Donnerstag, 17. Dezember 2015

Wie ein Rechtschreibfehler das Weltklima rettete

Sollen wir oder sollten wir? Das war letztlich bei der großen Klimakonferenz in Paris die entscheidende Frage. Die USA-Delegation war gegen ein „shall“, weil das Präsens zu sehr wie eine Verpflichtung wirken würde, was Präsident Obama zwänge, mit dem unterschriebenen Vertrag im klimafeindlichen Kongress vorstellig zu werden. Der ihn ablehnen würde.

Die Amerikaner wollten ein „should“ stattdessen, ein „sollte“ also, zu verstehen als Konjunktiv, nicht als Präteritum. Das bringt Luft in Vertragsgestaltung, denn eine Empfehlung kann man auch Staat sehr ernst nehmen, ohne sie je umzusetzen.

Die Erderwärmung wird zum verbalen Problem. Als wäre sie nicht auch ohne einen Streit um Vokabeln ein. Aber mit hat das schon ein anderes Kaliber. Als der "Spiegel" einst lobte, "die letzte Juni-Woche findet schon nicht mal mehr im Hundertjährigen Kalender ihresgleichen", ahnte man die die historische Dimension.

Deutschland auf dem Höhepunkt der 70er Jahre. Hitzetage ohne Beispiel: Im Ruhrgebiet fuhren winterliche Streukolonnen, um aufgematschten Asphalt mit Sand griffig zu halten. An der Saar schwärmten Inspektoren aus, um entlang den Flüssen zu verhindern, daß unter trockenheitsgeschädigten Bauern "der Höhergelegene dem Tiefergelegenen was wegnimmt" (ein Ministeriumssprecher).

Klären soll das eine klare, internationale Regelung. Alle anderen Nationen wollten aber nicht abrücken von dem symbolträchtigen „shall“, das sehr viel strenger klingt als das weiche „should“. Das ganze Klima, also zumindest das Abkommen darüber, war in Gefahr.

Was also tut der gute Diplomat? Er findet eine diplomatische Lösung, mit der alle leben können: Statt „shall“ steht im Klimaabkommen nun „should“ wie es die amerikanische Delegation wollte. Doch die Formulierung gilt offiziell als „Schreibfehler“, der wegen Übermüdung technischer Hilfskräfte entstanden sei.

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Doku Deutschland: Mit einem Klick ins Glück

Die Kurven sind mein Freund. Was immer es zu wissen gibt, steht in den Kurven: hier ein scharfer Knick, dort ein steiler Anstieg, daneben eine Zickzack-Linie, unterlegt mit einer gelben Welle. Das Geheimnis ist, sage ich immer, dass man solche Charts lesen können muss.

Ich kann sie lesen, denn ich bin Börsenhändler. Nun schauen Sie nicht so, das ist nichts Unanständiges, auch wenn ihnen das die Zeitungen erzählen. Leute wie ich halten die Wirtschaft in Schwung! Gestern hatte ich 2 000 Euro plus, vorgestern 4 000. Letzte Woche allerdings lief es nicht so gut, ich bin ja ehrlich. Ein paar Spekulationen gingen nicht auf, die Kurven haben mich, sag ich mal, irgendwie verraten.

Ich habe damals angefangen, als es mit dem Neuen Markt losging, die Älteren erinnern sich. Wäre ja auch schön blöd gewesen, diese Chance liegenzulassen. Nicht mehr aus dem Haus, keinen Chef über sich dulden müssen, keine dämlichen Beratungen, dummes Geseier, Überstunden. Als mein eigener Broker bin ich der Bestimmer, ich sage, wann es losgeht, was gemacht wird und wann ich mit dem Hund rausgehe.

Besser geht es nicht. Der Job ist absolut planbar. Ich habe Bildschirme, auf denen Echtzeit-Kurse in weiß, rot und grün blinken wie die Spätvorstellung im Mäusekino. Ein Klick, und ich kaufe, ein Klick, und ich bin es wieder los. Natürlich habe ich mir Erfahrungsberichte durchgelesen, als eine sogenannte Stützhilfe.

Ein Beruf für jedermann,sage ich immer. Nur wer nervös wird, sich ärgert und seine Emotionen nicht wegdrücken kann, ist hier falsch. Meine ersten anderthalb Jahre lang habe ich selbst auch böse Lehrgeld gezahlt. Ein paar schnelle Erfolge, und schon denkst du, der Markt dreht sich, wie du willst. Macht er aber nicht. Ich hatte Monate voller frustrierender Erfahrungen, ich habe alle typischen Anfängerfehler gemacht. Ich habe nicht auf die Kurven geschaut, sondern versucht, gegen die Kurven Recht zu behalten. Dann kommt es, wie es immer kommt: Man glaubt, man muss Verluste aussitzen, man entscheidet aus dem Bauch und man entscheidet falsch.

Nach einem Jahr war nichts übrig. Ich habe mireine Pause verordnet, Fachbücher gelesen und Trockenübungen gemacht. Seitdem habe ich mein Konzept. Ich schaue, wo Bewegung ist, egal ob nach unten oder nach oben. Und springe auf einen fahrenden Zug. Ich hoffe jedes Mal, dass ich eine schöne Reise mache.

Täglich. Ich handle mit Aktien, CFDs, Optionen, Futures. Und mit Erfolg. Manchmal denke ich, mein Geheimnis ist das alte Lineal, mit dem ich an den Kurven auf dem Bildschirm grob abschätzen kann, wie der Trend verläuft. Seit ich das benutzte, klebe ich am Geld.

Inzwischen herrscht auch technisch nahezu Waffengleichheit unter den Profis in den Banken und uns Amateuren. Als ich anfing, dackelte man zur Bank, gab seinen Auftrag ab, und wenn man Glück hatte, kam ein paar Tage später die Bestätigung für den Kauf. Per Post. Heute dagegen habe ich ein High-Tech-Cockpit mit Realtime-Kursen und einer speziellen Software, die die Kurse aller weltweit gehandelten Papiere im selben Moment lesen wie die professionellen Händler von Banken und großen Fonds. Gebe ich einen Kaufauftrag ein, liegt der im gleichen Augenblick im Börsensaal.

Verluste begrenzen, Gewinne laufen lassen - zwischen neun Uhr morgens, wenn die deutschen Börsen öffnen, sitze ich am Tisch und schaue, wie ich meine Tagesstrategie umsetzen kann. was läuft, lasse ich laufen bei 15 Prozent Minus dagegen bin ich raus. Läuft ein Wert heiß, ziehe ich meinen Verkaufskurs automatisch hinterher. Bricht die Rallye zusammen, sind meine Gewinne sicher.

Mehr aus der PPQ-Serie Doku Deutschland:
Zum Schleppertreffen
Das sexistische Genderist
Der edle Schlepper
Die Stimme des Bauchtrainers


Sie ist wieder da!

Widerlich: Ausländer beschimpfen Deutsche als Nazis!
Angela Merkel selbst hat sie an ihrem Busen genährt, die Zeitungen des Springer-Verlages haben ihnen Mal um Mal die Hand zur Freundschaft gereicht.

Und doch fällt den Griechen keine vier Monate nach der siebten Griechenlandrettung nicht Besseres ein als Deutschland, die Deutschen und deutsche Zeitungen als Nazipanzer darzustellen, die mit Offset-Ketten und Hakenkreuz über Europa rollen!

Sie ist wieder da, die Nazi-Keule, die noch nie weggewesen ist. Nach Deutschland selbst, in dem der Nazi-Vorwurf inzwischen zu jeder tiefgründig geführten politischen Diskussion gehört, erobert Hitler nun auch die Welt.

Ob Dresden, Frankreich, Thüringen, Polen oder Oberfranken, überall reckt die widerliche Fratze des offenen oder versteckten Faschismus ihr hässliches Haupt, um noch unentschlossene Bürgerinnen und Bürger mit unhaltbaren Versprechungen auf die dunkle Seite der Macht zu locken.

Freibad-Faschisten, Pegida-Parolen, durchgedrehte Reichsrockbeauftragte und bislang vergebliche Bemühungen der Bundesmeinungsfreiheitsschützer, abdriftende Freunde der demokratischen Grundordnung durch liebevolle Umarmungen von ihren falschen Weg abzubringen - nie war ein Viertes, Fünftes und Sechstes Reich so nahe wie heute.

Das Faszinierende daran: Das lässt sich von jedem einzelnen Tag seit dem 8. Mai 1945 sagen. Die Wissenschaft steht vor einem Rätsel, denn je weiter der Nationalsozialismus sich zeitlich entfernt, so sehr scheint er sich räumlich zu nähern. Dieses vor allem in Fernsehdiskussionen und Kommentarspalten frei verkäuflicher Zeitschriften zu beobachtende Phänomen der Braunverschiebung folgt nach ersten Erkenntnissen der Wissenschaft dem sogenannten relativen Dopplereffekt. Dabei wird von einem zweiten, sich relativ entfernenden Objekt - in diesem Fall Hitler - eine Strahlung emittiert, die steigend mit der Fluchtgeschwindigkeit der beiden Zeitpunkte voneinander zunimmt.

Dabei tritt nicht wie bei der aus der Physik bekannten Rotverschiebung ein Energieverlust ein, sondern eine Anreicherung. Vollwertiger Nazi ist damit schon, wer sich dagegen verwahrt, Nazi zu sein. Dieses Verhalten, haben Forscher des Innenministeriums herausgefunden,; ist ein typisches für überzeugte Faschisten. Hier gelte es, den Anfängen zu wehren und schon erste Anflüge eines Abkippens durch entschiedene Maßnahmen zu bekämpfen.

Dienstag, 15. Dezember 2015

Merkels größte Rede: Die Negation der Negation

Es ist ein Satz von ebensolcher Tiefe und Schönheit wie der von Wladimir Lenin über Karl Marx' Lehre, die "allmächtig ist, weil sie wahr ist." Angela Merkel selbst, nach eigenem Bekunden Schülerin von Adenauer, Erhard und Kohl, gießt es in die Formulierung "Wenn wir zweifeln, dass wir das nicht schaffen könnten, wären wir nicht die CDU."

Ein Ringschluss von historischer Perfektion, so lassen es die Schlagzeilen der Kanzlerpresse vermuten. Selten ist Blutdurst so schnell handzahm geworden, selten wurde eine Jagd so still und leise abgeblasen.

Auf Einzelheiten kommt es nicht mehr an, wenn Partei, Land und Volk sich wie ein Mann hinter seine Führung schart. Wie ein Mann stehen die Genossen, wie eine Frau steht Merkel vor ihnen. Sie kann nicht anders, sie "denkt Politik von hinten" (Focus), sie triumphiert (SZ), sie "vereint die CDU hinter sich" (Zeit), sie hält gar "ihre stärkste Rede" (n-tv).

Mit dem stärksten Satz, so stark, dass noch Generationen von Merkel-Forschern mit dem Abschälen der Rindenschichten seiner inneren Bedeutung befasst sein werden: "Wenn wir zweifeln, dass wir das nicht schaffen könnten, wären wir nicht die CDU", hat die Kanzlerin gesagt. Ein Satz mit sieben doppelten Böden.

Die Nation und ihre medialen Protokollanten hören "wenn wir zweifeln, dass wir das schaffen, sind wir nicht die CDU". Das aber ist gar nicht gesagt worden, sondern das genaue Gegenteil: Wer zweifelt, dass er etwas nicht schafft, ist nicht die CDU. Nicht nicht ist nicht nicht nicht, sondern nicht nicht. Merkel, mit einer gediegenen Grundausbildung in marxistischen Verbalzaubertechniken, nutzt die Negation der Negation, um alles zu sagen - und das Gegenteil.

Während alle meinen, sie habe der CDU gesagt, sie dürfe nicht zweifeln, weil sie sonst nicht die CDU wäre - hier nutzt sie zudem geschickt den Konjunktiv, um die rein theoretische Komponente dieser absurden Überlegung zu unterstreichen - sagt sie in Wirklichkeit, dass eine CDU nicht die CDU wäre, zweifelte sich nicht daran, dass es nicht zu schaffen ist.

Wenn die CDU zweifelt, dass sie es nicht schafft, ist sie nicht die CDU. Zweifelt sie also, dass sie es schafft, ist sie die CDU. Zweifelt sie? Durchaus. Sie ist also, um mit Lenins Definition einer perfekten Ideologie zu sprechen, die CDU, weil sie richtig und damit wahr ist.


Weltklima: Warum niemand mehr von Kyoto spricht

Ehe es das große Weltenretterabkommen von Paris gab, war Kyoto der heißeste Anwärter auf den Titel Klimaheldenstadt. Am 11. Dezember 1997 , fast taggenau 18 Jahre vor dem wegweisenden Klimaabkommen von Paris, beschlossen die meisten Staaten der Welt in der japanischen Stadt ein wegweisendes Protokoll, nach dem der Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen in einer sogenannten ersten Verpflichtungsperiode zwischen 2008 und 2012 um durchschnittlich 5,2 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 reduziert werden sollte.

Schon 2011, drei Jahre nach Beginn dieser ersten Phase des Abkommen, hatte 191 Staaten es tatsächlich ratifiziert. Bis 2010 wurde auch viel berichtet über Erfolge im Klimakampf, die vor allem Erfolge der sogenannten großen Verursacherländer waren. Ausgenommen die USA, die sich der Vernunft verweigerte, weil Bush böse war.

Deutschland schaffte seine Klimaziele locker, weil die inzwischen abgeschaltete DDR-Industrie in die Ausgangszahlen eingerechnet worden war. Auch Großbritannien zeigte sich klimafreundlich – die Umgestaltung der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft mit nach China ausgelagerten Fabriken half, den britischen Klimaminderungsanteil beizusteuern. Frankreich war gleich richtig schlau gewesen und hatte seinen Minderungsbetrag auf Null festlegen lassen.

Gleichzeitig allerdings stieg der Anteil der 15 Anlage-B-Klimaschadenführungsstaaten dennoch. Vereinigten sie 1990 noch 91,2 Prozent aller Emissionen auf sich, waren es 2010 schon 92 Prozent. Die EU lag, so lange noch über Kyoto berichtet wurde, gut im Plan. Die EU-15-Staaten sollten im Durchschnitt über alle Länder ihre Treibhausgase um acht Prozent reduzieren. Wie beim Nachfolgeabkommen von Paris gab es Prüfungs- und Nachprüfungsrunden. Und bis 2012 war das Kyoto-Ziel auch in Europa mit eine Senkung um 5,2 Prozent im Durchschnitt nicht erreicht worden.

Es wurde dann nicht mehr darüber berichtet, es war nach Bushs Abgang auch kein Bösewicht mehr da, dem man es in die Schuhe schieben konnte, eigentlich die CO2-Emissionen von allen verschuldet zu haben.

Das feste Wissen aber, dass Deutschland ein Klimamusterknabe ist, das blieb. Mit immerhin 24 Prozent Absenkung von 1990 bis 2009 zeigte die Bundesrepublik endlich wieder ein Wesen, an dem die Welt hätte genesen können. Wäre da nicht der kleine, kleine Makel, dass die Reduzierung zwischen 2009 und 2014 dann noch genau Null betrug: 912 Millionen Tonnen CO2 produzierte Deutschland 2009. Und so viel produzierte Deutschland auch 2014 wieder.

Nach einer Reduzierung von 24 Prozent in 20 Jahren – durchschnittlich 1,2 Prozent pro Jahr - folgte also eine von null Prozent in fünf Jahren. Zusammen ist das ein Prozent pro Jahr - weit weg von den acht, die ursprünglich geplant waren, weit weg sogar von den 5,2 Prozent, die man sich zwischendrin mal europaweit zurechtgerechnet hatte.

Nach den ursprünglichen Plänen von Kyoto 1997, von denen schon lange niemand mehr spricht, hätte Deutschland nun übrigens noch fünf Jahre Zeit, um von 912 Millionen Tonnen Ausstoß auf 750 Millionen Tonnen zu kommen. Das wäre eine Reduzierung von 3,6 Prozent pro Jahr, also eine Reduzierung im dreifachen Tempo des vergangenen Vierteljahrhunderts.

Naheliegend, dass man lieber ein neues Klimaabkommen schließt, als das alte einzuhalten.



Montag, 14. Dezember 2015

Die Obergrenze des Wirschaffendas

Ein bisschen Spaß muss sein, erst recht, wenn keiner mehr lacht. Nach der Kaperung des Twitter-Account des Bundesamtes für #Migration und #Flüchtlinge (BAMF) durch Unbekannte haben sich die anonymen Einbrecher einen besonders hinterlistigen Scherz erlaubt.

Zuerst twitterte das vermeintliche Bundesamt, "um Missverständnisse auszuräumen", Bamf-Leiter Frank-J. Weise habe gegenüber der Bild-Zeitung keine Obergrenze für Flüchtlinge gefordert.

Sekunden später dann stellte das BAMF dann klar, wo die Obergrenze liegt, bis zu der das Amt, das seit Monaten vom Chef der Arbeitsagentur im Nebenerwerb geführt wird, in der Lage sei, einen weiteren "Zustrom" (Spiegel) von Flüchtlingen im kommenden Jahr im Griff zu behalten.

Bamf-Chef Weise habe "im Interview lediglich gesagt, dass seine Behörden 2016 die Zahl von 500.000 neuen Asylbewerbern bewältigen können".

Es können also auch 600.000 oder sechs Millionen kommen. Die bewältigt das Bamf dann zwar nicht mehr. Aber zu schaffen ist das.

Erwärmungsverbot: Pustewind und Sonnenschein werden uns're Zukunft sein

Die Kuh ist vom tauenden Eis, das nach dem Auslaufen von Kyoto bedrohte Weltklima gerettet. In letzter Sekunde fast konnten sich die Führer der internationalen Staatengemeinschaft auf ein radikales Verbot der weiteren Klimaerwärmung einigen. Mit scharfen, wenn auch zur Zeit noch nicht konkret bekannten und benannten Maßnahmen werden die unterzeichnenden Länder künftig gegen jeden Versuch vorgehen, das Weltklima um mehr als 1,9, 1,5 oder noch weniger Grad zu erwärmen. PPQ dokumentiert die entscheidenden Punkte des Erwärmungsverbotes:

Erwärmungsüberwachung
Die Staaten setzen sich das Ziel, die Erderwärmung im Vergleich zu früher "weit unter" zwei Grad Celsius zu beschränken. Zudem sollen Anstrengungen unternommen werden, den Temperaturanstieg bereits bei 1,5 Grad zu stoppen. Die Nennung des 1,5-Grad-Ziels war eine Forderung besonders bedrohter Länder wie der Inselstaaten. Damit ist die in Deutschland erfundene Zwei-Grad-Bremse erstmals amtlich.

Gleichgewicht am Jahrhundertende
In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, wenn alle unterzeichnenden Poliker mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit tot sein werden, soll ein Gleichgewicht erreicht sein zwischen dem menschgemachten Ausstoß von Treibhausgasen und der CO2-Bindung durch sogenannte Senken, das sind etwa Wälder, aber auch unterirdische Kohlendioxidspeicher. Nach Darstellung von Klimawissenschaftlern, die zum Abrechnungszeitpunkt Ende des jahrhundert überwiegend alle tot sien werden, würden damit die Netto-Emissionen auf null gesenkt. Wer die Speicher wo bauen wird, wurde nicht festgelegt.

Überprüfungsmechanismus beim Scheitern der Klimaziele
Vor dem Klimagipfel haben 186 Staaten freiwillige nationale Klima-Ziele vorgelegt. Allerdings reichen die Maßnahmen nicht aus, um den Temperaturanstieg auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Der Vertrag sieht deshalb vor, dass die selbstgesteckten Ziele ab 2023 alle fünf Jahre überprüft und verschärft werden. reichen sie nicht aus, werden sie überprüft. Im Jahr 2020 sollen die Staaten dann ihre nationalen Klima-Ziele für den Zeitraum 2025 bis 2030 vorlegen. Sollten die dort enthaltenen konkreten Ziele zur Minderung des CO2-Ausstoßes nicht ausreichen, werden sie erstmals 2025 überprüft.

Berichtspflicht und Bilanzerstellungsbehörde
Die Staaten vereinbaren ein gemeinsames System von Berichtspflichten und Transparenzegeln. Dazu soll jedes Land eine Bilanzberichtserstellungsbehörde bekommen, die CO2-neutral den CO2-Ausstoß prüft und weitermeldet. Dabei sollen die unterschiedlichen Voraussetzungen und Fähigkeiten der Länder berücksichtigt werden. Damit ist sichergestellt, dass etwa bei der statistischen Erfassung des Kohlendioxid-Ausstoßes arme Länder nicht die gleichen Ansprüche erfüllen müssen wie reiche.

Sanktionen
Fundamentaler Erfolg der Weltgemeinschaft auch bei der Sanktionierung von Statten, die gegen ihre Pflicht zur Einhaltung der verbindlichen Klimaziele verstoßen. Nach dem Abkommen von Paris müssen sie damit rechnen, kritisiert zu werden, unter Umständen auch recht scharf.

Abgefederter Untergang
Viele Entwicklungsländer, etwa Inselstaaten, sind durch den Klimawandel bedroht. Die InselTuvalu etwa geht schon seit 15 Jahren beständig unter, dennoch schwimmt die sogenannte "Südsee-Ente" (Der Spiegel) noch immer. Mit mehr Frühwarnsystemen und Klimarisikoversicherungen soll das Untergehen jetzt abgefedert werden.

Überweisungslimit
Die Industriestaaten müssen arme Staaten beim Klimaschutz und bei der Anpassung an die Erderwärmung unterstützen. Wer möchte, kann aber auch einen freiwilligen finanziellen Beitrag leisten. Die Industrieländer haben versprochen, ab 2020, wenn die unterzeichnenden Politiker allesamt nicht mehr im Amt sein werden, jährlich 100 Milliarden Dollar für arme Staaten bereitzustellen. Die armen Läönder haben sich bereiterklärt, diese Summe bis 2025 anzunehmen. Bis 2025 soll dann ein neues Überweisungslimit festgelegt werden.

Zielerfüllung
Durch das erstmals konkret formulierte Maßnahmebündel aus Erwärmungsüberwachung, Zielerstellung mit Nachregulierungsfunktion, Gründung der klimaneutralen Bilanzerstellungsbehörden, Untergangsbeihilfen und finanziellen Überweisungslimits ohne Zahlenangabe besteht eine gute Chance, dass die Erde ihrem eigenen Untergang noch einmal von der Schippe springt. Das Erwärmungsverbot ist für das Weltklima bindend, mehr als 1,9 Grad sind nun nicht mehr drin - damit haben die Staatsfrauen und -Männer in Paris sogar die ehrgeizigen deutschen Träume von einem Klima auf Vorkriegsniveau übertroffen. Das "Wunder von Paris" (Der Spiegel) muss nun nur noch umgesetzt werden, indem alle auf irgendetwas verzichten, verstärkt Pustewind und Sonnenschein nutzen und sich den Energeiausstieg zum Vorbild nehmen.

Angesichts der in den letzten Tagen erfolgreich absolvierten harten und epochalen Verhandlungen um die Formen und Vorgaben künftiger Verhandlungen um Inhalte ist das aber nur noch der kleinere, leichtere Teil.

Sonntag, 13. Dezember 2015

HFC: Zu viel rumgerannt

Erst jubeln die Roten.
"Ich bin rumgerannt, ich bin rumgerannt, zuviel rumgerannt, ist doch nichts passiert", spielen sie in der Halbzeitpause, die Erholung von einer denkwürdigen ersten Hälfte bietet. Kaum jemals in dieser wechselhaften Saison war der Hallesche FC seinem Gast so drückend überlegen, kaum jemals seit dem Neustart mit Trainer Stefan Böger hagelte es dermaßen viele Torchancen für die Rotweißen. Und kaum jemals gelang es der vor einer Woche endlich mal wieder siegreichen Mannschaft, den sicher geglaubten Sieg am Ende so konsequent aus der Hand zu geben.

Nichts deutet vorher auf diesen Spielverlauf hin. Cottbus kommt als gleichstarker Konkurrent mit einer kleinen Aufstiegsambition, Halle will nach dem debakulösen November endlich wieder eine Serie starten. Cottbus hat die erste Chance, schließt aber danach direkt mit dem Spiel ab. Es spielt ab Minute fünf nur noch Halle, zielgerichtet, schnell, kombinationsstark und auf einen Führungstreffer drängend. Vor nur 6.300 Zuschauern brennt Bögers Truppe ein Feuerwerk ab, bei dem der frühere HFC-Spieler Christopher Schocrch, inzwischen Abwehrchef in der Lausitz, Mühe hat, den Kopf oben zu behalten.

Das erste Tor müsste Jonas Acquistapace mit seinem Kopfball in der 17. Minute erzielen, es macht aber dann Sören Bertram, der von Lindenhahn wunderbar bedient wird. Das dritte hätten Lindenhahn und Osawe nach einer Vier-zu-eins-Überzahlsituation kurze Zeit später folgen lassen müssen, das vierte wäre dann das von Osawe gewesen, der aus kurzer Distanz wuchtig aufs Tor köpft. Nummer fünf und sechs wären an einem anderen Tag von Bertram und Diring mit Fernschüssen erzielt worden. Aber heute nicht, heute steht René Renno im Cottbusser Tor und zwar immer genau dort, wo ein HFC-Schuß landet.

Es steht 1:0 zur Pause, die scheintoten Gäste sind noch am Leben, und das zeigen sie nach dem Wiederanpfiff. Auf einmal ist es wieder das uralte Spiel, auf das schon die Stadion-Choreo der Fankurve anspielte. "Du bist vor Niederlagen nicht gefeit", heißt es das. Offenbar nicht einmal, wenn der Sieg gefühlt schon in trockenen Tüchern ist.

Denn so sehr der HFC die erste Hälfte dominierte, so konsterniert schauen Diring, Rau und Kleineheismann den schwarzgekleideten Gästen nun hinterher. Die dummen Bälle, in der ersten Hälfte immer bemüht, bei einem Roten zu landen, hat jetzt am Ende jedes Zweikampfes ein Schwarzer am Fuß. Halle rennt hinterher, statt beim Mitspieler anzukommen, kullern Pässe ins Seitenaus.

Dann jubeln die Schwarzen.
Was sich für den erfahrenen HFC-Zuschauer andeutet, drückt sich in der 56. Minute auch zählbar aus. Richard Sukuta-Pasu steht verloren in der Mitte zwischen fünf HFC-Abwehrspielern. Bekommt aber den Ball, der nur hereinrauschen kann, weil der bis dahin hervorragende Florian Brügmann dem Abspiel nicht zuvorkommen kann. Und Sukuta-Pasu macht er ansatzlos besser als die HFC-Offensive auf der anderen Seite. Abschluss ohne Ansatz, Tor.

War Halle in der ersten Halbzeit im Pech, weil es nicht schon 3:0 stand, hilft nun aber zumindest das Glück, dass Cottbus nicht auf 1:2 erhöht. Die Begegnung wird nun zu einer Art offener Feldschlacht mit Chancen auf beiden Seiten. Bredlow hält auf seiner Seite genausogut wie Renno auf der anderen, egal, ob Kopfball oder Fernschuss, Ecke oder Freistoß, Pressschlag wie beim eingewechselten Aydemir oder Abpraller wie beim ebenfalls eingewechselten Björn Ziegenbein - nichts geht mehr über die Linie, nicht einmal der Ball, den Selim Aydemir aus sieben Metern auf das leere Tor abschießt.

Das Ergebnis ist zum Schlusspfiff ein mittelmäßiges, es festigt einen Mittelfeldplatz in einer Saison, die schlimm begann, sich in eine herbstliche Kurzzeiteuphorie steigerte, in Stagnation wechselte und ihre Spannung bis zum Neustart im nächsten Jahr aus der Frage beziehen wird, ob Sören Bertram und Osayamen Osawe schon im Winter an größere Fleischtöpfe wechseln oder erst im kommenden Sommer. Und was dann wird.
Geht auch nicht rein, weil Renno hält.


Zustrombremse: Jetzt startet die Flucht aus Ostdeutschland

Eben erst waren sie nach Deutschland „geströmt“ (Spiegel), nun sind sie schon wieder verschwunden. Immer mehr Flüchtlinge lösen sich offenbar unmittelbar nach ihrer Ankunft in Notunterkünften in Luft auf: Zuerst verschwanden 700 Menschen in Niedersachsen, dann 130 in Bremen, mehrere hundert in Bayern und und 200 in Sachsen.

Besonders hart aber scheint diese neue Art der Flucht das ostdeutsche Sachsen-Anhalt zu treffen, das direkt an der Straße der Gewalt liegt. Hier wurden nach Angaben des Innenministeriums bis Anfang Dezember rund 37.600 Flüchtlinge registriert - nahezu ein Drittel aber hatte danach nichts eiligeres zu tun als das als arm, unfreundlich und feucht geltende Land schleunigst wieder zu verlassen.

Derzeit halten sich in den Kommunen nur noch knapp 25.000 Geflüchtete auf, die noch nicht weitergeflüchtet sind. In den Erstaufnahme-Einrichtungen des Landes, die zuletzt mit Feuereifer ausgebaut worden waren, weil Ministerpräsident Reiner Haseloff sich von „Zustrom“ eine Injektion frischen Blutes in den demoskopisch überalterten Volkskörper erhoffte, steht derzeit fast die Hälfte aller verfügbaren 5.200 Betten leer. Ursprünglich hatte das Land Kapazitäten für bis zu 11.000 Flüchtlingen in Erstaufnahme-Kapazitäten schaffen wollen, bei dieser Zahl hatte Haseloff auch eine Obergrenze für den „Zustrom“ (Spiegel) einziehen wollen.

Pläne, aus denen nun nichts zu werden droht. Während Investoren zittern, ob ihre geplanten Großheime künftig wirklich noch gebraucht werden, ist rätselhaft ist, wohin alle die Flüchtenden weiterflüchten. In den Grenzdörfern zum benachbarten Niedersachsen, das als westdeutsch, wohlhabend und freundlich gilt, ist ein „Zustrom“ aus Sachsen-Anhalt bislang nicht beobachtet worden, auch Brandenburg meldete zuletzt keine Fluchtbewegungen aus Sachsen-Anhalt. Sachsen und Thüringen gelten wegen der dort grassierenden Pegida-Bewegung als flüchtlingsunfreundlich, so dass Experten nicht glauben, dass sich Refugees dorthin wenden könnten.

Apple-Einstellungsfragen: Das ist die richtige Antwort

Viel ist hier im Tabubereich der Alltagsbeobachtung über die führende Rolle der Dummheit bei der Gestaltung der Gegenwart berichtet worden. Doch dass Dummheit ungeachtet dessen auf dem Weg ist, sich weiter und weiter ins Knochengerüst der Gesellschaft zu fressen, blieb unentdeckt, obwohl so vieles darauf hindeutete: Oldtimer-Tornados, die mit Fotoapparaten gegen den Terror kämpfen, offene Grenzen im Rahmen des Grundgesetzes, Merkel Kanzlerin der Welt.

Über allem die sogenannte Lügenpresse, eine Industrie, gegen die Volkswagen ein rational geführtes Unternehmen ist. Schon bei einfachen Sachverhalten stößt das Großkollektiv der Kleinhirne an seine Grenzen, etwa, wenn es versucht, seiner Leserschaft zu beschreiben. welche Fragen Jobbewerber beim Hightech-Konzern Apple beantworten müssen. Die Frage, wie sich die Zerstörungsgrenze von freifallenden Eiern feststellen lässt, konnte nur in einer Form über den großen Teich transportiert werden, die jede Antwort unmöglich macht. Ebenso verhält es sich mit einer zweiten Frage aus den angeblichen Apple-Bewerbergesprächen - der Münzfrage.

Dabei liegen laut deutschen Medien "100 Münzen liegen auf dem Tisch, zehn mit der Kopfseite nach oben, 90 mit der Zahl." Der Bewerber hat keine Möglichkeit, zu erfühlen, zu sehen oder auf andere Weise herauszufinden, mit welcher Seite die Münzen nach oben zeigen. Seine Aufgabe, zumindest nach Vorgabe der in Deutschland gewählten Fragestellung: "Wie teilen Sie die Münzen in zwei Türme auf, sodass in beiden dieselbe Anzahl an Münzen mit der Kopfseite nach oben zeigt?"

Die Aufgabe ist so nicht zu lösen, weil ihr der entscheidende Hinweis fehlt, dass es dem Befragten erlaubt ist, jede Münze einmal herumzudrehen - wenn auch, ohne zu wissen, wie herum sie vorher liegt, also auch ohne zu wissen, wie herum sie danach liegen wird.

Das muss er aber auch nicht wissen, denn allein das Umdrehen erlaubt es, die Aufgabe kurz, knapp und in jedem Fall zutreffend zu lösen. Dazu baut der Befragte zuerst ein Türmchen aus zehn beliebigen Münzen, er weiß immer noch nicht, wie herum sie liegen. Das muss er aber auch nicht wissen. Denn als nächstes wird ein zweiter Turm gebaut, diesmal aus den restlichen 90 Münzen.

Die Aufgabe nähert sich ihrer Lösung, denn nun fehlt nur noch ein letzter Schritt: Der kleine Turm wird einmal herumgedreht. Voila, in ihm befinden sich nun in jedem Fall genau so viele Münzen, die mit der Kopfseite nach oben liegen wie in dem zweiten, größeren Turm.

Samstag, 12. Dezember 2015

Wort des Jahres: Liebling, ich habe das Böse entdeckt

Das Böse ist immer und überall!
Das Böse ist immer und überall, man muss es nur entdecken wollen. Die Gesellschaft für deutsche Sprache wollte auch in diesem Jahr wieder und wählte "Flüchtlinge" zum sogenannten "Wort des Jahres" mit klaren Konsequenzen. Die Süddeutsche Zeitung deckte danach umgehend auf, welches herabwürdigendes Potential in dem Wort steckt, das schon viel älteren Forschungsergebnissen zufolge ein herabwürdigendes, negatives Potential hat.

"Mit –ling aus Adjektiven gebildete Wörter hatten im Prinzip von Anfang an einen negativen Beiklang", konnten Sprachforscher schon vor geraumer Zeit feststellen, nachdem sie die protogermanische Bildugn "Liebling" aufwendig in ihre Einzelheiten zerlegt und unter dem Silbenmikroskop untersucht hatten. So seien die "aus mittelhochdeutscher Zeit stammenden Wörter Fremdling und Neuling zwar anfangs manchmal noch neutral - etwa bei bei Luther in der Bedeutung von „Gast“ - verwendet worden. Insgesamt aber zeige eine Vielzahl von Begriffen wie Liebling, Zwilling oder Häuptling, eine "klar negative" Bedeutung.

Die Süddeutsche warnt deshalb entschieden vor dem Gebrauch von "Frühling". Das sei ein Wort, "das zu verwenden nicht selbstverständlich sein sollte". Auch die Gesellschaft für deutsche Sprache schreibe in ihrer Begründung für die Wahl, dass Frühling für sprachsensible Ohren tendenziell abschätzig klinge. "Das liegt am Ableitungssuffix -ling", erklärt die SZ, "es wird an Wörter angehängt, die durch eine Eigenschaft oder ein Merkmal negativ charakterisiert ist".

Als Alternative für Menschen, die sprachlich Rücksicht auf die Gefühle ihrer Mitbürger nehmen wollen, werde die generelle Verwendung von "Frühjahr" angeraten. "Dieses Wort sagt dasselbe aus, hat aber durch die andere Endung einen positiveren Gehalt, der keine Empfindlichkeiten verletzt", heißt es bei der Gesellschaft für Sprache.

Wie an den Beispielen "Säugling" und "Findling" gut zu sehen, verleihe die Endung -ling Begriffen eine deutlich passive Komponente. "Linge" sei zum Beispiel der Name von Hitlers Diener Heinz gewesen.



Mister 100 Prozent: Triumph des Mannes, den sie Pop nannten


25 Prozent für die SPD, 75 für ihren Vorsitzenden – bei Parteitag der deutschen Sozialdemokratie ist der künftige SPD-Kanzlerkandidat Sigmar Gabriel von der Parteibasis mit einem Ergebnis wiedergewählt worden, das – hätte es Horst Seehofer getroffen – als Todesurteil kommentiert worden wäre.

Hier aber ist es der Triumph des Mannes, den sie Pop nannten, als er alle Posten verloren hatte und wg. Zukunft doch irgendwo in der Parteihierarchie untergebracht werden musste. Hinter Horst Seehofer, der mit schmalen 87 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden war, und der Grün*in Cem Özdemir, der auf triumphale 77 Prozent kam, ordnet sich Sigmar Gabriel als führender Dritter auf dem Treppchen ein - vor Kanzlerin Angela Merkel, die bislang noch gar keine Stimmen auf sich vereinen konnte.

Zusammen mit den 25 Prozent Prozent Wählerstimmen aus den stabilen Umfragen bedeuten die 75 Prozent vom Parteitag sogar eine fast hundertprozentige Zustimmung. Das beste Wahlergebnis, das ein SPD-Vorsitzender jemals bekommen hat, raunte es am Rande des Parteitages. Offenbar zeigen sich hier die ersten Erfolge von Gabriels Entscheidung, sich künftig vom Pop-Profi Goetz Elbertzhagen managen zu lassen.

Er kann Pop, er kann Klima, er kann Eisbären und Arbeiterführer kann er auch. Sigmar Gabriel, das schwergewichtigste Polit-Talent der SPD, ist ein Mann, der Zusammenhänge nicht erklären, aber herstellen kann, auch wenn es keine gibt. Mit dem Klimawandel hat er sich angelegt und ihn durch ein weltweites Aufgerütteltsein-Gefühl beendet, den Regenwald hat er gerettet, um kommerziellen Fischfang weiter möglich bleiben zu lassen. Klingt für Laien wunderlich, die nur den Puhdys-Hit kennen, der davor warnt, auf einen Baum zu steigen, wenn man Fische sucht. Wunderlich ist der Alles-Experte und Eisbär-Pate ja aber auch.

Gabriel selbst kommentierte denn auch erfreut, es sei nun mit Dreiviertelmehrheit entschieden worden, wo es langgehe. Die Richtung stimme, esgehe vorwärts. "Und so machen wir es jetzt auch."

Gabi im Archiv: Das Milchbrötchen der Macht

Freitag, 11. Dezember 2015

Zitate zur Zeit: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

Mit denen, die verurteilt wurden, darf man nach Ansicht der Nationalmoralisten keine Geschäfte machen, oder sich mit ihnen blicken lassen. Sonst ist man selbst im Verdacht, ein Reichsbürger zu sein. Und man geht nicht auf Konzerte von Lieberberg und seinen Freunden. Wer da anderer Meinung ist, wird bei der Bewerbung der Titanic für den Julius-Streicher-Sippenhafthumorpreis berücksichtigt.

Don Alphonso im FAZ-Blog über die Moral der Nationalmoralisten

Zustrombremse mit atmendem Deckel

Am Rande Berlins, die Bundesworthülsenfabrik (BWHF): Bis tief in die Nacht wird hier an neuen Worthülsen gedreht.
Vorbei die Zeiten, als in der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) unter
Auschluss der Öffentlichkeit an Begriffen wie "Rettungsschirm" und "Energiewende", "Schuldenbremse" und "Wachstumspakt", "Stromautobahnen" oder "Benzinpreisbremse" gefeilt wurde. Sechs Jahre nach dem Bekanntwerden der Bundesbehörde, die auf Beschluss der Regierung Kohl seinerzeit direkt im Berliner Regierungsviertel unterhalb der Kanzlerwaschmaschine in den märkischen Restsand gegossen worden war, ist die anfänglich kleine Sondereinheit von BWHF-Geschwätzdesignern zu einer Beamtenarmee gewachsen, die in drei großen Hochhäusern am Stadtrand von Berlin tagtäglich bemüht ist, die Spitzenpolitik einprägsamen Vokabeln zur politischen Kommunikation zu versorgen.

Diesmal ist es die "Zustrombremse mit atmendem Deckel", in Zeiten großer Fluchtbewegungen genutzt werden soll, Kontrolle und Nachgiebigkeit zugleich zu signalisieren. Politiker aller Parteien, so BWHF-Chef Rainald Schawidow, seien eingeladen die Formulierung "als neuen Konsensbegriff zur Beschreibung der politischen Tatenlosigkeit" zu nutzen.

CDU und SPD haben sich gleichermaßen bereiterklärt, die neue Sprachregelung in Zukunft zu benutzen. Mit der Losung "Deutschlands Zukunft: Sicher. Gerecht. Weltoffen" trommeln die Sozialdemokraten für "soziale Sicherheit für alle", in- und außerhalb der Landesgrenzen. "Sozialdemokratie steht dafür, dass keiner in unserer Gesellschaft verloren geht", beschreibt Malu Dreyer. Wenn es Obergrenzen geben müsse, dann sollten sie "Kontingente" heißen und um die richtige Politik der Bundesregierung mit ihrem Außenminister Walter Steinmeier zu schützen, solle die EU sich bereiterklären, sie zu verhängen.

Auch die Union will die Zustrombremse, denn eine Reduzierung des "Zustroms" (Merkel) sei alternativlos. In Übereinstimmung mit den Vorschlägen der Bundesworthülsenfabrik will die Parteiführung die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ab sofort wieder verstärkt auf "kriminelle Schleuser" lenken, die in letzter Zeit "etwas zu kurz gekommen sind", wie ein Parteistratege verrät.

Wie die die Vorgänger "Strompreisbremse", "Mietpreisbremse" und "Benzinpreisbremse" besteht die Zustrombremse völlig aus sich selbst, ist also Wort allein, das seine Macht aus der eifrigen medialen Wiedergabe gewinnen soll. Beim Design orientierten sich die staatlichen Worthülsendreher, die sich selbst gern und nicht nur spaßhaft als "Staatsdeutsch-Komponisten" bezeichnen, an der vollkommenen Inhaltsleere der üblichen politischen Kampfsprache, mit der sich das politische Spitzenpersonal der Republik ein prächtiges Gepränge von Sachverstand und Tatkraft gibt.



Donnerstag, 10. Dezember 2015

Angela Merkel, Führerin der Völker

Sie hat die Welt vorm Atomtod gerettet, das Klima in Ordnung gebracht und Griechenland davor bewahrt, aus der Völkerfamilie ausgestoßen zu werden. Sie hat zudem Grenzen geöffnet und die Menschen zueinander gebracht, die sich zuvor nicht kannten, sie hat Flüchtlingskinder getröstet, die Wehrpflicht abgeschafft, Deutschland in einen Krieg geführt, Russland in die Knie gezwungen, die EU zusammengehalten, die Erneuerbaren ausgebaut und immer wieder klargemacht, dass CDU, CSU und SPD ihre Parteien, nicht sie die Kanzlerin von CDU, CSU und SPD ist.

Nun hat das berühmte Time-Magazine die Bemühungen von Angela Merkel um das Wohl der ihr anvertrauten Menschheit gewürdigt und die deutsche Kanzlerin nicht nur zur "Person des Jahres", sondern auch gleich noch zu "Kanzlerin der freien Welt" erklärt. Merkel tritt damit in die Fußstapfen von Corazon Aquino, der philippinischen Diktatorin, die den Titel als erste Frau erobern konnte, in die von Adolf Hitler und Willy Brandt, die sieben beziehungsweise vier Jahre vor ihrem Rücktritt geehrt wurden, in die von Stalin, Putin, Bush, Bono, Arafat, der Erde, dem Protestler, Reagan, dem Computer, Deng Xiaoping, Juri Andropow, dem saudischen König Faisal ibn Abd al-Aziz, Richard Nixon, dem Durchschnittsamerikaner, Barack Obama, Papst Franziskus und allen Ebola-Ärzten, die sich auch schon über die Auszeichnung freuen durften.

Merkel ist allerdings einzigartig. Ab dem Moment, als sie Macht hatte, war die Deutsche ein Star, den ihre Partei vorbehaltlos unterstützte – ja, auf die sie stolz waren. Nun, da Merkel vor dem Triumph ihrer Politik steht, hätte auch die deutsche, ja, die europäische Politik etwas zu lernen. Denn wem auch immer man die Schuld am Gesamtsieg geben mag: Alle haben mitgemacht, alle haben gelobt, alle waren sicher, dass es Merkel schon richten wird.

Gefehlt hat es offenkundig an der politischen Erfahrung und damit am Politikmanagement. Dass Merkel zeitweilig versuchte, mit dem US-Präsidenten Barack Obama über Bande zu spielen, erweist sich rückblickend als ähnlich verheerend für die Vertrauensbildung wie der Versuch, die Frage der Reparationen zu vermengen mit jener der finanziellen Hilfen heute.

Angela Merkel hat nun gute Chancen, neben dem Friedensnobelpreis auch die Titel als Baum des Jahres, Vogel des Jahres, Wort des Jahres, Unwort des Jahres, Krawattenträger des Jahres und Orchidee des Jahres einzuheimsen.

Mache Eier: Warum kein Deutscher die Apple-Einstellungsfrage beantworten kann

Die Frage waren überall gleichlautend formuliert. Nach der Vorgabe eines Textes beim Springer-Sender n24 toste ein Text durch die Lande, der Leser ausprobieren ließ, ob sie "zum Apple-Mitarbeiter taugen" (Welt). Eine der Frage, die der Hightech-Konzern Jobbewerbern angeblich stellt, lautete "Wenn Sie zwei Eier haben und herausfinden wollen, aus welcher Höhe Sie sie fallenlassen können, ohne dass sie kaputtgehen, wie würden Sie das anstellen?"

Eine Frage, an der seitdem ungezählte Knobler verzweifelt sind. Wie jetzt? Dürfen die Eier dabei kaputtgehen? Eins oder zwei? Wieviele Versuche habe ich? Wie wird die Höhe gemessen?

Eine Antwort darauf gab keine der Zeitungen und keins der Magazine, die die Frage verbreiteten. Mit gutem Grund, denn bei der vorgegebenen Fragestellung ist eine Beantwortung einfach nicht möglich.

Richtig gefragt hingegen ist das Two-Eggs-Problem eigentlich übersichtlich und mit etwas logischem Nachdenken durchaus zu knacken. Im Original beinhaltet die Frage nämlich neben den beiden Eiern ein Hochhaus mit einer gern auch beliebigen Anzahl an Stockwerken und die Bedingung, dass beide Eier beim Experiment kaputtgehen dürfen.

Daraus ergibt sich dann ein logischer Lösungsweg, der jedem Neunjährigen einleuchtet. Der Experimenteur begibt sich zuerst auf Stockwerk 1 und lässt ein Ei fallen. Geht es kaputt, ist die Frage beantwortet. Bleibt es ganz, steigt er zu Stockwerk 2 auf und wirft erneut. Und so weiter und so fort. Sobald Ei 1 nach dem Fall zerstört ist, steht die Antwort auf die Frage fest und der Neunjährige kann bei Apple anfangen.

Allerdings hat n24 die Frage ja missverständlich übersetzt und alle anderen deutschen Medien haben danach aus der Frage nach dem höchsten Stockwerk von dem aus das Ei nicht zerbricht, die Frage nach einem Experiment gemacht, bei dem der Eindruck entsteht, dass das Ei bei der Durchführung nicht zerbrechen darf. Heißt es im Original, "if you have 2 eggs, and you want to figure out what's the highest floor from which you can drop the egg without breaking it", wurde daraus auf Deutsch "wenn Sie zwei Eier haben und herausfinden wollen, aus welcher Höhe Sie sie fallenlassen können, ohne dass sie kaputtgehen". Eine Formulierung, die zumindest den Eindruck vermittelt, die Eier dürften auch im Test nicht zerstört werden.

Dabei geht es bei der Versuchsanordnung in Wirklichkeit überhaupt nicht um Eier, sondern um Mathematik, das heißt um den optimalen, also effizientesten Weg zur Antwort. Den hat der Neunjährige nämlich nicht gefunden, wenn er von Stockwerk zu Stockwerk aufsteigt und unterwegs seine Eier fallen lässt. Darauf deutet schon die Fragestellung mit den zwei Eiern: Hinaufklettern und die letzte Etage feststellen, von der aus das Ei wohlbehalten unten ankommt, könnte der Experimantator auch mit einem einzigen Ei.

Er hat aber aus gutem Grund zwei. So könnte ein älterer, erfahrener Bewerber, statt bei Stockwerk 1 anzufangen, zum Beispiel die 10 wählen, um den Bereich einzugrenzen, in dem die Bruchstelle liegt. Bleibt das Ei von Etage 10 aus ganz, steigt er hoch auf 20, geht das Ei von dort aus kaputt, greift er zur Lösung des Neunjährigen und beginnt, von 11 an aufwärts zu testen, weil die Bruchzone ja zwischen 11 und 20 liegen muss.

Das kostet zwei Eier, spart aber mindestens zehn Würfe. Und ist für Apple lange nicht gut genug. Der Computerkonzern verlangt nicht nach einer guten Lösung, sondern nach der besten.

Die nun ergibt sich mathematisch aus einer Formel, die die Sprünge über jeweils mehrere Etagen mit dem Test einzelner Etagen so kombiniert, dass in jedem Fall die geringstmögliche Zahl an Versuchen notwendig ist. Bräuchte der Junge mit seinen einzelnen Würfen bei einem hundertstöckigen Hochhaus im schlechtesten Fall 100 Versuche und der ältere, erfahrenere Bewerber mit seiner Sprungtechnik über jeweils zehn Stockwerke mit nachfolgendem Versuch, über einzelne Stockwerke die Lösung zu ermitteln, in der schlechtesten Variante 19, so schafft es die von Apple verlangte optimale Lösung in jedem Fall, schon nach 14 Würfen zum Ergebnis zu kommen.

Um dahin zu kommen, muss nur nach jedem Sprung über mehrere Stockwerke die Zahl der übersprungenen Etagen um eins reduziert werden: Wurf 1 startet bei Stockwerk 14, Wurf 2 bei Stockwerk 27, Wurf drei bei 39 und so weiter. Bis der Abstand bei Stockwerk 99 und 100 nur noch 1 beträgt.

Eine Antwort auf eine der großen Apple-Fragen, die deutsche Mediennutzer nicht finden konnten, weil die Frage falsch gestellt war.


Mittwoch, 9. Dezember 2015

Fürchterliche Fans: Wie die Hansa-Kogge unterging

Hansa-Fans im Einsatz: Zornig auf dem Weg in die vierte Liga.
Im Spiel blieben sie ganz ruhig. Besser: Sie wurden mit zunehmender Spieldauer ganz ruhig. Je klarer wurde, dass der FC Hansa Rostock ein weiteres Mal mit einer Niederlage im Gepäck aus Halle zurück an die Ostsee fahren würde, desto kleinlauter wirkte der Block der Hansa-Fans. Der Ausbruch folgt diesmal nicht im Stadion, sondern danach. Im Stil eines Rollkommandos überfallen Hansa-Hooligans unweit des Stadions eine Straßenbahn voller HFC-Anhänger.

Wut, Enttäuschung, Hass auf die Verhältnisse in einer Liga, in der der gefühlte Erstbundesligist es nicht einmal mehr schafft, von den Abstiegsrängen wegzukommen. Zehn Jahre nach dem Ende der Zugehörigkeit zur 1. Bundesliga und fünf nach dem erstmaligen Abstieg in die 3. Liga droht dem Verein, der die Fußballflagge Ostdeutschlands ein Jahrzehnt lang nahezu allein hochhielt, der Sturz in die fußballerische Bedeutungslosigkeit. Die Vereinsführung ist angeschlagen, die Finanzen sind kaputt, der Trainerstab wurde gerade erst wieder entlassen, ein neuer sportlicher Direktor wird gar nicht mehr eingestellt. Dazu kommen die fürchterlichen Fans aus dem Norden: Horden, die sich in den menschenleeren Weiten Mecklenburgs zusammenfinden, um wie ein Mongolensturm über zivilisierte Gebiete herzufallen.

Vieles erinnert an die Frühgeschichte des Halleschen FC, eines Vereines, der Anfang der 90er Jahre in eine andere Richtung abbog als der FC Hansa. Beide Klubs, um die Jahreswende 1965/1966 auf Parteibeschluss aus der Retorte gehoben, wobei dem FC Hansa die Mannschaft der sächsischen BSG Empor Lauter als Startkapital spendiert wurde, standen zu Beginn der 90er Jahre vor dem Sprung in den gesamtdeutschen Profifußball. Nur Hansa schaffte ihn, der HFC versackte in den Tiefen des Amateurfußballs.

Noch im Mai 2009 musste der HFC gegen die Reservevertretung der Rostocker antreten - Halle siegt 2:1, der richtige FC Hansa hält sich noch im Mittelbau der 2. Liga.

Schon zwei Jahre später war alles anders. Der HFC war aufgestiegen, die beiden alten Oberliga-Rivalen standen sich erstmals wieder in regulären Punktspielen gegenüber. Derbys, die zum Teil unvergesslich waren. Die aber regelmäßig auch ihre Krawalle und Gewaltausbrüche hatten.

Die Lage an der Küste wird seitdem zunehmend unbeherrschbarer. Die Rostocker Fans spielen das vereinsvernichtende Verhalten der HFC-Fangeneration von vor drei, vier Jahren nach. Die Vereinsführung wirkt hilflos und zerstritten. Die Konten sind leer. Die Mannschaft, gequält von acht Trainerwechseln in den vergangenen vier Jahren, ist offensiv das zweitschwächste Team der Liga.

Es darf gewettet werden, ob der FC Hansa nach der Trennung von Karsten Baumann mit dem neuen Trainer Christian Brand weiter so stramm Kurs auf die Regionalliga hält. Brand hat von 1999 bis 2002 selbst bei Hansa gespielt, damals noch in der Bundesliga. Zuletzt sammelte er Abstiegserfahrung: Auf seiner ersten Cheftrainer-Station führte er Jahn Regensburg aus der 3. Liga in die viertklassige Bayernliga...

Deutschlands Beliebtheit auf dem Tiefpunkt

Wie leergefegt präsentieren sich die Schienenwege Richtung Norden.
Es sind ernüchternde Nachrichten, die da in den letzten Tagen von den deutschen Südgrenzen kommen. So wenige Flüchtlinge in Deutschland an wie zuletzt im Frühjahr versuchen derzeit ins Land zu gelangen. Der „Zustrom“ (Merkel) schwappt ab, Deutschlands Beliebtheit ist auf einem Tiefpunkt angekommen.

Grund des drastischen Rückgangs sind nach Medienvermutungen Wetter und Hindernisse auf der Balkanroute. Doch auch die geänderte Politik der Bundesregierung, die auf Umsetzung aller Pegida-Forderungen, Abschreckung, Abschottung und die Unterstützung des Zaunbaus in den Balkanländern setzt, dürften ihren Teil dazu beigetragen haben, dass die fast schon erreichte Abwendung der demografischen Katastrophe wieder in weiter Ferne rückt.

Der Einbruch ist spürbar. Während in den Sommermonaten noch regelmäßig mehr als 10.000 Flüchtlinge pro Tag registriert wurden und unzählige weitere unregistriert ins Land kamen, schafften es zuletzt nur noch 4000 bis 6000 Menschen in das weltweit beliebteste Fluchtland – halb so viele wie an den Welcome-Wochenenden im Früherbst. Hielte dieser Trend an, kämen im kommenden Jahr nur noch rund eine Million Neuankömmlinge nach Deutschland. Das wären rund 200.000 mehr als die immer noch offizielle letzte Schätzung der Bundesregierung für 2015 festgelegt hat.

Und genausoviele wie in diesem Jahr kamen.

Dienstag, 8. Dezember 2015

Zitate zur Zeit: Künast schlachtet die heilige Kuh

Wer damit rechnen muss, für seine Meinung zur Rechenschaft gezogen zu werden, der wird sich weniger frei äußern als wenn er dies anonym tun kann. Wer der Möglichkeit zur anonymen Diskussion – und damit zugleich der anonymen Kritik an einer demokratisch verantwortlichen Regierung – den Krieg erklärt, sei es bei einer Demonstration oder im Internet, dem wohl schon heute wichtigsten Raum für politische Diskussionen, der legt die Axt an die Kultur des demokratischen Diskurses.

Der Strafrichter Ulf Buermeyer beschreibt die Folgen der Forderung der früheren Grünen Renate Künast, die heilige Kuh Anonymität im Netz zu schlachten

EU verbessert Meinungsfreiheitsschutz

Im Kampf gegen Hass und Hetze bei Facebook und Co. haben die EU-Minister nun endlich die Nase voll. Nachdem bisherige nationalstaatliche Lösungen wie die deutsche Gründung einer Meinungsfreiheitsschutzabteilung beim Bundesblogampelamt (BBAA) im mecklenburgischen Warin kaum Erfolge zeitigten, will dsie Führung der Europäischen Union soziale Netzwerke direkt in die Pflicht nehmen. Wer künftig ein soziales Netzwerk anbietet, ist verpflichtet, dort hinterlegte Meinungsäußerungen mit den Behörden abzustimmen.

Hassbotschaften sollen damit nach dem Plan der Minister bis spätestens März 2016 völlig aus dem Internet verschwinden. "Solche Dinge müssen gelöscht werden", forderte Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) nach seinem Treffen mit den EU-Amtskollegen in Brüssel. Das Ziel lautet, Facebook, Twitter, Youtube und Google dazu zu bringen, die Polizei über fragwürdige, grenzwertige oder abweichende Meinungsäußerungen zeitnah zu informieren, so dass Beamte direkt beim Urheber in Aktion treten können. Dazu soll ein Meldesystem es freiwilligen Netzwerkwarten demnächst ermöglichen, strafbare oder unmoralische oder vom gesellschaftlichen Konsens abweichende Botschaften aufzuspüren und zu ahnden.

Bis Ende des Jahres werden EU-Vertreter die Plattformbetreibern vorladen und die Gesetzespläne erläutern. EU-Justizkommissarin Vera Jourova sagte: "Die Anbieter haben das Problem und müssen auch Teil der Lösung sein." Die systematische Löschung von derartigen Botschaften könne helfen, gegen "falsches Denken" vorzugehen.

Facebook hatte sich zuletzt zwar freiwillig bereiterklärt, fragwürdigeKommentare zum Thema Hass schärfer zu kontrollieren, die Minister halten dies aber nur für teilweise erfolgreich. Bislang würden die Unternehmen beim Löschen von fremdenfeindlichen Postings nicht flächendeckend vorgehen, kritisierte Maas.

Helfen soll jetzt eine gemeinsame europäische präventive Lösung, die auch sogenannte Pre-Crime-Methoden verwendet. Dabei werden über spezielle Computeralgorithmen verdächtige Nutzer von Netzwerkaccounts ausfindig gemacht, noch ehe sie strafbare Äußerungen tätigen. Dazu nutzt Facebook eine vom Bundesverfassungsschutz entworfene Software namens KnowU (know-you), die in der Lage ist, aus Freundeslisten, hinterlegten Cookies, Satzbau, Kreditgeschichte, Steuernummer und Curriculum Vitae ein Gefährdungsprofil zu erstellen, das schon Tage oder zumindest Stunden vor der Formulierung von hassbotschaften oder Hetzeinträgen ein Eingreifen ermöglicht.

Was im normalen Leben strafbar sei, sei auch online nicht zulässig, sagte der luxemburgische Justizminister Felix Braz. Wer etwa denke, Frauen hätten im Männerfußball nichts zu suchen oder die deutschen Grenzen müssten grundsätzlich geschlossen sein, dürfe dies weder in der Eckkneipe noch bei Facebook äußern dürfen. Deshalb müsse der Druck auf die Anbieter aufrechterhalten werden. "Sie sind nicht nur ein Medium, sie sind nicht nur ein Instrument, sie tragen eine Verantwortung, diese müssen sie übernehmen."

Das Thema war auf Initiative des deutschen Justizministers auf die Tagesordnung des Ministerrates gesetzt worden. Heiko Maas dringt darauf, dass eine gemeinsame präventive Lösung gefunden wird. Eine Vorratsdatenspeicherung allein, so der SPD-Politiker, könne keine absolute Sicherheit vor Hass und Hetze bieten.