Google+ PPQ: Mai 2008

Samstag, 31. Mai 2008

Verfliesen und verflossen

Monatelang musste die Stadt ohne ihr aufsehenerregendstes Kunstobjekt im öffentlichen Raum auskommen. Die wunderbaren Keramikfliesen, die als eine Art Karaokevariante zur in Spanien gebräuchlichen Mariemalerei Raum griff im öffentlichen Raum des ansonsten völlig unspektakulären mitteldeutschen Mittelzentrums, blichen aus, Farbe blätterte und neue, sonst stets zuverlässig an die Wände gepappt, kamen nicht mehr hinzu.

Gerüchte meinten bereits, der Künstler sei tot, ausgewandert oder er habe den Glauben an seine Mission verloren. Dabei suchte er wohl nur eine neue Vison - weg von den Fußballmotiven, weg von Maradona und der "10", hin zu transzendenten Blümchen und Käfern und Augen. Eine Pracht, wenn man so will.

Gesänge fremder Völkerschaften III: Sax in China

Die Unterführungen sind dieselben, die Instrumente stammen wahrscheinlich aus derselben Fabrik, irgendwo in Shenzhen: Ob in Berlin oder Paris, New York oder Shanghai, der Mann mit dem wimmernden Saxophon ist immer da - und folglich auch Bestandteil unserer ethnologischen Forschungsserie mit seltsamen Gesängen aus Gegenden weit hinterm Horizont vertreten.

Freitag, 30. Mai 2008

Tanken nur mit Personalausweis

Die Deutsche Telekom macht es vor, die EU macht es nach - und besser dazu. Nach einem EU-internen Papier, das goldseiten.de zitiert, soll die Vorlage des neuen, mit RFID-Chips versehenen Ausweises künftig Voraussetzung sein, um in der EU Benzin kaufen zu dürfen. In dem "Arbeitspapier" (goldseiten) sind die ersten Ergebnisse einer Beratergruppe dokumentiert, die “Pläne für die Ausgestaltung europäischer Innenpolitik über das Jahr 2009 hinaus” skizziert werden. Danach muss, wer an eine Tankstelle fährt, in ganz Europa nur noch dann Kraftstoff erhalten, wenn er sich zuvor mit Hilfe seines Ausweises legitimiert hat.

Auf diese Weise könnte exakt festgestellt werden, wer wo und wann getankt hat - ein Bewegungsbild vom Auto von jedem Bürger, der Traum der Telekomspitze würde wahr. Ganz nebenbei wäre es damit auch noch möglich, z.B. deutsche Tankstellenkunden in ganz Europa bei ihrem Kraftstoffbezug mit den (europaweit mit am höchsten) deutschen Steuersätzen zu "erfreuen". Dem vom deutschen Fiskus immer stärker beklagten "Tanktourismus" würde endlich die Basis entzogen.

In einem zweiten Schritt, regen die EU-Experten an, könnte dasselbe System auch beim Kauf von Lebensmitteln eingesetzt werden. Die Zwangsvorlage des RFID-Ausweises könne im Krisenfall "Hamsterkäufen von Lebensmitteln wirksam begegnen und soziale Gerechtigkeit verwirklichen".

Das muss nicht stimmen. Klingt aber schlüssig in Tagen, in denen der hauptamtliche Volksüberwacher und Schäuble-2.0-Minister die Chefs der Hobby-Datenkrake Deutsche Telekom empfängt, um ihnen in Sachen Datenschutz mal ordentlich ins Gewissen zu reden.

Hauptsache, die Haie sterben


Wenn ein Mann der Tat zupackt, stellen sich Erfolge schnell ein. Gerade noch mahnte der gescheiterte SPD-Popbeauftragte und derzeitig als Umweltminister geparkte Siegmar Gabriel die Welt vor einem "Rückgang der Artenvielfalt, wenn wir nicht bald etwas tun." Und schon tut sich etwas: Eine neue Zählung ergab, dass sich selbst in der längst bis in die tiefsten Tiefen erforscht geglaubten Ostsee viel mehr Hai-Arten tummeln, als die Wissenschaft bisher angenommen hatte.

"Wir sind selbst überrascht, wie viele Arten es in der Ostsee gibt", sagte die deutsche Meeresbiologin Heike Zidowitz, nebenher Sprecherin der "Shark-Allianz", die den Hai vor dem Aussterben bewahren will. Zwar wussten auch die Tierschützer bis gestern weder wieviele Hai-Arten es in der Ostsee gibt noch wieviele einzelne Tiere zwischen Kaliningrad und Kappeln schwimmen. Aber dass der Hai vom Aussterben bedroht ist, steht allemal fest: "Viele" (Zidowitz) der 31 Haiarten, die nach momentanem Wissensstand in der Ostsee leben, seien "im Bestand gefährdet", heißt es ganz schwammig konkret, denn keiner weiß ja derzeit, ob nicht doch drei, vier oder sieben Haiarten mehr im Meer leben. Ist auch egal, weil mehr Haie natürlich auch bedeuten würden, dass automatisch mehr Haie bedroht sind.

Hauptsache, sie sterben. Schuld daran sind allerdings nicht die Einsätze der US-Marine, die im vergangenen Jahr Tiefensonar zur Absicherung des G8-Gipfels einsetzte und sich damit den dringenden Tierschützer-Verdacht zuzog, tausende Tiere zu töten, sondern die Fischerei. Wo das US-Sonar den Vorwürfen der Tierschützer die Gefolgschaft versagte, indem es Tümmler und Hai leben ließ, leisten Fischer ganze Arbeit. Noch werden trotzdem schneller neue Haiarten entdeckt als die alten Aussterben, aber "hier gibt es überhaupt keine Fangbegrenzungen", klagt Haischützerin Zidowitz ganz im Sinne von Siegmar Gabriel einfach mal ins Blaue.

Dem hätte das vermehrte Auftauchen des als ausgestorben geltenden Wolfes beinahe die Gastgeberrolle auf der Konferenz zum Schutz der Artenvielfalt vermasselt. Zum Glück sprangen die Medien, die erkannten, wie schwierig beide Themen schlüssig zu bündeln sein würden, dem Rußfilter-Reformer bei. Und hängten den Wolf - im Dienst der guten Sache - tief.

Toller Trubel um Tötungsgerät

Das knattert und brummt, dröhnt und kreist und die "Ereignisfernsehsender" (Phoenix) halten wie wild mit der Kamera drauf. Als hätte es nie eine Klimakatastrophenhysterie gegeben, flattert zur Internationalen Luftfahrausstellung über Berlin ein halbes tausend phantastischer Flugmaschinen, verbrannt wird tonnenweise Kerosin, das vieltausendköpfige Publikum, die Nase durchweg in den Himmel gesteckt, applaudiert begeistert tieffliegenden Kriegsmaschinen und auch die Klimaschutz-Kanzlerin Angela Merkel patscht begeistert von soviel hochtechnisiertem Tötungsgerät die Hände zusammen.

Ein großer Spaß, diese "Leistungsschau der Luftfahrtindustrie" (ntv), zu der diesmal die Rekordmenge von 1300 Ausstellern gekommen ist. Demnächst live auf allen Kanälen: Die „Hemus 2008“-Messe für Militärtechnik in Plowdiw, auf der den Fans Streubombem light vorgestellt werden sollen, die Internationale Messe für Militärtechnik, Technologien und Waffen in Omsk, die mit innovativen Vertriebswegen für Flakgeschütze aufwarten will, und natürlich Schaltungen zur großen Defence System & Equipment International in London, auf der auch wieder viele der teilnehmenden Länder beschuldigt werden, die Menschenrechte zu missachten. Klimakonferenz anschließend im Nachtprogramm, denn da sind die Bilder immer nicht so tagestauglich.

Unmenschliches Hartz-4-Regime

Ein Hartz-IV-Empfänger hat nach einer Entscheidung des Sozialgerichts Dessau-Roßlau keinen Anspruch auf die größere Wohnung, die er braucht, weil er einen Hund hält. Wer ein Haustier besitze, könne wegen der Unterhaltskosten weder ein höheres Arbeitslosengeld II erhalten noch eine größere Wohnung bezahlt bekommen, urteilte das Landessozialgericht Sachsen-Anhalts auf die Klage einer von Hartz-4 lebenden Hundebesitzerin, die sich im Vergleich zu Leistungsempfängern mit Kindern benachteiligt fühlte, weil die mehr Platz und mehr Geld für ihre Lieblinge bekommnen, sie aber nicht.

Die rabiaten Richter beriefen sich auf das Gesetz, nach denen keine Sonderleistungen für Haustierhaltung vorgesehen sind. Da hat der Gesetzgeber geschlafen, und die armen Hundehalter müssen es ausbaden. Auch bei der Ermittlung der angemessenen Wohnungsgröße dürften Haustiere, egal wie groß, nicht berücksichtigt werden, weil sie anders als Kinder keine Personen einer Bedarfsgemeinschaft sein können.

So müssen Hartz-4-Empfänger auch künftig alle Hamster, Hunde, Katzen und Kaninchen allein von den 345 Euro Regelleistung durchfüttern, und das auf maximal 50 Quadratmeter Wohnfläche, sofern sie abgesehen vom Getier, allein leben. Schon aber kündigt sich neuer Protest an: Infolge der stark gestiegenen Benzinpreise haben Hartz-4-Empfänger im Burgenland angekündigt, vor Gericht Zusatzzahlungen für den sonst kaum noch zu finanzierenden Unterhalt ihrer teuer tiefergelegten VW Marke Golf erstreiten zu wollen. Schlagendes Argument der Kläger ist die Bewahrung regionalen Brauchtums: Tiefergelegte Pkw mit verchromtem Auspuff-Doppelrohr gehören in Ostdeutschland zur Nachwende-Folklore, gelten aber auf dem freien Automarkt als nahzu unverkäuflich.

Erich trampelt

VOS fordert Woolworth zu Rückrufaktion auf

„Erich’s Duschbad“ verklärt die DDR-Diktatur

Die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) hat den Discounter Woolworth aufgefordert, ihr neues DDR-Sortiment vom Markt zu nehmen. Das Unternehmen bewirbt aktuell verschiedene Kosmetikartikel unter Verwendung der DDR-Flagge sowie der Symbole von SED und FDGB. Mit dem Produkt „Erich’s Duschbad“ wird die Diktatur duftend verklärt.

Ronald Lässig, Pressesprecher der VOS erklärt:

„Es ist geschmacklos derart auf Umsatzfang zu gehen. Damit wird auf den Gefühlen der Opfer von SED und Stasi herumgetrampelt. Man muss ja befürchten, dass auch Adolf und Symbole der Nazidiktatur bei Woolworth eine Comebackchance erhalten.“

Rätsel der Gegenwart

Bisher schien Natriumchlorid ein Salz zu sein, Pfeffer hingegen eine Frucht und das größte Geheimnis zwischen beiden lag darin, herauszufinden, ob der Pfeffer stets im Streuer mit den drei Löchern oder doch eher immer in dem mit einem Loch zu suchen ist. Die auf den einzig wahren Lehren des Koran beruhende Wissenschaft der arabischen Welt aber ist dem dekadenten Westen schon ein Stück voraus: Hier wird die These gestreut, Salz, das aufgrund seiner mineralischen Zusammensetzung keine Möglichkeit der Verwesung kennt, sei eine leicht verderbliche Ware. Pfeffer hingegen, so drucken es Gewürzfabriken zwischen Rabat und Casablanca tröstend auf ihre Verpackungen, ist eine sehr viel haltbarere Würze.

Der Friede muss bewaffnet sein

Kaum hat die Bundesregierung in einem weitsichtigen Beschluß das offene Tragen von Brotmessern und die Benutzung aller anderen gefährlichen Gegenstände verboten, beginnen Untergrundgruppen im deutschen Osten damit, schwere Geschütze aufzufahren. Ein Augenarzt aus Halle an der Saale handelt getreu der Devise "Der Friede muss bewaffnet sein": Der 49-Jährige beschaffte sich nicht nur eine ganze Reihe von normalen Schußwaffen und ganze Gebirge von Munition, sondern zur Abwehr von Luftangriffen der Regierungstruppen auch eine Zwanzig-Millimeter-Flak. Das Geschütz hatte der Mann, der in Sachsen-Anhalt drei offenbar ganz gutgehende Augenarzt-Praxen betreibt, in der Garage neben seinem Einfamilienhaus geparkt, um die Alarmzeiten kurz zu halten.

Weil nach dem Buttermessser demnächst auch die Streubomben, einer der beliebtesten Exportartikel Deutschlands, für alle Staaten außer die USA verboten werden sollen, haben die Arktis-Anrainerländer einen bereits verabredeten Krieg um die Hoheitsrechte rund um den Nordpol abgesagt. «Damit kann sich wieder Frieden über den Nordpol senken», verriet Dänemarks Außenminister Per Stig Møller unfreiwillig, wie dicht am Abgrund eines dritten Weltkrieges die USA, Norwegen, Kanada, Rußland und Dänemark standen.

Donnerstag, 29. Mai 2008

Kontinuität

2006: Spatz ist Deutschlands häufigster Gartenvogel
2007: Spatz ist häufigster Gartenvogel Deutschlands
2008: Spatz bleibt häufigster Gartenvogel

die liste der meldungen wurde nur durch diese nachricht unterbrochen:
Die Zahl der Haussperlinge ist in Sachsen-Anhalt in den vergangenen fünf Jahren drastisch zurückgegangen. «Der Vogel steht jetzt auf der Vorwarnstufe der "Roten Liste" der bedrohten Tierarten», sagte der halleschen Ornithologen Reinhard Gnielka ... In der Rangfolge der häufigsten Vogelarten ist der Spatz seit 1999 in Sachsen-Anhalt von Platz fünf auf Platz acht abgerutscht. «Allerdings besteht die Gefahr, dass er schon bald auf Platz 20 steht», erklärte der Vogelkundler.

in sachsen-anhalt stehen die besitzer von luftgewehren offenbar früher auf.

Finnisch ist nicht kindersexy

Google Trends habe "jetzt" das Suchverhalten der Internetuser zum brisanten Thema Kinderpornografie analysiert, flunkert der hochseriöseSchweizer "Tagesanzeiger" heute. Und Erschreckendes entdeckt: Die meisten Suchanfragen zu diesem Themengebiet kämen nämlich aus der Türkei. In einem Ranking der Städte, aus denen der Begriff "child porn" eingegeben wurde, hätten sogar "auf Platz eins und fünf türkische Städte" gelegen.

Was für eine Geschichte. Alles drin, alles dran! Türken und Kindersex. Sowas hat man doch immer schon vermutet. Und die wollen in die EU? Leichtes Gruseln. Aufregungspotential. Islamismus. Sex. Was macht es da, dass die Geschichte selbst zwei Jahre alt ist und gar nicht stimmt? Wenn man doch erfahren kann, dass "das Ergebnis von türkischen Politikern mit Befremdung aufgenommen wurde, Innenminister Abdulkadir Aksu von einer "Katastrophe" gesprochen habe und Ministerpräsident Tayyip Erdogan "ernsthaft irritiert" gewesen sei?

Ja, das "Ergebnis" habe sogar "kontroverse Diskussionen und Polizeirazzien in der Türkei nach sich" gezogen!

Und das, obwohl die Geschichte des Korrespondenten Kai Strittmatter von der Geschichte längst überholt ist. Der "Tagesanzeiger" konnte das mangels Internetanschluß in der Redaktion nicht recherchieren, vieleicht hatte auch Politically Incorrect gerade keinen Zugriff auf Google oder Google Trends hatte das "Suchverhalten der Internetuser zum brisanten Thema Kinderpornografie" gerade nicht "analysiert", obwohl das Programm das täglich und fortlaufend tut. Zwar haben die PI-Macher den Fehler inzwischen gemerkt, bei "Shortnews" aber läuft die Geschichte inzwischen trotzdem nochmal richtig gut.

Kommt ja auch besser als die richtige Liste, nach der im letzten Jahr Delhi in Indien, das australische Melbourne, Sydney in Australien, Toronto in Kanada und Los Angeles in den USA die meisten auf "Child Porn" erpichten Neugierigen beheimateten. Während bei den Regionen Südafrika, die Phillipinen, Indien, Australien und Irland vorn lagen.

Die Türkei taucht erst wieder auf Platz 4 bei den verwendeten Sprachen auf: Hinter Englisch, Russisch und Finnisch. Und vor Schwedisch.

Abriß-Exkursionen: Abschied der Kosmonauten

In einem Land ohne Alcopops, einem Land mit historischer Mission und Auslandsschulden bis zum Mond, hatte die in Geschmacksdingen gelegentlich avantgardistische Führung, was neuerdings erst richtig schick geworden ist: Den Eindruck, Kinder müssten möglichst früh möglichst gut ausgebildet werden, um ihrem Land helfen zu können, sich in der kalten, feindlichen Welt zu behaupten.

Heute wird dann keine Herdprämie gezahlt und der Jugendklub im Dorf zugemacht, weil lauter Glatzen darin Musik hören, die für eingefleischte Beatlesfans schon ein bisschen nach Böhse Onkelz klingt. Damals gab es noch keinen Rechtsrock, weshalb an den Rand der Stadt ein behaglicher Palast gestellt wurde, in dem die Jugend, die keine Jugend war, "die immer nur Yeah, Yeah und Yeah ruft" (Walter Ulbricht) in die Geheimnisse von Natur und Universum eingeweiht werden konnte.

Die Station Junger Techniker und Naturforscher, ein Betonbau mit großem Lichthof, der in Stadtplänen als "Block 675" firmiert und den weltraummäßig hallenden Ehrennamen "K. E. Ziolkowski" trug, war frühe Ausgabe der erst kürzlich neu erfundenen Ganztagsschule. Jeden Nachmittag versammelten sich junge Kosmonauten und junge Biologen, junge Computerbastler und, ja, junge Physiker. Computerklubs ergründeten hier die Geheimnisse von C 64 und Z 1013, der "Kreislichtspielbetrieb" betrieb einen Schülerfilmklub und die "Gesellschaft für Natur und Umwelt", eine Art Vorläufer von Siegmar Gabriel, lud zur Öko-Kirmes mit Ausstellung, Vorträgen, Bastelstraße und Wissenstests.

Wer kam, hatte vorher das "Gelöbnis der Thälmannpioniere" gesprochen und einen feierlichen Blick ins "Traditionskabinett für sozialistische Wehrerziehung" geworfen. Wurde nicht gerade geforscht, gab es auch Höhepunkte wie Zusammenkünfte mit Genossen der Volkspolizei, Vertretern der Patenbrigade oder des Elternaktivs. Manchmal lud auch das Wehrkreiskommando der NVA zu einem "militärpolitischen Forum für künftige Berufssoldaten" eing.

Mit Heimvorteil, denn die Station Junger Techniker hatte auch einen "Klub der Offiziersbewerber", in dem mutige Soldaten wie Oberstleutnant Erhard Watzke und Oberstleutnant Karl-Heinz Brockel Schülern aus 7. Klassen dann einen Schlag Geschichten aus dem Klassenkampf erzählen konnten. "Über die Entwicklungsmöglichkeiten in allen Waffengattungen", schwärmt eine lokale Zeitung anno 1976, "erhielten die wißbegierigen Jungen Auskunft."

Das waren noch Zeiten, als nur "gute schulische Leistungen und eine intensive Vorbereitung in der GST den Weg in die Panzertruppen frei machte." Zur alljährlichen Leistungsschau der jungen Erfinder lieferten die Abgesandten der Station eines Jahres ein Lichtgewehr, das ohne Munition funktionierte.

Also schoß.

Gerettet hat das die Idee von der Nachwuchsschmiede nicht. Als die Mauer fiel, stürzte die Station gleich hinterher, wie einiges andere auch. Die Randlage machte Ziolkowski zu einem beliebten Ziel von Wurfübungen, jetzt wieder mit Munition. Erst brachen die Fenster, dann die Fensterrahmen. Das Glasdach über dem beeindruckenden Lichthof, der einmal den Speisesaal beherbergt hatte, hielt beim Drüberlaufen doch nicht. Regen wusch das Parkett weg, nach der Entkernung durch Schrott- und Devotionaliensammler das letzte originale Bauteil im Haus.

Die kunstsinnige Jugend des Stadtteils Halle-Neustadt, Söhne und Töchter der letzten Thälmann-Pionier-Generation, machte die langsam reifende Ruine schließlich zu ihrem Atelier, ihrer Galerie, ihrer geheimen Klagemauer. Kein Zentimeter, der nicht mit großzügig verschmierter Sprühfarbe bedeckt ist, keine Tür, die ohne Liebesschwüre und intimste Bekenntnisse auskommen muss. Nebenan gibt es neuerdings eine Cartbahn, Vorbote der Spaßgesellschaft. Im Lichthof wachsen Bäume.

Mittwoch, 28. Mai 2008

Wer hat es gesagt?

Je ärmer desto kapitalistischer müsste man wählen, um aus der Armutsfalle heraus zu kommen.

Die Milch machts



"Preisverfall", lettert die Weltpresse, soweit sie deutsch spricht. Ein "Aufstand der Milchbauern" fegt die Regale in den Supermärkten leer, denn "die Milchbauern machen Ernst" (Süddeutsche): "Aus Protest gegen zu niedrige Preise liefern die Landwirte vorerst keine Milch mehr."

Wie weiland die Maschinenstürmer, die Treibriemen zerschnitten, um den Baumwollpreis hochzutreiben, rennen die deutschen Bauern damit gegen den Weltmarkt an. Der wird seit etwea einem Jahr geprägt von einer "umfassenden Konsolidierungsphase", nachdem der Milchpreis sich zuvor - ohne dass ein Bauer darüber klagte - verdoppelt hatte. Mitte 2007 erreichte der der Future-Preis 22,50 US-$ für den amerikanischen Zentner (cwt) mit etwa 45,3 Kilogram. Teurer ist Milch nie zuvor gewesen.

Nach Ansicht der Experten von godmode-trader.de, deren Analysen der Weltmärkte in der Regel zutreffender sind als die von Horst Seehofer, Tagesschau, Süddeutscher und Spiegel zusammen, steht der Milchpreis nun kurz vor einem schnellen Anstieg nach oben. Die zunehmende Nachfrage aus Asien baut "deutlichen Kaufdruck" auf. Gute Zeiten für Milch-Investoren: "Der Basiswert dürfte langfristig ein Etappenziel bei 36,00 US-$/Zentner erreichen." Damit würde sich der Milchpreis vom jetzigen Kursniveau aus erneut verdoppeln.

Dann allerdings werden die Bauern nicht mehr klagen und alle Artikel über Milchpreise werden im Tonfall der Beiträge über den Weizenpreis gesungen werden, die vor zwei, drei Monaten das Ende der Brotversorgung wegen der unablässig kletternden Getreidepreise vorausklagten.

Seitdem ist der Weizenpreis (Grafik unten) um rund die Hälfte eingebrochen. Das aber hat gar keiner mehr bemerkt.

Nach Jahren immer noch lustig

Mathematikunterricht

Hauptschule:
Ein Bauer verkauft einen Sack Kartoffeln für 50,- Euro. Die Erzeugerkosten betragen 40,- Euro. Berechne den Gewinn !

Realschule:
Ein Bauer verkauft einen Sack Kartoffeln für 50,- Euro. Die Erzeugerkosten betragen 4/5 des Erlöses. Wie hoch ist der Gewinn ?

Gymnasium:
Ein Agrarökonom verkauft eine Menge subterraner Feldfrüchte für eine Menge Geld (G). G hat die Mächtigkeit 50. Für die Elemente aus G gilt: G ist 1. Die Menge der Herstellungskosten ist (H). H ist um 10 Elemente weniger mächtig als die Menge G. Zeichnen Sie das Bild der Menge H als die Tilgungsmenge der Menge G und geben sie die Lösung (L) für die Frage an: Wie mächtig ist die Gewinnsumme?

Waldorfschule:
Ein Bauer verkauft einen Sack Kartoffeln für 50,- Euro. Die Erzeugerkosten betragen 40- Euro und der Gewinn 10,- Euro. Aufgabe: Unterstreiche das Wort"Kartoffeln"und singe ein Lied dazu

Dienstag, 27. Mai 2008

Fünf Sekunden für eine bessere Welt

Wir vom großen Demokratie-Mitmach-Netz PPQ glauben nicht an Wunder, an Märchen, an Politikerversprechen oder Bundestagspetitionen, finden diese hier aber den Aufwand wert. Sich einzutragen kostet handgestoppte fünf Sekunden, die Begründung ist ein bisschen krude, der Zweck aber ein umso gemeinnützigerer: Die Halbierung der Besteuerung von Diesel und Benzin.

Ein Mann namens Rainer Segers hat das Thema mit "bürgerschaftlichem Engagement" (Merkel) vorgelegt, die hauptamtlichen Volksvertreter werden es ablegen. Doch sei's drum:

"Der Preis an den Tankstellen steigt täglich. 1,40 € für den Liter Diesel ist mittlerweile normal. Viele Bürger sitzen täglich in ihrem PKW um ihren stellenweise weit entfernten Arbeitspaltz zu erreichen. Pendlerpauschale fällt weg und die Lebenshaltungskosten steigen ständig. Hier ist der Bundestag gefordert dem Einhalt zu gebieten. Alle Kosten explodieren, aber leider wächst mein Lohn nicht mit. Wenn der Staat die Bürger hier nicht unterstützt ist dieses zum großen Nachteil für die gesammte Bevölkerung. Wenn ich mir doppelt überlegen muss ob ich jetzt mit dem Auto fahre oder nicht überlege ich mir das auch beim einkaufen, Kino gehen usw. Der Urlaub wird auch gut überlegt. Ich fordere sie auf die Steuern für Kraftstoffe zu halbieren. "
Wenn Sie diese Petition mitzeichnen, d.h. unterstützen wollen, füllen Sie bitte das nachstehende Formular aus und klicken Sie auf "MITZEICHNEN"

Verfilmung eines Promotion-Traums

Von Coldplay lernen heißt verkaufen lernen, denn wenn Werbung nicht viel kosten soll, macht man sie einfach kostenlos. Auch Sigur Ros, die seltsamen Ritter von der traurigen Rockgestalt, lassen die erste Single aus ihrem neuen Album „Með suð í eyrum við spilum endalaust“ ab heute abend 21.30 Uhr kostenlos bei sigurros.com downloaden. Schon vorab ein Erfolg, denn bei den gewohnt langwierigen musikalischen Epen, die die Isländer normalerweise produzieren, war der Welt bisher entgangen, dass es auch Singles des Quartetts gab.

Die neue heißt “Gobbledigook“, was wahrscheinlich gar nichts weiter heißt. Das fünfte Album aber hat einen richtigen Namen, der in der englischen Übersetzung soviel wie "With A Buzz In Our Ears We Play Endlessly" bedeutet. Sagt die Plattenfirma, die das Werk am 20. Juni 2008 veröffentlichen wird.

Bis dahin gibt es richtig Brimborium: Einen Vorverkauf bei www.sigurros.com und iTunes ab 02. Juni, ab dem 09. Juni für jeden Vorbesteller einen Zugang zu einem Stream des kompletten Longplayers und für die Preisgabe der eigenen E-Mail-Adresse "eine Fülle von Sigor Rós-Specials wie exklusive Clips und Hinweise auf startende Ticketverkäufe für kommende Konzerte".

Auch die technischen Angaben zu "Með suð í eyrum við spilum endalaust“ klingen wie die Verfilmung eines Promotion-Traums. Eingespielt unter Produzent Flood in den Sear Sound Studios in New York City, in den Assault-, Battery- und Abbey Road-Studios in London, in einer Kirche, im bandeigenen Studio Alafoss in Reykjavik und in Havanna, Kuba, erstmal singt Jon „Jonsi“ Thor Birgisson außerdem auf englisch – zumindest einen Song. der Rest ist wahrscheinlich wie immer in Hopelandish getextet, obschon die Plattenfirma meldet "die restlichen Songs sind wie gehabt in isländischer Sprache gehalten". Aber das waren die ja nie.

Das Resultat sei jedenfalls "eine perfekte Synergie vom Auratischen mit dem Visuellen", dichtet der Werbetexter. Das lassen wir mal vollumfänglich so stehen, inklusive "Prämiere" und "perkeft". Hopelandish eben: "Von der gefühlten Grenzenlosigkeit der Akustik-Auftritte inspiriert, die für „Heima“ gefilmt worden waren, entschied sich die Band für eine lockerere Herangehensweise and das Schreiben und die Kreation ihres brillanten, fünften Albums. Das Material für das neue Album wurde in seiner Gänze 2008 geschrieben, aufgenommen und gemischt – und nur knapp einen Monat nach seiner Fertigstellung liegt es auch schon zur Veröffentlichung bereit. Das Album glüht förmlich vor der perfekten Unperfektion von Live-Takes, über Gitarrensaiten schlitternden Fingern, rissigen Noten und einer kargen, direkten Präsenz, die bislang so eindringlich noch in keiner Sigur Rós-Aufnahme wahrnehmbar war. Damit bewegt sich die Band von den Reverb-Gitarrensounds der Vergangenheit fort und findet dabei weitaus ergreifender und fragiler zu einem neuen klangästhetischen Selbstverständnis. Gleichzeitig enthält das Album einige der fröhlichsten Musikexkursionen, die von der Band jemals aufgenommen wurden.

Mit seinem verspielten Gesang, den Taktverschiebungen, wirbelnder Perkussion und seinen beweglichen Akustikgitarren-Akkorden, gibt der erste Song, „Gobbledigook“, den Ton für das neue Album an. „Inni Mer Syngur Vitleysingur“ (Within Me A Lunatic Sings), funkelt als einer der hymnenträchtigsten Songs, die je von Sigur Rós geschrieben worden sind. „Festival“ ist in seiner Hochstimmung und seinem Ausmaß als episch zu bezeichnen. „Illgresi“ (Weeds) beinhaltet eine der schönsten Gesangsmelodien Jonsis über einem im Alleingang eingespielten Akustikgitarren-Muster. „Ára Bátur“ (Row Boat) ist das bislang größte musikalische Unterfangen der Band für einen Song, weil es in einer One-Take-Aufnahme live mit der London Sinfonietta und dem London Oratory Knabenchor aufgenommen wurde – 90 Musiker und Sänger spielten dafür gleichzeitig! Die Band nutzte außerdem einmal mehr das kollektive Talent des befreundeten Amiina-Streichquartetts und eine fünfköpfige Bläsersektion für diverse Songs des neuen Albums. Die Prämiere des Mellotrons im Schreib- und Aufnahmeprozess der Band, hat mit „Fljótavik“ einen der sanftesten Songs des neuen Albums zur Folge.

Der Geist hinter „Með suð í eyrum við spilum endalaust“ wurde für das Artwork des Albums vom gefeierten bildenden Künstlers Ryan McGinley perkeft eingefangen. McGinley traf die Band erstmals vor sechs Jahren als er Jonsi fotografierte. Das Albumcover stammt von einem Flyer für McGinleys jüngste Ausstellung „I Know Where The Summer Goes“, der seinen Weg just in dem Moment in Jonsis Briefkasten fand, als die Band gerade die Entscheidung darüber fällen wollte, wie die neue Song-Kollektion am besten visuell umgesetzt werden konnte.

Junge Frauen hungern mit

Immer neue Bevölkerungsgruppen in Deutschland verarmen und leiden Hunger. Nachdem der SPD-Arbeiterführer und Arbeitsminister Olaf Scholz in der vergangenen Woche mutig aufdeckte, dass jeder achte Deutsche arm ist und jeder vierte Deutsche arm werden könnte, zog seine Kabinettskollegin Ursula von der Leyen mit der Mitteilung nach, dass jedes sechste Kind in Deutschland arm oder doch relativ arm ist. Vorausgesetzt, es wächst nicht in einer Migrantenfamilie auf, denn dann ist es jedes Dritte - also drei von zehn.

Noch schlimmer und nicht nur relativ ist der Hunger nur noch bei jungen Frauen, wie britische Wissenschaftler jetzt herausgefunden haben. Nach den Erkenntnissen der Forscher, die vermutlich im Zuge des Wahlkampfes um das Bundespräsidentenamt demnächst von Gesine Schwan oder Horst Köhler mutig verkündet werden werden, setzen sich acht von zehn jungen Frauen hungrig hinter das Steuer ihrer Autos. Vermutlich, weil es nach dem Tanken im Dienst der Rente inzwischen nicht mal mehr für eine Schrippe reicht.

Der DFB, der zuletzt ein großes Herz für schwule Fußballer zeigte, sollte nun dringend nachziehen. Es gilt, auch das bisher tabuisierte Thema hungrige Fußballer aufzuarbeiten: Bei Bundesliga-Anstoßzeiten um 15.30 Uhr wird das Mittagessen bei vielen Vereinen bereits um 12.30 Uhr serviert. Spätestens zum Abpfiff um 17.15 Uhr sind zahlreiche Profis dadurch so schwer unterzuckert und ausgehungert, dass Mediziner bereits vor Spätfolgen für die Ballzauberer warnen. Hungernde Millionäre - tatsächlich ein Armutszeugnis für ein reiches Land wie Deutschland!

Wow, die Drogen wirken

Sprotten haben in Physik nicht aufgepasst

in der ostsee ist der teufel los. so verändern die sprotten laut platschquatschagentur dpa aufgrund der vergangenen zwei milden winter (vulgo: klimawandel) ihr verhalten. normalerweise schwimmen die fische in tiefen zwischen 30 und 60 metern, wo die wassertemperaturen im frühling bei zwei bis drei grad liegen. die jüngsten messungen hätten jedoch vier bis sechs grad ergeben. ein experte: "die sprotten reagieren offenbar sehr sensibel auf temperaturschwankungen". und tun was? richtig: sie begeben sich näher an die oberfläche - wo die temperaturen noch um einiges höher liegen dürften.

Bauernopfer

die deutschen bauern stehen mit dem rücken zur wand. gnadenlose "monster" (horst köhler) zwingen ihnen preise auf, die nicht einmal die herstellungskosten decken. so zahlt der milch-multi müller den landwirten angeblich nur 30 pfennig pro liter, obwohl die produktion 35 pfennige verschlingt. doch jetzt machen die bauern mobil und drohen mit einem lieferstopp. der einschlägige verband empfiehlt sozialen einrichtungen wie krankenhäusern und kindergärten sogar, ausreichend frischmilch einzukaufen,weil es zu versorgungsengpässen kommen könne. außerdem sind demonstrationen angekündigt. diese vehemenz legten die landwirte zuletzt an den tag, als sie lautstark gegen die jahrelangen und viel zu hohen subventionen für, äh, milch und andere agrarprodukte protestierten. so sieht konsequenz aus.

Deutschland endlich mal ganz vorn

Mit umgerechnet 2,36 US-Dollar für einen Liter Benzin liegt Deutschland endlich mal wieder an der Weltspitze. Ganz vorn allerdings, und das ziemlich allein, liegt Sierra Leone. Vielleicht in Verwirklichung des historischen Fünf-Mark-pro-Liter-Beschlusses der Grünen kostet der Sprit dort 4,87 US-Dollar.

Montag, 26. Mai 2008

Arme immer öfter arm

Erwachsene, das ist die neueste Nachricht aus Deutschland, dem Armenhaus der Welt, sind häufiger arm als Kinder. Während nach Angaben des roten Teils der Bundesregierung jeder vierte erwachsene Bundesbürger unter der Armutsgrenze vegetiert oder zumindest vegetieren könnte, wenn ihn nicht glückliche Umstände zeitweise noch davor bewahrten, gilt nach Berechnungen des schwarzen Teils der Bundesregierung, die sich auf Zahlen der dubiosen Spendensammelorganisation Unicef beruft, nur jedes sechste Kind als arm oder armutsgefährdet, wie der zum Zwecke der Ausweitung der Klientel erfundene Begriff für nicht arme Arme lautet.

Unklar ist noch, ob sich die Diskrepanz allein aus überhöhten Taschengeldern erklären lässt. SPD-Finanzminister Peer Steinbrück hat aber vorsichtshalber bereits erkennen lassen, dass seine Partei der aus den Reihen der Linkspartei umgehend geäußerten Idee einer "Taschengeldsteuer" nicht grundsätzlich ablehnend gegenüberstehe. Bei einer Summe von mehr als 1,5 Milliarden Euro, die jährlich unkontrolliert innerhalb von Familien als Taschengeld weitergereicht würden, brächte schon eine Besteuerung in Höhe des Eingangssteuersatzes Millionen für das darbende Staatssäckel.

Mit den zusätzlichen Einnahmen könnten dann arme Erwachsene unterstützt werden, die zur Zeit kaum noch genug Geld für Grundbedürfnisse wie Trinken aufbringen können. "Das ist eine Idee, die ich wirklich gut finde", soll Steinbrück in kleiner Runde gesagt haben. Die Junge Union plädierte dafür, alle Mehreinnahmen "umgehend zur Abmilderung der kalten Progression bei der Steuer" an die Steuerzahler zurückzugeben.

Wirbel aus Wahnsinn

Wer als Kind mit roten Ohren Märchen las, stellt sich den Kampf des Guten gegen das unsagbar Böse immer als Sache vor, in der die Schwerter sprechen, Drachenköpfe rollen und holde Maiden tapfere Recken mit Küssen belohnen.

Das ist aber freilich ein Zerrbild, das dem alltäglichen, aber kaum minder titanischen Ringen der "Akteure" etwa der "Koordinierungsstelle des Lokalen Aktionsplanes", des Vereines "Miteinander" und des "Projektes Gegenpart" nicht im mindesten gerecht wird. Hier, in der Abteilung Attacke auf dem Schlachtfeld gegen die rechte Gefahr, die bei der schleswig-holsteinischen Kommunalwahl gerade wieder verfassungsbedrohende 1,8 Prozent aller abgegebenen Wählenstimmen einfing, wird mit Worten geschossen. Am liebsten mit ganz grundlegend grundsätzlichen, und die dürfen auch gern in Sätzen stecken, die jedes vernunftbegabte Wesen hinunterziehen in einem Wirbel aus Wahnsinn, Wirrniss und kopfschüttelnder Verwunderung.

"Zur Grundphilosophie und dem Leitbild des Lokalen Aktionsplanes für Demokratie und Toleranz der Stadt Dessau-Roßlau (LAP) gehört es"
, heißt es im jüngsten situationistischen Poem aus der Feder der fördermittelfinanzierten Anti-Rechts-Ritter, "nachhaltige Strategien zur Demokratieentwicklung vor Ort zu entwickeln". Jaja, so weit, so klar. Aber wie nur, wie? Nun ja, die Antwort liegt in der Strategie, und die "schließt die Implementierung von Projekten und Kampagnen, die dazu geeignet sind, eine langfristige Sensibilisierung für ein tolerantes Miteinander in der Stadt zu etablieren, ausdrücklich mit ein."

So eine "Implementierung" aber will gut vorbereitet sein. Auf einer "1. LAP-Fachtag" wird deshalb nächstens "unter dem Titel „Projekte für Demokratie – Aber wie?“ der Frage nachgegangen, "wie solche präventiv angelegten Maßnahmen in der Institution Schule und im Bereich des Breitensports angestoßen und verwirklicht werden können." Gut so, wenn bei den "Akteuren" und "Aktivisten" die Einsicht reift, dass es "dabei in einem ersten Schritt zunächst unabdingbar scheint, mit den Akteuren in diesen Sozial- und Wirkungsräumen in einen gemeinsamen Erfahrungsaustausch zu treten, um die reellen Möglichkeiten einer direkten Beteiligung und die jeweiligen Erwartungshaltungen zu evaluieren."

Gemeinsamer Erfahrungsaustausch ist immer gut. Und dann evaluieren, klar. Anschließend kann implementiert werden. Alles andere wäre bestimmt auch fahrlässig. Schließlich, für diese Erkenntnis allein ist jede Fördermittelmark sicherlich gut "ausgereicht" (Innenminister Holger Hövelmann) "geht es vor allem darum, mögliche Defizite zu benennen und daraus einen konkreten Bedarf abzuleiten."

Wobei wir glauben, dass es im korrekten Neusprech konkret "Bedarfe" heißen müsste. Aber darüber könnte ja dann eine "2.LAP-Fachtagung" beraten.

Geißler lässt verhungern

Der große deutsche Christ, Humorist, Demokat und Dada-Denker Heiner Geißler, nach Jahren im nagenden Politabseits im letzten Jahr endlich wieder bekannt geworden durch seine Beitrittserklärung zur "globalisierungskritischen Bewegung" (Der Spiegel) attac, hat recht unbemerkt aufgedeckt, dass tagtäglich unzählige Mitbürger in Deutschland verhungern müssen. Oder zumindest müssten.

Auch "bei sitzenden Tätigkeiten", klagte der gaga-erfahrene Geißler in der Kabarettsendung "Will", sei es für den Menschen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen notwendig, "mindestens 2300 Kalorien täglich aufzunehmen". Das Hartz-4-Menue des Berliner Sozialkochs Sarrazin allerdings, prangerte Geißler an, sehe nur eine Energieaufnahme in Höhe von 2000 Kalorien vor.


"Wenn aber jemand noch herumlaufen soll, und sich einen Job suchen und zur Post und zur Jobagentur, dann braucht er mehr"
, deckte der greise Geißler endlich auf, warum es vielen Hartz-4-Empfängern gar nicht gelingen kann, die heimische Couch zu verlassen: Sie sind durch seit Jahren andauernden Hunger schlicht zu schwach.

Wer hat es gesagt?

Dummheit ist immer beharrlich.

Sonntag, 25. Mai 2008

Party mit Brachial-Populisten

Leichter ist Geld nicht zu haben. Acht Euro für einen hat bekommen, wer vor dem Oberliga-Spiel des seit Wochen souveränen Tabellenführers Hallescher FC gegen den Tabellenletzten Pößneck auf einen Sieg des Außenseiters setzte. Pößneck hatte zuvor in 28 Spielen gerade 20 Mal das Tor getroffen. Halle, seit vier Tagen als Aufsteiger in die neue Regionalliga feststehend, in 28 Partien gerade 19 Treffer kassiert. Eine sichere Wette: Die Hallenser, nach Aussage ihres Kapitäns Rene Stark in den letzten Tagen vor allem mit konzentriertem Reinfeiern in den Regionalliga beschäftigt, sind von der ersten Minute der Begegnung mit den Gedanken bei der Aufstiegsfeier. Pößneck beißt und kratzt, um die letzte Chance auf den Klassenerhalt zu wahren.

Nach 30 Minuten setzt es in der heute mit Nachwuchsleuten besetzten Bubi-Abwehr zum ersten Mal aus. Vor den Augen des eigens angereisten letzten HFC-Nationalspielers Dariusz Wosz streiten Seipel und Kamalla um den Ball. Also nimmt ihn der Pösnecker Sawicki und schießt ihn am erstmals eingesetzten HFC-Torhüter Norbert Guth vorbei ins Tor. Das seit Januar ungeschlagene Team des gefeierten Landespokalsiegers ist darob äußerst verblüfft. So sehr sogar, dass der Gast nur eine Minute nach dem Wiederanpfiff auf 2:0 erhöhen darf.

So war das nicht geplant. Aber absehbar. Seit Jahrzehnten tut der frühere HFC Chemie, was niemand erwartet: Verliert, wo er nur gewinnen kann. Und siegt, wenn niemand damit rechnet. Stände Robert Hoyzer auf dem Platz, röche alles hier nach Wettbetrug. Schon in der 50. Minute zeigt der Schiedsrichter dem bis dahin besten Pößnecker Sinaba Rot. Und entscheidet damit das Spiel. Gegen zehn Thüringer könnten die in Weiß aufgelaufenen Rot-Weißen heute spielen, bis es dunkel wird. Ein Tor oder gar zwei würden sie nicht schießen. Zumal Trainer Sven Köhler auf der Bank keinen Anlass sieht, für den schwachen Stark den ursprünglich mal als Spielmacher geholten Shubitidze zu bringen. Stattdessen wechselt er, wohl um das Ergebnis zu halten, Publikumsliebling "Horvat - unser Torwart" (Fangesang) ein.

Die Null vorn steht, die Zwei hinten auch und die sicher geglaubte Oberliga-Meisterschaft ist damit so gut wie verschenkt. Allerdings stört das niemanden, weil nur der Regionalliga-Aufstieg zählt. Der darf nach 90 Minuten endlich gefeiert werden. Im Kreis der Jubelnden klatschen auf der Ehrentribüne diesmal auch zahlreiche Brachial-Populisten aus den Reihen der Landespolitik: Der SPD-Arbeiterführer und Finanzminister Jens Bullerjahn, eigentlich bekennender Fan des Grunzrockers und Eiserne-Kreuze-Sammlers Lemmy Kilmister, trägt das rote Aufsteiger-Shirt unter dem Sakko, das die gelb-blaue FDP-Landeschefin Cornelia Pieper ganz offen zeigt. Beide patschen die Hände aufeinander, als hätten sie die letzten 16 grauen HFC-Jahre nichts anderes getan. Schamrot? Aber wer wird denn.

Weil es hier im Tiefgeschoß der deutschen Halbamateurkickerei lange nichts zu feiern gab, muss das Finale für das nächste Mal noch geübt werden. Immer, wenn die enthemmten Fans unten auf dem Platz singen wollen, schiebt ein tauber Diskjockey irgendwo im Tonpultraum die Regler hoch. Dann gibt es "We Are The Champions" und "Ladiladiladiladihooo", dass die Lautsprecher in den Halterungen schlingern und die Stadiontraverse wackelt, als wäre sie wirklich so marode, wie sie die Anhänger epochaler Arena-Neubaupläne am liebsten hätten.

Kommende Woche nur noch Finale in Gera, da wird der Meistertitel frankiert und nach Chemnitz geschickt. Demnächst in diesem Theater dann Cloppenburg, Oldenburg, Greifswald und Altona. Auf der Karte geht es nach oben. Wahrscheinlich heisst das Ganze deshalb Aufstieg.

Samstag, 24. Mai 2008

Hövelmann zieht Steinar an

Jenseits der Elbe, wo Geistesarmut noch Glatze trägt und Ministerpräsidententum Strickjacke, stehen sie früher auf, schlafen aber auch gern mal länger. Drei Monate, nachdem Gerichte in Sachsen mit Urteilen mehrere drei Jahre zurückliegende Urteile aus Brandenburg bekräftigten, nach denen auch das alte Logo der Pullovermarke Thor-Steinar keineswegs verfassungsgefährdend wirkt, hat nun auch das Oberverwaltungsgericht von Sachsen-Anhalt Zeit gefunden, das nach Ansicht des ohne Weiterbildungslehrgang vom NVA-Offizier zum Innenminister umgeschulten SPD-Landesvorsitzenden Holger Hövelmann "in Sachsen-Anhalt weiter geltende" Verbot des Tragens des Logos aufzuheben. Thor Steinar war durch das Verbot erst richtig bekannt geworden, zuletzt feierte die brandenburgische Firma große Erfolge in der Öffentlichkeitsarbeit nachdem gute Menschen eine im Auftrag der Kirche als Vermieter des Magdeburger Hundertwasserhauses dazu brachten, Räumungsklage gegen den dortigen Thor-Steinar-Laden zu erheben.

Der Vermieter berief sich dabei unter anderem auf die vom Hövelmann in Kenntnis der durchweg anderslautenden Gerichtsentscheide behauptete Rechtsgültigkeit des Verbotes, das zu dieser Zeit bereits in keinem anderen Bundesland mehr aufrechterhalten wurde. Damit gelang es dem Tatmenschen aus Magdeburg, der zuletzt durch raffinierte Veränderungen bei der Zählung rechter Straftaten Zivilcourage zeigte, den Staat Norwegen zu bewegen, Markenrechte für die Verwendung seine Staatsflagge als Aufdruck auf Konsumartikeln aller Art vor Gericht einklagen zu wollen.

Der offenkundige Irrsinn des Anliegens ließ die Hersteller von Fußball-EM-T-Shirts, Tchibo-Jacken mit Norwegen-Fahne und Landesflaggen-Bierdeckeln beruhigt in die Zukunft schauen: Von der mit großem medialen Gewummse angekündigten Klage wurde dann auch nie wieder irgendwo berichtet.

Während Hövelmanns Polizisten die die Entscheidung des Gerichts , tatsächlich als "Sieg der Meinungsfreiheit" begrüßen, freut sich Holger Hövelmann, Erfinder der rechtswidrigen Verbotsverfügung und Vollblutopportunist, inzwischen sogar über "die rechtliche Klarstellung". Er hoffe zwar, "dass dies nicht als Ermunterung in der rechten Szene verstanden wird", wird sich aber nun wohl doch überlegen, den einen oder anderen Thor-Steinar-Pullover für die nächste große Radtour anzuschaffen.

Auf wenig ist Verlass in diesen Tagen. Immerhin aber reagierte der Chef der Opferberatung Dessau, ein Dauerwarner und alleweil empörter Streiter namens Marco Steckel, wie immer zuverlässig "entsetzt"(dpa). Das darf man aber auch erwarten, dafür wird der Mann ja auch bezahlt.

Merz im Mai

Öl bleibt spottbillig

Ja, der Jammer kennt kaum noch Grenzen, seit der Ölpreis die 130 Dollar pro Barrel überschritten hat. Steuern sollen gesenkt, Pendlerpauschalen wieder eingeführt und arme Familien mit kostenlosen Fahrrädern und Rollerskates unterstützt werden. Häuser müssen gedämmt sein, die Autoindustrie muss neue Modelle entwerfen, die ohne Benzin auskommen, und selbst Politiker sehen sich beinahe schon gezwungen, vom dicken Panzer-BMW auf einen dicken Prius umzusteigen.

Ganz unter die Räder gerät dabei die Erkenntnis, wie teuer das Leben wirklich ist: Cola der Marke Coca kostet seit Jahren beharrlich nicht unter 126 Dollar pro Barrel.
Milch, die nach Ansicht von führenden Landwirten und Bauernministern viel, viel, viel zu billig ist, geht sogar für umgerechnet 163 Dollar über den Ladentisch. Selbst Mineralwasser der Sorte Perrier, das aus Leitungswasser gewonnen wird, ist mit 300 Dollar pro Barrel mehr als doppelt so so teurer wie Öl. Gar nicht zu reden von Starbucks-Kaffee, der mit 954 Dollar das Barrel zu Buche schlägt, obwohl er kein Auto der Welt auch nur einen Meter vorwärtsbewegen kann.

Das ginge unter Umständen mit Chanel No. 5. Die Ersparnis wäre jedoch, so würde es der christsoziale Arbeiterführer Horst Seehofer vermutlich ausdrücken, "eine negative": Das Barrel Parfüm der französischen Edelstinkbude kostet bei Lichte besehen 1.600 Dollar.

Polizei verliert illegale Datei

Sie lieferte die Grundlage für den von eifrigen Polizisten aller Bundesländer liebevoll betriebenen Nostalgienachbau des zu DDR-Zeiten beliebten "Berlin-Verbotes", mit dem Volkspolizei und Staatssicherheit bekannte Staatsfeinde und vermutete "Störer" im Vorfeld fröhlicher Jugendfeste und Jahrestage am Betreten der "Hauptstadt der DDR" (Erich Honecker) hinderten.

Jetzt aber ist die seit Jahren beim BKA geführte Datei "Gewalttäter Sport" plötzlich illegaler als die Aktivitäten der in ihr erfassten Fußball-Krawallisten: Nach Überzeugung des Verwaltungsgerichts Hannover fehle der Datensammlung über echte und vermutete Hooligans eine "vom Bundesrat abgesegnete Rechtsverordnung". Ohne die handelt es sich bei der Auflistung von zumeist jugendlichen und in jedem Fall strutzblöden Freunden der dritten Halbzeit und ihre Einordnung in Kategorien wie "C" für "besonders gefährliche Täter" um eine rechtswidrige Datensammlung.

Die einzig amtliche deutsche Nachrichtenagentur lässt einen der Sachkenntnis sichtlich völlig unverdächtigen Praktikanten dazu dichten "Gewalttäter", die in der Datei gespeichert sein, "könnten verlangen, gelöscht zu werden". Zustäne, die Erich Mielke keinesfalls zugelassen hätte: Die geplanten Meldeauflagen, die Fans prophylaktisch an der Reise zur Fußball-Europameisterschaft hindern sollen, finden nun wohl mangels zustellfähriger Anschriften keine Adressaten. Und demnächst darf dann auch wieder jeder mutmaßliche Langhaarige jederzeit nach Berlin reisen, bloß weil er nicht wegen irgendeiner Straftat verurteilt ist.

Freitag, 23. Mai 2008

Mühen der Ebene

An die richtig guten Frauen ranzukommen, ist auch nicht immer so ganz einfach ranzukommen. Selbstordattentäter, die es mit zehn Pfund Trinitrotoluol versuchen, versuchen deshalb, sich vorher in kreuz- und halbmondgefährlichen "islamistischen Terrorforen" (Wolfgang Schäuble) zu belesen.

Das geht dann dort auch gut los, grundsätzlich und allumfassend mit jihadistisch einwandfreien Sätzen wie "Allah Subhanahu wa Ta'ala ist unser Ziel. Der Prophet Muhammad Sal'Allahu alayhi wa Salama ist unser Führer. Der Qur'an al-Karim ist unser Gesetz. Die Sunnah des Propheten ist unsere Lebensweise und der Jihad ist unser Weg. Sterben auf dem Wege Allahs ist unsere größte Hoffnung. Man stirbt als Shaheed."


Aber zum Sterben als "Shaheed" ist es für den normalen Dummkopf mit Vollwollwickel dann doch noch ein ganzes Stück, auch für "Assadullah", der als "Junior Member" seit "Nov 2007" (islamistisches Terrorforum) mitmischt im "virtuellen Terrorcamp" der elektronischen Internet-Taliban.

Denn vor die 77 leckeren Jungfrauen hat Allah das Studium der Grundsatzdokumente gesetzt. Die aber lassen sich nicht öffnen. Verfluchte Kaffirtechnik! "Was ist das für ein Format?", schreibt Assadullah, verzweifelt über allerlei Dateien mit Hinweisen zu Zündvorrichtungen und Allah-Anflehvorschriften gebeugt, "ich kann das weder mit Word oder Open Office öffnen, kann man das nicht inschALLAH umwandeln in ein Format, welches von allen unterstüzt wird?"

Ja, kann man nicht? Bill Gates, übernehmen Sie!

Ein Himmel voller Haikus


Halle, sich neuerdings in der Tradition des großen Unverstandenen Einar Schleef wähnend, bewegt das nationale Feuilleton. Der Dichter und Ex-Stadtschreiber André Schinkel flicht dem neuen Werk seines Dichterkollegen Wilhelm Bartsch (nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls ortsansässigen Dichter und Ex-Stadtschreiberkollegen Paul D. Bartsch) Kränze.

"Spanschachtel mit 157 Haikus" hat das allemal verdient, denn wo sonst liest man wuchtige Verse wie "Traum: Permafrost taut./Überall wir Vergasten / von
Mammutfürzen".


Die Eloge des revolutionären Versmaß-Fachmagazins "Neues Deutschland" ist denn auch selbst ein Poem Durs Grünbeinscher Dringlichkeit: "Der Wahl-Hallenser führt den staunenden Leser dabei so ernst wie augenzwinkernd in drei Durchführungen ans Ziel: präsentiert die Perlen der letztlich vergeblichen Liebeskunst, zeigt den Schmetterling als Flügelwesen des Geists und der Vergänglichkeit und verortet das Alte, das im Haiku immer neu ist oder wenigstens neu benannt wird, als wäre es von höchster Wichtigkeit, was es ja, so der Autor, dann letztlich auch ist."

Freitag, 16. Mai 2008

Helden in Halbschuhen

In der Stadt der Halbkugeln, der Landwirtschaftsmetropole, der Stadt, in der das Vakuum erfunden wurde, trug es sich zu. 128 Minuten nur brauchten die Spieler des Halleschen FC, um ein Stück Geschichte zu schreiben: Den Favoriten gestürzt, die Festung des Erzfeindes erobert, dem Fußballvampir einen Holzpflock ins Herz gerammt. Danke!

Ritter auf zwei Beinen

Tour muss man nicht nennen, was Bob Geldof zwischen seinen Auftritten für eine bessere Welt musikalisch absolviert. Eben ließ er in Dubai wissen, dass er sich früher mal für nichts interessierte, jetzt kommt er für zwei kleine, aber ausgezeichnet bezahlte Auftritte nach Deutschland. Anschließend ist wieder Zeit für gute Taten, ehe im Juli ein Festival in Finnland auf den zum Ritetr geschlagenen Rocker wartet. Falls auch da wieder nicht so viele zahlende Zuschauer hinfinden, hat der gute Mann von Dublin ein zweites Standbein: Auf seiner Homepage können die klassischen Alben und Werke wie Bob Geldof in Afrika exklusiv mit Autogramm des Meisters geordert werden.

Aus dem Forum der HZ

Betreff: „Spuren an verstecktem Ort" in der MZ vom 03. April 2008, Lokalseite Halle

Mit der Frage, wann die Universität nach Martin Luther benannt worden sei, eröffnete der MZ-Redakteur Peter Godazgar seinen Bericht über einen Stadtrundgang der Initiative Zivilcourage und der SPD-Arbeitsgemeinschaft „60 Plus". Die gebotene Auflösung des angeregten „Halle-Rätsels" folgte sofort, indem der Redakteur wiedergab, was ihm und den anderen Teilnehmern des „historisch-kritischen Rundgangs" von Diplomphilosoph Rainer von Sivers erzählt worden war. Leider ist die gebotene Darstellung der Universitätsgeschichte in der NS-Zeit „historisch" falsch und deshalb „kritisch" zu bewerten, denn sie entspricht nicht den historischen Tatsachen.

Die Universität hat tatsächlich im Herbst 1933 den Namen des Reformators verliehen bekommen, aber dies ging keineswegs auf die Intention der Machthaber des Dritten Reiches zurück. Bereits in den späten 20er Jahren besann sich die Hochschule auf ihr reformatorisches Erbe und sah in diesem „Alleinstellungsmerkmal" eine Möglichkeit, Ansehen und Profil zu schärfen. Anlass hierfür waren die sinkenden Studentenzahlen sowie Befürchtungen einer Schließung des Universitätsstandortes, der als akademisches Sibirien Preußens geschmäht wurde. Unter der sozialdemokratischen Landesregierung in der Zeit der Weimarer Republik stand zudem die preußische Eigengeschichte der Halleschen Universität nicht hoch im Kurs, sodass bereits 1930 der preußische Kultusminister Adolf Grimme per Erlass der Universität ihren „Friedrich" nahm. Der Verweis auf die historische Bedeutung der Hochschule als Bewahrerin der Lehrstühle Luthers und Melanchthons sollte den Ansehensverlust kompensieren. Zu diesem Zweck fand beispielsweise zwischen 1927 und 1941 jährlich eine akademische Reformationsfeier statt. Die Idee einer Benennung der Hochschule nach Martin Luther entstand also nicht erst nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten.

Als die Universität im Sommer 1933 aus Anlass des 450. Geburtstags des Reformators beantragte, den Namen Luthers verliehen zu bekommen, traf dies bei den Nationalsozialisten keineswegs auf ungeteilte Zustimmung. Bei der entscheidenden Abstimmung im Senat votierten die nationalsozialistisch gesinnten Professoren dagegen. Auch der Kultusminister des Dritten Reichs Bernhard Rust, obwohl selbst Hallenser Absolvent, musste mehrfach um Zustimmung gebeten werden und schickte für die offizielle Bekanntgabe des neuen Namens anlässlich der Reformationsfeier am 31. Oktober 1933 seinen Ministerialdirigenten. Gauleiter Jordan wohnte der Veranstaltung ebenfalls nicht bei.

Von einer Namensverleihung unter nationalsozialistischer Ägide kann deshalb nicht die Rede sein. Die näheren Umstände zeigen vielmehr exemplarisch, dass es kein methodisches und einheitliches Vorgehen gab, um Martin Luther für das Dritte Reich nutzbar zu machen. Dies gilt auch für die von Rainer von Sivers gemachte Behauptung, Luthers „wüste Schriften gegen die Juden" hätten den Reformator als Namensgeber für die Universität prädestiniert. Es gibt in den zur Verfügung stehenden Quellen des Universitätsarchivs sowie zeitgenössischen Publikationen keinen Hinweis auf eine Verbindung zwischen dem akademischen Luthergedenken zwischen 1933 und 1945 und der Stellung des Reformators zu den Juden. Dieses Thema spielt beispielsweise in keiner der Festreden anlässlich der bis 1941 jährlich stattfindenden Reformationsfeiern eine exponierte Rolle. In das Reich der in Halle gern bedienten Legenden gehört auch die Erwägung einer „Rosenberg-Universität". Dem Ideologen des Dritten Reiches wurde in Halle erst in den späten 30er Jahren das Protektorat angetragen, weshalb die Behauptung Herrn von Sivers, 1933 hätte man kurz daran gedacht, die Hochschule nach Alfred Rosenberg zu benennen, nicht stimmt.

Die Martin-Luther-Universität stellt sich ihrer Eigengeschichte und klammert die schwierigen Jahre nicht aus. Voraussetzung einer wahrhaft historisch-kritischen Darstellung und Bewertung ist jedoch ein fundiertes Wissen und nicht das Bedienen von Klischees. Im Rahmen eines Forschungsprojekts zu den akademischen Festreden anlässlich der Reformationsjubiläen wurden deshalb beispielsweise die in Halle 1927 – 1941 stattgefundenen Reformationsfeiern analysiert, die in einem direkten Zusammenhang mit der Namensverleihung 1933 stehen. Die gewonnenen Erkenntnisse ergänzen bereits vorliegende Veröffentlichungen über die Universitätsgeschichte und erscheinen als Aufsatz im Oktober im Rahmen einer wissenschaftlichen Publikation.

Donnerstag, 15. Mai 2008

Viennas Wunschbriefkasten

Wo es doch im Moment so schlecht steht in China, dass schlagartig kein Mensch mehr wagt, von Tibet zu reden, erreichen uns herzzerreißende Briefe, die um mehr Vienna Teng bitten, mehr Vienna Teng vor allem mit mehr chinesischen A-Capella-Songs. The Evil Puppy ist zwar aus Kanada, wusste aber dennoch, dass das diesjährige Solostück der Bezaubernden "Olive Tree" heißt, wie sie selbst auch ansagt. Richtig gibts das kommendes Jahr auf dem neuen Album, hier im Zukunftslabor PPQ aber spielen wirs heute gleich mal ein:

Und schon entfernen wirs wieder, weil Vienna so nett bittet: I hate to have to ask, but putting up a recording of Vienna's unreleased work is against her distribution policy:
http://viennateng.com/forum/viewtopic.php?t=69
I asked if it could stay up since it's a cover, but she's still working on this one, and she would feel more comfortable if it isn't available for now.

You can also just mark it private and unavailable to anyone else for now, and then put it back up when the new album comes out.

Thanks for sharing the show videos! I know you put this video up by request, and it was very kind of you to fulfill it.

Zum Trost aber das hier.

Sport im Osten- ach mein MDR

Ich habe das Spiel der Spiele gestern zum größten Teil beim Regionalsender verfolgt. Videotext respektive Internettext kann spannen sein, besonders wenn man wie beim MDR ein wenig zeitversetzt (Busenblitzergefahr) sendet das schafft Muße, Entschleunigung wo gibts das heute noch für ca. 50 € pro Vierteljahr- Danke MDR
Gut zum Schluß war dann nix mehr mit Entspannung, da habe ich den Feindticker gesucht



aber nicht richtig gefunden, er ist dann auch zusammengebrochen, dank Katze der mit einer Handyverbindung das Webhallunkenforum gefühlt zehnmal schneller als der größte Sender der Anstalt versorgte, war das Elfmeterschießen ein ganz besonderer Genuß. Danke.

Ein Verein mit so einer Homepage hat doch keinen Lottopokal verdient, aber hallo.

Deutschland beim Liebesspiel

Investigativer Journalismus ist etwas ganz was Feines. Urplötzlich schaut der Leser dem wahren Leben in die häßlich Fratze: Nichts ist so, wie wir immer dachten, die Wirklichkeit ist viel wirklicher, das Glück viel größer, der Sex schmutziger, Gewalt noch viel gewaltiger und Dummheit so verbreitet, dass man sich die Ohren zuhalten müsste, täte sie denn quietschen.

In den Büros unserer Lieblingsagentur dpa, wo die Schreibmaschinengewehre keine Sekunde stille sind, wäre der Aufenthalt dann spätestens nur noch mit Gehörschutz erlaubt. Denn die jüngste Enthüllung von geheimen Daten über die Welt und das Heute lässt vermuten, dass die "Nachrichtenagentur" (dpa) in die letzte Kurve Richtung Irrsinn gebogen ist: "Täglich fotografieren oder filmen sich etwa 2300 Jugendliche in Deutschland beim Liebesspiel", vermeldet sie gewohnt sachlich, um einen Werbebeitrag für einen selbst ernannten "Biometrischen Suchdienst" ein bisschen unauffälliger mit lässigen Sex-Infos zu verpacken zu machen.

2300? Das erzeugt Verwunderung bei etwa 73.235123 Deutschen, die nach PPQ-Informationen bisher überzeugt waren, dass sich täglich nur etwa 1766 Jugendliche in Deutschland "beim Liebesspiel"(dpa) filmen. Noch erstaunter sind selbstverständlich aber die nach einer exklusiven PPQ-Zählung etwa 213766 Deutschen, die wie wir hier beim kleinen Statistik-Blog PPQ bislang zwar ahnten, dass es jemanden gibt, der sich "täglich beim Liebesspiel" (dpa)fotografiert. Beziehungsweise "filmt" (dpa), wenn mal ein paar Minuten mehr Zeit seind. Aber nicht, dass jemand die Beteiligten zählt.

Zum Glück gibt es dpa, und zum Glück belästigt die "Nachrichtenagentur" (dpa) niemanden mit einem Hinweis darauf, in welcher Bierrunde und nach dem wievielten Glas die Zahl erfunden wurde. Gefragt hat ja auch keiner - von den 98 deutschen Zeitungen, die laut Google News sofort zur Stelle waren, den quietschenden Schwachsinn zu drucken.

Hövelmann im Koma

holger hövelmann, ex-offizier der nva und mit einer rigiden lebensplanung somit bestens vertraut, hat eine idee. der sachsen-anhaltische innenminister will jugendlichen das saufen verbieten. auf so genannten flatrate-parties werden seiner meinung nach die heranwachsenden dazu animiert, sich die rübe bis zur bewusstlosigkeit wegzuschießen. dagegen will er nun vorgehen. wenn hövelmann vorher noch zeit hat, kann er sich noch schnell durchlesen, was wikipedia zum thema zu sagen: "Durch den Verfolgungsdruck kommt es zur Verlagerung des Konsums ins Private. Damit entzieht sich der Konsum staatlicher, medizinischer und sozialer Kontrolle." aber die kinder sind wenigstens weg von der straße ...

Acht Minuten bis zur Ewigkeit

Nach Europa wollen sie wieder, die Welt erobern und die Klasse halten wollen sie auch. Auf dem Weg zum Finale um den Landespokal Sachsen-Anhalts, der wegen des geltenden Werbeverbots für Glücksspiele "Lottopokal" heißt, ist das Spiel schon Geschichte. 90 Minuten werden reichen, da sind sich die Fans in Blau-Weiß einig. Schließlich ist ihr FCM der höherklassige Verein, der HFC nur Außenseiter. Zudem findet das Spiel mangels anderer Sportstätten im Bundesland mit der größten Feuerwehrgerätehausdichte der Welt bequem und fair im Magdeburger Heimstadion statt.

Der Betonkasten, vom Bürgermeister der Hauptstadt ohne Genehmigung gebaut, als er gerade mal Vereinsvorsitzender war, ist gut gefüllt, obwohl ein Kartenverkauf im klassischen Sinne nicht stattgefunden hat. Zur Vermeidung von unnötigen Menschenansammlungen wurden Tickets nur zu bestimmten Zeiten an zwei Kassen landesweit ausgegeben. Fußballanhänger aus Dörfern und Kleinstädten bekamen so erst gar keine Chance, eine Karte zu kaufen, bei Ebay gingen die 11 Euro billigen Biletts für 50 Euro weg. Ein sehr gelungener Nostalgienachbau des seinerzeit auch von der Freien Deutschen Jugend der DDR gepflegten Nicht-Vertriebssystems für Rockkonzertkarten.

13.000 sind dennoch da, und sogar die Mannschaft aus Halle hat es ins funkelnagelneue und DDR-plattenbauhäßliche Stadion geschafft. Das stand lange nicht fest, denn der Busfahrer war den von einer hochstaatlichen "Sicherheitskonferenz" ausbaldowerten Wegweisern zum Stadion gefolgt. Die leiteten die Gäste über längst vergessene Landstraßen bei Schönebeck Richtung Stadion. Durch die Elbe und ein Polizeiaufgebot von G8-Treffen-Dimensionen von den Fans in blau-weiß getrennt. Nicht beachtet worden war allerdings, dass der Bus der Hallenser zu groß für eine Brücke auf dem Wege ist, deshalb umkehren und doch den normalen Weg in die Landwirtschaftsmetropole nehmen muss.

Anpfiff also eine Viertelstunde später. Hier stehen sie früher auf, fangen aber auch später mit der Arbeit an. Komischerweise sind die Hallenser sofort im Spiel. Während die "Größten der Welt" (FCM-Fans über ihren FCM) die ersten Minuten zum Warmlaufen nutzen, taucht der HFC zweimal gefährlich vor dem Tor auf. Zweimal ist bei der Chancenverwertung der Kicker in Rot-Weiß aber keinmal: Einen Schuß fängt FCM-Keeper Beer sicher. An einen zweiten kommt er nicht heran, weil Nico Kanitz den Ball freistehend aus zehn Metern statt aufs Tor Richtung Eckfahne hämmert. Technisch anspruchsvoll mit dem Außenrist.

Danach verlassen die Kicker des "Club", wie die HFC-Anhänger ihren Verein nennen, den Platz. Oder doch zumindest die Hälfte der Gastgeber. Die viertausend mitgereisten Rot-Weißen können brüllen und singen wie sie wollen, der einsame HFC-Stürmer Thomas Neubert mag rennen wie er will. Nach vorn geht nichts. Dafür aber hinten: Der FCM schießt ein Tor. Christian Reimann, durch langwierige Arbeit im Sonnenstudio auch Hauttypmäßig ein Zwilling seines Sturmpartners Najeh Braham, kann nicht wiederstehen und berührt den Ball noch, der sowieso ins Tor gegangen wäre. Also abseits.

Das kann den Hallensern, denen im Falle eines Sieges eine Mannschaftsprämie von 20.000 Euro winkt, nicht passieren. So weit vor wagen sie sich erst gar nicht. Torwart Darko Horvat, vom unermüdlich singenden Anhang hinter dem Tor aller paar Minuten als "Horvat - unser Torwart" gefeiert, trifft mit seinen Abstößen traumhaft sicher einen Spieler der Mannschaft in blau. So bekommt er den Ball in der Regel innerhalb von 20 bis 30 Sekunden wieder. Magdeburg sammelt Ecken, als gäbe es für fünf einen Elfmeter. Aber Ecken können sie auch nur so gut wie der hiesige Fußballverband Kartenverkauf.

Das könnte in alle Ewigkeit so weitergehen. Die Fans aus Halle, die keine Sekunde aufhören zu singen. Die Magdeburger, die aufs Tor zu schießen versuchen. Und Christian Kamalla, für den kreuzbandverletzten HFC-Kapitän David Bergner ins Team gerutscht, der alle Bälle, die in seine Nähe kommen, ins Seitenaus knallt. Bergner steht ganz links in der Fankurve, ein Mann wie ein Baum, der einen geschmackvollen rosa-weißen Pullover trägt und nicht mitzählen muss: 18 zu fünf Torschüsse meldet der Stadionstatistiker. Nicht berücksichtigt ist der Hammerkopfball von Kamalla Richtung eigenes Tor, der HorvatunserTorwart zu seiner besten Parade zwingt.

Es steht weiter noch 0:0. "Werdet Helden" fordern die Fans aus Halle mit einem Plakat so groß wie die Fankurve - und es ruckt wirklich noch einmal durch die Männer in den rot-weiß-quergestreiften Pokalfinal-Dressen, die aussehen wie Biene Maja auf Speed, den Pokal in Gold aber sicherheitshalber schon mal auf dem Ärmel tragen.

Thorsten Görke hätte alles klar machen können, wenn sein Freistoß fünf Zentimeter tiefer eingeschlagen wäre. So aber trifft der seit Wochen beste Mann des HFC nur das Lattenkreuz und wird ausgewechselt. Gebraucht wird er nicht mehr, denn alles steuert auf Verlängerung und Elfmeterschießen zu. "Görks" verschoß erst letzte Woche einen. Nach 92 Minuten ist Schluß, Etappenziel erreicht, Verlängerung. Wenn das der Plan von Halles Trainer Sven Köhler war, dann war er gut.

Denn es geht auch so weiter. Die einen stürmen, werden in Strafraumnähe aber sofort von einer großen Ratlosigkeit befallen. Die anderen lassen HorvatunserTorwart Abstöße machen und die verlorenen Bälle von Christian Kamalla auf die Tribüne bolzen. Kanitz links und Maik Kunze rechts rackern, als würde es regnen. Thomas Neubert vorn geht jedem Ball hinterher, Gröger köpft weg, was in die Nähe des 16ners fliegt. Bis auf ein paar Ecken, die Magdeburgs Trainer Paul Linz an der Bank veitstanzen lassen vor Wut, ist das alles Fußballschonkost.

Linz, der alte Fuchs, weiß, was hier passieren wird. Er wechselt noch schnell den Torwart. Die halleschen Fans wissen es auch. Nachdem der Polizeieinsatzleiter aus dienstlicher Langeweile heraus einen Großeinmarsch all seiner Truppen ins Stadioninnere befiehlt, um ein bisschen Stimmung und Unruhe in den Kessel zu bringen, zünden die Fans erstmal ein paar bengalische Feuer. Nur um zu beweisen, dass sie trotz Sicherheitsstufe 1 natürlich auch einen grünen Elefanten mit ins Stadion hätten nehmen können, wenn sie gewollt hätten.
Statt Elefant Elfmeterschießen auf das Tor direkt vor der rot-weißen Wand. Christian Reimann, der als erste Blauer antritt, trifft sicher. Alles geht seinen Gang, der Favorit wäre jetzt eigentlich auf dem Weg zum achten Pokalsieg. Maik Kunze, vor drei Wochen im Punktspiel erst mit einem Elfer gescheitert, tritt als erster Roter an und schiebt die Kugel lässig in die Arme des FCM-Elfmetertöters. Der nächste Blaue trifft wieder, HFC-Mittelfeldmann Kevin Kittler allerdings auch.

Nun schlägt die Stunde von HorvatunserTorwart: Halbhoch links fliegt der Ball, der Kroate fliegt mit und faustet das Leder um den Pfosten. Rot-weißer Jubel. Totenstille gegenüber in der blauweißen Kurve. Die noch stiller wird, als Thomas Neubert den Ausgleich schießt. Und noch stiller, als Kullmann den Ball für den FCM mittig über das Tor in die Wolken haut. Christian Kamalla, das sind die Geschichten, der der Fußball schreibt, tritt als nächster an. Der Mann hat noch nie ein Tor geschossen, noch keinen Elfmeter getreten. Heute aber haben sie ihm wohl gesagt: Da vorn in der Mitte, das ist die Seitenauslinie. Die trifft Malle, wie ihn die Fans nennen, mit verbundenen Augen. Auch heute: 2:3 für Halle. Braham, der Reimann-Nachbau ohne Sonnenstudiohilfe, gleicht noch mal aus.

Aber Halles Kapitän Rene Stark, in seiner Jugend als Riesentalent gerühmt, in der Regionalliga beim falschen halleschen Verein verheizt, dann mit Chemnitz im falschen Jahr in der 2. Liga, macht dem Drama nach acht endlos kurzen Minuten ein Ende: 3:4, die Betontribüne bebt, die rot-weiße Spielertraube tanzt irgendein indianisches Folklorestück. Helden für eine hallesche Fußball-Ewigkeit.

"So sehen Sieger aus", singen sie und Christian Kamalla schnappt sich eine HFC-Fahne und pflanzt sie mitten in den Mittelkreis wie einst Marines Sergeant Michael Strank die US-Fahne über den besiegten japanischen Stellungen auf Iwo Jima hisste. Najeh Braham versteht sofort, wie das gemeint ist. Der Tunesier in Magdeburger Diensten legt einen letzten Spurt hin und reißt die Flagge wieder heraus.

Samstag muss er gegen Union Berlin wieder ran. Wenn der FCM da verliert, wartet die vierte Liga. Dort wartet dann auch der HFC.

Mittwoch, 14. Mai 2008

Mittweida: Bratwürste gegen rechts

Vier Rechtsextreme hätten ihr ein Hakenkreuz in die Hüfte geritzt – mit dieser Aussage schockierte eine junge Frau im Novermber vergangenen Jahres ganz Deutschland, nachdem die kritische Presse von "Welt" über "Spiegel" und "Stern" bis zum "Buxtehuder Boten" eine vor Widersprüchen strotzende dpa-Meldung freudig erregt und unredigiert in die Welt geblasen hatte. Ein halbes Jahr später ist das zwischendurch für Zivilcourage preisgekrönte Opfer selbst ein Fall für das Gericht: Die Staatsanwaltschaft hat jetzt Anklage gegen die tapfere Rebecca (im Bild) erhoben. Der 18-Jährigen wird Vortäuschen einer Straftat vorgeworfen.

Selbstverständlich ist auch diese Meldung es wert, unredigiert verbreitet zu werden. den Mittätern in den Medienstuben, die die Fantasietat erst durch eifrige Empörung zu einem Erfolg werden ließen, waschen die Hände in Unschuld. Nichts gewusst wollen sie haben, nichts ahnen hätten sie können und die "bundesweite Empörung" (Welt) wurde natürlich durch die "unerhörte Tat" verursacht, nicht durch die unerhörte Art und Weise, in der Aussagen eines selbsternannten Opfers im Namen des jede Manipulation rechtfertigenden "Kampfes gegen rechts" völlig ungeprüft und ohne Belege als Tatsachen verkauft wurde.

Bei Welt Online, einem Medium, das im Unterschied zum Demokratie-Sturmgeschütz Spiegel noch Forendiskussionen zu "schwierigen" Themen zu lässt, ist das Echo freudig erregt. Jetzt, schreibt ein User, der innere Logik der Dinge grundlegend verstanden hat, müsse der Kampf gegen rechts intensiviert werden.


Boris meint:
Ja - schützt die Städte vor den Glatzen und den Scheiteln. Bekämpft die "autonomen Nationalsozialisten", denn was anderes gibt es ja hierzulande nicht zu tun!!!


Bernd meint:
Alles gegen Rechts- so als habe man ja ansonsten keine Probleme in unserem Land. 1/3 des deutschen Volkes verarmt zusehends, des weiteren schuften Leute für einen Hungerlohn und die Politbonzen sind dermassen gierig geworden, dass es einem übel werden kann. Aber klar, im Kampf gegen Rechts sind sie alle vereint, Gelder fließen aus der Staatskasse und jede Sekunde schwitzt der Staatsanwalt und das BKA neue Einschränkungen aus - denn es zählt ja bekanntlich jede Sekunde. Da an der Ecke gibt es zudem Bio-Tomaten gegen Rechts, da vorne gibts beim Fleischer Bratwürste gegen Rechts, dort ein Konzert gegen Rechts, Plakate und Veranstaltungen gegen Rechts und SPd und CDU sammeln fleißig Spendengelder gegen Rechts. Wir leben wahrlich in einer Polit-Irrenanstalt.


Unglaubwürdig meint:
Hat diese Frau nicht auch einen Preis für ihren Mut bekommen? Muss sie ihn zurückgeben, wenn sich herausstellen sollte, dass sie gelogen hat? Warum fordert der Verteidiger, das Verfahren einzustellen? Fliegt dieser "rechtsradikale Überfall" aus der Statistik raus?


Stefan meint:
Welche Konsequenzen werden aus dem Fall gezogen: Der Kampf gegen Rechts muß intensiviert werden.

Wer hat es gesagt (und zwar genau so)?

"denn das herunterladen von computern ist eine sache, die nationale grenzen nicht schützen können."

Irgendwann kapiert es auch der MDR

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Worte "hallesch" oder hallisch" werden laut Duden verwendet, um die Stadt Halle bzw. die Hallenser (als Einwohner der Stadt) zu bezeichnen. Hingegen gibt es das Adjektiv "hallenser", das in ihrem Programm viel zu häufig benutzt wird, auf keinen Fall! Als Programm, das aus Halle sendet, sollte man diesen Unterschied eklatanten Unterschied doch kennen und beherzigen - oder?

Mit freundlichen Grüßen
Panzerbummi

Mal ein Mahner mit Mütze


Ein Pathet im Pullunder, ein Mahner mit Mütze, ein deutscher Großpoet, der zu seiner Sache steht. Olaf Schubert ist als Sänger und Verhältniskritiker einzigartig, als Performer seiner eigenen Poeme unübertroffen. Hat er kein Manuskript, denkt er sich eins aus, liegt ihm eines vor, hält er sich nicht dran. Der Mann aus Dresden steht fest auf Seiten des Weltkulturerbes und deshalb konsequent für die Forderung nach dem Bau einer Luftbrücke über die Elbe, er holt die Menschen ab, wo er sie trifft, und nimmt sie mit auf eine Reise in die Schubertsche Zwischenwelt aus kühl kalkulierten Mißverständnissen, fadenscheinigen Versprechern und behände eingespielten Irrwitzen. Hinter seinem neuen Album mit Reisetagehörbüchern müsse sich auch Elvis Presley nicht verstecken, weiß der bescheidene Sachse und auch das trifft den Nagel nahezu vollständig auf den Kopf.

Juvenile Warnung

die hz überrascht den geneigten leser immer wieder mit vibrierendem journalismus. heute beispielsweise: diese schlagzeile ist einfach nur groß. "bullerjahn warnt die spd" - da dampft die große weite welt aus jeder pore. man sieht die juvenile partei-hoffnung richtig vor sich stehen, wie sie den zeigefinger hin- und herschwenkt und dabei richtung partei ein machtwort spricht: "du du du, ich warne dich!" ob sich die sozis von dieser standpauke vor den nächsten wahlen erholen können?

Fast wie im richtigen Fußball

Kluge Angebotspolitik, das wusste schon die Führung der DDR, kann Preise nachhaltig beeinflussen. Gibt es keine Trabis, kosten sie mehr als ein richtiges Auto; gibt es keine Bananen, sind Bananenkäufer froh, wenn sie Mondpreise dafür bezahlen dürfen.

Die allesamt durch die DDR-Funktionärsschule gestählten Führungsspitzen des Fußballverbandes in Sachsen-Anhalt haben ihre DDR-Lektion gelernt. Sie schaffen es so, aus einem läppischen Provinzfußball-Abend, bei dem der Gewinner des Landespokals Sachsen-Anhalt ausgespielt werden soll, ein Ereignis von Rang zu machen.

Um das Spiel zwischen den traditionell verfeindeten Mannschaften aus Halle und Magdeburg nicht vor Zuschauern austragen zu müssen, wurde auf einen Vorverkauf weitgehend verzichtet. Einzig an drei Kassenhäuschen im Lande gab es zu streng festgelegten Zeiten, die von Tag zu Tag erratisch variierten, Tickets zu kaufen. Ein Verkauf an normalen Vorverkaufsstellen oder gar im Internet war nicht geplant und wurde auch nicht durchgeführt.

Die recht billigen Karten, ursprünglich zum Preis von zehn Euro zu haben,
landen natürlich dennoch auf Ebay. Und sehen hier plötzlich aus wie Biletts für richtigen Fußball. Dank der weitsichtigen Funktionäre dürfte das Spiel, das wegen des Mangels an bespielbaren Stadien im Lande einfach und fair im Heimstadion des FCM ausgetragen wird, so zumindest einen Rekord einheimsen: Den für die teuerste Eintrittskarte, die jemals für eine Begegnung Drittligist gegen Viertligist verkauft wurde.

Dienstag, 13. Mai 2008

Fußball im Osten: Weniger ist mehr

Optimismus! Positiv denken! Alles wird gut, gerade weil es nicht so aussieht! Der Niedergang des Fußballostens, manifestiert im Abstieg von Hansa Rostock aus der 1. und Jena sowie Aue aus der 2. Liga, ist nach Angaben der HZ nur ein Mißverständnis. Hansa werde sich im Profifußball halten, Aue habe keine Schulden und Jena einen finanzielle Basis, von der aus der Neuaufbau klappen müsse.

Sonst wird es nämlich nichts mit dem Gesundbeten nach einer desaströsen Saison für nahezu Profiklubs auf dem Gebiet der ehemaligen DDR: Vor Anpfiff des ersten Spiels der Saison hatten von 73 deutschen Profivereinen immerhin noch sagenhafte zehn Klubs Wurzeln in der DDR-Oberliga. Mit 19 Prozent der deutschen Bevölkerung stellen die Ostkicker damit gerademal 13 Prozent der deutschen Profivereine.

Und es geht noch schlechter. Mit dem feststehenden Abstieg von Rostock, Jena, Aue, der 2. Mannschaft von Cottbus und Babelsberg (aus der Regionalliga Nord) schaffte es jetzt die Hälfte dieser Vereine, noch eine Liga tiefer zu stürzen. Noch um den Klassenerhalt bangen muss Drittligist Magdeburg, der im Falle einer Niederlage gegen Union Berlin ebenfalls für die neue vierte Liga planen müsste. Unterm Strich stände dann der Klassenerhalt für Cottbus in der 1. und für Dresden und Erfurt in der 3. Liga, der Aufstieg von Union von der 3. in die 2. und der Abstieg von Rostock, Aue, Jena, Magdeburg, Babelsberg und Cottbus II. Fußballerisch gesprochen: 1 Sieg, 3 Unentschieden, 6 Niederlagen.

Wenn die Voraussetzung dafür, dass alles gut wird, darin besteht, dass alles fürchterlich schlecht aussieht, könnte der Fußball-Osten folglich nun unter geradezu idealen Bedingungen durchstarten. Der DFB, einst im Osten gegründet, hilft wie immer, so gut er kann: Da die neuen drei oberen Profiligen nur noch Platz für 54 Mannschaften bieten, muss Magdeburg nur die Klasse halten, und mit dann acht Ostmannschaften stiege der prozentuale Anteil der Sportvereine aus den neuen Bundesländern am deutschen Profifußball schlagartig auf nahezu 15 Prozent.

Klimaneutral wie ein Buschbrand

Weil führende deutsche Politiker ihre Amtsgeschäfte nicht „mit Rikscha oder Sänfte ausüben können“ (Regierungssprecher Thomas Steg), müssen sie den Kampf gegen den weltweiten Klimawandel weitgehend verbal führen. Mit ihren Autos den aktuellen EU-Zielwert von 140 g CO2/km einhalten können ja derweil andere, die deutsche Spitzenpolitik fährt ihre großkalibrigen Maschinen lieber dampfend aus, so lange es noch geht. Einmal erwischt beim Klimakillen, lassen sich die Täter allerdings etwas einfallen: Nachdem die DUH "in mühevollen Recherchen, die wegen der Kooperations-Unwilligkeit vieler Ministerien und Staatskanzleien über acht Wochen in Anspruch nahmen" (DUH), herausbekommen hatte, was für CO2-Schleudern die große Klimaschutz-Koalition zur Fortbewegung benutzt, "hat es in den vergangenen Tagen den systematischen Versuch gegeben, die Ergebnisse der DUH-Recher­che in Frage zu stellen" (DUH).

In einzelnen Fällen hätten die Minister oder Ministerinnen ihre Fahrzeuge nach der Abfrage des aktuell genutzten Dienstfahrzeugs ausgetauscht. So habe die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan, ihre Limousine seit der ersten DUH-Erhebung im Februar 2007 zweimal gewechselt – "ausgehend von einem Mercedes-Benz S350 mit einem Treibhausgas-Ausstoß von 247 g CO2 /km stieg Frau Schavan zunächst um in einen Mercedes-Benz S450 (272 g CO2 /km), später dann wechselte sie zu einem Mercedes-Benz S350 CDI (225 g CO2 /km)."(DUH)

Auch Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt fährt neuerdings etwa so klimaneutral wie ein Buschbrand in Brasilien.Ihren alten Dienstwagen, einen Mercedes-Benz S 500 (286 g CO2 /km), hat sie gegen einen Mercedes-Benz 420 CDI (247 g CO2 /km) getauscht - auch dieses Fahrzeug liefert noch zuverlässig eine 76-prozentige Überschreitung des CO2-Zielwertes der EU und ist damit eines der klimaschädlichsten Ministerfahrzeuge des Bundeskabinetts. Schlechter schneiden nur die Bundesminister Tiefensee und Zypries mit jeweils 249 g CO2 /km ab.

Richtig klimasparsam zeigt sich Sigmar Gabriel, der einen als Umweltminister einen umweltfreundlich getarnten Mercedes-Benz E 200 NGT nutzt. Der Wagen hat einen so genannten Dual-Mode Benzin-Motor, der zusätzlich mit Erdgas betrieben werden kann. Das Fassungsvermögen des zusätzlichen Erdgastanks beträgt allerdings ganze 18 kg, die Reichweite im Gasbetrieb ist dadurch sehr überschaubar. Und der Preis ist heiß: Mit der zusätzlichen Gasanlage wiegt der NGT 150 Kilo mehr als der E 200 K, 150 Kilo, die wie Sigmar Gabriels persönliches Übergewicht spritfressend mittransportiert werden müssen. Zu jeder Klimaschutzkonferenz, zu jedem Umweltgruppentreffen, zu jedem Gespräch über härtere Maßnahmen gegen Klimasünder.

Fische in den Bäumen

Er kann Pop, er kann Klima, er kann Eisbären und Arbeiterführer kann er auch. Sigmar Gabriel, das schwergewichtigste Polit-Talent der SPD, ist ein Mann, der Zusammenhänge nicht erklären, aber herstellen kann, auch wenn es keine gibt. In einem instruktiven Gespräch mit der Boulevardpostille Bild schildert der Niedersachse mit der Wohlstandswampe jetzt, warum der Klimawandel durch ein weltweites Aufgerütteltsein-Gefühl beendet wurde und warum der Regenwald gerettet werden muss, damit kommerzieller Fischfang weiter möglich bleibt. Klingt für Laien wunderlich, die nur den Puhdys-Hit kennen, der davor warnt, auf einen Baum zu steigen, wenn man Fische sucht. Wunderlich ist der Alles-Experte und Eisbär-Pate ja aber auch.

BILD: Im Gegensatz zum letzten Jahr redet heute kaum mehr einer über den Klimawandel. War alles nur ein Sturm im Wasserglas?

Gabriel: Natürlich nicht. Die Diskussion des vergangenen Jahres hat die Menschen weltweit aufgerüttelt – das war ein globaler Weckruf. Wir haben festgestellt: Weitermachen wie bisher geht nicht. Ein Beispiel: Kommerzieller Fischfang nach heutigem Muster ist nur noch bis zum Jahr 2050 möglich ...

BILD: ...schon wieder ein neues Horror-Szenario?

Gabriel: Das ist einfach eine Tatsache. Und für Millionen Menschen ist das eine Frage von Leben und Tod. Deshalb müssen Industrie- und Entwicklungsländer auf der UN-Naturschutzkonferenz nächste Woche in Bonn gemeinsam darauf hinwirken, dass besonders der Regenwald besser geschützt wird.

Fremde Federn: Ein neuer Skalp

Wenn das Gute siegt, ist es Zeit zu Jubeln. Wer und was das Gute ist, darüber herrscht allerdings meist nur Einigkeit, wenn das sechste Bier geschlürft und der Weltfriede in Sichtweite ist. Zum Glück gibt es immer mehr Bereiche, in denen auch bei Tageslicht und ohne Zuhilfenahme von Alkoholika eine einheitliche Betrachtungsweise medial verabredet werden kann.

Im Fall des Thüringer Fast-Ministers Krause war die Komfortzone der Konsensgesellschaft nicht viel breiter als ein Blatt Schreibmaschinenpapier, die Blickwinkel der Weltbetrachtung zeigte allenfalls ein Panorama, wie es aus einer Schießscharte zu sehen ist. Am Ende aber war es völlig ausreichend, die Figur des Peter Krause zusammenschnurrenzulassen auf eine Karikatur, die so gefährlich ist, eben weil sie so ungefährlich aussieht: In der perfiden Logik solcher Affären gilt die Tatsache, dass dem Beschuldigten nicht nachzuweisen ist, dass er ein Nazi ist, als Beweis dafür, dass er sich eben besonders gut getarnt hat.


Erledigt, abgehakt, einmal mehr haben die Sturmgeschütze der deutschen Demokratie ihre Kampagnenfähigkeit nachgewiesen. Kein Wunder, dass es ausgerechnet der Neuen Zürcher Zeitung aus der Schweiz überlassen bleibt, den Fall Krause einzuordnen in eine länger und länger werdende Traditionslinie: Skalps, genommen für das Gute und links vom zelt zum Trocknen aufgehängt.


Die strengen Hüter einer «antifaschistischen» politischen Kultur in Deutschland haben einen neuen Sieg zu feiern. Am Wochenende gab der thüringische CDU-Politiker Peter Detlef Krause bekannt, dass er nicht mehr für das Amt des Kultusministers in Erfurt zur Verfügung stehe, in das er gestern hätte eingeführt werden sollen. «Thüringen atmet auf», überschrieb die «Thüringische Landeszeitung» («TLZ») in ihrem Kommentar und lobte sich als Teil einer ganz grossen Koalition gleich selbst: «Die parlamentarische und ausserparlamentarische Opposition hat eine ebenso gute Arbeit gemacht wie der Lehrerverband, die Gewerkschaften, die Gedenkstätten, die Jüdische Landesgemeinde und der Zentralrat der Juden. Gemeinsam gelang es mit der im Boot, eine schwere Fehlentscheidung für unser Land abzuwenden.»

Zwei Wochen lang hatten nicht nur die führenden Zeitungen der Region, sondern auch überregionale Medien die mitteldeutsche Provinz zum Schauplatz einer gefährlichen Attacke auf die Zivilgesellschaft («Taz») hochgeschrieben. Während die vereint zuschlagenden Vertreter der drei Linksparteien im Lande, die sich gute Chancen ausrechnen, im nächsten Jahr die lange CDU-Regierungszeit in Thüringen zu beenden, gleich den Zugriff eines Holocaust-Leugners auf das Kultusministerium skandalisierten, übten sich Zeitungen in investigativem Journalismus eigener Art. Sie enthüllten das seit dem Landtagswahlkampf 2004 Offenbare: Peter Krause arbeitete 1998 für ein paar Monate in der Redaktion der nationalkonservativen Wochenzeitung «Junge Freiheit» und ist auch in zwei weiteren, eher marginalen Blättern des rechtskonservativen Spektrums mit Beiträgen vertreten. Dies wurde ihm nun zum Verhängnis. Die «Zeit» argwöhnte, die CDU wolle mit einem Minister Krause den «rechten Rand» anlocken, die «Frankfurter Rundschau» erklärte Krauses Gesinnung für nicht ministrabel, und die «TLZ» echauffierte sich täglich aufs Neue: «Wo sind wir hingeraten?»

Keine schlechte Frage, allerdings in einem andern Sinne, als dies die Thüringer Lokalredaktoren gemeint haben werden. Was dort geschah, wirft ein düsteres Licht auf die deutschen Diskursverhältnisse, zeigt es doch, dass Medien ohne professionelle Selbstkontrolle an Kampagnen mitmachen, wenn diese die Stossrichtung «gegen rechts» haben. Sobald die antifaschistischen Fanfaren schmettern, sind nur noch Haltung und Engagement angesagt, nicht aber mehr Prüfung der Fakten und kritische Distanz.

So hat es mit wenigen Ausnahmen in den deutschen Medien niemanden gestört, dass die Jagd auf Krause keine belastbaren Belege für seine «rechtslastige» (Spiegel online) oder «ultrakonservative» («Taz») Gesinnung zutage förderte. Sieht man im Online-Archiv der «Jungen Freiheit» die über dreissig Beiträge durch, die er 1998 dort publizierte, liest man manchmal etwas bieder argumentierende Texte auf der Suche nach einer nationalkonservativen Position. Auch das Interview-Verhör, das der Chefredaktor der Springer-Zeitung «Die Welt» mit ihm führte, lieferte nichts Anstössiges.

Peinlich war hier nur der Gestus, mit dem ein ehemaliger Linksrevolutionär den gesamten Gedankenhaushalt des Verdächtigen prüfte und am Ende Peter Krause, der über den Romantiker Friedrich Schlegel und die Redekunst um 1800 promovierte, noch über die Gefahren seines Forschungsgebiets belehrte.
Immerhin gebe es ja von der deutschen Romantik einen «Weg in den konservativsten Nationalismus». Da wirkte wohl noch jene revolutionäre Wachsamkeit, mit der man zu andern Zeiten und an andern Orten jede Abweichung aufspüren musste.

Peter Krause, der in der DDR schon als Schüler Repressalien ausgesetzt war, hat nach der Wende daran mitgearbeitet, das demokratische Leben in Thüringen in Gang zu setzen. Was ihm jetzt zustiess, zeigt den desolaten Zustand der öffentlichen Kommunikation in Deutschland, wenn es um die Verschränkung von Gegenwart und NS-Vergangenheit geht. Vom Zustand, in dem nur «die zwanglose Kraft des besseren Arguments gilt», ist man weit entfernt. Offenbar braucht die deutsche öffentliche Meinung im Halbjahresrhythmus die Entlarvung und Ausstossung eines (vermeintlichen) NS-Wiedergängers als letztes gemeinschaftsbildendes Ritual.