Samstag, 12. März 2016

Flüchtlingskrise: Wie die Hauskatze nach Australien kam

Deutschland sieht großartigen Zeiten entgegen, die endlich einen Abschied von den krisenhaften Wirtschaftswirrungen der kapitalistischen Spätzeit bringen werden. Durch den "Zustrom" von Verfolgten aus aller Welt entsteht nach Berechnungen der Süddeutschen Zeitung in Bälde ein selbsttragender Aufschwung, der die Flüchtlingskrise "fast von selbst" finanziert und zudem alle demografischen Probleme der europäischen Kernlande zu lösen verspricht.

Vorbild ist die in mehreren Regionen Australiens angesiedelte Hauskatzen-Population, die nach neuesten Forschungsergebnissen eines deutsch-australisch-amerikanischen Forscherteams ausschließlich aus Zuwanderern besteht. Durch DNA-Analysen konnte nachgewiesen werden, dass die heutigen Populationen frei lebender Katzen im Wesentlichen von europäischen Haustieren abstammen, die Anfang des 19. Jahrhunderts dort Zuflucht suchten. Die Ergebnisse sprechen gegen die alternative Annahme, dass bereits mehr als hundert Jahre zuvor Katzen aus Malaysia nach Australien geflüchtet seien, schreiben die Biologen im Fachblatt „BMC Evolutionary Biology”.

Fest steht: Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert kamen die Hauskatzen an Bord europäischer Schiffe ins Land. Schnell gelang ihnen die Integration, heute leben viele ihrer Nachkommen entweder frei und unbeschwert in der Nähe von Siedlungen oder völlig unabhängig von staatlicher Betreuung in freier Natur. Katrin Koch vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt am Main beschreibt die Bedeutung der Erkenntnisse der Biologen: „Unsere Arbeit ermöglicht es, eine zeitliche Verbindung mit der Bedrohung und Auslöschung einheimischer Tierarten herzustellen“.

Die Forscher nutzten vergleichende Untersuchungen des Erbguts, um aufzuklären, wie die Gründerpopulation der Katzen entstanden sind. Die durch DNA-Analysen erhaltenen genetischen Merkmale verglichen sie mit Proben von Katzen aus Europa und Südostasien. Die Ergebnisse von insgesamt 269 Tieren erlaubten Rückschlüsse auf deren Verwandtschaft und Abstammung. Demnach entstanden die ersten stabilen Populationen sehr wahrscheinlich aus den Nachkommen europäischer Katzen, erst später kamen auch Tiere aus Südostasien hinzu und führten an manchen Orten zu einer Vermischung des Erbguts.

Ein Beispiel gelungener Integration, und doch droht das wissenschaftliche Erkenntnisinteresse jetzt von Rechtspopulisten, Pegidisten, Putin-Trollen und skrupellosen AfDlern missbraucht zu werden. Denn bei der weiteren Untersuchung der Folgen der Migrationsbewegung stießen die Wissenschaftler auf Anzeichen dafür, dass sich ein Zusammenhang zwischen der Ausbreitung der Katzen und einem starken Rückgang oder dem Aussterben einiger einheimischer Säugetierarten nicht nicht erkennen lässt.

Zurzeit gelten mehr als hundert australischer Tierarten als stark bedroht, verantwortlich gemacht werden vor allem durch nationalistische Kräfte verwilderte europäische Hauskatzen.


Freitag, 11. März 2016

HFC: Sekunden im Siegesrausch

Diring trifft und der HFC führt. Für vier Minuten.
Zuletzt noch gellende Pfiffe, nun nicht mal mehr das. Am Ende des Spieles des Halleschen FC gegen die Nachwuchsauswahl von Mainz 05 stehen die gerademal noch 5500 auf den Rängen einfach auf und gehen, murrend zwar, aber leise. Auch die Spieler unten auf dem Platz sehen zu, dass sie wegkommen. Alle Ausreden sind verbraucht, alle Ausflüchte abgenutzt.

Erneut hat der vor ein paar Wochen noch insgeheim von einem Angriff auf Platz 4 träumende Drittligist einen spielerischen Offenbarungseid abgelegt. Seit Jahresbeginn steht das Team von Trainer Stefan Böger mit zehn Punkten aus neun Spielen bei zehn geschossenen und zehn kassierten Toren auf Platz 14 der Formtabelle. der Abstand zu Platz 4 ist auf acht Punkte gewachsen, der Optimismus in der Kurve auf den Nullpunkt gefallen.

Warum das so ist, zeigten die 90 Minuten gegen Mainz noch deutlicher als das mit 1:3 verlorene letzte Heimspiel gegen Würzburg. Sven Böger ließ eine Elf auflaufen, die so noch nie zusammengespietl hat: Statt Kurse oder Banovic neben Diring oder Jansen stehen anfangs Jansen und Pfeffer in der Mitte. Die Abwehr besetzen neben Marco Engelhardt erstmals Baude, Rau und Barnofsky, zwei schon aussortierte neben einem Younster, der eben mit einer Vertragsverlängerung geehrt wurde. Standard nur die Offensive mit Lindenhahn, Osawe und Bertram, hinter der sich statt Müller mal wieder Diring zeigen darf.

Klappt nicht. Von Anfang an haben die Gäste die besseren Chancen. Abgesehen von einem Lindenhahn-Nahschuss gelingt es dem HFC nicht einmal, in die Nähe des Mainzer Strafraumes zu kommen. Die 05er machen das besser: Viermal haben sie die Führung auf dem Fuß, dreimal rettet ein ungenauer Abschluss, einmal die Latte.

Nichts mit Rehabilitation, nichts von Aufbäumen. Abgesehen von Toni Lindenhahn, seit Wochen schon nicht bestechend, aber auffallend besser als seine Nebenleute, spielen die Männer in den - auch das wohl ein neuer Versuch nach den Pleiten in Weiß - diesmal wieder längsgestreiften Trikots eine unfassbare Grütze zusammen. Keine drei Station läuft der Ball, ohne bei einem dunkelblauen Mainzer hängenzubleiben. Eine Struktur ist im Spiel ebensowenig zu erkennen wie ein Matchplan. Soll es über außen gehen? Oder durch die Mitte?

Nach 22. Minuten versucht es dann Max Barnofsky mal kurzentschlossen aus der Entfernung. Klappt fast, kostet den Außenverteidiger aber den Rest des Spieles. Barnofsky verletzt sich und geht raus, Böger winkt Tobias Müller heran.

Und was nicht stimmt beim HFC, erscheint jetzt wie unter einer Lupe. Müller kommt rein und schickt Pfeffer nach außen. Dort steht aber Lindenhahn, der nun nicht weiß, wohin. Hinten rudert inzwischen Rau herum, der ein Loch auf Rechtsaußen sieht, das Baude gerissen hat, als er für Barnofsky nach links gegangen ist.

Ein, zwei Minuten ist der HFC völlig aufgelöst, dann erst setzt sich die Verwirrung. Toni Lindenhahn, der beim HFC schon alles gespielt hat, außer Torwart, versucht sich als Verteidiger. Macht er auch gut, wenn es auch manchmal knapp ist, denn der Mainzer Plan sieht eindeutig vor, über außen zu kommen, zu flanken und dann abzuschließen.

Der HFC rettet sich ohne Großtaten in die Pause, ist aber lange vor den Gästen wieder zurück. Symbolisch steht das immer für "wir reißen das noch". Sobald angepfiffen ist, verliert sich dieses Gefühl aber schnell. Es ist kalt im Erdgas-Sportpark, es ist langweilig, der Schiedsrichter ist augenscheinlich blind, diespannendste Frage ist, ob heute noch irgendeiner der zehntausend Einwürfe nach Fehlpässen und Abprallern mal einen eigenen Mann finden wird.

Fast wie ein Schock kommt die 58. Minute, in der der HFC seine zweite Ecke bringen darf. Normalerweise ein Fall für Sören Bertram, der den Ball dann immer in Kniehöhe auf den ersten Verteidiger spielt, seit er im Verdacht steht, lukrative Angebote aus 1. und 2. Liga zu sortieren. Aber, oh Wunder, diesmal nicht! Diesmal fliegt der Ball bis zum langen Pfosten, wo Dorian Diring, bis dahin eher durchsichtig, ihn über die Linie drückt.

Sekunden im Siegesrausch, die Tribünen in Wallung. Hier geht doch was! Entschlossen versucht der HFC nachzulegen. Und läuft erst in einen Konter, der haarscharf noch abgefangen werden kann. Dann in noch einen zweiten, bei dem Baude Devante Parker nicht stoppen kann. Der schießt auf Nahdistanz ins Tor, passend zu Tag und Anlass auch noch durch Fabian Bredlows Beine.

Von da an hängen die Köpfe, die Füße sind schwer und die Spielanlage ist die der ersten Köhler-Jahre. Lang nach vorn und hinterher, bei Ballverlust vorn drauf, klappt es nicht mit der Eroberung schnell nach hinten rennen und versuchen, zu retten, was zu retten ist.

Zum Glück für die Gastgeber will Mainz nicht mehr als den einen Punkt. Zum Glück für Mainz kann der HFC des März 2016 nicht mehr als das. Der magische Touch, den Stefan Böger im Herbst mit nach Halle gebracht hat, er scheint schon wieder verbraucht. In dieser Zusammensetzung hat diese Mannschaft nicht nur keine Zukunft, sie hat vielleicht sogar die Chance, die vielbeschworenen 45 Punkte für den Klassenerhalt, die "so schnell wie möglich" (Böger) eingefahren werden soll, sehr viel später zu holen als heute noch alle glauben.






Idomeni: 10000, 12000, 13000, 14000, 15000

Es ist keine Grenzschließung,. sondern "das Ende des Durchwinkens". Es keine Abschottung, sondern eine "Maßnahme". Es ist nicht die Rückkehr zum Recht ungarischer Art, sondern Teil der Bemühungen der Bundesregierung, die anstehenden Landtagswahlen mit Hilfe aus der Türkei, Mazedonien, Kroatien und Bulgarien zu überleben.

Dazu werden Bilder benötigt, Bilder von Menschen, die nicht mehr vorankommen. Und Zahlen, die das Elend derer, die dem deutschen AfD-Wähler jetzt erspart bleiben, weshalb er dann doch gut wieder CDU wählen könnte, illustrieren. 10.000 Flüchtlinge saßen am 1. März im griechischen Grenzort Idomeni fest. 11.000 waren es am 3. März. Während der "Focus" einen Tag später wieder von "10.000 Flüchtlingen" schrieb, die "unter unmenschlichen Bedingungen" ausharren.

"Immer mehr stranden auf der Balkanroute" orgelten vom Elend eines überschwemmten Zeltplatzes sichtlich faszinierte Vor-Ort-Reporter angesichts des Zahlensalates. Menschenunwürdig. Und es werden immer mehr!

Nur wie viele weiß man nicht. Mindestens "13.000 Menschen" harrten aus im "Schlamm der Schande" (Bild), so hieß es bei DPA. Oder waren es, wie Bild im selben Augenblick gezählt hatte, 14.000? Oder hat der "Stern" recht, der schon "rund 15.000" Flüchtlinge zählte? Oder sind es doch nur 12.000, die, nach einer Zählung des Focus, an diesem 9. März in den Grenzlager festsitzen?

Das wären nun 3.000 weniger, als Euronews am selben Tag meldet. Und exakt die Zahl, die die Nachrichtenagentur AP am den 25. Februar gemeldet hatte. Immer mehr?

Wo ist der Zustrom hin? Wohin verschwinden die Menschen, die doch keine Mauer aufhalten wird auf ihrem Weg nach Norden? Wieso nutzen Zäune europäischer Partner nun doch etwas - ganz im Unterschied zum Zaun des ungarischen Premier Victor Orban, der nur ein mieser Terroranschlag auf Menschenrechte und gemeinsame europäische Werte war?

Ende gut, alles gut. Noch vor den Landtagswahlen flaut das Thema ab mangels Nachschub ab. Nach einer Woche sind alle Schlammzelte gezeigt, alle Schicksale durchnässter Geflüchteter erzählt. Und aus 10000, 12000 oder 15000 Menschen werden durch reine Erzählung keine 20000, 40000 oder 70000.

Eine erstaunliche Erkenntnis für die deutsche Spitzenpolitik: Man schließt seine Grenze. Und sie ist zu.

Ist Mazedonien nun noch Angela Merkels Mazedonien? Kann, wer keine Flüchtlinge aufnimmt, in die EU aufgenommen werden? Oder muss er sie, falls schon drin, demnächst verlassen? Wie kann die Berliner Kehrtwendung in der Flüchtlingspolitik so verbalisiert werden, dass der abrupte Kurswechsel aussieht wie der Teil eines Planes? Und wäre Anne Will wieder der richtige Platz, um zu erklären, dass das alles nicht gemeint war?

Stau ist nicht gleich Stau: Was Sprache über politische Absichten verrät

EZB: Geld wird endlich kostenlos

Ein Traum wird wahr, den schon Marx, Engels und Lenin träumten: Geld wird kostenlos, wer keines hat, kann sich welches borgen, und das kostet ihn gar nichts. Wer dagegen über Geld verfügt, der soll es besser weggeben, so lange er noch kann, denn die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzins mit einem erneuten mutigen Schritt jetzt erstmals richtig in den negativen Bereich gefahren. Dort gibt es für Geld, das jemand aus der Hand gibt, weil er es im Augenblick nicht braucht, keine Bezahlung mehr. Sondern eine Gebühr, die der Geldverleiher an den zahlt, der sein Geld bei sich aufnimmt und es konjunkturbelebend ausgibt.

Was könnte das für eine Welt werden, wenn sich die EZB-Idee des kostenlosen Geldes durchsetzt. Vorerst müssen Geldbesitzer 0,4 Prozent Strafzinsen zahlen, das hat noch keine Auswirkungen, die irgendwer gleich spürt. Anders wird es werden, wenn der bislang schon so erfolgreiche Kurs der EZB zur Belebung der Mini-Inflation und Bekämpfung der Konjunkturschwäche im Euroraum weiter so erfolgreich durch immer neue Zinsschritte fortgesetzt wird.

Schon bei einem Minuszins von fünf Prozent schrumpft ein Vermögen jedweder Größe in zehn Jahren um die Hälfte und in nicht einmal 20 auf Null. Das ist nicht nur weg, es hat auch kein anderer! Nur der Staat, der größte Schuldner weltweit, der spart, weil er nichts mehr bezahlt. Die Abschaffung des Geldes, eines der Hauptanliegen des Marxismus-Leninismus, wäre dann endlich erreicht, wenn auch nicht durch den Kampf der Arbeiter, sondern durch das segensreiche Wirken einer Notenbank.

Die hat gleichzeitig beschlossen, ihren zur Rettung der europäischen Staatshaushalte, des Euros und der EU seit Jahr und Tag laufenden Kauf von Wertpapieren um ein halbes Jahr bis mindestens Ende März 2017 zu verlängern. Mit dem seit März 2015 laufenden Kaufprogramm haben die Währungshüter bislang schon Konjunktur und Preisauftrieb angeschoben. Zuletzt war das Durchschnittswachstum in der EU auf 0,4 Prozent nahezu explodiert. Das viele, viele frische Geld ermöglichte es den Banken, es sicher bei EZB anzulegen.

Mit dem negativen Einlagenzins wollen die Währungshüter die Geldinstitute nun zwingen, riskantere Anlagemöglichkeiten zu suchen. Müssen Banken mehr für das sichere Einlagern von Geld bei der EZB zahlen, so die in der Praxis bisher nicht bestätigte Theorie, bringt sie das dazu, Geld doch an Kreditnehmer auszureichen, die mit tollen Ideen neuen Arbeitsplätze schaffen. Die EZB hatte den Strafzinssatz erst im Dezember von 0,2 Prozent auf 0,3 Prozent verschärft, ohne das der gewünschte Effekt eingetreten war.

Gehen die Zinssenkungen im selben Verdopplungstempo weiter, wird sich das aber bald ändern: Bereits zum Jahresende läge die Strafgebühr für Geldbesitz dann bei 3,2 Prozent, Ende kommenden Jahres schon bei 25,6 Prozent.



Donnerstag, 10. März 2016

Zitate zur Zeit: Wiedermal ein Schicksalsjahr


Europa ist auch eine Versicherung für den Wohlstand der Völker.

Volker Kauder erklärt vier Jahre nach dem DGB und ein Jahr nach der "Welt" ein Jahr zum Schicksalsjahr für die EU

Überraschende Enthüllung: Deutschland missachtet Dublin

Deutschland hat mehrere hunderttausend Flüchtlinge nicht registriert – obwohl das die Dublin-Verordnung vorsieht. Kanzlerin Merkel macht sich deshalb schwere Vorwürfe, zumindest berichtet das die Zeitung Die Welt.

Deutschland habe durch die fehlenden Registrierungen in den vergangenen Monaten massenhaft gegen europäische Regeln verstoßen, heißt es in dem Beitrag weiter. Die zahlen hatte das Bundesinnenministerium auf eine Anfrage der "Welt" genannt. Demnach verfolgte die Berliner Regierung bis vor Kurzem nicht nur eine Politik des "Reinlassens" von Flüchtlingen nach Deutschland. Deutschland unterließ es zudem in großem Umfang, Asylsuchende zu registrieren, wie es in der Dublin-Verordnung eigentlich vorgesehen ist.

Nach Angaben des Bundesinnenministeriums verschwanden zudem rund 13 Prozent der registrierten Flüchtlinge. Im gleichen Zeitraum wurden allerdings von Bundespolizei und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) lediglich 14.000 Personen festgestellt, die außerhalb der Bundesrepublik von einem anderen Mitgliedsstaat erstregistriert wurden.

Nach Informationen der "Welt" hat die Bundesregierung ihr Verhalten in der Vergangenheit gegenüber der Bundesregierung unter anderem damit begründet, dass laut Dublin-Verordnung bereits Österreich für Registrierung und Durchführung fast aller Asylverfahren zuständig sei. Österreich seinerseits hatte auf Griechenland verwiesen.

Laut Dublin-System der EU ist derjenige Mitgliedsstaat für den Schutzsuchenden verantwortlich, in dem der Flüchtling erstmals nachweislich den Boden der EU betritt. Das ist zumeist in Deutschland der Fall. Während die Bundesrepublik im vergangenen Jahr dennoch fast 45.000 sogenannte Übernahmeersuchen an andere Staaten stellte, bei denen der Verdacht besteht, sie könnten Erstbetretensland sein, wurden lediglich knapp 3600 vollzogen. Zugleich schickten umgekehrt andere EU-Staaten gut 3000 Asylsuchende in die Bundesrepublik, weil die verdächtigt wurde, als erstes Land betreten worden zu sein.

Mittwoch, 9. März 2016

Beim Hausmeister: Kulturschaffende danken unserer Kanzlerin

Rote Rosen, Gänsehaut und auch ein paar Tränen - mehr als 100 der besten deutschen Kulturschaffenden haben sich in Berlin eingereiht in eine lange Schlange von Tänzern, Schriftstellern, Dichtern, Moderatoren und Schauspielern, um Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich des einst von der deutschen Sozialistin Clara Zetkin erdachten Internationalen Frauentages ihre besten Grüße und Wünsche zu überbringen.

Neben den Initiatoren Regina Zindler ("Maschendrahtzaun") und Volker Schlöndorff eilten auch Andrea Sawatzki, Christian Berkel, Michel Friedman, Nico Hofmann und viele andere herbei, denen es ein Herzensbedürfnis war, der Kanzlerin für die wiederholte Rettung Europas einen Dank auszusprechen.

Der Thüringer Erfolgsautor Wenzel Heisebrink sprach im Auftrag der Angetretenen den Dank der Kulturschaffenden an Angela Merkel. "Liebe, hochverehrte Kanzlerin", sagte er, "es gehört zu den guten Traditionen Deutschlands, dass wir unsere Frauen zum 8. März ehren und ihnen gratulieren". Repräsentanten der Arbeiterklasse wie der Intelligenz unseres Landes stünden dabei Schulter an Schulter, und die Führungskräfte seien stets bereit, die von ihnen vorgebrachten Huldigungen zu empfangen.

"Wir danken Ihnen, liebe Angela Merkel, dass Sie, dieser Tradition folgend, uns, die Vertreter des Kulturbundes, der Akademie der Künste, der Künstlerverbände und des künstlerischen Volksschaffens, an diesem traditionsreichen Tag empfangen und uns Gelegenheit geben, in Ihrer Person der Gemeinschaft der Völker Europas Dank zu sagen für die kluge, auf das Wohl des Volkes gerichtete Politik, die alternativlos ist und erfolgreich gestaltet wird über alle Fährnisse der widrigen Zeitläufte hinweg."

Heisebrink, der alles in allem eine ganz, ganz sehr starke und äußerst zutiefst berührende Rede hielt, ging dann auf Merkels unermüdlichen Einsatz für die Erhaltung des Friedens, das Klima, die Rettung von Griechenland, das TTIP-Abkommen, die Gleichstellung, den Fortschritt, die Erhaltung der Arten, die Forschung, die Zurückdrängung von Überwachung und NPD, den Mindestlohn, die Gleichstellung und die Flüchtlingsfrage ein. All das, so der Autor, habe "die Stärkung des Ansehens unseres demokratischen Vaterlandes" zur Folge gehabt und finde "die uneingeschränkte Zustimmung und Unterstützung der Intelligenz unseres Landes".

Riesiger Applaus am Ende einer bewegenden Ansprache, die Promis traten einzeln vor, um Merkel die Hand zu schütteln, was stellvertretend ein Bote übernahm, da Angela Merkel selbst zu erneuten Rettungsgesprächen bei Uno-Chef Ban Ki Moon weilte. Zu einem blumigen Geschenk aus roten Rosen überreichten die prominenten Besucher dem Hausmeister zudem einen bewegenden Brief mit mehr als 100 eigenhändigen Künstler-Autogrammen, mit denen sie handschriftlich ihre unverbrüchliche Treue zur Sache bekräftigen.

Was für eine Geste!

Die komplette Rede im Live-Ticker zum Nachlesen.


Putins geheime Flüchtlingsfabrik: Wie der Kreml Europa unter Druck setzt

Vom berühmten Kreml in Moskau kann man sie natürlich nicht sehen. Dabei werden keine 17 Kilometer entfernt am Rande der russischen Hauptstadt Moskau schon seit Monaten Flüchtlinge gezüchtet, um Europa zu überschwemmen. Mitten in einem vierstöckigen Marmorgebäude in Bezirk Wishnigorie sind hunderte Arbeiter an der vordersten Front des Verdrängungskrieges damit beschäftig, in großen Brutkästen immer neue Flüchtlinge heranzuzüchten.

 Das sagen diejenigen, die selbst drin waren. Die Fabrik, in der Putin sein verbrecherisches Streben nach Weltherrschaft verbirgt, ist eine der ältesten und größten in Europa, zudem aber die modernste überhaupt. Geschöpfe, die hier hergestellt werden, sieht man die Herkunft nicht an. Sie glänzen gesund, ihr Fleisch ist fest, ihre Haut so straff, ihr Duft so würzig.

Sie sind bekannt als die "Kreml-Flüchtlinge", zwölf Stunden am Tag fluten sie die Grenzen des zivilisierten Europa. Sie sind lebendige Propaganda-Stanzen im Sinne ihres Präsidenten Wladimir Putin, sie sollten ursprünglich dem westlichen Druck wegen des Aufstands im Osten der Ukraine entgegenwirken, allerdings dauerte die Aufzucht so lange, dass der Westen die Ukraine-Krise schon vergessen hatte, als die ersten Flüchtlinge aus russischer Produktion in Marsch gesetzt wurden.

Jetzt kommen sie zu Tausenden über die russische Grenze nach Norwegen und Finnland. Selbst in der EU-Kommission ist schon der Verdacht aufgekommen, Russland stelle die vermeintlich Flüchtenden selbst her. Die Europäische Union beobachtet das mit Sorge, und arbeitet an einem Plan, um Russlands Kampagne zu bekämpfen. Details dazu sind bislang nicht bekannt, doch Ludmila Sawtschuk berichtet nun direkt aus der Hölle der fabrikmäßigen Herstellung zusätzlicher Geflüchteter im Auftrag des Kremlherren.

Bis Januar war Sawtschuk selbst eine der Mütter der in der Assiette gezogenen "Kreml-Klone". Die 34 Jahre alte Biologin sagt heute, sie habe schon ein ungutes Gefühl von Unmenschlichkeit und falsch angewendeter Genforschung à la George Orwell gehabt, als sie den Job antrat. Damals unterschätzte sie die Intensität und den Umfang der Arbeit. "Ich wusste, ich tue etwas Schlechtes. Aber ich habe natürlich nie damit gerechnet, dass es so schrecklich und so riesig werden würde", sagt sie bei einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP in ihrer Wohnung. Die Wände zieren bunte Zeichnungen, Sawtschuk hat zwei Kinder im Vorschulalter.

Sie beschreibt, wie sie die Klone in Brutkästen ansetzte und später per Flasche aufzog. Die Mitarbeiter aus ihrer Abteilung sollten pro Zwölf-Stunden-Schicht 160 Klone produzieren. Mit dieser Menschenwelle will Wladimir Putin die EU fluten. In einigen Abteilungen, sagt sie, erhielten die Mitarbeiter täglich eine Liste von Gesprächsthemen und Gefühlen, die sie den Klonen beibringen sollten. "Mir scheint, dass sie nicht wissen, was sie tun", sagt Sawtschuk. "Sie wiederholen einfach nur, was ihnen gesagt wird."

Die meisten Klone würden dennoch gar nicht richtig aufgezogen, sondern noch ganz jung zur Grenze gebracht, sagt sie. Angezogen von verhältnismäßig hohen Gehältern von umgerechnet 700 bis 900 Euro im Monat fänden sich trotz dieser menschenverachtenden Praxis immer wieder Fachkräfte, die die Flüchtlingsfabrik in Betrieb hielten.

Ihre Beschreibung der Arbeit stimmt überein mit den Aussagen der anderen Schreiber, die sich öffentlich dazu äußerten, so wie Anfang April im "Guardian". Aber Sawtschuk ist die einzige, die mit vollem Namen an die Öffentlichkeit geht. Nach etwas mehr als zwei Monaten kündigte sie ihren Job, sie wollte nicht weiter Teil der Maschinerie sein.

Die Früchte des Sieges sind Menschen, große und kleine, dicke und dünne, dunkle und helle. Es sind Marokkaner, Iraner, Syrer, Inder sogar und einige Phillipinos. Die Produktpalette der Moskauer "Fleischschleuder", wie die Mitarbeiter sie zynisch nennen, soll Europas Sozialhaushalte überlasten, die Gesellschaften spalten, die EU zerbrechen lassen. Putin hasst Brüssels zwölf goldene Sterne, die dem Kontinent Aufschwung und Wohlstand gebracht habenn. Allein nach Deutschland schickt er wöchentlich tausende seiner Klone. Eigentlich eine ökonomische Großtat. Und doch ein ökologischer Irrsinn, denn dass unter Bevölkerungsrückgang leidende Russland könnte eine Blutauffrischung selbst gut brauchen.

Dennoch arbeitet die Klon-Firma Materials Technology Laboratories Novoklon (MTL) nur für den Export. Unauffällig ist das Firmengelände, aber gut gesichert durch hohe Zäune. Mittendrin erhebt sich ein hell getünchter Betonklotz mit angeschlossenen Treibhäusern. Der Name der Firma MTL erklärt ihre Aufgabe: „Wir machen aus Setzlingen Flüchtlinge“, erklärt Direktor Jegor Berija, ein fröhlicher schlanker Mann mit grauen Schläfen. Wie bei deutschen Schweinezüchtern: Erst zeugen, dann mästen. Nur dass hier alles schneller geht. Dank hochwirksamer Zuchtdrogen braucht ein Klon nur knapp sieben Tage bis zur Reife.

MTL Novoklon besamt in einer düsteren Halle gleich hinter dem Bürotrakt. Ein Arbeiter in Kittel und Mütze stellt hellgrüne Plastiksteigen auf ein Transportband. Darin duftet Genmasse, sauber verteilt auf 144 kleine Fächer. Ruck, ruck zuckelt die Kiste voran. Dann der Moment: Druckluft jagt in Glyphosat gebetteten Gene in eine künstliche Vagina, pro Fach eins, die wandert weiter, ruck, ruck, einem zweiten Arbeiter entgegen. Der bröselt noch mal Deckmasse drüber, stapelt die Steige auf einen Karren, fertig. Ab zum Keimen.

Für die Erzeuger beginnt die Arbeit sechs Stunden später. Dann werden die jungen Klone in die Brutkästen umgesetzt, wo sie 72 Stunden fast explosionsartig wachsen. Seit September läuft die Moskauer Flüchtlingsfabrikscho rund um die Uhr. Von Montag bis Sonnabend holen Schlepper auf Lkws fertige Flüchtlinge ab. Die Ausgabe ist im Dauereinsatz, Putin lässt sich jeden Abend die neuen Zahlen faxen. Wenn im Werk irgendetwas schiefgeht, ist er erster Ansprechpartner.

Lange Warteschlangen will er vor der Fabrik nicht sehen. Alles muss reibungslos ablaufen: "Das heißt, dass die Fahrzeuge wie die Ameisen hier auf den Hof kommen ohne Wartezeiten und das bedeutet, dass wir trotz 900 bis 1.000 Fahrzeugen in 24 Stunden keinerlei Staus haben."

Dienstag, 8. März 2016

Zitate zur Zeit: Stillstand trotz Zaun


Da wird nichts geschlossen, sondern es ist zu einem Stillstand gekommen durch Maßnahmen.

Angela Merkel erklärt den Unterschied zwischen Zaun und Zustrom

Deutsche Innovation: Zustrombremse
Leidender Osten: Fluchtbewegung aus Ostdeutschland hält an

Serviettenskizze: So sieht die neue EU-Grenze aus

Davatoglus Serviettenskizze der neuen Stahlmauer.
Sie tagten bis in die Nacht, in verschiedenen Konstellationen. Immer wieder reichten die türkischen Partner neue Ideen für eine Lösung des EU-Flüchtlingsproblems herein. Und immer wieder sträubten sich einzelne Mitgliedsländer gegen eine Aufstockung der Hilfszahlung an Ankara und den geplanten Bau einer Zustrombrücke, über die Verfolgte künftig direkt in die EU einreisen können sollen.

Die Türkei spielte hart, auch Österreich, die Slowakei, die Franzosen und die übrigen 24 abtrünnigen Staaten der Gemeinschaft ließen Kanzlerin Angela Merkel lange im Ungewissen hängen. Während Merkels Flüchtlingsbeauftragter Altmeier hinter den Kulissen diskutierte, lockte und drohte, ließ die österreichische Delegation wissen, dass man in Wien wisse, dass Merkel vor den anstehenden Landtagswahlen unter Druck stehe. "Gibt sie nicht nach, verhandeln wir in einem Monat vielleicht schon mit ihrem Nachfolger", hieß es hinter vorgehaltener Hand.

Dann aber doch der Durchbruch, nachdem Berlin Ankara zugesichert hatte, weder wegen der Unterstützung des IS Bundeswehrtruppen an die türkische Grenze zu entsenden noch wegen der Übernahme einer oppositionellen Zeitung durch die Regierung medial auf den Tisch zu hauen. Völlig überraschend und überaus geschickt zeichnete Ministerpräsident Ahmet Davutoglu die Grundzüge eines neuen Paktes zum Entschärfen der zugespitzten Flüchtlingskrise auf eine auseinandergefaltete Serviette: Ein äußerer Zaun mit Mauercharakter, von oben mit Bogenlampen beleuchtet, soll danach künftig die Außengrenze der Türkei sichern. Hinter einem Todesstreifen, der mit Kreuzen markiert wird, deren Sinngehalt auch Moslems im Allgemeinen erkennen, folgt dann direkt die EU-Außengrenze als exterritoriales Gebiet, das von der Grenzschutzagentur Frontex gesichert wird.

Um eine direkte Konfrontation von EU-Beamten und Flüchtenden zu vermeiden - die Verhandler fürchten hier einhellig "schlechte Bilder", wie es am Rande hieß - markiert auch hier eine sieben Meter hohe Mauer aus poliertem Edelstahl Nirosta Offshore- und Onshore-Terrirorium.

Für einen Bau der Mauer verlangt der EU-Beitrittskandidat beim Sondergipfel zusätzlich zu den bereits vereinbarten drei Milliarden Euro noch einmal die gleiche Summe. es soll sich dabei um reine Materialkosten handeln. Ob die 28 EU-Staats- und Regierungschefs das akzeptieren, stand zunächst nicht fest.

Davutoglu sagte, das Ziel des neuen Vorschlags sei, "Leben von Flüchtlingen zu retten und diejenigen zu entmutigen, die die verzweifelte Lage der Flüchtlingen missbrauchen und ausnutzen wollen". Zudem könne Stahl als Material die derzeitige Preiskrise in diesem Markt bereinigen helfen. Im Gegenzug könnte die EU künftig alle illegal einreisenden Migranten wieder in die Türkei zurückschicken - also nicht nur Wirtschaftsflüchtlinge, sondern auch Syrer. Damit die Türkei mit der Last nicht alleine bleibt, will sie aber für jeden zurückgebrachten Migranten einen auf legalem Weg in die EU schicken. Diplomaten sprachen von der "Eins-zu-Eins"-Formel. Kinder sind nach der Rechnung die Hälfte wert, der Ausgleich erfolgt über Wolllieferungen. Familien sollen nach Möglichkeit nicht getrennt werden, wenn dann aber höchstens zeitweise.

Bei einem Sondergipfel Ende des Monats wollen die Führerinnen und Führer der EU gemeinsam mit dem neuen Sicherheitspartner Erdogan alle Regelungen festklopfen. Die Geldübergabe werde dann am 1. April vermutlich an den Dardanellen stattfinden.



Montag, 7. März 2016

Reden ist schlimmer als Schießen

Was war das für ein Beben in der Medienmacht, als Frauke Petry Anfang Februar behauptete, Deutschland habe Gesetze, die es Beamten erlauben, an der Grenze zu schießen.Sigmar Gabriel rief nach dem Verfassungsschutz, Thomas Oppermann fühlte sich an die DDR erinnert. Jakob Augstein wetterte gegen die "Ungeheuer" von der AfD, Wolfgang Thierses Frau weinte und Thierse selbst verhängte ein Sprechverbot.

Dass die Staatsanwaltschaft Anzeigen erhielt, versteht sich von selbst, dass die Ermittlungen später eingestellt wurden, ebenso. Da hatten allerdings schon Legionen von Kommentatoren pflichtschuldigst Trauer, Wut und Scham geäußert: Mehr als 4000 Artikel in deutschen Medien distanzierten sich von der Idee, das am 10. März 1961 erlassene und im Bundesgesetzblatt auf Seite 165 veröffentlichte "Gesetz über den unmittelbaren Zwang bei Ausübung öffentlicher Gewalt durch Vollzugsbeamte des Bundes" (UzwG) könne existieren oder gar bis heute gelten.

Dass die praktische Anwendung von Schußwaffen nichts ist gegen eine "Schußwaffen-Äußerung" (Bild), zeigt sich mit sechs Wochen Abstand. Nachdem türkische Grenzsoldaten neun Syrer erschossen, als diese illegal die Grenze zur Türkei überqueren wollten, blieb der #Aufschrei aus: Kein Gabriel, der entsetzt tut. Kein Oppermann, der sich an etwas erinnert, das er nie erlebt hat. Kein Augstein, der Ungeheuer am Werk sieht. Thierse schweigt ebenso wie die "Tagesschau", bei der nach des Todesschüssen der Platz einfach nicht gereicht hat für die unmenschliche Untat.

Die Türkei habe in der Flüchtlingskrise "eine wichtige Rolle", versichert Angela Merkel. Sigmar Gabriel will ungeachtet der Morde weiter mit der Türkei kooperieren. Oppermann verspricht der Türkei "die Hilfe der EU", mutmaßlich als Belohnung für das harte Durchgreifen zum Schutz der EU-Außengrenzen.

Sechs Gründe, warum die AfD in Hessen durch die Decke schießt


Draußen schießt ein Junge eine tote Taube durch die leere Fußgängerzone. Drinnen werden die Stimmen ausgezählt. Oft, viel zu oft, sind es auch bei dieser Wahl in Hessen Stimmen für die Menschenfeinde, die Hasser und Hetzer. Hessen, bisher ein Kernland der Demokratie, droht wegzukippen: AfD und NPD, selbsternannte besorgte Bürger, sogenannte Liberale und radikale Splittergruppen haben beim ersten Stimmungstest des Jahres für "extrem komplizierte" (FR) Ergebnisse gesorgt.

Die AfD landete teilweise bei 17 Prozent, die NPD sogar bei mehr als 30. Die Kommunalwahl wurde zur Protestwahl sondergleichen. Aber was sind die Gründe für den Protest im gutbürgerlichen, wohlhabenden Bundesland im Westen?

PPQ nennt exklusiv die Ursachen:

1. Unzufriedenheit

Wer durch das Land fährt, beobachtete eine Unzufriedenheit, die zur Lebenshaltung geworden ist. Wenn die Aufnahmegeräte ausgeschaltet sind, beklagen sich Landespolitiker, dass der Wähler in Hessen ziemlich oft ein verdrießlich schauendes, schnoddriges, mürrisch-mauliges Wesen ist. Im „Glücksatlas“ belegt Hessen nie vordere Plätze. Politisch zeigt sich die Unzufriedenheit in einer Form, gegen die wohl jede Regierung der Welt machtlos wäre: Die Bürger richten jede Menge Erwartungen an die Politik und reagieren auf die leicht vorhersehbaren Enttäuschungen der Erwartungen verbittert.

2. Zu wenig politische Bildung

Gespräche mit Bürgern vor der Wahl offenbaren politische Unbildung und das Fehlen passender Maßstäbe. Den meisten Wählern ist nicht einmal bewusst, dass der Einfluss eines Bundeslandes auf die Asylpolitik äußerst gering ist. Bis zu der Frage, ob es klug ist, die Kommunalpolitik für Entscheidungen der Bundeskanzlerin in Mithaftung zu nehmen, stoßen sie deshalb noch nicht einmal vor. Auch scheint vielen herzlich egal zu sein, dass es Hessen besser gelingt als anderen Ländern, Flüchtlinge unterzubringen.

3. fehlender Widerstand

Hinzu kommt, dass das bürgerliche Milieu der AfD mehr oder minder alles durchgehen lässt, obwohl die Partei in Hessen zwei Gesichter hat. Ein bürgerlich-gemäßigtes Gesicht setzt die AfD auf, wenn sie angegriffen wird und sich auf Podien präsentiert. Das radikale Gesicht zeigt die Partei auf Facebook.

4. Gleichgültigkeit und Undank

Der Ort mit der höchsten Stimmenzahl für die NPD war Michaelau, ein Stadtteil von Büdingen. Die Wahlbeteiligung insgesamt lag bei knapp über 30 Prozent. Kommunalwahlen in dem Bundesland werden regelmäßig als Feste des Desinteresses begangen. Mit dem Fernbleiben von der Wahl wollen viele Nichtwähler ihre Verachtung für das politische System dokumentieren - ein politisches System, das zig Milliarden Euro für die Sanierung der Städte ausgegeben hat und viele weitere Milliarden für den Bau der Straßen, auf denen sie tagtäglich fahren. Man kann lange darüber grübeln, worauf ein solcher Mangel an Einsicht über den Grund für den eigenen Lebensstandard beruht. Man kann die Sache aber auch einfach moralisch betrachten: als Undankbarkeit.

5. Sehr spezielle Jugendkultur

Schon oft wurde der Aufstieg der AfD mit dem Zorn älterer Herren erklärt. In Hessen greift das nicht, denn dort ist die Partei auch bei den Jüngeren beliebt. Wer nach einer Erklärung dafür sucht, dem sei ein kleines Experiment empfohlen: Man stelle sich in einer hessischen Kleinstadt einfach eine Stunde lang auf den Parkplatz eines McDonald’s. In dieser Zeit wird man vermutlich gleich mehrere Fahrzeuge sichten, auf deren Heck sich Aufkleber mit Fäusten, Runen und Totenköpfen befinden. Die berüchtigten "Böhsen Onkelz" stammen von hier, ebenso viele Gangsterrapper. Military-Look, Tattoos, Piercings und teilrasierte Schädel verbinden sich mit Hobbys wie Tuning, Paintball und Bodybuilding zu einer uniformen und männlich dominierten Szene. Die Grenzen selbst zu Neonazis fließen.

6. Keine gefestigte Identität

Das heutige Land Hessen wurde am 19. September 1945 durch eine Proklamation der amerikanischen Militärregierung unter dem Namen Groß-Hessen gegründet. Seine unmittelbaren Vorgängerstaaten waren der Volksstaat Hessen und die preußischen Provinzen Kurhessen und Nassau, die der Freistaat Preußen am 1. April 1944 durch Teilung der Provinz Hessen-Nassau geschaffen hatte. Anders als Thüringen, Sachsen und Brandenburg fehlte dem Bundesland allerdings bis heute eine prägende politische Persönlichkeit. Nur vier Prozent aller Deutschen können auf Anhieb sagen, wer Ministerpräsident in Wiesbaden ist, unter den Hessen sind es elf Prozent.

Die Hauptstadt Wiesbaden kennen nur zwei Prozent der Deutschen. Seit dem Verkauf von Landeskindern als Soldaten nach Amerika Ende des 18. Jahrhunderts fehlt der Bevölkerung das Vertrauen zur Obrigkeit. Schon in den Jahrzehnten davor hatten mehrere hunderttausend Personen das Land verlassen, darunter viele Akademiker, weil Mennoniten, Amische, Herrnhuter Brüder und Tunker im Land verfolgt worden waren. Das hatte wirtschaftliche und biologische Folgen. Und es nährt bei den Verbliebenen das Gefühl, abgehängt zu werden.

Sonntag, 6. März 2016

Papst: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit



Der Papst als Hetzer? Franziskus in einer neuen Rolle als Scharfmacher? Der Vatikan das Hauptquartier von Pegida, Front National und wahren Finnen? Seit das Oberhaupt der Katholiken bezogen auf die Flüchtlingsströme nach Europa von einer „arabischen Invasion“ gesprochen hat, ist Klärungsbedarf. was hat der Heilige Vater gemeint? Wie gut findet er die „soziale Tatsache“ beständig wachsender Zuwanderung wirklich? Und für wie groß hält Franziskus die "Chancen", die er in seinem umstrittenen Interview auch erwähnte?

Kurz vor Ostern, das der Papst wie immer mit einer bedenkenswerten Rede vom Balkon des Petersdoms und dem traditionellen Ostersegen «Urbi et Orbi» («Der Stadt und dem Erdkreis») begehen wird, ist das Oberhaupt der katholischen Kirche durch seinen Invasionssatz ins Zwielicht gerückt. hat sich Franziskus der AfD angeschlossen? Plant er, Slowake oder gar Ungar zu werden? Hat ihn Horst Seehofer auf die Seite der entmenschten Merkel-Feinde gezogen?

Keineswegs. Seit Jahrhunderten schon ruft die katholische Kirche zur Beendigung aller Konflikte auf und fordert Solidarität mit den allen Flüchtlingen, ohne dass sie selbst je von ihren Reichtumsgelübten abrückte. gebracht aber hat es bis heute wenig. Stattdessen gibt es neuerdings Gebete des Heiligen Vaters, die allerdings zuletzt offenbar nur zu immer mehr Fluchtursachen und einer "Lawine" (Schäuble) aus Menschen führten, die sich nach Deutschland wälzt.

Angesichts der hohen Zahlen von Flüchtlingen aus Nordafrika rief der Papst alle Länder dazu auf, sich mit den Flüchtlingen solidarisch zu zeigen und «ihr Herz für die Aufnahme» der Menschen zu öffnen. Der Papst selbst war schon September vorgeprescht und hatte einen Teil der neu zu uns kommenden Menschen in der Vatikanstadt aufgenommen.

Zwei Flüchtlingsfamilien aus Nordafrika leben seitdem zur Rechten von Gottes Stellvertreter, erst jüngst legte die Kurie nach und gab einer Frau aus Eritrea Obdach.

Das soll nur ein Anfang sein. Vatikanstadt sei zwar nur knapp einen halben Quadratkilometer groß, sagte der Heilige Vater, habe aber derzeit auch nur 884 Einwohner. Verglichen mit dem ähnlich kleinen Monaco, das 32.000 Menschen beheimate und mit einer Bevölkerungsdichte von rund 16.000 Menschen pro Quadratkilometer außerordentlich prosperiere, könne Vatikanstadt mindestens weitere 7000 Flüchtlinge aufnehmen.


Die Schlacht von Navarino: Die wahren Wurzeln der Flüchtlingskrise

Am 20. Oktober 1827 wurde die EU-Außengrenze in einer blutigen Schlacht mit der Türkei ans Mittelmeer verlegt.
Es wäre nötig, die außereuropäischen Grenzen zu schließen, um den "Zustrom" (Merkel) von Fremdländern abzumildern. Doch es ist nicht möglich, diese Maßnahme durchzuführen, weil Europa an seinen Enden unter offenen Seegrenzen leidet, durch die skrupellose Schlepper nach und nach Millionen Menschen locken.

Ein Problem, das aus der Geschichte stammt und ausgerechnet von Großbritannien verursacht wurde, das sich heute einen schlanken Fuß in Flüchtlingsdingen macht und die EU zu Sonderkonditionen erpresst.

Dabei war es das britische Empire, das am 20. Oktober 1827 in einer Seeschlacht vor dem westgriechischen Pylos, auf italienisch Navarino, dafür sorgte, dass Peter Altmaier heute Europas Grenzen hinter Griechenland bewachen muss - und nicht wie bis dahin vor der Pleitenation am Mittelmeer, die bis zu jenem unseligen Oktobertag zum Osmanischen Reich gehört hatte.

Sir Edward Codrington, der Oberbefehlshaber der britischen Marine im Mittelmeer, war seinerzeit unterwegs, um etwas Ähnliches wie die Syrienkrise beizulegen. Wie heute hatten sich auch damals die Westmächte inklusive Russland geeinigt, den Konflikt zwischen dem um Unabhängigkeit kämpfenden Griechenland und der osmanischen Kolonialmacht durch eine scharfe Ansage an die streitenden Parteien zu beenden.

Ibrahim Pascha, der türkische Oberkommandierende, mochte allerdings nicht parieren - nachdem seine Männer einen britischen Parlamentär umgebracht hatten, brach die Schlacht zwischen der türkischen Übermacht und den verbündeten Schiffen der Westmächte aus.

Die alliierte Flottenstärke belief sich auf elf Linienschiffe, neun Fregatten und vier kleinere Schiffe. Die Türken, die auch ägyptische Schiffe einsetzten, die von Franzosen gesteuert wurden, hatten drei Linienschiffe, neunzehn große Fregatten und 35 kleinere Schiffe zur Verfügung.

Die zahlenmäßig unterlegenen Alliierten schossen die schlechter ausgebildete und mit älteren Kanonen ausgerüstete Flotte des Sultans förmlich zusammen. Die Türken verloren 4000 Mann und 78 Schiffe; Briten, Russen und Franzosen gerademal 400 Mann und 22 Schiffe.

Am Tag nach dem Gefecht, das das letzte war, das sich traditionelle Linienschiffe mit Besegelung lieferten, war das Osmanische Reich dazu verurteilt, Griechenland aufzugeben.

Der Weg der Griechen in die EU war nun vorgezeichnet, mit ihrem Wechsel vom Morgen- ins Abendland wechselte auch die spätere Grenzziehung der Europäischen Union.

Statt einer leicht abzuzäunendem Landgrenze verfügt die Gemeinschaft nun dank der Schlacht von Navarino über eine schwer zu sichernde Seegrenze.

Samstag, 5. März 2016

Nächste Fluchtwelle: Andrang aus Übersee

Fluchtgrund Trump: Immer mehr Amerikaner denken über eine Ausreise nach Europa nach.
Eine Million im vergangenen Jahr aus Arabien und Afrika, 100.000 in diesem aus allen Krisengebieten der Welt – und als würde Deutschland nicht schon genug Hilfe leisten, erschreckt die Frankfurter Allgemeine kurz vor den entscheidenden Landtagswahlen mit Meldungen, wonach die nächste Flüchtlingswelle schon bald aufbranden könnte. Diesmal aus einer bislang noch für völlig befriedet gehaltenen Ecke des Erdkreises.

Aber es ist wahr: Nach dem „Super Tuesday“ in den USA, der einen Triumph des nach Überzeugung aller deutschen Quellen komplett wahnsinnigen Milliardärs Donald Trump brachte, denken nun auch viele Amerikaner übers Auswandern nach. Erstes Reiseziel, so die FAZ, sei das benachbarte Kanada. Die Anzahl der Google-Anfragen sei hier um 1150 Prozent gegenüber das normale Niveau gestiegen, wobei unklar ist, was das in absoluten Zahlen bedeutet.

Deutschland ist nicht viel weniger beliebt, gerade. Nach der Statistik der Suchanfragen von Google könnten bis zum Herbst Millionen in Gottes eigenem Land auf gepackten Koffern sitzen, um eine neue Heimat in der Heimat der Vorväter zu finden. Gerade in Bundesstaaten und Städten mit großer deutschstämmiger Bevölkerung ist die Anzahl der Suchanfragen zuletzt deutlich gestiegen.

Doch können Einwanderer aus den USA wirklich das deutsche Demographieproblem lösen? Bringen sie, die zu Hause keine Facharbeiterausbildung im dualen deutschen System kennen, die richtige Qualifikation mit? Können mehr Ein-Euro-Jobs und Ausnahmen beim Mindestlohn helfen? Oder wird die überragende Mehrheit sehr lange bis dauerhaft auf die Hilfe des Staates angewiesen bleiben?

Die Zukunft ist ungewiss, das Ausmaß der nächsten Fluchtwelle noch nicht abzusehen. Die deutsche Politik, die Asylbewerbern aus den USA zuletzt pauschal und ohne Einzelfallprüfung die kalte Schulter gezeigt hatte, ist gefragt, hier überzeugende Antworten zu finden - schneller diesmal, als es zuletzt bei der Einwandererwelle aus Aufrika und dem arabischen Raum gelang.

Frische Fische aus Fukushima

Die Welle verebbte unbemerkt. Von einem Tag auf den anderen kam die Atomwolke nicht mehr vor im Wetterbericht, obwohl sie doch zielstrebig auf Deutschland zuwehte. Auch die Nachrichten von Strahlungsspuren, die in den Wochen nach dem Unglück von Fukushima überall auf der Welt gefunden worden waren, endeten.

Dabei war die Aufregung epochal gewesen. "Tausende Tonnen radioaktives Wasser werden in Japan ins Meer geleitet", analysierten deutsche Medien messerscharf, und noch schlimmer: "Der AKW-Betreiber Tepco spielt die Sache herunter", denn, das wussten sie in allen Redaktionsstuben zwischen München und Hamburg, die Rettungsmaßnahmen sind verzweifelt, der "Super-Gau" (n-tv), der vor zwei Wochen eine Woche lang stattfand, ist nicht mehr aufzuhalten. Zumindest so lange nicht ein Sonderkommando deutscher Kommentatoren und Reporter über Fukushima abgeworfen wird, um Millisievert und Bequerel wieder in die innere Reaktorhülle zurückzuschreiben.

Die ganze Zeit schon waren die Werte niedriger gewesen als im Erzgebirge überall und sowieso. Aber erst Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einer nächtlichen Willenanstrengung beschlossen hatte, dass Deutschland aus der Atomkraft aussteigen wird, endete die allgegenwärtige Angst, es könne jeden erwischen.

Das Meer vor Japan war ja schon verseucht. Und Claudia Roth, eine Art menschliche Alarmglocke, hatte zehntausende Atomtote gezählt. Wie lange würde man Fisch noch essen, Wasser noch trinken, sein Gesicht und vor allem die schmutzigen Hände noch waschen können?

Bis heute zumindest geht es, ist. Danach hat der Weltuntergang von Fukushima die Meeresfische in der Region kaum radioaktiv belastet. Die in den Tieren gemessenen werte sind heute nicht höher als bei Fischen aus der Nordsee.

Wäre ja auch verwunderlich gewesen, denn 11.500 Tonnen radioaktives Wasser in den Pazifik einzuleiten, der rund 70.000.000.000.000.000 Tonnen Wasser enthält, entspricht etwa dem Verhältnis von einem Quadrilliarstel Teil Fichtelnadelbad auf eine volle Badewanne. Der Anteil des "weit über die Grenzwerte belasteten Wassers" beträgt danach etwa 0,0000000000016 Prozent des gesamten Meeresinhalts – ein Molekül in einem Freibad, ein Atom im Inhalt eines Güllehängers.

Konnte man das ahnen? Konnte man. Wollte man es wissen? Lieber nicht.

Freitag, 4. März 2016

Verbot der Woche: Klammheimliche Häme

Kaum ein Jahr, dass Satire noch alles durfte. Je suis Pauschalurteil über vermummte Muslime! Über Kackbratzen von Pegida. Putin, den Verursacher aller Weltkriege seit Hermann dem Etrusker. Mit einer gesunden moralischen Grundeinstellung lehrte Deutschland seitdem seine weltweit berühmte Toleranz: Die Beschimpfung des Propheten ist auszuhalten, Punk auf der Kirchenbank eine freie Meinungsäußerung und eine gewisse Schärfe im Streit der Ideologien und Religionen auszuhalten, so lange niemand den Füller gegen den Fünfschüsser tauscht.

Was waren das noch für Zeiten. Pegida-Bachmann war Hitler, Seehofer Orban. Oeetinger wurde als Vordenker verspottet und Merkel als Mona Lisa der Weltmoral. Wie ein Mann standen die Medien hinter der Regierungsentscheidung, für den Moment noch an lustig gemeinter Hetze festhalten zu wollen. Witze sollten erlaubt bleiben, auch wenn sie notgedrungen kaum jemals alle Menschen oder auch nur eine Mehrheit von ihnen beleidigen. Sogar die Bühnenshows von Leuten, die auf dem Feuerchen der Beleidigung von Intoleranten ihr tolerantes Süppchen kochten, blieben zugelassen.

Schluss damit. Alles darf jetzt immer noch. Aber „keine Häme“! Was seinerzeit beim Rächerrichter Ronald Schill noch zulässig, ja, nötig war, hat der private Meth-Raucher Volker Beck nicht verdient, weil er auf seine Weise auch nur ein Opfer ist.

Die Drogenmafia steckt dahitler, Crystal-Schleuser aus Tschechien, das in der Flüchtlingskrise ohnehin schon durch seine deutschnationale AfD-Haltung übel ungarisch aufgefallen ist. Beck selbst ist nur Ausführender, ein Symptom einer globalisierten Zeit, die niemandem die Wahl lässt, ob er will oder nicht. Ein Politiker wie der Grüne, der „heftig und gerne moralisierte“ (SZ), dann aber mit harten Drogen erwischt wurde, hat keine Häme verdient, nur weil er mal vom hohen Ross der höheren Moral gefallen ist.

Beck hat viel gearbeitet, viel zu viel vielleicht. Er hat ein harter Hund, hat leistungsfähig sein wollen, um funktionieren zu können in einem Politbetrieb, der den Machterhalt zum Hauptinhalt hat, weil ohne Macht nichts zu machen ist.

Braucht es Koks dazu, dann eben Koks. Braucht es Panzerschokolade, dann eben Panzerschokolade. Wer Gutes will, muss persönlich viel opfern, der Schwimmer Trainingszeit, der Fußballer sitzt lange im Bus, der Rockstar muss mit Halsweh raus auf die Bühne, der Maler bekommt Ekzeme von der ewigen Farbe. Der Politiker aber kann nicht ausruhen, für ihn ist immer Stadionkonzert, jeden Tag Olympiade, Wahlkampf, Menschenrechte, Interview, Kreisbüro, Maischberger. Er ist das Vorbild der Nation, er lebt vor, wie der Mensch sein sollte. Spott und Hohn, nur weil er dabei chemisch nachhilft, hat er nicht verdient.

Demnächst muss eine Gesetzesverschärfung auch hier für mehr Ehrenschutz sorgen.

Die Sklaven von heute: Billiglohn im Bundestag




Zwölf Prozent Verlust: Demokratie im Umfragetief

Dicke Schlappe für die Demokratie kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Nur noch 76,5 Prozent der Bürgerinnen und Bürger haben die Absicht bekundet, Parteien aus dem demokratischen Block zu wählen. Das sind enttäuschende zwölf Prozent weniger als noch bei der letzten Wahl in dem Bundesland direkt an der Straße der Gewalt ihre Stimme für die Kandidaten der Nationalen Front abgegeben hatten.

Der Langfrist-Trend ist noch alarmierender: 2006 hatten noch 91,9 Prozent der Wähler für CDU, SPD, Linke, Grüne und FDP votiert, 2002 waren es 93 Prozent gewesen, 1990, bei der ersten Landtagswahl, sogar 95,8 Prozent.

Ein Gesamtverlust von nahezu 20 Prozent.

Doch es erwischt die Parteien, die Sachsen-Anhalt über das vergangene Vierteljahrhundert so zuverlässig geführt haben, dabei unterschiedlich stark. So verliert die CDU etwa zehn Prozent der Wähler, die sie noch beim letzten Urnengang mobilisieren konnte. bei der SPD hingegen geht jeder fünfte Wähler von der Stange. Die von der charismatischen Katrin Budde geführte einstige Arbeiterpartei büßt in absoluten Zahlen 4,5 Prozent ein - bezogen auf das eigene Abschneiden im Jahr 2011 bedeutet das, dass fast 20 Prozent der damaligen SPD-Wähler keine Absicht mehr haben, ihr Kreuz erneut beim kleinen Koalitionspartner zu machen.

Die SPD ist damit der ganz große Loser unter lauter Verlierern, übertroffen nur noch von den Grünen, die mit zwei Prozent Verlust tatsächlich gleich ein Drittel ihrer ehemaligen Wählerschaft nicht mehr motivieren können, denselben Fehler noch einmal zu machen. Etwas besser schneidet die Linke ab, die - zumindest der aktuellen Umfrage nach - mit zwei Prozent nur etwa acht Prozent der Wählerinnen und Wähler verliert, die 2011 für sie votiert hatten.

Dünn die Gewinnerliste: Nur die zuletzt nicht mehr im Landtag vertretene FDP gewinnt mit 1,2 Prozent Stimme im demokratischen Spektrum dazu, ohne die immensen Verluste der Staatsparteien ausgleichen zu können. Zwischen 21 und 24 Prozent der Menschen sind je nach Umfrageinstitut offenbar bereit, sich außerhalb unserer demokratischen Gemeinschaft zu stellen.

Kein Einzelfall: Auch in Baden-Württemberg stieg der Stimmenanteil für Parteien außerhalb unseres bewährten Parteiengefüges von 5,6 Prozent auf 13. Und auch Rheinland-Pfalz sieht einer Verdopplung von 4,8 auf mehr als zwölf Prozent entgegen.

Donnerstag, 3. März 2016

Zitate zur Zeit: Nachtrag zu Will

Der Glaube versetzt Berge. Dieser bergeversetzende Glaube muss uns alle erfüllen.

Sätze, die Angela Merkel bei ihrem historischen Auftritt Anne Will gesagt haben könnte.

Gepasst hätte es.


Hass in Fontänen: Die Schande Ostdeutschland

Der Hass auf Balkanesen und Nordafrikaner ist bereits seit einigen Wochen hoffähig und von höchster Ebene abgesegnet. Scheinasylanten, Scheinsyrer, scheinselbstsändige Rumänen, schnell abschieben, kriminelle Ausländer, Sozialschmarotzer aus deutschen Urlaubsländern, raus damit dudeln dieselben Wellen, die eben noch jeden Menschen weltweit – außer Edward Snowden – als prinzipiell in Deutschland asylberechtigt anerkannt hatten.

Noch ist der Volkskörper am Verdauen der neuen Nachrichten, da dreht sich der Wind schon wieder weiter. Diesmal ist es der undankbare, im Kopf behäbige, anspruchlos in Gräfenhainichen und Schönebeck vegetierende Ostdeutsche an sich, der den offenen Protest der Meinungseliten weckt. Sein Aushängeschild ist der Sachsen-Anhalter, ein Wesen aus Gleichgültigkeit und Undank, das „keine Erfahrung mit Ausländern“ hat, dafür aber eine „sehr spezielle Jugendkultur“ mit „Fahrzeugen, auf deren Heck sich Aufkleber mit Fäusten, Runen und Totenköpfen“ befinden, während die Jugendlichen selbst einer rechtsextremisierten Szene samt „Military-Look, Tattoos, Piercings und teilrasierter Schädel“ verbunden sich mit Hobbys wie Tuning, Paintball und Bodybuilding angehören, die selbstverständlich „uniform und männlich dominiert“ ist.

Was für ein Hass, den der FAZ-Analyst Reinhard Bingener da in Fontänen ausstößt. Politisch ungebildet sind die Menschen in dem Land, in dem der gebürtige Regensburger einst Evangelischen Theologie studiert. Dazu aber auch ohne Maßstäbe, ohne Probleme mit haltlosen Verschwörungstheorien, ohne Respekt vor Haftbefehlen, voller Systemverachtung und „Mangel an Einsicht über den eigenen Lebenswandel“.

Bingener eigene Verschwörungstheorie geht so: Was hier einmal lebte, ist fortgezogen. Geblieben sind Dumme, Hässliche, Männer und Alte, Bürgermeister, "in deren Orten kein einziger Ausländer gemeldet ist", und Muslime, die „eine verschwindend kleine Minderheit“ (Bingener) sind.

Doch nicht ihretwegen ist hier „die Entchristlichung am weitesten vorangeschritten“. Sondern weil „Kirchenleute“ einen „Zusammenhang“ sehen „zwischen der seit drei Generationen vererbten Konfessionslosigkeit und der verbreiteten Abwehr gegen das Fremde“.

Es ist die Logik eines wahren Gläubigen: Wo kein Christ, da kein Gott.Wo kein Gott, da kriminelle Enthemmung, Verfall der Sitten, Grenzbruch und Gewalt.

Eulenfurz zum Thema Ostlerhass




Mittwoch, 2. März 2016

Stau oder nicht Stau: Was uns Sprache verrät

Keine Frage. "Flüchtlinge stauen sich" (Focus) in Griechenland, seit Österreich eine Obergrenze für das Durchwinken eingeführt hat. "Flüchtlinge stauen sich" auch im Berliner "Tagesspiegel" wegen der "zunehmend blockierten Balkanroute" . Sie stauen sich in der "Welt" an der mazedonischen Grenze, in "Bild" zu Tausenden, in der "Süddeutschen" in einer "Sackgasse" (SZ) und in der "Tagesschau" an der "Ausweichstrecke über den Brenner".

25.000 sollen es inzwischen sein, die auf ihrem Weg Richtung Norden nicht weiter wissen, die sich deshalb notgedrungen in Griechenland stauen müssen. Nun bezeichnet der begriff Stau in der Strömungslehre eine Engstelle in einem Strömungsverlauf, an der die Strömungsgeschwindigkeit steigt oder aber - ist das nicht möglich - der Druck zunimmt.

Zahlen sprechen hier eine deutliche Sprache: In Griechenland, ein Staat mit einer Bevölkerung von rund zehn Millionen Menschen, reichen 25.000 Personen, also umgerechnet 0,25 Prozent der Bevölkerung, einen "Stau" hervorzurufen. Zum Vergleich: In Deutschland befinden sich derzeit allein 1,2 Millionen Flüchtlinge aus dem "Zustrom" (Merkel) des Jahres 2015, ein Anteil von knapp 1,5 Prozent der Bevölkerung, ohne dass medial Stau-Symptome diagnostiziert werden. Die Türkei schultert seit Jahren sogar drei Millionen Flüchtlinge - fast vier Prozent der eigenen Bevölkerung - ohne dass jemals die Rede davon war, es herrsche ein "Stau" mit dramatischen Folgen.

Vermutlich liegt es am Wohlstand. Griechenland ist bekanntlich pleite, darf nur nicht so genannt werden. Als armes Land fällt es dem todkranken EU-Partner naturgemäß schwer, zusätzliche Lasten wie die durch die Flüchtlingswanderung zu bewältigen. Es ist einfach kein Geld da, keine medizinische Versorgung, keine helfende Hand für "alleinreisende Jugendliche" (Göring-Eckhardt). Das kann Deutschland mit seiner wirtschaftlichen Kraft viel besser: Griechenland liegt im Human Development Index (HDI) nur auf Platz 29 und beim Weltwohlstandsindex auf Platz 50. Deutschland dagegen hälkt beim HDI den Platz 6 und beim Bruttoinlandsprodukt sogar Platz 4 weltweit.

Da ist doch klar, bei wem die mediale Verwendung des Begriffes Stau zur Beschreibung eines widernatürlichen Wanderungshindernisses wird. Und bei wem der stauartige Verbleib einfach den Zielpunkt einer Wohlstandswanderung beschreibt.

Wäre da nicht die Türkei, von der Bundeskanzlerin selbst als das rettende Ufer der Außen-EU im Kampf gegen den "Zustrom" (Sigmar Gabriel) auserkoren. In Griechenland sitzen 25.000 fest - eine wenigstens der Berichterstattung nach humanitäre Katastrophe. In der Türkei sind es drei Millionen, von denen nie zu hören und zu sehen ist.

Obwohl doch Griechenland nach dem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf Platz 37 weltweit steht, während die Türkei nur Platz 65 erreicht. Ein Grieche erwirtschaftet im Jahr Güter und Dienstleistungen im Wert von 21.000 Dollar. Das ist mehr als doppelt so viel wie ein Türke schafft.

Wieso also wird die Türkei für stark genug gehalten, den absehbaren Flüchtlingsstau auszuhalten, drei Millionen Flüchtlinge im Land gelten hier weder als Stau noch als überhaupt berichtenswert. Griechenland aber, doppelt so wohlhabend, wird mit nicht einmal einem Prozent der Flüchtenden, die die Türkei dauerhaft betreut, binnen Tagen zum Problemstaat.

Eine Logik, die sich jeder Logik entzieht. Griechenland leistet sich eine 132.000 Mann starke Armee, die jeden Griechen jährlich tausend Euro zehn Milliarden kostet - ein Soldat kommt so auf 74 Bürger, ein Flüchtling aber nur auf 400. In der Türkei ist es andersherum: Jeweils 26 Bürger müssen einen Flüchtling schultern, 109 dagegen kommen für jeden Soldaten auf.

Wie geht das? Woher kommt der mediale Eindruck, es sei genau anderherum? Wer kann da nicht rechnen? Oder kann er es doch?

Dienstag, 1. März 2016

HFC: Grelle Pfiffe für die Pfeifen

Ein Abend, an dem alles stimmt, zumindest für den Gegner. Nicht aus eigener Kraft, sondern wegen der imponierenden Schwäche der Konkurrenz ist der seit Monaten zwischen brauchbar und unterirdisch changierende Hallesche Fußballklub auch im März des Jahres 2016 noch immer irgendwie im Aufstiegsrennen. das wird an der Saale zwar traditionell nicht ernstgenommen, weil der HFC keineswegs aufsteigen will. Aber nett wäre es schon, einen Saisonrest zu spielen, der ausnahmsweise mal nicht aus lauter Freundschaftsspielen gegen Teams besteht, die auch nur um die goldene Ananas kicken.

Dazu müsste gegen Würzburg, eine ähnlich gesichts- wie konturlose Truppe aus dem Tabellenmittelfeld, ein Sieg her. Flutlicht, Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt, ein Gegner, der kaum Tore zulässt, aber normalerweise auch keine schießt - durchwachsen ist die Ausgangslage, aber die seit Anfang Februar ungeschlagenen Rot-weißen, heute mal wieder in königlichem Weiß, könnten mit einem Sieg auf einen Punkt an den Erzrivalen Magdeburg heranrücken,. Warum also die Gala gegen Großaspach wiederholen und die nach vorn so ungefährlichen Unterfranken aus dem Erdgas-Stadion schießen?

Weil heute nicht der Tag ist. Das wird schon in den ersten zehn Minuten klar, als der derzeitige Sturmankurbler Tobias Müller rechts allein auf das Tor von Kickers Keeper Wulnikowski zuläuft. Aber wohl in Erinnerung der letzten drei aus der gleichen Position vergebenen Hundertprozentigen auf den mitgelaufenen Bertram ablegt. Dazwischen steht leider ein Würzburger. Chance dahin.

Immerhin beherrscht der Gastgeber aber bis zu disem Moment das Spiel. Würzburg duckt sich ab, stört früh, ist aber nach vorn wie erwartet harmlos. Jedenfalls fast. Nur auf der linken Abwehrseite läuft ein kleiner, behändiger Würzburger immer wieder dynamisch an, ohne das Jonas Acquistapace ihn halten kann. In der 36. Minute trödelt eine seine Flanken einmal quer durch die HFC-Abwehr, dort knallt ihn ein Würzburger an den Pfosten. Von dort springt er ins Feld, wird von Karsanidis noch mal aufs Tor gebracht. Und ist drin.

Unheil kündigt sich an. Denn der HFC ist nun völlig von der Rolle. Es gelingt nichts mehr, Max Jansen stolpert, Engelhardt spielt lange Bälle ins Nirgendwo, Bredlow setzt seine Abstöße ins Seitenaus. Noch aber scheint alles nach Plan zu laufen. Trainer Stefan Böger setzt sich hin. Die zweite Hälfte muss die Wende bringen.

Hätte er mal einen der Feuerwehrleute eingewechselt, die beim Pausenspiel zumindest einmal ins Torwandloch treffen. Denn die Elf, die er da auf dem Platz hat - für den überforderten Barnofsky ist der mausgraue Rau gekommen - übt sich nun kollektiv in Arbeitsverweigerung. Ist es die Ankündigung des kommenden Sportdirektor Böger, die kommende Saison nicht nur mit einem neuen Trainer, sondern auch mit einer neuen Mannschaft angehen zu wollen. Ist es die Müdigkeit, die alle überkommen hat, nachdem der hochgelobte Sören Bertram auch die siebenundneunzigste Standardsituation genutzt hat, den Ball flach auf den ersten in der Nähe befindlichen Abwehrspieler zu zirkeln?

Es könnte allerdings auch das Wetter. Da unten hat sichtlich keiner Lust auf Fußball. trotz des Rückstandes plätschert das Spiel dahin, als wären beide mit einem remis zufrieden. Nur dass eben Würzburg, von 50 tapferen Fans mit viel Tagesfreizeit unterstützt, führt.

Und gleich noch mehr. Halle hat den Ball, verliert ihn auf Höhe Mittellinie Ein Foul bremst den mählichen Gegenstoß. Daghfous schießt den Freistoß in Berttam-Manier. Doch er trifft, solche Tage gibt es, ein HFC-Bein. Von dem der Ball unhaltbar in die von Bredlow weit abgelegene Ecke kullert.

0:2 und noch alles drin. Die Gäste haben jetzt immerhin schon mehr als doppelt so viele Tore geschossen wie ihnen üblicherweise in einem Spiel gelingen, der HFC dagegen liegt fast zwei Stück unter seinem Heimschnitt. Da geht noch was und bald wird auch deutlich, was. Halle kommt nun kaum sauber noch aus der eigenen Hälfte, schon die Spieleröffnung gleicht einem Seiltanz. Bredlow auf Engelhardt, der tändelt, sucht Kleineheismann. der spielt zurück auf Engelhardt. Der gerät in Bedrängnis und passt zurück auf Bredlow. Der wiederum wuchtet das Leder Richtung Mittelkreis, wo es mit absoluter Gewissheit einen Würzburger auf den Kopf trifft.

Es ist alles grausam anzusehen, selbst im Glamourlicht der Tiefstrahler. Wie auf einem OP-Tisch liegen die Schwächen des HFC anno 2016 offen: Die Abwehr wackelt. Das Mittelfeld ist wendig wie ein Bücherschrank. Die Außen laufen, wissen aber zumeist nicht, wohin. Osayamen Osawe, der Wunderstürmer mit den großen Ambitionen, stützt die Hände in die Hüften. Manchmal legt er per Kopf ab, wie aus dem Lehrbuch. Nur dass der einzige, der den Ball nehmen könnte, er selbst wäre.

Das hat alles nicht Hand und schon gar nicht Fuß, es ist ein Drama, das an die dunkelsten Stunden der jüngeren Vergangenheit erinnert. Wo kein Wille ist, ist kein Weg, und dieser Weg kann dann auch ein leichter sein, er wird nicht gegangen: Würzburg spielt ja nicht grandios, sie beherrschen Halle nicht und sie spielen niemanden an die Wand. Aber das reicht heute völlig aus: In der 63. Minute trudelt erneut so ein Befreiungsschlag aus dem Halbfeld in den halleschen Strafraum. Und Fabian Bredlow, an schlechten Tagen oft der beste Hallenser, tätscht ihn sich selbst ins Tor.

0:3 wie damals gegen Bielefeld, als hier zu lesen war, "mit der siebten Heimniederlage endet der zarte Zwischentrend, der zuletzt auf bessere Zeiten zu deuten schien".

Das ist nun wieder so, denn Geschichte wiederholt sich, allerdings als Farce. Aus den 6600 Zuschauern damals sind nun nur noch 6000 geworden und was die in den letzten 25. Minuten sehen, ist ein Offenbarungseid, wie er zuletzt in der finalen Phase der Köhler-Ära alle naselang abgegeben wurde.

Würzburg ist jetzt drückend überlegen, reihenweise vergeben die Schwarzen ihre Chancen. Die Weißen aber profitieren nicht davon. Böger hat für Acquistapace Stagge gebracht und für Jansen Pfeffer, aber richtig Pfeffer kommt deshalb auch nicht ins Spiel, obwohl der fast schon aussortierte Ur-Hallenser sich wie Lindenhahn und Kruse wenigstens müht. Dass es Kleineheismann ist, der in der 71. Minute wenigstens noch den Ehrentreffer macht, passt ins Bild. Ein Abwehrspieler muss es machen.

Für das Gesamtkunstwerk gibt es am Ende gellende Pfiffe, zum ersten Mal seit langer Zeit wieder. Es sind noch zehn Spieltage, die nun wieder kein Mensch mehr braucht. Das Spiel ist aus. Die Saison ist vorbei. Es regnet dann auch.

"Stern": Von ostdeutschen EU-Staaten

Kein Stein bleibt auf dem anderen, wenn die westdeutsche Zivilgesellschaft in Scherben fällt. Die Suche nach Schuldigen gebiert immer neue Wellen aus Sachsenhass und Verachtung für marginalisierte Randgruppen. Verantwortung muss sein, ein Name muss her. Der Ziegenbock Bobesch kann es nicht schon wieder machen, die Nummer mit der Stasi glaubt auch keiner mehr. Wen also nehmen? George W. Bush ist nicht mehr im Amt, Guido Westerwelle tot, Kohl nicht mehr ansprechbar, Schröder dank russischer Alimente nicht zu beeindrucken.

Warum also nicht der Ostdeutsche an sich, dieses unbekannte Wesen aus verschränkten Armen, Bautzner Senf, Bildungsverachtung und Windjacke? Warum nicht der Simpel aus Sachsen, der Depp aus Thüringen, der murrende alte Mann aus Mecklenburg, der immer noch parteitreue Brandenburger? Man stellt ihn sich einfach vor, wie man ihn braucht, er hat das Gesicht der Mörder von Sebnitz, der Meuchler von Mittweida, der Pegidisten von Dresden und Parolenbrüller von Bautzen.

Andreas Petzold, einem Mann aus der Schalck-Golodkowski-Wahlheimat Tegernsee, der sein Fach noch bei der alten westdeutschen Illustrierten "Quick" gelernt hat, sprang jetzt ein neuer Höhepunkt der ritualisierten Ostler-Prügelei aus der Tastatur: In einer Kolumne, die hauptsächlich Sigmar Gabriels panikartigen Kurswechsel hin zu einer rechtspopulistischen Spaltungspolitik thematisiert, geht Petzold wohlwollend auch auf Wolfgang Schäubles Idee einer "europaweiten Benzinsteuer" ein, die dazu dienen soll, die Flüchtlingsaufnahme zu finanzieren.

"Die Idee hat Charme", heißt es dann: "Nicht nur, dass Brüssel damit erstmals eine eigene Steuer erheben dürfte, die EU-Kommission könnte diese Mittel dann so verteilen, dass hilfsbereite Länder wie Deutschland und Schweden deutlich mehr Geld bekämen als beispielsweise ostdeutsche EU-Staaten, die Flüchtlingen jegliche Hilfe verweigern."

"Ostdeutsche EU-Staaten" also. Ostdeutsche EU-Staaten. Sind an allem Schuld.

Ostdeutsche EU-Staaten.

Doku Deutschland: Die wichtigsten Sätze der Kanzlerin bei Anne Will

Merkel bleibt standhaft, Anne Will gab die passenden Stichworte. Mit einem beeindruckenden Fernsehcomeback in der vielgesehenen Sendung nach dem "Tatort" hat sich die zuvor weitgehend abwesende Bundeskanzlerin pünktlich vor dem Landtagswahlen mit einem ganz, ganz starken Auftritt zurückgemeldet.

Nein, einen Plan B hat sie nicht, jedenfalls keinen, der verkündet werden dürfte. Nein, ihr Plan A geht auch im sechsten Monat noch nicht auf. Aber Merkel vertraut Merkel, sie ist unerbittlich im Wissen darum, richtig zu liegen. Und immer noch mit viel Spaß bei der Sache.

Nur wer so überzeugt ist, kann andere überzeugen - wie Merkel das auf ihre ganz eigene, zutiefst menschliche Weise tut. Manche ihrer knappen, kompakten Sätze, die mit großer Entschlossenheit gelassen gesprochen werden, haben das Zeug zum Klassiker - Merkel ist echt, authentisch und klug, sie bleibt standhaft, bekommt Applaus, lächelt, verspricht ein nachhaltige, europäische Lösung für die Flüchtlingskrise. Sie ist gegen den Kleingeist, eine große Frau in Alarmorange, die fröhlich das Fundament eines europäischen Kompromisses skizziert, der irgendwann gefunden werden wird.

Die besten Zitate der Kanzlerin bei "Anne Will" dokumentiert PPQ in der zeithistorischen Reihe "Doku Deutschland"* für alle die, die die große Solo-Show der Kanzlerin verpasst haben und deshalb immer noch zweifeln, wer es wann wo mit wem schaffen wird.

"Man ist immer so jung, wie man sich fühlt."

"Dreimal umgezogen ist wie einmal abgebrannt."

"Kaum spricht man vom Teufel, schon kommt er gelaufen."

"Man lernt nie aus."

"Gut Ding will Weile haben."

"In der Ruhe liegt die Kraft."

"Viele Köche verderben den Brei."

"Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft."

"Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist."

"Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, dann geht der Prophet eben zum Berge."

"Da ist was faul im Staate Dänemark."

"Was lange währt, wird endlich gut."

"Das Eckige muss ins Runde."

"Verdammt noch mal."



Mehr aus der zeitkritischen Doku-Serie "Doku Deutschland"


*Dokumentation von Carl Gustav