Sie singen es im Osten und sie singen es im Weesten, sie singen es im Süden und sie singen es natürlich auch im Norden, mit einem kleinen Rüganer Roll-R wie in "Krrroanfahrer": Der bei nachwachsenden Generationen schon beinahe völlig vergessene Status-Quo-Hit "Rockin´ all over the world" hat dank selbst- und häufig auch namenloser Nachspiel-Kapellen das Zeug, für die 80er zu werden, was "Knockin´ on heavens door" für die 70er war.
Die hedonistische Hymne in D-Dur feiert sich selbst mit dem debilen Charme eines tiefergelegten Golf: "Hurry up, hurry up, here we go, all aboard 'cause we're hittin' the road", muss der Interpret heulen, ehe es wieder hinauf geht zu der Stelle, die jedes Kneipenpublikum mitröhren kann: "Here we go, Rockin' all over the world".
Sowas wird nicht alt, sowas klingt nur irgendwann klassisch. Da geht es der ursprünglich von John John Fogerty von Creedence Clearwater Revival geschriebenen Gesellschaftsnummer nicht anders als Dylans tagtäglich hunderte Male vergewaltigter Klopf-Nummer: So wie die durch Interpretation groß wurde, wurde es auch Fogertys bescheidener Rock-Beitrag zu seinem einfallsreich "John Fogerty" genannten zweiten Solo-Album. Rick Parfitt und Alan Lancaster von Status Quo machten einen Boogie daraus, der im Synthesizerwabern der End-70er fast schon wie Heavy Metal klang. Ein Welthit, den auch die Spielweise als Evergreen, die unsere volkskundliche Wissenschaftsserie "Gesänge fremder Völkerschaften" heute präsentiert, nicht gänzlich zerstören kann.
Mittwoch, 14. Oktober 2009
Mad Max in Mitteldeutschland
Das war sie also, die größte Krise der Menschheitsgeschichte? So fühlt er sich an, der letzte, der defintive Weltuntergang?
Wo sind die Hungerschlangen vor den Suppenküchen? Wo ist der Führer, der sich die Unsicherheit zunutze macht? Wo sind die Verbrechensraten, die in die Höhe schießen?
Sieht es wirklich so langweilig alltäglich aus, wenn der Kapitalismus ins letzte Stadium seines höchstes und verfaultesten Stadiums tritt?
Was hatten sie uns nicht alles versprochen: Mad Max in Mitteldeutschland, kalte Wohnungen, zerschossene Straßenbahnen. Das Recht des Stärkeren würde wieder regieren und der kleine Mann die Zeche zahlen mit Blut, Schweiß und Tränen.
Nun zahlt er wie immer mit Steuern und inzwischen darf er sogar aufatmen. Die Verschuldung des Staates geht in die zwiete Potenz, das heißt nichts anderes, als das die heute lebende Generation selbst theoretisch keine Chance hat, das Geborgte zurückzuzahlen. Das werden zwangsläufig die Kinder der Kinder tun müssen - und denen muss Opa so wenig in die Augen schauen wie Angela Merkel sich dereins Gedanken um die Einhaltung der von ihr selbst auf die klaffende Staatsschuld-Wunde gepflasterte "Schuldenbremse" machen muss.
So ist das mit den großen Krisen - von Nahem sehen sie ziemlich klein und gewöhnlich aus. Nicht mit Aufständen, Rebellionen, entwerteten Sparvermögen und der Flucht der paar Schlauen, die seit Jahren Goldmünzen gehortet und Dauerwurst eingekocht haben.
Wo die mit der Verantwortung für verlorene Millionen geschlagenen Banker früher aus den Fenstern sprangen, sitzen sie jetzt in Fernsehrunden, wo die früher mangels Elektroversorgung ausgefallen wären, dauern sie jetzt einfach nur länger.
Erklärt aber wird nichts. Dieselben Männer und Frauen, die die Krise erst nicht kommen sahen und dann darüber sprachen, dass sie niemand kommen sah, sprechen jetzt darüber, ob sie wohl zu Ende ist. Danach folgt mutmaßlich die ausgiebige Erörterung des Themas, warum das Ende des Untergangs auch wieder niemand vorausgesehen hat.
Dienstag, 13. Oktober 2009
Immer mehr Arme immer reicher
"Chinas Wohlstand wächst in einem halsbrecherischen Tempo", konstatiert Magazinchef Rupert Hoogewerf. Die tatsächliche Zahl der Milliardäre liege vermutlich sogar doppelt so hoch wie offiziell angegeben. "Es gibt immer noch eine große Zahl Milliardäre, die nicht auf unseren Radarschirmen auftauchen, die ihre Vermögen abseits des Rampenlichts machen."
Und das geht manchmal sehr schnell: Sieben der zehn reichsten Chinesen sind dieses Jahr neu an die Spitze der Liste gerückt, die von Autobatterie-König Wang Chuanfu mit 5,1 Milliarden Dollar angeführt wird. Chuangfu hat sein Vermögen mehr als verfünffacht und 102 Plätze gutgemacht. Der im vergangenen Jahr reichste Mann Chinas, der Gründer des Elektronikriesen Gome, Huang Guangyu, fiel dagegen 17 Plätze zurück.
Nach den Debatten

Die Aufregung um Thilo Sarrazin und seine Aussagen über Berlin, Türken und Kopftuchmädchen ist keine 14 Tage alt - und schon ist das inkriminierte Heft, in dem das bewusste Interview steht, im Handel erhältlich. Eine Meisterleistung, die nur noch von der Bundesbank getoppt wird. Diese entzog Sarrazin als Konsequenz "aus seinen umstrittenen Äußerungen zur Integration von Ausländern" die Verantwortung für "den zentralen Bereich Bargeld". Wir lernen: Wer Kopftuchmädchen sagt, der klaut auch silberne Messer.
Immer mehr Arme immer älter
Ursache des Anstiegs ist nach Ansicht der Forscher die "Zwei-Klassen-Medizin" (Ulla Schmidt), die einen 60-jährigen Mann derzeit statistisch auf weitere 20,9, eine 60-jährige Frau sogar auf 24,7 Jahre weitere Lebensjahre hoffen lässt. Durch die seit Jahren immer weiter aufklaffende "Schere zwischen arm und reich" (Angela Merkel), die wachsende Armut besonders bei armen Familien und den Hunger, unter denen nach Angaben von Hilfsorganisationen "immer mehr" deutsche Kinder leiden, stieg auch die Lebenserwartung in ganz Deutschland weiter an. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts, die nicht bindend sind, weil das Statistische Bundesamt bis heute nicht einmal genau weiß, wieviel Menschen überhaupt in Deutschland leben, wird die Lebenserwartung eines 2009 geborenen Kindes im Vergleich zu den Geburtsjahrgängen 2005 bis 2007 bei Jungen um fünf Monate, bei Mädchen um einen Monat steigen
Der Himmel über Halle XIV
Es ist eben doch das Land der Frühaufsteher. Selbst die Sonne scheint hier ein bisschen früher aufzustehn als in anderen Regionen. Und so sah das dann am Dienstagmorgen aus, als der ICE nach Berlin an Halle vorbeirauschte. Ein weiteres Dokument der heimatkundlichen Sammlung Der Himmel über Halle.
Goldene Platte für den staubigsten Hit
So unterschiedlich sind die Schicksale. Die Bundesbank "demütigt" (dpa) ihren Vorständler Thilo Sarrazin wegen seiner "umstrittenen Aussagen" und nimmt ihm das Bargeld weg, unsere Leser hingegen schmöckern uns am gleichen Tag auf der von uns jüngst erst durch einen Leser-Tipp entdeckten Blog-Hitparade von Wikio man möchte fast schon sagen schlagartig auf Platz 18 bei den Polit-Blogs, zu denen wir uns ja nur in Ermangelung einer eigenen Kategorie für die Schnittmenge aus Kunst, Kultur, Rasensport, Arbeiterbewegung, Talkshowkritik und Völkerkunde zählen lassen müssen. Wären wir tot, würde unsere Plattenfirma das vermutlich als Comeback des Jahres feiern, es gäbe lecker Schnittchen, Sektchen und eine Goldene Schallplatte für den staubigsten Hit. So aber können wir selbst noch Dankeschön sagen und einen großen deutschen Arbeiterführer zitieren, der sein Comeback auch noch vor sich hat: "Wir lieben Euch, wir lieben Euch doch alle!"
Drehrumbum mit Damenbart
Zum ersten Mal ist der Nobelpreis für Wirtschaft an eine Frau gegangen. US-Wissenschaftlerin Elinor Ostrom hatte herausgefunden, dass viele Köche nicht immer den Brei verderben und kollektives Eigentum nicht immer zum Schaden aller ausgebeutet wird wie seinerzeit in der DDR. Mit dutzenden Feldanalysen und Experimenten wie die 76-Jährige nach, dass auch Gemeinschaftsgüter oft effizient bewirtschaftet werden - sie widerlegte damit eine gängige Überzeugung, nach der das Streben nach maximalem Eigennutz bei gemeinschaftlichem Besitz zwangsläufig zur Zerstörung des gemeinschaftlichen Eigentums durch Übernutzung führen muss. Das ehemalige Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" freute sich allerdings weniger über die Nachricht, dass es selbst - obwohl mehrheitlich im Besitz seiner Mitarbeiter - eine große Zukunft hat, sondern mehr über die Mitteilung "ja, es ist ein Mädchen!"
Die nicht am Konzern beteiligten Praktikanten suchten gleich ein Bild einer Frau mit Damenbart heraus, die ein wenig an den jungen SPD-Arbeiterführer Erhard Eppler erinnert. Dessen Vorliebe für Gemeinschaftseigentum ist seit seiner Mitarbeit am SED/SPD-Papier "Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit" aktenkundig - und so schließt sich der Kreis formvollendet. Eine runde Sache, Spiegel!
Steinbrück im Schlafzimmerschrank
Peer Steinbrück wusste damals gleich, dass eine "amerikanische Krise" auf uns zurollte, die Europa gar nicht so sehr betreffen würde. Zwar steckte auch das Geld der öffentlich-rechtlichen Landesbanken, der Rundfunksender und Kommunen in maroden Zertifikaten auf amerikanische Immobilien und sogar die Bundesbank hatte den Lehman Brothers großzügig zehn Milliarden gegen null Sicherheit geliehen. Aber Steinbrück wusste: Mit der richtigen Ausrede hat man nie etwas falsch gemacht - selbst wer nackt im Schlafzimmer-Kleiderschrank einer verheirateten Frau erwischt wird, hat noch die Chance, mit einer guten Geschichte zu punkten.
Besser als der Finanzminister, der einst als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen alle Türen der West LB weit aufsperrte, um der Bank zu gestatten, in Steueroasen Tochterunternehmen zu gründen, hat kaum jemals jemand seine eigene Rolle öffentlich so erfolgreich umdefiniert. Steinbrück, gemeinsam mit seinem Staatssekretär Jörg Asmussen einer der Männer, die jahrelang für Verbriefungen und den Handel mit strukturierten Zertifikaten kämpften, steht am Ende seiner Amtszeit als Mahner und Warner da, in der Augen der Öffentlichkeit immer aufrecht geblieben im Kampf gegen Verbriefungen, den Handel mit strukturierten Zertifikaten und die Verlagerung von Tochterunternehmen großer Banken in Steueroasen.
Wie es wirklich war, wird der nächste Job des Arbeiterführers zeigen.
VEB Deutsche Bank
Zum Ende des Jahres 2008 gehörte die Bank insgesamt 581.938 einzelnen Aktionären, das waren 60 Prozent mehr als ein Jahr davor und gleichzeitig so viele wie nie in der Vergangenheit. Hinzugekommen zum Kreis der Besitzer der Deutschen Bank seien nahezu ausschließlich deutsche Privataktionäre, die vor allem im letzten Quartal des großen Krisenjahres 2008 Aktien kauften.
Zum Jahresende waren damit 99 Prozent der Deutsche-Bank-Aktionäre Privatpersonen, ihnen gehört mit etwa 29 Prozent der Aktien ein mehr als doppelt so großer Anteil an dem Institut als noch 2007 (damals 14%).
Die Aktien, die von den Privatleuten gekauft wurden, kamen von institutionellen Anlegern, die ihre Beteiligung in der Krise von 86 auf auf 71 Prozent reduzierten. Das gestiegene Interesse der Privataktionäre machte aus der Deutschen Bank auch wieder eine mehrheitlich deutsche Bank: 55 Prozent der Aktien liegen in den Händen von deutschen Staatsbürgern, weil Investoren aus der Schweiz, Großbritannien und den USA die Aktie aus ihren Depots warfen. keine gute Idee, denn seit Ende November 2008 legte der Aktienkurs von 20 auf 55 Euro zu.
Die Deutsche Bank-Aktie ist damit mehr denn je eine Volksaktie: Mehr als drei Prozent der Anteile gehören nur der französischen AXA-Versicherung und der Schweizer Credit Suisse Group.
Montag, 12. Oktober 2009
Die Welt ist aus den Fugen ...
... und Ozzy Osbourne hüpft händepatschend über die Bühne, während sein Gitarrist den Free Jazz erfindet:
Deine Welt ist Bitterfeld
Die alleswissende Billardkugel Google hat nicht nur den größten Suchindex und den beliebtesten Kartendienst, sondern auch keine Ahnung, wo eigentlich was liegt. Geht es nach den Datenbanken des Unternehmens aus Mountain View, das nach Berechnungen von hier bei PPQ seit längerem immer wieder zitierten Experten bald untergehen wird, wurde eine Chemiefabrik aus dem nördlich von Halle liegenden Wolfen kürzlich auf das Gelände der vom früheren Führer und späteren n-tv-Moderator Adolf Hitler erbauten Buna-Chemiefabrik in der Nähe der mitteldeutschen Gemeinde Schkopau verlegt. Die Umsetzung über eine Strecke von 48 Kilometern erfolgte offenbar völlig unbemerkt selbst von Dow-Mitarbeitern und Angestellten der in Wolfen tätigen Firmen.
In Schkopau befanden sich seit dem Verkauf der zu DDR-Zeiten erbauten Fabrikruinen des VEB Chemische Werke Buna an den US-Konzern Dow Chemical eigentlich Chemieanlagen von Dow und anderen Unternehmen. Die aber können natürlich nicht sein, wo der Chemiepark Bitterfeld-Wolfen hinlevitierte - jetzt erinnert nur noch die "Bunastraße" direkt vor dem Chemiepark Wolfen-Bitterfeld an die Vergangenheit des Geländes als Standort der Dow-Fabrik. Deutsche Datenschützer sind inzwischen jedoch unterwegs, um die verschwundenen Dow-Anlagen mit Hilfe von Google Earth wiederzufinden. Google hat sich bereit erklärt, seine gefürchteten Street View-Fahrzeuge für die Suche zur Verfügung zu stellen.
Sonntag, 11. Oktober 2009
Fetzengedanken
1. Sogar bei "Ohne Bass und ohne Haare" war der Westen dem Osten meilenweit voraus.
2. "Leiht euch Kohle, damit's uns besser geht" ist doch der Slogan des Tages, oder? Der Woche, des Monats?
3. Ist Benjamin von Stuckrad-Barre eigentlich so eine Art optischer Wiedergänger von Stephan Remmler?
4. Wow, das Publikum ist zu großen Teilen echt konsterniert.
Der Himmel über...

Eine hoch geschätzte und angesehene sowie häufig diskutierte Reihe ist die PPQ-Serie Der Himmel über Halle. Immer wieder gibt es ansehnliche oder erstaunliche, überraschende oder unglaubliche, wunderschöne oder phantastische Ansichten des Himmels über der Stadt im Land der Frühaufsteher. Begleitet wird die High-Quality-Reihe mit Bildern vom Himmel über Deutschland oder anderswo. Heute präsentieren wir einen Blick in die windige Himmelssphäre über der Autobahn A 2 bei Kloster Lehnin.
Wer hat es gesagt?
“Weit entfernt, den sogenannten Exzessen, den Exempeln der Volksrache an verhaßten Individuen oder öffentlichen Gebäuden, an die sich nur gehässige Erinnerungen knüpfen, entgegenzutreten, muß man diese Exempel nicht nur dulden, sondern ihre Leitung selbst in die Hand nehmen.”
Samstag, 10. Oktober 2009
Der Himmel über Moskau
Eigentlich ist die heimatgeschichtliche Serie "Der Himmel über Halle" ja den vielfältigen und stets schnell vergessenen Zeichnungen gewidmet, die das Firmament über Mitteldeutschland kennt. Ausnahmsweise aber himmeln wir heute Moskau an, denn was wir kürzlich über Halle entdeckt hatten, ist inzwischen offenbar nach Rußland weitergeflogen.
Kuscheln in der Kunstimitatsitzgruppe
Ein muffiger Geruch liegt über der Medien-Kunst, die das Festival "Move" in einem ehemaligen Möbelkaufhaus in Halle präsentiert. Die Wände hier schwitzen jahrelange Vernachlässigung aus, der Putz ist bröcklig, das Dach hat ein Loch, selbst die von einem untergegangenen Gesetzgeber vorgeschriebene "Brandschutzecke" ist nur noch zu erahnen. Wo seinerzeit junge sozialistische Familien ihre ersten Anbauwände erstanden, hängen jetzt Flachbildschirme, wo sich einst gemütliche Lederimitatsitzgruppen aus dem VEB Einrichtungsmöbel präsentierten, schwingen nun zwei weitamplitudige Schaukeln, die jeder Kunstsinnige benutzen darf.
Sie sind das bei weitem Bewegendste an dem 130.000 Euro-Spektakel, das hauptsächlich von staatlicher Lotto-Gesellschaft, die ja immer ran muss, Mitteldeutsche Medienförderung und der landeseigenen Investitions- und Marketinggesellschaft finanziert wird. In der nach 15 Jahren Leerstand von Regenwasser, Frost und Fäule zerfressenen Gemäuer in der Innenstadt flackern ansonsten Videoinstallationen, die anmuten wie beim Ausprobieren der neuen Digitalkamera entstanden: Junge Menschen werfen Wäsche in eine Pfütze, ältere Menschen sagen hundertmal "Ahh", andere zimmern eine Pappwand in den Wald oder treten in einem virtuellen Käfig immerzu gegen die Wände.
Das also ist Medienkunst. Leere Hallen, Ur-Krostitzer Bier, selbstverständlich veganes Buffett, allerdings schon komplett abgegessen. Und das alles unter dem weltmarktfähigen Titel "Move - New European Media Art", denn die Hersteller der Clips, deren Länge stets sekundengenau ausgewiesen wird, stammen aus Spanien, Polen, China, Deutschland und Großbritannien.
Unten im Keller, den die städtische Beschäftigungsgesellschaft wie das ganze riesige Haus eigens für die bis Ende Oktober dauernde Veranstaltung vom Schutt eines ganzen Jahrzehnts beräumt hat, läuft ein Boxkampf zwischen einem Mann mit Federstola und einem Zwerg im weißen Hemd. Das Werk heißt "Fake Action Truth" und endet mit einem fünfminütigen bewegungslosen Kuss der Boxer. Die Musik ist nicht übel, die Botschaft rätselhaft. Mehr Kopfschütteln war nie unter dieser tiefhängenden Decke. Ob das im Eingangsbereich an eine Säule gefettstiftete Graffito "Dummheit muss so schön sein" Teil der Installation ist, muss noch geklärt werden.
Sie sind das bei weitem Bewegendste an dem 130.000 Euro-Spektakel, das hauptsächlich von staatlicher Lotto-Gesellschaft, die ja immer ran muss, Mitteldeutsche Medienförderung und der landeseigenen Investitions- und Marketinggesellschaft finanziert wird. In der nach 15 Jahren Leerstand von Regenwasser, Frost und Fäule zerfressenen Gemäuer in der Innenstadt flackern ansonsten Videoinstallationen, die anmuten wie beim Ausprobieren der neuen Digitalkamera entstanden: Junge Menschen werfen Wäsche in eine Pfütze, ältere Menschen sagen hundertmal "Ahh", andere zimmern eine Pappwand in den Wald oder treten in einem virtuellen Käfig immerzu gegen die Wände.
Das also ist Medienkunst. Leere Hallen, Ur-Krostitzer Bier, selbstverständlich veganes Buffett, allerdings schon komplett abgegessen. Und das alles unter dem weltmarktfähigen Titel "Move - New European Media Art", denn die Hersteller der Clips, deren Länge stets sekundengenau ausgewiesen wird, stammen aus Spanien, Polen, China, Deutschland und Großbritannien.
Unten im Keller, den die städtische Beschäftigungsgesellschaft wie das ganze riesige Haus eigens für die bis Ende Oktober dauernde Veranstaltung vom Schutt eines ganzen Jahrzehnts beräumt hat, läuft ein Boxkampf zwischen einem Mann mit Federstola und einem Zwerg im weißen Hemd. Das Werk heißt "Fake Action Truth" und endet mit einem fünfminütigen bewegungslosen Kuss der Boxer. Die Musik ist nicht übel, die Botschaft rätselhaft. Mehr Kopfschütteln war nie unter dieser tiefhängenden Decke. Ob das im Eingangsbereich an eine Säule gefettstiftete Graffito "Dummheit muss so schön sein" Teil der Installation ist, muss noch geklärt werden.
Freitag, 9. Oktober 2009
Göringgeschütze und Hitlerkanonen
Neun Monate hat es gedauert, nach der Amteinführung. Und was ist rausgekommen? Ein Friedensnobelpreis! Freude bei Mutti und Vati Obama, ganz große Sorge aber beim Zentralrat der Juden. Stephan Kramer, der Generalsekretär des Verbandes, hat fünf Tage angestrengt nachgedacht, nachdem er von den unverantwortlichen, ekelerregenden, betroffenmachenden und völligfalschen Äußerungen des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin gehört hatte. Was, so fragte sich Kramer, können wir jetzt noch draufsetzen auf das, was bisher an Empörung geheuchelt, an Verdammnis gewünscht und an monströsen Vergleichen an den Haaren herbeigezogen wurde? Selbst im Zentralrat glaubten viele nicht, dass es Kramer gelingen werde, aus der inzwischen schon ein wenig kalt riechenden Skandalasche um die Sarrazinschen Kopftuchmädel noch einmal Flämmchen zu blasen.Aber siehe da, es war doch möglich, allen Unkenrufen zum Trotz. Kramer bläst nicht nur Flämmchen, er schlägt Flammen, er schießt nicht nur zielsicher auf Sarrazin, sondern auch mit dem größten vorstellbaren Geschütz von allen: Die Hitlerkanone ballert wieder! Und Göringgeschütze dazu! Flankiert von Goebbelsgewehren! Sarrazin, erweise "mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler große Ehre", hat sich Kramer als provokativen Leadsatz seiner Äußerungen ausgedacht, denn "er steht in geistiger Reihe mit den Herren."
Soweit, die Analyse Sarrazins über Probleme der "Unterschichten" falsch zu nennen, geht Kramer dann aber nicht. Nein, sie sei bloß "perfide, infam und volksverhetzend" und erinnere an die Untermenschen-Terminologie der Nazis.
Leider springt diesmal nicht einmal die renommierte Zeitschrift "Die Zeit" freudig an auf die Vorlage. Lieber macht das Blatt unverantwortlicherweise gemeinsame Sache mit dem Mann, der sich nicht scheut, wie Hitler Bart zu tragen und wie Goebbels Anzüge: Der Zentralrat, der eine sehr ernste Einrichtung ist, mache sich "lächerlich" hetzt das Magazin aus Hamburg und wird dafür mit Sicherheit den "Applaus von der falschen Seite" (Claudia Roth) bekommen, auf den die Redaktion offensichtlich schielt. Stephan Kramer hat sich zurückgezogen, um entsprechende Maßnahmen gegen die Postille zu überdenken. Es könnte sein, dass er schon in der kommenden Woche nachweist, dass es sich bei den Formulierungen um verbalen Völkermord oder "Hamburger Holocaust" handelt. Damit dürfte die ehemals so angesehene Zeitung bereits jetzt als "perfide, infam und volksverhetzend" gelten. Zeit für ein "Zeit"-Abo.
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