Platz zwei.

Freitag, 29. Oktober 2010

Höhenflüge in Sommerlöchern

Einmal im Jahr muss es sein, einmal im Jahr muss die Vergangenheit zu Werbezwecken auferstehen, müssen die Geister der Geschichte durch Beschwörung gebändigt und den Volksmassen Geschichten erzählt werden davon, dass nicht alles schlecht und vieles noch viel besser gewesen ist, als stinkende Trabanten durch die Straßen knatterten und Wartburgs stolz und ungefedert zeigten, dass ihr Besitzer mehr war als irgendwer.

Diesmal ist es zur Abwechslung mal die "Schwalbe", die wieder auffliegen soll wie damals in den 70er und 80er Jahren der DDR, als der Sozialismus noch unbesiegbar war mit seinem Nierentisch-Design. Weit ausgestellt die Schmutzfänger, damit der LPG-Bauer auf dem Weg zum Feld trocken blieb, und mit einer Sitzgarnitur versehen, unter der sich das Frühstücksbrot verstauen ließ: Die "Schwalbe", auf der widerrechtlicherweise ganze Generationen von DDR-Jugendlichen Mopedfahren lernten, hatte die Ausstrahlung eines rollenden Brotkastens und den Charme eines Schreitbaggers.

Heute jedoch, weiß die im zeitlebens schwalbe-losen Westen aufgewachsene "Welt" unter Berufung auf die einzige amtliche deutsche Nachkriegsagentur dpa zu berichten, werde die "Schwalbe von ihren Fans doch innig geliebt". Im Westen hingegen sei sie wegen ihres "puristischen Designs" zum "Kult" (dpa) geworden. Deshalb nun wollten Investoren um den Unternehmer Daniel Schmid aus Baden-Württemberg die Knattermühle auferstehen lassen. Ökologisch korrekt soll der Roller von einem Elektromotor angetrieben werden, alle Abgase entstehen so nicht während der Fahrt, sondern weit weg in einem Braunkohlekraftwerk. Das ergibt dann ein zünftiges "Lifestyleprodukt", wie Unternehmer Schmid glaubt.

Spätestens "bis Juni 2011" (dpa) sollen die ersten "Schwalben" fliegen, hergestellt im thüringischen Suhl. Dann werden sie in harte Konkurrenz treten zum Trabant, dessen Wiederauferstehung als "Trabant nt" im Sommerloch 2009 immerhin auch für eine schöne Medienrunde gereicht hatte. Auf ihrem Höhenflug zu neuen Ufern in der alten Zeit wird die Schwalbe, die allein noch keinen Frühling machen könnte, dann zwangsläufig auch den "Wartburg" wiedertreffen, dessen baldige Auferstehung im Mai des vergangenen Jahres angekündigt worden war, ohne dass seitdem jemals wieder die Rede davon ging.

Offen ist so oder so aber nur noch die Zukunft des "SR Hupdich", eines Kultmopeds aus der Nachkriegszeit (Bild oben), und des verblüffend gleichnamigen DDR-Schulrechners SR1. Der wirkte schon 1982, als könne man mit ihm telefonieren und Faxe verschicken. Bei der Neuauflage, nun mit Sonnenstrom betrieben, könnte der Traum wahr werden. Die Fans, jedenfalls, die ihn mit Sicherheit "innig lieben", warten schon.

Endgültige allgemeine Verunsicherung

Die Erste Allgemeine Verunsicherung war noch ein Scherz, 1977 ausgedacht von ein paar Österreichern mit dreckigem Humor. Fünf Jahre später erst gestand dann der Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman, dass er immer erhebliche Probleme gehabt habe, die Quantenmechanik zu verstehen. Feynman, so wenigstens wurde er 1982 ins Deutsche übersetzt, formuliert: „Es verunsichert mich heute noch."

Ein Satz, in der Geschichte der Verunsicherung wie in Stein gemeißelt. Hier im Jahre 1982, so weißt es die allzeit unbestechliche Google Timeline (Grafik unten) aus, nahm der Siegenzug des kleinen Wörtchen zur alltagstauglichen, zugleich aber unheildräuenden Verbalisierung der Begriffe "Angst" und "Furcht" seinen Anfang.

Kurz nach Feynmans Initialzündung brauchte die Deutsche Bundespost nicht lange, um "durch ihre Gebührenpolitik" viele Postkunden zu verunsichern, wie die Computerwoche seinerzeit ausführte. Ein Jahr danach fanden sich weitere Nachahmer: Nun waren die Studenten der Uni Witten-Herdecke "verunsichert", weil sie "nicht wissen wie es mit ihrem Arbeits- oder Studienplatz weitergeht" Dennoch, das lässt sich im historischen Rückblick sagen, all die Verunsicherung hatte kein System, es steckte keinerlei Dynamik in der Verwendung des Begriffes und schon gar nicht wurde er benutzt, wenn es irgendwie anders ging.

Da hat sich seitdem Einiges getan. Knappe drei Jahrzehnte nach dem Stapellauf der Vokabel als Allzweckwaffe gegen die allgegenwärtige Agonie der Angst in einem Land, das inzwischen vollgestopft ist mit Airbags, Rundum-Familienschutz-Policen und Warnaufdrucken, hat sich die Verunsicherung einen geachteten Platz im volkskünstlerischen der stets alarmbereiten Qualitätsmedien gesichert. Wenn Geldkarten nicht funktionieren, sind "Millionen deutsche "Bankkunden sind verunsichert", heißt es, oder auch "bei geringen Umsätzen pendelte der Dax meist um seinen Freitagsschluss", ein Trend sei nicht zu erkennen, denn die Anleger seien verunsichert. Der Außenminister auf Südamerika-Reise ist verunsichert, eine Sicherheitslücke bei Twitter verunsichert "zahllose Nutzer des Dienstes" genauso wie der Zuspruch zu Sarrazin Politiker. Angst geht um, die so nicht genannt werden kann, weil sie dann für Heiterkeitsausbrüche sorgen würde. Also muss "verunsichert" sein, wer erkennt, dass Facebook seine Email-Adresse öffentlich gemacht hat wie früher das Telefonbuch Name, Vorname, Wohnadresse und Rufnummer. Jeder kann jetzt eine Mail an die Opfer schreiben! Die sind verunsichert.

Denn das ist nun die große allgemeine Verunsicherung, ein Gefühl, das nie mehr nachlässt, zumindest medial nicht. Egal was, egal wer, egal wieviel und wo, das Recht darauf, verunsichert zu sein und dafür respektiert zu werden, darf niemandem mehr verweigert werden. Jede einzelne Betrugsmail im Internet verunsichert sogenannte User, obwohl die die Möglichkeit hätten, sie mit einem Klick zu löschen. Die zunehmende Verwendung englischer Begriffe verunsichert Ältere, die unklare Rentensituation in 50 Jahren Jüngere. Die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke verunsichert Mitbürger, die seit 30 Jahren jeden Abend unter atomstrombetriebenen Lampen in einen atomstrombetriebenen Fernseher schauen, aus dem von neuer Verunsicherung berichtet wird: Das Urteil zur GEZ-Pflicht, das am Lauf der Welt soviel ändert wie ein in Espenhain einstürzendes Schuppendach, "verunsichert Computer- und Handy-Nutzer", und Chinas Zinsentscheidung verunsichert selbstverständlich ebenso wie das Ausbleiben einer chinesischen Zinsentscheidung verunsichert hätte.

Man weiß es nicht oder nicht genau und das ist schlimm, das verunsichert, das ruft die Politik auf den Plan, die sich müht, kümmernd, betreuend und tröstend einzugreifen. Die verbal formulierte Verunsicherung hochbezahlter Medienarbeiter wird zur Waffe auf dem Weg zu mehr Verboten, mehr Warnaufdrucken, mehr Treppenhandläufen durch die Weltgeschichte. Denn zusätzlich verunsichern natürlich auch die "Gesundheitsreform die Versicherten", der "Währungskrieg die Sparer", eine "neues Überholverbot auf der A71 die Fahrer" und die "Sorgen um das Ausmass möglicher geldpolitischer Lockerungen der US-Notenbank Fed die Anleger" (Quelle: Schlagzeilen der letzten Woche). Nie und nirgendwo in der Geschichte der Menschheit heischten lebensversicherte Wohlstandsbäuche so um Trost, Hilfe und um Erlösung von dem Übel der Unkenntnis der eigenen Zukunft, war Verunsicherung so bunt und vielgestaltig, so allgegenwärtig, so absehbar und, bei aller Verunsicherung, ja, so sicher.

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Donnerstag, 28. Oktober 2010

Wenn der Wähler zweimal klingelt

Nein, es steht kein Warnschild am Gartenzaun von Angela Merkel. "Achtung, Kanzlerbungalow, wer weitergeht, kommt in die Psychiatrie". Auch ist niemals irgendwo in Deutschland der Hinweis veröffentlicht worden, dass es Wählerinnen und Wählern grundsätzlich verboten ist, die frühere Klimakanzlerin in ihrem Wochenend-Idyll im mecklenburgischen Hohenwalde zu besuchen, sie anzurufen oder an ihrer Haustür in Berlin zu klingeln.

Christian Jax aus Zingst hat das dann einfach gemacht. Der friedensbewegte Attac-Kämpfer, zuletzt als Kandidat der Linken bei den Kreistagswahlen in Nordvorpommern gescheitert, schrieb der Kanzlerin einen Brief. Und überbrachte ihn gleich selbst, denn die Angelegenheit war dringend: Jax hatte, so berichtet das Kanzlerinnen-Hausblatt Bild, einen Plan ausgearbeitet, der den endgültigen Frieden im Nahen Osten auslösen wird, sobald ihn Angela Merkel umgesetzt hat.

Jax betrat Merkels Grundstück nach eigenen Angaben, ohne dass die nebenan Wache haltende Polizei das bemerkte. Zuvor, so erzählte er der „Berliner Zeitung“, habe auf sein Klingeln niemand geöffnet. Deshalb sei er "in den Garten gegangen, wo ich die Kanzlerin antraf, die gerade ein Telefonat führte. Ich habe ihr einen Brief übergeben und bin dann wieder gegangen.“

Nachdem die Kanzlerin seinen Plan aber weder umsetzt noch dies ankündigte oder auch nur persönlich auf seine Vorschläge antwortete, kehrte Jax zurück. Einmal klingelte er an der Haustür, als Merkel selbst zugegen war, ein andermal sei nur der Ehemann der Kanzlerin im Haus gewesen. Einen Versuch, Angela Merkel in Berlin zu treffen, verhinderte die Polizei, die ihn, so die einzige amtliche deutsche Nachrichtenagent dpa, "an der Kanzlerwohnung in Berlin-Mitte abgewies".

Bei einem erneuten Versuch in Hohenwalde wurde der Mann nun "festgesetzt", wie es die Berliner Zeitung nennt. Die Staatsanwaltschaft Neuruppin ermittle, weiß die "Bild", ohne mitzuteilen, welchen Tatvorwurf die Behörde verfolgt. Viermalige Besuchsversuche gelten laut neuester Medienrechtsprechung allerdings offenbar als „Stalking“, die Polizei hat Christian Jax deshalb in die offene psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses in Angermünde eingewiesen. Nachdem der Friedensaktivist das Krankenhaus auf eigenen Wunsch und ohne Abmeldung kurzerhand wieder verlassen hatte, wurde der gelernte Bibliothekar mit festem Wohnnsitz sogar zur Fahndung ausgeschrieben und wenig später von Spezialfahndern des LKA in Brandenburg gefasst.

Jetzt rätselt Berlin, wie es überhaupt soweit kommen konnte, schreibt die Bild. Außerhalb von Berlin rätselt der Wähler, welches Strafmaß Christian Jax für das unbemerkte Betreten des mit einem Zaun geschützten Merkel-Grundstücks in der Nähe von Templin zu gewärtigen hat. Auf Hausfriedensbruch steht nach Paragraph 123 StGB eine Freiheitsstrafe von höchstens einem Jahr, die bei einem Beschuldigten ohne Vorstrafen zur Bewährung ausgesetzt werden würde, oder die Zahlung einer Geldstrafe. Allerdings ist Hausfriedensbruch nach deutschem Recht ein Antragsdelikt, das ohne Strafantrag des Betroffenen nicht verfolgt werden kann.

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Eine Maus wird geboren

Minutenlang versucht sich Thomas Neubert nach dem Abpfiff zu erklären, was er da gemacht hat. Er beschreibt es Jan Benes. Er erzählt es Philipp Schubert. Er zeigt Marco Hartmann, wie er mit dem Kopf nach unten gegangen ist, und wie der Ball nicht dort war, wo er ihn erwartet hatte. Anderthalb Meter hatte der Stürmer des Halleschen FC in der 70. Minute des DFB-Pokalspieles gegen den MSV Duisburg vor dem Tor des Gegners gestanden, von rechts kam eine lange, halbhohe Flanke von Nico Kanitz, Neubert konnte gucken, konnte schauen, hätte sich quer zum Ball stellen und das Leder in die Maschen prallen lassen können.

Thomas Neubert, von den Fans des HFC ob seiner kantigen Körperlichkeit zuweilen hämisch als "Fußballgott" gefeiert, tauchte ab und versuchte es mit dem Kopf. Kein Tor, Ball abgewehrt, neuer Versuch, der MSV-Torhüter wehrt ab, der Ball fällt direkt vor Neubert zu Boden. Der schießt, zum zweiten Mal erst an diesem Abend im Leipziger Zentralstadion, das neuerdings Red-bull-Arena heißt und dem HFC mangels eigener Arena als Ausweichspielstätte dienen muss. Sekunden später ist der Ball im Netz, Schiedsrichter Robert Kempter aber winkt ab: Kein Tor, abseits. Neubert habe im passiven Abseits gestanden, dann aber eingegriffen. Beinahe im Gegenzug fährt der Favorit aus Meiderich einen Konter und es steht 0:3.

Es ist auch an diesem Abend im Grunde wie immer, wenn das Fußball-Schicksal dem nach der letzten Oberliga-Saison der DDR in die fünfte Liga abgestürzten Traditionsklub einen Elfmeter zurechtlegt. Alle sind da, aus Aschersleben, Zeitz und Halle, Leipzig hat sich feingemacht, alle Parkplätze rund ums Stadion gesperrt und die Einlasszonen mit Bauzäunen so verkleinert, dass gar kein hereinkommen ins Stadion ist. Die Mannschaft hat sich viel vorgenommen und die Vereinsführung hofft auf Disziplin in der Fankurve. Doch dann kommt es wie erwartet und gefürchtet: Das Wunder bleibt aus, der Berg gebiert eine Maus. In der sechsten Minute schon, noch sind dank des Versuchs, vor dem Stadion eine Duisburg-Katastrophe auszulösen, nicht einmal alle 4.500 Zuschauer im Stadion, foult HFC-Mittelfeldmann Steve Finke vorm eigenen Strafraum einen Duisburger und verletzte sich dabei schwer. Ersatzmann Schubert ist kaum auf dem Platz, da schlägt es schon ein: Durch die Mauer flattert der von Finke verursachte Freistoß in die Ecke.

Die Älteren im Rund erinnern sich an die letzte DFB-Pokalpleite gegen Hannover 96. Mit 0:5 verabschiedete sich der HFC seinerzeit sang- und klanglos von der Pokalbühne. Hier sieht es verdächtig nach einer Wiederholung aus, obwohl diesmal eigentlich nur Halle spielt. Marco Hartmann, als Ersatz für den verletzten Patrick Mouyaya in der Innenverteidigung aufgeboten, bekommt einen Ball ans Knie, von dort springt er an die Hand. Elfmeter für den MSV. 30. Minute, 2:0, das 0:5 rückt näher.

Oder doch nicht. Darko Horvat ahnt die Ecke und hält. Halle hat jetzt Oberwasser. Toni Lindenhahn kurbelt auf rechts, Pavel David schießt übers Tor, minutenlang findet das Spiel nur in der Duisburger Hälfte statt. Tore aber fallen nur auf der anderen Seite: Nach einem Befreiungsschlag aus dem Strafraum kommt der Ball wieder Richtung Elfmeterpunkt geflogen, Maierhofer, der eben noch den Strafstoß verschossen hat, springt höher als Hartmann und es steht nun doch 0:2.

"Nun muss ein Wunder her", kommentiert ein Zuschauer im Block B, während die Fankurve singt "Steht auf wenn ihr Hallenser seid". Der HFC tut alles, um es möglich zu machen, Lindenhahn, der zur Halbzeit schon platt schien, bekommt die zweite Luft, Thomas Neubert versucht einen Fernschuß und verpasst eine Flanke nach der anderen. "Der Mann ist so groß", zürnt ihm die Tribüne, "warum springt der nicht mal hoch". Weil er so groß ist, sagt ein anderer, der muss nicht springen.

Trainer Sven Köhler hält auch so zum Westernhagen des deutschen Fußballs, dem heute Abend nichts gelingt. Kein Wechsel, nirgends. Duisburg ist aber auch so in Bedrängis. Dieser HFC ist nicht mehr der, der sich abschlachten lässt wie von Hannover oder seinen Gegner bestaunt wie einst beim Freiburger Pokal-Gastspiel. Immer wieder dribbelt sich Lindenhahn durch, immer wieder sucht er den Doppelpass mit Teixeira, immer wieder scheitert der Versuch, aus der Annäherung an den Strafraum einen brauchbaren Torschuß zu machen.

Bis zu eben jener 70. Minute, als Kanitz Neubert findet, der aber mit dem Kopf nicht den Ball. Für die Kurve ist nach dem zu Unrecht aberkannten Treffer im zweiten Anlauf wie immer klar, dass nur der Schiedsrichter schuld daran sein kann, dass es einmal mehr nicht reicht zur kleinen Sensation. Obwohl die Hallenser, jetzt mit Hauk und Stier, immer noch laufen, als seien sie die einzigen im Stadion, die noch an die Chance glauben, das Spiel zu drehen. Der Fanblock, trotz Verbot mit Fahnen des zur DDR-Zeiten noch verhassten FC Lok Leipzig geschmückt, singt jetzt friedlich brummelnd ein Lied über "Bullenschweine". Duisburg spielt die Uhr herunter, bis Oldie Grlic in der 85. doch noch mal eine Lücke sieht und schießt. 0:3, Ende, Aus, er sei ganz zufrieden, wird Sven Köhler später sagen, die Mannschaft habe alles gegeben, um zu gewinnen aber hätte eben alles passen müssen. Und das tat es nicht. Stattdessen geschieht die übliche Überraschung: Das Wunder bleibt aus, der Berg gebiert eine Maus und Thomas Neubert schüttelt den Kopf über sich selbst. Bisschen kann er noch: In vier Tagen geht es in der Liga weiter.

Verbot der Woche: Zwangs-Ja bekommt eigenen Paragrafen

Jetzt müssen sich die Zwangsbräutigame warm anziehen, Brautvermittler vor harter Verfolgung fürchten. Das Bundeskabinett geht im Rahmen der PPQ-Serie "Verbot der Woche" endlich hart gegen sogenannte Zwangsheiraten vor, bei denen Ehemann oder Ehefrau nicht aus freien Stücken, sondern wegen der Wünsche der Verwandschaft oder unehelicher Schwangerschaften in den Stand der Ehe tritt.

Wenn jemand nicht freiwillig, sondern auf Wunsch anderer ja sagt, soll das künftig nicht mehr nur als schwere Nötigung verfolgt und mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden. Stattdessen werden Staatsanwälte wegen des Straftatbestandes "Zwangseheherbeiführung" ermitteln. Überführte Täter müssen dann wie bisher schon mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren rechnen, Opfer dürfen aber nach Deutschland zurückkehren, wenn es ihr Zwangsehemann oder ihre Zwangsehefrau erlaubt. Eine automatische Scheidung von Zwangsehen erfolge bei einer Verurteilung wegen Herbeiführung einer Zwangsehe nicht, hieß es in Berlin, wo die Bundesregierung inzwischen weitere umfassende Gesetzesreformen plant.

Mit einem neugeschaffenen eigenen Paragrafen soll künftig auch gegen den unbezahlte Entfernen von Jeanshosen aus Jugendmode-Boutiquen vorgegangen werden können. Bisher wurden Taten aus diesem Bereich nur als Ladendiebstahl verfolgt und mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet. Stimmt der Bundestag den anstehenden Gesetzesänderungen zu, wird auch hier mit der Neuregelung eine juristische Verfolgung leichter. Diebe, die Jeans aus Boutiquen stehlen, werden dann wegen des neugeschaffenen Vergehens "Jeansdiebstahl aus Boutiquen" verfolgt. Sie müssten dann wie bisher mit einer Höchststrafe von fünf Jahren rechnen.

Doku Deutschland: Ein Land aus Pfand

Sie glauben aber nicht etwa, dass ich immer auf Pfand gemacht habe? Ich sehe doch, wie Sie mich anschauen. Der Flaschensammler, die arme Sau. Kein Problem, machen Sie ruhig. Denken Sie vielleicht, ich würde anders gucken, wenn Sie hier stehen würden mit der Alditüte und dem Einkaufswagen und es würde bei jedem Schritt klappern oder scheppern oder klirren oder wie man das Geräusch nennt, das unsereins erzeugt.

Aber im Ernst, ich war ja auch mal jung, ich kenne auch noch andere Zeiten. Ehrlich, Scherz beiseite. Eigentlich bin ich Diplomingenieur, kein schlechter sogar. In meinen guten Tagen hätte ich auf Leute gespuckt, die nachts durch die Straßen schleichen und in den Papierkörben nach leeren Pfandflaschen illern. Bedenken Sie mal, damals gab es 30 Pfennig für eine Flasche. Dreißig Pfennig! Bei einem Facharbeiterlohn von 700 Mark. Ich war immer gut in Mathe und ich habe ja auch Zeit, wenn ich unterwegs bin. Raten Sie, wieviel Flaschen ein Sammler damals abgeben musste, um auf den Durchschnittslohn zu kommen? 2500. Sicherlich, damals hat kein Mensch so richtig profesionell Flaschen gesammelt, lieber so Altpapier, Gläser, Sekundärrohstoffe, der rohstoffarme sozialistische Staat und so weiter. Da sind viele reich geworden, vor allem die Sekundärrohstoff-Filialleiter mit ihren falsch eingestellten Waagen. Ist nicht das Thema, jaja, ist nicht das Thema.

Was ich loswerden wollte, war die soziale Verschlechterung, die sich durch den Mauerfall für alle ergeben hat, die vom Flaschensammeln leben. 2500 Flaschen damals, 30000 heute! Soviel bräuchten Sie, um einigermaßen aus dem Hartz4 rauszukommen, Ihre Miete zu bezahlen, das halt alles. Sie müssen nicht nachrechnen, das stimmt schon. 30000. Ich weiß nicht, aber ohne Lkw sehen Sie da alt aus.

Der Vorteil ist natürlich, dass heute mehr Flaschen beiseitegelegt werden. Aber es werden auch mehr zerkloppt, klar, da sagen Sie mir nichts Neues. Die Jugend hat keine Achtung vor Werten mehr, wurde uns immer gesagt, als wir junge Leute waren. Aber jetzt stimmt das wirklich. Die haben Werte, hoho, was denken Sie! Die wählen alle grün und sind gegen Atomkraft. Aber das dritte Bier auf dem Weg zum Volksfest, das gurgeln sie leer und die Flasche kriegt dann nicht unsereins, nein, die zerballern sie schön mitten auf der Straße.

Bei den Vorbildern ist das aber allemal kein Wunder. Klaus Töpfer? Sagt Ihnen noch was? Der war mal Umweltminister, beim alten Helmut Kohl glaube ich. Und da hat er die gute Idee gehabt, das Pfand auf die Büchse einzuführen, damit die nicht überall herumliegt. Ein Volltreffer, sage ich Ihnen. Diese Flachzange! Kein Mensch trinkt mehr aus der Büchse, weil das Pfand da drauf nun zu teuer ist, um sie einfach wegzuschmeißen. Stattdessen nehmen sich alle eine Flasche, die kostet weniger Pfand und fliegt dann genauso beiseite. Bestenfalls ins Gebüsch, da kann ich sie dann wieder rauskramen. Oder auf den Gehweg, da scheppert es kurz und das Geld ist futsch.

Hätte der Töpfer, den Namen merken Sie sich mal, ein bisschen ein Herz für die Armen gehabt, dann hättte er die Flasche ganz verboten oder genausoviel Pfand drauf gelegt wie auf die Büchse. das würde unsereinem viel Schlepperei ersparen, der Job wäre einfacher, so sehe ich das.

Es gibt es Menschen, die achten drauf, das andere noch was von dem haben, was sie selbst nicht brauchen. Die Fußballfans zum Beispiel, die drücken Dir ihre leeren Pullen in die Hand, schönen Gruß, Opa, mach Dir einen netten Abend davon. Denkt man ja nicht, wenn man wie ich jahrelang für die Sicherheitsbehörden gearbeitet hat. Da bleibt ein Misstrauen. Jaja, die Sicherheitsbehörden. Ich habe da die EDV überwacht, die die Heizungsanlage geregelt hat. Damit war dann ganz klar Schluss, als die Länder die Polizei übernommen haben. Ich war kein Polizist, so war das doch damals nicht. Ich war Zivilangehöriger des Innenministeriums. Und als es das nicht mehr gab, gabs mich auch nicht mehr.

Mit den Flaschen das fing aber erst viel später an. Ich habe meiner Frau, die ist dann aber gestorben, erst gesagt, Carola, wir sind auf einer langen Treppe und die geht in den Keller. Weil man merkte ja schon, dass es mit der Vita und dem Alter nicht mehr so ganz toll läuft auf dem Arbeitsmarkt. Ich hatte schon noch dies und das, Carola hat auch als Lehrerin gearbeitet, da wars nicht so, dass wir hungern mussten. Kinder gabs keine, das war aber was Medizinisches. Erst als ich dann alleine war, wurde es grimmig.

Jetzt sammle ich eigentlich sieben Tage die Woche. Man ist da freier Unternehmer, man muss seine Märkte im Blick haben, es lauern immer andere, die an die Fleischtöpfe wollen. Was denken Sie, was da manchmal los ist? Da muss man die Fäuste zeigen, da muss man das Revier verteidigen, da darf man nicht klein beigeben, sonst ist es vorbei mit der Herrlichkeit. Der Vorteil ist, da haben Sie recht, dass das Amt nichts mitbekommt. Das ist ein reines Bargeschäft, alles nur Klimpergeld, kleine Scheine. Aber die haben da auch ein bisschen Mitleid. Einmal zog ich da durch die Kneipenstraße, mit dem ganzen Sack und Pack, nahe der Beladungsgrenze, 90 Flaschen schätze ich, runder Fünfer. In dem Moment guckt aus einer dieser Straßenkneipen mein Bearbeiter vom Amt.

Selbst in meinem Alter rutscht mir da noch das Herz in die Hose, als hätte meine Mutter mich wieder mit dem Finger im Kuchenteig erwischt. Er hat aber nichts gesagt, auch beim nächsten Termin nicht. Der weiß doch Bescheid. Um welche Summen es geht? Ach, Sie würden sich totlachen. Ich verrate mal soviel, man wird nicht reich dabei. Aber wissen Sie was, man fühlt sich besser.


Weitere Folgen der PPQ-O-Ton-Reihe Doku Deutschland:
Sorgen auf der Sonnenbank
Rock an der Rütlischule
Schwimmen mit Sirenen
Hausbuchführer im Widerstand
Ich dagegen bin dafür

Dienstag, 26. Oktober 2010

Comeback der Keramik

Ein Kommentar völlig aus der Kalten, der alle Kritiker schlagartig verstummen lässt. Beinahe schon hatten Fliesen-Fans und -Feinde in Halle das große Experiment zur Neuverkachelung der gesamten historischen Innenstadt der ehemaligen Chemiemetropole für beendet gehalten, nachdem die Frequenz der Neuverfliesung zuletzt nicht mehr mit den Bemühungen der Stadtverwaltung hatte mithalten können, die angekündigt hatte, alle verfliesten Häuser abreißen lassen zu wollen. Zuvor hatte ein regionales Kunstmagazin die Identität der seit Jahren im öffentlichen Raum künstlernden Kachel-Gruppe enthüllt: Junge Männer, weitgereist und kulturbeflissen, hatten das aufsehenerregende Projekt zur Umgestaltung eines ganzen Gemeinwesens gestartet, um auf keramische Weise gegen die Verödung der ostdeutschen Innenstädte zu protestieren.

Geplagt von Verfolgung und schlechten Kachelwetter aber stockte das Unternehmen, das von seinen frühen Tagen an hier bei PPQ begleitet wird. Kaum noch neue Kachelstellen wurden von freiwilligen Feldforscherteams gemeldet, immer wieder hingegen mussten Fliesenfreunde konstatieren, dass manch klassische Kachelung marodierenden Jugendbanden, Schändern des Ordnungsamtes, rücksichtslosen Sammlern oder den aufgrund des Klimawandels zunehmenden Wetterunbilden zum Opfer gefallen war. Viele Dokumente von einmaligem Rang finden sich unterdessen nur noch im vom Internetriesen Google betriebenen großen Kachelverzeichnis, das von Fliesen-Volunteers aus zehn europäischen Ländern betreut wird.

Denen gibt ein neuer, brandaktueller Fund nun Hoffnung, dass der Traum von der verkachelten Stadt, die dann von der Unesco als erste weltweit mit dem Welterbetitel versehen würde, doch noch wahr werden kann. Offenbar in Anspielung auf die Sarrazin-Diskussion hat Kachel Gott, wie der bis heute anonym gebliebene Künstler von Fans genannt wird, eine dreifarbige Kachel entworfen, die sich beinahe unsichtbar in einer bemalte Fassade integriert. Mitten in zeitweise belebter Innenstadtlage bleibt die Anklage gegen Engstirnigkeit, Toleranz und Bilderstürmerei so für die meisten Passanten unsichtbar - ein starkes Statement, das die ungebrochene künstlerische Kraft des Mannes zeigt, der als Kachelmann bekannt wurde, noch ehe der wettermoderierende Namensvetter sich diesen Namen aneignete.

Eigene Funde können wie stets direkt an politplatschquatsch@gmail.com gesendet werden. Jeder Fund wird von uns auf Wunsch mit einem mundnachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert.

Ausflug ins Kachelarchiv:
Kachelland
Winkel-Fliese
Kachel-Strategie
Vernichtete Fliesen
Fremd im eigenen Kachelland

Silber wird seltener

Der Dritte Punische Krieg endete 146 Jahre vor Beginn der modernen Zeitrechnung mit der vollständigen Zerstörung Karthagos, er markierte aber auch den Beginn eines lange währenden Siechtums der römischen Währung: Um das Militär finanzieren zu können, das sich ständig mit den Karthagern herumschlug, senkte Rom den Gold- und Silbergehalt seiner Münzen. So konnten aus weniger Metall mehr mit demselben Wert hergestellt werden, um Waffen und Ausrüstung einzukaufen und den Legionären Sold zu zahlen.

2156 Jahre später ist es das Bundesfinanzministerium, das seine Münzen verdünnt. Mit dem Jahrgang 2010 endet eine Ära, in der deutsche 10-Euro-Gedenkmünzen aus Sterlingsilber 925/1000 bestand - also aus einer Legierung von 925 Teilen Silber und 75 Teilen Kupfer. Ab Januar wird alles anders: Weil der Weltmarktpreis für Silber auf die ausufernde Staatsverschuldung mit einem Anstieg um rund ein Drittel reagiert hat, presst Deutschland seine Silbermünzen demnächst nur noch aus einer Mischung von 625 Teilen Silber und 375 Teilen Kupfer.

Das Gewicht der Münzen sinkt damit nur um zwei auf 16 Gramm, der Silberanteil aber geht gleich um mehr als ein Drittel zurück. Statt 16.65 Gramm Silber enthalten die Münzen künftig noch zehn, der Metallwert in der Münze beträgt dann - zu heutigen Kursen - nicht mehr rund 8,50 Euro, sondern nur noch etwas über fünf.

Die Ausgabetermine für die letzten echten 10-Euro-Silbergedenkmünzen „175 Jahre Eisenbahn in Deutschland“ und „FIS Alpine Ski WM 2011 in Garmisch Partenkirchen“ hat das Bundesministerium der Finanzen gleich auch noch vorgezogen, um die Münzen noch mit Gewinn verkaufen zu können. "Vor dem Hintergrund des Anstiegs des Silberpreises", hieß es, würden beide Münzen vorzeitig "in den Verkehr gebracht." Wenigstens buchhalterisch wird so verhindert, was 1979 schon einmal zur kompletten Einschmelzung einer gesamten Auflage von Silbermünzen geführt hatte.

Weil der Silberpreis damals auf fast 50 US-Dollar gestiegen warn, stoppte die Bundesbank die Ausgabe von fünf Millionen Exemplaren der Münze „Otto Hahn“. Das Silber in der Münze war mit umgerechnet 7,21 Mark plötzlich mehr wert als der aufgeprägte Münzwert von fünf Mark.

Fest im Ring die deutsche Eiche

Die deutsche Eiche, ein Mann wie ein Baum, mit Armen wie Kranausleger und einer Stimme, als würde Willy Brand Wagner singen. Timo Hoffmann ist der letzte deutsche Boxer, in dessen Körper noch deutsche Gene durcheinanderflattern, wenn ihm einer seiner stets namenlos wirkenden Gegner auf die Birne haut. Seit einem Jahrzehnt ist der Mann aus Polleben im legendären Mansfeld unterwegs, einen Profibox-Titel zu erobern. Häufiger noch als der legendäre Verlierer Axel Schulz ist Hoffmann, derr sich die "Deutsche Eiche" nennt, kurz vor dem Ziel geschlagen worden, er bekam im Ernstfall die Fäuste nicht hoch, die Trainingsform nicht mit in den Ring, er scheiterte, blieb aber immer stolz auf das Erreichte, wie er es gelernt hat zu Füßen der Kupferabraumhalden, wo die DDR immer DDR geblieben ist und die Band Elsterglanz den Menschen nach dem Munde spricht.

Manchmal hat Timo Hoffmann an Rücktritt gedacht. Aus einem Mund, plattgeschlagen wie ein Schnitzel, bröckelte er dann Halbsätze, aus denen hervorging, wie sehr er sich schämte, seinen Fans nicht gezeigt zu haben, was die angeblich erwartet hatten. Zurückgetreten ist Timo Hoffmann dann doch nicht, denn immer noch glaubt er daran, dass er noch einmal so gut werden kann wie damals, als ihn einer der Klitschko-Brüder 12 Runden lang vermöbelte, ohne dass er umfiel.

Noch einmal so eine Tat, noch einmal so sehr Held sein, noch einmal dieses Glück spüren, verloren zu haben und doch ein bisschen auch Gewinner zu sein. Das möchte Timo Hoffmann, das möchten die, die mit ihm bangen, die ihm wünschen, er möge nicht eines Tages den einen Kampf zuviel abliefern, der ihn endgültig in die große Dunkelheit der Champions stürzt. Sie beten für ihn im gottlosen Mansfeld und die Magdeburger Band Crossfire, die eine Sängerin besitzt, die wirklich Biggi Middelkoop heißtund aus dem Örtchen Klostermansfeld kommt, singt ihm eine Weise, die sich gewaschen hat: "Fruchtbarer Boden / Mansfelder Land / Kraft der Natur / gebündelt im Stamm / weite Krone / trotzt jedem Sturm / nur einer von uns / steht ganz vorn /" heißt es da, ehe die Ästhetik der frühen "Rocky"-Filme beschworen wird. "Immer im Lauf / Trainings-Qual / von Bösenburg / bis Heiligenthal / Als Bäcker backte / er das täglich Brot / Heut' drischt er wenn's muss Korn und Schrot!"

Darauf, auf diesen Ausbruch an lyrischer Heimatkunde, kann nur ein Refrain folgen, der noch mehr zu Herzen geht als das hilflose Herumstochern Hoffmanns mit den Fäusten in der Luft neben, vor über und hinter seinem Gegner. "Deutsche Eiche, deutscher Baum", quengeln die Gitarren, "Schlag auf Schlag, ein echter Traum". Blut und Boden, Herz und Schmerz, Trainer Schuster und Gym-Schweiß, Flanellunterhosen und ein ständig rutschender Tiefschutz: "Es taumelt der Schwache, es fällt der Weiche", läuft es auf das erwartbare Ende zu, "nur fest im Ring steht die deutsche Eiche."

Timo Hoffmann, den ein gnädiges Kampfgericht davor bewahrt hat, gegen den Russen Alexander Petkovic zu verlieren, möchte weitermachen. Einen Rückkampf habe er fest im Blick, sagte er. Und danach dann wieder einen Klitschko, denn "Runde für Runde / muss es weiter geh’n / Im Seilgeviert / wo sie auf dich seh’n / Die Hoffnung ruht / auf einem Mann / Führhand, Treffer / am Gegner dran / Faust von Nah’ / Jab von Fern’ / Krachen ins Ziel / des Kampfes Kern / Veilchen, Cuts / der Sieg so schwer / Brechharte Arbeit / immer fair".

Mehr Boxen auf PPQ: Tragischer Traktorsportler
Comeback des Majors

Montag, 25. Oktober 2010

Empörende Erkenntnisse

Johannes Masing ist eigentlich Bundesverfassungsrichter, hat jetzt aber ein ganzes politisches Milieu mit der Mittelung verstört, dass es keine gute Tat sei, rechtsradikale Demonstrationen zu verhindern. Vor der Deutschen Sektion der Internationalen Juristenkommission in Würzburg hielt der Richter auf SPD-Ticket einen Vortrag, in dem er darauf aufmerksam machte, dass "die Vorstellung" um sich greife, "illegale Meinungen müssten verboten werden.“ Und ehe alle guten Menschen noch "zurecht, zurecht!" rufen konnten, stellte Masing klar, dass Meinungsfreiheit genau dann gegeben sei, wenn es nicht um die Art der Meinung, um die Zustimmung breiter Bevölerungsschichten zu ihr oder auch nur um ihre faktische Richtigkeit gehe. "Gilt die Meinungsfreiheit nur nach Maßgabe von Abwägungen, gilt nur noch ‚common sense“, beschrieb der Verfassungsrichter den aktuellen gesellschaftlichen Status Quo, in dem die Träger der staatlichen Ordnung danach streben, bürgerliche Freiheiten von Minderheiten einzuschränken, weil ihnen der Applaus der Mehrheit der Bürger dafür gewiss ist.

„Es geht nicht an, dass sich staatliche Behörden dafür feiern lassen, dass sie eine erlaubte Veranstaltung abgedrängt haben“, kommentiert Johannes Masing einen aktuellen Trend vor allem von Provinzpolitikern, das Ordnungsrecht zu nutzen, um unliebsame Zusammenkünfte vor allen von Rechtsextremen unter Verweis auf fehlende Polizeikräfte und eine Bedrohungs der öffentlichen Ordnung im falle eines Zusammentreffens von Rechten und linken Gegendemonstranten zu verbieten. Das jedoch sei in einem freiheitlichen Staat eben grundsätzlich nur möglich, wenn Rechtsgüter gefährdet werden. Gesinnungen hingegen, dieser oder jener mag das bedauern, werden nicht bestraft. Egal, wie grundgesetzwidrig sie sind.

Neo-Nazis beim Sex und der 1. Islam-Grill

Quatsch machen beide. So richtig ernst nimmt sie deshalb auch keiner. Nun kommt zusammen, was zusammen gehört. Die am Dienstag (26. Oktober) erscheinende Ausgabe des Berliner Kurier wird von einem Team des Quatsch Comedy Club gemacht. Vermeldet der Kurier selbst und zeigt schon mal auf einem Video die Redaktionsübernahme. Berlin ist nun gespannt auf das Ergebnis. "Da kann nur Gutes bei rauskommen. Vielleicht sogar endlich mal ne ordentliche Schlagzeile", freute sich Boulevard-Medien-Super-Experte S. Niggemeier am Rande des Journalistenstammtisches in der Kantine der Berliner Verkehrsbetriebe BVG (Schweinsbraten für 3,10 Euro).

Allerdings gibt es auch Befürchtungen. Besonders bei den Stammlesern des Berliner Ost-Blattes, das neuerdings in den Händen des Kölner Dumont-Verlages ist. "Wat soll denn noch kommen? Nach den letzten Knallan von unsan Kuria?", fragt Wolfgang Schwanitz aus Marzahn-Hellersdorf. Damit meint Schwanitz Knaller wie "Von unseren Steuern. 1. Islam-Grill in Berlin"; "Stirbt Knuts Oma vor aller Augen?" und "Sex heilt Neo-Nazis" und nicht zu vergessen die Liebslingsgeschichte aller Ost-Berliner "Ermordet wegen Ossi-Witz".

Nun, der Kurier wird es uns zeigen. Gerüchte gibt es aber schon. Eine undichte Stelle (Ex-Stasi-IM, der nicht aufhören kann) hat durchsickern lassen, es ginge bei der Titelgeschichte um einen Ossi, der im Zoologischen Garten in West-Berlin Eisbär Knut beleidigt und deshalb von westdeutschen Knutfans zu den Affen gesperrt wird, wo er sich in eine Gorilladame aus Bochum verliebt. Zeile: "Ossi und Affe. Ist es die große Liebe?".

Die fehlenden Millionen fließen

Wenn das nicht wieder ein Riesenerfolg wird, dann wird man zumindest niemals wieder davon hören. Wie stets, wenn Bundesregierungen Geld benötigen, um zu begründen, warum sie auf geplante Mehreinnahmen verzichten können, hat die Bundesregierung beschlossen, die Tabaksteuer zu erhöhen. Damit sei dann genug Geld da, um der Industrie in Sachen Ökosteuer entgegenkommen zu können - auf Kosten des Weltklimas freilich, doch die Zeiten, da Angela Merkel in der Arktis persönlich mit den sterbenden Eisbären weinte, sind ja ohnehin vorüber.

Wieviel Mehreinnahmen die Koalition aus den Rauchern kitzeln will, steht noch nicht fest. Klar ist hingegen, dass es kein einziger Euro sein wird. Das war schon so, als der Arbeiterführer und Finanzminister Hans Eichel vor sieben Jahren beschloss, die Tabaksteuer zu erhöhen, um mit "Mehreinnahmen in Milliardenhöhe" (Gesundheitsministerin Ulla Schmidt) die eine große Gesundheitsreform zu finanzieren.

Ein Plan, viel zu gut für Wirklichkeit. Nach der dritten Stufe der Tabaksteuererhöhung, die den Steueranteil pro Zigarette von 8 auf 14 Cent erhöhte, hätten die Einnahmen aus der Tabaksteuer um 4,5 Milliarden Euro höher liegen sollen als 2003. Stattdessen aber lagen sie Mitte des Jahres um rund rund 400 Millionen Euro niedriger.

All die fehlenden Milliarden flossen in den wackligen Staatshaushalt von Eichel-Nachfolger-Nachfolger Wolfgang Schäuble, der nun fest entschlossen scheint, sein eigenes Kapitel der großen Geschichte der Steuererhöhungen zu schreiben, die zu immer weniger Einnahmen führen. Schäuble plant eine Erhöhung der Tabaksteuer, die auch die Steuersenkungspartei FDP für ein probates Mittel hält, die Einnahmen der Zigarettenmafia nachhaltig zu steigern. Die Tabaksteuer solle so stark steigen, dass damit auch der Einstieg in Steuervereinfachungen finanziert werden kann, flunkerte Wirtschaftsminister Rainer Brüderle. Gehen alle Pläne auf, fehlt in zwei Jahren eine weitere halbe Milliarde aus der Tabaksteuer. Das Geld kann dann an die Steuerzahler zurückgegeben werden.

Dazu auch Karl Eduards Kanal

Vom gespielten Widerstand

Die politische Pest des 20.Jahrhunderts war der Faschismus, das politische Elend unserer Zeit ist der imaginäre Antifaschismus: ein gespielter Widerstand, der sich selbst als Prophylaxe versteht. Das führt zur Zerstörung politischen Denkens. Der imaginäre Antifaschismus erzeugt so viele Tabus und hält sie aufrecht, dass weite Felder des Politischen gar nicht mehr diskursiv bearbeitet werden. Niemand redet darüber, was einen sehr großen Teil der Bevölkerung wirklich beschäftigt. Emotionen und Gedanken entstehen, aber öffentlich sind sie nicht erlaubt. Dadurch kann man sie auch nicht widerlegen. So entsteht eine Stimmung, die man nur bei den Wahlen bemerkt.

Nehmen Sie Sarrazin: Ein gescheiter, geachteter Sozialdemokrat schreibt ein Buch, in dem vieles richtig und vielleicht manches falsch ist. Die erste Reaktion der Politiker: Das wollen wir nicht. Jeder, der ab sofort über Integration spricht, distanziert sich erst einmal von Sarrazin. Da wird ein ganzes Feld nur noch moralisch beackert. Die Linke hat plötzlich ein Moralmonopol. Die Probleme werden nicht mehr debattiert.

Sondern, könnte man sagen, mit dem Farbbeutel getüncht. Bild oben: Thor-Steinar-Verkaufsstelle in Halle (Saale).

Sonntag, 24. Oktober 2010

Die Kunst des Lügens

Budam ist soetwas wie eine Band, bei der allerdings Búi Dam im Mittelpunkt steht. Der Mann von den Färöer Inseln sieht aus wie halbblind, er arbeitet als Sänger, Songwriter, Schauspieler und Theaterkomponist und hat mit „Stories of Devils, Angels, Lovers and Murderers“ ein Debütalbum vorgelegt, das durch seine konsequente Seltsamkeit überzeugt. Wenn Anthony mit seinen Johnsons auf Engelsgesang macht, dann ist das hier der konsequente Gegenentwurf in Bass: Nick Cave und Tom Waits knödeln mit, wenn Búi Dam wie während der SK-Sessions (Ausschnitt oben) Töne aus der Tiefe gräbt und seufzend in die Umwelt bläst.

Auf Myspace gibt der selbsternannte Heavy-Songwriter weitere Kostproben seiner Kunst, die er dem Einfluss von Vater und Mutter verdankt, wie er selbst sagt: Mutter sei Schauspielerin gewesen, Vater ein Geschichtenerzähler. "So wuchs ich auf mit zwei Eltern, die geübt waren in der Kunst des Lügens." Er selbst sei nunmehr ausgezogen, mit jede rgroßen Lüge ein kleines Stück wahrheit zu erzählen, verpackt in himmlische Melodien und knarrende Rhythmen. Ein Tom Waits in eigenartig, ein Halbblinder, der sehend machen will. Auf soetwas kann sich die Hitparade sicher auch bald einigen, wo doch nun sogar schon Matt Bernigers ähnlich klingende Band The National zum Kassenschlager geworden ist.

Abschied von der Zukunft

Ostdeutschland ging voran mit den entschlossenen Rückbau von Industrieanlagen, Mietskasernen und Einzelhandelseinrichtungen, eine Region auf Schrumpfkurs, die sich langsam abschafft. Ein Modell für die nachhaltige Entwicklung der Welt, da ist eine wachsende Zahl an Grünen-Umfragewahlteilnehmern sicher, denn nur ohne Menschen wird Mutter Erde die nächsten fünf Milliarden Jahre in aller Artenvielfalt überleben können.

Den Abschied von der Zukunft als gestaltbaren Raum feiert nun auch der Unterhaltungskonzern Sony: Die Japaner, eher mehr als weniger überaltert als die Deutschen, schicken ihren klassischen Walkman-Kassettenrecorder in Rente. Drei Jahrzehnte nachdem der "mobile Kassettenabspieler" die Unterhaltungsindustrie revolutionierte, kommt das Aus, der Kassetten-Walkman, während seiner Laufbahn zum Radiokassettenrecorder und Diktiergerät gewachsen, wird nicht mehr hergestellt. Nach Sony-Angaben in Deutschland wurden weltweit gut 200 Millionen Walkman verkauft, japanische Zeitungen sprechen von 220 Millionen. Nicht mitgezählt sind dabei mobile Kassettenabspieler anderer Hersteller, die den Markennamen "Walkman" nicht benutzen durften, technisch jedoch teilweise sehr viel ausgereiftere Geräte herstellten.

Sony hat es zwar nicht vermocht, den legendären Ur-Walkman in die digitale zeit zu retten, weil Vorhaben wie der inzwischen vergessenen Minidisc-Player oder das der digitale Kassettenwalkman sich als Irrwege erwiesen. Immerhin aber hat die Firma überlebt und mit ihr der Name Walkman, der mittlerweile für Handys und Mp3-Player benutzt wird. Einstige Konkurrenten wie Grundig, Sanyo, Aiwa oder Technics hingegen sind von der Bildfläche verschwunden oder machen Furore als Batteriehersteller und Vorzeigename für chinesische Küchenmaschinen. Aber von wegen alles wird besser, aber nichts wird gut: Sanyos M-G30, einer von zwei Walkman, die Mitte der 80er Jahre in der damals noch sozialistischen DDR erhältlich waren, hatte schon ein Radio an Bord, wurde mit acht R6-Akkus und einer Schutztasche ausgeliefert, kostete dafür aber auch 1.200 DDR-Mark, umgerechnet eine komplette Jugendweihe-Verwandschaftsspende, zwei Facharbeitergrundlöhne oder zehn Lehrlingsgehälter. Technik, die heute noch begeistert: Umgerechnet auf die entwickelte kapitalistische Gesellschaft, müsste ein M-G30 heute für 3000 bis 5000 Euro zu haben sein.

Kleine Sprach- und Ideologiekritik I

Liebe sächsische Grüne! Ihr glaubt, ihr seid Klima? Wir denken, ihr seid bescheuert!

Der Himmel über Halle XXXVI

Die hallesche Stadtverwaltung kann es nicht lassen. Auf der einen Seite soll das ebenso traditionsreiche wie mittlerweile unerhebliche Thalia Theater geschlossen werden, auf der anderen Seite ist immer noch genug Geld im "Stadtsäckl" (dpa), um Tag für Tag den Himmel über der Stadt statt der Segel zu streichen. Während die einen meinen, illuminierte Wolken gehörten zur Grundversorgung, glauben andere, damit würden die Euros nur so aus dem Fenster geworfen, bevor sie zur Verbrennung anstehen. Uns vom Kunstgewerbe-Board PPQ ist das letztlich egal, solange unsere Devise "Bunt statt Zaun" weiterhin gültig bleibt.

Mehr "Himmel über Halle" gibt es hier.

Samstag, 23. Oktober 2010

Die alte Qual Pokal

Selbe Stelle, selbe Delle: Nicht einmal ganz sechs Monate nach dem letzten Pokalauftritt beim Stadtrivalen Ammendorf ist der Hallesche FC in der neuen Pokalrunde schon wieder zum Sechstligisten geladen. Spannung macht sich breit wie im Burgenlandkreis vor der Parlamentswahl in Burma, ein Kribbeln befällt Fanvolk und Spieler, als gehe es in einer 45.000 Mann-Arena gegen einen Bundesligisten und nicht auf einem Sportplatz am Stadtrand gegen eine Elf, in der überwiegend ehemalige Spieler des eigenen Vereins um ihr fußballerisches Gnadenbrot kicken.

Das Spiel hält durchaus, was es verspricht. Soviel Leben ist da drin, dass die erste Halbzeit nach einem Fernschuß von Stier aufs Ammendorfer Tor auch schon beendet werden kann. Der Gastgeber, ehemals fußballernder Arm des größten Waggonbautriebes zwischen San Francisco und - Richtung Westen gedacht - Paris, liefert Volksbildung mit einem Lied, nach dem Mohammed ein Prophet war, der vom Fußballspielen zwar nichts verstand, der sich aber "aus all der schönen Farbenpracht / das Rot und Weiße ausgedacht" habe. Ketzerei, Hetzerei, Islamdebatte, kein Thema im Schunkelsound. Passend dazu gibt labbrige Wurst auf trendigem Dauertoast und kerndeutsche Kommentare: "Diese Mappe", illustriert ein annähernd hackedichter Zuschauer, was er alles nicht genau gesehen hat, "da muss der doch pfeifen!"

Macht er nicht, sonst wäre er ja auch der einzige, der hier arbeitet. Der Hallesche FC, aufgelaufen mit einer Art verstärkter Reserveelf, tut sich schwer, Ammendorf, angeführt vom früheren HFC-Kapitän Marcel Geidel, kann nicht mehr. So braucht es bis zur 73. Minute und zudem die wohlwollende Unterstützung des Schiedsrichterkollektivs, bis Neuzugang Alan Lekavski eine Flanke von Angelo Hauk aus dem Abseits in die Maschen drücken kann. natürlich, der Ball wäre sowieso reingegangen, und natürlich, Halle hatte zwar keine Chancen, davon aber immer noch mehr als Ammendorf, so dass die Führung in Ordnung geht.

Aber Marcel Geidel, der in seinen ganz großen Tagen gelegentlich sogar gegen Schiedsrichter handgreiflichst wurde und heute immer noch mehr Adrenalin mit auf den Platz bringt als der ganze HFC, ist nicht bereit, einen irregulären Treffer wortlos zu schlucken. Minutenlang bekommt der Anführer der Ammendorfer sich nicht mehr ein, abwechselnd reklamiert er beim Schiedsrichter, beschwert sich beim Linienrichter, fährt die Arme gen Himmel aus und lamentiert in Richtung von Gegen- und Mitspielern, die daraufhin leichte Ansätze zur Rudelbildung erkennen lassen. Ahhh, es kommt beinahe so etwas wie Pokalstimmung auf! Leider zum Glück aber nur für ein paar Minuten. Dann bekommt Ammendorfs Koch eine gelb-rote Karte, ohne zu Zischen entweicht die Luft aus dem kurzzeitig unter Druck stehenden Pokalfight. Die 89. Minute sieht dann Lindenhahn ziemlich allein aufs Tor laufen, Kanitz spielt ihn unbedrängt an, Geidel dreht sich schon weg, bevor der Ball unter der Latte klebt. 2:0 ist ein Tor mehr als im Frühjahr, obwohl Ammendorf nach eigener Einschätzung "besser" geworden ist.

Nächsten Mittwoch kommt der richtige Pokal, dann geht es in einer 45.000 Mann-Arena gegen einen Bundesligisten - Halle muss gegen Duisburg ran. Die Späher des Zweitligisten, den der HFC wie alle großen Gegner in dieser Saison im heimischen Leipziger Zentralstadion empfangen muss, dürften nach dem Auftritt in Ammendorf ausreichend irregeführt worden sein. In der nächstes Landespokalrunde geht es dann wie immer wieder gegen den liebsten halleschen Gegner, den FC Magdeburg. Terminiert hat der weise Landesverband das Spiel vorerst auf den Tag vier Tage vor dem Punktspiel gegen den FC Magdeburg. Beide Spiele werden Heimspiele, finden also in Leipzig statt. Das wird spannend werden wie die Parlamentswahl in Burma, aus dem Burgenlandkreis betrachtet.

Irakkrieg: Hunderttausende Tote verschwunden

Die Ärzteorganisation IPPNW hatte schon 2008 genau nachgezählt. "Seit Beginn der US-Invasion im Irak sind Schätzungen zufolge rund eine Million Menschen durch Kriegseinwirkungen und indirekte Kriegsfolgen umgekommen", zitierten "Junge Welt" und die AG Friedensratschlag eine Studie der Experten. Das musste ungefähr hinkommen, denn vier Jahre zuvor hatte die Frontpostille "Spiegel" berichtet, dass allein der Feldzug der Amerikaner zur Niederschlagung Saddam Husseins etwa 100.000 Opfer gefordert habe. Bis 2006 stieg diese Zahl nach derselben Quelle auf 300.000 Tote, etwa 95 Prozent davon seien Zivilisten gewesen. Auch die Welt-Gesundheitsorganisation studierte mit und schätzte die Zahl der Toten allein zwischen der Invasion im März 2003 und Ende Juni 2006 auf 151.000, wie die Süddeutsche Zeitung berichtete.

Iraqbodycount hingegen, eine Seite, die die Opfer fortlaufend und äußerst penibel zählte, sprach 2008 von höchstens 90.000 und zuletzt von bis zu 107.000 Toten. Eine Quelle, die wie entsprechende Nachrechnungen von Zettel in Deutschland wegen mangelnden Schlagzeilenpotentials kaum beachtet wurde. Denn ein "Blutbad nicht gekannten Ausmaßes" (Süddeutsche) braucht er schon, der "verdammte Krieg" ("Spiegel"), um hierzulande noch Aufmerksamkeit zu erregen. Höhere Opferzahlen sind da selbstverständlich immer hilfreicher als niedrigere, sind die nicht verfügbar, wird passend gemacht, was nicht passt.

So kommt es, dass die neuen "Enthüllungen" (n-tv) der "Whistleblowerplattform" (dpa) Wikileaks vom Kriegsgeschehen an Euphrat und Tigris zwar viel geringere Opferzahlen ausweisen als deutsche Medien sich in den zurückliegenden sieben Jahren aus unterschiedlichsten Quellen zusammengesucht hatten. Die in diesem Kontext völlig unsinnige Mitteilung von Wikileaks-Gründer Julian Assange, die Dokumente belegten eben jenes "Blutbad in bisher nicht gekanntem Ausmaß" findet sich dennoch prominent in jedem Qualitätsmedium.

Falsch ist sie natürlich nicht. Das Ausmaß des Blutbades ist zumindest für deutsche Mediennutzer tatsächlich ungekannt - ungekannt gering. Gemessen an den höchsten bisher gehandelten Zahlen sind schlagartig rund 900.000 Opfer verschwunden, selbst verglichen mit der mittleren Zahl von zwischen 300.000 und 500.000 ist der wahre Irakkrieg offenbar viel weniger blutig gewesen als jahrelang öffentlich vermittelt wurde.

Nach den "Irak-Protokollen", wie der "Spiegel" die 400.000 Dokumente aus einer Pentagon-Datenbank knackig nennt, muss die Geschichte dieses Krieges nun neu geschrieben werden: Lässt sich der Vorwurf, Amerikaner hätten Iraker gefoltert, nicht mit neuen Beispielen belegen, muss eben der Vorwurf ausreichen, Amerikaner hätten gewusst, dass Iraker Iraker foltern. Und wenn schon keine neuen Belege für neue Verbrechen der US-Armee finden lassen, dann findet der "Spiegel" doch neue Hinweise auf den "ganzen Schrecken des Krieges", indem er Gräueltaten, die Iraker anderen Irakern angetan haben, gleichsam anonym auf das Konto der USA bucht: "Im Juni 2005 zum Beispiel", heißt es, dokumentierten die Wikileaks-Protokolle "den Tod von sechs Familienmitgliedern nahe Bakuba": "Die Mörder hatten den Opfern die Hände hinter dem Rücken zusammengebunden, dann exekutierten sie sie und schnitten ihnen die Köpfe ab - dann legten sie diese neben den Leichen auf den Boden. Der Großvater musste genauso sterben wie sein neunjähriger Enkel."

Das reicht dann auch für ein erneutes amtliches Fazit, einen Zieleinlauf nach Wunsch: Mit "USA ließen Iraker foltern" schreibt die Financial Times ohne Zweifel die Wahrheit, und das ohne Zweifel so, dass jeder die Möglichkeit hat, sie falsch zu verstehen. Der Irakkrieg, urteilt der "Spiegel" denn auch völlig folgerichtig, wenn auch grammatikalisch eigen, sei "so verheerend wie Vietnam für das Ansehen der USA" gewesen. Bei der medialen Begleitung allerdings wäre alles andere auch verwunderlich.

Glücksspielmafia macht mobil

Schon vor der anstehenden Neuregelung des Glücksspielstaatsvertrages, den die Regierungschefs der Bundesländer in den kommenden Monaten ausknobeln wollen, um ihre Einnahmen aus dem bisherigen Monopol zu retten, macht die weltweite Glücksspielbranche mobil. Es geht um einen neuen Markt, der Milliardeneinnahmen verspricht, vor allem für die Indianerstämme, die in den USA traditionell eine Führungsrolle bei Black Jack, Roulette und einarmigen Banditen haben. Angst geht um in den landesregierungen, die bisher alle Einnahmen aus den Spieleinsätzen dazu benutzen konnten, Parteifreunden Wahlhilfe zu geben, im eigenen Wahlkreis Gutes zu tun oder befreundete Sportvereine zu unterstützen.

Tiefe Einschnitte drohen da, denn die Konkurrenz wartet nicht einmal auf den Tag, an dem der erste deutsche Politiker zugibt, dass der Europäische Gerichtshof den bisher geltenden Staatsvertrag mit sofortiger Wirkung aufgehoben hat - Deutschland also schon seit Woche ohne gültige gesetzliche Regelungen zur Zulässigkeit von Glücksspiel aller Art ist. "Hallo", schreibt uns Tieffliegender Schatten vom Sunsta24-Casino in der Hualapai-Reservation, "unser Online Casino wurde als Testsieger bei Computerbild 2010 gewählt!" Ganz Utah ist davon so begeistert, dass "jetzt alle neuen Spieler 100 Euro Gratis" als Dankeschön erhalten, "ohne selbst Geld einzahlen zu müssen".

Ein Startvorteil auch und gerade angesichts des aktuellen Jackpots, in dem sagenhafte 3.241.754 Euro darauf lauern, einen Zocker aus Deutschland glücklich zu machen. Wer sich um die Auszahlung bewerben will, so die Anweisungen, die uns Tieffliegender Schatten mitgeteilt hat, gebe als Usernamen "cyberstar-0358120" ein und als Gutschein-Code die Zffernfolge "4098231". Automatisch würden dann 100 Euro aufs Spielerkonto gebucht, mit denen sofort gespielt werden kann. "Gewinne", lässt der Glücksspiel-Häuptling wissen, "werden sofort innerhalb 24 Stunden ausgezahlt und dürfen behalten werden."

Junger Mann aus Linz wird zum Star

Bisschen Schwund ist immer

Kostbarkeiten aus dem Alltagsleben, Blicke in das, was Leben heißt, sich aber im Normalfall vor neugierigen Blicken zu verbergen versteht. Netzwerkrecherche, geübt im Kontrastieren der allgegenwärtigen Grautöne, hat eine Preziose entdeckt, aus der ein ganz neues Licht auf die Bildungsmisere im Bundesdeutschland der Endnullerjahre scheint (oben). Ja, klare Vorstellungen haben sie, die jungen Leute, und sie ihresgleichen mitzuteilen wissen sie auch. Ausgeschlossen vom Verständnis ist nur, wer seiner Sprache nicht nachholend ein wenig Migrationshintergrund verpasst hat. Netzwerkrecherche antwortet - wohl mit Hilfe des Google-Übersetzers - im täuschend echt nachgestellten deutschindigenen Vorstadtpidgin-Indiom auf die liebenswerte Anzeige derer, die Mal später die rente mit 67 für alle verdienen sollen, denen jetzt schon regelmäßig das Geld für den Thailand-Urlaub fehlt:

Hi Martin,
ich finds cool das du jetzt ein WG gemacht hast. Wir kenne uns noch vom lezten Bildungsstreik. Weist du noch der bunte Haufen? Ich mich habe nun auch entschloßen Germanistik habe studieren. Und ich liege auch wert auf das Miteinander. Und das ihr nur Boys aufnemt ist auch super. ich bringe auch jeder Menge eneue Mitbewohner mit denn ich fucke auf Insecktizid. Habe auch echt Lust auf WG!

PS. Bin kein zwischen Mieter!!!


Falls noch Platz sein sollte, würden wir unbedingt auch einziehen wollen. Flexibilität, so hört man allerorten, ist ja wichtig. Und ein bisschen was zu lernen ist offenbar auch noch. Bisher ahnte ja niemand, was sich mit 26 Buchstaben alles zaubern lässt! Wir bringen auch den Bauer Heinrich mit seinen Schafen mit, das hebt den IQ der ganzen WG. Und wir können die ganze eine Strophe vom Schäferlied auswendig!

Freitag, 22. Oktober 2010

Unter singenden, klingenden Koniferen

Dürre Männer in weiten Hosen, die Gitarren hochgeschnallt und die Stimmen ins Kipplige gespreizt, das ist der Sound, bei dem der Musikliebhaber sich entscheiden muss: Mögen oder verabscheuen, lieben oder lassen.

Nathaniel Talbot hat für sich herausgefunden, dass er diese Art Musik nicht nur hören, sondern auch selbst machen will. Mit seiner Band The Physical Hearts versucht der 25-Jährige aus Portland seit zwei Jahren, die Welt davon zu überzeugen, dass Stücke wie "Mayflower" (Video oben) sehr wohl die Chance verdienten, auf CD zu erscheinen und ihre Erfinder wenigstens ein bisschen berühmt zu machen.

Auch der Rest vom Repertoire des Quartetts klingt ein bisschen wie die vor Urzeiten aufgelösten Gin Blossoms, The Jayhawks und The Blue Aeroplanes, Folkrock mit singender Gitarre, "Country Comfort" mit neuen Noten und selbstgemachten Lyrics. Talbot singt wie Tim Buckley, manchmal erinnert er an Conor Oberst von Bright Eyes. Tate Peterson verziert das Ganze mit "Voodoo Soundscapes", wie die Band selbst das Geflirre aus der Klampfe des stets schmunzelnden zweiten Gitarristen nennt.

Talbot, der nebenher noch ein Nebenprojekt namens Nathaniel Talbot-Trio betreibt, das ganz akustisch vor sich hin klampft, bewegt sich auf der Bühne wie der sagenhafte Andy Cox von den Fine Young Cannibals und er klingt zuweilen wie Dodge McKay von den legendären Ghost of an American Airman, beeinflusst aber will er sein von Radiohead, Wilco und Leo Kottke, dem fingerflinken Wundergitarristen. Seit er 13 war, schreibt er Lieder, seit er einige Zeit in einem winzigen Häuschen in der Opal Creek Wilderness im heimischen Oregon zugebracht hat, gibt es "Music Box", ein Album, das von den "giant conifers and clear waters" inspiriert ist, die dort schon etwas länger leben.

Das Album, so altertümlich ist das bei jungen Leuten, die so alte Musik machen, gibt es bei CD Baby als Silberling in einer vom Künstler selbst handgefalteten Pappbox. Und das für 9,99 Dollar, also knapp mehr als sieben Euro, der Gegenwert von zwei Abendessen mit Migrationshintergrund. Der bisher einzigen Physical Hearts-CD, einer EP mit dem Namen 'Fend off the Tide'wird der Freud dieser Art anämischen Rocks dann sich auch nicht mehr lange widerstehen können.

Besuch beim Führer der Herzen

Im Kino ist er einer der Kassenmagneten, im Fernsehen bespielt er zuweilen zwei, drei Kanäle gleichzeitig, auch als Theaterdarsteller hat es Adolf Hitler nach dem Ende seiner Karriere als "Führer und Reichskanzler" im Unterschied zu ehemaligen Gegenspielern wie Rosevelt, Chamberlain und Röhm oder Mitstreitern wie Hess, Heydrich und Himmler
zu großer und nachhaltiger Beliebheit gebracht.

Ein Drittel der Deutschen wollen inzwischen wieder einen Führer wie ihn haben, ein Vertrauensbeweis für den derzeitigen n-tv- und ZDF-Moderator, auf den selbst Kollegen wie Thomas Gottschlk oder Günter Jauch neidisch sein dürften. Im Alter von 121 Jahren gelingt dem ewig schrecklich gebliebenen Mann aus Linz (Foto: Führerstatue aus dem Stadtmuseum in Halle), nach dem sogar ein Bärtchen benannt worden ist, so jetzt erneut ein Paukenschlag: Obwohl Hitler nachgewiesenermaßen völlig ungebildet war, ein Leben lang ohne Ausbildung zum Staatsmann und dazu notorisch menschenfeindlich blieb, zieht der unsterbliche Mythos des "Führers der Herzen" mit seiner Vorliebe für blonde Hunde mit einer Werksausstellung in Berlin Massen an, wie sie die frühere Reichshauptstadt zuletzt erlebte, als die gewitterhimmelblusenblauen Scharen der Freien Deutschen Jugend vor 20 Jahren den letzten Geburtstag ihrer sozialistischen DDR feierten.

Vom Mythos fehlt in der Ausstellung im Deutschen Historischen Museum allerdings natürlich jede Spur. Was die Menschen hierher zieht, als halte der leibhaftige Hitler nocheinmal auf dem Reichstagsparteigelände in Nürnberg Hof, das sich inzwischen bei der Unesco um den naheliegenden Titel "Weltkulturerbe" beworben hat, sei nicht die Figur des Adolf Hitler, sagte ein Museumssprecher. „Die Leute lassen sich von den Medien inspirieren und kommen her“, hieß es. Der "Spiegel", der aller zwei Wochen mit einer Hitlergeschichte für einen neuen Blick auf den Führer trommele, habe da große Verdienste erworben. Besonders erfreut sei man über die große Resonanz in den skandinavischen Ländern, die seinerzeit viele Freiwillige entsandt hatten, die an der Seite deutscher Soldaten für die "ganz auf die Person Adolf Hitler zugeschnittene Diktatur" (dpa) gekämpft hatten.

Höhepunkte der liebenswerten Schau, die nach Ansicht des österreichischen Standard "an einem Tabu" rührt, das es nach Ansicht der Bundesregierung allerdings nie gegeben hat, sind nach Recherchen des Führerbegleitblattes "Bild" "Propaganda-Gemälde, Hitler-Büsten und Bücher wie der Fotoband „Hitler, wie ihn keiner kennt“. Zu sehen seien außerdem ein „Führerquartett“ mit Bildnissen Hitlers, Hindenburgs und anderer Größen der damaligen Politik und ein Wandteppich, gestickt von der NS-Frauenschaft und Angehörigen der Evangelischen Frauenhilfe aus Rotenburg (Fulda). Allein dafür lohne sich die Anreise, denn hier werde klar, dass die Schau ihre Ziel erreiche, dass von Deutschland nie wieder eine Faszination für Hitler ausgehe.

Ursprünglich hatte die Ausstellung schon Mitte der 90er Jahre stattfinden sollen, damals aber wurde sie abgesagt, weil die Macher fürchteten, Horden von Rechtsradikalen könnten aufmarschieren, um ihrem Idol zu huldigen. Kurator Hans-Ulrich Thamer sagte dem Deutschlandradio Kultur, mittlerweile sei es möglich, eine solche Hitlerschau in die ehemalige Reichshauptstadt zu bringen. Viele, die Hitler kannten, seinen tot. Die nachfolgenden „Erinnerungsgenerationen“ gingen mit dem Thema anders um, sie hätten auch keine Furcht, berichtet Die Anmerkung, die vom Führer seinerzeit höchstselbst eingeführte "Schutzhaft" noch einmal grundsätzlich zu überprüfen. Und sie als völlig im Einklang mit den aktuell gerade geltenden Menschenrechten befindlich zu erklären.

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Weiter mit Musik

Wer hat es gesagt?

Beziehungsweise: Wer verachtete Hitler, "weil er meinen Glauben an das deutsche Volk nicht teilt"?

Verbieten, was nie war

Die Beweise sprechen eine deutliche Sprache: Wie ein Plakat für den nächsten Kampf von Vitali Klitschko sieht das Logo aus, das Mitglieder der rechtsextremen Hooligan-Gruppe "Blue White Street Elite" in Burg öffentlich zur Schau stellten, der Schriftzug "Fight Club" verweist auch noch auf einen Film von David Fincher, in dem Brad Pitt einen schlaflosen Schläger spielt. Ein zweites Motiv (unten) enthält den Schriftzug "Blue-White" und darunter das Wort "weltweit", das jeden aufmerksamen Betrachter sofort an die Post-Tochter DHL erinnert.

Das reicht. Wie die Staatssicherheit, die in ihren ganz großen Tagen hinter jedem Träger eines "Schwerter-zu-Pflugscharen"-Aufnähers einen CIA-Agenten witterte, wusste Sachsen-Anhalt Innen-Staatssekretär Rüdiger Erben sofort, woran er war: Die Gruppe habe offenbar "festgefügte Organisationsstrukturen", teilte der wackere Kämpfer gegen Diktaturenvergleiche aller Art seinem getreuen Innenminister Holger Hövelmann mit. Der SPD-Genosse handelte umgehend und verbot die selbsternannte Street-Elite.


Doch lässt sich verbieten, was es nie gab? Kann der Staat eine Gruppe auflösen, die sich selbst nie als solche definiert hat? Daraus hatte das Gericht jedoch gefolgert, dass die Klage eines "Nichtvereins" gegen ein Vereinsverbot nicht möglich sei. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entschied im Juli, dass sehr wohl eine gerichtliche Entscheidung über ein Vereinsverbot herbeigeführt werden kann, auch wenn es nach dem Vereinsgesetz gar kein Verein ist. Das Oberverwaltungsgericht in Magdeburg meinte nun nach zweijährigem Verfahren durch immerhin vier Instanzen, dass ein Verbot dringend einen Gegenstand braucht, auf den es sich richten kann. Da die Street Elite weder feste Treffpunkte noch feste Mitglieder hatte, sei eine Auflösung per Ministererlass weder möglich noch nötig gewesen.

Eine Klatsche für den vor der erfolgreichen Rückkehr in die Lokalpolitik stehenden Staatssekretär und den Innenminister, der vom SPD-Hoffnungsträger zum Dauerpannenmann mutierte. Rüdiger Erben, ein winziger Mann mit riesigem Ego, mag aber keine Niederlage für das Land erkennen können. Das Verfahren helfe anderen, bsiher noch nicht einmal gegründeten rechtsextremen Hooligangruppen zweifellos, vom Start weg wasserdichte Strukturen zu bilden, um einem Verbot vorbeugend zu entgehen.

Dafür habe sich die Mühe allemal gelohnt. Die Gerichts- und Anwaltskosten in Höhe von nur wenig mehr als 10.000 Euro habe ohnehin der Steuerzahler übernommen, nach Ausschreitungen bei Fußballspielen säßen mehrere ehemalige Angehörige der Gruppe mittlerweile ohnehin im Gefängnis. "Nach unseren Erkenntnissen gibt es die Gruppe in dieser Form nicht mehr", glaubt Erben. Damit könne natürlich genaugenommen auch niemand vor Gericht gegen das Land geklagt und schon gar nicht Recht bekommen haben.