Google+ PPQ: April 2012

Montag, 30. April 2012

Analogschrott für den Fortschritt

Morgen ist endgültig Schluss mit analogem Sat-TV, Deutschland geht einen weiteren wichtigen Schritt auf dem Weg zu mehr Zukunftsfähigkeit, Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit voran. 20 Millionen Bürgerinnen und Bürger hatten es bisher verweigert, ihre analogen Satelliten-TV-Receiver gegen neue, blitzblanke digitale Geräte auszutauschen. Ausflüchte wie „geht doch noch“, „ist erst vier Jahre alt“ und „damit kriege ich aber dieselben Sender“ bekam zu hören, wer die Ewiggestrigen sogenannten Analogies von den unbedingten Vorteilen der neuen digitalen Fernsehwelt mit Empfangsausfällen bei Gewitter und unnatürlich hautunreinen HD-Ansagergesichtern überzeugen wollte.

Letztlich musste der Staat eingreifen und eine Abschaltung der analogen Ausstrahlung veranlassen, um die Menschen endlich zu ihren Glück zu zwingen. „Wer nun nicht in die schwarze Röhre gucken möchte, muss schnell umrüsten“, freut sich die staatliche Nachrichtenagentur dpa mit den vielen fernöstlichen Receiverherstellern, denen das deutsche Vorpreschen beim Satellitenempfang eine Sonderkonjunktur von den Ausmaßen eines Lotto-Jackpots beschert.

20 Millionen Geräte werden in der Nacht zum 1. Mai schlagartig zu Fernsehschrott, ein Kupfer-, Stahl- und Kunststoff-Gebirge von 40.000 Tonnen Gewicht. Aufeinandergestapelt ergäben die schrottreifen Empfangsgeräte einen Turm von 1.400 Kilometern Höhe, selbst als Kette aneinandergeflochten würden die 20 Millionen Receiver mehr als dreimal um Claudia Roths Hals reichen.

Bei einem durchschnittlichen Anschaffungspreis von 50 Euro lösen sich Werte von rund einer Milliarde Euro im Bruchteil einer Sekunde in Nichts auf. Und dass, obwohl die ungeheuer nachhaltige Menge an Elektromüll nach Angaben eines Grünen-Sprechers hervorragende Dämmeigenschaften besitzt.

Mit dem April geht in Deutschland nicht nur das Zeitalter des analogen Satellitenfernsehens zu Ende, nein, es entsteht auch ein milliardenschwerer Bedarf an Neuanschaffungen. 20 Millionen sogenannte LNB müssen getauscht werden – zu den reinen 200 Millionen Euro Anschaffungskosten kommen weitere rund 500 Millionen Euro Arbeitskosten für Satellitenbaufirmen. Eine weitere halbe bis ganze Milliarde Euro wird für neue Digitalreceiver fällt – gerade in Zeiten, in denen die Schere zwischen Arm und Reich zu weit auseinanderklafft wie noch nie, werden die Ärmsten der Armen gezwungen, vom knappen Hartz-4-Etat Geld abzuknapsen, um wenigstens via RTL2 und Pro7 weiter an den gesellschaftlichen Debatten teilnehmen zu können.

Was laut dpa „für alle Betroffenen eine Gelegenheit" ist, "ihren TV-Empfang auf den Prüfstand zu stellen“, gleicht in Wirklichkeit einer allumfassenden TV-Zwangsabgabe: „Wer noch analog Sat-TV schaut und nicht zahlen will“, frohlockt die staatliche Nachrichtenagentur, “empfängt ab Mai nur noch Rauschen“.

Folglich zahlen alle kollektiv die Rechnung, die die Fernsehsender und Satellitenbetreiber aus rein wirtschaftlichen Erwägungen ausgestellt haben, auch die, die sich nach Angaben der "Welt" schon den reinen Strom nicht mehr leisten können. Dabei gab es beim analogen TV bis zuletzt keine Bandbreitenprobleme, allerdings eben auch keine Möglichkeit, heute noch frei empfangbare Programme später verschlüsselt anzubieten. Das ist der Plan, wie der Satellitenbetreiber Astra zugibt: Die Ausstrahlung in drei unterschiedlichen Qualitäten, nämlich analog, digital SD und digital HD, sei „wirtschaftlich nicht sinnvoll“. Digitales Fernsehen biete eine „weitaus bessere Bild- und Tonqualität sowie eine deutlich größere Programmvielfalt als analoges TV“, heißt es weiter. Wobei ungenannt bleibt, worin der Vorteil von noch mehr Sendern mit noch mehr gleichen Inhalten liegen soll.

EM-Boykott: Bandscheibe zerstört Titelträume

Ob SPD-Chef Sigmar Gabriel sich damit Freunde macht? Mit seiner Absage an Bundestrainer Joachim Löw für die anstehende Fußball-Europameisterschaft hat der junge Vater aus Magdeburg eine Riesendiskussion losgetreten, die immer weitere Kreise zieht. Wegen der massenhaften Menschenrechtsverletzungen gegenüber der früheren Öl- und Gasmanagerin Julia Timoschenke hatte Sigmar Gabriel seine EM-Teilnahme noch vor der Benennung des 23er Kaders durch Jogi Löw abgesagt. Neben dem langzeitverletzten Mertesacker und dem immer noch an den Folgen einer von Ausländern zugefügten Trittverletzung laborierenden Miroslaw Klose fehlt der Nationalmannschaft damit ein weiterer Stützpfeiler.

Doch damit nicht genug. Nun hat auch noch Bundesstürmerin Angela Merkel öffentlich erkennen lassen, dass sie wegen der blauen Timoschenko-Flecke und des in Kiew nicht adäquat behandelbaren Bandscheibenvorfalls der früheren Politikerin für den deutschen EM-Kader nicht zur Verfügung steht. Sollte Timoschenko nicht bis zum Beginn der Spiele in sechs Wochen frei sein, will Merkel auch ihren Ministern empfehlen, Löw abzusagen. Grund sei die schwere Erkrankung der 51-jährigen Timoschenko, die seit Tagen die gesamte Weltpresse in Deutschland bewegt. Die Politikerin müsse die nötige medizinische Behandlung erhalten, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert mit. Dazu müsse sie wie alle anderen Bandscheibenerkrankten weltweit durch Spezialisten der Berliner Charité behandelt werden.

Auch alle anständigen Deutschen seien gefordert, sich der Folter-EM zu verweigern. ARD und ZDF beraten derzeit, die Übertragungsrechte zurückzugeben, auch im Bundestrainerstab gibt es Überlegungen, aufgrund der Menschenrechtssituation in der Ukraine nur Spiele auszutragen, die in Polen stattfinden.

Nach dem „Spiegel“-Bericht könnte bei einem Boykott der EM allenfalls für Innenminister Hans-Peter Friedrich in seiner Funktion als Sportminister eine Ausnahme gelten. Friedrich müsste dann allerdings bei einer eventuellen Halbfinalbegegnung in Kiew ganz allein gegen eine mögliche spanische oder englische Übermacht antreten. Die derzeit grassierenden Titelträume müssten dann wohl begraben werden, mutmaßt der "Kicker". Allerdings, heißt es im politischen Berlin, gehe es bei einem sportlichen Weltereignis wie der EM eben nicht nur um Tore, sondern immer auch um Machtpolitik. Nur wenig später interessiere das dann in der Regel niemanden mehr.

Sonntag, 29. April 2012

Wer hat es gesagt?

Wir sind immer gegen den Krieg, aber wenn wir einmal Krieg geführt haben, können wir nicht mehr ohne Krieg leben. Wir wollen alle Augenblicke zu ihm zurückkehren.

Der Himmel über Halle XLV

Knappe Kassen, leere Tresore, eine Bürgermeisterin vor dem Abflug, eine Verwaltung in Lähmung. Nur in einem Ressort der halleschen Stadtregierung wird emsig und eifrig weitergearbeitet, als gäbe es keine Eurokrise, keine Finanzprobleme, keine Verschiebung der OB-Wahl, nur damit die derzeit Mächtigen noch ein Monatsgehalt mehr abkassieren können. Nachdem das Referat drei des Garten- und Bäderamtes der ehemaligen Kulturstadt Halle - unterstützt von einer kleinen Firma aus dem Örtchen Nempitz - die Freunde der halleschen Eventhimmel zuletzt mit einer überaus aufwendigen und gelungenen Nachtinstallation einer seltenen Planetenkonstellation erfreut hatte, ist diesmal wieder Farbe angesagt.

Auf Blau und Gelb, Schwarz und Orange setzten die Verantwortlichen diesmal im Kampf gegen die ortsübliche Meckerei und den Fatalismus, der dem Menschenschlag eigen ist, der in grauer Vorzeit des Salzes in die Stadt an der "Straße der Gewalt" kam. Und in Ermangelung besserer Angebote einfach blieb.

Der Himmel hier lächelt, selbst wenn dunkle Wolken ziehen und der Streit ums Betreuungsgeld Millionen Kunstfreunde ratlos staunen lässt. Worum geht es nun schon wieder? Warum weiß ich gar nicht, welcher Meinung ich dabei bin? Ein Blick ans Firmament lässt die Älteren, die Kinder noch bekamen, weil sie sie wollten, beruhigt zurück. Auch das, was sich dort oben abspielt, versteht niemand. Auch das, was es da zu sehen gibt, sieht von fern schön aus, wäre aber aus der Nähe womöglich nur ein Trugbild aus Licht und Wasserdampf.

Fliesenfreunde freveln selbst

Anderenorts macht das Beispiel des Kachelmannes von Halle immer mehr Schule, junge, einfallsreiche Fliesenkünstler nehmen sich den großen Kachel Gott zum Vorbild, um eigene schräge Keramikkunst an innerstädtische Fassaden in Leipzig, London, Dresden und Riga zu kleben. In der Heimatstadt der Bewegung aber bleibt der von Kachelfreunden verehrte unbekannte Meister verfemt, geächtet und verfolgt. Wo er kachelt, kommen wenig später die Bagger, die ganze Häuserzeilen abreißen, nur um die Spuren der quicklebendigen Kunst zu tilgen.

Inzwischen reagiert die Fangemeinde des Fliesenkünstlers auf eine ganz eigene Weise: Statt wertvolle Kachelkunst von den Schergen der Stadtverwaltung zerstören zu lassen, brechen Aktivisten wie der 75-jährige Jürgen Langner auf, frischgeklebte Kachelkunstwerke zu bergen, ehe sie der Behördenwillkür zum Opfer fallen kann. Auch an der Hauptpost, wo Kachel Gott erst mit Beginn seiner Frühjahrsoffenfliese eine beeindruckende Neuklebung installiert hat, griffen die Retter im Schutz der Nacht und im Dienst der Sache zu. Das kleine Kunstwerk wurde fachmännisch geborgen, dabei kamen nach Aussagen eines Mitglieds des Bergungsteams Fliesenkleberlaser zum Einsatz, der sicherstellt, dass die empfindliche Lasierung nicht unter der Trennung vom Untergrund leidet. Inzwischen befindet sich das an die Comicfigur Super Mario erinnernde Glanzstück der Kachelkunst im Depot der Fliesenfreunde, in Kürze soll es ins weltweit globale Kachelverzeichnis von PPQ und Google hochgeladen und damit allen Menschen, auch denen in den armen und ärmsten Ländern, zur Verfügung gestellt werden. Die Bundeskunststiftung prüft derweil wohlwollend einen Förderantrag der Männer und Frauen um Langner, in dem es um die Finanzierung des weiteren Ausbau des Kachelverzeichnisses geht.

Der Kampf um die Kachelkunst:
Angriff auf die Kachelkunst
Direkt zu einzigen offiziellen
Kachelverzeichnis von PPQ und Google
Leise flieseln im Schnee
Verehrte Winkel-Fliese
Fliesenkünstler im eigenen Land
Kanonen auf Kacheln
Antifaschisten im Fliesen-Ferrari

Eigene Funde können wie stets direkt an politplatschquatsch@gmail.com geleitet werden, jeder Fund wird von uns auf Wunsch mit einem mundnachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert.

Samstag, 28. April 2012

Gabriel sagt EM ab

Es hätte so schön werden können. Ein rauschendes Fußballfest. Geile Spiele. Super-Siege. Gegen Holland. Gegen Portugal. Dänemark. Und schließlich und endlich auch gegen Spanien, den Angstgegner. Am Ende stände der erste Titel seit fast 20 Jahren. In Deutschland tanzen die Menschen auf den Straßen, Migranten und Einheimische liegen sich einig in den Armen, Deutschland, Deutschland, über alles, aber friedlich, nett und fair.

Es wird nicht so kommen können. Denn die Ukraine hält die frühere Premierministerin Julia Timoschenko nach einer Verurteilung wegen Amtsmissbrauch und Bestechlichkeit in Folterhaft. Nach dem Dafürhalten deutscher Politiker ein Unding, zumal Timoschenko an einer weltweit einmaligen Erkrankung namens Bandscheibenvorfall leide, die nur in der Berliner Charité behandelt werden kann. Als Mitausrichter der anstehenden Fußball-Europameisterschaft sei die Ukraine nicht mehr souverän, zumal nicht nur Präsident Janukowytsch, sondern auch der frühere Timoschenko-Mitkämpfer Wiktor Juschtschenko bestreitet, dass Timoschenko aus politischen Motiven heraus verurteilt wurde.

Hier greife höheres, deutsches Recht, findet SPD-Chef Sigmar Gabriel, der nach der Weigerung der Ukraine, die millionenschwere Ex-Energiemanagerin Timoschenko wie jeden anderen inhaftierten Bandscheibenkranken zur Behandlung nach Berlin ausreisen zu lassen, nach einem EM-Boykott Deutschlands ruft. Nach dem Vorbild des erfolgreichen deutschen Olympia-Boykotts, der vor vier Jahren mit 16 Goldmedaillen gekrönt werden konnte, dürfe kein deutscher Politiker zu Spielen in die Ukraine reisen, sagte der nach wie vor amtierende Pop-Beauftragte der deutschen Sozialdemokratie.

Er glaube fest daran, dass die deutschen Fußballfans Verständnis für die Entscheidung des DFB haben werden, keine Mannschaft in ein Land zu entsenden, "in dem Menschen aus politischen Gründen in Haft gehalten und misshandelt werden", sagte Gabriel. Fußballer wie Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm oder Marco Reus müssen aufpassen, dass sie nicht zu Claqueuren des Regimes werden. "Denn sie spielen in den Stadien möglicherweise für Gefängnisdirektoren und Geheimpolizisten."

Sigmar Gabriel selbst hat sich für den Promotioneffekt eines persönlichen Boykotts im Dienst der Kanzlerkandidatenkandidatur und gegen eine Reise in die Ukraine entschieden. Experten kritisieren allerdings, dass es dem SPD-Politiker wohl ohnehin kaum noch gelungen wäre, in den verbleibenden sechs Wochen bis zum Turnierbeginn sein Wettkampfgewicht zu erreichen und die Spritzigkeit zurückzuerobern.

Der vor kurzem in einem kollektiven Abspracheakt über alle Parteigrenzen hinweg demokratisch zum Präsidenten des Europäischen Parlaments gewählte SPD-Politiker Martin Schulz nahm Gabriel in Schutz. Timoschenko habe überall blaue Flecken, einer sei an ihrem Arm sogar deutlich erkennbar. Außerdem zeigten neue Fotos der 51-Jährigen deren "ausdrucksloses Gesicht".

"Wenn die ukrainische Regierung das Problem nicht schnellstens löst, gefährdet das das Abkommen mit der EU über wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit", warnte Schulz. Die EU sei "eine Werte- und Rechtsgemeinschaft und erwartet von anderen Ländern, dass sie sich an diese Werte halten."

Fremde Federn: Kopftuch für den Frauenfußball

"Wer den Konformitätsdruck in der DDR erlebt hat", heißt es in einem lesenswerten Text bei Zettel, "dürfte besonders sensibel für Konformitätsdruck auch in einer freien Gesellschaft sein. Auch wenn er hier nicht von oben kommt, sondern sozusagen von der Seite; nämlich von denjenigen in der Öffentlichkeit, im Kulturbetrieb zumal, die es bereits für Zeichen einer rechtsextremen Gesinnung halten, wenn jemand sich für die deutsche Kultur einsetzt."

Auch der Rest des Textes, der sich mit einem Artikel der Schriftstellerin Monika Maron in der Welt beschäftigt, ist lesenwert - mindestens ebenso lesenwert wie Marons öffentliche Erörterung der Frage, ob der Islam nun zu Deutschland gehört.

Maron antwortet, wie sie früher auch in der DDR geantwortet hätte. Nicht so, wie das erwartet wird. Vorsichtig gesagt: Sie wäre wohl auch gegen eine Kopftuchgenehmigung für Spielerinnen in der Damenfußball-Bundesliga.

Freitag, 27. April 2012

Vor dem Aufstieg: Der Punkt fürs Aufstiegs-I

Am Ende war es dann wieder einmal eine ganz klare Sache. Sicherer und ungefährdeter als beim Auswärtsspiel in Cottbus hat der Hallesche FC in dieser Saison noch keinen Punkt geholt. 90 Minuten marschierten die Männer von Trainer Sven Köhler auf das Tor der Zweitliga-Reserve, immer wieder bracht Dennis auf der linken Seite durch, immer wieder leitete Maik Wagefeld aus dem Mittefeld gefährliche Attacken auf das Tor der Mannschaft von Vasile Miriuta ein. Und immer wieder war das irgendein Bein, irgendeine Hand, eine Torlatte oder ein Stück schiefgewachsener Rasen. Und wieder kein Tor.

Angefeuert von 300 mitgereisten Fans, die keine Minute aufhörten, ihre Elf - laut mitgebrachtem Plakat immerhin die Vertretung der Fußballhauptstadt Sachsen-Anhalts - anzufeuern, versuchte der HFC vom Anpfiff weg, drei der zum Aufstieg noch nötigen sieben Punkte einzufahren. Cottbus ließ früh erkennen, dass es keinerlei Ambitionen auf einen Sieg hatte. Ein Punkt, damit würden die ganz in Rot aufgelaufenen Lausitzer zufrieden sein.

Während sie also mit acht und teilweise sogar neun Mann verteidigten, legte es der HFC darauf an, die doppelte Viererkette vor dem Strafraum über die Flügel zu knacken. Gleich in der vierten Minuten erwischte Angelo Hauk eine Lindenhahn-Flanke und vollendete per Fallrückzieher. Übers Tor. Auch im zweiten Anlauf fünf Minuten später wird es nicht besser, diesmal reicht es nach einer Texeira-Eingabe nicht einmal mehr zum Torschuss. Ebenso kläglich vergibt Dennis Mast nach einer halben Stunde - einmal dribbelt er quer durch den Strafraum, dann hat er das leere Tor vor sich. Doch statt zwei Meter auf Texeira zu schieben, der frei in Schussrichtung steht, versucht der Doppeltorschütze vom letzten Heimspiel es selbst. Und schießt vorbei.

Es deutet sich an, dass das hier wieder ein Stück hartes Brot ist, dass nicht gekaut werden kann, sondern gelutscht werden muss. Gelänge es, die drei Punkte mitzunehmen, reichten ein Heimsieg gegen St Pauli und ein Remis in Meuselwitz. Gelingt es nicht, müssen beide Spiele gewonnen werden.

So ist das dann aber mit Matchbällen, die vielleicht keine sind, oder aber doch: Sie gehen nicht rein. Halle rennt an, Cottbus stört und zerstört. Nach vorn machen die Roten gar nichts. Ihr emsigster Mann an diesem Abend ist Trainer Miriuta, der teufelt und tanzt, wütet und schimpft - das ganze Gegenteil von Halles Trainer Köhler, der in seinem Sperrbezirk steht, das Kinn in der Hand. Und ratlos aussähe, wüsste nicht auch Ex-HFC-Torjäger Thomas Neubert, der  extra aus Dresden gekommen ist, um die alten Kollegen bei der Arbeit zu sehen, dass er immer so aussieht, aber meist nicht ratlos ist.

Nützt aber nichts, denn es bleibt dabei. Der hallesche Anhang singt frenetisch. Die Männer in Grün-Weiß berennen das Cottbusser Tor, einmal ist sogar Innenverteidiger Patrick Mouaya mit vorn, der in der gesamten Saison noch keinen Schritt aus der eigenen Hälfte gemacht hat. Aber wieder: Der Pass kommt, aber ehe er ankommt, schiebt sich ein Bein in rotem Stutzen dazwischen. Bei einem Schuss von Texeira ist es der Linienrichter, der Abseits winkt. Bei einem Freistoß von Wagefeld Torwart Karl, der die Hände hochreißt.

Der Kalenderspruch zu solchen Spielen lautet "und sie hätten noch Tage spielen können und nicht getroffen". Leider stimmt er mal wieder. Cottbus hat nach einem Freistoß kurz nach der Halbzeitpause eine einzige Torchance, Halle sammelt in der zweiten Hälfte noch ein halbes Dutzend: Preuß verpasst freistehend am langen Pfosten, Hartmann schießt einen Cottbusser an, Wagefeld nebens Tor, Hauk einmal drüber, einmal vorbei. Die rote Wand steht.  Andis Shala kommt für Hauk, nachdem vorher schon der übliche Wechsel der Flügelzange Mast/Lindenhahn gegen Preuß/Wegner vollzogen worden war. Wegner zieht nun vier-, fünf-, sechsmal beeindruckend außen durch.

Aber selbst mit dem Lutschen des harten Kantens wird es nichts. Beim Abpfiff lassen die Rot-Weißen in Grün die Köpfe hängen, allerdings mit einiger Wahrscheinlichkeit vergeblich. Denn ausgerechnet dieser Punkt, der jetzt aussieht wie zwei verlorene, könnte schon nach den nächsten beiden Spielen das Tüpfelchen auf dem Meisterschafts-I sein.



Zur PPQ-Finalsoap:
Vor dem Aufstieg (VdA) VIII
Vor dem Aufstieg (VdA) VII
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Vor dem Aufstieg (VdA) I
Spielbericht bei turus.net

NSU: Rufmord an den Opfern

Frech und dreist, unverantwortlich und höhnisch, so präsentiert sich die Berliner Polizei knapp eine Woche nach den tödlichen Schüssen auf einen jungen Mann in Neukölln. Noch immer gibt es keine heiße Spur zum Täter, noch immer angeblich keinen Hinweis auf sein Motiv. Statt zielgerichtet nach rechtsextremistischen Zellen zu suchen, die im Stil der Thüringer Terrorzelle NSU morden, woran schon allein wegen der Herkunft des 22-jährigen Opfers kein Zweifel bestehen kann, sprechen die Fahnder öffentlich herabwürdigend von „Eifersucht“, „Rache“ und möglichen „finanziellen Motiven“ des Täters.

Es ist die Vorgehensweise, die schon im bis heute unaufgeklärten Fall des Passauer Polizeipräsidenten Alois Mannichl hervortrat: "Beziehungstat" wurde damals gemunkelt - und das Opfer so gezielt gerufmordet. Dabei zeigen bei objektiver Betrachtung der Tatumstände von Berlin alle Hinweise in eine Richtung: Der 22-jährige Burak B. wurde völlig grundlos erschossen, zwei weitere Jugendliche mit Migrationshintergrund schwer verletzt.

Auf Transparenten am Tatort steht heute völlig zu recht: „Deutschland, wir wollen Gerechtigkeit!“ und „Warum?“ Nur die Polizei will es nicht sehen. Sie schweigt. Es werde in alle Richtungen ermittelt, wiegelt ein Polizeisprecher jeden Versuch ab, die Ermittler zielgerichtet ausschließlich nach rechten Terroristen suchen zu lassen. Es ist das selbe Spiel wie nach den vom Magazin „Spiegel“ höhnisch „Döner-Morde“ genannten Anschlägen auf zugewanderte Imbißbesitzer: „Konkrete Hintergründe sind zurzeit nicht bekannt“, heißt es bei der Berliner Polizei, die erst Zeugenaussagen auswerten und danach „mehr zur Motivation des Schützen sagen“ will.

Verkehrte Welt! Denn das Muster ist bekannt: Versteckt unter einer dunklen Kapuzenjacke ging der flüchtige Täter auf eine Gruppe von fünf Jugendlichen zu und schoss aus nächster Nähe kaltblütig mehrmals auf die jungen Männer. Ein Mord Marke NSU, zumal der Täter sofort zu Fuß flüchtete, wie das die beiden tödlichen zwei der dreiköpfigen NSU-Terrorgruppe bei ihrem Anschlag in Köln getan hatten.

Dennoch wird verharmlost, werden Hinweise auf angebliche "Rachepläne" der Familie eines Mädchens, von dem sich Burak B. kurz vor der Tat getrennt hatte, öffentlich lanciert und ausländerfeindliche Parolen, die die Polizei in den Neuköllner Ortsteilen Buckow und seit Längerem bemerkte, ebenso totgeschwiegen wie die verstärkten Aktivitäten von Mitgliedern der rechtsextremen Szene im Bezirk, von denen die Berliner Zeitung berichtet. Die hatten bisher Gewalt gegen Sachen ausgeübt und Stromkästen, Bänke und Hauswände mit ausländerfeindlichen Parolen sowie mit Runen beschmiert.

Angeblich sind die bisher vernommenen Zeugen schuld, die sich zum Teil vehement widersprechen. Manchen hätten gesagt, dass sie den Mann nicht kennen, andere wollen ihn schon einmal gesehen oder sogar „von ihm gehört haben“, wie die Berliner Zeitung eindeutige Hinweise auf ein rechtes Netzwerk aus den Fahndungsunterlagen zitiert. Darauf deutet auch eine weitere Parallele zu den Untaten der NSU: Wie in den Fällen, für die Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt verantwortlich gemacht werden, ist auch im Berliner Fall die Tatwaffe spurlos verschwunden. Möglicherweise trägt der Täter sie noch bei sich, so die Polizisten, möglicherweise finde sie sich aber auch im Bauschutt der Zwickauer Frühlingsstraße. Ein entsprechendes Amtshilfeersuchen an die Kollegen ist Sachsen sei ausgelöst, habe jedoch keine Priorität.

Ein Land schreibt einen Thriller:

NSU: Heiße Spur ins Juwelendiebmilieu
NSU: Eine Muh, eine Mäh, eine Zschäperättätä
NSU: Von der Zelle in die Zelle
NSU: Die Spur der Schweine
NSU: Gewaltbrücke zu den Sternsingern
NSU: Gebührenwahnsinn beim Meldeamt
NSU: Nun auch auf dem linken Auge blind
NSU: Die Welt ist klein
NSU: Verdacht auf Verjährung
NSU: Weniger hats schwer
NSU: Terrorwochen abgebrochen
NSU: Rechts, wo kein Herz schlägt
NSU: Was steckt dahitler?
NSU: Neue Spuren ins Nichts
NSU: Tanz den Trinitrotoluol
NSU: Der Fall Braun
NSU: Honeckers rechte Rache
NSU: Die Mundart-Mörder
NSU-Todeslisten: Sie hatten noch viel vor
NSU: Was wusste Google?
NSU: Kommando späte Reue
NSU: Die tödliche Bilanz des braunen Terror
NSU: Mit Hasskappen gegen den Heimsieg
NSU: Mordspur nach Möhlau

Vor dem Aufstieg: Ein Fest für Fans

So mutig ist es nicht mehr, das zu prophezeien. Doch der Chemieblogger aus Leipzig, dem übertriebene Sympathien für den Halleschen FC sicher nicht nachzusagen sind, analysiert in seinem Text zum Stand der Dinge in der Regionalliga auch, warum der außerirdische Millionärsverein RasenBallsport Leipzig wahrscheinlich schon zum zweiten Mal in Folge am Drittliga-Aufstieg scheitern wird. Und das, wie derLeipziger über den Leipziger Verein sagt „nicht zu Unrecht“.

Denn „Fußball ist ein Mannschaftssport“, schreibt er. Nirgendwo zeige sich das so deutlich wie im „abermaligen Scheitern von RB Leipzig“. Schöne Zitate für HFC_Fans: Timo Röttger: Das war’s leider. Daniel Frahn: Das ist sehr, sehr bitter. Wir müssen uns gedanklich mit einem weiteren Jahr vierte Liga befassen.

Was aber wars? Wo liegt die Ursache? Es scheint an Mängeln im Gesamtpaket zu liegen, zitiert der Chemieblogger die Leipziger Volkszeitung:

Dem Club mit dem XXL-Etat weht in der eh rauen vierten Liga heftiger Wind entgegen, die Rasenballer müssen sich mit ähnlichen Problemen wie die Bayern in Liga eins herumschlagen: Gegen RB und FCB geben alle alles. (…) Trainerteam und Mannschaft waren im Duett schlichtweg nicht gut genug, um all die Widerstände dieser speziellen Regionalliga regelmäßig zu brechen.

Im Einzelnen sieht das so aus:

Auch Red Bull begehe jene Fehler, die für die Leipziger Malaise seit jeher symptomatisch sind. Rein, raus, Ungeduld, gleich, jetzt, mit Kraft. Roman Wallner sei ein Sinnbild dieses Ungestüms. Im Winter geholt für eine Summe, von der der HFC seinen halben Saisonetat hätte bestreiten können. „Ein Irrsinn, zumal das Team von Peter Pacult zu diesem Zeitpunkt lediglich einen Punkt hinter Herbstmeister Kiel lag.“ dann war er da, „ein österreichischer Nationalspieler im besten Fußballeralter, bundesligaerfahren, in der deutschen Regionalliga.“ Wallner schlug ein, im ersten Spiel, beim 8:2 gegen den SV Wilhelmshaven, traf er dreimal – doch das war’s dann auch schon. In den folgenden elf Spielen reichte es nur für zwei magere Tore, beim 0:1 in Kiel blieb Wallner zum siebten Mal in Folge torlos.

Warum läuft es nicht? Trotz schier unbegrenzter Möglichkeiten? Carsten Kammlott, jenes gefeierte Talent aus der Region? Ein von Torgefährlichkeit befreiter Edeljoker. Maximilian Watzka, Tom Geißler? Leipziger Namen ohne rot-weiße Strahlkraft. Sven Neuhaus, Nico Frommer? Abgesägt. Dazu kommt die rege Fluktuation in der Vereinsspitze. Hoffnungsvolle und gewesene Namen kommen und gehen. „Das Scheitern ist allgegenwärtig“, summiert der Chemieblogger. „Gewiss, so funktioniert Leistungs-Sport, das sind zugleich die zumindest theoretischen Spielregeln unserer Gesellschaft. Aber ein Erfolgsgarant ist diese Personalpolitik keinesfalls.“

Ein Fest für alle wahren Fußballfans, dass diese sportliche Entwicklung „die populäre Erzählung von der Alternativlosigkeit des Projekts RasenBallsport Leipzig“ Lügen straft. Von wegen Aussichtslosigkeit der sportlichen Ambitionen der ostdeutschen Traditionsvereine!. Es geht auch ohne Brausemillionen, das hat im vergangenen Jahr der Chemnitzer FC bewiesen, das beweist vielleicht in diesem Jahr der Hallesche FC. Geld schießt vielleicht Tore – die Trefferbilanz von RedBull belegt es. Aber Geld verhindert keine Gegentreffer und Geld holt am Ende vielleicht auch nicht genug Punkte für Tabellenplatz 1.

Umso schöner, denn nun steht der Hallescher FC vor dem Aufstieg. Da zieht auch der bekennende Chemie-Leipzig-Fan den Hut: „Was Trainer Sven Köhler seit nunmehr fünf Jahren in Halle leistet, ist beeindruckend“. Angeblich sei der HFC zwar „mit Anti-Fußball an die Tabellenspitze“, gekommen. Doch immerhin: „Der HFC wäre ein verdienter Aufsteiger, sicherlich nicht wegen berauschender Fußballfeste, sondern vielmehr wegen der kompromisslosen Effizienz, die die Elf von Sven Köhler auszeichnet.“ Für hektische Personalentscheidungen seien die Hallenser, die nun endlich einmal aus dem Schatten der großen Nachbarn aus Leipzig heraustreten könnten, jedenfalls nicht bekannt. „Vielleicht liegt darin ja das Erfolgsgeheimnis.“

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Donnerstag, 26. April 2012

West-Mentalität führt zu Verrohung

Nach der grausigen Entdeckung im Kreis Gießen, wo Ermittler bei der Durchsuchung eines Anwesens drei Babyleichen in Kühlboxen entdeckten, ermittelt die Polizei nun gegen die 40-jährige Mutter. Die Politik indes hat wie immer umgehend Ermittlungen zu den Tatmotiven und den Ursachen eingeleitet. Sachsen-Anhalts früherer Ministerpräsident Wolfgang Böhmer war der erste, der sich mit Ergebnissen zu Wort meldete: In einem Interview gibt der CDU-Politiker der Abtreibungspolitik in der alten BRD die Schuld an gehäuften Kindstötungen in Westdeutschland. Er vermutet, "für manche" sei Babymord "ein Mittel der Familienplanung". Auch der CDU-Politiker Jörg Schönbohm stimmte zu: Mit Blick auf die dreifache Kindstötung in Hessen sagte er gesagt, für die Gewaltbereitschaft und Verwahrlosung im Westen seien die "Individualisierung" und "zwangsweise Erziehung zum Konsum" unter dem marktwirtschaftlichen Regime verantwortlich.

Die Kindstötungen im Westen haben für Wolfgang Böhmer tiefere Gründe - er sieht eine Ursache in nachwirkender BRD-Mentalität der Eltern. Dem "Focus" sagte der CDU-Politiker und Ex-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt: "Ich erkläre mir das vor allem mit einer leichtfertigeren Einstellung zu werdendem Leben in den alten Ländern." Ihm komme es so vor, als ob Kindstötungen von Neugeborenen - die es aber schon immer gegeben habe - "für manche ein Mittel der Familienplanung seien". "Ist die BRD mitschuldig?", fragt die Illustrierte Stern beunruhigt.

Der Leiter des Kriminologischen Instituts in Niedersachsen, Christian Pfeiffffer, sprang Böhmer bei. Bereits vor voer Jahren habe er darauf hingewiesen, dass er "derzeit alle etwa 900 Fälle von Kindstötung der vergangenen zehn Jahre in Deutschland" untersuche und dabei erste Ergebnisse erzielt habe. Leider sei die seinerzeit versprochene Studie zum Thema bis heute nicht fertig geworden.. "Wir sind noch nicht so weit, diese Ost-West-Unterschiede aufzuklären", sagte Pfeiffffer, nachdem in Hessen binnen weniger Tage drei tote Babys gefunden worden waren.

Des frühere brandenburgische Regierungschef Manfred Stolpe stellte bei den Westdeutschen eine sittliche Verwahrlosung fest. Die Fixierung auf den Kapitalismus führe zu einer "Verwahrlosung, einem Extremismus im sozialen Umgang“. Die Politik müsse mit mehr Kontrollen chronische Verwahrlosung verhindern, empfahl der frühere Gynäkologe Böhmer seinen Ministerpräsidentenkollegen in den alten Ländern - auch wenn man dem Phänomen der Kindstötung im Affekt damit kaum beikommen werde.

Tabaksteuer: Mehr wird immer weniger

Wenn das nicht wieder ein Riesenerfolg wird, dann wird man zumindest niemals wieder davon hören", unkte PPQ im Oktober vor zwei Jahren. Auf der Suche nach neuen Einnahmenquellen hatte die Bundesregierung gerade beschlossen, mal wieder die Tabaksteuer zu erhöhen. Das werde in den kommenden Jahren Mehreinnahmen von 200 Millionen Euro bringen, die dann in den Folgejahren auf 500, 700 bis auf 800 Millionen Euro im Jahr 2014 steigen würden, hatte Finanzminister Wolfgang Schäuble bei der Verabschiedung des so genannten "Sparpakets" im Oktober 2010 angekündigt.

Fest stand allerdings nach allen historischen Erfahrungen, dass Schäuble in Wirklichkeit keinen einzigen Cent mehr einnehmen würde. So wie Peer Steinbrück, der heute hauptberuflich nebenberuflich tätig ist und nebenbei darauf wartet, Kanzler zu werden, seinerzeit keine Zusatzeinnahmen mit der Einführung der Abgeltungssteuer generieren konnte, hat in der Vergangenheit auch noch nie eine Erhöhung der Tabaksteuer die Einnahmen erhöht.

Immerhin erzielt die Politik aber doch noch Wirkung. Bürgerinnen und Bürger zucken nicht nur die Achseln und ergehen sich in das alte Untertanengebet "Da kann man doch sowieso nichts machen". Sondern sie machen, und zwar, was ihnen nützt.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen, denn denn die erneute Erhöhung der Tabaksteuer zum Jahresbeginn zeigt deutliche Wirkung: Im ersten Quartal dieses Jahres wurden empfindlich viel weniger Zigaretten und Feinschnitt zum Selbstdrehen versteuert als noch vor einem Jahr. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lag der mengenmäßige Rückgang bei den Zigaretten auf 20,9 Prozent, beim Feinschnitt sogar auf 26,9 Prozent. Statt wie vor der Erhöhung etwa 80 Milliarden Zigaretten im Jahr zu rauchen, beließen es die deutschen Raucher nunmehr bei etwa 64 Milliarden. Der Rest werde zollfrei im Ausland zugekauft.

Von den 200 Millionen, die der Bund sich im ersten Jahr als Zusatzeinnahmen ausgerechnet hatte, wird Finanzminister Wolfgang Schäuble sich nicht einmal einen neuen Taschenrechner kaufen können, denn es gibt sie nicht. Und nicht nur sie: Seit sein Vorgänger Hans Eichel vor fast zehn Jahren begann, die Tabaksteuer zu allen möglichen Zwecken - darunter die Bekämpfung des internationalen Terrors - zu erhöhen, sanken die Tabaksteuereinnahmen von 14 Milliarden auf nun hochgerechnet nur noch knapp über 11 Milliarden Euro. Seltsamerweise berichtet keine einzige der rund 200 deutschen Qualitätszeitschriften und -magazine über dieses Loch im Staatshaushalt.

Geraucht wird nicht weniger, nur gekauft wird woanders. Eine Bilanz, die jeden Konzernlenker seinen Job gekostet hätte. Doch die Bundesregierung hält an ihrem entschiedenen Kurs zur weiteren Senkung der Einnahmen durch Erhöhung der Steuersätze fest. Nach bislang drei Erhöhungsrunden in der aktuellen Tabakverteuerungskampagne stehen noch zwei weitere Erhöhungen jeweils zu Beginn der nächsten zwei Jahre aus. Wie gehabt fließen die fehlenden Milliarden in den wackligen Staatshaushalt von Wolfgang Schäuble, der versprochen hatte, "damit den Einstieg in Steuervereinfachungen zu finanzieren". Deshalb also hat man davon nie wieder etwas gehört.

Mittwoch, 25. April 2012

Meine TAN für Griechenland

Gericht ahnungslos, Richter gnadenlos, Kunden chancenlos. Nach einem neuen Urteil des Bundesgerichtshofes müssen einfache Bürgerinnen und Bürger für ihre Fehler beim Online-Banking selbst haften. Auch Schäden, die entstehen, weil sie im Online-Banking auf Betrüger hereinfallen und ihre Geheimnummern weitergeben, müssen sie allein tragen.

Zweifellos ein menschenverachtendes Urteil, das völlig verkennt, welch ungute Rolle Banken während der Finanzkrise spielten. Obwohl die Geldinstitute nach Aussage führender Spitzenpolitiker allein an allem schuld waren, nimmt ein Gericht sie nun auch noch in Schutz. Ein armer Rentner aus dem Raum Düsseldorf verlor damit endgültig 5000 Euro, die seine ganze Altervorsorge waren. Und das nur, weil er einer angeblichen Aufforderung seiner Bank gefolgt war und zehn seiner Transaktionsnummern weitergegeben hatte.

Der Staat versagt auf ganzer Linie beim Schutz seiner Bürger. Woher hätte der Mann wissen sollen, dass er auf Online-Betrüger hereinfällt? Die Seite, die er besuchte, sah doch genau aus wie die richtige Website seiner Bank, auch die Aufforderung, gleich mal zehn Geheimzahlen für Online-Überweisungen unbekannter Höhe und an unbekannte Empfänger einzugeben, musste dem Mann völlig normal erscheinen. Dennoch sah es der BGH als Fahrlässigkeit des Kunden, nicht auf Warnungen vor solchem Missbrauch gehört zu haben. Wie immer müsse der kleine Mann zahlen, sagte der der Vorsitzende Richter Ulrich Wiechers: „Der Kläger hat die im Verkehr erforderlichen Sorgfaltspflichten außer Acht gelassen, indem er zehn TANs gleichzeitig weitergab.“

Aber Ende gut, alles gut. Denn das geld ist nicht weg, es hat nur ein anderer: Drei Monate nach der Freigabe der zehn Tan-Nummern wurden 5.000 Euro vom Konto des Rentners auf ein Konto bei einer griechischen Bank überwiesen. Obwohl der konkrete Empfänger nicht mehr ermittelt werden konnte, hat der Düsseldorfer seinen bislang nach Athen überwiesenen persönlichen Hilfsbetrag für Griechenland in Höhe von 13.000 Euro damit beispielhaft aufgestockt. Ein Vorbild, das nun Schule machen soll: Unter dem Motto "Meine TAN für Griechenland" ruft bereits eine Facebook-Gruppe dazu auf, dem Beispiel des Mannes zu folgen und Hilfsbedürftigen in Griechenland Tan-Nummern zur freien Verfügung bereitzustellen.


Verbalschuldensenkung auf Höchststand

Diesmal ist es April, nicht September, diesmal ist es die EU, nicht die Bundesregierung. Die Bundesrepublik werden allen Planungen nach ab 2014 ohne neue Schulden auskommen, besagt das so genannte EU-Stabilitätsprogramm. Murmeltiertag bei Hase und Igel, denn zuletzt hatte Angela Merkel selbst verkündet, dass die Bundesrepublik 2011 ohne neue Schulden auskommen werde. das war 2009, allerdings stand auch Merkel nur auf den Schultern von Schuldenriesen: Peer Steinbrück, damals noch Finanzminister, hatte bereits 2007 klar gemacht, dass er „bis 2010 auf gesamtstaatlicher Ebene für einen strukturell ausgeglichenen Staatshaushalt“ sorgen werde.

Das Staatsdefizit auf null senken – wenigstens verbal ist das eine Dauerübung deutscher Spitzenpolitiker.

Den Satz „Die Bundesregierung will bereits (Jahreszahl einsetzen) einen nahezu ausgeglichenen Bundeshaushalt ohne neue Schulden erreichen“, fressen Qualitätsmedien wie der „Stern“ der Bundespropagandakompanie auch mehr als 40 Jahre nach dem letzten schuldenfreien Haushalt aus der Hand wie der Hund seinem Herrchen die feuchte Wurst. Es ist längst ein Klassiker, ein Meisterwerk aus der Bundesworthülsenfabrik.

2006 versprach die SPD einen schuldenfreien Bundeshaushalt 2008. 2002 behauptete der damalige Finanzminister Hans Eichel, er werde für 2006 „erstmals seit 1970 wieder einen ausgeglichenen Bundeshaushalt ohne neue Schulden“ vorlegen. Bis dahin, versprach Eichel, bleibe er „strikt auf Sparkurs“.

Dabei bleibt es bei allen. Denn wenn der Staat spart, dann spart er sich natürlich zuallererst das Sparen. Und "eisern sparen" heißt deshalb immer Ausgaben hochfahren. Gespart wird immer nur hinter dem Horizont, dort, wo bestenfalls schon andere auszubaden haben, was man selbst angerichtet hat. Morgen, morgen, nur nicht heute! Der Wille ist fest, doch das Fleisch ist schwach, so viele Mäuler sind zu stopfen, so viele Interessengruppen ruhig zu stellen. es braucht Kindergärten für alle. Und Betreuungsgeld für die, die keinen Kindergarten wollen. Und dann eine Entschädigung für die, die kein Betreungsgeld erhalten, weil sie ihre Kinder in den Kindergarten bringen. Und schließlich eine Entschädigugn für die noch unentschädigten.

In zahlen gesehen sind die Erfolge der Null-Schulden-Politik beachtlich. Aus 15 Milliarden Staatschulden im Jahre 1962 wurde bis 2002 ein Schuldenberg von 750 Milliarden. In den zehn Jahren seitdem verdoppelte die Politik die Frequenz der Ankündigung schuldenfreier Haushalte gleich hinter der übernächsten Ecke. Gleichzeitig verdreifachten sich die Staatsschulden auf mehr als 2.000 Milliarden Billionen Euro.

Die unendliche Schulden-Geschichte im PPQ-Archiv: Wie man für das jeweils übernächste Jahr einen "Haushalt ohne neue Schulden" verspricht

Dienstag, 24. April 2012

Rechte in Gefahr: Das ausbleibende Ansteigen

Viele Jahre lang war es ein verlässlicher Baustein der Mobilisierung der gesunden Kräfte der jungen deutschen Demokratie. So pünktlich wie der AD/AC-Tunneltest kamen Mitte April die neuen, grauenhaften Zahlen zur jüngsten Zunahme rechtsextremer, rechtsextremistischer und rechtsradikaler Straftaten im Jahr zuvor. Alles wurde immer mehr, selbst wenn es mal weniger wurde, fand sich doch noch ein Eckchen, aus dem sich ein bedrückender Superlativ pressen ließ. Voller Gewalt war die Welt, die Enthüllungsreporter wie Frank Jansen mit großer Begeisterung in dunkelsten Farben malten. 12.000 rechte Straftaten, das waren immer mehr „als erwartet“ und noch mehr als vorher und die Dunkelziffer war sogar noch höher.

Jederzeit musste jedermann damit rechnen, ein Hakenkreuz auf die Stirn geschmiert zu bekommen, auch die rechten Gewalttaten machten mehrere Promille an den Gewalttaten insgesamt aus. Eine "Eskalation extremistischer Gewalt" war das jedes Jahr, erst vorab, wenn das Innenministerium den Alarmmedien „Tagesspiegel“ und „Zeit“ Vorabzahlen zusteckte, von denen immer behauptet werden konnte, sie würden dann später noch viel ausfallen. Und dann noch einmal rund um Führers Geburtstag, der mit der amtlichen Statistik und der völlig zahlenunabhängigen Warnung vor einer immer weiter ansteigenden Zahl rechter Straftaten gefeiert wurde.

Bis auf dieses Jahr. Wo sonst ein großer Gesang eines Medienchores war, der unter Auslassung unpassender Noten von einem "neuen Höchststand" bei "rechten Straftaten" sang, herrscht plötzlich Stille. Keine so dringend notwendige Warnung vor verfassungsfeindlichen Symbolen. Keine Auflistung von radikalen Übergriffen. Die Pressemitteilung, die der Bundesinnenminister stattdessen verschickt, heißt „Deutsche Islam Konferenz 2012: Geschlechtergerechtigkeit im Mittelpunkt“.

Was ist da los? Steht es wirklich schon so schlecht um die rechte Szene, dass die Statistik über alltäglich Grauen in den national befreiten Zonen Verspätung hat? Ist die von PPQ bereits vor fünf Jahren vorhergesagte Krise des Rechtsradikalismus nun auch in den Statistiken des Bundesinnenministeriums angekommen? Besorgte Bürger fragen: Was wird da verschwiegen? Was wird da vertuscht? Wer kehrt wen unter den Teppich? Herr Friedrich, wo bleiben die rechten Taten?

Radikale Maler im Archiv:
In den Fangzähnen des Faschismus
Am Bingobrett des Alarmjournalismus
Malen nach Zahlen mit Niggemmeier

Festungshaft für Vergleichsversuch

In der Debatte über die prinzipielle Zulässigkeit von Diktaturenvergleichen hat der Parlamentarische Geschäftsführer der Berliner Piratenfraktion, Martin Delius, für einen neuen Eklat gesorgt. Delius sagte dem „Spiegel“: „Der Aufstieg der Piratenpartei verläuft so rasant wie der der NSDAP zwischen 1928 und 1933.“ Die Äußerung sorgte mangels fernöstlicher Tsunamis und französischer Amokläufe bundesweit für Empörung. Politiker forderten, dass Delius sein Mandat im Abgeordnetenhaus aufgeben solle. Andere Stimmen forderten, der gebürtige Hallenser müsse sich bei den Wahlverlierern von 1933 entschuldigen. Mitglieder der Piratenpartei äußerten Unverständnis, Historiker zeigten sich betroffen vom Ausmaß der Unkenntnis der jüngeren Generation über den Aufstieg der Hitler-Partei. Es vergehe zwar kein Tag, an dem Adolf Hitler nicht im deutschen Fernsehen zum Volk spreche, dennoch sei die Botschaft bei vielen Menschen noch immer nicht angekommen, beklagten Experten.

Union-Generalsekretär Heinz Wegener legte Delius den Rücktritt nahe. „Wie jeder weiß, konnte 1928 von Erfolgen der NSDAP noch nicht die Rede sein“, sagte er. Damals habe die nationalsozialistische Partei gerademal 2,63 Prozent der Stimmen erreicht. „Das ist etwa das Niveau der FDP“, erinnerte der Hobby-Historiker. Auch die Fraktionschefin der Grünen, Renate Künast, forderte wegen der unzutreffenden historischen Parallelen, die Piraten-Partei müsse jetzt erstmal klären, „ob sie aus der Geschichte lernen“ wolle. Die Piraten müssten sich „ernst nehmen lassen wie jede andere Partei auch“. Deshalb reiche es nicht, wenn einzelne Parteimitglieder hier und da ihre unhaltbaren Äußerungen zurücknähmen, so Künast. Es gebe eine historische Wahrheit, und die zeige, dass die NSDAP fünf Jahre nach ihrer Gründung verboten gewesen sei. Das treffe auf die Piraten nicht zu. Auch die von Delius behauptete Parallele eines „rasanten Aufstieges“ gebe es nicht. Während die NSDAP ab 1930 tatsächlich zweistellige Stimmergebnisse habe einfahren können, seien die Piraten bislang nur Umfragesieger.

Das zeige sich auch darin, dass die NSDAP bereits 1930 in Thüringen Regierungsverantwortung übernommen habe, die Piraten sich in ihrer verantwortlichen Rolle als Parlamentarier jedoch „völlig überfordert“ zeigten. Ähnlich äußerte sich der SPD-Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus, Raed Saleh. „Die Piraten müssen sich klar von denen innerhalb ihrer Mitgliedschaft distanzieren, die meinen, sie seien jetzt schon da, wo die NSDAP 1933 war“, so Saleh. Er gebe zu bedenken, dass die Hitler-Partei seinerzeit bei bundesweiten Wahlen immer wenigstens ein Drittel der Stimmen bekommen habe und am Ende sogar 43,91 Prozent der Wähler überzeugen konnte.

Dazu reiche es aber eben nicht aus, sich über Netzpolitik zu definieren. “Eine Partei brauche Werte, mit denen sich Mitglieder und Unterstützer identifizierten“, mahnte der Sozialdemokrat. Es gehe um Fakten und nicht um "sinnlose Vergleiche", hieß es im politischen Berlin. So sei Angela Merkel nur 1,64 groß, Adolf Hitler dagegen habe 1,76 Meter vor die Messlatte gebracht. Dennoch sei klar, dass "die Bundeskanzlerin der größere Staatsmann" sei.

Sebastian Nerz, Bundesvorsitzender der Piraten, räumte ein, dass es sich für eine kleine Partei mit rund 25.000 Mitgliedern verbiete, sich mit einer Volkspartei wie der NSDAP zu vergleichen, die bereits 1930 mehr als 130.000 Mitglieder zählte. Nerz nahm Delius dennoch in Schutz: „Es ist allein Sache unserer Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, ob Herr Delius wegen des Vergleiches sein Mandat niederlegt.“ Das vor Jahren in Sachsen-Anhalt verhängte Vergleichsverbot könne für Delius nicht gelten, obwohl Sachsen-Anhalt sein Heimatland sei. „Sein Wohnsitz ist Berlin“, hieß es in Piratenkreisen.

Delius selbst tut die Panne inzwischen leid. Er habe wegen der Lieferung eines Schuhschrankes gefehlt, als in Geschichte Klasse 8 der Aufstieg der NSDAP, der II. Weltkrieg und der Tod des Hundes Blondie im Bunker behandelt worden waren. „Das Zitat ist mir wirklich so passiert und war der Schlusssatz einer Ausführung zum derzeitigen beispiellosen Wachstum der Partei“, schrieb er in seinem Blog. Bei „beispiellos“ falle einem als Deutschem eben immer nur der Nationalsozialismus ein, dennoch habe er nie eine strukturelle, inhaltliche oder historische Gemeinsamkeit seiner Partei mit der NSDAP andeuten wollen. „Ich entschuldige mich bei allen Piraten und Unterstützern für den Vergleich und die damit verbundene Außenwirkung.“ Er sei bereit, die Konsequenzen seines Handelns zu tragen und für seine Überzeugungen ins Gefängnis zu gehen, auch Festungshaft werde er klaglos erdulden.

Endlich: Piraten als braun enttarnt

Montag, 23. April 2012

Fremde Federn: Staatsfernsehen in Opposition

"Die Printmedien sind boulevardesk geworden", schreibt Alexander Dill auf heise.de zur vielstimmigen Einstimmigkeit des deutschen Zeitungschores. "Ihre Kommentatoren melden sich erst, wenn sie – wie in den Fällen Wulff und Grass – auf kollektive Zustimmung hoffen können", heißt es spät, aber analytisch, "und dann bringen sie tausendfach die Hymne (Gauck) oder den gesenkten Daumen (Wulff)".

Redakteure seien bemüht, bei den Lesern, Inserenten und Eigentümern nicht anzuecken. "Der Preis dafür ist eine weitgehend herdenkonforme Berichterstattung, in der die investigative Reportage eine seltene Ausnahmeerscheinung darstellt", diagnostiziert der Medienarzt, um der zutreffenden Halbdiagnose eine bizarre zweite zweite Hälfte folgen zu lassen. Denn bei Dill sind es die öffentlich-rechtlichen Staatsanstalten, die angetreten sind, die Ehre des deutschen Journalismus zu retten. Die "mediale Opposition", schreibt er, habe "jahrzehntelang nicht im Fernsehen, sondern in den Printmedien stattgefunden". Bis auf neuerdings, denn nun sei es andersherum.

Dokumentarfilmer und Reporter von ARD und ZDF seien "als unbequeme Investigatoren unerwünscht". Chefredakteure hätten "keine Angst mehr davor, von Politikern und Wirtschaftsführern herbeizitiert zu werden, mit der Bitte, den lästigen Frager unehrenhaft zu entlassen".

Zivilcourage ist Staatsauftrag, wie zuletzt der spaßige Staatsfernsehauftritt des damaligen Bundespräsidenten im anlassgerecht vereinten Fusionsfernsehen ARDZDF zeigte. Wo sind sie hin, die "Vorleser regierungsamtlicher Propaganda", die das Volk jahrzehntelang entspannt einlullten? Laut heise.de ist die "mediale Opposition", die immer in "Printmedien wie Spiegel, Stern, Frankfurter Rundschau, Süddeutsche Zeitung, Zeit und taz" stattfand, hinübergewechselt zum GEZ-Fernsehen, das sich "öffentlich-rechtliche Aufklärung" (Dill) auf die Fahnen geschrieben habe. So gingen "die Magazine Monitor, Report, Frontal21 und Panorama in ihrer aktuellen Gesellschaftskritik weit über alles hinaus, was uns FAZ, SZ, Zeit und Spiegel derzeit bieten".

Man muss sich das wohl etwa so vorstellen, wie die Kritik am Euro-Rettungsschirm bei der SPD weit über das hinausgeht, was uns die CDU derzeit bietet. Und umgekehrt.

Energieausstieg kommt gut voran

Im Februar der Fast-Zusammenbruch der Netze, im März eine Überlastungsmeldung der Bundesnetzagentur, im April die Pleite des Solarherstellers Q-Cells - der vor einem Jahr von der Bundesregierung angekündigte Energieanstaieg kommt in Deutschland deutlich schneller voran als ursprünglich gedacht. Profiteure der Energiebereitstellung machen sich jetzt schon Sorgen: Solarworld-Chef Drank Aspeck vermutet: "Man will uns kaputtmachen". Tausende Jobs in seiner Branche würden durch die jüngsten Förderkürzungen aufs Spiel gesetzt. Die Politik knicke vor der Energielobby von RWE, Eon, EnBW und Vattenfall ein. „Unsere Gegner wollen die Solarenergie aufhalten, bevor es zu spät ist.“

Doch der Energieausstieg ist unumkehrbar, wie Fritz Tackel betont. Als Ausstiegsbeauftragter der Bundesregierung überprüft der Klimawissenschaftler die Einhaltung der Ausstiegsziele und gibt Empfehlungen für die Umsetzung der Energiewende. PPQ sprach mit Tackel über das Ende des Energiezeitalters und die Probleme bei der gesellschaftlichen Unterfütterung der energielosen Gesellschaft.

Professor Tackel, Sie haben vor gut einem Jahr Empfehlungen zur Energiewende formuliert. Sind die noch aktuell?

Tackel: Sie sind weiter gültig und wichtig. Es gibt aber Themen, die man hinzunehmen muss. Was sich im vergangenen Jahr gezeigt hat ist, dass die gesellschaftlichen Fragen wichtiger sind und mehr Forschung benötigen als wir uns vorgestellt haben: Die Akzeptanz der Energiewende und der Umgang der Bevölkerung mit Energie.

Wir müssen Stromsparen lernen, wenn wir aussteigen wollen.

Tackel: Das ist das eine: Wie jeder einzelne persönlich mit Energie umgeht, mit Strom und Heizung. Da ist ein Umdenken nötig. Das müssen wir auch wissenschaftlich begleiten. Das andere ist: Wenn der Energieausstieg erfolgreich sein soll, wird es ohne große Infrastrukturprojekte nicht gehen. Wir müssen lernen, wie wir ohne Strom zurecht kommen, wie wir ohne Benzin mobil bleiben, wie wir den Ausbau der Windkraft vorantreiben, weil wir den Stahl und das Kupfer für unsere gigantischen neuen Offshore-Anlagen vor der Küste nur noch mit Strom aus Windrädern schmelzen können. Das sind Projekte, die eingreifen in das Leben der Menschen. Da muss man die Bevölkerung mitnehmen, frühzeitig beteiligen und ihre Impulse aufnehmen. Man kann nicht nur die Entscheidungen treffen und hinterher begründen. Das genügt nicht.

Wer muss die Überzeugungsarbeit leisten: Nur die Politik?

Tackel: Die Energiewende gelingt nur als Gemeinschaftswerk. Das ist ein altmodischer Ausdruck, aber der passt ganz gut. Hier muss nicht nur eine gesellschaftliche Gruppierung Verantwortung tragen. Die Politik ist stark gefordert, aber nicht ausschließlich. Zum Beispiel die Wissenschaftseinrichtungen, die Schulen und Universitäten, die Wirtschaft sind auch gefragt. das fängt früh an: Die Familien müssen ihre Kinder im Sinne des Energieausstiegs erziehen, ältere Brüder ihre Schwestern an die Hand nehmen.

Hat die Politik Ihre Empfehlungen umgesetzt - oder hinkt sie hinterher?

Tackel: Wir hatten auch ein Monitoring vorgeschlagen: Der Energieausstieg sollte immer wieder beobachtet werden, Korrekturen und neue Forschungsergebnisse eingebracht werden. Aber aus gründen der Energieeffizienz hat die Bundesregierung das abgelehnt. Ich würde aber nicht sagen, der Energieausstieg läuft nicht. Es sind schon acht Gesetze geändert worden, es ist einiges passiert, vor allem auf dem Papier. Der Energieausstieg ist ein sehr differenzierter Prozess, den man nicht von heute auf morgen bewältigt. Es geht ja nicht nur um den Atomausstieg bis 2022, es geht auch um den Rückbau der Solarenergie, den Protest gegen Windradparks, die Verhinderung unterirdischer CO2-Speichermöglichkeiten und immer wieder um Proteste gegen den Aufschluss neuer Braunkohletagebaue. Die größere Herausforderung wird sein, auch den Bau neuer Gaskraftwerke zu verhindern, um das Energiesystem absolut CO2-los zu gestalten, damit die Klimaziele erfüllt werden - wenn schon nicht im Rest der Welt, dann wenigstens bei uns. Das ist ein sehr ambitionierter Gesamtprozess.

Der nicht leichter wird, wenn Umwelt- und Wirtschaftsminister um Zuständigkeiten streiten. Brauchen wir ein Energieministerium?

Tackel: Es kommt vor allem darauf an, gut organisiert zu sein. Wir hatten in der Ethik-Kommission "Sicherer Energieausstieg" der Bundesregierung, in der ich Mitglied war, einen Energiebeauftragten vorgeschlagen - ähnlich wie der Wehrbeauftragte - und ein Forum Energiewende. Sie sehen, hier sitze ich. Für mich ist das ein beweis, dass auch der Energieausstieg Arbeit und Brot für viele Familien bringen kann.

Sind Sie skeptisch, ob der Energieausstieg gelingen wird?

Tackel: Nein. Anstrengen müssen wir uns schon. Ich bin aber von Hause aus optimistisch und sage: Das ist machbar. Aber der Energieausstieg ist natürlich kein Selbstläufer. Es muss sich auf vielen Ebenen etwas tun. Zum Beispiel benötigen wir auch eine neue Begründung für den Klimawandel. Diese zu entwickeln, das ist eine ganz große Herausforderung.

Ist eine Lösung in Sicht?

Tackel: Der Klimawandel ist eine Achillesferse des gesamten Prozesses. Da ist es nötig, neue Konzepte anzugehen. Es passiert einiges, es hat eine Beschleunigung gegeben, daran arbeiten viele Wissenschaftler. Der Durchbruch in der Breite fehlt aber noch. Man kann aber nicht erwarten, dass sich innerhalb eines Jahres völlig neue Technologien auftun.

Fukushima hat unsere Gesellschaft erschüttert, sehen Wissenschaftler nüchterner auf so eine Katastrophe?

Tackel: Mich hat das sehr berührt. Als Wissenschaftler muss man aber nüchtern analysieren: Kernkraft ist eine Technologie, die nicht ohne Risiken zu haben ist. Ob man die eingehen will, ist eine gesellschaftliche Frage. Deutschland hat sich entschieden, diese Risiken nicht mehr einzugehen. Forschen müssen wir in dem Bereich aber weiter. Zum Beispiel in der Frage des Atommülls. Es gibt etwa die interessante Möglichkeit, Isotope umzuwandeln in sogenannte Transmutationen. Damit könnte man die Halbwertszeit von nuklearem Abfall reduzieren. Dagegen gilt es Proteste zu organisieren. Denn den Abfall haben wir ja, ob Deutschland aus der Energie aussteigt oder nicht.

Sonntag, 22. April 2012

Vor dem Aufstieg: Doppelpack im Doppelpack

Das jeweils nächste Spiel entscheidet über Meisterschaft und Aufstieg, auch wenn sich das unter Fußballfachpublikum in Halle noch nicht herumgesprochen hat. Am Mittwoch hatte der Hallesche FC die Auswärtshürde in Halberstadt quasi im Schlußsprung genommen, die Fans sahen ein Team, das auf der blanken Felge ins Saisonfinale einzubiegen schien. Doch die Konkurrenz spielt mit, zum ersten Mal seit der Ära Karl Trautmann. Und auch wenn die altgedienten Tribünensitzer dem Frieden deshalb noch lange nicht trauen - gegen Plauen, vor drei Jahren noch der blamable Schlussstein einer formidablen Saison, zeigen die Männer von Trainer Sven Köhler, was sie in diesem Jahr so stark macht.

Nicht zu Beginn allerdings, denn da dominiert der Gast, für den Halle immer ein gutes Pflaster war. Fünf Minuten kommt der HFC nicht aus der eigenen Hälfte, die Felge quietscht, die Jacke brennt. Das war es dann aber auch mit der Plauener Spitze, denn ab Minute sechs übernehmen die Rot-Weißen unter Oberbefehl von Maik Wagefeld, der heute wieder im Mittelfeld spielen darf, das Kommando. Und wie. Zwar vergibt Stürmer Angelo Hauk sowohl die erste als auch die zweite Torchance. Aber Denis Mast, der trotz bescheidener Leistung in Halberstadt wieder von Anfang spielen darf, macht es nach zwölf Minuten besser. Fanke Lindenhahn, Abwehrversuch Plauen, Mast aus Nahdistanz ins linke untere Toreck.

Tonnenschwer fallen die Steine von den Herzen der 6500 im Stadion, die verstanden haben, dass das Finalspiel gegen Rasenball Leipzig, für das schon mehr als 10.000 Karten verkauft sind, womöglich das für die Meisterschaft völlig bedeutungslose erste Vorbereitungsspiel für die erste Drittligasaison des HFC werden wird und nicht die alles entscheidende Saisonbegegnung, die noch vor Wochen zu werden versprach.

Denn so wie die Hallenser hier spielt ein Aufsteiger, der sich die Butter nicht mehr vom Brot nehmen lässt. Halle dominiert wie nach Belieben, Plauen steht wie gelähmt herum. Das reicht nicht gegen die Gastgeber, die seit dem Ende der Winterpause entdeckt haben, dass sie auch Tore schießen und nicht nur welche verhindern können. Sechs Minuten nach Mast schlägt Angelo Hauk zu: 2:0, Vorlage wieder von Lindenhahn. Zwölf Minuten nach Hauk ist wieder Mast dran: 3:0.

Spiel, Satz, Sieg und Meisterschaft, denn die HFC-Bilanz seit dem Beginn der Frühjahrsrunde ist die eines echten Champion: 25 : 6 Tore erzielten die Hallenser, damit holten sie sagenhafte 33 von 36 möglichen Punkten. Der neue deutsche Meister Dortmund war am selben Spieltag einen Punkt schlechter. Der HFC steigerte sich damit gegenüber der Vorrunde deutlich: Im Herbst gelangen nur 15 Tore bei zwei Gegentreffern, das reichte damals nur zu 29 Punkten.

Mit der Durchschlagskraft nach vorn stieg offenbar auch das Selbstbewusstsein der Mannschaft, deren Wesenart es über Jahrzehnte war, stets im entscheidenden Moment am eigenen Zweifel zu scheitern. Damit ist es vorbei, wie der stellenweise kräftesparend erzielte Sieg gegen den früheren Angstgegner Plauen zeigt. Nicht einen ernsthaften Torschuss muss Darko Horvat halten, dafür hätten Halles Stürmer bereits zur Pause ein halbes Dutzend Tore erzielt haben können.

Aber Texeira schießt drüber, Mast schießt vorbei, Hartmann ebenso. Die mitgereisten zwei Dutzend Plauener Fans skandieren launig "Auswärtssieg", die Hallenser antworten mit "So spielt ein Aufsteiger". Nach 25 Minuten ist Angelo Hauk zur Abwechslung mal wieder zur Stelle, um einen Ball, den Ex-HFC-Reservetorwart Person nicht hatte festhalten können, über die Linie zu schieben.

Ein Doppelpack im Doppelpack. So souverän, so beiläufig sind die Vogländer hier noch nie abgefertigt worden. Und so einig über den Ausgang der Saison waren sich Hallenser und Plauener Fans auch noch nie. Erst stimmen die Plauener in das "So spielt ein Aufsteiger" von der halleschen Fantribüne ein. Und dann höhnen Rot-weiße und Gelbe auch noch einträchtig miteinander in Richtung des abwesenden Liga-Krösus RB Leipzig: "Scheiß Red Bull" singt der gemischte Chor. Der emotionale Höhepunkt eines Sieges, der Halle wieder einen Schritt näher an den ersehnten Aufstieg bringt. Freitag geht es in Cottbus weiter. Wieder ein Spiel, das entscheidet.

Zur PPQ-Finalsoap:
Vor dem Aufstieg (VdA) VI
Vor dem Aufstieg (VdA) V
Vor dem Aufstieg (VdA) IV
Vor dem Aufstieg (VdA) III
Vor dem Aufstieg (VdA) II
Vor dem Aufstieg (VdA) I

Zum Schaden der Bibel

Das Buch kann nichts dafür. Ob ein aufgeklärter Christ wie der McDonalds-Angestellte Jens Warnecke die Bibel als ästhetische Offenbarung würdigt oder ob Hassprediger wie Andres Breivik sie als Aufruf zum Vernichtungskrieg gegen die „ungläubigen Hunde“ deuten – der Text bleibt immer derselbe.

Das erfordert sorgfältiges Argumentieren von denen, die gegen die Ramschtische in den Fußgängerzonen deutscher Städte sind, an denen zurzeit die Bibel unters Volk geworfen wird. Weder die Verteilung ist das Problem noch die kostenlose Weitergabe – diese Praxis kennen viele Hotelgäste aus ihren Nachttischschubladen. Und erst recht ist der Inhalt nicht per se dazu angetan, den Verfassungsschutz auf den Plan zu rufen. Da gerät in der schlagwortartigen Verkürzung schnell etwas durcheinander.

Gefährlich sind vielmehr die Christen, die hinter der scheinbar harmlosen Aktion stecken: Unter „Mission“ versteht diese radikal-christliche Strömung letztlich die Abschaffung von Demokratie und säkularem Rechtsstaat, das Ende von Meinungs- und Religionsfreiheit. Grundlage ihrer Ideologie ist tatsächlich die Bibel, aber in einer einseitigen, stumpfsinnigen, vernagelten Lesart. Sie gibt vor, die Bibel authentisch, weil wörtlich zu verstehen. Aber gerade das verfälscht und tut einem übersetzungsbedürftigen, historisch bedingten Text die größte Gewalt an. Das zeigt ein kurzer vergleichender Blick in den Koran: auch dort Unsinn und menschenfeindlicher Ungeist zuhauf, nimmt man alles buchstäblich.

Spätestens seit dem heiligen Augustinus (354 bis 430 nach Christus), der auf himmlisches Geheiß zur Bibel gegriffen haben und durch die Lektüre bekehrt worden sein soll, gibt es in der christlichen Tradition eine sehr ursprünglich-persönliche Beziehung zur heiligen Schrift: Der einzelne Gläubige lässt sich von Gottes Wort ansprechen und betreffen. Mag sein, dass sich die mitteldeutsche Christegruppe Kirche Jesu Christi listig an das berühmte augustinische „tolle, legge!“ – „nimm, lies!“ anhängen wollte, als sie der Verteilung von Einladungen zur Erlösung begann.  Die Parallelität der Formulierungen legt zumindest eine ideelle Verwandtschaft nahe. Nur würde kein ernstzunehmender Theologe oder Seelsorger sagen, was die Christen von ihrem „Projekt“ behaupten: dass es Vorurteile abbaut und das allgemeine Verständnis des Christentums verbessert. Das kann bei einer so fremden, literarisch disparaten und voraussetzungsreichen Textsammlung wie dem Bibel nicht funktionieren.

Bester Beweis dafür sind Gegner des Christentums, die mit der Verteilung von Koranen gegenhalten. Methodisch gleichen sie sich denen an, die sie zu bekämpfen vorgeben.

Hier wie da gebärden sich die Missionare als wohlmeinende Multiplikatoren einer heiligen Schrift, folgen aber nur ihrer höchst unheilvollen Ideologie. Das macht ihre Aktionen so gefährlich. "Wie kann ich herausfinden, was Gott mit meinem Leben vorhat", fragt ein Flyer der christlichen Erlöser, als habe nicht jeder Mensch in unserer aufgeklärten Zeit selbst die Wahl, etwas aus seinem Leben zu machen.

Doch diese Taktik ist übrigens durch die christliche Glaubenspraxis selbst leicht zu entlarven. Galt in früheren Zeiten schon die bloße Übertragung des lateinischen Urtextes in andere Sprachen als Sakrileg, so behandeln Christen seit Luther auch Bibeln in anderen Sprachen mit größter Ehrfurcht. Sie gilt ihnen nicht nur als „heilige Schrift“, sondern liegt auch in jedem Hotelnachttisch.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass es viele Christen auch nicht stört, dass ihr heiliges Buch zur wertlosen Massenware wird, dass es achtlos in Einkaufstaschen verschwindet und daheim im Altpapier zu landen droht. Es ist wie immer bei Extremisten und Fundamentalisten, auch wenn sie sich auf Jesus beziehen: Ihnen ist in Wahrheit überhaupt nichts heilig – außer die eigene Verblendung und Verbohrtheit. Wenn die Verteilung von Einladungen zu christlichen Erweckungsgottesdiensten auch an Un- und Andersgläubige dafür den Blick der Gesellschaft schärft, hat sie wenigstens einen – ungewollten – Erfolg.

Samstag, 21. April 2012

Wer hat es gesagt?

Es gibt noch ein paar wenige Zeitungen und Zeitschriften sowie gerade mal einen Fernseh- und einen Radiosender, von denen man sagen kann, dass sie unabhängig sind.

Vor dem Aufstieg: Chemie schlägt Brause

Fünf Spieltage vor Schluss ist die Sache durch, zumindest auf dem Papier. Seit es die neue Regionalliga gibt, war der Tabellenführer nach dem 29. Spieltag jeweils der Aufsteiger nach dem 34. Spieltag: Kiel führte im Jahr 2009 und stieg auf, Babelsberg war 2010 am 29. und am 34. Spieltag vorn, Chemnitz machte es 2011 genauso, nachdem die Sachsen am 29. Spieltag den 1. FC Magdeburg geschlagen hatten, zufälligerweise mit 3:0.

Chemnitz war der glatteste und überzeugendste Aufsteiger, eine Mannschaft, die sich auch eine Liga höher nicht nur hält, sondern vorn mitspielt. Fünf Spieltage vor Schluss war das allerdings noch kaum zu ahnen. Chemnitz lag zwar vorn, hatte aber nur ganze vier Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten Wolfsburg.

Die Bilanz der Himmelblauen aber deutete schon Größeres an: 20 Spiele hatte die Elf von Gerd Schädlich gewonnen, sieben unentschieden gespielt und nur zwei verloren. Die letzte Niederlage kassierte der CFC dabei am 16. März 2011.

Ein Jahr später hat bis auf beinharte Statistiker noch niemand gemerkt, dass die Bilanz des Halleschen FC nach 29 Spieltagen nicht nur mit der Chemnitzer mithalten kann, sondern sogar noch ein bisschen eindrucksvoller ist. Die Elf von Sven Köhler hat 21 der letzten 29 Spiele gewonnen, sechs remis geholt und auch nur zwei Spiele verloren. Das letzte in Wilhelmshaven am 23. März - ein Jahr und sieben Tage nach der letzten CFC-Pleite in der Regionalliga.

Daraus resultieren 69 Punkute, zwei mehr als Chemnitz damals hatte. Der Verfolger, diesmal RB Leipzig, liegt mit 65 Punkten im selben Abstand wie letztes Jahr Wolfsburg, das damals 63 Punkte hatte. Dahinter folgt Holstein Kiel mit 63 Punkten, in der Vorsaison war der VfB Lübeck Dritter mit 59 Punkten.

Beide Verfolger rissen damals nichts mehr. Der CFC setzte seine Serie ungeschlagener Spiele nicht nur fort, er krönte die Saison mit einer Serie an Siegen. Fünfmal holte sich die Elf drei Punkte ab, schon einen Spieltag vor Schluss stand der CFC als Aufsteiger fest.

So könnte es wieder kommen, wenn die Papierform über die unberechenbar aufspielende Brausemannschaft aus Leipzig triumphiert. Heute stehen sich in Kiel die beste Heimmannschaft und die beste Auswärtself der Liga gegenüber – in der Formtabelle aber sind der Meisterschaftszweite und der –dritte derzeit nur vierte Wahl. Schafft Kiel keinen Sieg, sind die Störche mit höchster Wahrscheinlichkeit raus aus dem Rennen um Platz 1. Auch RB Leipzig braucht angesichts des Restprogramms, das die Instanttruppe noch zum Formtabellenkrösus Berliner AK und zum Vize HFC führt, unbedingt drei Punkte, um sich wenigstens theoretisch Chancen auf den Aufstiegsplatz zu wahren.

Halle dagegen scheint die Punkte aus seinen zwei letzten Heimspielen vor dem Finale gegen RB sicher zu haben. Selbst bei Niederlagen in den beiden verbleibenden Auswärtspartien beim Tabellenvorletzten Cottbus und beim Tabellenzehnten Meuselwitz käme die Köhler-Elf damit am Ende auf 75 Punkte. RB darf derzeit auch nur mit sechs sicheren Punkten aus den Spielen gegen Wolfsburg und Halberstadt rechnen und käme so auch im Falle eines Sieges in Kiel nur auf 74 Punkte. Die Leipziger müssten dann am letzten Spieltag in Halle siegen – damit wären sie die ersten, denen das gelingt.

Und vermutlich reicht es ohnehin nicht. Gewinnt Halle morgen gegen Plauen, danach im Auswärtsspiel in Cottbus, daheim gegen St. Pauli und in Meuselwitz, ist der Kuchen gegessen. Halle stände vor dem Showdown am 19. Mai im ehemaligen Wabbelstadion bei 81 Punkten, RB könnte selbst mit einem Sieg in Halle nur noch auf 80 kommen.

Anders gesagt, was für eine simple Wahrheit: Jedes Spiel, das RB nicht gewinnt, ist ein Spiel weniger, das der HFC gewinnen muss.

Zur PPQ-Finalsoap:
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Freitag, 20. April 2012

Klarmachen zum Hubschrauben

Schnell handeln, entschlossen zuschlagen. Direkt nach der Weigerung des Berliner Landesvorsitzenden der Berliner Piraten, Hartmut Semken, wegen umstrittener Äußerungen zum Thema Nazis zurückzutreten, hat das Bundeskabinett hat eine Ausweitung des Bundeswehr-Mandats für die Piraten-Bekämpfung beschlossen. Damit könnten auch Luftangriffe möglich werden.

Im Mai muss der Bundestag noch darüber abstimmen, es gilt aber als sicher, dass die Koalitionsmehrheit für direkte Angriffe gegen die zuletzt in allen Meinungsumfragen erstarkenden Piraten steht.

Künftig sollen im Rahmen der Piraten-Mission auch Luftangriffe bis zu zwei Kilometer ins Landesinnere erlaubt sein. Der Einsatz am Boden bleibt – bis auf Notfälle – verboten. Das bisherige Mandat des Bundestags erlaubte nur Einsätze auf See, ein Eingreifen in Berlin wäre damit ausgeschlossen. Die Opposition will den Einsatz deshalb ablehnen. Die Piratenpartei zähle trotz zahlloser Nazi-Äußerungen-Skandale von Mitgliedern immer noch zum demokratischen Spektrum, hieß es. Einen Hubschrauberkrieg, bei dem Unbeteiligte zu Schaden kommen könnten, lehne er ab, sagte Grünen-Sprecher Jürgen Trittin. Unter Verweis auf den Spielfilm 'Black Hawk Down' erinnerte der Cineast daran, Hubschrauber abgeschossen werden könnten. Das könne auch beim Vorgehen gegen die Piraten jederzeit geschehen.

Er sei deshalb weiter dafür, gegen die Piraten zu kämpfen. Doch dazu reiche trotz der jüngsten Umfrageergebnisse, die die neue Partei schon weit vor den Grünen sieht, das derzeit zur Verfügung stehende Instrumentarium.

Auch Bundestag macht Babypause

Der deutsche Bundestag setzt ein deutliches Zeichen für mehr Kinderfreundlichkeit! Direkt nach der Ankündigung von SPD-Chef Sigmar Gabriel, im Sommer eine Pause von der Politik machen zu wollen, um sich um seine gerade erst geborene Tochter kümmern zu können, schloß sich das Parlament der Initiative des amtierenden Pop-Beauftragten der deutschen Sozialdemokratie an.

Wie Gabriel, der mutig klargestellt hatte, dass er sich "im Sommer drei Monate eine Auszeit von der Politik“ nehmen werde, will auch der Bundestag die Politik in der heißen Jahreszeit ruhen lassen. Die letzte Sitzungswoche solle am 29. Juni enden, die nächste beginne dann erst am 10. September. Das seien nicht ganz drei Monate, aber immerhin zweieinhalb, hieß es im Umfeld von Bundestagspräsident Norbert Lammert. Man anerkenne damit den Einsatz des Magdeburgers an der Spitze der SPD für seine junge Frau und die gemeinsame kleine Familie an.

Der Bundestag wolle Gabriels "Partnerin den Wiedereinstieg in ihren Beruf zu ermöglichen" (Zitat). Sigmar Gabriel werde so durch sein engagiertes Vorpreschen für mehr gelebte Väterverantwortung in seinen vom gesamten Mediendeutschland begeistert begrüßten "drei Monaten Politikpause" nur ganze acht Sitzungstage versäumen.

Siggi setzt sich in Szene: Wie der SPD-Chef sich mal bei McDonalds fotografieren ließ
Eine feste Burg ist unser Trott: Mutterschutz fürs Vaterland

Donnerstag, 19. April 2012

Grass hat rechts

Was musste er sich verlachen lassen, der Dicher unter den deutschen Denkern. Kaum hatte Günter Grass sein epochales Israel-Gedicht „Was noch gesagt werden muss“ veröffentlicht, prasselte auch schon die Kritik auf den kaschubischen Kauz herunter. Das sei ja gar kein Gedicht, wetterte die Literaturkritik, Politiker schimpften das Poem einen Hetzartikel, Kommentatoren vermuteten, Grass nenne es nur Lyrik, um sich hinter der Kunst vor einer unweigerlich drohenden Anklage wegen Rassenhass und versuchtem Völkermord zu verstecken.

Im „Cicero“, einer Fachzeitschrift für Abgehangenes, geht Heinrich Detering jetzt jedoch daran, das Gedicht auf seinen poetischen Gehalt zu untersuchen und den Hersteller von allen Haftungsansprüchen freizustellen. Dazu analysiert der Experte in Fragen der literarischen Produktivität von Tabus Inhalt des Werkes, aber auch die Form. Und er staunt: Hier spreche der Sprecher „vor allem von seinem Sprechen“ - und zwar in Versen. Das sei Absicht, denn „die Kunstanstrengung“ demonstriere „die subjektive Schwierigkeit des Sprechens“ und überwinde sie zugleich.

Wie ein Leitartikel im Flattersatz sehe das mit letzter Tinte geschriebene Werk nur aus. Der Text umspiele nämlich durchaus „ein metrisches Grundmuster, das die Zeilen zu Versen macht, ohne ihren Prosaklang aufzuheben – deutlich genug, um für einen metrisch aufmerksamen Leser erkennbar zu sein, und lose genug, um Freiheiten zu erlauben“.

Grass hat rechts, es ist ein Gedicht, man erkennt es nur nicht! Metrisch gesprochen lasse sich, hat Detering ausgezählt, „die Mehrzahl der Verse unschwer vierhebig, also mit vier betonten Silben lesen“. Dabei seien Norm und Abweichung so ausbalanciert, „dass dieses Muster zum Wasserzeichen in einem Papier wird, auf dem ganz unterschiedlich geschrieben werden kann“.

Günter Grass versteckt in dem Gedicht, das nicht aussieht wie ein Gedicht, tatsächlich ein Gedicht. Das orientiert sich am Meister der unmetrischen Metrik, Brecht, ein Passgänger des musischen Marschierens, der in seinem Aufsatz „Über reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen“ einen „gestischen Rhythmus“ propagiert hatte, „der von der Alltagsrede abgesetzt bleibt, jedoch alles Dekorative hinter sich lässt“.

Grass gehe „erstaunlich leicht und genau“ mit Brechts Modell um, befindet Detering. Ab der fünften Zeile sei das Muster zu bemerken, die Zeile „Es íst das beháuptete Récht auf den Érstschlag“ sei dann „im epischen Dreivierteltakt des Daktylus gebaut“. Manche Zeile verlangt hier, „verlangsamt und mit beschwerten Hebungen gelesen zu werden“. Manche dränge zu metrischem Pathos, aber ja, doch, dies sei „ein handwerklich gearbeitetes, ein Brechtsches Gedicht“, das sich durch die „Anstrengung der Kunst“ vom Leitartikel unterscheide.

Mittwoch, 18. April 2012

Vor dem Aufstieg: Vorentscheidung im Vorharz

Was ist das aber auch für eine Aufgabe. Kurz vor Saisonschluss ist überall alles voll von diesen Dingern in Halberstadt. Blau und weiß klebt das Zeichen des Bauern am Zaun des Friedensstadions in Halberstadt. Zum Glück sind viele Fans des Halleschen FC zum Nachholspiel in den Vorharz etwas früher gekommen. Nun kratzen sie und schaben, bis nichts mehr zu sehen ist vom stolzesten Kind eines Tabellenkellers weltweit.

Aber was ist das auch für eine Aufgabe, zwei Monate nach dem klimawandelbedingten Ausfall des Spieles der Germania gegen den amtierenden Spitzenreiter der Regionalliga Nord. Bei den Hallensern, derzeit mit einem Punkt Vorsprung vor dem ehemaligen Aufstiegsfavoriten RB Leipzig, sind die Bonuspunkte aus der einst von Heinrich dem Löwe zerstörten, später aber doch wiederaufgebauten Hansestadt bereits fest eingebucht. Nur geholt werden müssen sie eben doch noch.

Und das fällt schwer, wie die erste Hälfte zeigt. Nachdem mit Patrick Moyaya auch der zweite etatmäßige Innenverteidiger sich verletzt gemeldet hat, musste Halles Trainer Sven Köhler erneut umstellen. Nein, er bringt nicht Tom Butzmann, in der vergangenen Saison einer der Helden der Schlacht gegen Leipzig. Und er bringt auch nicht Heider, den zweiten Zähljugendlichen von Spielberichtsbogen. Sondern Maik Wagefeld, der ansonsten den Mittelfeldantreiber gibt. Dafür darf Anton Müller in der Mitte neben Marco Hartmann ran, alles andere ist wie üblich.

Wie üblich tut sich der HFC auch anfangs schwer. Zwar hat Angelo Hauk gleich nach drei Minuten eine hundertprozentige Chance. Aber der Franke braucht davon an normalen Tagen eben doch mehr als eine pro Tor. Halberstadt, mit den beiden ehemaligen Hallensern Christian Beck und Phillip Schubert, hält dagegen, unterstützt von einem kleinen, aber frenetisch singenden Grüppchen Einheimischer.

Eine seltsame Atmosphäre gibt das, denn während die Hallenser ihre drei Punkte nehmen und schnell nach Hause fahren wollen, warten die Vorharzer auf die ballkünstlerischen Darbietungen der Gäste, von deren Hochform in letzter Zeit so viel zu hören waren. Allerdings ist da heute nicht viel. Dennis Mast kommt auf links nicht durch, Toni Lindenhahn spielt rechts mit, ist aber kaum zu sehen. Die Ersatzverteidigung mit Wagefeld und Eismann lässt nichts zu, doch mit Wagefeld hat Sven Köhler eben auch den kreativeren Mann seines ohnehin defensiven Mittelfeldes selbst ausgeschaltet.

So kurvt Wagefeld-Ersatz Müller immer wieder hinten herum, um sich Bälle zu holen. Oder Torwart Darko Horvat wählt die andere Variante und knallt den Ball aus dem Strafraum gleich dorthin, wo Angelo Hauk auf den Moment wartet, in dem er seine Schnelligkeit ausspielen kann.

Besser macht das aber erstmal Halberstadts Maik Georgi, der seinem Bewacher Nico Kanitz zwei-, dreimal davonläuft. Einmal findet seine Flanke sogar einen Kopf, der Kopfballer aber nicht das Tor, sondern nur das Lattenkreuz. Zum Glück, denn der Schütze hat ein rotes Trikot an.

Es ist zu spüren, dass der HFC fünf Spieltage vor Schluss auf der Felge fährt. Hinten steht die Null, aber das Offensivspiel rumpelt und pumpelt, vielleicht auch, weil es um Punkte geht, die schon fest gebucht sind. Sven Köhler sieht das draußen auch, er wechselt viel früher als üblich und bringt den früheren Halberstädter Michael Preuß schon in der 52. Minute für Mast, statt wie üblich erst nach der 65. auszuwechseln. Und er liegt richtig damit: Wo Mast nicht durchkam, spielt Preuß groß auf. Zwar kommt er nie entscheidend durch. Aber er sorgt für Unruhe, weil immer nur Zentimeter an einer punktgenauen Flanke auf Texeira oder Hauk fehlen.

Für die Vorentscheidung muss trotzdem Maik Wagefeld sorgen. Als es gerade gar nicht nach einem Tor aussieht, segelt ein Freistoß des Ex-Dresdners, dem sie im Falle eines Aufstiegs ein Denkmal in Halle bauen müssten, an Roten und Weißen vorbei ins Netz. Der Jubel zeigt, wie genau Mannschaft und Fanvolk wissen, wie wichtig dieses Tor ist. Doch die Rufe "Aufsteiger, Aufsteiger" sind noch zaghaft.

Denn noch ist nichts gewonnen. Nur eine Viertelstunde kann sich der HFC über sichere drei Punkte freuen, dann ist es wieder der pfeilschnelle Ex-Magdeburger Georgi, der auf links losstürmt, Kanitz ein weiteres Mal überläuft und von Müller nur noch per Foul gehalten werden kann. Zumindest sieht es für die wie immer überzeugende Schiedrichterin Bibiana Steinhaus nach Foul aus, denn Georgi spielt das ganz gut, auch ohne berührt worden zu sein. Es gibt Elfmeter.

Fort sind die Punkte, fort ist der schöne Vier-Punkte-Vorsprung auf RB. Und alle im Stadion wissen, dass der HFC heute nicht unbedingt in der Verfassung ist, noch einmal vorzulegen.

Muss er aber auch nicht. Weil Darko Horvat den von Oliver Kragl schwach geschossenen Ball wie im Märchen mit den Fingerspitzen erwischt und an den Pfosten lenkt. Weiter 1:0 für die Roten, weiter vier Punkte Vorsprung. Und nun kommt auch noch Sven Köhler, der schon seit Monaten nach Belieben von der Fußballmuße geküsst wird, so dass er immer alles richtig macht: Jetzt bringt er Dennis Wegner für den auch in der 2. Hälfte unauffällig gebliebenen Lindenhahn.

Kaum ist der Mann mit der 21 auf dem Platz, hat er auch schon den Ball, freistehend vor dem Tor, das Halberstadts Keeper Alexis Lenhard geheimnisvollen Gründen verlassen hat, um als Libero weiterzuspielen. Wegner verlädt ihn. Und schließt aus zwölf Metern ab. Erledigt. Abgeholt, was gebucht war: Ein Vier-Punkte-Spiel, sozusagen, eine Vorentscheidung im Vorharz.

Natürlich werden die "Aufsteiger"-Rufe nun lauter. Halberstadts Häuflein dagegen schweigt. Die Sonne steht tief über dem Harz. Die Gästegerade sieht jetzt etwas. "Wer solche Spiele gewinnt, steigt auf", sagt einer. Fünf Euro, bitte, wenn das nicht stimmt!

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