Freitag, 20. Juli 2018

Moderne Mythen: Legenden sind scharfe Waffen

Wenige Tage im September 2015 liefern der CSU den Anlass, unsere Gesellschaft zu spalten und mit dem Erbe Kohls und Adenauers zu brechen. Dieser Legende müssen wir widersprechen. Ein Gastbeitrag von Annalena Baerbock und Konstantin von Notz, Gebärdendolmetscherin Frauke Hahnwech hat den Text für PPQ aus dem Propagandistischen ins Deutsche übersetzt.

Legenden werden konstruiert, um Identität und Legitimität zu schaffen. Sie erheben den Anspruch, dass die von ihnen behauptete Wahrheit eine absolute ist, die unzweifelhaft und unbezweifelbar für alle gelte. So können Legenden zu scharfen Waffen in der politischen Auseinandersetzung werden – historische Vorbilder gibt es wahrlich genug - wir versuchen das heute mal mit dem Mythos "Flüchtlingszustrom".

Denn den gab es gar nicht. Würde nicht die Führungsriege der CSU (die der AfD ja ohnehin seit langem) nach einem Anlass suchen, unsere Gesellschaft zu spalten, nationale Grenzen wieder hochzuziehen und mit dem Erbe Konrad Adenauers und Helmut Kohls – einem vereinten Europa als Garant von Frieden und Wohlstand – zu brechen, spräche kein Mensch mehr von jenem Herbst 2015, den es so, wie von ihm erzählt wurde, auch nicht gab.

Die Legende aber, auf deren Rücken die CSU zu einem Ergebnis von 40+ bei der Landtagswahl reiten will, geht so: Im Spätsommer 2015 hat Deutschland über Nacht die deutsche Grenze geöffnet und fast eine Million Flüchtlinge ins Land eingeladen. Mit dieser Flüchtlingspolitik wurde die „Herrschaft des Unrechts“ etabliert, das Land in eine Staatskrise und an den Rand des Zusammenbruchs getrieben, und nun sei es an Horst Seehofer und Co, als Retter der Nation Recht und Ordnung wiederherzustellen.

Darin stecken unzählige Unwahrheiten. Erstens die Mär, dass die Grenze „geöffnet“ wurde. Das stimmt natürlich überhaupt nicht, wie auch der unabhängige ARD-Faktenfinder gerade erst wieder bewiesen hat. Angela Merkel hat die Grenzen vielleicht nicht geschlossen und so ermöglicht, dass 2015 und 2016 rund 1,4 Millionen Schutzsuchende bei uns Zuflucht fanden. Aber ihre europäischen Partner allein gelassen hat sie damit nicht, denn die waren froh, die Betroffenen nicht selbst aufnehmen zu müssen.

Das war ganz im Sinne von François Mitterand und Helmut Kohl, die 1984 - ein Jahr, bevor sie sich über den Gräbern der SS in Bitburg die Hände reichten -   beschlossen, „die Grenzen zwischen unseren Ländern abzuschaffen“. Im Schengen-Abkommen stand dann „Binnengrenzen dürfen unabhängig von der Staatsangehörigkeit der betreffenden Personen an jeder Stelle ohne Personenkontrollen übertreten werden.“ Das meinte natürlich nur Menschen aus Schengen-Ländern und Menschen, die über eine Schengen-Außengrenze rechtmäßig eingereist sind. Aber in der Grünen Physik erschafft sich Energie selbst. Und unser Grüner Blick auf die Situation ist eben wunschgetrieben.

Die Grenzen, soweit es die der Schengen-Staaten betraf, die nicht identisch sind mit den EU-Staaten,  waren also lange vor 2015 offen, allerdings eben nicht für jedermann, sondern ausschließlich für Unionsbürger und Angehörige von Drittstaaten, ein Aufenthaltsrecht in einem dieser Schengen-Staaten haben. Trotzig fragen wir trotzdem: Wie soll man rund 3700 Kilometern Landgrenze und 42.000 Kilometer Seegrenze schließen? Etwa wie Russland, das 20.000 Kilometer Landgrenze und dazu noch 37.000 Kilometer Seegrenze abriegelt?

Das geht doch nicht. Weshalb man auch und gerade in der jetzigen Debatte über Zurückweisungen  fragen muss, was denn das Gerede vom „Schließen“ eigentlich bedeuten soll: Zieht man dann einen Zaun ums Land? Und wie schützt man diesen? Mit  Soldaten? Vielleicht noch mit bewaffneten?  Das hatten wir ja schon mal – sogar mitten im Land. Das wäre doch Irrsinn.

Mythos zwei ist, dass eine spezielle deutsche Willkommenskultur dazu führte, dass sich Hunderttausende aus Afrika auf den Weg machten, nachdem sie gesehen und von bereits aufgenommenen Familienmitgliedern, Freunden oder früheren Nachbarn gehört hatten, wie toll Deutschland ist.

Auch das ist falsch. Der rechtskonservative und vor allem von der CSU bis heute hofierte Viktor Orbán entschied sich damals, Menschen, die ohnehin nicht in Ungarn bleiben, sondern nach Deutschland weiterziehen wollten, in Bussen an die österreichische Grenze zu bringen. Damit stand der damalige österreichische Bundeskanzler vor der Entscheidung, ob er gemäß europäischem Recht die Flüchtlinge an der Grenze stoppt oder sie mit Waffengewalt aufhalten lässt. Oder ob er sie aufnimmt. Aber 4000 bis 5000 Flüchtlinge, die die ungarische Regierung entgegen ihrer Verpflichtung ja nicht registriert, sondern selbst außer Landes gebracht hatte, aufnehmen? Das wäre über die Kraft Österreichs gegangen.

Als Österreich damals bat, Deutschland möge ihm diese Last abnehmen, sagte die Kanzlerin ja. Angela Merkel wollte ihr nach brutalen Äußerungen gegenüber einem kleinen Flüchtlingsmädchen angekratztes Image aufpolieren - und sie nutzte dazu das Selbsteintrittsrecht, nach dem jeder Staat jeden Menschen aufnehmen darf, wenn er das will. Wenn nicht, dann nicht.  Zu diesem Zweck zwischenstaatliche Vereinbarungen zu brechen, ist nach Auffassung des Europäischen Gerichtshofes ein Rechtsbruch. Aber doch einer für einen guten Zweck.

Im Übrigen zerstörte die Bundesregierung schon am 15. September 2015 selbst die Idee des geeinten Europa ohne Grenzen, als sie an der deutsch-österreichischen Grenze wieder Kontrollen einführte – die seitdem weitergeführt werden, obwohl der Schengener Grenzkodex die Höchstdauer auf zwei Jahre begrenzt und die EU-Kommission bereits der letzten in Berlin beschlossenen Verlängerung nicht mehr zustimmte. Damit wird das grundrechtsgleiche Recht der Unionsbürger, sich ohne Grenzkontrollen im gemeinsamen Europa bewegen zu können, bereits seit längerem wissentlich gebrochen - in Berlin spricht allerdings niemand darüber und auch die Medien beschweigen diese dunkle Seite der Groko-Politik eifrig.

Eine ebensolche Mär ist die Behauptung, Deutschland habe fast eine Million Flüchtlinge „eingeladen“, nach Deutschland zu kommen, weil sie hier für "wertvoller als Gold" (Martin Schulz) gehalten wurden. Doch damals nutzte das von demografischen Problemen schon länger geplagte Deutschland den schon seit 2011 tobenden Konflikt in Syrien, um für sich zu werben. Schon Ende 2014 waren 3,7 Millionen Syrer auf der Flucht, dennoch kamen auch 2014 nur knapp 50.000 Syrer nach Deutschland. Als die Bundesregierung dann im September die Busse aus Ungarn kommen ließ, stieg die Zahl schnell auf das Dreifache - pro Monat.

Damals entstand der Mythos der „Flüchtlingskanzlerin“, gezielt gezüchtet von populistischen Medien wie dem "Spiegel" und anfangs von der Kanzlerin selbst noch für das Fundament gehalten, auf dem sie ihren Nachruhm bauen könne.

Dies war umso fataler, als die Bundesregierung, namentlich auch die Kanzlerin, vor und nach dem Sommer 2015 eben trotz vieler Warnungen jahrelang nur auf Sicht gefahren war und auch nach dem Zustromherbst 2015 keine Kraft mehr fand, der Entwicklung ein Ende zu setzen. So kamen immer mehr Menschen, nicht eingeladen, aber im Gefühl, eingeladen worden zu sein spätestens nach einem Tweet des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), wonach alle Syrer, die es nach Deutschland schaffen, auch hierbleiben könnten.

Europa spielte keine Rolle mehr, weil Europa kein Flüchtlingsproblem hatte. Angela Merkel hätte eine Reform des Dublin-Systems fordern können, das sie nun unfair fand. Doch bekommen hätte sie sie nicht, weil sie selbst auch keine Reform befürwortet hatte, als andere Partnerländer sich übervorteilt gefühlt hatten. Was folgt aus all dem?

Ohne Frage sind und bleiben durch Krieg und Klimawandel hervorgerufene  Fluchtbewegungen in Afrika und Asien zentrale politische Herausforderungen für Deutschland. Europas Zentralmacht muss alles daran setzen, schnellstmöglich einen gemeinsamen europäischen geordneten und humanen Umgang zu finden: Wir müssen den anderen Ländern wieder sagen, wo es langgeht. Denn wir allein wissen, dass gemeinsame europäische Lösungen nur welche sind, wenn sie nicht dem Willen vieler anderer derzeitiger Regierungen in Europa entsprechen, sondern unseren deutschen Vorstellungen.

Donnerstag, 19. Juli 2018

Pferd, Beirat, Bass: Staatssender geht gegen Gedankenverbrechen vor



Rechtes Gedankengut ist in Deutschland wieder mitten im öffentlichen Diskurs angekommen, rechte Parteien wie CDU, CSU, FDP bis hin zu Teilen von Linker, SPD und Grünen docken an fremdenfeindliche Positionen an, träumen von lagerhaft für Neuankömmlinge, von Ausländer-raus und Deutschland, das mononational bewohnt wird. 


Erschreckend: Dieses Denken in nationalistischen und extremistischen Kategorien, die Sehnsucht nach sicheren Grenzen, Kontrolle über Ein- und Ausreisen und Hass auf alles, was in Tagesschau-Kommentaren anders denkt, wird immer populärer, auch außerhalb extremistischer Kreise. Doch was macht den Hass auf alle, die anders sind, so attraktiv? Woher kommt der Glaube, dass eine kleine, homogene Gemeinschaft sich leichter steuern lasse als ein großes, starkes Europa aus 28 Nationen mit 400 Millionen Bürgern und fünf politischen Entscheidungsebenen mit acht teilweise demokratisch gewählten Entscheidungsgremien?

Der Deutschlandfunk wagt es nun,  den rätselhaften Verlockungen rechten Denkens nachzugehen. In der Feature-Reihe "Herd. Heimat. Hass." enthüllt der staatliche Sender die Ursachendes Trends hin zu hanebüchenen Positionen jenseits jeglicher Vernunft. Mutige Reporter berichten aus den abstoßenden Abgründen einer Welt im nationalen Taumel, sie besuchen unerschrocken Ewiggestrige, die Europa ablehnen und Donald Trump bewundern, die im Internet Pro-Putin-Argumente verwenden und dem Aberglauben anhängen, der vermeintlich Klügere sei schlauer als der Dumme, der Weiße heller als der Schwarze, der selbsternannte Pro-Biot und Öko-Kämpfer besser als der eingewanderte nutzer von Wegwerfkaffeebechern.

Die Stundensendungen spüren der Lust am Hass nach und dem Antrieb derjenigen, die ihn verbreiten, sie enthüllen die gedankenverbrechen der Verantwortlichen und zeigen, wie nur konsequenter Kampf gegen diese Schädlinge am Volkskörper Deutschland retten kann. Alle Folgen können auch ohne Vorbildung angeschaut werden.

Folge 1: Das Kölner Theaterkollektiv Hofmann hat sich in einem nationalen Alleingang auf die Suche nach den ganz alltäglichen Abgründen gemacht und Menschen animiert, dem Hass auf ihre direkten Nachbarn freien Lauf zu lassen. Dabei kam es zu teils bizarren Situationen, als Anwohner die Polizei riefen, die nicht nur die von den Theatermachern aufgestachelten Laiendarsteller, sondern auch Regisseur und Mikrohalter wegen eines angeblichen Verstoßes gegen das Hassverbot mitnahm.

Folge 2: Es geht um Renegaten, Abschwörer, Meinungswechsler. Wie andere den einen Aberglauben kurzerhand gegen einen anderen eintauschen, wechseln Renegaten das politische Lager: Sie verwandeln sich von linken Intellektuellen zu rechten Agitatoren und vertreten auf einmal die Meinung derjenigen, die sie vorher bekämpft haben. Der frühere Grünenchef Joschka Fischer etwa war erst antikapitalistischer Straßenkmäpfer, dann wirkungsmächtiger Verteidiger ded Status Quo. Markus Metz und Georg Seeßlen werfen einen warnenden Blick auf Konvertiten-Biografien.

Folge 3: Die Vorstellung vom rechten Pöbel am Stammtisch im eichengetäfelten Vereinsheim hat lange ausgedient: Die Neue Rechte ist gut frisiert, kleidet sich bei H&M und Zara ein, sie singt, spielt Hausmusik und sieht sich selbst als moderne Graswurzelbewegung mit fester gesellschaftlicher Basis. Sammy Khamis hat den Aktivisten Philip Stein begleitet und beobachtet, wiedie rechte Gesellschaft die Weigerung des Staates ausnutzt, sie rigoros zu verbieten und alle Aktivisten einzusperren, bis sie abgeschworen haben.

Folge 4: Der Rechtsruck geht auch durch die sogenannte Literatur: Autoren, die einst harmlose Krimis schrieben, machen nun mit verbotenen islamfeindlichen Äußerungen von sich reden. Aber wer hat diese Leute umgedreht? Welche geheime Macht zwingt sie, sich gegen den gesellschaftlichen Konsens zu stellen und als publizistische Szene des rechten Spektrums zu versuchen, mit entsprechenden Machwerken auf das Zusammenleben der Menschen einzuwirken. Tom Schimmeck reißt rechten Dichtern und Denkern die Masken vom Gesicht.

Zur Sendung: "HERD. HEIMAT. HASS. Über die Verlockungen rechten Denkens"

Reiner Kunze: Der Raub der Sprache

Muss demnächst "Kosak*innenblut" genannt werden: Der Wermut der Geschlechtergerechtigkeit.

Wer als Freidenker im totalitären Staat der DDR so lange der Indoktrination ausgesetzt war wie Dichter Reiner Kunze, der 1977 mit seiner Ehefrau Elisabeth in den Westen übersiedelte, hegt eine tiefe Skepsis gegen verordnete Gebote des Denkens und Redens.

Zum Thema Gendersprache, bei dem immer noch die Gefahr besteht, dass der Deutsche Rechtschreibrat eines Tages beschließt, Sprech- und Schriftsprache durch die Einführung vermeintlich geschlechtergerechter Schriftsymbole für immer voneinander zu trennen, nimmt der 84-jährige Buchautor kein Blatt vor den Mund. Der in der DDR antrainierte Widerwille gegen Ideologien und Denkvorschriften und die tiefsitzende Abscheu vor jedem Versuch,  Reichtum und Freiheit der Sprache zu zerstören, lässt Reiner Kunze zu einem erklärten Gegner des selbsternannten Sprachfeminismus werden.

"Es gibt ein grammatisches Geschlecht (Genus) und ein natürliches Geschlecht (Sexus). Genus ist das Geschlecht des Wortes (Maskulinum [der], Femininum [die], Neutrum [das], Sexus ist das Geschlecht von Lebewesen.

Das Geschlecht des Wortes (männlich, weiblich oder sächlich) stimmt nicht immer mit dem Geschlecht des Lebewesens überein, das durch das Wort bezeichnet wird. Es gibt maskuline Wörter, die nicht nur männliche Personen bezeichnen, zum Beispiel Gast, Säugling oder Filmstar, feminine Wörter, die nicht nur weibliche Personen bezeichnen, zum Beispiel Waise, Majestät oder Geisel, und Neutra, die männliche und weibliche Personen oder nur eine einzige Person natürlichen Geschlechts bezeichnen, zum Beispiel Mitglied, Staatsoberhaupt, Weib oder Kind. Diese Wörter sind in ihrer Bedeutung geschlechtsübergreifend.

Wer diese Ausdrucksmöglichkeiten für sein natürliches Geschlecht als diskriminierend empfindet und ihren Gebrauch bekämpft, bekämpft die Sprache, indem er ihre Verarmung befördert. Er beraubt die Menschen der Möglichkeiten, in allgemeinen, geschlechtsübergreifenden Begriffen zu sprechen, was zum Verschwinden ungezählter Wortbedeutungen führt. Der Wähler ist dann stets ein Mann, die Wählerin eine Frau, das geschlechtsneutrale Wort für eine Person, die wählen geht, ist jedoch verschwunden.

Redewendungen wie "Übung macht den Meister" oder "Der Klügere gibt nach" dürften nicht mehr gebraucht werden, weil die geschlechtsübergreifende Bedeutung nicht mehr gedacht werden darf.

Sätze wie "Frauen sind eben doch die besseren Zuhörer" könnten überhaupt nicht mehr formuliert werden, da die sprachfeministisch korrekten Versionen "Frauen sind eben doch die besseren Zuhörerinnen" oder "Frauen sind eben doch die besseren Zuhörerinnen und Zuhörer" ad absurdum führen würden.

Wo es möglich ist, ersetzt man die Doppelform durch Partizipien wie "Studierende, Lehrende oder Lernende" oder neue Begriffe wie "Lehrperson", was ein abstraktes und entfremdendes Deutsch und einen papierenen Stil ergibt.

In einem österreichischen Universitätsmagazin heißt es: "Besorgniserregend ist die Entscheidung des Bildungsministeriums, nur mehr gendergerechte Schulbücher zu approbieren. So liest man in einem Unterstufen[!]-Deutschbuch folgende Aufforderung: ,Eine/r ist Zuhörer/in, der/die andere ist die Vorleser/in. Eine/r liest den Abschnitt vor, der/die Zuhörer/in fasst das Gehörte zusammen.‘" Man schreibe nie, was man nicht sprechen kann, oder was zu einer Verkrüppelung der gesprochenen Sprache führt (Professx, Stud_entin, Trans*autoren, Akteure/innen [gendergerechte Schreibweisen nach Prof. Dr. phil Lann Hornscheidt, geb. Antje Hornscheidt, Humboldt-Universität Berlin]). In dem österreichischen Schulbuch hat man für Kinder gedruckt,was sich nicht einmal fließend lesen läßt.

Die Sexualisierung der Sprache durch die Diskreditierung geschlechtsübergreifender Wortbedeutungen hat eine eklatante Verarmung und Bürokratisierung der Sprache, die Denunzierung aller Sprechenden, die sich dagegen verwahren, und eine Einschränkung der Freiheit des Denkens zur Folge. Der Sprachgenderismus ist eine aggressive Ideologie, die sich gegen die deutsche Sprachkultur und das weltliterarische Erbe richtet, das aus dieser Kultur hervorgegangen ist."


Mittwoch, 18. Juli 2018

Zitate zur Zeit: Land der Herzen

"Das war in gewisser Weise für diese Leute die Einladung. "

Der kroatische Regierungschef Zoran Milanovic am 19.September 2015 zur von Bundeskanzlerin Angela Merkel vertretenen Grenzöffnung für Flüchtlinge und zur Darstellung Deutschlands als "Land der Herzen".

Doppeleinhorn: Kein Engagement ohne Geld

Es war die Geheimwaffe im Kampf gegen den Hass, den die Bundespolitik direkt nach der Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten noch einmal forcierte. Eine Fantasiefigur namens "Doppeleinhorn" sollte "Hetzern, Hassern und Zweiflern" (Claus Kleber) im Internet entgegentreten, die Kloake aus regierungsfeindlichen Kommentaren, Merkel-Bashing und behördenbeschimpfung entgegentreten und die Zivilgesellschaft, die sich in Zeiten der überbordenden Ängste selbst nicht mehr wehren kann, stärken.

Doch nur zwölf Monate war das Doppeleinhorn im Einsatz. Dann mussten Freunde der Initiative im Dienst der Demokratie vom stillen Tod des bunten Fantasiewesen aus dem „Mediennetzwerk SaarLorLux“ Notiz nehmen: Nachdem es unter Zuhilfenahme von 60.000 Euro aus dem Bundesprogramm „Stärkung der digitalen Zivilgesellschaft und der Demokratie“ gelungen war, beinahe 350 sogenannte Follower beim Kurznachrichtendienst Twitter zu sammeln, stellte @Doppeleinhorn Anfang Juni seine Arbeit ein. Die Fördermittel waren verbraucht, Nachschub offenbar nicht in Sicht. Der Account, der sich die Gewinnung von Followern umgerechnet rund 150 Euro pro Stück hatte kosten lassen, wurde ankündigungslos gelöscht. Bei Facebook, wo das hässliche Hornschwein seine herzzereißenden Versuche um eine jugendgemäße Ansprache bislang noch fortsetzt, findet sich zur Löschung kein Wort der Erklärung.

Geben der Staat und seine engagierten Vorfeldorganisationen den Kampf für eine "intensivere Nutzung elektronischer Medien" zur Unterstützung der Regierungspolitik auf? Endet der Versuch, "Menschen direkt anzusprechen und sie zu ermutigen, sich am Diskurs zu beteiligen"? Woher kommen künftig die legendären Doppeleinhorn-Ansichtskarten mit aufrüttelnden Botschaften wie "#Meinung, #Freiheit, #Vielfalt!", "Herz statt Hass" oder "Artikel 5 GG ist super!"?

Offene Fragen, schmerzhaft wie ein offenes Bein.

Deutschland jedenfalls wird ohne das Doppeleinhorn nicht mehr dasselbe sein.

Dienstag, 17. Juli 2018

VW hat verstanden: Der neue Passat

Sie haben offenbar verstanden in Wolfsburg! Schon im November kommt der neue VW Passat auf den deutschen und den europäischen Markt - ein Fahrzeug, mit dem Volkswagen zurückkehrt zu eher leichten, kompakten Autos, die Gruppen ansprechen, die bisher eher keine VW-Kunden waren.


Aber dann kam der VW-Skandal, kamen die Gerüchte über Manipulationen von Abgaswerten, kamen Vorwürfe, VW habe trotz seiner schlimmen Geschichte erneut versucht, Menschen zu betrügen. Mit dem neuen Modell aus der Erfolgsreihe Passat will Volkswagen nun das Gegenteil beweisen: Aufstieg in die Premium-Ökoliga, Widerlegung aller Gerüchte, man kümmere sich nicht ums Weltklima.

Hierfür haben die Wolfsburger einiges getan. Der neue Passat ist leichter, schmaler und windschnittiger als alle seine Vorgänger, statt zwei Tonnen bringt er gerade noch 15 Kilogramm auf die Waage. Verzichtet haben die vielkritisierten VW-Ingenieure auf alles, was nur unnötig Energie verbraucht: Es gibt kein Interieur mehr und kein  Exterieur, dafür ist der Wagen nahezu emissionsfrei, weil er auch auf einen Antrieb durch nicht-erneuerbare oder sogenannte "grüne" Energie verzichtet.

Ein Schritt, der nur konsequent ist. Auch Batterien belasten in der Herstellung die Umwelt, auch Ökostrom kostet den Planeten viel von seiner wertvollen Lebenszeit, argumentiert Volkswagen. Statt sich weiter an der Vernichtung der Erde zu beteiligen, die wir nur von unseren Enkeln geborgt haben,  kocht VW seinen neuen Passat auf das Notwendigste ab. Auffallend sind der kürzere Radstand, der kleinere Kofferraum und die fehlenden Karosserieüberhänge. Zudem ist das Modell niedriger als der Vorgänger. Bei den Einsparungen, die sich auch auf das Fahrverhalten auswirken sollen, handelt es sich allerdings jeweils um einige Zentimeter. Linien und Knickkanten verschmelzen jetzt noch mehr mit dem Design der Karosserie.

Auch im Inneraum hat sich einiges getan. Ins Auge springt direkt das Lenkrad, das nicht mehr rund ist, sondern als Querlenker gestaltet. Es erstreckt sich über die gesamte Breite des Fahrzeuges, ja, es definiert sie. Angesteckt werden können ein 12,3 Zoll großes Active Info Display, über welches Fahrinformationen abgerufen werden. Als Unterhaltungsangebot für längere Fahrten sieht VW Kopfhörer in Wagenfarbe vor.

Um Gewicht zu sparen, verfügt der neue Passat nicht über Spielereien wie Assistenz- oder Sicherheitssysteme, die dem Fahrer das Leben erleichtern könnten. Volkswagen stehe für sportliche Fortbewegung, heißt es dazu in Wolfsburg, wo die VW-Spitze die neuen Maßstäbe der Fahrzeugherstellung a lá leicht und langsam verteidigt, die auf den urbanen, umweltfreundlichen Nutzer zielt, der mit dem Flugzeug oder Kreuzfahrtschiff in den Urlaub fährt.

Dank der neuen Philosophie ist es möglich, in quer- und parallel zur Fahrbahn liegende Lücken einzuparken. Zum neuen Passat liefert VW auf Wunsch und gegen Aufpreis einen Anhänger namens "Trailer Ass".

Global Peace Index: Kriegsgebiet Russland

Er ist so seriös, dass kein großes Medium darum herumkommt, über das jährliche Update zu berichten. Der "Global Peace Index" (GPI), erstellt von einem Internationalen Gremium aus Friedensexperten, Friedensinstituten, Expertenkommissionen und dem Zentrum für Frieden und Konfliktstudien der Universität Sydney, beleuchtet die Veränderung der Weltlage nach Betrachtung von Kriegen und Bürgerkriegen, Rüstungsausgaben und Waffenkäufen. Eine Art Weltatlas des Haders und des Streits, der in der Regel alljährlich beklagt, dass wieder alles viel schlimmer geworden ist.

So auch in diesem Jahr. 2017 habe sich die Friedenslage in 91 Ländern der insgesamt 163 Länder, die für den Index untersucht worden waren, verschlechtert, heißt es da, in nur 71 Ländern sei die Lage friedlicher geworden. Insgesamt stieg die Zahl der Menschen, die in Konflikten getötet wurden, laut GPI im Zeitraum von 2006 bis 2016 um 264 Prozent. Und auch die Zahl der Geflüchteten nahm zu: Erstmals in der Geschichte der Neuzeit machten Flüchtlinge laut GPI ein Prozent der
Weltbevölkerung aus.

Die Situation ist also schlimmer als damals im und nach dem II. Weltkrieg. An dem hatten nur 69 Staaten teilgenommen und die Zahl der Flüchtlinge lag selbst nach all dem Morden und den Kontinente verheerenden Schlachten mit 60 Millionen Toten immer noch unter einem Prozent der Weltbevölkerung. Jetzt drüber! Das ist schockierend und wird manchen Leser außerhalb der Schreibmaschinengewehrstellungen der Großredaktionen verblüffen. Doch bei genauerer Betrachtung der Einzelheiten des vielzitierten Friedens-"Index" wird schnell deutlich, dass das Ganze in etwa so überzeugend ist wie Angela Merkels Versicherung, sie habe die Aufklärung der Bamf-Affäre erst in Gang gesetzt.

Schon ein Blick auf die Karte (oben) zeigt, wie hanebüchen die Ausarbeitung ist, die von deutschen Leitmedien flächendeckend zitiert wird, als handele es sich um eine Darstellung von Tatsachen. Groß und rot, weil äußerst kriegerisch, prangt im Nordosten der Karte Russland, der alte Erzfeind des Westens, von dem gar Trauriges zu berichten ist. "Russland hatte die zweitgrößte Verschlechterung in der Region, das Land verschlechterte sich aufgrund der Indikatoren für terroristische Auswirkungen, Gewaltverbrechen und politischem Terror", wird erklärt, weshalb das Reich Wladimir Putins auf Platz 154 (von 163) abgerutscht ist. Das müsse so, denn "angesichts der anhaltenden Moskauer Beteiligung in Syrien und die Möglichkeit von Zusammenstößen mit westlichen Kräfte", heißt es, und der Tatsache, dass "auch die externen Konflikte zugenommen" hätten, könne es nicht anders.

Russland ist nach dieser Logik nun also kriegerischer als Palästina, der Sudan, Nordkorea, Pakistan und die Türkei. Ein Unruheherd sondergleichen, der zwar seine Rüstungsausgaben gesenkt hat, dem aber verglichen mit Mali, Venezuela und Myanmardemfrüherenburmanur ein Platz im Friedenskeller bleibt, weil es eben Russland ist. Und natürlich auf dem falschen Kontinent liegt. Während die Verfasser der "Studie", immerhin der "the world’s leading think tank", wie sich das "Institut für Economics & Peace selbst nennt, für das Verfassen von Weltfriedensstudien, die Türkei nach Europa sortieren, haben sie Russland der Lehre des Globalstrategen Zbigniew Brzezinski folgend kurzerhand nach "Eurasien" verschoben. Bemerkenswert: Nur drei Prozent der türkischen Landfläche liegen in Europa. Bei Russland sind es 23 Prozent.

Aber ein Platz in Asien bietet sich für die mongolischen Horden Putins an, traut man ihnen doch gleich ein wenig weniger über den Weg und kann so besser nachvollziehen, weshalb die USA bei derzeit sechs aktiven Kriegsbeteiligungen und 15 mal höheren Militärausgaben auf Platz 121 landen und Russland bei nur zwei Kriegsengagements und sinkenden Rüstungsinvestitionen auf Platz 154, sogar noch hinter der Ukraine, dem Land, in dem der Bürgerkrieg stattfindet, an dem Russland eine Beteiligung zugeschrieben wird.

Montag, 16. Juli 2018

Zitate zur Zeit: Fluch des Reichtums


Sie waren reich genug, um sich in Dinge einzumischen, die sie nichts angingen.

Paolo Bacigalupi, Versunkene Städte, 2012

Kurz-Partei: Mehrheit würde erneut einem Österreicher vertrauen

Laut einer neuen Forsa-Umfrage könnten sich 57 Prozent der wahlberechtigten Bundesbürger vorstellen, bei der nächsten Bundestagswahl eine „Deutsche Volkspartei - Sammlungspartei der Mitte“ nach dem Vorbild von Sebastian Kurz' Österreichischer Volkspartei zu wählen.

Was wäre, wenn es eine Partei à la Kurz in Deutschland gäbe? Die Sehnsucht danach ist offenbar groß. Einer Umfrage zufolge würde eine Mehrheit der Partei ihre Stimme geben. In einer Gruppe ist das Wählerpotenzial besonders groß.

Eine politische Sammlungsbewegung nach dem Vorbild der in Österreich von Sebastian Kurz in Regierungsverantwortung geführte „Österreichische Volkspartei“-Partei hätte einer Umfrage zufolge auch in Deutschland große Erfolgschancen.

57 Prozent der wahlberechtigten Bundesbürger könnten sich vorstellen, „bei der nächsten Bundestagswahl eine Partei der Mitte wie die von Kurz in Österreich zu wählen“, wie aus einer Umfrage des Vorsa-Instituts hervorgeht.

Das Forschungsinstitut hatte bereits in der Vergangenheit das Wählerpotenzial für Protestparteien wie eine „Haider“- oder „Sarrazin-Partei“ ermittelt. Mit 57 Prozent übersteigt die Zustimmung für eine Kurz-Bewegung die für Jörg Haider oder Thilo Sarrazin (damals jeweils 16 Prozent) demnach um mehr als das Dreifache.

Zuspruch erhielte eine „Kurz-Partei“ in Deutschland vor allem bei Menschen, die sich zwar zur politischen und gesellschaftlichen Mitte zählen, ihre Interessen aber bei den Parteien nicht mehr in ausreichendem Maße vertreten sehen. Hier, in der „vergessenen Mitte“, ist das Wählerpotenzial unter ehemaligen SPD- und Unionswählern mit 70 beziehungsweise 68 Prozent besonders hoch.

Sebastian Kurz war mit seiner ÖVP bei der Nationalratswahl in Österreich 2017 unter dem Listennamen „Liste Sebastian Kurz – die neue Volkspartei (ÖVP)“ als Spitzenkandidat mit 31,5 Prozent als stimmenstärkste Partei hervorgegangen. Danach war Kurz am 20. Oktober 2017 als ÖVP-Parteichef von Bundespräsident Van der Bellen mit der Erstattung von Vorschlägen für die Bildung einer neuen Bundesregierung beauftragt worden. Kurz wirbt seit Monaten intensiv für eine umfassende Reform der EU und setzt dabei eigentlich auf eine Zusammenarbeit mit Deutschland. In Berlin werden die Bemühungen des Österreichers etwa um eine Reduzierung der Zahl der EU-Kommissare jedoch bisher mit Ablehnung quittiert.

Zuletzt gefiel sich Kanzler Kurz als Vermittler zwischen Russland und der EU und er ließ sich dabei sogar von Russlands Machthaber Wladimir Putin loben. Seinen Vorschlag, die Zahl der EU-Kommissare von 28 auf 18 zu verkleinern und nach einem Rotationsprinzip zu besetzen, hielt Kurz aufrecht, ebenso beharrt er darauf, dass die EU einen der beiden Parlamentsstandorte in Brüssel und Straßburg aufgeben müsse.

Sonntag, 15. Juli 2018

Globalisierung: Das Konsortium als sorgende Weltmutter

Der Prozess erfordert ständige Überwachung: Finetuning. Das Gesamtkonzept ist eine Idee der Controller, die im neu geschaffenen Gebilde ihre Stellung am besten ausbauen und alle von sich abhängig machen können. Nur sie verstehen die wuchernden Konzernstrukturen bis in ihre letzten Verästelungen und können sie so manipulieren, dass ihre Position sicher bleibt und ihre Macht wächst. Die anderen - Manager wie freie Mitarbeiter - werden zu Marionetten einer Bürokratie, die sich der sowjetischen Planwirtschaft unter Breschnew anverwandelt.

Robin Detje zum Niedergang des bürgerlichen Theaters

Westpresse zum Euro: Abrechnung mit einem Irrtum

Wie ein Käfer auf dem Rücken: Die Gemeinschaftswährung Euro kommt seit fast einem Jahrzehnt nicht aus der Krise.
Er war der feuchte Traum der Europaeiniger, ein festes Band um alle Hälse, das versprach, einen Anpassungsdruck zu erzeugen, der Europa wie von selbst zu dem einheitlichen Bundesstaat werden lassen würde, den George Bush sen., Helmut Kohl und Francois Mitterand gern geschaffen hätten, um sich für alle Zeiten einen festen Platz in den Geschichtsbüchern zu sichern.

Der Euro, die größte und erfolgreichste Gemeinschaftswährung der Welt seit dem sowjetischen Rubel, versprach Wohlstand für alle, ein Ende ungleich verteilten Reichtums und eine feste Basis für eine gelenkte Demokratie neuen Typs, bei der einige wenige handverlesene gute Demokraten nach reiflichem Überlegen „vor einer Wahl entscheiden, wer diese gewinnt und wer kandidiert”, wie US-Botschafter Richard Grenell beschreibt.

Dass nach Jahren permanenter Rettungsversuche nicht viel vom anfangs seriösen Ruf der Gemeinschaftswährung übriggeblieben ist, werden Leser*Inninnen und Leser einheimischer Presseerzeugnisse kaum bemerken. Hier gilt das große Euro-Experiment mit 400 Millionen Teilnehmern immer noch als ebenso mutig wie wegweisend. Weder die stagnierende Wirtschaft in den Randländern noch die Verschiebung der Machtverhältnisse zugunsten des Großgläubigers Deutschland ist ein Thema.

Nur die Westpresse, aller Anleitung und Führung aus den Wandelgängen der Macht ledig, versucht immer mal wieder, Zweifel am Segen eines Euro für alle zu wecken, an dem Schweiz, vor vier Jahren nach einer europafeindlichen Volksabstimmung zur Zuwanderung als erster europäischer Staat aus der Gemeinschaft der zukunftsgewandten Nationen aussortiert, eben bis heute nicht teilhaben darf.

Wie es jetzt die Basler Zeitung tut, in einem Rant, der kaum eine gute Faser am Geld der meisten EU-Bürger lässt: Als "Zombie-Währung ohne Zukunft" denunziert Autor René Zeyer die dysfunktionale und nicht reparierbare Währung, die einem Nachttopf gleiche, "bei dem der Henkel innen angebracht ist. Weil unterschiedliche Fiskal- und Finanzpolitik nur innerhalb der gleichen Währung funktionieren, wenn es Sanktionen bei Nichteinhalten von Regeln und ausgleichende Maßnahmen gibt, sei der Euro zum Untergang verurteilt, egal, wie viele Rettungsversuche noch unternommen würden. Niemand glaube mehr daran, dass ursprünglich vereinbarte Abmachungen eingehalten würden. "Euro-Regeln wie die von Maastricht wurden schon vom dritten Euro-Mitglied, Italien, beim Eintritt nicht eingehalten; Verstöße dagegen wurden noch nie sanktioniert."

Der einzige Ausweg wäre es, aus einem Euro, den mehrere Länder in jeweils eigener Verantwortung nutzen, einen Euro zu machen, der über eine Schuldenunion Guthaben und Verbindlichkeiten neu verteilt. Die einen würden dann haften und zahlen, die anderen leistungslos an einem Wohlstandsniveau partizipieren, das sie nicht selbst erarbeiten müssen.

Deutsche Politiker aber haben inzwischen erkannt, dass sie der Versuch einer solchen Vertiefung der europäischen Einigung die Macht kosten würde. Eine Situation, in der es keinen Ausweg, sondern nur ein beständiges weiteres Erkaufen von Zeit gibt, als werde die die Todeswunde des wandelnden Toten eines Tages wie von selbst heilen. Anders aber geht es nicht, so René Zeyer, denn die Regierenden in der EU wollten auf keinen Fall zugeben, "dass sie einen fundamentalen Fehler begangen haben und ihn wider besseres Wissen seit fast 20 Jahren fortschreiben".

Das sollen dann bitte doch lieber spätere Generationen erledigen.

Samstag, 14. Juli 2018

Leitmedien: Altpapier mit entsetzlicher Klimabilanz

Immer am Mittwochmorgen ist es in einer Druckerei in Ahrensburg bei Hamburg soweit. Jörg Lörinczy greift in das Band, auf dem in der nächsten Stunde 60.000 Exemplare der Wochenzeitung "Die Zeit" vorbeirattern werden, und nimmt sich einen der ersten Andrucke der Zeitung. 

Ein Blatt, das der Aufklärung verpflichtet ist, dem Kampf gegen Fake News, Populismus und Klimawandel. Rund 500.000 Exemplare druckt Lörinczy jede Woche, 26 Millionen im Jahr. Jedes einzelne Exemplar wiegt inklusive Werbebeilagen rund 1,2 Kilogramm, im Jahr werden mehr als 30.000 Tonnen Papier allein von der ökologisch aufgeklärten und zum Kampf gegen Trump und andere Klimaleugner entschlossenen "Zeit" verbraucht. Selbst einen recht hohen Anteil an Recyclingware eingerechnet arbeitet das Hamburger Blatt damit kräftig mit beim weltweiten Anheizen der Klimakatastrophe, vor der die fleißigen "Zeit"-Reporter und -Kolumnisten so oft und so engagiert warnen.

Millionen Tonnen für den Untergang


Sie sind nicht die einzigen. Auch zahllose andere Zeitungen und Magazine versuchen, mit der Feder in der Hand gegen den Untergang der Zivilisation wie wir sie kennen anzuschreiben. Um die Botschaft zum Empfänger zu bringen, werden allerdings jährlich mehr als zwei Millionen Tonnen Papier verbraucht - für das Klima unserer erde eine mörderische Angelegenheit, denn die Produktion einer Tonne Papier benötigt genau so viel Energie wie die Herstellung einer Tonne Stahl, hinterlässt aber trotz hoher Recyclingquote irgendwo auch immer ein Loch in einem Wald. Tausend Kilogramm CO2 braucht die Herstellung einer Tonne Papier, auf zwei Millionen Tonnen kommen Leitmedien in Deutschland jedes Jahr - das entspricht dem kompletten CO2-Ausstoß von Island.

Damit ist die Papierindustrie der weltweit fünftgrößte industrielle Energieverbraucher, angetrieben auch von Leitmedien, die am gedruckten Wort festhalten. Hinzu kommen die Transporte von Rohstoffen und Fertigprodukten und - wie bei der "Zeit" - ein Hang dazu, das eigene Fertigprodukt in ökologisch verbrecherische Plastiktüten zu verpacken.

Verheerend für die Erde


Besonders verheerend für die Erde, die wir von unseren Enkeln nur geborgt haben: Die gewaltige Altpapierlawine, die Tages- und Wochenzeitungen in einer unendlichen Folge in Gang gesetzt haben, ist meist nur tagesgültig, schon am nächsten Tag sind die Nachrichten "von gestern" und damit nicht mehr zu gebrauchen. Anja Müller, Vorsitzende der Umweltschutzorganisation „Luftholen ohne Lesen“ (LoL) hat jetzt eine enthüllende Untersuchung zu dieser dunklen Seite der freiheitlichen Presse veröffentlicht: „Für die Herstellung werden Bäume gefällt, Papier hergestellt und hierher geschafft", verweist sie auf das Gebäude einer großen Burda-Druckerei nebenan. Danach werde das Papier bedruckt und als Luxusware an Menschen aufgeliefert, die zumeist mindestens der Mittelschicht angehören, die gelieferte Zeitung oder das gelieferte Magazin . "Das ist eine enorme Verschwendung von Ressourcen und alles andere als nachhaltig.“

In den Berechnungen, mit denen die Medienbranche ihre Nachhaltigkeit beweisen möchte, tauchten solche Posten überhaupt nicht auf, kritisiert sie. Man treibe deshalb regelrechten Betrug. Auch die renommierte "Zeit" mache mit - der eigene Ressorcenverbrauch kommt in großen Analysen zur Umweltfeindlichkeit der westlichen Lebensart gar nicht vor. Müller wirft der Branche vor, sich „mehr für ihre eigenen Profite als für unseren Planeten zu interessieren“. Dass die Auflage deutscher Zeitungen seit Jahren schrumpft, tröstet die Aktivistin kaum.

Bis ans Ende der Welt


Jeder Tag, an dem schwergewichtige Produkte wie die "Zeit" oder die SZ, die FAZ oder der "Spiegel" erschienen, würde sie auch per Lufttransport bis in die entlegendsten Orte der Welt geflogen, als könnten deutsche Urlauber dort nicht auch mal ein paar Tage überleben, ohne den Anti-Trump-Kampf von Karl Doemens, Jakob Augstein, Georg Restle, Stefan Kornelius und ‎Klaus Brinkbäumer lesend zu begleiten. Auf dieser Basis errechnete LoL nun für den Lufttransport in die vier wichtigsten Exportländer einen Klimagasausstoß zwischen 5,3 und 6,3 Kilogramm CO2 pro ein Kilo Zeitung. Das entspreche einem jährlichen Klimagasausstoß von fast 100.000 Tonnen. Was vergleichsweise so viel sei, wie aus dem Auspuff von einer 50.000 Benzinautos jährlich freigesetzt werde.

Besonders perfide: Weil es sich um internationalen Flugverkehr handelt, taucht der Flugfrachtposten in der deutschen Klimabilanz nicht auf.

Modetrend Reichsbürger: 300 Seiten gegen die Gefahr


Akute Gefahr Reichsbürger! In Brandenburg reagiert das Innenministerium auf die wachsende Reichsbürger-Szene mit einem neuen Buch, indem sich Behörden über die Umtreibe der Kaisertreuen informieren können. Das ist auch dringend nötig, denn die Mitgliederzahlen der Bewegung in der Mark explodieren förmlich, seit immer mehr und immer öfter über den perversen Modetrend berichtet wird. Wurden im vergangenen Jahr noch 440 sogenannte Reichsbürger in der Mark gezählt, so sind es derzeit 600. Ein Zuwachs von 36 Prozent in nur einem Jahr – hält dieser Trend, gäbe es in zehn Jahren schon 13.000, in 20 Jahren 300.000 und in 50 Jahren 2,8 Milliarden Reichsbürger allein in Brandenburg.

Frank Nürnberger, der Chef des brandenburgischen Verfassungsschutzes, kennt die Bedrohung und mit der überarbeiteten der 3. Auflage des Handbuchs „Reichsbürger“ tut er ganz konkret etwas dagegen. Der 300-Seiten-Ratgeber zeigt Verwaltungen, wie sie mit den Extremisten, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung und damit die Bundesrepublik und ihre Behörden widerrechtlich ablehnen, umzugehen haben: Nicht provozieren lassen, klare Kante zeigen, standhaft bleiben, kein Wort glauben.

Wie notwendig das ist, zeigt die Zahl der Straftaten, die Mitglieder der Szene begingen. 2017 zählte die Polizei in Brandenburg insgesamt 70 Delikte, in diesem Jahr bereits 17. Darunter sei alles: von der Widerstandshandlung, über die Bedrohung bis hin zur Körperverletzung, sagte Olaf Berlin vom Landeskriminalamt, der hofft, den Reichsbürgeranteil an der brandenburgischen Gesamtkriminalität von 175.000 Straftaten  von derzeit 0,04 Prozent mit Hilfe des überarbeiteten Ratgebers senken zu können.

Gelinge das nicht, helfe nur noch eine biologische Lösung. Reichsbürger seien heute in der Regel 40 bis 50 Jahre alt und hätten meist eine zerstörte Familienbiografie, sagte Dirk Wilking vom Brandenburgischen Institut für Gemeinwesenberatung und der Herausgeber des Handbuchs. Angesichts der normalen Alterung und der Nachwuchssorgen, die auch die Reichsbürgerbewegung durch die zunehmende Entleerung der Weiten Brandenburgs hat, könne in 30 bis 40 Jahren mit einer natürlichen Lösung des Problems gerechnet werden. Da es bei den Reichsbürger „viele Bankrotteure und gescheiterte Existenzen“ gebe, sei auch nicht mit einer überdurchschnittlichen Lebenserwartung der Verdächtigen zu rechnen.

Freitag, 13. Juli 2018

Zitate zur Zeit: Hundert Griechenlands

Nigeria lag noch 1980 beim Pro-Kopf-Einkommen dreimal höher als in China. 2018 steht es knapp 5:1 für China. Den Absturz aus einer dreifachen Überlegenheit in eine fünffache Unterlegenheit will die Bundeskanzlerin mit 300 Millionen zusätzlichen Euro rückgängig machen. Damit will sie Afrika nebst Nigeria in die Weltmärkte führen, also attraktive Arbeitsplätze für dadurch daheim bleibende Jünglinge schaffen.

Diese Summe beträgt etwa ein Tausendstel dessen, was seit 2010 für die Rettung Griechenlands bereitgestellt wurde. Gleichwohl trifft man Hellas (Cognitive Ability 94 mit fallender Tendenz) auf den Weltmärkten heute noch seltener als vor dieser Operation. Subsahara-Afrika entspricht demografisch jedoch hundert Griechenlands. Wie soll mit einem Tausendstel das Hundertfache geschafft werden?

Gunnar Heinsohn analysiert die Chancen des deutschen Planes, Fluchtursachen zu bekämpfen

EU-Nationalmannschaft: Israel sorgt wieder für Probleme

Gemeinsame europäische Lösungen, sie sind das Gebot der Stunde, der Tage, ja, der gesamten Zeit. Das hat nach Bundeskanzlerin Angela Merkel auch die EU-Kommission erkannt, die deshalb in der vergangenen Woche Pläne öffentlich machte, nach der laufenden Fußball-Weltmeisterschaft in Russland neue, gemeinsame Wege für den Fußball in Europa und speziell in der EU zu suchen. Ab 2020 soll, so steht es in der EU-Verordnung BKSport 08/2018, nicht mehr jedes Mitgliedsland für sich auf Torejagd gehen, sondern eine gemeinsame Fußballmannschaft aus allen 27 Mitgliedsstaaten diese Aufgabe übernehmen.

Die im Mai beschlossene "Verordnung über die Annäherung der Fußballnation Europa" legt fest, dass zur Qualifikation zur nächsten Weltmeisterschaft in Katar statt einer Vielzahl von Nationalmannschaften der einzelnen Mitgliedsstaaten der Union nur noch eine einheitliche EU-Nationalmannschaft an den Start geht. Dies solle, so der deutsche Kommissar Günther Oettinger, alte, nationalistische und völkische Zöpfe abschneiden. "Will die EU den Weg zu mehr Europa weitergehen, dann darf es auch im Bereich des Sport kein Tabu, sondern nur noch ein gemeinsames Identifikationsangebot für alle Bürgerinnen und Bürger in den Mitgliedsstaaten geben.

Fifa hat Angst  vor Israel


Das Echo auf die mutige Initiative aus Brüssel war durchaus wohlwollend, wenn auch kaum Begeisterung aufkam. Eine Umsetzung nach dem beschlossenen Zeitplan schien ausgemacht. Doch nun schießen ausgerechnet die Israelis quer - beziehungsweise der internationale Fußballverband Fifa, dessen Funktionäre im Ausscheiden von 27 europäischen Verbänden, für die künftig nur noch der Gesamtverband EU antreten würde, ein Problem wittern, das Oettinger, Juncker und die übrigen Kommissare offenbar nicht vorhergesehen haben.

Konkret geht es um Israel, das seine Qualifikationsspiele für internationale Meisterschaften bislang nicht in der geografischen Region bestreitet, zu der das Land gehört, sondern verwaltungstechnisch nach Europa sortiert wurde. Dafür gibt es zwei Gründe: Einmal bleibt es den arabischen Nachbarn des Judenstaates so erspart, in Qualifikationsrunden zu Pflichtspielen gegen Israel antreten zu müssen, die die meisten muslimischen Mitgliedsstaaten der asiatischen Fußballkonföderation boykottieren würden. Und zudem verhindert die starke europäische Konkurrenz seit Jahrzehnten erfolgreich jeden Versuch der Israelis, an einer WM-Endrunde teilzunehmen, bei der nicht auszuschließen wäre, dass Paarungen wie Saudi-Arabien gegen Israel, Iran gegen Israel oder gar Palästina gegen Israel zuständekämen.

Das wäre ein Katastrophe für den Weltfußball, der bislang stillschweigend akzeptiert, dass seit 1974, als Israel ein Freundschaftsspiel in Teheran mit 1:0 gewann, keine arabische oder persische Mannschaft mehr gegen eine jüdische Auswahl antrat. 44 Jahre gedeihlichen Nebeneinanderherkickens, in denen die generelle Weigerung arabischer Fußballverbände, gegen Juden anzutreten, nie zum Thema werden musste. Schweigend duldeten Fußballfunktionäre und Politik den faktischen Boykott der arabischen Staaten gegen Israel, indem Spielpläne und Qualifikationsgruppen stets so geschnitten wurden, dass keine Pflichtspiele zwischen Arabern und Juden gespielt werden mussten.


EU-Mannschaft beschwört Gefahr herauf


Das aber, fürchtet man in Zürcher Hauptquartier der Fifa, würde sich ändern, gelänge den Israelis gegen die nach dem Rückzug von 26 europäischen Nationalmannschaften verbliebende Nicht-EU-Konkurrenz etwa von Norwegen, Andorra, Moldawien und San Marino eines Tages eine WM-Qualifikation. Der in den Mitgliedsverbänden aus der arabischen Welt traditionell gehegte und gepflegte Antisemitismus würde offen zutage treten, die Fifa müsste gegen geachtete Mitglieder wie Katar, die VAE, den Oman oder den Irak vorgehen.

Unfrieden auf der Fußballbühne drohte, die für die Winter-WM in Katar geplanten Rekordeinnahmen des Weltverbandes wären in Gefahr. In Zürich sind die Reaktionen auf das Rückzugsangebot der EU-Länder, die immerhin 26 ihrer bisher 27 potentiellen Startplätze für internationale Qualifikationsrunden aufgeben wollen, deshalb mehr als verhalten. Wie vor drei Jahren, als Reformkräfte aus 23 Fifa-Mitgliedsstaaten versuchten, mit der Gründung des neuen Weltverbandes Mixed Internationale de Football Association (Mifa) ein Ende der von der Fifa gepflegten mittelalterlichen Segregation entlang der Geschlechtergrenzen herbeizuführen, nutzt der größte und finanzkräftigste Sportverband der Welt seine Macht, um jeden Reformversuch zu unterbinden.


Donnerstag, 12. Juli 2018

Armut: Arbeitslose Familien sind häufig arm

Niemand ahnte es, über Jahrzehnte hinweg. Doch eine Untersuchung des Thinktanks Bertelsmann-Stiftung deckte jetzt schonungslos auf: Arbeitslose Familien sind häufiger arm als reiche, armutsgefährdeter als andere mit zwei arbeitenden Elternteilen sind auch Familien, in denen nur der Vater arbeiten geht.

Schon wenn eine Mutter keine Arbeit hat, sind die Einkommensverhältnisse der Betroffenen laut der Studie besonders gefährdet, in die Armut abzurutschen. Bei Elternpaaren sei in diesem Fall mehr als jede zweite Familie (62 Prozent) armutsgefährdet, erklärte die Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh. Noch gravierender ist die Situation bei alleinerziehenden Müttern: Habe hier die Mutter keine Arbeit, wirke sich das Fehlen des berufstätigen Vaters noch stärker aus. In solchen Fällen herrscht fast immer (96 Prozent) Armut, erklärte die Stiftung.


Als arm gelten in der Studie Familien, die mit weniger als 60 Prozent des mittleren  Haushaltsnettoeinkommens auskommen müssen, weil sie nicht mehr Einkommen haben. Dazugezählt werden alle, die staatliche Grundsicherungsleistungen wie Hartz IV beziehen. Die Stiftung bemerkt eine Dualität: Wenig Geld zu haben, bedeute oft, nicht viel mehr als das ausgeben zu können, was zur Verfügung steht. Armut in Deutschland bedeute in der Regel nicht, obdachlos oder hungrig zu sein, erklärte die Stiftung. Die Kinder würden jedoch materielle Entbehrungen und weniger soziale Teilhabe erleben, weil vorhandene Fördermöglichkeiten einfach nicht genutzt werden.

Wo kein Einkommen, da kein Geld, wo kein Geld, da oft keine Lust, welches zu beantragen, so der überraschende Schluss der Studie.  Kinder und Jugendliche aus finanziell abgesicherten Haushalten sind zu mehr 75 Prozent in Vereinen aktiv, Kinder aus ärmeren Familien dagegen trotz Kostenübernahme durch den Staat nur zu 40 Prozent. Doppelt so viele aus ärmeren Familien als aus finanziell abgesicherten Familien nehmen nach eigenen Angaben nicht an Freizeitaktivitäten ihrer Wahl teil, weil sie ihre Armut daran hindert, Anträge auf Kostenübernahme nach dem Bildungspaket-Gesetz zu stellen.

Grüne Physik: Elektroauto mit Metall-Luft-Batterie

Der "Redux", das aus Dunkeldeutschland stammende erste emissionslose Oxidationsauto.
Grüne Physik erobert seit ihrer Begründung durch die amtierende Grünen-Spitze mit Robert Habeck und Annalena Baerbock immer mehr Lebensbereiche, sie speichert Strom, schafft Frieden und schont die Ressourcen weltweit, lässt die Völker ihre nationalen Kachelöfen verlassen und sich ganz der globalisierten Arterhaltung widmen.

Eine Lücke klaffte bisher noch bei der Mobilität, einem gesellschaftlichen Feld, das heute mehr denn je im Fokus steht. Doch auch hier schaffen sich umweltfreundliche Technologien immer mehr Raum und private Innovatoren zeigen den multimilliardenschweren Modernisierungsverweigerern aus dem Dax, wie Zukunft geht. Der aus der Junckers-Stadt Dessau stammende Erfinder Jens Urban, bekannt geworden durch seinen Atommüll-Ofen, hat jetzt die Batterietechnologie der Zukunft entdeckt: Die Metall-Luft-Batterie, die bisher nur in Kinderspielzeugen verwendet wurde.

"Doch solche Batterien zeichnen sich durch eine besonders hohe Energiedichte aus", erläutert der Tüftler, "Zink-Luft-Batterien sind beispielsweise schon lange in Hörgeräten im Einsatz." In den kleinen, ganz auf grüner Physik beruhenden Teilen reagiert Zink mit Sauerstoff. Das heißt in der Praxis, dass Elektroautos leichter werden und weniger oft und die Steckdose müssen, wenn sie von einer solchen Batterie angetrieben würden, denn die Batterie besteht nur aus drei Teilen: einem Magnesium-Blättchen, einer Membran und einer Kathode. "Hinzu kommt als Elektrolyt Wasser mit etwas Kochsalz, fertig", sagt Urban.

Im Kinderspielzeug funktioniert das sehr gut: Beim Entladevorgang wird das Metall mit Luftsauerstoff in Salzwasser als alkalischen Elektrolyten oxidiert, eine gewöhnliche Reduktions-Oxidations-Reaktion, kurz Redoxreaktion, wie sie auch nicht-grünen Physikern bekannt ist. Elektronen werden auf einen anderen übertragen, wobei ein Überschuss an Elektronen frei wird und damit Energie, die als Antrieb dient. Jens Urban macht sich das Prinzip zunutze, in dem er die Oxidationsprozesse einfach auf eine höhere Ebene überträgt: Statt 80 Gramm wiegt sein E-Auto, das er "Redux" nennt, 800 Kilogramm, die Länge beträgt knapp sechs Meter, alle Materialien des als Bausatz vertriebenen Fahrzeuges sind umweltfreundlich und enthalten keinerlei toxische Substanzen.

Mit jedem Magnesium-Blättchen kann der "Redux" bis zu vier Stunden lang ununterbrochen fahren. Im Lieferumfang enthalten sind drei Magnesium-Blättchen. Ist eines verbraucht, muss ein neuer "Brennstab" eingelegt werden. "Im Grunde sind die Blättchen das Benzin des Redux", sagt der Erfinder stolz. Die Luft ist kostenlos, die zur Energieanwendung notwendigen Elektronen sind es auch. "Und die Magnesium-Blättchen können kostengünstig nachbestellt werden."

Setzt sich Urbans Idee durch, wäre Deutschland nach langer Zeit wiedereinmal Vorreiter in grüner Mobilität.

Mittwoch, 11. Juli 2018

Zitate zur Zeit: Betroffene Perspektive


Die meisten Handlungen des römischen Militärs kommen einem wie Verbrechen vor, wenn man von ihnen betroffen ist.


Stephen Baxter, Ultima

Kampf gegen Müll: EU verbietet Kleideretiketten

Sie sind lästig, gesundheitsschädlich, werden oft verflucht und noch öfter sofort nach dem Kauf in den Mülleimer geworfen: Die oft drei- oder gar vierfach gestapelten Pflegehinweis-Etiketten, die Hersteller nach europäischer Vorschrift in jedes Hemd, jede Jacke, jede Hose und jedes T-Shirt nähen müssen, haben augenscheinlich keinen Sinn, weil niemand sie je liest, die auf ihnen enthaltenen Warnhinweise völlig zweckfrei sind und die Pflegetipps längst allgemein bekannt. 2011 hatte die EU ihre Vorgaben für die gesetzestreue Bezeichnung von Textilfasern und die damit zusammenhängende Etikettierung und Kennzeichnung der Faserzusammensetzung von Textilerzeugnissen in der sogenannten EU-Textilkennzeichnungsverordnung noch einmal verschärft: Auf 64 Seiten war seitdem exakt vorgegeben, wie Textilfasern zu bezeichnen, wie die Etikettierung und Kennzeichnung der Faserzusammensetzung zu erfolgen und wie die Kennzeichnung nichttextiler Bestandteile tierischen Ursprungs wie etwa Leder zu erfolgen hat.

Mehrere tausend EU-Mitarbeiter hatten die weltbeste Vorschrift über die Etikettierung von Fasern für alle Verbraucher in der Union gewährleistet über Jahre hinweg vorbereitet, um sicherzustellen, dass der erste Arbeitsschritt zur Aneignung eines Hemdes oder T-Shirts darin besteht, mit einer Schere vorsichtig zwischen drei und neun großformatige Etiketten aus einer Innennaht zu schneiden. Der Verbraucher sollte dadurch in die Lage versetzt werden, sich ein ausreichendes Bild über die Qualität, Verwendbarkeit und insbesondere die textile Zusammensetzung der von ihm erworbenen Textilerzeugnisse machen zu können. Mit Hilfe der Vereinheitlichung der Vorschriften durch die neue Europäische Textilkennzeichnungsverordnung gelang es, eine Vielsprachigkeit durchzusetzen, für die ein Etikett nicht mehr ausreichte.

Das aber gefällt in Brüssel nun auch wieder nicht mehr. Im Kampf gegen die wachsenden Müllberge scheint die EU-Kommission entschlossen, nach Strohhalmen und Ballonhaltern nun auch ausufernde Etikettexzesse in Kleidungsstücken verbieten. Das, so heißt es in Brüssel, trage auch zum Gesundheitsschutz unmittelbar bei, denn vom Verbraucher nicht rechtzeitig entfernte Kleidungsetiketten werden häufig für wunde, juckende Stellen am Körper verantwortlich gemacht.

Das Ausmaß des Problems hatte die EU-Kommission von ihren Experten berechnen lassen: Rund eine Milliarde etikettierte Kleidungsstücke werden jährlich allein in Deutschland verkauft. Die damit in Umlauf gebrachten Etiketten würden das Saarland zirka viermal komplett bedecken, eine Baumwollmenge von mehr als 5000 Tonnen fliegt jährlich ungenutzt sofort nach dem Erwerb in die Mülleimer der Deutschen. Europaweit sind es sogar fast 30.000 Tonnen bester Stoffqualitäten, die der Verordnung Nr. 1007/2011 der EU vom 27. September 2011 geopfert werden müssen, ohne dass bisher auch nur in einem einzigen Fall ein Nutzen nachgewiesen wurde.

Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen, findet EU-Kommissions-Vizepräsident Frans Timmermans. Er hat von Experten prüfen lassen, welche Kosten die EU-Etikettenvorschrift bei den europäischen Verbrauchern verursacht. Beim derzeitigen Baumwollpreis seien das etwa zehn Millionen Euro im Jahr, deren einziger Effekt höhere Müllberge, schmutzigere Flüsse und verseuchte Meere sind. Deshalb will die EU-Kommission jetzt ran an ihre eigene Etikettenvorschrift: Ausufernde Etikettexzesse will die Kommission nun verbieten lassen - soweit sie sich problemlos und preisgünstig ersetzen lassen. "Es ist wichtig, dass wir den Gebrauch dieser Produkte massiv einschränken."

Bereits Anfang Mai hatte ein erster durchgesickerter Gesetzentwurf der Brüsseler Behörde für Diskussionen gesorgt. Nach nur sieben Jahren geht die EU eine Vorschrift an, die sie selbst über fast ein Jahrzehnt entworfen, beraten, beschlossen und in allen Mitgliedsstaaten in Kraft gesetzt hatte. Ddoch die Kommissare blieben fest, sie wackeln nicht, wie das ARD-Studio Brüssel erfuhr. Richtig so, meint der Grüne EU-Parlamentarier Bas Eickhout: "Es gibt gute Gründe dafür, diese Dinge zu beschränken, weil die wirklich am Ende sehr sichtbar in der Natur landen."

Einen möglichen Aufschrei der Verbrauchern, Brüssel wolle ihnen Informationen über gekaufte Textilien vorenthalten, versucht die Kommission durch das Argument zu entkräften, dass auf Außenverpackungen entsprechende Warnhinweise vor Baumwolle, Elastan und Co. aufgedruckt werden könnten. Das erübrige die Verwendung wertvoller Textilien für Einmal-Etiketten. Die Bundesregierung jedenfalls signalisiert Zustimmung: "Da, wo man textile Etiketten heute schon gut ersetzen kann, da sollte man das auf europäischer Ebene regeln und schrittweise aus dem Verkehr nehmen", sagt Bundesumweltministerin Svenja Schulze im ARD-Interview. Sie mahnt zudem ein stärkeres Recycling von Etiketten an, die noch vernäht seien.

Der Gesetzesvorstoß der Kommission wird nun mehrere Jahre lang mit den Einzelstaaten und dem EU-Parlament verhandelt werden. Am Ende steht dann aber wie immer eine umfassende, nachhaltige und weitblickende Lösung, die vielleicht schon vor der übernächsten Europawahl beweist, dass Europa nicht mehr gewillt ist, der Verschmutzung der Weltmeere und der Belastung der Umwelt tatenlos zuzusehen.

Dienstag, 10. Juli 2018

Staatsverfall: "Recht ist nur Pappe"

Menetekel Ellwangen: Das brutale Durchgreifen der Staatsmacht gegen einige wenige aufmüpfige Geflüchtete erschüttert den Rechtsstaat.
In einem sind sich die extreme Linke und die extreme Rechte nach dem inzwischen längst vergessenen Vorfall von Ellwangen einig: Der Staat hat versagt, denn er hat nicht hart genug oder aber übertrieben hart durchgegriffen, um ein Problem zu lösen, das keines ist.

Dieses Staatshandeln aus Verlegenheit war unverhältnismäßig und nur für Hetzer, Hasser und Zweifler Grund zur Empörung, die die Realität verzerrt. In der Nachsorge des Vorfalls geht es nun darum, bleibenden Schaden vom Gemeinwesen abzuwenden und dem vor aller Augen vonstatten gehenden angeblichen oder angeblich nicht existierenden Autoritätsverfall bei Polizei und Gerichten die Kraft abzusprechen, zu juristischer Anarchie führen zu können.

Eine Beschwörung von zwei Seiten, hier die, die den Untergang des Abendlandes herangewittern sehen. Dort die, die dessen zunehmende Brutalisierung zu Signalzwecken beklagen.

Eine Landbereisung zeigt: Schlimm ist es sicher. Aber so schlimm auch wieder nicht.

PPQ-Reporterin Svenja Prantl war mit dem E-Bike an den Brennpunkten eines neuen Deutschlands unterwegs, in dem sich kaum ein Vorwurf erhärtet.


Prantl vorm Start ihrer Tour.
Unter den Augen der Polizei machen Schwarzhändler auf dem Cotti in Berlin ihre krummen Geschäfte. Kein Ordnungshüter schreitet ein, wenn Grasverkäufer 100 Euro kassieren, Crystal in einer Ecke anbieten oder Taschendiebe mit flinker Hand in eine fremde Tasche langen. Die Hausfrau Sibylle K. hatte sich, wie sie der Jungen Welt, ehedem Organ der "Freien Deutschen Jugend" (FDJ) kürzlich anvertraute, "aus Daffke" an dem gesetzwidrigen Kleinhandel beteiligt. In Tschechien verschafft sie sich seit letztem Jahr einmal im Monat einen Vorrat an C, wie sie das Aufputschmittel aus der Hitlerküche nennt. Die Beschaffungsfahrten findet sie "richtig aufregend": Gerade als wieder ein paar Scheine und ein Tütchen die Besitzer wechselten, erzählt sie, "kamen neulich zwei Polizisten vorbei", die aber "höflicherweise wegschauten".

Höflichkeit statt Eingreifen


Die neue Freundlichkeit schützt die Ordnungshüter vor unangenehmer Arbeit. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen - nach der Devise verfährt die deutsche Polizei, um Konfrontationen mit den Bürgern zu vermeiden. Die Knüppelgarde von einst, die unnachsichtig jede Rechtsverletzung ahndete, macht kaum noch Anstalten, das Recht durchzusetzen. Nach einem Einbruch erscheinen sie, Kugelschreiber in der Hand, öffnen den Keller, in dem der Hausbesitzer den Einbrecher gefangengenommen hat, schütteln den Kopf und lassen den Dieb nach Aufnahem der Personalien gehen. Als das Einbruchsopfer sich erregt, das der Verbrecher nun weitermachen könne, sagt der Beamte kühl: "Hätten Sie ihn ordentlich vermöbelt, dass er nicht mehr krauchen kann - aber das müssen Sie machen, bevor wir kommen."

Mit ihnen zieht die neue Zeit. Die Polizei sieht weg, wenn Neonazis bei Demonstrationen die Arme zum Hitler-Gruß recken, sie lassen es geschehen, dass fliegende Händler aus der ganzen Welt eine ganzen Park zum Drogenkaufhaus machen, dass EU-Bürger aus osteuropäischen Staaten Gewerbescheine anmelden, um Sozialleistungen für komplette bulgarische Dörfer zu erschleichen, sie verschließen die Augen, wenn reisende Banden Vorortsiedlungen planmäßig ausplündern, und sie notieren auch den 400. Messerangriff als Einzelfall, der mit nichts zu tun hat.

In Flure uriniert und Bänke angesägt


Als neulich nachts ein Schlägertrupp im Berliner Stadtbezirk Friedrichshain Haustüren aufbrach, in die Flure urinierte, Sitzbänke ansägte, an parkenden Autos Antennen abbrach und Bewohner bedrohte, riefen Bürger vergebens nach Schutzleuten. "Die alarmierte Polizei", kritisierte die Berliner Zeitung anschließend, "ließ tapfer die Telefone klingeln, während berauschte Randalierer umliegende Häuser zerlegten."

Maya Weichmann aus Hildesheim schilderte vorige Woche in einem Leserbrief im ehemaligen SED-Zentralorgan Neues Deutschland, wie die Polizei in Ellwangen einen Schlägertrupp laufenließ. Zornig über die geplante Abschiebung eines Bekannten, so die geschockte Hausfrau, hätten einige junge Flüchtlinge auf Fahrzeuge der Polizei eingeschlagen. Am selben Tag gehen im gutbürgerlichen westdeutschen Göttingen sogenannte "Gruppen" aufeinander los, zwei Verletzte müssen ins Krankenhaus. Nachdem in Berlin "Männer" einen 24-Jährigen brutal angreifen, beginnen Polizei und Justiz schließlich neun Monate später, intensiv nach dem Täter zu suchen.

Als der Bruder des Opfers sich auf einem Polizeirevier über die lange Zeitdauer bis zur Strafverfolgung beschwert, belehrt ihn der Diensthabende, mit solchen Vorkommnissen "müssen wir jetzt rechnen". Man sei überlastet, viele Kollegen hätten "wahrscheinlich etwas anderes zu tun", viele seien krankgeschrieben, noch in der Grundausbildung oder mit der Erstellung und Änderung von Verbrechensstatistiken beschäftigt.

Straffes Durchgreifen als Sehnsucht


Die deutsche Polizei, die in DDR-Zeiten "durch zu straffes Durchgreifen" aufgefallen sei, höhnt das damalige Staatsorgan Junge Welt, laufe "jetzt Gefahr, sich lächerlich zu machen". Die Bürger verlören das Vertrauen, sekundieren rechte Publizisten, kaum gelingt es ihren linken Gegenspielern noch, den Rechtsstaat zumindest mit spitzer Feder zu verteidigen. Eine "Identitätskrise der Polizei" erkennt der Greifswalder Bauarbeiter Lutz Lehmann, dem Unbekannte vor Kurzem in Berlin das Auto zerkratzt haben. Die Polizei sei in der Vergangenheit oft "für sachfremde Aufgaben eingesetzt" worden, dann habe die Kanzlerin erklärt, man können gegen viele unschöne Erscheinungen gar nichts machen, etwa die Grenze schützen. Den Polizisten, so Lehmann entschuldigend, müsse erst wieder "das notwendige Selbstbewusstsein zurückgegeben" werden.

Die "Ereignisse um den G20-Gipfel" im vorigen Jahr, als Polizisten mit brutaler Härte gegen Demonstranten vorgingen, obwohl viele von denen ganz friedlich waren, "sitzen noch tief beim Polizisten", sagt Hauptwachtmeister Adalbert Hagen, der die verklemmte Haltung seiner Kollegen nicht entschuldigen will. An sich, sagt er, "haben wir noch alle Befugnisse, die wir vorher hatten", und die Polizei müsse eigentlich auch weiter gegen Rechtsbrecher einschreiten, "wenn nötig, mit Gewalt". Doch jeder Polizist, so sagt der Polizist aus Leidenschaft, wie er sich selbst nennt, fürchte, dass "das wieder auf ihn zurückschlägt".Oft genug richten sich Ermittlungen gegen Beamte. "In brenzligen Situationen macht man sich also lieber aus dem Staub."

Doch nicht nur die Polizei leidet unter dem Autoritätsschwund und versucht, ihn durch besonders lasche Tätigkeit wettzumachen. Auch die Justiz fällt durch außergewöhnliche Milde und Nachsicht auf. Täter gelten als "haftempfindlich", Staatsanwälte legen schwierige Fälle einfach beiseite, und viele Richter "trauen sich nicht mehr, die Leute richtig zu verdonnern", lästert der Ost-Berliner Rechtsanwalt Friedrich Wolff, 68, ehemals Vorsitzender der Vereinigung demokratischer Juristen in der DDR und einer der Anwälte des vormaligen DDR-Regenten Erich Honecker.

In Lethargie verfallen


Eine "Legitimationskrise", sagt ein Fachmann, denn die Staatsanwälte würden pauschal "in der Bevölkerung diskreditiert" und seien daher "in eine gewisse Lethargie verfallen". Sie könnten offenbar nicht mehr "den Sinn ihres Tätigwerdens begreifen", wenn nach oft jahrelangen Ermittlungen eher symbolische Urteile gefällt werden, obschon eine allgemein beklagte "neue Stufe der Verrohung" nach klaren Signalen zum Schutz des Gemeinwesens verlangt. .

Staatsanwälte machen keinem mehr Angst. Seit der inzwischen verstorbene Generalbundesanwalt Range Ermittlungen wegen der öffentlich gewordenen Bespitzelung hunderttausender Bürger durch ausländische Geheimdienste einstellte, weil er "keine Anhaltspunkte" für ein strafbares Verhalten sah, gilt die Justiz vielen Bürgern als Witzbehörde, vor deren Macht niemand mehr Furcht haben muss. Und deshalb hat auch niemand mehr Respekt.

Hinzu kommt ein eklatanter Personalmangel: Wenn die Bürger „effektiv“ vor Kriminalität geschützt werden sollten, dann würden 2000 zusätzliche Richter und Staatsanwälte gebraucht, haben Richterverbände errechnet. Beim derzeitigen Personalbesatz kommt nur jede fünfte Straftat vor Gericht, vier von fünf mutmaßlichen Täter kommen so straffrei davon.

Respektsverfall allerorten


Aber es gibt auch andere Gründe, warum Verhandlungen kurzerhand ausfallen. Angeklagte tauchen nicht auf, häufig sind auch Zeugen nicht mehr aufzutreiben, weil sie umgezogen oder gar in ein anderes Land ausgereist sind. Und kommt es doch zu einem Richterspruch, wird der nicht selten ignoriert. "Wenn das Urteil der unterlegenen Partei nicht passt", berichtet ein Richter, "dann wird einfach in Berufung gegangen."

Bürger, die in der alten Bundesrepublik mit preußischem Untertanengeist ihren gewählten Vertretern und den Organen des Staates gehorchten, schlagen plötzlich über die Stränge. Jeder macht, was er will - Beschwerden schreiben, den Rundfunkbeitrag nicht mehr bezahlen, Vorräte für den Notfall anlegen und als Hasstroll durch die Kommentarspalten der Leitmedien irrlichtern. "Allenthalben", klagte das der frühere SPD-Chef Sigmar Gabriel im "Tagesspiegel", habe man „nicht sehen wollen, was zu sehen ist“. Rechtsunsicherheit und Rechtlosigkeit sind die Folge,  Verwaltung, Polizei und Justiz, übten sich im "Schließen der Augen vor unbequemen Realitäten aus Sorge, falsch verstanden zu werden, Beifall von der falschen Seite zu bekommen, aus Mutlosigkeit oder Rücksichtnahme und leider oft auch aus Gleichgültigkeit."

Guter Rat ist teuer. Doch ein Zuwarten könnte noch viel teurer werden.

Nach Motiven von „Das Recht ist nur Pappe“, Spiegel, 18.06.1990,

Die Stromlinienförmigen: Fußball in Zeiten der Identitätskrise

Die deutsche Nationalmannschaft startete gleich mit einer Niederlage in die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Für Fanexperten oder Fußball-Neulinge war das nicht weiter ungewöhnlich, denn die deutsche Mannschaft ist, so die Legende, eine "Turniermannschaft", die sich im Verlaufe großer Fussballversammlungen stets zu steigern weiß.


Das Können sei da, predigten die Berichterstatter, die Klasse, der Wille, die Laufbereitschaft, die Entschlossenheit, zu kämpfen. Kurz: All die Sekundärtugenden, "mit denen man auch ein KZ leiten kann" (Oskar Lafontaine). Was fehlte, war der Mannschaftsgeist: Nur ein Spiel gewonnen, dann auch noch ausgerechnet das, bei dem erstmals seit Jahren nur in der Startformation standen, die die Hymne mitsangen.

Deutschland, so schien es, würde sich wie immer am eigenen Stutzen aus dem Sumpf der fussballerischen Mittelmäßigkeit ziehen. Begleitet von einem als Außenkommunikation getarnten Einheitsbrummen geschwätziger Verschwiegenheit ging es um alles, nur nicht das, worum es ging: Die selbsternannte #Mannschaft, das würden die Fans viel, viel später erfahren, war gar keine. Wie das Land war sie zerrissen, verunsichert darüber, für wen der Nebenspieler wohl eigentlich kickt.

Jung und alt, über die Rentenfrage gespalten, der Trainer nur noch guter Hoffnung, irgendwie so weit zu kommen, dass es in den Augen der Öffentlichkeit reicht. Dann das plötzliche Ende, ein koitus interruptus ohne Erguss, torlos raus gegen Südkorea, ein Land, das auf deutschen Fußballlandkarten eigentlich gar nicht existiert.

Auf einmal splittert es überall. Auf einmal ist kein Plan mehr da. Mehr als ein Jahrzehnt lang war alles rund um den deutschen Fußball gnadenlos durchprofessionalisiert worden. Und nun stehen die Nachfolger des Kaisers aller Kicker nackt da, ratlos in ihrer größten Niederlage, zurückverwandelt in Menschen, statt in Sprechroboter. Mats Hummels sprach auf einmal wieder Sätze mit Inhalt statt emotionsloser Standard-Phrasen vom Frühstücksbuffett der Fußball-Worthülsenfabrik. Der Trainer wirkte sympathisch unkontrolliert im Bemühen, die Kontrolle zu behalten. Aus der Tragödie auf dem Platz war ein Drama im echten Leben geworden. Der Fußball, eine gelackte, polierte Veranstaltung, die durchplanbar und bis ins letzte Siegertränchen kommerzialisierbar schien, erlebte eine Rückverwandlung ins Echte, Authentische, Lebendige.

Es ist das,  was andere Mannschaften der deutschen voraushatten in diesem Weltmeisterschaftsjahrgang 2018. Die Russen, die Japaner, die Kolumbianer, die Schweizer, Uruguayer und Kroaten, die Dänen und die Franzosen - nicht allein die spielerische Klasse und das notwendige Quäntchen Glück ließ sie die Gruppenphase überstehen, sondern auch eine gemeinsame Identifikation mit einem gemeinsamen Ziel: Für ein Land, ein Trikot, eine als solche empfundene Gemeinschaft  anzutreten.

Das Erstaunliche ist: Öffentlichkeit wie Medien akzeptiert dem Umstand, dass es sich bei dieser empfundenen Gemeinschaft in der Regel um eine sogenannte Nation handelt. Man versteht die Gefühlswelt und spendet Verständnis, ja, man ist selbst ein Stück weit Nationalist und sieht im Nationalteam ein Spielbein der eigenen Kindersehnsucht nach Fußballruhm.

Auf einmal ist es grundfalsch, nur Spieler zu haben, die nur Funktionen in einem Mannschaftskörper erfüllen., Auf einmal sollen es Figuren sein, die wie einst Oliver Kahn oder Bastian Schweinsteiger, wie Effenberg, Basler und Ballack Ecken und Kanten haben, die geradeaus ihre Meinung sagen, ohne sie mit dem DFB abzustimmen. Über Jahre hinweg antrainierte Verhaltens- und Sprechmuster aus stromlinienförmiger Tabuisierung aller wirklichen Probleme steht ebenso infrage wie die aus der Politik entlehnte Strategie der #Mannschafts-Führung, Konflikte durch endlos ins Detail gehende Kompromisse zu befrieden.

Identität ist ein Thema, Identifizierung wird verlangt werden, Identifizierung bis zur Inbrunst, mit der etwa die Isländer für ihre Farben sangen und sich in die Bälle warfen. Der Fußballspieler der nächsten Generation wird seine Wirkung als Werbeträger, die letztlich sein finaler Nutzen ist, nicht mehr entfalten können, ohne identisch mit seiner Person zu sein, wie es Özil und Gündogan in jenem seltenen Moment waren, als Özil und Gündogan einen unverstellten Einblick in ihr Seelenleben gaben. Maßstabsetzend.

Montag, 9. Juli 2018

Unglaublicher Willensakt: Dicke Frau ändert ihre Hautfarbe

Es ist ein ganz natürlicher Wunsch, den die Evolution in immer mehr Menschen weckt: Endlich nicht mehr macho, weiß und von gestern sein, nicht mehr alt und Mann, nicht mehr privilegierte Deutsche oder reicher Abendländer. Die Sehnsucht der überversorgten Steuerzahler im satten Europa richtet sich auf Dinge, die bisher stets unerreichbar schienen: Als deutscher Offizier Syrer werden, als Hellhäutiger Dreadlocks tragen oder als Urenkel von Kolonialherren gegen Rassismus sein.

Nachdem Hajek K., als Sohn einer deutschen Familie in Schwedt an der Oder geboren, Anfang des Jahres vor Gericht sein Recht erkämpfte, offiziell als Syrer leben zu dürfen, legt das Molly-Modell Martina Big in der Illustrierten "Stern" nach. Die propere Frau, in einer ersten vergeblichen Karriere an der Idee gescheitert, eine lebendige Barbie-Puppe zu werden, war als Martina Adam im tiefen Westen Deutschlands geboren worden, weißhäutig und blond. Nach dem vergeblichen Barbie-Anlauf dann entschloss sie sich aber, denmit Körbchengröße 70 S überschaubar langen Rest ihrer Lebenszeit als Schwarze zu verbringen. Dazu ließ sich die von 30 absolvierten Schönheits-OPs offenbar schwer geschädigte Wuchtbrumme mit Melanin-Spritzen umfärben.

Nachdem sie sich von einem Baptisten-Pfarrer in Kenia auf den neuen Namen Malaika Kubwa taufen ließ, hat Adam nun bekanntgegeben, dass sie ihre Rasse geändert habe. Sie sei eigens nach Afrika gereist, um mehr über die dortige Kultur zu lernen, was sie vorgefunden habe, habe ihr so gut gefallen, dass sie beschlossen habe, schwarz zu werden.

Ein Black Facing neuer Qualität, weil es bis auf die feinstoffliche Ebene reicht und als moderne Form der gefühlsmäßigen Rückmigration an die Wiege der Menschheit eine gebürtige Europäerin samt ihrer kaukasischen DNA in einen Menschen verwandelt, die ein legitimes Anrecht auf ein Leben als unterdrückte schwarze Frau hat. "Ich verändere nicht nur meine Hautfarbe, sondern ich halte mich für schwarz und beschreibe mich als eine afrikanische Frau – eine stolze Afrikanerin."