Google+ PPQ: Oktober 2011

Montag, 31. Oktober 2011

Sahra Wagenknecht nackt

Wer eine Botschaft hat, muss sich um die Wahrheit nicht sorgen. Die stört zuweilen nur, weil sie die Nachricht überdeckt, die überbracht werden soll. Sahra Wagenknecht etwa, Spätkommunistin mit Ambitionen auf ein Regierungsamt in einer Rot-Roten-Koalition, predigt seit Monaten den Wahnsinn der angelich unregulierten Finanzmärkte, die Allmacht der privaten deutschen Großbanken und die Notwendigkeit der Einrichtung einer staatlichen Ratingagentur, die kriselnde Länder mit Bestnoten zu hervorragender Bonität verhilft.

Dabei stört Wagenknecht weder, dass es einen Plural für private deutsche Großbanken nicht gibt, weil mit der Deutschen Bank überhaupt nur noch eine einzige nicht-staatliche deutsche Großbank existiert. Und es schert die selbsternannte Wiedergeburt von Rosa Luxemburg auch wenig, dass die Noten einer staatlichen Ratingagentur keinem Anleger das Papier wert wären, auf dem sie ausgereicht würden. Sahra Wagenknecht lebt in ihrer eigenen kleinen Welt, einer Puppenstube aus Regulierung und Gegenwartssimulation, in der man selbstbewusst auch seine völlige Unkenntnis realer Gegebenheiten öffentlich spazierenführen darf.

Das tat die Hummerlinke jetzt auch wieder bei Günther Jauch, der neuen Christiansen für engagiertes Reden über Irrellevantes aller Art. Nachdem die subtil in ein blutrotes Kleid gehüllte nächste PDS-Vorsitzende wie gewohnt ihrer Standardwut über das kranke System von Geldanlage, Zinswirtschaft und Profitstreben Luft gemacht hatte, das sie so aus der DDR nicht kannte, zog sie sich vor aller Augen nackt aus und enthüllte, wie wenig Sachverstand ihr nach Jahrzehnten im Mustopf des Möchtegern-Sozialismus geblieben ist. Die Sparkassen!, schwärmte Wagenknecht. Das ist doch mal ein Geschäftsmodell! Geldwirtschaft zum Anfassen, Automaten, die Euro spucken, kein ekliges Investmentbanking, keine Derivatewirtschaft, kein menschenverachtendes Spekulieren und Wetten. Dort, bei den Guten der Finanzbranche, hat Sahra Wagenknecht, dazu steht sie offen, auch ihr eigenes Girokonto: "Ich will ja nachts gut schlafen!“

Und das kann sie natürlich auch, denn die deutschen Sparkassen polstern ihr Brot- und Buttergeschäft mit den Sparbüchern und Girokonten von Kleinsparern wie Wagenknecht selbstverständlich ordentlich ab. Mit der DekaBank hat sich die Sparkassen-Finanzgruppe schon vor Jahren einen eigenen "zentralen Asset Manager" (Eigenwerbung) geschaffen, über den private und institutionelle Anleger mit "einer breiten Palette an Aktien-, Renten-, Immobilien- und Mischfonds" handeln können. DekaFonds auf Aktien, Rohstoffe und Währungen werden über die Sparkassenfilialen vertrieben, auch eine reichhaltige Auswahl an Zertifikaten und Verbriefungen auf exotischste Indizes erhält der interessierte Kunde hier. Und nicht nur hier: International ist die DekaBank in elf Ländern vertreten, den globales Spekulieren bringt immer noch am meisten ein, weil es die meisten Steuern spart.

Bei 637 Wertpapier-Publikumsfonds mit einem Volumen von 170 Milliarden Euro, wie sie die Investmentbank der Sparkassen derzeit verwalten, zählt jedes Promille eingesparter Kosten, denn der Marktanteil von derzeit knapp 17 Prozent am gesamten Geldanlagemarkt in Deutschland soll ja nach Möglichkeit weiter ausgebaut werden. Bei der Spekulation in Beton zeigen die Sparkassen bereits, was geht: Hier verwaltet Sahra Wagenknechts Lieblingsbank unbemerkt von der Gentrifizierungsgegnerin im roten Kleid bereits ein Viertel aller über Fonds finanzierten Immobilien. Nur knapp hinter der bösen, bösen Konkurrenz von der Deutschen Bank sind die Sparkassen damit zweitgrößter Anbieter für Wertpapier-Fonds in Deutschland, bei den Immobilienfonds liegen sie sogar auf Platz 1: Sahra Wagenknecht ist Kundin beim größten Spekulanten im Land. Entweder, ohne es zu wissen, was für die Finanzmarktspezialisten der Linken ein außerordentlicher Befähigungsnachweis wäre. Oder obwohl sie es weiß. Was eigentlich noch erschütternder wäre.

Sahra schafft die Schulden ab
So viele Zügel, so wenig Pferde
EU verbietet Negativprognosen
Das lange Sterben der DDR

Hausmittel aus Griechenland

Das kommt davon, wenn man griechische Hausmittel als Heilmittel für Europa benutzt: Italien muss für eine neue Tranche Staatsanleihen, die das Land Investoren angeboten hat, sechs Prozent Zinsen zahlen - ein neuer Rekord, den das Reich von Silvio Berlusconi dem weitsichtigen Handeln seiner Amtskollegen Merkel und Sarkozy zu verdanken hat.

Die nämlich legten bei der neuerlich endgültigen Rettungslösung für den Euro Wert darauf, mit den zuständigen Stellen bei den Ratingagenturen vorab zu klären, dass ein fünfzigprozentiger Schuldenausfall bei griechischen Anleihen selbstverständlich nicht gleichbedeutend ist mit einem Schuldenausfall bei griechischen Staatsanleihen. Die Konsequenz: Zwar sehen die Gläubiger ihr Geld nicht wieder, aber diejenigen, die genau gegen dieses Ereignis versichert waren, haben auch nichts davon. Ihre Credit Defauls Swaps sind nur Papier, denn gemäß der politisch vorgegebenen Definition ist Griechenland zwar pleite, aber pleite ist es nicht.

Das erinnert an die Sitte der Hellenen, Oma und Opa nach deren Tod einfach weiterleben zu lassen, auf dass die staatliche Rentenkasse hübsch weiter die fällig Rente überweist. Die Toten sind tot, aber sie tun noch etwas Gutes für ihre Lieben. Dumm sind eigentlich nur die dran, die das bezahlen müssen.

Im Fall der quasi mit einem Geniestreich abgeschafften Kreditausfallversicherungen ist das Italien. Denn nun, wo sich Käufer von italienischen Staatsanleihen nicht mehr für den Moment absichern können, in dem auch Italien seinen Verpflichtungen nicht mehr oder nur teilweise nachkommen kann, steigt selbstverständlich das Risiko, das Anleihekäufer eingehen. Mehr Risiko aber hat naturgemäß einen höheren Preis als weniger Risiko. Folglich muss Italien mehr zahlen, was das Land einer Pleite näherbringt und schon neugierig macht auf die nächste endgültige Rettungslösung.

Komisch, mit einem Tag Verzögerung rechnet die "Welt" die Milliarden für die toten Griechen vor

Eierland ist abgebrannt


Im Zuge der unerheblich-ranzigen Debatte über die EU-Agrarpolitik erfreute uns das angebliche Nachrichten-Radio MDR Info mit der wunderbaren "Information", die Verbraucher in Deutschland sollten vor der "Bedrohung durch Eier aus Käfighaltung" (Gedächtnisprotokoll, weil die Mediathek des MDR offenbar lückenhaft ist) geschützt werden. Verbraucher! Bedrohung! Eier! Käfighaltung! Bringt euch in Sicherheit! Und wenn es klopft: Lasst niemanden herein! Es könnte ein Ei aus Käfighaltung sein, das euch bedrohen will.

Sonntag, 30. Oktober 2011

Gruppenarbeit: Wem gehört ein Blindgänger?

Langsam, ganz langsam normalisiert sich die Lage an der Saale wieder. Der Schock, dass eine im 2. Weltkrieg über der Stadt abgeworfene Bombe heute noch für eine ausgestorbene Innenstadt sorgen kann, weicht langsam der Frage, wem ein solcher Blindgänger eigentlich gehört. Der Eigentümer des privaten Grundstückes, auf dem der 250-Kilo-Sprengsatz lag, kann es nicht sein - er hätte nicht die Eigentumsmacht, die Behörden zum Belassen des gefährlichen Gegenstandes auf seinem Besitz zu veranlassen. Kann also, soweit zumindest glaubt die PPQ-Redaktion nach mehrstündigen Beratungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, nicht allein durch den Fund Besitzer geworden sein, denn augenscheinlich verfügt er ja nicht über die Bombe.

Besitzer aber ist sicher auch nicht die Firma geworden, die den schrecklichen Schatz ausgegraben hat. Hier gilt kein Bergrecht, sondern eher die Gefahrenabwehrverordnung. Derzufolge sind die Behörden zuständig für die Bombe. Aber auch Zuständigkeit erwirbt kein Eigentum an "gewahrsamslos gewordenen Gegenstände", wie sie Blindgänger nach dem Gesetz sind.

Die Spur könnte in die USA führen, wo die Bombe gebaut und für den Einsatz in Deutschland bereit gemacht wurde. Geplant war, dass sie explodiert, das aber tat sie nicht. Gehört die explodierte Bombe aller wahrscheinlichkeit nach niemandem, wenn auch nur deshalb, weil sie nur noch in Bruchstücken existiert, sieht es bei der blindgegangenen anders aus. Sie ist da, sie ist vorhanden, sie muss einen Eigentümer haben, selbst wenn sie im ersten Moment völlig herrenlos aussieht.

Eventuell, aber auch das ist nur gewagte eine Arbeitsthese, könnte sie rechtlich betrachtet vergleichbar zu einem Gegenstand sein, der zur Entsorgung widerrechtlich auf ein fremdes Grundstück geworfen wird. Der Werfer gibt sein Eigentumsrecht damit auf, allerdings nur, wenn der Grundstücksbesitzer gewillt ist, Eigentum daran zu erwerben. Lehnt er das ab, bleibt der ursprüngliche Eigentümer weiter an sein aufgegebenes Gut gebunden, er haftet, er zahlt.

Anders sähe es aus, wenn die Bombe einst als Geschenk gedacht war. Damit aber ist nicht zu rechen, so dass diese imponierend einfache Lösung des Problems auch nicht zur Anwendung kommen kann. Komplizierter werden die Verhältnisse noch dadurch, dass Werfer und Beworfener nicht Hinz und Kunz sind, sondern zwei Staaten, deren Verhältnis zueinander vom Völkerrecht bestimmt wird. Nur was sagt das über unverlangt überlassene Sprengkörper?

Google, das anerkannt oberste Gericht in allen Gesundheits- und Rechtsfragen, schweigt sich zum Thema aus. Auch das Bundesarchiv verrät nicht, welche Regelungen nach dem Krieg zur Haftung für späte Bombenschäden getroffen wurden. Die geheime Reichsregierung wäre vermutlich freiwillig zuständig, kommt aber außerhalb der Karnevalszeit nicht infrage.

Da wir wissen, welch unheimliche geistige Kraft in der Lesergemeinde steckt, bitten wir deshalb zur Gruppenarbeitsstunde an der Weltkriegsbombe: Wer ist ihr Eigentümer? Warum? Und muss Washington zahlen?

Fremde Federn: Im Fantasialand

Es geht ja am Ende immer um Schuldzuschreibungen. Hatte Marx noch die dem kapitalistischen Wirtschaftssystem innewohnenden Widersprüche dafür verantwortlich gemacht, dass westliche Gesellschaften stets zwischen Boom und Bust pendeln, behaupten neuzeitliche Politiker beharrlich, diese Zeiten seien vorbei, seit Ludwig Erhardts Idee von der "sozialen Marktwirtschaft" das Monster Marktwirtschaft gezähmt hat. Dass die Welt und dass auch Deutschland dennoch keine Orte geworden sind, die in einer gleichförmigen Geradeausbewegung immer wohlhabender, sozialer und fröhlicher werden, muss so zwingend an Einflüssen liegen, die die reine Lehre vom staatlich eingezäunten Kampf der Konzerne um Marktanteile, Oligopole und Machtzuwachs widerrechtlich stören.

Spekulanten. Hedge Fonds. Neoliberale. Globalisierung. Leerverkäufer. Banken. Märkte. In lustigem Wechsel treiben Erklärbären wie Gregor Gysi, Peer Steinbrück, Wolfgang Schäuble und unzählige andere die Schuldsauen durchs Dort, seit die Rechnung für das mit billigem staatlichen Geld erkaufte Dauerwachstum der 90er und 2000er Jahre vorliegt. Nein, nein, das System war es nicht, obwohl es eben genau auf Innovation und Zerstörung beruht. Und nein, nein, die Politik war es auch nicht, obwohl die in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten ausgiebiger denn je versucht hat, die unumgänglichen zyklischen Krisen des kapitalistischen Wirtschaftens mit niedrigen Zinsen zu bekämpfen, als könnte ein heißgelaufener Motor mit mehr Benzin im Tank dazu gebracht werden, weiter immer schneller zu laufen.

Der gesunde Menschenverstand sagt, dass das nicht geht. Die Politik behauptet weiter, dass es möglich ist. Beim Bankhaus Rott findet sich zum Thema eine Situationsbeschreibung, die auch von ökonomischen Laien nachvollzogen werden kann. Von wegen, niemand versteht das mehr! Es ist eigentlich ganz einfach: "Seit den 60ern lag die Wachstumsrate der öffentlichen Verschuldung höher als die der Wirtschaftsleistung", heißt es im Text mit dem Titel "Im okönomischen Fantasialand", der am beispiel der USA erzählt, wie die Grundzusammenhänge zwischen Staatsverschuldung, Wachstum und Finanzkrise verstanden werden müssen.

Zahlen, mit denen niemand prahlen wird: "Im Mittel nahm die öffentliche Hand in den vergangenen fünf Jahren für jeden Dollar Wachstum drei Dollar an weiteren Schulden auf." Mit anderen Worten ging Wachstum also einen Weg, den kein vernünftiger Mensch beschreiten würde: Um die Voraussetzungen zu schaffen, einen Euro mehr zu verdienen, drei Euro Schulden aufzunehmen. Ein Prinzip, das nichtsdestotrotz auch in Deutschland Staatsräson war.

Was heute freilich weder Gysi noch Steinbrück noch Schäuble noch irgendein anderer Politiker zugeben würde. Denn "Hut ab", schreiben Rott und Meyer, "es gab einige mittlerweile insolvente Unternehmen des Neuen Marktes, die solider aufgestellt waren." Wohin auch immer der Staat die Gelder gepumpt habe, einen großartigen Ertrag brachten sie nicht ein, heißt es weiter. Weshalb noch mehr vom selben und immer mehr und noch mehr mobilisiert werden muss: Das wachstum, das nur theoretisch ist, weil es auf dem Verbrauch der Guthaben der Zukunft beruht, muss erhalten werden um den Preis, dass der Grenznutzen immer geringer wird, während die Rettungspakete immer gigantischere Ausmaße annehmen.

Ein Traum der Linken wird wahr, der Staat wird Gurkensalat, allerdings bald auch ohne Gurken. "Bemerkenswert ist dies vor dem Hintergrund, dass die nicht-staatlichen Sektoren die Verschuldung seit Anfang des Jahres 2009 um rund $2.000 Mrd. reduziert haben", schreiben Rott und Meyer und sie beschreiben damit, woher die Klage von Politikern rührt, die Politik habe ihr Primat verloren.

Nein, nicht verloren, sondern verkauft hat sie es. Verkauft für Wahlerfolge, verkauft für das Wohlverhalten des Volkes, verkauft für die Illusion, staatliche Plankomitees könnten das Prinzip von Innovation und Zerstörung aushebeln, Konkurrenz einhausen, Märkte durch staatliche Eingriffe über Zinsen zwingen, zu tun, was politisch opportun ist. Hätte es noch eines Beweises bedurft, zeigt die Krise, dass dem nicht so ist.

Bankhaus Rottmeyer: Im ökonomischen Fantasialand
Beeindruckende Froschgrafik & Text zum selben Thema: Euro-Land ist angebrannt

Samstag, 29. Oktober 2011

Stampfschlagzeug für Sarrazin

Einen letzten, vielleicht schon verzeifelten Versuch, in einem Land, das sich über alles, damit aber auch über nichts mehr erregt, noch einmal für Empörung zu sorgen, hat die Popgruppe Rammstein gestartet. Kaum war das Ensemble aus Ostberlin von einem Gericht vom Verdacht freigesprochen worden, mit seinem Erfolgstitel "Ich tu Dir weh" zu Verrohung und Verderbtheit der Jugend beitragen zu wollen, liefern die Musikanten aus der Bundeshauptstadt ihren Kritikern neuen Anlass zum Entsetzen.

Denn nun singen sie nicht mehr nur über "Mein Teil", sondern gar über "Mein Land", als wollten sie die Niederschlagung des Sarrazin-Aufstandes im letzten Sommer ironisch kommentieren. " Du bist hier im meinem Land, Meine Welle und mein Strand", singt Till Lindemann, "da komm'n sie angerannt, mit den Fahnen in der Hand", antwortet die dünne Zwergenstimme von Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz.

Die Musik klingt wie die Karikatur einer Rammsteinkomposition. Marschgitarren, Stampfschlagzeug, Heldentenor und ein Sample der öligen Synthesizer-Fanfaren aus dem Europe-Hit "The Final Countdown", in dem Joey Tempest schon 1986 gewarnt hatte "we're leaving ground, will things ever be the same again".

Vorsichtshalber hatte Tempest damals nicht dazugesagt, was er meint, vorsichtshalber belassen es auch Rammstein bei Andeutungen. Viel ist ganz im Frank Schöbelschen Sinne ("Ich geh´vom Nordpol zum Südpol zu Fuß") die Rede von langen Fußmärschen von "Ost nach Süd", "Süd nach West" und auch "West nach Nord", nur einmal wird deutlicher Sarrzin: "Eine Stimme aus dem Licht fällt dem Himmel vom Gesicht", heldentenort Lindemann dann, "reisst den Horizont entzwei, wohin gehst du, hier ist nichts mehr frei".

Stacheldraht im Harnkanal

Blutspielzeug der Autolobby

Tierschützer sind alarmiert, Freunde des Lebens in freier Wildbahn geschockt. Neue Zahlen über das Wildschweinsterben auf Deutschlands Straßen müssen aber auch die übrige Gesellschaft aufrütteln. Immerhin sind im letzten 40 Prozent mehr der größten freilebenden Wildtiere überfahren worden, wie der Deutsche Jagdschutzverband gezählt hat. Zwischen April 2010 und März 2011 seien 25.800 Wildschweine von Autofahrern getötet worden, das sind 70 arglose Tiere am Tag und drei in jeder einzelnen Stunde jedes Tages.

Die Bestände sind bedroht, das alteingesessene Tier wird immer mehr zurückgedrängt, vor allem, weil sich Wildschweine in der Vergangenheit besonders stark vermehrt hatten. Dadurch sind jetzt viel mehr Tiere von rasenden Autofahrern bedroht als noch zu der Zeit, als es nicht so viele Wildschweine gab. Das belegen auch Zahlen aus der deutschen Reh-und Katzen-Population: Rehfamilien verloren mit 205.000 getöteten Tieren im letzten Jahr fast eine Viertelmillion Mitglieder, die Katzencommunity beklagte mit mehr als 500.000 Opfern sogar einen noch höheren Blutzoll. Die Autolobby aber schweigt, die Industrie feiert ihre Profite auf dem plattgewalzten Fell der possierlichen Tierchen.

Mord ist Sport: Das deutsche Wildschwein stirbt
Andere Länder, andere Morde

Freitag, 28. Oktober 2011

Europa feiert den Hades-Plan

Zum neuen Nationalfeiertag am 3. Oktober platzte die Bombe. Werner Hasters, ein ehemaliger Stasi-Offizier, enthüllte einen der perfidesten Pläne zur Eroberung eines Kontinentes, seit die USA beschlossen, dem zaristischen Russland Alaska abkauften. Der Hades-Plan, von Hasters aus dem Archiv der Dresdner Gauck-Behörde entwendet, schildert in allen erschütternden Einzelheiten, wie eine Gruppe von zu allem entschlossenen Männern um den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl Europa in eine gemeinsame Währung trieben, um die Ergebnisse des Ersten und Zweiten Weltkrieges ungeschehen zu machen.

Lieber das ganze Europa ganz als das halbe Deutschland halb, soll der damalige Bundeskanzler in der geheimen Hades-Planungsrunde im Bonner Kanzlerbungalow zwar nicht gesagt haben. Doch der Satz schwebte unausgesprochen über der Zusammenkunft, die mit fast 20 Jahren Vorlauf beschloss, wie die europäische Einigung Deutschland zur beherrschenden Macht auf dem alten Kontinent machen würde.

Über zwei Jahrzehnte blieb der geplante Tatablauf geheim, erst durch die Eskalation der Euro-Krise, die Kohl und Co. Mitte der 90er Jahre genauso hatten kommen sehen, werden die Qualitätsmedien in ganz Europa nun wach. „Deutschland als Vorbild – warum nicht“, findet der ehemalige Nachrichtensender n-tv, „Sakozy nimmt sich Deutschland zum Vorbild“, analysiert „Die Zeit“ und „Wer, wenn nicht Deutschland?“ fragt sich die Süddeutsche Zeitung.

‎Deutschland stehe für Europa ein, hat Kohls Nachfolgerin Angela Merkel den anderen Nationen versprochen – ein Satz, der in Großbritannien Angst auslöst. Hundert Jahre nach dem Wettrüsten zur See, mit dem das Kaiserreich die britische Dominanz auf den Weltmeeres brechen wollte, hat die deutsche Politik die deutsche Dominanz auf dem Kontinent betoniert, wie die DailyMail prompt bemerkt hat.

Wie es Kohl, Waigel, Seiters und die anderen vorausgeplant hatten, schauen wir am Tag zwei nach der „Nacht, als Europa deutscher wurde“ (Hamburger Abendblatt), auf ein „Europa, im Mark verändert“, wie die „Welt“ schreibt. Die Griechen, beschreibt das Politikblatt „Bild“, „fürchten gar eine Entmündigung durch Deutschland“.

Der hellwache „Tagesspiegel“ kommt direkt zum Punkt und findet ohne Kenntnis des weitsichtigen „Hades-Planes“ heraus, wie sich die Vorväter eines deutschen Europa den Weg zu einer europäischen Einigung unter deutscher Ägide vorstellten. „Auch hierzulande sind jahrzehntelang selbst in Aufschwungphasen ohne Pause neue Schulden gemacht worden“, kritisiert das Blatt, doch „Deutschland konnte sich das leisten, weil es über einen so hohen Handelsüberschuss verfügt“. Die schwächeren Länder Europas aber hätten eben genauso gehandelt und sich damit übernommen.

So war der Plan, so ist es gekommen. Bundeskanzlerin Merkel kommentiert die Tatsachen selbstbewusst: Deutschland schütze das europäische Einigungswerk, sagt die Westdeutsche, die daheim als Ostdeutsche gilt wird und im Ausland als „Mutti“ gilt. Selbst jetzt, da der grandiose Hades-Plan fast fertig umgesetzt ist, schwant nicht allen, welche historische Dimension die Übernahme der Regierungsgewalt auf dem ganzen Kontinent durch die Kassenwächter in Berlin hat. „ Neue Deutsche Mark soll Europa retten‎“, folgert die Rheinische Post messerscharf: Der Euro ist gerettet, aber gemäß den Vätern des Hades-Planes ist er mit seiner Rettung verschwunden. Geblieben ist die gute alte Deutsche Mark. Unter anderem Namen.

Der lange Weg zur Weltmacht: Alles über den Hades-Plan

Zug um Zug: Lug und Trug

Der Pöbel spielt Fußball, die Eliten spielen Schach, und wer wirklich etwas auf sich hält tut beides. Peer Steinbrück etwa, ein volksnaher Politiker, der gern Klartext spricht, seit der Wähler ihn aufs vorübergehende Altenteil geschickt hat. Der aber gern auch als scharfsinniger Intellektueller wahrgenommen werden möchte, der die Weltläufte durchschaut und - einmal im Kanzleramt angelangt - alles zum Besten regeln wird.

In Helmut Schmidt, der großen Sehnsuchtsfigur der Sozialdemokratie im Zeitalter Nahles und Wowereit, hat Steinbrück einen Freund gefunden, der ihm nur zu gern in die Kanzlerwaschmaschine helfen würde. Gemeinsam absolvieren die beiden volkstümlichen Tribuneverqualmte Fernsehsendungen, "Spiegel"-Sprechstrecken und ein Buch haben sie auch gemeinsam schreiben lassen. "Zug um Zug" heißt das, und es erklärt, was sonst keiner verstehen könnte: Wie unsere schrecklich komplizierte Welt funktioniert, warum alles so fürchterlich ist, wie es ist, und warum Peer Steinbrück heute das Gegenteil von dem fordert, was er einst als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und oberster Aufseher der WestLB getan hat. Nein, das erklärt es natürlich nicht.

Aber um Schach geht es, das liegt nahe bei zwei Auskennern, die nach vielerlei Chorgesängen von allerlei Medien beide auch ganz prima Schachexperten sind. "Zug um Zug" stürmt die Bestenlisten folglich nicht nur mit einem Schachtitel, sondern auch mit einem Schachtitelbild - aber nein, das tut es natürlich nicht.

Denn mitten in der durch die Lande rollenden Promokampagne für das dynamische Duo, das Buch und die kommende Kanzlerschaft von Peer Steinbrück entlarvte irgendein Korinthenkacker die beiden Dampfplauderer als Schachlegastheniker: Das Bild auf dem Buchumschlag, das Schmidt und seinen Nachfolger tief versunken in eine fröhliche Partie Intellektuellenfußball zeigt, sieht die Buchautoren vor einem Spielfeld sitzen, auf dem so allenfalls Vorschüler eine Partie Bauernschach spielen würden.

Gut zu sehen, wenn man hinschaut: Links vorn auf Großmeister Steinbrücks Seite, wo ein weißen Feld in der Ecke sein müsste, ist das Schachbrett schwarz. Und infolgedessen, weil die beiden Führer der Nation ja wenigstens kein Mühlebrett genommen haben, ist das Feld hinter Schmidts unvermeidlichem Ascher weiß. Obwohl es dort schwarz zu sein hat. Lug und Trug statt Zug um Zug. Der Verlag hat inzwischen reagiert und ein neues Cover entworfen.

Mehr Schmidt: Ruinen in Trümmern
Steinbrück stellt Kompetenzteam vor

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Bombenfund in Halle: Verschärfte Reisehinweise

Eine Mordsbombe mit später Sprengwirkung: Kaum hatten die Behörden nach dem Fund eines Blindgängers in der ehemaligen mitteldeutschen Chemiearbeiterstadt Halle an der Saale eine Evakuierung eines weitläufigen Innenstadtbereiches angekündigt, schaltete die Medien auf Großalarm. "Fünf Zentner schwerer Blindgänger entdeckt", meldete n-tv im Akut-Laufband, wo eben noch der Untergang Europas abgesagt worden war. "Katastrophenalarm ausgelöst", hieß es weiter, "Tausende Menschen vor Evakuierung" und schließlich noch "Auswärtiges Amt verschärft Reisehinweise" (Screenshots oben).

Ob die Heimatstadt der nach Chile geflüchteten Margot Honecker, traditionell direkt an der Straße der Gewalt gelegen, den Anschlag angloamerikanischer Bomber trotzdem überlebt, ob Kinder, Touristen, Rentner und Haustiere zu Schaden kamen, welche unheilvolle Rolle aufgeputschte Fußballfans hätten spielen können und was Experten über einen neuen Bombenrettungsschirm sagen: Nie mehr, jedenfalls nicht hier.

Ringelpietz mit Rettungsschirm

Hosen runter Daumen rauf! Seit vier Uhr früh wird zurückgerettet, der Dax ist im Plus, der Euro gestärkt, sie Spekulanten sind in Feierlaune.

Europa erlässt Griechenland die Hälfte seiner Schulden - nach 100 Milliarden im vergangenen Jahr bekommt Athen noch einmal 100 Milliarden. Und bis 2014 noch einmal 100 Milliarden. Beim derzeitigen griechischen Schuldenstand von 300 Milliarden hilft zusätzlich ein Schuldenschnitt 50 Prozent, den die privaten Gläubiger schlucken müssen, die wankende Demokratiewiege zu beruhigen – die Hälfte von 300 Milliarden minus dreimal 100 Milliarden macht 150 Milliarden Restschuld.

Ein Sieg der Mathematik über die privaten Gläubiger, bei denen es sich hauptsächlich um die Europäische Zentralbank handelt, die den privaten Banken in den zurückliegenden Monaten fleißig abgekauft hat, was die an griechischem Anleiheschrott noch in den Büchern hatte. Hoffnung für Europa, wie der französische Finanzminister François Baroin nach einem Bericht der SZglaubt: "Das wird uns aus den Turbulenzen führen, das wird der Wirtschaft einen Schub geben, das wird die Euro-Zone stabilisieren und das weltweite Wachstum."

Es geht wieder darum, so zu tun, als gäbe es etwas zu tun. Ringelpietz mit Anfassen, weil alles in Bewegung bleiben muss, damit keiner merkt, dass die Stühle nicht für alle reichen, wenn die Musik aussetzt. Aus dem "Hebel", der draußen gar nicht gut ankam, wird so über Nacht eine "Versicherungslösung", aus der Schuldenübernahme durch die Steuerzahler in ganz Europa ein Befreiungsschlag, aus der zögerlichen Kanzlerin eine Bastapolitikerin, die vernünftige deutsche Positionen gegen den Widerstand der eigenen Partei, der Opposition und der Franzosen durchgesetzt hat.

Es geht um Taschenspielertricks einer völlig neuen Dimension, wenn Europa sich einigt, Banken noch krisensicherer zu machen, indem diesen die Erhöhung ihres Kernkapital verordnet wird. Bisher musste jeder 25. verliehene Euro mit einem echten Stück Eigenkapital unterlegt sein. Künftig soll es jeder elfte sein. Der Unterschied: Heute wäre ein Bank pleite, wenn ihr fünf Prozent der Kreditnehmer die Rückzahlung schuldig bleiben. Künftig wäre sie es erst, wenn zehn Prozent nicht mehr zahlen können.

Der Unterschied ist theoretisch, der Wortqualm drumherum beeindruckend: "Schutzwall", "Firewall", "hochgezogen", „Schuldenschnitt“, „Feuerkraft“ und „Risikopuffer“ – und alles beschreibt nur den Umstand, dass die Staaten, deren Anleihen bisher als hundertprozentig sicher galten, seit dem griechischen Halbausfall nur noch halb so sicher sind. Weshalb der Vorsichtsbestand an echtem Kapital in den Büchern der Banken verdoppelt werden muss.

Wer das nicht kann, dem helfen natürlich die Staaten, die das Eigenkapital für die Banken erzeugen können, indem sie ein paar Staatsanleihen mehr raushauen. Finanzminister müssen schließlich keine Eigenkapitalanforderungen erfüllen.

EF über: So haut das mit dem Hebel hin
Freiewelt.net Alles Oxymorone
Zettel fordert Respekt für Merkel

Währung währt am längsten

Die Weltwirtschaft stehe angesichts von Finanzmarktkrise und einbrechender Konjunktur vor ihrer schwersten Bewährungsprobe seit der großen Krise in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, sagte Merkel am Mittwoch im Bundestag in einer Regierungserklärung zur Finanzkrise und zum Rettungspaket für die Banken.

So zumindest berichtete es der "Stern" vor drei Jahren, als nach Ansicht der damals noch hauptamtlich als Klimakanzlerin regierenden CDU-Politikerin "auf Deutschland und die Welt eine sehr schwierige wirtschaftliche Phase" zukam.

Ganz so übel ist es dann aber doch nicht geworden, wie die staatliche Nachrichtenagentur dpa aktuell und erleichtert aus dem Bundestag kabelt, wo die Parlamentsdiskussion vom 15. Oktober 2008 jetzt noch einmal inszeniert wurde. Mit leichten Textänderungen, die tiefe Einsichten verraten: Europa stehe nunmehr "in der schwersten Stunde seit dem Zweiten Weltkrieg", nicht wie befürchtet seit den 20er Jahren, korrigierte sich Merkel, die damit doch noch einer Einordnung des US-Präsidenten Barack Obama zustimmte, der immer schon stabil von der "größten Krise seit dem 2. Weltkrieg" gesprochen hatte, egal, worum es gerade ging.

Noch konkreter war nur der inzwischen geschiedene EZB-Chef Jean-Claude Trichet geworden. Er hatte die aktuelle Krise mit viel Liebe zum Detail nicht plump die "größte seit dem 2. Weltkrieg", sondern die "größte seit dem Ende des 2. Weltkrieges" genannt.

Nach dem Schlimm ist vor dem schlimmer

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Aus Vermutung wird Gewissheit

Horror-Nachrichten aus Asien: In Vietnam ist das Java-Nashorn offenbar endgültig ausgestorben. Nun mag der eine oder andere Zyniker sagen, dass es ihm egal sei, ob ein Tier von der Erde verschwindet, von dem er eh noch nie gehört hat. Doch die Geschichte hinter der Meldung dürfte auch dem hartgesottensten Verächter von Flora, Fauna und Spezies-Zählungen die Tränen ins sonst trockene Auge pressen. Erreicht uns die Meldung auch reichlich spät, so ist sie doch um so trauriger.

Schon im April vergangenen Jahres war nämlich ein Exemplar des Dickhäuters tot im Cat-Tien-Nationalpark, 150 Kilometer nördlich von Ho-Chi-Minh-Stadt, gefunden worden. Nur 16 Monate benötigte der WWF für seine aufwändigen Recherche-Ergebnisse: Das Horn des Tieres war abgesägt und in seinem Bein steckte eine Kugel. Harte Fakten, wie sie auch die Basis für die leise Ahnung, weniger als 50 Exemplare im Ujung-Kulon-Park auf der indonesischen Insel Java bildeten die letzte Population der Unterart, hergeben. Denn 2004, nur sechs Jahre vor der aktuellen Tragödie, waren noch veritable zwei der bis zu 3,50 Meter langen Tiere in der jetzigen Todeszone wissenschaftlich fundiert vermutet worden.

Deutschland verteidigt Zensurweltmeistertitel

Diesmal war es kein enges und auch kein spannendes Rennen, wie noch beim letzten Mal, sondern eine ganz eindeutige Angelegenheit. Wie Google in seinem neuen Transparency Report berichtet, haben die deutschen Behörden es erneut geschafft, den Suchmaschinenkonzern weltweit am häufigsten um die Sperrung oder Löschung von Internetseiten zu bitten. Der Titel des Zensurweltmeisters, den sich der fürsorgliche Betreuungsstaat bereits vor längerer Zeit knapp vor China gesichert hatte, konnte damit überlegen verteidigt werden.

Die Zahlen sind eindeutig: Während etwa US-Behörden bei knapp 300 Millionen Einwohnern nur 92 mal forderten, zusammengenommen 757 Internetinhalte zu beseitigen, kümmerten sich deutsche Netzaufseher, die nur für knapp 82 Millionen Einwohner zuständig sind, in 127 Fällen um 2.405 Einträge auf Internetseiten. Bei dreimal weniger Einwohnern schafften die deutschen Internetzensoren so ein dreifach höheres Löschergebnis.

Das ist Weltspitze, zumal Nationen, die von deutschen Politikern traditionell als Zensurhochburgen ausgegeben werden, sichtlich schwächelten. So erbaten chinesische Behörden, immerhin für mehr als zehnmal soviele Menschen zuständig, Google nur ganze dreimal um die Löschung von nur insgesamt 121 Internetinhalten.

Deutschland nimmt seine Aufsichtspflicht für alles, was seien Bürger denken, schreiben und ins Netz stellen, sehr viel ernster. Um zu verhindern, dass Wählerinnen und Wähler auf Inhalte stoßen, die nicht der Regierungspolitik entsprechen, lässt das derzeit noch als "Jugendschutzbehörde BPjM" agierende Bundeszensuramt vor allem die Internetsuche beständig säubern. Stoßen Beamte der ehrenamtlichen Institution oder des angeschlossenen Blogampelamtes auf fragwürdige Einträge, melden sie die Internetadresse an Google, dort werden die Adressen dann umgehend gesperrt. Zumeist gehe es dabei um Nazi-Andenken, extreme Gewalt oder gar Pornografie, drei staatsgefährdende Themen, die in Fernsehfilmen wie dem mit staatlichen Mitteln gedrehten Sechsteiler "Borgia" gezeigt, nicht aber im Internet dargestellt werden dürfen.

Hurra, Deutschland ist Weltmeister!

Die große Euro-Lösung: Kauft doch Kreta

Murmeltiertag bei Merkels: Wieder ist Mittwoch, wieder geht es um die Rettung Europas, wieder um die Bewahrung der Währung, wieder um nicht geringeres als um das Schicksal des ganzen Volkes, weil um den Bestand der Regierungskoalition. Die Lage ist prekärer noch als letztes Mal, denn mittlerweile muckt das Volk bis in die "Tagesthemen" hinein. Jahrelang hatten sich alle eingerichtet in einer Delegationsdemokratur, in der die Regierung mit niedrigen Zinsen gegen jeden Anflug von Überproduktionskrise anging.

Weil das eigene Volk gar nicht soviel konsumieren konnte, wie die Fabriken auszuspucken bereit waren, lieh man das Geld denen, die mehr Einkaufsbedarf hatten: Griechen, Spaniern, Portugiesen, den Italienern auch und allen, die sonst noch bereit waren, deutsche Waren abzunehmen. Eine Grafik der Auslandspositionen der Deutschen Bundesbank (rechts) zeigt über Jahre ein allmähliches Wachstum - ausgerechnet mit der europäischen Währungseinigung aber schießt die Kurve in die Höhe wie eine Trägerrakete.

Aber was trägt sie? Den "Exportweltmeister" (dpa). Deutschland, das zeigt eine Grafik des deutschen Exportwachstums, die der Grafik der Auslandspositionen der Bundesbank ähnelt wie ein eineiiger Zwilling, profitierte so kräftig vom neuen gemeinsamen Binnenmarkt. Und das sogar auf eigene Kosten, wie sich jetzt plötzlich mit Verspätung zeigt. Die Kreditnehmer
können nicht nur nicht mehr so weiter einkaufen, nein, sie können auch ihre Rechnungen nicht bezahlen, wenn man ihnen keine neuen Kredite gibt. Deutschland wurde so reich wie ein Mann, der sich Millionär nennt, weil ihm 100 Leute ihm je 10000 Euro schulden. Und er wird noch immer immer reicher dadurch, dass alle Schuldner ihre Raten zahlen, indem sie sich auch das Geld dazu von ihm borgen. Ganz nebenbei sind aus den alten Krediten längst ganze Gebirge von Finanzierungsverpflichtungen geworden: Auf jedem ursprünglich einmal verliehenen Euro steht heute ein umgekehrtes Kartenhochhaus aus Verbriefungen, die als Sicherheiten für Kredite benutzt wurden, die wiederum als Inhalt von Verbriefungen dienen durften, die wiederum usw.

Es hilft nichts, das Fundament auszugraben und neue Stahlstreben einzuziehen. Zehn Jahre staatlicher Schuldenexzesse haben in Deutschland zu niedrigen Arbeitslosenzahlen und dem höchsten Wohlstand aller Zeiten geführt. Sie haben aber gleichzeitig den Ländern Schuldketten angelegt, deren Kreditaufnahme den Wohlstandschub Chinas im letzten Jahrzehnt genauso finanziert wie die Entwicklung Deutschlands vom kranken Mann Europas zum - verglic hen mit der innereuropäischen Konkurrenz - topfitten Ironman des Kontinents.

Verzweifelt sucht die europäische Politik seit anderthalb Jahren einen Ausgleich, eine Möglichkeit, die Schulden der einen zu beseitigen, dabei aber Guthaben der anderen zu erhalten, obwohl genau diese Guthaben durch nichts anderes verkörpert werden als durch die Schulden. Doch Griechenland hat außer Oliven, Fußballern und Basketballspielern nichts, was es exportieren könnte. Hingegen wären griechische Läden leer, entfernte ein Unwetter schlagartig alle Shampoos, Marmeladen, Rasierklingen und Kosmetikartikel ausländischer Provenience aus den Regalen.

Was also könnten die Griechen ihren Gläubigern geben, wenn sie doch sogar ihre staatlichen Goldreserven für schlechte Zeiten aufheben wollen? Was könnte die große Lösung bringen, in der sich schlagartig Schuldenkrise und wirtschaftliche Stagnation, Bürgerprotest und gelähmte Politik in einem Wirbel aus Dynamik auflösen würden?

Die Antwort auf die Frage nach der wirklich großen Lösung lautet Kreta. Kreta, ein Eiland von von knapp über acht Milliarden Quadratmetern Fläche, das alles hat, was Deutschland nicht besitzt. Sonne. Mittelmeerzugang. Weite Brachflächen. Wenige, alte Straßen. Niedrige Grundstückspreise, verglichen mit Hamburg, Dresden und Kiel.

Auch zwischen Kissamos und Siteia hat die Krise ihre Spuren hinterlassen. An jedem zweiten Haus hängt ein "Zu Verkaufen"-Schild, jedes zweite Stück Land ist zu haben und jedes dritte Auto dürfte sofort übernehmen, wer Bares dafür hinlegt. Leider gibt es in Griechenland derzeit mehr Verkäufer als Kaufinteressenten.

Hier nun könnte der deutsche Steuerzahler wirklich hilfreich einspringen, indem er Immobilien auf Kreta kauft. Nicht um sie dem deutschen Herrschaftsgebiet anzuschließen, wie das Hitler seinen Fallschirmjäger einst ins Pflichtenbuch geschrieben hatte. Sondern um beiden Völkern zu nutzen: Zahlen deutsche Käufer nur durchschnittlich 25 Euro für kretischen Boden, ist ganz Griechenland nach erfolgter Transaktion zwei Drittel seiner Staatsschulden los und schlagartig wieder ein verlässlicher Kreditnehmer, so dass darauf aufbauende Derivate keine erhöhte Ausfallgefahr mehr einpreisen müssten. Damit wären augenblicklich auch alle deutschen Sparguthaben wieder sicher, der Geldfluß käme in Gang, und glücklicherweise würde er auch dringend gebraucht!

Denn nun würden die neuen Eigentümer der kretischen Meerblickvillen einen Bauboom entfachen, um deutsche Standards in die letzte Bauernhütte zu bringen. Arbeit und Brot für zahllose Kreter, denn es folgt zwangsläufig der Straßenbau, die Eröffnung unzähliger Boutiquen und Tavernen und so weiter.

Fehlen aber wird niemandem etwas, weil in der ganzen Transaktion, so hat Gunnar Heinsohn schon vor Jahren herausgefunden, nur eine "ökonomische Separation von Eigentumsrecht und Nutzungsrecht" im Sinne einer "Auftrennung in Eigentumsoperation auf der einen und Besitzoperation auf der anderen Seite" (Heinsohn) stattfindet. Was völkerrechtlich gesehen nichts anderes besagt, als dass Kreta weiter griechisch wäre, nur der Oberboden, der gehörte nun Deutschen.

Und niemandem wird es schlechter gehen, vielen aber viel besser!

Frisch serviert: Salat Paranoia
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Die Krise, ganz einfach erklärt
Das letzte Euro-Geheimnis: Kohls Hades-Plan enthüllt

Dienstag, 25. Oktober 2011

Endspiel um die Euro-Überschrift

Erst die FAZ, dann das Handelsblatt, dann die "Zeit", die Augsburger Allgemeine und n-tv und nun wieder die FAZ: Nach dreijährigem Ringen um den Bestand der Euro-Zone greift die Krise aus dem politischen Bereich unübersehbar hinüber in den publizistischen.

Deutliches Anzeichen dafür ist die immer beliebter werdende Überschrift "Endspiel um den Euro", haben Studenten des An-Institutes für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung in Halle an der Saale jetzt in einer großangelegten Studie erstmal belegt. Unter Leitung von des Medienwissenschaftlers Hans Achtelbuscher gelang es dem jungen Team, die Normalverteilung der Einzelbegriffe, aus denen die imposante Schlagzeile gezimmert ist, in den großmedialen Kontext zu setzen. "Dabei stellte sich heraus", so Achtelbuscher, "dass die Beliebtheit der Formulierung direkt kongruent ist mit der Vertiefung der Krise."

Mit einfachen Worten bedeute das nichts anderes, als dass nicht nur Politikern die Mittel fehlen, die vom Volk und auch von den Medienschaffenden herbeigesehnte schnelle und gründliche Lösung aller Probleme herbeizuführen. Sondern den Medien auch die Worte ausgehen, das andauernde Desaster in frischen Formulierungen voller Empathie bei gleichbleibender kritischer Distanz zu beschreiben.

Die Realität bleibe bei der Krisenberichterstatung inzwischen weitestgehend ausgeblendet, hat der studierte Wirtschaftswissenschaftler Achtelbuscher beobachtet. Einerseits griffen Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehen und Radiosender bei der Aufklärung über makroökonomische Zusammenhänge lieber zu Begriffen aus der Gartenwelt (Gieskanne, umpflügen), aus dem Sport (Punktsieg, Endspiel) oder gar aus dem militärischen Bereich (Frontalangriff). Andererseits folge die Berichterstattung der von Kinderradio Knirpsenstadt: Es darum, den Eindruck zu erwecken, etwas erläutert zu haben, nicht darum, etwas wirklich zu erläutern.

"Es herrscht die Angst, dass die Menschen abschalten, sobald Sachverhalte in all ihrer Komplexität beschrieben werden", glaubt Achtelbuscher. Der normale Medienkunde sichere sich somit die Möglichkeit, unbelästigt von tieferen Einsichten behaupten zu können, "das mit den Banken versteht doch alles kein Mensch mehr" (Zitat ARD-Morgenmagazin in einer Feldreportage aus dem Occupy-Camp). So habe die "Augsburger Allgemeine" im Sommer 2011 - volle 15 Monate nach der erstmaligen Ausrufung des "Endspiels um den Euro" durch die FAZ - melden können, das "Endspiel um den Euro" habe nun begonnen. "Richtig wäre gewesen", schmunzelt Achterlbuscher, "davon zu sprechen, dass wir uns bereits in der Nachspielzeit befinden."

Medien versuchten so, wortmächtig zu verdecken, dass ihnen ein Thema lange Zeit entgangen sei und sie es immer noch nicht richtig verstanden hätten. "Viele haben doch geglaubt, die Euro-Krise ist ein vorübergehendes Phänomen", analysiert der Wissenschaftler, "das Wort ,Ende´ in diesem Kontext auf den Euro anzuwenden, verbot sich da aus Gründen der politischen Rücksichtnahme." Man habe kein Öl ins Feuer gießen und subkutane Befürchtungen "einiger weniger" (dpa) bestärken wollen. "Dabei hat die Ebert-Stiftung schon 2009 vom Endspiel um den Euro gesprochen und notwendige wirtschaftspolitische Maßnahmen zur Überwindung der Vertrauenskrise in der Euro-Zone formuliert."

Angst aber müsse niemand haben. Dass die Schlagzeile jetzt Furore mache, zeige, so Achtelbuscher, dass die größten Gefahren wahrscheinlich hinter Europa lägen. Das hätten jahrelange Beobachtungen gezeigt, zuletzt bei den "geradezu unvorstellbar erfolgreichen Zeitungsverkäufern Sarrazin, Todessprossen und Fukushima. "Wird ein Thema in den Medien erst omnipräsent, nähert es sich bereits rasant dem Zeitpunkt seines völligen Verschwindens aus dem Nachrichten."

Alle oder keiner: Wenn alle Medien schweigen
Herr Ober, die Rechnung bitte an den Nachbartisch!
Die letzte Wahrheit über den Euro: Helmut Kohl und der Hades-Plan

Rettung ist nahe

Lange sah es nicht danach aus, doch nun wird Europa vielleicht doch noch gerettet werden können. Zwar Monate zu spät und Milliarden zu teuer, aber schließlich doch noch: Die Herrschenden in Brüssel haben sich endlich entschlossen, Expertise von außen zuzukaufen, wie ein Einladungsschreiben des unabhängigen Think Tanks "Friends of Europe" verrät, das der seit März 2010 in Permanenz tagende PPQ-Rettungsbeirat jetzt im kollektiven Postfach fand.

"Dear Mr. Politplatschquatsch", heißt es dort verlegen, "I am writing to invite you take part in the upcoming Development Policy Forum roundtable ‘Policies for promoting the private sector’s role in development’." Zeit nehmen möchten wir uns doch für den 8. November, das Taxi sollte uns dann zum Cercle Gaulois in Brüssel fahren, wo eine Art Bilderbergerkonferenz für Ehrenamtliche über die Rolle nichtstaatlicher Akteure wie PPQ bei der globalen Entwicklung und allgemeinere Fragen der Analyse der politischen Prozesse in der EU Klartext reden wird.

Es wird kein Monolog, wie sie hier öfter geführt werden müssen. Nein, in Brüssel kommen neben den Aktivisten unseres kleinen Rettungsboards "40 senior stakeholders from institutions, business and civil society" zusammen, darunter die aus Funk und Fernsehen zumindest ihren Familienmitgliedern bekannte Marilou van Golstein Brouwers, ihres Zeichens "Managing Director of Triodos Investment Management".

Auch Michael Anthony, Head of Micro insurance at Allianz, Etienne Viard, CEO at Proparco, Agence Française de Développement (AFD), Henry Jackelen, Director of the Private Sector Division of the UNDP Headquarters und Janamitra Devan, Vice President of the Financial and Private Sector Development at the International Finance Corporation (IFC), werden da sein, um mit uns und Arno Tomowski, Head of Private Sector Cooperation at Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit vor rund 100 Zuschauern Rezepte für eine bessere Welt auszubaldowern, wie uns Nathalie Furrer, die Direktorin von Friends of Europe hat wissen lassen.

Retten als Mission: PPQ-Rettungsplan royal
PPQ-Rettungsplan radikal

Jetzt bis in alle Ewigkeit

Mit dem Satz „Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln“ soll Sachsen-Anhalts Finanzminister Jens Bullerjahr auf die Frage geantwortet haben, ob er sich - 21 Jahre nach dem Vollzug der deutschen Einheit - ein Leben ohne Solidaritätszuschlag vorstellen könne. Dessen Abschaffung in acht Jahren hatte der FDP-Altinternationale Rainer Brüderle vorgeschlagen.

Unmöglich, findet Bullerjahn, einst angetreten, das Volumen des Landeshaushalts bis zum Jahr 2018 auf nur noch sechs Milliarden Euro zu senken. In seinem fünften Jahr im Amt ist der Mansfelder Metal-Fan seiner Mission nahe wie jedes Jahr zuvor: Gerade erst hat er den diesjährigen Finanzplan per Nachtragshaushalt wieder auf die seit Ende der 90er Jahre üblichen zehn Milliarden Euro aufblasen müssen.

Steuersenkungen welcher Art auch immer sind da natürlich „zum jetzigen Zeitpunkt nicht verantwortbar“, wie er betont. Das Land nehme derzeit nur 5,35 Milliarden Euro an Steuern ein! Das sind kaum 1,1 Milliarden mehr als die 4,2 Milliarden, mit denen das Land vor zehn Jahren auskommen musste, als Bullerjahn Minister wurde. Und während all der Jahre haben seine erfolgreichen Sparbemühungen leider nicht einen Euro an Ausgaben gespart. Hält der Trend Tempo und Richtung, wird Sachsen-Anhalt seinen Haushalt schon in 40 Jahren ganz aus eigenen Steuereinnahmen finanzieren können.

Schon 2019 auf die "Solidaritätszuschlag" genannte Steuer auf die Einkommensteuer zu verzichten, wie es Mecklenburgs Ministerpräsidenten Sellering vorgeschlagen hatte, kollidiert folglich folgerichtig mit der konkreten Vorstellung, die Bullerjahn vom Begriff „Jetzt“ hat: Jetzt ist nicht heute, nicht morgen und nicht in zehn Jahren. Jetzt ist bis in alle Ewigkeit.

Der Schulden-Schwindel im Archiv:
Das harte Los aller Lügner
Spekulieren mit Steuergeld
Melodien für Millionen
Erfolgreich ans Ende
Sachsen-Anhalt führt Scharia ein
Neues von der unendlichen Geschichte
Zauberhaftes Video: Schulden verschwunden
Black Hasi und die Felle der Volksgunst
Eins, zwei, in hundert Jahren schuldenfrei

Montag, 24. Oktober 2011

Fremde Federn: Anti-Burnout-Terroristen


Die Spon-Leser mögen ihn nicht. Ein guter Grund, sich mal die letzten Kolumnen von Jan Fleischhauer anzuschauen. Und siehe da: Der Mann ist ein Schnösel, aber ein witziger und argumentativ sattelfester Schnösel.

"Es hilft nichts, man muss es einmal sagen: Auch der Linksextremismus war in Deutschland schon in besserer Verfassung. Was ist das für ein Kinderkram, Plastikflaschen mit Benzin zu füllen und neben das Bahngleis zu stellen, anstatt sie wie jeder vernünftige Mensch zum nächsten Supermarkt zu tragen?" Recht hat Fleischhauer, genau wie mit dem nächsten Zitat: "Zunächst einmal scheinen die Berliner Pyromanen ihre Nase jedenfalls viel zu tief in die gängige Miriam-Meckel-Betroffenheitsliteratur gesteckt zu haben. Wenn man ihren im Netz abgelegten Selbstbezichtigungstext richtig versteht, wollten sie mit ihrer Aktion ein Zeichen gegen "Leistungsdruck und Arbeitszwang" setzen, unter dem jeden Tag in Deutschland Menschen "zerbrechen". "Wir haben diese Metropole in einem bescheidenen Umfang in den Pausenmodus umgeschaltet", heißt es in dem Brandschreiben. "Die Stadt hält den Atem an, verlangsamt ihr Tempo, vielleicht hält sie inne. Entschleunigung." Das hätte Frau Meckel auch nicht schöner sagen können, womit die Autoren als erste Anti-Burnout-Terroristen in die Geschichte eingehen werden." Und weiter: "Was immer man von der RAF halten will: So einen Sentimental-Quatsch hat sie ihren Anhängern erspart." Und: "Ein Problem des linken Protests ist sein eklatanter Mangel an Originalität." Zum Ende hin wird Fleischhauer dann doch noch noch versöhnlich: "Immerhin, ein Fortschritt ist von der revolutionären Front zu vermelden: Die Zeichensetzung hat sich stark verbessert."

Polemik können die Konservativen offenbar auch besser.

Wo es qualmt, brennt es auch

Inthronisierung im Nebel einer Packung Ernte23: Vor einem neugierigen Millionenpublikum hat Altkanzler Helmut Schmidt den derzeitig als Buchautor tätigen ehemaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Peer Steinbrück als seinen Nachfolger im Amt des Bundeskanzlers vorgestellt. Schmidt, seinerzeit vom Volk aus dem Amt gejagt, weil er die Stationierung neuer amerikanischer Atomraketen in Deutschland gegen die Bevölkerungsmehrheit durchsetzte, gilt seit seiner Neuerfindung als Weiser von der Waterkant zahllosen Wählerinnen und Wählern als eine Art politische Überinstanz ohne Eigeninteresse.

Schmidt hat nichts zu sagen und wird deshalb gern angehört, ja, das Volk, das ihn als Kanzler verabscheute, hängt geradezu an seinen Lippen, wenn er seine von allen Ämtern losgelösten Erwägungen zur Weltlage zum Besten gibt.

Diesmal empfiehlt Schmidt Steinbrück zur Wahl, denn „der kann es“, blasen die Agenturen schon lange vor Anpfiff der großen Staatsfernsehschau mit Günther Jauch in den Äther. Der echte Auftritt des elder statesman ist dann ein Skandal ohnegleichen: Nicht was Helmut Schmidt zu Griechenland und EU, zu Staatschulden und zur SPD sagt, ist bedeutsam, sondern wie er auftritt.

Der Altkanzler, an den Rollstuhl gefesselt, aber immer noch mit vollem Haar, qualmt sich durch die Sendung. In Zeiten, in denen „Tatorte“ vorsorglich rauchlos angefertigt werden, weil Produzenten und Regisseure in Erwartung künftig weiter verschärfter Gesetze nicht riskieren wollen, wegen verbotener Zigarettenwerbung eines Tages nicht mehr im Nachtprogramm nachgesendet zu werden, rebelliert der Greis als rauchendes Menetekel für die enger gewordenen Grenzen der menschlichen Individualität.

Schmidt schlotet, als lebe er allein noch vom Nikotin, Jauch und Steinbrück bemühen sich angestrengt, den dampfenden Rentner in ihrer Mitte nicht zu bemerken.

Ein schönes Beispiel dafür, wie Gleichheit funktionieren kann: Schmidt ist gleich genug, sich erlauben zu dürfen, was sonst nur Hartz4-Empfängern in den Frauentausch-Sendungen der Privatsender gestattet ist.

Schmidt zelebriert so, während er für seinen Freund Steinbrück trommelt, der vor Jahren als Ministerpräsident alle Türen weit aufriss, um der WestLB das Spekulieren an allen offshore-Märkten und mit allen Finanzinstrumenten zu gestatten, Freiheit, wie sie selten geworden ist. Akorrekt und alterstarrsinnig spricht das Idol seiner früheren Feinde wie Gott aus einer Wolke zu seinen Bewunderern. „Altkanzler Helmut Schmidt ist ein brillanter, eloquenter Gast. Einer, der sich aus dem Talkshow-Einheitsbrei abhebt“, lobt der „Stern“ am Tag danach, als sich der Rauch verzogen hat. Der „Spiegel“, der Schmidt 1982 bescheinigte, unter seiner Führung habe die SPD so viele Anhänger verloren, dass nur Klaus von Dohnanyi der Partei noch die Macht retten könne, lobt den Auftritt von „zwei klugen Männern“, die „gelassen, gelegentlich mahnend“ über die Weltlage gesprochen hätten. Weltlage. Leider werde Peer Steinbrück, schließt sich das Blatt dann einem PPQ-Vorschlag an, in Bälde Kanzler sein. Dann werde er „keine Zeit mehr für Klartext haben“.


Mehr Schmidt: Ruinen in Trümmern

Krise erreicht Nordkorea

Nun also auch Nordkorea! Seit Jahren schon halten Hunger und zunehmende Verarmung Deutschland fest im Griff, jeder Vierte hierzulande, so berichtete die Süddeutsche Zeitung nicht nur einmal, ist entweder schon arm oder er könnte es in nächster Zukunft werden, wenn die gigantische Verschuldungskrise weiter wie ein Finanztsunami durch Stadt und Land fegt. Dass der Sozialismus, modernisiert und durch noch näher zu bestimmende Veränderungen ungleich produktiver als beim letzten Versuch, die einzige echte Alternative zum Raubtierkapitalismus der Neoliberalen ist, steht nicht nur für die beim Bundesparteitag der Linken versammelnten Abgeordneten fest, sondern auch für weite Teile von SPD, Grünen, CDU und CSU.

Doch eine neue Hiobsbotschaft kratzt am blendenden Image der einzig wahren gesellschaftlichen Alternative zum Leben in von "Märkten" und "Spekulanten" behrrschten Marktwirtschaften. Denn nun gerät offenbar auch Nordkorea, das klassische Land des praktizierten modernen und produktiven Sozialismus, immer tiefer in den Strudel der zusammenbrechenden Finanzkrise. Drei Jahre nach dem Beginn des Desasters an den Weltbörsen, so berichtet die NZZ, ist die Rate der Armen und Hungernden auch in Nordkorea auf das Maß hochgeschnellt, unter dem Deutschland bereits seit Jahren leidet.

Während Luxusshops hierzulande trotz beständige steigender Armut für Veloursstiefel von Miumiu zu 690 Euro "ausverkauft" melden müssen, erfahren die Untertanen des fabelhaften Führers Kim Jong Il erstmals, wie es sich unter der Knechtschaft von spekulativen Rohstoffbörsen und Kreditausfallversicherungen lebt.

Schöne Ferien: Nordkorea-Reisen günstiger
Wo sie Hasen essen
Der Potentat aus dem Photoshop

Sonntag, 23. Oktober 2011

Schallalah auf Sparflamme

In der 46. Minute macht Andis Shala schließlich alles klar. Kurz vor dem Elfmeterpunkt bekommt der Mittelstürmer des Halleschen FC den Ball genau in den Fuß gespielt. Shala macht zwei schnelle Schritte. Er guckt. Und schaut. Und dreht sich. Und holt aus. Und schießt. Den Ball mit der Wucht eines Rückgabe in die Arme von Lübecks Torhüter Toboll.

Das zweite Heimspiel der Rot-Weißen im neuen Kurt-Wabbel-Stadion, das jetzt "Erdgas-Sportpark" heißen muss, ist damit entschieden. Eine Halbzeit lang hatten die Gastgeber den Kasten von Toboll berannt, dass die 6000 im Stadion sicher waren, dass ein Tor nicht erst in der 60. Minute fallen wird, wie Trainer Sven Köhler vor dem Spiel geunkt hatte. Denis Wegener hätte gleich zu Beginn vorlegen können, später traf Wagefeld nach einem Freistoß beinahe und auch Lindenhahn verzog nur knapp.

Letztlich aber steht die Null nicht nur hinten, sondern wiedereinmal auch vorn. Obwohl die Mannschaft sich nach der peinlichen Auswärtsniederlage bei Havelse sichtlich vor Ehrgeiz zerriss und sich auch Chancen erarbeitete, ist das Angriffsspiel die gewohnt fragile Sache: Meist fliegen die Bälle aus dem Mittelfeld oder gar der Abwehr weit nach vorn, dort steht dann Andis Shala, der den Ball annehmen, behaupten und weiterleite soll, um im nächsten Zug selbst zum Abschluss zu kommen oder seinen Mitspielern den Weg zum Tor mit seinem wuchtigen Körper freizusperren.

In der Theorie ist das ein einleuchtendes Konzept. Auf dem Platz pure Theorie. Shala, als der dringend benötigte Torgarant aus der 1. schottischen Liga geholt, agiert unglücklich, und wenn er mal kein Glück hat, dann kommt auch noch Pech dazu. Der Ball ist nicht der Freund des gebürtigen Albaners. Nein, er fällt ihm auf der falschen Seite vom Kopf, springt vom Fuß ins Aus, tropfte von seiner Brust zum Gegenspieler. Ein bisschen liegt das sicher daran, dass der Mann,d er die seit Jahren notorische Sturmmisere beim HFC beheben sollte, kaum Flanken bekommt und so auf Zuspiele in Laufrichtung angewiesen ist, mit denen er unübersehbar nicht so gut kann, weil es ihm an Schnelligkeit mangelt. Vor allem aber liegt es Shala selbst: Er läuft wie eben erst für den Profifußball gecastet über den Rasen, rennt Mitspieler im Kampf um den Ball von hinten um und fällt hauptsächlich dadurch auf, dass er mit sich hadert.

Draußen singen sie "Shalalalal", meinen aber damit nicht den einzigen echten Stürmer, den der HFC für diese Saison verpflichtet hat, weil man der Ansicht ist, dass die Abwehr Meisterschaften gewinnt. Spiele allerdings gewinnt sie nicht, wie gegen Lübeck schön zu sehen ist: Dreimal muss Darko Horvat in der Manier eines Handballkeepers gegen Lübecker retten, weil der Ausfall im Sturm dazu führt, dass nach Shalas Auswechslung das gesamte Mittelfeld zu stürmen versucht. Da ist die Überlegenheit der Gastgeberelf schon Geschichte. Lübeck, unterstützt von einer Gruppe Unbelehrbarer, die auch im neuen Stadion an der Sitte festhalten, bengalische Feuer zu entzünden, hält jetzt dagegen, attackiert an der Mittellinie, spielt über außen, flankt nach innen.

Sven Köhler straft sich nun selbst Lügen: Für Shala und Regisseur Anton Müller bringt er in der 60. Minute, die eigentlich das 1:0 bringen sollte, Michael Preuß und den zuletzt mit Nichtachtung gestraften Pavel David, in der Vergangenheit verlässlichster Torschütze des HFC. Auf einmal dreht das Spiel wieder, Preuß schießt beinahe mit der ersten Ballberührung das erste Tor des Tages, weil er in der Lage ist, den Ball nicht nur zu fordern, sondern auch zu behaupten.

Aber es soll nicht sein. Lübeck, das signalisiert Keeper Toboll mit jeder Ballberührung, ist als Tabellen-15. glücklich mit einem remis. Und Halle ist zu einem Sieg nicht in der Lage. "Viel schöner ist es auch, nächste Woche das Derby in Magdeburg zu gewinnen", ruft der Stadionsprecher. Das wird auch nötig sein, um die bislang finstere Oktoberbilanz mit null Toren und nur einem Punkt aus zwei Spielen aufzumöbeln.

Wer hat es gesagt?

Wir fordern den rücksichtslosen Kampf gegen diejenigen, die durch ihre Tätigkeit das Gemeininteresse schädigen.

Völkerfreundschaft auf Vergnügungstour

Immer diese Nörgler, vor allem in Amerika. Kaum rettet Angela Merkel den Euro, schimpft Barack Obama über die Deutschen, kaum verbrüdert sich die ehemalige Salz- und Chemiestadt Halle mit der ehemaligen Sklavenhalterhochburg Savannah in der USA, argwöhnen deren Bürger, dass sich die städtischen Potentaten auf diese Art wohl nur ein paar vom Wähler finanzierte Europareisen organisieren wollten.

So ist es natürlich nicht. denn nicht die Amerikaner reisen über den großen Teich, sondern - gemäß der großen Tradition deutscher Auswanderung in Länder, in denen die Knute der Knechtschaft nicht gar so hart zuschlägt - die Deutschen flogen nach Georgia. Die "Delegation" (HZ) unter "Leitung der Oberbürgermeisterin" (dpa) überbrachte den Menschen in der neuen Welt die brüderlichen Grüße der arbeitenden Bevölkerung an der Saale, hatte darüberhinaus aber nach Intensivstrecherchen der "Bild"-Zeitung keinerlei Muse, das Gastland zu genießen. Jeder Schlemmertermin sei "gleichzeitig Arbeitsessen", die Reise insgesamt "durchaus keine Vergnügungstour".

Es geht um engere Zusammenarbeit der beiden zehntausende Kilometer entfernt liegenden Gemeinden, um jährliche gegenseitige Besuche der gewählten Volksvertreter, um zweiseitige Globalisierung und die Stärkung der von gierigen Spekulanten bedrohten Völkerfreundschaft durch Symbolhandlungen. Im Gedenken an die 275 Jahre lange gemeinsame Geschichte, die in der beiderseitgen Anteilnahme am Werk des ehemaligen "Schinders von Glaucha" und heutigen halleschen Stadtheiligen August Hermann Francke gründet, komme es jetzt darauf an, Nägel mit Köpfen zu machen, um der Bevölkerung zu zeigen, dass es nicht um Lustreisen gehe, hieß es aus der halleschen Abordnung. Die örtliche Presse in Savannah überging den Staatsbesuch mit Schweigen. Vereinbart werden konnte allerdings bereits im ersten Anlauf, dass Savannah eine Straße im Gewerbegebiet Nord zwischen Forsyth Park und Drayton Street zu Ehren der Gäste aus der ehemaligen DDR in "Halle Road" umbenennt (Foto oben).

Gespräche im Zwischendeck: Death of a Clown

Der Tod des früheren libyschen Revolutionsführers und späteren Despoten hat nach Ansicht der deutschen Regierung die Voraussetzungen geschaffen, in Libyen eine wundervolle Demokratie aufzubauen. Nach Ansicht von zehntausenden von Zuschauern, die unser aufrüttelndes Video vom Familienalbum des über vierzig Jahre hinweg unentdeckt gebliebenen Diktators beim Portal Youtube fand, schuf das historische Ereignis aber auch die Voraussetzung, in aller Ruhe und tiefsinnigem Gespräch nach Lösungen für die Probleme der übrigen Welt zu suchen. Der Zwist zwischen Albanern und Serben, das gestohlene Despotengold von Tripolis, Hasspropaganda im Internet - all das kommt zur Sprache, wo sich die Philosophen der Neuzeit zusammenfinden: Im Zwischendeck der Wirklichkeit.

onoxr: The people celebrating the death of Qaddafi, will now enter the system and think it will be free, bunch of fools, now Libya will need bank lending to rebuild and soon the people will be indebted to banks in other countries as "free" , fools do not know the world thoroughly and found that Libya was bad.
Imagine electricity for free I never heard that, but now the guy is dead and died for their country instead of running away and live like a rich man more greedy. Gaddafi a true martyr.

MrPiskopatCcC: Free like Iraq ha ???:)

LGHHJHH: They will suffer they will now breathe and eat chaos for breakfast lunch and dinner

exec0d3: gaddafi is now dead, but where is his money? :|

keepfittildesley: his money? you mean Libyan peoples money? those institutions he gave the money to are very unlikely to hand it back. billoins of untracable dollars. the fools killed him and lost it all. they should have handed him over to the ICC so that they can get Libyan money back where it belongs. A lot of people are very happy right now.billions of dollars. and its not Libyans.


andylumeh: That young man. Aisha Gadafi's husband. He must be the most blessed man on this earth. To marry Gadafi;s daughter. God's favor is upon him. Only few men on this earth have that anointing. And one of them is Prince Phillip, the Duke of Edinburge who Marry Queeen Elizabeth. I pray that God will make me to marry a beautiful Princess..


Nenadmitrovic1992: Long live Gaddafi and Libya. In the end the tribes will kill all the rebels!!!

TheValmirZz: Hey serbian dog, what the hell you looking here>

Nenadmitrovic1992: Hi albanian pussy, the real question is what the hell are you looking here!? You have no brains for anything.

TheValmirZz: We have engough brains to fuck your mothers and your fucking internet propaganda!!!!

Nenadmitrovic1992:Hahahahahaha dumb ass :D

AdamLibye: You are speaking about someones mothers? You are uneducated idiot from very bad family!!!

monptii: Shut your stinky mouth Idiot! Do not talk bad about my sweetheart Ghaddafi!

Zur PPQ-Echtzeitdoku Gespräche im Zwischendeck

Samstag, 22. Oktober 2011

Das lange Sterben der DDR

Damals im Herbst 1990, als Ost und West die deutsche Einheit feierten, hat das gar keiner so richtig mitbekommen, dass die DDR weiterlebte, und das nicht nur in den Herzen und Hirnen ihrer Bürger. Still und heimlich muss der Arbeiter- und Bauernstaat auch in Wirklichkeit noch eine ganze Reihe von Monaten weiterexistiert haben, wie Forschungsergebnisse zeigen, die Sahra Wagenknecht jetzt öffentlich präsentierte. Die kommende Parteivorsitzende der Linken nahm keine Blatt vor den Mund und keine falschen Rücksichten auf Befindlichkeiten. "Die DDR ist seit 20 Jahren tot", sagte sie und erwischte ihre Gesprächspartner damit offenbar so überraschend, dass niemand nachfragte, wo sich die nach ihrer amtlichen Sterbeurkunde bereits am 2. Okrober 1990 verstorbene sozialistische Alternative zur alten BDR seit 1990 aufhielt, wer sie versteckte und weshalb und unter welchen Umständen sie dann ein Jahr später doch noch verstarb.

Wagenknecht selbst äußerte sich nicht weiter zur Existenz dieses Parallelstaates in der Hülle der gemeinsamen Bundesrepublik. Aus Berlin hieß es, die deutsche Geschichte müsse vermutlich in Bälde völlig neu geschrieben werden. Sobald der "Kapitalismus überwunden” sei (Wagenknecht) wolle "niemand die überzentralisierte Planwirtschaft der Vergangenheit wiederhaben". Auf der Tagesordnung stehe dann die Errichtung einer "modernen, überzeugenden, produktiven Alternative zum Kapitalismus”, von der sie im Augenblick nicht mehr verraten dürfe, als dass es eine neue Wirtschaftsordnung werde, "die nicht mehr vom Renditestreben regiert wird". Sie plädiere dafür, alle Vorteile des derzeitigen Systems mitzunehmen und sie ganz einfach mit allen Vorteilen des früheren sozialistischen Staates zu kombinieren. Im Privatleben gelinge ihr das schon seit Jahren, sie fühle sich als Kommunistin inzwischen pudelwohl im Kapitalismus, der nicht nur Hasenbrot, sondern eben auch Hummer biete, und lebe prima davon, über eine Alternative zu reden, von der sie nicht im Mindesten sage könne, wie sie aussehen solle.
Sahra schafft die Schulden ab
Diagnoseverbot heilt Finanzkrebs

Gaddafi: Hitzefrei für Leumundszeugen

Die ewig alte Sponti-Frage, ob klammheimliche Freude erlaubt ist, und wenn, dann wann, stellt sich in diesen Tagen epochaler Neuordnung des nordafrikanischen Raumes einmal mehr. Während Silvio Berlusconi staatsmännisch-nachdenklich sinniert "So vergeht der Ruhm der Welt", ist der britische Staatschef Cameron "stolz" auf den erzielten Erfolg. Angela Merkel dagegen hält sich zurück: Wo die Pfarrerstochter bei Osama Bin Laden noch "große Freude" über die Hinrichtung des Anführers des weltweiten Tonband-Terrors äußerte, haben die seinerzeit nachfolgenden Fernsehgerichtssitzungen über ihren Freudenausbruch sie umdenken lassen. Für Merkel ist der Tod des Despoten, der die Frauenrechte in Nordafrika gestärkt hatte wie kein anderer islamischer Herrscher, nur eine Fußnote. "Damit geht ein blutiger Krieg zu Ende, den Gaddafi gegen sein eigenes Volk geführt hat", sagte Merkel.

Angesichts der Umstände ist das Ableben des "Machthabers" (dpa, 2007) für alle die bequemste Lösung. Hätte Gaddafi seine Festnahem überlebt, wäre die Welt um eine imposante Klickstrecke bei stern.de, aber nicht um einen Prozess gegen ihn herumgekommen. Gaddafis Anwalt aber, womöglich in Person seiner Tochter, die seinerzeit schon Saddam Hussein verteidigt hatte, wäre schlecht in seinem Job, hätte er nicht all die Abendland-Potentaten als Leumundszeugen vorladen lassen, die jemals mit Gaddafi auf derselben Couch gekuschelt haben.

Nein, nein, das musste vermieden werden. Nachher wäre da noch zur Sprache gekommen, wer wem wann welche Waffen verkauft, welche Ölverträge unterschrieben, welche Champions-League-Spiele zusammen angeschaut hat! Die Lösung Ende im Erdloch, so sehr sie ob ihrer Brutalität von Feingeistern wie Zettel beklagt wird, ist die beste Basis für eine "neues, friedliches und demokratisches Kapitel" (Westerwelle) der libyschen Geschichte. Einige Tage müssen jetzt noch Gerüchte über "feige Flucht", Gaddafis geheime Halbglatze und seinen Wunsch, "von eigenem Leibwächter getötet" zu werden, kreisen. Dann startet das neue, sympathische Libyen. Berliner Geschäftsleute feiern rein: In den Schönhauser Alleearcaden gibt es arabische Krieger nach Recherchen von Nusenblaten derzeit mit sattem Preisnachlass.

Fremde Federn, einmal anders


Zumindest auf einen Satz können wir uns hier und jetzt und sofort einigen: "Niemand weiß genau, wie viele Tier- und Pflanzenarten auf der Erde leben." Doch dann wird es sofort diffizil. Denn dies könnte a.) bedeuten, dass viele dieser Arten aussterben, ohne auch nur von einem Wissenschaftler begutachtet und klassifiziert worden zu sein. Aber b.) ist auch die Meinung nicht ganz abwegig, dass Flora und Fauna gar nicht so schnell aussterben können, wie neue Arten entdeckt werden. Wählen Sie jetzt!

Freitag, 21. Oktober 2011

Schnellbahnpunk im Schneckengang

Er wurde hier neulich schon über Gebühr gelobt, jetzt gibt es noch mal Nachschlag zum Nachhören. Dave Hause, der früher mit seiner Band The Loved Ones Schnellbahnpunk machte, der für Leute über 30 nur noch weit nach Mitternacht erträglich ist, weil er die Herzrhythmen stört, hat sich auf der Revival Tour seines alten Kumpels Chuck Ragan als melodienseliger Neil-Young-Enkel vorgestellt.

Seitdem sucht die Gemeinde der Konzertbesucher nach einem Mitschnitt des durchweg aus - wenn auch unbekannten - Hits bestehenden Programms des Mannes aus Philadelphia, weil der bislang verfügbare auf der bescheidenen Qualität raubkopierter Youtube-Videos beruhte. Dank der unermüdlichen Bemühungen von öffentlich-rechtlichen und privaten Unterstützern aber können wir nun dienen: A Hause is in the house - und zwar hier zum Download.

Sätze für die Ewigkeit VIII

Auf der Reeperbahn, nachts um halb eins:

"Immer, wenn ich trinke, kann ich Italienisch."

Mehr Sätze für die Ewigkeit

Ermordung des Gleichberechtigers

Noch knattern die Flinten in Tripolis, noch schwärmen Männer im deutschen Fernsehen von der Möglichkeit des Aufbaus einer völlig neuen Demokratie in Nordafrika, die die Erschießung des langjährigen Diktatoren dem libyischen Volk eröffnet. Schon aber zeigen sich auch die negativen Seiten des Machtwechsels von dem fortschrittlichen Philosophen, dessen "Grünes Buch" eine Millionenauflage erlebte, zum Übergangsrat, dessen Verteidigungsminister seine Ausbbildung bei Al Kaida und - völlig widerrechtlich - im US-Gefangenenlager Guantanamo erfuhr.

Die Süddeutsche Zeitung, ein Organ der Aufklärung seit alters her, wies schon kurz nach Weihnachten im vergangenen Jahr (Ausschnitt links) auf die tolle Rolle hin, die Muammar Gaddafi bei der Durchsetzung des Gedankens der Gleichberechtigung weltweit spielt. Während deutsche Spitzinnenppolitiker bislang vergeblich darum kämpfen, dass wenigstens in Bundesunternehmen ein Anteil von Managerposten mit Frauen besetzt wird, hatte Gaddafi "Emanzipation" (SZ) sogar "über den Wolken" (SZ) durchgesetzt, wie SZ-Edelfeder Karin El Minawi am 28. Dezember 2010 aus Tripolis kabelte.

"Der libysche Staatschef Muammar al-Gaddaf treibt die Emanzipation voran", hieß es lobend über die segensreiche Tätigkeit des damals noch als "libyscher Staatschef" (SZ) bezeichneten Muammar al-Gaddafi. Der hatte sich ganz in den Dienst der Frauen gestellt, bestätigte auch Kulthum Bouseyfi, die als erste Flugkapitänin einen Airbus 320 der libyschen Fluggesellschaft Al Afriqiyah steuern durfte.

Verschafft hatte ihr den Posten Gaddafi, von dem im Westen nur bekannt war, dass er "unberechenbar" und "gelegentlich erratisch" auftrete, die "Frauen seines Landes aber konsequent fördert und motiviert". Die Süddeutsche Zeitung schwärmet: "Er treibt die Emanzipation voran, bietet den Libyerinnen Jobs, die in dem muslimischen Land vor einigen Jahren Männersache waren."
Ein Mann mit Prinzipien, hatte doch Gaddafi schon in seinem Bestseller "Grünes Buch" geschrieben: "Diskriminierung zwischen Mann und Frau ist ein flagranter Akt der Unterdrückung, für den es keinerlei Rechtfertigung gibt". Egal, ob Ursula von der Leyen oder Kristina schröder, hielt Gaddafi Kritikern entgegen: "Die Frau isst und trinkt wie ein Mann, die Frau liebt und hasst wie ein Mann und die Frau denkt, lernt und versteht so wie ein Mann"

Gaddafi, der Gleichberechtiger, eröffnete schon 1975 eine Akademie für weibliche Offiziere, machte Frauen zu Polizistinnen und stellte weibliche Leibwächter ein. Das Bild der Frau in seinem Land, das derzeit fernsehtechnisch nur aus in die Luft schießenden Young-Bulge-Angehörigen besteht, habe sich geändert, lobte das Münchner Blatt. "Die libysche Frau von heute studiert und macht inzwischen fast 28 Prozent der Arbeiterschaft aus. Sie will Richterin, Chefredakteurin, Polizistin oder Pilotin werden."

"Es tut sich etwas in Libyen. Nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich", lobt auch Pilotin Bouseyfi: "Gaddafi macht das möglich, er setzt sich für eine Veränderung ein", sagt sie. Um die Frauen weiter zu motivieren, ordnete er an, dass sie ein Recht auf Mutterschutz und Stillpausen bei der Arbeit haben - "Papa Gaddafi kümmert sich gut um uns Frauen".

Autobiografie: Ich Bin

Als er im Mai während einer Nacht- und Nebelaktion eines US-Killerkommandos aus seinem selbstgewählten Exil in einer pakistanischen Mittelstandsiedlung gerissen wurde, glaubte die Welt, Osama Bin Laden habe seine letzte Schlagzeile gemacht. Binnen weniger Wochen wurde der bekannte Terrorfürst damals zur Unperson, über die kaum noch gesprochen wurde. Nun aber taucht der Mann, der vor allem Deutschland über zehn Jahre in seinem Schreckensgriff hielt, unverhofft wieder auf: Mit eienr Autobiografie, die Bin Laden "für seine Kinder" geschrieben hat, wie es in einer letzten Tonbandbotschaft heißt, die eine islamistische Webseite nach Berichten eines arabischen Fernsehsenders veröffentlicht haben soll. Es war ein Wettlauf mit der Zeit, in dem das fulminante 1000-Seiten-Werk "Ich Bin" entstand. Noch einmal das Leben in eigene Worte fassen, das war Bin Laden in den letzten Monaten besonders wichtig. Aufgeschrieben hat die Geschichte des Terrorfürsten der frühere Ages-Chefredakteur Norman Forster. Der Al-Kaida-Gründer stand ihm in 50 Interviews Rede und Antwort. Beim letzten Treffen gestand Bin Laden seine Motivation: Er wollte seinen Kindern genauer erklären, was er gemacht habe.

Bin Laden, von Haus aus eher verschlossen, gibt in der wohl meist erwarteten Biografie der letzten Jahre bewegende Einblicke hinter die Kulissen des Heiligen Krieges, aber auch in seine private Gedankenwelt, die ihn ganz zuletzt von Anschlägen auf Züge in den USA träumen ließ, wie er sie als Kind in den Büchern von Karl May kennengelernt hatte.

Ein von der anhaltenden Verfolgung durch die Amerikaner gezeichneter Terrorfürst, der im Schlafzimmer ungeschminkt alte Videos anschaut, weil er nicht einmal mehr telefonieren darf - so traf Norman Forster den legendären Gründer der erfolgreichsten Terrororganisation aller Zeiten an. "Es war isoliert, aber sein Verstand war immer noch scharf und sein Humor lebendig", beschrieb Forster die Begegnung, bei der ihm Bin Laden gestand: "Ich wollte, dass mich meine Kinder besser kennenlernen, denn ich war nicht immer da für sie."

Ein seltener Einblick in das seit jeher als geheim geltende Seelenleben des Scheichs , wie sich Bin Laden gern nennen ließ. Seinem Biografen ließ der bei Al Kaida autokratisch herrschende Top-Terrorist offenbar auch anderweitig freie Hand. Bin Laden habe nur auf dem Titel "Ich Bin" bestanden, sagt Forster, er habe ihn später zu "Ich war, Ich Bin, ich werde sein" erweitert. Keine Probleme habe der Scheich mit der Benennung von Schwächen des Al Kaida-Gründers gehabt. So sei Bin Laden oft mehr als deutlich gewesen.

„Er legte Wert darauf, auf brutale Weise ehrlich zu sein. Dieser Zug machte ihn charismatisch und inspirierend, er machte ihn aber auch, um die Sache beim Namen zu nennen, bisweilen zu einem Arschloch“, heißt es im Buch.

Bin Laden habe sich in dieser Passage wiedererkannt, glaubt der Autor. „Leider hat ihn seine nur halb beendete Koran-Ausbildung nie ganz zu einer der Scharia entsprechenden Ruhe oder zu innerer Gelassenheit gebracht", glaubt der Mann, der Bin Laden in der letzten Phase seines an Kämpfen reichen Lebens so gut kennenlernte wie sonst kaum jemand. "Auch das ist Teil seines Vermächtnisses“, charakterisiert Forster den Verstorbenen. Die meisten Menschen besäßen eine Kontrollinstanz, die zwischen Gehirn und Mund sitze und ihre brutalsten Ansichten und stechendsten Impulse abschwäche. Bin Laden habe so etwas gefehlt. Ihm sei das Tragen eines Vollbartes lieber gewesen.

Dass die offizielle Biografie den Al Kaida-Gründer so drastisch beschreibt, könnte unter den vielen Al-Kaida-Anhängern, die den Verstorbenen zu einer beinahe religiösen Figur verklären, eine Kontroverse auslösen. Das zumindest hofft der Verlag. Das Buch erscheint in Deutschland am 11. November bei M. A. Kulatur. PPQ veröffentlicht in den kommenden Wochen exklusiv mehrere Kapitel in Auszügen, darunter auch das gereimte „Vermächtnis“ des Terrorfürsten.

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