Samstag, 13. Juni 2020

Die Wiedergeburt des Halleschen FC: Der Wundertäter

Corona-Test, erster Sieg, zweiter Corona-Test, dann zum Friseur, dann zweiter Sieg: Florian Schnorrenberg (3.v.l.) feierte in Meppen bereits Sieg Nummer 2 im zweiten Spiel.

Fußball-Archäologen werden dereinst vielleicht darangehen, herauszufinden, was passiert ist in diesen sechs Monaten, die die wildesten waren, die der Hallesche FC seit dem Tag seiner Gründung erlebt hat. Platz 3 in der Oberliga, Europacup und Hotelbrand, Ligaabstieg, Oberliga-Comeback mit Wosz, Tretschok und Karl, der Absturz in die 5. Liga, die lange Rekonvalezenz und die Eroberung eines Stammplatzes in der 3. Liga - all das verblasst gegen dieses halbe Jahr.

Ein Aufstiegsanwärter spielte die beste Halbzeit seiner an Höhepunkten nicht armen Hinrunde. Gegen einen Gegner in Unterzahl. Die graue Maus von der Saale, von Trainer Torsten Ziegner zu einem Tiger umgemodelt.

Und am Ende steht ein 3:3 auf der Anzeigetafel. Ein Bruch, dem der zweite folgte, als die Tormaschine Terrence Boyd den Aufstiegsfavoriten Duisburg in letzter Sekunde abschoss. Dass es der letzte Sieg des HFC für die nächsten 190 Tage bleiben sollte, ahnte niemand.

Es waren düstere Monate, gerade weil eine Ursache für den beispiellosen Absturz sich nie zu erkennen gab. Zwischenmenschliche Verwerfungen? Privater Streit? Als der als Heilsbringer und Aufstiegstrainer gefeierte Torsten Ziegner vor Weihnachten öffentlich bekundete, er benötige für den Aufstieg eins, zwei, vier, ganz viele neue Spieler, kam das womöglich als Misstrauensbekundung bei einer Mannschaft an, die in eine Ergebniskrise gerutscht war. Wem aber gesagt wird, dass er nicht reicht, der reicht danach häufig wirklich nicht mehr.

Der Betriebsfrieden war gestört, die Neuen schlugen nicht ein. Als es weiterging, spielten überwiegend doch wieder die, die zuvor die Aufstiegsträume befeuert hatten. Nur spielten sie jetzt schlecht und immer schlechter und selbst der im Fußballgeschäft probate Versuch, mit einem neuen Mann auf der Bank neues Glück herbeizuzwingen, fruchtete nicht.

Ismail Atalan, als Retter geholt, kam, sah und verlor. Der Westdeutsche wirkte in den wenigen Wochen seines Engagements an der Saale nie wie der Mann, der Lösungen mitgebracht hatte. Sondern eher wie einer, der geglaubt hatte, die Mannschaft des HFC sei so gut, dass jedes andere Gesicht auf der Trainerbank sie sofort von den Toten aufwecken würde.

Nicht jedes. Es brauchte noch einen Trainerwechsel, von der Mannschaft in Zwickau mit einer fast baugleichen Wiederholung des 1:6-Debakels gegen Bayern München II mutwillig provoziert. In einem sicher auch finanziellen Kraftakt - immerhin stehen mit Ziegner und Atalan weiterhin zwei Fußballlehrer auf der Lohnliste des HFC - wurde Florian Schnorrenberg verpflichtet, ein hörbar westdeutscher 43-Jähriger ohne Meriten, dessen Leistungsnachweis dem Atalans mehr ähnelt als dem Ziegners.

Aber wie das so ist: Fallen die richtigen Zahlen, ist es egal, in welcher Filiale der Lottoschein abgegeben worden ist. Schnorrenberg, ein hagerer Kerl mit dicken schwarzen Augenbrauen, feierte im ersten Spiel den ersten Sieg. Ein nicht für möglich gehaltenes 3:0 gegen Aufstiegsanwärter Mannheim. Und im zweiten folgte nun ein 3:2 in Meppen, glücklich, aber verdient. Was hat der Mann gemacht? Handauflegen?

Für den HFC-Anhang ist das die längste Siegesserie seit November, als Jena und Duisburg hintereinander geschlagen wurde. Noch ein Sieg mehr, und schon wären die beiden längsten Siegesserien der Saison eingestellt, noch errungen unter Ziegner in der Zeit der endlosen Euphorie jenes Herbstes im Himmel der Aufstiegsträume. Und nur noch einen mehr, dann wäre der Wundertäter Schnorrenberg, der mit Nichts kam und gemeinsam mit dem neuen Co-Trainer Daniel Ziebig aus Nichts Alles zauberte, erfolgreicher als sein auf dem Höhepunkt seines Schaffens heiliggesprochener Vorgänger Torsten Ziegner.

Soweit ist es nicht, noch lange nicht. Doch was die Mannschaft des HFC, personell weitgehend identisch mit der, die in den letzten Monaten in jener rätselhaften, weil augenscheinlich grundlosen Abwärtsdynamik steckte, in den beiden Spielen unter "Schnorre" auf dem Platz zeigte, unterschied sich grundsätzlich von dem, was sie Ismail Atalan zu geben bereit gewesen war.

Plötzlich wird wieder gelaufen, gegrätscht und miteinander gespielt. Sebastian Mai, der wochenlang wirkte, als glaube er, er solle, wolle und müsse den Abstieg allein verhindern, ist wieder Mannschaftsbestandteil, weil es wieder eine Mannschaft gibt. Die Abwehr, in den dunklen Stunden nur eine Behauptung auf der Taktiktafel, steht wieder, zumindest zumeist. Guttau und Sohm liefern Vorlagen und treffen. Boyd trifft. Und es werden sogar Tore nach Standards erzielt, eigentlich traditionell ein Totalausfall beim HFC.

Noch sind es nur drei Punkte bis zum ersten Abstiegsplatz und ein Verbleib in der Liga ist angesichts des Restprogramms mit Spielen gegen den ebenfalls abstiegsbedrohten Regionalrivalen Magdeburg, den ums Überleben kämpfenden FC Kaiserslautern, die abgeschriebenen Jenaer und die Aufstiegskandidaten 1860 München, MSV Duisburg und Würzburger Kickers alles andere als sicher. Aber wenn Florian Schnorrenberg weiter seine Wunder tut, werden Fußballarchäologen später vielleicht nicht nur die Frage zu klären haben, warum eine der erfolgreichsten Mannschaften der Liga erst schleichend, dann aber schlagartig zur erfolglosesten werden konnte. Sondern auch, wie es anschließend gelingen konnte, ein Restprogramm von neun Spielen zu nutzen, um nicht nur unten raus, sondern sogar wieder oben dran zu kommen.

George Floyd: Ruf nach Reform des deutschen Fernsehprogramms wird lauter

Weiß, irisch, idealisierend: Die Darstellung der Polizeiarbeit in den USA im deutschen Fernsehen folgt neuen Erkenntnissen zufolge stark klischeehaften Vorgaben, ist unkritisch und reformbedürftig.

Sie sind die Guten, clevere "Cops", die Mörder und Terroristen jagen, scharfsinnig, freundlich, manchmal mit privaten Problemen, aber immer aufrecht, ehrlich und vorurteilsfrei. In us-amerikanischen Serien wie "CSI", Crimninal Intent" oder "Monk", "Blue Bloods" und "Hawaii Five-O" malen Filmproduzenten seit Jahrzehnten eifrig am Bild des amerikanischen Polizisten als einem Hüter von Recht und Ordnung. Der Cops ist unbestechlich, er ist unbezwingbar und heldenhaft, niemand kann ihn daran hindern, die werte der amerikanischen Verfassung im Sinne der Schwachen, Alten, Kranken und Bedrohten zu interpretieren.

Ob der leicht vertrottelte Inspektor Colombo oder die Detektive von "Criminal Minds", ob die FBI-Agenten von "Without a trace" oder die Männer und Frauen von "Law & Order" - sie alle tragen das Bild in die Welt, dass die Welt der amerikanischen Polizei in Ordnung ist, weil hier tapfere Ermittler in Anzug und Uniform mutig ihren Dienst tun, um das Gemeinwesen vor den üblen Machenschaften fremdländischer Terroristen, einheimischer Drogenbarone und gerissener Mörder zu schützen.

Dass die Wirklichkeit ganz anders aussieht, hat erst der Fall Floyd vielen deutschen Fernsehzuschauern klargemacht. US-Polizisten sind Rassisten, sie üben überwiegend brutale Gewalt aus, gehen gezielt gegen Minderheiten vor und sehen sich selbst als strafende Instanz. Anders als in den täglich 216 Stunden, die deutsche Fernsehsender mit US-Kriminalserien füllen, ist die Wirklichkeit schäbig, diskriminierend und hart besonders für deutsche Zuschauer, die bislang nur das heile Bild der verschworenen Kämpfer für das Gute in ihren hochglanzpolierten Revieren kannten.  

Zwei Wochen nach dem "Mord" (Angela Merkel) am Afroamerikaner George Floyd während eines brutalen Polizeieinsatzes in Minneapolis wird der Ruf nach einer grundlegenden Reform des deutschen Fernsehprogramms lauter. Nun ist die bekannte Medienkritikerin Svenja Prantl, seit Jahren besorgt um die Ausgewogenheit der Darstellung von weißer Polizeigewalt in den deutschen Medien, vorgeprescht und hat eine grundlegende Reform der Programmgestaltung verlangt. "Was wir brauchen, ist mehr Realitätsnähe und Diversität", sagt die politische Koordinatorin für Meinungsfragen bei PPQ, die vor allem die einseitige Ausrichtung aller deutschen Fernsehsender auf die fiktionale Berichterstattung über die Arbeit amerikanischer und deutscher Ermittler kritisiert.

Obwohl in den USA jetzt mit Jami Resch, der Polizeichefin von Portland im Gliedstaat Oregon, die erste führende Beamtin mit weißer Hautfarbe zurückgetreten sei, um ihren Posten an einen afroamerikanischen Kollegen zu übergeben, ermittelten in den üblichen TV-Serien weiterhin 93,4 Prozent weiße Polizisten. Prantl nennt Beispiele wie den vom früheren Privatdetektiv "Magnum" Tom Selleck gespielten Frank Reagan als Police Commissioner der New Yorker Polizei in "Blue Bloods", dessen Darstellung unzulässig idealisierend sei. Die postkoloniale Romantisierung irischer Dominanz im Polizeiapparat entspreche nicht den aktuellen Vorstellungen der Gesellschaften von Gerechtigkeit.

Ebenso fehle es insgesamt an packenden und spannenden Serien über rassistische Ausfälle amerikanischer Polizisten und deren brutale Polizeieinsätze gegen Menschen, die in den meisten Fällen nichts verbrochen hätten. Wenn in den USA die ersten Polizeibehörden aufgelöst würden, weil sie sich als nicht reformierbar erwiesen hätten, könne eine weitere Heroisierung idealisierter Detektivfiguren nicht hingenommen werden. "Das sind Fake News", urteilt Prantl, nachdem  Demonstranten der «Black Lives Matter»-Bewegung gefordert hatten, der Polizei die Mittel zu kürzen.

Dasselbe müsse für die Produzenten  der  zahllosen amerikanischen Uniform-Opern gelten, ebenso jedoch auch für die Einkaufsabteilungen der deutschen Fernsehsender. Gerade ARD und ZDF als zwei der Hauptabnehmer von unkritischen Serien wie "The Rookie" oder das nur scheinproblematisiertende Drama "Ein Cop mit dunkler Vergangenheit" seien nicht geeignet, ein korrektes Bild von der Polizeiarbeit in den Vereinigten Staaten zu zeichnen, die von übertriebener Gewalt, Diskriminierung und einer strikten Verleugnung des kolonialen Erbes geprägt sei. Zwar bleibe festzuhalten, dass die große Mehrheit der amerikanischen Polizisten den Dienst an der Bevölkerung ernst nehme und sich bemühe, alle Anforderungen zu erfüllen. Doch bei der Darstellung der täglichen Arbeit der Beamten im deutschen Fernsehen seien Reformen dringend nötig, so Svenja Prantl.

Freitag, 12. Juni 2020

Rassismus ausradieren: Denkmalsturm für die Gerechtigkeit

Vielerorts auf der Welt sind junge Aktivisten nicht mehr bereit, die menschenverachtenden Monumente früherer moralischer Verfehlungen zu dulden.
Alles muss raus, alles muss weg. Die Pyramiden, von Sklavenhaltern errichtet. Die steingewordene Erinnerung an August-Hermann Francke, ein Ungeheuer, das Kinder quälte. Die Kirchen und Kathedralen, die einem bösen, rachsüchtigen Gott zum gefallen gebaut worden sind. Und die Denkmäler, die grausamen Gestalten wie Bismack, Thälmann, Lenin und den deutschen Kaisern gewidmet sind. "Alle Statuen von rassistischen Männern, die Geld mit dem Verkauf eines Menschen verdient haben, sollten abgerissen werden", begrenzte der Formel-1-Fahrer Lewis Hamilton jetzt zwar die Forderung nach Bereinigung des öffentlichen Raumes.

Doch die historische Erfahrung zeigt, dass Sturm auf Symbole der Geschichte sich nicht mit Vernunftgründen einhegen lässt, bricht er erst einmal  richtig los. Was fallen muss, fällt. Und wie im Wald, wo ein Orkan alles wegfegt, was sich ihm in den Weg stellt, verspricht auch ein Generalangriff auf Statuen, Straßennamen und Gebäude, nicht anzuhalten, wo eindeutige Urteile schwer zu fällen sind.


Was weg ist, ist weg, und je mehr, desto besser. Wo sich kein Sklavenhalter mehr findet, der für das Leid unzähliger Menschen persönlich in Haftung genommen werden kann, müssen es ein paar Steine tun. Das Kaiserreich und die Nazizeit, die DDR mit ihrer verschwenderischen Fülle an  hohler Symbolik - sie alle bieten ein reiches Betätigungsfeld für einen Aktivismus, der sich aus der Überzeugung speist, dass nicht eine Sache ansich falsch oder richtig ist, sondern ihre Oberfläche. Radiert man das Wort "Rasse" aus dem Grundgesetz, das dort nur steht, um Benachteiligungen aus Gründen der Rassezugehörigkeit zu verhindern, verschwindet zugleich auch der Rassismus. Das ist die Lehre vom Straßenschild mit einem Tempo-30-Gebot: Steht es da, wird es missachtet, nimmt man es aber weg und beseitigt zugleich die Straße, kommt es nicht mehr zu Geschwindigkeitsüberschreitungen.

Lewis Hamilton, für den Tempo 30 auf der Stelle stehen bedeutet, hat von den Regierungen in aller Welt, gefordert, alle Statuen zu entfernen, die als rassistische Symbole begriffen werden können. Nicht beschrieben hat er, wer da was begreifen könnte: Ist das Denkmal von George Washington, einem Sklavenhalter alter Schule, mitgemeint? Gilt der Maßstab, den Demonstranten in London an das Leben von Winston Churchill anlegten, als sie den zeitweise einzigen Antifaschisten in Westeuropa und späteren Sieger über Hitler als Rassisten outeten, auch für Nachgeborene in Saudi-Arabien, die noch Anfang der 60er Jahre offiziell Sklaven hielten? Und in Afrika, wo die Sklaverei bis heute zuhause ist?

Passenderweise errichtet  im Stil des alten Griechenland, einer ausgewiesenen Sklavenhaltergesellschaf: Das vor dem Abriss stehende Monumentalbauwerk für den früheren US-Präsidenten Thomas Jefferson, der seinem Lieblingssklaven einst eine Ausbildung zum Sterne-Koch in Frankreich finanzierte.
Und was, vor allem, bleibt von der Geschichte, wenn die Bauten der großen Kriegsherren, die Zwingburgen der Feudalherren und die Schlösser des Adels, der vom Blut der Leibeigenen lebte, dem Erdboden gleichgemacht sind? Eine Welt ohne Erinnerung an sich selbst, eine Welt, die zwischen Abraham Lincoln und George Washington nicht mehr unterscheiden kann und Thomas Jefferson zwar nicht mehr für einen Freiheitshelden halten, ihn aber auch nicht mehr als Sklavenhalter im Gedächtnis haben wird, der seinen Lieblingsklaven, dem 19 Jahre alten James Hemings, mit nach Frankreich nahm, als er dort Botschafter wurde. Und ihm gleich auch noch Ausbildung zum  Koch finanzierte.

Seeliges Vergessen allüberall und nirgendwo mehr ein Problem. Aus den Augen, aus dem Sinn sind Schandtaten nicht nur des Thomas Jefferson, dem seine Brüder im Geiste - Schwestern waren nicht dabei - mitten im Zweiten Weltkrieg ein Monument errichteten. Was noch erhalten ist vom alten Rom, mächtig geworden auf den Knochen und mit dem Fleisch von Sklaven, muss geschleift werden, die Akropolis und die Pyramiden der Maya wie der alten Ägypter, die deutschen Bürgerhäuser und der Kyffhäuser, die Prachtbauten und Gärten, Alleen und Zugstrecken.

Trumps Tragödie: Immer alles falsch

Der schreckliche Kriegstreiber Trump folgte mit seiner Strategie der Nordkorea-Verträge und Truppenrückzüge auf den Friedensnobelpreisträger Barack Obama.

Als er Truppen schicken wollte, war das falsch. Als er ankündigte, welche abzuziehen, ebenso. Als er die, die er selbst nie geschickt hatte, wieder gehen ließ, war das ein weiteres Zeichen von Schwäche. Und als er befahl, Afghanistan sich selbst zu überlassen und mit den Taliban ein Abkommen schloss, war das ein ebenso großer Fehler wie die Verlegung neuer Truppen ins Krisengebiet Naher Osten  und die Eskalation der Lage im Iran.Es ist wie verteufelt: Was auch immer der derzeitige amerikanische Präsident anpackt und wie auch immer er entscheidet, am Ende fällt das Weltgericht doch stets dasselbe Urteil. Falsch. Verkehrt. Schlimm.

Seit Trump sich anschickte, als republikanischer Kandidat ins Präsidentschaftsrennen zu gehen, kann das weltweit einmalige Phänomen beobachtet werden. Während andere Machthaber zumindest hin und wieder politische Schritte gehen, die selbst vor den höchsten deutschen Medienrichtern bestehen können, versagte Trump vom ersten Tag an. Er drohte Nordkorea mit der Atombombe und lag damit komplett daneben. Dann unterschrieb er eine Art Friedensvertrag mit Kim Jong Il - und das war noch schlimmer. Er ließ sich von Putin ins Amt kaufen und zerstörte damit die amerikanische Demokratie. Und verhängte dann noch härtere Sanktionen gegen seinen russischen Strippenzieher als Vorgänger Barack Obama. Eine Katastrophe. Als er forderte, dass Deutschland das Nato-Ausgabenziel von zwei Prozent endlich in Angriff nehmen müsse, war das ein Affront.

Noch zerstörerischer für das deutsch-amerikanische Verhältnis war aber der Umstand, dass Trump ein von Rolf Mützenich, dem international geachteten SPD-Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag - immerhin das größte demokratische Parlament der Welt - aufgemachtes Ultimatum zum Abzug der amerikanischen Kernwaffen aus Deutschland einfach unbeantwortet ließ. Stattdessen droht Trump, er poltert, er twittert: Der US-Präsident gilt deutschlandweit als Gefährder,  unberechenbar und gefährlich.

Stattdessen ließ Trump seine Mitverschwörer drohen, dass die USA rund 10.000 Bewaffnete aus Deutschland  abziehen würden. Frauen und Männer, die hierzulande als seit Jahrzehnten als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme vor allem in Rheinland-Pfalz und in Bayern stationiert sind, mit dem Rückzug ins Homeland aber Teil von Trumps menschenverachtender "America first"-Strategie würden. Noch hat die Bundesregierung keine offizielle Bestätigung aus Washington über den nach Medienberichten geplanten Abzug von US-Truppen erhalten. Noch könnte Bundesaußenminister Heiko Maas auf den Tisch hauen und Trump zwingen, seinen Entschluss zu überdenken und 
die Ostflanke der Nato doch nicht zu entblößen.

Falscher wird nur sein, wenn Trump die Soldat*innen tatsächlich nach Polen verlegt, in ein Land mithin, dass nach Erkentnissen der EU-Komission von Corona wirtschaftlich dem Erdboden gleichgemacht wurde, wahrscheinlich als Strafe für die fortgesetzte Missachtung der gemeinsamen Rechtsstaatsvorgaben, die Brüssel der Regierung des Rechtspopulisten Jarosław Kaczyński zuletzt mehrfach nachgewiesen hatte. Hier gesellen sich Gleich und Gleich, Fehler trifft auf Fehler, Versagen kommt zu Versagen und für jedermann wird der Unterschied zu den Friedensjahren unter Barack Obama deutlich: Der Demokrat führte mit mehr als 200.000 Soldat*innen, Soldaten und Soldatinnen  Krieg in sieben Ländern, um Amerikas Kriege zu beenden und die Truppen endlich nach Hause zu holen. Der Scharfmacher Trump dagegen treibt seine Nation derzeit in gleich sieben Kriege und bewaffnete Konflikte, und er missbraucht dazu mehr  170.000 Soldat*innen und Soldatende.


Donnerstag, 11. Juni 2020

Rassismus in der Rechtschreibung: Die fatale Formulierung "Ich weiß"

Diese jungen Suprematisten sind so stolz auf das unverdiente Privileg, weiß zu sein, dass sie gleich doppelt damit protzen.

Jahrhundertelang verdrängt, verschwiegen und verleugnet, dann aber durch den "Mord" (Angela Merkel) an George Floyd mit Macht aus den Fugen einer "zutiefst gespaltenen" (Spiegel) Gesellschaft gebrochen: Die Großkundgebungen und zornigen Solidaritätsdemonstrationen zu Ehren des von der Polizei in Minnesota umgebrachten früheren Filmdarstellers zeigten erstmals in aller Deutlichkeit, wie tief das rassistische Gen auch in Deutschland im Volkskörper sitzt.

Während die Profiteure des Raubtier-Kapitalismus an den Börsen den schnellen Euro machen und dazu "den Kampf der Lohnabhängigen gegeneinander ganz gezielt schüren" (Berliner Zeitung), beschäftigen sich große deutsche Magazine lieber mit Trumps menschenverachtenden Sprüchen als mit dem grassierenden Rassismus hierzulande.

Das ist kein Versehen, denn gerade der deutsche Rassismus hat System. Nicht erst seit  bekanntgeworden ist, dass unter den zehn meistgeladenen Talkshowgästen Deutschland im vergangenen Jahr durchweg weiße Angehörige der politischen Oberschicht waren, steht fest, dass Deutschland in Sachen Diversität Nachholbedarf hat. Die Wurzel des Übels aber, das hat schon Ernst Bloch erkannt, liegt in der hierzulande immer noch hartnäckig verwendeten Sprache: Setzen andere Idiome vorsorglich von Anfang an auf multikulturelle und gendergerechte Formulierungen, protzt die Sprache der einstigen deutschen Kolonialmacht bis heute mit rassistischen Stereotypen.

Vor mehr als 500 Jahren schon brachte der Heilbronner Theologe Martinus von Biberach das Problem auf den Punkt. "Ich bin und weiß nicht wer, ich leb, weiß nicht wie lang, ich sterb und weiß nicht wann, ich fahr, weiß nicht wohin", kritisierte er die ihn umgebende Wirklichkeit, betonte dabei aber gleich viermal, was bis in die Gegenwart Gesellschaften spaltet und Menschen brutal voneinander trennt: Hier die einen, denen die gebräuchlichste Sprache im Land die Möglichhkeit gibt, "ich weiß" zu sagen. Und dort die anderen, die die Chance nicht haben, weil sie Schwarz, Farbig oder People of Color sind.

Rassismus, getarnt als Wissensvorsprung der Weißen, ein Privileg derer, die schon länger hier leben, wie Kanzlerin Angela Merkel es ausgedrückt hat, die selbst überaus selbstbewusst immer wieder von Gelegenheiten Gebrauch macht, "ich weiß" zu sagen. Keine Frage der Betonung, sondern eine weißer Vorherrschaft. Gezielt haben die Erfinder der deutschen Sprache dort, wo andere Sprachen unkritische Formulierungen wie "I know", "je connais" und "Я знаю" jeweils im Sinne von "Ich kenne" verwenden, leiteten deutsche Rassist schon weit zurück in der Geschichte aus dem Begriff "Wissen" als selbstzugeschriebener Fähigkeit das Verb "wissen" mit der Beugung "weiß" ab, die gezielt auf die Hautfarbe der vermeintliche Wissensträger anspielt.

"Ich schwarz" ist bis heute keine gebräuchliche Entsprechung dazu. Es fehlt bis in die Kreise des neubürgerlichen Bionadeadels und der engagierten Antifa vollkommen am Bewusstsein der Tatsache, dass eine gerechte Gesellschaft nicht aufgebaut werden kann, wenn die Sprache, mit der sie operiert, in sich so ungerecht ausgestaltet ist, dass jeder Versuch, sich in der unrechten Mundart gerecht auszudrücken, in einem Ausbruch verbalen Faschismus enden muss: "Ich weiß" betoniert in seiner Doppelbedeutung weißen Suprematismus und setzt im Beharren darauf, dass nur diese Schreibweise korrekt ist, unüberwindbare Hürden für alle, denen an einem höheren Maß grammatikalischer Gerechtigkeit gelegen ist.

Das Versagen der Zivilgesellschaft zeigt sich in als blinder Fleck, von dem aus die Besten der Bewegung gedankenlos selbst in die Sprachfalle gehen. "Ich weiß" wird zur selbsterfüllenden Beschwörung, wer weiß ist, weiß, wer weiß, ist weiß. Bis heute fehlt es an jeder Art von Petition oder auch nur kollektiver Debatte über die Verheerungen, die allein diese überkommende Formulierung in einer Gesellschaft anrichtet, die offiziell bemüht ist, durch eine neue Welle von Markierungen mit Sternen klar in Richtung und Falsch, Gut und Böse und Freund und Feind zu trennen.

So lange sich Deutschland nicht mit aller Kraft ehrlich macht und über ein striktes Verbot der fragwürdigen Beherrschungsvokabel "weiß" zumindest in den Medien - in einem ersten Schritt - nachdenkt, wird eine Zukunft, die allen Mensch*innen dieselben Chancen, Möglichkeiten und Einkommen bietet,  nicht zu gewinnen sein.

Bentod: So traurig enden Spiegels Kinderseiten

Mit einem Nazi-Test für Menschen, die sich selbst unter Verdacht haben, machte Bento richtig Quote -  die Idee aber stammte vom Portal PPQ, das bereits drei Jahre zuvor den Standardtest "Wie viel Nazi steckt in mir" angeboten hatte. (Zum Test geht es hier)

Es waren immer liebevoll lektorierte Leckerbissen, die es hier zu lesen gab. Bento, das nach dem angolanischen Politiker Bento Bento benannte Clickbait-Portal des früheren Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", lieferte in leichter Sprache formulierte Artikel, die beim Überleben halfen. Hier wurden Fragen beantwortet, die sich kaum jemand außerhalb der Relotius-Redaktion zu stellen wagte: "Benutze ich Nazi-Sprache?" oder die Heldengeschichte von der Knackarschfrau auf dem Räumpanzer bei den G20-Aufständen in Hamburg, deren Mut von den Bento-Experten als "noch größer" als der eingeschätzt wurde, den es braucht, um "im Dunkeln irgendwelche Scheiben einzuschmeißen oder sinnlos Autos abzufackeln".

Bento, im Oktober 2015 gestartet, um mit agressiv-regressiven Inhalten Marke "Und, was machst du so?" (ohne Komma) oder "Wie Jens Spahn künftig Ärzten und Priestern verbieten will, Homosexuelle zu heilen" (mit "künftig") die Zielgruppe der 18- bis 30-Jährigen erschließen sollte, steht vor dem Aus. Es gebe keine wirtschaftliche Perspektive für "Das junge Magazin vom Spiegel" (Selbstbeschreibung), das seine knackige Bezeichnung der portugiesischen Kurzform von Benedito verdankt - auf die die Macher der abenteuerlichen Gründungsgeschichte des intern "Kinderspiegel" genannten Angebots für die spitze junge Zielgruppe angeblich verfielen, als sie die beeindruckenden Jubelchöre für den deutschen Papst Benedikt bei dessen Deutschlandbesuch erinnerten.

So bejubelt wurde Bento nie. Im Alexa-Ranking für Deutschland dümpelte Bento um einen bescheidenen Platz 2.000 herum, 500 Ränge hinter dem bürgerschaftlich-engagierten Mitschreibangebot PPQ, und je schlechter es lief, umso deutlicher wurde das Bemühen, sich über die vergeblichen eigenen Bemühungen lustig zu machen, eine Jugend zu erreichen, die entweder doch noch zu schlau für Texte ist, die "Thomas zeigt in YouTube-Videos, wie du auch wenig Geld richtig anlegst" heißen. Oder aber zu dumm, um sich für Enthüllungen wie "Laetitia Ky kämpft für Frauenrechte – mit ihren Haaren" erwärmen zu wollen.

Es die dieselbe Tragik, die die Spiegel-Bauchlandung "Spiegel Daily" erlebte. Die großen Sorgen der Macher - "Sommer 2020 ohne CSD: Wie wirkungsvoll ist Pride im Internet?" oder "Ich würde ja gern Pornos schauen – aber finde nie die passenden" - waren nie die großen Sorgen der potenziellen Leser draußen im Lande. Bento sendete aus der Großstadt für die Großstadt, ein Betriebsfunk für den Kind gebliebenen Bionadeadel, der sich für Phillips Podcast über die Kölner Fetischszene und die Zerstörungskraft von Instagram-Postings in der freien Natur interessieren sollte. Aber dann auch eher beschloss, das nicht zu tun.

Das Konzept Buzzfeed, halbirre Inhalte mit knackigen Überschriften an ein Publikum aus Impulskäufern zu verscherbeln, es hatte sich schon totgelaufen, ehe Bento überhaupt gestartet war. Zentrale Bento-Botschaften, sortiert in Rubriken wie "Freizeit", "Gefühle", "Gerechtigkeit" und "Uni und Arbeit", waren stets klar erkennbar: 3.700 Artikel widmeten die Macher der Gerechtigkeit, die "Gefühle" wurden 1.700 Mal betrachtet, gewendet und besprochen, die eher weniger hedonistischen Themen "Uni" und "Arbeit" dagegen kamen nur auf 700. In fünf Jahren ist das aller zweieinhalb Tage ein Text. Aber wer über Gerechtigkeit und Gefühle Bescheid weiß, dem gibt's der Herr, auch ohne dass er früh aufsteht.

Nun zieht der "Spiegel", selbst in schwerem Fahrwasser, brutal den Stecker. Nicht einmal der gerissene Trick, Werbeartikel für die kindliche Klientel so aussehen zu lassen wie echten Bento-Journalismus Marke "Nette Menschen geraten eher in finanzielle Not" und "Du willst reich werden, ohne zu arbeiten? Dann nimm dir Norwegen zum Vorbild", half mehr.

Sechzehn Redakteurinnen und Redakteure, von denen jeder in den zurückliegenden fünf Jahren im Durchschnitt aller vier Tage einen unvergesslichen Klassiker  wie "Immerzu fehlt mir einer der beiden": Polyamorie in der Coronakrise", "Sarah Silverman erzählt vom Besuch beim Frauenarzt – und zeigt, wie wichtig es ist, sich zu wehren" oder "Lidl feiert sich für frauenverachtende Werbung – geht's noch?" ausdachten, sind von der Schließung betroffen. Betriebsbedingte Kündigungen wolle man vermeiden, teilte der "Spiegel" mit, doch nur fünf Clickbait-Spezialisten werden für den geplanten Nachfolger "Spiegel Start" gebraucht. Die anderen werden nachschlagen müssen. Etwa beim Bento-Lebenshilfebeitrag "So planst du deinen Umzug ohne Chaos".

Mittwoch, 10. Juni 2020

FDP gegen CO2-Preis: Rechtstricks gegen Klimarettung

Die demokratischen Parteien wollen Fahrkarten von klimatödlichen Dampflokbahnen teurer machen. Die FDP schießt einmal mehr quer.

Ihnen schwimmen die Felle weg, denn sie haben keinerlei Antwort auf die großen Fragen der Zukunft. Wie soll Deutschland die Welt retten? Wie Europa aus der Krise ziehen? Was wird mit den Russlandsanktionen und mit Nordstream? Und wer, schließlich, wird Kanzler?

Nun, jedenfalls niemand von der FDP, die seit ihrem Ausstieg aus der geplanten Jamaika-Koalition nach der vergangenen Bundestagswahl nur noch auf Bewährung zum demokratischen Block gezählt wird und die Geduld der Partnerparteien dort mit den Nazi-Kumpeleien von Thüringen bereits mächtig strapaziert hat. Vielleicht schon zu mächtig, denn was sich die Kleinstpartei unter ihrem omnipräsenten Führer Christian Lindner jetzt geleistet hat, könnte zum endgültigen Bruch mit der bürgerlichen Mitte führen, denn wie US-Präsident Trump zweifelt Lindner den menschengemachten CO2-Preis an, um das kurz vor dem Inkrafttreten stehende Klimapaket der Bundesregierung zu torpedieren.



Quertreiber gegen das Klima


Dazu hat die ehemals liberale Partei das Gesetz über die ab Januar fällige CO2-Steuer von dem Staats- und Verwaltungsrechtler Rainer Wernsmann begutachten lassen. Der Professor aus Passau, der 2008 vor dem Bundesverfassungsgericht als Bevollmächtigter der Bundesregierung und des Bundesministeriums für Finanzen (BMF) als Verteidiger der Kürzung der Pendlerpauschale auftrat, zuletzt aber Mitunterzeichner eines Aufrufes war, der forderte, den Bundestag zu verkleinern, kam zum Schluss, dass die CO2-Steuer gegen die Verfassung verstoße.

Bürger würden ohne spürbaren Effekt für die Umwelt mit 25 Milliarden Euro belastet, glaubt Wernsmann, deshalb sei das Ende 2019 verkündete Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG) der großen Koalition verfassungswidrig. Die Verfassung erlaube es dem Bundestag nicht, eine CO2-Steuer festzulegen, die erhoben werde, ohne dass es eine Begrenzung der Gesamtmenge von Emissionen gebe. Sekt- und Tabaksteuer, die ebenfalls und zum Teil seit mehr als 100 Jahren erhoben werden, ohne dass dass der Gesetzgeber eine Obergrenze der zur Berechnung heranzuziehenden Mengen  bestimmt hat, sind kein Vorbild. Laut Gutachten würde das funkelnagelneue Klimarettungsgesetz deshalb vor dem Bundesverfassungsgericht scheitern.

Darauf hat es die FDP von Anfang an angelegt. Unter dem Vorwand, dass ein verfassungswidriges Gesetz zur Erhebung einer der neuen Klimasteuer "das Vertrauen der Bürger in die Klimapolitik schwer erschüttern“ würde, wie ein Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion sagte, versucht die traditionelle Vielfliegerpartei, einen der zentralen Pfeiler der schwarz-roten Klimaumbaustrategie zu unterminieren. Die neue Strafsteuer für die Erzeugung von CO2 zielt eigentlich darauf, Bürgerinnen und Bürger stärker zu belasten, wenn sie heizen, Strom verbrauchen, zur Arbeit pendeln oder Waren und Dienstleistungen konsumieren. Weil sich viele künftig steuerpflichtige Lebensaktivitäten im Grunde kaum vermeiden lassen, verspricht sich die Bundesregierung zusätzliche Einnahmen, andererseits erwartet sie, dass der neue Aufschlag auf alles regelnd wirkt und die deutschen Klimaziele damit erreicht werden können.

Die FDP greift Bürgern in die tief Tasche


Bürger+Innen und Unternehmen hätten nach Berechnungen der FDP  in den ersten drei Jahren etwa  25 Milliarden Euro CO2-Steuer zu zahlen, das sind rund 300 Euro pro Kopf, von denen nach Angaben von Union und SPD abhängt, ob das Weltklima bis zum Jahr 2050 stabilisiert werden kann. Im Gegenzug sollen Bürger und Unternehmen beim Strompreis entlastet werden: Hier plant die Bundesregierung im Rahmen der Corona-Nothilfe, die im kommenden Jahr fällige Steigerung der Solidaritätsumlage zur Förderung erneuerbarer Energieanlagen durch einen aus Steuermitteln auszugleichenden Nachlass abzumildern.

Der nationale Emissionshandel wird mit einem Preis von 25 Euro pro Tonne CO2 starten, umgerechnet sind das sieben Cent pro Liter Benzin, acht Cent pro Liter Diesel und acht Cent pro Liter Heizöl sowie 0,5 Cent pro Kilowattstunde Erdgas. Auf diese Preise kommt die Umsatzssteuer noch obendrauf. Bis zum Jahr 2025 wird CO2 dann 55 Euro teuer, ab 2026 ist ein Preiskorridor von 55 Euro bis 65 Euro pro Tonne CO2 geplant, der Benzin um 16 Cent, Diesel und Heizöl um 17 und Gas um einen Cent zu verteuern verspricht. Bis 2030 soll die neue Steuer auf rund 280 Euro pro Tonne ansteigen, um so wirklich erzieherisches Potential zu entfalten.

Sparpotenzial ist riesig


Ein vierköpfiger Haushalt in Deutschland kann sich dann bei einem stabilen Klimaverbrauch von elf Tonnen im Jahr pro Kopf - das ist die derzeitige deutsche Durchschnittsproduktion bei CO2 -  mit rund 12.000 Euro jährlich an der Weltklimarettung beteiligen. Bei einem deutschen Jahres-Durchschnittseinkommen von rund 56.000 Euro entfiele rund ein Drittel aller Ausgaben auf die Klimarettung, doch das damit einhergehende Sparpotenzial wäre immens. So könnte eine vierköpfige Familie durch den Verzicht auf einen Thailand-Urlaub rund 4.800 Euro sparen, tritt eine Abi-Klasse die heute noch vielerorts üblichen Abschiedsklassenfahrt nach Mallorca nicht an, spült das 5.000 Euro in die Kasse.

Geld, das die FDP den einfachen Bürger+Innen wegnehmen will. Aber nächstes Jahr ist Bundestagswahl. Angesichts der breiten Zustimmung aller Deutschen zur Klimarettung auch in Corona-Zeiten erwartet die Lindnerpartei da wohl ein Debakel.

Corona: Die vorletzten Tage der Menschheit

Die Corona-Krise im Rückblick: Immun gegen die Versuchung, Zweifel zu haben.

Spannung im Fuß ist wichtig, die Socke schnell noch hinter den Fotografen geworfen. Gesicht aufgesetzt. Und nun Nudeln, Klopapier, Desinfizierer und den Corona-Kühler in die Kamera gehalten. Nach dem Ende der großen Corona-Krise hat der gesellschaftliche Normalbetrieb endlich wieder begonnen. Parteienstreit um des Kaisers Bart, Medienhetze gegen die  üblichen Verdächtigen, ein Schwapp Klima und darüber ein Zuckerguß aus viel, viel Fußball - wer Deutschland kennt und das Leben in der EU liebt, hat seine Heimat zurück.

100 Tage Untergang


Der Untergang der Welt hat alles in allem nur 100 Tage gedauert, eingeteilt in die üblichen drei Phasen, die Historiker bereits in den beiden Weltkriegen, aber auch  in der Ära des Zusammenbruchs der DDR beobachten konnten. Anfangs ist da immer Leugnung, es wird nicht so schlimm kommen, wie es, jeder ahnt das, wohl kommen wird. Angefangen bei den Spitzen der Politik, die aus naheliegenden Gründen nun fast täglich und oft mehrfach im Fernsehen auftauchen und ein gelassenes Gesicht vorzeigen, wird in aller Gemütsruhe und mit großer Entschlossenheit dementiert, dass es irgendeine größere Herausforderung geben könnte.

Ruhe ist in dieser ersten Phase der Entwicklung erste Bürgerpflicht. Wer auf die große dunkle Wand verweist, die sich nähert, und nach Regenschirmen für alle ruft, ist ebenso verdächtig wie  der Typ des Bevorraters, der sich denkt, dass es besser ist, man hat als man hätte. Wölfe am Gemeinwesen, deren Tun das Vorhaben unterminiert, das kommende Übel abzureiten, ohne den Teufel jemals beim Namen zu nennen.

In Corona-Deutschland endete diese Phase irgendwann in der Nacht zum 11. März, als die "Endzeitbilder" (Spiegel) aus italienischen Krankenhäusern im Bundeskanzleramt ankamen. Angela Merkel, die den Herbst 1989 und den Zusammenbruch des DDR-Systems unter der Wucht der Fernsehbilder aus dem Westen miterlebt hat, weiß um die Hebelkraft solcher emblematischer Eindrücke. Ein Volk kann wahnsinnig werden, wenn es in Angst versetzt wird. Wie eine Büffelherde, die aus Furcht vor einem Knall besinnungslos in einer Richtung rennt, ohne zu wissen, ob der Schütze nicht genau dort wartet, stürmt dann alles zum Toilettenpapierregal, zu den Dosensuppen und den Mehlsäcken.


Hässliche Medizin


In Phase zwei ging die Kanzlerin in die Bütt, die bis dahin kaum aufgetaucht war. Als Libero einer Regierungsmannschaft, deren Versagen mit Händen zu greifen, aber in sich solidarisch übenden Medien nicht nachzulesen war, rief Merkel das Ende der Corona-Verleugnung aus. Und gleichzeitig kündigte sie an, dass die Regierung plane, eine hässlich schmeckende, aber wirksame Medizin zu verordnen. Aus der Ruhe während der Verleugnungszeit wurde nun die Aufforderung zum Kampf und der drastische Hinweis, dass jeder mitkämpfen müsse, an seinem Ort, in seinem Haus, seiner Familie.

Mitte März wurden viele unveräußerliche Grundrechte ausgesetzt, es kam zu Ausgangssperren und Kontaktverboten, Geschäfte wurde von Staats wegen geschlossen, Schulen, Kindergärten und Behörden ebenso, niemand durfte mehr Reisen, Bundesländer schlossen ihre Grenzen auch für Bürger anderer Bundesländer. Am 25. März lieferte der Bundestag sogar eine Rechtsgrundlage nach.

Es dauerte noch, bis alle Flüge eingestellt, die Grenzen geschlossen und eine Maskenpflicht als simple, aber bis dahin wegen der verheerenden optischen Wirkung gemiedene Maßnahme ausgerufen wurde. Doch Deutschland war jetzt offiziell im Überlebenskampf. Niemand sprach vom "Krieg gegen das Virus" wie Macron und Trump, aber Angela Merkel trug nun nur noch Blau, eine Uniform, die sie sorgfältig ausgewählt hatte, um ein Zeichen zu setzen. Habt Vertrauen. Glaubt mir. Ich bin es.

Dankbare Deutsche


Die Deutschen sind immer dankbar, in solchen Momenten Gefolgschaft leisten zu dürfen. Die verhängten Maßnahmen hatten Erfolg, sogar schon, ehe sie offiziell Pflicht wurden. Die je nach Bedarf herangezogenen statistischen Zahlen sanken, die Regierung begann, von Hilfen für danach zu sprechen und die ARD beendete den allabendlichen Brennpunkt, indem für alle, die zu Hause blieben mussten, immer noch einmal wiederholt worden war, was den ganzen Tag schon gesendet wurde.

Phase drei begann Ende April, Anfang Mai, als die Bewerber um die Merkel-Nachfolge den zwischenzeitlich pausierten Wahlkampf wieder aufnahmen und die Fußball-Bundesliga erneut startete. Die Infektionszahlen lagen etwa zehnmal so hoch wie an dem Tag, als den Kickern eine Zwangspause verordnet worden war. Aber die Stimmungslage brauchte ein Symbol - und wieder war es der Ball, der genutzt wurde: Bei 100 Ansteckungen am Tag war die erste Bundesliga gestoppt worden, bei 900 Infektionen pro Tag durfte sie weitermachen. 

Gegen die Meckerer, die dennoch auf die Straße gingen und alles besser zu wissen vorgaben, halfen die über Jahre eingeübten medialen Reflexe. Über die wirtschaftlichen Verluste werden trillionenschwere Hilfspakete  helfen, die niemand jemals wird zurückzahlen müssen, weil  "Schulden Statten die Möglichkeit geben, auf Krisen zu reagieren, Sinnvolles damit aufzubauen, zu stützen, über die Krise zu retten in bessere Zeiten" und "damit den Grundstock zu legen für neues, nachhaltiges Wachstum", wie die Augstein-Zeitung "Freitag" herausgefunden hat.

Das Fazit der Corona-Zeit ist so ein rundum positives. Deutschland hat bei der Vorsorge versagt, das aber wie immer viel besser als alle anderen. Es hat dann krieg geführt, wie er vorher kaum vorstellbar war, dabei aber Haltung bewiesen. Und nun, wo sich das Ende nähert, bleibt die Lehre: Nichts ist unmöglich, auch wenn vieles kaum vorstellbar war bis es geschah.

Dienstag, 9. Juni 2020

Gensings Gewerbe: Die hohe Kunst des Faktencheckens


Es ist ein völlig neuer Industriezweig, der da in den vergangenen Jahren entstand. "Faktenchecken" tut eigentlich nichts anderes, als der gute alte Journalismus von jeher tat. Doch prüfte der früher gern einmal, ob das, was Politiker, Wirtschaftsbosse oder Behörden als Tatsachen verkauften, wirklich der Wahrheit entspricht, ist der Faktenchecker eher darauf aus, den einfachen Leuten draußen im Lande beizubiegen, dass sie einerseits zwar viel zu dämlich sind, irre 5G-Legenden, Impfgerüchte und anderen vor Nazis, Trump und Putin gestreuten Gerüchten nicht auf den Leim zu gehen. Andererseits aber glücklicherweise die netten Faktenchecker da sind, die alles im Handumdrehen geraderücken.

Zuverlässig gelingt es Mimikama, nigerianischen Millionenspam als falsches Versprechen auf unermesslichen Reichtum zu enttarnen. Das Kollektiv von Correktiv enthüllt beinahe wöchentlich, dass es Klimaleugner gibt, die Klimaleugner unterstützen. Und der legendäre Vollsverpetzer konnte gerade erst wieder belegen, dass es keine Antifa gibt, nirgends.Das hat nämlich der wissenschaftliche Dienst des Bundestages herausgefunden.

Gegen Patrick Gensing aber, den König der Faktenchecker, sind all diese bemühten Kolleg*Innen, so gut sie auch vom Facebook-Geld leben, nur blutige Amateure. Gensing, der hauptberuflich bei der "Tagesschau" Fakten checkt, aber aus unerfindlichen Gründen noch nie auch nur auf einen einzigen Fakt gestoßen ist, der in der Tagesschau irrtümlich ein ganz klein bisschen falsch berichtet wurde (ja, Kim Fischer lebt noch!), arbeitet auf einem ganz anderen Fake-Niveau.

Wo andere auf Falschnachrichten warten. die überall die Runde machen, so dass man irgendwann einmal sagen muss, halt, das ist jetzt so schlimm, dass ihr das alles glaubt, hört mal zu, Kinder, so hier ist es richtig, grast Gensing, der nicht nur irgendein Faktenfinder ist, sondern Leiter des entsprechenden Tagesschau-Ressorts, die böse Onlinewelt selbst nach nie gehörten, nie gesehenen Falschbehauptungen ab. Um sie, je bizarrer sie sind, desto lieber, alsdann mit sicherer Hand als kompletten Blödsinn  zu entlarven.

Natürlich, so viel Fake News gibt selbst der ewige Donald Trump nicht her, dass  sich ein ganze Tagesschau-Abteilung davon nähren kann. So hat die sogenannte Gensing-Methgode einiges für sich: Von einem "Antifa-Manual" etwa, das der frühere Referent der Medienakademie von ARD und ZDF zum Thema „Neonazis und Internet“ im Moment gerade als gar fürchterlichen Fake enttarnt, hatte das deutschsprachige Internet außerhalb der Leserschaft der "Spiegel"-Kinderzeitung Bento, die Echtheit des Papiers vor drei Jahren widerlegt hatte, vor der Widerlegung der Echtheit durch Patrick Gensing noch nie gehört.

Umso besser. Dank der Tagesschau-Faktenfinder erreicht die Nachricht, dass ein angebliches "Antifa-Handbuch" zur Randale, das ein linker Aktivist bei Ausschreitungen in Oregon verloren haben soll, falsch ist, die deutsche Öffentlichkeit noch vor der Mitteilung, dass dieses Antifa-Handbuch überhaupt existiert und aus ihm hervorgeht, dass die Unruhen in den USA geplant waren und "von dem Milliardär George Soros" (Gensing) finanziert werden. Belegt wird die Richtigkeit des Faktencheck-Ergebnisses durch den Umstand, dass der Faktenchecker sich bei der Beschreibung des nicht existierenden oder auf jeden Fall von rechten Aufwieglern erfundenen Dokuments so wage ausdrücken, dass deutlich wird, dass ihnen das Papier jedenfalls nicht vorgelegen hat.

Bessere Beweise braucht es nicht im Gewerbe des Faktencheckerei.

PPQ-Archiv: Wie die CIA mit einem Handbuch Revolutionen vorbereitet




New York Times: Strafe einen, erziehe hundert


Meinungsstreit ja, aber doch bitte im Rahmen der Gesetze! Auch in den Gespaltenen Staaten von Amerika setzt sich inzwischen die deutsche Sicht durch, dass eine gesellschaftliche Debatte nicht geführt werden kann, wenn Ansichten, die weit außerhalb des von den erfolgreichsten Talkshowgästen bei Anne Will, Maischberger und Plasbeck vertretenen Spektrum stehen, eine Plattform zu Verfügung gestellt bekommen, um ihre kruden Sichtweisen öffentlich zu machen.

Hierzulande herrscht darüber weitgehend Konsens, seit schlagzeilenträchtige Fälle wie der der früheren Fernsehfrau Eva Herman, des Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin und - zuletzt - des Tübinger Bürgermeisters Boris Palmer vor öffentlichen Standgerichten verhandelt wurden. In den USA jedoch wehrte sich die Medienbranche lange gegen eine Verengung des sogenannten Meinungskorridors, weil vor allem Rechte, Rechtsradikale, Rechtspopulisten, Trumpisten und Rechtsextreme um ihren gesellschaftlichen Einfluss fürchteten.

Wohin es führt, wenn dermaßen wild und schrankenlos in der Öffentlichkeit herumgemeint wird, zeigt jetzt ein ernster und akuter Fall aus der renommierten "New York Times", die über Jahrzehnte mit dem Slogan “All the News That's Fit to Print” für sich warb. Kürzlich allerdings glaubte die Meinungsredaktion des Blattes gut beraten zu sein, einen Beitrag des Republikaners Tom Cotton abzudrucken. Cotton vertritt den Bundesstaat Arkansas im US-Senat, er gilt als Trump-Unterstützer und Hardliner, hält Waterboarding nicht für Folter und den russischen Einfluss auf die vergangene Präsidentenwahl für ein Märchen, das die Demokraten gestreut haben, um die Niederlage Hillary Clintons zu erklären.

Diesen erzkonservativen Hassprediger, der Covid-19 für ein Virus aus einem chinesischen Labor hält, meinte die New York Times, ausgerechnet zum Thema Black lives matters und friedlicher Protest gegen rassistische Polizeigewsalt zu Wort kommen lassen zu müssen. Tom Cotton lieferte und schrieb ein Stück unter dem Titel "Send In the Troops", also "Schickt die Truppen rein". Die Nation, so der Senator, müsse die Ordnung wiederherstellen, das Militär stehe bereit, gegen „Antifa-Terroristen“ vorzugehen.

Im Land der Freien gehörte bislang nicht allzu viel Mut dazu, diese Ansicht zu vertreten. Von den Indianerkriegen über den Bürgerkrieg bis zu Obamas Befehl an die Nationalgarde, die Grenze zu Mexiko abzuriegeln, an gab es immer wieder Inlandseinsätze des US-Militärs, so dass die Forderung danach, den hinderlichen Posse-Cornitatus-Act zu ändern, eigentlich keinen Aufruf zum Staatsstreich darstellt. Cotton forderte nicht, Menschen zu erschießen, er plädierte nicht für fahrende Standgerichte und er vertrat auch keineswegs die Ansicht, die USA müssten wegen George Floyd schnellstmöglich zu einer Militärdiktatur umgebaut werden.

Und doch entpuppte sich Tom Cottons Artikel als wegweisend: Nachdem der Beitrag den erwarteten Proteststurm provoziert hatte, forderte er ungeplant tatsächliche Opfer. Journalisten der NYT distanzierten sich von dem Text, den sie selbst gar nicht geschrieben hatten. Sie beschwerten sich bei der Leitung des Blattes, dass er abgedruckt worden sei. Leser forderten Konsequenzen. Im Inneren der ehemals liberalen Zeitung brach ein "Bürgerkrieg" (Fox News)  darüber aus, was heutzutage noch denkbar, sagbar und, vor allem,öffentlich präsentierbar ist.

Es war eine kurze Schlacht. Dann musste James Bennet, nach "Spiegel"-Einschätzung "einflussreicher" Chef der Meinungsseite der New York Times, gehen, obwohl er den Cotton-Beitrag erklärtermaßen weder geschrieben noch redigiert, ja, nicht einmal vorab gelesen hatte.

Mangelnde revolutionäre Wachsamkeit wäre als Urteilsgrund unter Stalin oder Ulbricht in die Kaderakte des Genossen geschrieben worden. Die USA aber waren bisher eigentlich keine Gesellschaft, in der zweifelsfrei nicht strafbare Ansichten nicht geäußert werden können, ohne Gefahr zu laufen, den Job zu verlieren und den bürgerlichen Tod zu sterben. Bis zum Fall Cotton/Bennet, der hier neue Maßstäbe gesetzt hat: "Infolge der Kontroverse" um den Gastkommentar, schreibt die "Zeit", habe James Bennet "mit sofortiger Wirkung gekündigt".

Naheliegend, dass das wohl im berühmten "in beiderseitigem Einvernehmen" erfolgte, weil der eben noch so einflussreiche Meinungsmacher sich vermutlich neuen Aufgaben zuwenden und sich aus ganz persönlichen Gründen einfach auch mal mehr um seine Familie und die Kinder kümmern will.

Dass unter seiner Aufsicht ein Satz wie "Vor allem eines wird die Ordnung auf unseren Straßen wieder herstellen: eine überwältigende Machtdemonstration, um Gesetzesbrecher zu vertreiben, festzunehmen und schließlich abzuschrecken" unter die News geriet, die fit genug sind, von der NYT verbreitet zu werden, erweitert Amerikas Meinungsfreiheitsspektrum aber trotz Bennets freiwilligem Rückzug um eine sehr deutsche Dimension. Hier hat Maos "Strafe einen, erziehe hundert" das gesellschaftliche Klima stets davor bewahrt, außer Kontrolle zu geraten.

Debatten finden unter grundsätzlich Gleichgesinnten statt, um winzige Details bei der Feinjustierung grundsätzlich richtiger, weil alternativloser Weichenstellungen zu besprechen. Wer diese Kleinteiligkeit ablehnt und Grundsätzliches erörtern will, stellt sich automatisch selbst ins Abseits. Mit ihm ist des Redens nicht länger, denn jede Minute, die er am Gespräch beteiligt werden würde, wertete seine abweichenden Ansichten nur unnötig auf. Der Schaden, Falschmeinende gewähren zu lassen, ist damit immer größer als der,  ihnen rechtzeitig in den Arm zu fallen.

Sowohl Bennet als auch Cotton aber dürfen, das an die Adresse als jener, sofort wieder die unzulässige Vergleiche mit düsteren Zeiten in tiefer Vergangenheit ziehen, vorerst weiterleben. Selbst eine Haftstrafe riskieren die beiden nicht - wohl aber helfen sie auch so, ein Zeichen zu setzen für eine neue Verantwortlichkeit vielleicht sogar im besten Bemühen für Gesagtes und Gemeintes. Andere werden genau hinschauen. Und ihre Lektion hoffentlich schon lernen, ehe sie selbst das Bedürfnis in sich spüren, nach einer Falschäußerung ein Kündigungsschreiben abzufassen.

Montag, 8. Juni 2020

Fliegenschiss: So harmlos war der Holocaust

Neue Prämisse in der Erinnerungsarbeit: Die Leugnung des Holocaust ist hoffähig.

Der Fall George Floyd hat es offenbart: Rassismus hat Konjunktur, Rassismus ist vielleicht sogar fähig, als nächstes großes Metathema anstelle der längst auserzählten Corona-Geschichte dafür zu sorgen, dass die Welt allmählich wieder in den Normalzustand zurückkehrt. Sich nicht mehr so viele Gedanken machen um die Sorgen von heute, sondern endlich wieder an Morgen denken! Nicht brüten, ob der nächste Urlaub stattfindet und wo er hinführt, sondern ob es moralisch vertretbar ist, Urlaub zu machen. Nicht mehr sinnieren, ob das Toilettenpapier reichen wird, wenn die Untoten Legion werden. Sondern darüber, welchen ökologischen Fußabdruck des gänzlich unindische Angewohntheit hinterlässt, überhaupt Toilettenpapier zu verwenden.

Die Chance ist erkennt. Deutsche Talkshows, die sich eben noch weigerten, ihre Besetzungscouch mit Schwarzen Menschen zu füllen, denken um. Zeitungsredaktionen öffnen ihre Spalten weit, um Naturbetroffene zu Wort kommen zu lassen. Wer jetzt bereits ein Buch zum Thema fertig hat, der kann sich vor Einladungen nicht retten - wie Alice Hasters, Autorin des "Augenöffners" (Deutschlandfunk) "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen: aber wissen sollten", eines 200-Seiten-Bändchens, das als "Buch der Stunde" (Kölnische Rundschau) den akuten Bedarf der Mediengesellschaft nach Bestätigung der Sünde, Reue und Bestrafung deckt.

Wie viel Rassismus aber steckt im Erfolg der jungen Westdeutschen, die normalerweise für "Tagesschau" und RBB über afrodeutsche Identität, Feminismus und Intersektionalität berichtet? Die Wahrheit hält Deutschland den Spiegel vor: Trotz breitester Berichterstattung George Floyd hat das "autobiographische Debütbuch" (Wikipedia) vor dem Vergessenwerden gerettet: Trotz breitester Berichterstattung drohte das Standardwerk zum Schwarzsein in Deutschland bereits vor Weihnachten 2019 in der Bedeutungslosigkeit der völligen Unverkäuflichkeit zu versinken. Erst George Floyd gelang es dann, das Schicksal zu wenden und Hasters` Versuch, persönliche Erlebnisse und Beobachtungen mit historischen Fakten und wissenschaftlichen Untersuchungen zu Rassismus zu einem spannenden Leseerlebnis zu verbinden, zu einem Verkaufserfolg zu machen.

Dass die gebürtige Kölnerin sich nicht scheut, im Dienst der guten Sache auch mal ein Tabu zu brechen, schadet nicht. "Das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte ist weiße Vorherrschaft", hat Hasters jetzt in der Wochenzeitschrift "Die Zeit" verdeutlicht, dass das bisherige unvergleichliche und uneinordenbare Menschheitsverbrechen Holocaust sich aus Sicht einer 31-Jährigen Nachfahrin der Männer und Frauen, die den Mord an den Juden planten, organisierten und durchführten, hinter der weißen Vorherrschaft einzuordnen habe.

Widerspruch kam nicht, denn die neue Prämisse passt in einem Situation der entgrenzten Reaktion, in der Deutschland nach einer Chance sucht, sich selbst zu vergewissern, dass es wie immer immer noch besser als alle anderen weiß, was wer wo am besten tun müsste, um so zu werden wie das beste Deutschland aller Zeiten schon immer ist. Der über Jahrzehnte eingeübte Reflex, jede Verharmlosung des Holocaust, jede Gleichsetzung oder Vergleichbarkeit des Mordes an sechs Millionen Juden mit irgendeinem anderen Ereignis in der Weltgeschichte mit Protest und Widerstand zu beantworten, setzt im Bemühen aus, "Black lives matters" als Nachfolger von Occupy Wall Street, Attac, Fridays for Future und Extinction Rebellion zu etablieren.

Ob das gelingt, ist noch nicht abzusehen. Doch Alice Hasters darf sich nach ihrer Fliegenschiss-Variante auf die Schulter klopfen: Sie hat die Grenzen des Sagbaren verschoben. Und sie ist dabei ungeschoren geblieben.

Gesicht zeigen gegen Corona: Experiment "Ischgl II"

Triumph der Freiheit: Am Wochenende setzte Deutschland zahlreiche Zeichen für ein Ende der Corona-Zeit.

Es ist vorbei! Nach drei Monaten "Corona-Zeit" (MDR) sind alle Sondeauflagen für das öffentliche und private Leben am Wochenende endlich wieder aufgehoben worden. Erstmals fanden in vielen großen deutschen Städten wieder Massenveranstaltungen mit Zehntausenden Teilnehmern statt, bei denen nicht mehr auf den sogenannten Mindestabstand geachtet werden musste. Machtvoll demonstrierten die Teilnehmer*innen aus allen Bevölkerungsschichten, dass Corona ihnen keine Angst mehr macht.

Die Behörden reagierten flexibel. Die bisherige Formalmaskenpflicht war als "Maskenkür" während aller Veranstaltungen freiwillig, eine Ansteckungsgefahr bestand nicht, weil zumindest von "vielen" (Polizei Berlin) dennoch freiwillig "auf ausreichend Abstand und das Tragen von Mundschutz geachtet" (Polizei) wurde. Offiziell gilt Corona damit nun in Deutschland als besiegt. Bei den zum Teil lautstarken "stillen Demonstrationen" in München, Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Leipzig, Berlin und in vielen anderen Orten feierten die Menschen das Ende der "größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg" (Angela Merkel) spontan euphorisch. Trotz einiger kleinen Wasserwerfereinsätze blieben die Auseinandersetzungen von Demonstrationsteilnehmern und Polizei überwiegend friedlich.

Die amtliche Absage der Corona-Auflagen, deren Missachtung noch vor einer Woche bei einer Raver-Bootsfahrt auf dem Berliner Landwehrkanal als nationale Gefahr betrachtet worden war, kam überraschend, war aber unabdingbar geworden. Nach dem "Mord" (Merkel) an dem us-amerikanischen Black-Lives-Matter-Aktivisten George Floyd war Deutschland zuletzt zunehmend unter Druck geraten, ein Zeichen gegen den auch hierzulande seit Jahrzehnten beständig wachsenden Rassismus zu setzen.

Das gelang auf beeindruckende Weise. Das "letzte weiße Aufbäumen" (Taz) etwa durch die während der Pandemie omnipräsenten weißen, männlichen Virologen endete mit der auf den Straßen erkämpften Rückkehr zur Freiheit, selbst bestimmen zu dürfen, welche Reproduktionszahl bei welchem Virus wann angemessen ist. In einer konzertierten Aktion nahmen auch weitere Staaten der EU nahmen am Experiment "Ischgl II" teil, mit dem ermittelt werden soll, welche Gefahren womöglich immer noch von mehreren gleichzeitig abgehaltenen Superspreader-Events ausgehen könnten. Mit ersten Ergebnissen wird in den kommenden zwei bis drei Wochen gerechnet.

Nicht betroffen von der Aufhebung der Kontaktbeschränkungen sind bis dahin weiterhin private Feiern, Schulbesuche, die Hygieneregeln für Kindergärten und im Handel, die Vorschriften für die Fußball-Ligen, die ihre Spiele weiterhin ausschließlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen dürfen, und Auflagen für Gottesdienste sowie für rechtsverschwörerische Hygiene-Demos für die Aufhebung der Corona-Regeln.

Video: Tanzen gegen Corona

Sonntag, 7. Juni 2020

Teufel Trump: Hassbotschaft nach Washington

Trump als Nero, die USA als Kaiserreich, Hass und Hetze, verpackt als Information.

Sie werden ihm nie verzeihen. Nicht, dass er damals Präsident wurde, als sie schon den Sekt kaltgestellt hatten, um mit Hillary Clinton auf den gemeinsamen Sieg anzustoßen. Nicht, dass er sich weigert, bei den liebgewordenen Ritualen mitzumachen, die dem Volk da draußen die Regierbarkeit der Welt suggerieren sollen. Und selbstverständlich erst recht nicht, dass er auch im letzten Jahr seiner Präsidentenschaft keine Anstalten macht, überhaupt nur auf sie zu reagieren, auf ihre Vorschläge, Hinweise, auf die Kübel voller Hass, die Beleidigungen, die Mordaufrufe und die absurden Verschwörungstheorien, die sie Aufgabe für Ausgabe immer wieder wendeten, neu anbrieten und als frische Burger, innen noch roh, anboten, bis keiner mehr sie umsonst haben wollte.

Klar ist, dass sie siegen werden, wenn sie nur durchhalten. Im nächsten Jahr übernimmt Joe Biden, das wird ein Fest. Oder er übernimmt nicht, dann heißt es noch vier Jahre lang, jede Gelegenheit nutzen, irgendetwas behaupten zu können. Anschließend aber wird gefeiert. Die deutschen Medien werden Donald Trump dann endlich, endlich aus dem Amt geschrieben haben.

Bis dahin heißt es weitermachen, dranbleiben und den Hass, die Vorurteile und die Verachtung schüren. Zwar sind die großen Tage der Panzerschlachten um das Weiße Haus vorüber, in denen der Gotteskrieger Klaus Brinkbäumer die Propagandapeitsche gegen Trump in einem eigenen Supplement namens "Trump Daily" täglich knallen ließ.  Doch auch wenn die Russland-Affäre dann doch keine war, die großen Bestechungsskandale ausblieben, Trump den 3. Weltkrieg nicht ausgelöst und Putin weder geheiratet noch umgebracht hat, so gibt es doch keinen Grund, ihm den Mord an George Floyd durchgehen zu lassen.

Denn Donald Trump hat allemal mitgekniet auf dem Hals des armen "Schwarzen" (DPA), er hat Blut an den Händen und, so zeigt es das aktuelle "Spiegel"-Titelbild, ein Streichholz in der Hand. Trump will ganz Amerika in Brand setzen, er ist der "Feuerteufel", der "den Hass anfacht, um vom eigenen Versagen abzulenken - und mit fragwürdigen Methoden seine Wiederwahl abzusichern", wie Deutschland großes früheres Nachrichtenmagazin in seiner Titelgeschichte analysiert.

Ein Kaiser Nero, nur dass der mit dem Brand Roms nur den größten aller Stadtbrände in antiker Zeit auslöste, während Trump aus Sicht deutscher Medienarbeiter die letzte verbliebene Weltmacht anzuzünden bestrebt ist. Danach versteht der US-Präsident von Logik oder Wahlkampfstrategie nahezu nichts: Vor Corona was seine Wiederwahl sicher, während des Corona-Versagens seiner Regierung hätten die Umfragewerte immer noch zu einem Sieg über den bedauernswerten demokratischen Kandidaten Joe Biden gereicht. Erst als Trump dann den Hass anfachte, holte Biden auf.

Cui bono, fragt der Detektiv. Nicht aber der deutsche Journalist, dem wie seinem Vorbild, dem deutschen Politiker, stets vorher bekannt ist, was wer wo wie warum und wofür oder wogegen hätte getan haben sollte oder tun werden muss oder müsste. Trump-Berichterstattung in Deutschland ist ein postfaktisches Gewerbe, das von der zunehmenden Redundanz einiger weniger schlüssig scheinender Klischees lebt. In den 55 Jahren zwischen 1950 und 2005 beklagte der "Spiegel" 458 Mal, dass die USA ein "gespaltenes Land" seien, in den 15 Jahren seit 2005 äußerte das Magazin diese Sorge dann bereits 1.357 Mal. Beeindruckend: Im letzten Jahr verschärfte sich die Spaltung so drastisch, dass der "Spiegel" sie schon mehr als 2.000 Mal thematisieren musste.

Teufel Trump! Wie hierzulande magisch wirkmächtige Gestalten wie der Koch Attila Hildmann und der Schlagersänger Xavier Naidoo verfügt Donald Trump über die Fähigkeit, als Folie für allen Hass einer politischen Klasse zu fungieren, die von der eigenen Unfähigkeit enttäuscht und entsetzt ist, noch so etwas wie Wirkung im Empfängerkreis zu entfachen. Jeden Tag schreiben, reden und senden sie  auf Hunderten von Kanälen die lautere Wahrheit, die reine, unverschnittene Information, teuer aufbereitet, in HD und von bekannten Politikern, Politologen und Unterhaltungskünstlern bezeugt. Und doch dreht sich das Boot kaum, wenn sie steuern, und er wird nicht schneller, wenn sie pusten. Trump dagegen twittert, und sie springen, er hält Reden, und sie müssen schweigen, er ist gar nicht am Tatort, und doch der Täter.

Samstag, 6. Juni 2020

Die Zerstörung des Halleschen FC

Traurige Zeiten für den HFC, der ungebremst dem Abstieg entgegentaumelt.
Dass es hart werden würde, war Ende Februar klar. nach einer Minute und 48 Sekunden fiel das 0:1 gegen den Halleschen FC, damals noch die Mannschaft von Torsten Ziegner, dem kleinen Klopp, der die graue Maus von der Saale wachgeküsst und zum Aufstiegskandidaten umgemodelt hatte. Das Vorhaben, die lange Durststrecke seit dem Zaubertor von Terrence Boyd im Novemberspiel gegen Duisburg endlich zu beenden, war schon nach nicht einmal zwei Minuten weggerutscht. Wieder ging es ums Überleben, wieder ging es um Punkte gegen den Abstieg, auch wenn das im Verein und unter den Fans noch niemand zu sagen wagte. Es war das letzte Kapitel, das der Mann, den alle hochachtungsvoll-kumpelig "Ziege" nannten, in Halle schreiben durfte.

Aus Drama wird Tragödie


Das Drama aber verwandelte sich erst danach in eine Tragödie. Alles, was in den Monaten vorher außerhalb des Spielfeldes so wunderbar geklappt hatte, als hätten die gesamte Vereinsführung des Klubs von der Saale Boyds Zielwasser getrunken, ging auf einmal schief. Die Winterverpflichtungen, vielversprechende Namen wie Syhre und Sternberg, entpuppten sich als noch ein paar Mitläufer mehr, die das aus unbekannten Gründen ins Wanken geratene Mannschaftsgefüge nicht stärkten, sondern noch ein wenig mehr durcheinanderbrachten. Und der neue Trainer, den der HFC holte, lieferte genau das, was bei einem Blick auf seine Vita zu erwarten gewesen war: Ismael Atalan kam mit der schmalen Erfahrung einer hervorragenden Zeit beim westdeutschen Provinzklub Lotte, einem in kürzester Zeit schiefgegangenen Engagement bei Bochum und einem missglückten Versuch, Lotte vor dem Ab stieg aus Liga 3 zu bewahren.

Dass der 40-Jährige von sich selbst sagt, richtig gut könne er nur arbeiten, wenn er seine Mannschaften selbst zusammenstelle, hinderte den HFC ebenso wenig an einer Verpflichtung wie Atalans sichtlich fehlende Routine in Drucksituationen. Sein erstes Spiel in Großaspach verlor er, im zweiten gegen Ingolstadt rettete ihm der neu verpflichtete Marcel Hilßner in der letzten Sekunde mit einem Glücksschuss einen Punkt. Aber Aufbruch sieht anders aus, HFC-Sportdirektor Ralf Heskamp hatte sich offensichtlich verzockt.

Es hätte reichen müssen


Ismael Atalan hat alle Hoffnungen enttäuscht.
Doch es hätte reichen können. Fast ein Drittel der Saison war noch zu spielen, der HFC stand sechs Punkte hinter Rang elf und nur elf fehlten bis zu einem Aufstiegsplatz. Dann kam Corona und ausgerechnet  beim HFC setzten alle darauf, dass die Saison nun ohnehin ohne Wertung abgebrochen werden würde. Befeuert wohl auch von Versprechen aus der Landespolitik ging Atalans Mannschaft in eine lange Frühjahrspause. Als andere Vereine schon wieder trainierten, waren die HFC-Spieler in Kurzarbeit. Und als andere Trainer nach Möglichkeiten suchten, ihre Truppe spielfähig zu machen, versicherte die Vereinsführung öffentlich immer wieder, dass Sachsen-Anhalt das Trainieren leider verbiete. Kann man nichts machen. Die 23 Kilometer bis ins sächsische Schkeuditz zu fahren, wo Training problemlos möglich gewesen wäre, verbot die selbstgewählte Frontstellung im Kräftemessen mit dem DFB. Widerworte des neuen auf der Trainerbank gegen die Selbstblockade sind nicht öffentlich geworden.

Der HFC setzte alles auf eine Karte, die da Saisonabbruch hieß. Und die wurde in dem Moment zur Lusche, als Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff die beiden Spitzenvereine im Land mit dem Satz preisgab, man werde "so lange Widerstand leisten, wie die Kraft reicht." Sie reichte von da an noch ein paar Stunden. Dann wusste der HFC, dass er wieder ran musste.

Wie auf Schienen lief seitdem alles auf einen Zielpunkt zu, der noch vor fünf Monaten niemandem auch nur im Scherz vermittelbar gewesen wäre. Atalan coachte und seine Mannschaft verlor. Er stellte um. Und sie verlor erneut. Er machte Stürmer zu Außenverteidigern. Und sie verlor. Er verwandelte Abwehrspieler zu Mittelfeldregisseuren. Und sie verlor immer noch. Mit 2:4 ging die Corona-Premiere  beim direkten Tabellenkellernachbarn Münster verloren. Es folgte ein 0:1 daheim gegen Braunschweig. Und nun ein 1:5 gegen Zwickau, keine Übermannschaft, sondern ein direkter Konkurrent im Kampf gegen den Abstieg. Mit 4:12 Toren und einem von 12 möglichen Punkten sieht der Hallesche FC nicht mehr nur aus wie ein irrtümlich von einem bösen Schicksal unter die Abstiegsfrösche geworfener Prinz. Diese Mannschaft, mit diesem Trainer, stellt neben dem FC Carl Zeiss Jena nach allen Daten objektiv die schlechteste Elf aller 20 Vereine der 3. Liga.

Die schlechte HFC-Mannschaft seit 25 Jahren


Das Experiment Atalan ist gescheitert. Der Neue, der die alten Stärken der Mannschaft wieder zutage fördern sollte, die kurz vor Weihnachten noch Tabellenführer gewesen war, hat verglichen mit den letzten paar Spieltagen der großen Krisenzeit seines Vorgängers einen mageren und überaus glücklichen Punkt mehr geholt. Das - von Spieltag zu Spieltag wild durchgewechselte - Aufgebot seines Vertrauens ist minimale vier Gegentore besser. Atalans Elf ist die schlechteste HFC-Mannschaft seit einem Vierteljahrhundert. Sie liegt auf Augenhöhe mit den Helden von 1994/1995, als der 40-jährige Dieter Strozniak ein letztes Aufgebot aus A-Junioren durch eine Oberliga-Saison führte, an deren Ende die tapfer kämpfenden Kinder und ihr Papa einen magere drei Punkte geholt hatten und in die 5. Liga abstiegen.

Damals ging nicht mehr. Heute aber liefert die teuerste Mannschaft, die der Klub je hatte, nicht einmal das. Denn das eigentlich Erschreckende aber ist die Art und Weise, wie der HFC verliert: War bei Ziegner zu sehen, dass der bis Ende November so wundervoll funktionierende Plan vom Hurra-Fußball nicht mehr aufgeht, spielt Ismael Atalan ohne Konzept Vabanque. Irgendwer spielt da irgendwo, der Mann draußen wechselt irgendwas, bei einem 4:1-Rückstand auch gern mal einen Stürmer aus und einen Abwehrspieler ein oder bei einem 0:1-Rückstand zu einer Aufstellung mit fünf Stürmern. Während andere Vereine wie Zwickau seit Monaten verinnerlicht haben, dass sie gegen den Abstieg spielen, wähnt sich der HFC noch immer im falschen Film. Eines Tages, so glauben Spieler und Trainer offenbar, macht es Klick und man ist wieder obendran, dort, wo man hingehört.

Desaster oder Katastrophe


Es ein Desaster, eine Katastrophe? was genau? Oder beides? Nein, es ist die Zerstörung des HFC. Ungebremst und ohne Fallschirm rast der Traditionsklub inzwischen in den Untergang. Die Vorstellung des Mannes, der seine Trainerkarriere als Coach beim SC Roland in Beckum begann, dass das - immerhin für einen Aufstieg in die 2. Liga zusammengestellte - Spielermaterial in Halle wohl schon gut genug sein werde, um mit ein paar einfachen Umstellungen und ein bisschen Psychomassage an die Zeiten unter dem Traumzauberbaum des ersten Saisondrittels anzuknüpfen, hat sich als Illusion herausgestellt. Wie seine Spieler auf dem Platz wirkt Atalan an der Seitenlinie ratlos und verloren, ein Funktionsträger, der nach der Zwickau-Pleite nicht einmal mehr Durchhalteparolen zu verbreiten wusste. Die Vereinsführung schweigt, alles Pulver ist verschossen. Und die Fans und Mitglieder sind einfach zu entsetzt, um sich zu Wort zu melden.

Es sind jetzt noch acht Spiele im Plan. von denen wenigstens vier gewonnen werden müssen.

So, wie der HFC derzeit auftritt, wird er allerdings nicht einmal einen einzigen Punkt holen.