Montag, 20. Februar 2012

Bundessuchtbericht: Sport ist Mord

Etwa 26 Millionen Deutsche zwischen 14 und 69 Jahren gelten als sportsüchtig oder sportgefährdet. Diese erschreckenden Zahlen machte die Bundesregierung in ihrem jährlichen Suchtbericht öffentlich. Besonders betroffen seien Jugendliche und junge Erwachsene. Fünf Prozent der 14- bis 16-jährigen Mädchen und drei Prozent der gleichaltrigen Jungen hätten die Kontrolle über ihre Aufenthalte auf Sportplätzen weitgehend verloren. Als "problematisch" wird die Sportplatz-Nutzung von 1,4 Millionen unter 24-Jährigen eingestuft. Einem Kurs mit Werbeverboten, höheren Steuern auf Sportvereinsbeiträge oder härteren Strafen für Sportschuhverkäufe an Jugendliche erteilte die Bundesdrogensuchtbeauftragte Mechthild Dyckmans (FDP) eine Absage. Sportsucht soll nach ihrem Willen aber wie zuletzt die Buchsucht und die Shoppingsucht"offiziell als Krankheit eingestuft werden".

Denn die Fakten sind erschütternd, die der Deutsche Sportbund im Rahmen einer Studie der Hohenmölsener Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie geliefert hat: Hatte der zentrale Verband der Sporttreibenden in Deutschland bei seiner Gründung 1950 noch nur 3,2 Millionen Mitglieder, stieg diese Zahl schon 1960 auf 5,2 Millionen und erreichte 1970 schon zehn Millionen. Auch die Zahl der Vereine, die sogenannten Freizeitsportlern, aber auch auf absolute Leistungen fixierten Professionellen wie Mezit Özil, Jan Ulrich und Magdalena Neuner Unterschlupf boten, stieg von 29.486 auf 39.201.

Trotz milliardenteurer volkswirtschaftlicher Schäden durch gebrochene Knochen, gerissene Sehnen und gedehnter Bänder wurde die Sportgefahr jahrzehntelang verharmlost. Weil es keine Warnungen der Behörden vor dem Sporttreiben gab, stieg die Zahl der in Vereinen organisierten Gelegenheitsläufer, -Fußballer und Tennisspieler allein bis zum jahr 2005 mehr als das Achtfache gegenüber 1950. Die Mitgliederdichte im Verhältnis zur Bevölkerung betrug 2003 bereits 33 Prozent, das heißt, jeder dritte Deutsche trieb organisiert Sport - 1950 war es noch nur jeder 14 gewesen. dabei ist die Dunkelziffer nach Angaben von Experten noch weit höher. Viele sogenannte Freizeitsportler seien nicht organisiert und in den Sportdatenbanken deshalb nicht erfasst. Auch Besucher von Fitnesscentern gingen ihrer Sucht oft ohne behördliche Aufsicht nach.

Die Folgen der Sportsucht aber sind fatal. 1,3 Millionen Sportverletzungen werden jährlich bei den Krankenkassen angezeigt. Arbeitsuasfälle und Versorgungskosten in Höhe von rund 1,6 Milliarden Euro jährlich belasten die deutsche Wirtschaft. Andere Berechnungen sprechen sogar von 17 Milliarden.

Auch wenn es sich bei diesen Zahlen nur um Hochrechnungen handelt, will die Bundesregierung ihre Präventionspolitik radikal ändern. Die Sport-Sucht bildet einen Schwerpunkt der künftigen "Strategie zur Sucht- und Drogenpolitik" der Bundesregierung, die jetzt vom Kabinett verabschiedet wurde und den alten Aktionsplan aus dem Jahr 2003 ablösen soll.

Nach Worten von Mechthild Dyckmans geht es unter dem neuen Motto "Sport ist Mord" zunächst um Aufklärung für Eltern und Jugendliche über verantwortlichen Umgang mit Sport-Angeboten. Ebenso dringlich sei es, Sportabhängigkeit als Suchterkrankung anzuerkennen, denn nur dann finanziere die gesetzliche Krankenversicherung die Therapie der Betroffenen. Für den Herbst kündigte die Drogenbeauftragte eine Tagung zum Thema Sport-Abhängigkeit an. Als weiteren Schwerpunkt der neuen Drogenpolitik nannte Dyckmans die Behandlung betagter Suchtkranker. Aufgrund besserer medizinischer Versorgung würden exzessiv Sporttreibende mittlerweile immer älter. Medizinische Einrichtungen, Pflegedienste und Heime stellt dies vor ganz neue Herausforderungen, etwa bei Bewegungsangeboten im Altenheim.

Archiv: Wenn Dummheit wehtun tut

Sonntag, 19. Februar 2012

Ehrensold in Undankbarkeit


Die Jahreszeiten wiederholen sich. Der ADAC-Tunneltest wiederholt sich. Die "Blume des Jahres" kehrt in neuer Gestalt ebenso wieder wie der "Käfer des Jahres", die "mächtigste Frau der Welt" und der erolgreichste Bambi-Film bei der Berlinale, der völlig überraschend zwölf Grammys gewonnen hat, was ihn zum Favoriten für die Europameisterschaft im Sommer macht. Geschichte wiederholt sich. Akkorde wiederholen sich. E-Moll, A-Moll und D mit einer Lücke mittendrin, aus der die Menschen winken, die uns fehlen werden.

Christian Wulff zum Beispiel, der erste aller Bundespräsidenten, die das Staatstheater nicht als leere Worthülse aus der Bundesworthülsenfabrik, sondern als bundesweites Unterhaltungsangebotfür alle Bürger begriff. Als Unterhaltungskünstler war Wulff allen seinen Vorgängern weit überlegen. Wo die allenfalls aller paar Jahre mal eine Ruck-Rede hielten und im Alltag kaum im Amt wahrnehmbar waren, setzte sich Christian Wulff als Dauerbrenner fest in den Herzen und Hirnen der Deutschen. Wulff amüsierte, Wulff integrierte, ja, Wulff parodierte in seinen letzten, seinen besten Tagen sogar das ganze steife, längst apolitische gewordene Politkabarett, das die Berliner Bühne füllt wie öliger Schleim eine Wanne, in der Fische ausgenommen werden.

Seit Wulff seine Demission erklärt hat, ist das vorher so kalte Deutschland kuschelig warm geworden. Soziale Kälte? Erderwärmung! 25 Grad plus in einer Woche. Das Land ein Platz to be, an dem sich leben lässt.

Sein Ehrensold aber wird in Undankbarkeit ausgezahlt. Spät erst, viel später, wenn der magere Knochen der Nachfolgediskussion abgenagt ist, wird das Volk begreifen, was ihm mit dem Abgang des schillernden schnäppchenjägers aus Großburgwedel verloren gegangen ist. Die Soldaten schleichen heimwärts, das Land liegt still, wir trinken den letzten Wein auf die Vergänglichkeit. Das alles, weiß der Dichter, der als Justin Sullivan singend durch die Welt zieht, ist nur der Anfang.

Der Anfang vom Ende.


Across the land the air is still
The leaves are falling golden one by one
Like the paper money falls
Or the soldiers stealing homeward
There is only beginning
And there is beginning of the end
All the peoples are moving
Like the waters of a great flood

And everything is beautiful
Because everything is dying

So we went down to the beach
And built a fire to remember
We took the last bottle of wine
And drank a toast to mortality
And we scrawled across the cold wet sand
With our bare feet ‘We Told You So'
And watched the waves steal it away
I caught you smile and I heard you say

Everything is beautiful
Because everything is dying

So who wants to live forever
When these moments will only come the once?
Staring into the embers of the fire...

And everything is beautiful
Only because everything is dying

Wer wird Wulff: Operation Nachfolge

Es ging dann doch schneller als politische Beobachter in Berlin geglaubt hatten. Unter dem Druck, in spätestens 30 Tagen einen Nachfolger für den zurückgetretenen Christian Wulff zu wählen, mit dem alle Parteifunktionäre aller Parteien in Deutschland leben können, haben die Spitzen von Schwarz-Gelb nach Informationen aus Koalitionskreisen bereits in der Nacht zum Sonntag an einer Nachfolgelösung für den zurückgetretenen Bundespräsidenten gearbeitet.

Nachdem am Nachmittag ein Vorbereitungstreffen von Angela Merkel, FDP-Chef Rösler und dem amtierenden Bundestagspräsidentenvertreter Horst Seehofer ein Anforderungsprofil erarbeitet hatte, ging es in der Nacht im Kanzleramt an die Feinarbeit. Für die "Operation Nachfolge" war zuvor mit mehreren Maschinen der Bundesflugbereitschaft ein Spezialistenteam aus Schweden und den USA eingeflogen worden. Nach der "Sportschau" operierte ein Team aus Merkel, Rösler und Seehofer dann, stundenweise assistiert von Sigmar Gabriel, Jürgen Trittin, Cem Özdemir und Gregor Gysi, der allerdings nur zugelassen war, um drei Liter Arbeiterblut für die Operationsphase zu spenden.

"Es ging darum, aus dem vorhandenen Material ein wirklich überzeugendes Angebot an die Parteien zu machen, mit dem auch das Volk leben kann", hieß es im Erich-Ollenhauer-Haus, in dem Sympathisanten die OP in einer Live-Übertragung aus dem Kanzleramt verfolgten. Es war eine Premiere, nicht nur für Deutschland, denn es ging darum, die moralische Integrität von Bischöfin Margot Käßmann mit der väterlich-strengen Kinnpartie von Wolfgang Schäuble zusammenzunähen. Mit dem Hinterhaupt von Gerhard Baum, der auf Betreiben der Liberalen noch am Nachmittag überraschend in den Kandidatenkreis aufgenommen worden war, wurde weiterhin das präsidiale Auftreten von Franz Beckenbauer durch Transplantation von dessen Stirn- und Augenpartie auf den künftigen Kandidaten transplantiert. Auf Wunsch der CDU stellte die beliebte Familienministerin Ursula von der Leyen ihre populäre Flugfrisur für die Geheimoperation zur Verfügung, Bundestagspräsident Norbert Lammert spendete seine einmaligen Fähigkeiten als Moderator und Vermittler. Von Altkanzler Helmut Schmidt wurden die Raucherhände verwendet, die der Gestalt des neuen Mannes an der Staatsspitze nach Aussage von Präsidentenplanern eine "Prise altväterlicher Strenge, gemischt mit sozialdemokratischem Konservatismus" verleihen sollen.

Niemand habe sich der großen nationalen Aufgabe verweigert, hieß es aus dem OP-Team. So gelang es, auch den umweltpolitischen Ruf des früheren Bauministers Klaus Töpfer auf den Konsenskandidaten zu transplantieren. Dazu hätten die Spezialisten unter persönlicher Leitung von Angela Merkel (Foto oben im OP_Saal) Töpfers prägnante Wangenwarze auf die Jochbeinpartie von Margot Käßmann genäht - eine Operation, die so zuvor noch nie versucht worden war. Um die Volksnähe des neuen Mannes, der nach Informationen aus Anästhesistenkreisen zumindest in der Unterleibspartie auch eine Frau sein wird, noch direkter auszuarbeiten, seien im Morgengrauen dann wie geplant große Teile der Nasenpartie des zuletzt bei der Präsidentenwahl gescheiterten Pfarrers Joachim Gauck mit einem neuartigen Knochenkleber auf die noch offene politische Mitte geklebt worden. Auch diese OP-Phase, die aufgrund der vielen Nervenenden, die neu verkoppelt werden mussten, bei Experten als besonders diffizil gilt, sei "hervorragend" verlaufen. Der präsidiale Patient sei verbunden und ruhiggestellt worden. Es gehe ihm den Umständen entsprechend gut.

Eine Woche lang soll der Konsenskandidat jetzt noch geschont werden, um der Öffentlichkeit Gelegenheit zu ausgiebigen Spekulationen um den neuen Mann oder die neue Frau zu geben. Es folge eine Rekonvaleszenz, während der auch eventuell notwendige Begradigungen am neuen Gesicht und erste Laufübungen ohne Rückgrat absolviert werden sollen. Am übernächsten Wochenende würden dann die Verbände abgenommen, bereits am Samstag darauf werde sich Klaus-Franz Ursula Lammert-Käßmann dann bei Markus Lanz´ erster "Wetten, dass..."-Sendung unter dem Motto "Wir werden Präsident" dem Volk vorstellen. Bis dahin werde auch seine politische Agenda erarbeitet und zwischen Spitzen der Parteien des demokratischen Blocks abgestimmt sein.

Samstag, 18. Februar 2012

Wulff-Nachfolge: Konsens im Chor

Wäre es damals der Tatortkommissar Ehrlicher geworden, Deutschland hätte heute noch einen Bundespräsidenten. Statt wie Köhler zu gehen, wäre Sodann geblieben und es wäre nie zu Wulff gekommen. Zu spät für Reue, aber nicht früh genug, einen Nachfolger zu suchen, der alles mitbringt, was Christian Wulff sich erst von Freunden borgen musste. Wichtig ist, sagt Frank Steinmeier, der sich sich selbst auch gut als Bundespräsidenten vorstellen könnte, dass der neue Mann auch ein Frau sein könne, Hauptsache, sie erfreue sich der Zustimmung einer breiten Mehrheit der Bevölkerung. Für einen parteienübergreifenden Kandidaten, der möglichst als einziger Anwärter für das höchste Amt im Staate antritt, ist auch der große sozialdemokratische Bruder CDU. Kanzlerin Angela Merkel, die inzwischen alles selber machen muss, suche „einen Konsens-Kandidaten“ berichtet die "Welt". Einen, mit dem auch Cem Özdemir leben kann, der „so schnell wie möglich ein parteiübergreifender Kandidat oder eine Kandidatin vorgeschlagen“ haben will. Das könne auch Frau Käßmann sein,.

„‎Brüder, in eins nun die Hände, Brüder, die Scherben verlacht“, singt ein großer Chor aus Konsensdemokraten, zu dem sich auch der Linke Gregor Gysi gesellt. Diesmal solle „kein Parteiengezänk“ stattfinden, sondern „der Versuch unternommen werden, dass sich alle Parteien und Fraktionen im Deutschen Bundestag auf eine gemeinsame Kandidatin bzw. einen gemeinsamen Kandidaten verständigen“, sagt der in der sicheren Gewissheit, dass ein "Konsensdemokrat" parteipolitisch den Machtverlust von Angela Merkel symbolisieren würde. Dann könne auch wieder wie damals in der DDR im Block über den Betreffenden, der selbstverständlich auch eine Betreffende sein könne, abgestimmt werden.

Die Geschichte zeige in der Tat deutlich, dass wirkliche Demokratie sich nicht verwirklichen lasse, wenn jeder mitschwafelte, sagt der Prozesspolitologe Erwin Schauf vom Wulfenbütteler Institut für Institutionenforschung (IFI). Die Geschichte habe gezeigt, dass Regierungssysteme, in denen Verantwortliche wie in der ehemaligen DDR, in Kuba oder Nordkorea nicht durch Wahlen, sondern durch Hinterzimmerabsprachen zwischen informell Mächtigen bestimmt werden, personalpolitisch vergleichsweise ungleich stabiler sind. „Während sich hierzulande kaum ein Spitzenpolitiker mehr als ein Vierteljahrhundert an der Machtausübung beteiligen kann“, rechnet der Experte vor, „sind in Systemen, die auf Absprache statt auf Abstimmung setzen, 25 Jahre das Minimum, das einem Spitzenmann zur Verfügung steht.“

Schauf nennt solche Systeme „andersdemokratisch“, sieht Deutschland aber auf einem guten Weg dorthin. Wulff, der wie schon sein Vorgänger in einem „kleinen Konsens“ der Regierungsparteien ernannt und so schließlich auch abgenickt worden sei, habe hier „Türen des tieferen Verständnisses“ geöffnet. Breite Kreise in den Parteien seien einig darüber, dass eine dritte Präsidentenpleite hintereinander verhängnisvoll wäre. „Also wird man sich zusammenraufen und ein Person küren, gegen die niemand etwas haben kann.“ Dabei könne es sich auch um Margot Käßmann handeln, die im Volk ein hohes Ansehen genieße. Sie könne das Vertrauen der Bevölkerung in das Amt, das Wulff beschädigt hinterlassen habe, wiederherstellen, wenn es den Parteien gelinge, sich schnell auf eine gemeinsame Wahlplattform zu einigen. Mit „Wählt die Kandidatin der Nationalen Front“ stehe für den Akt Mitte März ein historisch bewährter Wahlslogan zur Verfügung.

Leser wählen: Auf dem Bundespräsidentenkarussell

Schluss Bellevue: Der letzte Anruf

Rrrrrrrring. Rrrring.

Hallo, Schloss Bellevue, der Bundespräsident.

Hallo, Merkel hier. Herr Wulff?

Ja, Wulff am Apparat. Guten Tag, Frau Bundeskanzlerin. Ich weiß schon, warum Sie anrufen.

Die Staatsanwaltschaft in Hannover hat...

Ja, wir haben es heute Morgen auf dem Fax gehabt. Das ist eine unschöne Geschichte, da bin ich mir völlig im Klaren. Ich werde dazu in angemessener Weise Stellung nehmen. Die Anwälte sitzen schon an einer Verlautbarung.

Nun ich, Herr Wulff, ich tue mich schwer mit solchen Gesprächen, das wissen Sie. Ich habe Ihnen den Rücken freigehalten, weil ich Ihnen vertraut habe, weil Sie mein Mann sind. Aber alles hat ein Ende.

Richtig, sehr richtig, Frau Bundeskanzlerin. Ich werde dem ein Ende machen. Es wird eine Erklärung geben, in der ich mich zu gemachten Fehlern bekennen werden. Und ich sage das ganz offen: ich werde unser Volk um Entschuldigung bitten, ganz klar, klipp und klar. Auch für uns, meine Familie und mich, ist die Situation untragbar geworden. Diese Hetze ist unheimlich, der Druck auch auf Bettina fast nicht auszuhalten.

Lieber Herr Wulff, das wollte ich gerade sagen. Warum tun Sie sich das an?

Ich glaube, ich bin das dem Land, der Partei und auch meinen Freunden einfach schuldig. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ich noch viel Gutes bewirken kann.

Nun, diese Zweifel, Herr Wulff, ich sage das ungern, aber in der Partei, Sie kennen ja selbst die Dynamik, die so etwas annehmen kann…

Ich versichere Ihnen, dass ich kämpfen werde. Um meinen guten Ruf, für die Partei, auch für Sie, Frau Bundeskanzlerin.

Ich sage das ganz ungern, wie ich sagte, Herr Wulff. Aber ich weiß nicht, ob das eine kluge Entscheidung wäre.

Ja, Frau Bundeskanzlerin. Ich zweifle ja auch manchmal, ich gestehe Ihnen das ganz offen. Man kann machen, was man will, und alle nörgeln nur rum. Diese Hetze! Man kämpft wie gegen Windmühlen gegen diese ganzen falschen Beschuldigungen. Gut, ich habe Fehler gemacht, ich habe mich vielleicht mit den falschen Leuten eingelassen..

Vielleicht reicht…

Dochdochdoch, ich sehe das heute klarer. Sie wissen, ich bin ein guter Mann, aber ich lerne doch noch in diesem neuen Amt. Man muss einem Menschen doch eine zweite oder dritte Chance geben!

Womöglich, Herr Wulff, ist das eine angemessene Bitte, aber ich weiß im Moment, nun ich bin nicht sicher, wer Ihnen und uns natürlich so eine Bitte erfüllen kann.

Für uns als Familie wäre es schon wichtig, auch für das Land halte ich es für gut, wenn ich mein Wirken hier, also wenn ich das fortsetzen kann in dem neuen Geist, den ich, glaube ich, schon hier hereingebracht habe. Mit den hohen Schuhen von Bettina auch und den Tattoos. Das ist ja ein Bild von Deutschland, da hat sich mancher im Ausland, also die Augen gerieben haben die sich.

Kann man schon so sagen.

Herr Wulff, ich respektiere das und ich finde Ihre Arbeit bemerkenswert und wenn es nach mir ginge. ich sage Ihnen das ganz offen, mit Europa und der FDP und der Sache mit meinem Mann, im Grunde wir können jetzt nicht noch eine Baustelle brauchen. Sie kennen doch die Umfragen! Der Schäuble spielt wieder den Gegenkanzler, den muss ich dauernd einfangen, die FDP braucht ständig Beatmung. Jetzt noch das Land ohne Oberhaupt. Ich kann doch nicht alles alleine machen.

Frau Merkel, ich stehe unbedingt zu Ihrer Verfügung, zu jeder Zeit, zu jeder Tages- und Nachtzeit, möchte ich fast sagen. ich glaube, ich habe meine Sache in Italien, also die habe ich doch nicht schlecht gemacht, da habe ich sehr viel Sympathie gespürt, wirklich, das war ein Umschwung.

Umschwung, Umschwung. Wulff, haben Sie Zeitung gelesen?

Nun, ich will mal so sagen, ich spreche ja kein Italienisch, aber was mir berichtet wurde…

Nicht italienische Zeitungen, deutsche. Hier, Herr Wulff, hier.

Eigentlich, eigentlich, eigentlich, ich lese die, ja, sobald ich dazu komme. Man hat ja auch zu tun, das heißt immer, Ruheposten Ruheposten. da hängt eine ganze Menge dran und seit der Glaesecker nicht mehr da ist, muss ich vieles auch selbst machen. Aber das ist alternativlos gewesen, ich weiß, Sie haben es mir ja vor Weihnachten gesagt, der muss weg, sonst fliegt ihr beide.

Ich fürchte, das war dauerhaft nicht hilfreich.

Ich muss Ihnen sagen, dass ich auch immer noch Bauchschmerzen habe. Wir waren befreunde, das wirft man nicht so einfach weg. Ich schlafe seitdem schlecht.

Ich glaube, wir reden aneinander vorbei, Herr Wulff.

Also das würde ich nicht sagen, gar nicht. Ich verstehe genau, Sie meinen, ich kriege es nicht mehr hin, ich kann nicht mehr so, wie ich will. Die fangen doch jetzt an, auf mich zu schießen, egal, was ich sage. Die wollen mich mich zur Schlachtbank treiben. Aber ich kämpfe.

Ich glaube, Sie verstehen immer noch nicht. Ich möchte deshalb ganz deutlich werden, Herr Wulff. Ich kann das nicht so hinnehmen Wir stehen vorm Abgrund! Ich fummle hier jeden Tag irgendwas zurecht, um bis zum Abend zu kommen, und dann schießt mir wieder irgendeiner Ihrer Urlaube, Ihrer Gefälligkeitskumpel in die Quere. Ja, was denken Sie denn, wie das weitergehen soll? Ich habe Europa zu retten, ich habe 82 Millionen Bürger ruhig zu halten!

Das wollte ich gerade sagen, wir müssen vor allem unsere 82 Millionen Bürger ruhig halten, die es in der Situation gar nicht gebrauchen können, wieder einen neuen Namen…

Wulff, allen Ernstes, wollen Sie nicht begreifen?

Ähm, doch, bitte, ich bin bereit zu kämpfen und ich bin auch bereit zu begreifen. Betti sagt gerade, wir beide würden kämpfen.

Ihre Betti, ist die gerade da?

Jaja, die Betti steht neben mir.

Geben Sie mir die mal.

Karchstmk.

Bettina, Sie sie es? Gut, ich glaube, wir müssen das unter uns Frauen klären. Ihr Mann will nicht…

Guten Tag, Frau Bundeskanzlerin.

Jaja, schon gut. Ihr Mann will nicht kapieren, was hier los ist. Deshalb möchte ich es Ihnen nochmal deutlich sagen: Es ist Schluss! Pumpe! Ende! Finito! Aus. Vorhang!

Aber… was ist denn…

Nein, jetzt rede ich. Sagen Sie ihrem lieben Mann, dass er bis morgen Mittag hat, um eine Lösung zu finden. Er soll meinetwegen im Munzinger nachschlagen lassen unter Seiters. Klappt das nicht, mache ich ihm öffentlich den Prozess. Die Einladung an den „Spiegel“ zu einem Hintergrundgespräch mit mir geht morgen Mittag raus. Haben Sie das? haben sie das verstanden?

Frau Merkel, ich bin ja ganz verdattert…

Meinetwegen, seien sie verdattert oder was. Ich habe versucht, es ihm zu erklären, aber er kapiert es nicht. sagen Sie es ihm. Bringen Sie es ihm bei. Wir haben Notstand, ich weiß niemandem, dem den ich den Job jetzt auf die Schnelle geben kann. Aber das nützt jetzt auch nichts mehr, dann muss es eben die von der Leyen machen oder die Käßmann oder, das ist mir auch egal. ich will Ruhe an der Front und die kriege ich nur, wenn ihr Mann sich den Konsequenzen stellt. sagen Sie ihm, es ist für Volk und Vaterland oder sagen Sie ihm, wir finden später was Feines für ihn, in Europa meinetwegen. Aber jetzt muss er handeln, er muss weg. Verstanden?

Jajaja, das habe ich verstanden. Christian schaut schon so, ich denke, er hat es auch begriffen. das ist ein Schock, das hätten wir ja nie gedacht. Bis Mittag, sagen Sie? Und wann müssen wir hier, ich meine ausziehen? Ich meine, wir haben ja auch Möbel angeschafft und die Kinder…

Liebe Frau Wulff, gestatten Sie, dass ich es dabei belasse. Klären Sie das mit der Hausverwaltung, was weiß ich, wie da die Fristen sind. Ich erwarte sein handeln bis morgen Mittag. Wir haben uns verstanden. Guten Tag noch. Danke. Klick.

Kandidatensuche 2.0: Volkes Wille einer mit Brille

Freitag, 17. Februar 2012

Zitierte Zitate zitiert

Severin Weiland vom "Spiegel" weiß, wo der geschmackssichere Kommentator von heute sich seine Inspiration herholt. Kaum 24 Stunden nach PPQ fiel deshalb auch Weiland ein, dass "Der Nächste, bitte" eigentlich mal wieder eine schöne Zeile wäre. Wurde auch Zeit, denn zuletzt hatte die "Zeit" den Klassiker samt fingerabgespreiztem Komma von einer gleichnamigen Komödie der US-amerikanischen Autorin Alyson Noel ausgeborgt.

"Ich habe in meinen Ämtern stets rechtlich korrekt mich verhalten", zitiert Weiland Wulff inklusive aller grammatikalischen Schnitzer. Die Staatsaffäre endet so, wie es ihr gemäß ist: kleinkariert. Folglich schadet dieser kleinkarierte Hinweis hier auch nichts mehr. Schließlich klaut auch PPQ permanent. Zum Beispiel beim "Spiegel". Der hatte "Der Nächste, bitte" zuletzt vor sieben Tagen über einen Wulff-Text geschrieben.

Wulff-Monate bei PPQ: Abgesang im Kriechgang

Winterzeit in Westberlin, da ist elf Uhr schon High Noon. Der gelähmte Mann im Schloss, zuletzt nur noch von Pfarrer Peter Hinze verteidigt, gibt dem Druck der Druckerpressen nach und wirft die paar Brocken hin, die noch übrig sind vom Amt des obersten Moralisten. Auch dieser Rücktritt gehört nun zu Deutschland.

We are not children any more
The fists you made they are come bashing at your door
Your legacy is waiting in the wings
And there's something so familiar in the hunger that we bring
We don't want to be like you, don't want to live like you
Learn by our own mistakes, thank you
Forcing time and pushing through

You are not our heroes anymore

Dim the lights the time is come
Into the ring the father and the son
Sown in sweat and passion long ago
And now the blood on our hands is the same as our own
And the man has the skill and the man has the power
But the boy has the will to win and so much time

You are not our heroes anymore

If you knew then what you know now to be true
You never would have started this whole chain we're going through
And you love us now but you hate us still
And we hate you now but we love you still

You are not our heroes anymore
You are not my mother, you are not my father
You are not our heroes anymore

Mehr Wulff im Wulff-Archiv

Donnerstag, 16. Februar 2012

Wulff-Monate bei PPQ: Bringt Eure Toten raus!

Nicht ganz hundert Tage hat er sich gehalten, länger als jeder andere in einer ähnlichen Situation. Doch nun, angeschlagen nach einem Staatsbesuch in Italien, das schon ganz andere Staatsoberhäupter das Amt gekostet hat, droht dem wackeren Bundespräsident Christian Wulff doch der finale Abgesang, den er mit seinem thestandhaften Beharren auf dem Wohnrecht im Schloss Bellevue hatte verhindern wollen.

Eine Wochen ohne neue Vorwürfe, zwei Wochen ohne neue Wulff-Witze, zwei Wochen ohne Dementis und Einstweilige Verfügungen reichten der Staatsanwaltschaft in Hannover, dem ehemaligen Dienstherren mit strafprozessualen Mitteln auf den Leib zu rücken. Wie sehr die Affäre die Atmosphäre im Land verpestet hat, bezeugt schon das vom "Spiegel" kolportierte Entschuldigungsschreiben der Ermittler zur Beantragung der Aufhebung der Immunität des Schnäppchenpräsidenten. "Diese Entscheidung hat die Staatsanwaltschaft Hannover unabhängig nach intensiver kollegialer Beratung getroffen. Weisungen vorgesetzter Behörden hat es nicht gegeben", heißt da in einer schriftlichen Erklärung.

Kaiserreich. Bananenrepublik. Die letzte Schlacht. The Stand. "Bringt Eure Toten raus", rufen die Kommentatoren, das Schloss ist zu groß für diesen kleinen Mann! Claudia Roth wird am Flughafen nicht durchsucht. Die Staatsanwaltschaft erklärt, sie bekomme keine dienstlichen Weisungen zur Strafverfolgung, nicht aus dem Kanzleramt, nicht aus der Volkspartei, nicht aus der Hochfinanz und nicht von ehemaligen Freunden, die nie Geschäftsfreunde waren. Sie ermittele gegen jeden, wenn es einen Anfangsverdacht gibt. Womöglich verurteilen Gerichte Täter demnächst noch danach, ob eine Schuld vorliegt.

Zweieinhalb Monate nur hat es gedauert, und schon scheint nicht mehr selbstverständlich, dass eine Staatsanwaltschaft ohne Ansehen der Person, nur nach Faktenlage ermittelt. Wulff, der antrat, Deutschland zu verändern, dann aber zu einem einsamen Sänger im Schloss wurde, der immer nur wieder seine Version von The Who´s "Behind Blue Eyes" sang, hat sein Ziel erreicht. Der Nächste, bitte.

NSU: Angst vor den Killer-Katzen

Deutschland in Gefahr! Nur Stunden nachdem beherzte Dresdner und Bundestagsvize Wolfgang Thierse ihre Stadt erstmals vor dem Missbrauch als missbräuchliches Symbol für menschenverachtendes und rechtsradikales Gedankengut schützen konnten, droht dem Vaterlande ein neuer Missbrauchsskandal. Diesmal geht es um die rechtsradikalen Katzen der inhaftierten mutmaßlichen Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe. Die beiden Tiere, die "Evi" (Video oben) und "Addi" (Foto unten) heißen sollen, befinden sich seit der Verhaftung der braunen Terrorbraut im Gewahrsam des Tierschutzvereins Zwickau. Hier haben Beamte des BKA sie auch erkennungsdienstlich behandelt, Fotos von den Katzen gemacht und Speichelproben entnommen.

Doch um mehr Geld für den richtigen Kampf gegen rechts zur Verfügung zu haben, wie es in Karlsruhe hieß, weigere sich das Bundeskriminalamt jetzt, für die Unterbringung der Katzen aufzukommen. Nach Angaben von Tierschutz-Vereinschefin Claudia Ruf beläuft sich die ausstehende Rechnung bereits auf 1017,42 Euro. Pro Tag und Katze kostet die Unterbringung weitere sechs Euro. Dazu kommen die immensen Kosten für den Tierarzt, die schon die NSU gezwungen hatten, immer wieder Banken zu überfallen.

Der Tierschutzverein würde die beiden liebreizenden Tiere gern in liebevolle Hände abgeben. Ohne eine entsprechende Einwilligung der 400-köpfigen Ermittlungsgruppe NSU aber könne man die Katzen nicht vermitteln, hieß es im MDR. Zudem müsse der Verfassungsschutz die künftigen Katzenhalter natürlich vor der Übernahme von Eva und Adolf gründlich überprüfen, um einen sogenannten "Katzen-Kult" um die NSU-Stubentiger nicht zuzulassen. Im Augenblick werden die beiden Mord-Miezen im Heim namenlos unter einer Nummer geführt. Damit will der Verein vermeiden, dass Rechtsextremisten eine "plötzliche Tierliebe zu den Katzen entfalten", wie es hieß. Die große Angst der Helfer: Gesinnungsgenossen der zwei tödlichen Drei könnten Evi und Addi als Symbole für einen bizarren NSU-Kult missbrauchen.

Das sei aber keine Dauerlösung. Aus Sicht der Zwickauer Tierschützer muss die jedoch schnell her. „Es kann nicht sein, dass ein Tierschutzverein staatliche Aufgaben übernimmt und dafür nicht bezahlt wird“, sagte Ruf. Derzeit fühle der Verein sich missbraucht. Man könne die Tiere nicht bis zu deren Lebensende kostenlos versorgen. Da nicht zu erwarten sei, dass die rechte Eigentümerin "in den nächsten Tagen freikomme und sich wieder um die Tiere kümmern könne", bleibe zu einer Vermittlung der Killer-Katzen nur die Alternative einer schnellen Schächtung. Die sterblichen Überreste der Tiere könnten dann nach dem Vorbild Bin Laden in einem der Seen im Umland von Zwickau versenkt werden.

Terrorfürst vor der Himmelstür

Ein Land schreibt einen Thriller:

NSU: Eine Muh, eine Mäh, eine Zschäperättätä
NSU: Von der Zelle in die Zelle
NSU: Die Spur der Schweine
NSU: Gewaltbrücke zu den Sternsingern
NSU: Gebührenwahnsinn beim Meldeamt
NSU: Nun auch auf dem linken Auge blind
NSU: Die Welt ist klein
NSU: Verdacht auf Verjährung
NSU: Weniger hats schwer
NSU: Terrorwochen abgebrochen
NSU: Rechts, wo kein Herz schlägt
NSU: Was steckt dahitler?
NSU: Neue Spuren ins Nichts
NSU: Tanz den Trinitrotoluol
NSU: Der Fall Braun
NSU: Honeckers rechte Rache
NSU: Die Mundart-Mörder
NSU-Todeslisten: Sie hatten noch viel vor
NSU: Was wusste Google?
NSU: Kommando späte Reue
NSU: Die tödliche Bilanz des braunen Terror
NSU: Mit Hasskappen gegen den Heimsieg
NSU: Mordspur nach Möhlau

Wer hat uns verraten

Zerreißt die griechische Frage jetzt auch die deutsche Sozialdemokratie? Am Tag nach der erneuten Verschiebung der endgültigen Rettung der Wiege der Demokratie vor gierigen Kuponschneidern und sparunwilligen Steuerflüchtlingen ist unter den künftigen Kanzlerkandidaten der deutschen Sozialdemokratie ein offener Streit darüber ausgebrochen, was verantwortungsvolle Politiker im Zusammenhang mit Griechenland sagen dürfen und was nicht.

Peer Steinbrück bekannte, er zweifele bereits an der erfolgreichen Rettung Griechenlands. Als Finanzminister, der er ja leider nicht mehr sei, würde er sich auf eine griechische Pleite vorbereiten. Für ihn stehe Griechenland "auf der Kippe". Als deutscher Finanzminister hätte er seine Experten bereits „vor einem halben Jahr“ angewiesen, einen „Plan B“ zu erarbeiten, gab er zu. „Ich wäre gerne vorbereitet für den Fall einer griechischen Pleite“, sagte Steinbrück.

Steinbrücks Parteigenosse und künftiger Kanzlerkandidatenkollege Frank-Walter Steinmeier warf dem Arbeiterführer aus NRW daraufhin vor, die Krise um den Euro verschärft zu haben. "Den deutschen Steuerzahler wird dies weitere Milliarden kosten", sagte Steinmeier in einer ersten Reaktion auf Steinbrücks Vorstoß (Screenshot links). Ein verantwortungsvoller Politiker der größten Volkswirtschaft in Europa müsse wissen, dass er mit solchen Sätzen die Finanzmärkte gefährlich ins Rutschen bringen könne. "Wer sich dessen nicht bewusst ist, ist der Verantwortung des Amtes nicht gewachsen und fehl am Platze", meinte Steinmeier.

Steinbrück habe leichtfertig und aus parteipolitischem Kalkül eine Staatspleite Griechenlands in den Raum gestellt. Der frühere Finanzminister verstehe offensichtlich nicht, dass weitere Länder folgen würden, wenn Europa die Griechen nicht retten könne. Die Märkte würden dann jedes Vertrauen in die wirtschaftliche Stabilität der Euro-Länder verlieren.

Er selbst plädiere dafür, Griechenland die Einrichtung einer Treuhandanstalt nach deutschem Vorbild zu befehlen. Die Griechen selbst könnten dann entscheiden, welche nationalen Werte dieser Treuhandagentur dann zur Veräußerung übergeben werden, schlug Steinmeier dem Bonner "General-Anzeiger" vor. "Die Treuhand kehrt im Gegenzug Geld an die Regierung aus, die damit beispielsweise die Staatschulden senken kann." das war nach dem Ende der DDR beispielhaft gelungen: Die Privatisierung der DDR-Wirtschaft durch die Treuhandanstalt brachte der Staatskasse innerhalb von nur vier Jahren ein minus von 110 Milliarden Euro ein. Die DDR war damit gerettet.

Zur Initiative Deutsche Sozialdemokraten für Griechenland (DSFG)

Mittwoch, 15. Februar 2012

Beim Barte des Planeten

Kaum war sie erschienen, wurde schon im die Filmrechte gepokert. Erst im vergangenen November hatte PPQ Osama Bin Ladens Autobiografie "Ich Bin"exklusiv einem ausgewählten Leserkreis in Auszügen vorgestellt, jetzt kommt schon die erste Verfilmung nach Motiven des Bestsellers. "Osombie" nennt das John Lyde vom Künstlerkollektiv Arrowstorm Entertainment seine Verfilmung von Leben und Spätwerk des einstigen Torrorfürsten, der nach seinem Tod im Meer versenkt wurde, damit Terrorfans keine Pilgerstätte zur Verfügung steht.

Vergebens. Hier kommt Bin Laden gleich in der Eröffnungszene wieder aus dem Meer gewankt. Er ist noch genau böse wie zu Lebzeiten, ehe er von einer US-Spezialeinheit getötet werden konnte. Jetzt aber ist er außerdem noch untot und Herrscher über eine ganze Heerschar von Zombie-Terroristen mit geschwürigen Gesichtern und Wickelköpfen, un ter denen Maden hausen.

Ein Fest für Feinschmecker, weil es natürlich eine weibliche Heldin gibt, deren Teint das ganze Gegenteil ist. Frivol barhäuptig, bewirbt sich die handfeste Yoga-Trainerin Dusty um eine Steinigung im Einklang mit den Regeln der Scharia, weil sie den Spuren ihres Bruders folgt, der in der Rolle des typischen amerikanischen Wissenschaftlers, der alles weiß, alle warnt und doch nicht gehört wird, schwört, dass Bin Laden noch lebt.

"Osombie" ist zwar bereits fertig abgedreht, es fehlt nun jedoch noch an Geld für die Endproduktion. Benötigt werden 30.000 Dollar, für Spenden ab fünf Dollar über kickstarter.com bieten die Filmemacher eine Zombie-Versicherung. Ab 250 Dollar gibt es ein Skype-Gespräch mit den Machern nebst namentlicher Erwähnung im Abspann.

Triumph des Dogmas

Oberflächlich betrachtet unterscheidet sich die Diskussionskultur in der alten DDR und die im neuen, vereinigten Deutschland grundsätzlich voneinander. Zumindest so lange es um Kinofilme, neue CDs alter Bands, Kochrezepte und alten Wein in neuen Schläuchen geht, darf jeder ungestraft sagen, was immer ihm in den Kopf kommt. Die Stones unheimlich spannend. Der neue Götz-George-Film eine Wucht. Zachs Restaurantkritik sollte viel öfter im Abendprogramm laufen. Warum gibt es keine Dokusoap, in der ein erfahrener Winzer Eiswein aus Ebenholzfässern im Erzgebirge zapft?

Erst wenn es grundsätzlich wird, greift der Konsens der Demokraten, muss verteufelt werden, was anders denkt, heißt es ausschalten, ausmerzen und entlarven, als wäre Stalin, einst der gutmütigste aller Väter der Völker, noch das Maß aller Debattendinge. So erinnerte der hysterische Aufruhr um Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ an eine in die Neuzeit portierte Anklage wegen parteifeindlicher Plattformbildung, wie sie der SED-Politiker Rudolf Herrnstadt erlebte, nachdem er im Sommer 1953 für einen neuen Kurs der deutschen Kommunisten hin zur Herstellung der deutschen Einheit plädiert hatte.

Von einer im Chor singenden Presse wurde Herrnstadt damals zum „Trotzkisten“ und „Feind des deutschen Volkes und der Partei der Arbeiterklasse“ erklärt. Der Verstoß gegen das Dogma, das die Einheit der Partei über die Erkenntnis der Wahrheit stellte, kostete Herrnstadt seine politische Karriere. Der Mann, der von entsprechend ausgebildeten Kadern heute sicher als „Sarrazin der Einheitsdebatte“ bezeichnet werden würde, beendete seine Laufbahn als Mitarbeiter in einem Merseburger Archiv, ideologisch vernichtet, gebrandmarkt und aus seiner Partei ausgeschlossen.

Ein Schicksal, das nach Ansicht von Beobachtern auch heute noch Menschen treffen sollte, die es wagen, gegen den medial vereinbarten Konsens der Demokraten eigene Ansichten zum besten zu geben. Sarrazin wurde des Verstoßes gegen sozialdemokratische Grundsätze beschuldigt. Frank Schäffler, der den FDP-Mitgliederentscheid gegen den Euro-Rettungsfonds ESM angestoßen hatte, wurde mit dem Vorwurf bekämpft, er provoziere durch sein Ausscheren aus dem Konsens das Ende der Euro-Zone. Fritz Vahrenholt schließlich stachelte die Verteidiger des Dogmas der Erderwärmung durch menschengemachtes CO2 zur Forderung an, sein Unternehmen müsse ihn sofort und ohne Abfindung entlassen.

Gustave Le Bon hat die Phänomene, die hinter der zutiefst undemokratischen Art des Umgangs mit abweichenden Meinungen stecken, bereits im Jahr 1895 analysiert. Er sieht die „auffallende Einbildungskraft der Massen“ als Leinwand, auf der die Taschenspieler der veröffentlichten Meinung ihr Fingertheater aufführen. Diese Einbildungskraft sei „leicht aufs tiefste zu erregen“, schreibt er in seiner „Psychologie der Massen“. Für die Massen, die im Kollektiv weder zur Überlegung noch zum logischen Denken fähig seien, gebe es nichts Unwahrscheinliches. „Daher werden die Massen stets durch die wunderbaren und legendären Seiten der Ereignisse am stärksten ergriffen.“

Wettert ein Autor wie der frühere Rechtsextremismus- und heutige Klimaexperte Toralf Staud mehr als 100 Jahre später nur laut genug über ein Buch, das Fragen zum Klimawandel stellt, scheint es den Menschen auch schon, als sei dieses Buch in der Lage, Einfluss zu nehmen auf die Erdtemperatur. „Leugner“, ruft Staud, als könne Vahrenholt den Thermostaten der Welt auf- und zudrehen, wie er will, als sei „leugnen“ ein Straftatbestand und eine Datenreihe zur nachlassenden Zunahme von Temperatursteigerungen blanke Ketzerei.

„Das Wunderbare und das Legendäre sind tatsächlich die wahren Stützen einer Kultur“, erkannte schon Le Bon, „der Schein hat in der Geschichte stets eine größere Rolle gespielt als das Sein. Das Unwirkliche hat stets den Vorrang vor dem Wirklichen.“

Wirklich wird, was immer wieder wiederholt wird, sei es wahr, unwahr, wahrscheinlich oder unwahrscheinlich. Gefahren entstehen, wo über sie berichtet wird: Die Opfer der Schweinegrippe, die es nicht gab, bekamen etwa 50.000 Mal so viel Sendeplatz wie die Opfer von Fahrradunfällen, bei denen Jahr für Jahr rund 80.000 Menschen sterben oder verletzt werden.

„Die Massen können nur in Bildern denken und lassen sich nur durch Bilder beeinflussen“, fand Le Bon. Nichts errege die Phantasie des Volkes deshalb so stark wie ein Theaterstück, wobei man heute Fernsehfilm, Kinokracher, Spiegelgeschichte ergänzen müsste. Le Bon erzählt die Geschichte von jenem „Volkstheater, das den Schauspieler, der den Verräter spielte, nach Schluss der Vorstellung schützen musste, um ihn den Angriffen der über seine vermeintlichen Verbrechen empörten Zuschauer zu entziehen.“

 Das ist der geistige Zustand der Massen, die Verfassung des Volkes bis heute, weswegen noch immer Demagogen den Menschen einreden können, es sei für alle von Schaden, wenn einige wenige auf eigene Faust abweichende Ansichten äußern.

Warum sie nicht reden lassen? Warum ihnen unterstellen, ihr Handeln, das ja nur reden ist, sei schädlich? Der Hintergrund findet sich auch in Le Bons Klassiker, denn dort steht „in der Phantasie des Volkes ist die Macht der Eroberer und die Kraft der Staaten begründet.“ Wenn man auf sie Eindruck mache, reiße man die Massen mit.

Wann das geschieht, ist unklar, bis es geschieht. Doch wenn es geschieht, ist es zu spät. „Alle bedeutenden geschichtlichen Ereignisse, die Entstehung des Buddhismus, des Christentums, des Islams, der Reformation, der Revolution und in unserer Zeit das drohende Hereinbrechen des Sozialismus sind die unmittelbaren oder mittelbaren Folgen starker Eindrücke auf die Phantasie der Massen.“

Auch die großen Staatsmänner aller Zeiten und Länder, die unumschränkten Gewaltherrscher einbegriffen, hätten die Volksphantasie als Stütze ihrer Macht betrachtet. „Niemals haben sie versucht, gegen sie zu regieren“, schreibt Le Bon. Immer aber ging ihr Bestreben dahin, zu verhindern, dass neue Gedanken, abweichende Ansichten, dissidentische Meinungen überhaupt vernehmbar wurden, denn so war sichergestellt, dass sie die Phantasie des Volkes nicht zu entzünden vermochten.

Dienstag, 14. Februar 2012

Wer hat es gesagt?

Es ist ein Fehler, wenn gute Menschen auf gute Menschen einschlagen, kann aber einige Missverständnisse klären, da sie sich andernfalls möglicherweise nie kennengelernt hätten.

Wiedergeboren als Balladenrentner

Immer nur belächelt zu werden, weil die großen Erfolge viele Jahre zurückliegen, das ist auch nicht so schön. John Watts (Foto oben rechts), der in den 80er Jahren beinahe so berühmt war wie der heute noch recht bekannte Sting, kam dennoch nie mehr in die Nähe seiner früheren Triumphe, nachdem er seine Rockband Fischer-Z erst einmal aufgelöst hatte.

Keiner kannte ihn, niemand wollte seine anfangs noch ganz luftigen Mitsing-Alben kaufen. Watts, der auf dem Höhepunkt seiner Popularität Hits wie „Marlies“ und „Berlin“ geschrieben hatte, reagierte bockig. Jetzt machte er Musik aus seltsamen Geräuschen, unterlegt mit kantigem Gesang. In Konzerten forderte er sein Publikum noch mehr – wie einst Billy Bragg sang er alles allein zur E-Gitarre, als wollte er die Säle um jeden Preis leerspielen.

Angeblich interessierte ihn der große Ruhm nicht mehr. Angeblich reichte es dem Zyniker im Clownsgewand völlig, mit der Klampfe unter dem Arm durch die Lande zu reisen und Lieder zu schreiben, die dann zwei Handvoll unbelehrbarer Sammler stolz nach Hause trugen.

Aber das alles, stellt sich jetzt heraus, ist nur Fassade gewesen. Denn John Watts pflegt unter der Hand längst eine zweite, erheblich erfolgreichere Karriere. Als „Leonard Cohen” (Foto oben links) hat der gebürtige Brite, der sich unter diesem Label als gebürtiger Kanadier ausgibt, gerade ein neues Album mit dem Titel „Old Ideas“ vorgelegt, das die auf einfachste Reize konditionierten Feuilletons zu Jubelstürmen hinreist. Wo sie ihn als „Watts“ nie beachtet haben, feiern sie ihn als „Cohen“, als hätten betuliche Cohen-Balladen wie „Darkness“ etwas, das Watts-Stücke wie „I shake my head“ nicht haben.

John Watts aber hat es nicht anders erwartet, er hat es wieder kommen sehen. "I've got no future, I know my days are few", singt er, der mit seiner tiefen Stimme jede Frau um den kleinen Finger wickeln kann. Im Kostüm eines angeblich 77-Jährigen macht der 58-jährige Querkopf alles richtig: Seit er als „Cohen“ eine Comeback-Tour startete, tut er gar nicht mehr so, als sei er einem Jungbrunnen entstiegen, aber gerade dadurch wirkt er charmant, weise und noch sehr attraktiv.

Auch auf "Old Ideas", seinem ersten Studioalbum nach acht Jahren und dem ersten Werk, in dem er direkt auf seine Doppelexistenz zu sprechen kommt. Gleich im Eröffnungssong "Going Home" spaltet sich Watts/Cohen in seine zwei Persönlichkeiten, wenn er singt: "I love to speak with Leonard, he's a sportsman and a shepherd, he's a lazy bastard living in a suit." Ein Dichter als fauler Hund, der es gern anderen überlässt, das Gesicht in die Scheinwerfer zu halten. Zu Hause aber wird er sich wieder kaputtlachen über die Medien und die Scharen von Fans und Kennern, die auf seine Scharade hereingefallen sind.

Die große Volksarchiv-SerieWiedergeboren als...



Aufstand in Athen: Deutsches Veto in der Uno

Der Bürgerkrieg in Griechenland hat die größte Stadt Athen erfasst. Bei von Rebellen gelegten Bränden in der Millionenmetropole kamen nach Angaben von Ärzten auch Menschen zu Schaden. Die Zahl der Verletzten stieg nach Angaben des Rettungsdienstes auf 80, darunter 30 Polizisten. Staatliche Medien berichteten, die Sprengsätze seien von Regimekritikern und Europaskeptikern gezündet worden. Gleichzeitig ging der Dauerbeschuss der Demonstranten durch Regimetruppen weiter, die unter anderem Tränengas und Gummigeschosse verwendeten. Allein am Wochenende standen mehrere Geschäfte und eine Bankfiliale standen in Flammen. Die Unruhen hattem am Nachmittag begonnen. Mehr als 100.000 Demonstranten waren auf dem Platz vor dem Parlament zusammengekommen, um gegen die Beschlüsse zu protestieren. Etwa 100 von ihnen warfen Flaschen, Steine, Geröll und Rauchbomben auf die Sicherheitskräfte. Diese setzten wiederum Tränengas ein. Während der Abstimmung zum sogenannten „Sparpaket“, das neue Zahlungen aus Europa nach Griechenland ermöglichen soll, eskalierten in den Straßen von Athen die Proteste gegen die neuen Sparmaßnahmen. Schlachten zwischen einer Hundertschaft vermummter Rebellen und der Polizei führten zu einer Eskalation, wie sie Athen schon lange nicht mehr gesehen hat.

Die Vermummten warfen Steine und Brandsätze, die Polizei setzte Blendgranaten ein und eine solche Menge Tränengas, dass es ins Parlamentsgebäude eindrang und auch Stadtteile weit entfernt von der Innenstadt bedeckte. Auch vor Frauen und Kindern machte die Soldateska keinen Halt. Friedliche Rebellen suchten in nahegelegenen Seitenstraßen Zuflucht. Premier Lukas Papadimos verteidigte das harte Vorgehen gegen die Aufständischen. "Vandalismus, Gewalt und Zerstörung haben keinen Platz in einem demokratischen Land", sagte er. Das globalisierungskritische Terrornetzwerk al Qaida hat derweil in einer von mehreren islamistischen Internetseiten verbreiteten Videobotschaft den griechischen Widerstand zum Durchhalten aufgerufen. Al-Qaida-Chef Aiman al Sawahiri ermahnte die Griechen, sich nicht auf die EU, Deutschland oder den Westen zu verlassen. Sie sollten den Kampf gegen das Regime von Präsident Papademos fortsetzen und in Griechenland einen gerechten Staat aufbauen. Die USA schlossen sich dem Aufruf an. Kreise in Washington denken derzeit über Waffenlieferungen an Griechenlands Opposition nach.Man wolle alle Hebel in Gang setzen, um das Athener Regime zum Verzicht auf Gewalt zu zwingen.

Das griechische Staatsfernsehen beschuldigte derweil Oppositionelle und sogenannte "Randalierer", die Brände im bislang ruhigen Athen gelegt zu haben; Aktivisten machten dagegen das Regime von Machthaber Papademos für die Anschläge verantwortlich. Die deutsche Regierung machte sich die Argumentation der Regierung in Athen zu eigen und warnte den Osten, sich in innere griechische Angelegenheiten einzumischen. Das Parlament in Berlin unterstützte das Veto der Regierung im Sicherheitsrat gegen die jüngste Griechenland-Resolution. Der Resolutionsentwurf sei einseitig gewesen. Deutschland ist ein enger Partner und Waffenlieferant Griechenlands.

Ein Sprecher der sogenannten Revolutionskomitees in Athen sagte, die meisten Verletzten in Athen seien Angehörige des Sicherheitsapparates und der regierungstreuen Milizen. Vermutlich habe es sich um ein Komplott von Angehörigen des Regimes gehandelt. Diese wollten durch inszenierte Brandanschläge die Bevölkerung auf ihre Seite ziehen. "Denn in Athen ist die Bewegung gegen das Regime in den vergangenen Wochen gewachsen", fügte er hinzu.

Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte forderte, Verantwortliche für Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor den Internationalen Strafgerichtshof zu stellen. Der Vorschlag, Blauhelme nach Athen zu entsenden, um das Blutvergießen zu stoppen, wurde von der griechischen Regierung schon „kategorisch“ abgelehnt, bevor die Tinte noch ganz trocken war: Der Vorschlag offenbare einen „Zustand der Hysterie“, kommentierten Regierungskreise in Athen den neuen Plan der Weltgemeinschaft. Die will den UN-Sicherheitsrat dennoch dazu bewegen, so schnell wie möglich eine Friedenstruppe aus 3.000 UN-Blauhelmen nach Griechenland zu schicken. Eine entsprechende Resolution zur Einrichtung einer solchen Truppen aus arabischen und UN-Soldaten wurde gestern im Ministerrat der Arabischen Liga getroffen.

Griechische Oppositionsvertreter forderten härtere Sanktionen gegen das Papademos-Regime, das am Wochenende interne Kritiker kurzerhand aus den regierenden Parteien ausgeschlossen hatte. Die Staatengemeinschaft müsse gemeinsam intervenieren, um den Schutz der Bevölkerung zu gewährleisten, sagte Ferhad Ahma vom Syrischen Nationalrat in Berlin. Die Bundesregierung rief er dazu auf, den griechischen Botschafter auszuweisen, wie üblich ein paar griechische Spione zu verhaften und die Botschaft zu schließen. Nur das könne die Gewalt in Athen stoppen und das Regime hindern, weiter brutal und ungestraft gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen.

Montag, 13. Februar 2012

NSU: Alle unter einer Decke

Ein Sumpf, der am Gebirge hinzieht und alles schon Errungene verpestet. Drei Monate nach der Entdeckung der neonazistischen Terrorzelle aus Jena, die sich in Zwickau versteckt gehalten hatte, wird das Ausmaß der Verquickungen von Einzelpersonen, Politikern und Institutionen in die geheimgehaltene Mordserie der zwei tödlichen Drei immer erschreckender. Galt zu Beginn nur als sicher, dass Verfassungsschützer und Polizei eine schützende Hand über die Neonazisten und sich die andere vor die Augen gehalten hatte, gerät jetzt auch das von den ehemaligen SS-Angehörigen Paul Dickopf und Rolf Holle gegründete Bundeskriminalamt in den Strudel der Verquickungen. Wie die Welt unter Bezugnahme auf die hauseigene "Bild" berichtet, wurden "wichtige Daten vom Handy des mutmaßlichen NSU-Unterstützers André Eminger" auf Veranlassung des BKA gelöscht. Die Sonntagsausgabe der "Bild" verweise auf die Email von einer BKA-Mitarbeiterin an einen Bundespolizisten, in der dieser aufgefordert wurde, die Daten von dem Handy zu löschen, das das BKA der Bundespolizei nach der Festnahme von Eminger zur Auswertung übergeben hatte.

Was soll da vertuscht werden? Welche Informationen hatte Eminger, der verdächtigt wird, ein Paul-Panther-Video hergestellt zu haben, auf seinem Handy gespeichert - acht Wochen nach Beginn der Großfahndung nach Unterstützern der NSU? Handelt es sich vielleicht um das Handy, das ein anderer Prominenter sich aus Angst vor Abhöraktionen fremder Geheimdienste von einem ganz, ganz engen Freund aus Kindertagen ausborgte?

Die Faktenlage ist noch flüssig, die Betroffenen bedauern es zutiefst, dass Freundschaftsdienste wie die Anfertigung eines Videos und die Benutzung eines NSU-Handys "ein falsches Licht" auf gemeinsame Beziehungen werfen. Es "wachsen die Zweifel am Aufklärungswillen der Sicherheitsbehörden", vermutet die FR geheime Ränkespiele im Hintergrund. Gut, dass wenigstens einige Behörden aufräumen: Gegenüber der "Bild" hat ein BKA-Sprecher die veranlasste Löschung der geheimen Hinweise auf eine vielleicht noch weitergehende Unterwanderung der Gesellschaft durch die Braune Armee Fraktion: "Um in diesem sensiblen Verfahren eine Dislozierung der vorhandenen Asservate in verschiedenen Behörden zu vermeiden, wurde seitens BKA die Bundespolizei gebeten, als Kopie vorhandene Handy-Daten zu vernichten."

Die Verwendung des Begriffes "Dislozierung", der die von der jeweiligen Truppenführung vergenommene räumliche Verteilung ihrer Einheiten auf die zu verteidigenden Frontbereiche beschreibt, deutet darauf hin, dass hier militärische Strategien angewandt werden, weil es sich um militärische Operationen handelt. Das Beobachtungsportal Endstation Rechts, das im Vorfeld schon vermutet hatte, die drei mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe seien 1999 vom Verfassungsschutz laufen gelassen worden, sie jetzt "Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker" laufen. "Experten vermuten, das BKA könnte so versucht haben, eigene Informanten im NSU-Umfeld zu schützen", heißt es, wobei diese "Experten" nicht näher bezeichnet werden, um sie zu schützen.

Obwohl wie es Goethe nannte, "Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen", ist es PPQ erstmals gelungen, alle vorhandenen Informationen über die Verstrickungen von Hitler, Böhnhardt, Mundlos, dem Verfassungsschutz, Jena, der FDJ, der Schweiz und Nokia grafisch aufzubereiten. Mit dem Schaubild oben, das für Unterrichtszwecke per Mail bei der Redaktion abgerufen werden kann, wird die im "Faust" aufgeworfene Frage "Doch wie? – Wo sind sie hingezogen?" wenigstens außergerichtlich geklärt. Ja, klagt Mephistopheles, "unmündiges Volk, du hast mich überrascht, sind mit der Beute himmelwärts entflogen; drum haben sie an dieser Gruft genascht!"

Der Wohnwagen. Mordplatz nach dem erfolgreichen Bankraub, ihr dritter oder zwölfter war, man weiß es nach nur drei Monaten bundesweiter Ermittlungen nicht. Mephistopheles: "Ich habe schimpflich missgehandelt, ein großer Aufwand, schmählich! Ist vertan; Gemein Gelüst, absurde Liebschaft wandelt den ausgepichten Teufel an. Und hat mit diesem kindisch-tollen Ding der Klugerfahrne sich beschäftigt, so ist fürwahr die Torheit nicht gering, die seiner sich am Schluss bemächtigt."


Ein Land schreibt einen Thriller:

NSU: Eine Muh, eine Mäh, eine Zschäperättätä
NSU: Von der Zelle in die Zelle
NSU: Die Spur der Schweine
NSU: Gewaltbrücke zu den Sternsingern
NSU: Gebührenwahnsinn beim Meldeamt
NSU: Nun auch auf dem linken Auge blind
NSU: Die Welt ist klein
NSU: Verdacht auf Verjährung
NSU: Weniger hats schwer
NSU: Terrorwochen abgebrochen
NSU: Rechts, wo kein Herz schlägt
NSU: Was steckt dahitler?
NSU: Neue Spuren ins Nichts
NSU: Tanz den Trinitrotoluol
NSU: Der Fall Braun
NSU: Honeckers rechte Rache
NSU: Die Mundart-Mörder
NSU-Todeslisten: Sie hatten noch viel vor
NSU: Was wusste Google?
NSU: Kommando späte Reue
NSU: Die tödliche Bilanz des braunen Terror
NSU: Mit Hasskappen gegen den Heimsieg
NSU: Mordspur nach Möhlau

Auf dünnem Eis: Selbstmord auf Schlittschuhen

Grobe, menschenverachtende Fahrlässigkeit im Westen, sorgsame Betreuung der Bevölkerung im Osten. Am dritten Wochenende der durch zunehmende Klimaerwärmung verursachten Eiszeit in Deutschland hat sich das vor 21 Jahren wiedervereinigte Vaterland als weiterhin gespaltene Nation gezeigt. Kein tiefer Riss geht durchs Eis, doch eine Schlucht klafft zwischen dem verantwortungsvollen Umgang der Behörden in den neuen Bundesländern mit den nie dagewesenen Wetterunbilden und der Art, wie Beamte und Politiker in den alten Ländern mit dem eisigen Entsetzen Scherz treiben. (Foto oben links)

So trieb ein sensationshungriger Senat unter dem früheren Kurzzeit-Fastkanzlerkandidat Olaf Scholz rund eine halbe Million Hamburger auf die vereiste Außenalster. Bei "Deutschlands größter Wintersause" mussten sich Jung und Alt 15 Jahre nach dem letzten offiziellen Alstereisvergnügen als Schlittschuhläufer versuchen, Eishockey spielen oder sogar Kinder auf Schlitten über den 164 Hektar großen See mitten in der Stadt ziehen. Auch auf den Maschsee in Hannover wagten sich tausende Schlittschuhläufer und Familien mit Kinderwagen, nachdem die Stadtverwaltung den See freigegeben hatte, weil die dazu angeblich notwendige Eisdicke von 13 Zentimetern als erreicht gemeldet worden war.

Im Osten undenkbar. Hier haben Rathäuser und Ordnungsämter Übermut und Leichtsinn den Kampf angesagt. "Bei uns absolut tabu", heißt es in der Bundeshauptstadt, die für das gesamte Gebiet der früheren DDR Vorbildwirkung hat. Eine Polizeisprecherin: „Das Eis ist nicht überall tragfähig und unterschiedlich dick. Das Betreten kann unter Umständen lebensgefährlich sein.“

Eine Gefahr, die auch in Halle für Beunruhigung sorgt. Die große Angst: Tausende könnten sterben, wenn die Seen in der Stadt mit dem Segen der Stadtverwaltung zum Betreten freigegeben würden. In der letzten Woche erst rückten Experten der örtlichen Feuerwehr mit drei Fahrzeugen, zehn Leuten und einer Kettensäge an, um die Eisqualität am zentralen Fontänenteich zu prüfen. Das wohnzimmergroße Gewässer mit einer Tauchtiefe von 70 Zentimetern war bis dahin illegal von lebensmüden Eisläufer und Spaziergängern benutzt worden. Nachdem die entnommenen Laborproben aufwendigen Bruchtests beim Tüv und einem Auftau-Langzeitversuch unterzogen worden, gab es grünes Licht: Jetzt darf der Mini-See jeweils von Sonnenaufgang bis zum Einbruch der Dunkelheit betreten werden, ohne dass das Ordnungsamt empfindliche Bußgelder verhängt. Andere Gewässer in der Stadt bleiben tabu, nur Enten und auswärtige Besucher, die das Risiko unterschätzen, sind hin und wieder auf den vereist scheinenden Wasserflächen zu sehen (Foto oben rechts).

Fürsorge wird großgeschrieben, auch in Aschersleben, einem von den meisten früheren Einwohnern bereits vor Jahren verlassenen Flecken im der Nähe des etwas bekannteren Magdeburg. Wie in Köthen, wo am seit Wochen zugefrorenen Hubertusteich ein "Betreten verboten"-Hinweis Unbelehrbare vor dem Selbstmord auf Schlittschuhkufen bewahrt, blieben auch in der Polizeischuh-Metropole natürliche Wasserflächen wie die neue und die alte Tonkuhle für Schlittschuhläufer geschlossen. Dafür spendierte die von der letzten Landesgartenschau übriggebliebene Ascherslebener Kulturanstalt ein paar Steuergroschen, um eine Spritzeisbahn anzulegen. Das Geld reichte sogar noch, um ein Hinweisschild mit der Aufschrift "Betreten auf eigene Gefahr" anzubringen, das Menschen daran hindern soll, überraschend einzubrechen.

Sonntag, 12. Februar 2012

Punktlandung im Polarkreis

Es ist wieder wie damals im Dezember 2009, als es im Ergebnis der Kopenhagener Klimarettungszusammenkunft zu einem historisch einmaligen Zusammentreffen im halleschen Kurt-Wabbel-Stadion kam. Minus 15 Grad bei Schnee und Bodennebel, an denen auch der hallesche Sonnenbomber Sandro Wolf nichts ändern konnte. Seit dem 1:0 gegen St. Pauli II damals ist viel passiert. Das Wabbel-Stadion heißt jetzt Erdgas-Arena, der damals noch als Dirigent dienende Pavel David ist nur noch Ersatz und die Erderwärmung hat auch ihre Spuren hinterlassen: Statt minus 15 Grad zeigt das Thermometer gegen den Berliner AK nur noch minus acht.

Außerdem kämpft der gastgebende HFC nicht mehr um einen Ehrenplatz in der oberen Tabellenhälfte, sondern erklärtermaßen um den Aufstieg. Um den im Blick zu behalten, muss die Mannschaft von Trainer Sven Köhler bis zum letzten Spieltag eigentlich alle Spiele gewinnen - und selbst dann wäre Tabellenplatz 1 nur sicher, wenn die Konkurrenten in Kiel und Leipzig zwischendurch Punkte liegenlassen.

Zum Siegen verdammt, startet der HFC engagiert. Rückkehrer Angelo Hauk, als Backup für die enttäuschende Sturmhoffnung Andis Shala aus Elversberg zurückgekehrt, bekommt in den ersten zehn Minuten mehr Pässe in den Fuß gespielt als sein Vorgänger in der ganzen Hinserie. Hauk aber, dessen Laufstil noch immer frappant an einen Schmetterlingsschwimmer erinnert, verpasst die Zuspiele jeweils knapp. Und danach hat es sich auch schon mit der offensiven Herrlichkeit der Hausherren. Berlin, umsichtig geführt vom früheren Rostockercottbussererfurterunioner Björn Brunnemann, hält dagegen, erreicht sogar ein Übergewicht, weil den Hallensern immer schon vor dem entscheidenden Zuspiel in die gegnerische Hälfte der Ball verspringt.

Nach vorn aber geht beim AK so wenig wie beim HFC über die Außen passiert. Wenn Halle angreift, dann geht es durch die Mitte, Telmo Texeira, Hauk und Lindenhahn versuchen, sich den Ball auf engstem Raum an der Strafraumgrenze zuzustecken. und scheitern ein ums andere Mal. Gefährlich wird es so nur einmal, als nach 36 Minuten wohl irrtümlich wirklich eine Flanke von außen in den Berliner Strafraum fliegt und Texeira anschließend aus acht Metern übers Tor schießt.

Ein typisches Nullzunull-Spiel, das den 2.747 Zuschauern auf den Rängen weder Herz noch Hände wärmt. Berlin ist nach vorn harmlos, Halle ratlos. Jan Benes, der für den gesperrten Eismann Außenverteidiger spielt, hat keinen guten Tag erwischt, auch Toni Lindenhahn und Dennis Wegner wirken nach der öffentlichen Ansage von Trainer Sven Köhler, dass er mehr Torgefahr und vor allem mehr Tore von ihnen erwarte, eher verkrampft als beflügelt.

Kein heißer Kampf, auch nach der Pause nicht. Obwohl der Rasen im neuen Stadion dank umweltfreundlicher Heizung gut bespielbar ist, bleibt es beim vergeblichen Anrennen der Hallenser und gelegentlichen Kontern der Berliner. In der 55. Minute erarbeiten sich die Gastgeber die erste Ecke. Hauk, ausnahmsweise mal von Wegner von außen angespielt, schießt von der Fünfmeterraumgrenze drüber.

Mehr ist nicht und mehr wird auch nicht mehr, darauf würde nach einer Stunde selbst die Fankurve wetten, die dem Spiel inzwischen auch meist schweigend folgt. Aber dann ist da Telmo Texeira, der Mann, der vor der Saison eigentlich hatte gehen sollen, weil der gelernte Zehner die Erwartungen, die der Verein an einen Abwehrspieler stellt, nicht hatte erfüllen können. Texeira fand keinen neuen Verein, dafür aber nach brillanten Einsätzen in der 2. Mannschaft Gnade bei der Chefetage.

Seitdem darf er hinter den Spitzen spielen und Tore machen wie nun eben auch gegen Berlin: Toni Lindenhahn kommt zum dritten Mal im Spiel über außen, er nimmt zwei Gegenspieler aus, schnippt den Ball in die Mitte und dort steigt Texeira hoch und köpft ins lange Eck.

Ein Punktlandung im Polarkreis, denn die Restzeit spielt der HFC routiniert herunter. Seit dem 16. Oktober hat der HFC nun nicht mehr verloren, mit 12 zu 3 Toren wurden seitdem 22 von 30 möglichen Punkten geholt. RB Leipzig schaffte in derselben Zeit auch 22 Punkte, Kiel sogar 24. Das wird noch, Erderwärmung hin oder her, ein heißes Rennen bis zum letzten Spieltag im Mai.

Verbot der Woche: Fremdenfeindliche Vokabeln

Höchste Zeit war es schon lange, nun endlich aber kommt Bewegung in die Frage, wieviel Rassismus die deutsche Alltagssprache verträgt. Dank der Aufmerksamkeit des Münchener Linken-Stadtrates Orhan Akman wurde bekannt, dass die Verwendung des Begriffs "Schwarzfahren" einen diskriminierenden Beigeschmack hat. Akman prangerte mutig an,
dass nicht nur die inzwischen vom Bundesblogampelamt und der europäischen Zensurbehöre längst auf die schwarze Liste der verbotenen Bezeichnungen gesetzten Vokabeln "Neger" oder "Mohrenköpfe" zweifellos "einen kontextlichen Bezug zur Hautfarbe eines Menschen" haben. Sondern auch das Wort "Schwarzfahrer", das rassistisch ganze Bevölkerungsgruppen mit menschen auf eine Stufe stell, die keine Fahrkarte gelöst hätten.

Akman, der seine ersten Sporen als Abteilungsleiter bei Tönnies Fleisch, verdiente, will diese diskriminierende Bezeichnung durch "Ticketsünder" ersetzen. Dazu müsse die Bundesregierung im Rahmen der antirassistisch engagierten PPQ-Aktion "Verbot der Woche" ein Verwendungsverfügung für die fremdenfeindliche Vokabel erlassen. Die Linguistin Christiane Wanzeck liefert in der Münchner Abendzeitung Argumente für eine Ausweitung der Forderung über den Einzelfall hinaus. Schwarz stünde für illegal, eben etwas, das im Dunkeln passiert. Eine saubere Lösung, so heißt es in Berlin, könne deshalb nur darin liegen, dass auch "Schwarzarbeit", "Schwarzgeld", "schwarze Kassen", "schwarzer Humor", Schwarzlicht in Diskotheken, der Internetfilm "Schwarz wie Milch" und die Einzelhandelsgruppe "Lidl&Schwarz" untersagt würden.

Zur bürgerschaftlich-engagierten Reihe "Verbot der Woche"

Samstag, 11. Februar 2012

Heißer Kampf um kalte Sonne

Ein Krieg der Weltanschauungen wird nicht durch Argumente entschieden, sondern durch bewusstloses Geschrei. Nicht nur der "allermeiste" (Staud) Journalistendarsteller Toralf Staud, sondern auch der klimapolitische Kampfschreiber des Neuen Deutschland Marcus Meier und der als energiepolitischer Sprecher der PDS-Fraktion im Landtag Nordrhein-westfalens dienende Michael Aggelidis wissen das. Nachdem frühere Rechtsextremismusexperte Staud die unerträglichen Klimalügen des RWE-Angestellten Fritz Vahrenholt in dessen Buch „Die kalte Sonne: Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet“ als "krude Thesen" entlarvt und Marcus Meier den ehemaligen SPD-Politiker als Klima-Konterrevolutionär überführt hatte, der mit einer "Kampfschrift" versuche, der Sarrazin der Klimadebatte zu werden, fordert Aggelidis, der nach einem politischen Start in der SPD zur PDS wechselte, um später von dort zur WASG und gemeinsam mit der zurück zur Linken zu gehen, nun endlich den Rücktritt des „Verschwörungstheoretikers“, der seiner fachmännischen Ansicht nach nur „krude Märchen“ erzähle.

Märchen, die keinesfalls im Einklang mit der grundgesetzlich verankerten Anerkennung des Klimawandles als Ausfluss imperialistischen Profistrebens stehe. Einmal mehr herrscht in dieser Frage große Einigkeit von "Zeit" bis "Junge Welt", von Spiegel" bis "Stern". Wer den Konsens in Frage stellt, ist ein "Klimaleugner" (Aggelidis), wer über all das noch einmal reden will, "hat wirklich Chuzpe" (FR). Zwar müsse "die Klimaforschung neue und eventuell abweichende Erklärungen von Wissenschaftlern für die festgestellten Phänomene wie die Erhöhung der Temperatur der Erdatmosphäre ins Kalkül ziehen", schreibt ein Joachim Wille dort unwillig. Aber muss jemand von außen da Fragen stellen? Und den Eindruck zu erwecken, das täten ausgerechnet Klimawandel-Forscher nicht? Wo die doch gerade erst selbstkritisch herausgefunden hatten, dass die derzeit über ganz Europa liegende Kältewelle überhaupt nur entstehen konnte, weil sich das Klima so erwärmt hat. Woran auch die Tatsache nichts ändere, dass die Erdatmosphäre sich seit Ende der 90er Jahre nicht mehr erwärmt habe, weil Erwärmung "eben nicht strikt linear" verlaufe, so dass ein Klimawandel fortschreite, ohne dass das Klima sich ändere. Eine nicht mehr zunehmende Erwärmung sei somit automatisch für ein Abschmelzen von Arktiseis verantwortlich, das wiederum sofort ein Einfrieren Europa verursache, wie es zuletzt im Zweiten Weltkrieg vorkam, als das Eis noch nicht schmolz.

Egal. „Wer den von Menschen gemachten Klimawandel im Jahr 2012 noch leugnet, der kann genauso behaupten, die Erde sei eine Scheibe oder die Evolution habe nie stattgefunden“, ließ der auf Familienrecht spezialisierte Rechtsanwalt das Satire-Portal "scharf-links" wissen. In Berlin wird inzwischen der Ruf laut, Paragraph 130 des Strafgesetzbuchs, der den Tatbestand einer Volksverhetzung definiert, bedürfe einer Ergänzung. Ein Absatz 3 müsse künftig zwingend auch die Leugnung des Klimawandels unter Strafe stellen, etwa mit der Formulierung "Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, gegen den auch von Massenmedien und der Bundesregierung anerkannten wissenschaftlichen Konsens der Klimaforschung polemisiert, mit Gruppen von Klimagläubigen streitet oder auf Kosten eines Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer Gruppe von IPCC-Anhängern Witze macht, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft."

Vahrenholt fiele sofort unter das verdikt. Der ehemalige Hamburger Senator, auch nach einem erstinstanzlichen Urteil der Zeit ein "Störenfritz des Klimafriedens", vertrete die Interessen „des Kohle- und Atom-Dinosauriers RWE“, kritisiert Aggelidis. Das dürfe von dem Unternehmen keinesfalls hingenommen werden. RWE sei lange bekannt gewesen, dass Vahrenholt plante, "Verschwörungstheorien über den Klimawandel zu publizieren".

Statt den "leitenden Angestellten" aber mit psychischem Druck oder körperlicher Gewalt daran zu hindern, wie das zum Beispiel in der früheren Sowjetunion oder in der alten DDR umgehend geschehen wäre, habe man ihn gewähren lassen. Der Bonner Abgeordnete fordert RWE und insbesondere den Aufsichtsrat des Konzerns auf, sich "unverzüglich von den Thesen des Klimaleugners Vahrenholt zu distanzieren" und Vahrenholt nach dem Beispiel des Liedermachers Wolf Biermann rauszuschmeißen. Vahrenholt selbst hatte allerdings, offenbar unbemerkt vom Experten Aggelidis, bereits vorab auf die angedrohte Abberufung vom Chefsessel der RWE-Sparte Innogy reagiert: Ende Januar bereits kündigte er an, Innogy zu verlassen, um in den RWE-Aufsichtsrat zu wechseln.

Zettel zu den kruden Thesen des Toralf Staud

Lesen, was dumm macht

Die Weltverschlechterer von Karl Nagels Pogopartei APPD hatten sich seinerzeit die Rückverdummung der gesamten Gesellschaft auf die Bierfahne geschrieben, drei Jahre nach dem faktischen Verschwinden der einzig bekennend ungewaschenen Kraft in der deutschen Politik darf das Ziel als erreicht abgehakt werden. Beleg dafür ist die allabendlich vor der gebührenpflichtigen "Tagesschau" ausgestrahlte Werbespot der "Apotheken Umschau" (ohne Bindestrich), mit dem das Leseangebot für Nicht-Leser um Leser wirbt. Epochaler Claim dabei ist der von mehr als einem Hauch Legasthenie umwehte Sechssilber "Lesen was gesund macht", der Abend für Abend selbstbewusst ohne Komma in die Wohnzimmer der Nation verklappt wird.

Dort zeigt der Spruch Wirkung, denn er wird genommen, wie er kommt. Und dann auch noch engagiert diskutiert. Stillschweigend korrigieren bildungsbürgerlich verdorbene Leser dabei den halben Fehler, mit dem die zuständige Werbeagentur den im Original offenbar aus einem Artikel von Jürgen Genuneit, einem Gründungsmitglied des Bundesverbandes Alphabetisierung, stammenden Slogan geschickt um eine Messbecherfunktion bereicherte. Die funktioniert genau so, wie die APPD sich das immer vorgestellt hatte: Je mehr Menschen noch den letzten debilen Dreck widerspruchslos fressen, desto näher ist das Endziel der völligen Rückverdummung.

Deutschland scheint am Ziel. Die Dummheit regiert, Dreistigkeit spielt den Präsidenten und die Blödesten bespielen die beste Sendezeit. Passt. Wackelt. Und hat Luft nach oben. Ein Druckfehler ist das fehlende Komma jedenfalls nicht, wie ein Blick auf die Homepage der "Apotheken Umschau" zeigt. Auch dort darf, wer mag, lesen, was dumm macht.

Karriere mit Kommafehler: Die Anmerkung über einen Qualitätsbeitrag der Qualitäts-SZ, geschrieben nach der Zeichensetzungsschule der "Apotheken Umschau"