Früher, ja, früher, da wurden noch Fußball-Länderspiele gegen Engeland abgesagt, damit die Ewiggestrigen nicht reinfeiern können in den Führergeburtstag. Der 20. April war der äußersten Rechten stets willkommener Anlass, sich das Demonstrieren verbieten zu lassen oder doch zumindest knarzige Störkraft-Lieder aus dem offenen Fenster der Neubaubuchte zu brüllen, bis die Polizei und die Lokalpresse vorbeikamen.
Damals stand die Errichtung des Vierten oder Fünften Reiches unmittelbar bevor, mit der ganzen Kraft der demokratischen Volksgemeinschaft aber hat es Deutschland geschafft, die Extremen doch wieder zu integrieren: Adolf Hitler ist an seinem 121. Ehrentag ein Pfeiler der deutschen Fernsehunterhaltung. Ene Erkrankung oder gar ein totaler Ausfall des einstigen Führers und Reichskanzlers würde ZDF, ARD, n-tv und alle dritten Programme nebst den digitalen GEZ-Bildungssendern lahmlegen wie ein Aschevulkan den europäischen Luftverkehr. Die Jünger des Diktators aber haben sich abgewandt: Nicht einmal mehr Altermedia, das Störtebeker-Portal, auf dem verfassungswidrig mit nur zwei "S" geschrieben wird, würdigt den vielbeschäftigten Jubilar an seinem Ehrentag auch nur eines Wortes.
Doch dafür ist Google zur Stelle. Wie von Zauberhand unterschob der kalifornische Gigant der PPQ-Werbeleiste ausgerechnet heute ein Banner mit der dringenden Bitte "Hitler, Hitler billig!" Angeregt worden war die allwissende Google dazu offenbar durch die PPQ-Berichterstattung zur Kachel-Berichterstattung über den Kachel Gott von Halle, der seit nunmehr fünf Jahren das Ziel verfolgt, die Mitte des Jahrhunderts in Halle an der Saale entstandenen Kriegsschäden durch das Zukleben mit selbstgestalteten Fliesen zu beheben. Der Zusammenhang zwischen friedlichen Fliesen und feierndem Führer erschließt sich vorerst nur der Maschinenintelligenz im Google-Rechenzentrum. Doch für die Anständigen unter uns heißt es nun auf jeden Fall "Augen auf" und "Hinsehen", wenn irgendwo eine neue Kachel auftaucht: Nur zu leicht könnten die Falschen ihre verderbten Botschaften in die Keramik brennen und die zarte Demokratie in den immer noch jüngeren Bundesländern so ins Wanken bringen.
Ein wenig nostalgisch werden die ganz alten Kacheleologen schon, wenn sie diese Bilder bei Youtube sehen (Film unten). Kachel auf Kachel, Fliese auf Fliese zieht vorbei, eine schöner als die andere, und alle sind sie in den letzten vier Jahren handgeklebt vom größten lebenden Keramiker, den die Saalestadt Halle hat. Doch jetzt, wo große Kunstmagazine wie die "Bild"-Zeitung beginnen, sich mit Leben und Werk des enigmatischen Kämpfers für die komplette Neuverkachelung der Innenstadt zu befassen, sind viele seiner grundstürzend guten Klebwerke schon nicht mehr oder doch nur noch in den Archiven des World Wide Web zu besichtigen.
Eine Kulturschande. Kachelstürmer und Baubanausen rissen die fantastischen "Fäuste" aus der Großen Steinstraße, sie vernichteten den "Schmetterling" in der Ludwig-Wucherer-Straße, zerstörten den Maradona in der Mittelstraße, sie radierten die eindrucksvolle Doppelklebung an den Blumenkübeln vor dem Steintor aus und schliffen mühevoll alle Farbe von der Ur-Kachel in der Schulstraße. Der Weltkulturerbestatus, zu dem der von seinen Fans liebevoll Kachel Gott genannte Ausnahmekünstler seiner Heimatstadt durch das vom Klassiker Funk25 inspirierte großangegelegte Street-Art-Projekt hatte verhelfen wollen, ist durch Bilderstürmerei und Engstirnigkeit mehr denn je bedroht. Gut, dass das nun endlich auch die großen Medienhäuser in der Region erkennen und versuchen, die Behörden aufzurütteln.
Die Chancen stehen gut: Trotz der schlechten Presse durch den Vergewaltigungsskandal um den angeblichen Wetterfrosch, der sich ebenfalls "Kachelmann" nennt, klebt der Original-Fliesenleger von Halle unentwegt weiter an seinem großen Traum, Mitteldeutschland zu Ostfliesland zu machen. Der Radiosender Corax plant indes endlich, einen Plan umzusetzen, den das Fliesen-Fachboard PPQ bereits vor Jahresfrist angeregt und dringend angemahnt hatte: Eine Stadtführung speziell für Freunde der Kachelkunst. Wegweiser dürfte dann das erste und einzige offizielle Kachelverzeichnis sein, das PPQ in enger Zusammenarbeit mit dem Fliesenfreund Mike Bach und dem Netzgiganten Google erstellt hat.
Eigene Sichtungen können jederzeit direkt an die die 24-Stunden-Kachel-Hotline gemeldet werden. Jeder Fund wird von uns auf Wunsch vertraulich behandelt und mit einem nachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern feige vernichteten Ur-Fliese prämiert.
Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, Coca Cola eine Marke der Coca Cola Inc. und Fußballgucken ein Produkt der Fifa. Die nun hat es im Rahmen der ehrenamtlichen PPQ-Reihe "Verbot der Woche" einer Berlinerin untersagt, die anstehende Weltmeisterschaft auf einer Leinwand in ihrer Kneipe zu zeigen. Der Kartenverkauf in Südafrika laufe zu schlecht, man sei auf jeden zahlenden Zuschauer angewiesen und könne deshalb nicht zusehen, wie sich wohlhabende deutsche Fußballfans aus der weltweiten Solidargemeinschaft der Soccerfreunde ausklinkten und, statt teure Reise nach Afrika anzutreten, lieber Billigveranstaltungen daheim aufsuchten.
In Berlin gebe es im übrigen bereits eine sogenannte Public Viewing-Veranstaltung, die nach den simplen Fifa-Regeln beantragt und vom Fifa-Politbüro genehmigt worden sei. Nicht gewerbliche Public-Viewing-Anbieter, die Fußballspiele "außerhalb von privaten Wohnräumen" vor "Publikum - unabhängig, ob es sich dabei um die breite Öffenlichkeit handelt oder nicht" (Fifa) zeigen möchten, können hier komplikationslos eine eigene Lizenz beantragen. Aber Achtung: "Der Veranstalter darf nichts tun und niemandem gestatten, etwas zu tun, was nach Ansicht der Fifa den Eindruck erwecken könnte, dass der Veranstalter in irgendeiner Weise in offizieller Verbindung zur Fifa oder zum Wettbewerb steht".
Verbittert wird sie vermittelt, die gute alte DDR. "Wenn Eltern im Osten ihren Kindern von Alltagserinnerungen erzählen, neigten sie oft zum Weichspülen der DDR", so analysiert der "überwiegend drittmittelfinanzierte" (Wikipedia) Soziologe Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin messerscharf, was er in endlosen Stunden an den Abendsbrotstischen bei alten DDR-Familien zwischen Zeitz und Zappendorf erfahren musste. Da wird über Halstücher gescherzt und die baumwollene FDJ-Bluse mit der aus Kunststoffstoff verglichen, die ostdeutschen Kindergärten werden bedenkenlos gelobt und kaum jemand bekennt noch, wie schrecklich viele Ostrocktitel waren - selbst unser Werbepartner Google, als NSW-Ausländer der Sehnsucht nach einer Rückkehr des Staatssozialismus unverdächtig, verharmlost zu unserem großen Staunen in unserer Serie "Wofür wir gern werben" auf das Verharmlosenste: "Ostalgie ist Lebensfreude" propagiert der Noch-Netzriese in unserer pekunären Rechtsaußenspalte.
Nostalgie wie nie, so hieß es deshalb völlig zurecht beim Bundeskongress der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Neustrelitz, denen die tote DDR Arbeit und Brot noch auf viele Jahre zu sichern verspricht, auch denn der Vertreters Sachsen-Anhalts augenblicklich wegen systembedingten Rücktritts passen muss. Es werde nur von positiven Erinnerungen berichtet, der soziale Bereich werde idealisiert, die Diktatur ausgespart, zitiert die Nachrichtenagentur dpa die einzig amtliche DDR-Sicht. Deshalb gelte es jetzt für Lehrer, die Landeszentralen für politische Bildung und den Rest der Volkserziehungsforschung, dem etwas entgegenzusetzen: Kinder sollten erfahren, wie es wirklich war, die neue Nummer vom "Mosaik" nicht bekommen zu können, die Bierflasche vor dem Kauf herumdrehen zu müssen, um eklige Schwebteilchen zu entdecken, oder in einer Schlange nach der neuen Deep-Purple-Lizenzplatte anzustehen, um dann nur Alan Parsons Project zu bekommen.
Johannes Rink, Vorsitzender des Bundesverbandes der Opfer des Stalinismus, forderte, DDR-Geschichte eher und umfangreicher als bisher zu vermitteln. Nötig seien verpflichtende Fahrten zu Gedenkstätten, wie sie die DDR im Rahmen der beliebten Jugendweihe durchführte. Auch könnten schon in den Kindergärten Lieder gesungen werden, die die sozialistische Lebensweise entlarvten und die Freundschaft zur ruhmreichen Sowjetunion als leere Pflichtübung enttarnen.
Es gehe um eine umfangreichere Vermittlung von DDR-Geschichte als bisher. «Es kann nicht sein, dass 15-, 16-, 17- Jährige nicht wissen, wer Walter Ulbricht war", sagte Johannes Rink. Schließlich wisse jeder in dem Alter, wer Ludwig Ehrhard, Hans Wilhelmi und Hermann Höcherl gewesen sei. Dabei sei Ulbricht als gelernter Tischler bereits 1908 dem Arbeiterjugendbildungsverein Alt-Leipzig beigetreten, er habe im Ersten Weltkrieg als Soldat an der Ost- und Westfront gedient, sei dann nach Paris emigriert und habe es von dort aus konsequent abgelehnt, Großbritannien im Weltkrieg gegen Deutschland zu unterstützen, weil "der englisch-französische Kriegsblock den Krieg gegen die sozialistische Sowjetunion will". Nicht zuletzt spielte Ulbricht mehrfach öffentlich Tischtennis und stand für eine vielgeleckte Briefmarke Modell.
Auf der Suche nach dem "Aschemonster" (Bild), das den Flugverkehr in Europa seit vier Tagen lahmgelegt hat, setzt die Bundesregierung jetzt auf die Mithilfe der Bevölkerung. Da es sich bei der Wolke aus Island offenbar um ein weitgehend unsichtbares Phänomen handele, so hieß es im Bundesumweltamt in Dessau, müsse die Jagd nach den verheerenden Staubteilchen "auf breitere Schultern gestellt" werden. "Wir müssen wissen, wo es ist und wir müssen wissen, was es ist", sagte ein Sprecher des Bundesumweltamtes bei "Anne Will", die prominente Vielflieger zu einer Diskussionsrunde unter dem Motto "Asche über Europa - Fliegen wir jetzt auf?" versammelt hatte. Gregor Gysi von der Linken erinnerte sich dabei voller Freude an seine gesammelten Bonusmeilen, die er zum Glück schon abgeflogen habe. Kerstin Müller von den Grünen plädierte für "mehr Nachdenklichkeit im Umgang mit der Natur", die Aschewolke mahne uns auch, unser Verhalten zu ändern. Der frühere Fernsehmoderator Roger Willemsen war mit dem Fahrrad gekommen, um zu zeigen, "dass der deutsche Luftraum den Vögeln gehört". FDP-Mann Dirk Niebel warnte vor einem "Überschwappen" der Aschewolke auf den Zugverkehr. Sobald die Gleise zugeweht seien, drohe Deutschland die "totale Lähmung". Ein weiterer Gast, der als betroffener Pilot kurz seine Position vertreten darf, wird später sagen: "Manchmal kommt mir die Diskussion hier vor wie politischer Wahlkampf".
Schöner Text zur Alarmprobe "Asche 2.0" bei Le Penseur.
Das ist doch mal ein ganz ungewöhnliches Fernsehprojekt! Mit "Endlich wieder Arbeit!" startet RTL heute eine neue Lebenshilfesendung, auf die Millionen Arbeitslose im Land schon sehnlichst warten. Bewerbungstrainer Jürgen Hesse wird in der Reality-Show versuchen, individuelle Schicksale von Arbeitslosen zu wenden, die bisher stets an zu langen Haaren, struppigem Bart, "Bewerbungen, die vor Rechtschreibfehlern nur so strotzen, deplatzierte Outfits zum Bewerbungsgespräch oder völliger Antriebslosigkeit bei der Suche nach dem geeigneten Arbeitsplatz" (RTL) gescheitert waren.
Die erste Folge schon hat es in sich, denn sie zeigt an einem überraschend prominenten Beispiel, wie auch vom Schicksal Benachteiligte beinahe über Nacht einen großen Sprung nach vorn machen und sich einen lukrativen Job sichern können. Um den Nachweis zu führen, haben Bewerbercoach Hesse und RTL bereits vor mehreren Jahren mit der Vorarbeit für das Großprjekt begonnen. Damals entdeckten die Experten des Senders den langzeitarbeitlosen Theo Betzel aus Berlin, der bereit war, sich einer Generalüberholung zu unterziehen, um "Endlich wieder Arbeit" zu finden.
Der gelernte Pferdepfleger, Vater einer Familie mit Sohn Benni (18), der ein Berufsvorbereitungsjahr absolviert, Tochter Cindy (20), die verzweifelt eine Lehrstelle sucht, deren Verlobtem Martin (23), der auch keine Anstellung findet, wurde daraufhin von Jürgen Hesse weitergebildet und von der Kosmetik-Abteilung des Senders bis hin zur professionellen Barttrimmung völlig neu gestylt. Nach einer genauen Analyse der Stärken und Schwächen des Kandidaten ging es direkt in die Praxis: Theo Betzel, der inzwischen Marx, Hegel und Kurt Schumacher gelesen hatte und beim Friseur gewesen war, trat in die SPD ein. Dort machte er, mittlerweile wieder unter seinem Mädchennamen Kurt Beck, binnen weniger Jahre eine erstaunliche Karriere: Dank seiner Fähigkeit, fremde Dialekte schnell flüssig zu sprechen, wurde er sozialpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Rheinland-Pfälzischen Landtag, dann Parlamentarischer Geschäftsführer, schließlich sogar Fraktionsvorsitzender. Nach dem Ausfall von Matthias Platzeck schaffte Beck dann sogar den Sprung an die Spitze der deutschen Sozialdemokratie.
RTL dokumentiert die Rückkehr des Berliners ins Leben in ruhigen, gemessenen Bildern, Jürgen Hesse kommt glaubhaft als bescheidener Helfer rüber, der nur das beste für seine Klienten und das Land im Sinn hat. Dass der stille, anrührende Film über die Wandlung des Theo Betzel zum spätestens seit seinem Sturz durch eine parteiinterne Intrige landesweit bekannten Kurt Beck jetzt erst gesendet wird, zeige, dass man sich Zeit für die Dokumentation gelassen und sich dabei an den berühmten "Kindern von Golzow" orientiert habe, hieß es bei RTL.
Im Nachhinein löst "Endlich wieder Arbeit", ein Titel, der den SPD-Pullover-Revolutionär Ludwig Stiegler zweifellos an die beinahe gleichnamige Nazi-Losung "Arbeit macht frei" erinnern würde, auch das Rätsel um Kurt Becks umstrittene Äußerung in Richtung des Langzeitarbeitslosen Henrico F. Dem Altpunk hatte der Pfälzer aus Berlin im Jahr 2006 geraten, sich zu waschen und zu rasieren, schon "haben Sie in drei Wochen einen Job". Damals als schlimmer Ausfall eines arroganten Politikers missverstanden, zeigt sich heute: Theo Betzel alias Kurt Beck wusste aus eigener Erfahrung, wovon er sprach.
Pünktlich. Die Bahn war pünktlich. Genau auf die Sekunde gar fuhr der IC aus Richtung Berlin kommend in den halleschen Hauptbahnhof ein. Damals war es, vor zwei Wochen, als man noch ohne Reservierung einen Sitzplatz bekam. Als in den Zügen nur Bahnfahrer saßen, keine Fluggäste. Die Stimmung allerdings etwas gereizt. Denn die ganze Reise wurde, ausnahmsweise mal nicht von der verspäteten Bahn, sondern vom Wetter versaut. Regen in Berlin, Regen in der Lutherstadt Wittenberg, Regen in Bitterfeld. Doch dann, kurz vor dem Ziel, taten sich die Wolken auf. Und Halle zeigte wieder einmal, was sein Himmel so alles kann. Der Himmel über Halle - er ist eben wie seine Stadt. Mal dunkel, mal hell; mal leuchtend, mal grell; mal blau und auch mal verstaubt. Oder eben einfach nur schön.
Kaum 36 Stunden nach der Verhängung des totalen Ascheflugverbots über Europa werden beim Deutschen Wetterdienst die erstem Messgeräte in Spezialflugzeuge eingebaut, um nachzuschauen, warum der Himmel immer noch so blau ist. Während Millionen auf den Flughäfen Spaß haben und Klimakanzlerin Angela Merkel nicht einfach den durchgehenden Zug von Rom nach München, Abfahrt Rom 19.05, Ankunft München 6.30h, nehmen konnte, um nicht zur Kaczynski-Beerdigung in Polen erscheinen zu müssen, mehren sich die Stimmen, die das Flugverbot für überzogen halten. Die bislang nur theoretisch berechnete Aschewolke, die bei Luftverkehrsunternehmen und Reisenden zu sehr realen Verlusten geführt hat, sei die neue Schweinegrippe, spötteln Spaziergänger am ersten richtig strahlenden Sommerwochenende. Zuletzt war als neue Schweinegrippe ein Weltvernichtungs-Tief namens Daisy angekündigt worden, das die Erwartungen aber erwartungsgemäß enttäuscht hatte.
Der Deutsche Wetterdienst hofft jetzt, dass die Luftströmungen in den nächsten Tagen so drehen, dass isländische Asche endlich auch in ausreichenden Mengen nach Deutschland gelangen kann. Die Hoffnung stirbt zuletzt: Im 19. Jahrhundert habe der Vulkan zwei Jahre lang gebrodelt, schreibt hat Wissenmagazin "Die Zeit". Ein Flugverbot herrschte von 1821 bis 1823, auch später aber konnten keine Flugzeuge aufsteigen. Der erste Motorflug mit menschlicher Besatzung folgte erst am 17. Dezember 1903, aus Sicherheitsgründen aber starteten auch die Gebrüder Wright mit ihrem Wright Flyer im US-amerikanischen Bundesstaat North Carolina.
Er ist ein grundsympathischer junger Mann mit einer ohrenbetäubend schönen Stimme, neben der vermeintliche Rockklassiker wie Bob Dylan oder Bon Scott fade wirken. Zudem aber ist Menowin Fröhlich beinahe ein Mitteldeutscher: Seine im Unterschied zum Vater nie verstoßene Mutter ist die Schwester der Vorsitzenden des in Halle quasi legendären Fröhlich-Clans, eines Familienverbandes, der dank vielfältiger Geschäftsverbindungen im Gebrauchtwagenhandel und Im- wie Export von Bedarfsgütern sonstiger Art vor allem in den randständigen Gebieten Büschdorf und Reideburg großen "Reschpekt" genießt, wie Menowins Superstarbewerber Mehrzad Marashi formulieren würde.
Und doch wurde aus Menowin Fröhlich am Ende eines langen Fernsehabend Menowin Traurig: Ein großes deutsches Boulevardblatt hatte den Fast-Hallenser in einer beispiellosen Hetzkampagne zum Freiwild erklärt. "Dieser Typ darf nicht Superstar werden", goebbelste das Blatt im Stile seiner frühen Attacken gegen andere progressive Menschen wie etwa Rudi Dutschke und Ulrike Meinhof. Noch ehe Menowin seine epochal beleuchtete Interpretation des von Dieter Bohlen eigenhändig zu einem völlig neuen Lied umkomponierten R. Kelly-Songs "I Believe I Can Fly" vorgetragen hatte, war der Traum zu Ende. Der Hass auf Sinti wie die Familie Fröhlich, tief drinnen steckt er noch im deutschen Volk. Die verblendeten Massen folgten den platten Parolen der Scharfmacher, obwohl die Fröhlichs seit 1408 als anerkannt willkommene Minderheit in Deutschland heimisch sind und hier seitdem vielen Menschen mit neugeflochteten Körben, gechliffenen Scheren und gebrauchten Fahrzeugen aus der Not geholfen haben.
Doch diesmal war der Hass stärker als die Völkerfreundschaft. Obgleich Menowin Fröhlich das nun einfallsreich "Don´t Believe" genannte Bohlen-Werk mit viel quäkenderer Stimme gesungen hatte als sein kuranyibärtiger Konkurrent, kam der ganz in Grün gekleidete Mehrzad beim Publikum draußen an den Volksempfängern besser an. Eine in weiten Teilen manipulierte Abstimmung: Während die aus Mitteldeutschland ins internationale DSDS-Sendezentrum gereisten Menowin-Fans, allesamt üppig ausgestattet vom halleschen Siebdruck-Studio SM-Design, die Halle binnen kurzem mit viel Gebrüll dominierten, tippten Fans des pummeligen Mega-Talents draußen im Land nach Recherchen von PPQ-Reportern häufig "Endziffer" in ihre Abstimmungs-SMS, statt wie von RTL gefordert eine "02" als Endziffer einzugeben.
Diese Stimmen seien dem Herzbuben aus Büschdorf natürlich verloren gegangen, analysierte ein Call-Centeragent noch während der laufenden After-Show-Party . Die Zuschauer hätten mit der "Bild"-Zeitung gegen Dieter Bohlen abgestimmt, fand das renommierte Pop-Magazin "FAZ" heraus. Menowin Fröhlich allerdigs bleibe der Hallenser der Herzen, hieß es am Morgen nach der Abstimmung über den nächsten Superstar. Historiker zeigten sich am Rande der Sendung erstaunt, dass ausgerechnet im Jugendfernsehen eine Spur des vor Jahren spurlos verschwundenen Hütchens des ehemaligen Stasi-Befehlshabers Erich Mielke aufgetaucht sei. Noch sei unklar, ob es sich bei der von Sieger Mehrzad oder bei dem von Menowin Fröhlich getragenen Kopfbedeckung um den legendären Mielke-Hut handele. Sicher könne man aber schon sagen, hieß es bei Mode-Experten, dass das lange belächelte Mielke-Hütchen vor einem gesellschaftlichen Comeback stehe. "Der Doppelauftritt der beiden Superstars mit Mielke-Hütchen", sagte ein Beobachter, "war schon ein verdammt megastarkes Statement".
Jedem Abschied wohnt ein Zauber inne, dem vom altehrwürdigen Kurt-Wabbel-Stadion, das schon Friedensfahrt-Stadionankünfte, Fallschirmunglücke, Kantersiege, skandalöse Niederlagen und bürgerkriegsähnliche Unruhen erlebt hat, will aber dennoch kaum noch jemand erliegen. Nach einer Serie aus Standard-Unentschieden, umhäkelt mit knappen Siegen und dummen Niederlagen, hat sich der Hallesche FC im 74. Jahr nach Baubeginn für die "Mitteldeutsche Kampfbahn" aus dem Rennen um den Aufstieg in die 3. Liga verabschiedet. Wettkampfstimmung herrscht hier nur noch vor dem Stadion, wo sich die Bierflaschensammler mit ihren Rollwägelchen erbarmungslose Rennen um die nächste leere Pulle liefern. Was jetzt drinnen noch folgt, vor nur noch 1448 Unentwegten, ist hingegen Sommerfußball zum Entspannen und Spieler-Schaulaufen im Casting für die Scouts höherklassiger Vereine.
Die haben Adli Lachheb, den einst aus Offenbach an die Saale gewechselten Abwehrhünen, schon so gut wie eingekauft. Ein Wechsel, der für Halle historisch wird: Lachheb ist seit mehr als einem Jahrzehnt der erste Hallenser, der bei einem höherklassigen Verein eine neue Anstellung findet. Da trifft es sich, dass Hansa Rostock, mutmaßlicher neuer Arbeitgeber des Tunesiers, heute nochmal zum Gucken kommt: Die zweite Mannschaft der Hanseaten ist nach der Formtabelle klarer Favorit, zuletzt hat die Elf von Axel Rietpietsch zweimal gewonnen und einmal remis gespielt. Halle hingegen kommt nur auf zwei Unentschieden und eine Niederlage aus den letzten drei Spielen.
Zumindest in der ersten Viertelstunde wird die Bundesligareserve ihrer Rolle gerecht. Dreimal muss Halles Torwart Darko Horvat in höchster Not retten, nachdem Lachheb und sein vor lauter Castingaufregung übernervöser Nebenmann Patrick Mouyaya Bälle zum Gegner spielen. Seinen Vertrag hatte der als "Horvat - unser Torwart" gefeierte Kroate schon vor dem Spiel um ein weiteres Jahr verlängert - ein Zeichen vielleicht auch für andere in der Mannschaft, trotz anderer Angebote an der Saale zu bleiben.
Wie etwa Toni Lindenhahn, das größte HFC-Talent seit Dariusz Wosz. Lindenhahn, ein ballgewandter, schneller und fintenreicher Mann, spielt heute von Anfang an - und nicht einmal als einziger Nachwuchsmann. Neben ihm hat Marco Hartmann jetzt wohl dauerhaft die Stelle des zweiten defensiven Mittelfeldspielers neben Steve Finke übernommen. Historische Stunde Nummer 2: Dass beim Anpfiff eines Punktspieles zwei eigene Spieler aus dem eigenen Nachwuchs auf dem Platz standen, ist auch mit Augenzudrücken und Gemeindereform länger als ein halbes Jahrzehnt her. In der 17. Minute wird eben jener Lindenhahn an der Strafraumgrenze angespielt, er geht durch zwei Gegenspieler durch und schießt zum 1:0 ein.
Nach den Ergebnissen der letzten neun Spiele, in denen gerademal neun Treffer gelangen, hat Halle damit sein Torsoll erfüllt. Heute aber, unbelastet vom Druck, im Zweikampf mit Babelsberg vorlegen zu müssen, geht mehr. Nico Kanitz versucht es erst mit einem Seitfallzieher, dann springt Hebestreit nach einem Eckball nicht hoch genug. Doch schließlich findet eine Kanitz-Flanke den aufgerückten Jan Benes, der scheint zu unentschlossen, stolpert an einem Gegner vorbei, umkurvt den nächsten, schießt. Und es steht 2:0.
Nach der Halbzeitpause hat Hansa zweimal gewechselt, aber die Mitarbeit am Spiel eingestellt. Jetzt dürfen alle Hallenser mitstürmen. Adli Lachheb setzt zweimal zum Spurt über die Mittellinie an, findet aber keinen Abnehmer für seine Pässe. Anders Philipp Schubert in der 48. Minute: Der etatmäßige Außenverteidiger passt von der Grundlinie nach innen, dort steht der etatmäßige Innenverteidiger Mouyaya in Mittelstürmerposition völlig frei. 3:0.
Das wäre jetzt schon der höchste Sieg seit viereinhalb Magerkost-Monaten. Aber einer geht noch, einer geht noch rein. Fußballgott Thomas Neubert will ihn erst nicht machen, freistehend aus fünf Metern trifft er nur den Torwart. Fünf Minuten später aber ist der Westernhagen des deutschen Fußballs zur Stelle: Von der Grundlinie aus köpft er ins Tor und Kollege Marco Hartmann ist höflich genug, den Ball ohne Nachhilfe über die Linie fallen zu lassen.
Spiel, Satz und Sieg, Rostock will oder kann nicht mehr. Halles Trainer Sven Köhler bringt noch Markus Müller für Ronny Hebestreit, den aus geheimnisvollen Ggründen in Ungnade gefallenen Thorsten Görke für Hartmann und Selim Aydemir für Toni Lindenhahn, aber die Luft ist raus. Was jetzt noch folgt, ist Sommerfußball zum Entspannen und Schaulaufen für die Tribüne, auf der die Dauergäste murren: Hätten die immer so getroffen, wenn sie so gespielt haben, hätte Babelsberg jetzt neun Punkte Rückstand.
Während die großen europäischen Fluglinien momentan die Belastbarkeit des Bodenpersonals austesten, nutzend as kleinere Gesellschaften aus und bieten Flüge zum Vulkan an. Natürlich zum heißen Sonderpreis - "It`s Getting Hot Out Here". Für ganze 89 Euro gibt´s die Volcano Action Tour. Ob die wohl unter der Asche fliegen?
In sattem himmelblau tarnt sich die Todeswolke von der bankrotten Eisinsel über Mitteldeutschland. Kein Stäubchen am Firmament, kein Wölkchen Weltuntergang trübt den Blick auf die "feinste Asche" (Sächsische Zeitung), die vom Vulkan Eyjafjallajökull "bis in zehn Kilometer Höhe" beziehungsweise sogar bis in "elf Kilometer Höhe" (Tagesschau) gestiegen war. Das "Aschemonster" (Bild), nach Aussagen von Kunstexperten eine ausgesprochen gelungene natürliche Nachbildung von Edvard Munchs Meisterwerk "Der Schrei" (Bild unten), hält Europa fest im Griff, unsichtbar, "für Gesundheit und Klima ungefährlich" (netdoktor.de), aber tödlich für den "Flugverkehr in ganz Nordeuropa" (Spiegel). "War das Desaster absehbar?", fragt das Leitmedium, nur noch eine kleine Stufe vor der spätestens am Montag folgenden Frage "Hätte der Ausbruch verhindert werden können?"
Nur wer sein Badetuch in diesen Tagen in die Sonne legt (Foto oben) und sich nicht darauf, kommt schnell zu bedrückenden Antworten: Ein Staub ist unterwegs, geschmacklos, geruchlos und unsichtbar, der aus "mineralischen Teilchen und feinsten Gesteinbruchpartikeln" (Bild) besteht und noch "zwei bis drei Jahre" brauchen wird, ehe er zur Erde herabgesunken sein wird.
Wohl dem, dessen Türen nach innen öffnen, wohl dem, der seine Volksgasmaske aus dem Atomkriegunterricht noch im Keller hat, wohl dem, der in Flughafennähe lebt und dem sterbenden Abendland ein zynisches "Wunderbar, diese Ruhe" hinterherrufen kann.
Der Tod ist dieses Wochenende eine Asche aus Island, das Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen, ist absehbar. Weitere zwei bis drei Jahre nicht fliegen? Zwei bis drei Jahre leben auf dem Flughafen wie einst Tom Hanks? Zwei bis drei Jahre apokalyptische Ascheberichterstattung? "I never did anything out of the blue, want an axe to break the ice, wanna come down right now", analysierte der Kraterexperte David Bowie schon vor vierzig Jahren. Nicht nur "Spiegel Online", Fachmagazin für Coverversionen, erklärt heute deshalb "die langfristigen Folgen der Explosion - und warum alles noch schlimmer kommen könnte". Noch ist es ja hell vor dem Fenster. Aber die Dunkelziffer ist mit einiger Sicherheit viel höher.
Da staunte der Qualitätsmedienschmökerer doch ein wenig: Ein Video der US-Armee, eben von der Plattform Wikileaks veröffentlicht, tauchte auf der Seite von "Spiegel Online" selbstbewusst mit der Quellenangabe "Video: Spiegel Online" auf. Hatte ein Spiegel-Team sich etwa in den US-Mörderhubschrauber einbetten lassen? Ist Wikileaks nur ein anderer Name für Spon?
Nein, nein, "leider haben Sie da wohl etwas missverstanden", lässt uns Bernd Czaya, Leitender Redakteur Video bei Spiegel Online, auf Nachfrage wissen. Man habe "nicht das Ausgangsmaterial zu unserem Material, sondern lediglich die journalistische und redaktionelle Bearbeitung desselben den Nutzern kenntlich" gemacht. Und zwar, indem man weder die Videoquelle US-Armee noch den Verbreiter Wikileaks nenne, sondern seiner "Pflicht" (Czaya) nachkomme "den geneigten Usern gegenüber" kenntlich zu machen, "wer verantwortlich für die Bearbeitung ist und welche Meinung da in wessen Namen vertreten wird".
Nachricht und Meinung sozusagen streng klassisch getrennt. Dies müsste auch in unserem Sinne sein, "oder?", mutmaßt der Experte, der sicher ist: "Natürlich fälschen wir keine Nachrichtenquellen und wir schmücken uns auch nicht mit fremden Federn."
Im Falle des Wikileaks-Videos, das Spiegel Online selbstbewusst mit dem Quellenvermerk "Video: Spiegel Online" (Screenshot oben) versehen hatte, habe der betreffende Redakteur durch seine Arbeit quasi das Recht erworben, der Urheber zu sein. "Zum einen mit seinem Text, den er über die Bilder von Wikileaks gesprochen hat. Zum anderen, indem er die brutalsten Szenen nicht in die bearbeitete Fassung übernommen hat", teilt Bernd Czaya mit. Dabei sei die Kernaussage des Materials nicht verändert worden und "von daher auch der Credit SPIEGEL ONLINE gerechtfertigt und nötig". Was allerdings versäumt worden sei, "war, Wikileaks im Text ausdrücklich zu nennen, die Rede ist nur allgemein von einer Internetplattform. Das hätte in der Tat sauberer formuliert werden müssen".
Bernd Czaya hofft, damit alle Zweifel "an unserer journalistischen Sorgfalt ausgeräumt zu haben". Und nicht nur das. Unter Spiegelmirror.blogspot.com wird das PPQ-Redaktionskollektiv dem Qualitätsmedium Nummer 1 künftig nacheifern! Dabei werden keine Nachrichtenquellen gefälscht und es wird sich nicht mit fremden Federn geschmückt. Stattdessen prüft eine Aufbauredaktion im Moment ein Geschäftsmodell, nach dem die neue Qualitätsseite Spiegelmirror künftig alle Spiegel Online-Beiträge - nach gründlicher Kürzung und journalistischer Überarbeitung - mit dem Quellenvermerk "Text: PPQ" neu präsentieren wird. Selbstverständlich, ohne "die Kernaussage des Materials" zu ändern. Dadurch ist der "Credit PPQ" dann natürlich "gerechtfertig und nötig", eventuell anfallende Werbeeinnahmen verbleiben damit völlig zu Recht bei Spiegelmirror, wo sie für anstrengungslosen Wohlstand sorgen werden.
"Under darkening thundering tavering skies, we live through these painful days", klagt der Dichter, und wer noch reinen Herzens ist, denkt an Offenbarung 6, Verse 7-8: „Und als es das vierte Siegel öffnete, hörte ich die Stimme des vierten lebendigen Wesens sagen: Komm! Und ich sah: und siehe, ein fahles Pferd, und der darauf saß, dessen Name ist Tod; und der Hades folgte ihm“.
Dass die "gewaltige Aschewolke aus dem isländischen Vulkan Eyjafjallajökull" (dpa)die Stadtverwaltung Halle zu einer Fortsetzung der erfolgreichen Himmelsilluminationen inspirieren würde, hatten Experten angenommen, die Bevölkerung hatte es gehofft. Doch dass die verantwortliche Abteilung IV des Grünflächenamtes in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen DDR-Jagdflieger und heutigen Silberjodid-Sprinkler Sandro Wolf aus dem Himmel über der Saalestadt ein Kunstwerk machen würde, dass den Menschen das Blut in den Adern gefrieren lässt, erstaunt dann doch.
Statt wie sonst auf leichte Himmelsunterhaltung, kräftige Farben und an Privatfernsehkrimis orientierte Effekte zu setzen, diente diesmal der Expositor’s Bible Commentary als Vorlage: Fahl, zu gut Griechisch chloros, definiert diese Bibel der Bibelforscher als gelbgrün wie die erschütternde Hautfarbe eines kranken Menschen. Genauso färbte Sandro Wolf dann das Firmament - eine Ohrfeige für Anhänger einer sich als unpolitisch verstehenden Himmelskunst und eine Anklage gegen die vulkanausbruchbedingten ersten Schließungen von Flughäfen in der Region zugleich.
Ein Vorgang, der bei bei den Älteren Erinnerungen an Rekorde für die Ewigkeit weckt und die Nachgeborenen mahnt, nicht zu vergessen, dass es April ist und damit ohnehin Zeit für Wolken voller Saharastaub über der Stadt. "Now above and beyond the roofs of our city the sunset spreads silent and gold", verspricht der Poet jedoch noch einprägsamere Himmelsbilder für die Zukunft, wenn kein Sommer mehr sein wird, sondern staubige Kälte und klirrendes Klimakoma: "Forget all the lies, forget all the trouble, forget all the things that we've done, and please believe like I still believe, the best is yet to come."
Der Duden, einst die Bibel der deutschen Sprache, ist widerlegt. Nach einem Urteil des Arbeitsgerichts Stuttgart trifft die bislang amtliche Definition des Begriffs "Volksstamm" als "größere Gruppe von Menschen, die sich besonderen im Hinblick auf Sprache, Kultur, Wirtschaft oder andere Gemeinsamkeiten oder durch ein gemeinsames Siedlungsgebiet von anderen Gruppen unterscheidet" nicht mehr zu. Ostdeutsche etwa seien kein eigener Volksstamm und könnten sich im Fall einer mit Hinweis auf ihre Herkunft abgelehnten Bewerbung nicht auf das Gleichbehandlungsrecht berufen, urteilte das Gericht.
„Unter ethnischer Herkunft ist mehr zu verstehen als nur regionale Herkunft“, sagte der Vorsitzende Richter zur Begründung. Die Ablehnung mit der Begündung "Ossi" könne zwar als diskriminierend verstanden werden, falle aber nicht unter die gesetzlich verbotene Diskriminierung wegen der ethnischen Herkunft, weil sich die Gemeinsamkeit ethnischer Herkunft üblicherweise in Tradition, Sprache, Religion, Kleidung oder in gleichartiger Ernährung ausdrücke. Ossis jedoch könnten außer der Zuordnung zum ehemaligen DDR-Territorium keines dieser Merkmale erfüllen, sie trügen weder einheitlich Kopftuch noch sprächen sie alle sächsisch oder fänden die Puhdys gut
Ein harter Schlag für Ostdeutschland, ein vernichtender Treffer für das Deutschland der Regionen, die sich durchweg uniform in H&M kleiden, bei Burger King und an der Dönerbude nebenan essen und ihren althergebrachten Religionen wegen der zunehmenden Mißbrauchsskandale mehr und mehr zugunsten der großkapitalistischen Konsumkirche entsagen.
Als aufgelöst betrachtet werden müssen nunmehr auch der bayerische Volksstamm, die uralten Ethnien der Thüringer und der Franken, das Geschlecht der hanseatischen Pfeffersäcke und das des gemeinen Österreichers. Sie alle könnten außer der Zuordnung zu ihrem jeweiligen Territorium keines der Merkmale nachweisen, das echte Volksstämme aufwiesen: Eine eigene Sprache, eine besondere Religion, wunderliche Kleidungsriten oder übelriechende Speisen, wie sie das Gericht in England nachweisen konnte. Zu den Ländern, die nach Ansicht der Richter vorerst noch von eigenen Völkern bewohnt werden, gehören daneben einstweilen noch China, die Mongolei und Papua Neuguinea, wo ausreichend eigenständige Sitten und Gebräuche vorhanden seien, um von "Volksstämmen" sprechen zu können.
Nicht mehr dabei hingegen sind die Ungarn, die durchweg ähnliche Kleidung trügen wie viele Dänen, Deutsche und Italiener, dasselbe äßen wie viele Franzosen und dieselben Vokabeln benutze wie die Finnen. Auch Spanien file durchs Sieb, weil es seine Religion ebenso mit Argentinien und Chile teile wie seine Sprache. Aus demselben Grund habe man den Portugiesen das Recht auf eine eigene Ethnie aberkennen müssen, hieß es in Stuttgart. Hier spiele eine Rolle, dass Brasilien vom selben Volksstamm bewohnt werde.
Die Türkei wurde ausdrücklich in ihrem Bemühen unterstützt, gemäß den Vorgaben von Kemal Attatürk die Herstellung eines weltweit gültigen Gesamttürken anzustreben. Ein kurdischer Staat, so das Gericht, habe noch weniger lange existiert als die DDR, es könne deshalb also nicht davon ausgegangen werden, dass es Kurden wirklich gebe.
Es war ein Internet-Gipfeltreffen die wie re-publica in Berlin, nur hochkarätiger und viel virtueller. Es ging um die Zukunft der deutschen Blogs, deren völlig unzuverlässige "politische Ausrichtung" gerade harsch von einem Leser namens SwissLupe kritisiert worden war. Doch wie damit umgehen? Wie reagieren, wie Wiederholung ausschließen und Qualitätsblogging abgrenzen von der gemeinen Wald- und Wiesenschreiberei, die ohne exakte Notengebung auskommt und der Willkür individueller Beurteilung damit Tür und Tor öffnet.
Ausreden gelten nicht, ein Ausgleich auf lange Sicht, nein, da war sich die Spezialistengruppe aus Die Anmerkung,KarleduardsKanal, Gundermann und PPQ schnell einig. Es reiche nicht, hieß es, "auf dreimal Nazibashen zweimal FDJ-Kritik zu gießen und anschließend mit einem mahnenden Text in Richtung etablierte Parteien nachzuwaschen", ehe Kultur, der Sport und das Wetter wie üblich in der ARD versöhnlich stimmen.
Schnell war Einigkeit erzielt: Was Deutschland wirklich braucht, ist ein allgemeinverbindliches Farbmarkierungsystem für Blogeinträge. Texte könnten mit der "Blogampel" jeweils individuell farblich markiert werden - Botschaften im Kampf gegen den "braunen Sumpf" (Angela Merkel) würden etwa braun gekennzeichnet, zurückhaltend-nachdenkliche Vorsicht-vor-links-Geschichten bekommen ein leuchtendes Rot, liberale Steuerberichterstattung erhält aus historischen Gründen kein Gelb, sondern Blau. Und so weiter.
Da sich nach derselben Logik auch ganze Blogs durchfärben ließen, bräuchte der neugierige Leser nicht mehr lesen und nicht mehr denken, denn er könnte im Idealfall durch bloßes Abzählen die politische Ausrichtung gut finden oder rigoros ablehnen.
Bei Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner und der amtierenden Arbeitslosenverantwortlichen Ursula von der Leyen, die als Internetexpertin der Bundesregierung gilt, traf die Idee sofort auf offene Ohren. Es sei überaus begrüßenswert, hieß es, wenn sich die Bloggerszene selbst Gedanken um ein Jugendschutzsystem mache, das auch Andersdenkende einschließe. Das von Kreis der Initiatoren inzwischen patentrechtliche geschützte Instrument der "Blogampel" halte die Bundesregeirung für ein "geeignetes Mittel der Selbstzensur". Für die Umsetzung der Blogampelpflicht, die ab 1.1. kommenden Jahres für alle deutschsprachigen Blogangebote gelten soll, plane das Kabinett in Zusammenarbeit mit den Patentinhabern und Initiatoren die Einrichtung eines Blogampelamtes, in dem eine Blogampelkommission die Bewertung einzelner Leseangebote im Netz vornehmen werde.
Das Blogampelamt (BAA), das ersten Plänen zufolge eine Ausgründung des Familien-Mysteriums sein und im Örtchen Klein-Labenz in der strukturschwachen Region um das mecklenburgische Warin seinen Sitz nehmen wird, werde als Instrument der Selbstkontrolle gleich der FSK bei den Anbietern von Filmen und Fernsehsendern eine allgemeinverbindliche Blogabnahme durchführen und für einzelne Beiträge jeweils Freigaben erteilen. Es werde aber auch möglich sein, unter dem Namen "Blog'n'Roll" sogenannte globale Bloggerlizenzen zu erwerben, die sich am Modell der früher in der DDR vergebenen Einstufungen für Musikgruppen orientieren sollen. Dazu sei es notwendig, unter Vorlage eines polizeilichen Führungszeugnisses eine Arbeitsprobe in Echtzeit anzufertigen, die dann von BAA-Experten auf Wertigkeit überprüft wird.
Die Bundesregierung verspricht sich von der Umsetzung des Vorschlages aus der Bloggerszene einen Qualitätssprung bei den Beiträgen in der deutschsprachigen Bloggosphäre. Zudem könnten beim Blogampelamt mindestens 213 neue Stellen geschaffen werden. Die Blogampelkommission selbst soll mit führenden Internet-Politikern wie Dieter "Trallafitti" Wiefelspütz hochkarätig besetzt sein, die jeweilige Einfärbung der Blogangebote wird preisgünstig vom Bundesinformationsamt übernommen. Dazu müssen teilnehmende Blogger nur Benutzernamen und Kennwort ihres Blog ans Blogampelamt nach Klein-Labenz senden. Die Mailadresse dafür lautet BAA. Über eine übergeordnete BehördIn, die das Blogampelamt nach den geltenden EU-Richtlinien durchgendert und abqueert solle nach Anlauf der Farbgebungsarbeiten entschieden werden.
Es ist die Zielgerade einer langen Saison, die lange Zeit zu großer Hoffnung Anlaß gab. Kurz vor Toresschluss aber geht den Spielern des Halleschen FC, in der vergangenen Spielzeit noch bis zum Saisonfinale mit Chancen auf den Aufstieg in die 3. Liga, doch die Puste aus. Einem grandiosen Auswärtssieg beim Erbfeind aus Magdeburg folgte eine enttäuschende Heimniederlage gegen die Reserve des Hamburger SV, darauf ein bescheidenes Remis bei Türkiyemspor Berlin. Der eben noch greifbar nahe erste Platz glitt der ersatzgeschwächten und von permanenten englischen Wochen aufgeriebenen Mannschaft von Sven Köhler so schon sieben Spieltage vor Schluss aus den Händen. Allein ein Sieg beim Tabellenzweiten VfL Wolfsburg hätte das Flämmchen Hoffnung auf die Meisterschaft noch einmal anfachen können - doch auch in Wolfsburg, wo vergangenes Jahr ein souveräner 2:0-Erfolg gelungen war, blieben sich die Hallenser treu.
Nach zwei Minuten schon stand es 0:1, die Saison war eigentlich zu Ende und das Kommentatorenduo am HFC-Fanradio wusste kaum, was es erzählen sollte. Das aber machten die beiden Freizeit-Spielbeschreiber höchst unterhaltsam: Weniger analytisch als die zuletzt beeindruckend sachlich und kompetent aus Berlin berichtende Stammbesatzung, lassen der brummelige Daueroptimist Krümel und sein Kollege umso reichlicher Herzblut fließen. Keinen Gedanken an das kalte Profi-Kommentatorentum hochbezahlter GEZ-Sprecher gibt es hier, sondern Live-Berichterstattung aus streng subjektiver Fansicht. Die hin und wieder aussetzt, wenn die beiden Sprecher von einer vielversprechenden Szene zu sehr gefangen sind, als dass sie sie fürs Internet-Radio auch noch beschreiben könnten.
Rund 300 Fans sind es diesmal, die beim Auswärtsspiel des Viertligisten am Volksempfänger mitbangen, obwohl es lange nichts zu bangen gibt. Halle steht nach dem Rückstand hinten wieder sicher wie immer, nach vorn geht wie zuletzt immer nichts. Dafür vor dem Mikrophon alles - geboten wird Heimatradio aus vollen Herzen, angemacht mit hallescher Mundart und angereichert mit spontanen Gefühlsausbrüchen, die so noch nie irgendwo im Radio zu hören waren: "Oh, Mist", tönt es dann, und "verdammt, den musser machen", klagt der Kommentatorenkollege zurück.
Radio als Familienangelegenheit. Die handelnden Akteure auf dem Rasen werden mit Kosenamen wie "Mülli", "Neubi" und "Darko" vorgestellt, die Taktikkritik ist eine aus tiefster Seele, die keinen Anspruch auf fußballstrategische Vollständigkeit erhebt. "Jetzt musser nochmal was machen", mahnt das Duo eine Viertelstunde vor Schluss Richtung Bank, "hier geht noch was, wenn wir den Ausgleich machen".
Trainer Köhler sieht das genauso, er wechselt offensiv und das Risiko, das auf den Meisterschaftsausgang gerechnet sowieso keines mehr ist, wird belohnt. Verteidiger Jan Benes macht zehn Minuten vor dem Abpfiff tatsächlich noch den Ausgleich, nachdem der amtierende Fußballgott Thomas Neubert kurz zuvor noch freistehend vor dem leeren Tor vergeben hatte. Nun brennt das bis dahin tote Spiel plötzlich wie ein Osterfeuer der Freiwilligen Feuerwehr Morl, die Mannschaft am Mikrophon steigert Lautstärke und Tonfall, ein Hauch von Wankdorfstadion weht durchs Netz.
Die Köhlertruppe bläst zum Sturm, die Kommentatoren blasen mit, dass der Sprecherplatz wackelt. Die zehn Schlußminuten (oben) sind Kopfkino vom Feinsten, ein Hörbuch von höchstem Amüsement für Freunde von mitteldeutschem Dialekt und Unterklassenfußball, spannend und höchst unterhaltsam, eine Sternstunde der Vereinsgeschichte beinahe.
Nur das Happy End fehlt, denn noch ein Tor fällt nicht. Aus. Vorbei. Ende. Leicht geknickt schleicht die Verbeugung der Mundart-Moderatoren Richtung Babelsberg, das mit einer um nur drei Treffer besseren Torbilanz im Saisonverlauf neun Punkte mehr geholt hat und nun eigentlich schon die Meisterschaft feiern kann. Wenn nicht, so heißt es ganz am Ende, noch ein Wunder geschieht. Mit dem die wahren Fans natürlich fest rechnen.
Die Angst geht um in Hellas, die Angst davor, dass der Staat die Sparguthaben der Bürger besteuern wird, um die Kosten der Krise auf die kleinen Leute umzuwälzen. Argentinien habe in einer ähnlichen Situation sogar den Zugang zu den Spargroschen gesperrt, erinnern sich ältere Athener - und wie in allen anderen Landesteilen haben auch sie begonnen, ihre Ersparnisse in Sicherheit zu bringen.
Wer kann, hebt das Geld von der Bank ab oder überweist es auf eilig eingerichtete Konten im Ausland. Nach Daten der Bank von Griechenland schmolzen die Einlagen bei den griechischen Geschäftsbanken zwischen Dezember 2009 und Februar 2010 von 271,3 auf nur noch 263,2 Milliarden Euro zurückgegangen, satte 8,1 Milliarden Euro verschwanden im europäischen Ausland. Zuletzt beschleunigte sich der Trend nach Berichten von Bankern in Athen sogar - täglich flossen von Griechenland aus rund 100 Millionen Euro auf Konten im Ausland.
Alarmstimmung im Bundesfinanzministerium. Aus Furcht, sein griechischer Kollege könne die Schwarzgeldkavallerie nach Deutschland schicken, die der inzwischen legendär erfolgreiche SPD-Finanzminister Peer Steinbrück einst in Richtung Schweiz in Marsch gesetzt hatte, verfügte Wolfgang Schäuble vom Krankenbett aus, dass deutsche Banken Zahlungseingänge aus Griechenland sofort auf CD brennen und dem Bundesfinanzministerium überlassen müssen.
Schäuble, seit der selbst organisierten Parteispendenaffäre mit allen politischen Wassern gewaschen, sieht inmitten der Euro-Krise eine "riesige Chance, mit wenig Risiko gehörige Zusatzeinnahmen für den deutschen Staatshaushalt zu generieren", wie ein enger Mitarbeiter des alten CDU-Lämpfen PPQ anvertraute. Während in Athen erste Protestmärsche gegen das harte deutsche Vorgehen stattfinden (Bild oben) plant Schäuble, die Sammlung aller Daten der griechischen Guthabenflüchtlinge zum Verkauf zu stellen. Seinem griechischen Amtskollegen werde er eine von Spezialkräften der Bundesschuldenverwaltung in Frankfurt gebrannte DVD mit allen Namen, Kontonummern und Guthabenbeträgen anbieten, die der mit Sicherheit aufkaufen werde. Finanziert werden könne der Verkauf mit Hilfe eines von Deutschland zur Verfügung gestellten Notkredites. Man rechne aus dem Verkauf des Datenträgers, so eine mit der Materie vertraute Stimme in Berlin, mit einer Einnahme von etwa fünf Millionen Euro zugunsten der Staatskasse, die Verzinsung des Kredites werde weitere 1,5 Millionen bringen.
Es sind tiefdunkle Zeiten, in denen sogar Chefs von Bundesbehörden mit 113000 Mitarbeitern darauf angewiesen sind, sich etwas dazuzuverdienen wie es Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesanstalt für Arbeit, als neuberufener Bundeswehrreformer beispielhaft vorlebt. Die Armut grassiert, der Wohlstand kommt nicht einmal mehr bei den Reichen an und wie unsere Serie "Wiedergeboren als..." fortlaufend dokumentiert, sind mehr und mehr auch Stars und Fernsehsternchen von der blanken Not gezwungen, neben ihren normalen Vollzeitjobs als TV-Tänzer, Skandalnudel oder Schlagerdrossel nebenberuflich tätig zu werden.
Die beliebte Interpretin Sarah Connor (oben rechts), durch das öffentliche Vortragen der Nationalhymne und die nachfolgende Vermählung mit einem kleinwüchsigen Berufskollegen bekannt geworden, hat sich so inzwischen bereit erklärt, in der Tanzsendung "Let´s Dance" unter dem Namen "Brigitte Nielsen" (oben links) "über das Parkett zu schweben", wie das Portal "Im Westen" berichtet. Neben der als Ex-Kanzler Gerhard Schröders Ex-Frau bekanntgewordenen Hillu Schwetje und der Fußballergemahlin Sylvie van der Vaart gestand die 30-Jährige aus Delmenhorst, die sich in der Rolle der Nielsen geschickt als 46-Jährige ausgibt, dass sie und ihr neuer Mann es "im Sommer mit künstlicher Befruchtung versuchen" wollen.
Durch die beiden lukrativen Arbeitsstellen als Tänzerin und Sängerin sei es ihr als doppelt berufstätiger Mutter endlich möglich, neben den beiden öffentlich gezeugten Kindern mit ihrem ersten Mann noch weitere zu ernähren. Sie brühe derzeit quasi ganz "im Lichte dieses Glückes“, sagte die erfolgreiche Nielsen-Darstellerin, die während der Dreharbeiten zur Semi-Doku "Aus alt mach neu - Brigitte Nielsen in der Promi-Beauty-Klinik" beim Fernsehsender RTL zu ihrem Hit "Under My Skin" inspiriert worden war.
Hier wurde der glorreiche Anfang gemacht, hier zeigte das politische Missverständnis zum ersten Mal seine große schlagzeilengestaltende Kraft. Es war der DSU-Abgeordnete Joachim Hubertus Nowack, der es in jenem Frühjahr 1990 wagte, an die Adresse der PDS-Parlamentarier in der DDR-Volkskammer gewandt zu rufen: "Sie haben die Lehren aus dem Dritten Reich nicht gezogen!" Nowack begründete das mit der "fatalen Geschichte nach 1945", für die die ehemalige SED die Verantwortung trage. Eine Entschuldigung für eine vierzigjährige verfehlte Politik vor dem Volk reiche als Wiedergutmachung nicht aus, sagte er, denn "dann hätte vielleicht eine dreifache Entschuldigung von Herrn Goebbels genügt, um alles zu vergessen".
Die PDS-Mitglieder im Parlament zog empört aus. Die Zeitungen flunkerten am nächsten Tag von einem angeblichen "Vergleich mit Goebbels", den Nowack angestellt habe - ein Rezept, nach dem seither erfolgreich mediale Einheitsbrühe aller Art angerichtet wird.
Bis dahin galt noch, dass ein Vergleich keine Gleichsetzung ist. Schließlich spreche die Behauptung, bei "1" handele es sich um eine Zahl, bei "B" aber um einen Buchstaben, weder gegen die "1" noch gegen das "B", obwohl beide relativ einfach mit einem Füller leicht auf ein Blatt zu schreiben sind.
Nun aber setzt sich die Auffassung durch, dass es gar nicht darauf ankommt, was jemand gesagt oder gemeint hat. Sondern nur darauf, welche Möglichkeiten es gibt, ihn so gezielt misszuverstehen, dass er selbst als Goebbels, Hitler, Himmler oder wenigstens als verantwortungsloser Naziverbrechensverharmloser dasteht.
Ab jetzt galt die Regel "Ein Satz, eine Gleichsetzung": Egal ob Venezuelas Präsident Chávez Kanzlerin Merkel in einem Atemzug mit dem n-tv-Moderator Adolf Hitler erwähnte oder eine heute leider längst vergessene Justizministerin namens Herta Däubler-Gmelin die Namen des US-Präsidenten George Bush und den des früheren Führers und Reichskanzlers unmittelbar nacheinander aussprach; egal ob sich türkische Zeitungen in "hetzerischen Beiträgen" (dpa) zur Amtführung des leider längst vergessenen Innenministers Otto Schily an die des Diktators und späteren Publikumslieblings erinnert fühlten. Der Vergleich des Wirkens des einen mit dem Wirken des anderen endet stets mit der backenaufblasenden Versicherung, der Vergleichende habe unzulässig gleichgesetzt.
Der Nazi-Vergleich als Dummdumm-Geschoss der demokratischen Debatte, der Nazi-Vergleicher als Selbstmordattentäter seiner politischen Karriere. "Tom Cruise tritt auf wie Goebbels", legte der ZDF-Geschichtshersteller Guido Knopp übermütig fest - nein, er sagte nicht "Tom Cruise ist Goebbels". Aber darauf kommt es nicht mehr an. Das erfuhr auch der Pullover-Revolutionär Ludwig Stiegler, der sich vom CDU-Werbeslogan "Sozial ist, was Arbeit schafft" unwillkürlich an den KZ-Spruch "Arbeit macht frei" erinnert fühlte. Stiegler rettete seinen Ruf als unerbittlicher Gutmensch, indem er seine Assoziation umgehend "gründlich daneben" dementierte. Die Rettung auch für Arbeiterführer Sigmar Gabriel, der von einem Tumult im niedersächsischen Landtag inspiriert ausgerufen hatte: "So etwas haben bisher in Deutschland nur Nazis gemacht", und den Fernsehschaffenden Dieter Thomas Heck, der die Wahlniederlage der CDU-Chefin Angela Merkel anno 2005 im feucht-fröhlichen Teil der Verleihung der Goldenen Stimmgabel mit den Worten analysierte, Merkel sei bei der Wahl gescheitert, weil sie immer nur von 'ich' und nicht von 'wir' gesprochen habe. Genau wie einer "im letzten Jahrhundert, der in der Politik immer nur von 'ich' redete. Und das ist fürchterlich geendet". Auch seine TV-Kollegin Eva Herman litt unter dem missbräuchlichen Missverständnis, das ihrer evolutionären Version des Kraftwerk-Hits "Autobahn" den ganz großen Erfolg verwehrte.
Hubertus Nowack wusste das alles noch nicht, doch in der Nachfolge des am "Faszinosum Hitler" (Jenninger) gescheiterten Philipp-Hariolf Jenninger legte er den Grundstein für das moderne Missverständnis im Dienst der demokratischen Debatte. Eine Hase wird seitdem zum Kaninchen, sobald seine Ohren Erwähnung finden. Ein Waschbrett kann ein Ozean sein, weil es Wellen hat. Ein Paar Turnschuhe sind hochhackige Pumps, denn man kann sie ebenso an den Füßen tragen. Der Fantasie sind keine Grenzen mehr gleichgesetzt.