Donnerstag, 14. August 2008

Zierpudel im Olympia-Topf

Viele Menschen haben vieles gesagt zum Thema Olympia, zur Internet-Blockade, von der man seit Beginn der Spiele gar nichts mehr hört, über Doping und kritischen Journalismus in Peking. Christian Zaschke von der Süddeutschen Zeitung hat das Schlußwort übernommen - unter dem Titel "Wir sind's nur" beschreibt er, wer da in der Olympia-Pfanne brutzelt, kritisch die mediale Präsentation des Milliardengeschäftes mit den fünf Ringen wirklich ist und worauf sich der Sportkonsument verlassen kann: Dass es von hier aus sicher nie mehr besser werden wird. Der Text ist lang, ein Dramolett in neun Akten, aber er ist auch lustig.


China öffnet sich mit den Olympischen Spielen der Weltpresse? Nun ja, es kommen hauptsächlich Sportjournalisten. Eine Relativierung.
Von Christian Zaschke

I. Zierpudel

Tausende Journalisten machen sich gerade auf den Weg nach Peking, sie treffen im Laufe der kommenden Woche ein. Ist das nicht ein phantastisches Zeichen? Das Riesenreich lädt die Medien der Welt ein und sagt: Seht her! Wir haben nichts zu verbergen. Wer etwas zu verbergen hätte, würde nicht Tausende Journalisten ins Land lassen. Also wird gefeiert, dass nun die internationalen Medien einziehen in China. Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), sagt: "Wir glauben, dass China sich verändern wird, indem es sich der Überprüfung durch 25 000 Journalisten unterzieht, die zu den Spielen kommen werden."

Halten wir kurz inne und überlegen: Wer kommt denn da? Heißt Peking die besten, die kritischsten, die aufrechtesten Berichterstatter der Welt willkommen, die sich ungestört umsehen dürfen? Nein. Wer da kommt, das ist eine besondere Spezies: Peking erwartet den Einmarsch der Sportjournalisten. Mit Freude. Denn seien wir ehrlich: Sportreporter sind im Berufsstand der Journalisten das, was die Zierpudel unter den Hunden sind. Ich bin einer von ihnen.

II. Gestatten, Geschwätz

Es gibt diese aufgeblasenen Wörter, die klingen, als seien sie in Stein gemeißelt zur Welt gekommen. Wenn man ihnen die Luft rauslässt, bleibt entweder nichts übrig, oder sie geben sich zu erkennen: gestatten, Geschwätz. "Denkschule" ist so ein Wort. Vielleicht haben Sie in letzter Zeit eins der vielen Interviews mit Thomas Bach gelesen. Wenn nicht - macht nichts. Thomas Bach ist der Chef eines Gebildes mit dem sperrigen Namen Deutscher Olympischer Sportbund (ebenso sperrig ist die Abkürzung: DOSB). Außerdem ist er Vize-Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Und er ist so dies und das (bis vor kurzem zum Beispiel Berater von Siemens), aber das tut jetzt nichts zur Sache. Thomas Bach erklärt in diesen Interviews, wie es passieren konnte, dass das IOC die Olympischen Spiele nach Peking vergeben hat. Er sagt nicht: "Schönen guten Morgen, Sie haben wohl den Schuss nicht gehört. China! Klingelt's? Der größte Markt überhaupt." Er sagt: "Es herrschten zwei Denkschulen vor: Eine Gruppe wollte die Spiele nur in ein Land geben, wo die Menschenrechte voll verwirklicht sind; die andere Schule sagt, dass Olympische Spiele zur Öffnung eines Landes beitragen können." Diejenigen im IOC, die in der Denkschule gelernt haben, in der die Menschenrechte nicht voll verwirklicht werden müssen, verweisen nun darauf, dass das Land sich öffnet, dass also all die Journalisten kommen und mal so richtig berichten. Aber: wovon?

III. Wie fühlt sich das an?

Als in Athen bei den Spielen 2004 die Pressekonferenz nach dem Gewichtheben im Superschwergewicht anstand, war alles wie immer: Die Sportjournalisten schlurften in den Saal, sie setzten sich, die Hälfte döste bald weg. Der Olympiasieger sagte etwas. Es war ein Iraner, der auch im Jahr 2000 bei den Spielen in Sydney Gold gewonnen hatte. Zwischen 1998 und 2000 hatte er seine Bestleistung um rund 100 Kilogramm gesteigert. Fachleute sagen: Das geht nicht, es ist völlig unmöglich. Bei seinem Olympiasieg 2004 hatte er seinen eigenen Weltrekord eingestellt. Wenn bei den Segelwettbewerben in irgendeiner Klasse ein Boot die anderen deklassiert, ja um einige Minuten abhängt, aber man ein Röhren hört und das aufgewühlte Kielwasser sieht (wie auf dem Traumschiff, wenn man versonnen am Heck steht, Sie wissen schon) - dann würde (vielleicht) jemand auf der Pressekonferenz sagen: "Jetzt mal im Ernst: Sie haben sich doch einen Motor eingebaut." Im Fernsehen würde man vielleicht sagen: "Nur 'ne Frage, kein Vorwurf, klar: Aber könnte es sein, dass Sie 'nen Motor . . . ?" Immerhin.




Der Iraner aber, er erzählte. Er sprach von Stolz, von Gold, wieder von Stolz, und dann passierte etwas Erstaunliches: Zwei oder drei Journalisten - ohne dass sie sich abgesprochen hatten - stellten Fragen. Motorfragen. Erst mal harmlos: Woher kommt die große Kraft? "Ich esse sehr viel", erklärte der Olympiasieger. Die Gewinner von Silber und Bronze erklärten daraufhin, sie äßen auch viel, den ganzen Tag, oh Mann, so viel essen, manchmal wüssten sie selbst nicht, wie sie noch mehr essen sollten. Alsdann, neue Fragen. Im Gewichtheben gab es, gibt es, wird es geben: mehr Dopingfälle als in jeder anderen Sportart. Schon mal gehört davon? Oder was gesehen, bei anderen natürlich? Oder gar: SELBST GEDOPT? Silber und Bronze standen auf und gingen. Sie hatten Verpflichtungen, vermutlich mussten sie essen. Die Übersetzer verstanden keine Sprachen mehr. Minutenlang ging es nicht weiter, dann beschied der Olympiasieger, man möge ihm noch einmal die Frage übersetzen; das dauerte erneut einige Minuten. Dann ließ er ausrichten: "Können Sie die Frage wiederholen?" Es herrschte eine gewisse Spannung, als ein weiterer Journalist sich meldete, und er durfte auch sofort fragen: "Ich habe eine Frage an den olympischen Champion: Wie hat es sich angefühlt, als Sie da oben standen und wussten: Ja! Jetzt habe ich es geschafft! Ich habe die Goldmedaille! Wie hat sich das angefühlt?"

Gute Frage, die war völlig vergessen worden!

Der Champion lächelte. "Es war großartig", ließ er den Übersetzer ausrichten, "ich danke Ihnen allen." Dann ging er. Der Sportjournalist mit der letzten Frage, der hatte seine Arbeit getan. Er war Amerikaner, aber es ist egal, woher er kam. Mindestens einer wie er sitzt in all diesen Pressekonferenzen. Die Hälfte, die schon zu Beginn weggedöst war, wachte jetzt allmählich auf.

IV. Die olympischen Ringe

Die große Öffnung sieht so aus: 10 000 Athleten reisen nach Peking. Zudem 25 000 Sportjournalisten. Sie alle bewegen sich auf dem sogenannten olympischen Gelände. Die Sportjournalisten werden über die Sportler berichten, größtenteils über die, über die sie auch sonst immer berichten. Geschichten von Sieg und Niederlage werden sie schreiben und senden, von den großen Dramen werden sie erzählen, die es im Sport gibt. Dann: das erste Gold für ihr Land. Oh, sei besungen, Olympiasieger, oh, sei gepriesen, Olympiasiegerin. Als Sie wussten, Sie haben es geschafft, Sie haben Gold: Wie hat sich das angefühlt?

Dass ihr Raumschiff voller Sport gerade in China gelandet ist - für die Sportjournalisten wird es so gut wie keine Rolle spielen. Und das, obwohl sie sich vielleicht sogar informiert haben über den Ort, an dem das alles passiert.

Was die Spiele stören könnte, ist aus Peking entfernt worden, frag nach bei den politischen Korrespondenten, bei den Nichtregierungsorganisationen, bei den kritischen Chinesen im Ausland. Es gibt drei Sicherheitsringe um die Stadt. Damit niemand reinkommt, der stören kann. Diese olympischen Ringe sind wie Sicherheitsglas um ein Aquarium. Kein denkender Mensch kann daran zweifeln, dass dies die Spiele einer Parteidiktatur werden. Propaganda mit Hilfe des Sports. Es gibt kein besseres Werkzeug.

V. Einige Hundert Meter

Eine Meldung aus dem Sportjournalisten, dem Branchenblatt des Vereins der deutschen Vertreter des Berufsstandes. Ich bin Mitglied. Die Meldung geht so: "Dieter Hennig (64) aus der Redaktionsleitung des Sport-Informationsdienstes (sid) beendet nach den Olympischen Spielen seine berufliche Laufbahn. (. . .) Das Internationale Olympische Komitee hat ihn als einen von fünf Journalisten aus aller Welt zum Träger des olympischen Feuers ernannt, am 6. August auf einigen Hundert Metern durch Peking." So werden wir Sportjournalisten zu Rädchen in der Maschine.

Der Sport-Informationsdienst ist eine der größten deutschen Nachrichtenagenturen für Sport, er beliefert Hunderte Zeitungen im ganzen Land. Er ist eine Meinungsmacht. Und er ist am 6. August Träger der Fackel auf den Straßen von Peking. Träger des Symbols der Bewegung.

VI. Gemein sein

Der 1995 verstorbene Journalist Hanns-Joachim Friedrichs, ehemals "Tagesthemen"-Moderator, hat gesagt: "Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört." Über diesen Satz ist seit Friedrichs Tod viel geschrieben worden, einige interpretieren ihnen so, die anderen so. Friedrichs war lange Jahre Sportchef des ZDF, und es hat ja auch niemand gesagt, dass es keine Ausnahmen gab und gibt. Das ZDF aber pflegt das Andenken des einstigen Sportchefs auf eigenwillige Weise. Nur ein Beispiel: Als während der Fußball-EM 2008 die Sorge aufkam, Michael Ballack werde verletzt ausfallen, sagte Katrin Müller-Hohenstein als Moderatorin des ZDF-Sportstudios, das sei eine Hiobsbotschaft "für uns Fans".

VII. Denken Sie kurz nach

Ist es denn immerhin eine gute Sache, mit der er sich gemein macht, der fackeltragende, der affirmativ berichtende, der jubelnde Sportjournalist? (Sie werden vermutlich noch nicht das Vergnügen gehabt haben, auf einer Pressetribüne voller Sportjournalisten zu sitzen. Sagen wir es so: Da wird gern mal gejubelt).

Was hat es auf sich mit dem olympischen Geist? Der oben erwähnte DOSB hat zur Einstimmung auf die Spiele eine Botschaft verschickt. Sie lautet: "Sport-lich fair bleiben", aber es geht allein darum, dass wir alle das große Verdienst der Olympia-Sponsoren ehren sollen. Dazu wurde eine bunte Broschüre erstellt, in der die Sportjournalisten über das sogenannte Ambush-Marketing aufgeklärt werden (ambush = Hinterhalt). Das sei böse. Gut seien hingegen die offiziellen Olympia-Sponsoren. Am Ende steht da: "Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um kurz nachzudenken." Na, immer gern! Worüber denn? Dann steht da: "Dass es hier verdammt noch mal allein ums Geld geht, du hirnverbrannter Vollidiot, und jetzt schreib halt irgendwas Schönes, und schreib, dass die Sponsoren wieder mal super sind. Ja, auch McDonald's. Was soll komisch daran sein, dass McDonald's Sportler sponsert? Die essen nix anderes. Burger, Fritten, dazu trinken sie Cola!"

Naja, das steht da nicht. Da steht, dass einige Unternehmen unerlaubt olympische Symbole nutzen. Und dann steht da: "Das ist unfair sowohl gegenüber den Athleten als auch den Olympia-Sponsoren sowie der Olympischen Bewegung. Machen Sie sich bewusst, dass es die offiziellen Partner sind, die den olympischen Traum ermöglichen." Das steht da.

VIII. Gute Freunde

Mitten in der Bewusstmachung fiel mir auf, dass zu der per E-Mail verschickten Botschaft noch ein Film des IOC gehörte, der ebenfalls auf die Spiele einstimmen sollte. Direkt draufgeklickt. Sportler nähern sich, sie gehen langsamen, aber sicheren Schrittes in eine Art Tempel, den Blick erhoben. In der Mitte des Tempels steht ein bärtiger Mann, ein Weiser vielleicht. Seine markante Stimme ertönt: "Seid willkommen. Alle Augen sind auf euch gerichtet." Dann rennen gestählte Körper mit Pferden um die Wette, sie springen die Berge hinauf, sie trotzen dem Feuer, feinste Leni-Riefenstahl-Optik. Für die Jüngeren: Riefenstahl drehte 1936 bei Olympia in Berlin, bei Hitlers Propagandaspielen. Die markante Stimme schmettert die Sätze nun, "Ihr alle erfüllt uns mit Stolz darauf, Menschen zu sein", die Sportler rennen, springen und trotzen noch immer, die Musik schwillt an, die Stimme schmettert, lauter noch: "Wenn Ihr solche Größe erreichen könnt, dann ist nichts unerreichbar." Schließlich überschlägt sich die Stimme fast, sie zittert vor Erregung, als sie ruft: "Geht, und verblüfft uns!" Man muss sich einen Leni-Riefenstahl-Film im Vergleich als äußerst subtil vorstellen. Im Abspann erscheinen die olympischen Ringe, darunter steht: The Best of Us. Das also sind sie, die besten Menschen. Man muss kurz verschnaufen, wenn man sich das angesehen hat. Peking und das IOC - da haben sich aber zwei mal so richtig gefunden.

IX. Games over

Der Philosoph Peter Sloterdijk beschreibt die Spiele in Peking in einem großartigen Interview im Spiegel als den größten Aufmarsch der Gedopten, seit der erste Mensch einen Stein schleuderte. Es sind dies die Spiele, mit denen allmählich das Ende des Sports, wie wir ihn kannten und kennen wollten, eingeleitet wird, weil Doping an der Tagesordnung und doch nur gelegentlich nachzuweisen ist. Es sind dies die Propagandaspiele in einer Parteidiktatur, in der die Menschenrechte nur "noch nicht voll verwirklicht" sind. Es sind dies Spiele für die Sponsoren, für internationale Großkonzerne, von denen wir uns alle bewusst machen sollen, dass sie es sind, die den olympischen Traum erst ermöglichen.

Es kommt wirklich einiges zusammen diesmal. Dazu melden wir, die Zierpudel, uns jetzt täglich live aus Peking.

Schickt mehr Sozialarbeiter

Sie saufen, prügeln, zerstören Stadien, Bahnhöfe, Züge und Autos und versetzen einmal wöchentlich ganze Innenstädte in den Ausnahmezustand: "Terrorkommandos aus den Ostgebieten" (von Trotha) beherrschen das Bild des Fußballs auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, Cottbusser Fans sind berüchtigt, Rostocker Anhänger zeigten erst kürzlich sogar in Dänemark splitternd und schlagend Flagge, vor den Fans von Lok Leipzig zittert jeder Gastgeberverein und Magdeburger Anhänger schlugen mangls Alternative auch schon mal ihre eigenen Spieler zuammen.

Jetzt aber ist Schluß damit, gnadenlos geht die Sozialarbeiterszene, die seit 15 Jahren liebevoll betreuend im Umfeld der Schlägertrupps tätig ist, gegen das Phänomen Fußballgewalt vor. Der "Regionalverbund Ost Fanprojekte" mit Mitgliedern aus Aue, Babelsberg, Berlin, Cottbus, Chemnitz, Dresden, Halle, Jena, Leipzig, Rostock und Zwickau hat nach erneuten Krawallen in Halle kurzfristig ein "Arbeitstreffen" in der schönen Atmosphäre der Vitzenburg a.d. Unstrut anberaumt.

Dort wurde beraten und hernach verurteilt - nicht Gewalt, Prügeleien, rechtsradikale Parolen oder Zerstörungsorgien im Auswärtsreiseverkehr. Sondern, so verkündete Gregor Voehse, Leiter des Fanprojekts Babelsberg, die einhellige Meinung der Hooligan-Kuschler, "die Handhabungspraxis der Verhängung von Stadionverboten", wie sie der wegen der Ausschreitungen beim Pokalspiel gegen Hannover in seiner Existenz bedrohte Hallesche FC neuerdings praktiziert. Der Verein mißachte "das prinzipielle Recht der mit Stadionverbot bedrohten Personen auf Anhörung".

Ein Unding, finden die studierten und mit gutbezahlten Vollzeitstellen zur Kuschel-Betreuung der Problemjugendlichen angestellten Sozialarbeiter. Zuerst einmal, da gibt es im Kreis der Tagenden keine Zweifel, heißt es hier, der Realität lange Sätze ohne Inhalt entgegenschleudern: "Als sozialpädagogische Jugendhilfeeinrichtungen, die Fansozialarbeit unter einem ganzheitlichen, lebensweltlich orientierten Ansatz über das Medium Fußball leisten, sind die jugendlichen Fußballfans im Verständnis der Fanprojekte in erster Linie Bürger ihrer Stadt." Ja, und "als solche haben die unterschiedlichen Funktionsträger der Stadt den jungen Menschen gegenüber auch ihre Verantwortlichkeit zu wahren" - nicht etwa umgekehrt. Gewalt und Alkohol, Zerstörungswut und Fremdenfeindlichkeit verlangen - seit 17 Jahren - nicht nach Strafe, sondern nach noch mehr Betreuung, nach noch mehr und noch besser bezahlten Sozialarbeiterstellen, nach Gewaltstudien und noch akzeptierenderer Sozialarbeit.

"Ausgesprochen befremdlich" finden die Experten für akzeptierende Unterstützung von Böllerwerfern, Spielerbespuckern und "Hannover - Hurensöhne"-Rufern, dass der Hallesche FC sich in höchster Existenzangst einen eigenen Strafrichter zugelegt hat, der nur dazu da ist, Stadionverbote zu verhängen.

Viel schöner wäre es doch, wenn auch die gewaltgeplagten Fußballvereine im Osten Standortpapiere verfassen würden, die von tiefem Mitgefühl für das grausame Schicksal jugendlicher Fußballschläger getränkt sind: "Gerade derzeit vollzieht sich mit der jüngeren Fanszene der 15- bis 20-Jährigen ein Generationswechsel, der auf der Ebene des Ultra-Verständnisses eine Neuorientierung mit sich bringt", faselt die Runde auf der Vitzenburg, dem Satzbau nach spät hinter dem siebten Bier. Im "Prozess dieser Identitätssuche" spiele "das Element der Gewalt eine veränderte Gewichtung", heißt es weiter, diktiert nun wohl schon nach dem siebten Schnaps. Gewalt werde "zunehmend ritualisiert und qualitativ als Teil ihrer Erlebniskultur und Ausdruck ihres Selbstverständnisses betrachtet".

Na wenn das so ist, ist es ja gut. Auch als argloser Familienvater, dem eine Sitzschale vor den Kopf geflogen ist, muss man doch ein bisschen froh sein, dass man Teil der Erlebniskultur unserer Jugend sein darf, die ihr Selbstverständnis eben nicht wie die langweiligen 68er durch blöde Parolen, sondern ganz im Sinne des großen Vorsitzenden Mao mit der Tat allein ausdrückt: Einfach mal ein Bushäuschen zerhauen, ein paar Flaschen schmeißen und ein paar Zugabteile zerlegen! Schon stimmts auch mit der Stimmung.

Schuld an Übergriffen ist eigentlich nur der Feind, der immer mal auftaucht, statt durch Abwesenheit zu deeskalieren: "In den Augen der jugendlichen Fans wird Polizei als ein Bestandteil des Gewaltzusammenhangs wahrgenommen; also weniger als staatlich legitimierte exekutive Instanz zur Wiederherstellung von Sicherheit und Ordnung, vielmehr als ein potentieller Gegner bei auftretenden Konfliktfällen, betrachtet."

Womit das Problem schon mal erklärt, wenn auch nicht direkt beseitigt wäre. "In einem Gefühl gesteigerter Selbstgerechtigkeit glauben die Jugendlichen ihre Probleme mit ihren eigenen Mitteln selber lösen zu können", analysieren die Hooligan-Händchenhalter. Dies korrespondiere "mit einem eher vagen Demokratie- und Staatsverständnis." Das es nun wohl erstmal ein paar Jahrzehnte zu entwickeln gilt: Mit mehr Sozialarbeitern, mehr Gewaltakzeptanz, mehr fröhlichen Positionspapieren und frischen Fördermitteln für mehr Böller und Raketen.

Mittwoch, 13. August 2008

Machs noch einmal, Marx

Ein unvermutetes Comeback feiert Karl Marx, vor 17 Jahren verstorbener Erfinder des wissenschaftlichen Kommunismus und scharfsichtiger Autor des Buches "Das Kapital", einer Art gelehrter Fatwa über den Kapitalismus. In Hessen steht Marxens Partei nach dem Rücktritt von Kurt "Mecki" Beck vom Amt des Parteivorsitzenden mit Richtlinienkompetenz kurz vor der Machtübernahme durch Andrea Ypilanti, auch in Thüringen flirtet die "Arbeiterpartei" (Willy Brand) SPD schon heftig mit den Erben des Mannes aus Trier, dessen feste Burg einst der Landstrich zwischen Harz und Spreewald war.

Mittendrin in Sachsen kommt der Denker mit dem Taliban-Bart auch wieder zu Denkmal-Ehren: Das prächtige und 33 Tonnen schwere Karl-Marx-Monument der Universität Leipzig wird - aus Rücksicht auf die Opfer von Mauerbau und Mauerfall - nicht ab heute, aber doch ab morgen wieder aufgestellt. Nagelneu dazugestellt wird eine Schautafel, die "Marx, sein Werk und die Geschichte der Universität in den historischen Kontext einordnen", wie dpa spannend formuliert.

Der Wiedererrichtung harrt in Halle noch der 1983 zum allerletzten "Marx-Jahr" der Weltgeschichte in den öffentlichen Raum gerammte Marx-Jahr-Quader - auch er ein "ein zeitgeschichtliches Zeugnis, mit dem man sich aktiv auseinandersetzen muss", wie der Leipziger Uni-Rektor Franz Häuser sein Karl-Relief liebevoll beschreibt. Ran an die Kelle, Bauarbeiter! Her mit der Schalung, Zimmermann! Und du, Künstler, greif zum Zeichenstift!

Die Welt ist ein Glaser

Wer hat den Längsten? Wer war zuerst da? Gibt es Markenschutz auf Allgemeinplätze? Sind Rechtschreibfehler patentwürdig? Fragen, die die Welt nicht braucht, die aber dennoch für Streit sorgen in Deutschland Bloggersphäre, die ähnlich wie die inländische Politik keine anderen Sorgen hat. Im Luxus verloddert hat der berühmte Blogger Peter Glaser den berühmten Journalisten Marcus Dettweiler darauf hingewiesen, dass der Satz "Die Welt ist eine Google" anno 2005 im April von ihm persönlich geboren worden sei. Weshalb Dettweiler, der die nämliche Formulierung erst gerade, also im Sommer 2008, zu benutzen beliebte, doch Glaser, so Glaser, bitte als rechtmäßigen Urheber nennen solle.

Dettweiler, bei der FAZ ein Papst der Welterklärung, ließ Glaser darauf wissen, dass er ihn nicht kenne und ihm die Erschaffung des sagen wir mal recht naheliegenden Satzes durch den Stuttgarter Kollegen auch gleichgültig sei. Im übrigen möge Glaser "seriöse Journalisten" wie ihn, Dettweiler, künftig bitte in Frieden lassen. Danke.

Macht Glaser natürlich nicht. Nein, er veröffentlicht die knurrige Mail des Zitatdiebes einfach im Netz und bläst damit einen Sturm ins trübe Wasserglas der Bloggosphäre, die sonst ja sowieso nichts weiter zu tun hat, weil der Krieg im Irak nicht mehr zu verhindern und der in Georgien ohnehin entschieden ist. Wahlen stehen nicht an, die Merkel ist im Urlaub, Obama auch wieder abgereist - also hält sich die Web-Welt an Dettweiler und Glaser und ihren Streit darüber, wer warum und ob überhaupt einen Satz erfunden hat, der so mit der Tür ins Haus fällt, dass ihn eigentlich niemand erfinden kann, weil er immer schon dagewesen sein wird.

Leerlauf mit Gebrüll, Diskussionen um des Kaisers Bart und die Unterwäsche von Paris Hilton, aus der neulich die Waschanweisung herausgeguckt haben soll. Sind Patente auf schmissige Sentenzen mit der Schöpfungshöhe von Bodenfugen zulässig? Kommt die Lizenzpflicht für Allerweltsplappereien? Werden Kalauer wie "Yippi Yahoo!" und "Wie Gates?" demnächst abgabepflichtig? Fragen Sie die Stuttgarter Zeitung, fragen Sie die FAZ. Die Welt ist ein Glaser und er rahmt noch.

Jetzt ist es amtlich: Erde steht still

Rechtsgutachten von Scheich Saleh bin Fauzan bin Abdul-Lah al-Fauzan, Institut für Islamfragen, 12.08.2008

Frage: Wie ist die Frage der Rotation der Erde um die Sonne richtig zu beurteilen?

al Fauzan: "Dies ist eine Sache Allahs, der das Universum verwaltet. Der Koran sagt, dass die Sonne sich bewegt, während die Erde still stehen bleibt. Diese Tatsache teilt uns der Koran offensichtlich mit. Wir glauben der Botschaft des Korans, nicht das, was Wissenschaftler behaupten. Selbst die Geologen sind sich untereinander darüber nicht einig. Die früheren Geologen sagten, dass die Erde um die Sonne rotiert. Jedoch wurde dies von jüngeren Geologen widerlegt. Wir glauben dem Koran und dem, was der Koran in aller Klarheit sagt. Die Worte der Wissenschaftler sind nicht heilig. Die Worte des Korans und des Propheten sind dagegen heilig, wahr und ewig."

Sp spricht Scheich al-Fauzan, ein großer Geist, der ohne Wissenschaft mehr erklären kann als viele Wissenschaftler. Al Fauzan ist einer der prominentesten zeitgenössischen Geistlichen des sunnitischen Islam, ein Typ, der seine Schuspitzen nicht sehen kann, aber den Kosmos erläutern. Für seine protzige Ignoranz und sein offenkundiges Unwissen bekam er den Doktortitel im angeblichen "Fach Islamisches Recht" an der der hochwohlmeinenden "Fakultät für islamisches Gesetz von ar-Riyad" an der saudi-arabischen Universität Riyad. So ausgestattet kann der Kundige des kruden Buches, in dem die Erde stillsteht und die Sonne sich um Mekka dreht, nunmehr Abweisungen geben - etwa dazu, in welcher Reihenfolge der wahre Gläubige seine Schuhe überstreift, mit welchem Fuß er zuerst das Badezimmer betreten muss und ob es erlaubt ist, sich vor dem Gebet mangels Wasser mit dem "Staub aus dem Teppich" (Zitat) zu reinigen. Ist es, aber klar, was denn sonst. Dreck reinigt den Magen, sagte meine Oma, Staub das Gesicht, sagt die Fatwa. Und Gott, heiße er auch Allah, weiß von dem allem garantiert nichts.

al-Fauzan war u. a. als Dozent am wissenschaftlichen Institut in Riyad tätig, sowie an der Fakultät für islamisches Gesetz und der Abteilung für erweiterte Forschung an der Universität für Religionsgrundlagen. Er war Prediger und Vorbeter der Moschee von Prinz Mut'eb bin Abdul-Aziz al-Sa'ud in al-Mals/Saudi-Arabien und ist momentan Mitglied des "Permanenten Ausschusses für Rechtsgutachten und Forschung" Saudi-Arabiens. Für Forschung, tatsächlich. Wahrscheinlich zerbrechen sie sich dort gerade den Kopf über die Frage, ob ein Apfel, den man loslässt, auf den Boden fällt.

Nicht alle politischen Karikaturen sind doof

Gute Frage

wäre nicht eine betrugseinheit zu erfinden: 1 "kujau" ist diejenige falsifikatorische potenz, die hinzunehmen man nicht mehr bereit ist, auch wenn "gute arbeit" geleistet worden ist? (horst fuhrmann, einladung ins mittelalter, s. 220)

Wer hat es gesagt?

history is just one damned thing after another.

Wer hat es gesagt?

ich fange nach meinem urlaub mal klein an - mit einer scherzfrage. wer war der meinung, die juden hätten im dritten reich massenselbstmord begehen sollen, weil dies "die ganze welt und das deutsche volk auf hitlers gewaltbereitschaft aufmerksam gemacht" hätte?

Dancing to the Top

Innovativfernsehen im Spartenkanal

Dass Olympia von Deutschland aus gesehen nachts stattfindet, ist eine Tragödie für die übertragenden Fernsehsender. Eine Tragödie, der die ARD beizukommen versucht, indem sie Filmberichte von längst beendeten Wettbewerben als Live-Schaltung ankündigt. Irrtümlich natürlich nur, wie die ertappten Ersten hernach zerknirscht entschuldigten.

Eurosport, der andere große Sportsender dieser olympischen Augusttage, hat sich etwas viel Besseres einfallen lassen: Die gut abgehangenen Bilder von Entscheidungen, die drei oder vier Stunden zuvor in Peking gefallen sind, werden von Eurosport-Experten einfach noch einmal "live" kommentiert. Totes Filmmaterial gewinnt durch ein eingeblendetes "Live"-Logo an Farbe und Dramatik, der zeitlich zurückgebliebene deutsche Zuschauer ist plötzlich mittendrinstatt nur dabei. Innovativfernsehen im Spartenkanal, der demnächst Liveschaltungen zu Olympia 1936, zum "Wunder von Bern" 1954 und zum Endspiel der WM 1974 plant.

Dienstag, 12. August 2008

Spiele ohne uns

Ein Niedergang auf Raten und keine Ursache weit und breit. Beim Schwimmen sollen es die Sportler sein, die nicht auf ihre Trainer hören, beim Radfahren lag es am Wetter, dass deutsche Starter nicht gewinnen können, und beim Boxen sind alle anderen einfach zu stark, als dass eine Spätaussiedlerfaust in deutschen Diensten ihr Ziel finden könnte.

Mit den wahren Gründen für das debakulöse Abschneiden der fast 1000-köpfigen deutschen Abordnung zum Welttreffend er Sportjugend allerdings hat das alles wenig zu tun. Denn die sind in der Geschichte zu finden - und in der Tatsache, dass Doping nicht mehr nur verboten ist, sondern dopenden deutschen Sportlern spätestens seit Baumann existenzvernichtende Strafen drohen. Deshalb, da spricht ein Blick auf die Medaillenbilanz deutscher Sportler seit 1972 eine deutliche Sprache, wird es nicht so richtig was mit Edelmetall in Peking.

Damals, als jeder DDR-Staatsamateur und jeder von der Bundeswehr gesponserte westdeutsche Olympiastarter noch nach Herzenslust mit Pillen und Spritzen optimieren konnte, was im Training nicht klappte, war das noch ganz anders. Deutschland war eine Weltmacht, errichtet mit Hilfe der Labore in Leverkusen, Ingelheim und Jena. 1972 holten Sportler aus beiden Landesteilen 106 Medaillen, 1976, als der medizinische Fortschritt Fahrt aufnahm, sogar 129. 1980 brachte es die DDR allein auf 126, 1980 schaffte die Bundesrepublik allein immerhin 59.

Der Höhepunkt war 1988 erreicht. Doping war möglich, Kontrollen ein Spaß, wer die besten Medikamente hatte, hatte die meisten Medaillen: 142 holte Deutschland, 40 davon gingen aufs Konto von Sportlern aus dem traditionellen Bundesgebiet.

Seitdem regiert der Niedergang. Der statistische Zusammenhang ist unübersehbar, wenn er auch nirgends erwähnt wird, um die Erfolge der Vergangenheit nicht als das bezeichnen zu müssen, was sie waren: Herbeigedopt. Die Zahlen aber sprechen eine deutliche Sprache. Je schärfer der Kampf gegen Doping in Deutschland geführt wurde, umso drastischer brachen die Leistungen der Spitzenathleten ein. 1992 langte es noch zu 82 olympischen Medaillen, 1996 waren noch 65 drin, 2000 sank die Zahl auf 56 und 2004 holte das vereinige Deutschland schließlich gerademal noch soviel Edelmetall wie die - staatlich geförderten Dopings angeblich unverdächtige - alte Bundesrepublik 16 Jahre vorher noch hatte allein einheimsen können.

Was hat sich seitdem geändert? Läge es am Zusammenbruch des DDR-Sportsystems, müsste doch die alte BRD wenigstens so viele Medaillen wie 1988 gewinnen. Nein, der Grund ist wohl ein ganz einfacher: Ohne die Hilfe der hochentwickelten deutschen Medizintechnik und Medikamentenentwicklung, die Deutschland in den Jahren der wilden Herumdoperei einen Wettbewerbvorteil verschafft hatte, ist nichts mehr zu holen in Disziplinen, die von Trainingsintensität, Schnellkraft und Ausdauer leben. Während anderswo - das verraten die immer wieder auffliegenden Sünder - fröhlich weitergespritzt wird, führt Deutschland den Kampf gegen Doping ernsthaft, sehr einsam und damit als einen Kampf gegen sich selbst.

Medaillen sind so nur noch drin, wo es um Finessen geht, um deutsche Tugenden wie Gleichschritt, Tierliebe und modernes Material. An Tag fünf liegen die Athleten aus der Sportnation ohne Sportler dank ihrer erfolgreichen Synchronspringer und Kanupaddler vor Tadshikistan, Simbabwe und Kolumbien auf Platz 19. Aber die Reitwettbewerbe kommen ja noch. Da rechnet sich die Nation was aus.

Spiele mit uns

Judas im Wunschbriefkasten

Eigentlich nur zur Untermalung der absurden Stadionszenen aus Halle gedacht, erfreut sich Judas von Trothas Lied "Ostdeutschland beim Schlangestehen" inzwischen reger Nachfrage. Aus vielfachen Wunsch hier noch mal der Song mit der netten Refrainzeile "shet sie euch an / so sehen sie aus / kahlköpig und verlaust" - taken from the last Album "Handyblitzkriegkindergarten", erhältlich beim Künstler selbst unterJudas von Trotha.de.

Was Salomon noch wusste

Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind.

Montag, 11. August 2008

Der Himmel über Halle

Billig ist langweilig

Luxus macht die Leute an, Preise, die explodieren und Dinge, die immer schlimmer werden. Eine Katastrophe lässt sich gut beschreben, weil es knallt und stinkt und Tränen fließen. Reportagen von den Malerarbeiten am Tag danach dagegen gewinnen nie einen Wächterpreis.

Ähnlicher Logik folgt die Ölpreisberichterstattung: Hoch ist heiß, heiß ist geil, geil gibt Angst und Angst macht Quote. Das Interesse erlahmt hinter dem Berg und die Tatsache, dass der Ölpreis in den letzten zwei Wochen schneller eingebrochen ist als jemals zuvor in der Geschichte der Menschen ist nicht griffig genug, um Interesse zu finden. Billig ist langweilig, beruhigend wie der Hund, der den Mann beist.

Der Tod muss warten

Ehe das Internet den hier bei PPQ von namhaften Medienexperten schon lange vorausgesagten Tod stirbt, zuckt es jetzt noch ein letztes Mal. Und es sind wieder die Jüngsten, die Schwächsten der Gesellschaft, die dem teuflischen Medium mit all seinen hunderten schamlosen Naziseiten und Dutzenden Pornoangeboten ahnungslos im wortwörtlichen Sinne ins Netz zu gehen scheinen: Bei den Elf- bis 39-jährigen nimmt das Internet inzwischen den größten Anteil im täglichen Medienmix ein, schreiben die Verfasser der Jugendstudie "Timescout". 40 Prozent des gesamten täglichen Medienkonsums entfalle in diesen Altersgruppen mittlerweile auf das Netz. Noch 25 Prozent kann das Fernsehen für sich verbuchen, Print und Radio fallen mit jeweils nur noch zehn Prozent immer weiter ab.

Nicht nur Holzmedien und Dudelfunksender sind Auslaufmodelle, sondern auch Hochqualitäts-TV Marke ARD oder RTL II. 50 Prozent der 15- bis 19-Jährigen sehen sich stinknormale TV-Inhalte lieber im Netz an, am liebsten wahrscheinlich, wenn jemand eine Doku von Plusminus illegal auf Youtube gestellt hat. Das TV-Gerät sorgt für das nötige Hintergrundrauschen - immerhin 40 Prozent der Elf- bis 39-jährigen lassen den Fernseher laufen, ohne auf die Inhalte zu achten, die mittlerweile sowieso nur noch von Wissenschaftlern mit hochauflösenden Mikroskopen entdeckt werden können.

Vor einem Comeback steht hingegen offenbar die gedruckte Zeitung, der es zur Zeit gewissermaßen komatös geht. Nur noch 25 Prozent der Elf- bis 39-Jährigen lesen Stadtmagazine, 2002, als "Timescout" erstmals erhoben wurde, waren es immerhin 50 Prozent. Die Nutzung von Tageszeitungen ist in der Studie wegen Irrelevanz nicht erwähnt, wird aber bestimmt bald wieder besser. Wenn Google News erst abgeschaltet und alle neumodischen Newsportale von Nachrichtentropf der Regionalzeitungen abgeschnitten sind. Ja, so wird es kommen.

Armut: Daddelpauschale gegen dramatische Lage

Nach und nach wird die ganze Wahrheit darüber öffentlich, wie arm das arme, arme Deutschland wirklich ist. Vor allem steigende Lebensmittelpreise durch den unverfroren genossenen neuen Wohlstand in der Dritten Welt macht es immer mehr Familien schwer, ihren Kindern ein auskömmliches Taschengeld zu zahlen, zu essen oder sich Extrawünsche wie SMS-Versand, polyphone Klingeltöne und einen neuen Flachbildfernseher fürs Schlafzimmer zu leisten.

Wie dramatisch die Lage tatsächlich ist, machen auch die neuen Zahlen zum Spielkonsolenabsatz in Deutschland in den ersten sechs Monaten des Jahres 2008 deutlich. Danach wurden in Deutschland 1,7 Millionen Spielkonsolen verkauft worden, was einer Steigerung von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Parallel zu den steigenden Verkaufszahlen kletterte der Umsatz im ersten Halbjahr 2008 in Deutschland auf 356 Millionen Euro von zuletzt 268 Millionen Euro. "Der Games-Markt hat die Spitzenwerte des Vorjahres noch einmal übertroffen. Die technisch leistungsfähigen und bestens ausgestatteten Konsolen finden viele neue Anhänger", sagte Bitkom-Vizepräsident Achim Berg, der damit ganz nobel über die Tatsache hinweggeht, dass sich somit nur 2,12 Prozent aller Deutschen im ersten Halbjahr eine neue Spielkonsole leisten konnten, während 97,88 Prozent aller hier lebenden Menschen offenbar zu arm waren, einfach mal so bei Sony, Microsoft oder Nintendo zu shoppen.

Damit erreicht die strukturelle Armut einen neuen Gipfel im reichsten Land Kerneuropas - nahezu 98 von 100 Deutschen sind vom technischen Fortschritt auf dem Spielkonsolenmarkt und damit von der Kommunikation über neue Cheats und Spiele ausgeschlossen. Eine digitale Spaltung, die nie zuvor deutlicher zutage trat und dringend ein Eingreifen der Politik erfordert: Familien mit mehreren Kindern, so regen inzwischen engagierte Oppositionspolitiker an, sollten eine so genannte Daddelpauschale auf ihre Steuerzahlungen eingeräumt bekommen, um die jüngsten schnell mit modernster Spieletechnik versorgen zu können. "Es kann nicht sein", hieß es aus dem Rosa-Luxemburg-Haus, "dass nur die reichen Kinder spielen und die armen zugucken müssen."

Woran das erinnert

Wolfgang Bauer schreibt in "China - Ein Reiselesebuch" über China, ohne dass der Geifer tropft. Aber schreibt er eigentlich über China? Wenn, dann assoziationsfreudig:

"Die Ming regierten über fast drei Jahrhunderte, aber mit der Harmonisierung von Leben und Denken, der größtmöglichen Austilgung jeder Form von Extremismus, war auch eine schleichende Verarmung des Geistes verbunden. Eine merkwürdige Form höheren Spießertums bildete sich heraus, die alle Entwicklungsmöglichkeiten verengte und verlangsamte."

Sonntag, 10. August 2008

Spinner ohne Spielzeug

Fußballer gelten als nicht die Hellsten und richtig große Worte finden sie eigentlich nur in amerikanischen Sportfilmen. Manchmal aber auch Deutschland, tief drunten in der vierten Liga, wo die Kicker des Halleschen FC ihren Fans jetzt einfach mal die Freundschaft gekündigt haben. Selbst für den Teil des Anhangs, der des Denkens traditionell nicht mächtig ist, ist zu verstehen, was es heißt, wenn die Mannschaft ankündigt: "Ab sofort verlassen wir den Platz, sobald im Fanblock gezündelt wird, rassistische Sprüche ertönen oder Gewalt droht."

Auch der Rest hat was, teilt Mannschaftskapitän Nico Kanitz den in allerlei "Aktionen" mit großen Papierplakaten und Räuchertöpfen verliebten Vollzeitfans doch gleich noch mit, dass ihm und dem Rest der Mannschaft die Freiluft-Masturbationen der selbsternannten "Ultra-Fans", die glauben, ohne ihr Gewinke und gebrülle sei kein Spieler in der Lage, das Tor zu treffen, in Wirklichkeit scheißegal sind. Ja, ein seltener Moment rückhaltloser Offenheit, den wir mit Spaß zitieren. Zumal der Verein ernst macht: Zum nächsten Heimspiel sind alle Stehplätze gesperrt.

“Auf diesem Wege möchte sich die 1. Männermannschaft zu den verurteilenswürdigen Vorkommnissen am Rande des gestrigen DFB-Pokalspiels äußern. Wir schreiben hier mit Absicht ´die´ und nicht mehr ´Eure´, denn mit Teilen unserer Fanszene möchten wir auch nicht ansatzweise in Verbindung gebracht werden. Uns reicht es! War schon die letzte Saison mit dem Punktabzug nach dem Spiel gegen Jena II für uns ernüchternd, folgten nun als ´Höhepunkte´ die Auftritte in Frankfurt und zum Heimspiel gegen Hannover 96.

Wir tragen mit Stolz die rot-weißen Farben und das Emblem unseres HFC. Wir schämen uns jedoch für die kriminellen Chaoten, die bisher noch unsere Spiele mitverfolgen durften. Wir sagen es hier in aller Deutlichkeit: Angefeuert werden ist schön und kann sicherlich noch das letzte Prozent mehr Leistungsfähigkeit aus einem hrerauskitzeln. Doch die Fans beim HFC nehmen sich selbst im allgemeinen sowieso viel zu wichtig. Uns als Spieler interessiert Euer ganzer ´Ultra-Quatsch´ nicht die Bohne. Gründet doch, wie bei Chemie Leipzig geschehen, Euren eigenen Verein und feuert diesen im wahrsten Sinne des Wortes an, bis ihr auch dort gefeuert werdet…

Lasst aber unseren HFC in Ruhe und haut ab! Ihr zerstört alles, was die Vereinsführung in mühevoller Kleinarbeit und wir Sportler mit unseren Leistungen aufgebaut haben. Da Eure Randale in Euren Augen ja nur ´Kinderkram´ ist, machen wir es jetzt eben mit Euch, wie es kleine Kinder nicht anders verdient haben: Wir nehmen Euch Euer Spielzeug einfach weg! Die Vereinsführung mit Stadionverboten und Zuschauerbeschränkungen und wir selbst mit dem Verlassen des Platzes, sobald auch nur ansatzweise wieder aus unserem Fanblock gezündelt wird, rassistische Sprüche ertönen oder Gewalt droht!

Ihr habt es vielleicht gestern nicht mitbekommen: Nach dem Abpfiff kam ein kleiner hallescher Junge, der sehr schwer sehbehindert ist, auf das Spielfeld zu seinem Idol Robert Enke. Der übergab ihm seine Torwarthandschuhe und unterschrieb sie noch. Ihr hättet mal in die Augen des Kleinen sehen sollen…

Genau dies, aber auch die Achtung vor dem sportlichen Kontrahenten, der gestern Hannover hieß und nächste Woche Sachsen Leipzig heißt, macht den Fußballsport aus. Ihr jedoch macht ihn kaputt. Und kommt uns bitte nicht wieder mit irgendwelchen Sammlungen für ein Abendessen der Mannschaft! Wir werden jedenfalls die nächsten Spiele nicht mehr in die Fankurve gehen. Erkämpft Euch unsere Achtung mit fairem Verhalten in und um die Stadien, in welchen unser HFC auftritt, erstmal zurück!
Mit diesem Brief richten wir uns ausdrücklich an die Chaoten und nicht an unsere treuen Anhänger, die uns fair und ordentlich unterstützen!”

Nico Kanitz im Namen der gesamten 1. Männermannschaft des HFC

Kaukasus-Krieg tötet Friedensbewegung

Ja, läge Ossetien im Nahen Osten, wäre Georgien eine finstere Diktatur und Rußland die USA, dann müsste an Tag des Kaukasus-Krieges neben tausenden von zivilen Opfern vermutlich nicht auch das erste prominente deutsche Opfer beklagt werden: Die Friedensbewegung, seit dem Ende des Koreakrieges bei jeder auch nur verbalen Truppenbewegung der US-Amerikaner zuverlässig auf der Palme, begleitet die Kriegshandlungen zwischen Ossetien, Georgien, Rußland und Abchasien mit abgeklärten Schweigen statt mit dem üblichen Protest-Geschnatter.

Zu kompliziert ist die Lage, zu verworren die Rollenverteilung. Georgien, eigentlich als Opfer russischer Großmachtbestrebungen gesetzt, hat leider angefangen zu schießen. Normalerweise ein Grund, die mit dem georgischen Präsidenten Michael Saakaschvili verbündete USA, die strategische Interessen im Kaukasus hat, der Strippenzieherei zu zeihen und George W. Bush verantwortlich für die Eskalalation zu machen. Leider aber füllt Rußland die Rolle als Opfer georgischer Gewalt nur unzureichend aus, indem es der Gewalt der Angreifer mit ungleich mehr Gewalt begegnet.

Schwere Zeiten für die Friedensbewegung, die selbst Saddam Hussein noch helfend beiseitesprang. Diesmal ist selbst Oskar Lafontaine, seit dem Balkankrieg eine personifizierte Friedensbewegung, still: Ohne richtigen Feind lohnt eben auch der Kampf für den Frieden nicht.

Samstag, 9. August 2008

Fußballosten: Staat ohne Macht

Es war vielleicht nicht das wichtigste Spiel der vergangenen zehn Jahre, doch es war das bedeutendste. Nach dem gloriosen Pokalsieg von Magdeburg stand der viertklassige Hallesche Fußballklub zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder in der ersten Runde des DFB-Pokals, zum ersten Mal überhaupt wurde ein Spiel des ostdeutschen Traditionsklubs live beim Pay-TV-Sender Premiere übertragen. Die Zuschauer dort wie die mehr als 10.000 im baufälligen Kurt-Wabbel-Stadion bekamen denn auch dem Anlass gemäße Bilder geboten: Nach zwei Fehlern der ersatzgeschwächten halleschen Abwehr stand es schon nach zehn Minuten 0:1. Hannover ließ es danach gemächlich angehen, die halleschen Kicker kamen zu einigen zumindest im Ansatz vielversprechenden Aktionen, allerdings nicht zu einer klaren Torchance.

Hannover brauchte gar keine, um das zweite Tor zu machen. Einen zweiten Abwehrfehler nutzte die Bundesligatruppe kurz nach der Halbzeit zum 2:0, locker folgten das 3:0 und das 4:0 - und gleich anschließend der Offenbarungseid des Rechtsstaates.

Nachdem aus der Hannoveraner Fankurve ein Fahnenstock ins hallesche Tribünenpublikum geworfen worden war, stürmten zwei Dutzend erlebnisorientierte Knallchargen aus Leipzig und Halle getreu ihrer Devise "Leipzig und Halle - Fußballkrawalle" den Pufferblock vor der Kurve der 96-Fans und warfen mit Sitzschalen und Bierbechern. Schiedsrichter Wagner unterbrach das Spiel, so dass die Republik Zeit und Muße hatte, dem völlig enthemmten Treiben der gestörten Hooligantruppe zuzuschauen.

Minutenlang demonstrierte das Häuflein Grenzdebiler, dass Gesetze in ostdeutschen Fußballstadien nicht existieren und ihnen selbst das Schicksal des Klubs, als dessen "Fans" sie sich bezeichnen, völlig gleichgültig ist. Die normalen Zuschauer im Umfeld der Attacke flüchteten, die auf Stundenbasis bezahlten Ordner wagten es nicht, gegen die Vermummten vorzugehen. Von der Staatsmacht aber, die das Spiel zuvor angeblich als "Hochsicherheitsbegegnung" eingestuft hatte, weit und breit nichts zu sehen.

Polizei marschierte erst nach sieben Minuten Nahkampf ein, dann aber immerhin in ehrfurchtgebietenden Kampfanzügen und einem verschlepptem Laufschritt, der den Tätern genug Zeit ließ, sich geordnet in die normalen Fanmassen zurückzuziehen. Klug dirigiert von einem Einsatzleiter, der wahrscheinlich keinen Sichtkontakt zum Geschehen hatte, begnügte sich das durchaus bürgerkriegstauglich gerüstete Polizei-Kommando damit, den nach der Flucht der blau-gelb-roten Hooligan-Horde leeren Pufferblock in Manndeckung zu nehmen - wahrscheinlich aus Gründen der Deeskalation gab es keine Festnahmen und nicht einmal den Versuch, die Personalien von Beteiligten oder Zeugen festzustellen. Nach zehn Minuten konnte ein Verletzter geborgen, hinausgeführt und das Spiel trotzdem wiederangepfiffen werden. Über Strafen für die beteiligten Vereine wird kommende Woche entschieden, der HFC hat inzwischen für das nächste Heimspiel alle Stehplätze gesperrt, die Mannschaft hat die Fanszene wissen lassen, dass sie deren "Ultra-Aktionen" für Quatsch und Kinderkram hält.
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Patti Smith in roten Schuhen

Eva Loft ist die mitteldeutsche Patti Smith, allerdings ohne die großen Songs des Originals. Dafür trägt Verena, Sängerin der Band Eva Loftschöne rote Schuhe und auch der Nebelmann gibt, was er kann.

Wer hats gedichtet?

Heiße Kartoffeln
Und Gulasch?
Hört auf zu furzen!
Seht ihr nicht?
Die Welt ist im Umsturz!

Freitag, 8. August 2008

Es war nicht alles schlecht

Rolf Henrich, ein längst vergessener Dichter, widmete seinem Heimatland DDR einst den schönen Band "Der vormundschaftliche Staat", Wolf Biermann, wie Henrich ein unruhevoller Geist, nannte die "Entmündigung das Schlimmste" an der Arbeiter- und Bauernrepublik.

Jedoch, es war nicht alles schlecht, damals, als Henrich und Biermann noch im Widerstand waren. Den grober Vergleich der Honecker-Diktatur (im Bild: der große Vorsitzende Erich Honecker) mit der Merkel-Republik zeigt, das Marxens "Reich der Freiheit" im Alltag der Arbeiter- und Bauernrepublik schon verblüffend weitgehend verwirklicht war - und 18 Jahre Freiheit eigentlich gereicht haben, die Volksmassen in einem Maß zu entmündigen und zu bevormunden, wie es selbst Henrich und Biermann nur noch stillschweigend zu ertragen vermögen.


1) Rauchen: In der DDR überall möglich und erwünscht, Sitzungsräume, Züge und Fabrikhallen qualmten vor revolutionärem Rauch. Heute verboten: in öffentlichen Gebäuden, Kneipen, Kinos, Büros.

2) Alkohol: In der DDR Lebensmittel, nicht wegzudenken selbst vom Arbeitsplatz, der ein Kampfplatz für den Frieden war. Keine Party ohne Koma, selbst Kaffeelikör und "Timms Saurer" wurden von Jung und Alt bis zur letzten Neige getrunken, auf öffentlichen Plätzen ebenso wie in geschlossen Veranstaltungen. Heute verboten: In Büros, Innenstädten, für Jugendliche, Kinder, Schwangere, in Stadien.

3) Killerspiele: In der DDR als Kartenspiel "Leben & Tod" Kulturprogramm aller Ferienlager. Heute verboten: In Kinderzimmern, auf Computern, für Minderjährige.

4) Spielzeugpistolen: In der DDR Geburtstagsgeschenk für jeden Möchtergern-Cowboy, der das vierte Lebensjahr erreicht hatte. Heute verboten: Wenn "täuschend echt", also pistolenförmig, in Flugzeugen und Stadien.

5)
Taschenmesser: In der DDR Teil der lebenswichtige Grundausstattung jedes Mannes. Wurde zum Reparieren des "Trabant" gebraucht, aber auch beim Bündeln von Altpapier. Heute verboten: Wenn Klinge länger als sieben Zentimeter, wenn Butterfly-Modell, wenn Besitzer kein Jäger oder Angler, in Flugzeugen und auf offener Straße.

6) Glühbirne: In der DDR Grundlage der Wohnungsbeleuchtung mit dem nützlichen Nebeneffekt, dass nicht zur Beleuchtung genutzte Energie die ofenbeheizte Wohnnugn warmhalten half. Heute verboten: Wegen Klimarettung und Rettung von Arbeitsplätzen bei Energiesparleuchtenherstellern.

7) Handy im Auto: In der DDR grundsätzlich erlaubt, da nicht geregelt. Heute verboten: Wegen Verkehrssicherheit und Absatzförderung für Freisprechanlagenhersteller.

8) Fahrverbote: In der DDR durfte jeder ohne Feinstaubplakette nach Berlin. Selbst für Trabis gab es keine Fahrverbote. Heute verboten: Etwa in Berlin, wegen EU, Feinstaubrichtlinie und Absatzförderung für Filterindustrie.

9) Sperrung von Internetseiten: In der DDR völlig unbekannt. Selbst der immer mißtrauischen Stasi-Führung unter Erich Mielke war Zensur im Internet eine, sagen wir mal: gänzlich unvorstellbare Vorstellung. Heute verboten: Naziseiten, Sexportale, Gewaltexzesse, Tattoo-Seiten, Tauschbörsen, markenrechtsverletzende Seiten.

Detailreich wie nie, ungenau wie immer

Während der lokale Wetterfrosch in Verkennung der wirklichen Lage noch dichtet "Heizt Dominikus tüchtig ein / wird viel Schnee im Winter sein", lässt nach Erkenntnissen des "Focus" ein "besonders hochauflösenden Klimamodell des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg detailreich wie nie" erkennen, "wie sich der Klimawandel bis 2100 auswirkt".

Danach, Überraschung!, werden "die Wetterextreme zunehmen", was auch mal wieder gesagt werden musste. "Aus den Simulationen gehen klare Klimatrends hervor", weiß der Berichterstatter von der Klimakatastrophenfront: "Danach wird es vor allem in den Wintermonaten in ganz Deutschland wärmer. Regional steigen, je nach CO2-Ausstoß, die Temperaturen um bis zu vier Grad, in den Alpen sogar bis fünf Grad." Klar, da heißt es nur noch "Wintersport ade", denn die "winterliche Niederschlagsmenge nimmt in den Mittelgebirgen um bis zu 30 Prozent zu, dennoch mangelt es den Alpen an Schnee". Im Sommer könnten die Regenmengen in Süd-, Südwest- und Nordostdeutschland um ein Drittel sinken, was Dürren verschärft und die Waldbrandgefahr erhöht - unnachahmlich Focus den anschließende Satz: "An Nord- und Ostseeküste dürfte davon der Tourismus profitieren." Davon?

Man weiß es nicht, ahnt es aber, denn "unter dem Strich nehmen die Extreme zu" und das musste auch mal wieder gesagt werden, ein Jahr nach Begin der Klimaoffensive der Bundesregierung, die ein Verbot für ungedämmte Camping-Zelte, Pullover im Wohnzimmer und sinnlos überheizten Starbucks-Kaffee brachte. „Wir müssen mit stärkeren Wetterereignissen wie Stürmen, Hagelschlag und Dürre rechnen", verrät einer der Max-Planck-Forscher dem Nachrichtenmagazin aus München, was vor einem Jahr jeden Tag in der Zeitung stand. Neu dabei: "Auch mit solchen, die wir hier noch gar nicht kennen.“

Nur so war es wirklich

Am Ende kommt die Wahrheit immer raus, und das je schneller, je früher sich das projektgegenpart.de mit einer offiziellen Pressemitteilung in die Ermittlungen um die nächtlichen Straßenschlachten in Dessau einschaltet. Wie die Wirklichkeit dann poetisch umschrieben, wie die Regie in der Zeit hin- und herspringt, Gegenschnitte macht und den Zuschauer dramaturgisch geschickt im Glauben wiegt, jetzt aber wirklich mal alles erfahren zu haben, ist gute alte Tarantino-Schule.

Am Ende große Blende ins Soziologisch-Statistische, ein Moment wie in "Letters from Iwo Jima", mit Gänsehautkribbeln bei der Formulierung "Revitalisierung der Neonaziszene". Wozu Steuergelder doch alles gut sein können:

"Heute gegen 0.15 Uhr griffen 25 Neonazis mehrere alternative Jugendliche auf dem Friederikenplatz im Dessauer Stadtteil Nord an. Die gewaltbereiten Rechtsextremisten näherten sich dem Platz, der unmittelbar an das Alternative Jugendzentrum der Stadt angrenzt, aus Richtung Schlachthof kommend und skandierten dabei lautstark die Neonaziparole: „Frei, sozial und national!“

Die zum Teil vermummten Täter setzten bei der Attacke Reizgas ein und verletzten zwei der Betroffenen leicht. Zudem zog sich eine Jugendliche bei einem Sturz Hautabschürfungen zu. Alle Geschädigten haben noch in der Tatnacht Strafanzeige erstattet.

Nach Zeugenangaben griffen die Neonazis auch vor Ort eingesetzte Polizisten an.

Schließlich gelang es den Beamten mehrere tatverdächtige Rechtsextremisten, darunter die stadtbekannten Aktivisten Steffen M. und Martin V., festzusetzen.

Der polizeiliche Staatsschutz ermittelt u.a. wegen Landfriedensbruch und Körperverletzung.

Zuvor waren etwa 80 alternative Jugendliche auf einer nicht angemeldeten Demonstration durch die Stadt gezogen, um gegen Neonazis zu protestieren.

Dessau-Roßlau hat sich in den letzten Monaten zu einem Schwerpunkt rechtsextremer Aktivitäten in Sachsen-Anhalt entwickelt. Diese Revitalisierung der Neonaziszene, äußert sich in einem spürbaren Anstieg von rechtsextrem motivierten Körperverletzungen, Sachbeschädigungen und Propagandadelikten. So führt die Stadt die Statistik bei rechten Gewalttaten mit insgesamt 12 Delikten (Stand Ende Juli 2008) an."

Gemeinsam statt einsam

Seit die "Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt" in der historischen Region Anhalt nimmermüd den Kampf gegen rechts organisiert, ist die Gegend um Dessau zumindest medial zu einem Schwerpuntk rechter Gewalt geworden. Keine Woche, in der die "Aktiven" (Beratungsstelle) nicht per Email-Newsletter neue entsetzliche Übergriffe melden, die sonst nirgendwo passieren: Mal werden junge Leute mit bunten Haaren verprügelt, mal Scheiben eingeworfen, mal verachtenswerte Parolen an Hausecken gesprüht.

Soviel Promotion entfaltet auf Anhänger beider Lager eine Anziehungskraft wie ein kostenloses Luxushotel auf Straßenkinder: Letzte Nacht zogen so "100 vermummte Personen aus der linken Szene" (dpa) durch Dessau, besprühten Hauswände mit Farbe, rief "gewaltverherrlichende Parolen" (Polizeibericht)- wahrscheinlich soetwas wie "Prügeln finden wie gut" und "Hautsehautse,hautse auf die Schnauze" - und warfen "mit Pyrotechnik" gegen rechts. Gegen sechs Personen wurden Strafanzeigen wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung gestellt, rund 30 "Aktivisten" wurden bei dem Versuch, vor einer Personenkontrolle zu fliehen, festgesetzt. Der Einsatz, so die Polizei, habe acht Stunden gedauert, auf Seiten der Staatsmacht schritten auch "Kräfte der Bundes- und der Bereitschaftspolizei" unterstützend ein, um "Recht und Ordnung schnell wiederherzustellen" (Erich Mielke).

Nach Angaben der Polizei war ein Großteil der Teilnehmer der zwanglosen Straßenschlacht zuvor mit dem Zug aus Halle und Bitterfeld nach Dessau gekommen. Ein schönes Zeichen dafür, das der jahrelange "Kampf gegen rechts" (Claudia Roth) endlich Früchte trägt: Einige der vermummten Teilnehmer am Umzug gehörten nach Angaben der Polizei dem "rechten Spektrum" (dpa) an.

Roland Koch: Reif für die Insel

Roland Koch, amtierender hessischer Ministerpräsident, ist offenbar schon auf der Suche nach einem neuen Job. Das Rasiermesser der CDU versucht, mit einer Neuauflage seiner unzutreffenden, manipulativen und auf falschen Zahlen beruhenden Kampagne zur angeblichen Kriminalität von Jugendlichen "mit Migrationshintergrund" (Claudia Roth) einen Neustart auf der Insel. Sicher aber werden die Briten aus der deutschen Lektion lernen, die Roland Koch von Andrea Ypsilanti erteilt wurde: Beste Waffe gegen eingebildete oder wirkliche Jugendkriminalität ist eine gewonnene oder verlorene Wahl. Die erledigt das "drängende Problem" (Wolfgang Schäuble) von selbst. Oder wenigstens hört man nie mehr etwas davon.

Donnerstag, 7. August 2008

"Gefühlt jugendgefährdende Inhalte"

Auf einmal ist Zensur in deutschland ein Thema, dessen sich neben dem "Tagesspiegel" auch Telepolis, der Unterstützung rechter Extremisten unverdächtig, annimmt. "Die gewohnte Empörungsmaschinerie der üblichen Verdächtigen vergisst, dass ein bisschen Zensur so einzuschätzen ist wie ein bisschen Schwangerschaft. Das gibt es nicht", befindet Burkhard Schröder von burks.de, auch er unverdächtig, Sympathien für Rechtsaußen zu hegen. Natürlich sei das Ausmaß der Internetzensur in China, das ausdrücklich keine Seiten betrifft, die Mao feiern, nicht vergleichbar mit der in England oder Deutschland, heißt es weiter: Aber "einen ungefilterten Zugang gibt es weder in Großbritannien noch in Nordrhein-Westfalen." Rechts geschieht es den Rechten - aber die sind es ja nicht nur. Sex-Seiten, Tattoo-Seiten, Humorseiten werden beinahe ebenso gern so versteckt, dass sie der deutsche Nutzer nicht zufällig finden kann. Mehr würde sich mancher wünschen: Sachsen-Anhalt zum Beispiel würde, wenn es könnte, Seiten von Wettanbietern sperren.

Muss sich Herr Vesper, der es gewagt hatte, öffentlich zu sagen, dass Deutschland gar nicht wenige Webseiten zensiert, dennoch entschuldigen? Oder muss jugendschutz.net, nach Ansich von Schröder treibende Kraft hinter vielen, vielen gesperrten Seiten, sich künftig öffentlicher Diskussion und Konrolle stellen? Wahscheinlich ist Variante 3: Morgen Olympia-Eröffnung. Übermorgen das erste Gold. Menschenrechte, Zensur, China - spätestens ab Sonntag kein Thema mehr.

Was der Schah noch wusste

Was ist nun mit Vietnam?

Nur für die Akten: Nach Angaben von Alejandro Wolff, US-Botschafters bei der Uno, ist die Zahl der Anschläge im Irak im Vergleich zum Vorjahr um 84 Prozent gesunken. Wolff berichtet dem Sicherheitsrat zudem, dass die Zahl der Zivilisten, die bei Anschlägen ums Leben kamen, um 64 Prozent zurückging. Die Verluste der US-Streitkräfte seien sogar um 90 Prozent niedriger als im Vorjahr.

Alles spricht also weiter dafür, dass das"neue Rom" (Ludwig Stiegler) ein "Debakel" (Ströbele) erlebt, einen "zweiten Vietnam-Krieg" (Wiefelspütz), in dessen Folge "der gesamte Nahe Osten brennen" (Todenhöfer) wird.

Vielleicht mal wieder eine gute Gelegenheit, etwas über die steigende Zahl weiblicher Selbstmordattentäter zu machen. Oder über die Sommeroffensive von Al Kaida in Afghanistan.

Geätzte Nummer im Kupfer

Nach dem Überraschungseierverbot, dem Verbot von braunen Schornsteinfegern, der einheitlichen Steuernummer für Neugeborene und der Auspolsterung der gesamten Landfläche Deutschlands mit kuschelweichen Matratzen zündet Sachsen-Anhalts Innenstaatssekretär Rüdiger Erben eine weitere Treibstufe zur Schließung von klaffenden Regelungslücken im Inland.

Ins Visier nimmt der agile SPD-Politiker gewissenlose Buntmetalldiebe, die seinen Erkenntnissen nach"in den vergangenen Wochen" mit einer rasant gestiegenen "Zahl von Diebstähle" aufgefallen waren, nur weil die Metallpreise auf dem Weltmarkt gestiegen waren.

Erben will das verbieten - und er fährt dazu eine Zwei-Fronten-Strategie gegen die Metalldiebe: Einerseits soll jetzte auch die Polizei gegen die Täter vorgehen. Dabei würden die Unternehmen auf Schwachstellen geprüft und "in manchen Fällen speziell gesichert ". Andererseits soll das befreundete Wirtschaftsministerium prüfen, ob "eine Nachweispflicht für Betriebe eingeführt werden kann, die Schrott und Altmetalle ankaufen". Diebesgut und Hehlerware würde dann, so die vage Vorstellung des Innenministeriums, nur noch markiert etwa in Trafohäuschen eingebaut, Kupferleitungen bekämen eine geheime Stromleitungsnummer eingeätzt und aus die gern gestohlenen Gullideckel wären künftig verpflichtet, einen Aufkleber zu tragen, auf dem etwa "Einschmelzen verboten" stehen könnte. Die Verwaltung der geheimen Metallregistriernummer könnte ein weiteres neuzuschaffendes Bundesamt für Kupferadern übernehmen, das auch die Nachweispflicht der Betriebe kontrolliert.

Mit Hilfe dieses Maßnahmebündels könnte gestohlenes Altmetall künftig schneller erkannt werden, glaubt Erben. Allerdings sei wohl eine bundesweite Regelung sinnvoll, "um einen Verdrängungseffekt zu verhindern". Verbieten alle Bundesländer Metalldiebstahl einhellig, müssten Metalldiebe künftig nach Tschechien, Polen, Dänemark oder Frankreich ausweichen, um ihre Ware loszuwerden - Deutschland könnte das hier entwendete Altmetall dann aber problemlos wieder von dort importieren.

Parasiten mit brauner Propaganda

Das Böse lauert immer und überall, wusste seinerzeit schon das Wiener Gesangskommande EAV - die investigativ ermittelnde "Tagesschau" hat jetzt herausgefunden, dass der Newsdienst "Google News" nicht nur die amtlichen Staatsnachrichten aus Hamburg und die antiimperialistischen Texte der Jungen Welt ins Internet überträgt, sondern darüberhinaus auch Meldungen aus dem Bereich "braune Propaganda".

Die Rechtsextremisten, allesamt in kniehohen Unterwanderstiefeln, setzten dabei vor allem auf bürgernahe Themen: "Hohe Energiepreise, Nachteile für den Mittelstand durch die EU, das Rauchverbot in Eckkneipen" - also etwa das Themenspektrum, das die Tagesschau aus Regierungssicht jeden Tag abhandelt, unterlegt mit kritischen Bildern von Sigmar Gabriel, Walter Steinmeier, Angela Merkel und jeweils wechselnden schweren Limousinen, die irgendwo vor- oder gerade wieder fortfahren.

Das geht natürlich so nicht. Findet auch der Medienwissenschaftler Alexander Görke, der dem Fachausschuss des Bundestages inzwischen erklärt hat, warum. Google News wähle Nachrichten nicht redaktionell aus, sondern klaube sie "auf der Basis von Suchalgorithmen - gleichsam parasitär - zusammen." Damit wildere der Dienst der Suchmaschine auf dem "Terrain des Journalismus, ohne an dessen Kompetenz heranzureichen".

Görke, Fachmann bis ins Rückenmark, ärgert sich ziemlich darüber, dass Google News sehr viel mehr Besucher hat als etwa Tagesschau.de. Wehalb er den parlamentariern einfach mal ins Unreine vorsprach: "Den Nutzen, den eine politisch interessierte Öffentlichkeit von einem derartigen Angebot haben kann, sehe ich nicht."

Ohne Dollar an der Tanke

Das Morgenmagazin, wo sie sprechen müssen, ohne vorher nochmal drüber schlafen zu dürfen, prangert in scharfen Worten und bunten Tabellen an, dass die Ölpreise an den Rohstoffbörsen zuletzte rapide gefallen, die Spritkosten an den deutschen Tankstellen aber nicht im selben Maße zurückgegangen sind.

Allerlei Tabellen später ist klar: Der Ölpreis ist seit dem Hoch bei 150 Dollar um 17 Prozent gesunken, der Benzinpreis seit dem Hoch aber nur um neun Prozent. Skandal, Empörung, der Moderator, ein Autofahrer auch er, ist sauer.

Vom Dollar, der die Handelswährung für Erdöl ist, hat der Mann offenbar noch nie gehört. Der Dollar ist seit seinem Tief bei 1,60 für einen Euro um knappe fünf Prozent gestiegen - wer Öl mit Euros kauft, muss deshalb fünf Prozent zusätzlich zahlen.

So gesehen ist der Benzinpreis also eigentlich doch um 14 Prozent gefallen, in Euro gerechnet aber eben nur um neun - das auch, weil bis zu 75 Prozent des Benzinpreises, den deutsche Autofahrer an der Tankstelle bezahlen, aus Steuern bestehen. Der Staat, nicht die Ölkonzerne, kassieren Mineralölsteuer, Mehrwertsteuer auf den Produktpreis und Mehrwertsteuer auf die Mineralölsteuer. Auf den Kanaren, die weniger Steuern kassieren, ist die Preisanzeige an der Tankstelle ein Traum - siehe Bild oben.

Ist also der Dollar im Verein mit den Steuern schuld, dass Benzin weiter teuer bleibt? Nunja, gestiegen war der Ölpreis zuvor unter anderem, weil der Dollar zu allen wichtigen Währungen der Welt gefallen war. Das haben Ölverkäufer nicht so gern, bleibt ihn doch so nach einem Umtausch der Einnahmen in eine andere Devise weniger Geld. Folglich erhöhen sie die Preise - und senken sie, wenn der Dollar steigt, was er derzeit tut.

Mittwoch, 6. August 2008

Die Wahrheit der Taxifahrer

Alle reden über China wie vor fünf Jahren über Hohmann, alle wissen, wie das geht da hinten, obwohl es egentlich vorn heißen müsste. Der Chinese Qiang Fu ist Germanistik-Professor an der TU Qingdao und lebte vorher mal 20 Jahre in Deutschland. In der sonst eher bräsigen als originellen Prantl-Postille SZ gibt der Experte Beachtliches zu bedenken, zum Beispiel, warum Taxifahrer glauben, der Westen habe das Meer vor Tsingtao vor der Olympiade mit Algen verseucht.

Anders, hat Fu beobachtet, denkt der Westen auch nicht vom Osten. Er belegt diese Theorie lässig mit einer Zusammenfassung der Diskussionen, in denen China zuletzte eine Rolle spielte: Ein "Grund für die heftige Reaktion Chinas auf westliche Kritik kann darin liegen, dass man den Eindruck hat, nicht fair behandelt zu werden. Beispielsweise hatte die deutsche Presse mit positivem Unterton berichtet, als VW im vergangenen Jahr zum ersten Mal mehr Autos in China als in Deutschland abgesetzt hatte.Der Konsum der Chinesen stützte also auch die Konjunktur in Deutschland. Kaum hatte man sich umgedreht, wurde China jedoch plötzlich verantwortlich für die Knappheit von Öl sowie den Klimawandel gemacht. Oh Wunder: Auch Chinesen kaufen Autos, um zu fahren.

Zweites Beispiel: Auch an der Verteuerung von Lebensmitteln soll China schuld sein. Abgesehen davon, dass China in der Lage ist, seine 1,3 Milliarden Menschen selbst zu ernähren, stellt sich die Frage: Was sollte das Land denn tun? Sollten Lebensmittel wieder wie zu Maos Zeiten rationiert werden, damit weltweit die Preise zurückgehen."

Ein Schelm, wer dabei denkt

Was für eine "skandalöse These" (Passauer zeitung), was für ein schlimmer, schlimmer, schlimmer Vergleich. Was, fragt das mediale Flachland einhellig mit offenstehendem Mund, hat sich Michael Vesper, Grüner und zudem Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbundes, dabei nur gedacht?

Internetzensur, behauptete er frech, gebe es nicht nur in China, sondern auch in Deutschland. Dort würden Seiten der Falun-Gong-Sekte gesperrt, hierzulande welche von Neonazis, dort darf niemand seiner Begeisterung über den Dalai Lama Ausdruck verleihen, hier keiner seiner über den England-Flieger Rudolf Heß.

Skandalös, absurd, empörend. Denn was gleich aussieht und so ähnlich riecht, ist natürlich nicht annähernd dasselbe: "Hier eine Diktatur, die mit Zensur Meinungs- und Pressefreiheit einschränkt", sagt der kampfeslustige Kommentator der Passauer Presse, "dort eine Demokratie, die sich gegen Verfassungsfeinde zur Wehr setzt."

Natürlich, einen Moment Nachdenken braucht man, um in solch einer Formulierung zu unterscheiden, welche Satzhälfte nun welches Land meint. Aber eindeutig wird es ja hier, wo bemängelt wird, "dass sich die deutschen Olympia-Funktionäre bisher nicht gerade dadurch ausgezeichnet haben, dass sie auf Missstände in Peking hinweisen." Obwohl es ja Lebenszweck deutscher Olympiafunktionäre ist, auf Mißstände in Peking hinzuweisen. Vesper hat das nicht begriffen und ist so fahrlässig der erste deutsche Olympiafunktionär, der Mißstände in Deutschland kritisiert.

Was geht den das an? Natürlich muss er sich nun entschuldigen, wie der SPD-Westoverträger Dieter Wiefelspütz spontan forderte. Die Berliner CDU, die am liebsten an allen Berliner Schulen Internet-Filter einrichten will, wird folgen. Dann Yahoo, das bei der Flickr-Suche deutschen Gerichtsurteilen folgen muss und warnt: "If your Yahoo! ID is based in Germany you are not able to view restricted content due to your local Terms of Service." Google ist nicht besser, deren Seite mit .de schluckt allerlei unerlaubte Treffer weg, ebenso wie Ebays Artikelsuche, die zur großen Begeisterung der Passauer Presse weglässt, was mit Stasi oder Nazi zu tun hat. Selbst SED-Parteiabzeichen gelten als Konterbande, die Deutsche nicht finden dürfen.

Die SPD, die neulich das Internet-Forum „Keine Zukunft mit Kurt Beck“ schließen ließ, findet das bestimmt prima. Ein sauberes Netz auch für Erwachsene. Das hat der Internet Provider Arcor neulich schonmal getestet, als er seinen Kunden auf Verlangen eines deutschen Gerichtes den Zugang zur Pornoseite Youporn verwehrte. Kam nicht gut an, allerdings nur bei den Betroffenen. Deutsche Massenmedien kämpfen doch tendenziell eher lieber für ein freies Netz in Wuhan als für eines in Wuppertal.

Ein Schelm, wer dabei denkt. Schließlich sind wir hier in Deutschland. Und das lobt sich selbst im Grundgesetz:
Eine Zensur findet nicht statt.

Wiedergeboren als Sänger

Sie ist die Ikone des Widerstandes gegen das Naziregime, das sie mit Flugblättern bekämpfte, er ist der Schöpfer großartiger Gitarrenklimperei, ein Bob Dylan, der sogar singen kann. Sophie Scholl (Bild rechts), Biologie- und Philosophiestudentin, starb am 22. Februar 1943. Wurde aber nun offenbar in der Figur des Sängers und Liederschrammlers Conor Oberst (Bild links) wiedergeboren, wie der noch untote Fußballgott Günter Netzer als italienischer Kicker Andrea Pirlo. "I don´t want to die", singt Conor Oberst auf seinem neuen Album. Da kommt also später nochmal wer nach, wenn alles klappt.

Ready to lead

Sie wurde grausam geschändet von einem alten Mann, in aller Öffentlichkeit mißbraucht im Namen des Bösen. Jetzt schlägt Paris Hilton, Lieblingsbunny der Youtube-Generation, lächelnd zurück, stilecht auf einer Plastikliege, kurz aufschauend von einem Reisemagazin, die Nase spitz und wie ein echter Politiker irgendwie für allerlei und gleichzeitig dagegen. Eine Vizepräsidentin, zumindest.

Von Säuen und Stichflammen

Die Themen kommen und gehen, die Aufregung hält immer nur einen Moment, schon wenig später ist die "Karawane"(Helmut Kohl) weitergezogen, um die nächste Stichflamme aus einem trockenen Holz zu schlagen. Axt im Wal.de hat sich die Mühe gemacht, Aufstieg und Fall der "Debatte um Jugendkriminalität" (HZ)nachzuzeichnen, die Anfang des Jahres für ein paar Wochen ganz Deutschland in Atem hielt. Seitdem aber nie wieder hat von sich hören lassen. Das Ergebnis ist erstaunlich, weil genau so, wie zu erwarten war: Als Medien waren nicht nur willige Verstärker politischer Parolen, sondern deren eifrige Fortschreiber.

Wir borgen die Grundthesen von AxtimWal.de, den Rest gibt es
hier:

Nehmen wir einfach mal die Suche nach Artikeln, die zum Stichwort „Jugendkriminalität“ ausgespuckt werden, am Beispiel von faz.net und sueddeutsche.de (bei den anderen Zeitungen - ich habe mir noch taz und Die Welt angesehen - sieht es nicht anders aus). Und zwar vergleichen wir drei Zeiträume, nämlich vom 20.12.07 bis zum 27.1.08 (also dem Zeitraum zwischen dem U-Bahn-Überfall und den Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen) und dann noch als Vergleichszeiträume die fast zwölf Monate davor (also vom 1.1.07 bis zum 19.12.07) und die Anzahl der Berichte danach bis heute (also vom 28.1.08 bis zum 30.6.08)

Die Suche in den Onlineausgaben ist freilich recht grob (da Artikel aus Print- und Onlineausgabe zusammengeworfen werden), die Ergebnisse aber überwältigend genug, um dennoch eine deutliche Sprache zu sprechen:
Vom 1.1.07 bis 19.12.07 liefert die Suche bei sz 11 Ergebnisse, bei faz 4, in den Wochen des Wahlkampfs sind bei sz 90, bei faz 92 zu finden und in den vergangenen 5 Monaten sehen wir bei sz 35, bei faz 36. Das heißt, in den gerade einmal 5,5 Wochen vor den Landtagswahlen sind 182 Beiträge zu finden, in den insgesamt 72,5 Wochen davor und danach dagegen zusammen nur 86. Im Schnitt wurden also in der Zeit des Wahlkampfs pro Woche 33 Artikel veröffentlicht, in den Monaten vor dem U-Bahn-Überfall nur 0,3 und in den Monaten danach nur 3,2 pro Woche. Von einem der Sensibilität dieses Themas angemessenen Umgang seitens Politik und Medien kann man also kaum reden.

Doppelrolle rückwärts

Als Gerlinde Kuppe ins Amt kam, war das Problem gar keines mehr. Uran im Trinkwasser? Da sah das Sozial-Ministerium von Sachsen-Anhalt doch seinerzeit, im Jahre 2006, doch keinen Grund zur Aufregung. Erstens habe man "grundsätzliche Zweifel" daran, dass eine entsprechende Risikostudie des Bundesamtes für Risikofolgeabschätzung repräsentativ sei. Und zweitens, das wusste die neue Ministerin besser als alle anderen, hätten neue Proben "keine Uranwerte mehr über dem WHO-Richtwert ergeben".

Dann vergeht die Zeit, nicht aber das Problem. Plötzlich ist auch Gerlinde Kuppe wieder da, diesmal allerdings in der Rolle der beuruhigten Verbraucherschützerin, die die Einführung eines Grenzwertes für Uran in Trink- und Mineralwasser fordert.

"Sowohl die Verbraucher als auch die Unternehmen wären auf der sicheren Seite, wenn Deutschland den Mut aufbringt, statt eines weichen Richtwertes einen harten Grenzwert einzuführen", sagte die Sozialdemokratin und vollzog damit eine Art Doppelrolle rückwärts: Keine überschrittenen Richtwerte gestern brauchen morgen einen Grenzwert, weil ja überhaupt "grundsätzliche Zweifel" am Gesundheitsrisiko bestehen. Was sagt eigentlich Horst Seehofer dazu? Und wo ist Karl Lauterbach?

Dienstag, 5. August 2008

Abheben bei der SPD

Nachdem die deutsche Sozialdemokratie in den letzten Jahren erfolgreich alle Quertreiber, Dissidenten und Abweichler verabschieden konnte, hat der Parteivorstand beschlossen, das traditionsreiche Geschäftsmodell der SPD auf neue Zielgruppen auszuweiten. Es gehe nicht mehr darum, Mitgliederverluste auf der Mitgliederseite auszugleichen, erläuterte ein mit der Materie vertrautes Mitglied des Gremiums. Vielmehr wolle die "Arbeiterpartei" (Willy Brandt) mit Rabattkarten, Bonuspunktmodellen und Treueprämien gnz neue Wege gehen, um die Umsätze auszubauen und zuätzliche Gewinne zu machen. Erster Schritt ist der Aufbau einer SPD-Bank, die sich im olympischen "Reich der Mitte" (Lonely Planet) bereits im Testlauf befindet. An den geldautomaten der ersten Geschäftsstellen können auch Nicht-Mitglieder und CDU-Sympathisanten Geld abheben und Einzahlungen tätigen. "Letzteres ist uns aber natürlich lieber", hieß es aus dem Umfeld des Parteivorsitzenden.

Strahlenalarm im Sommerloch

Damals, als die Schlagzeile Premiere hatte, war der alte Papst noch im Amt und in aller Welt bekannt als intoleranter Empfängnisverhütungsverhüter. Raider hieß zwar schon Twix, aber das wussten die Älteren noch nicht. Osama Bin Laden war der Sohn eines Zementfabrikanten, George Bush ein ehemaliger US-Präsident, der Jahrtausendwechsel gerade so überstanden worden.

Anno 2006 war es, als aufmerksame Fernsehjournalisten Uran, das radioaktive, strahlende Giftmetall, in deutschen Mineralwassern fanden. Im Laden. In der Flasche. Drei Tage schaukelte eine Welle namenlosen Tschernobyl-Entsetzens durch die Republik, die bis dahin geglaubt hatte, Wasser sei sicher, umweltschonend und gesund: Nicht einmal europäische Grenzwerte für die Menge an Uran, die im Wasser sein darf, gibt es, empörten sich Verbraucherschützer.

Das tun sie seitdem etwa aller zwei Jahre. Längst ist ein neuer Papst im Amt, der bei der empfängnisverhütenden Jugend als coolster Empfängniverhütungsverhüter aller Zeiten gilt. Längst weiß niemand mehr Raider zu buchstabieren, dafür kann natürlich jeder den Terrorfürsten Osama Bin Laden malen und George Bush als schlimmsten Präsidenten aller Zeiten identifizieren. Noch mehr hat sich nicht geändert: Denn das Uran im Mineralwasser ist immer noch da - und immer wieder wird diese Tatsache von mutigen Fernsehjournalisten schonungslos aufgedeckt.

War es 2006 die vom ehemaligen Greenpeace-Chef Thilo Bode gegründete Organisation Foodwatch, die die Journaille auf die heiße Spur brachte, war es diesmal - ja, die vom ehemaligen Greenpeace-Chef Thilo Bode gegründete Organisation Foodwatch, die enthüllte "Deutsches Trinkwasser ist mit dem Schwermetall Uran belastet - Verbraucherschützer schlagen Alarm" (SZ).

Auch der Rest ist wie vor zwei, vier oder acht Jahren: 150 Proben von etwa 8200 Proben aus ganz Deutschland enthielten einen Urananteil von mehr als zehn Mikrogramm pro Liter Wasser. Das ist zwar immer noch weniger als der von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Wert von 15 Mikrogramm und sowieso ist über die Gefährlichkeit der Uranaufnahme mit der Nahrung wenig bekannt. Aber gerade das Unbekannte reicht ja zuverlässig für jede Menge Aufregung.

Was wäre zum Beispiel, würden die Menschen eines Tages erfahren, dass auch ihre Tomaten, ihre Gurken, ihr Duschwasser und das Beckenwasser im Freibad mit Uran geradezu verseucht sind? Dass in ihrer Wurst Uran ist, in ihrem Schweinebraten, im Kirschkuchen, in der Milch und in der Zigarette? Mehr noch - dass die gesamte Erdkruste etwa 2,3 Gramm Uran pro Tonne Erdreich oder Gestein enthält? Was quasi automatisch zur Folge hat, dass Trinkwasser, Böden und Nahrungsmittel voller Uran sind und sogar die Luft 0,04 Milliardstel Gramm pro Kubikmeter enthält. Bei einer mittleren täglichen Atemrate eines Erwachsenen von 20 Kubikmetern Luft gelangen daher etwa 0,8 ng Milliardstel Gramm Uran pro Tag in den Körper, im Erzgebirge und dem Mansfelder Land eher mehr, an der Ostsee eher weniger. Mit der Nahrung nimmt ein Erwachsener zusätzlich täglich bis zu 1,5 Millionstel Gramm auf - im Ergebnis enthält ein Mensch dann 30 bis 60 Mikrogramm Uran, mithin deutlich mehr als eine Mineralwasserflasche, und das ganz unabhägig davon, ob er viel Mineralwasser trinkt oder wenig.

Aber das ist vielleicht schon die nächste Geschichte: "Immer mehr Deutsche mit Uran verseucht" wäre etwas fürs Sommerloch im kommenden Jahr. Gut denkbar auch "Friseure müssen Kundenhaar als Sondermüll entsorgen" oder "Jeder Deutsche enthält 250.000 Atome aus Napoleon". Noch einfacher allerdings wäre der hier: "Kennedy bei Attentat ermordet", "Papst: Ich bin Katholik" oder "Mann vergisst seine Frau an Autobahn-Raststätte".

Betten aus Beton

Zweitausend Menschen sterben jedes jahr allein in der Europäischen union, weil sie mit einer Zigarette im Bett einschlafen, das bettzeug sich entzündet und die von Alkohol und sexuellen Ausschweifungen ermatteten Raucher selbst durch aufflackernde Flammen nicht wach werden.

Schlimme Zustände, denen die Europäische Union nunmehr endlich einen Riegel vorschiebt. Nach dem Verbot von Alkopops, Handytelefonieren im Auto, Urinieren auf Wiesen, ungeschütztem Oralverkehr und Rauchen in Straßenbahnen oder verqualmten Kneipen soll in den nächsten Jahren auch ein Rauchverbot für Schlafzimmer eingeführt werden.

Da das vorerst wegen mangelnder Überwachungstechnik noch nicht lückenlos kontrollierbar ist, setzt die Europäische Kommission - nach ihrem Triumph bei der Irland-Abstimmung mit neuen Selbstbewusstsein ausgestattet - auf selbstlöschende Zigaretten: Spätestens in drei Jahren dürfen danach nur noch Zigaretten verkauft werden, die nach kurzer Zeit von selbst erlöschen, wenn der Raucher nicht an ihnen zieht. In fünf Jahren soll dann eine Betonbett-Pflicht eingeführt werden, die die tödliche Brandgefahr im Schlafzimmer weiter minimiert.

Montag, 4. August 2008

Fummeln mit Fußfesseln

Letzten Monat erst gelang der bis über beide Ohren verschuldeten Stadt Halle in Sachsen-Anhalt ein fabelhafter Coup: Eine von der NordLB eigens gegründete Zweckgesellschaft übernahm 2200 Wohnungen von der größten städtischen Wohnungsgesellschaft, die bekommt dafür 81 Millionen, muss aber in den kommenden 30 Jahren 153 Millionen zurückzahlen.

Der Jubel kannte keine Grenzen, vor allem, weil es sich bei der NordLB nicht um eine der gefürchteten spekulativen Hedge-Funds-Heuschrecken handelt, sondern um eine sehr verläßliche Landesbank, die von Haus aus weder willens noch in der Lage ist, nur wegen schneller Gewinne seltsame Geschäfte mit exotischen Anlageformen herumzufummeln.

Die NordLB kümmert sich stattdessen um den Mittelstand - etwa um die US-Firma RemoteMDX, die elektronische Fußfesseln vertreibt. 31 Millionen Aktien des Unternehmens erwarb die öffentlich-rechtliche Bank letztes Jahr zum Preis von 75 Millionen Euro. Mit enem Händchen, um das jeder Hedge-Funds-Manager die öffentlichen Banker beneiden wird, konnte das Aktienpaket jetzt für 25 Millionen Euro wieder abgestoßen werden.

Energieausgleich ohne Ende

Ein kleiner Sieg für den Fernsehprediger Thomas G. Hornauer, ein großer Sieg für geschmackssichere Fernsehfreunde. Nach einer Beschwerde des Kanalarbeiters beim österreichischen Verwaltungsgerichtshof ist der gegen Hornauers übersinnlichen Sender verhängte Lizenzentzug bis zu einer endgültigen Entscheidung ausgesetzt. Gut für alle Fans des irren Entertainers: Das Verfahren kann sich bis zu einem Jahr hinziehen, so lange wird Hornauer weiter trommeln und tröten, singen und Unsinn schwatzen dürfen.

Allerdings wohl nur noch zwischen 23:30 und 1 Uhr nachts und nur noch bis Monatsende auf der Frequenz des Kinderkanals. Danach wird das Programm, das mit Hilfe von kostenpflichtigen Zuschaueranrufen den einmaligen Service eines "Energieausgleiches" anbietet, entweder weiter über den in Deutschland als Mediendienst lizenzierten Sender Primetime ausgestrahlt, oder aber, diesen Plan hatte der wirre Guru Hornauer zwischendurch mal ausgeplappert, ganz und gar als Internetsender neu erfunden.

Freitag, 1. August 2008

Willste was gelten, mache Dich selten

In Österreich zum Beispiel gilt nur die ÖVP als echte Europapartei, in Pforzheim hingegen gerade heute jedes fünfte Kind als arm. Beim IKB-Verkauf gilt ein Finanzinvestor als Favorit, als Architekt irgendeiner Regelung bei den Wagner-Festspielen gilt der Vorsitzende der «Gesellschaft der Freunde von Bayreuth», Wasser hingegen gilt als eine Voraussetzung für organisches Leben, Nationalspieler Simon Rolfes dafür bei Bayer 04 Leverkusen als absoluter Musterprofi und nach Auskunft der "Welt" ein in der Pfanne gebratene Spiegelei als "zubereitet", die Suppe aus der Mikrowelle aber lediglich als "erwärmt".

Gilt - ein Wort erobert die Welt, das alle Fragen überflüssig macht. Früher war Elvis der Größte und die Monroe die Schönste, Ostern das höchste christliche Fest und Terence Hill der lustigste Cowboy. Sein aber bestimmt das Bewusstsein und legt sich auf irgendetwas fest - was, wenn Paul McCartney reklamierte, er sei der Größte? Wenn Madonna behauptete, sie sei viel schöner als Marilyn? Wenn Kurt Beck einwände, er sei der starke Mann der SPD, auch wenn er gegen den Ausschluß von Wolfgang Clement gar nichts machen könne?

Gegendarstellungen wären nötig, Ärger stände ins Haus, Schadenersatzklagen womöglich, die als teuer gelten.

Also gilt Vorsicht als Mutter der Formulierkunst: Gilt ist der Konjunktiv von ist, das Airbag-Wort für alle Tage und alle Fälle, ein Kronzeuge ohne Namen und ladungsfähige Adresse, dessen Ansicht gleichwohl pars pro toto gilt. Als die Affäre Hohmann, die Älteren unter uns erinnern sich dunkel, seinerzeit in ihre dritte Woche ging, wurde das Wort gilt erfunden. Hohmann hatte damals, als Gerhard Schröder noch Sozialist war, einen Satz mit den Worten "Juden" und "Tätervolk" gebildet. Das sorgte für Aufruhr und Widerstand, weil solche Sätze natürlich verboten sind. Es gab wie immer Wirbel, es wurde gewarnt und kritisiert und als schließlich jemand herausfand, dass Hohmann gesagt hatte, die Juden seien kein Tätervolk, war es zu spät: Die Rede des rechten Christen aus Hessen war vielleicht nicht, aber sie galt unterdessen als antisemitisch.

Galt früher, ""Willste was gelten/mache Dich selten" kommt heute kein Prosatext in der Holzpresse mehr ohne galt, gilt oder gelten aus. Hendrix gilt als bester Gitarrist, Townshend aber auch. Ali gilt als der Größte, neben etlichen anderen. Gilt gilt je nach Lage und Bedarf, es macht die Spitze breit und die Sätze lang, ein Wort mit eingebauter Rücktrittbremse: Wer behauptet, etwas oder jemand gelte als irgendetwas, muss nicht nachweisen, dass das stimmt, denn das muss es nicht, weil es ja nicht ist, sondern nur gilt. Kann auch ein Hörfehler, die Meinung einer Gruppe mit abseitigen Ansichten oder gar die von Frau Müllermann aus dem zweten Stock sein. Der gilt der Milchpreis derzeit als zu hoch, wohingegen er der Milchwirtschaft natürlich als zu niedrig gilt.

Gilt ist gut, weil ein Mensch nicht unbedingt arm sein muss, um als arm, ein Wetter nicht nass, um als zu feucht, ein Konzert nicht voll, um als überlaufen zu gelten. Öl ist teuer, gilt derzeit aber als billig, das Rauchverbot gilt weiter, gilt aber als aufgehoben, Karadzic gilt als unschuldig, gleichzeitg aber gilt er als Massenmörder. Als schönstes Beispiel aber gilt die alljährliche Gemüseschlacht auf der Oberbaumbrücke in Berlin (Foto oben), wo trotz steigender Lebensmittelkosten fröhlich Lebensmittel vernichtet werden. Das gilt als zulässig, fetzig und total korrekt, auch wenn wir das eigentlich nicht gelten lassen können, weil der Hunger in der Dritten Welt noch nicht als besiegt gilt.

Internet wie immer

Die von den chinesischen Behörden im internationalen Olympia-Pressezentrum in Peking geübte Zensur des Internets ist am Freitag aufgehoben worden. Die Vizepräsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Gunilla Lindberg, sagte: "Die Angelegenheit ist gelöst." Aufatmen rund um den Erdball, denn die Internetnutzung werde nun "so wie bei allen anderen Olympischen Spielen sein." Gern denken erfahrene Olympia-Zuschauer da an die Internetnutzung etwa 1936 in Berlin, 1972 in München und 1980 in Moskau zurück.