Freitag, 17. Dezember 2010

Grebe: Die Wahl zwischen Radio Brocken

Stirbt am schnellsten aus, hat aber dank seiner Lage ganz im Westen des Ostens und Richtung Norden gestreckt entlang der "Straße der Gewalt" alle Möglichkeiten, etwas aus seiner Misere zu machen: Sachsen-Anhalt, die Region, in der menschenverachtende Castortransporte nicht von Menschen aufgehalten werden, sondern von eingefrorenen Weichen, hat früh Spuren in der Kulturgeschichte der Menschheit hinterlassen, später aber damit aufgehört.

Nach Händel, da sind sich die Auguren einig, kam nicht mehr viel von Weltgeltung. Abgesehen davon, dass der Orchesterleiter der ungarischen Band Omega gelegentlich bei einem Landsmann in der Innenstadt diniert und das seit zwei Jahrzehnten beinahe in Permanenz tagende Kabarett der Stadtverwaltung mit dem aktuellen Programm "An der Saale hellem Wahnsinn" nachhaltig beeindruckt.

Als bräuchte ein solches Zeugnis noch Kopfnoten, hat der assimilierte Ostdeutsche Rainald Grebe sich jahrelang geweigert, nach seinem Lied für Thüringen, Brandenburg und Sachsen endlich auch mal eine treffende Hymne auf Sachsen-Anhalt zu schreiben, nach Einschätzung der Regierung in Magdeburg eines der erfolgreichsten Bindestrich-Länder, die jemals aus der früheren ex-DDR hervorgingen. Zu dem von Gott und den Menschen vergessenen Landstrich zwischen Börde und Bitterfeld, Harz und Hohenmölsen falle ihm einfach nichts ein, gab der Mann an, der in seiner Spätjugend selbst geraume Zeit Einwohner von Halle war, seinerzeit noch die größte Stadt im Land.

Mit Grebe gingen viele, nach ihm noch mehr. Der ehemalige Theatermann aus Köln aber, der mit seinem Orchester der Versöhnung bis zum angesehenen Komödianten aus Ostdeutschland gebracht hat, ist jetzt zurückgekehrt, auf den Lippen eine jubilierende Weise, die das Land und den Menschenschlag preist, der hinter den Autobahnwarnschildern mit dem Rätselspruch "Wir stehen früher auf" haust. Mit der von ihm bekannten Herzenswärme porträtiert der Musikclown die kleinen Schwächen und die großen Stärken der bärbeißigen Hallenser, der störrischen Harzbewohner und der Kartoffelbauern, die von Süden aus gesehen in den weiten Biokraftstoff-Prärien hinter Staßfurt leben. "Die Erde der Börde", lobt er, "ist fruchtbar und fast schwarz - Kartoffeln bis zum Harz".

Ja, hier ist die "Vielfalt zu Hause", wie Grebe richtig analysiert. Man hat die Wahl zwischen Radio Brocken! Die Wahl zwischen Radio Brocken! Und dann ein Solo für die Altmark, wo die Amish People auf ostdeutsch fluchen. Grebe ist wieder zu Hause, wo man seinen Humor nicht versteht.

Mehr Grebe live bei PPQ:
Bengt bängt
Vom Wir zum mir

Faszinosum Didaktik

Generationen von Historikern haben gerätselt und gestritten, ein Bundestagspräsident hat über die Antwort seinen Hut genommen, ein Dokufilmer seine ganze Laufbahn darauf aufgebaut und mehrere Fernsehsender haben den Auslöser der Frage als tragende Säule fest in ihr Programm eingebaut.

Nur die Frage war bislang trotzdem unbeantwortet: Was hat Menschen an Hitler fasziniert? Und was fasziniert sie bis heute weiter? Philipp-Hariolf Jenninger glaubte, ein überirdisches "Faszinosum" entdeckt zu haben, betonte die entsprechenden Redeteile aber falsch, so dass zahlreiche Abgeordnete den Sitzungssaal entsetzt verließen. Ungebeugt stellte der seinerzeit zweihöchste Repräsentant des Staates dennoch die Frage "War er nicht wirklich von der Vorsehung auserwählt, ein Führer, wie er einem Volk nur einmal in tausend Jahren geschenkt wird?"


Falsche Frage. Schon am Tag danach trat Jenninger zurück, ohne die Faszination damit abschwächen zu können, die bis heute von Hitler ausgeht. Der Führer, je länger er tot ist, desto häufiger kommt er vor, je weiter das von ihm angerichtete Grauen zurückliegt, um so häufiger wird ihm gedacht, wird es aufgearbeitet und nachgestellt, wie die unbestechliche Google-Timeline zeigt.

Vergebens aber war das nicht, wie eine mutige Dokumentation des Bayrischen Rundfunks jetzt zeigt. Auch sie geht der Frage nach, warum Menschen etwa den Obersalzberg besuchen, von dem aus das Böse zwischen 1937 und 1945 über den größten Teil Europas herrscht. Eine halbe Million Besucher kommen heute noch in jedem Jahr, um die Reste der früheren Reichskanzlei Dienststelle Berchtesgaden zu besuchen. Die Massen strömen freilich nicht wegen Hitler, sie besuchen den Berghof nicht wegen des Odems der Geschichte, nicht wegen lässt der in seiner Bedeutung für die Geschichtsschreibung bislang völlig unterschätzte Film wissen. Sondern (Film oben, ab Sekunde 21) natürlich wegen des "hohen fachlichen Standards" und der "guten didaktischen Aufbereitung" der Ausstellung im Dokumentationszentrum Obersalzberg, das allein deshalb "zu den meistbesuchten Museen Deutschlands" zählt.

Der Rest der Wahrheit über den Sieg des Didaktismus über den Führerkult beim Augenzeugen Anmerkung

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Assange nun auch Blume des Jahres

Wer soll sich das alles denn noch merken? Baum des Jahres, Vogel des Jahres, Wort des Jahres, Unwort des Jahres und nun auch noch Marc Zuckerberg. Der Facebook-Gründer ist nach Berechnungen des Time-Magazine die einflussreichste Person des Jahres gewesen, noch vor Friedensnobelpreisträger Barack Obama, der vor zwei Jahren noch einflussreich gewesen war, und Euro-Retterin Angela Merkel, die den Titel noch nie tragen durfte.

Auch beim Rennen um den von den deutschen Gleichstellungsbehörden kritisierten Titel
Most Intriguing Woman of the Year`, den das Magazin "People" alljährlich gratis vergibt, musste sich die frühere Klimakanzlerin geschlagen geben. Titelträger in der laut "Focus" zu gut deutsche schlicht "Frau des Jahres" lautenden Kategoriewurde hier die Schauspielerin Sandra Bullock, der es im Frühjahr gelungen war, unter großer öffentlicher Anteilnahme einen kleinen Jungen zu adoptieren. Dabei handelt es sich Angaben des «Rolling Stone» zufolge allerdings nicht um Wikileaks-Gründer Julian Assange, der deshalb in diesem Jahr zum "Rockstar des Jahres" gekürt werden konnte, weil er "den Rock’n’Roll-Lebensstil am besten verkörpert" habe.

Weiter ernannt werden konnten durch "People" die Obamas als wichtigtes Paar der Welt, Brad Pitt und Angelina Jolie als glamouröseste Eltern, Michael Douglas als bester Kämpfer, eine gewisse Elizabeth Smart als größter Rückkehre, William & Kate als königliches Paar Nummer 1, Elin Nordegren als bester Klassiker, Natalie Portman zum Bildschirmdiamanten, Nicki Minaj als weltweit bestes Rap-Irgendwas und Sarah Palin als weltgrößte Knarre. LeBron James wurde zur besten Nummer 6 ernannt, Bret Michaels zum "ultimativen Überlebenden", Julian Assange konnte den Titel "Hacker des Jahres" erobern, Ricky Martin freut sich über den Sieg in der Kategorie "Out and Proud", Kim Kardashian ist die Neuentdeckung 2010, Mark Zuckerberg der cleverste von allen und die Kinder von Will Smith's Kids sind die diesjährige "Next Generation".

Die "People"-Liste geht noch weiter, denn das gegen das kommende 4., 5. und 6. Reich kämpfende Blog Endstation Rechts hat den „Horst des Jahres 2010“ gerade an den Buchautor und Bundesbank-rentner Thilo Sarrazin verliehen. Auch "Spiegel", "Stern" und Johannes B. Kerner arbeiten an eigenen Menschen-, Frauen-, Kinder- und Männer-des-Jahres-Rankings in der Nachfolge der von Loki Schmidt inspirierten Kür zur "Blume des Jahres". Langfristig, hieß es in den Verlagshäusern, sei allerdings geplant, jedem Menschen weltweit einen Titel zu überreichen. Die komplette Auszeichnungsdatei werde dann auf Wikileaks veröffentlicht.

Gesänge fremder Völkerschaften: Indianerweihnacht mit Blasrohr

"Auf dem Anger, vor der Post", dichtet der autochthone Thüringer, "steht ein Denkmal voller Rost." Goethe stand hörbar auch Pate für den elegant gezirkelten Rest: "Oben drauf ein Mann mit Kutte, das ist der Martin Luthe(r)".

Reime von Weltgeltung, die bis nach Peru gedrungen sind. Von dort machten sich Raul del Aguila und sein Freund Victor Orlandini auf, dem Weihnachtsland vorm Berg die Flötentöne beizubringen. Die Reise ging über Berge, über Seen und Meere, dann weiter mit Bus und Bahn, bis die beiden begnadeten Stimmungsmusikanten mit den tiefen Wurzeln in der traditionellen Indio-Kultur der Anden endlich hier standen: Auf dem Anger, vor der Post, zu Füßen Luthers, der daheim in Yuracmajo verehrt wird wie ein Heiliger.

Jeder Auftritt hier, zu Füßen des Gottgleichen, ist dem Bläserduo aus Übersee ein Messe. Auch dem Thüringer, sozialisiert mit Würsten, Ski und alkoholisiertem Kakao, gefällt der sanfte Ton, der sich da gelegentlich unter das Kreischen der Straßenbahnen schiebt. Es weihnachtet sehr, wenn die seinerzeit auf der ersten Tourneestation in Huacho erstandenen Glöckchen klingeln, während sich das aus nah und fern angereiste Publikum im Hintergrund zum Frühstück noch schnell eine echte Thüringer schmecken lässt.

Der Mann mit Kutte, in Bronze gegossen und mit Schnee bedeckt, sieht es mit Wohlgefallen. Geschenkejagd, Kaufrausch und Musik, das war immer schon seins. "Liebe Deutsche, kauft, solange der Markt vor der Türe ist", mahnte er einst, in tiefer Sorge offenbar um Aufschwung und Binnenkonjunktur, kurz vor dem Papstbesuch, "sammelt ein, solange Sonnenschein und gut Wetter ist!" Die Weihnachtsindios blasen noch eins, auf dem Anger, vor der Post, auf einer Flöte ohne Rost.

Die weltkulturkritische PPQ-Dokumentationsreihe "Gesänge fremder Völkerschaften":
Blasen in Steueroasen
Pogo in Polen
Hiphop in Halle
Tennessee auf Tschechisch
Singende Singles
Multikult im Elektroladen

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Wer hat es gesagt?

Hitler hat nicht geraucht und nicht getrunken. Er war Vegetarier. Er trug eine nette, smarte Uniform und gepflegtes kurzes Haar. Ein perfekter Typ, der heutzutage in jedem amerikanischen Zuhause akzeptiert werden würde. Und er hat ein Viertel der Weltbevölkerung abgeschlachtet.

Jesus war allerdings nachweislich Jude und ob seine Vorhaut mit ihm auferstanden und später die Himmelfahrt gemeinsam mit ihm angetreten hat, ist über Jahrhunderte umstritten gewesen. Erst das Konzil von Nicäa im Jahr 325 beschloss, dass die ihm am achten Tag entnommene Fleischprobe sich aufgrund göttlichen Willens inzwischen selbsttätig zur Rechten des Gottessohnes eingefunden habe.

Wer glaubt, muss nicht wissen, aber wer weiß schon, was er glaubt? Rund 980 Millionen Treffer liefert Google zum Namen des Herren, mehr als 1,1 Milliarden zum Stichwort "Porno". Das Leben ist stärker als der Tod!, zieht der Papst in Rom Bilanz. Ein Papst, der sich seine ersten Sporen wie Günter Grass als Luftwaffenhelfer verdiente: "Das Gute ist stärker als das Böse. Die Liebe ist stärker als der Hass. Die Wahrheit ist stärker als die Lüge", heißt es weiter, denn wer glaubt, braucht weder Wahrheit noch Wissenschaft. Hier kommt jeder Nazivergleich, jedes Hitlerzitat, jede Goebbels-Anspielung gerade recht, ein Faß aufzumachen, dass es scheppert. Totaler verbaler Krieg in Stuttgart! Aufregung über einen irrlichternden 81-Jährigen deutschlandweit! Ein Fall für den Bundespranger! Die Welt schaut auf diesen Mann, der "Spiegel" immer vornweg. Von Hitlers Lieblingspanzermann Guderian ("Es gibt keine Zukunft des Reiches ohne den Nationalsozialismus") ließ sich das Wallungsmagazin schließlich schon vor geraumer Zeit zu einer Überschrift inspirieren.

Noch irgendwelche Fragen?

Noch mehr Hitler, zum Teil splitternackt:
Fangzähne des Faschismus
Der Führer hilft bei Google aus
Als der Führer zum Benzingipfel bat
Schlimm! Immer wieder dieser Hitler
Sprechverbot für Neonazis
Obersalzberg: Faszinosum Didaktik
Alles Adolf oder was?
Hitler in der Hitparade
Das Bärtchen des Bösen
Göring hätte helfen können
Keine Atempause, Geschichte wird gebracht
Große Geste im engen Rock
Ein Abend mit Adolf: Die lange, lange Führernacht

Die Angst schneit mit

Das hat es noch nie gegeben, das war noch niemals da. Doch der Winter 2010 macht ein ganzes Volk zu Augenzeugen, wie durch Sprache eine neue, akute Gefahr entsteht: "Starkschneefälle" nennen Panikmetereologen, was das seit Tagen beharrlich vom Himmel schneit. Eine brandneue, frischerfundene Kategorie, die ihren ersten Auftritt diesseits der Alpen erst am vorletzten Tag des vergangenen Jahres hatte, als ein Wetterwarner namens Oliver Klein von der Meteomedia Unwetterzentrale das zuvor nur in Österreich und der Schweiz benutzte Wort zum ersten Mal einem deutschen Publikum präsentierte.

Geboren worden war das mörderische Sprachmonster Recherchen von Le Penseur zufolge ursprünglich am am 28.2.1999 in einem kargen, aber kuschelig zugeschneiten Büro von MeteoSchweiz. Von hier wurde es dann mit einem kurzen Irrweg über Österreich durch die reitenden Steuer-Kavalleristen des ehemaligen Arbeiterführers Peer Steinbrück in die deutsche Wetterfrontberichterstattung verschleppt wie einst die Pocken durch die Decken zu den Indianern.

Mit gigantischem Erfolg. Nach dem Vorbild des für die schneefreie Zeit des Jahres designten Begriffes "Starkregen", den weder Großvater noch Großmutter kannten, obwohl es auch damals manchmal schon heftig regnete, machten die "Starkschneefälle" mit Start der Wintersaison steile Karriere. Von den Ruhr-Nachrichten bis zur Süddeutschen Zeitung, vom Nordbayernkurier bis zum Schwarzwälder Boten - kein Medium, das auf sich hält, dass ohne die ehrfurchtgebietende Fachmetapher für den früher noch liebevoll als "leise rieselnd" bezeichneten Schnee auskommt.

Die Angst schneit mit. Die deutsche Unwetterzentrale gibt im Stundenrhythmus Starkschneefall-Warnungen aus, die staatliche Agentur dpa meldet "anhaltende Starkschneefälle", im Fachboard gute-frage.net bangen User begeistert mit: "Wie vorbereiten auf morgigen Starkschneefall und eisige Kälte?"

Mehr Wetter aus dem Wörterbuch
Klimawandel kehrt zurück

Tragt die Faschisten, wo ihr sie trefft

Das hätte auch Krieg geben können, damals, vor zwei Jahren, als Norwegen die Nase voll hatte, missbraucht und widerrechtlich verwendet zu werden. Schuld war die in Dubai beheimatete "Modemarke" (dpa) Thor Steinar, die bei "Anhängern der rechten Szene" (Die Welt) und bei Ostdeutschen beliebt ist: So, wie die auch aus Norwegen stammenden Freiwilligen der SS-Panzerdivision "Wiking" seinerzeit vom Führer, Reichskanzler und heutigen n-tv-Moderator Adolf Hitler missbraucht worden waren, so sah sich die stolze sozialdemokratische Nation im Norden nun von der aus Brandenburg stammenden Firma missbraucht, die die norwegische Flagge auf Jacken, Hosen und Hüte nähte, um den staatsfeindlichen Pullovern eine Art nordischen Schick zu geben.

Norwegen zog die Konsequenzen und erstattete unter großer medialer Anteilnahme Anzeige wegen widerrechtlicher Verwendung seiner Flagge. «Wir wollen, dass unsere Staatsflagge als Symbol des demokratischen Norwegens nicht weiter in Verbindung mit dem rechtsextremen Milieu gebracht wird», teilte der norwegische Gesandte in Berlin der Weltpresse mit. Nach dem deutschen Markengesetz, fand die staatliche Nachrichtenagentur dpa bei der Gelegenheit heraus, dürfen offizielle Staatssymbole nicht zur Kennzeichnung von Waren oder Dienstleistungen benutzt werden.

Der Sieg war also unser: Gegen Thor-Steinar erging sofort ein Bußgeldbescheid über 2000 Euro, ein Sprecher des Bundesamtes für Justiz in Bonn, zeigte in allen großen Zeitungen die Konsequenzen auf: "Es gibt dann nur zwei Möglichkeiten: Die Flagge abmachen oder, wo das nicht geht, das Kleidungsstück zu vernichten."

Ein Präzedenzfall, der die deutsche Wirtschaft ins Markt treffen würde. Die Metro-Tochter "Real" müsste zehntausende T-Shirts und Jacken aus den Regalen nehmen, Internetunternehmen wie Shirtcity müssten schließen, das Überleben des Krawattenshops Zazzle wäre bedroht.

Hätte Mediatex nicht Widerspruch gegen den Bußgeldbescheid eingelegt. Ein erster Verhandlungstermin im März vor zwei Jahren fiel dann aus, später erklärte sich das Potsdamer Amtsgericht für „örtlich nicht zuständig“ und gab das Verfahren nach Bonn ab. Medien berichteten zu dieser Zeit schon nicht mehr über das Verbotsverfahren gegen Fahnen und Staatssymbole, die nach internationalem Recht ohnehin keinen Markenschutz genießen. Auch die norwegische Botschaft, die den symbolischen Kampf gegen die Verwendung ihrer Staatssymbole vor zwei Jahren losgebrochen hatte, will heute keine Auskunft zum Stand des Verfahrens geben. Gewonnen haben kann sie nicht, denn in den "Real"-Märkten der Metro-Gruppe sind gerade Norwegen-Wochen: Dicke T-Shirt-Packen mit missbrauchten Nationalfahnen im Angebot (Foto oben).

Dienstag, 14. Dezember 2010

Wer hat es gesagt?

Unwissenheit erzeugt viel häufiger Selbstvertrauen als Wissen.

Überraschungscomeback: Nuschelbär im Nischenfernsehen

Da ist er wieder, der Nuschelbär des Nischenfernsehens, der Gott des Geister-TV, die Ikone aller Anhänger von inhaltlich anspruchsvollen Gesprächen, originellen Wendungen und selbstgemachtem Mundart-Blues.

Thomas G. Hornauer sendete mit seinem privaten Kanal Telemedial für alle, die machtlos, mühselig und beladen waren, er schwatzte sich bereitwillig um Kopf und Kragen, versammelte um sich eine ganze Karikaturenausstellung an Hellseher, Schwarzmalern, Kristalkugelguckern und emotionslos herumsitzenden Ausstattungsstücken. Ein Abend mit Hornauer war nie verschwendete Zeit, denn hier, im Königreich des Klemmfurzes, passierten keine grauenhaften Hüpfunfälle wie bei "Wetten, dass...", der auf anderen Kanälen als Dauermoderator dienende Führer wurde weder ausgegraben noch ausgeweidet und Nachrichten, die so tun, als seien sie welche, kamen auch keine. Hornauer stand meist einfach so herum, plapperte Unsinn und unterhielt die Seinen damit prächtig.

Zumindest bis es den Staatsfernsehkanälen ungemütlich wurde mit der ungewohnten Konkurrenz durch den Yoga-Überflieger. Jetzt ließen die Intendaten die Fernsehräte aufmarschieren, um die eigene Quote durch die gnadenlose Vernichtung des Wettbewerbers zu sichern. Hornauer versuchte sich mit seinem selbsternannten "ersten spirituellen TV-Sender in Europa" eine Zeit lang in hinhaltendem Widerstand. Jede Sendestunde zählte, denn bereitwillig um teure Lebensberatung bettelnde Anrufer bedeuteten bares Geld. Dann aber hatte ihn die geballte Medienmacht der großen Parteien, der Jugendwächter und Geschmackswärter doch zur Strecke gebracht: Der pummelige Partisan des Bastelfernsehens schickte ein letztes Mal Schwingungen zum Energieausgleich aus, dann verschwand er von der Mattscheibe, als habe es ihn nie gegeben.

Bis jetzt. Nun aber ist Thomas G. Hornauer wieder da, wenn er auch eigentlich noch immer weg ist. Von Thailand aus sendet Telemedial über die Seite Orangetable im Stil eines russischen Agentensenders über das Internet. Diesmal ist Hornauers Sender der für "Ihre innere Heilung" und in seinen bewegenden Auftritten brummt der deutlich in die Breite gegangene Rundfunk-Rebell meist beruhigend lange, elegische Erörterungen in ein hörbar preiswert zugekauftes Headset. Dazu gibt es eine telemediale Lebensschule, eine telemediale Bibliothek und - zuletzt allerdings schon im Oktober 2009 - die amorph um Begattung flehende "Inspiration zum Zeitgeist des Tages" von Meister Hornauer selbst ausgedacht.

Aber er wird gehört und er darf wieder verehrt werden, der Nuschelbär des Nischenfernsehens, der letzte Bewahrer der Idee vom Bürgerfernsehen, in dem jeder sagen kann, was er nicht weiß, und alle tun dürfen, wovon sie keine Ahnung haben. Den Mächtigen erwächst mit Hornauers auferstandener Rebellenwelle Kanal Telemedial zweifellos ein zweiter gefährlicher Gegner neben Wikileaks, nur eben auf der "seelischen Ebene", wie der gruselige Guru Hornauer selbst sagen würde.

Zur Video-Chronologie der Ereignisse

Mannichl: Ein Ammenmärchen aus Mediendeutschland

Selbst die Aufarbeitung aus einem Sicherheitsabstand von zwei Jahren ist noch genauso desaströs wie die unmittelbare Entrüstungsberichterstattung kurz nach der Tat. Alois Mannichl, two years later, ein Ammenmärchen aus Mediendeutschland, das vom Fanal für "eine neue Qualität rechtsradikaler Gewalt" (Bayern Innenminister Joachim Herrmann) zu einem Lehrstück für die Selbstmanipulationskraft von Qualitätsmedien geworden ist, denen nicht gesunder Menschenverstand, sondern politische Opportunität die Feder führt.

Die Süddeutsche Zeitung etwa, seinerzeit im vordersten Verfolgungswagen auf der Spur des Schlangenmannes, findet heute, dass das alles ganz doll peinlich gewesen sei. Für Bayerns Polizei und ihren Sicherheitsminister Joachim Herrmann. Da schwingt die Sehnsucht nach einem Stückchen DDR mit, einem Land jedenfalls, in dem einem gesagt wird, was man zu schreiben hat: "Keine einheitlichen Pressestatements" habe es gegeben, "der öffentliche Druck", den man selbst durch engagierte Alarmberichterstattung erzeugt hatte, "war zu groß", heißt es kritisch.

Erstmals prangert Bayerns größte Zeitung nun - nur knapp 23 Monate danach - auch an, wie die Ermittlungen liefen. Die Tat Mitte Dezember, die Spurensicherung im Januar: "Zum Jahreswechsel durchkämmten Polizisten etwa noch einmal Mannichls Wohngebiet nach Zigarettenstummeln und anderen Spuren", enthüllt der namenlose Kommentäter gratismutig, "das kann man als Übergenauigkeit werten - oder als Nachholen von Versäumtem".

Nachholen von Versäumtem, da macht auch die Augsburger Allgemeine mit. Damals stolz, eine erste Festnahme melden zu können, folgert das Blatt nun: "Zur Peinlichkeit geriet die Spur zu einem Münchner Neonazi-Pärchen in der Woche nach der Tat." Zur Peinlichkeit für wen wird sicherheitshalber nicht gesagt. Man hat den nicht nur einhändig gespendeten Applaus für den schnellen Fahndungserfolg ja noch im Ohr. Unr erinnert sich, wie man mitgeklatscht hat. So hält es auch der Bayrische Rundfunk, der die Zeit für gekommen hält, die Verantwortlichen hart anzugehen: "Am Tatort wurden beispielsweise nicht alle Spuren optimal gesichert. So untersuchte niemand Mannichls Fingernägel auf Hautfetzen des Täters - das geschah erst lange nach dem Angriff", deckt der Staatssender auf.

Dennoch, muss die Süddeutsche konstatieren, tappt man weiter im Dunkeln. Der "Angriff auf uns alle" (Angela Merkel), der Anlass hatte sein sollen "für ein entschiedenes Handeln der Politik gegen Rechtsextremismus", endet als medialer Knieschuss. Ein Opfer, das so von keinem der späten Aufarbeiter mehr genannt wird. Ein Täter, der Glatze, Hahnenkamm oder lange Haare trug und eine oder keine Schlangentätowierung. Eine Tatwaffe schließlich, die kein Lebkuchenmesser war, aber als solches ihren Platz in der Kriminalgeschichte gefunden hat. "Bisher kein Ergebnis", schreibt die SZ mit einem Hauch von recht originellem Optimismus, "brachte die mutmaßliche Tatwaffe: ein Küchenmesser, auf dem 'Mischspuren' haften, vermutlich von verschiedenen Personen."

Liebevoll missbraucht im besseren Deutschland

Sie war eben doch das bessere Deutschland, die kleine, porentief reine DDR. Während Kinder in den ehemals alten Bundesländern und dem Saarland mehr als vier Jahrzehnte lang von gewissenlosen Pfaffen, Reformpädagogen und Frezeitterroristen mißbraucht wurden, liebten die Behörden und Betreuer im sozialistischen Teil Deutschlands ihre Schützlinge ausschließlich platonisch. Das konnte die Staatsanwaltschaft in Dessau jetzt anhand von Beispielen aus dem Kinderheim in Pretzsch nachweisen. Man habe lange ermittelt, aber keine Anhaltspunkte für Missbrauchsfälle gefunden. "Wir haben die Verfahren dazu eingestellt, weil es keinen hinreichenden Tatverdacht gab", verriet Staatsanwältin Heike Kropf der staatlichen Nachrichtenagentur dpa.

Die vom Runden Tisch gegen Missbrauch für Entschädigungen an ehemalige Heiminsassen geplanten 120 Millionen Euro können so durchweg an Opfer gehen, die in der früheren Bundesrepublik unter den menschenverachtenden Verhältnissen litten, die in kirchlichen und staatlichen Heimen herrschten. Für frühere Insassen des DDR-Heims in Pretzsch dagegen, ehemals ein Spezialkinderheim für etwa 200 Kinder und Jugendliche, die als "schwer erziehbar" galten, gebe es keine Veranlassung, Entschädigungen zu zahlen: Angebliche Opfer hätten Namen von Erziehern genannt, die es nie in dem Heim gegeben habe, der angeblich massenhafte sexuelle Kindesmissbrauch zwischen 1969 und 1979, den ein früherer Heimbewohner angeprangert hatte, konnte nicht strafrechtlich verfolgt werden, weil die verjährt waren.

Nur konsequent: Einem früher in DDR-Kinderheimen untergebrachten Mann hat das Oberlandesgerichts von Sachsen-Anhalt einen Anspruch auf Rehabilitierung versagt. Der Senat sei zu der Auffassung gelangt, dass die Einweisung des damals sechsjährigen Jungen "unter den Maßstäben, die in den 60er Jahren für einen Rechtsstaat angelegt wurden", keine rechtsstaatswidrige Handlung gewesen sei. Damit sei auch der lange Streit entschieden, ob es sich bei der DDR um einen Rechtsstaat gehandelt habe. Zuvor hatte bereits das Landgerichts Magdeburg geurteilt, dass die DDR-Behörden berechtigt waren, den seinerzeit sechsjährigen Kläger gegen seinen eigenen und gegen den Willen seiner Mutter in ein Kinderheim bei Burg einzuweisen.

Wiedergeboren als Fräuleinwunder

Ein Fräuleinwunder kommt selten allein. Kaum hatte das Zweiohrküken Nora Tschirner (oben rechts, oder links) ihre Arbeit als VJ für den Spartenkanal MTV hinter sich gelassen, packte die sympathische 29-Jährige eine irre Zukunftsangst. Würde ihre keinohrhasige Mischung aus Schnoddrigkeit, Liebreiz und Dingsbums bis zur Rente tragen? Nein, dachte sich die gebürtige Berlinerin und erfand sich als als Lena Meyer-Landrut (oben links, oder rechts) einfach neu. Viel musste nicht getan werden, um den Geburtsort nach Hannover zu verlegen und das Alter um zehn Jahre zu drücken - eigentlich gar nichts. Die dunklen, zur Seite gekämmten Haare, Schnoddrigkeit, Liebreiz und Dingsbums: Nora wurde einfach geklont. Das wird in den Zeiten von Kerner und Beckmann, die ja auch nur von Insidern auseinandergehalten werden können, kaum auffallen, dachte sich Nora/Lena - und hatte Recht damit. Seitdem schnattern sich zwei junge Frauen mit Schnoddrigkeit, Liebreiz und Dingsbums durch die deutsche und internationale Medienlandschaft, sogar Wikileaks legte bisher keine Dokumente vor, um die Zwillinge in Geist und Frisur zu enttarnen. Bis jetzt.

Mehr Wiedergeburten aus dem PPQ-Archiv finden sich hier.

Montag, 13. Dezember 2010

Abschreibübungen mit Amazon

Alle naselang passiert es, dass die Webseite von Amazon nicht funktioniert. Vor Monaten schon dokumentierte unser Nerd-Board PPQ, wie der langsame Zusammenbruch der Netzriesen voranschreitet, den Auguren seit Jahren erfolgreich vorhergesagt haben. Nun, aufgerüttelt durch die Wikileaks-Veröffentlichungen, nimmt erstmals eine breite Öffentlichkeit Anteil am schweren Schicksal der sogenannten Internet-Firmen. Entweder haben die üblichen Schwierigkeiten Amazon wiedereinmal unerreichbar gemacht und damit erneut nachgewiesen, dass sich das Internet auf Dauer nicht durchsetzen wird. Oder aber es war die Kampfgruppe Anonymous, die in der letzten Schlacht um die Freiheit, fremde Meinungen auf 250.000 Blatt Elektro-Papier im Netz veröffentlichen zu dürfen, einen schweren Cyber-Angriff gegen den Buchladen vorgetragen hat.

Die Aktivisten zur Befreiung des diplomatischen Datenmülls aus den engen Verliesen staatlicher Archive wissen zwar derzeit selbst nicht so richtig, ob sie das waren. Das Qualitätsmagazin "Focus" konnte relativ schnell jedoch aus dem "Spiegel" abschreiben, dass "eine halbe Stunde gar nichts mehr ging". Der "Spiegel" hatte das zuvor aus dem "Kurier" entnommen, der es brühwarm aus dem Blog TVspion.com kopiert hatte. Dessen Betreiber hatte einige Kinderbücher für seinen Nachwuchs bei Amazon erstehen wollen, sein persönlicher Kundenshop aber öffnete sich einfach nicht, woraufhin er einen analytischen Beitrag zur Auswirkung eventueller Hackerangriffe auf das Amazon-Weihnachtsgeschäft verfasste. Illustriert werden müssen die packenden Reportagen vom Teilzusammenbruch des Bestellnetzes deshalb überall mit Bildern von einer funktionierenden Amazon-Seite: Der Leserreporter vom TVspion hatte vergessen, einen Screenshot vom kaputten Shop zu machen, den PPQ nun jedoch nachliefert.

Mannichl: Stabile Spurenlage

Am Wochenende war es wieder soweit: Zur Feier des zweiten Jubiläum des Anschlages eines geheimnisvollen Schlangenmenschen auf den wackeren Passauer Polizeichef Alois Mannichl wurden überall im Lande Lebkuchen angeschnitten und kein Wort über die nun schon seit zwei Jahren andauernden Bemühungen der Sonderkommission "Lebkuchenmesser" verloren, die ursprünglich ganze Berichterstatterheere von einem kriminaltechnisch gigantischen Weihnachtsfest im Zeichen eines geplanten Rechtsputsches hatten träumen lassen.

Das geht nun schon seit September so, als das Kriminaltechnikmagazin Bild mit wohligem Schauer an die Staatsaffäre, die von einer "neuen Qualität rechtsradikaler Gewalt" kündete und die Ermittlungsbehörden für wenigstens vier Wochen beschäftigte wie kein anderer Fall seit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer durch die RAF.

Während der Mord an Schleyer allerdings inzwischen mehrmals verfilmt wurde, wartet die Schreckenstat des Schlangenmannes, die nach Behördenangaben von einem irren Tätowierer, einem rechtsextremen Gewalttäter oder einen im Alltag unsichtbaren Maori-Häuptling begangen wurde, bis heute einer filmischen Aufarbeitung. Auch der Täter ist immer noch auf der Flucht, ungeachtet aller Umgruppierungen innerhalb der Ermittlungsgruppen, wechselnder Zuständigkeiten, Krankenhausbesuchen und gesicherten DNA-Spuren, die bereits mehrere Wochen nach dem Messerangriff vom 13. Dezember 2008 in fußläufiger Entfernung vom Tatort hatten durch die CSI Fürstenzell gesichert werden können.

Der Kriminalfall, der, viele Ältere wissen es noch, an den Schlaf der Welt rührte und den 2008er Jahrgang der alljährlichen Diskussion über ein erneutes NPD-Verbotsverfahren auslöste, ist bis heute ungeklärt. Trotz zwischenzeitlich herausgegebener 23 Pressemitteilungen gibt keine neuen Hinweise oder Spuren auf den oder die Täter, hieß es zuletzt aus der unablässig fahndenden Soko. 3000 Hinweisen auf den Schlangenmann waren nach der Tat eingegangen, 430 davon waren vor einem Jahr noch abzuarbeiten. Drei von ursprünglich 50 Ermittlern arbeiten weiter an dem Fall, wie bayrische Landespolizeipräsident Waldemar Kindler der Passauer Presse verriet. Eine Festnahme sei jedoch noch nicht in Sicht: "Manche Fälle dauern - wie der von
Ursula Herrmann, wo fast 30 Jahre ermittelt wurde."


Der Täter wäre dann zwischen 55 und 60 Jahren alt, immer noch etwa 1,90 Meter groß und kräftig, hätte eventuell nach wie vor ein "rundes Gesicht, Glatze oder sehr kurze Haare", einen Hahnenkamm, eine Freunding aus der rechten Szene und eine "Tätowierung am Hals" oder im gesicht, das eine grüne Schlange zeigt. Seine aufsehenerregende Tat jedoch wäre verjährt.

Er hoffe, dass der Fall Mannichl aufgeklärt werde, sagt Polizeichef Kindler dennoch trotzig. Die Spurenlage ist jetzt bereits seit 24 Monaten relativ stabil, das Netz um den Schlangenmann zieht sich langsam, sehr langsam zu. Alois Mannichl, nach seiner Genesung zum ranghöchsten Kriminalpolizisten Niederbayerns ernannt und ins neu geschaffene Polizeipräsidium in Straubing versetzt, ist nach wie vor überzeugt, schrieb die Nachrichtenagentur dpa nach einem Jubiläumsinterview im vergangenen Jahr, dass der Täter aus dem rechtsextremen Umfeld kommt. Man wisse eben nur nicht, aus wessen.

Sonntag, 12. Dezember 2010

Wiedergeboren als Retter der Welt

Was ein wenig Schminke, ein gutes Peeling und ein fertig ausgebildeter Lichtmann ausmachen können, weiß Marvin Lee Aday ganz genau. Mehrere Jahrzehnte lang hatte der 63-Jährige unter dem Künstlernamen "Meat Loaf" (Bild links), also Hackbraten, eine recht einträgliche Rock-Starkarriere gepflegt, wobei er sein erfolgreiches Debütalbum "Bat out of Hell" alle Jahr wieder neu verpackt und neu eingesungen veröffentlichte. Trotz einiger früher Versuche etwa als Roadie im gleichnamigen Film "Roadie" gelang es ihm jedoch nicht, eine vergleichbar erfolgreiche Schauspieler-Laufbahn auf die Beine zu stellen.

Das schaffte der schwergewichtige Mann mit der Quietschstimme erst, als er sich eine Zweit-Identität als vermeintlich hochtalentierter Sohn des Alt-Mimen Donald Sutherland zulegte. Als "Kiefer William Frederick Dempsey George Rufus Sutherland" (Bild rechts) spielte Meat Loaf, im Schönheitsstudio runderneuert und am Computer mit großer Umsicht geschlankt und angeblich 20 Jahre jünger, anfangs in zahllosen B-Movies wie "Young Guns" und "Die Jury", ehe er sich mit der Rolle des CTU-Agenten Jack Bauer eine Rolle auf den molligen Leib schrieb. In unterdessen bereits acht Staffeln der Serie "24" hat Meat Loaf bereits mehrmals die Welt gerettet und den Frieden zwischen den Völkern bewahrt. Beeindruckend, dass der Künstler sich die Doppelbelastung kaum anmerken lässt: Obwohl er erneut für "24" vor der Kamera stand, schuf er mit "Hang Cool Teddy Bear" parallel sein bereits elftes Studioalbum, das mit dem augenzwinkernd auf die Figur Jack Bauer verweisenden „Peace on Earth“ eröffnet 3mit „Los Angeloser“ ein klingendes Porträt des "24"-Schauplatzes zeichnet und mit "Running Away from Me" das erste klare Bekenntnis des Meat Loaf zu seiner Doppel-Identität enthält.

Mehr erstaunliche und erschütternde Wiedergeburten in der einzigartigen PPQ-Wiedergeboren-Datenbank mit Arjen Robben, Saddam Hussein und Walter Steinmeier und
Jens Lehmann, einem Magenband-Modell, einem Hollywood-Star und auferstandener Abriss-Architektur

Samstag, 11. Dezember 2010

Der Klimawandel kehrt zurück

Irre zitterkalte Nächte, tagsüber gefrorene Fahrbahnen, Schneegestöber im Flachland und Schneeberge am Straßenrand, dazu triumphierend lachende Klima-Leugner und ratlose Metereologen: Der Winter 2010 brachte alle Gewissheiten darüber ins Wanken, dass der Mensch das Klima macht und es dadurch immer wärmer wird.

Mit dem Katastrophentief "Katharina" boykottiere das Wetter auf einmal den Klimawandel. Statt wärmer wurde es kalt. Und anschließend noch kälter.


Höchste Zeit zum Handeln für den Uno-Klimagipfel im mexikanischen Badeort Cancún. Rund 15.000 Teilnehmer aus aller Welt flogen in der vergangenen Woche ein, um den Erderwärmungsschalter mit selbstverursachten 25.000 Tonnen Kohlendioxid wieder umzulegen. Bei der letzten Klima-Konferenz Ende 2009 in Kopenhagen hatten nur 5000 Tonnen CO2 ausgestoßen werden können, obwohl dreimal so viele Delegierte, Journalisten und Klima-Aktivisten teilgenommen hatten und zu deren Verpflegung extra Dattelkuchen aus Afrika eingeflogen worden war.

Wahrscheinlich habe das zur dramatischen "Erwärmungspause" (Mojib Latif) mit Frost und Neuschnee und Temperaturen weit unter dem langjährigen Mittel geführt, die in Polen und Deutschland bereits mehrere Todesopfer gefordert hat, hieß es in Cancún. Dei Gipfelteilnehmer seien jedoch fest entschlossen, das Zwei-Grad-Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Ein Kompromiss könne höchstens sein, die anvisierte Enderwärmung zeitlich zu strecken, also später bei zwei Grad mehr anzukommen. So wurde es beschlossen: In einer dramatischen Schlussphase fand der Klimagipfel von Cancún einen Kompromiss, meldet der "Spiegel". Damit bleibe die Uno handlungsfähig und die Erderwärmung machbar - auch wenn nur Minimalziele beschlossen wurden.

Zumindest kurzfristig hat sich die Anstrengung der Delegationen aus aller Herren Länder schon gelohnt. Mit Abschluß der Konferenz von Cancún konnten dem auf de´m Rückflug befindlichen Bundesumweltminister Norbert Röttgen von der Heimatklimafront bereits wieder planmäßig steigende Temperaturen gemeldet werden. Von minus 4 Grad stieg das Quecksilber in Mitteldeutschland binnen 24 Stunden auf plus 5 Grad. Der Deutsche Wetterdienst, der in letzter Zeit von seiner langjährigen Tradition abgewichen ist, jeden Monat als den wärmsten seit Tagen zu vermelden, zeigte sich mit der eingeleiteten Umkehr zufrieden.

Erschütternde Bilder: Leugner im Auge eines Polartsunami mit Starkschneefällen und Blitzkriegeis

Freitag, 10. Dezember 2010

Der Song zum Blog

Die Ehre heißt Treue

Wenn das der Willy wüsste! Mindestens einen Kniefall würde er machen vor der Weisheit seiner Enkel in der SPD, die ihren medienpolitischen Kongress gerade genutzt haben, sich so richtig schön lächerlich zu machen. Nein, nicht, weil sich die deutsche Sozialdemokratie entschlossen hat, dabei mitzuhelfen, Meinungsfreiheit und Datenschutz im Internet per Jugendmedienstaatsvertrag unter Vorbehalt zu stellen. Sondern weil die traditionsreiche ehemalige Arbeiterpartei ihren angereisten Medienexperten vor der Öffnung des Wlan-Netzes des Willy-Brandt-Hauses einen Treueschwur abverlangt: Der Nutzer müsse sich verpflichten, nicht nur keine "rechtswidrigen Informationen" zu verbreiten, sondern außerdem versprechen, keine "Inhalte zu übermitteln", die "ehrverletztende Äußerungen enthalten" oder das "Ansehen der SPD schädigen können".

Ein treuloser Hund, ein spitzes Messer an der frischrasierten Kehle der Partei nahm die Aufforderung zum Anlass, das entsprechende Formular sofort und unbearbeitet ins Internet zu stellen - offenkundig in der Absicht, ehrverletztend tätig zu werden, um das "Ansehen der SPD schädigen können". Es ist ihm gelungen.

Parteichef Sigmar Gabriel bleibt nun nur, den gewissenlosen Maulwurf suchen zu lassen. Und ihn vor ein fliegendes Parteigericht zu stellen, sobald die Verurteilung des abtrünnigen Ex-Bundesbankers Thilo Sarrazin und der Ausschluss des derzeit noch amtierenden aufständischen Krauschwitzer Bürgermeisters Hans Püschel durch sind. Willy Brandt, der Deutsch mit norwegischem Akzent sprechen konnte, aber nie drahtlos gesurft ist, würde zur Anwendung des von ihm selbst ausgedachten Radikalenerlasses raten.

Abgesetzt: Terrorstück im Staatstheater

Selten, sehr selten nur war eine allgemeine Panik so besonnen ausgelöst worden, hatten alle verfügbaren Kanäle einhellig so zurückhaltend Angst geschürt, sämtliche Kommentatoren kompetent und aufgeregt auf Ausnahmezustand geschaltet. es war eigentlich also alles wie immer - wie damals, als die Schweinegrippe als das größte Massensterben seit der Pest im Mittelalter einläuten sollte, als die Rinderpest mit Seuchenmatten vor Rügen bekämpft wurde, als der Orkan Daisy antrat, Mitteldeutschland von der Landkarte zu blasen, als das Lebkuchenmesserattentat auf den Passauer Polizeichef Alois Mannichl amtlich von einer neuen Qualität rechtsradikaler Gewalt kündete.

Ende November, hieß es diesmal im zum Hysteriechannel umdekorierten deutschen Staatsfernsehen mit seinen 22 Kanälen, werde der islamistische Terror gegen Deutschland losschlagen. Der Innenminister blies im Mordenmagazin des Ersten zur Herzattacke, der stets besonnene "Spiegel" zitierte frei erfundene Quellen, die mal den Reichstag, mal den Weihnachtsmarkt, mal einen Bahnhof und mal einen Flughafen als Anschlagziel nannten, nie aber den Kölner Dom, das für jeden Amateur-Killer leicht zu erobernde Wochenend-Häuschen der Kanzlerin oder gar das Frankfurter Bankenviertel.

Die panikschaffende Kraft medialer Bemühungen erzeugte einen Strudel aus sich gegenseitig verstärkendem Humbug. Die angebliche vorliegenden "sehr konkreten" Hinweise führten zu erstaunlich unkonkreter Polizeipräsenz - sie standen einfach überall, den Finger am Abzug ihrer gesicherten Flinten, bereit, jeden Selbstmordattentäter erstaunt anzuschauen. Doch es kam gar nicht soweit. Stattdessen prasselte ein Trommelfeuer aus Dummheit nieder: Deutschland, das sich historisch als Nabel der Welt sieht, betrachtete sich nun als Geisel des Terrors. Wie damals, als die schwer verängstigten Landesgesundheitsminister Schweinegrippen-Impfstoff für Milliarden Euro bestellten und auf Flughäfen, Bahnhöfen und in Büros Spender für Desinfizierungsmittel auftauchten, atmete und furzte, schnarchte und schnaufte das Land in der eingebildeten Wichtigkeit, Terrorziel zu sein. Bin Laden, vom Terrorfürsten zum Homerecording-Künstler geschrumpft, bekam noch einmal ein paar Auftritte zugeschanzt, Terrorexperten frohlockten, weil ein paar Fernseh-Talkrunden plötzlich wieder Bedarf anmeldeten.

Vier Wochen später ist nichts von alldem mehr wahr gewesen. Der Terror, der nie war, ist weitergeeilt, die Politik pflegt eine neue Panik, die eilfertigen Experten nehmen engagiert zu neuen Problemen Stellung, die Fernsehrunden drehen sich wonnig in Walzern, die nach frischen Notenblättern gespielt werden. Das Ende vom Lied ist wie stets ein stilles Requiem, gespielt von denen, die eben noch die gellenden Fanfaren bliesen. Ist die Reichstagskuppel wieder offen, noch gesperrt oder schon gesprengt? Sind die vier "sehr konkreten" (de Maiziere) Gewalttäter schon eingereist oder schon eingekreist? Wo bleibt das BKA? Der Verfassungsschutz? Der Weihnachtsmarkt? Der Weihnachtsmann mit dem Bin Laden-Bart? Der Hysteriechannel schweigt, das Mordenmagazin tut überzeugend, als sei da nie etwas gewesen. Der "Spiegel" schließlich, eifrigster Baggerführer der Beunruhigung, berichtet über geheime Konzepte zum Umbau von Bundespolizei und Bundeskriminalamt zu einer neuen "Bundessuperpolizei". Hat sichs doch gelohnt, das ganze Theater.

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Wer hat es gesagt?

Da muss man doch erstmal fragen, was in den letzten zehn, zwanzig Jahren versäumt worden ist!