Google+ PPQ: August 2010

Dienstag, 31. August 2010

Muselmann, geh du voran

Journalisten haben ein Problem mit Zahlen und Statistiken. Normalerweise können sie nicht zwischen Prozenten und Prozentpunkten unterscheiden, scheitern am Vergleich von absoluten und relativen Werten und sind auch auf Dreisätze nicht gut zu sprechen. Ihre Haltung zur Mathematik schwankt unentschlossen zwischen „Wow!“ und „Leck mich am Arsch“. Dabei gerinnt ihnen alles, was in Ziffern spricht, normalerweise zur absoluten und nicht hinterfragbaren Wahrheit. Bekanntes Beispiel für diese quasi-religiöse Gläubigkeit sind Armutsberichte. Dann sind weder der gesunde Menschenverstand noch mathematische Grundkenntnisse gefragt: Besinnungslos wird die Litanei von der klaffenden Schere zwischen Arm und Reich heruntergebetet. Die Zahlen der AWO stimmen nicht mit denen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes überein? Egal. Im vergangenen Jahr klaffte die Schere noch viel weiter? Vollkommen wurscht. Armut ist in Deutschland keine existenzielle, sondern eine Frage der Definition? Mir doch egal.


Gegenstück dieser Haltung ist momentan der Vorwurf an Thilo Sarrazin, er sei ein Faktenhuber und unnötigerweise auf Zahlen fixiert - um im nächsten Moment mit einer Art plasbergschen Fakten-Check um die Ecke zu kommen. Normalerweise ist dann eine klassische "Ja, aber"-Argumentation die Folge. Die, die eben noch hörig die Ergebnisse von Umfragen und Erhebungen als Wahrheit in die Welt pusteten, ohne auch nur ansatzweise deren Plausibilität in Frage zu stellen (beispielsweise mit einem Blick in das redaktionseigene Archiv), werden auf einmal zu investigativen Hochrechnern. Doch die Ergebnisse sind dürftig. Sogar honorige Blogger wie die der Nachdenkseiten gefallen sich in eher wolkigen Auslassungen, die sich in Sätzen wie "Das ist ein typisches Argumentationsmuster der Rechtsradikalen" erschöpfen, und nicht in konzisen Diskussionsbeiträgen. Sarrazin schlägt dann beispielsweise die "Tonart der Neonazis" an". Holla, eine Aussage, die so dürftig ist wie eine Entgegnung sinnlos.


Ein Elend - denn eine nicht-empörte, sondern faktisch orientierte Widerlegung von Sarrazins Thesen könnte wirklich hilfreich sein.


Weiterführende Analyse dazu bei Karl Eduards Kanal.

Vergessenes Wissen: Die taz und die Gene

Da kannte sie nichts, die ehemals linksradikale TAZ. "Haben die aschkenasischen Juden ein Intelligenz-Gen?", fragte das Berliner Blatt sich und seine Stammleser im Juli vor drei Jahren und hub dann an, die Erkenntnisse von Genetikern der Universität Utah auszuführen, die "nachgewiesen haben, dass die europäischstämmigen Juden über ein eigenes "Intelligenz-Gen" verfügen".

Auch damals, als Thilo Sarrazin gar nicht in der Nähe war, klang das "verdammt nach hanebüchener Eugenik", wie die taz argwöhnte. Es sei "aber leider wissenschaftlich nicht unprofund".

Bis dahin brauchte es noch vier Jahre. Dann zitierte der umstrittene Buchautor den von der Taz selbst längst vergessenen Text. Und das durch seine stete Beschäftigung mit der Materie zum Eugenik-Fachblatt gewandelte Aussteiger-Projekt beschied ihn: "Es gibt keine deterministische Verbindung zwischen den Genen und Eigenschaften wie Intelligenz. Inzwischen ist das gesamte menschliche Genom entschlüsselt. Doch ein "Intelligenz-Gen" wurde nicht entdeckt."

Der Genosse der Gosse

Endlich. Er war der Allerletzte, hat aber nun auch noch den Mut gefunden, in die Öffentlichkeit zu gehen. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit unterstützt das Parteiausschlussverfahren gegen seinen früheren Finanzsenator Thilo Sarrazin. Dessen Thesen seien "blödsinnig", analysiert er scharf. „Die Thesen von Thilo Sarrazin sind mit der sozialdemokratischen Grundidee, nämlich der sozialen Gerechtigkeit, nicht vereinbar“.

Auch mit dem Grundkonsens der Demokraten habe das nichts zu tun, was Sarrazin sage. Der Bundesprovokateur spreche in der Migrationsdebatte "in unangemessen polemischer Form", sagte die Integrationsbeauftragte der Regierung, Staatsministerin Maria Böhmer (CDU). Bekanntermaßen sei Polemik in der politischen Debatte in Deutschland aber grundgesetzlich untersagt. Deshalb komme es nun überhaupt nicht mehr darauf an, was Sarrazin sage, ob es richtig, falsch oder in Teilen beides sei. Der frühere Referatsleiter im Bundesfinanzministerium sei "nicht mehr tragbar".
Sarrazin habe mit seinem unabgesprochenen Vorpreschen in der Migrationsdebatte, die gerade sanft entschlafen worden war, für Unruhe und unnötige Diskussionen gesorgt. Das aber könne ein Land nicht brauchen, das gerade im Begriff sei, sich aus der schlimmsten Wirtschaftskrise seit dem Auszug der Israeliten aus Ägypten herauszuarbeiten, hieß es im poltischen Berlin unisono. "Wir bruachen doch jetzt keinen Bürgerkrieg", warnte ein mit den Vorgängen vertrauter Unionspolitiker.

Wie groß die Gefahr ist, zeigt allein schon die Tatsache, dass es im Volk gärt. Ein erster Auftritt, bei dem Sarrazin seine "kruden Juden-Thesen" (Der Spiegel) hatte vorstellen wollen, wurde bereits abgesagt, weil der Veranstalter Proteste befürchtete. Das Hildesheimer Bündnis gegen Rechts hatte erwogen, eine offizielle Protestkundgebung gegen die Veranstaltung anzumelden, um bei der Gelegenheit einige Exemplare der volksfeindlichen Hetzschrift des SPD-Politikers zu verbrennen. Der Stadtverband der Jungsozialisten in Hildesheim wies Sarrazins Thesen über Minderheiten in der deutschen Bevölkerung als populistisch und ausländerfeindlich zurück. Es gebe keine Minderheiten, niemand in Deutschland sei klüger oder schöner, schneller oder größer als irgendjemand anderer. Auch der Dialogbeauftragte des türkisch-islamischen Kulturvereins Hildesheim, Emin Tuncay, schloß sich an und kritisierte den geplanten Auftritt Sarrazins. Er habe das Buch zwar noch nicht gelesen, aber genug darüber gehört, um für ein Verbot zu plädieren. Für Einsperen plädiert derweil die antiimeprialistsiche Linke, die Strafanzeige gegen den Genossen aus der Gosse gestellt hat. Nach dem Befinden der Spezialisten der Linkspartei, die in diesem Metier große Erfahrung haben, sind Sarrazins Äußerungen nicht mehr von der Meinungsfreiheit gedeckt, da sie nicht mit den Aufassungen anderer übereinstimmen. "Diese gezielte Diskriminierung verstößt gegen die im Grundgesetz verbriefte Unantastbarkeit der Menschenwürde und beleidigt alle jene, welche sich antirassistisch engagieren und sich der Wahrung einer friedlichen, multiethnischen und multikulturellen Gesellschaft verschrieben haben", erklärte Ali Al Dailami, Mitglied des Parteivorstandes und zuständig für Migrations- und Innenpolitik.

Auch dem Zentralrat der Juden in Deutschland geht die Rüge der Bundesbank Thilo Sarrazin nicht weit genug. Während in Israel keinerlei Entrüstung über Sarrazin ausbrach und die Zeitung «Haaretz» gar erklärte, "die Theorie des ‹jüdischen Gens› schlägt in Deutschland Wellen, wird in Israel nicht beachtet», weil auch der israelische Innenminister Eli Yishai an das «jüdische Gen» glaube, ist der Zentralrat im üblichen Alarmmodus. Solange der Bundesbank-Vorstand den 65-Jährigen nicht enrtlassen habe, seien Ruhe und Ordnung nicht wiederhergestellt, hieß es. "Die Meinung von Herrn Sarrazin hat nichts mit der Bundesbank zu tun, daher sollte die Bundesbank auch besser nichts mit Herrn Sarrazin zu tun haben", verriet Zentralrats-Vizepräsident Dieter Graumann dem "Handelsblatt", wie die Situation rechtlich zu bewerten sei. Jeder Arbeitnehmer, zumal in verantwortlicher Stellung, müsse traditionell immer einer Meinung sein mit allem, was seine Firma inhaltlich vertrete. Er selbst sei zum Beispiel schon seit Jahren stets einer Meinung mit seinem Präsidenten Stephan Kramer. Er könne die Bundesbank nur warnen: Durch Sarrazin entstehe der Bundesbank großer Schaden, "das kann so nicht weitergehen", sagte Graumann, "denn irgendwann schlägt das auf den Wert des Euro durch".

Wer hat es gesagt?

Unter den Tagesneuigkeiten fand er den verhängnisvollen Bericht über die Trust-Gesellschaft der Republik. Es interessierte ihn, die Zeitungen zu lesen, zu sehen, auf welche Art sie die Dinge vor die Augen des Publikums brachten. Alle berichteten, was sie berichten mussten - das heißt, jene Ereignisse, die öffentlich bekannt waren, doch hüteten sie sich wohl, die Ursache der Ereignisse zu verraten. Tagtäglich behaupteten sie in immer länger werdenden Artikeln, die Katastrophen des vorhergegangenen Tages seien die letzten gewesen, von nun an könne kein Blitz mehr niederfahren.

Doch es gab bei dem ganzen Problem einen Faktor, mit dem nur wenige gerechnet hatten: die ungeheuere Menge, von der das Geld stammte, mit dem dieses Spiel gespielt wurde, die Menschen, für die Dollars nicht nur Spielmarken, sondern etwas Lebenswichtiges waren.: Geschäftsleute, die am Samstag Nachmittag ihre Arbeiter bezahlen mussten, Arbeiter, die Nahrung und Wohnung brauchten, hilflose Witwen und Waisen, für die das Geld Sicherheit vor dem Hungertode bedeutete.

Als sie hörten, dass die Banken wackelten und von Kunden belagert wurden, nahmen sie an, die Gefahr sei tatsächlich vorhanden, der lange prophezeite Krach sei nun wirklich da.

In Horden überfluteten sie die Wall Street, das ganze Viertel war voll tödlich erschrockener Leute. "Jemand verlangte einen Dollar in bar", mit diesen Worten hatte ein Bankier die Lage bezeichnet. Wall Street machte seit Jahren seine Geschäfte mit Fetzen Papier, nun verlangte jemand einen wirklichen Dollar, und es stellte sich heraus, dass der Dollar verlegt worden sei und nicht gefunden werden könne.

Was jetzt geschah, glich einer ungeheueren Naturerschütterung, war etwas, das die Macht der Menschen verhöhnte und die Beschauer mit Angst und Schrecken erfüllte.

Montag, 30. August 2010

Wieder ein Spruch

Ach, der Spiegel. Lässt Reiner Klingholz, den Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, einen Artikel zum Thema "Hat Sarrazin noch alle Nadeln an der Tanne?" schreiben, kündigt diesen dann auch pflichtgemäß als "Widerspruch gegen Sarrazin" an (Bild links) - und hat auf einmal einen Text auf der Seite stehen, den der aktuelle Belzebub der Medienempörungsmaschine wahrscheinlich zu großen Teilen unterschreiben würde. Denn Widerspruch legt Klingholz nicht gegen Sarrazin ein, sondern gegen die aktuelle deutsche Zuwanderungspolitik, die seiner Meinung nach dem Beispiel Kanadas, Australien oder der USA und deren Motto "Wir sind ein leeres Land, und wenn wir mehr fähige Leute von außen gewinnen können, dann geht es allen besser" folgen sollte. Wenn wir beim Integrations-Board-PPQ den Noch-Bundesbankvorstand richtig verstanden haben, läuft seine Argumentation (zieht man seine Fokussierung auf das gnadenbringende Deutschsein mal ab) in weiten Teilen genau darauf ab. Naja, immer noch besser als die FR, die Sarrazin eine erhebliche Meise attestiert und zum Fall für einen Psychiater erklärt. Der wirre Text irgendeiner Edelfeder, die ihre wenigen Argumente unter anderem bei Elizabeth von Arnim leihen muss, entwickelt seine Stringenz erst retrospektiv. Denn die Logik "Sarrazin hat in vielem Recht. Aber ..." ist den meisten aktuellen Diskursbeiträgen eigen. Der journalistische Kindergarten steht in der Ecke, stampft mit dem Fuß auf und krakelt: "Ich will aber, dass Sarrazin Unrecht hat."

Mensch, sei kein Frosch

In Berlin vertrat Thilo Sarrazin "seine kruden Juden-Thesen" (Spiegel), in Frankfurt aber widerlegte ihn FAZ-Experte Joachim Müller-Jung schneller als der beinahe schon ehemalige Bundesbanker gucken konnte. "Dieselben Genvarianten sind keinesfalls exklusiv, sondern allenfalls gehäuft bei einzelnen Ethnien zu finden", verkündete der Heureka-Preisträger. Für ein spezielles „Juden-Gen“ treffe dasselbe zu wie auf ein „Intelligenz-Gen“: Es existiere nur in der "Prosa biologistischer Fälscher".

Sarrazin hatte zuvor im Fachmagazin Tagesspiegel zu lesen geglaubt, dass „alle Juden ein bestimmtes Gen“ teilen. Nicht mal ganz falsch, stellt Müller-Jung nun glasklar. "Allein in den vergangenen Wochen sind drei wegweisende Studien in „Nature“, dem „American Journal of Human Genetics“ und den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalakademie über die genetischen Wurzeln und Merkmale von Juden veröffentlicht worden", weiß er, was der normale FAZ-Leser nicht wissen kann, weil es die FAZ aus Gründen der Übersichtlichkeit nie geschrieben hat. Sarrazin sei aber wohl kein FAZ-Leser, er habe "diese wissenschaftlichen Erkenntnisse deshalb offenbar zur Kenntnis bekommen", kritisiert der Kritiker.

Aber "verstanden hat er sie nicht", ist sich der Gentechniker aus Frankfurt sicher. Denn man müsse nun ja genau unterscheiden, was die "New York Times" meinte, als sie in ihrem Bericht schrieb „die genetische Ähnlichkeit von Juden ist belegt“. Und was Sarrazin vermutlich habe sagen wollen, als er wissen ließ, dass alle Juden ein bestimmtes Gen teilen. "Zwischen beiden Aussagen - genetisch enge Verwandtschaft auf der einen Seite und ein Gen für alle Juden auf der anderen - liegt nicht weniger als die Kluft zwischen Wahrheit und Dichtung", dichtet Müller-Jung jetzt nach der alten Lehre, dass es nie darauf ankommt, was jemand gesagt oder gemeint hat. Sondern allein darauf, was man verstanden zu haben behauptet.

Hier kommt jetzt die Wahrheit, aus sorgsam gespaltenen Haaren extrahiert und in Sätze verdrillt, gegen die die Doppel-Helix eines Cottbusser Telekom-Mitarbeiters ein freihängendes Kupferkabel ist: Die Populationsgenetik finde "seit Jahrzehnten in bestimmten religiös oder kulturell bedingt isolierten Bevölkerungsgruppen häufig vorkommende Genvarianten", erläutert Müller-Jung zum Erstaunen des Publikums. Aber "dieselben Genvarianten sind keinesfalls exklusiv", sondern eben "allenfalls gehäuft bei einzelnen Ethnien zu finden". Und nicht nur unter Menschen. Die teilen ihre Gene zum Beispiel zu 98,5 Prozent mit dem Affen, genauso aber auch mit Fröschen, wie Forscher um Uffe Hellsten von der University of California in Berkeley die Süddeutsche Zeitung erst im April hatten wissen lassen. Nach der erstmaligen vollständigen Entschlüsselung des Erbguts einer Amphibie stand fest: "Das Genom des Krallenfrosches Xenopus tropicalis entspricht in großen Teilen dem des Menschen".

Dass der Frosch trotzdem kein Mensch ist, liegt an dem, was ihm trotz der großen Teile identischer Gene fehlt. In der aktuellen Debatte ergebe sich daraus ein wichtiger Unterschied in der Betonung, so Müller-Jung, ehe er zu einem Trommelfeuer von Drechselsätzen ausholt, das endlich mal gequirlten Klartext spricht in der Gen-Debatte, die kurzzeitig in Stellvertretung der Islam-Debatte toben muss, weil deren Erregungspotential nach fünf bewusstlosen Tagen in der Geschwätz-Zentrifuge erschöpft zu sein scheint: "Der Befund, dass bei Juden viel häufiger als üblich gewisse Erbkrankheiten wie Morbus Gaucher oder Tay-Sachs auftreten, ist ein Ergebnis dieser starken genetischen Ähnlichkeit. Viele Gentests sind daraufhin entwickelt worden. Ebenso wie mittlerweile Herzmittel verkauft werden, die wegen der Häufung bestimmter Genvarianten bei Afro-Amerikanern als „maßgeschneidert“ für diese Menschen gelten, wohl wissend, dass dieselben Genvarianten keinesfalls exklusiv bei einzelnen Ethnien, sondern allenfalls gehäuft - jedoch nicht ausschließlich - zu finden sind."

Gehäuft, jedoch nicht ausschließlich, enthält der Mensch auch Froschgene. In vielen Juden hingegen können, ganz unabhängig von ihrem Glauben, ein oder mehrere Gene entdeckt werden, die gehäuft, aber nicht ausschließlich bei ihnen vorkommen. Dasselbe gilt für religiös oder kulturell bedingt isolierte Bevölkerungsgruppen wie den gemeinen Ex-DDR-Bürger, norwegische Leuchtturmwärterfamilien, altmärkische Kartoffelbauerkommunen und die jahrhundertealten Wohngemeinschaften katholischer Geistlicher mit ihren Zugehfrauen.

Sie alle - das ist nun sehr fragwürdig - tragen Gene in sich, die ebenso zu großen Teilen auch in Affen und Fröschen vorkommen. Dass weder Sarrazin noch Müller-Jung noch irgendein Jude, DDR-Bürger, Mönch oder Leuchtturmwärter weltweit ein Frosch ist, verdankt sich sowohl den Genen, die er hat, als auch denen, die er nicht hat. Den Rest machen Erziehung, Bildung und das frühkindliche Zusammensein mit anderen Menschen, wie die "Zeit" mahnt. Ältere Menchen wissen das auch noch, denn ihnen war der heute längst verdrängte Satz "Mensch, sei kein Frosch" einst noch geläufig.

Sonntag, 29. August 2010

Schallalah im Schlamm

Früher war hier die erste Garde der Vergessenen Stammgast, Edo Zanki, Ireen Sheer und Uwe Ochsenknecht gaben sich auf windigen Freilichtbühnen die Klinkenstecke in die Hand, wenn Halle, die Kulturhauptstadt in der von Armut bedrohten Mitte Deutschlands, zum beziehungsreich "Laternenfest" genannten größten Volksfest der Region rief.

Die rote Laterne, hier im früheren Chemiedreieck meist einziges trübes Licht am Tunnelende, als Anlass zum feiern, das gibt hier alljährlich ein Riesenvolksfest mit Feuerwerk, bunt leuchtenden Hasenohren als Kopfschmuck, einem tanzenden Peru-Indianer und vielen Pulloververkaufsständen. Doch das größte Volksfest darf die Laternenparty nun nicht mehr sein, weil die Nachbarn aus Eisleben ihr Wiesensaufen im Herbst noch viel größer finden und eine Klage angedroht haben.

Seitdem haut es nun nicht einmal mehr mit dem Wetter hin: Im Dauerregen des menschengemachten Dürresommers 2010 versinkt das bescheidene Niveau der traditionellen Jahreshauptversammlung der Kleiner-Feigling-Trinker diesmal im Schlamm des musikalischen Schallalah. Abgesehen von den norwegischen Minor Majority, die ebenso wie ihre Balladenkollegen Racoon hierher passen wie ein Bahai-Missionar in eine iranische Moschee, versammelt sich der musikalische Bodensatz der Ballermann-Republik auf den Bühnen. Nachgespieltes wird hier live noch einmal nachgespielt, dumpf dröhnt die Discotrommel, alte Herren aus Bayern, verpackt in Lederhosen, führen rudimentäre Gesangskünste vor. Zwischen "Get Back" und "Knockin´on heavens door" geht immer noch eins von CCR, ein bisschen Smokie oder Thin Lizzy.

Ein Fest für alle Sinne, bei dem im Fetenfeldlager der Bundeswehr kein Atzen trocken bleibt. Hier bügelt eine Band namens Maddoxx die Falten aus Klassikern wie "Highway to Hell" und "Smoke on the Water". Gedientes und ungedientes Bodenpersonal schüttelt hingebungsvoll vorhandenes und nicht mehr vorhandenes Haar. Ein Fest der Generationen, befeuert von kalten Bier aus Krostiz und Australien und dem üblichen Höhenfeuerwerk, das später von Feuerwerkskritikern des Heimatsender MDR zum "besten der letzten Jahre" gekürt werden wird. Die Sorgen um die Sicherheit, mit denen die Duisburg-Katastrophe in den Wochen vor dem Fest auf Mitteldeutschland medial heruntergebrochen worden war, lösten sich im Dauerregen auf. Statt 120000 Fans von Mittelaltermarkt, Feinschmeckermeile, Bumsmusik und Eisermanns Erdbeeren mit Prosecco kamen diesmal nur rund 75.000, sich die Schande anzuschauen. Nachts um eins krähen die Bierhähne hier zum letzten Mal. Die Stadtführung hat Nachtruhe angeordnet. Und es regnet ja auch schon wieder.

Amazon: Bundeslöschtage beim Buchhändler

Schwuppdiwupp, da waren sie weg. Über Nacht hat der Internetbuchhändler Amazon die Kundenrezensionen zu Thilo Sarrazins Streitschrift "Deutschland schafft sich ab" gelöscht. Um 14 Uhr sei alles noch dagewesen, anch 20 Uhr war alles weg. Es gibt keine Erklärung dafür, keinen Hinweis auf die Gründe. "Als ich vor drei Stunden noch hier nach Rezensionen gesucht habe, waren es noch über 80", staunt Rezensent Platzus Regus, "jetzt sind sie gelöscht. Was soll das?"

Auch "Buch_Leser" staunt. "Es waren hier Rezensionen mit über 1500 postiven Bewertungen -
nun alle weg????" Das zeige, dass Sarrazin Recht habe: "Dieses Land ist nicht mehr zu retten - wenn selbst Amazon schon Rezensionen löscht." Im Gegensatz zur in den Medien veröffentlichten meinung waren die bei Amazon nachlesbaren Urteile zum Buch überwiegend positiv ausgefallen. Wenn sie denn überhaupt auf der Seite landeten, wie der Nutzer Habudd beschreibt: "Ich habe heute vormittag eine Rezension zu diesem Buch geschrieben und die wurde gar nicht erst veröffentlicht."

Ihn wundert nun "in diesem Land nichts mehr". Dominik Rein ätzt: "Tja, liebe Mitbürger, das versteht man hierzulande als Demokratie." "Alle Achtung, Amazon", lobt auch ein Fred Anderson: "Eine Lehrstunde in Demokratie, die Rezensionen zu löschen."

Inzwischen stehen wieder zwei Dutzend neue Rezensionen auf der Seite zum Sarrazin-Buch, aber die bestehen zu einem großen Teil aus gewagten Verschwörungstheorien dazu, wer die Bundeslöschtage beim weltgrößten Buchhändler veranlasst haben könnte. "Unsere Volksvertreter", mutmasst einer, Frau Merkel selbst, glaubt ein anderer. "Jetzt warte ich nur noch darauf, bis Frau Merkel auf den Protest diverser Organisationen einknickt und das Buch auf den Index landet", heißt es. Und analytisch scharf im historischen Vergleich: "Das ist hier ja wie in der DDR."

Hitler: Gentest schürt Rassenhass

Nach erneuten Provokationen mit kruden Juden-Thesen hat Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die weitere Eignung der früheren Boulevardzeitung Bild für eine Führungsposition im deutschen Journalismus in Frage gestellt. "Jede Provokation hat ihre Grenzen. Diese Grenze hat Bild mit dieser ebenso missverständlichen wie unpassenden Äußerung eindeutig überschritten", kritisierte der CSU-Politiker.

Das Blatt hatte in einem Bericht über den früheren Führer und Reichskanzler und heutigen n-tv- und ZDF-Moderator Adolf Hitler die Theorie verbreitet, Hitler sei "genetisch mit Berbern und Juden verwandt gewesen". Unter Berufung auf einen obskuren "belgischen Journalisten" namens Jean-Paul Mulders behauptete ein Beitrag, dass Hitler "genetisch mit Nordafrikanern und Juden verwandt" und somit "kein reiner Arier" gewesen sei. Dabei berief sich die Zeitung prophetisch auf die wenige Tage später von dem umstrittenen Bundesbanker Thilo Sarrazin verbeitete ungeheuerlich fragwürdige These, der gesagt hatte, dass "alle Juden ein bestimmtes Gen teilen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden."

Nach Angaben der Bild von vergangener Woche beweisen die Ergebnisse von DNA-Analysen "der nur auf der väterlichen Linie vererbten E1b1b auf dem Y-Chromosom", dass Hitler aus Afrika gekommen sei. Die in seiner Familie gefundene "Haplogruppe" sei in Deutschland und Westeuropa wenig verbreitet, hingegen bei 25 Prozent der Griechen und Sizilianer und bei bis zu 80 Prozent der Nordafrikaner zu finden. "Am häufigsten", analysierte das Rassemagazin, finde man sie jedoch "bei Berbern und in Somalia, am zweithäufigsten bei aschkenasischen Juden".

Damit ist die Zeitschrift auch nach Ansicht von Außenminister Guido Westerwelle zu weit gegangen. "Wortmeldungen, die Rassismus oder gar Antisemitismus Vorschub leisten, haben in der politischen Diskussion nichts zu suchen", legte der FDP-Chef fest. Rasse-Experte Florian Rötzer, der kürzlich auf Telepolis noch die krude These verbreitet hatte,Hitler scheine "genetisch mit Berbern und Juden verwandt gewesen zu sein", hat es sich inzwischen schon anders überlegt. "Sarrazin bedient krude Rassenlehre", hat Rötzer inzwischen herausgefunden. Auch Stephan Kramer, Generalsekretär der Juden in Deutschland, ist in der neuen Nummer der Bild schlagartig empört: „Wer die Juden über ihr Erbgut zu definieren versucht, auch wenn das vermeintlich positiv gemeint ist, erliegt einem Rassenwahn, den das Judentum nicht teilt.“ Wie hier in den Jewish Genetics: Abstracts and Summaries gar nicht zu übersehen ist.

Samstag, 28. August 2010

Provokateure an den Bundespranger

Aus der Ferne sieht alles anders aus, durch ein Fernrohr betrachtet, wachsen die Details und das große Ganze schrumpft zum kleinlichen Streit. Weit weg, am anderen Ende der Welt, wurde nach WM-Euphorie, Kachelmann-Krimi und Loveparade-Drama mitgebangt, was wohl als nächstes große Ding am Medienhimmel irrlichtern würde. Nun ist es raus und die Erleichterung gebenso groß wie das Kopfschütteln hochfrequent: Thilo Sarrazin, die Integrationsdebatte. Intelligenzforschung. Der sowjetische Anti-Genetiker Lyssenko. Die Augen zu, die Reihen fest geschlossen und Gegenstimmen störrisch überhört. Daraus macht Deutschland im Sommer 2010 eine leidenschaftlich geführte bizarre Debatte um des Muezzin´ Bart. Eine Wortmeldung dazu aus Amerika:

Auch am Beginn des 21. Jahrhunderts scheint die Meinungsfreiheit nicht gerade unabdingbar zu sein für ein Funktionieren der deutschen Öffentlichkeit. Legislative, Exekutive und die mittlerweile anscheinend schon verstaatlichten Medienkombinate tragen das Entsetzen über ein Buch in schönster Geschlossenheit vom Sommerloch in einen Herbst, dessen kompletter Talkshow-Besetzungsplan jetzt schon fest stehen dürfte.

Ebenso steht der Sachbuch-Bestseller der zweiten Jahreshälfte fest, nämlich der gesetzte, gedruckte und gebundene ausgestreckte Mittelfinger eines Politprofis, der keiner mehr sein muss. "Deutschland schafft sich ab" dürfte nach Lage der Dinge das am heißesten, hysterischsten und dümmlichsten diskutierte noch nicht erschienene Druckwerk sein. Vielleicht mit Teil 2 der Mohammed-Karikaturen von "Jyllands Posten" und einer neuen Luxus-Ausgabe von "Mein Kampf" mit Führer-Starschnitt im Samteinband.

Nach fünf provokativen Vorabdrucken in der Bild-Zeitung und einem Feature im "Spiegel" ist Sarrazin als "bekennender Rassist" enttarnt, als Menschen verachtender Makroökonom mit einem Araber-Problem, als zynischer Wiedergänger von Hitler-Flüsterer Ernst Haeckel. Was soll da erst noch rauskommen, wenn das knapp 500-Seiten-Buch denn erst gelesen wurde?

Sarrazin wird es promoten und dabei, auch das ist so sicher wie der Muezzinruf vom Minarett, über Monate lang auf Diskutanten treffen, die die Linie der Staatsräson vertreten und sich dieses sowie jenes "verbitten", wahlweise mit Verweisen auf "die Würde des Menschen", "das Grundgesetz" oder auch "unser Miteinander". Um sich warmzulaufen, schaute der 65-jährige Bundesbank-Vorstand, der als solcher längst ausgesorgt hat, in der Redaktion der stolzen Hansestädter "Zeit" vorbei.

Das dabei entstandene "Interview" ist ein so herausragendes Dokument dessen, was in diesem Land völlig aus dem Ruder gelaufen ist, dass es überraschen würde, könnte Sarrazin dies in seinem Buch selbst besser auf dem Punkt bringen. Hier treffen zwei vorgebliche Journalisten als Profikiller mit Totschlagargumenten an, um dem bösen Uhu Sarrazin mit der Moralkeule den Gnadenschlag zu verpassen. Jeder halbwegs mitfühlende Mensch muss dabei sehr schnell unverfälschtes Mitleid empfinden - nicht für Sarrazin oder die Muselmänner und -frauen: Sondern für die Vertreter einer medialen und politischen Gesinnung, die völlig ohne Zweifel auch im Dritten Reich oder in der DDR Karriere hätte machen können.

Aber es ist mehr als ein Disput zwischen Personen, es ist eine Auseinandersetzung auf der Metaebene: Verwaltungstatistik gegen Milchmaedchenrechnung, argumentative Präzision gegen diffuse Empörung, Wissenschaftlichkeit gegen Ideologie. Und nicht zuletzt: das Recht auf eine Meinung, wünschenswerterweise auf rationale Argumente gestützt und innerhalb geltender Gesetze publiziert wird versus öffentliche Diskreditierung durch medienübergreifende Emotionalisierung nebst der kompletten Negierung von Meinungsvielfalt als demokratisches Grundprinzip. Sarrazin ist in diesem Kontext schlicht nur der Nächste, der sich selbst auf die Warteliste für den Bundespranger gesetzt hat. Was, einen Bundespranger gibt es noch nicht? Dann wird es aber "Zeit".

Festmahl beim Kannibal

Die Armut steigt, der Hunger wächst, die blanke Not erreicht den Mttelstand. Gewissenlos Geschäftemacher nutzen die Situation gnadenlos aus: In Berlin eröffnet kommenden Monat das erste Restaurant, das menschliche Körperteile zum Verzehr anbietet. Das "Flime" begreife Essen als "spirituellen Akt", bei dem "man die Kraft und den Geist des verzehrten Wesens in sich aufnimmt", wirbt das auf "traditionelle Wari-Küche" spezialisierte Etablissement. Nach multikulturellen rezepten eines Volk aus dem brasilianischen Urwald, das traditionell dem Kannibalismus frönt, stehen auf der Speisekarte verschiedene Fleischstücke mit schwarzen Bohnen und Reis, Kartoffelteigbällchen mit Fleischfüllung und "Schenkel vom Grill mit eingelegten Pfirsichen". Das angebotene Fleisch soll dabei vor allem von Freiwilligen kommen, die nach einem Gesundheitscheck völlig frei selbst entscheiden können, "welchen Körperteil sie gerne spenden wollen".

Fleischspender müssen nur einen kurzen Fragebogen ausfüllen, in dem unter anderem angegeben werden muss, ob der Spender spotlich oder eher dicklich ist, Medikamente nimmt oder gerade schwanger ist. "Mitglieder erklären sich dazu bereit, einen beliebigen Teil ihres Körpers an das Flime zu spenden", heißt es im Kleingedruckten. Den genauen Teil bestimmt das Mitglied selber, das Restaurant übernehme aber nur die Krankenhauskosten, die bei der Amputation anfallen. "Darüber hinaus besteht kein weiterer finanzieller Anspruch des Mitglieds." Der Verwendungszweck der Fleischsppende sei den Köchen des Flime frei überlassen.

Da die Spendenseite zum Herunterladen des Aufnahmeformulars derzeit häufig überlastet ist, können Interessenten auch eine Email an politplatschquatsch@gmail.com senden. Wir versenden das Aufnahmeformulr sofort nach Eingang in der Reihenfolge der Anfragen.

Klima: Klar wie Klobrühe

Ist das nun schon die große Dürre, vor der uns die Klimaforscher seit Jahr und Tag gewarnt haben? Seit Wochen liegt Mitteldeutschland, dem die Austrocknung "vor allem im Sommer" prophezeit worden war, unter einer platschnassen Regendecke. An einem einzigen Tag ist in NRW dreimal soviel Regen wie sonst im ganzen Monat gefallen. Mancherorts ging deshalb nichts mehr. Das Regentief „Cathleen“ hat in Teilen Nordrhein-Westfalens schwere Überschwemmungen verursacht, in Osnabrück " wurde zeitweise Katastrophenalarm ausgelöst", wie die eigentlich auf "Sommer wieder zu warm"-Meldungen spezialisierte staatliche Nachrichtenweiterreichungsagentur dpa nassforsch kabelt, als habe es die vom Deutschen Wetterdienst früher Monat für Monat herausgegebenen Wetter-Bilanzen mit der dräuenden Überschrift "Monat soundso war wieder zu warm" nie gegeben.

Jetzt steht "der Ort Stadthagen unter Wasser und wurde komplett gesperrt", selbst der meistenteils völlig unbekannte Fluss Hase steigt auf 2,48 Meter über Normal und macht erstmals Schlagzeilen mit dem "höchste" Pegelstand, der jemals gemessen wurde". Im Münsterland wurden vier Bahnstrecken wegen Überschwemmungen zeitweise gesperrt, in Halle steht das Wasser schon auf den Straßen, auch Brandenburg sehnt sich nach Trockenheit und Dürre, wie sie damals, in der guten alten Zeit der Klimahysterie, ein "besonders hochauflösenden Klimamodell des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg detailreich wie nie" beschrieben hatte.

Klar wie Klobrühe lag die Klima-Zukunft seinerzeit vor uns. Die hier bei PPQ kultisch verehrte Vienna Teng sang zu Ehren der verschwindenden Winter ein Lied vom "Last Snowfall" (Video oben), denn es würde "vor allem in den Wintermonaten in ganz Deutschland wärmer", die Temperaturen stiegen um bis zu vier Grad und die im Sommer sänken die Regenmengen in Süd-, Südwest- und Nordostdeutschland "um ein Drittel sinken, was Dürren verschärft und die Waldbrandgefahr erhöht".

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Wie der feuchte Traum einer Wasserratte verhängen dicke Regenwolken das strahlende Sommersonnenblau. War früher noch jede Jahreszeit irgendwie "über dem "langjährigen Klimamittel" und eine Vorhersage des Klimas locker bis zum Jahr 2100 berechenbar, tückscht die Natur neuerdings hinterlistig herum. Selbst Mojib Latif, nach Recherchen der Bauernregel-Bibel "Bild" "Deutschlands bester Klimaforscher", kommt mit der nachholenden Korrektur seiner Vorhersagen kaum noch mit der aktuellen Wetterlage mit. "Aktuell sollte man schon mit Wetterprognosen für ein bis zwei Tage sehr vorsichtig sein", erläutert ein DWD-Experte dem ehemals ganz auf Erderwärmung abonnierten Klimamagazin "Zeit", "Gerade bei kleinräumigen Tiefdruckgebieten werden die Vorhersagen schon nach dieser kurzen Zeit sehr ungenau."

Wir brauchen mehr große Räume, mehr Platz fürs Wetter, ein Klima ohne Raum hat keine Zukunft, da versteht der Wetterdienst auch keinen Spaß. Im Vergleich zu den Vorjahren zeige sich der August bislang feuchter und auch kühler, damit erreiche auch er leider nicht die vorgeschriebenen Durchschnittswerte für diesen Monat. "2003 war der großartigste August - mit durchschnittlich 20,6 Grad", erklärt Gerhard Müller-Westermeier vom DWD. Normal seien 16,5 Grad, 2003 war also "viel zu warm", während 2010 nicht einmal diese Durchschnittstemperatur erreicht werde.

Daran könne man sehen, heißt es bei Experten, dass die Extreme immer mehr zunähmen. Als noch niemand Wetterdaten aufzeichnete, habe es beispielsweise nach derzeitigem Stand der Forschung überhaupt keine extremen Abweichungen vom Durchschnitt gegeben, weil der Durchschnitt nicht bekannt gewesen sei. Erst durch den Sieg der Wissenschaft über das reine Eintagswetter, das einfach herrscht und danach vom nächsten abgelöst wird, sei inzwischen jede Wetterlage archivierbar. Damit müssten sich nachfolgende Wetterlagen an den Leistungen ihrer Vorgänger messen lassen, für entsprechende Gutachten aber benötige der Wetterdienst zum Teil Monate und dann präsentiere er auch noch äußert fragwürdige Theorien. So machte der Wetterdienst für die überdurchschnittlichen Temperaturen im Juli nicht etwa die menschengemachte Klimaerwärmung verantwortlich, sondern "das irdische Zentralgestirn, das an 31 Tagen 278,2 Stunden lang schien und damit 110,4 Prozent des langjährigen Mittels" erreichte.

Extrem auffällig dabei: Das erste Halbjahr 2010 war mit einer Mitteltemperatur von 9,5 Grad trotz all der gemeldeten und gefühlten heißen Tagen im Vergleich mit dem Durchschnitt des vergangenen Jahrzehnts tatsächlich um 1,3 Grad zu kalt. Unklar ist, wie es weitergehen soll. Nach Berechnungen des Wetterdienstes hat es in den vergangenen 280 Monaten kein einziger geschafft, den Vorgaben des langjährigen Durchschnitt zu entsprechen. Alle waren sie zu warm oder zu kalt, zu nass oder zu trocken.

Der Himmel über Halle XXXV


Es ist wieder und wieder erstaunlich, wie es die hallesche Stadtverwaltung trotz eines leeren "Stadtsäckels" (dpa) schafft, den Himmel über Halle so zu illuminieren, phosphoreszieren, halluzinieren, dass es sogar dem strengsten Haushaltskonsolidierer die Freudentränen in die sonst absolut trockenen Augen treibt. Die putzige Rathausgemeinschaft, deren einziges Ziel normalerweise nur darin besteht, Halle auf den Angriff des Datenkraken Google vorzubereiten und deswegen komplett zu verpixeln, schreckt dabei  - wie hier am ersten Tag des bekannten Laternenfestes - auch vor einer Art Doppelbeleuchtung nicht zurück. Wir vom L’art pour l’art-Blog PPQ ziehen deswegen mangels Möglichkeit zwar nicht unseren Hut, aber doch die Konsequenz, Frau Szabados und Co. im Kreis der immer selteneren Latein-Liebhaber zu begrüßen: ars gratia artis.

Freitag, 27. August 2010

Wer hat es gesagt?

"Natürlich sind zehn Deutsche dümmer als fünf Deutsche."

PPQ lässt Halle komplett pixeln

Entsetzen im Rathaus, Empörung bei den Hallensern. Eine Stadt steht unter Schock, eine Stadt ist wie gelähmt, seit die bittere Wahrheit öffentlich ist . Die Stadtverwaltung der Kultur- und Medienmetropole an der Saale kann öffentliche Gebäude beim menschenverachtenden Nachrichten- und Bilderdienst Google Street View nicht pixeln lassen. Noch vor anderthalb Wochen hatte die bekennende iPhone-Nutzerin Dagmar Szabados, die derzeit als Oberbürgermeister und oberste Datenschützerin der Stadt amtiert, Schulen, Kindergärten, Kraftwerke und das Frauenschutzhaus aus dem virtuellen Stadtrundgang löschen lassen wollen. Nun aber beschied das Rechtsamt, dass "nur natürliche Personen ein Widerspruchsrecht haben, Behörden aber nicht”, wie Szabados dem entsetzten Stadtrat mitteilte.

Während die Kommune nun ihre Anstrengungen verdoppeln will, durch Flächenabrisse in der Innenstadt ein völlig neues Stadtbild zu schaffen, damit Google Street View nicht zeigen kann, wie Halle wirklich aussieht (Bild oben), hat sich die Redaktion von PPQ entschlossen, als kollektiver Organisator für die Interessen von 230.000 Hallenserinnen und Hallensern einzuspringen. In einer schonungslosen Nachtschicht hat das Redaktionskollektiv Sehenswürdigkeiten wie den Roten Turm, das Stadtmuseum, das Beatles-Museum, die Oper, mehrere Theater und das Händelhaus, aber auch das Rathaus, das Stadthaus und mehrere hundert Wohngebäude, Freibäder, Sportstätten und Verwaltungsgebäude von Google pixeln lassen.

Das ist laut deutschem Datenschutzgesetz möglich, sobald es sich bei den beantragten Pixelzielen um "selbst genutzte" Gebäude handelt. Sowohl Rathaus als auch die anderen Immobilien haben PPQ-Mitarbeiter bereits selbst genutzt, was ein Widerspruchsrecht begründet. "Menschen, die sich dafür interessieren, wie es in Halle aussieht und welche Schönheiten die Stadt zu bieten hat, sollten doch persönlich vorbeikommen", empfiehlt die Redaktion, die der Aussage von Bürgermeisterin Szabados vollinhaltlich zustimmt: “Bei aller Werbung für die Stadt muss man auch die Belange der Einzelnen berücksichtigen.”

Maskenball im Rinderoffenstall

Früher, als Thilo Sarrazin noch im Bundesfinanzministerium saß und die deutsche Einheit plante, war alles einfacher. Das Neue Deutschland druckte, die Aktuelle Kamera las vor, der Rest der Zeitungen im Lande schrieb aufmerksam mit, was zu den Vorteilen von Rinderoffenstall und den praktischen Fortschritten der sozialistischen Landwirtschaft durch die Methoden des Lyssenkoismus zu sagen war. So kam die frohe Botschaft von der Fortsetzung der erfolgreichen Kultur- und Sotialpolitik zum Wohle aller Werktätigen jeden Tag bei jedem Bürger an, niemand musste Angst haben, eine wichtige Mitteilung zu verpassen, nur weil er am Kiosk keine "Junge Welt" mehr abbekommen hatte.

Entsetzlich dann die zwei dunklen Jahrzehnte seitdem. Alle Welt schrieb und kommentierte, wie sie wollte, hier war Hü und dort war Hott, mancher war dafür, andere dagegen dagegen, es wurde gleichzeitig in den Himmel gehoben und in die tiefste Hölle verdammt. Je nachdem, ob der Leser sich für Focus, Spiegel, FAZ, SZ oder Welt entschieden hatte.

Sehr, sehr lange war es einsam um die staatliche Nachrichtenagentur dpa, die mit oft sehr einfallsreich umgeschriebenen Pressemitteilungen von Zeitungsverlagen und Veranstaltungsagenturen versuchte, eine Einheitlichkeit in der Berichterstattung deutscher Medien zu erreichen, wie sie die Macher des Neuen Deutschland einst vorgelebt hatten. Gleichheit könne nicht nur Gleichheit vor dem Gesetz, im Geschlecht und bei den Lebenschancen heißen, hieß es unter der Hand. Gleichheit müsse auch bedeuten, dass jeder alles wisse und wenn nicht, dann wenigstens niemand nichts.

Der Fortschritt ist unbarmherzig, auch medial führt eine Autobahn aus den Zeiten der Manufakturschreiberei in den hochintellektuellen und vollindustrielle Copy&Paste-Journalismus. Um sein neues Buch zu promoten, musste Thilo Sarrazin, früher Referatsleiter im Bundesfinanzministerium, nicht mehr tun, als Özlem Topcu und Bernd Ulrich zu einem "Streitgespräch" einzuladen. Das Protokoll einer Hinrichtung, bei der Verhöroffizier und zu Verhörender ihre Rollen tauschten, erschien anschließend nicht nur in der "Zeit", die die beiden journalistischen Opfer gestellt hatte, sondern gleichlautend auch im "Tagesspiegel" und dem "Handelsblatt". Nicht überall ist es dabei gelungen, aufwendig eine neue Überschrift herzustellen oder den Vorspann umzuschreibe. Es muss auch so gehen, in Zeiten, in denen Qualitätsjournalismus es nicht leicht hat, seine altbackene ware an den Mann und die Frau zu bringen.

Das hier aber ist zur Freude von Sarrazins Verlag gelebte Meinungsvielfalt, wie sie die DDR nicht kannte. Thilo Sarrazin, nach Ansicht von Beobachtern ein "bekennder Rassist", eine künftiger NPD-Vorsitzender und ein Moslemhasser, begegnet Topcu und Ulrich wie ein Berg zwei Mäusen. Er weiß, er soll festgenagelt werden, die beiden Schreibhandwerker haben auch ein paar Hand voll eingebildeter Nägel und ausgedachter Hämmer mitgebracht, jedoch bekommen sie ihn nicht zu fassen.

Thilo Sarrazin, soviel steht nach der Lektüre fest, ist nicht dümmer. Als wer, diese Frage muss hier nicht beantwortet werden, denn diese Frage - hier aufgeworfen als "Sind Muslime dümmer?" - beantwortet auch das Zeitungstriumvirat aus dem Holtzbrinck-Verlag sich nicht. Hier geht es vielmehr um knallharte Vorwürfe wie "Sie sagen, dass Intelligenz vererbbar ist", die der Bundesbanker galant ins Leere laufen lässt. Er sagt das nicht, es ist so, und es ist eben nicht wie Ulrich und Topcu glauben machen wollen: Dass schmale Augen eine asiatische Angewohnheit sind, großgewachsene Eltern in der Regel kleingewachsene Kinder bekommen und afrikanisch-stämmige Leichtathleten durch intensives Üben die 100 Meter im Schnitt schneller laufen als Dänen, Koreaner und Sachsen.

Wo die Probleme nicht wegzudiskutieren sind und die Ursachen für jeden sichtbar auf dem Tisch herumliegen, müssen Beispiele her, um das große Bild wenigstens im Kleinen zurechtzurücken. "Mein Vater ist Gärtner, ich bin Akademiker", hält "Die Zeit" Sarrazin vor, obwohl man bisher immer glaubte, ihr Vater Gerd Bucerius sei Rechtsanwalt gewesen, habe unter Hitler promoviert und später tatkrätig beim Bau von Unterkünften für KZ-Häftlinge geholfen. Aber gut, Gärtner also: "Ich denke aber", setzt die Frage fort, "der Unterschied zwischen meinem Vater und mir liegt nicht darin, dass ich intelligenter bin als er, sondern dass ich durch die Bildungsreform der siebziger Jahre mehr Möglichkeiten hatte."

Eigentlich wäre das Gespräch hier nun auch zu Ende. Seit bekannt ist, dass es in Hohenwulsch einen Mann gibt, der hundert Jahre alt wurde, obwohl er immer geraucht hat, ist ja auch die Diskussion um die Krebsgefahr durch Zigaretten beendet. Aber nein, Sarrazin lächelt noch: "Das glaube ich Ihnen ja. Nur ist das so, als wenn ich sage: Im Januar ist es kälter als im August, und Sie daraufhin sagen: Nein, ich kenne einen Tag im Januar 1983, da waren es bei mir auf der Terrasse 15 Grad, und im letzten Jahr war es im August sehr kühl."


Der Mann will offenbar nicht wahrhaben, dass die Probleme, die er noch kaum richtig in die deutsche Medienarena geworfen hat, die dort aber schon geifernd zerfetzt und beinhart bebrüllt werden, gar keine sind. Alle Menschen sind gleich geboren, gleich schnell, gleich groß und gleich intelligent, halten Ulrich und Topcu dem Sozialdemokraten entgegen, zumindest, wenn man sie entsprechend fördert. Eine Neuigkeit ist das nicht, denn schon der sowjetische Agrarwissenschaftler Trofim Denissowitsch Lyssenko hatte in den 30er Jahren herausgefunden, dass die Eigenschaften von Organismen gar nicht durch Gene, sondern durch Umweltbedingungen bestimmt werden. Während die bis heute von Sarrazin vertretene faschistische und bourgeoise Genetik vorgibt, eine Art Vererbungslehre zu sein, wissen fortschrittliche Biologen bei Tagesspiegel, Zeit und Handelsblatt längst, dass aufgrund der von Lyssenko erstmals beschriebenen Artumwandlung unter bestimmten Kulturbedingungen nicht nur aus Weizenkörnern Roggenpflanzen hervorgehen können, sondern sich Japaner andere Augenformen angewöhnen, gebürtige Sorben dunkle Haut bekommen und anatolische Bauern durch Vererbung ihrer Intelligenz dafür sorgen, dass die Intelligenz der Grundgesamtheit der Deutschen steigt.

Das Autorenduo holt der Hetzer dabei dort ab, wo er steht. "Wir sind ja einig: Es gibt Defizite hinsichtlich der Bildung der türkischen Minderheit in Deutschland", spricht "Die Zeit", "wir sind aber nicht der Meinung, dass das irgendetwas mit Genen zu tun hat". Es komme eher aus der Dings. Habe mit dem nunja zu tun. Hänge sicher auch mit dem Genauweißmansnicht zusammen, steht dann zwischen den Zeilen, ehe das Intellektuellenblatt Darwin selbst bemüht. Der habe "sich nie über die Entwicklung des Menschen geäußert", offenbar, weil die Abstammungslehre des Survival of the fittest beim Menschen nicht gilt. Sagt die "Zeit". Thilo Sarrazin muss bei der nächsten Antwort innerlich vor Lachen zusammengebrochen sein. Dass es so einfach sein würde, hat ihm vorher niemand gesagt. Er muss nicht einmal mehr aus Büchern zitieren. Es reicht hier sogar schon, den Buchtitel zu nennen. Das macht er dann auch: In seinem Werk "Die Abstammung des Menschen" habe sich Darwin "ausführlich über die menschliche Entwicklung geäußert und Besorgnis gezeigt, dass die moderne Lebenswelt dazu führen kann, dass der Mensch geistig verkümmert".

Eine Sorge, die nicht unberechtigt scheint, wie die Diskussion im streng überwachten Netzauftrit der "Zeit" ahnen lässt. "Verzichten Sie auf persönliche Kritik am Autor. Danke. Die Redaktion", heißt es dort, knapp gefolgt von "Entfernt. Verzichten Sie auf beleidigende und pauschalisierende Bemerkungen. Die Redaktion" und "Äußern Sie sich bitte sachlich zu den Inhalten des Interviews. Danke. Die Redaktion". Zustände müssen das sein, dass sich eine tapfer kämpfende Redaktion bedroht sieht von Massen nichttürkischer Unintellektueller, die nicht diskutieren wollen, wie sie sollen. Zum Glück ist ist schnell gelöscht, was nicht den inhaltlichen Vorgaben entspricht und die Demokratie geht gestärkt aus dem Gefecht: "Dagegen war die Leserbriefspalte des Neuen Deutschland zu DDR-Zeiten ein Hort der Meinungsfreiheit", freut sich ein Diskutant.

Backlink: Jetzt auch bei Eigentümlich Frei.

Donnerstag, 26. August 2010

Überraschung auf dem Arbeitsmarkt: Forscher finden Vollbeschäftigung

So gut wie Deutschland kommt niemand aus der Krise, das hat eine neue Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) unter mehr als 10 000 Hartz-IV-Empfängern ergeben. Danach ist knapp 24 Monate nach dem Ausbruch der Finanzkrise inzwischen überraschend beinahe deutschlandweit schon Vollbeschäftigung erreicht. Man habe keinerlei Spuren von spätrömischer Dekadenz finden können, heißt es, denn die meisten Hartz-4-Empfänger könnten aus unterschiedlichsten Gründen nicht arbeiten und müssten es oft auch nicht. So seien nach der repräsentativen Befragung, schreibt die staatliche Agentur dpa, überhaupt nur etwa 60 Prozent der Arbeitslosengeld-II-Empfänger verpflichtet, sich eine Arbeitsstelle zu suchen. Alle übrigen erziehen Kinder, pflegen Angehörige, bilden sich weiter, nehmen an einer Fördermaßnahme teil oder arbeiten sogar und brauchen trotzdem Arbeitslosengeld II für den Lebensunterhalt. 

Insgesamt mehr als die Hälfte der Hartz-IV-Empfänger zwischen 15 und 64 Jahren geht einer sogenannten nützlichen Tätigkeit nach und ist deshalb für den Arbeitsmarkt verloren. Und auch die große Mehrheit des verbliebenen Rests bemühe sich, wenn auch mit geringen Erfolgsaussichten - nur etwas mehr als ein Viertel der Jobsuchenden sei in dem Befragungszeitraum von vier Wochen zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Nach Ansicht der Experten ist das ein Indiz, dass es nicht an mangelnder Motivation liege, wenn Langzeitarbeitslose ohne Job blieben und auf staatliche Hilfe angewiesen seien, sondern daran, dass mehr als 80 Prozent der Bezieher von Arbeitslosengeld II keinen Job haben, weil sie keinen ausüben können. Sie verfügten oft nur über geringe Qualifikationen, sind gesundheitlich angeschlagen, müssen regelmäßig ihre Kornnattern kraulen, hätten einen Migrationshintergrund oder seien alleinerziehend.

Insgesamt gibt es nach der Studie so überhaupt nur rund 350 000 Hartz-4-Bezieher, die für eine bezahlte Tätigkeit im Produktions-, Verwaltungs- oder Dienstleistungsbereich zur Verfügung stände. Auch diese Gruppe ist aber letztlich entschuldigt. Es handele sich um zumeist ältere oder gesundheitlich stark beeinträchtigte Menschen, denen eine berufliche Tätigkeit nicht zuzumuten ist.

Von den derzeit mehr als 6,4 Millionen Hartz-IV-Empfängern bleibt so nach Abzug aller nicht einsatzfähigen Betroffenen niemand mehr übrig, der bei einer eventuellen Fortsetzung des Aufschwung noch als zusätzliches Arbeitskraft für die Wirtschaft infrage komme.

Nazi-Ufos im Maisfeld

Der Ausbau der "Straße der Gewalt", bisher ein Standortvorteil, der Mahner und Warner magisch nach Osten zog, ist mit einer ersten Raststätte für Bayern fortgesetzt worden. Mit einem Hakenkreuz, das in ein Maisfeld getrampelt wurde, haben die Einwohner des kleinen Örtchens Aßling klargemacht, dass Rechtsextremismus und Neofaschismus eine gesamtdeutsche Angelegenheit sein müssen. Weder Zeit noch Ort für die Aktion waren Zufall: Mais galt in der früheren deutschen Sowjetrepublik hinter dem eisernen Vorhang als "die Wurst am Stengel", Ziel der Maismaler sei es gewesen, die arglosen Besucher eines Flughafenfestes in der Nähe mit dem schlimmen Anblick zu schocken, konnte die Süddeutsche Zeitung durch intensives Nachdenken herausfinden.

Der Plan, den für das kommende Jahr angesetzten Kinostart des Space-Nazi-Filmes "Iron Sky" mit dem unmissverständlichen Symbol anzuteasern und die Kinofans neugierig auf die Rückkehr Adolf Hitlers aus dr n-tv-Redaktion in den aktiven Staatsdienst zu machen, ging aber nicht auf. "Gesehen haben es nur wenige", sagt Thomas Bauer vom Flugsportklub. Der Luftraum über dem Feld sei für Passagierflüge gesperrt - lediglich Kunstflieger hätten das Hakenkreuz sehen können. Dennoch sei er immer noch entsetzt und verärgert, "wie schamlos das Fliegerfest von den Tätern missbraucht wurde".

Die meisten Besucher hätten bis heute nicht einmal etwas mitbekommen, hätte die "SZ" nicht angeprangert, was die Nazi-Ufos im Feld von Landwirtin Elisabeth Koller angerichtet haben. Zehn Jahre, nachdem 13-Jährige ein Hakenkreuz in den Sandkasten des örtlichen Kindergartens getrampelt hatten, steht Aßling wieder im Focus der internationalen Presse. "Ich fühle mich, als hätte man mir einen Kübel Wasser über den Kopf gekippt", gab sie noch vor der ersten Feldschau zu Protokoll. "Die sind da ganz sachte rein, um dann mit aller Gewalt die Pflanzen niederzutrampeln."

"In alle vier Richtungen drei Reihen Mais", berichtet der Reporter, "Spuren etwa so breit, wie sie ein Bulldog hinterlässt." Insgesamt messe das Hakenkreuz etwa 20 auf 20 Meter und sei damit halb so groß wie ein Handballfeld, hat die SZ errechnet. Die Kriminalpolizei Erding ermittelt wie immer, wenn Kornkreise Teile der Ernte vernichten. Beamte flogen mit einem Hubschrauber das Feld ab, um Visitenkarten der Täter zu suchen, Eigentümer, Anwohner und Pächter wurden von Beamten vernommen. Klar sei aber, sagt Gerhard Karl vom Verfassungsschutzes in Erding, dass die Staatsanwaltschaft Anweisung zur Beseitigung des Kreuzes geben werde. "Andernfalls würde die Straftat Bestand haben", wie durch die Bilder, die die SZ ins Internet gestellt hat. Nach Angaben der Pressestelle der Polizei Oberbayern Nord wird die Familie Koller dafür entschädigt, dass sie mit ein wenig mehr Trampelei aus dem Hakenkreuz vier kleine Quadrate macht.

Das wird Elisabeth Koller erleichtern, andere Sorgen bleiben. "Ich mache mir Sorgen, was da für eine Generation heranwächst." Man wisse nicht mehr, was der Nachbar macht - "das ist schlimm", sagt die Bäuerin, die jetzt auf Google Street View hofft, um eine engere Überwachung der Nachbarschaft zu gewährleisten. Bis dahin bleibt der Landkreis Ebersberg aus Sicht engagierter Bürger ein Schwerpunktbereich rechter Übergriffe: Bei nur 127.000 Einwohner gab es 2009 acht Fälle von Hakenkreuzschmierereien, in diesem Jahr sind es mit dem Maiskreuz bereits sieben. Die örtliche Politik folgt derweil der üblichen Strategie der Verharmlosung, des Wegschauens und der Ignoranz. CSU-Bürgermeister Werner Lampl ließ die SZ glasklar wissen: "Es gibt keine rechte Szene in unserem Ort", zitierte der Bayer Matthias Damm, Bürgermeister des sächsischen Städtchens Mittweida.

Mittwoch, 25. August 2010

Wer das liest, ist dumm

Es gibt Bücher, die muss man lesen, und Bücher, die muss man nicht gelesen haben, jedenfalls nicht, wenn man darüber sprechen will. Eines von der letzten Art hat jetzt der frühere Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin geschrieben: "Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen" ist noch nicht erschienen, aber schon überall als völlig missraten erkannt.

Drei vorabgedruckte Halbkapitel in einer Boulevardzeitung und die Bereitschaft eines ehemaligen Nachrichtenmagazins, dem längst als eiskalter Salonfaschist enttarnten Sozialrevolutionär der Auflage wegen doch wieder ein Podium zu bieten, reichen sagenhaften 330 deutschen Zeitungen, Zeitschriften, Fernseh- und Radiosender, das volle Programm abzurufen. Dämlich", "Hasstiraden" und "Polemik" schallt es aus allen Ecken. Wer das liest, ist dumm! Jeder, der nicht mehr als den erweiterten Klappentextes des 464-Seiten-Buches kennt, hat eine Meinung zu dem, was er nicht gelesen hat, und wohl auch nicht lesen wird, wenn er seinen eigenen Empfehlungen folgt.

Der Arbeiterführer Sigmar Gabriel surft die Empörungswelle pflichtbewusst ganz vorn, nachdem die Parteizeitung "Vorwärts" bei der Nichtlektüre des Buches "plumpe, üble Stimmung machende ausländerfeindliche Parolen" entdeckte. Auch er hat natürlich weder das Buch selbst gelesen noch irgendetwas, was irgendwer geschrieben hat, der mehr als den Klappentext kennt. Aber er legt Sarrazin natürlich den Parteiaustritt nahe wie immer. Das kann Integrations-Staatsministerin Maria Böhmer nicht, denn die ist in der CDU, sonst aber einig mit Gabriel: "Scharfe Kritik an Sarrazins Thesen zu Migranten" ist immer geboten, auch wenn man die eine Woche vor Buchveröffentlichung in ihrer Gänze nicht kennen kann. Es reicht die Vermutung der immer hellwachen "Zeit", die auch nichts gelesen hat, aber doch davon ausgeht, es könne sich bei "Sarrazins Thesen" um "absurde Ergüsse" (Zeit) handeln.

Jaja, "Thilo Sarrazin hat ein Buch geschrieben und muss es jetzt verkaufen", gibt sich der Rezensent der Frankfurter Rundschau gelassen, der das Buch auch noch nicht kennt, aber doch irgendwie mit den anderen loshufen muss, um es rechtzeitig vor dem Erscheinen nicht zu empfehlen. Die ersten Single-Auskopplungen reichen natürlich allemal für einen Verriss, gäbe es sie nicht, würde man einfach was über Sarrazin ansich, seine Frisur oder seinen Hund schreiben. Selbst die paar aus den Vorabdrucken bekannten Zahlen und Fakten, auf die sich Sarrazin beruft, müssen deshalb gar nicht mehr geprüft werden. Egal, ob sie stimmen oder nicht, sagt der Berliner SPD-Landesvorsitzende Michael Müller: Sie hätten sowieso überhaupt nichts mit demokratischer Politik zu tun.

Recht hat, wer gehört wird! Und Demokratie, "Was Du draus machst". In dem Fall ist das die Legion der Sarrazin-Kritiker, denn auf die berufen sich die moralischen Instanzen der Republik, die das Buch selbst auch nicht gelesen haben. Der Zentralrat der Juden empfiehlt, Sarrazin solle in die NPD eintreten, der Migrationsrat Berlin-Brandenburg protestiert gegen einen geplanten Auftritt des Bundesbankers beim Internationalen Literaturfestival im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Noch kenne man das Buch nicht, komme aber Sarrazin dennoch, um es vorzustellen, werde die ganze Lesung abgesagt.

Lest nicht bei denen, die anderer Ansicht sind!, fordert der Migrationsrats ein klares Bekenntnis zum Meinungsstreit ohne Andersdenkende. Vermutlich teile der ehemalige Finanzsenator die Gesellschaft in seinem Buch nämlich in „erwünschte“ und „unerwünschte" Mitglieder, auch gehe man zuversichtlich davon aus, dass er wohl „apokalyptische Bedrohungsszenarien“ entwerfe und „Hetze gegen muslimische Migranten und Migrantinnen" betreibe. Nur noch fünf Tage, dann ist das Buch des "bekennenden Rassisten" (Zitate aus dem Protestschreiben des Migrationsrates) wirklich zu haben. Jetzt schon steht einsam an der Spitze der Vorbestellungsliste bei Amazon.

Wunderbar ohne Achselhaar

Wahrheit, Klarheit und ungeschminkte Wirklichkeit - seit die "Aktuelle Kamera" des DDR-Fernsehens nicht mehr sendet, gibt es das nur noch die allabendlichen "Tagesschau" der Gebührenfunkzentrale ARD und die Landesnachrichten der einzelnen angeschlossenen Funkhäuser draußen im Land. Hier wird noch mit viel Liebe zum Detail zurückgeschaut auf die Dinge, die die Welt bewegen, und mit großer Hingabe feilen unterschiedlichste Fachredaktionen an einem Bild der Gegenwart, das die Geschmäcker nicht beleidigt.

Auch auf Kleinigkeiten legen die Verantwortlichen dabei sehr viel Wert. Ist die Wirklichkeit nicht ganz so, wie sie sich die Redaktion in der Mittagssitzung vorgestellt hat, lässt sich mit Hilfe modernster Technik häufig das Gröbste ausbügeln. Kameras können in einem der Geschichte dienlichen Winkel gehalten oder Totale durch Nachaufnahmen ersetzt werden, während der Kommentator besorgt von noch weit höheren Dunkelziffern und dem verzweifelten Kampf irgendwelcher Helfer in der jeweils gerade größten Menschheitskatastrophe aller Zeiten raunt, von der später nie wieder die Rede ist, weil es dann ja schonwieder mächtigen Streit im Kabinett und Rumoren an irgendeiner Basis gibt.

Bei den Grünen in Hamburg aber ist derzeit alles in Butter, befand das "Hamburg-Journal" des NDR. Allerdings konnte mit ein bisschen Nacharbeit alles noch schöner gemacht werden. Während so etwa die Hauptnachrichtensendung schreckliche Bilder vom Parteitag der GAL zeigt, in denen Parteiführerin Anja Hajduk die Kamera ganz nah dran lässt an ihre üppig wuchernde Achselbehaarung (Foto oben), pflegte das öffentlich-rechtliche Online-Angebot die Achselhöhlen der Politikerin erst nach einer gründlichen Photoshop-Rasur (Foto unten) in seine Feinschmecker-Seiten ein. GEZ-Kosmetik für den schönen Schein im Dienste der inszenierten Wirklichkeit, wie sie treue Zuschauer bislang nur von nordkoreanischen Nachrichtenagenturen, aus Bilderbüchern über Lenin und aus dem ZDF kannten.

Homöopathischer Hass

Einmal mehr schrillen die Sirenen bei allen demokratischen Kräften im Land, bei BKA, Verfassungsschutz und im neuerrichteten Blogampelamt. "Rechtsextremisten sind mit ihren Hassparolen immer stärker im Internet aktiv", meldet die Managerzeitung "Handelsblatt" unter der beunruhigenden Überschrift "Das Internet wird brauner". Jugendschutz.net, die Netzüberwachungsstelle der Bundesländer für den Jugendschutz, zählte im vergangenen Jahr 1872 deutschsprachige Websites aus der Neonazi-Szene - das seien 237 mehr als im Jahr 2007 und 839 mehr als noch 2005 gewesen.

Zahlen, die das die rechtsextreme und rechtsradikale Szene aufrütteln müssen. Kann doch der von der Arbeitsstelle beobachtete organisierte Hass im Netz damit in den letzten beiden Jahren gerademal einen Zuwachs von zwölf Prozent vorweisen. Eine erschreckende Bilanz, denn die Gesamtzahl deutschsprachiger Webseiten wuchs in der derselben Zeit mit 63 Prozent rund fünfmal schneller, aus 8,7 Millionen deutschen Domains wurden 13,8 Millionen.

Vernetzung wird so für Radikale immer schwieriger, es wächst auch die Gefahr, dass Jugendliche, die nach aufwendigen Recherchen von jugendschutz.net eigentlich mit "rassistischen und antisemitischen Parolen für ihre Propaganda gewonnen" werden sollen, gar nicht mehr den Weg zu rechten Webseiten finden. Das war vor drei jahren schon schwieirg, weil bereits damals nur 0,0195 Prozent aller Internetseiten rechtsextremistisch waren, infiltrationsbereite Jugendliche also bis zu 5000 Seiten anklicken mussten, um ein rechtsextremistisches Angebot zu finden. Mittlerweile ist der Braunton des "größten Tatortes der Welt (Wolfgang Schäuble) ins Homöopathische verblasst: Kaum mehr als 0.0135 Prozent aller Internetseiten bekennen sich nach den Zahlen von Jugendschutz.net noch zu Rassismus, Faschismus und Neonazismus.

Fans von menschenverachtenden und ausländerfeindlichen Parolen müssen nun schon 7400 deutschsprachige Seiten absurfen, um mit Hass und Menschenfeindlichkeit bedient zu werden. Thomas Krüger, ehemals als "eine ehrliche Haut" im Nacktwahlkampf auf dem Weg in die Bundespolitik und später bei der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung abgeparkt, die die Zählarbeit von Jugendschutz.net generös finanziert, appellierte an die Internetwirtschaft, mehr zu tun, um dieses Problem zu bewältigen. Gehe die Entwicklung so weiter, werde es in zwanzig Jahren zwar rund 4000 rechtsextreme, -extremistische und radikale Internetseiten geben. Nach neuen Hochrechnungen aber werde die Gesamtzahl aller Domains mit .de-Endung dann bei 64 Millionen liegen - der Anteil von Seiten mit menschenverachtenden Parolen hätte sich dann auf nur noch 0.006 halbiert und radikale Surfer müssten dann bereits rund 15.000 Seiten anklicken, um fündig zu werden. Wohin das führen könne, zeigen die Jugendschutznet-Zahlen aus sozialen Netzwerken. Hier fand Bereits heute sickerten Netznazis auch in soziale Netzwerke die staatliche Netzaufsicht 6000 neonazistische Beiträge, die von mehr als 25 Millionen deutschen Nutzern etwa auf Facebook und anderen Netzwerken erstellt wurden.

Da bekommt sogar jugendschutz.net zenehmend Probleme, weiter Seiten zum Zählen zu finden. Beim Stand von 6.000 rechtsradikalen Beiträgen und Kommentaren in diesem Jahr musste jugendschutz.net aufhören zu zählen, gestand Jugendschutz-Oberwart Stefan Glaser dem Rechtswatchblog "Die Zeit". Seine Mitarbeiter bekämen nicht alles mit, das in diesen Netzwerken passiere. Es sei einfach so wenig. Dem Jahresbericht zufolge liefen im vergangenen Jahr zudem 70 Prozent der nach deutschen Recht unzulässigen deutschsprachigen Inhalte über ausländische Server, zumeist aus den USA, wo sie überdies nicht einmal verboten seien, sondern sich einfach in der Menge anderer Angebote verlören. Um Arbeitsplätze in der Jugendschutz-Industrie zu erhalten, seien nun technische Lösungen gefragt.

Bloggen nach Zahlen

Die Top Ten der Suchbegriffe, mit denen Google-User bei uns landen, enthält vier Zahlen: 1, 7, 11, 16. Würde sich bitte ein Verschwörungstheoretiker erbarmen und uns die Hintergründe erläutern? Danke.

Dienstag, 24. August 2010

Wiedergeboren als Hollywood-Star

Das hat ja nicht lange gedauert. Schon vor der Weltmeisterschaft im Fussball hatte der frühere Ex-Nationalmannschaftsfänger Jens Lehmann auch seine Bundesliga-Karriere beendet, um den Weg, der kein leichter ist, frei für jüngere Keeper zu machen. Stuttgart trauerte, die Hubschrauber-Industrie beklagte den Verlust eines potenten und willigen Mitfliegers. Deutschland fragte sich, was nun werden sollte.

Jens Lehmann (Bild oben links) kommentierte die Gerüchte überraschenderweise nicht. Inzwischen aber ist klar, warum der gebürtige Essener zuletzt kaum noch in Talkshows und Bundesligastadien auftauchte. Lehmann hatte - 20 Jahre nach seinem Profidebüt für den FC Schalke 04 - längst eine neue Karriere gestartet.

Nach Kurzauftritten, die der offiziell noch 40-Jährige unter dem Künstlernamen "James Badge Dale" (Bild oben rechts) in Fernsehserien wie "24", "CSI" und "Law & Order" unerkannt schon während seiner Zeit als aktiver Fußballer absolviert hatte, ist Lehmann jetzt Star einer neuen geschichtskritischen Miniserie der beiden Superstars des Fernsehkinos: Tom Hanks und Steven Spielberg! In "The Pacific" verkörpert der immer noch durchtrainiert wirkende Familienvater den Private First Class Robert Leckie, der während des 2. Weltkrieges mit der 1st Marine Division auf Guadalcanal dient und später auf Peleliu landet, um die Pazifik-Insel von den Japanern zu befreien.

Lehmann, der als Dale/Leckie um zehn Jahre jünger geschminkt wirkt, zeigt vor allem in den stillen Szenen der großangelegten Serie gewaltiges Schauspieltalent. Bei den Kämpfen auf Guadalcanal wirkt der immer noch großgewachsene Deutsche Meister von 2002 noch etwas hölzern, schon in der sechsten Folge aber imponiert seine schonungslose Darstellung des Bettnässer-Leidens, mit dem sich seine Filmfigur im Dschungellager herumschlagen muss.

Lehmann-Fans sind begeistert, Lehmann-Kritiker empört. Auffallend sei, so heißt es in anonymen Internetforen, dass der Torwart schon 2002, kurz vor seinem Wechsel zu Arsenal London eine Rolle als Chase Edmunds in der Fernsehserie "24" übernommen habe. Damit sei das Rätsel um die bescheidenen Leistungen des Keepers in der Saison direkt nach der Meisterschaft wohl gelöst - Lehmann, ohnehin nie ein wirklicher Mannschaftsspieler - habe damals scheinbar nur noch seine Hollywood-Karriere im Blick gehabt.

Die kommt durch die Glanzleistungen des Deutschen in "The Pacific" zusehens in Gang. Als James Badge Dale, laut offiziellen Angaben "als Sohn der beiden Schauspieler Anita Morris und Grover Dale 1978 in Beverly Hills geboren", und am Manhattanville College in Purchase, Westchester County, ausgebildet, verzaubert Jens Lehmann das Fernseh-Publikum weltweit wie seinerzeit die argentinischen Elfmeter-Schützen im WM-Viertelfinale der WM 2006. Dass ihm aus Deutschland Neid entgegnschlägt, dürfte den früheren Torwart-Titanen nur noch mehr motivieren: Nächsten Donnerstag läuft "The Pacific" wieder, Lehmann ist derzeit verletzt und liegt zur Wiederherstellung auf einem Lazarettschiff ein.

Mehr erstaunliche und erschütternde Wiedergeburten in der einzigartigen PPQ-Wiedergeboren-Datenbank mit Arjen Robben, Saddam Hussein und Walter Steinmeier.

Montag, 23. August 2010

Der Himmel über Halle XXXIV

Eben noch glitzernd bunt und fast afrikanisch in seiner entschlossenen Lebendigkeit, überrascht die Stadtverwaltung der mitteldeutschen Himmelsmetropole Halle ihre Bürger nun schon wieder mit einem an die zahlreichen Starkregen-Warnungen angelehnten dunkel dräuenden Sky-Illumination. Wie weggefegt ist alles Glühen und Gleisen, auch der dauermutige Wolken-Bomber Sandro Wolf steigt bei diesem Wetter nicht mehr auf, um die Lage zu klären.

Es gehe nun darum, künftig noch preiswertere und sozial gerechtere, aber auch umweltfreundlichere Himmelsbilder bieten, hieß es im Rathaus. Das zuständige Regierungspräsidium habe der hochverschuldeten Stadt erneut genehmigt, Mittel aus dem Etat für Tourismusforschung in den sogenannten Himmelshaushalt umzuschichten, der vor allem dazu dient, das jeweilige Wetter nach den Erwartungen der Bevölkerung zu gestalten. Das aktuelle Motiv "beige-bleu", das subtil an das Ausscheiden der französischen Nationalmannschaft der WM in Südafrika anspielt, sei von den Hallensern und ihren Gästen "sehr gut" angenommen worden, wie erste Reaktionen etwa bei "Twitter" zeigten. Man wollte nun Verhandlungen mit dem Google-Portal "Street View" aufnehmen, um durchzusetzen, dass die vom Stadtmarketing gemachten Aufnahmen der Installation schnellstens in das Google-Programm "Google Sky" aufgenommen werden.

Mehr Himmel, mehr Halle hier.

Wer hat es gesagt?

Terror ist nichts anderes als strenge und unbeugsame Gerechtigkeit. Er ist eine Offenbarung der Tugend. Der Terror ist nicht ein besonderes Prinzip der Demokratie, sondern er ergibt sich aus ihren Grundsätzen, welche dem Vaterland als dringendste Sorge am Herzen liegen müssen.

Doppelt hält Leser

"Seine Weisheit ist seine lebenslange Neugier", ließ ihn sein Arbeitgeber loben, als er 80 wurde. Da hatte Claus Jabobi, ehemals Seekadett und danach Chefredakteur sowohl beim "Spiegel" als auch bei der "Welt", nach Recherchen der "Bild", bei der er inzwischen gelandet war, noch "nie Sonnenbrille und nie Jeans" getragen, dafür aber "Freunde wie Günter Netzer und Ferdinand Fürst von Bismarck, Rolf Hochhuth und Berthold Beitz, Richard Gruner und Winston Churchill jr." eingeworben. Immer noch füllt der Springer-Biograf jeden Samstag zuverlässig sein Eckchen im großen Boulevard, "Mein Tagebuch" ist ein Zettelkasten aus Kalendersprüchen, eher geschüttelt als gerührt und so aktuell politisch wie einst die Rotlichtstunden bei der NVA.

Was Jacobi dort schreibt, weiß der mittlerweile 83-Jährige schon längst nicht mehr, mittlerweile aber gehen ihm auch schon die originellen Histörchen aus. Jetzt griff der Doyen der deutschen Edelfedern so in der Not auf die feine Geschichte des Kunsthistorikers Emil Schaffer zurück, der "nie vergass, einer befreundeten Dame zum Geburtstag Blumen zu senden. "Dass Sie sich den Tag so gut merken können, wunderte die sich", schreibt Jacobi. "Aber ich bitte Sie", antwortete Schaffer: "Drei Tage bevor die Medici aus Florenz vertrieben wurden!" Zuletzt war das ein Brüller in der Jacobi-Kolumne vom 5. Juni. Wir erinnern das so genau, weil es drei Tage war, bevor sich der Todestag des Propheten Mohammed zum 1378. Mal jährte.

Eierbecher für die Apfelfront

Der Designer Michael Neubauer fand das wohl witzig, ein Gericht aber sah das jetzt ganz anders. Ein Unternehmen namens Koziol, dass einen von Neubauer erdachten Eierbecher unter dem Namen "eiPott" (Foto unten) vertrieben hatte, muss sein Produkt nach einer Einstweiligen Verfügung des Hanseatischen Oberlandesgerichtes in Hamburg umbenennen, weil akute Verwechslungsgefahr mit einem Mp3-Player des Herstellers Apple besteht. Kunden könnten versucht sein, auf der Suche einem "Musikabspieler" (Gericht) einen Eierbecher zu kaufen oder, was noch dramatischer einzuschätzen sei, erst beim Frühstück merken, dass ihr neuer iPod keine Mulde zur Aufbewahrung eines Eis enthalte.

Die Richter hatten die Benennung des Eierbechers zwar "witzig" gefunden, eine humorvolle oder parodistische Auseinandersetzung vermochte der Senat aber nicht zu erkennen, weshalb das Grundrecht der Kunstfreiheit nicht gelte. Im Unterschied zu den Jusos in Mecklenburg-Vorpommern, denen es nach einem Urteil des Landgerichts Nürnberg erlaubt ist, T-Shirts, Jacken und Taschen herzustellen, die mit dem Label "Storch Heinar" auf die nach Angaben der staalichen Agentur dpa "bei Rechtsradikalen beliebte Marke Thor Steinar" anspielen. Die "Thor Steinar"-Vertriebsfirma MediaTex aus Brandenburg, vor einem Jahr auch in Halle mit Massenprotesten konfrontiert, hatte den Satire-Storch wegen angeblicher Verletzung von Markenrechten und Verunglimpfung verklagt, bekam aber vom Gericht eine Abfuhr.

Im Unterschied zu den Besitzern von iPods seien deutsche Rechtsextreme überdurchschnittlich gebildet, jeder von ihnen sei damit problemlos in der Lage, die witzigen Persiflage-Klamotten der Kampagne "Endstation Rechts" von den Original-Nachwuchsnazi-Pullovern zu unterscheiden, die einst von einem Jugendmode-Kollektiv der DDR ausgedacht worden waren. Da Kostbarkeiten wie die "GröTaZ", die "größte Tasse aller Zeiten" und und die "Kampftasche debiler Rudolf", die den titelgebenden Storch in Anspielung auf Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß als Kampfflieger zeigt, durch den fehlenden Klang gut von einem Musikabspieler zu unterscheiden sei, stehe dem weiteren Vertrieb nichts im Wege. Immerhin heilige die gute Absicht die Mittel.

Inwieweit dies auch auf die Produkte der Storch-Heimar-Partnerkampagne "Apfelfront" (oben) zutrifft, muss in den nächsten Monaten geklärt werden. Hier hatten sich engagierte Aktivisten voll witzig und total humorvoll in parodistischer Absicht unter dem Apple-Logo zusammengetan, um den Hildesheimer Holger Apfel anzuprangern, der derzeit in Sachsen als NPD-Führer dient. Chancenlos ist die unheimlich lustige Satire nicht: Auch der Hersteller des eiPott hätte nach Ansicht des Gerichts jedes andere Produkt seines Sortiments so nennen dürfen. Nur Eierbecher gehe gar nicht.

Sonntag, 22. August 2010

Knastgefühl im Vorstadt-Exil

Größer kann ein Kontrast zwischen einem 1:0 und einem 1:0 nicht sein. Vor einer Woche noch feierten die Fans des Regionalligisten Hallescher FC im Auswärts-Heimspiel in Leipzig einen jetzt schon historischen 1:0-Sieg gegen den Zweitligaklub Union Berlin. Und nun stehen dieselben Spieler vor einem Viertel des Publikum hier: Das "Stadion am Bildungszentrum" in Halle-Neustadt hat in den drei Jahrzehnten seiner Existenz Höhepunkte wie ein Puhdys-Konzert, mehrere Kreis-Spartakiaden und etliche Spiele des Stadtoberligisten FC Halle-Neustadt erlebt. Wegen des Ausbaus des maroden Kurt-Wabbel-Stadions, in dem der HFC sonst spielt, kommt die ehemalige Chemiearbeiterstadt der DDR nun aber in den Genuss, Viertliga-Fußball behausen zu dürfen.

Dazu wurde die einstige 10000-Mann-Arena mit 2,9 Rettungspaket-Millionen aus-, zurück- und umgebaut. Entstanden ist ein Hexenkessel mit dem Ambiente einer Autobahn-Raststätte, die sich noch im Ausbau befindet. Der Rasen lässt den Ball wunderbar rollen, die Umkleidekabinen sind saniert und einen neuen feuerverzinkten Super-Zaun um das Gelände, vor dem die NVA früher zweimal im Jahr ihre neuen Rekruten einzusammeln pflegte, gibt es auch, dazu sogar einen Sandspielkasten direkt am Spielfeldrand, der aufwendig aus der ehemaligen Sprunggrube hergestellt und von den Kids gleich zur Premiere gut angenommen wurde (danke, j.b.).

Doch der Rest ist ein Fest für alle Freunde von Enge, Weite und perspektivischer Unübersichtlichkeit. Neben der Haupttribüne, die im Ansatz geblieben ist, was sie war, stehen zwei mobile Stahlrohr-Traversen, die den Zuschauern am Rand der Haupttribüne die Sicht auf jeweils eines der Tore verstellen. Aus den ehemals umlaufenden Zuschauertraversen haben die Umbau-Architekten für viel Geld begrünte Hänge gemacht, in die zwei Hochsicherheitskäfige für das gemeine Fußballvolk eingelassen wurden. Fünf Stufen hoch, für mehr haben die Millionen nicht gereicht, steht der Fan sicher hinter Gittern. In der Halbzeitpause wird passend der "Safety Dance" von den Men Without Hats gespielt werden, in dem es heißt "We can go where we want" und "we can dance, we can dance, everything out of control".

Weit entfernt davon. Dieser architektonische Unfall, bei dem völlig unklar bleibt, wofür die gewaltige Bausumme ausgegeben wurde, ist nicht für den Fußball, sondern für die Sicherheit errichtet worden. Eine Strategie, die schon am ersten Spieltag aufgeht: Die Reserve des Bundesligisten FC Energie Cottbus ist zu Gast, der sein Stadion vor sieben Jahren komplett umbaute und dabei nur neun Millionen mehr ausgab, als die Stadt Halle, das Land Sachsen-Anhalt und die Bundesregierung sich das auf ein Jahr angelegte Provisorium haben kosten lassen. Und die selbsternannten "Ultra"-Fans bleiben draußen vor der Tür, weil sie nicht eingesperrt werden wollen.

In der ausladenden Schüssel, malerisch gelegen im einstigen "Bildungszentrum" vor einem zerfallenden früheren Studentenwohnheim und neben einer aufgegebenen ehemaligen Eliteschule namens "Karl Marx", herrscht also zum Auftakt Grabesstille. Die Fans auf der Haupttribüne sitzen 40 Meter vom Spielfeldrand, die Anhänger auf den provisorischen Holztribünen thronen weit über dem geschehen, die Ultras haben sich außerhalb hinter dem Stadionzaun versammelt, der Gästekäfig ist mit einem Dutzend Cottbussern spärlich besetzt.

Auch die hallesche Mannschaft fremdelt mit der neuen Heimspielstätte. Der Spiefluss ist ein Bächlein, der Zufall führt Regie und als Thomas Neubert, der Westernhagen des deutschen Fussballs, in der 19. Minute von links nach innen flankt, schießt Pavel David ein Tor, das nicht in der brütend heißen Luft lag.

Dann ist es wie immer, seit Trainer Sven Köhler in Halle übernommen hat: Das Spiel ist gelaufen und es ist gewonnen, nur die restliche Spielzeit muss noch von der neuen Stadionuhr an der neuen Anzeigetafel.

Aber nichts leichter als das. Cottbus spielt gut mit, die einzige echte Torchance aber macht Christoph Klippel, eine Woche zuvor noch Matchwinner gegen Union, auf der Torlinie zunichte. Halle hat noch eine große Möglichkeit, als Pavel David einen Freistoß an den Pfosten zirkelt. Davon abgesehen aber verplätschert das Bächlein zum Rinnsal, das in der gleisenden Sonne über dem Vorstadt-Exil langsam austrocknet. Einer der Wachleute, die von einem Balkon des Studentenwohnheimes zuschauen, gähnt, der andere geht schließlich doch lieber Streife. Er verpasst nichts, alles bleibt, wie es ist. 1:0, der Klub am Klassenziel, erster Heimsieg im zweiten Auswärtsspiel. So kann es weitergehen, rein sportlich gesehen.