Montag, 10. Mai 2010

Gotteskrieger mit Kommaschwäche

Er ist der Helene Hegemann des internationalen Islamismus, ein Gotteskrieger mit ausgeprägter Kommaschwäche, gut am Maschinengewehr, aber ganz schwach bei der Frage, wann er "dass" und wann er doch besser "das" schreiben sollte.

Eric Breiniger zog aus, die Welt von "Kuffar" genannten Ungläubigen zu befreien, er nannte sich "Abdul Ghaffar El Almani" und starb, ehe er sein Lebensbekenntnis "Mein Weg nach Jannah" beenden konnte. Die Glaubensbrüder des gottesfürchtigen Saarländers stellten die in Stunden lähmender Langeweile in den islamistischen Terrorlagers Waziristans entstandene Kampfschrift des treuen Gefolgsmannes des Propheten nach dessen blutiger Himmelfahrt zum kostenlosen Download bereit. Die deutsche Qualitätspresse entdeckte daraufhin sofort "ein Dokument aus dem Inneren des Dschihadismus" (Der Spiegel), geschrieben von einem "Blitzradikalisierten voller Hass auf die Ungläubigen" (Die Zeit). Vorsichtshalber aber verlinkte niemand auf "die bizarren Memoiren des in Pakistan erschossenen Deutschen" (Die Zeit), denn die Angst geht um: Wie schnell könnten andere durch die laterale Lyrik des wirren Abschreibtischtäters blitzradikalisiert werden? Die Feder ist mächtiger als das Schwert, selbst wenn sie einem Teil-Legastheniker gehört!

Dabei erzählen die 106 Seiten aus dem Hause "Elif Media" die tragikkomische Geschichte eines kleinen Jungen, der gern Großes erreichen möchte, dabei aber immer wieder an seiner eigenen Unfähigkeit scheitert. Breininger, nach eigener Aussage aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen, treibt ziellos durchs Leben, bis er rein zufällig einen gläubigen Moslem trifft. Der erst macht ihn mit dem Glauben bekannt - und aus ihm auch gleich einen islamistischen Rechtsgelehrten.

Er selbst hat Hinweise wie "Und wir entsandten vor dir keinen Rasu, ohne ihm einzugeben, dass Iaa iLaaha außer mir, also macht Ibadah für Mich" und "Sie werden morgens und abends dem Feuer ausgesetzt sein und an dem Tag, wenn die Stunde anbricht wird gesagt: Lasst Pharaos Leute zur qualvollsten Strafe antreten" verinnerlicht. Eben noch trinkt er Bier und hat eine Freundin, schon hat er die überredet, "den Islam anzunehmen", ein Kopftuch zu tragen und mit ihm zusammen zu beten. Nach nicht einmal vier Monaten hält sich der Flaumbart dann für einen Mann auf direktem Weg zur Heiligkeit: Er trennt sich von seiner - ihm inzwischen auf gut arabisch angetrauten - Frau, weil die immer noch zur Disko geht, er bespricht mit "Brüdern" die Frage des Monotheismus und fühlt in sich den Drang, die unterdrückte islamische Welt zu befreien.

Seine vermeintliche Biografie muss Mullah Maulheld Breininger nach dem Kurzstudium einer deutschen Notfassung des Koran nicht mal mehr selbst schreiben - über weite Teile pinselt er einfach wortwörtlich Suren und Mohammed-Zitate, Rechtsgutachten hierzulande unbekannter Scheichs und Reden rätselhafter Imane ab. So füllt sich Seite um Seite mit absurdesten Erörterungen, nur gelegentlich unterbrochen von tatsächlich amüsanten eigenen Erlebnissen des selbsternannten Dschihadisten. Dessen Weg in den Kampf etwa führt über zahlreiche Umwege: Sein erster Plan, nach Algerien zu gehen, um Arabisch zu lernen, scheitert am Morgen der Abfahrt, weil ihm ein algerischer Bekannter verrät, dass er in Algerien gar keine Sprachschule finden werde. Breininger entscheidet sich nun kurzfristig für Ägypten als Startrampe in die Dschihadistenkarriere. Doch er landet in Hurghada, obwohl er nach Kairo wollte. Als er nach einer langen Busfahrt endlich dort ankommt, machen gerade alle Sprachschulen zu, weil Ramadan beginnt.

So geht es immer weiter mit Pleiten, Pech und Pannen. Kaum gesellt sich ein deutscher Kampfgenosse zu ihm, beschließen beide, nach Afghanistan zu gehen, um die "Kreuzritter" anzugreifen. Es wird ein Flug in den Iran gebucht, allerdings stellt Breiniger beim Blick auf das Ticket fest, dass die Maschine im saudi-arabischen Riad landen wird und nicht in Teheran. Also neue Tickets gekauft, diesmal aber dürfen die beiden Gotteskrieger nicht mit, weil ihnen das Visum fehlt.

Breininger erzählt all das in Schulaufsatzform, versetzt mit zahllosen Spezialbegriffen aus der Gedankenwelt des Heiligen Krieges und immer wieder unterbrochen von seitenlangen wirren Suren, in denen der "Erhabene sagt: Dann werdet ihr gewiss am tage der Auferstehung erweckt werden", ohne zu erwähnen, was mit "dann" gemeint ist.

Eric Breininger glaubte es noch zu wissen. Versteckt unter einer eigens angefrtigten Burka gelangt er endlich nach Afghanistan, der anfangs mitreisende Terrorkumpel ist da schon umgekehrt. Mit zusammengebissenen Zähnen übersteht der Saarländer nun seine Terror-Ausbildung, umgeben von Kollegen mit selbstgebastelten Namen wie "Said Al-Kurdi" und "Abu Muslim". "Fajr-Gebet, für das Frühstück eine Minute Zeit zum Essen, nach dem Essen Waffenkunde", beschreibt Breininger seinen Tagesablauf. Nachmittags, nach dem "Asr-gebet und wieder eine Minute Zeit zum essen" ist Waffenkunde mit "Abfragung - nicht gewusst = Strafe", schreibt der einsame deutsche Dschihadist zufrieden.

Erreichen die Missbrauchsskandale jetzt etwa auch die Moslems? Muss Osama Bin Laden wegen ein paar Watschn zurücktreten? Nein, Eric Breininger hält die andere Wange hin: Seine Brüder seien "wie Perlen" gewesen, lobt er mit homoerotischem Unterton, das ist dann schon kurz vor der ersten "Amelia", wie die "Bombardierungen gegen die Kreuzzügler" nach Breiningers Ansicht genannt werden sollen. Mit Hurra geht es in den Kampf, dann schießen die Kuffar zurück, "also blieb uns nichts anderes übrig als in die entgegengesetzte Richtung zu gehen". Später dann stellt sich "auf dem Nachhauseweg heraus, dass keiner so recht wusste, wo wir waren", schreibt Breininger, "wir liefen Stunden durch die Berge, bis die Nacht anbrach." Aber Eigenlos stinkt ja nicht: "Das war eine von vielen gersegneten Operationen, an denen ich teilnehmen durfte", schwärmt der Heilige Krieger.

Dem die Unterstützung des Kampfes aus Deutschland gar nicht gefällt. "Zur Zeit erhalten wir fast gar keine Spenden aus Deutschland, obwohl das ein sehr wohlhabendes Land ist", klagt er. Wenn die Geschwister nur einen Döner weniger in der Woche kaufen würden, könne man mit dem Geld "beinahe 20 Sniper-Kugeln kaufen, "um damit die Kuffar zu bekämpfen". Die andere große Sehnsucht ist die nach einer Frau, der Breininger den Himmel auf Erden verspricht: Die Schwestern lernten hier den Umgang mit Schusswaffen, die Kinder wüchsen fernab vom Kuffr der westlichen gesellschaft auf. "Hier gibt es keinben Schulzwang, wo Kinder gezwungen werden Evolutionslüge zu lernen", lockt er Interessentinnen. Besonders schön sei, dass die Kinder der Mujaheddin mehrsprachig aufwüchsen, mit Waffen umgehen könnten und so zu einer "ganz besonderen Generation von Terroristen" (Breininger) würden, die "in keiner Datenbank der feinde Allahs erfasst ist". So könnten sie sich "hervorragend tarnen, die Länder der Kuffar unauffällig infiltrieren und "so Angst und Terror in ihren Herzen sähen" (Rechtschreibung Breininger).

Wie sie wegen fehlender Personaldokumente an der Grenze angehalten werden, muss Eric Breininger zu Glück nicht mehr erleben: Er hat bei einem Gefecht in der Nähe der pakistanischen Stadt Mir Ali gefunden, was er suchte: Eine Kugel für seinen Kopf. Die Terrorkollegen waren begistert: "Die Deutschlandvertretung der Taifatul Mansura gratuliert den gefallenen Brüdern aus Deutschland zu ihrem Märtyrertod".

Sonntag, 9. Mai 2010

Konjunktur für Spekulanten

Sie sind überall, immerdar und jederzeit, omnipotent und unsichtbar zugleich. Sie stürzen Staaten ins Unglück, bestimmen darüber, wo sich die Volksmassen das Autofahren noch leisten können, entscheiden über Gold- und Baumwollpreise, haben den Orangensaft-Future im Griff und profitieren vom Zusammenbruch eines Großkonzerns mit derselben skrupellosen Schonungslosigkeit wie von seiner Weiterexistenz.

Früher gab es sie gar nicht (Grafik oben), später aber wurden sie immer mehr. Seit dem Mauerfall verzeichnet das unbestechliche Wortkonjunkturbarometer Google Timeline einen Anstieg des Vorkommens von Spekulanten um mehr als 600 Prozent: "Wettete" (Angela Merkel) noch kaum jemand auf den Untergang des sozialistischen Weltsystems, sind die Wetten auf ein Ausscheren Griechenlands aus dem Euro-System Legion.

Die Kulturgeschichte der Spekulation in der Moderne beginnt mit einem einzelnen Mann. Im September 1992, als Spekulanten noch Namen hatten, knackte der die Bank von England: George Soros hatte erkannt, dass das britische Pfund überbewertet war, konsequent setzte er darauf, dass sich eine solche Überbewertung auf Dauer nicht halten würde und er behielt Recht.

Dass Soros weder die Überbewertung ausgelöst noch ihr Ende herbeigeführt hatte, war anschließend schnell vergessen - und wird es immer mehr. Als im Sommer 1997 die Asienkrise ausbrach, waren so nicht wirtschaftliche und währungstechnische Ungleichgewichte schuld, sondern die Investoren, die darauf gesetzt hatten, dass Ungleichgewichte stets zum Ausgleich drängen. Dasselbe im Februar 2000, als die von beliebten Volksschauspielern heillos überteuert auf den Markt geworbene Volksaktie der Deutschen Telekom eine beispiellose Börsentalfahrt beginnt. Nein, nicht die Firma ist angesichts ihrer Wachstumsaussichten heillos überbewertet, tröstet die Politik, die mehrere Milliarden Gewinn aus dem Verkauf des Papiers zum Mondpreisen gezogen. Es sind die Spekulanten! Mit "massiven Leerverkäufen" (Hans Eichel) drückten sie die Aktie absichtlich, um billig einsteigen zu können!

Mit den Gewinnen, die sie kassierten, weil die Telekom-Aktie seitdem weitere 60 Prozent verlor, gingen die Spekulanten anschließend daran, den Ölpreis von einem Rekord zu anderem zu jagen. Als er bei 80 Dollar war, schimpfte die Politik erstmals lauthals über die durch nichts begründete Preistreiberei, bei 150 Dollar schließlich sahen das auch die Spekulanten so: Urplötzlich setzten sie auf fallende Notierungen, die dann auch prompt fielen, weil eine Weltwirtschaftskrise die Blase aus billigem Geld zum Platzen brachte, die Politikerentscheidungen großgepustet hatten.

Doch einfacher erklärt ist es umgekehrt. Nicht Biertrinken führt dann zu einem dicken Kopf, sondern leere Flaschen in der Wohnung, nicht Sex zu Schwangerschaften, sondern Fehler bei der Verhütung. Die Welt im Würgegriff geheimer Mächte, Preise und Werte festgelegt von klandestinen Zirkeln aus "Hegde Funds und Venture-Kapitalisten", wie Sigmar Gabriel nicht müde wird zu analysieren. Genauere Nachfragen allerdings gehen ins Leere: Wer sind diese Herren? Mit wem wetten sie? Wer hält denn da jeweils dagegen? Man kennt das noch aus der Grundschule: Wo keiner ist, der mit einem wetten will, bleiben Gewinne für gewöhnlich einfach aus.

Nicht so hier, an den "weltweiten Finanzmärkten", zumindest versucht die Politik das glauben zu machen. Was der Spekulant auch immer tut, er tut es um Schaden anzurichten, Länder zu ruinieren, Familien zu zerstören. Statt zu glauben, dass man ihm sagt, die Aktie der Deutschen Telekom sei 65 Euro wert, die Sparguthaben seien sicher und eine Griechenland-Anleihe eine seriöse Geldanlage, ruft der Spekulant dauernd "will sehen" wie ein Spieler, der seinem Gegenüber den Straigth Flush nicht glaubt.

Ein Unding, findet auch Angela Merkel. Wenn sie behaupte, sie habe einen Straight Flush, dann sei das als Tatsache zu behandeln, und wenn Europa einig sei, dass sich in Griechenland alles zum Guten wende, gebe es keinen Grund, daran zu zweifeln. "Es kann nicht sein, dass Spekulanten Profiteure der schwierigen Situation in Griechenland sind", sagt die frühere Klimakanzlerin, die darauf spekuliert, dass der Ruf "Haltet den Dieb" noch immer am wirksamsten von eigenem Raubzügen in die Brieftaschen der Bürger ablenkt.

Scharfe Maßnahmen braucht es auch nach Ansicht der SPD, um den "Blutsaugern" (Jacques René Hébert, 1793) am Volkskörper das schändliche Handwerk zu legen. Eine Börsenumsatzsteuer von 0,5 Prozent auf den gehandelten Kurswert könne "kurzfristige Spekulationen" eingedämmen, heißt es - der Prozentsatz sei so niedrig, dass er das Volumen die Börsenumsätze nicht beeinträchtigen werde.

Eindämmen durch nicht beeinträchtigen? Die SPD spekuliert offenkundig darauf, dass niemand richtig hinhört. US-Präsident Obama jedenfalls tut ihr den Gefallen und unterstützt "die europäischen Forderungen, Spekulanten stärker an die Kandare zu nehmen". "Die Presse" aus Österreich trötet noch ein einsames "verantwortlich für die Schwäche des Euro sind nicht Spekulanten, sondern fahrlässige und untätige Politiker. Der Euroverfall spiegelt lediglich die Erwartung der Finanzmärkte wider, dass die EU nicht in der Lage ist, die Griechenland-Krise einzudämmen und zu meistern. Und so falsch war die Einschätzung bisher nicht."


Die der Spekulanten schon gar nicht: Nach der Einführung des Euro wollte den erstmal niemand haben, der Wert der Einheitswährung fiel von 1,10 Euro pro Dollar auf 90 Cent (Chart). Zu groß waren Befürchtungen, die Aufnahme vieler hochdefizitärer Länder in die Währungsgemeinsachft könnte das Einheitsgeld zu einer Art Drachme mit begrenzter Haltbarkeit machen. Seinerzeit sprach niemand von einem "konzertierten Angriff" auf den Euro, niemand sah wegen der Währungsschwäche ein Ende Europas aufdämmern. Das wird erst behauptet, seit der Euro nach einem Höhenflug mit 70 Prozent Kursplus nur noch 40 Prozent mehr wert ist als kurz nach seiner Einführung.

Was hilfts, davon zu berichten? Dergleichen veralzheimert besser, wenn niemand dran rührt. "Der Spiegel" ist denn auch schon eine Ecke weiter: "Tatsächlich können Sparer, die an eine dauerhafte Euro-Schwindsucht glauben, ihr Portfolio entsprechend in Stellung bringen", empfiehlt das Sturmgeschütz im Krieg gegen das Spekulantentum seinen Lesern, die Sparer sind und keine Spekulanten, in einem spekulativen Text mit dem Namen "So profitieren Sie von der Euro-Krise".

Update: Nur 373 Jahre nach dem Ende des holländischen Tulpenbooms und acht Stunden nach dem PPQ-Text über Spekulanten (oben) dreht auch der Spiegel die Gewehre herum: Statt "So profitieren Sie von der Euro-Krise" heißt es jetzt "So funktioniert die Milliarden-Zockerei".

Wiedergeboren als Wahlverlierer

Bekanntgeworden ist er als Deutschlands beliebtester Insolvenzverwalter, immer wider hat er Menschen, die durch ein langjähriges Leben über die eigenen Einkommensverhältnisse, durch Drogenmissbrauch oder Kindesmisshandlung unverschuldet in Not geraten waren, uneigennützig gerettet. Doch Undank ist der Welten Lohn: Obwohl Peter Zwegat (oben links) zuletzt noch als Sparkommissar für Griechenland im Gespräch war, hat es für seine im Nebenberuf unter dem Namen "Jürgen Rüttgers" (oben rechts) geführte Landesregierung in Nordrhein-Westfalen nicht noch einmal zur Mehrheit gereicht.

Ein "Bündel von Ursachen", so sagte Zwegat in seinem wahrscheinlich letzten Auftritt in der Rüttgers-Rolle in Düsseldorf, habe zum Machtverlust geführt. Schuld daran seien nicht eigene Fehler, sondern das Regierungshandeln in Berlin, mit dem er ausgeschaltet habe werden sollen. Zuvor waren aus dem Kampf um die Nachfolge der Klimakanzlerin Angela Merkel bereits der hessische Ministerpräsident Roland Koch und der frühere CDU-Wirtschaftsexperte Freidrich Merz ausgeschieden. Zwegat will sich nun wieder ganz der Hilfe für Mittellose und Hochverschuldete widmen. Aber auch in NRW komme es darauf an, gab er seinen Parteifreunden mit auf den schweren Weg, jetzt in den Gremien klar zu analysieren, wo das Bündel von Ursachen liege. Er selbst stehe jederzeit für eine Flipchart-Vorführung zur Verfügung.

Zur definitiven Datenbank der geheimen Wiedergeburten: hier

Operation gelungen, Patient tot

So muss Egon Krenz geschaut haben, als er gerade die Sozialistische Einheitspartei der DDR vor dem Untergang gerettet hatte. Auch Gorbatschow sah so aus, nachdem es ihm gelungen war, Mütterchen Rußland aus den Klauen von Bürokratie, Alkohol und Korruption zu reißen: Der Mund siegesgewiss verspannt, die Augen mutig zusammengekniffen, das Haar kampflustig verstrubbelt.

So treten auch Angela Merkel und Nikolas Sarkozy vor die Kameras, nachdem sie in "Stunden hektischer Krisendiplomatie retten konnten, was von der Idee Europa übrig ist. Wenn zuviel Gemeinsamkeit die europäische Einigkeit bedroht, braucht es noch mehr Gemeinsamkeit, um sie zu bewahren. Unbedingt noch bevor in der Nacht zum Montag die Börsen in Fernost öffnen, musste ein Rezept geschrieben werden für die Heilung dessen, was am Freitagmittag noch als kerngesundes Opfer dubioser Spekulanten ausgegeben wurde: Die Euro-Zone, vor zehn Jahren in einem politischen Großversuch zusammengekleistert, steht über Nacht im "Endspiel um den Euro", es geht "längst nicht mehr um die Griechen, es geht um den Euro als solchen" (FAZ), und damit um alles, was den Kontinent zusammenhält.

Problematisch bislang, dass die europäischen Regierungen jede "Krisenhilfe" vor ihrem jeweiligen Staatsvolk zu rechtfertigen haben. Kredite für Griechen wecken den Volkszorn und kosten Wählerstimmen, keine Kredite für Griechen führen in den Abgrund - und kosten Wählerstimmen. "In der Not", analysiert die FAZ, "opfert die Europäische Union heilige Prinzipien der Währungsunion". Natürlich fand sich - wie immer übers Wochenende - ein wunderbarer Ausweg: Die Anonymisierung der Krisenhilfe durch eine Verlegung der Kreditaufnahme in die Verantwortung der EU-Kommission, die keinem Wahlvolk Rechenschaft pflichtig ist.

"Die Teilnehmer des Sondergipfels waren sich einig, dass der Euro durch eine ernste Attacke von Spekulanten bedroht wird", schreibt die SZ in einem Anflug von Gemeinschaftseuphorie, "die Euro-Zone müsse sich mit einem Gemeinschaftsinstrument dagegen wehren", folgt das Blatt der klassischen Argumentationslinie, die schon Egon Krenz im Herbst 1989 mächtige anonyme Gegner hinter den zunehmenden "Angriffen des Feindes auf die DDR" (Krenz) hatte entdecken lassen. Die Fachbegriffe sind andere, der Satzbau ist derselbe: Der Gegner wolle "uns so eine zerstörerische Diskussion aufzwingen", meinte Krenz, sein Ziel sei, "dass der Sozialismus weltweit von seinem Kurs abgeht". "Es geht hier um eine weltweit organisierte Attacke gegen den Euro", findet der sieht das der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker zwei Jahrzehnte später nicht viel anders: "Wir sind der Auffassung, dass nicht nur Griechenland, Spanien, Portugal und Italien unter Angriff stehen, sondern die gesamte Eurozone bedroht wird."


Schon mit der Beschreibung einer "ernsten Attacke" wird das Thermometer fürs Fieber verantwortlich gemacht: Gab es Spekulation bisher erfolgreich nur dort, wo es etwas zu spekulieren gibt, wird jetzt so getan, als sei Spekulation der einzige Grund für Spekulation. So als zeige erhöhte Temperatur auf dem Fieberthermometer keine Krankheit, sondern die dringende Notwendigkeit eines gemeinsamen Kampfes aller Ärzte, Pfleger und Gesundheitspolitiker gegen die Thermometerindustrie.

Noch ehe das Bundesverfassungsgericht eine endgültige Entscheidung über die Zulässigkeit der Griechenland-Hilfen getroffen hat, ist das Urteil obsolet geworden. "Die EU-Kommission selbst wird in Zukunft Geld am Kapitalmarkt aufnehmen können, um Ländern in Not zu helfen - mit einer expliziten Garantie der Mitgliedstaaten", heißt es bei dpa. Bürgen dürfen dabei weiter die Mitgliedsstaaten und deren Steuerzahler, verantworten müssen deren gewählte Volksvertreter die Kreditaufnahmen nicht mehr.

Noch mäkelt die SZ "griechische, portugiesische und spanische Staatsanleihen sind die Subprime-Kredite 2010", denn "die global eng vernetzten Banken und Börsen" hätten "überhaupt nichts gelernt". Aber bald richtet sich die EU-Kommission eine EU-eigene Ratingagentur ein, in der dann altgediente Politiker die von ihren noch aktiven Kollegen ausgegebenen Staatsanleihen endlich "objektiv" bewerten werden. Auch Papiere aus Griechenland werden dann endlich wieder etwas wert sein.

Samstag, 8. Mai 2010

Wer hat es gesagt?

"Das ist doch unser Gegenentwurf zu einer regellosen Welt!"

Erstes Papstopfer-Casting startet

Der Mixa ist weg, die Kirche wackelt und die Bernburger Genossen des egalitären Redaktionskollektivs Bluthilde setzen nun dazu an, dem jahrtausendealten vatikanischen System den Todesstoß zu versetzen. Mit dem ersten offiziellen Papstopfer-Casting suchen die agilen Hilde-Benjamin-Verehrer "drei bis vier hauptberufliche Missbrauchsopfer (m/w; Basis § 84 HGB) im Ausschließlichkeitsvertrieb für Auftritte in Talkshows, Fernseh- und Zeitungsinterviews", mit deren Hilfe dem obersten Opium-Prediger fürs Volk das finstere Handwerk gelegt werden soll. Voraussetzung für Bewerbungen seien "humanistische Gesinnung, lebhafte, schmutzige Fantasie" und ein "gefestigter Klassenstandpunkt". Bewerber mit ärztlich attestiertem Münchhausen-Syndrom würden bei der Einstellung bevorzugt, "gute Bezahlung, sichere Aufträge und hohes soziales Ansehen" seien garantiert, ein "zusätzliches steuerfreies Einkommen in sechs- bis siebenstelliger Höhe durch Entschädigungszahlungen" ist außerdem möglich.

Verlangt wird, was Spaß macht: "Die Tätigkeit beinhaltet im Wesentlichen die Darstellung selbst erfundener oder von uns vorbereiteter Erzählungen über sexuelle Missbrauchshandlungen katholischer Geistlicher, insbesondere aber des Kirchenoberhauptes Papst Benedikt XVI", heißt es auf Bluthilde. Alle bisherigen Versuche, dem ehemaligen Deutschen den Heiligen Stuhl unter dem Hintern wegzuziehen, waren an dessen hinhaltendem Widerstand gescheitert. Zuletzt hatte Benedikt seinen Weggefährten Mixa geopfert, um von seiner eigenen Mitverantwortung abzulenken. Mit dem Papstopfercasting besteht jetzt nach Ansicht von Kirchenkennern erstmals die Chance, Benedikt direkt in den Qualitätsmedien zu platzieren.

Say Goodbye, Kurt

Ein Ort, der Geschichte atmet, in Schweiß getränkt, in Blut gebadet, in Reizgas gespült und mit den Tränen trauriger Verlierer abgeschmeckt. Der DDR-Dauermeister BFC Dynamo ist hier an einem schönen Frühherbsttag mit 3:1 abgefertigt worden, der Europapokalsieger FC Magdeburg wurde mit 5:1 nach Hause geschickt, 2:1 hieß es gegen Torpedo Moskau und die DDR-Nationalmannschaft wäre wahrscheinlich sogar fast Weltmeister geworden, hätte sie immer hier, hinter den wuchtigen Stadionmauern aus Löbejüner Porphyr, spielen dürfen: Drei von fünf Länderspielen, die die international notorisch erfolglose Elf im halleschen Kurt-Wabbel-Stadion austrug, gewann sie, nur eines ging verloren.

Erich Mielke, Chef der Staatssicherheit der DDR, wurde hier mit "Stasi raus"-Sprechchören begrüsst, als Wolfgang Thierse noch kaum oppositionelle Bartstoppeln trug. Später riefen BFC-Anhänger den inzwischen durchweg Stasi-kritischen Zuschauern zu "Wer soll unser Führer sein / Erich Mielke", der farbige Gastspieler Adebowale Ogungbure entbot der Tribüne den Hitlergruß und ein Fallschirmspringer verfehlte den Mittelkreis und raste in eine Menschenmenge. Im Spiel gegen Türkiyemspor Berlin kommentierte die Fankurve einen Aufruf zu einer Schweigeminute für die Opfer eines Erdbebens in der Türkei mit dem Chor "Nachbeben, Nachbeben". Mehrfach haben die eigenen Fans schon versucht, das Stadion in Handarbeit in zu zerlegen und abzureißen, nie aber gelang es so ganz. Bisher.

Nein, es ging nie fein zu im weiten Rund, das einer Waschschüssel eher ähnelt als dem, was derzeit als modernes Fußballstadion gilt. Und so sind diese Tage im verregneten Frühjahr des Jahres 2010 auch die letzten Tage des nach einem selbsternannten Arbeiterführer benannten Stadions, das der hallesche Stadtarchitekt Wilhelm Jost Anfang der 20er Jahre als "Mitteldeutsche Kampfbahn" entwarf. Nach beinahe zwei Jahrzehnten Streit und Hader um Sanierung, Neubau, Abriss, Abschaffung oder Verlegung an den Stadtrand beginnt in den nächsten Wochen der Auszug des Halleschen FC, der hier seit 1966 seine Heimspiele austrug. Und der knapp 20 Millionen teure Umbau zu einer "modernen Fußballarena".

Die war das Wabbel-Stadion schon einmal, als es noch "Horst-Wessel-Kampfbahn" hieß. Erbaut mit Notstandsmitteln zur Arbeitsbeschaffung in der Wirtschaftskrise der 20er, um dem imposant aufspielenden FC Wacker 1900 Halle eine Heimstatt zu bieten, konnte das Stadion mit seiner vollen Kapazität von 32.000 Steh- und 3.000 Sitzplätzen erst am 22. August 1936 mit einer festlichen "Spatengymnastik" des Reichsarbeitsdienstes eingeweiht werden. Zwischendurch war das Geld ausgegangen. Die nun „Kampfbahn der Stadt Halle“ genannte Sportstätte wurde 1939 auf den NSDAP-Märtyrer „Horst-Wessel“ umgetauft, neben Fußballspielen wurden Radrennen ausgetragen, Boxkämpfe fanden unter freien Himmel statt und Leichtathletikwettbewerbe zeigten, dass die deutsche Jugend prima für das anstehende Kräftemessen der Völker präpariert war.

Nach dem Krieg bekam die Sportanlage erstmal wieder einen neuen Namen: Der ehemalige kommunistische Stadtrat Kurt Wabbel, angeblich von den Faschisten feige in einem Außenlager des KZ Buchenwald ermordet, stand jetzt Pate. Zugleich wurden einige große Arbeiter-Skulpturen, ursprünglich von Wilhelm Jost für eine prächtige NS-Thingstätte in den Brandbergen am anderen Ende der Stadt in Auftrag gegeben, vor die Stadionmauern gestellt.

Generationen von Fußballfans werden später denken, wenigstens eine der Statuen stelle Kurt dar, den halleschen Arbeitersportler und Schwerathleten, der nicht wankte und nicht wich vor den Faschisten. Sondern, wie die Staatssicherheit spätestens seit 1953 sicher wusste, mit den SS-Wachen kollaborierte, um an frisch eintreffende kleine Polenjungen heranzukommen.

Verständlich, dass die Fans des Verein ihr Stadion seit dem Mauerfall und der Öffnung der Stasi-Akten über das vermeintliche Arbeitersportidol lieber "KWS" nennen. Mit dem Namen schrumpfte über die Jahre seltsamerweise auch die Zuschauerkapazität der weitläufigen Arena. Sahen ein Spiel gegen Dynamo Dresden Ende der 70er Jahre noch mehr als 34.000 Menschen, lag die offiziell zugelassene Besucherzahl zehn Jahre später nur noch bei 28.000. Mit dem Mauerfall sank sie weiter, zuerst auf 23.000, später dann auf gerade noch etwas über 13.000. Auch das Licht, seit 1969 von einer hochaufragenden Flutlichtanlage gespendet, ging langsam aus. Kaputte Lampen wurden nicht mehr erneuert, Flutlichtspiele fanden immer seltener und dann bei zunehmender Finsternis statt. Ein verrosteter Trafokasten machte dem Drama schließlich ein Ende: Das KWS wurde endgültig zur Tageslichtbühne.

Die Stadtverwaltung sah das recht gern, denn der vorher ausdauernd verschleppte Stadionneubau konnte so wieder auf die Tagesordnung gesetzt werden. Anfangs war noch geplant, nach dem Vorbild der Münchner Bayern eine völlig neue Arena aus dem Boden am Stadtrand zu stampfen. Später verlegte man sich für eine lähmend lange Prüfungszeit darauf, ein zu DDR-Zeiten gebautes Volkssportstadion im Stadtteil Neustadt mit Millionenaufwand umzubauen. Schließlich aber setzten sich Fans und Vernunft doch durch: Getarnt durch den Euphemismus, die ehrwürdige alte Spielstätte werde "umgebaut", erfolgt nun ein vom Land bezuschusster und mit millionenschweren städtischen Immobilienverkäufen, von denen nie bekannt wurde, wer da eigentlich was gekauft haben soll, finanzierter Neubau.

Der soll ein Jahr dauern und die hochaufragenden Flutlichtmasten das Leben kosten.. Der Hallesche FC wird so lange in dem mit Notgroschen aus dem Finanzkrisen-Rettungspaket umgebauten Vorstadt-Stadion in Halle-Neustadt spielen, dessen Tradition an Großereignissen bislang mehrere Kreisspartakiaden und ein Konzert der Puhdys mit der Vorgruppe MCB Meter aufweist.

Im KWS steigt genau noch ein Spiel, es geht gegen die Reserve von Hannover 96 und sportlich um gar nichts mehr. Fast auf den Tag genau 74 Jahre nach der feierlichen Eröffnung mit einer "großen Sportwoche der halleschen Vereine" schließt die Mitteldeutsche Kampfbahn am 22. Mai 2010 enge Türen und großes Haupttor, das früher mal "Tor des Kampfes" hieß und später dann "Marathon-Tor". Ein Jahr und 17 Millionen Euro später geht es wieder weiter, dann vermutlich in der "Verbundnetz-Gas-Arena". Jede Zeit hat ihre Zeichen.

Freitag, 7. Mai 2010

Melodien für Millionen


Es gibt diese Bands, denen ein Hit für die gesamte Karriere reicht. Golden Earring mit "Radar Love" etwa, oder City mit "Am Fenster". Auch Motörhead gehören dazu, deren "Ace Of Spades" einen jungen Mann im Mansfeld einst inspirierte, ein wilder Mähnenrocker zu werden. Später wechselte Jens Bullerjahn in Fach des Arbeiterführerdarstellers, wo er sofort anhub, seinen Hit zu singen: Schärfer müsse der Sparkurs des Landes werden, ließ er als Spitzenkandidat der SPD für die Landtagswahl 2005 in einem "SPD-Zukunftspapier" zur Finanzpolitik wissen. Mit der ständigen Schuldenmacherei müsse Schluss sein, dann solle sofort begonnen werden, die 20 Milliarden zurückzuzahlen, die das Land sich schon geborgt habe. Keine neuen Schulden ab 2010 und eine Reduzierung des Landeshaushalts von derzeit rund 10 auf 6,5 Milliarden Euro im Jahr 2020 seien Eckpunkte seines Programms.

Das Volk hörte und tanzte begeistert mit. Plötzlich war Bullerjahn Chef des Finanzministeriums des Landes Sachsen-Anhalt und nun wurde er konkret: 2006 werde die Regierung nochmal 783 Millionen Euro Schulden aufnehmen, 2010 aber sei damit Schluss damit sein, dann werde er erstmals 100 Millionen Euro Altschulden tilgen, hieß es. Später, die Konjunktur war gerade angesprungen, zog Bullerjahn den Zeitpunkt vor. Schon 2009 sollte nun begonnen werden, die Kreditlast zu tilgen.

Dann allerdings wurde es 2008, die große Krise kam und Jens Bullerjahn erwartete nun erst ab 2012 "erstmals deutliche Überschüsse im Landeshaushalt". Die würden dafür aber "bis 2025 theoretisch auf knapp sechs Milliarden Euro anwachsen".

Beinahe waren alle Schulden also schon vom Tisch. Wenn auch nur bis zum April 2009, als auch in Magdeburg durchsickerte, dass die Wirtschaftskrise doch kein reines Fernsehereignis ist. "Alle Planungen müssen komplett überarbeitet werden", teilte Bullerjahn nun wegen einbrechender Steuereinnahmen mit. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: "Dank gemeinsamer Anstrengungen" sei es gelungen, das Haushaltsdefizit in dem Jahr, in dem mit der Schuldenmacherei endlich Schluss gemacht werden sollte, "auf 662 Millionen Euro zu drücken", verkündete die Landesregierung. 2011 solle es dann nochmal 534 Millionen betragen, aber "ab dem Jahr 2012" werde, so Bullerjahn Ende April 2010, dann schon eine "vorzeitige Schuldenbremse" gelten.

So sieht Entschlossenheit in Aktion aus, so spielt ein One-Hit-Wonder selbstbewusst immer dasselbe Lied. Nur eine Woche danach ist Bullerjahn nun schon wieder da, dieselbe Melodie auf den Lippen, nur der Text handelt nun wieder von noch einem Jahr später. Die Regierung hoffe, so Bullerjahn jetzt, ab 2013 wieder ohne neue Schulden auszukommen. Das "wieder" bezieht sich dabei natürlich nicht etwa auf ein Jahr, in dem der Finanzminister wirklich ohne Neuverschuldung ausgekommen wäre. Sondern darauf, dass es mal den Haushalt 2008/2009 gab, in dem er es wie so oft geplant hatte. Klappte dann nicht. Aber ein Hit ist es immer noch.

Komme gleich wieder

Vor Jahren schon konnte hier im Nerd-Board PPQ erfolgreich vorhergesagt werden, dass sich das sogenannte Internet auf Dauer nicht durchsetzen wird. Google, Ebay, Amazon und all die anderen vermeintlichen Giganten, so bestätigten ausgewiesene Experten, würden eines Tages den Stecker ziehen müssen, um Platz zu machen für wirklich erfolgversprechende Geschäftsmodelle.

Nun scheint es soweit zu sen: Erstmals seit archive.org versucht, das gesamte vorhandene Netz über Momentaufnahmen zu speichern, hat der Internethändler Amazon statt virtueller und echter Bücher nur ein "Komme gleich wieder"-Schild (Abbildung oben) im Schaufenster liegen. Eine Zeit wird nicht genannt, das akademische Viertel jedoch ist schon überschritten. Der 8. Mai könnte so erneut der Beginn eines neuen Zeitalters sein: 65 Jahre nach dem Hitlerregime kapituliert auch die Virtualwirtschaft.

Donnerstag, 6. Mai 2010

Der 350-Milliarden-Moment

Rund 3.537 Milliarden sind die Aktien der 30 Unternehmen wert, die einen Platz im Dow Jones Industrial Average haben, den Nachrichtensprecher als "Dow Jones" ankündigen. Drei Tage nach der Rettung des Abendlandes durch die Rede Angela Merkel zur Rettung desselben aber stimmte das für einen kurzen, geschichtsträchtigen Augenblick nicht mehr: Um 20.42 Uhr begann der bekannteste Aktienindex der Welt wie ein Stein zu fallen, um 20.46 stand er 989 Punkte niedriger - ein Wertverlust von nahezu 350 Milliarden US-Dollar. Der bekannteste Aktienindex der Welt klappte nach unten weg wie die hier vor langer Zeit liebevoll begleitete Aktiennotierung von Tier Spezi.

Aber es war doch wohl nur ein Irrtum, ausgelöst von einem neuen Schüttelfrostanfall wegen Griechenland. Nur drei Minuten nach dem schnellsten Crash der Weltgeschichte schnippte der Dow wieder nach oben, zehn Minuten nach Beginn des Absturzes hatte sich das Minus auf nur noch 450 Punkte oder umgerechnet 110 Milliarden Dollar verringert. Der Dow fing sich wieder, statt wie die Telekom-Aktie für alle Zeiten flach am Boden zu verharren. Der Trost dabei für die, die nicht dabei waren: Das Geld ist nicht weg, es hat auch kein anderer, nicht einmal der Staat, wie im Falle des gigantischen Anlegerbetruges mit der Telekom-Aktie. Nein, es war einfach nie da und das ist es eben jetzt immer noch nicht, wie hier schön erklärt wird.

Wenn alles in Scherben fällt

"Wir helfen ja nicht nur Griechenland, sondern wir mussten helfen, weil die Stabilität unserer eigenen Währung, und das ist ja der Euro, bedroht war“, begründete die frühere Klimakanzlerin Angela Merkel die harschen Sicherungsmaßnahmen für
für das strauchelnde Griechenland. Der Euro aber kippt seitdem erst recht nach unter weg: In nur vier Tagen seit Merkels Garantiererklärung verlor die Einheitswährung weitere fünf Prozent an Wert. Und draußen im Land macht sich die Erkenntnis breit, dass es noch viel tiefer gehen könnte. Was folgt, ist Omas Rezept: Flucht in Werte, die bleiben, wenn alles in Scherben fällt. Bei Goldhändlern gehen die Türen seit Tagen nicht mehr zu, in den Auslagen der Online-Verkäufer von Anlagemünzen und -Barren liegen nur noch "Ausverkauft"-Schilder.

Am Goldpreis, auf den deutsche Qualitätsmedien ausdauernd starren, ist das nicht zu sehen, denn Gold wird in Dollar gehandelt. Goldbesitzer gewinnen derzeit doppelt: Taucht der Euro weiter ab, bringt jeder Cent weniger zusätzlichen Gewinn.

Der größte Goldspekulant Europas ist die deutsche Bundesbank, die 3427 Tonnen Gold - also 120 883 868 Unzen - gehortet hat. Gold, das sein Geld jeden Tag mehr wert ist: Allein durch den Euroverfall seit der Merkel-Ankündigung des Rettungspaketes für Griechenland hat der Wert des Goldschatzes der Bundesbank von 107 auf 112 Milliarden Euro zugelegt.

Schuhstadt ohne Datenschutz

Nur Stunden nach dem gigantischen Datenleck bei SchülerVZ bahnt sich ein neuer, umfassender Datenskandal an. In der mitteldeutschen Mittelmetropole Weißenfels an soll nach einer Ankündigung, die im Internet aufgetaucht ist, in Kürze mit der Ausgabe von 42.300 Büchern begonnen werden, die unverschlüsselt "topaktuelle private und gewerbliche Adressen und Telefonnummern" aus der "Stadt an der Saale" (Zitate Eigenwerbung) enthalten. Die Abgabe der Datensammlung erfolge kostenlos, den Vertrieb habe ein großes deutsches Logistikunternehmen übernommen.

Es ist ein Alptraum für jeden Datenschützer: "Mit seinem reichhaltigen Informationsangebot" helfe das in Buchform veröffentlichte Kompendium, "alle wichtigen Ansprechpartner zu Freizeit, Beruf und Alltag" in Weißenfels zu finden. Selbst Namen, Adressen, Spezialisierungsrichtung und Rufnummern von Ärzten und Kindereinrichtungen erhält das Verzeichnis, in dem Datenschnüffler offenbar ganz bequem auch online nach interessanten und intimen Details aus dem Leben anderer suchen können. Über die Adresse lasse sich die Wohngegend jeder einzelnen Familie identifizieren, warnen Datenschützer, daraus ließen sich leicht Schlüsse zu Einkommen, Lebensumständen, Immobilienbesitz und der Anbindung an die "Datenautobahn" (Helmut Kohl) ziehen. Pädophile, fürchten besorgte Eltern, könnten gezielt Kindertagesstätten ausfindig machen und dort nichtsahnenden Kindern auflauern.

Dazu müssten sie nicht einmal zu Hause bleiben. Sogar unterwegs ließe sich "digital nach Telefonnummern, Namen und Adressen" (Eigenwerbung) suchen, so dass etwa ein Autofahrer, der seinen Wagen gerade in seine Garage fährt, mit wenigen Mausklicks identifizierbar wird. Dazu reiche es aus, unter Nichts bleibt geheim mit einem internetfähigen Handy, Smartphone oder PDA zu suchen, Sei nur der Name des Gesuchten bekannt, stehe unter www.oe-navi.de eine kostenlose Software zum Download bereit, die über eine einfach zu bedienende Naivigationslösung direkt bis vor die Haustür der ausspionierten Familie führt.

Und das nicht nur im kleinen Weißenfels, der ehemaligen Schuhmetropole der DDR, sondern bundesweit, denn vergleichbare Lösungen finden Eingeweihte bereits heute für sämtliche 12.244 Städte und Gemeinden im Land. Wie bedrohlich das Ausmaß des neuen Datenlecks ist, zeigen die Zugriffszahlen, die die Anbieter notieren: Danach nutzen rund 60 Millionen Menschen jährlich das Onlineportal Lokalverzeichnis geheimer Daten um Namen, Berufe, Telefonnummern oder Wohnadressen auszuspionieren. Längste ein Volkssport: Laut der Arbeitsgemeinschaft Online Forschung (AGOF) gehört die Seite bereits heute zu den Top 20 der meistbesuchten Internet-Seiten in Deutschland.

Im Krieg mit Griechenland

Jetzt reicht es, findet der Chef der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. "Hier wird im Moment von Spekulanten ein Angriffskrieg gegen die Euro-Zone geführt", klärte Jochen Sanio die Parlamentarier im Haushaltsausschuss des Bundestags mit drastischen Worten auf.

Eine Schlacht tobt im Untergrund, der Feind sei unsichtbar, es gelte jetzt, "einen Generalangriff auf den weitgehend unregulierten, internationalen "Schatten-Finanzsektor" vorzunehmen, so der oberste deutsche Finanzaufseher, der vor acht Wochen noch hatte melden lassen, dass seine Behörde "bislang keine Anhaltspunkte dafür gefunden" habe, "dass in jüngster Zeit verstärkt Kreditderivate, sogenannte CDS, zur Spekulation gegen griechische Staatsanleihen genutzt worden sind". Spekulanten hätten etwa mit Kreditausfallversicherungen im Falle Griechenlands in drei bis vier Monaten rund 500 Prozent Gewinn gemacht, wie das Beispiel der im Staatsbesitz befindlichen griechischen Postbank zeigt. Die legte sich im August 2009 für 950 Millionen Euro Kreditausfallsicherungspapiere auf griechische Staatsanleihen zu, die damals billig zu haben waren. Der Kauf durch die staatliche Bank aber, so analysiert der Spekulantenblog, machte andere Marktteilnehmer auf die Chancen aufmerksam, die in einer griechischen Staatspleite liegen: Nachdem der griechischen Staat selbst über seine Postbank 15 Prozent aller verfügbaren Kreditausfallpapiere auf griechische Staatsanleihen gekauft hatte, begannen die Preise zu steigen.

"Griechenland - ein besseres Angriffsziel konnte man sich nicht aussuchen", beschreibt Sanio. Die Entwicklung des Landes sei schockierend verlaufen, seitdem die rot-grüne Bundesregierung wider besseren Wissens zugestimmt habe, das Land in die Euro-Zone aufzunehmen. Wenn Griechen aber Gewinne machten mit der Spekulation auf die Staatspleite Griechenlands müsse "man einschreiten". Wenn Kurse Wahrheiten erzählen, die keiner hören will, werden die Märkte geschlossen, an denen sich die Kurse bilden. Die EU-Kommission prüft deshalb nach einer zweijährigen Pause erneut, ob Vorgaben notwendig seien, damit Staatsanleihen angemessen bewertet werden. EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier hatte angekündigt, den Aufbau einer europäischen Ratingagentur als Konkurrenz zu den drei amerikanischen Häusern zu prüfen. "Finanz-Hasardeure" wie die griechische Postbank stellten eine Gefahr für die ganze Euro-Zone dar, die nicht hoch genug bewertet werden könne.

Der Qualitätsjournalist und Talkrundenwelterklärer Hans-Ulrich Jörges zieht in seiner witzigen Webkolummne die einzig richtigen Schlüsse: Griechische Spekulanten wollen den Euro ruinieren, also muss Deutschland sich wehren und ihnen den Krieg erklären. Auf einen mehr oder weniger kommt es ja nun auch nicht mehr an, wo die Käufer von Kreditausfallversicherungen doch inzwischen von einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone ausgehen.

Mittwoch, 5. Mai 2010

Katastrophe, halb so groß wie Hessen

Es war das Wochenende direkt nach der Aschemonster-Katastrophe, das Wochenende also direkt vor dem Griechenland-Desaster, das Wochenende somit, an dem die Welt im Golf von Mexiko unterging. Der Ölteppich dort breite sich "schneller aus als befürchtet", tickerte die Qualitätsnachrichtensendung Tagesschau begeistert, wenig später hieß es sogar, die Ölpest am Golf von Mexiko breite sich "rasant" aus: "Fast 10.000 Quadratkilometer misst der Ölteppich vor der Südküste der USA inzwischen - das ist nahezu die Hälfte der Fläche Hessens", fand sich auch gleich ein passender Vergleichmaßstab, um das Ausmaß an Verseuchung plastisch zu machen. Noch deutlicher macht es dieser Vergleich: Der ganze Golf von Mexiko ist nur 75 mal größer als ganz Hessen, also nur 150 Mal größer als der Ölteppich - dieser bedeckt als tatsächlich 0,66 Prozent der Gesamtfläche des Gewässers.

Passenderweise erreichte er am 2. Mai um 21.55 Uhr dann auch noch "die Küste Lousianas und das Mississippi-Delta": "US-Naturschützer fürchten schlimmste Umweltkatstrophe seit Jahrzehnten", meldete die Aktuelle Kamera prompt und zeigte einen ölverschmierten Vogel, über den ein engagiert schauendes Umweltschutzmädchen sagte, man werde ihn "mit klarem Wasser abwaschen", um das Öl zu beseitigen. Dabei müsse aber versucht werden, vorsichtig vorzugehen, um die Schutzschicht im Federkleid nicht zu beschädigen.

So wie klares Wasser seit Menschengedenken als probates Mittel gegen Schmierölflecke gilt, so gilt das Streben der Tagesschau der Wahrheit. Wie der Vogel sich ölig machen konnte, obwohl doch noch vier Tage später nirgendwo Öl an der Küste angespült wurde, bleibt unaufgeklärt. Ist er verölt aus der halbhessengroßen Lache herausgeflogen? Oder hat ihn die leutlesig lächelnde Umweltschutzfrau mit Schmiere von der Tankstelle auf Opfer geschminkt? Die Süddeutsche Zeitung jedenfalls meldet erst drei Tage später wird melden können Erste Opfer unter Vögeln - auch das ein Rätsel, denn nach Angaben der "Zeit" hält auch vier Tage später noch "Günstiger Wind hält das Öl von der Küste fern", die es nach "Tagesschau"-Angaben ja schon längst erreicht hatte.

Das aber ist nach der Hauptausgabe vom 4.5. nur eine "Atempause" - "noch gebe es "keine Hinweise darauf, dass Ölklumpen die Küste erreicht" hätten, heißt es da, jetzt auch wieder ohne Vogelbild. Das Tier wird wohl genug gebadet haben.

Kacheln statt Knast

Ein erster kleiner Sieg für den falschen Kachelmann war das Urteil, dass es Zeitungen künftig nicht mehr gestattet, Knastfotos des langjährigen Wettermoderators beim Hofgang in der JVA Mannheim zu verbreiten. Prompt sattelte die Journaille um - statt über den Wetterfrosch zu berichten, enthüllte das Kunstmagazin Bild eilfertig die Identität der hier im einzigen offiziellen deutschen Fliesenblog PPQ seit Jahren gebannt verfolgten Kachelkünstler von Halle. "Wir sind die Kachelmänner" durften sechs junge Männer vor der Kamera verkünden - ein harter Schlag für den etablierten Kunstmarkt, eine Sternstunde der Kachelkultur im öffentlichen Raum, die im großen Kachelverzeichnis detailliert nachschlagbar ist.

Denn trotz der Enthüllung geht das Kleben weiter, nun von nochmehr stillen Bewunderen begleitet. Im Blick das Ziel, Halle als erste komplett verflieste Stadt der Erde in den Rang einer Weltkulturerbestätte zu erheben, hat der kollektive Kachel Gott nicht Kraft noch Mühe gescheut, ein neues, der krisenhaften Lage auf den Weltbondmärkten wegen angemessen gedecktfarbenes Motiv aus der Mutter-Courgae-Serie direkt an den letzten aufrecht stehenden Steine des von der Stadtverwaltung im Rahmen der sogenannten Internationalen Bauausstellung geschleiften historischen Gebäudes des früheren VEB Gravo-Druck zu installieren. Hier mahnt die Miniatur mit Nachdruck zur Mäßigung, hier bittet der Kachelmann das Kollektiv der Kunstkenner draußen im Land quasi um ein neues Verhältnis zu Bescheidenheit und engem Gürtel. Flaschen zu werfen, nur weil Fotografen in der Nähe sind, das weiß jeder Kacheleologe, ist keine Alternative zum Nichtstun und Zuschauen.

Eigene Funde können wie stets direkt an politplatschquatsch@gmail.com geleitet werden, jeder Fund wird von uns auf Wunsch mit einem mundnachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert.

Staat beim Spekulieren II

"Da muss der kleine Mann wieder für die Sünden der Spekulanten und Banken aufkommen", zürnt Sigmar Gabriel, frühere Pop-Beauftragter der SPD und heute Vorsitzender der deutschen Sozialdemokratie. Immer diese Bänkster, dieses vaterlandslose Hedge-Fonds-Gesindel, diese Jagd nach dem schnellen Geld und dicken Rendite!

Und immer die öffentliche Hand vornweg. In der guten alten Tradition der Landesbanken, die vor drei Jahren halfen, deutsche Milliarden ins Ausland zu bringen und sie auch dort zu lassen, hat das Land Nordrhein-Westfalen die Rücklagen für Beamtenpensionen vorsorglich in griechische Staatsanleihen investiert. Wie der staatliche WDR meldet, sollten 300 Millionen Euro in sicheren griechischen Staatspapieren einst genug abwerfen, um den Ruhestand ausgeschiedener Beamter zu finanzieren. Im Unterschied zu deutschen Staatsanleihen werfen griechische bei höherem Risiko mehr Zinsen ab - ein Grund auch für zahllose Fondsanleger, ihre Depot mit griechischen Grusel-Bonds aufzufüllen.

Das Geld sei nicht in Gefahr, versichern nun Düsseldorfer Finanzministerium und Bundesbank. Durch die geplanten Hilfen von Euro-Ländern und Währungsfonds bleibe Griechenland zahlungsfähig und könne fällig werdende Anleihen bedienen. "Für diese Kredite bürgt der Bund", erklärt die frühere Klimakanzlerin Angela Merkel, "letzten Endes also wir alle". Wer Griechenland hilft, hilft den Rentnern in NRW, wer den Rentnern in NRW hilft, hilft sich selbst.

Es gehe um nicht mehr und nicht weniger als um die Zukunft Europas und damit um die Zukunft Deutschlands, sagt Angela Merkel: "Eine Situation ohne historisches Vorbild". Die Kredite für Griechenland seien deshalb nicht nur eine Frage der europäischen Solidarität, sondern eine der wirtschaftlichen Vernunft, glaubt Merkel. Und sagt Walter Steinmeier, einst beinahe selbst Kanzler und heute der Mann der erinnert: "Wir müssen an die Wurzeln der Krise ran". Er weiß, wovon er spricht: Vor der Einführung des Euro saß Steinmeier als Verantwortlicher im Bundeskanzleramt, gemeinsam mit seinen Genossen Gerhard Schröder und Hans Eichel überwachte er die Einhaltung der Konvergenzkriterien, nach denen Länder in das gemeinsame Währungsgebiet Aufnahme fanden. Griechenland schnitt gut ab. Damals. "Was sollen denn die Leute von uns halten", fragt Walter Steinmeier im Bundestag. Ja, was wohl.

Dienstag, 4. Mai 2010

Muskatnuss

Mehr Staat wagen

"Was der Staat kann, kann nur der Staat", lobte einst Franz Müntefering, der unterdessen weitgehend vergessene ehemalige Retter der SPD. Ein Wort, das über alle Parteigrenzen hinweg gültig bleibt, wie der derzeit amtierende Bundesinnenminister Thomas de Maizière jetzt klargestellt hat. Für ihn sei es "ein Phänomen, dass die Adressvergabe im Internet überhaupt funktioniert, obwohl sie nur von Privatleuten verabredet" sei, staunte der CDU-Politiker, der sich seine ersten Meriten als Vorbereiter und Organisator der Pleite der sächsischen Landesbank Sachsen LB verdiente.

Der Umstand, dass derzeit weitgehend private Einrichtungen das Internet organisieren, sei "keine ausreichende Antwort für die Zukunft", findet de Maiziere. Wie bei der Benennung von Straßen, Plätzen und Städten, die in Deutschland je nach gerade herrschender Meinung benannt und wieder umbenannt werden, müssten staatliche Einrichtungen auch bei Internetadresen eine "Schutzpflicht für sichere Online-Kommunikation" übernehmen. Es gehe um das Vertrauen der Bürger, dass Dienste wie Online-Banking und E-Mails tatsächlich sicher seien, was de Maizieres Informationen zufolge ursächlich nur durch eine ministerielle Kontrolle der Domainnamen garantiert werden kann.

Und diese Gewissheit gebe es nur, wenn statt der genossenschaftlich organisierten DENIC ein dem künftigen Blogampelamt gleichgestelltes Bundesinternetadressenamt Domainnamen vergebe. Dann könnten Behörden Domains und IP-Adressen, die Mißfallen erregen oder den "Falschen in die Hände spielen" (Wolfgang Thierse) einfach nicht vergeben oder, falls sie durch unverantwortlich handelnde Private schon freigeschaltet wurden, ohne Mitwirkung der Justiz abgeschaltet werden. Vorbild wäre die Vergabe von Autokennzeichen, bei der demokratiegefährdende Buchstabenkombinationen wie SA, SS, KZ oder V1 zwar keinem Verbot unterliegen, aber einfach nicht vergeben werden.

Ein Schritt nach vorn für Sicherheit im ganzen Netz. Bislang hatte die Denic allenfalls darauf geachtet, das Domains wie hitler.de an Nutzer wie die gemeinnützige Initiative Shoa gingen. Flächendeckende Andacht war so jedoch nicht zu erreichen: So tummelt sich etwa unter goebbels.de ein Profiseller-Webshop und bei goering.de werden Internet-Dienstleistungen angeboten. Auf Franz Münteferings Seite hingegen beschäftigt sich der aktuellste Beitrag mit dem Abschied des kantigen Kämpen vor sechs Monaten. Seitdem ist die Seite privat - und immer mal für Einträge sorgen, das kann eben nur der Staat.

Deutsche Trutzburg an den Thermopylen


"Ein Mitgliedstaat haftet nicht für die Verbindlichkeiten der Zentralregierungen, der regionalen oder lokalen Gebietskörperschaften oder anderen öffentlich-rechtlichen Körperschaften, sonstiger Einrichtungen des öffentlichen Rechts oder öffentlicher Unternehmen eines anderen Mitgliedstaats und tritt nicht für derartige Verbindlichkeiten ein", heißt es in Artikel 125 des EU-Vertrag von Lissabon. Eine Regel, die die Bundesregierung jetzt mit einer 22-Milliarden-Bürgschaft für griechische Schulden buchstabengetreu umsetzt, assistiert vom Parlament.

„Wir helfen ja nicht nur Griechenland, sondern wir mussten helfen, weil die Stabilität unserer eigenen Währung, und das ist ja der Euro, bedroht war“, erklärte die frühere Klimakanzlerin Angela Merkel dem „RTL Nachtjournal“, warum ein Verkauf der griechischen Goldreserven von 112 Tonnen mit einem Gegenwert von 3,5 Milliarden Euro keine Option sei. Ein sicherer Euro schütze die Menschen in Deutschland. Letztlich bedeute das nichts anderes, als dass Deutschland nunmehr nicht nur am Hindukusch, sondern auch an den Thermopylen verteidigt wird: "Wir tun es für die Menschen gerade auch hier in der Bundesrepublik Deutschland“, verriet Angela Merkel mit einem Zitat, mit dem der damalige Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg im vergangenen Jahr bereits ein Konjunkturpaket der Bundesregierung erfolgreich verteidigt hatte.

Durch die entschlossene späte Hilfe der Bundesregierung soll der Außenwert des Euro stabilisiert werden, um es deutschen Urlaubern zu ermöglichen, billig Urlaub im Dollarraum zu machen. Gestützt werden damit auch die Importe auch China, die bei einem sinkenden Eurokurs teurer würden, so dass sich viele Menschen das demnächst erscheinende iPad von Aplle nicht würden leisten können. Auch der Benzinpreis wäre ohne die Griechenlandhilfe weiter gestiegen, da der Ölhandel überwiegend in Dollar stattfindet. Viele Deutsche hätten das Auto dann zugunsten eines verbesserten Weltklimas stehen lassen müssen, ohne dass die Bundesregierung entsprechende Einzelmaßnahmen zur Förderung des öffentlichen Nahverkehrs beschlossen hatte. Ein Vorhaben, das vom Start weg als rundherum gelungen gelten darf, wie der Chart oben zeigt: Sofort nach der Entscheidung für das sogenannte Rettungspaket ging die Einheitswährung der Union auf Tauchstation.

Kapitulation vor der Krake

Der Kampf war ein ungeheurer. Wie ein mann stemmte sich Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner gegen die unwägbaren Gefahren, die Bürgerinnen und Bürger im Lande durch den
Google-Dienst Street View zu erleiden drohten. Beinahe im Wochenrhythmus bestellte sich die gelernte Fernsehtechnikerin dazu Medienvertreter ein, denen sie Einblick in mögliche Schutzmechanismen gab: Ein Gesetz zum verbot von Fotoaufnahmen im öffentlichen Raum sollte es in der einen Woche sein, der Persönlichkeitsschutz für Fassaden in der anderen, eine Genehmigungspflicht für das Hochladen von Bildern ins Internet war im Gespräch und die Pflicht, alle hochgeladenen Aufnahmen vorher unkenntlich zu machen.

Vor allem aber forderte Ilse Frau Aigner, dass Bürger umfassend von ihren Einspruchsrechten Gebrauch machen sollten - selbst das aber stieß bei den Betroffenen weitgehend auf taube Ohren. Mit bisher nur rund 10.000 Einsprüchen bewegt sich die aktive Besorgnisquote bundesweit im Promillebereich. Eine verheerende Bilanz, zu der Bundes- und Landesministerien mit ihrem beunruhigend laxem Umgang mit dem hochsensiblen Thema nicht unwesentlich beigetragen.

Denn wo die Bürgerin und der Bürger zur Angst aufgefordert wird, wäre zu erwarten gewesen, dass Behörden und Ministerien mit gutem Beispiel vorangehen. Eine Flut von Widersprüchen gegen die Abbildung von Reichstag, Bundesbranntweinverwaltungsverwaltungsgebäude, Innenministeriumsamtssitz und Bundesbankhaupthaus im Street View-Dienst hätte entfesselt werden können, wäre der Wille der Politik dagewesen, den eigenen vollmundigen Aufforderungen auch nur ansatzweise Taten folgen zu lassen.

Doch nichts ist geschehen. Wo sich durch Ilse Aigners nimmermüde Bitten um Besorgnis wenigstens noch ein paar tausend Privatleute bereit fanden, das von Google bereitgestellte Widerspruchsformular auszufüllen, haben offenbar sämtliche Landes- und Bundesbehörden stillschweigend vor der Datenkrake kapituliert.

Heißt es im Bayerischen Staatsministerium zur Frage nach der Anzahl der Landesinstitutionen, die von ihren Einspruchsrechten bei Google ihre Dienstgebäude und Liegenschaften betreffend Gebrauch gemacht hätten nur knapp, "dazu liegen uns keine Zahlen vor", gesteht das Innenministerium des Landes Brandenburg auf Anfrage, das "eine Übersicht zu eventuellen Einsprüchen bzw. Widersprüchen von Brandenburger Behörden gegen Aufnahmen für Google Street View" nicht nur nicht vorliege, sondern sie "ressortübergreifend auch nicht erhoben" werde.

"Was das Innenministerium betrifft, sehen wir für den Ressortbereich dafür keine Notwendigkeit", begründet Pressesprecher Ingo Decker. Aufnahmen öffentlicher Gebäude und Liegenschaften 'von außen' unterlägen keinerlei Beschränkungen und könnten "bekanntlich auch von allen Medien erlaubnisfrei erstellt werden". Eine Verletzung des allgemeinen Persönlichkeitsrechtes sei durch "das bloße Fotografieren von Landesliegenschaften und durch die Veröffentlichung dieser Aufnahmen grundsätzlich nicht" zu erwarten, widerspricht die brandenburgische Landeregierung der Verbraucherschutzministerin, die eine "millionenfachen Verletzung der Privatsphäre" durch Fassadenfotos ausgemacht hatte.

Inzwischen gibt es eine Volksinitiative des Twitterers Jens Best, die sich an der Verweigerung der Politik orientiert, bundes- und landeseigene Immobilien für Street View zu sperren. Best ruft die Menschen draußen im Land dazu auf, selbst auf die Straße zu gehen und Häuser zu fotografieren, deren Fotos in Googles Sammlung fehlen, weil Besitzer oder Mieter Widerspruch angemeldet haben. Die Aufnahmen sollen anschließend ins Netz gestellt werden.

Montag, 3. Mai 2010

Wer hat es gesagt?

Die Idee eines Konzentrationslagers ist ausgezeichnet.

Wer hat es gesagt?

Wie kann man eine Revolution durchführen, ohne Menschen zu erschießen?

Wir sind Wolfgang

Er ist mutig aufgestanden, als die DDR-Diktatur zu wanken begann. Als die Politikverdrossenheit immer mehr zunahm, stellte sich Wolfgang Thierse zur Wahl für den Bundestag, als der Vollbart nach dem Beginn des Afghanistanfeldzuges aus der Mode kam, hielt er charaterfest an ihm fest. Jetzt hat sich der Bundestagvizepräsident mutig einer an einer Sitzblockade gegen die Wiedererrichtung eines dritten oder gar vierten Reiches durch ewiggestrige Neonazis entgegengestellt, indem er sich auf eine Berliner Straße setzte, ohne sich selbst zu schonen.

Das neue dritte Reich konnte damit gerade noch einmal verhindert werden. Doch Thierse zahlte einen bitteren Preis: Die Polizei griff rüde gegen den greisen Politiker durch, sie führte ihn nach viertelstündigem hartnäckigem Sitzen auf dem noch winterkalten blanken Boden beiseite. Dennoch fiel die Staatsanwaltschaft dem Bürgerrechtler mit der Mitteilung in den Rücken, sie prüfe den Anfangsverdacht eines etwaigen strafbaren Verhaltens des Straßenkämpfers, den Helmut Kohl einst als "schlimmsten Präsidenten seit Hermann Göring" gelobt hatte, wofür sich Thierse mit dem Satz „Seine Frau im Dunkeln in Ludwigshafen sitzen zu lassen, wie es Helmut Kohl gemacht hat, ist kein Ideal“ revanchierte.

Nun steht der Bundestags-Vize im Verdacht, ein Rechtsbrecher im Dienst des Rechts zu sein. Sollte er sich bestätigen, würden weitere Schritte eingeleitet: Die Immunität Thierses müsste aufgehoben werden, dann hätte der unbeugsame Berliner einen Prozess zu fürchten. Ein Szenario, das sofort angebliche Parteifreunde auf den Plan ruft. Eine stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, die im Hebrst 1989 nicht durch Mut und späte Mitgliedschaft im Neuen Forum aufgefallene Anja Hertel, zeigte sich demonstrativ empört. „Das war würdelos“, behauptete sie. Der Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages müsse sich an Recht und Gesetz halten, findet auch Thierses Genosse, der Berliner Innensenator Ehrhart Körting. Bundestagsabgeordnete stünden nicht über dem Grundgesetz“, die Polizei auch nicht, deshalb habe sie auch gegen den Willen des Parlamentariers das Demonstrationsrecht durchsetzen müssen.

Wolfgang Thierse, einst Mitverfasser des derzeit nicht lieferbaren „Historischen Wörterbuchs ästhetischer Grundbegriffe" und des Bestseller "Huren, Helden, Heilige. Biblische Porträts aus prominenter Feder", versteht das. „Die Beamten erfüllen ihre polizeiliche und wir tun unsere staatsbürgerliche Pflicht“, stellte der Politiker ein für allemal klar, wie der "Anstand der Aufständigen" (Karleduardskanal)auszusehen hat. Wo Recht zu Unrecht wird und Antidemokraten demokratische Grundrechte nutzen dürften, als seien die für jeden da, wird Widerstand zu Pflicht und Wolfgang Thierse wieder zum vollbärtigen Vorbild: Alle auf die Straße! Rot ist der Mai! Und wir sind Wolfgang!

Wiedergeboren als Deutscher Meister

Eben noch feierte er ausgelassen seinen ersten deutschen Meistertitel, die Mundwinkel steil nach oben gezogen, schon nach zehn Monaten angekommen auf dem Gipfel des Ruhm. Louis van Gaal (oben links) gilt den deutschen Medien als "Gott", wie die Rheimische Post zurückhaltend analysiert, er lässt die Fans vom sogenannten Triple schwärmen und nährt Hoffnungen auf einen adäquaten Nationalmannschaftsnachfolger für Joachim Löw, sollte der erst bei der WM gescheitert sein, weil er Arjen Robben nicht mitgenommen hat.

Das dunkle Geheimnis des Louis van Gaal aber könnte dessen Karriere schneller beenden als es selbst Gegnern wie seinem Vorgänger und später sicherlich irgendwann einmal wieder Nachfolger Felix Magath lieb ist. Nicht nur Lena, die für Deutschland in Oslo singen soll, hat sich früher in sogenannten Trash-Filmen verdingt. Nein, auch der Meistermacher von der Isar trat in Kinomachwerken auf, die mit der großen deutschen Tradition der Fassbinder, Graf und Knopp nur wenig zu tun hatten. Gleich dreimal schlüpfte der heute als General bekannte Fußballlehrer in den für ihn sportlich unbefriedigend verlaufenden 70er Jahren die Rolle des Jabba der Hutte (oben rechts) im Science-Fiction-Drame "Star Wars". Van Gaal wurde damals von Regisseur George Lucas ausgewählt, weil er den im ersten Moment recht unsympathisch wirkenden Außerirdischen "beinahe ungeschminkt" spielen konnte, wie ein Mitglied des Drehstabes Jahre später in seiner Autobiografie offenbarte.

Dennoch habe van Gaal seine kleine Familie nicht dauerhaft mit der Arbeit als Schauspieler ernähren können, weil neue Rollenangebote ausblieben. Nach seinem Filmtod kehrte der frühere Ajax-Aktive zurück zu seinem Heimatverein, er ließ Hollywood für immer hinter sich und wurdce dreimal Meister. Im Gegensatz zu anderen Prominenten, die mehrere Karrieren gleichzeitig und dennoch häufig sehr erfolgreich verfolgen, sind Auftritte als Jabba the Hutte für Louis van Gaal heute kaum noch vorstellbar. Der Mittwoch-Samstag-Rhythmus im Profifußball, so begründen Vertraute des Wahlmünchners dessen völlige Abkehr vom Filmgeschäft, lasse Ausflüge in die Schauspielerei kaum zu.

Schweigen für Schulden

Angela Merkel macht reinen Tisch. Schulden-Staaten sollen künftig empfindlich abgestraft werden! In der Börsenfachzeitschrift Bild hat sich die 55-jährige ehemalige FDJ-Sekretärin für "drastische Konsequenzen aus der Griechenland-Krise" ausgesprochen. Staaten, die Defizitgrenzen der Europäischen Union verstoßen, solle künftig das Stimmrecht in der EU entzogen werden, forderte die CDU-Politikerin.

„Es muss künftig möglich sein, einem Land, das seine Verpflichtungen nicht einhält, zumindest vorübergehend das Stimmrecht zu nehmen“, fordert die Kanzlerin in ihrer Initiative "Schweigen für Schulden". Noch im Mai werde die Europäische Union eine Arbeitsgruppe auf Ebene der Finanzminister einrichten, die Vertragsänderungen mit dem Ziel zu prüfen, härtere „Sanktionen bei Verstößen gegen die Euro-Stabilitätsregeln“ zu erreichen.

Auch Deutschland, das bis 2013 rund 507 Milliarden Euro neue Kredite aufnehmen wird, müsste dann zumindest zeitweise auf seine Mitspracherechte in der EU verzichten. Bereits im vergangenen Jahr konnte die Bundesrepublik die in den EU-Verträgen verankerte Defizitgrenze von 3 Prozent nicht einhalten, auch mit einer für dieses Jahr geplanten Kreditaufnahme von 112 Milliarden Euro werden wieder für mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts neue Kredite aufgenommen. Eine Einhaltung der Defizitgrenze, die nach den Plänen von Angela Merkel künftig Voraussetzung für die Mitsprache in der EU sein wird, ist erst für 2013 oder 2014 vorgesehen. Unklar scheint derzeit noch, wer nach der Suspendierung der Stimmrechte aller "Schulden-Staaten" (Angela Merkel) überhaupt noch Stimmrecht in der Europäischen Union haben wird - derzeit reißen von wenigen Ausnahmen abgesehen alle Mitgliedsländer die Defizitgrenze.

Sonntag, 2. Mai 2010

Endzeit der Einzelkämpfer

Es ist die Körpersprache, die schon beim Warmmachen vor dem Spiel Böses befürchten lässt. Adli Lachheb, seit Monaten bester Feldspieler des Halleschen FC, spaziert über den Rasen des Kurt-Wabbel-Stadion, als sei er auf Pilzsuche. Die Spurts der zehn Männer, die zu Anfang auflaufen sollen, finden in Zeitlupe statt, die Besatzung der Bank spielt derweil in zwei Dreierkreisen Hohes - und kein Wort fliegt zwischen den Ringen hin oder her.

Dazu passt das restliche Ambiente im Stadion, das heute sein vorletztes Spiel vor dem geplanten Generalumbau erlebt. Der Himmel hängt voller Wolken, die Ränge sind leer wie zuletzt vor drei Jahren. Wer nicht da ist, wird später nichts verpasst haben. Vom Anpfiff weg präsentiert sich Wilhelmshaven, bis hierhin eine der Schießbuden der Liga, als spielstärkere, passicherere und offensivere Elf. Halle spielt quer, schräg, fehl, nichts ist übrig vom überzeugenden Mannschaftsspiel der Tage bis zum 1:0 Auswärtssieg in Magdeburg.

Der Club, wie die halleschen Fans ihren Verein liebvoll nennen, ist wie ausgewechselt seit dem Abpfiff in der Landeshauptstadt. Wo vorher Kampf und Wille waren, wenn das spielerische Vermögen nicht ausreichte, ist nun nur noch "nimm Du ihn, ich hab ihn". Mit Hebestreit, Schubert und Müller sitzen drei gesperrte Leistungsträger auf der Tribüne, mit Stark ein weiterer nach langer Verletzung auf der Bank. Marco Hartmann, zuletzt eine solche im Mittelfeld, nun aber auch verletzt, wird zur Halbzeit ins Stadion geschlendert kommen.

In dem spielt nur der Gast, trainiert von der DDR-Fußballegende Wolfgang "Maxe" Steinbach. Zweimal hat Halle Glück, dass Torwart Darko Horvat vor einschußbereiten Spielern in Gelb rettet. Dann aber zieht Hammouchi nach 22. Minuten von Linksaußen kurz nach innen und direkt ab wie Halles Kapitän Nico Kanitz vier Tage zuvor im mühevoll zum Sieg gewürgten Pokalviertelfinale in Ammendorf. 0:1 mal wieder, wie neuerdings jedes Mal. Die hängenden Köpfe der Rot-Weißen hängen nun noch ein wenig mehr, auf den seit zweieinhalb Jahren sieggewohnten Tribünen wird es noch etwas stiller und der Regen nimmt zu.

Eine Viertelstunde knabbert Halle am Rückstand, dann zieht Abwehrersatzmann David Sieber seinen Gegenspieler im Strafraum vom Ball weg, der Wilhelmshavener fällt, Schiedsrichter Hoffmann zeigt sofort auf den Punkt, Moslehe schießt an Horvat vorbei zum 0:2 ein.

Damit hat der HFC nun in einem Monat acht Gegentreffer geschluckt - nach gerademal 14 in den acht Monaten zuvor. Doch es ist die Körpersprache, die Schlimmeres befürchten lässt: Es wird nicht geredet auf dem Platz, Trainer Sven Köhler, der Vater der für altgediente Fans völlig unerwarteten Erfolgsserie der Kicker von der Saale, steht wie angeschweißt vor seiner Bank. In der Fankurve singen sie unduldsam "Wir ham die Schnauze voll".

Zur Pause bringt er Benjamin Knaack aus der A-Jugendbundesligaelf. Der läuft auf den Platz, als wäre er unsichtbar. Kein Kollege klatscht ab, kein aufmunternder Klaps, kein Wort, keine Geste. Knaack bläst trotzdem als erster zum Sturm, läuft links außen durch, dreht nach innen, beißt sich fest.Hauk, vor der Saison als Verstärkung geholt, auf dem Platz aber immer nur eine Ergänzung ohne Fortune, macht es sofort danach besser. Nachdem Wilhelmshavens Schlußmann Weis nicht schnell genug aus dem Tor gekommen ist, erwischt er einen weiten Ball noch vor dem Toraus, flankt nach innen, wo Thomas Neubert steht, als habe er damit gerechnet. Neubert schießt und trifft sogar. 1:2.

Und nun hilft Schiedsrichter Hofmann sogar noch ein bisschen. Nach einem Foul von Kozarak an Finke, heute als zentraler Ausgangspunkt für Rückpässe aufgeboten, zeigt er Rot. Vor Wut reißt sich Maxe Steinbach die Jacke vom Leib und schleudert sie zu Boden. Auch die Legende muss nun gehen - trotz einer Karriere beim Erzfeind in Magdeburg von der Tribüne mit freundlichen "Maxe, setzt Dich hierher"-Rufen begrüßt.

Steinbach geht, René Stark kommt. Der Regisseur, seit dessen Verletzung vor Weihnachten der HFC nur noch 13 Tore in 13 Spielen zustandegebracht hat - nach 32 in den 18 Spielen bis dahin -, soll es richten. Der HFC ist nun nicht mehr im Koma, sondern nur noch im Wachkoma. Wilhelmshaven mauert, Halle stürmt, das aber immer wieder hinten herum, ohne Druck, ohne Kraft, mit Torchancen, die nur ein liebesvolles Fanherz als solche zu erkennen vermag.

"Los, los", ruft ein letzter Optimist auf der Tribüne. Maxe Steinbach fuchtelt mit den Armen: "Mensch, für uns gehts ums Überleben", brüllt der graugewordene Silbermedaillengewinner der Olympischen Spiele von 1980. "Okay", schreit es zurück. Und nach unten auf den Platz: "Jungs, dann lasst sie halt gewinnen."

Jeden Tag eine gute Tat und heute diese. Görke, früher einmal ein treffsicherer Fernschütze, zielt energisch drüber, Siefkes, der inzwischen für Hauk eingewechselte Gerd Müller der HFC-A-Jugend, köpft übers Tor. Auch Görke nochmal nach einer Ecke mit Schmackes drüber, im Gegenzug rettet Horvat gegen eine plötzlich trotz Unterzahl in Überzahl auftauchender Gäste. Es dämmert inzwischen, weil das Spiel so spät am Abend anfangen musste, wie im vergangenen Jahr selbst das Pokalfinale nicht anfangen durfte. Das Flutlicht in Halle ist schon seit Jahren kaputt, jetzt ist es auch der Mythos der Unschlagbarkeit, der Mythos vom rumgerissenen Ruder, der Mythos vom neuen Zeitalter in den alten Farben.

Als Hoffmann abpfeift, ist es wie eine Erlösung im Endspiel der Einzelkämpfer unten auf dem Rasen. Mittwoch geht es zum Pokalhalbfinale nach Stendal, dann noch zum Tabellenführer Babelsberg, gegen Hannover und gegen Lübeck. Das fünfte Spiel und letzte Spiel der Saison wäre das Pokalfinale. Es wird, wenn es denn entgegen allem, was wahrscheinlich scheint, stattfindet, das letzte dieser Mannschaft sein.

Kalt ist das neue Warm

Professor Hans Joachim Schellnhuber ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, oberster Klimaberater der ehemaligen Klimakanzlerin Angela Merkel und eigentlich studierter Mathematiker. Unter Druck geraten durch eine Welle von Berichten über die Manipulation von Klimavorhersagen und Fehler bei der Deutung von wissenschaftlichen Ergebnissen, hat Schellnhuber, seit einer entsprechenden Vorhersage zum Meeresspiegelanstieg im Umweltmagazin "Bild" von seinen Fans nur "Zwei Meter" genannt, gemeinsam mit Professor Claus Leggewie, als Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen ein ausgewiesener Wetterexperte, und Renate Schubert, der Direktorin des Instituts für Umweltentscheidungen an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, in der "Zeit" klare Kante gegeben.

"Zwei Grad und nicht mehr – diese Orientierungsmarke lässt sich auf vielfältige Weise wissenschaftlich untermauern", orgelt der 59-jährige Klimakämpfer und nimmt sich Skeptiker zur Brust, die da frech behaupten "der Mensch habe schon größere Ausschläge der Erdtemperatur überlebt" als die zwei Grad, die der Internationale Klimarat als Höchstgrenze der für die Zivilisation noch erträglichen Erwärmung nennt.

Schellnhuber, klug genug, einzuräumen, was nicht zu bestreiten ist, gesteht größere Temperaturänderungen zu. "Die gingen allerdings nach unten, beispielsweise als sich die Erde während der letzten Eiszeit um fünf Grad abkühlte", führt er aus. Damals hätten "sich verstreute Sippen von prähistorischen Jägern und Sammlern elastisch mit den jeweiligen Umweltveränderungen im nahezu leeren Naturraum bewegen" können, heißt es weiter. Und anschließend: "Der Übergang zur Sesshaftigkeit und die spätere Reifung von Hochkulturen waren dagegen wohl nur möglich, weil in den vergangenen 10.000 Jahren die globale Mitteltemperatur nahezu konstant geblieben ist".

Konstant wohl auf den Niveau der letzten Eiszeit, denn da sich die weltweite Temperatur nach Meinung des obersten deutschen Klimaforschers ja um mehr als zwei Grad bisher ausschließlich nach unten verändert hat, kann die "globale Mitteltemperatur", von der Schellnhuber spricht, derzeit eigentlich nur drei Grad niedriger liegen als vor der letzten Eiszeit, während der sie seinen Ausführungen zufolge um fünf Grad sank. Fünf Grad runter, danach aber nur zwei Grad rauf: Nach Schellnhuber ist Kalt das neue Warm. Oder aber der Klimakatastrophenprediger weiß einfach nicht, was er sagt.

Samstag, 1. Mai 2010

Es war doch nicht alles gut

Nach Andrea Ypsilanti und Hannelore Kraft erteilt jetzt die dritte bekannte Sozialdemokratin einer Zusammenarbeit mit der Linkspartei eine harte Absage. Sarah Wagenknecht, kürzlich noch scharfzüngige Streiterin für die Vergesellschaftung des bundesdeutschen Wolkenkuckucksheimes, rechnet in der taz harsch mit der DDR ab. "Wenn es wenigstens ein politisches Klima gegeben hätte, in dem man offen über die Probleme diskutiert hätte", beklagt sich die einstige Kindergartenverweigerin, die im Sommer 1989 versucht hatte, das bessere Deutschland durch einen Eintritt in die SED zu retten. Im Osten sei den Leuten erzählt worden, dass sie alles haben. "Da fühlten sie sich einfach verarscht, und damit hatten sie ja auch recht."

Wagenknecht, beim Untergang der DDR mit zwei Jahren deprimierenden Diktaturerfahrung als Erwachsene ausgestattet, hatte die Berliner Mauer nach deren Fall immer wieder kundig als "notwendiges Übel" gerechtfertigt und die DDR als „besseren Staat als die BRD“ verteidigt, obwohl die sie gezwungen hatte, während des obligatorischen Zivilverteidigungslagers am Ende der Schulzeit in den Hungerstreik zu treten. 20 Jahre Hummeressen im ausbeuterischen Westen später hat sie ihre Ansichten begradigt: "Ich ging damals davon aus, dass es keine Alternative zur Mauer gab. Heute meine ich, es hätte eine geben müssen."

Ihre durchweg positiven Aussagen zum Leben in der DDR führt die ehemalige Führerin der Kommunistischen Plattform inzwischen auf verspäteten frühkindlichen Trotz zurück. Sie habe die DDR allerdings nie rosarot gesehen. "Und anders als andere habe ich das auch schon zu DDR-Zeiten gesagt. Gerade weil ich wollte, dass sie sich verändert und nicht untergeht."

Es war doch nicht alles gut, damals im Osten. Aber Anfang der Neunziger habe es aus ihrer Sicht so ausgesehen, "als hätten wir uns auf hundert Jahre Kapitalismus einzurichten. Die DDR war tot, warum also noch Schlechtes über sie reden?", fragt Wagenknecht. Heute verstehe sie "den Kapitalismus viel besser als früher" und sei weiter überzeugt, "dass Kapitalismus Kriege produziert, Armut und soziale Kontraste".

Das habe es im Sozialismus nicht gegeben. Hier waren, von einer kleinen, privilegierten Schicht abgesehen, alle arm, die notwendigen Kriege führten die Sowjetunion und das revolutionäre Kuba. Leider sei das ökonomische System überzentralisiert gewesen, das politische habe über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden, das Volk keinen Einfluss auf das Volkseigentum gehabt. "Es gab einen dauernden Mangel, und da meine ich jetzt nicht Bananen. Aber man musste manchmal Kopfstände machen, um irgendwelche Ersatzteile zu kriegen." Der "Kapitalismus im Koma", dem sie in ihrem gleichnamigen Buch vor sieben Jahre eine "sozialistische Diagnose" gestellt hatte, schneidet da besser ab. Jetzt müsse nur noch verstaatlicht werden, was größer sei als klein und mittel, etwa "Banken, Infrastruktur und strukturbestimmende Großunternehmen", dann sei auch das kapitalistische Eigentum überwunden. Das Beispiel der deutschen Landesbanken, die während der Finanzkrise mit wilden Spekulationen etwa zehnmal soviel Geld verloren wie die privaten Geldinstitute, zeige eindrucksvoll, dass "privates Eigentum mit Demokratie unvereinbar" sei. "Wenn die Wirtschaft die Politik diktiert, gibt es nur noch eine Politik für die oberen Zehntausend", findet Wagenknecht, regierten aber Politiker wie der damalige Finanzminister und KfW-Verwaltungsratsvorsitzende Peer Steinbrück direkt in Wirtschaftsunternehmen hinein, sei am Ende sicher, dass alle zahlen müssen.

Verbot der Woche: Bienenburka

Die FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin hat sich für ein Verbot der sogenannten Bienenburka in Deutschland ausgesprochen. Im Rahmen der PPQ-Aktion "Verbot der Woche" sagte die Politikerin: "Ich wünsche mir, dass auch in Deutschland - und in ganz Europa - das Tragen aller Formen der Burka verboten wird". Wer Menschen verhülle, nehme "ihnen das Gesicht und damit ihre Persönlichkeit", legte die als Vizepräsidentin des europäischen Parlaments beschäftigte in einem Gastbeitrag für das Religionsmagazin «Bild am Sonntag» fest und bezog sich dabei ausdrücklich auch auf die Verwendung von Schweißmasken und Taucheranzügen.

Vor allem bei der Bienenburka, die nach Aussage ihrer Anhänger angeblich zumeist freiwillig getragen werden, in Wirklichkeit aber nur dem Schutz vor einer vermeintlich feindlichen Umwelt diene, handele es sich um einen massiven Angriff auf die Rechte von Frauen und Männern. "Sie ist ein mobiles Gefängnis", meinte die FDP-Politikerin. Koch-Mehrin bekannte, dass verhüllte Mitbürger bei ihr Befremdung auslösen: «Ich gebe offen zu: Wenn mir auf der Straße voll verschleierte Menschen begegnen, bin ich irritiert. Ich kann nicht einschätzen, wer da mit welcher Absicht auf mich zukommt. Ich habe keine Angst, aber ich bin verunsichert.»

Das in Belgien bereits beschlossene Verbot von Ganzkörperschleiern aller Art hat die Menschenrechtsorganisation Amnesty International inzwischen zu einer Warnung veranlasst. Der belgische Vorstoß sei ein «gefährlicher Präzedenzfall», der Auswirkungen auf die Honigversorgung in ganz Europa haben könne.