Montag, 9. April 2018

Hurra, es ist ein Deutscher

Glückliches Ende einer Schrecksekunde.

Nach 48 Stunden ist auch das Aufatmen fast schon wieder beendet. Bayern ist Meister! Der Täter von Münster ein Deutscher! Ätschi, bätschi! Beinahe hätte das Land, in dem wir gerne leben, echte Probleme bekommen, das zumindest lassen die überaus erleichterten Schlagzeilen über den "Vorfall" in Münster (MoPo) vermuten. Der Täter aber ist nicht, was sich der rechtsradikale Rand und seine "Spießgesellen" (FAZ) gewünscht hätten. Sondern nur eine "Person mit Auffälligkeiten", "psychisch labil", ein 48-Jähriger namens "Jens R.", der einen erweiterten Selbstmord begangen hat wie damals der Germanwings-Co-Pilot. Etwas, womit eigentlich immer gerechnet werden muss, so lange jedermann unkontrollierten Zugriff auf Kleintransporter hat.

Kampf um die Deutungshoheit


Die Tragödie wird zum Glücksfall für den inneren Frieden, die beiden Toten und die Verletzten werden sich nun nicht von interessierter Seite instrumentalisieren lassen im Kampf gegen die liberale Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin, die nach einer diesmal nur denkbar kurzen Schreckphase tiefste Erschütterung kundtun und "alles Denkbare zur Aufklärung der Tat und zur Unterstützung der Opfer" ankündigen ließ. Keine Luft lassen im Kampf um die Deutungshoheit, nicht wieder peinliche Pausen wie damals in Berlin.

Die Aufräumarbeiten an der Meinungsfront hatten da schon begonnen: Die Polizei verbat sich "Spekulationen". Landesinnenminister Herbert Reul ernannte den mutmaßlichen Amokfahrer anfangs noch rein spekulativ „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ zu einem "aus Deutschland stammenden Einzeltäter". Sein Bundeskollege Heimathorst Seehofer war mit seinen "Gedanken bei den Opfern und ihren Angehörigen und Freunden", warnte aber, "dass es leider keine absolute Sicherheit gibt".

Während die Polizei in Berlin vorsichtshalber einen noch gar nicht richtig geplanten Anschlag auf eine Sportveranstaltung durch mehrere Festnahmen verhinderte, entdeckten Polizei und Staatsanwaltschaft in Nordrhein-Westfalen ein Bekennerschreiben des mutmaßlichen Amokfahrers, das offiziell als "Lebensbeichte" bezeichnet wird. Auch daraus ergibt sich kein Hinweise auf einen politischen Hintergrund. Jens R., ein "Designer", der in "finanziell gesicherten Verhältnissen" lebte,  enttäuscht in diesem Brief allerdings alle Seiten: Weder bedient er die Erwartungshaltung derer, die es lieber gesehen hätten, wenn er Ali S. geheißen und erst seit 2015 in Deutschland gelebt hätte.  Noch lässt sich damit die Hoffnung rechtfertigen, er könne aus Hass auf die, die noch nicht so lange in Deutschland leben, zum Lenkrad gegriffen haben.

Zusammenhang zwischen Täter und Tat


„Wir wissen nur so viel, dass die Tat offenbar mit der Person des Täters im Zusammenhang steht“, spricht die Leitende Oberstaatsanwältin in Münster zweifellos wahre Worte über den Mann, der Deutschland durch das, was er unter Umständen hätte sein können, für einen kurzen Samstagnachmittagsmoment an den Abgrund der Unregierbarkeit geführt hatte.


Nun aber ist alles wieder gut. Der Täter war "polizeibekannt", eine tragische Figur, gegen die 2015 und 2016 vier Ermittlungsverfahren geführt wurden, bei denen es nach Recherchen der "Welt" um Bedrohung, Sachbeschädigung, Unfallflucht und um Betrug gegangen sei. Alle Verfahren wurden eingestellt, so dass die Oberstaatsanwältin heute sagen kann: „Auf den ersten Blick haben wir hier keine Anhaltspunkte auf eine stärkere kriminelle Intensität, die wir hier bei dem Täter feststellen konnten.“


Zum Glück ein "deutscher Jens"


R. war ein ganz normaler Wutbürger, ein "deutscher Jens" und "beruflich gescheiterter, gewalttätiger Einzelgänger" (Tagesspiegel). Dass er dem Sozialpsychiatrischen Dienst schon länger bekannt und "in der Vergangenheit bei Polizeieinsätzen als psychisch krank aufgefallen" war, ohne dass daraus irgendwelche Konsequenzen folgten, bestätigt Seehofers These: „Poller hätten in dem konkreten Fall helfen können", wichtig sei aber "auch eine deutliche Polizeipräsenz auf den Straßen".

Die war in Münster gegeben, was NRW-Minister Reul recht zufrieden konstatiert. Zum Zeitpunkt der Tat sei ein Streifenwagen der Polizei ganz in der Nähe gewesen, was Zweiflern zweifellos deutlich zeige: „Polizei vor Ort ist nicht ganz wertlos, sondern extrem wertvoll.“

Die Toten nicken dazu.

Sciencefiles: Terroranschläge wieder häufiger

Sonntag, 8. April 2018

Fake News von der Müllfront: Eine Insel aus einem Kümmelkorn

Es ist eine Geschichte wie das Märchen über Tuvalu, das immer wieder auftaucht, weil es einfach zu schön ist, um wahr zu sein. Seit Andrew Simms, ein Mitarbeiter der Weltverbesserungsorganisation New Economics Foundation, am 29. October 2001 aus Versehen zum Erfinder des Theaterstücks um die angeblich versinkende Insel wurde, erhebt sich die frei erfundene Fake News immer wieder aus den Fluten, um deutschen Mediennutzern den Grusel der Klimakatastrophe nahezubringen.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Märchen um die angeblich gigantische "Müllinsel" im Pazifik, die aus unverrottbarem Plastikmüll besteht: Diese "Great Pacific Garbage Patch" kann mal "kein Meer mehr schlucken" (WWF), dann wieder ist sie zumindest "größer als Indien" (SN), sie müsse als "unabhängiger Staat anerkannt" (Al Gore) und erstmal ausgiebig erforscht werden.

So lange macht der riesige "Müllhaufen" (Bild), der "zwischen Hawaii und Kalifornien schwimmt", zuverlässig Schlagzeilen. Mal ist er dann "größer als Indien", mal "größer als angenommen", mal "viermal größer als Deutschland" oder "fünfmal größer als Deutschland" oder aber gleich "tausendmal größer als das Saarland". Das Bild, das dabei immer gemalt wird. "Auf einer Fläche von rund 1,6 Millionen Quadratkilometern wabern 80 000 Tonnen Müll bestehend aus Flaschen, Containern, Fischernetzen, Mikropartikeln und sonstigem Unrat in den Fluten des Pazifiks."

Eine Insel also, die "wabert", ein fast zu gut versteckter Hinweis darauf, dass es keine Insel ist, sondern eher das, was in der Chemie eine "Schlämmung" heißt: feste Bestandteile schwimmen ungelöst in einer Flüssigkeit. Bei der großen "Müllinsel", die bei genauerer Betrachtung kaum 0,25 Prozent des 161.800.000 Quadratkilometer großen Pazifischen Ozean bedeckt, handelt es sich nun recht eigentlich um eine sehr verdünntes Stoffgemenge aus unverbundenen Einzelfraktionen. Auf 1,6 Millionen Quadratkilometer - wir erinnern uns: die vierfache oder fünffache Fläche von Deutschland - kommen 80.000 Tonnen Müll. Umgerechnet auf ein Deutschland macht das 20.000 Tonnen Müll. Umgerechnet auf einen Quadratkilometer entspricht das 50 Kilogramm. Umgerechnet auf einen Quadratmeter genau 0.05 Gramm, also 50 Milligramm.

Genau betrachtet handelt es sich bei der angeblichen "Müllinsel" also um ein Gebiet, in dem pro Quadratmeter eine Plastikmenge vom Gewicht einer Aspirintablette schwimmt, wenn auch nicht unbedingt auf der Oberfläche, sondern irgendwo im Bereich zwischen Oberfläche und des im Durchschnitt vier Kilometer tiefer gelegenen Meeresbodens. Exakt berechnet, findet sich die Müllmenge folglich nicht auf einen Quadratmeter verteilt, sondern auf etwa 4.000 Kubikmeter, so dass die vermeintliche und vielbeschriebene "Insel" im Grunde aus einem Anteil von 12,5 Mikrogramm Plastikmüll auf vier Millionen Liter Wasser besteht.

Zur Veranschaulichung: Die "Insel" ist der 80 000. Teil eines Kümmelkorns, aufgelöst in knapp 30.000 vollen Badewannen.


Keine Bremsen: Das beleidigte Schweigen des Martin Schulz

Es war der 14. Februar, als der Führer der deutschen und damit auch der europäischen Sozialdemokratie seine Demission verkündete. "Die Sozialdemokratie ist größer als der Einzelne", schrieb Martin Schulz bei Twitter, "wenn ich mit meinem Rücktritt zur Erneuerung der SPD beitrage, hat er sich gelohnt." Er blicke zurück "auf ein Jahr voll Höhen und Tiefen" und "schaue mit Zuversicht in die Zukunft unserer Partei". Allen da draußen sage er nur noch "von Herzen: danke".

Ein großer Abschied eines politischen Zwerges, der sich mit Hilfe übergroßer Pappfiguren das Format eines Spitzenpolitikers hatte verpassen wollen. Es war nicht gelungen. Schulz, der in seinen Tagen als Sitzungsleiter im bedeutungslosen EU-Parlament zur Überzeugung gelangt war, er sei ein bedeutender Mann, irrlichterte durch seine Kanzlerkandidatur als habe er doch wieder zu viel getrunken. Er redete viel, manche sagten: alles, er versprach noch mehr, viele meinten, zu viel.

Es langte dennoch nicht für einen Platz an den Fleischtöpfen, einen Posten mit der Chance, sich irgendwo in einer Fußnote doch noch in die Geschichtsbücher einzuschreiben. Mit dem 14. Februar trat Schulz ab. Und er tat das, wie sein seitdem brachliegender Twitteraccount zeigt, mit einer so tiefen inneren Überzeugung, von seiner Partei und seinen Wählern schlecht behandelt worden zu sein, dass selbst Fans und Freunde der Parole "Merkel muss weg" heute noch täglich zum Gebet auf die Knie sinken müssen, um einem christlichjüdischmuslimischbuddhistischen Gott dafür zu danken, dass er es in seiner Weisheit verhindert hat, diesen offensichtlich gemütskranken Menschen das Land regieren zu lassen.

Seit seinem Abschiedsgruß im sozialen Netzwerk ist Schulz nur noch einmal öffentlich aufgetaucht, um einem ehemals in seiner glücklosen Kampagne embedded "Spiegel"-Reporter beim Verkauf eines Buches über Gipfelsturm und Höllenfahrt zu helfen. Den Menschen aber, um deren Applaus er als Kandidat täglich mit schamlos opportunistischen Tweets buhlte, zeigt der Gescheiterte nun, was ihm wirklich an ihnen liegt: Nichts. Im Fall Münster tut er nicht einmal mehr, was er immer mit denselben Worten getan hat: Peinlich populistisch konsolidieren und beteuern, dass das alles nichts zu tun hat.

Schulz, immerhin gewählter Bundestagsabgeordneter, lässt die, die ihn gewählt haben, über seine Ansichten ebenso im Unklaren wie über seine Absichten. Der ehemalige Parteiführer zeigt schweigend Verachtung, indem er plötzlich gar nichts mehr sagt: Mit dem 14. Februar entpuppt sich sein vermeintlich bürgernahes Auftreten in den sozialen Netzwerken als pflichtschuldige Masche eines nach der Macht strebenden Darstellers, als von professionellen Wahlkampfberatern antrainierter Reflex, der zwar nie glaubhaft war, sich nun aber nicht einmal scheut, wenigstens den Versuch zu unternehmen, so zu tun, als sei er ehrlich gemeint gewesen.

Schulzens Schweigen ist der definitive Stinkefinger an alle, die dem populistischen Gewese des steifen EU-Bürokraten trotz aller Warnhinweise geglaubt haben.




Samstag, 7. April 2018

Liebevolle EU: Gute Gaben für die Jüngsten

In Brüssel wurden bereits die ersten sogenannten Frfeundschaftstickets an verdienstvolle Jungeuropäer vergeben.
Was für ein unfassbares Glück haben die Menschen in Europa doch mit ihrer multinationalen Regierung! Kaum brodelt und bröckelt es überall in der Union, greift die Kommission tief in die Tasche: "Zehntausende Interrail-Tickets" (HuffPo) will die Chefetage des Kontinent verschenken, um sich junge Leute überall in Europa gewogen zu machen. 30.000 der derzeit rund 40 Millionen Jugendlichen und jungen Erwachsenen sollen bald "mit von der EU bezahlten Interrail-Tickets" (Stern) "quer durch Europa" (Die Zeit) reisen können.

Zwölf Millionen Euro von ihrem eigenen Geld lässt sich das die Kommission kosten, das als Test für ein Projekt gilt, nach dem künftig alle Europäern zum 18. Geburtstag von der EU ein Interrail-Ticket geschenkt bekommen werden. Auf diese Weise, so hatte das EU-Parlament beschlossen, können die jungen Leute "Bekanntschaft mit Europa und seinen vielfältigen Kulturen" machen, die -  abgesehen von der deutschen - überall in fröhlich-bunter Vielgestaltigkeit existieren. Die Kommission erhofft sich davon höhere Beliebtheitswerte bei künftigen Wählern - deshalb auch soll das Projekt "Freundschaftsticket" unbedingt noch vor den 2019 anstehenden Europa-Wahlen gestartet werden.

Bereits in diesem Sommer sollen die ersten Teilnehmer abreisen, verabschiedet jeweils mit Blaskapellen, winkenden EU-Abgeordneten und Blumensträußen aus regionaler Zucht. Vorher können sich im Jahr 2000 geborenen EU-Bürger auf einem - derzeit noch nicht existierenden - Internetportal für Tickets bewerben können. Im Zuge des Vorwahlkampfes für 2019 will die EU-Kommission dann eine breite Werbekampagne für die Aktion fahren, bevorzugt vergeben werden die Tickets dann an Jungeuropäer, die sich um die gemeinsame Sache von Freiden und EU-Völkerverständigung besonders verdient gemacht haben.

Perspektivisch aber soll das Bewerbungsverfahren wegfallen, dann erhielte jeder EU-Bürger zu seinem 18. Geburtstag automatisch ein Bahnticket im Wert von 400 Euro. Die dazu notwendigen Mittel in Höhe von etwa 2,5 Milliarden Euro pro Jahr würden von der EU aus deren eigenem Gesparten gezahlt. Der zuständige EU-Kommissar Tibor Navracsics erklärte dazu: "Die Milliarden dafür wurden in diesem Land erwirtschaftet und wurden niemanden weggenommen."

Doku Deutschland: Klassenkampf



Deutschland ist auf dem Weg zur Bildungsrepublik, mehr Geld soll es richten, bessere Klassenzimmer, luftigere Räume, mehr Internet und mehr Lehrer. Kein leichter Weg, denn so viel die Politik auch predigt, unten, in den eierschalenfarben gestrichenen Unterrichtsräumen mit den angeschlagenen Bänken, sitzen häufig Schülerinnen und Schüler, denen der Spaß an der Sache mehr bedeutet als die gezielte Ausbidlung bestimmter Fähigkeiten, die später auf dem harten Markt der Marktwirtschaft helfen.

Kevin Schleicher ist Hauptschullehrer in Eschwege, er wurde in Eisenhüttenstadt geboren, wuchs in Maribor (Slowenien) auf, wo seine Eltern eine Ziegenfarm führten, bildete sich selbst weiter und ist heute als Deutschlehrer zuweilen verzweifelt, weil "wir als Schüler oft keinen Bock hatten, inzwischen aber selbst davon nicht mehr die Rede sein kann".

Für PPQ schildert Schleicher  eine typische Unterrrichtsstunde - und seinen Kampf um ein bisschen Aufmerksamkeit für seine mitgebrachten Lehrinhalte.

Die Schwarzhaarige auf dem Tisch


Vertretungsstunde Deutsch, 7. Klasse. Ich komme in den Raum und eine große Schwarzhaarige hockt vorn auf meinem Lehrertisch. Ich gucke streng, sie tut nicht dergleichen. Wir wollen anfangen, junge Frau, können wir?, frage ich, noch ganz locker. Ein Blonde, die auf der Heizung hockt, verdreht die Augen. Sie hat die Jalousien runtergelassen. Ein Sitzenbleiber, der mich von früher kennt, ruft: "Ach, du Scheiße, der wieder!". Es fängt heute locker an, wir verstehen uns.

Der Rest der Klasse befindet sich in diesem Moment zum Teil noch draußen, sie rauchen sicher, oder er steht hinten hinter der letzten Bank, wo die drei Anführer der Klasse auf einem Sofa lümmeln: "Ham wer jetzt bei dem?", tönt es aus dem Gewimmel an viel zu langen Armen und Beinen.- Ja, bei mir, rufe ich, während ich die Tafel abwische, am besten, ihr setzt euch mal an eure Tische.

Das tun sie natürlich nicht. Die beiden einzigen, die an Tischen gesessen haben, um zu malen doer am Handy zu spielen, gehen jetzt auch hinter zum Sofa. Ich nicke der Schwarzhaarigen auf meinem Tisch freundlich zu und sage, sie solle sich doch bitte an ihren Tisch setzen. Sie antwortet, während jemand zur Tür reinkommt, ihr sei kalt, und zuppelt an ihrem viel zu kleinen Top herum.

Gebremstes Interesse


Ein Kerl kommt rein, den ich nicht kenne, und setzt sich auf einen Stuhl. Sie springt auf, zieht sich einen Schuh aus und wirft ihn nach dem Jungen. Dazu schreit sie, das sei ihr Platz. Der Junge hebt die Hände vors Gesicht und brüllt: "Du spinnst wohl." Hinten am Sofa lachen sie. Einer fragt mit gebremstem Interesse: "Was machen wir heute?" Der Sitzenbleiber antwortet "Irgendeine langweilige Scheiße!" Die Blonde macht Strechübungen am Fenster, man sieht ihre Hinterbacken über den Stringtanga zucken. Ich sage mach mal die Rollos hoch. Sie antwortet, das müsse der Hausmeister machen. Soll ich den holen, fragt sie.

Ich gehe zum Lichtschalter und knipse die Lampen an. Man sieht jetzt mehr von der Szenerie. Und als wäre es ein Signal, wanken die 15 bis 20 Kinder jetzt im Tempo von Neunzigjährigen zu den Tischen. Alle halten ein Handy in der Hand und starren beim Gehen darauf, als wäre dort irgendetwas unfassbar Spannendes im Gange. Wahrscheinlich chatten sie aber nur miteinander. Alle Jugendlichen tragen eine Mischung aus zu großen und zu kleinen Sachen, die Jeans sind kaputt, die Turnschuhe nicht zugebunden. Die meisten Mädchen haben Kopftücher auf, alle sind geschminkt wie Dorfnutten. Ich hebe den Arm und will schon mal anfangen. Da geht das Licht wieder aus.

Der Junge, der es ausgeknipst hat, schlendert in Turnschuhen und Jogginghosen zum hinteren Platz zurück, alle Schüler sehen zu ihm hin. Er grinst. Er ist cool. Öhhh, ruft einer, jetzt habe ich mich vermalt. Man sieht die Handybildschirme leuchten, mehr eigentlich nicht. Für einen Augenblick ist es still, es geschieht nichts.

Wer weiß, was ein Buch ist


Dann knipse ich das Licht wieder an und frage, ob jemand wisse, was ein Buch sei. Die Blonde rechts neben mir hat ihr rechtes Bein auf die Heizung gelegt und den Kopf auf ihr Knie. Mit abgewandtem Blick ruft sie "alter Scheiß". Ich nicke, aber das sieht sie wohl nicht. Die Schwarzhaarige wickelt sich vom Lehrertisch, das Handy vor der Nase. Sie scheint einen Film zu gucken, denn es kommen Dialoggeräusche aus dem winzigen Lautsprecher.

Ein Buch also, sage ich. Man kann es lesen. Man kann es auch lassen, sagt der Sitzenbleiber. Dann bekommt man eine Fünf, sage ich, denn wir schreiben eine Arbeit darüber, was wir uns von der  Handlung gemerkt haben. Sofort allgemeines Palaver: das sei unfair, wer soll Zeit haben, ein ganzes Buch zu lesen, einer sagt, gucke ich bei Wikipedia, ein anderer fragt, ob es davon einen Film gibt, "dann gucke ich nämlich den". Der Junge, der das Licht ausgeknipst hat, äußert seine Erwartung, dass das Buch "wenigstens ein Porno ist". Die Schwarzhaarige schaut ihn an wie eine Staubfluse.

Ich entgegne, es gehe erst mal ums Aufschreiben, und male das Wort "Buch" an die Tafel, dabei prallt ein Tennisball an die Wand. Zwei Sekunden später fällt ein Schüler vom Stuhl: Alle grölen, und der Hingefallene klettert theatralisch umständlich wieder auf seinen Platz.Platzwunde, sagt er. Scheißstuhl.

Als ich blöderweise die Blonde noch einmal anspreche, sie solle sich doch endlich hinsetzen, schreit sie mich an, ob ich taub sei, ihr sei kalt. Sie hebt ihr T-Shirt hoch und zeigt ihren Bauch, der ein wenig über den stramm gezogenen Silbergürtel hängt. Sowas hatten wir in dem Alter noch nicht.

Guck die Titten


Die Stunde kommt jetzt aber in Fahrt. Den Sitzenbleiber werfe ich wegen irgend etwas raus, er soll sich beim Direktor melden. Er bläst die Backen und auf behauptet, er habe doch gar nichts gemacht. Ich weiß es auch nicht mehr, ich gucke hinter zu dem Sofa, wo einer dem anderen auf dem Handy irgendwelche Bilder zeigt. Die beiden lachen, guck die Titten an, sagt einer. Die Schwarzhaarige macht pfffffffff und schüttelt die Haare. Eine Mädchen mit Kopftuch ruft leise: "Leise, leise, wir verstehen nichts!" Es hat aber gerade auch niemand etwas gesagt, ich jedenfalls nicht. Hier rede nur ich, sage ich. Die Blonde lässt ihr Shirt runter und trollt sich in die Bank. Die Schwarzhaarige macht sich über sie her, beschimpft sie ganz unverschämt und nennt sie immer wieder Nutte. Ich sage, nun aber, Mädchen. Sexist, sagt sie zu mir.

Ich hebe das Buch hoch, "Die Leiden des jungen W.", ich sage, "Weltliteratur". Irgendwer, den ich nicht sehen kann, zischt "fick dich". Ich weiß nicht, ob er mich meint oder Goethe oder seinen Nachbarn, der gerade popelt und in Erwiderung des Fick dich mit seinem verschmierten Zeigefinger ins Gesicht des seines Nachbarn sticht. Ich greife beide und bringe sie vor die Tür, unter Protest der ganzen Klasse, die wie im Chor ruft, beide hätten gar nichts gemacht. Draußen winke ich den anderen Rausgeschmissenen, der dort grinsend herumsteht, mit Kopf in unsere Gehrichtung. Kann gleich mitkommen zum Direktor.


Improvisierte Bestrafung


Der ist nicht da, nur die Sekretärin. Also muß die Bestrafung improvisiert werden, und unter peinlichem Geschrei verlange ich von beiden, die Inhalte der zuletzt betrachteten Fernsehfilme aufzuschreiben. Frage: "Wie lang?" - "So lange, bis es klingelt!"

In der Zwischenzeit sind zwei Schülerinnen aus dem Klassenzimmer heruntergekommen und berichten, die Jungen oben seien "ausgetickt" und würden sie sexistisch beleidigen. Atemlos wieder im dritten Stock angekommen, ist mir so heiß, dass ich ein Fenster öffnen will. Das geht aber natürlich nicht, weil die Rollos immer noch unten sind. Rollos hoch, rufe ich, aber keiner bewegt sich. Ich gehe selber und drücke den Knopf. Die Rollos fahren hoch, ich gehe zur Tafel und greife nach Goethe. Hinten steht jetzt einer der Jungen vom Sofa an dem anderen Knopf und lässt das Rollo wieder runter.

Ich bin jetzt empfindlich. Finger weg, rufe ich. Er guckt trotzig und behauptet, das helle Licht tue ihm weh. Mir egal, sage ich. Er fängt an, zu schreien, dass das Scheiße sei. Mir ist kalt, ich brülle zurück: "Was für eine Unverschämtheit". Genau, sagt er. Ich frage ihn, ob es so schwer sei, sich mal für eine Stunde zu benehmen. Von wegen Stunde, sagt er und setzt sich wieder. Ich schnaufe noch, ich  sei "auch nur ein Mensch". Die Blonde stimmt mir zu, sie dreht sich rum und sagt nach hinten, das merke man daran, wie ich auf ihre Beine gucken würde.


Ich bin fassungslos. Für einen Augenblick fällt mir keine Entgegnung ein. Die ganze Klasse lacht. Nehmen Sie es nicht tragisch, tröstet mich die Schwarzhaarige, sie ist nur geil auf Sie. Ich drehe mich weg, als sie grinsend eine Bewegung mit ihren Fingern macht und sagt: "Mann, jetzt wird mir richtig warm".

Heute wird das nichts mehr


Das wird nichts mehr heute, das ist mir klar. Ich schaue auf die Uhr und sehe, erst 20 Minuten rum. Ich sage, Diktat und setze mich auf den Lehrertisch. Ich habe nichts zu schreiben mit, beschwert sich ein Junge, der bisher ganz ruhig war und gemalt hat. Ich gehe nun einfach raus. Bei der Sekretärin gibt's einen Kaffee, während ich die Zettel der beiden aus der Klasse verwiesenen Schüler einsammele. Der Junge hat Pornofilme beschrieben. Einer heißt: "Die Fickinger". Demnach hätten die alle, "die ihnen auf dem Meer begegneten, richtig hart rangenommen".

Vom Kaffee wird mir wieder warm. Die Sekretärin lächelt. Schlimm heute, sagt sie. Ich nicke.dann gehe zurück ins Klassenzimmer. Die Rollos sind oben. Svenja hat mir in den Schritt gefasst, sagt ein Junge zur Begrüßung. Und er hat mich blöde Kuh genannt, echot es. Die Schüler stehen alle im Raum herum. Aber diesmal folgen sie meiner Bitte und setzen sich. Ich frage erneut, ob jemand schon mal ein Buch gelesen hat. Es meldet sich keiner, aber das kann auch sein, weil sie es nicht zugeben vor den anderen.

Werther, sage ich. Werthers Echte, kalauert einer. Lesen, sage ich, Goethe, schon mal gehört? Im Kino sagt die Blonde. Fack ju, ruft einer. Alle lachen. Draußen fliegt ein Hubschrauber vorbei. Alle schauen aus dem Fenster. Vom Sofa ruft es, soll ich das rollo runtermachen.

Noch 14 Minuten


Ich schüttele den Kopf und schaue auf die Uhr. Noch 14 Minuten. Früher haben die schüler auf die Pausenklingel gewartet, heute warte ich. Das ist eine Liebesgeschichte, die tragisch ausgeht, sage ich. Einer der Jungen, der bisher nur auf sein Handy geguckt hat, reibt sich die Augen, als müsse er weinen.  Als ich noch mal Weltliteratur sage, ruft einer vom Sofa hinten Altpapier. Sagt wer, sage ich.  "Der war's!", ruft die Blonde und zeigt auf einen Jungen, der mir bisher noch gar nicht aufgefallen war. Pickelgesicht, Rollkragenpullover und Jeans bis zum Knie. Mir egal, sage ich, Werther also. "Sie hasst mich, weil ich sie gedropt habe", bemerkt das Pickelgesicht. "Du bist ein Vollarsch", sagt sie. "Vollarsch ist eine Beleidigung, oder, stimmt doch, Herr Schleicher, oder?", fragt er. Ich verklage sie, sagt er. Ich bin in Duldungsstarre und antworte nicht.

Plötzlich rennt eines der Mädchen mit Kopftuch auf ein anderes (auch mit Kopftuch) los zu wie eine Furie. Sie schreit in ihrer Sprache. Die andere guckt aus dem Fenster. Ich weiß nicht, worum es geht und bringe sie an ihren Platz. Acht Minuten noch.

Mit mir ist nicht mehr viel los. Nach der Mittagspause geht es noch in eine weitere Vertretung, Geschichte. Neben denen, die krank sind, schwänzen noch einige. Es sind nur Mädchen anwesend, die genauso müde sind wie ich. So sind sie wenigstens leise und beschimpfen sich nicht. Wo waren wir, sage ich. Wir hatten noch nie bei ihnen, antwortet ein. Doch, sagt eine andere, aber da warst du nicht da. Ich sage Bücher auf, bitte lest den Abschnitt über Versailles noch mal und macht Notizen dazu. Nächstes Mal schreiben wir eine Arbeit dazu.

Richtig entspannend


Das ist zwar sicher vorherzusagen, aber wegen der sprachlichen Übung scheint es mir zumindest nicht sinnlos. Auch die Mädchen nerven nicht herum wie sonst üblich, da heißt es dann oft, ohhh, das ist aber viel Text. Ein paar gucken noch ihre Handys, ein paar andere beginnen zwischen Chipstüten und Bonbons tatsächlich, in den Büchern zu blättern. Es ist richtig entspannend. Nach zehn Minuten gehen mit ziemlichem Krach plötzlich die beiden Türen des Stahlschranks auf: Hassan hat sich da drinnen die ganze Zeit klein und still gemacht, geht jetzt, ohne ein Wort zu sagen, an seinen Tisch, nimmt seine Tasche und verschwindet durch die Tür. Auf Wiedersehen, rufe ich ihm hinterher.


*Nach Motiven des Science-Ficton-Romans "Ge­brab­bel, Lachen, un­be­stimmte Ge­schäf­te - die Unterrichtsprotokolle des Kreuzberger Hauptschullehrers Jochen Köhler", Spiegel, 1988


Freitag, 6. April 2018

Warnung vor dem Apfel: Als Obst getarnte Zuckerbomben

Der Tierversuch zeigt es: Ameisen, die Zucker zu sich nehmen, werden selten älter als drei Jahre.
Über Jahre feierten sie Erfolge mit Uran im Trinkwasser, Giftmetallen im Kaffee und der Verleihung des "Goldenen Windbeutels" für den größten Verbraucherbetrug. Und nun geht die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch die ganz großen Verbrecher an: Die Verbraucherschützer werfen Obstzüchtern, Orangenimporteuren und Herstellern von leckeren Süßigkeiten vor, die Gesundheitsrisiken ihrer Produkte zu verharmlosen. Die Politik müsse mit einer Steuer reagieren.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat den Unternehmen der Lebensmittelindustrie vorgeworfen, für die Zunahme von Fettleibigkeit und Diabetes mitverantwortlich zu sein. Weltmarktführer, aber auch kleine und regionale Hersteller verharmlosten wissenschaftlich belegte Risiken ihrer zuckerhaltigen Erzeugnisse, sagte der Geschäftsführer von Foodwatch Deutschland, Martin Rücker. Foodwatch wirft den Firmen außerdem vor, durch Lobbyarbeit notwendige Verkaufs- und Werbeverbote ebenso zu verhindern wie Sondersteuern, die Verbraucher zu verhindern.

Oliver Huizinga von Foodwatch bezeichnete Produkte wie Äpfel, Bananen und Weintrauben als "Schwindelpackung" und "Zuckerbomben". So enthielten 100 Gramm eines normalen Apfels mit 11,4 Gramm Zucker mehr schädlichen Süßstoff als 100 Gramm Coca Cola. Granatapfel komme auf mehr als 16 Gramm, Weintraube auf über 15. Die Volksdroge Schokolade bestehe sogar zu fast der Hälfte ihres Gewichtes aus Zucker, in einem Glas Nutella stecken 78 Stück Würfelzucker und in einer Packung Müsli elf Stück.

Entsprechend bezeichnet Foodwatch die Marketingmaßnahmen der Lebensmittelbranche als "unverantwortlich". Man versuche mit millionenschweren Kampagnen im Internet und im Fernsehen, Obst und Obstprodukte, aber auch Müslis und Energieriegel als "gesund" und bekömmlich zu verkaufen. Dieses Marketing solle unterbleiben. Dazu sollten beispielsweise nicht länger Steuermittel für zweifelhafte Kampagnen eines dubiosen Bundeszentrums für Ernährung (BZfE) ausgegeben werden. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. müsse aufhören, Werbung für schädliche Zuckerprodukte zu machen.

Die Verbraucherorganisation appellierte an die Politik, den Konflikt mit den Konzernen und kleinen Herstellern von Mango, Maracuja, Mirabelle und Nektarine nicht länger zu scheuen und konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um die Verbreitung ernährungsbedingter Krankheiten wie Diabetes zu reduzieren. So solle die Bundesregierung die Hersteller von stark überzuckerten Getränken wie Apfelsaft oder Orangensaft und Eistee verpflichten, eine Abgabe zu zahlen.

Großbritannien hat eine solche Sondersteuer, gestaffelt nach dem Zuckergehalt, bereits beschlossen. Laut Foodwatch haben führende Hersteller daraufhin bereits den Zuckergehalt in ihren Produkten gesenkt. Äpfel und Bananen werden halbiert verkauft, Nutella nur noch in kleinen Gläsern. Statt zuckerbelasteter Schokolade kommen für andere Süßwaren nun Hartfett, Molke und Sägespäne zum Einsatz, die mit gehackten Erdnüssen, geriebenen Erdnussschalen und gemahlenen Erbsen geschmackvoll gestreckt werden.

Heiko Maas: Leichtmatrose auf Bilderfang

Heiko Maas: 60 Prozent sind Geschlossenheit und enger Schulterschluss. Das Bildmotiv hat Maas seinem Vorgänger abgeschaut - bis in die spannende Handhaltung.
Tief bewegt kam Heiko Maas aus der Holocaust-Gedenkstätte Yadvashem, als er einen Tweet über diesen "immer wieder tief bewegenden Moment" absetzte. Gleich danach Angriffsmodus: Maas sendete "ein Zeichen der Solidarität mit Großbritannien“, indem er über Twitter mitteilte, dass Deutschland vier russische Diplomaten ausweisen werde. "Wir haben die Entscheidung nicht leichtfertig getroffen", hielt der SPD-Politiker denen entgegen, von denen er wohl schon vorab wusste, dass sie ihm das unterstellen würden.

Aber Leichtfertigkeit im Amt? Nicht mit ihm, dem Mann, der schon im nächsten Moment wieder in den Flieger springen und die USA besuchen wird. Allerdings nicht diesen Trump, sondern die UN, das Deutschland unter den internationalen Organisationen: "Ich freue mich darauf, mit vielen Vertretern von Staaten zu sprechen und zu hören, was sie von uns erwarten", twitterte Heiko Maas vom Hudson-River, "Deutschland ist fähig und bereit, wo gewünscht, mehr Verantwortung zu übernehmen."


Wünsch dir was


Man muss es sich nur wünschen. Während die Hälfte der EU-Länder es abgelehnt hatten, vorschnell an der auf Wunsch der Briten von Donald Trump orchestrierten Ausweisungsaktion gegen russische Diplomaten teilzunehmen, war der neue Mann im Außenamt sofort bereit, das Seine zu tun, um europäische Geschlossenheit zu simulieren. Dass elf EU-Staaten sich verweigerten - immerhin 40 Prozent aller Partnerländer - ficht Maas nicht an. Für ihn sind auch 60 Prozent "ein Signal der Geschlossenheit". Er lebt in seiner eigenen Welt, dort genügen ja auch schon "hohe Wahrscheinlichkeiten" (AA), um rechtswirksame Strafmaßnahmen auszusprechen. Niemand hat die Absicht, Brücken abzubrechen. Aber wenn es nun mal sein muss und gewünscht wird, wird Deutschland nicht zögern.

Seit Angela Merkel Europas kommende Abnabelung von den USA verkündet hat, weil "Europa sein Schicksal mehr in die eigene Hand nehmen muss" (Merkel), ist Deutschlands Außenpolitik auf Anschlusssuche. Keine leichte Aufgabe, denn die deutschen Ansprüche an künftige Partner sind hoch - Staaten wie die USA, China, Russland, Ungarn, Österreich,  Tschechien, die Türkei und die Slowakei fallen aus unterschiedlichen Gründen durchs Raster.

Heiko Maas` erste Auslandsreisen zeigen denn auch eine klare Tendenz zu Tradition und exotischer Originalität: Paris, natürlich, immer die erste Auslandsstation eines neuen Mannes im Außenamt, die Achse Berlin-Paris lebt schließlich längst nur noch vom Symbolischen. Dann Polen, das ohne deutsche Hilfe vor dem Rückfall in dunkle Zeiten stehende Nachbarland im Osten, auch das ist Pflicht. Dazu Italien, das ebenso kippelt wie Polen und ganz sicher deutscher Hinweise bedarf. Und schließlich Israel, die Palästinensergebiete, die Uno in New York. Und Jordanien, wo Maas die Visastelle der deutschen Botschaft besucht und auf Familiennachzug pocht.


Kein Russland, kein Washington


Vorgänger Sigmar Gabriel reiste noch nach Russland, dessen Vorgänger Walter Steinmeier war am Ende häufiger in Moskau als Heiko Maas in den vergangenen vier Jahren im heimischen Saarland. Steinmeiers Vorgänger Guido Westerwelle traf sich seinerzeit sogar noch mit seiner US-Amtskollegin, auch Joschka Fischer flog noch nach Washington, genau wie zuvor Klaus Kinkel und Hans-Dietrich Genscher.

Doch hier zeigt sich die neue Groko-Strategie: Diplomatie nicht mehr dort, wo es nötig wäre, weil man nicht in allem einer Meinung ist. Sondern dort, wo sie gute Bilder gibt. Heiko Maas, der Leichtmatrose der deutschen Außenpolitik, joggt frühmorgens durch New York. Er ist tief beeindruckt in Yadvashem und gleich anschließend pflegt er eine "zukunftsgerichtete Freundschaft" mit Mahmoud Abbas. Das ist der "Palästinenserpräsident", dessen Amtszeit, beruhend ohnehin nur auf einer Ernennung durch eine palästinensische Splittergruppe, eigentlich vor acht Jahren endete. Seitdem sollte es Wahlen geben, die allerdings nie stattfanden. Abbas ist dessenungeachtet einfach immer weiter im Amt geblieben. Ihn, einen ausgewiesenen Antisemiten, "Machthaber", "Autokraten" oder Diktator zu nennen, ist allerdings nicht üblich.

So nennen deutsche Politiker Wladimir Putin, dessen erneute Wahl Heiko Maas  nutzte, nicht zu gratulieren. „Das Ergebnis der Wahl in Russland hat uns genauso wenig überrascht wie die Umstände dieser Wahl“, kritisierte er quasi als erste Meinungsäußerung Richtung Moskau, „von einem fairen politischen Wettbewerb, wie wir ihn kennen, kann sicherlich nicht in allen Punkten die Rede sein.“

Anstand buchstabiert sich hier wie P-e-i-n-l-i-c-h-k-e-i-t: Putin hatte Merkel ebenso zur Wiederwahl gratuliert wie Trump, der es sich auch nicht hatte nehmen lassen, Putin zur Wiederwahl zu beglückwünschen.

Donnerstag, 5. April 2018

Mathe im Dienst der guten Sache: Armut im Wandel der "Zeit"

Vor neun Jahren rüttelte die Hamburger Wochenzeitschrift "Die Zeit" Deutschland aus dem Wohlstandsschlaf. "Fast jedes sechste deutsche Kind ist arm", teilte das Blatt Erschüttterndes mit. Gemessen am OECD-Schnitt ein verheerendes Urteil, denn weltweit war nur jedes achte Kind arm und in Dänemark, so die "Zeit", lebe sogar "lediglich jedes 37. Kind in relativer Armut".

Es schien aber kaum zu helfen. Auch fünf Jahre später war die "Zeit" noch verpflichtet, bittere Wahrheiten mitzuteilen. "Fast jedes sechste Kind von Hartz IV abhängig", hieß es nun. Ein Alarmsignal, das Wirkung zeigte: Innerhalb von nur drei Jahren verschärfte sich die Situation, so dass die "Zeit" nun gezwungen war, neue Rechenergebnisse öffentlich zu machen: "Jedes 5. Kind ist arm", musste nun eingestanden werden. Eine Vermehrung der Armut von 16 auf 20 Prozent in kürzester Zeit und ein Offenbarungseid im fünften Jahr des größten Wirtschaftsbooms aller Zeiten, den Deutschland dem gemeinsamen Friedensprojekt Europa zu verdanken hat, das eigentlich immer mehr arme Kinder reich hätte machen müssen.

Und das auch tat, wenn auch ohne Kenntnisnahme der "Zeit". Die hat 15 Monate nach der Schlagzeile mit jedem 5. Kind, das arm ist, nun die von jedem 7. Kind, das von Hartz 4 leben müsse. Eigentlich eine Verbesserung, zumindest für all jene, die der Grundrechenarten noch mächtig sind: Es sind nicht mehr 20 Prozent aller Kinder arm, sondern nur noch 14. Doch in der Fakenewsfabrik an der Alster verändert sich die Datenbasis je nach Kampfauftrag - und im Falle von "Armut" lautet der stehende Befehl offenbar, dass diese zu steigen habe, immer mehr und ganz egal, was die Zahlen dazu sagen. Die Welt ist schlecht, Leser! Es muss etwas getan werden!

So ist denn in der Lesart der "Zeit" ein Steigen zu sehen, wo aus jedem fünften Kind in Armut erst jedes sechste und nun jedes siebte geworden ist. Um ältere Leser zu verwirren, die sich noch an frühere Zahlen erinnern, zitiert die Wochenschrift dann auch noch einen Vergleichswert von vor fünf Jahren. Damals sei "noch etwa jedes achte Kind" von Hartz 4 abhängig gewesen - eine Nachricht, über die seinerzeit erstaunlicherweise nicht nur die "Zeit" nicht, sondern überhaupt niemand berichtet hatte.

Und auch das Mädchen in der roten Jacke ist natürlich wieder da.

Neues vom Staatsfunk: Es muss nicht gleich der Beste sein

Wer Staatsfunk sagt, ist ein Staatsfeind, natürlich, denn deutsche Medien sind entweder privat oder anderweitig jedem Einfluss der staatstragenden Parteien wirksam entzogen. Wenn Rundfunk- und Verwaltungsräte doch einmal andres vermuten lassen, dann gibt es einen öffentlichen Aufschrei, der zwar nichts ändert, aber einen guten Eindruck macht, für den im Alltagsgeschäft die unabhängige "Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten" (KEF)sorgt: Wie die übrigen Instanzen auf undurchsichtige Weise zu hundert Prozent mit verlässlichen Vertrauenspersonen der Spitzenpolitik besetzt. Aber formell eine Runde von Freigeistern, die niemandes Befehl gehorchen.

Wenn also die FAZ plötzlich über das Urteil eines Oberverwaltungsgerichtes berichtet, das eine Beschwerde gegen die Wahl des Direktors der rheinland-pfälzischen Landeszentrale für Medien und Kommunikation (LMK) zurückgewiesen hat, dann tönt aus dem Text nur der Neid einer sterbenden Großzeitung, die ohne Rundfunkgebührenbeitrag gezwungen ist, für eine würdige Grabstätte zu sparen. Entsprechend giftig kommentiert das Blatt die Ernennung eines gewissen Marc Jan Eumann zum neuen Direktor, hinter der mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer eine der Führungsfrauen der erneuerten SPD steht.

Eumann, 51 Jahre alt und bis zum vergangenen Jahr Staatssekretär in der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen, steht mit seiner ganzen Biografie für Staatsferne: 1985 bis 1990 arbeitete er für den WDR, das Deutschlandradio und den Kölner Stadt-Anzeiger, dann wechselte er die Pferde und ging in die Politik, erst im Büro des Oberbürgermeisters der Stadt Köln, dann im Referat „Politische Kommunikation und Analysen“ im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales in NRW, dann als Landtagsabgeordneter der SPD und schließlich sogar als stellvertretender Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion.

Eumann lernte unterwegs alle Tricks. In der Kölner Spendenaffäre nahm er fingierte Spendenquittungen an und reichte sie beim Finanzamt ein. Mit Mitte 40 promovierte er bei einem Professor, der wenige Monate später dafür 210.000 Euro Projektmittel von der Staatskanzlei zugesprochen bekam, in der Eumann arbeitete. Die Doktorarbeit geriet später unter Plagiatsverdacht, doch eine Ehrenkommission der Uni befand, Eumann sei keine vorsätzliche Täuschungsabsicht habe nachzuweisen, so dass er seinen Titel behalten durfte.

Wenn das keine Voraussetzungen sind, eine führende Position im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu übernehmen, was dann?

Und so kam es, wie es Malu Dreyer haben wollte. Eine "Findungskommission" suchte nach einem Kandidaten für die Stelle des LMK-Direktors, fand aber nur einen einzigen fähigen Bewerber: Den SPD-Politiker Marc Jan Eumann, einen ausgewiesenen Experten für Medien und Unabhängigkeit, dem zwar die formalen Bewerbungsvoraussetzungen, Volljurist und mehr als 18 Monate aus der aktiven Politik ausgeschieden zu sein fehlt. Der dafür aber auch gar nicht erst die Frage aufwarf, warum er den Posten bekam: Es war das Parteibuch.

Das hat nun auch das Oberverwaltungsgericht ausdrücklich bestätigt, indem es der Landesmedienkonferenz zubilligte, sie müsse weder eine Stelle ausschreiben noch sie mit dem besten Kandidaten besetzen. „Die staatsferne, pluralistisch angelegte Konstruktion der Landesmedienanstalten und damit letztlich die Selbstorganisation der Rundfunkfreiheit setze sich in den Bestimmungen über die Wahl des Direktors konsequent fort", begründet das OVG seine Entscheidungi. Die Wahl des Direktors durch ein pluralistisch besetztes Gremium sichere "auf anstaltsorganisatorischer Ebene das verfassungsrechtlich vorgegebene Strukturprinzip der Staatsferne des Rundfunks.“

Ein staatsfernes Urteil, das einer "rot-grüne Hinterzimmerverabredung" (FAZ) den Anstrich einer unparteiischen, ja, fast schon demokratisch zustandegekommenen Entscheidung verpasst. was vor dem Hintergrund der personellen Besetzung des entscheidenden Senats nicht weiter verwundert: Lars Brocker, der Vorsitzende der Kammer, war früher Justitiar der SPD-Fraktion im Mainzer Landtag.

Mittwoch, 4. April 2018

Zitate zur Zeit: Vom 92er Linkssein


Als ich jung war, war links die Freiheit, einen „Stoppt Strauss“ Button zu tragen. Heute prügeln angebliche Linke eine „Merkel muss weg“-Demo zusammen. Früher war der Gewerkschaftler links, der die Sorgen und Nöte der deutschen Arbeiter in den Mittelpunkt stellte.

Heute gilt als links, wer die Folgen der deutschen Wirtschaft in Afrika als Postkolonialismus verleumdet, und die Schuld in uns allen sucht. Früher war links die Freiheit, ein Plakat mit einer halbnackten Frau in der Maximilianstrasse gegen den Willen der CSU aufzuhängen. Heute hängen solche Plakate am Marienplatz: SPD und Grüne fordern ihre Entfernung.

Links war früher die Möglichkeit, ohne Vorzensur in der Schülerzeitung zu schreiben. Heute ist links, andere als Kartoffel und als rassistisch zu beschimpfen und Mitarbeiter dazu zu bringen, mir Tipps zu schicken, weil man das in der Prantlhausener Zeitung nicht mehr schreiben kann.

Früher war links die Einstellung der kleinen Leute, die ein Haus und zwei Kinder bezahlen wollten. Heute ist links eine 800mg Ibuprofen zum Frühstück nehmende Singlefrau, die drei prekäre Bildschirmjobs in Berlin macht und normale Menschen hasst, die gefälligst ihr Bedingungsloses Grundeinkommen zahlen sollen, das sie dann mit dem Dealer an der S-Bahn teilt.

Ich bin immer noch 1992-links. Jetzt bin ich nur ein alter, weißer Mann, der versucht, zu überleben – möglichst lang, möglichst viele der Gegenseite.

Don Alphonso sagt Grundsätzliches zur Freiheit der alten, weißen Männer

Fall Skripal: Ein Tölpel zieht in den Krieg

Dämlicher hatten sich russische Geheimagenten nie angestellt, seit Lenin ihre Überwachungsmaßnahmen in seiner Laubhütte seinerzeit durch die simple Verwendung von Milch als unsichtbarer Geheimtinte unterlaufen hatte. Statt den Überläufer Sergej Skripal von einem gedungenen Tschetschenen mit einem Messer abstechen und die Tat so spurlos in einem Meer ähnlicher Übergriffe untergehen zu lassen, griff der vormalige KGB dummdreist zu einem Nervengift aus eigenem Anbau: "Nowitschok" vergiftete halb England, verschonte allerdings alle zu den Tatorten geeilten Ermittlungsbeamten. Und ließ sogar das Mordopfer am Leben.

Deutschlands frischgebackener Außenminister Heiko Maas, als studierter Jurist und gescheiterter Justizminister nicht ohne Erfahrung in rechtlichen Dingen, ermittelte kurz. Und hatte den Täter bereits wenige Tage nach der missglückten Tat dingfest gemacht. Da er ihm aber persönlich nicht habhaft werden konnte, musste der Mann, den Bundesabgeordnete der Linkspartei inzwischen völlig zu Unrecht als "gut gestylten Nato-Strichjunge" bezeichnet haben, zu diplomatischen Strafen greifen. Maas ließ vier russische Diplomaten ausweisen und er nannte das „ein Zeichen der Solidarität mit Großbritannien“. Denn so viel hatte der sympatische SPD-Politiker in der Kürze der Zeit herausbekommen: „Die Fakten und Indizien weisen nach Russland“.

Wer "Fakten" und "Indizien" hat, braucht im Rechtsstaat des Heiko Maas keine Beweise, um zu einem Urteil zu kommen. "Wir haben die Entscheidung zur Ausweisung der russischen Diplomaten nicht leichtfertig getroffen", versicherte Maas, augenscheinlich unter Bezugnahme auf eine Beweislage, die zwar erdrückend war, über die er nur noch nicht reden durfte.

Doch statt sich mit zunehmender Tiefe und Dauer der Ermittlungen zu verdichten, haben sich die Hinweise auf russische Urheber des ebenso aufwendigen wie feigen und schiefgegangenen Mordanschlages in den letzten Tagen mehr und mehr verdünnt. Immer mehr Widersprüche taten sich auf: Wieso stirbt man nicht nach dem Kontakt mit einem Kontaktgift, dessen einziger Zweck es ist, Menschen zu töten? Warum bewegt sich die Giftquelle - vom Auto zum Haus zur Türklinke? Warum vergiftet der tödliche Stoff niemanden sonst außer Skripal und seiner Tochter, obwohl doch angeblich Dutzende Menschen mit ihm in Berührung gekommen waren?

Mittlerweile titelt die staatliche "Tagesschau" mit einer Zeile, die sie seit dem Anschlag vom 4. März jeden Tag hätte bringen können: "Keine Beweise für russische Gift-Herkunft". Und das, obwohl die EU-Staats- und Regierungschefs bei ihrem letzten Gipfel Ende März doch ein für allemal festgelegt hatten, dass Russland „sehr wahrscheinlich“ hinter der grausamen Tat stecke.

Es wehrt sich nur noch die Wirklichkeit gegen die Interpretation, die einer innerlich bröckelnden westlichen Wertegemeinschaft dazu dienen sollte, die ausufernden eigenen Probleme und unüberbrückbaren Widersprüche auf die alte Art hinter einem Vorhang  aus Kampfgeschrei gegen einen gemeinsamen Feind zu verbergen. Maas, Deutschlands als Hobbydetektiv dilettierender höchster Repräsentant auf der Weltbühne, steht als Tölpel da, der in seiner ersten Woche einen kalten Krieg gegen den größten Nachbarn auf dem Kontinent losgetreten hat.

Und in seiner zweiten Woche gestehen muss, dass er gar nicht wusste, was er da tat. "Wir hatten die Entscheidung zur Ausweisung der russischen Diplomaten nicht leichtfertig getroffen", schreibt er inzwischen und das "hatten", in das sich das früher verwendete "haben" verwandelt hat, ist nicht nur sprachlich ein Offenbarungseid, sondern auch inhaltlich. Von Fakten und Indizien ist überhaupt nicht mehr die Rede: "Unsere Reaktion im Fall #Skripal war als politisches Signal notwendig und angemessen", beharrt Maas, dass richtig war, was keine tragfähige Entscheidungsbasis hatte.

Nur heißt es nur noch warten, bis sich auch die Beweise dem Willen des deutschen Ministers gebeugt  haben.  

Dienstag, 3. April 2018

Fortschrittliche Nachrichtensender: Merkels beste Verteidiger sitzen bei ARD, ZDF, SZ und Spon

Wie groß Donald Trumps Problem mit innerparteilichen Kritikern, Gegnern in der Groko und der gewachsenen Opposition im Parlament und im außerparlamentarischen Raum ist, wurde vor wenigen Tagen klar. Als die frischgewählte Kanzlerin wie stets darauf verzichtete, öffentliche Ostergrüße in ihre Wähler zu bestellen, drehte die rechte Seite der veröffentlichten Meinung auf. Von Seiten der Politik herrsche eisiges Schweigen, hieß es. Die Kanzlerin unterstütze damit Islamisierungstendenzen, die sich zuvor schon in der Umbenennung von heiligen christlich-jüdischen Osterhasen in "Traditionshasen" gezeigt habe. Und wo bleiben eigentlich die in den letzten Jahren zum Goldstandard der Machtberichterstattung gewordenen Berichte aus dem unbeschwerten Osterurlaub der Merkels?

Sie fehlen. Stattdessen Gerangel um Machtpositionen, die Suche nach Abweichlern und die Nachrichten über die Einigung von UN und Israel, tausende Flüchtlinge nach Deutschland umzusiedeln. Täuscht es oder wird die Luft für Merkel gerade wirklich dünner?

Die "Tagesschau"-Sprecherin im grünen Jäckchen blickt besorgt in die Kamera, als sie mit Dramatik in der Stimme sagt: "Israel hat sich nach eigenen Angaben mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR auf eine Umsiedlung von rund 16.000 afrikanischen Flüchtlingen in westliche Länder geeinigt, die Bundesregierung ist offenbar von dieser Einigung überrascht worden."

Sybille Jeans heißt die Frau im seriösen Kostüm. Seit 22 Jahren arbeitet die 56-jährige Niedersächsin schon für den fortschrittlichen Fernsehsender ARD. Dem Stammpublikum mit einem Durchschnittsalter von 65 ist sie so vertraut wie ein guter, alter Kumpel, dem man schon aus Gewohnheit jede noch so hanebüchene Geschichte abkauft.

Gut für Angela Merkel, denn während das Verhältnis zwischen der Kanzlerin und den Medien immer mehr zum Grabenkampf wird, hält eine Phalanx aus staatlichen Sendern und traditionsreichen privaten Zeitungshäusern treu zur Regierungschefin. Dabei folgen Sender, Magazine und Zeitungen einer komplexen Logik aus gegenseitigen Abhängigkeiten: Wer Zugang zu exklusiven Informationen will, muss sich die Regierungsmaschine gewogen halten. Geht alles gut, wartet nicht nur amtliches Wohlwollen das eine oder andere Geschenk. Sondern immer öfter auch ein Platz am warmen Steuerfeuer.

Jeans, die gerade erst am Osterwochendende wieder mit der Kanzlerin telefoniert hat, gilt als eine der treuesten Trump-Fans. Kaum ein Fehltritt oder eine Skandalmeldung aus der Regierungswaschmaschine, die sie nicht so zu verdrehen und im Sinne der Chefin zu erzählen weiß, dass kein Schmutz hängenbleibt. Enger verbunden mit der Frau, die einen Amtszeitrekord für deutsche Kanzler anpeilt, ist nur Anne Will, zu der sich Merkel immer flüchtet, wenn die schon länger hier Lebenden Erklärungsbedarf erkennen lassen.

Im Wahlkampf beschwerten sich selbst Konservative, dass das Hochjubeln durch staatliche Sender und private Edelfedern zuviel des Guten sei. Merkels Kontrahent Martin Schulz fühlte sich ungerecht behandelt, weil er weniger Sendezeit bekam als sein Mitbewerber. Sein Wunsch, nicht nur ein Kanzlerduell abzuhalten, sondern zwei oder drei, wurde von Kanzleramt und privaten wie öffentlich-rechtlichen Sendern kollektiv abgebügelt.

Die treten unbeirrt für die Kanzlerin ein und diskreditieren nebenbei noch andere Medien. Wer alt werde und schräge Zeug schreibe, gehöre "rausgeworfen aus der Gemeinschaft", selbst auf die Gefahr hin, dass er sich dann "einem reaktionären Spektrum" zuwende, heißt es beim staatlichen Deutschlandfunk. Selbstverständlich sei nichts dran an der Story, dass die renommierte Wochenzeitschrift "Die Zeit" einen Kolumnisten gefeuert habe, weil er "die journalistische Sorgfaltspflicht des Hauses infrage gestellt" habe. Notwendig sei der Schritt vielmehr geworden, weil seine "abnehmende Potenz" ihn zwinge, vor "Neuen Rechten zu sprechen und Angst vor Einwanderern" zu haben.

Wieder einmal nur Fake News einer liberalen Tageszeitung, heißt es in der "Süddeutschen Zeitung", die den Vorgang selbst nicht kommentiert. Dass sich die Geschichte wenig später als wahr herausstellen wird, geschenkt. Mit der Verteidigung von Merkel (letzte Schlagzeile: "Merkel unterstützt deutsche EM-Bewerbung") ist auch die SZ voll ausgelastet. Je konkreter die Nachfragen an die Kanzlerin werden und je drängender Wählerinnen und Wähler Antwort verlangen, desto vehementer streiten die die Kommentatoren und Reporter aus dem Süden, aber auch die Ansager und Moderatoren aus der Mitte und dem Norden für ihre Kanzlerin.


Etwa Heribert Prantl: "Merkels Vermächtnis" bestehe aus der spannenden Frage, was sie einst hinterlassen wolle. Der 64-Jährige mit dem braven Dreitagebart hält nichts davon, seine Sympathien für die Kanzlerin zu verheimlichen. "Ich wünsche der neuen Regierung, dass sie hinkriegt, was die große Koalition von Merkel I schon vor gut zwölf Jahren angekündigt hat: "Stellen wir unter Beweis, dass wir unser Land gemeinsam nach vorn bringen - mit Mut und Menschlichkeit", schreibt er. Dabei ist klar: Kein einziger Anhaltspunkt wurde je entdeckt, der auf geheime Absprachen hindeutet. Hier regieren Intuition und ein stillschweigendes Einverständnis, das es der SZ möglich macht, vorab zu schreiben, was Angela Merkel später sagen wird.

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Gespensterjagd: "Manipulierter Wählerwille"

Auch mit tausenden von zum Teil sehr großen Plakaten wurde der Wählerwille manipuliert.
Nun also auch in Deutschland: Für ein ganz kleines Geld haben Parteien aktuellen Berichten zufolge den "Wählerwillen manipuliert". Dazu benötigten sie weder russische Trolle noch eine Verstrickung in illegale Datentransfers aus den Speichern von Facebook, weder Twitterbots noch Putins St. Petersburger Trollarmee. Stattdessen kauften die Parteien bei der Deutschen Post ein, einem Unternehmen, in dem der deutsche Staat nach wie vor größter Anteilseigner ist.

Mit Hilfe von Kundendaten, die die frühere Bundesbehörde über Jahrzehnte hinweg gesammelt und mit zugekauften Daten von Behörden wie dem Kraftfahrt-Bundesamt und dem Katasteramt ergänzt hat, erlangten CDU und FDP genaue Kenntnis über Kaufkraft, Bankverhalten, Geschlecht, Alter, Bildung, Wohnsituation, Familienstruktur, Wohnumfeld und Personenwagen-Besitz.

Und das alles zu einem finanziellen Aufwand, der aus der Portokasse beglichen werden konnte. Gab die CDU für den Bundestagswahlkampf etwa 20 Millionen Euro aus und die FDP knapp fünf Millionen, gab es die "straßengenauen Analysen" (FAZ) für einen "fünfstelligen Betrag". Bei der CDU flossen damit umgerechnet 0,5 Prozent des Wahlkampfetats in die Manipulation des Wählerwillens, bei der FDP waren es knapp zwei Prozent. Der Rest der Aufwendungen floss zum überwiegenden Teil in Fernsehwerbung, bestellte Werbeposts in sozialen Netzwerken und unübersehbar große Plakate, die im öffentlichen Raum ausgestellt wurden, um den Wählerwillen zu manipulieren.

CDU und FDP bestätigten auf Anfrage Versuche, Wählerinnen und Wähler durch die Verwendung von vertraulichen Daten zur Wahl ihrer jeweiligen zu bewegen. Die Deutsche Post, in deren Aufsichtsrat mit Werner Glatzer, Günther Bräunig und Stephan Schulte starke Vertreter der Bundesinteressen sitzen, bewirbt den Datenhandel selbst mit der Möglichkeit für Wahlminipulateure,  „für jedes Gebäude im Wahlkreis für jede Partei einen Chancenwert" ermitteln zu können. Für etwa 20 Millionen Wohnhäuser mit ungefähr 34 Millionen Haushalten stünden entsprechende Informationen  zur Verfügung, alle seien im Rahmen geltenden Rechts angehäuft und im Einklang mit geltenden Datenschutzregelungen der EU verkauft worden.

SPD-Justizministerin Katarina Barley hat Verantwortliche der Deutschen Post inzwischen in ihr Ministerium zitiert. Barley wirft dem Konzern vor, vom Datenmissbrauch gewusst, ihn aber nicht verhindert, sondern sogar aktiv gefördert zu haben. "Wenn die Post bemerkt, dass Daten abfließen oder für Zwecke genutzt werden, denen die Nutzerinnen und Nutzer nie zugestimmt haben, muss der Konzern das sofort stoppen", sagte die SPD-Politikerin. Dennoch seien Nutzer und Behörden nicht informiert worden, auch die SPD, die am datenhandel nicht beteiligt war, wurde über die Manipulationsversuche nicht ins Bild gesetzt. Im ZDF nannte Barley das "eine Bedrohung für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit". Post-Nutzer befänden sich "in einer Situation David gegen Goliath". Es brauche nun den Rechtsstaat und den Verbraucherschutz, um dieses Machtgefälle auszugleichen.

Montag, 2. April 2018

Macho-Messer-Verbot: Ein großer Schnitt für die Menschheit


Vor zehn Jahren noch war Roland Koch als Verantwortlicher für eine zunehmender Verrohung der Auseinandersetzungskultur unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen ausgemacht. Inzwischen aber ist der frühere schwarze Sheriff im Ruhestand und andere Täter müssen in die Bresche dafür springen, dass Journalisten selbst in verantwortliche berichtenden Leitmedien immer öfter gezwungen sind, über Angriffe mit Messern zu berichten.

Ein Zustand, der aus Sicht der angesehenen Tageszeitung "Die Welt" auf Dauer unhaltbar ist. Die neue Messerkultur, deren großer Aufschwung im Herbst 2015 begann, hat mit nichts zu tun, braucht aber eine klare Antwort des Rechtsstaates: Ein radikales, allumfassendes und ausnahmsloses "Total-Verbot" (Die Welt) für "Macho-Messer", das "unser Land sicherer machen würde als jede Islam- oder Hartz IV-Debatte". Schließlich, so das Blatt, gebe es "keinen vernünftigen Grund, ein Messer zu tragen". Die drei einzigen Gruppen, die Messer mit feststehenden Klingen tatsächlich bräuchten, seien "Jäger, Angler und Köche". Alle anderen Messer dienten hingegen in "erster Linie als Männlichkeitsverlängerer".

Ein Zustand, den sich eine wirklich freie Gesellschaft so nicht länger leisten kann. Obwohl "Messerattacken, Messerüberfälle und Messeropfer" (Die Welt) seit Jahrhunderten zum alltäglichen journalistischen Graubrot gehören, ist es ausgerechnet nun, heute, jetzt, im Frühjahr 2018, "nur für wenige Gruppen von Menschen vertretbar, ein Messer in der Tasche mit sich zu führen".

Die meisten Besitzer von Messern seien fast ausnahmslos "junge Männer", jene geheimnisvolle gesellschaftliche Gruppe, die in den vergangenen Jahren einen gewalttätigen Boom erlebte. Unabhängig von Herkunft oder Religion, so die "Welt", sei das "die gefährlichste Spezies der Welt": Mit einem Messer in der Hand fühlten sich diese "Halbstarken" (Walter Ulbricht/Die Welt) als "Komplettstarker oder sogar 1,5-fach-Starker".

Dass man nun "wieder jeden Tag von Attacken mit Messern" hören, ist, das "wieder" deutet darauf hin, "nicht neu". Das habe "mit gesteigerter Wahrnehmung zu tun", schreibt der Welt-Messerexperte, der aber gleichzeitig sicher ist, dass auch die "simple Tatsache" eine Rolle spiele, dass diese vielen "jungen Männer" viel zu leicht an diese lebensgefährlichen "Macho-Messer" herankämen.

Deshalb bleibt nur der Schritt, "diese Art von Messern komplett zu verbieten", wie das China schon vor Jahren so entschlossen getan hat. Fünfzehn Jahre nach der letzten Verschärfung des Messerrechts, das damals Butterfly-Messer und Klingen mit mehr als sieben Zentimetern auf immer aus der Öffentlichkeit unseres freien Landes verbannte, müssen nun ein Verkaufs- und ein Besitzverbot auch für kürzere Messer folgen, die als sogenannte "Macho-Messer" unabhängig von Religion und Stammeskultur zum bundesweiten Problem geworden sind.

"Ein komplettes Verbot der Macho-Messer wäre ein Beweis dafür, dass die Politik Probleme erkennt und handelt", legt die "Welt" den Finger in die vielleicht tiefste Wunde der Gegenwart: "Innerparteiliche Debatten über Islam und Hartz IV mögen wichtig sein." Aber wirklich sicher machen kann unser Land nur ein Messerverbot.

Sonntag, 1. April 2018

HFC: Eine Demonstration von Mannschaftsgeist und Größe

Endlich lacht er wieder: Braydon Manu ist nach Monaten der Verbannung zurück im Spiel.
Als die Nacht am tiefsten war, kam mit Toni Lindenhahn einer von der Bank, der nicht eingeladen oder gebeten werden musste, alles in die Waagschale zu werfen, was er hat. Und neben ihm standen im Rot und Weiß des Halleschen FC auf einmal Männer, die sich an einem Mittwochabend, als alles auseinanderzufallen schien, miteinander verschworen hatten: Daniel Bohl, Mathias Fetsch, Marvin Ajani und Braydon Manu, der kleine Wirbelwind aus dem Sommer 2017, der nach seinen ersten Galaauftritten von den eigenen Mannschaftskameraden in ein Loch gestoßen und von Trainer Rico Schmitt nie wieder hinausgezogen worden war.

Die Notnägel retten es


Es waren die Ersatzleute, die Bankdrücker, die Notnägel, die da zusammensaßen. Und über ein gemeinsames Schicksal sprachen: Alle am Tisch hatten noch Vertrag für die kommende Saison oder aber die Absicht, weiter in Halle 3. Liga zu spielen. Alle gehörten nicht zu den erklärten Vertrauensspielern des Trainers und alle waren unzufrieden mit einer Gesamtsituation, die am Ende einer nie leichten Saison voller Verletztenpech, Hader und mannschaftsinternem Zwist dazu geführt hatte, dass sich selbst die treuesten der treuen Fans angewidert abwandten.

Irgendwas geschah an diesem Abend im März, keine 24 Stunden nach dem fürchterlichen Desaster im Pokalspiel gegen den Verein aus der Börde, der seine Ersatzelf nach Halle geschickt hatte. Denn seitdem steht ein anderer HFC auf dem Platz, personell und mental. Gab es vorher in zehn Punktspielen bescheidene zehn HFC-Tore, die in zwölf Punkten resultierten, steht die Bilanz seitdem bei sechs Toren in zwei Spielen, mit denen sechs Punkte geholt wurden - drei davon bei überhaupt erst zweiten Auswärtssieg in Großaspach, drei nun im zweiten Auftritt der numerischen B-Elf, die auch den Konkurrenten aus Erfurt satt und sauber mit 3:0 abfertigte.

Zusammen mit den drei Spielen zuvor, in denen spielerisch bescheidene Auftritte und viel Glück zu zwei knappen 1:0-Siegen und einem Remis in Chemnitz reichten, findet sich der HFC in der Formtabelle der 3. Liga auf einmal auf einem sagenhaften 3. Platz - zwei Ränge vor dem aufstiegsambitionierten Verein aus der Landeshauptstadt.

Endlich eine Mannschaft


Ein Wunder, dessen Gründe aber auch im Spiel gegen Erfurt unübersehbar sind. Endlich steht da eine Mannschaft auf dem Platz, endlich erstickt nicht mehr ein Alleinherrscher, über den jede Aktion zu laufen hat, die Kreativität des Spieles. Die zeigen einmal mehr die beiden Rechtsaußen spielenden Neuentdeckungen der Spätphase dieser Saison: Toni Lindenhahn und Braydon Manu sind vom Anpfiff weg ein Duo, das sich immer wieder blind sucht und findet.

Nicht alles klappt, doch dass es bis zu einem ersten HFC-Treffer nicht lange dauern wird, da sind sich die 5700 Zuschauer früh sicher. In der vierten Minute ist es dann auch schon soweit: Nach einer Manu-Eingabe verpasst Lindenhahn, der Ball wechselt die Seite, Fabian Baumgärtel holt ihn und flankt, Lindenhahn verlasst zentral vor dem Tor erneut. Aber hinter ihm steht Manu, der volley schießt, nicht richtig trifft, aber dafür das Tor.

Für Erfurt schwinden die letzten Chancen, die Liga doch noch zu halten. Zumal der HFC weiterspielt wie so selten in den letzten 24 Monaten. Kombinationsfußball, vor allem über die Lindenhahn/Manu-Seite, aber auch Baumgärtel und der auch erst seit kurzem im Startaufgebot stehende Niklas Landgraf deuten an, warum sie als Berufsbezeichnung "Fußballspieler" angeben. Daniel Bohl, mit großen Erwartungen nach Halle gekommen, hier aber dauerhaft von anderen aus der ersten Elf dominiert, grätscht und stopft die Löcher, Fennell ordnet das Spiel. Und wo Erfurt doch einmal bis an den HFC-Strafraum kommt, räumen Ajani, Schilk, Müller und Baumgärtel ab, was anzubrennen droht.

Was hätte das für eine Spielzeit werden können, wäre es öfter gelaufen wie heute, wo auch der Gegner mitspielt. Erfurt-Keeper Klewin spielt in der 33. Minute einen langen Ball ins Mittelfeld, den Nick Fennell erwischt. Und im Stil von Zlatan Ibrahimovic aus 30 Metern einnetzt.

Niemand hat die Absicht, mehr Tore zu schießen


2:0 schon und noch 60 Minuten zu gehen. Der HFC könnte hier gegen Thüringer, die sich aufgegeben haben, Historisches schaffen. Einen Sieg mit vier, fünf oder sieben zu null! Aber nachdem Mathias Fetsch in der 41. Minute nach einer Lindenhahn-Eingabe keine Mühe hat, das dritte HFC-Tor zu machen, lassen es die Hallenser ruhig angehen mit den Gästen, mit denen den HFC eine lange gemeinsame Geschichte verbindet. Niemand hat die Absicht, hier noch mehr Tore zu schießen, wenn es nicht sein muss. Zu krass ist jetzt schon der Unterschied dieses HFC mit dem von Januar oder Februar: Statt eines Haufens einzeln nebeneinanderherarbeitender Spielerdarsteller tritt hier eine Mannschaft auf. Niemand versteckt sich hinter einem anderen, niemand schieb Verantwortung ab. Man rudert gemeinsam ans rettende Ufer.

Gelassen spielen Lindenhahn, Fennell, Bohl und Müller die zweite Halbzeit herunter, es gibt noch Chancen, aber kaum echten Ärger darüber, dass sie nicht verwertet werden. Dann darf Manu gehen, verabschiedet mit Applaus, ihm folgt auch Lindenhahn, der im Rückblick auf diese Spielzeit später einmal sicher der Spieler sein wird, der das Ruder herumgerissen hat. Die Ultras, die nach dem Pokalaus einen - verständlichen - Stimmungsboykott verkündet hatten, halten immer noch an ihrem inzwischen sinnlosen und kontraproduktiven Beschluss fest.

Demonstrativer Applaus für die Erfurter Kurve


Ihre Mannschaft aber zeigt echte Größe und sportlichen Charakter, als sie nach dem Schlusspfiff, den den Abstieg von Rot-Weiß Erfurt in die Regionalliga besiegelt, mit den Erfurter Kollegen hinübergeht in die prallvolle Fankurve der Thüringer und sich mit demonstrativem Applaus von deren Anhang verabschiedet.

Ja, es hätte schlimmer kommen können in Halle, sehr viel schlimmer.

Nun aber wird vielleicht doch noch alles gut.

Zitate zur Zeit: Ein wenig Marx lesen

"Glaubst du wirklich, die Welt verändern zu dürfen, nur weil du ein wenig Marx gelesen hast? Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass du etwas wirklich Komplexes, das einigermassen funktioniert, mit deinem blödsinnigen Eingriff verbessern wirst, gleich null."

Jordan Peterson glaubt, dass es immer besser ist, bei sich selbst anzufangen

eCall: Das kommende Zeitalter der Komplettüberwachung

Mit eCall bekommt die Überwachung der Bürger eine neue Dimension.
Es ist der Traum jedes Geheimdienstes, den die EU mit der ab heute geltenden Pflicht zum Einbau eines eCall-Systems verwirklicht. Anfangs noch auf Neuwagen beschränkt, wird die in Pkw eingebaute Sim-Karte perspektivisch alle Fahrzeuge in ganz Europa zu fleißig blinkenden Pünktchen auf einer umfassenden Überwachungskarte machen. Offiziell ist eCall zwar nur beauftragt, im Fall eines Unfalls automatisch unter anderem Standortdaten, die Zahl der Insassen und die Art des Treibstoffs zur nächsten Rettungsleitstelle zu übermitteln. Durch die aktive Mobilfunkeinheit den GPS-Empfänger und den Antennenanschluss, den es dazu braucht, ist es jedoch auch möglich, in Verdachtsfällen eine Dauerüberwachung durchzuführen oder nach bestimmten Mustern per Rasterfahndung zu suchen.

Die Einführung von eCall kann als neues Meisterstück einer entgrenzten EU-Bürokratie gelten. Zehn Jahre lang hatte das System niemand kaufen wollen, auch die Autohersteller waren unwillig, es anzubieten. Dann aber schaltet sich die EU-Kommission ein, die mit einer Zahl von rund 25.000 Verkehrstoten in Europa im Jahr argumentierte - und zugleich vorgab, eCall könne etwa zehn Prozent der Opfer das Leben retten, weil sich die Rettungszeiten mit dem automatischen System "halbieren" würden.

Die EU-Kommission ging bei der Einführung vor wie immer: Vor drei Jahren wurde eine Verordnung verabschiedet, die seinerzeit niemand ernst nahm, weil der Zeitpunkt des Inkrafttretens weit in der Zukunft lag. Ab heute tritt die Notrufpflicht nun in Kraft, aber erstmal nur für Neuwagen mit neuer Typzulassung. Erst nach und nach werden sämtliche Fahrzeuge mit eCall ausgerüstet - in zehn bis 15 Jahren aber wird in Europa kaum noch ein Pkw rollen, der nicht jederzeit anpingbar ist.

Das Zeitalter der Komplettüberwachung hat damit begonnen, denn im Unterschied zum privaten Handy lässt sich der telefonierende Pkw nicht abschalten. Wo immer ein eCall-Auto steht oder fährt, loggt es sich wie ein Handy in die nächste Funkzelle ein und meldet über eine Kombination aus GPS-Sender und Funkidentifikation seinen jeweiligen Standort. Formell geschieht das auf der rein technischen Ebene, eine Dauerüberwachung findet nicht statt. Erst nach einem Unfall werden Standort, Fahrzeugidentifizierungsnummer, die Antriebsart, Zahl der betroffenen Personen und die genaue Unfallzeit übermittelt.

Doch die Bewegungsdaten inklusive der Angaben darüber, wie viele angeschnallte Personen im Auto sind und welche Bewegungsrichtung das Fahrzeug hat, werden gespeichert - selbstverständlich in Übereinstimmung mit den europäischen Datenschutzrichtlinien, die einen Zugriff nur erlaubt, wenn eine europäische Verordnung oder eine andere gesetzliche Vorschrift dies gestattet.

eCall wird damit perspektivisch tatsächlich lückenlos alle Bewegungsdaten aller Fahrzeuge in der EU erfassen und es Behörden ermöglichen, Bewegungsprofile sämtlicher Teilnehmer am Individualverkehr zu erstellen. Geschwindigkeitsübertretungen können künftig ebenso automatisiert geahndet werden wie andere Verkehrsverstöße, eine Abrechnung von Maut-Zahlungen wäre automatisch möglich, in Kombination mit der immer noch vor der Wiedereinführung stehenden Vorratsdatenspeicherung erlaubten es die eCall-Daten sogar, polizeiliche Ermittlungen aller Art erleichtern. Kaum zufällig hatte die Bundesregierung erst im vergangenen Jahr die Liste der Delikte verlängert, zu deren Aufklärung Kommunikations- und Standortdaten abgefragt werden dürfen.

Dass nach einer angeblichen "Berechnung" (Spiegel) der zuständigen Parlaments-Berichterstatterin Olga Sehnalová „bis zu 2500 Leben im Jahr durch eCall gerettet werden“ könnten, ist da eher ein Abfallprodukt der Einführung des umfassendsten Überwachungssystems, das die Menschheit bisher kannte.